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Dr. Härtling und der hoffnungslose Fall

2021 130 Seiten

Leseprobe

Table of Contents

Dr. Härtling und der hoffnungslose Fall

Copyright

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Dr. Härtling und der hoffnungslose Fall

Arztroman von A. F. Morland

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 130 Taschenbuchseiten.

 

Anja ist überglücklich. Endlich hat sie ihr Ziel erreicht – sie ist Miss Germany geworden! Fotografen reißen sich um sie, jeder will ihr schönes ebenmäßiges Gesicht ablichten. Sie ist auf dem Weg, ein Star zu werden! Kein Wunder, dass sie jetzt keine Zeit mehr für Florian, ihre erste Liebe, hat. Anderes ist wichtiger, auf der Straße des Erfolgs ist ein alter Freund nur lästig. Doch dann, von einem Augenblick zum anderen, platzen Anjas Träume. Eine Explosion in einer Nobeldisco zerstört ihr schönes Gesicht, raubt ihr das Augenlicht. In der Paracelsus-Klinik beginnt ein Kampf auf Leben und Tod …

 

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

Alfred Bekker

© Roman by Author

© COVER STEVE MAYER

© dieser Ausgabe 2021 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

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1

Eilig wurde die Rollbahre durch den Korridor auf der Chirurgischen Station der Paracelsus-Klinik geschoben. Eine Frau mittleren Alters lag darauf, die am Morgen wegen einer Herzbeutelentzündung operiert worden war.

Nachdem sie vorschriftsmäßig aus der Narkose erwacht war, wurde sie nun in ein Zimmer auf der Chirurgie gebracht.

„Neuzugang!“, rief einer der beiden Pfleger der jungen Schwester zu, die gerade aus einem Krankenzimmer kam.

Schwester Simone unterdrückte einen Seufzer. Heute kam sie aber auch gar nicht zur Ruhe! Schon seit dem frühen Morgen war ein Neuzugang nach dem anderen gekommen, und die junge Pflegerin fühlte sich entsprechend gestresst.

Schwester Simone nahm die Krankentafel an sich und studierte sie. Marianne Römer, Jahrgang 44, Perikarditis, Punktion erfolgreich,Weiterbehandlung mit Antibiotika, allergisch gegen ASA …

Rasch entschied Schwester Simone, in welches Zimmer die neue Patientin gebracht werden sollte.

„Legen wir sie in Zimmer 126“, sagte sie zu den beiden Pflegern und ging voran.

Wenige Minuten später lag die Frischoperierte in einem Bett am Fenster. Ihre Bettnachbarin, eine 52-jährige, bei der ein Magengeschwür operiert worden war, freute sich über Gesellschaft. Doch Marianne Römer war von der Operation und der Narkose noch zu mitgenommen, um viel reden zu können.

„Möchten Sie etwas zu trinken, Frau Römer?“, erkundigte Schwester Simone sich freundlich, nachdem sie die Patientin zurechtgebettet hatte.

„Ja, bitte“, flüsterte Marianne Römer mit noch ziemlich erschöpft klingender Stimme.

Schwester Simone brachte ihr eine Tasse Tee. „Jetzt schlafen Sie erst einmal ein paar Stunden, Frau Römer“, sagte sie. „Später können Sie dann schon ein leichtes Mittagessen bekommen.“

Die junge Schwester verließ das Krankenzimmer. Draußen auf dem Korridor kam Gabi, eine der Schwesternschülerinnen, auf sie zugeeilt.

„Kommen Sie schnell, Schwester Simone!“, rief sie aufgeregt. „Die Patientin von Zimmer 118 wollte zur Toilette und ist dabei ohnmächtig geworden!“

„O Gott!“ Simone erschrak. Frau Fuchs vor einigen Tagen ein Herzschrittmacher eingesetzt worden, doch sie litt immer noch an Schwindelgefühl und Gleichgewichtsstörungen. Da die Patientin außerdem an Osteoporose litt, hatten Stürze meistens auch Knochenbrüche zur Folge.

Eilig lief Schwester Simone hinter der Schwesternschülerin her zum Zimmer der Patientin. Frau Fuchs lag noch auf dem Boden. Gabi hatte nur rasch eine Decke über sie geworfen, um sie vor Unterkühlung zu schützen.

Gemeinsam schafften sie es, die noch immer ohnmächtige Patientin wieder ins Bett zu legen. Schwester Simone nahm die Blutdruckmanschette zur Hand.

„Holen Sie bitte Dr. Wolfram“, bat sie die Schwesternschülerin und machte sich dann daran, bei der Patientin Puls und Blutdruck zu messen. Beide Werte waren alles andere als zufriedenstellend.

Wenig später erschien Michael Wolfram, einer der Assistenzärzte, und untersuchte die Patientin. Dabei stellte er fest, dass sie sich bei ihrem Sturz das linke Handgelenk gebrochen hatte.

„Das werden wir später richten“, meinte er, als er von den besorgniserregenden Werten der Patientin erfuhr. „Erst einmal möchte ich sie auf die Intensivstation zur Beobachtung bringen. Wenn sie wieder zu sich kommt, können wir ihr einen Gips verpassen.“

Schwester Simone und Schwesternschülerin Gabi brachten die Patientin zur Intensivstation, wo sie von Dr. Andrea Kellberg, der Anästhesistin, in Empfang genommen wurde. Schwester Simone erklärte kurz, was passiert war, und kehrte dann mit Gabi wieder auf die Chirurgie zurück.

Auch in den folgenden zwei Stunden wurde Simone auf Trab gehalten. Ein Notfall wurde eingeliefert, zwei weitere Neuzugänge folgten, auf Zimmer 121 erlitt eine Patientin einen Erstickungsanfall, dann bat die Oberschwester auch noch zu einer wichtigen Besprechung.

Nach der Ausgabe der Mittagessen für die Patienten fühlte Schwester Simone sich so gerädert, dass sie sich am liebsten hingelegt und alle Viere von sich gestreckt hätte. Gott, was für ein Tag heute! Wenn es auch am Nachmittag so weiterging, dann würde sie am Abend völlig geschafft sein. Dabei hatte sie sich mit ihrer Freundin Gertie zu einer Vernissage in der Galerie Rothmann verabredet. Na, sie würde sehen, ob ihr dann noch der Sinn danach stand. Notfalls musste Gertie eben allein hingehen.

„Nun machen Sie mal Mittagspause, Schwester Simone“, sagte Schwester Annegret kurz nach eins zu ihrer jungen Kollegin. „Sie sehen ganz so aus, als würden Sie jeden Moment vor Hunger und Erschöpfung umkippen.“

„Sehe ich wirklich so schlimm aus?“ Schwester Simone fuhr sich über die Stirn. „Ich muss gestehen, dass mir der Magen tatsächlich ganz schön durchhängt. Für eine kleine Pause wäre ich wirklich dankbar. Aber wollen Sie nicht zuerst gehen, Schwester Annegret?“

„Ich gehe um zwei Uhr sowieso nach Hause“, erwiderte die alte Schwester. „Gehen Sie nur zu Tisch, Schwester Simone.“ Das ließ Simone sich dann nicht zweimal sagen. Sie erledigte noch rasch einige Dinge und ging dann ins Ärzte-Casino zum Mittagessen.

Obwohl es schon relativ spät war, waren fast alle Tische belegt. Schließlich fand Simone noch einen freien Tisch und ließ sich mit ihrem Essenstablett daran nieder.

Auch während des Essens konnte sie nicht abschalten. Sie dachte an ihre Patienten und an die Pflichten, die am Nachmittag auf sie zukommen würden. Hoffentlich gab es nicht noch weitere Neuzugänge! Auf ihrer Station lagen einige Patienten, um die sie sich gern etwas intensiver gekümmert hätte. Doch wenn es am Nachmittag so weiterging wie am Vormittag, war das nicht möglich.

„Mahlzeit, Schwester Simone“, sagte eine angenehme Männerstimme in ihre Gedanken hinein.

Simone hob den Kopf und erblickte Dr. Härtling, den Chefarzt der Paracelsus-Klinik.

„Oh, Mahlzeit, Herr Dr. Härtling!“, erwiderte sie lächelnd.

„Ist bei Ihnen noch ein Plätzchen frei?“, erkundigte der Chefarzt sich.

„Aber ja, setzen Sie sich nur.“ Einladend deutete Schwester Simone auf einen freien Stuhl.

Sören Härtling stellte sein Tablett auf den Tisch und setzte sich. Auch er hatte, wie Schwester Simone, Hacksteak mit Gemüse und Kartoffeln auf dem Teller.

„Sie sind heute ebenfalls ziemlich spät dran mit dem Mittagessen, Herr Doktor“, stellte Simone fest. „Gehen Sie nicht für gewöhnlich über Mittag nach Hause?“

„Meistens, ja. Aber heute reicht mir die Zeit nicht dazu, wenn ich mit meiner Nachmittagssprechstunde pünktlich beginnen will. Bis vor wenigen Minuten habe ich noch im OP gestanden.“ Der Klinikchef seufzte bekümmert. „Eine Zwillingsgeburt per Kaiserschnitt. Leider hat nur eins der Babys überlebt, und die Mutter ist untröstlich.“

„Das tut mir aber leid“, meinte Simone bedauernd.

Sören Härtling machte eine etwas hilflos wirkende Handbewegung. „Das kommt leider immer wieder vor. Als langjährig praktizierender Frauenarzt sollte ich mich ja daran gewöhnt haben. Aber ich muss zugeben, dass es mich doch jedes Mal ziemlich mitnimmt.“

„Das kann ich verstehen“, sagte Simone mitfühlend. „Und ich glaube auch nicht, dass man sich jemals daran gewöhnen kann. Mir geht es ebenso. Ich stehe zwar noch nicht so lange im Beruf wie Sie, aber ich kann mir nicht vorstellen, dass mir eines Tages der Tod eines Patienten nicht mehr so nahe gehen wird, weil ich gewissermaßen abgestumpft bin. Es wird mich immer mitnehmen, denke ich.“

Dr. Härtling lächelte die junge Krankenschwester väterlich an. Trotz ihrer Jugend war Schwester Simone eine der tüchtigsten Pflegerinnen in der Paracelsus-Klinik, wie der Chefarzt immer wieder von allen Seiten zu hören bekam. Mit ihrer freundlichen, hilfsbereiten Art war sie bei Kollegen und Patienten gleichermaßen beliebt.

„Manchmal denke ich, Sie sind für Ihren Beruf etwas zu zart besaitet, Schwester Simone“, meinte er. „Aber ich weiß auch, wie tüchtig Sie sind und bin sehr froh, dass ich Sie habe.“

„Danke, Herr Doktor!“ Schwester Simone freute sich sichtlich über die lobenden Worte des Chefarztes. „Es stimmt schon, manchmal ist es hart, wenn ein Patient stirbt, den man liebgewonnen hat oder wenn ein junger Mensch eingeliefert wird, von dem man weiß, dass er die Klinik nicht mehr lebend verlassen wird. Trotzdem liebe ich meinen Beruf und möchte mit keinem anderen tauschen.“

„Dabei hätten Ihre Eltern so gern gehabt, dass Sie sich in der Firma einarbeiten, damit Sie diese einmal zusammen mit Ihrem Bruder übernehmen können, nicht wahr?“ Dr. Härtling blickte die junge Schwester lächelnd an.

„Ja, das möchten sie immer noch.“ Simone seufzte. „Meine Eltern waren immer sehr streng, wenn es um Moral und Tradition ging, und sie sind es auch heute noch. Sie werden es mir wohl nie verzeihen, dass ich mich gegen die Firma entschieden habe, um Krankenschwester zu werden.“

Simones Eltern gehörte die Sportgerätefabrik Becker in der Nähe des Münchner Olympia-Parks. Simones Bruder Florian arbeitete in der Firma und würde sie einmal übernehmen. Simone selbst hatte nie Interesse daran gehabt. Gegen den Willen der Eltern hatte sie damals den Beruf der Krankenschwester erlernt, was diese ihr heute noch übel nahmen.

„Aber Ihr Bruder ist ja auch noch da“, meinte Dr. Härtling. „Es ist ja nicht so, dass die Firma einmal in fremde Hände übergehen wird, weil keine Nachkommen da sind.“

„Trotzdem sind meine Eltern mir böse“, sagte Simone. „Selbst wenn wir vier oder fünf Geschwister gewesen wären, hätten sie von jedem einzelnen erwartet, dass er in der Firma mitarbeitet. In ihren Augen gehört es sich einfach nicht, für andere Leute zu arbeiten, wenn doch im eigenen Betrieb genug Arbeitsplätze vorhanden sind.“

„Aber Ihre Eltern müssen auch einsehen, dass jeder Mensch andere Interessen hat. Firmentradition und Pflichtbewusstsein hin und her, wenn man einen Beruf wählt, sollte man auch Eignung und Talent berücksichtigen.“

„Dieser Meinung bin ich auch“, pflichtete Simone dem Chefarzt aus vollem Herzen bei. „Deshalb bin ich Krankenschwester geworden, weil ich denke, dass ich mich für diesen Beruf eigne. Zur Führung eines Betriebes habe ich sicher kein Talent. Warum soll ich mich zu etwas zwingen lassen, was ich nicht gern tue und womit ich dann auch sicher keinen Erfolg hätte?“

Dr. Härtling nickte. „Sie haben recht, Schwester Simone“, stimmte er ihr zu. „Und Sie haben Ihren Beruf ganz gewiss nicht verfehlt. Sie sind die geborene Krankenschwester, das wissen wir inzwischen alle. Bleiben Sie dabei und lassen Sie sich nicht irre machen. Wie gesagt, Ihr Bruder ist ja auch noch da. Sie brauchen Ihren Eltern gegenüber also keine Schuldgefühle zu haben.“

Nachdenklich blickte Simone den Chefarzt an. „Ich weiß. Aber manchmal habe ich diese Schuldgefühle eben doch. Dann komme ich mir vor wie eine Verräterin. Vielleicht sollte ich von zu Hause ausziehen. Dann bekomme ich nicht ständig aufs Butterbrot gestrichen, dass meine Eltern in der Firma auf mich verzichten müssen, damit fremde Menschen von meiner Arbeitskraft profitieren können.“

„Das sollten Sie vielleicht allen Ernstes in Betracht ziehen, Schwester Simone“, riet der Chefarzt ihr. „Sie wissen ja, im Ärztehaus drüben stehen auch dem Pflegepersonal hübsche Ein- und Zweizimmerapartments zur Verfügung.“

Bevor Simone etwas darauf erwidern konnte, wurde der Klinikchef per Lautsprecher in die Ambulanz gerufen, wo ein Notfall eingeliefert worden war.

„Nicht einmal aufessen lässt man mich“, seufzte der Chefarzt, während er seine Serviette auf den Tisch warf und aufsprang. Dann eilte er mit wehendem Mantel zum Ausgang.

In Gedanken versunken beendete Simone ihr Mittagessen. Dann kehrte sie wieder auf die Chirurgische Station zurück.

 

 

2

Der Nachmittag verlief etwas ruhiger. Trotzdem konnte Schwester Simone am Abend nicht pünktlich Schluss machen, da es auf der Station mehrere Zwischenfälle gegeben hatte.

Als sie dann endlich ihre Schwesterntracht mit Straßenkleidung vertauschte, war es so spät geworden, dass Simone an die Vernissage in der Galerie Rothmann gar nicht mehr zu denken brauchte. Sie war auch viel zu müde dazu. So rief sie ihre Freundin Gertie an und gab ihr Bescheid, dass sie die Verabredung nicht einhalten konnte. Sie wollte sich die Ausstellung des Schweizer Künstlers jedoch irgendwann in der nächsten Woche ansehen.

Simone verließ die Paracelsus-Klinik und ging zur nahegelegenen U-Bahnstation. Von dort aus fuhr sie in Richtung Landshuter Allee, wo die Sportgerätefabrik Bekker und auch die Villa ihrer Eltern lag.

„Da sind Sie ja endlich, Fräulein Simone“ , empfing sie Hildegard Pohl, die langjährige Haushälterin. „Ihre Eltern und Ihr Bruder sitzen schon lange im Esszimmer und warten auf Sie. Gerade haben sie mir gesagt, dass sie ohne Sie anfangen wollen.“

„Das kann ich ihnen auch nicht übelnehmen.“ Simone schenkte der Haushälterin ein müdes Lächeln. „Was gibt es denn heute Gutes, Hildegardchen?“

„Ihr Vater hat Kalbshirn mit hausgemachter Remouladensoße bestellt“, erklärte die treue Seele. „Dazu gibt es neue Kartoffeln und gemischten Salat.“

Simone verzog leicht das Gesicht. Sie mochte kein Kalbshirn. Doch ihr Vater war das Oberhaupt der Familie, und was er anordnete, wurde auch ausgeführt.

Simone hängte ihre Jacke an die Garderobe und ging ins Bad, um sich rasch etwas frisch zu machen. Dann betrat sie das Esszimmer, wo Hildegard gerade das Abendessen servierte.

„Guten Abend zusammen“, begrüßte Simone ihre Eltern und ihren Bruder. „Tut mir leid, dass es so spät geworden ist. Aber bei uns auf der Chirurgie war heute wieder mal der Teufel los. Ich bin völlig geschafft.“

Mit missbilligender Miene betrachtete Helmut Becker seine Tochter, die erschöpft auf ihren Stuhl sank.

„Das hast du dir selbst zuzuschreiben, meine Liebe“, sagte er. „Du hättest es auch anders haben können. Würdest du in unserer Firma arbeiten, wie wir es eigentlich von unserer Tochter erwarten hätten können, dann bräuchtest du dich nicht gar so abzuschuften und verdientest auch genug Geld, um dir etwas zu gönnen und mehrmals im Jahr Urlaub machen zu können.“

„Jeder soll das tun, wozu er sich geboren fühlt“, mischte Florian Becker sich ein. Der Vierundzwanzigjährige liebte seine ältere Schwester und bewunderte sie, weil sie den Mut gehabt hatte, sich gegen die Eltern durchzusetzen und den Beruf ihrer Wahl zu erlernen.

„Dann soll er sich auch nicht beschweren.“ Erika Becker, eine gepflegte Endvierzigerin, sehr selbstbewusst und stets etwas unterkühlt, legte sich und ihrem Mann von dem Kalbshirn vor.

„Ich beschwere mich ja auch nicht, Mama“, verwahrte Simone sich. „Ich habe nur erklärt, warum es heute bei mir so spät geworden ist.“

Florian reichte ihr die Platte mit dem Kalbshirn, doch Simone lehnte ab.

„Danke, für mich nicht. Wisst ihr eigentlich, dass so ein Kalbshirn eine wahre Cholesterin-Bombe ist? 2000 mg per 100 Gramm!“

„Wir wollen uns nicht anhören, was eine Gesundheitsfanatikerin zu sagen hat“, versetzte ihr Vater abweisend. „Uns schmeckt das Kalbshirn, und es wird uns auch nicht umbringen. Und wenn es dir nicht schmeckt, meine liebe Tochter, dann brauchst du es ja nicht zu essen.“

Ärger stieg in Simone hoch. Ihr Vater schaffte es immer wieder, dass sie sich wie ein dummes Gör vorkam.

„Ich werde es auch nicht essen“, sagte sie und griff nach der Schüssel mit den Kartoffeln.

„Wenn Sie kein Kalbshirn wollen, kann ich Ihnen gern ein paar Würstchen warmmachen, Fräulein Simone“, bot Hildegard an. „Das dauert nur ein paar Minuten.“.

„Wir braten keine Extrawürste, Frau Pohl“, warf Helmut Becker zurechtweisend ein. Seine Stimme duldete keinen Widerspruch.

Simone schluckte hinunter, was ihr auf der Zunge gelegen hatte, und begann zu essen.

Die neuen Kartoffeln schmeckten herrlich, ebenso Hildegards hausgemachte Remouladensoße. Dazu nahm Simone sich eine doppelte Portion Salat. Damit wurde sie auch ohne Kalbshirn satt.

Während des Essens wurde hauptsächlich über Firmenbelange gesprochen. Schweigend hörte Simone zu. Natürlich interessierte es sie, wie es im Betrieb so lief und mit welchen Problemen ihre Eltern und Florian zu kämpfen hatten. Umgekehrt dagegen verzichtete Simone darauf, von ihrem Klinikalltag zu erzählen. Außer Florian hätte sowieso niemand Interesse daran gehabt.

Hildegard kam herein und erkundigte sich, ob noch etwas gebraucht wurde.

„Bringen Sie bitte noch eine Karaffe Orangensaft, Hildegard“, bat Florian.

„Kommt sofort.“ Die Haushälterin nahm die leere Glaskaraffe an sich. Weiter wurde nichts gebraucht, wie man ihr versicherte. Wenig später war sie mit dem Gewünschten zurück und entfernte sich wieder.

Florian schenkte sich ein Glas Saft ein und leerte es fast in einem Zug. Dann goss er es sich noch einmal voll.

Sein Vater schüttelte den Kopf. „Kein Mensch hat soviel Durst wie du, Florian!“, meinte er missbilligend. „Was du alles in dich hineinschüttest, ist wirklich nicht normal.“

Florian Becker fuhr sich durch das kurzgeschnittene dunkle Haar. „Ich weiß auch nicht“, seufzte er. „Manchmal fühle ich mich richtig ausgetrocknet. Dann könnte ich immerzu trinken und trinken und trinken und habe trotzdem noch Durst.“

Simone betrachtete ihren Bruder besorgt. „Das klingt aber nicht gut, Flori. Wenn dieses merkwürdige Durstgefühl länger anhält, dann solltest du mal zum Arzt gehen.“

„Arzt!“ Erika Beckers ringgeschmückte Hand fuhr durch die Luft. „Wer rennt schon wegen jeder Kleinigkeit zum Arzt?“

„Es ist nicht gesagt, dass es sich um eine Kleinigkeit handelt“, belehrte Simone ihre Mutter. „Es können auch Anzeichen einer ernsten Krankheit sein.“

„Nur weil man Durst hat? Lächerlich!“

Helmut Becker lachte kurz auf. „Wenn Florian nicht ständig dieses süße pappige Zeug trinken würde, dann hätte er auch nicht immer so viel Durst. Orangensaft oder Cola, etwas anderes kennt er nicht. Trinke statt dessen Mineralwasser, Junge!“, wandte er sich an seinen Sohn. „Dann wird dir der Durst schnell vergehen.“

Simone musste ihrem Vater recht geben. Doch sie machte sich auch Sorgen, dass hinter dem ständigen Durst ihres Bruders eine gefährliche Krankheit stecken könnte.

Nach dem Essen zogen die Eltern sich ins Wohnzimmer zurück, während Simone und ihr Bruder noch sitzen blieben. Hildegard hatte den Tisch bereits abgeräumt und erkundigte sich nun, ob die Geschwister ebenfalls Kaffee wünschten.

Beide stimmten zu. „Und ein großes Glas Mineralwasser, falls noch was im Kasten ist“, bat Florian.

„Hast du denn immer noch Durst, Flori?“ Besorgt schüttelte Simone den Kopf. „Du hast zum Abendessen doch mindestens vier Gläser Orangensaft getrunken!“

Florian zündete sich eine Zigarette an und zuckte mit den Schultern. „Ich merke selbst, dass dieser ewige Durst nicht mehr normal sein kann“, sagte er. „Aber vermutlich hat Papa recht. Von dem süßen Zeug kriegt man nur noch mehr Durst. Ich werde auf Mineralwasser umsteigen, dann muss ich vielleicht nicht mehr so viel trinken.“

Hildegard kam herein und brachte den Kaffee und das Mineralwasser.

„Die Getränke gehen bald zu Ende, Herr Florian“, sagte sie zu dem jungen Mann, der verantwortlich für die Getränkebeschaffung war.

Florian lächelte die treue Seele an. „In Ordnung, Hildegardchen. Morgen oder übermorgen werde ich zum Getränkemarkt fahren. Danke für den Kaffee und das Mineralwasser.“

Die Haushälterin ging weiter ins angrenzende Wohnzimmer, um auch den Eltern der Geschwister Kaffee zu bringen.

Simone und ihr Bruder unterhielten sich über verschiedene Dinge. Dabei fiel Simone auf, dass Florian häufig zwinkerte und sich immer wieder über die Augen wischte.

„Hast du was mit den Augen, Flori?“, fragte sie ihn schließlich.

„Ich weiß nicht.“ Etwas hilflos blickte Florian Becker seine Schwester an. „Vielleicht brauche ich bald eine Brille. Manchmal sehe ich so schlecht, dass alles vor meinen Augen verschwimmt.“

Simones Sorge um den Bruder wuchs. „Das gefällt mir aber gar nicht, Flori! Dein übermäßiger Durst, dein plötzliches schlechtes Sehen – hast du sonst noch irgendwelche Beschwerden?“

Nachdenklich drückte Florian seine Zigarette im Aschenbecher aus. „Ehrlich gesagt, ja“, gab er zu. „Bisher hatte ich mir nicht viel Gedanken deswegen gemacht. Aber wo du jetzt so direkt danach fragst … also, manchmal habe ich dieses komische Kribbeln in den Händen und in den Füßen. Und Kopfschmerzen habe ich auch, von denen ich nicht weiß, woher sie kommen.“

„Die Geschichte gefällt mir immer weniger, Flori!“ Aufmerksam musterte Simone ihren Bruder, als könnte sie weitere Anzeichen einer schleichenden Krankheit an ihm entdecken. „Du solltest dich einmal gründlich untersuchen lassen. Je früher, um so besser. Wenn du nichts dagegen hast, werde ich gleich morgen einen Termin mit unserem Dr. Kindler von der Inneren Station arrangieren.“

Florian machte eine abwehrende Handbewegung. „Simone, wirklich, ich will nichts überstürzen! Und gerade jetzt, wo wir in der Firma so viel zu tun haben …“

„Bitte, Flori, nimm es nicht auf die leichte Schulter!“, beschwor Simone den jüngeren Bruder. „Ich erlebe es ja immer wieder, dass Patienten viel zu spät zu uns kommen und wir ihnen nicht mehr helfen können. Es ergibt absolut keinen Sinn, solche Dinge auf die lange Bank zu schieben.“

„Was könnte es denn sein?“, fragte Florian nun doch beunruhigt.

Simone schluckte. „Alle Anzeichen deuten auf Diabetes hin“, sagte sie schließlich.

„Zucker?“ Florian lachte auf, doch es klang etwas gekünstelt. „Hör mal, Schwesterherz, ich weiß ja, dass du eine sehr gute Krankenschwester bist. Aber ein Arzt bist du deswegen trotzdem nicht. Wie kannst du solch eine Diagnose stellen?“

„Ich stelle keine Diagnose“, wehrte Simone ab. „Ich habe lediglich von den Anzeichen geredet. Und die weiß man auch als Krankenschwester, dazu braucht man kein Arzt zu sein.“

Florian griff nach seiner Kaffeetasse. Das Mineralwasser hatte er längst getrunken, doch er hatte immer noch Durst. Natürlich war ihm klar, dass etwas mit ihm nicht stimmte. Aber musste es denn gleich eine so lästige und unheilbare Krankheit wie Diabetes sein?

„Also gut, dann mach mal einen Termin für mich aus, Simone“, rang er sich ab. „Aber bitte nicht mitten unter dem Tag. Am Spätnachmittag wäre es mir am allerliebsten. Oder zeitig am Morgen. Aber sag den Eltern nichts davon. Die brauchen noch nichts zu wissen.“

„In Ordnung, Flori.“ Simone lächelte den Bruder aufmunternd an. „Und mach dir mal keine so großen Sorgen. Ich kann ja auch völlig falsch liegen. Aber nachgehen sollten wir der Sache so schnell wie möglich.“

„Okay. Im Grunde hast du ja recht, Simone.“

Florian konnte nur hoffen, dass es nicht noch etwas viel Schlimmeres war als Diabetes.

 

 

3

Geübt flogen Anja Schölls Finger über das Keyboard des Computers. Die Arbeit als Sekretärin in der Sportgerätefabrik Becker machte ihr Spaß, und sie wurde für ihre guten Leistungen auch gut bezahlt.

Trotzdem war Sekretärin nicht ihr Traumberuf. Anja träumte von einer Karriere als Fotomodell und einem Einstieg ins Filmgeschäft. Das Zeug dazu hatte sie, davon war sie überzeugt. Sie war bildhübsch und hatte eine Figur, nach der sich alle Männer umdrehten. Nicht zu groß, nicht zu klein, nicht zu dünn und auch nicht allzu sehr gepolstert. Ihre großen grünen Augen, die unter langen dichten Wimpern geheimnisvoll schimmerten, waren ein weiteres Plus, ebenso ihr langes kastanienbraunes Haar, das sie meist auf eine Seite gekämmt trug.

Irgendwann schaffe ich das schon, dachte Anja Scholl bei sich. Ich darf nur nicht aufgeben. Und von Mama bekomme ich jede Unterstützung.

Schon als Kind hatte Anja Katalog-Aufnahmen für Kindermode gemacht. Später hatte sie dann an allen möglichen Schönheitswettbewerben teilgenommen, wobei sie auch einige Male Siegerin geworden war. Ihre Mutter hatte sie dabei nicht nur unterstützt, sondern regelrecht dazu gedrängt. Sie hatte auch Anjas Teilnahme an den Schönheitswettbewerben arrangiert.

Anja konzentrierte sich wieder auf ihre Arbeit. Sie setzte den Schlusssatz unter den Geschäftsbrief, den die Chefin noch heute an den Empfänger gefaxt haben wollte, und drückte dann die Taste zum Ausdrucken. So, das wäre geschafft! Jetzt brauchte sie nur noch ein paar Kleinigkeiten zu erledigen, dann hatte sie Feierabend.

Anja war so in ihre Gedanken versunken, dass sie gar nicht merkte, dass jemand in das kleine Büro gekommen war, das sie mit einer Kollegin, die zur Zeit krank war, teilte. Erst als jemand sie von hinten umarmte und ihr einen Kuss aufs Haar drückte, drehte sie sich um.

„Oh, du bist es, Florian!“ Anja hob die Arme und zog seinen Kopf zu sich herunter, um ihn zu küssen. Seit fast einem Jahr war sie mit dem Juniorchef der Sportgerätefabrik zusammen und war stolz auf diese Verbindung. Wenn sie und Florian einmal heirateten, hatte sie ausgesorgt. Und wenn sie dann noch Erfolg als Model hatte … Doch Anja sah nicht nur materielle Vorteile in einer Verbindung mit Florian Becker. Sie mochte den gutaussehenden charmanten Jungen wirklich gern und fühlte sich sehr hingezogen zu ihm. Und die große Liebe … naja, die gab es im wirklichen Leben sowieso nicht. Hauptsache, man mochte sich und kam gut miteinander aus.

„Bist du fertig für heute, Anja?“, fragte Florian, als er sah, dass der Drucker lief.

„In einer Minute.“ Anja nahm den Bogen aus dem Drucker und steckte ihn in das Faxgerät. Dann gab sie die Nummer des Empfängers ein.

„Was haben wir heute Abend vor, Florian?“, erkundigt Anja sich, während der Bogen durchlief.

„Was du willst, mein Schatz“, erwiderte der junge Mann. „Wir können zu meinen Eltern zum Essen gehen, wir können aber auch in irgendeinem Restaurant essen. Dann muss ich nur kurz Bescheid geben, dass ich nicht komme.“

Anja verzog leicht den geschminkten Mund. Für ihre Begriffe ließ Florian sich von seinen Eltern viel zu viel sagen. Ständig bestimmten sie über alles, sogar über sein Privatleben! Und Florian fügte sich meistens ihren Wünschen. Sie erwarteten von ihm, dass er zu bestimmten Zeiten bestimmte Dinge tat, und wenn er mal etwas anderes vorhatte, musste er erst fragen. Anja ging das manchmal gehörig gegen den Strich. Da war seine Schwester schon anders. Die hatte sich ihr eigenes Leben eingerichtet und ließ sich von den Eltern nicht mehr dreinreden.

„Weißt du, was?“ Anja schmiegte sich an ihn. „Warum fahren wir stattdessen nicht noch ein wenig ins Grüne und veranstalten ein kleines Picknick? Am Stausee, zum Beispiel. Es ist so schön heute. Wir können uns gebratene Hähnchen mitnehmen und schwimmen gehen. Was hältst du davon?“ Abwartend blickte sie ihren Freund an.

„Hmm.“ Florian wollte ihr nicht sagen, dass ihm das eigentlich ein wenig zu viel war, denn er fühlte sich müde und abgeschlagen und hatte wieder Kopfschmerzen. Doch er wollte Anja auch nicht enttäuschen. Vielleicht ging es ihm ja auch besser, wenn sie den Großstadtbetrieb erst einmal hinter sich gelassen hatten.

„Okay, das können wir machen“, stimmte er zu und gab ihr einen Kuss.

Zehn Minuten später verließen sie das Fabrikgebäude und stiegen in Florians Wagen. Unterwegs nahmen sie sich gegrillte Hähnchen und Pommes Frites mit. Dann fuhren sie hinaus zum Stausee, einem beliebten Badesee, an dem es trotz seines Zulaufs noch einsame, lauschige Plätzchen gab.

Ein solches Plätzchen steuerten Florian und Anja nun an. Bald hatten sie es sich gemütlich gemacht und räkelten sich auf der Decke, die Florian ausgebreitet hatte.

„Hungrig, Liebes?“ Florian beugte sich über seine Freundin und begann, ihren spärlich bekleideten Körper mit kleinen Küssen zu bedecken.

„Mhmmm …“ Anja ließ ihre Finger durch sein dichtes Haar gleiten. „Hungrig auf was?“

„Oh, das kommt ganz darauf an“, raunte Florian verhalten.

„Wie wäre es, wenn wir uns erst mal in die Fluten stürzen?“, schlug Anja vor.

„Um uns abzukühlen?“ Florian machte ein enttäuschtes Gesicht.

„Nein, damit wir noch hungriger werden!“, meinte Anja lachend und lief schon ins Wasser.

Florian folgte ihr. Bald balgten sie sich wie die kleinen Kinder und spritzten sich gegenseitig tüchtig voll.

Sie schwammen einige Runden und kehrten dann an ihren Platz zurück.

„Jetzt habe ich aber wirklich Hunger bekommen“, meinte Anja und begann, den Picknickkorb auszupacken.

Sie ließen es sich schmecken. Florian war durstig wie immer, deshalb hatte er sich auch mehrere Flaschen Mineralwasser mitgenommen. Eine davon setzte er jetzt an die Lippen und ließ die Flüssigkeit in seine Kehle rinnen.

„Du mit deinem Saft- und Sprudelkonsum!“ Anja schüttelte den Kopf. „Kein Mensch trinkt so viel wie du. Außer Biertrinker“, schränkte sie ein.

„Ja, eben!“ Florian runzelte leicht die Stirn. „Warum schüttelt man über mich den Kopf, nur weil ich jeden Tag ein paar Flaschen Saft und Mineralwasser trinke? Würde ich stattdessen Bier trinken, würde kein Mensch einen Ton sagen. Das finde ich nicht fair.“

„Hmm, da hast du eigentlich recht“, musste Anja zugeben. „Aber Bier ist eben was anderes. Bier enthält Alkohol, und Alkohol ist eine Droge. Deshalb trinken es die Leute. Das ist genauso wie mit Zigaretten. Man raucht sie, weil man abhängig ist. Aber Saft und Mineralwasser machen nicht abhängig, deshalb wundere ich mich eben, warum du gar solche Unmengen jeden Tag trinkst.“

„Andere Leute trinken Unmengen Kaffee“, wandte Florian wie als Entschuldigung ein.

„Auch eine Droge!“, wusste Anja darauf zu erwidern. „Koffein kann ebenso süchtig machen, wenn man zu viel davon nimmt. Aber wie gesagt, bei Dingen, die süchtig machen, ist es normal, wenn die Leute große Mengen davon konsumieren. Bei anderen Sachen dagegen wirkt es eher komisch. Oder man fragt sich, ob der Betreffende vielleicht krank ist.“ Anja blickte ihren Freund forschend an. „Du bist doch nicht etwa krank, Florian?“

Der junge Mann zuckte die Schultern. „Ich weiß es nicht. Manchmal fühle ich mich so. Simone kommt mein Flüssigkeitskonsum auch etwas bedenklich vor. Deshalb will sie in den nächsten Tagen für mich einen Untersuchungstermin in der Paracelsus-Klinik arrangieren.“

„Ja, lass dich mal untersuchen, Florian“, meinte Anja. „Hoffentlich fehlt dir nicht ernstlich was.“ Ihr waren Krankheiten und Gebrechen jeder Art verhasst. Was war, wenn Florian tatsächlich an einer schlimmen Krankheit litt, die für sein unmäßiges Trinken verantwortlich war? Auch hatte er sich in der letzten Zeit ein paarmal nicht wohlgefühlt, wie er gesagt hatte. Was sollte sie dann tun? Bei einem kranken Mann bleiben, wenn ihr vielleicht eine glänzende Karriere als Model und Filmstar bevorstand?

„Wir werden sehen.“ Florian drückte seine Zigarette im Sand aus. „Aber reden wir lieber von erfreulicheren Dingen. Hattest du nicht irgendwas von einer bevorstehenden Modenschau gesagt, an der du als Model teilnehmen willst?“

„Für das Haus der Mode im Café Hildebrandt?“ Anja machte eine wegwerfende Handbewegung. „Hat am Anfang ja ganz nett geklungen, aber das Haus der Mode ist mir, ehrlich gesagt, etwas zu bieder. Meine Mutter ist auch der Meinung, dass ich mich mit sowas gar nicht mehr abgeben sollte.“ Anja setzte eine geheimnisvolle Miene auf. „Ich werde übrigens an der Wahl der Miss Bayern teilnehmen! Meine Mutter hat für mich alles arrangiert. Was sagst du nun dazu, Florian?“ Triumphierend blickte sie ihren Freund an.

„Miss Bayern? Hmmm …“ Florian wusste, dass es schon immer Anjas heimlicher Traum gewesen war, eine größere Wahl zu gewinnen als einen gewöhnlichen Schönheitswettbewerb. Er gönnte es ihr ja auch. Doch er hatte auch ein bisschen Angst davor. Was war, wenn Anja Erfolg hatte, was ziemlich wahrscheinlich war? Würde sie dann weiterhin bei ihm und in der Firma bleiben? Oder würde sie in ein völlig neues Leben einsteigen und ihn vergessen?

Dieser Gedanke schmerzte Florian so sehr, dass ihm unwillkürlich ein leises Stöhnen entfuhr.

„Tut dir etwas weh, Florian?“ erkundigte Anja sich prompt.

Sein Lächeln verrutschte etwas. „Nein, es ist nichts“, beruhigte er sie. „Natürlich freue ich mich für dich, dass du die Chance hast, an der Miss-Wahl teilzunehmen, und wünsche dir viel Glück dazu. Wann soll dieses Ereignis denn über die Bühne gehen?“

„Ende des Monats“, erwiderte Anja. „Ach, ich bin schon so aufgeregt! Aber ich will jetzt nicht daran denken, sonst kriege ich noch richtiges Bauchweh. Lass uns ein bisschen auf der Decke liegen und träumen. Schau mal, wie glutrot die Sonne hinter den dunklen Wäldern untergeht. Richtig romantisch, nicht?“

„Hmm …“ Florian legte sich zurück und verschränkte die Arme unter dem Kopf. Er spürte, wie Anja ihre Hand über seine Brust gleiten ließ. Doch er konnte sich nicht auf ihre Zärtlichkeiten konzentrieren, und er nahm auch kaum das Schauspiel der untergehenden Sonne wahr. Er dachte nur an Anjas mögliche Karriere und an seine mögliche Krankheit, und eine ungewisse Furcht presste ihm das Herz zusammen.

 

 

4

„Guten Morgen, Herr Doktor“, empfing Ottilie, der gute Hausgeist der Härtlings, das Familienoberhaupt, als Sören Härtling am Morgen ins Esszimmer kam.

„Guten Morgen, Ottilie.“ Dr. Härtling wirkte heute etwas zerstreut. „Haben Sie den Kaffee schon fertig? Ich habe mir eingebildet, etwas gerochen zu haben.“

„Da haben Sie ganz richtig gerochen, Herr Doktor“, erwiderte die Wirtschafterin. „Der Kaffee ist fertig, auch wenn Sie heute recht früh dran sind.“

„Ich konnte nicht mehr länger schlafen. Zu viele Dinge sind mir durch den Kopf gegangen.“ Sören Härtling lächelte flüchtig. „Bringen Sie mir doch bitte eine Tasse Kaffee in mein Arbeitszimmer“, bat er. „Ich will noch einige Dinge erledigen, bis meine Frau und die Kinder zum Frühstück erscheinen.“

„In Ordnung, Herr Doktor.“ Ottilie eilte in die Küche und bracht dann wenig später den Kaffee ins Arbeitszimmer.

Eine halbe Stunde später kam auch Jana Härtling nach unten. Die Frau des Chefarztes war trotz ihrer fünfundvierzig Jahre noch eine Erscheinung. Vor ihrer Ehe war sie approbierte Kinderärztin gewiesen, hatte dann jedoch der Familie zuliebe ihren Beruf an den Nagel gehängt. Von ihrem Vater, Professor Walter Paracelsus, hatte ihr Mann Sören damals die Paracelsus-Klinik übernommen. Auch wenn Jana nicht mehr im Beruf stand, informierte sie sich regelmäßig über alle Neuerungen im medizinischen Bereich und ließ sich von ihrem Mann stets auf dem laufenden halten.

„Guten Morgen, Frau Doktor“, wurde sie von Ottilie freundlich begrüßt.

Lächelnd erwiderte Jana Härtling den Gruß der Haushälterin. „Guten Morgen, Ottilie. Ich vermisse meinen Mann. Er hat sich einfach aus dem Bett gestohlen. Haben Sie ihn schon gesehen?“

„Er hat sich eine Tasse Kaffee geben lassen und sitzt schon seit einer halben Stunde im Arbeitszimmer“, erwiderte Ottilie.

„Gut, dann nehme ich mir auch eine Tasse Kaffee und werde meinem Mann Gesellschaft leisten, bis die Kinder herunterkommen.“

Mit einer Tasse Kaffee in der Hand klopfte Jana Härtling wenig später ans Arbeitszimmer ihres Mannes und trat ein.

„Hier versteckst du dich also, Sören!“ Jana stellte ihre Kaffeetasse auf dem Schreibtisch ab und gab ihrem Mann einen Kuss. „Als ich aufwachte und mich an dich kuscheln wollte, war das Bett neben mir leer. Ottilie sagte mir dann, dass du schon seit einer halben Stunde im Arbeitszimmer sitzt. Störe ich dich, Lieber?“

„Nein, überhaupt nicht.“ Sören Härtling lächelte seine Frau liebevoll an. „Ich bin schon in aller Herrgottsfrühe aufgewacht und konnte nicht mehr einschlafen, weil mir so viele Dinge durch den Kopf gegangen sind. Da bin ich eben aufgestanden. Wollte mich auch noch einmal mit dem Artikel im neuen Ärztejournal über operative Hilfe bei Parkinson beschäftigen.“

„Oh, davon habe ich letzte Woche im Fernsehen gehört.“ Interessiert beugte sich Jana über die aufgeschlagene Fachzeitschrift. „Ich werde mir den Artikel später einmal durchlesen.“

„Tu das, Liebes. Wirklich sehr interessant.“ Sören Härtling machte seine Frau noch auf andere interessante Artikel aufmerksam. Sie unterhielten sich eine Weile über verschiedene medizinische Belange, dann hörten sie, wie es im Haus lebendig wurde.

„Da kommen die Kinder heruntergepoltert“, bemerkte Jana lächelnd. „Wollen wir ins Esszimmer gehen? Ottilie hat das Frühstück bestimmt schon fertig.“

Die Kinder der Härtlings waren die achtzehnjährigen Zwillinge Ben und Dana, die noch aufs Gymnasium gingen, der vierzehnjährige Tom und die zehnjährige Jana, genannt Josee.

„Mami! Papi!“, hörten Sören und Jana ihre Jüngste gerade rufen. „Wo seid ihr? Frühstück ist fertig.“

Details

Seiten
130
Jahr
2021
ISBN (eBook)
9783738950182
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2021 (Februar)
Schlagworte
härtling fall

Autor

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Titel: Dr. Härtling und der hoffnungslose Fall