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Redlight Street #153: Oma Krauses reizende Töchter

©2021 119 Seiten

Zusammenfassung


Nina ist freiwillig zurück auf die Straße gegangen, aber Alfons will sie nicht mehr haben. Eine Hure, die schwache Nieren hat und mit Krankenhausrechnungen Kosten verursacht, bringt nichts ein, außer Ärger. Heulend sitzt Nina in ihrer Stammkneipe und weiß nicht, wo sie nun hin soll. Da gibt der Wirt ihr ein Empfehlungsschreiben in die Hand und schickt sie zu Benno. Der führt einen Puff und das heißt, nie wieder auf der Straße stehen, wo es kalt ist und die Nieren leiden. Nina hat Glück. Benno hat tatsächlich noch ein Zimmer frei.

Leseprobe

Table of Contents

Oma Krauses reizende Töchter

Copyright

1

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7

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9

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Oma Krauses reizende Töchter

Redlight Street #153

von G. S. Friebel

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 119 Taschenbuchseiten.

 

Nina ist freiwillig zurück auf die Straße gegangen, aber Alfons will sie nicht mehr haben. Eine Hure, die schwache Nieren hat und mit Krankenhausrechnungen Kosten verursacht, bringt nichts ein, außer Ärger. Heulend sitzt Nina in ihrer Stammkneipe und weiß nicht, wo sie nun hin soll. Da gibt der Wirt ihr ein Empfehlungsschreiben in die Hand und schickt sie zu Benno. Der führt einen Puff und das heißt, nie wieder auf der Straße stehen, wo es kalt ist und die Nieren leiden. Nina hat Glück. Benno hat tatsächlich noch ein Zimmer frei.

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

Alfred Bekker

© Roman by Author

© dieser Ausgabe 2021 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

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1

Die Nächte waren noch nicht zu kühl. Im Gegenteil, man konnte sich nachts erholen, weil es am Tag oft noch ziemlich heiß war. Aber trotzdem wusste man, der Sommer würde bald wieder vorbei sein.

Nina Mertens wusste es auch, aber im Augenblick dachte sie nicht daran. Frohgemut hatte sie ihr Täschchen geschultert und stöckelte nun die Straße entlang. Die Leute saßen wohl alle vor dem Fernseher, es gab wiedereinmal eine dreiteilige Krimi-Serie. Aus Erfahrung wusste sie, dass das Geschäft dann ziemlich lau war. Mist, dachte sie, das ist ja ein feiner Anfang, aber man muss das Leben nehmen, wie es kommt. Jawohl! Nina bog um die Ecke. Da lag auch schon das dunkle und ein wenig unheimliche Industrieviertel vor ihr. Für einen kurzen Augenblick blieb sie stehen und schnupperte. Der Kanal hatte seine eigene Duftnote, aber heute hatte man kein Silofutter ausgeladen.

Dann stank es nämlich immer nach faulen Fischen. Das war kaum zu ertragen.

Nina suchte in ihrem Täschchen herum und fand auch die Zigaretten. Sie zog eine heraus, steckte sie sich in den Mund und zündete sie dann an. Das war alles schon Gewohnheit, ohne Zigarette fehlte ihr einfach etwas. Lange hatte sie nicht rauchen dürfen. Nun sogen ihre Lungen gierig den Tabakduft ein. Sie atmete auf und lächelte etwas träge. Dabei kamen ihr allerlei Gedanken. Komisch, dachte sie jetzt wieder. Es hat mal eine Zeit gegeben, da hab ich alles verflucht, ehrlich, ich war richtig stinksauer und hätte am liebsten die Brocken hingeworfen. Ich wollte einfach nicht mehr. Alfons, dieses miese Luder, kann einem das Leben wirklich zur Hölle machen. Er ist ein Stinktier, jawohl, und das wird er jetzt auch wohl noch sein, da geb ich mich keinen Illusionen hin. Manchmal, wenn er mich vermöbelt hat, hab ich ihm die Krätze und die Pest auf den Hals gewünscht. An den Haaren hat er mich auf den Strich zurückgezogen. Immer wieder! Mann, ich bin wirklich oft ausgebüxt. Sie grinste leicht vor sich hin. So etwas wie Schadenfreude war dabei.

Alfons, der Zuhälter, hatte Nina mit einem ganz simplen Trick auf den Strich gelockt. Und sie war auch so naiv gewesen und war darauf hereingefallen. Wirklich, jetzt nach so langer Zeit, da konnte sie sich selbst nur noch wundern, dass sie einmal so ein dummes junges Ding gewesen war.

Im Stadtpark hatten sie sich kennengelernt, sie und Alfons. Sie war mit ihren Freundinnen dort gewesen. Er hatte sie die ganze Zeit so merkwürdig angesehen, und wenn sie zu ihm hinüberblickte, dann hatte er gegrinst. Er hatte gar keinen Hehl daraus gemacht, dass er sie anstarrte. Ja, so hatte es begonnen. Sie spürte ein Prickeln auf der Haut und konnte sich auf nichts mehr konzentrieren. Als dann die Freundinnen fort waren, kam er herangeschlendert. Sie hatte ein wenig gezittert. Damals war sie ja auch schließlich erst siebzehn gewesen. Sie hatte noch nie etwas mit einem Jungen gehabt. Sie lebte bei einer Tante. Ihre Mutter war nie verheiratet gewesen und hatte deshalb das Kind, erst in einem Heim untergebracht. Eines Tages war dann die Tante in das Heim gekommen und hatte sie mitgenommen. Aber Nestwärme und Liebe, hatte sie dort auch nicht empfangen. Ninas Herz verzehrte sich nach Liebe. Und so fiel sie gleich auf den ersten jungen Mann herein, und ausgerechnet der musste auch noch ein Zuhälter sein.

Wie eine reife Frucht fiel sie ihm in den Schoß. Er brauchte gar nicht viel zu tun, und sie lief ihm trotzdem nach und war ihm bedingungslos ergeben. Zuerst war er nett zu ihr, er machte ihr auch kleine Geschenke und lud sie manchmal zum Essen ein. Nina war einfach selig und glücklich. Doch nach einiger Zeit jammerte er ihr vor, er müsse fort, Geld verdienen, er habe keins, und er hätte im letzten Monat einen Unfall verursacht, der jetzt bezahlt werden müsse. Für Nina brach eine Welt zusammen. Er wollte sie wieder verlassen, und sie war doch so stolz gewesen, dass Alfons gerade sie genommen hatte. Er war doch viel älter als sie und sah immer so schick aus, sie konnte richtig angeben mit ihm.

Das Ende vom Lied war, dass er ihr vorschlug, sie solle doch nur eine kleine Weile für ihn auf den Strich gehen, das würden so viele Mädchen machen, sogar Studentinnen, um ihr Studium zu finanzieren. Da wäre wirklich nichts dabei, und es sei doch nur für den Augenblick.

Über Nacht hatte sie die Tante verlassen, dann waren sie in diese Stadt gefahren. Er hatte ihr eine Bleibe verschafft. Seltsamerweise war das Zimmer sofort zu haben. Erst später erfuhr sie, dass eine andere Nutte ihm ausgerissen war und er sie nicht wieder hatte zurückholen können. Denn ein anderer, stärkerer Zuhälter ließ sie nun für sich arbeiten. Alfons gab vor seinen Mädchen immer mächtig an, aber im Grunde war er der größte Feigling weit und breit. Viele wussten das. Nur seine hinterhältigen Gemeinheiten waren überall gefürchtet.

Nina brauchte nur zwei Nächte, dann erfuhr sie von den anderen Dirnen, dass er ein Zuhälter war und noch mehr Mädchen laufen hatte. Sie war so wütend, so verbittert und zugleich so schockiert, dass sie das erste Mal fortlief. Alfons erwischte sie, verprügelte sie mit einem Ledergürtel und holte sie wieder zurück zur Straße. Sie musste für ihn auf den Strich gehen, und am Morgen musste sie das Geld abliefern. Und wehe, es war nicht genug!

Im Grunde genommen war Nina ein gutmütiges Mädchen. Eine Weile versuchte sie noch auszubrechen, aber als sie merkte, wie sinnlos es war, und dass man sich nur Scherereien und Prügel einhandelte, hörte sie damit auf. Bis der Ärger anfing, aber das ist ein Kapitel für sich.

Auf alle Fälle war sie an ihr bisheriges Leben so gewöhnt, dass sie jetzt aus freien Stücken wiederkam. So sehr hatte sie sich untergeordnet.

Überhaupt, wohin sollte sie denn sonst gehen, wenn nicht auf den Strich? Wenn man eine Strichkarte besaß, beim Amt registriert war, dann blieb man für alle Zeiten eine Dirne. Der Kreis hatte sich geschlossen, man war gefangen.

Nina war auch bequem, sie hatte noch nicht einmal versucht, irgendwo anders Arbeit zu finden. Sie war heute brav mit ihrem Handtäschchen losgezogen. Und jetzt stand sie hier und dachte zurück.

Entschlossen warf sie die Zigarette in den Rinnstein und trat sie aus, dann bog sie um die Ecke. Unter der ersten Laterne stand gleich Annegret Böller.

»He, wie läuft das Geschäft?«

Die Dirne drehte sich um und kniff die Augen zusammen.

»Mensch, du bist ja auch wieder da!«

»Wie du siehst.«

»Unkraut vergeht nicht, wie?«

Nina lachte. »Nee, aber nun erzähl mal, was ist denn in letzter Zeit gelaufen?«

»Letzte Zeit ist gut. Du warst doch mindestens sechs Wochen fort?«

»Es waren genau acht Wochen.«

»Wie doch die Zeit vergeht.«

Nina fragte nicht erst lange: Warum habt ihr mich nicht mal besucht? Das war alles zwecklos. Freundschaft unter Dirnen, das gab es fast nie.

In diesem Augenblick kam langsam ein Auto herangefahren, blieb stehen. Die Tür öffnete sich. Zuerst sah man zwei lange, schlanke Beine und dann ein kurzes Röckchen. Zum Vorschein kam Brenda Lack. Sie verabschiedete ihren Freier, zog sich den Pullover glatt und drehte sich dann um.

»Na, bist du auch wieder da?«, sagte sie gedehnt.

»Und?«, sagte Nina. »Dies ist mein Platz, und ab jetzt werde ich wieder stehen.«

»Hast du schon mit Alfons gesprochen?«

»Nein, wieso?«

Brenda sagte: »Ich hab so was läuten hören, dass er dich abgeschrieben hat. Das hast du doch immer gewollt, nicht?«

Nina bekam einen Riesenschreck.

»Das ist nicht wahr!«

»Ach, ist doch egal, und ich kümmere mich nicht darum«, sagte Brenda. »Aber heute ist ein mieses Geschäft. Bis auf den einen noch nichts gelaufen.«

»Gibt wieder einen Krimi im Fernsehen, dreiteilig, ist erst gegen zweiundzwanzig Uhr aus.«

»Mann, und das sagste erst jetzt«, nuschelte Annegret. »Da können wir uns ja umsonst die Beine in den Bauch stehen. Kommt, gehen wir zu Fredchen und kippen einen hinter die Binde, machen uns ein wenig nass.«

Nina sagte: »Ich hab doch noch kein Geld eingenommen.«

Brenda und Annegret sahen sich an. »Bist ein armes Luder, komm, wir laden dich ein.«

»Danke«, sagte sie.

Dann zogen die drei Dirnen ab.

 

 

2

Fredchen besaß eine Eckkneipe im Hafenviertel. Am Tag hielten sich die Hafenarbeiter und Kanalratten hier auf. Kanalratten nannte man die Penner, die in dieser Gegend herumstrichen. Nachts waren es dann die leichten Mädchen und ihre Beschützer. Dementsprechend sah die Kneipe auch aus, und überhaupt wurde hier ja ein Schichtbetrieb geführt, da konnte man nicht sehr auf Sauberkeit achten. Die Wirtin musste sehen, dass sie die Küche und den Vorratsraum sauber hielt. Wenn das Gesundheitsamt etwas zu beanstanden hatte, konnte man das Lokal schließen. Aber draußen in der Schänke war die Luft oft zum Schneiden, die Stühle waren hart und fettig, und auf die Tische konnte man ganze Landschaften zeichnen. Obwohl es hier nicht gemütlich war, wirklich, das konnte man nicht von Fredchens Kneipe sagen, war es trotzdem immer sehr voll, und deshalb war es eine Goldgrube. Fredchen fragte nicht viel, wer zu ihm kam, nur bezahlen musste er, und das sofort, oder er wurde achtkantig von ihm hinausgeworfen, eigenhändig, denn er war in jungen Jahren einmal Ringer gewesen. Außerdem erhielt man für alle Zeiten Hausverbot.

Fredchen war da gar nicht zimperlich, und Ärger durfte man bei ihm auch nicht machen, da wurde er sofort sauer und fegte sie dann alle hinaus. All die Galgenvögel, die sich Nacht für Nacht und auch am Tag in dem Lokal aufhielten, waren hier ganz friedlich, denn sie wussten genau, dass sie in dieser Stadt woanders keine Bleibe finden würden. Alle anderen Lokale waren piekfein und duldeten solche Gäste nicht. Fredchen hatte auch nichts dagegen, wenn man mal nicht viel Geld in der Tasche hatte und stundenlang vor einem Glas Bier in der Ecke hockte. Aber das eine Glas Bier, wie gesagt, das musste man bezahlen können, sonst...

Fredchen hatte nie Ärger mit der Polizei. Und diese wusste, die Gauner brauchten auch so etwas wie ein Zuhause. Sie hielten ein Auge auf die Kneipe, aber Fredchen sorgte allein für Ruhe.

Nicht einmal die Anwohner beschwerten sich, und das sollte wirklich etwas heißen.

Fredchen, er hieß wirklich so, war dick und schwammig und sah auch nicht gerade frisch gebadet aus. Sein Gesicht war aufgedunsen, und seine Äuglein hatten Mühe, hinter der Speckfalte hervorzulugen.

Er stand da und putzte gemächlich ein paar Gläser. Zwei Jungens, man konnte sie in dieser Kneipe wirklich nicht als Kellner bezeichnen, flitzten durch die Gegend. Fredchen hatte dicke Füße und außerdem hatte er so viel Geld, da konnte er sich schon Personal leisten.

Seine Frau hingegen sah aus, als bekäme sie nie genug zu essen. Klapperdürr war sie und spitz und klein, genau das Gegenteil von Fredchen. Sie hatte etwas am Magen. Dem Einkommen nach hätte sie wie eine große Dame leben können. Fredchen sagte ihr oft genug, er wolle einen Koch einstellen, sie solle sich ausruhen, aber sie wollte nicht. Tilda war geizig und raffte und raffte.

Sie waren schon ein merkwürdiges Gespann, die beiden.

In diesem Augenblick ging also die Tür auf, und die drei Dirnen kamen hereinspaziert. Fredchen sah sie und grinste. Obwohl er viel zu fett war, um sich noch mit einer Dirne zu vergnügen, machten sie ihm doch noch großen Spaß, allein ihr Anblick.

»Na, ihr Hübschen«, sagte er.

»Nina ist wieder da! Hat acht Wochen im Krankenhaus zugebracht.«

»Ja, richtig, ich hab mir doch die ganze Zeit gedacht, da fehlt doch eine. Was war denn los? Haste vielleicht allein abgetrieben? Soll man nicht machen, das geht bös ins Auge, Kleine, das hätte ich dir gleich sagen können. Meine Alte hat das ganz früher mal versucht. Du meine Güte, ich hab gedacht, ich krieg sie nicht mehr lebendig ins Krankenhaus. Damals, da haben wir noch auf dem Land gelebt und hatten kein Auto. Da hab ich dann die Alte den ganzen Weg aufm Arm schleppen müssen. Ich kann dir sagen, die hat gejammert. Nie und nimmer hätte sie das noch mal gemacht.«

»Das wird auch wohl der Grund gewesen sein, dass sie dann gar keine mehr kriegte«, sagte Brenda.

»Ja«, sagte Fredchen melancholisch. »Das hab ich mir auch gedacht. Obwohl ich später, weißte, als es mir dann viel besser ging, ganz gerne einen Jungen oder eine kleine Mickymaus gehabt hätte. Aber so ist das nun mal.«

»Hättest dir eine Konkubine wie in China nehmen müssen«, lachte Annegret.

Fredchen feixte sie an. »Mann, bin ich blöde, zwei Weiber im Haus? Die reißen sich doch gegenseitig die Haare aus. Nee, so doof bin ich doch nicht.«

»Warum haste sie nicht zum Teufel gejagt?«, wollte nun auch Nina wissen.

»Tja«, sagte er und kratzte sich am Kopf. »Das ist auch so eine Sache. Erstens mal Gewohnheit, und zweitens weiß sie zu viel über mich. Nee, die hätte mir die Hölle heiß gemacht. Und jetzt denke ich auch längst nicht mehr daran. Ist doch egal!«

»Und wenn du stirbst, dann legste deinen Sarg mit Geld aus, oder wie hast du dir das gedacht?«

Fredchen sagte: »Ich hör mal auf, und dann spiel ich den feinen Mann.«

Alle drei Mädchen dachten bei sich: Dann musste aber bald aufhören, sonst ist es vielleicht zu spät.

»Drei Bier«, sagte Brenda.

»Müsst ihr nicht stehen?«

»Im Fernsehen läuft mal wieder ein dreiteiliger Krimi.«

»Ihr solltet sie verklagen, wegen Geschäftsschädigung«, lachte der Wirt.

Die Mädchen mussten lachen.

»Hast mir noch gar nicht gesagt, weswegen du jetzt so lange im Krankenhaus warst, Nina. Oder hat dich Alfons zusammengeschlagen und mussten sie dich zusammenflicken?«

»Nee«, maulte sie, »war richtig blöde, ich war ja jetzt schon zum dritten Mal drin, und ich kann noch nicht mal was dafür.«

»Mach es nicht so spannend«, sagte der Wirt.

»Ich hab doch 'ne Pennälerblase«, sagte sie leise.

»Waaas? Wie?«

Brenda lachte über das verdutzte Gesicht von Fredchen.

»Mann, kapier doch, die ist empfindlich an der Blase. Sobald der Wind um die Ecken pfeift, dann kriegt sie es an der Blase, und dann muss sie alle Augenblicke verschwinden. Und einmal ...« Sie lachte schallend und wäre bald vom Hocker gefallen.

»Was war einmal?«, fragte Fredchen, jetzt ganz neugierig geworden.

»Einmal, da saß sie doch bei einem Freier im Wagen, und der war so voller Liebesglut, und da dachte sie: Wenn ich jetzt sag, ich muss raus, Pipi machen, dann haut der mir ein Loch in den Kopf. Und so ist sie dann geblieben und hat gedacht: Wird wohl noch reichen, er muss sich nur beeilen.«

»Und?«, kicherte Fredchen.

»Als er sie dann genommen hat, da ist es passiert. Sie hat nicht nur den Wagen vollgemacht, nee, auch den Freier! Der hat getobt wie ein Orang Utan! Wir haben schon gedacht, wir hätten es mit einem Abartigen zu tun, und wollten sie retten gehen. Und da sahen wir die Bescherung. Nina musste später sogar die Reinigung bezahlen.«

»Du liebe Güte, war Alfons wütend. Nein, was haben wir damals gelacht.»

Nina saß dabei, als ginge sie das alles gar nichts an, als redete man von einer völlig fremden Person.

Fredchens Bauch wippte beim Lachen auf und ab. »O du liebes Göttchen, das hätte ich erleben müssen. Und da hat dich Alfons zusammengeschlagen, und dann biste im Krankenhaus gelandet?«

»Nee, wegen der Blase«, sagte Nina ärgerlich. »Was kann ich denn dafür? Aber jetzt ist sie wieder o. k.« Sie verschwieg wohlweislich, dass ihr der Arzt zum Abschied gesagt hatte: »Nimm dich jetzt in acht, damit kann man nicht spaßen. Jedes Jahr eine Entzündung, und du machst das nicht mehr lange mit. Dann liegste auf dem Friedhof, verstanden?«

»Ich werd’s mir merken«, hatte sie geantwortet. »Aber was soll ich denn tun, damit es nicht mehr wiederkommt? Schöne Bescherung ist das, weh tut es übrigens auch noch.«

»Sobald es kühl wird, warm anziehen, besonders unten herum, und nicht mehr an zugigen Ecken stehen. Denke daran, das ist Gift für dich. Ich werde dir einen Nierenschutzgürtel aufschreiben. Den bezahlt die Fürsorge. Und den trägst du, verstanden. Die Nieren sind es nämlich, die angegriffen sind.«

Nina hatte das Krankenhaus verlassen, war zur Fürsorge gegangen, hatte sich den Schein abstempeln lassen und hatte sich dann den Nierengürtel geholt. Als sie ihn zu Gesicht bekam, blieb ihr die Sprache weg.

»Das ist ja der reinste Liebestöter«, schnaufte sie schließlich.

Die Verkäuferin, die keine Ahnung hatte, dass sie es mit einer Dirne zu tun hatte, blickte sie erstaunt an. So frei hatte in diesem vornehmen Geschäft noch nie jemand gesprochen.

»Wie bitte?«, hatte sie gefragt und ihre Augenbrauen hochgezogen.

»Liebestöter«, wiederholte Nina etwas lauter, da sie glaubte, die Verkäuferin sei schwerhörig. Alle im Laden hörten es jetzt und drehten sich nach ihr um. »Wenn ich mir den Fummel umschlinge, du meine Güte, dann seh ich aus wie eine Tonne. Und die Dinger hat mir der Doktor auch verschrieben?« Sie starrte auf die dicken, wolligen Hosen, die wirklich lächerlich plump wirkten und dazu noch rosa waren. »Mich trifft der Schlag«, keuchte sie und betrachtete sie von allen Seiten. »Und da hab ich mich gefreut, dass der Staat für mich Schlüpfer kaufen muss. Aber diese Dinger, du meine Güte, damit kann man ja nicht mal ’nen Blinden hinterm Ofen weglocken.«

Die anwesenden Männer konnten sich das Grinsen nicht verkneifen. Aber die Frauen warfen Nina empörte Blicke zu.

»Meine Dame!« Sie sagte wahrhaftig »meine Dame«, wenn auch mit dem letzten Rest ihrer verwundeten Gefühle. »Mir ist es egal, wie Sie die Sachen benennen, aber vielleicht darf ich Ihnen einen Rat geben?«

»Und der wäre?«, fragte Nina neugierig.

»Man kann sie sogar ausziehen«, war die spitze Antwort der Verkäuferin.

Nina blickte sie treuherzig an. »Ach nee, wirklich, die werden mir nicht auf den Körper geschweißt? Man kann sie sogar ausziehen, hahahaaa!« Sie bog sich vor Lachen.

Die Miene der Verkäuferin wurde noch eisiger.

»Mädchen«, sagte Nina gutmütig, ohne sich darum zu kümmern, wie viel Aufsehen sie erregte, »das ist ja direkt geschäftsschädigend. Mann, wenn ich die Dinger immer ausziehen soll, wenn ich zu den Kerlen ins Auto steige, da müsste ich ja direkt Zuschlag verlangen.«

Wenn nicht schon vorher, so merkte man jetzt endlich, mit wem man es zu tun hatte. Die Männer grinsten nicht schlecht und warfen sich verstohlene Blicke zu. Aber die Frauen, und vor allem die Besitzerin des Ladens, regten sich fürchterlich auf. Sie nahm sich vor, sich bei der Behörde zu beschweren, weil sie ihr solche Kundschaft schickte.

Die Verkäuferin, ein Fräulein um die fünfzig herum, war einer Ohnmacht nahe. Sie hielt sich mit letzter Kraft an der Ladentheke fest.

»O nein«, hauchte sie nur.

Nina dachte: Die kapieren ja doch nichts.

»Wwwas soll ich machen?«, flüsterte sie mit letzter Kraft. »Wollen Sie jetzt die Sachen haben oder nicht?«

»Klar doch. Was man geschenkt kriegt, das soll man nie ausschlagen. Ich nehm sie mit. Vielleicht kann ich sie für den Winter aufbewahren. Im Sommer brauch ich keine Schlüpfer.« Und jetzt ritt sie der Teufel. Sie lehnte sich über den Ladentisch und sagte ihr grinsend mitten ins Gesicht: »Im Sommer, da tragen wir nämlich gar keine. Praktisch ist das. Sie glauben mir nicht? Soll ich es Ihnen zeigen?« Und dabei hatte sie im Augenblick sogar einen Schlüpfer an, aber sie konnte es sich nicht verkneifen, die Verkäuferin noch mehr zu reizen.

Spitz schrie das Fräulein auf, hielt sich eine Hand vor den Mund und stürzte nach hinten. Die Eigentümerin kam mit eisiger Miene herangerauscht.

»Haben Sie noch mehr Wünsche?«

»Packen Sie mir die Dinger anständig ein, damit sie mir nicht unterwegs auf die Straße fallen und ich so unschuldig zum öffentlichen Ärgernis werde«, sagte sie zuckersüß.

Jetzt, als sie bei Fredchen in der Kneipe saß, musste sie wieder daran denken und grinste vor sich hin. Und weil Brenda ihr einen ausgab, erzählte sie ihnen diese Geschichte. Die Dirnen fielen vor Lachen fast vom Hocker, und Fredchen erst recht. Schon lange hatte er nicht mehr so herzlich gelacht, und zum Dank dafür spendierte er Nina ein zünftiges Abendbrot.

»Wenn ich mir den Liebestöter umschlinge, dann komm ich mir wie die eiserne Jungfrau vor. Ehrlich, und die Luft presst er mir auch ab. Wie früher, als sie noch die Korsetts trugen, du meine Güte, muss das damals eine Schinderei gewesen sein.«

Sie konnten nicht aufhören zu lachen. Nina machte ein Gesicht dabei, als sollte sie gleich gefoltert werden.

»Ist doch wahr«, sagte sie mürrisch. »Mann, wenn ich das gewusst hätte, dann hätte ich dem Doktor aber was zugeflüstert. Jawohl, vor dem hab ich keine Angst gehabt, nee, der kam mir gerade richtig. Und ich hab gedacht, der will mir was Gutes tun.«

»Das hat er doch«, sagte Fredchen lachend. »Du sollst doch nicht wieder krank werden. Und das stimmt wirklich, du musst die Liebestöter schon tragen.«

»Besonders an zugigen Ecken«, säuselte Annegret.

»Vielleicht baut dir der Alfons so ein kleines Bushäuschen, für dich ganz allein, und im Winter, da stellt er dir dann einen Ofen rein.«

»Ihr könnt nur blöde Witze machen und sonst gar nichts«, sagte Nina aufgebracht.

Sie machte ein mürrisches Gesicht.

Fred sah sie von der Seite an. Es stimmt, dachte er, wir lachen nicht nur, weil das so lustig klingt, ein ganz klein wenig sind wir auch schadenfroh. Ich nicht so sehr wie die anderen Dirnen. Und. eigentlich hat sie das wirklich nicht verdient. Trotz allem ist sie ja noch ein ganz nettes Mädchen, mit dem langen blonden Haar und den schönen braunen Augen. Sie hat einen richtig treuen Blick. Noch sieht man ihr die Dirne nicht an. Na ja, sie hat sich ja auch eine Weile ausruhen können. Und das alles auf Staatskosten. Richtig rote Bäckchen hat sie bekommen. Eigentlich schade, dass sie sich jetzt wieder an den Alfons fortwirft. Der presst sie wie eine Zitrone aus, und bald wird sie wie ein Wrack aussehen.

»Wie war es denn in der Klinik?«, wollten jetzt die anderen beiden Dirnen wissen.

Annegret bekam glitzernde Augen. »Haben sie auch gewusst, was du bist?«

»Na klar«, sagte Nina. »Warum auch nicht? Zuerst ja noch nicht, da hab ich mich wirklich scheußlich gefühlt. Mann, ich kann euch sagen, diese Untersuchungen und Behandlungen, die machen einen fertig. Die rühren da mit Marterinstrumenten in einem herum. Ich hab ja gedacht, mich könnte nichts erschüttern. Aber manchmal, da hielt ich es nicht mehr aus, und dann hab ich losgeschimpft.“

Sie grinste stillvergnügt vor sich hin. Dabei dachte sie: Das Leben fängt eigentlich ganz hübsch an. Gratis Bier und ein leckeres Essen, und ich hab noch nicht anschaffen müssen. Vielleicht ist jetzt alles viel leichter.

»Weiter. Nun lass dir doch nicht alles aus der Nase herausziehen, Nina.«

»Nun, also, wie ich da so geschimpft hab, da haben sie mich immer so blöde von der Seite angesehen, wisst ihr. So, als müssten sie sehr scharf überlegen. Was der Stationsarzt war, also der wusste es ja sofort. Der hatte ja den Schein vom Amtsarzt bekommen. Aber alles was recht ist, der hat mich wirklich nicht verraten. War auch ganz nett zu mir, keine Pöbelei, keine dummen Sprüche oder blöden Witze und so. Nein, er war wirklich nett, wie zu den anderen Frauen auch. Das hat mir mächtig imponiert. Anfangs hat er mir sogar gesagt: >Sie müssen es selbst wissen, ob die anderen etwas erfahren oder nicht. Es liegt an Ihnen.<« Sie stopfte sich genüsslich eine Kartoffel in den Mund, dann sprach sie weiter. »Zuerst hatte ich es mir ja auch vorgenommen. Ich dachte: Mach keinen Stunk, kennst doch die Weiber, wie hoch sie dann die Nase tragen. Obwohl es mich in den Fingern gejuckt hat, war ich ruhig. Sie haben aber immer so blöde geguckt, ich bekam doch nie Besuch.

Ja, und dann war da so eine Zuckerpuppe mit mir auf dem Zimmer. Ich glaube, sie war nur eine Tippse, sagte aber, sie sei Sekretärin. Na ja, soll sie selig werden. Jedenfalls, die hat sich immer mächtig aufgeplustert. Und sie bekam ja auch Besuch von mehreren Bubis, das muss man ihr lassen. Sie hatte immer Angst, dass die sich vielleicht auf dem Flur begegnen könnten. Also die hat angegeben, was für ein tolles Weib sie sei und wie wild die Männer hinter ihr her wären. Sie könne sich vor Angeboten gar nicht mehr retten.

Ihr könnt euch schon denken, lange dauerte es nicht, da überkam sie angeblich das Mitleid, und sie wollte wissen, warum ich denn keine Besuche erhielte. Ich sähe doch ganz passabel aus, ja, das hat sie wirklich gesagt. Ob ich denn keinen Freund hätte? Und meine Kollegen oder Kolleginnen, warum sie denn nie kämen?

Ein paar Tage habe ich dann immer Ausreden gebraucht. Ich war doch wirklich krank und wollte nur meine Ruhe haben und pennen. Außerdem hatten die da eine ganz feine Bücherei, sogar umsonst konnte man sich die Schmöker ausleihen.

Aber diese Tippse, sie gab doch keine Ruhe! Bis mir der Kragen geplatzt ist, und da hab ich dann gesagt: Wenn alle meine Freunde mich besuchen kämen, dann müsste das Krankenhaus Nachtschicht einlegen, der ganze Verkehr würde lahmgelegt, und die Gänge im Haus wären dann von Männern verstopft. Darum habe ich sie alle gebeten, nicht zu kommen.«

Brenda kicherte vor sich hin.

»Die hat geglupscht, und dann hat sie gesagt: Sie lügen, das glaube ich Ihnen nicht. Wer soll das denn sein? Und ich habe geantwortet: >Meine Kundschaft natürlich, und ich spreche nur von meinen Stammkunden, meine Liebe!< Sie guckte erst mal ganz verdutzt. Und dann hab ich noch hinzugesetzt, ich sei ein wenig cleverer als sie und würde es mir bezahlen lassen. Sie sei eine ganz blöde Kuh und merke gar nicht, dass sie von den Männern nur ausgenutzt würde. Die kämen sie ja doch jetzt nur besuchen, damit sie später zu ihr nach Hause kommen könnten, um umsonst mit ihr zu schlafen. Und sie sei so blöde und merke es nicht mal. Da wäre überhaupt keine Liebe mit im Spiel. Zum Schluss habe ich gesagt: >So, jetzt wissen Sie es, und jetzt lassen Sie mich endlich mit ihren blöden Reden in Ruhe, ich möchte lesen<.«

»Und?«, keuchte Annegret.

Nina lachte wieder stillvergnügt vor sich hin.

»Zuerst hab ich gedacht, die trifft der Schlag. Sie saß im Bett wie eine Holzfigur, so eine aus Asien, mit grinsendem Gesicht und gespreizten Beinen und so. Eine ganze Zeit hat sie so gesessen, und ihr Mund stand offen, und ich dachte noch: Sie erkältet sich gleich noch ihren Blinddarm. Aber dann wurde sie langsam rot, immer stärker und dann fast so rot wie eine Tomate, und die Augen haben geglüht wie eine Birne mit hundert Watt, ehrlich.

O je, und dann war auch ihre Sprache wieder da. Sie flüsterte ganz entgeistert: >Soll das vielleicht heißen, Sie sind eine Dirne?<

>Erraten!<, sagte ich fröhlich. >War wohl nicht sehr schwer, oder?<

Ihr Mund klappte zu, dass die falschen Zähne nur so krachten, aber sofort riss sie ihn wieder auf und fing an zu kreischen wie ein Papagei. Sie kreischte, sprang aus dem Bett und rannte ohne Bademantel auf den Flur und kreischte nach dem Arzt. Dieser war auch zufällig auf der Station. Du meine Güte, die hat geschimpft und ist über das Krankenhaus hergezogen, nur, weil man sie mit einer Dirne zusammen auf ein Zimmer gelegt hatte. Die hat Radau gemacht, man hörte es drei Stockwerke tiefer. Die haben sich nämlich beschwert«, grinste sie.

»Herrje, das hat aber einen Wirbel gegeben! Mich wundert’s, dass sie dich nicht rausgeschmissen haben«, sagte Fred.

»Konnten sie doch nicht, ich war doch wirklich krank. Also hat man die Zimtzicke verlegt. Sie kam gar nicht mehr zurück. Eine kleine Lernschwester musste ihre Sachen zusammenpacken. Natürlich wusste jetzt das ganze Personal Bescheid.

Wenig später, als wieder Ruhe eingekehrt war, kam der Arzt dann zu mir und sah mich so komisch an, und dann fragte er sehr freundlich: Warum haben Sie das getan?<

Und weil er so nett war, da hab ich ihm alles erzählt und ihn noch gefragt, worin denn der Unterschied bestünde. Sie würde es tun, damit prahlen, ich hätte geschwiegen, bis sie mir auf die Nerven gegangen sei, und dann hätte ich nur gesagt, ich sei gescheiter und nähme Geld dafür. Da fände ich wirklich nichts dabei.

Der Doktor hat ein wenig gegrinst, ich fühlte sofort, er mochte sie auch nicht, und dann hat er wirklich gesagt: >Der Unterschied besteht darin, dass du zu deiner Sache stehst und die anderen sich für besser halten, es im Grunde genommen aber überhaupt nicht sind<.

Mir hat das alles mächtig leid getan, und ich hab ihm sogar gesagt: >Doktorchen, wenn Sie wollen, entschuldige ich mich bei der Zimtzicke. Das hab ich nicht gewollt, wo Sie doch so nett sind, dass Sie noch Arger mit mir kriegen<.

>Nicht so schlimm, Nina<, hat er geantwortet. >Damit werd ich schon fertig, zu entschuldigen brauchst du dich auch nicht. Die will dich nämlich nicht mehr sehen. Ich sorg schon für Ordnung. Sei aber jetzt wieder nett, ja?<

Das versprach ich ihm natürlich, und er nickte mir freundlich zu und verließ das Zimmer.

Gegen Abend kam dann eine schwerhörige Oma zu mir auf das Zimmer. Sie hatte einen Herzschrittmacher eingepflanzt bekommen. Ihr ging es wirklich dreckig, und sie tat mir mächtig leid. Ich durfte schon wieder ein wenig aufstehen, und so hab ich dann Oma Krause ein wenig aufgemuntert und mit ihr gelacht und ihr geholfen, wenn sie mal nicht konnte. Ehrlich, die blöden Schwestern kommen ja nie sofort, wenn man sie braucht. Dann hab ich Oma Krause eben aufs Töpfchen gesetzt. Hat mir nichts ausgemacht. Sie hat mich richtig gern gehabt und mir die Hand getätschelt und mich ,mein Liebling' genannt.«

»Und das Personal?«; wollten die Dirnen wissen. »Was war denn damit?«

»Herrje, der Doktor muss sie wohl ganz schön zusammengestaucht haben, denn ich glaube, sie haben sich geweigert, mich zu versorgen. Die Oberschwester kam überhaupt nicht mehr in unser Zimmer. Meistens waren es die Lernschwestern, und die schielten mich immer so von der Seite an, als sei ich ein Tiger und würde sie jeden Augenblick anfallen und auffressen. Oma Krause hat das zum Glück nicht mitbekommen.

Doch mit der Zeit, als sie merkten, dass ich auch nur ein Mensch bin, da waren sie dann doch wieder ganz nett. Aber dann kam die Neugierde auf. Sie hätten gern von mir schlimme Geschichten erfahren, aber ich hab ihnen klipp und klar gesagt: >Was eine gute Dirne ist, die spricht nicht über ihre Kunden. Die vergisst sie sofort.<«

>Aber wenn du sie in der Stadt wiedertriffst, in so einer kleinen Stadt wie unserer, da ist das doch möglich, was machst du dann?<, wollten sie wissen.

>Nichts, gar nichts, ich geh einfach weiter. Ich kenn sie nicht<, hab ich geantwortet.

Das haben die einfach nicht begriffen. Ja, und dann wollten sie auch noch wissen, warum ich denn nie Besuch bekäme. Ob denn nicht noch mehr Mädchen dort stünden?

>Natürlich, eine ganze Menge sogar<, sagte ich darauf. > Aber wenn man sich schon die ganze Nacht um die Ohren schlagen muss, dann pennt man am Tag. Später, so gegen Abend, dann muss man ja auch noch einkaufen, denn auch Dirnen müssen essen, und zum Frisör müssen sie auch gehen und so weiter<.«

>Haben Sie denn keine Freundin?<, fragten sie weiter.

>Nein<, hab ich gesagt. >So was kennen wir nicht, jede ist die Konkurrenz der anderen Dirne.<«

Nina schob den leeren Teller von sich.

»Hat wirklich prima geschmeckt.«

»Was ist denn mit Oma Krause geworden?«, wollte Annegret wissen.

Nina lachte kurz auf. »Ja, das war eigentlich ganz komisch. Sie wurde früher entlassen als ich. Und da hat sie zu mir gesagt: >Kindchen, ich würd ja so gern sagen: Besuch mich mal. Ich hab dich wirklich lieb gewonnen, Ninachen. Aber es geht einfach nicht, Kindchen. Und ich kann dir das auch nicht so erklären, ist schon besser, wenn ich es dir nicht sage.<«

»Kann ich mir schon denken, sie hat doch was gemerkt, und jetzt hatte sie Angst wegen Opa, oder Tochter oder Sohn, bei denen sie lebt, und denen mochte sie das einfach nicht zumuten«, sagte Annegret.

Nina grübelte ein wenig vor sich hin. »Nee«, sagte sie träge, »nee, das glaub ich ganz bestimmt nicht. Nee, das war was anderes, ich hatte so ein komisches Gefühl.«

»Wieso?«

»Ach, das kann ich euch nicht so sagen. Aber jetzt habt ihr mich auch genug ausgequetscht. Nun hab ich keine Lust mehr, und außerdem hab ich vom vielen Reden richtig Durst bekommen.«

»Dem können wir abhelfen«, sagte Fred.

»Mann, du bist ja ein richtiger Menschenfreund geworden, Fredchen«, lachte Nina. »Bin ich denn so lange fortgeblieben, dass sich hier so viel geändert hat?«

»Hier ändert sich doch nie etwas«, sagte Annegret. »Es können hundert Jahre vergehen, und auf der Strichstraße ist alles noch beim alten.«

»Hat man euch denn nicht mal wieder verjagt? Ich denke, ich hab so was in der Tageszeitung gelesen.«

»Schon«, sagte Brenda. »Da haben sie mal ein paar Laster quergestellt. Aber als wir dann in ein anderes Viertel abzwitscherten, da haben sie wohl Order bekommen, es nicht mehr zu tun.«

Nina sagte: »Ich versteh die Anlieger gar nicht. Wir sind doch ein Schutz für sie, wir bewachen ihre Grundstücke auch noch kostenlos. Solange wir hier nachts stehen, denkt doch keiner an Einbruch. Jede Veränderung würden wir doch sofort bemerken und melden, weil wir doch selbst unsere Weste sauberhalten müssen. Und zum Dank dafür jagen sie uns immer wieder weg.«

Details

Seiten
119
Jahr
2021
ISBN (eBook)
9783738950175
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2021 (Februar)
Schlagworte
redlight street krauses töchter
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Titel: Redlight Street #153: Oma Krauses reizende Töchter