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Redlight Street #155: Sie war nicht für den Strich geboren

2021 127 Seiten

Leseprobe

Table of Contents

Sie war nicht für den Strich geboren

Copyright

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Sie war nicht für den Strich geboren

Redlight Street #155

von G. S. Friebel

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 127 Taschenbuchseiten.

 

Mit Leidenschaft führt Alfredo seine Kneipe. Sie ist recht schmuddelig, aber das stört seine Gäste nicht. Im Gegenteil, sie fühlen sich sehr wohl und bleiben unter sich. So ist Alfredo sehr erstaunt, als eines Tages ein Paar die Kneipe betritt und zwei Zimmer anmietet. Die Frau ist eine Dame und der Mann ein vornehmer Herr. Es scheint sie nicht zu stören, dass sie zwischen Huren und zwielichtige Gestalten geraten sind. Schon bald beginnt die Frau selbst auf den Strich zu gehen, doch der Mann scheint trotzdem nicht ihr Zuhälter zu sein. Susan, die als Stardirne gilt und Stammgast bei Alfredo ist, freundet sich langsam mit der Frau an und erfährt so ihr Geheimnis.

 

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

Alfred Bekker

© Roman by Author

© dieser Ausgabe 2021 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

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1

Die Tür pendelte leicht hin und her, dann blieb sie mit einem Ruck stehen, und Stille lag wieder über dem Raum. Schräg fiel die Sonne durch die kleinen, aber sehr schmutzigen Fenster, tauchte die Tische in Helligkeit, um sich wenig später in einer Bierlache am Boden zu brechen. Fliegen krochen träge über die Theke und über die Lampen. Die Hitze lag wie eine Glocke über der Stadt und schien alles Leben zu erdrücken. Draußen war Hochsommer, und obwohl man in der Stadt lebte, roch man überall die Bäume und Blumen. Nur in der Kneipe »Zur Alten Liebe« stank es noch immer. Sie war der letzte Abschaum, die mieseste Bude in der ganzen Straße. Hätte sie in einem anderen Viertel gestanden, sie hätte Konkurs anmelden müssen. Hier war alles anders. In vornehme Kneipen ging man nicht.

Man wollte unter sich sein, und das konnte man in der »Alten Liebe«. Außerdem kam man zu Alfredo, um sich zu betrinken. Und wenn man bis zum Kragen vollgetankt war, dann sah die Welt sowieso hübsch rosig und zuckerig aus. Warum also so viele Umstände machen? Und weil Alfredo nichts tat, nicht renovierte, noch sonst irgend etwas in seinen Laden steckte, konnte er die Preise auch ziemlich niedrig halten. Die Menge machte dann alles wieder wett.

Einige sagten, Alfredo sei schon Millionär. Viele lachten darüber und hielten das für einen wirklich gelungenen Scherz. Wenn man ihn direkt fragte, wedelte er mit seinen dicken Patschhändchen durch die Luft und sagte kichernd: »Ihr müsst es ja wissen! Aber sagt das nicht so laut, sonst hört es noch das Finanzamt.«

Alfredo war schon in Ordnung, wirklich, und die Dirnen im Viertel ließen auf ihn nichts kommen. Er gab ihnen für wenig Geld gutes Essen, und wenn eine von ihnen mal nicht ganz flüssig war, dann schrieb er auch an. Wo konnte man das heutzutage noch? Die »Alte Liebe« wurde in der Hauptsache von den Dirnen aufgesucht. Zuhälter und Hilus waren hier nicht gefragt. Sie hatten eine andere Stammkneipe.

Die Polizei drückte beide Augen zu. Bei Alfredo gab es nie Streit und Ärger. Sie wusste ganz genau, die Obrigkeit wohlverstanden, dass die leichten Mädchen den Treff brauchten. Also hatte man Alfredo gewählt, und man ließ ihn in Ruhe. Alfredo führte aber auch ein strenges Regiment. Wollte man eine Schlägerei anfangen, was unter Dirnen wirklich oft geschah, dann setzte er sie kurzerhand an die Luft. Lagen sie erst einmal auf der Straße, im Rinnstein, dann kamen sie recht schnell wieder zur Vernunft. In dieser Nacht war ihnen dann die Kneipe verboten. Zwar fluchten sie fürchterlich und stießen und kratzten an die Eingangstür, aber man kümmerte sich nicht darum. Alfredo war dick und fett. Aber er war nicht schwächlich, im Gegenteil, unter dem Fett steckten harte Muskeln, und darum täuschte er so manchen damit. Wer er war und woher er kam, das wusste niemand. Eines Tages war er gekommen, hatte als Kellner bei Hildchen, der Vorbesitzerin, angefangen; und als diese dann erschossen wurde, hatte er die Kneipe übernommen. Hildchen hatte ganz schnell reich werden wollen und sich mit Rauschgift befasst. Ja, und das war nun wirklich nicht ungefährlich. Das wussten sogar die Kinder in der Straße.

Alfredo hatte den stehlenden Koch an die Luft gesetzt und sich einen neuen gesucht. Dieser tat wirklich das Fleisch, das er kaufte, in die Suppe und verkaufte es nicht. Ab sofort hatte die Suppe dann auch Fettaugen und schmeckte vorzüglich. Aber auch die anderen Gerichte waren nicht zu verachten. Er zahlte dem Koch ein verhältnismäßig hohes Gehalt und dieser war froh, eine so gute Stelle bekommen zu haben, denn er hatte fünf Jahre im Gefängnis gesessen, und da war es nicht so einfach, eine gute Stellung zu bekommen. Leo, sein Kellner, hatte auch schon mal mit gesiebter Luft Bekanntschaft gemacht. Ziemlich heruntergekommen war er eines Tages bei Alfredo angekommen, hatte seine letzten fünfzig Pfennig versoffen, sich dann in eine Ecke gesetzt und über die Welt und die gottlosen Menschen zu heulen begonnen. Alfredo hatte ihn gefragt, was das zu bedeuten habe. Daraufhin hatte er eine ziemliche mickerige Lebensgeschichte zu hören bekommen. Man wollte ihn nicht, weil er als Buchhalter Unterschlagungen gemacht habe, und er müsse doch schließlich auch leben.

»Du kannst bei mir anfangen, Leo. Kannst meine Bücher in Ordnung halten und musst aber auch Kellner spielen. Kriegst zweitausend im Monat und Trinkgeld. Was hältst du davon?«

Leo riss seine verweinten Augen auf und starrte den schwammigen Wirt an. »Ich mach keine krummen Dinger mehr, ich will ehrlich werden«, schniefte er.

»Das hoffe ich auch schwer«, gab Alfredo zurück. »Sonst fliegst du an die Luft!«

»Krieg ich ehrlich so viel Geld?«

»Ich habe oben Zimmer, du kannst dir eines aussuchen«.

Leo war eingezogen, hatte sich gebadet, bekam ein frisches Hemd und ging ins Kontor. Fünf Tage schloss er sich ein, dann hatte er die Bücher auf dem Laufenden. Danach lernte er das Kellnerhandwerk, und er war wirklich eine Perle. Was die Unterschlagungen betraf, nun, Leo bestahl Alfredo nicht, nein, aber er erzählte wie man jemanden anderen begaunern könnte, und zwar den Staat. Nicht toll, sonst würde es auffallen, aber er kenne sich mit Gesetzen gut aus, das sei sozusagen sein Hobby. Er solle ihm alles überlassen, und Alfredo würde am Ende des Jahres staunen.

Mit Leo hatte er ein goldenes Kalb gefangen. Er war treu und ehrlich bis auf den letzten Pfennig. Alfredo wusste, mit den Trinkgeldern bekam er an die dreitausend Mark. Er zahlte absichtlich ein gutes Gehalt, damit hielt man sich gute Menschen.

Was er ihm an Gehalt im Jahr bezahlte, sparte Leo an Steuern wieder ein. Leo war es, der ihn zum Millionär machte. Längst hätte er sich zur Ruhe setzen können, aber er liebte seine Kneipe über alles. Hier war immer etwas los. Und mit fünfundvierzig Jahren begab man sich noch nicht zur Ruhe. Ja, wenn man eine Frau hätte und ein Kind, aber er hatte nie geheiratet. Warum? Ehrlich gestanden konnte er das selbst auch nicht so genau sagen.

Seit ein paar Tagen trug er einen bestimmten Gedanken mit sich herum. Er hatte mit Leo darüber gesprochen.

»Ich will meine Kneipe gemütlicher machen«, hatte er gegen Morgen gesagt, als die letzte Dirne das Lokal verlassen hatte.

»Es sind Schweine, und du wirst dich ärgern«, hatte sein Kellner geantwortet.

»Sie kennen nichts Besseres, darum. Ihre Buden sehen wie Spelunken aus. Sie haben ja nichts. Ich fühle mich für sie verantwortlich. Sie sollen sich bei mir wohl fühlen«.

Leo lachte. »Willst du ihr Vater sein?«

»Warum nicht? Sie jammern mich, ehrlich, sind doch verdammt junge Hühner darunter. Und überhaupt, sie sind auch Menschen. Nette Kerle sind sie, jawohl.«

»Von mir aus«, brummte Leo. »Ich bin jetzt hundemüde und verziehe mich nach oben. Ich spür schon gar nicht mehr meine Füße.«

»Kauf dir doch Rollschuhe!«, sagte Alfredo und lachte.

Damit hatten sie das Thema fallen lassen. Ja, und dann war am nächsten Tag dieses seltsame Paar bei ihm aufgetaucht. Sie hieß Lilian de Bohra, wenn es überhaupt ihr richtiger Name war, und er hieß Peter Linder. Beide waren um die vierzig, sahen aber nicht so alt aus. Sie wirkten beide irgendwie verloren, geschockt, als hätte man ihnen den Boden unter den Füßen fortgerissen.

Sie hatten ihn gefragt, ob er Zimmer vermiete.

»Ja.«

»Können wir zwei bekommen?«

»Natürlich. Wenn Sie mitkommen wollen, zeige ich sie Ihnen.«

Auf der Treppe dachte er: sie haben auch schon andere Zeiten hinter sich. Werden sich wohl umstellen müssen. Ich hab nun mal kein Riz, sondern nur eine Kneipe.

Sie hatten nur mit dem Kopf genickt und waren dann eingezogen. Beide hatten keinen Koffer bei sich. Ihre Kleidung war elegant, und das schwarze lange Haar der Frau prachtvoll frisiert. Der Mann machte einen stillen, ruhigen Eindruck. Sie waren nicht verheiratet. Aber Alfredo war es gleich. Was sie da oben trieben, war ihm völlig egal. Solange sie Miete bezahlten, war alles in Ordnung.

Das taten sie denn auch, pünktlich. Und sie bezahlten auch das Essen. Das ging so drei Wochen lang, dann kamen sie nicht mehr zum Essen. Alfredo konnte sich schon denken, warum nicht. Durch den Kellner stellte er ihnen Obst ins Zimmer und ließ sagen, das sei im Mietpreis einbegriffen. Er wollte sie nicht demütigen.

In der vierten Woche ging die Frau auf den Strich. Der Mann war am Tage immer verschwunden, kam spät am Abend zurück, müde, erschöpft und mit traurigem Gesicht.

Alfredo war nicht neugierig, aber langsam machte er sich doch seine Gedanken über die seltsamen Gäste.

Leo meinte: »Vielleicht werden sie von den Bullen gesucht, was meinst du?«

»Das glaube ich nicht.«

»Wohin geht der Kerl bloß?«

»Das kümmert mich nicht. Nichts kümmert mich, solange sie keinen Stunk bei mir machen.«

Sie lebten ganz zurückgezogen, aber in der fünften Woche begann die Frau zu trinken; wahrscheinlich, um alles zu vergessen. Sie sah auch längst nicht mehr so gepflegt aus. Das Haar trug sie jetzt offen und nicht mehr so kunstvoll hochgesteckt. Das Gesicht wurde nicht mehr gepflegt, und so wirkte sie bald wie eine Schlampe. Aber ihr schien das alles gleichgültig zu sein. Alfredo hatte das Gefühl, als sehne sie den Tod herbei. Er fühlte einen Schauer über seinen Rücken laufen, wenn er sie anblickte.

Sie sprach sehr wenig, aber wenn er ihre Stimme hörte, war er angenehm berührt. Sie klang fein und melodisch. Ihr Wesen war auf volle Rücksichtnahme gestellt.

Alfredo begann, sich für die Frau zu interessieren.

 

 

2

Die Kneipentür pendelte hin und her und spuckte dabei ein junges, schlaksiges Mädchen in den Raum. Es bestand nur aus Beinen und Haaren, die superblond und sehr lang waren. Puppenhaft das Gesicht, große blaue Augen, kleiner Schmollmund. Jetzt stand sie mitten im Sonnenfleck, das superkurze Röckchen über den braungebrannten Beinen, der enge weiße Rolli hielt kaum die Brüste zusammen.

Sie schlenkerte ihren Bukokoffer hin und her, trippelte dann zur Theke und kletterte auf den Barhocker. Ihr schien die Hitze nichts auszumachen.

»Hallo, Alfredo, ich verdurste!«, rief sie mit rauchiger Stimme. Zugleich wühlte sie in der kleinen, schwarzen Tasche, um an das Geld heranzukommen.

Alfredo erschien aus dem Hinterzimmer. Dort hatte er seine Füße in eine Schüssel mit kaltem Wasser gestellt. Das tat gut und erfrischte ungemein.

»He, Susan, auch wieder im Lande?«

Das kleine Nüttchen grinste und wischte sich die Haare aus dem Gesicht. »Ich war in Spanien. Mann, da war ein Strand! So feinkörnig der Sand, und blau das Wasser. Dufte, sage ich dir. Das war wirklich eine tolle Sache, ehrlich! Du, das mach ich jetzt öfter, da tankt man richtig fein auf. Jetzt macht das Arbeiten noch mal so viel Spaß. Ehrlich, Alfredo.«

»Wem sagst du das?«, grinste er zurück und stellte ihr ein kühles Bier neben die Tasche. »Musst das deinem Lui sagen. Ich hab dir schon immer gesagt, der Mensch braucht eine Ruhepause. Siehst wirklich knackig aus.«

»So bin ich überall!«, grinste sie zurück. »Willste mal sehen?«

»He, du willst mir doch hier keinen Strip vorlegen«, sagte Alfredo. »Das ist nicht jugendfrei.«

Sie kicherte. »Seit wann bist du so prüde, Alfredo?«

»Bei mir nicht. Kannst mir ja eine Privatvorstellung geben«, sagte er lachend.

Susan wollte gleich vom Hocker rutschen, da setzte er hinzu: »Wenn es ein wenig kälter geworden ist. Bei dieser Hitze macht das ja überhaupt keinen Spaß.«

Die Dirne zog einen Fluntsch. »Mann, dann ist die Bräune doch wieder weg!«

»Süße, dann musst du eben noch mal runter.«

In diesem Augenblick durchzog ein heftiger Seufzer das Lokal. Erstaunt drehte sich die kleine Dirne auf ihrem Hocker herum und sah in die linke Ecke.

»Mann, Alfredo! Da liegt ja eine Schnapsleiche! Hast du die noch nicht gesehen? Sonst setzt du sie doch immer gleich an die Luft. Hab ich mich erschrocken.«

Der Wirt warf einen flüchtigen Blick auf Lilian de Bohra und begann, die Gläser zu putzen. Am Tage war nicht so viel los, da machte er alles mit der linken Hand. Sein Kellner hatte dann frei.

»Die macht keinen Ärger«, sagte er ruhig.

Susan rückte ihren Hocker wieder zurecht.

»Die kenn ich ja gar nicht. Seit wann ist die denn hier im Viertel? Mann, das ist ja schon ein altes Wüstenschiff! Und die will uns hier Konkurrenz machen? Da lachen ja alle Hühner!«

»Sie ist noch nicht lange hier. Aber jetzt hat sie das Recht, hier zu stehen, verstanden?«

Susan plinkerte mit den Wimpern.

»Mensch, Alfredo, du nimmst sie ja in Schutz! Das ist ja eine ganz neue Masche von dir.«

»Sie ist eine Dame, kapiert?«

Die Dirne lachte schallend. »Ich fress einen Besen mit Stiel, wenn das eine Dame ist. Also, dann bin ich Herzogin.«

»Hör auf, über andere herzuziehen.«

Sofort verstummte das Lachen. Die kleine Dirne merkte sofort, sie hatte genau ins Schwarze getroffen. Sollte er vielleicht in die verleibt sein? Du liebe Güte, dachte sie verblüfft, das ist ja ein Abschreckungsmittel. Bei der wird den Freiern ja schlecht. Und ausgerechnet die hat sich bei Alfredo eingenistet! Schöne Schweinerei ist das. Ehrlich, ich strample mich ab und mach ihm schon seit einer Ewigkeit schöne Augen, und der sieht mich gar nicht. Natürlich liebe ich den Fettwanst nicht, aber er hat Geld. Und beim Teufel, wenn er mich heiratet, dann finge für mich ein schönes

Leben an. Ade, du blöder Lui, dann kannst du dir ein anderes Trittvögelchen suchen. Ich geh dann nicht mehr für dich auf den Strich. Dann bin ich nämlich eine feine Dame, jawohl!

Als sie so weit mit ihren Gedanken gekommen war, zuckte sie zusammen. Das würde nie der Fall sein, jetzt wusste Sie es ganz genau.

»Wie heißt sie eigentlich?«

»Lilian«, sagte Alfredo.

»Na, dann will ich mal Kontakt mit ihr aufnehmen, so von Frau zu Frau, kapiert?«

Und schon rutschte sie vom Hocker herunter und ging hinüber in die Ecke. Sie setzte sich unaufgefordert an den Tisch.

Bis zu dieser Minute hatte Lilians Kopf in einer Bierlache gelegen. Das Glas war umgefallen. Ein paar Fliegen bemühten sich, aus der Pfütze zu trinken, ohne sich die Beine nasszumachen. Denn das Zeug war klebrig.

»He, Alfredo, ich spendier eine Runde! Bring mal zwei Bier!«, rief sie durch das Lokal.

Wenig später standen die beiden Gläser auf dem Tisch. Alfred putzte die Lache weg.

»Warum lässt du sie nicht in Ruhe?«

»Lass mich«, sagte Susan zänkisch. Sie war eben wütend und wollte ihrer Rivalin jetzt das Leben ein wenig schwermachen.

»Prost!«, sagte sie laut.

Alfredo ging zur Theke zurück und machte sich an den Flaschen zu schaffen. Dabei konnte er die Unterhaltung der beiden verfolgen.

Lilian hob den Kopf und sah die Dirne erstaunt an. Sie war noch nicht so betrunken, dass sie nicht mehr alles wahrnahm. Susan sah ihr Gesicht, die Augen und schluckte einmal schnell. Beim Teufel, dachte sie verblüfft, bis jetzt hab ich immer gedacht, das ist nur so ein Gerede, das gibt es nicht in Wirklichkeit. aber jetzt sah sie es selbst: Diese Frau hatte dunkle Augen, die violett schimmerten. Dazu das feingeschnittene Gesicht. Dass sie einmal sehr schön gewesen sein musste, das konnte man auch jetzt noch sehen. Wenn sie jetzt auch verlebt wirkte, so strahlte doch etwas Eigenartiges von ihr aus. Alfredo hat recht, durchfuhr es sie sofort. Sie ist eine wirkliche Dame. Sie kann noch so tief sinken, sie wird immer eine Dame bleiben.

»Warum schenkst du mir das Bier?«, fragte sie mit ihrer melodischen Stimme. »Ich kenne dich doch gar nicht.«

Ihre Hand streckte sich aus, und sie umkrampfte das Glas. Susan sah den Schaum, lächelte wie verzeihend und meinte: »Ich darf nichts mehr trinken. Die Hitze, wissen Sie.«

Vor dieser Frau fühlte sie sich wie eine ganz gemeine, schäbige Hafendirne. Und dabei war sie so etwas wie eine Stardirne im Kleinen. Sie war in keinem Haus, sondern ging auf den Straßenstrich. Aber auch dort herrschte so etwas wie eine Rangordnung. Sie hatte den besten Platz, zudem war sie jung, knusprig und hatte einen großen Mund. Bangemachen ließ sie sich nicht. Sie nahm es mit jedem auf. Sie hatte die Hosen an, und Lui konnte wirklich froh sein, dass er nicht einen Tritt bekam. Aber eine Dirne braucht nun einmal auch Liebe, und da sie diese nicht freiwillig bekam, so erkaufte sie sich die eben.

»Ich wollte nicht stören«, sagte sie hastig. »Ich dachte, es würde Sie freuen.«

Unwillkürlich hatte sie Sie gesagt und nicht das übliche Du, wie es unter Dirnen üblich war.

»Danke«, sagte Lilian und nahm einen kleinen Schluck. »Das Bier ist wirklich kühl. Die Hitze macht mich kaputt.«

Susan trank viel zu hastig, und schon merkte sie, wie ihr Kopf zu singen anfing.

»Alfredo sagt, Sie stehen auch?«

Lilian starrte durch die andere hindurch. Das Gesicht wirkte plötzlich so kantig. Susan fröstelte leicht, trotz der unerträglichen Hitze.

»Man muss doch von irgend etwas leben«, sagte sie leise. »Zuerst geht man kopflos fort und denkt nur an den Augenblick. Die Welt ist zusammengebrochen, darum flieht man, fort, weit weg. Man kann nicht anders, man geht so lange, bis man nicht mehr kann. Und dann ist man irgendwo, und es ist Nacht, und alles ist so dunkel. Dann kommt der Schlaf, aber am Morgen steht dann die Wirklichkeit vor der Tür. Man will nicht mehr ruhen, nie mehr! Das Herz ist gebrochen, und so hofft man auf einen schnellen Tod. Das Leben ist so sinnlos geworden. Man will auch nicht mehr kämpfen.«

Ihr Blick kehrte zurück. Sie sah Susan jetzt wirklich an. »Wissen Sie«, sagte sie ganz ruhig. »Wissen Sie eigentlich, wie schwer es ist, zu sterben?«

Susan, die kleine Stardirne, hatte das Gefühl, in einer Gruft zu stehen. Modrig und kalt war es um sie herum. Und dann sah sie nur diese seltsamen Augen vor sich.

»Der Tod will mich nicht«, die Stimme der Frau brach in Stücke. Stammelnd sagte sie noch ein paar Worte. Aber die konnte sie nicht verstehen. Dann fiel der Kopf auf den Tisch zurück, und sie begann zu weinen. Es war schrecklich, sie so zerbrechlich zu sehen. Und dann das Weinen. Eiskalt wurde ihr, aber was sollte sie denn tun?

Unbeholfen drehte sie sich herum, sah Alfredo an.

»Tu doch etwas«, sagte sie, und ihre Zähne klapperten aufeinander.

»Was soll ich denn tun?«

»Irgendwas.«

Sie sprang auf, lief zu ihm und rüttelte ihn.

»Kannst du das denn ertragen?«

»Sie muss weinen«, sagte er ruhig. »Sonst geht sie zugrunde. Solange man noch weinen kann, ist es gut.«

»O du mein Gott, mir ist richtig übel«, flüsterte Susan.

»Warum?«

Scheu blickte sie zu der weinenden Frau zurück.

»Sag mal, ist sie vielleicht nicht richtig im Kopf? Sie hat so komisch geredet, ich weiß nicht...«

»Nein, sie ist nicht verrückt. Ganz normal, wenn du das wissen willst.«

Susan hatte ganz böse Augen. »Welcher Hund hat sie auf dem Gewissen? Verdammt, welcher Bastard hat sie zerbrochen?«

»Das weiß ich nicht.«

»Wo wohnt sie?«

»Bei mir oben. Warum?«

»Hat sie einen Zuhälter? Kennst du ihn?«

»Da gibt es einen Mann«, sagte er zögernd. »Aber ich glaube nicht, dass er ein Zuhälter ist. Nein, das glaube ich wirklich nicht, obwohl...«, er zögerte kurz.

»Was ist mit dem Kerl?«, wollte Susan jetzt wissen.

»Ich glaube, er lebt von dem Geld der Frau. Ich meine, vorher hat er immer Miete und Essen bezahlt, aber dann nicht mehr. Jetzt tut sie es immer.«

»Und du glaubst wirklich, er wäre nicht ihr Zuhälter?« Sie lachte verächtlich auf. »Also wirklich, Alfredo, sonst bist du nicht auf den Kopf gefallen. Wieso glaubst du plötzlich...« Weiter kam sie nicht, denn in diesem Augenblick ging die Schwingtür auf und ein hochgewachsener Mann mit schon grauen Schläfen betrat den Raum. Er mochte an die fünfunddreißig Jahre alt sein, also ein wenig jünger als die Frau am Tisch.

Alfredo grüßte ihn und Susan machte das stutzig. Dann merkte sie, wie der Fremde auf Lilian zuging. Er setzte sich neben die Frau, legte den Arm um ihre Schulter und sagte behutsam: »Was ist denn los? Bitte, sag es mir doch.«

Lilian de Bohra hob den Kopf, sah ihn an und sagte dann weinend: »Ich kann nicht mehr, ich kann doch nicht mehr.«

Er machte ein trauriges Gesicht, nickte langsam. Sein Arm lag noch immer um ihre Schulter. Hilflos sah er zum Wirt, dann zu dem fremden Mädchen.

»Komm Lilian, ich bringe dich nach oben. Schlaf ein wenig, ja?«

»O Peter, verstehst du denn nicht? Ich kann doch nicht mehr!«

»Ruh dich ein wenig aus, das wird dir guttun. Und später trinken wir dann zusammen eine Tasse Kaffee, ja?«

»Ja«, sagte sie leise. »Vielleicht hast du recht. Ich sollte mich wirklich nicht so gehenlassen.« Dann wischte sie die Tränen ab und sagte leise: »Und du?«

Er lächelte vage: »Weißt du...« begann er zögernd.

Sie legte ihre schmale Hand auf seinen Mund. »Bitte, sprich jetzt nicht weiter. Bitte, ich kann mir schon alles denken.«

»Ach, Lilian ...« Dann erhoben sich beide und verließen die Schenke durch die Hintertür.

Sie hörten sie noch auf der Treppe miteinander reden, aber dann verstummten sie, wenig später klappte oben eine Tür.

Alfredo sah Susan an: »Nun?«

»Ist er das?«

» Ja!«

Sie biss sich auf die Lippen.

»Vielleicht ist er nur vor uns so nett zu ihr«, meinte sie rasch.

»Ach nein, er ist immer so, fürsorglich und treu. Er behandelt sie zuvorkommen und möchte ihr am liebsten das Leben erleichtern. Ich meine, ich habe das Gefühl, dass es so ist. Aber die beiden geben mir schon Rätsel auf.«

»Komisch ist das wirklich«, meinte die kleine Dirne. »Das ist mir auch noch nicht widerfahren. Sie tut mir verdammt leid, ehrlich. Sonst kümmere ich mich ja einen Dreck um andere. Jeder muss mit sich selbst fertig werden. Aber als die mich vorhin so angesehen hat, ich kam mir richtig schäbig vor, ehrlich.«

Sie schwiegen beide eine Weile. Susan nippte an ihrem Bier, und Alfredo spülte die Gläser aus.

»Du liebst sie?«

So plötzlich hatte sie das ausgestoßen, dass Alfredo unwillkürlich zusammenzuckte.

»Du bist verrückt!«, keuchte er, wurde aber rot, was wirklich sehr selten bei ihm vorkam.

»Du brauchst mir nichts vorzumachen, ich spüre das. Aber warum sagst du es ihr denn nicht?«

»Ich ihr sagen?« Alfredo hatte es sofort aufgegeben, Susan Sand in die Augen zu streuen. »Die sieht mich ja gar nicht. Ich bin Luft für sie. Ich glaube, die hat mich noch nie bemerkt, und dann...«

»Der Mann«, sagte die Dirne.

Die Gläser waren alle geputzt. Er wusste nicht, was er noch tun konnte, um sich zu beschäftigen.

»Ich an deiner Stelle würde es versuchen, Alfredo!«

Er sah sie ruhig an.

»Warum?«

»Herrje!«, lachte sie auf. »Das ist doch normal! Man muss es immer versuchen. Entweder man hat Glück oder Pech. Aber man weiß dann, woran man ist.«

»Du verstehst gar nichts!«, sagte er wütend. »Überhaupt nichts!«

»So, ich bin also doof!«, antwortete sie giftig. »Ich verstehe also nichts von Liebe! Na, das musst ausgerechnet du mir sagen.«

»Ich meine doch nicht die Liebe, sondern...«

»Sondern?«, reizte sie ihn.

»Ich bin zu gut für diese Frau.«

Susans Mund ging auf. Sie wollte etwas sagen, aber da ging die Hintertür auf, und der Mann kam allein in die Schenke. Er hatte ein müdes Gesicht. Schleppend kam er näher, nahm an der Theke Platz und sah den Wirt wie um Verzeihung bittend an.

»Bitte, geben Sie mir ein kleines Bier.«

»Sehr wohl«, sagte Alfredo eifrig.

Susan wandte sich ihm zu. Er sah sie nur flüchtig an. Sie fand ihn äußerst anziehend und interessant. Er war so etwas wie ein Kavalier, ja, das war das richtige Wort für ihn. Solche Männer gab es hier nicht, oder fast nie. Und dieser Mann also lebte bei Alfredo. Du meine Güte, dachte sie spontan, mit dem würde ich es sogar umsonst machen, ehrlich. Der interessiert mich wirklich, der kann mich noch scharf machen.

Sie rückte ein Stück näher.

»Prost!«, sagte sie und hob ihr Glas.

»Prost«, gab er ruhig zurück, dann trank er einen kleinen Schluck, stellte es auf die Theke zurück. Sein Blick war noch immer wie verschleiert. Man kam einfach nicht an ihn heran.

Alfredo sagte: »Kann ich vielleicht etwas für sie tun?«

Der Mann, den die Frau Peter genannt hatte, blickte den Wirt an. »Sie meinen, wegen vorhin? Danke, nein, ihr geht es jetzt wieder ein wenig besser. Sie hat sich hingelegt, und ich hoffe, dass sie ein wenig Schlaf findet. Wenn man schläft, braucht man nicht zu denken.«

»Gewiss, Sie haben recht.«

Susan sagte schnippisch: «Lass sie vom Strich weg, dann wird es ihr sofort besser gehen. Das ist ein verfluchtes Leben kann ich dir flüstern.«

Um die Mundwinkel des Mannes begann es zu zucken. »Ja, was glauben Sie, was ich die ganze Zeit verzweifelt versuche?«

»Was denn?«, fragte Alfredo mit belegter Zunge.

»Seit Wochen renne ich mir die Füße wund nach Arbeit.«

Susan und der Wirt sahen sich verblüfft an.

»Wie bitte?«

»Sie haben richtig gehört. Ich will Arbeit, irgendeine Arbeit. Arbeit, mit der ich Geld verdienen kann. Aber man gibt mir keine.« Fast schluchzend hatte er es ausgestoßen.

Alfredo räusperte sich: »Wollen Sie vielleicht eine bestimmte Arbeit, junger Mann?«

»Bestimmte!«, stöhnte er auf. »Bestimmte? Mir ist alles egal.«

Susan stützte ihren Kopf auf. »Soll also heißen, du hast gar nichts gelernt. Ja, dann ist es verdammt schwer, Arbeit zu finden. Hast dir wirklich eine feine Zeit ausgesucht.«

»Ich habe etwas gelernt«, sagte er müde. »Ich habe sogar einen Meisterbrief, aber ich bin schon so lange aus dem Beruf raus. Doch was rede ich denn darüber. Sie können mir keine Arbeit beschaffen, Sie nicht und Sie auch nicht, Herr Wirt. Aber ich muss Arbeit finden, ich muss, sonst geht sie mir noch kaputt.«

»Ihre Frau?«

»Meine Frau?« Er hatte es so wild ausgestoßen, dass Susan vor Schreck fast vom Hocker gepurzelt wäre.

»Ich meine doch die da oben«, sagte sie rasch und wies mit dem Finger zur Decke.

»Ach so!«, sagte er müde. »Ja, sie geht mir sonst kaputt, und das will ich nicht. Aber sie ist nicht meine Frau.«

»Wieso belasten Sie sich dann damit?«, sagte Alfredo schnell.

Peter Linder trank wieder einen Schluck Bier.

»Was verstehen Sie denn schon vom Leben? Sie leben hier in der Kneipe und kümmern sich nicht um die Welt da draußen. Sie sind ihr eigener Herr und von niemandem abhängig. Ach, ich will nicht mehr darüber sprechen, ich will es nicht mehr.« Er biss die Zähne fest zusammen. Seine Backenknochen standen scharfkantig gegen die Sonne.

Dann trank er den letzten Schluck Bier, zählte das Geld sorgsam ab, drehte sich um und ging nach draußen.

»Puh!«, sagte Susan. »Ehrlich, das ist ja hier wie in einem Gruselkabinett.«

Alfredo nahm das schmutzige Glas und tauchte es ins Wasser.

»Verstehst du mich jetzt?«

»Die beiden haben ein Geheimnis«, sagte Susan flüsternd. »Das merkt doch ein Blinder mit Krückstock!«

»So schlau bin ich auch«, gab er brummig zurück.

Sie zahlte.

»Na ja, dann will ich mich mal wieder auf die Strümpfe machen. Ich muss noch einkaufen, zum Friseur, und dann ist es auch schon soweit. Wie ist es, hast du noch immer deinen alten Koch?«

»Natürlich.«

»Na, dann kannst mich wieder aufschreiben zum Essen.«

»Aber pünktlich sein, klar?«

»Natürlich«, sagte sie und trippelte nach draußen.

 

 

3

Die Sonne brannte immer noch heiß, obwohl es schon auf den Abend zuging. Für die Nacht bedeutete das gutes Arbeiten. Dann hatte sich der Tag endlich abgekühlt. Die Sinne erwachten wieder, und weil man den Tag über dösend verbracht hatte, wollte man jetzt nicht gleich schlafen gehen. Susan war schon lange genug Dirne, um genau zu wissen, wann man mit vielen Kunden rechnen konnte und wann nicht.

Während sie jetzt aber durch die Straßen trippelte, grübelte sie über das eben Vorgefallene nach. Es ärgerte sie, dass sie jetzt ihre Hoffnung aufgeben musste. Sollte sie wirklich bis ans Ende ihrer Tage eine Dirne bleiben? Obwohl sie eine der wenigen war, die Geld auf der Kasse hatte, machte sie sich doch nichts vor. Die Masse lehnte eine Dirne ab. Wenn man erst einmal so tief gesunken war, gab es kein Zurück mehr, es sei denn, man war zu dieses Leben gezwungen worden. Aber das konnte sie nun wirklich nicht von sich behaupten. Sie hatte das triste Leben im Büro satt gehabt. Alle schliefen jetzt mit jedem, der nur ein wenig ansprechend wirkte. Dann war bei ihr der Augenblick gekommen, wo sie sich sagte: Für ein paar Mark schufte ich mich jetzt Monat für Monat ab und kann mir doch nichts leisten. Reich werde ich dabei nicht. Warum soll ich jetzt nicht Geld für meinen Körper verlangen?

Und so hatte sie dann erst im Kleinen angefangen. Sie war ein rassiges Geschöpf, und die Männer im Betrieb waren schon lange scharf auf sie gewesen. Aber als sie hörten, dass sie für das Vergnügen zahlen sollten, wurden sie ziemlich schnell nüchtern. So war sie denn gegangen. Dies war nun keine Millionenstadt, und hier gab es auch keine öffentlichen Häuser für Dirnen. Man sträubte sich immer noch dagegen.

Ja, man ging sogar so weit, dass man diese bewusste Straße einfach totschwieg. Kein Stadtrat wollte sie in seinem Viertel wissen, und so mussten sie alle Augenblicke ihren Standort wechseln. Aber die Kunden kamen immer wieder. Die fanden sehr schnell heraus, wo jetzt die Trittvögelchen standen. Besonders die Taxifahrer profitierten davon, wenn sie weit außerhalb der Stadt stehen mussten. Wer mit dieser Gondelei überhaupt nicht zufrieden war, das war die Polizei. Sie war nicht so dumm und übersah die Dirnen. Obwohl es eigentlich verboten war, sich anzupreisen. Sie durften sich dabei nicht erwischen lassen. Deshalb standen sie nur herum und warteten darauf, dass die Kunden sie ansprachen. Dann hatten sie zu antworten. Aber sie hatten sich nicht angeboten. Ja, so feinsinnig kann manchmal das Gesetz sein. Die Polizei war froh, dass sich in dieser Stadt Dirnen aufhielten, solange sie keinen Ärger machten. Denn würde sie es nicht geben, wären nächtliche Überfälle auf anständige Frauen unvermeidlich.

Susan wusste um dies alles, aber was sollte sie dazu sagen? Nun ja, sie verdiente sehr gut, und vielleicht würde sie eines Tages doch noch den Sprung schaffen. Dann würde sie aber Geld haben und brauchte sich keine untergeordnete Stelle mehr suchen.

Wieso musste sie jetzt daran denken? Ach ja, wegen dieser seltsamen Fremden! Sie hätte gern deren Geheimnis erfahren, aber so wie die Dinge lagen, würde Alfredo sie auch nicht bekommen. Vielleicht dachte er noch einmal gründlich darüber nach und würde sie dann doch noch nehmen. Sie würde auf alle Fälle auf der Hut sein.

Oder noch besser, wenn sie nun diese Frau aus dem Viertel vergraulte? Dann musste sie ihre Zelte hier abbrechen und in eine andere Stadt gehen. Einen Zuhälterschläger hatte sie ja nicht. Lui würde mit dem Mann sehr schnell fertig werden. Susan biss sich auf die Lippen. Beim Teufel, dieser Mann lag ihr im Magen, ehrlich! Für den hätte sie wieder anständig werden können. Ein Kavalier würde sie nie schlagen, sich nicht über sie erheben. Er würde sie wie eine Dame behandeln. Das Leben war schon verflucht, all das, was man haben wollte, bekam man nicht. Die süßen Trauben hingen eben zu hoch. Aber so schnell würde sie nicht aufgeben.

Sie hatte das elegante Wohnviertel erreicht. Lui saß im Augenblick noch im Püttermann; Fahrerflucht und Trunkenheit. Nun, er würde noch ein wenig schmoren müssen. Wenn sie Lust hatte, würde sie ihn einmal besuchen. Aber sie war seiner ohnehin schon lange überdrüssig. Doch die Dirne wusste ganz genau, ohne Zuhälter kam man nicht aus. Besonders auf dem Straßenstrich wäre das eine gefährliche Sache. Wenn sie sich einen anderen zulegte, dann würde sie es nicht so leicht haben, den zum Pantoffelhelden zu machen. Und sich für einen Kerl abschuften, ihm das Geld in den Rachen werfen? Nein, so weit ging ihre Liebe nun wirklich nicht. Wieder dachte sie an diesen Fremden mit den grauen Schläfen. Er suchte Arbeit. Und wenn sie sich jetzt anbot, für ihn zu arbeiten? Ihn hätte sie gern zum Loddel gehabt.

Sie durchquerte die kleinen Anlagen. Wer hier wohnte, der musste ein schönes Einkommen haben. Susan schaute verächtlich die Häuserfront hoch. Wenn die wüssten, dass ich eine Dirne bin, die würden sich vor Schreck die Hosen nassmachen. Aber sie werden es nie erfahren, und darum behalte ich meine Wohnung. Dieses Beneidetwerden brauche ich einfach. Und beneidet wurde sie. Denn sie trug immer die neueste Mode, und alle Augenblicke hatte sie einen anderen Wagen. Niemand wusste so recht, was sie tat. Ihre Nachbarin war ein neugieriges Geschöpf; keine Kinder, nicht mehr im Beruf, nur noch Hausmütterchen, langweilte sie sich schrecklich. Aber Susan war ihr gewachsen. Die konnte sich an ihr die Zähne ausbeißen.

Auch jetzt stand sie im Flur, als sie aus dem Fahrstuhl stieg.

»Ah, Sie sind aber braun! Wirklich. Waren Sie in Urlaub?«

»Diese Bräune kann man sich auch in Deutschland holen«, gab sie zur Antwort. »Man braucht sich nur nach draußen zu legen.«

Eine Antwort, aber doch nicht die richtige. So wusste die Nachbarin nichts. Verblüfft blickte sie Susan an, aber die lächelte süß und schloss ihre Wohnung auf.

»Verdammtes Luder«, murmelte sie, als sie die Tür geschlossen hatte. Sie besaß eine elegante Vier-Zimmer-Wohnung. Susan hatte wirklich sehr viel Geschmack. Nur das Beste hatte sie gekauft. Erstens, weil es ihr Spaß machte, und zweitens war es auch eine gute Geldanlage, Antiquitäten zu kaufen. Wenn man sie verkaufen musste, bekam man einen viel höheren Preis dafür, als man seinerzeit bezahlt hatte.

Lui wohnte hier nicht. Nur wenn sie Lust hatte, lud sie ihn ein. Er hatte eine kleinere Wohnung in der Stadt. Sie duschte, machte sich einen Kaffee und ging auf den Balkon. Vor ihrem Fenster stand ein Kastanienbaum. Unten war ein kleiner, hauseigener Spielplatz. Dort tummelten sich die Kinder. Junge Mütter saßen auf den Bänken und sahen ihnen beim Spielen zu. Ein besonders fixes, kleines Kerlchen war darunter. Susan mochte ihn besonders gern, und wenn er sie erblickte, kam er zu ihrem Balkon getrippelt. Dann warf sie ihm immer Zuckerzeug herunter.

Etwas nachdenklich saß sie da und sah auf die Kinder. Ihr besonderer Liebling war heute nicht da. Sie war jetzt dreiundzwanzig Jahre alt. Alle ihre Schulfreundinnen waren schon längst verheiratet. Wenn man in diesem Alter keinen festen Freund hatte, konnte man damit rechnen, dass man unverheiratet blieb. Obwohl man sich eigentlich dagegen auflehnte, gegen das Verheiratetsein etwas hatte. Viele junge Paare lebten auch ohne Trauschein zusammen. Aber wenn man genau hinter die Kulissen blickte, dann taten diese jungen Mädchen es nur, um den Freund nicht zu verlieren. Sie sehnten sich danach, geheiratet zu werden, besonders, wenn Kinder da waren. In ganz seltenen Fällen wollte die Frau nicht heiraten, und dann war der Mann wild darauf erpicht; denn er glaubte sich einfach sicherer, wenn er sie gesetzlich an sich gebunden hatte. Eigentlich bestand das ganze Leben nur aus Egoismus. Einer musste immer darunter leiden, und so würde es auch immer bleiben.

Susan kannte sich damit aus. Bis jetzt hatte es ihr nichts ausgemacht, nicht verheiratet zu sein. Aber schon im Urlaub hatte sie oft darüber nachdenken müssen. Seltsamerweise war ihr erst da aufgegangen, dass sie Kinder liebte. Sollte sie nie ein eigenes Kind haben? Sie hatte eine große Wohnung, war am Tage immer da, und sie hatte auch Geld genug, um dem Kinde alles bieten zu können. Viele Schauspielerinnen und Schlagersängerinnen zogen ihre Kinder allein auf. Nun, damit konnte man sich nicht messen, die zogen nämlich ihre Kinder gar nicht selbst auf. Das taten entweder die Großmütter oder vornehme Internate. Die ledigen Mütter selbst ließen sich nur hin und wieder mit ihrem Kind fotografieren und erklärten dann strahlend, wie gut sie ohne Mann bei der Erziehung auskämen.

Würde sie das gleiche tun, würde man es das Kind spüren lassen. Eine Hure als Mutter? Nein, das wurde sofort abgelehnt. Wenn sie also ein Kind wollte, musste sie diesen Beruf aufgeben. Dann aber hatte sie nicht genug Geld, um es anständig aufwachsen zu lassen. Oder sie musste das Kind in eines dieser teuren Internate in der Schweiz geben. Dann hatte sie wohl ein Kind, aber wiederum auch nicht. Es würde immer so weit fort sein, und sie konnte es nur in den Ferien besuchen.

Komisch, sie sehnte sich nach einer ganz einfachen kleinbürgerlichen Ehe. Der Mann ging arbeiten, sie versorgte den Haushalt und sorgte sich um die Kinder. Sie wäre ihnen eine fabelhafte Mutter, mehr Kameradin als Mutter. Drei Söhne wollte sie haben. Ach, und sie würden zusammen viele dumme Dinge anstellen!

Zusammenfassung


Mit Leidenschaft führt Alfredo seine Kneipe. Sie ist recht schmuddelig, aber das stört seine Gäste nicht. Im Gegenteil, sie fühlen sich sehr wohl und bleiben unter sich. So ist Alfredo sehr erstaunt, als eines Tages ein Paar die Kneipe betritt und zwei Zimmer anmietet. Die Frau ist eine Dame und der Mann ein vornehmer Herr. Es scheint sie nicht zu stören, dass sie zwischen Huren und zwielichtige Gestalten geraten sind. Schon bald beginnt die Frau selbst auf den Strich zu gehen, doch der Mann scheint trotzdem nicht ihr Zuhälter zu sein. Susan, die als Stardirne gilt und Stammgast bei Alfredo ist, freundet sich langsam mit der Frau an und erfährt so ihr Geheimnis.

Details

Seiten
127
Jahr
2021
ISBN (eBook)
9783738950113
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2021 (Februar)
Schlagworte
redlight street strich

Autor

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Titel: Redlight Street #155: Sie war nicht für den Strich geboren