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Der Marshal und der Rancher

2021 122 Seiten

Leseprobe

Table of Contents

Der Marshal und der Rancher

Copyright

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Der Marshal und der Rancher

Western von Glenn Stirling

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 122 Taschenbuchseiten.

 

Der Rancher Dickens muss erleben, dass zwei seiner Kinder getötet wurden. Jemand legt es darauf an, sein Lebenswerk zu zerstören und ihn zu vernichten. Obwohl Dickens ihn nicht sehr schätzt, steht US Marshal Cliff Copper auf seiner Seite und versucht ihm zu helfen. Wer wissen will, wer hinter diesem Vorhaben steht, muss weit in die Vergangenheit zurückgehen.

 

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

Alfred Bekker

© Roman by Author

© Cover Firuz Askin

© dieser Ausgabe 2021 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

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1

„Ich sollte sie in Ruhe lassen, diese beiden Taugenichtse. Jack, ein Tunichtgut, und Billy, ein Falschspieler.“ Aber Cliff sagte das nur, ohne daraus die Konsequenzen zu ziehen. Er würde eingreifen, dazu war er fest entschlossen. Was der schöne Billy vorhatte, war Mord. Und den würde Cliff zu verhindern wissen.

Er zielte ruhig, atmete aus und drückte ab. Der Kolben ruckte an der Schulter. Drüben riss es dem schönen Billy den Colt aus der Hand. Billy machte einen Satz zur Seite und presste die Linke auf seine blutende Rechte. Jack Dickens musste seine Chance sofort erkannt haben. Er sprang auf und bückte sich nach Billys Colt.

Cliff schoss noch einmal. Und diesmal klatschte das Geschoss haarscharf neben Jacks Fuß.

Jack hatte begriffen. Er richtete sich auf, blickte sich nach allen Seiten um. Auch Billy dachte nicht mehr an seinen Kampf gegen Jack. Er war völlig mit seiner verletzten Hand beschäftigt.

Cliff stand auf und ging langsam den Hang hinunter. Ein großer Mann, breitschultrig. Seine dunklen Lederchaps glänzten im Morgensonnenschein. Das verwaschene blaue Hemd saß straff auf dem muskulösen Körper. Auf der rechten Brustseite war ein von der Witterung stumpf gewordenes Abzeichen aufgesteckt. US Marshal stand darauf. Tief hingen die Colts an Cliffs Schenkeln. Ihre Kolben glänzten wie Speck, so abgegriffen waren sie.

Billy Lonford und Jack Dickens erkannten ihn alle beide. Offenbar beeindruckte es sie auch, denn sie standen reglos, bis er vor ihnen angelangt war.

Er musterte sie, klemmte das Gewehr unter den Arm und steckte die Hände in die Hosentaschen. Lächelnd betrachtete er den schönen Billy. „Na, mit der Pfote spielst du nicht mehr falsch. Schnall ab, Bill!“

Billy sah ihn wütend an. „Wir sehen uns noch wieder! Und dann spicke ich dich mit heißem Blei, du Bluthund!“

Ungerührt wandte sich Cliff Jack Dickens zu. „Geh zu ihm und hole die viertausend Bucks aus seiner Tasche!“

Jack grinste zufrieden und befolgte Cliffs Befehl. Vielleicht dachte er, Cliff würde ihm die viertausend Dollar lassen.

Der schöne Billy war da völlig anderer Ansicht. „Eh, das gibt es nicht. Auch als Marshal hast du kein Recht, mir das Geld abnehmen zu lassen. Es ist erspielt und …“

„Und?“, näselte Cliff geringschätzig. „Nimm es ihm ab, Jack! Und dann bringst du‘s mir! Bill, schnall den Waffengurt endlich ab, bevor ich es tue!“

Der Gewehrlauf schwenkte herum. Cliffs Hände glitten aus den Taschen, umfassten Schaft und Kolbenhals. Das genügte Billy. Er schnallte ab.

Jack hatte indessen die Brieftasche in den Händen.

„Zahl die viertausend ab! Den Rest gibst du ihm wieder!“, befahl Cliff.

„Und wenn du zehnmal ein verdammter Bulle bist, ich werde dich drankriegen! Du hast kein Recht, mein Geld …“ Billy bebte vor Wut.

Doch Cliff blieb ruhig. „Komm wieder runter von der Leiter, Dummkopf! Gegen mich richtest du nichts aus … Bist du fertig mit dem Zählen, Jack?“

Jack wollte die viertausend Dollar einstecken.

„Langsam, mein Freund, langsam. Das Geld bringen wir einem gewissen Mr. Howard Dickens wieder, dem es in seiner Kasse fehlt. Der weiß noch nicht, wer es ihm geklaut hat. Komm, Jack, du missratenes Küken! Her mit den Fröschen!“

Widerwillig näherte sich Jack. „Was willst du eigentlich von mir, Copper?“

„Dein Vater, der große König von Magdalena, sucht seine viertausend Bucks. Und weil dein Alter ein guter Steuerzahler ist, mussten wir ihm beim Suchen helfen. Wer weiß, wann ich das Geld gefunden hätte, wenn du nicht so ein leichtsinniger Hund wärst. Einer, der so auffällige Spuren hinterlässt und so große Einsätze im Spiel wagt, der fällt auf. Außerdem warst du ja auch als vermisst gemeldet. Dein Alter denkt eben an alles, mein Junge. Und nun brauche ich dich und deine viertausend Bucks. Was dagegen, Kleiner?“

 

 

2

Es war eine lange Tafel. Zehn Männer und Frauen saßen daran und aßen. Am Kopfende thronte Howard Dickens. Ein Mann wie ein Schrank, mit grauen, eiskalten Augen, einer Adlernase, grauem Vollbart und buschigen, dunklen Brauen. Die Gabel und das Messer wirkten in seinen Händen winzig, zerbrechlich. Er saß so hoch wie die anderen, aber er überragte sie alle.

Niemand sprach. Es schien, als bemühte sich jeder, so leise und unauffällig wie möglich am Tisch zu sein und zu essen. Bis auf den Hünen Dickens saßen alle verkrampft und unnatürlich da. Er aber kümmerte sich nicht um sie. Als er fertig war, stand er auf. Mit dem Fuß stieß er seinen Stuhl zur Seite, drehte sich ostentativ um, wischte sich die Hände am ledernen Hosenboden ab und verließ den Raum.

Hinter ihm hob im Speisesaal ein Geplapper und Debattieren an. Er wusste, dass sie über ihn sprachen. Aber es regte ihn nicht auf. Ja, er scherte sich einen Dreck um diese Tafelrunde.

Aus schmalen Augen blickte er über den aufgeräumten Hof hinweg zum wogenden Grasmeer der Savanne. Mein Reich, dachte er, und ich bin hier der König. Sie alle fressen mir aus der Hand, küssen mir die Stiefel, wenn ich es so haben will.

Unten am Windrad stand der Vormann. Wer weiß, sagte sich Dickens, wie lange der schon darauf wartet, dass ich mit dem Essen fertig werde.

Er ließ sich Zeit. Hagertys Ungeduld konnte er von hier aus sehen. Dieser bullige Hagerty, dachte er, warum habe ich ihn zum Vormann gemacht? Weil er alles tut, was ich will? Oder weil er die richtige Faust hat, eine Mannschaft auf den Boden zu drücken? Verdammt, Hagerty ist so dumm wie ein Stück Rindvieh. Finde ich keinen besseren als diesen Trottel?

Er lehnte sich über die Brüstung. „Hagerty!“

Die untersetzte, muskelbepackte Gestalt erwachte aus ihrer Bewegungslosigkeit. „Yeah, Boss!“, klang es herüber.

Dickens lachte in sich hinein, als er diese bullige Gestalt auf den krummen Beinen daherkommen sah.

Hagerty war vor der Veranda angekommen. „Boss, ich komme eben von der kleinen Acro zurück. Wir haben die Spuren verfolgt. Die Rustler haben zehn Mann im Sattel gehabt.“

„Wie viele waren von uns im Camp?“ Der eiskalte Blick Dickens‘ richtete sich starr auf Hagertys Augen. Dem bulligen Vormann behagte das offenbar nicht. Er zwinkerte und schluckte.

„Sie waren – äh – zu sechs Mann waren sie, Boss“, stotterte er.

„Das darf doch nicht wahr sein“, erklärte Dickens ruhig. Doch jetzt hob er die Stimme und brüllte Hagerty ins Gesicht: „Sechs gut bezahlte Cowboys, Burschen, die bei mir gelernt haben, nicht nur auf dämliches Rindvieh aufzupassen, sondern auch mit dem Colt umzugehen. Sechs dieser Männer lassen es einfach zu, dass zehn verlauste Greaser uns hundert Stück Vieh abtreiben!“

„Boss“, erwiderte Hagerty in weinerlichem Ton, „Wilkens und Torrenton sind tot, Blerny schwer verwundet. Die Boys taten, was sie konnten, aber irgendwie ging ihnen alles schief. Ich habe …“

„Du hast nichts! Du bist ein ausgemachter Trottel, Hagerty!“, grollte Dickens. Leiser sprach er weiter: „In deiner verdammten Crew hat sich was festgesetzt. Diese Ansammlung von Muttersöhnchen macht sich die Hosen voll, wenn ein Greaser nur auftaucht. Zum Teufel, Hagerty, ich glaube, du gibst deiner Mannschaft zu viel zu fressen! Sie werden fett und faul, deine reitenden Stinktiere! Aber das wird anders, ola, es wird verdammt schnell anders. Ich will die Crew selbst in die Hand nehmen. Nur für ein paar Wochen, und auch über den Round-up hinweg. Und dann wirst du sehen, mein Junge, wie ich aus dieser Herde lausiger Affen eine Mannschaft schmiede, mit der man den Teufel aus der Hölle angelt … Wo steht die Südherde?“

„Sie wird gerade auf die große Acro getrieben, Boss“, erklärte Hagerty. Er war blass, dieser massige Schläger. Sah er schon im Geiste die grinsenden Gesichter seiner Männer? Wie sie ihn verhöhnten, weil er nicht mehr Vormann war? Oder dachte er daran, dass er von nun an wieder mit zweihundert Dollar im Jahr zufrieden sein musste, statt vierhundert zu verdienen wie ein Vormann?

Dickens glaubte, dass Hagerty an beides dachte. „Du bleibst Vormann. Und du bekommst weiter dein Salär. Aber von heute an gebrauchst du deine Pfoten. Wer nicht spurt, kriecht am Boden. Hast du das begriffen, Hagerty?“

In Hagertys Gesicht leuchtete es auf. „Ich habe begriffen, Boss. Ich werde alles tun, was ich …“

Dickens winkte ab. „Geschenkt. Tu es, statt zu schwatzen, du Flasche!“ Er wollte schon weggehen, da drehte er sich noch einmal zu Hagerty um. „Zehn Greaser, sagst du? Kommt dir eine Idee, wer sie anführte?“

„Es muss ein schlauer Kopf sein. Boss. Er hat es so raffiniert ausgedacht, dass unsere Boys auf alle Tricks hereingefallen sind.“

„Ich weiß nicht, warum ich nicht so einen Kopf als Vormann habe. Sind denn nur die Banditen schlau? Habt ihr eure Grütze in den Zehen sitzen? Mein Pferd, Hagerty!“

Hagerty schnaufte erleichtert, drehte sich um und spurtete zum Corral hinüber.

Zwei Mexikaner, die sich im Schatten von ihrer zu reichlichen Mahlzeit ausruhten, sprangen verstört auf.

Hagerty schlug ihnen die Köpfe aneinander. „Ihr verdammtes Greaserpack, sattelt den Hengst vom Boss. Pronto!“, brüllte er und trat ihnen nacheinander ins Hinterteil.

Dickens beobachtete das von der Veranda aus. In seinem Gesicht regte sich nichts. Starr blickte er hinüber. Der Schatten seiner Hutkrempe verdunkelte das Gesicht.

Hagerty kam mit dem Pferd zur Veranda. Er selbst saß auf einem mausgrauen Bronco, der einem Maultier mehr ähnelte als einem Gaul.

Sie passen wunderbar zusammen, dachte Dickens, als er die Zügel seines sehnsüchtigen Braunen nahm und aufsaß. „Hol den Proviant, Hagerty!“

Hagerty trieb sein Pferd an, als gelte es ein Rodeo zu gewinnen.

Plötzlich ertönte vom Ranchtor her Hufschlag. Dickens drehte sich im Sattel um und sah einen schwarzgekleideten Reiter auf einem ebenso dunklen Pferd. Ein Mexikaner auf einem Rassetier. Das Charrokostüm saß eng, als sei es auf die Haut gekittet. Der breitrandige Hut glänzte vor lauter Silberborte und aufgenähten Pesostücken.

So schwarz wie der Anzug waren auch Augenbrauen, Schnurrbart und Koteletten des Reiters. Dickens schätzte den Mann auf etwa fünfunddreißig Jahre. Und gleichzeitig spürte er auch, dass dieser Mexikaner überdurchschnittlich war. Nicht deshalb, weil er einen silberbeschlagenen Colt in dem Holster trug. Auch nicht, weil Pferd und Äußeres Reichtum verrieten. Das war es nicht. Dieser Mann zeigte mit seinem Blick und der Mimik, welcher Kategorie Mensch er angehörte.

Der Fremde lächelte, lüftete den Hut und verbeugte sich leicht im Sattel. Sein blauschwarzes Haar glänzte seidig in der Mittagssonne.

Dickens musterte den Mexikaner wie einen Aussätzigen. Er hasste alles, was aus dem Süden kam. Ob Hidalgos oder schmutzige, zerlumpte Wetbacks. Er mochte keine Mexikaner, verachtete sie.

„Señor, mein Name ist José Zamorra“, erklärte der Mexikaner in akzentfreiem Englisch.

Dickens hob erstaunt die Brauen. Dieser Bursche spricht bald besser als ich, dachte er. Das roch geradezu nach Collegeausbildung in den Staaten. Einer von diesen pesobepackten Kreolen, diesen eingebildeten Fatzken, die Spitzenhemden tragen und sich pudern.

„Ich bin Dickens. Was wollen Sie?“, fragte Dickens knurrig. „Meine Zeit ist Gold wert. Schießen Sie los, und machen Sie‘s kurz.“

Der Mexikaner lächelte, und wie es Dickens schien, tat er es geringschätzig. „Sie werden Zeit genug für mich haben, Señor. Sehr viel Zeit.“

Dickens atmete geräuschvoll durch die Nase. Zeichen eines bevorstehenden Wutanfalls.

Den Mexikaner Zamorra beeindruckte das offenbar nicht. Er lächelte wieder verbindlich und fuhr in seiner Eröffnung fort: „Ich bin gekommen, Señor Dickens, um Ihnen einen Vorschlag zu unterbreiten. Auf dem Land, das Sie bewirtschaften, liegen die Ranchos von vierunddreißig mexikanischen Familien. Alle sind mehr oder weniger von Ihnen abhängig. Nicht eine dieser Familien hat genug Land, um leben zu können. Deshalb sind die Männer gezwungen, bei Ihnen als Ranchhands oder Vaqueros zu arbeiten. Mein Vorschlag, verehrter Señor Dickens, zielt dahin, diesen mexikanischen Familien das gesamte Land am Fluss abzutreten. Als Gegenleistung sichere ich Ihnen die Unverletzlichkeit Ihres Gebietes zu. Das bedeutet: Kein Bandit wird es wagen, Ihnen nur ein Kalb zu stehlen, geschweige denn eine ganze Herde. Als Ersatz für die Männer, die bisher als Vaqueros und Ranchhands bei Ihnen beschäftigt waren und dann am Fluss Äcker anlegen, biete ich Ihnen fünfzig Ihrer Landsleute an, die in Sonora in einem Gefängnis eingesperrt sind. Das heißt, zur Zeit arbeiten sie am Bau einer Straße.“

José Zamorra lächelte wieder. Dickens kam es so vor, als fühle sich dieser unverschämte Mexikaner sicher wie in Abrahams Schoss.

Dickens konnte den Anblick dieses spöttisch lächelnden Mexikaners nicht mehr ertragen. Er trieb sein Pferd an und ritt auf Zamorra zu. Aus dem Sattel wollte er ihn prügeln, wie einen Hund am Boden zusammenschlagen und mit der Peitsche vom Hof jagen. Wie einen Hund.

Zamorra lächelte noch immer. „Falls Sie irgendwelche verrückten Einfälle haben, Señor Dickens, empfehle ich Ihnen, dort hinüberzusehen. Ich glaube, Sie erkennen eine Menge vertrauter Gesichter!“

Zamorra deutete zu den Joshuabäumen hin. Dickens blickte in diese Richtung und sah an die zwanzig Reiter. Alle waren mit weißen Baumwollanzügen bekleidet, alle hatten Gewehre in den Händen, und alle waren Mexikaner. Einige davon gehörten noch gestern zu Dickens‘ Mannschaft.

„Ich brauche nur den Arm zu heben, und sie werden schießen, Señor.“ Höflich fügte Zamorra hinzu: „Ich bin natürlich sicher, mein Verehrtester, dass Sie das alles schon berücksichtigt haben und gern mit mir verhandeln wollen.“

Dickens schnaufte schwer. „Da hast du aber Pech gehabt, du windiger Greaser!“

Ungeachtet der Tatsache, dass zwanzig Gewehrläufe auf ihn zielten, griff Dickens zu. Mit seiner rechten Faust schlug er dem Rappen Zamorras auf die Nase. Der Wallach bäumte sich auf.

Dickens stieß sich geschickt vom Sattel ab und hechtete auf Zamorra zu.

Der rutschte blitzschnell vom Pferd, zog seinen Colt und drückte ab.

Er verfehlte Dickens.

Bis jetzt war nur ein Schuss gefallen. Die Mexikaner drüben zwischen den Joshuabäumen wagten es offenbar nicht, Zamorra mit einem Schuss auf Dickens in Gefahr zu bringen.

Dickens hatte Zamorra eingeholt, bekam ihn an der Schulter zu packen und riss ihn auf sich zu. Zamorra war wendig wie ein Puma. Er wirbelte herum und wollte den Revolver abdrücken. Aber da landete Dickens einen mit voller Wucht geführten Schlag auf den Oberarm des Mexikaners. Zamorra verlor den Colt und taumelte ein paar Schritte zurück. Sofort war Dickens wieder bei ihm, schlug mit äußerster Kraft zu und traf Zamorra am Hals. Dem Mexikaner nahm es die Luft weg. Er wurde dunkelrot im Gesicht, schwankte und versuchte sich krampfhaft gegen Dickens‘ Schläge abzudecken.

Dickens war kein junger Mann mehr. Mit fünfzig Jahren konnte er nicht mehr Zamorras Energie und Ausdauer haben. Dickens wusste das. Er musste Zamorra jetzt schlagen, musste diesen Kampf schnell beenden.

Zamorra glich einer Katze. Er war nicht auf den Boden zu kriegen. Die härtesten Schläge von Dickens brachten ihn einfach nicht von den Beinen.

Da traf Dickens‘ Rechte den Mexikaner voll am Kinn. Zamorra flog durch die Luft und krachte gegen einen Chuckwagen. Schlaff sackte Zamorra am Wagen herunter.

In diesem Augenblick krachten die Schüsse. Dickens machte einen Satz auf den Chuckwagen zu, um ihn als Deckung zu benutzen. Ein Geschoss traf seine Wade. Er spürte, wie es brennend ins Fleisch fuhr.

Da war der Wagen. Mit einem Sprung flog er über die Deichsel weg, riss die Sitzkiste herunter und sprang auf das Fahrzeug. Dicht hinter ihm klatschten die Geschosse ins Holz, splitterten es auf und hämmerten gegen die Beschläge.

Dickens hatte Deckung. Die Wagenplanken waren dick. Durch sie würde so leicht keine Kugel dringen.

Da hörte er hinter sich das Planentuch rascheln. Beinahe gleichzeitig befahl Zamorras Stimme: „Geben Sie es auf, Señor! Jetzt bin ich am Zuge!“

 

 

3

In diesem Augenblick fiel der Schuss aus dem Derringer Billys. Das Geschoss zischte haarscharf an Cliffs Schulter vorbei, riss das Hemd auf und bohrte sich ein gutes Stück weiter in den Sand.

Cliff schoss, ohne den Colt aus dem Holster zu ziehen. Der Schuss schlug durch das Leder und traf den schönen Billy.

Es wirbelte ihn herum, drückte ihn wie mit Zentnerlast zu Boden. Er wälzte sich auf den Bauch und krampfte die Hand um seine Armwunde. Der zweite, sofort folgende Schuss traf sein linkes Bein.

Bevor Billy noch einmal den Derringer heben konnte, war Cliff bei ihm, trat ihm die Waffe mit dem Fuß aus der Hand und sprang wieder zur Seite.

Indessen hatte Jack sein Gewehr aus dem Scabbard heraus. Aber das Pferd, hinter dem er stand, machte ihm einen Strich durch die Rechnung. Es galoppierte erschrocken davon. Jack Dickens stand ohne Deckung. Und er hatte das Schloss noch nicht spannen können.

„Lass fallen!“, brüllte Cliff.

Jack gehorchte. Seine Winchester fiel in den Sand.

„Umdrehen!“

Während Jack sich umdrehte, blickte Cliff auf Billy. „Bill, wir lassen dir deinen Gaul hier. Du kannst machen, was du willst. Nur das eine sage ich dir: Wenn du noch einmal die Waffe gegen mich hebst, kommst du so nicht davon. Das ist ein Versprechen.“

Billy murmelte: „Wir sehen uns wieder, Copper. Bestimmt!“

„Das sollst du dir genau überlegen, mein Junge! Und nun hau ab! Und du, Jack, du kommst mit! Dein Vater wird sich freuen, wenn du ihm in die Finger fällst.“

Sie standen nebeneinander. Billy ritt davon. Sein Ziel schien Pecos zu sein, wo er einen Arzt aufsuchen konnte. Jack wollte am liebsten hinter Billy herreiten.

„Copper, das kannst du nicht machen. Wenn mein Alter mich erwischt und herausbekommt, dass ich … Das kannst du nicht tun, Copper!“ Er blickte Cliff flehend an. Mit einem Mal kam alle Weichheit des verzogenen, in Reichtum aufgewachsenen jungen Menschen zum Vorschein. Er hatte Angst vor seinem Vater. Cliff sah es ihm an, wie er sich fürchtete.

Cliff betrachtete ihn nachdenklich. „Sag mal“, meinte er sanft, „es muss doch etwas von deinem Alten in dir sein. So ein harter Bursche wie dein Vater kann doch nicht in seinen Nachkommen völlig verblassen.“

„Der Teufel soll den Alten holen. Der denkt nur an sich, an seine mistige Ranch und die Hornochsen, die dort herumlaufen. Als ich ein Junge war, Copper, hat er an mir herumerzogen. Wie einen possierlichen Affen wollte er mich dressieren. Er wollte mich so machen, wie er war. Aber, zum Schinder, ich bin nicht so wie er. Und als er das merkte, da behandelte er mich mit einem Mal wie Dreck. Ich kam mir überflüssig vor. Er schickte mich auf Schulen. Es ging natürlich nicht lange. Ich kam immer wieder auf die Ranch. Mutter war inzwischen tot. Er wurde fortan noch eigenwilliger. Ich wusste, dass ich ihn enttäuscht hatte. Er begann diese Enttäuschung immer mehr zu zeigen. Wollte ich ein paar Dollars, rechnete er mir vor, welche Jammergestalt ich sei, wie viel Geld ich ihn gekostet hätte und so weiter. Dann versuchte er, mich zu verheiraten. Ich hatte keine Lust dazu. Jetzt bin ich zweiundzwanzig. Damals war ich zwanzig. Die Frau, die er mir ausgesucht hatte, war fünf Jahre älter als ich, und sie sah aus wie eine Furie. Aber sie stank vor Geld. Das war es. Ich wollte nicht. Er begann mich zu schikanieren. Weiß der Teufel, was er getan hätte. Aber meine Schwestern hielten zu mir. Die schmutzigste Arbeit hatte er für mich ausgesucht. Arbeit an der Rinderschwemme. Einem seiner mexikanischen Vaqueros hatte er aufgetragen, mich ab und zu in die kalkige Brühe zu stoßen. Da bin ich weggegangen.“

„Mit dem Geld?“

Jack nickte. „Irgendwie muss ich ja leben. Ich versuchte es im Spiel. Ein paarmal glückte es. Dann kam der schöne Billy. Ich verlor.“

Cliff blickte mitleidig auf diesen jungen Mann. Er konnte Jack verstehen. Denn aus welchem Holz dessen Vater geschnitzt war, wusste er. „Kannst du dir vorstellen, Jack, dass ein US Marshal hinter dir her ist, weil du deinem eigenen Vater viertausend Bucks gestohlen hast?“

„Ich kenne die Regeln nicht, Copper“, erwiderte Jack.

„Ich habe dich nicht wegen der viertausend Dollar gesucht und gefunden. Natürlich wurde das am Rande mit erledigt. Aber ich hatte noch einen ganz besonderen Grund. Du kennst doch José Zamorra, nicht wahr?“

Jack wich Cliffs Blick aus. „Hm, schon gehört“, meinte er verlegen.

„Du warst mit ihm zusammen, bevor du ausgerissen bist. Wo hast du ihn getroffen, Jack?“

Jack schwieg.

„Antworte!“, befahl Cliff scharf.

Ohne den Kopf zu heben erwiderte Jack: „An der Schwemme. Die anderen waren schon auf der Ranch. Da kam er auf einem Rappen.“

„Erzähle weiter!“ Cliff reichte Jack eine Zigarette. Er gab ihm noch Feuer und blickte ihn gespannt an.

„Er hat mich gefragt, ob ich Jack Dickens sei. Und dann erklärte er mir, welche Rechte die Mexikaner in diesem Lande hätten und lauter solches Zeug. Ich habe ihm nicht zugehört, weil es mich nicht interessierte. Aber er war richtig verrückt mit seinem Gequassel. Nachher sagte er, ich sollte meinen Vater veranlassen, das Land am Creek für die Greaser freizugeben.“

„Damit hättest du verdammt wenig Glück gehabt.“ Cliff lachte leise. „Aber das war nicht alles. Jack. Wie ist das mit deiner Schwester May?“

„Lass May aus dem Spiel!“, fauchte Jack giftig.

„Hm, mein Junge, darüber werden wir doch reden müssen. May und José Zamorra kennen sich gut. Ich möchte fast behaupten, zu gut.“

Jack zuckte die Schultern.

„Zamorra“, erklärte Cliff. „stammt aus einer alten Kreolenfamilie. In Sonora haben die Zamorras Ländereien, gegen die der Besitz deines Vaters klein ist. Zamorras Vater war General. Zamorra selbst diente als Offizier bei Juarez. Nachdem Juarez tot war, bekam er Schwierigkeiten wegen seiner politischen Ansichten. Er verließ die Armee und stellte heimlich eine Befreiungsarmee in Sonora auf. Es waren Gauchos, Vaqueros, Indianer, die er zu Soldaten ausbilden wollte. Mit ihnen versuchte er einen Staatsstreich durchzuführen. Er scheiterte auf dem Marsch nach Hermosillo. Zamorra floh in die Berge und nahm die Reste seiner angeschlagenen Einheit mit.“

Jack trat vor Cliff hin und sah ihn mit flammendem Blick an. „Copper, lass mich laufen. Ich will nicht zu meinem Vater!“

Cliff lächelte. „Ja, ich lasse dich weg! Aber das eine will ich dir sagen: Kreuze nie Zamorras Weg! Und wenn du jemals für ihn reitest, dann sehe ich in dir nicht mehr den jungen, unerfahrenen Jack Dickens, sondern einen Verbrecher, einen Verräter und Lumpen.“

„Danke, Copper! Vielleicht machst du dir falsche Hoffnungen. Aber ich werde dir beweisen, wer von uns beiden richtig denkt. Grüße meine Schwestern, Copper!“

Er humpelte zu seinem Pferd. Es aufzusatteln kostete ihn mehr Mühe, als er sich vorgestellt hatte. Er brauchte fast zehn Minuten dazu. Cliff beobachtete ihn und rührte keine Hand, um ihm zu helfen.

Als Jack im Sattel saß, sagte Cliff: „Du wirst deinen Vater noch verstehen, Jack. Hoffentlich nicht zu spät.“

Cliff hatte das Gefühl, er würde Jack bald wiedersehen.

 

 

4

Drei Tage später war Cliff nicht mehr weit von der Dickens-Ranch entfernt. Es war kurz vor Mittag. Die Sonne glühte auf die ausgedörrte Graslandschaft, ließ die Luft über dem hohen Grammagras zittern. In bläulichem Dunst lagen die Bergzüge im Westen und Norden.

Cliff wusste nicht, welchem neuen Abenteuer er entgegenritt, ahnte nicht, dass sich in der Umgebung der Ranch etwas zusammenbraute. Schon konnte er die Windräder erkennen, sah die dunklen Grasstreifen seitlich der Bewässerungsgräben. Und dann konnte er auf die roten Ziegeldächer der Ranch blicken. In der Mitte die klotzige Casa Grande, daneben, ausgerichtet wie Kompanien, die Ställe, das Bunkhouse und die Remisen. Gleich Wachttürmen ragten die drei Windradgerüste über die Dächer hinweg. Rechts neben der Ranch, gleich am vorderen Stall, schwankten die Äste zerzauster Joshuabäume.

Und dort sah Cliff Pferde. Viele Pferde. Eine ganze Mannschaft schien hier im Schatten der Bäume zu rasten.

Cliff zügelte den Falben. Die Pferde an jener Stelle fielen ihm auf. Er wusste, dass dort Mary Dickens begraben lag. Nie würde es der Rancher gestatten, dass Pferde in der Nähe des Grabes abgestellt würden.

Er holte sein Fernglas aus der Satteltasche und wischte den Staub von den Gläsern. Als er hindurchblickte, erkannte er außer zwei Dutzend Pferden auch weißgekleidete Gestalten zwischen den Sträuchern und Baumstämmen. Weiter links, ein Stück vor dem Torbogen der Ranch, näherte sich ein Reiter. Er saß auf einem im Sonnenlicht glänzenden Rappen.

Es durchzuckte Cliff wie ein elektrischer Schlag. In dieser Sekunde begriff er alles. José Zamorra hatte seine Streitmacht vor Dickens‘ Ranch versammelt.

Fieberhaft überlegte er. was er tun könnte. Wenn er jetzt weiterritt, würde er zu früh entdeckt. Ich muss warten, sagte er sich, muss sehen, wie sich alles einspielt, und kann dann vielleicht noch rechtzeitig eingreifen.

Er beobachtete durch sein Glas, wie der Reiter des Rappen auf das Tor zuhielt. Er sah auch, wie auf dem Ranchhof ein anderer Reiter vor der Casa Grande wartete.

Die weißgekleideten Gestalten im Joshuahain waren kaum noch zu erkennen. Anscheinend hatten sie sich in volle Deckung begeben.

Der Reiter auf dem Rappen ritt in den Hof. Der andere vor dem Haus kam ihm ein Stück entgegengeritten. Eine Weile geschah nichts. Doch plötzlich entspann sich ein Kampf. Rechts waren die weißen Gestalten wieder aus ihren Deckungen aufgetaucht.

Die beiden Reiter im Hof gerieten in ein Handgemenge. Der Rappe bäumte sich auf. Beide Männer sprangen aus den Sätteln. Es kam zur Schlägerei. Der andere Mann verschwand aus Cliffs Blickfeld.

Jetzt wartete Cliff keine Sekunde mehr. Er steckte das Glas weg und sagte: „Fellow, zeig, was du drauf hast!“

Der Falbe sprang aus dem Stand in Galopp und streckte sich. In rasendem Tempo jagte er über die Savanne auf die Ranch zu. Dort fielen Schüsse. Bei dieser Geschwindigkeit war es Cliff nicht möglich zu erkennen, woher geschossen wurde. Über den Hals seines Pferdes gebeugt raste er auf die Ranch zu. Kurz vor dem Tor mäßigte er das Tempo des Falben, parierte ihn durch und riss den rechten Colt aus dem Holster. Dreißig Schritte vor ihm stand ein Chuckwagen. Ein Mann im Charroanzug stand daneben, doch sein Kopf war nicht zu sehen. Er hatte ihn unter die Plane gesteckt.

Am Küchenfenster feuerte ein Mann mit dem Gewehr auf die Gestalten zwischen den Joshuabäumen. Ein weiterer Schütze lag auf dem Dachfirst der Casa Grande, zwei andere hatten sich die Tragsäulen der Veranda als Deckung ausgesucht.

Mitten auf dem Hof standen die beiden reiterlosen Pferde. Über die scheuenden, sich aufbäumenden Tiere hinweg fegten die Geschosse der Männer aus dem Joshuahain.

Cliff versuchte etwas Aussichtsloses. Er wollte mit dem Falben bis hinter den Chuckwagen kommen. Die Gestalt dort am Wagen konnte seiner Meinung nach nur Zamorra sein.

Der Weg über die Strecke von dreißig Schritten lag im Kugelregen der Mexikanergewehre.

Die ersten Kugeln pfiffen dicht über Cliff hinweg. Noch schossen die Mexikaner ungenau. Die beiden reiterlosen Pferde bildeten einen Schutz für Cliff.

Er ließ sich seitlich aus dem Sattel gleiten, hielt sich nur mit der Rechten am Sattelhorn fest und blieb mit dem linken Fuß im Bügel. Der Falbe begriff sofort. Er galoppierte an.

In diesem Augenblick rasten der Rappe und der braune Hengst davon. Die Schussbahn für die Mexikaner war frei. Eine Salve knatterte.

Cliff hatte den halben Weg geschafft, als der Falbe stolperte und stürzte. Sofort ließ Cliff los, überschlug sich auf dem harten Hofboden und sah, wie der Falbe dicht neben ihm liegenblieb.

Geistesgegenwärtig wälzte sich Cliff hinter das gestürzte Tier. Zum Glück lag der Falbe auf der linken Seile. Seine im Todeskampf wirbelnden Hufe konnten Cliff nichts mehr anhaben. Cliff war froh, dass es nicht sein Pascha war, der hier starb, sondern ein geliehenes Pferd.

Eine zweite Salve beendete das Sterben des Falben jäh und beinahe barmherzig. Cliff sah, wie das treue Tier noch einmal zusammenzuckte und dann erschlaffte.

Die Winchester 73 steckte noch im Scabbard. Der befand sich jetzt an der oben liegenden Flanke des Pferdes. Zum Greifen nahe ragte der Kolben über den Sattel. Aber die Mexikaner schossen wie besessen. Cliff konnte sich nicht erlauben, nur die Fingerspitzen aus der Deckung des Pferdeleibes zu strecken.

Er sah den Chuckwagen links drüben. Mit drei langen Sprüngen hätte er ihn erreicht. Aber diese drei Sprünge könnten vielleicht seine letzten sein. Er wagte es nicht.

Vom Haus aus eröffneten die Verteidiger ein Schnellfeuer auf den Joshuahain. Für Sekunden waren die Mexikaner abgelenkt.

Gerade wollte sich Cliff zum Sprung auf den Wagen fertigmachen, als er eine Gestalt sah, die hinter dem Wagen zu Boden sprang und weglief. Er erkannte nur die engen schwarzen Hosen und die hochhackigen Stiefel mit den großen silbernen Sporen. Das genügte. Er zielte mit dem Colt zwischen den Wagenrädern hindurch, ließ den Hammer vorschnappen und sah, wie der Mann da drüben stolperte, weiterhüpfte und auf die Knie stürzte. Doch bevor Cliff wieder zum Schuss kam, war der Mann schon hoch und gelangte hinter einen Stapel Talgfässer.

Im gleichen Augenblick hörte Cliff das Getrappel von Pferden. Er wagte einen Blick über die Deckung. Sofort zuckte er wieder zurück, griff nach dem zweiten Revolver und riss den Hammer zurück.

Sämtliche Mexikaner waren zu Pferde und galoppierten in den Hof. Von der Casa Grande her krachten Schüsse. Die Mexikaner brüllten heiser durcheinander.

Schon waren sie heran. Dicht neben Cliff tauchte ein Pferd auf. Cliff sah sekundenlang das Gesicht des Mexikaners, eines Mestizen. Der Reiter hatte Cliff noch nicht entdeckt. Pech für ihn. Denn Cliff wartete nicht mehr. Der Schuss seines Colts bellte auf. Der Mestize warf die Arme hoch.

Jetzt schob sich ein anderes Pferd neben das vordere. Die beiden Tiere prallten zusammen, ein Mann schrie auf.

Cliff sah den Reiter des zweiten Pferdes. Er glaubte, dieses Gesicht schon hier auf der Ranch gesehen zu haben. Vielleicht einer der Ranchhands oder der Vaqueros von Dickens. Jetzt aber war dieser Mann sein Feind. Cliff hatte keine Zeit, darüber nachzudenken. Er ließ den Hammer des Colts vorschnappen, sah, wie der Getroffene seitlich aus dem Sattel kippte.

Das war erst der Anfang. Die übrigen Mexikaner waren heran. Cliff gab sich keine Chance mehr. Aber er riskierte einen Trick. Er warf sich auf die linke Seite und streckte die Arme von sich. Den linken Colt ließ er fallen, als wäre er ihm aus der erstarrten Hand geglitten.

Die Mexikaner waren neben Cliff. Er konnte sie nicht sehen, weil er das Gesicht halb zu Boden gerichtet hatte. Würden sie schießen? Würden sie auf seinen Trick hereinfallen und ihn für tot halten? Oder wollten sie sichergehen und ihm ein paar Schüsse in den Leib jagen?

Es waren Sekunden, die Cliff wie Stunden vorkamen. Er hörte das Hufgetrappel, hörte, wie ein Mexikaner seinem Kumpan zurief: „Da ist noch ein Gringo! Eh, er hat Pancho auf dem Gewissen. dieser Cabron de mierda!“

Cliff hörte, wie ein Gewehr repetiert wurde. Verdammt, jetzt knallt dieser Hundesohn auf mich, fuhr es ihm durch den Kopf.

 

 

5

Howard Dickens kniete auf dem Wagenboden. Seine linke Hand umfasste den rechten Oberarm und drückte mit hartem Griff die Schlagader ab. Eine Blutpfütze glänzte vor Dickens. Und noch immer glänzte es aus der Durchschussverletzung am rechten Handgelenk heraus.

Die Wunde und die dabei verletzte Schlagader beunruhigten den Hünen nicht. Er war erbittert, weil er nichts gegen Zamorra ausrichten konnte.

Draußen krachten die Schüsse, Blei klatschte ins Holz der Wagenplanke. Die Plane wurde zerlöchert und aufgerissen.

Die Hand am Oberarm rutschte Dickens auf den Knien bis zur hinteren Ecke. Der Regalkasten am Wagenende verwehrte ihm die Sicht nach draußen. Wie alle Chuckwagen hatte auch dieser hier diesen Anbau am Heck, in dem sich Dutch-Ofen und Vorratsfächer befanden. So gab es für Dickens im Augenblick nur einen Weg vom Wagen: nach vorn über den Bock.

Er stand auf und ging nach vorn. Als zwei Schüsse dicht vor ihm die Plane durchschlugen, ließ er sich wieder auf die Knie fallen und rutschte bis zum Wagenbock. Seinen Colt hatte er zwischen die Zähne geklemmt.

Er war vorn angekommen, setzte sich und ließ sich vom Wagen gleiten. Von hier aus übersah er den Hof bis zur Casa Grande. Dort knieten zwei seiner Leute.

Oben auf dem Dach lag Harry Thoms, einer seiner besten Cowboys. Thoms wurde von den Mexikanern rasend beschossen. Er setzte ihnen am meisten zu.

Hagerty war aus der Küche heraus und lag jetzt an der Verandatreppe. Irgendwie musste er an Dickens‘ neues Gewehr gekommen sein. Damit feuerte er jetzt schnell hintereinander auf die Reiter links von Dickens.

Der Rancher erkannte zwei Dinge völlig klar: Die Mexikaner zogen ab, und ihr Anführer war nicht mehr unter ihnen. Eine Gruppe von Banditen hatte die Ranch schon verlassen. Der Kampf der übrigen konnte nur ein Rückzugsgefecht sein.

Da entdeckte Dickens hinter dem Wagen ein totes Pferd. Dahinter lag ein Mann in Cowboykleidung. Dickens erkannte ihn nicht sofort, aber als er das stumpfe Abzeichen auf der Hemdbrust sah, war er im Bilde.

Neben dem scheinbar toten US Marshal hielt ein Mexikaner auf seinem Pferd und richtete das Gewehr auf den Liegenden. Rechts davon hoben zwei andere Reiter einen Verletzten auf und legten ihn quer in den Sattel eines reiterlosen Pferdes.

Dickens wusste nicht, ob der Marshal dort vorn verletzt oder tot war. Er sah aber, dass der Mexikaner bereit war, trotzdem auf den Reglosen zu feuern.

Dickens ließ seinen Oberarm los. Sofort spritzte wieder Blut aus der getroffenen Ader. Ohne sich darum zu kümmern, griff Dickens nach dem Colt zwischen den Zähnen, zog den Hammer zurück und schoss auf den Mexikaner, der auf den Marshal zielte.

Er traf den Mann in den Rücken. Die beiden anderen Banditen fuhren herum. Dickens machte einen Sprung hinter den Wagen und presste wieder die Hand auf seine Schlagader, um die Blutung zu stoppen.

Hagerty glaubte seinen Boss in Lebensgefahr und feuerte mit dem Gewehr von der Hüfte aus.

Die Mexikaner zogen ihren verletzten Komplicen in den Sattel und jagten davon, den anderen nach.

Dickens setzte sich knurrend auf die Wagendeichsel und wartete, bis Hagerty heran war.

Details

Seiten
122
Jahr
2021
ISBN (eBook)
9783738950106
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v997674
Schlagworte
marshal rancher

Autor

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Titel: Der Marshal und der Rancher