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Der Erbe der Geister-Ranch

2021 128 Seiten

Leseprobe

Table of Contents

Der Erbe der Geister-Ranch

Copyright

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Der Erbe der Geister-Ranch

Western von W. W. Shols

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 128 Taschenbuchseiten.

Als Rancher Haynes hinterrücks erschossen wird, erbt sein Bruder die Ranch. Doch schon auf dem Weg zu seinem Erbe wird er mehrmals überfallen. Sein neuer Nachbar, Großrancher Mortimer, wollte die Ranch kaufen und steht nun mit leeren Händen da. Sein Sohn Slim knüpft aber sofort freundschaftliche Bande.

 

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

Alfred Bekker

© Roman by Author

© COVER FIRUZ ASKIN

© dieser Ausgabe 2021 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

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1

Im Tal ist ein Schuss gefallen.

Slim Mortimer zügelt sein Pferd und lauscht in die Nacht. Ein zweiter Schuss folgt nicht. Es ist totenstill. Nicht einmal das Pferd schnaubt, nicht das Zaumzeug knarrt.

Der Wind ist eingeschlafen, über Slim steht der sternklare Himmel. Er will seinem Gaul ein Zeichen geben, wieder anzutraben, als er das Dröhnen der Erde bis in den Sattel spürt. Dann brechen Zweige hinter ihm, und die wilde Jagd braust daher. Es ist hinter ihm in den Hügeln.

Er dreht sein Pferd und reitet auf den Kamm der Bodenwelle hinauf. Es sind nur hundert Yards. Und dort jagen sie daher. Zwei Schatten im Sattel. Genau nach Osten.

By Gosh, denkt Slim Mortimer, wer ist das? Sie kommen genau vom Vorwerk …

Der Spuk verschwindet zwischen den Dünen des unfruchtbaren Berghanges, taucht in die Nacht. Es ist wieder still. Das Dröhnen der Hufe pflanzt sich noch eine Weile im Erdboden fort. Dann ist auch das verstummt. Ein Phantom!

Und die Nacht ist einsamer als vorher.

Slim denkt an sein Bett. Aber da war ein Schuss. Nur ein einziger. Nicht zwei oder drei – keine Schießerei.

Ein einziger Schuss. Als ob man ein Wild abknallt. Und das bei Nacht?

Eine unheimliche Stille lastet über dem zerfallenen Gebäude. Vor dem Eingang liegt der erschossene Rancher John Haynes. Über den Kadavern seiner Rinder kreisen die Aasgeier, um das grausame Werk zu vollenden … Eine Geister-Ranch!

 

2

Slim kehrt um. Die Unruhe treibt ihn. Kein Gedanke mehr ans Bett. Vielleicht später. Aber jetzt?

Es ist keine zehn Minuten her, dass er John Haynes auf dem Vorwerk verlassen hat. Weshalb jetzt dieser Schuss – und diese Reiter?

Er wendet.

Hinter den Bäumen taucht wieder das Ziegelhaus auf, das nur ein einziger Raum ist. Daneben die Tränke, der Brunnen und das Windrad auf dem hohen Holzgerüst, das wie ein Totengerippe gegen den Himmel steht.

Slim gleitet aus dem Sattel und lässt das Pferd stehen.

„Onkel John!“, ruft er. Es klingt so leise, als wolle er keinen Schlafenden wecken. Und noch einmal: „Onkel John!“

Er tritt aus dem Schatten ins Mondlicht. Die Tür zur Hütte steht offen – und genau im Eingang liegt John Haynes. Mit dem Gesicht nach unten, zur Erde, die ihm gehört.

Nur, John Haynes hat nichts mehr von dieser Erde. John Haynes ist tot!

Hinter Slim schnauft das Pferd. Sie mögen sich, die beiden. Aber nur, wie ein Mensch ein Pferd mag. Und umgekehrt. Was ein toter Mensch bedeutet, das weiß ein Pferd nicht.

Selbst Slim Mortimer kommt nicht viel weiter mit seinen Gedanken.

John Haynes ist tot. Und kurz davor ist ein Schuss gefallen. Zwei Männer hat er wegreiten sehen. Mehr nicht.

Er steigt aufs Pferd und reitet zurück zur Ranch. Er dreht sich nicht mehr um, weil er weiß, das hat keinen Sinn.

Auf der Ranch sieht alles aus wie an jedem anderen Tag. Die Boys schlafen nicht. Fast alle sind draußen auf den Weiden. Sie haben vier Meilen Drahtzaun zu ziehen, um endlich die Grenze festzulegen zwischen „Rocket“ und der „Kreuz-im-Kreis-Ranch“.

Slim steigt ab und bringt sein Pferd in den Stall. Er schüttet ihm Hafer in den Trog und schleppt zwei Eimer Wasser heran. Mit einem Klaps auf die Hinterhand verabschiedet er sich und geht nach draußen.

Links liegt das Herrenhaus. Unter dem Dach hat er ein eigenes Zimmer. Er hat es nie richtig gemocht. Aber es steht ihm zu, weil er der Sohn des Ranchers ist. Dabei wäre er viel lieber im Bunkhouse bei den Cowboys.

Auch dort hat er ein Bett. Er hat es sich einfach eingerichtet, weil er eben der Sohn vom Boss ist. Nur – er hat es noch nie benutzt.

Jetzt geht er hinüber. Heute wird er den Mut haben, auf dem Strohsack zu schlafen. Er stößt die Tür auf und tritt ins Dunkle. Er tastet nach der Karbidlampe, reißt ein Streichholz an und macht Licht. Auf der Pritsche hockt Curt Henderson.

„Hallo, Curt! Noch wach?“

„Ja, Slim. Ich bin so ziemlich allein hier. Die Boys sind draußen auf der Weide. Wegen des Zauns, wissen Sie …“

„Ja, ich weiß schon.“

Slim hockt sich auf den Bettrand und zieht die Stiefel aus. Der Vormann scheint es nicht fassen zu können.

„Sie wollen hier schlafen, Slim? Das kann doch nicht wahr sein.“

Slim schüttelt den Strohsack auf und setzt sich drauf. Er hält noch den linken Stiefel.

„John Haynes ist tot, Vormann. Ich glaube, man hat ihn erschossen. Jetzt sag mir, was ich tun soll.“

Henderson schnauft überrascht und greift nervös nach seinem Tabaksbeutel, um sich die Pfeife zu stopfen.

„By Gosh! Wie ist das geschehen?“

Slim erzählt es ihm, kurz und knapp, wie er es erlebt hat.

„Klar, dass Sie es Ihrem Vater sagen müssen.“

„Oder dem Sheriff. Wäre das nicht richtiger?“

„Möglich, Sir. “

„Sag nicht Sir! So was Blödes. Ich bin seltener als du auf der Ranch. Sag mir, was ich tun soll!“

„Das kann ich nicht. Ich würde natürlich zum Boss gehen. Ihr Vater …“

„Schon gut, Curt! Du weißt es auch nicht genau. Mach dich lang und vergiss es!“

Slim zieht die Stiefel an, die er gerade in die Ecke gestellt hat. Grußlos geht er hinaus und hinüber in den Stall. Er sattelt sein Pferd und reitet nach Chug Water. Um drei Uhr ist er da.

 

 

3

Luke Miles, der Sheriff, ist mürrisch wie ein Grizzly, den man im Winterschlaf gestört hat. Er macht zunächst die obere Luke auf und schiebt seine Winchester ins Freie.

„Hands up, Mister! In Chug Water ist das Tragen von Waffen verboten.“

„Blödsinn, Sheriff! Ich bin‘s, Slim Mortimer.“

„Um so schlimmer. Du gehörst längst ins Bett. Was glaubst du, wie ich deinem Vater noch mit Anstand unter die Augen treten soll, wenn ich …“

„Lass mal Daddy aus dem Spiel! Und jetzt will ich ‘rein. Ich habe eine Meldung zu machen.“

Luke Miles schiebt den Riegel vor der Tür zurück und lässt den jungen Mortimer eintreten. Er will einen Stuhl zurechtrücken, aber Slim setzt sich nicht.

„Ich habe eine Meldung zu machen“, sagt er steif und etwas hilflos. „Sie müssen mich anhören, Sheriff.“

„Ich bin müde, Slim. Ich habe mich gerade für den Winterschlaf vorbereitet. Mach‘s kurz.“

„Kurz heißt: Man hat diese Nacht John Haynes ermordet, mit einem einzigen Schuss. Es waren zwei Männer, die ich wegreiten sah. Ich hatte Onkel John kurz vorher auf dem Vorwerk besucht …“

„Das musst du mir schon genauer erzählen. Wer waren diese Männer?“

Slim Mortimer setzt sich nun doch hin und erzählt sein Erlebnis etwas ausführlicher als bei Curt Henderson. Er ist noch ganz bleich im Gesicht, und manchmal muss er nach den richtigen Worten suchen. Luke Miles zerdrückt wütend eine Zündholzschachtel zwischen den Fingern.

„Das ist verteufelt wenig, was du mir da sagen kannst. Aber man hat John Haynes ermordet, einen der aufrichtigsten Männer von Chug Water. Und du hast die Männer gesehen.“

„John Haynes war wie ein Onkel zu mir, Sheriff. Ich habe ja nicht gerade die Augen zugekniffen, als die zwei Reiter vorbeijagten. Es war dunkel, Sheriff. Es war fast Mitternacht. – Fragen Sie jetzt nicht weiter, sondern kommen Sie mit! Wir sollten auch den Doc wecken.“

„Ich denke, Haynes ist tot? Was soll da noch Doc Carrigan mitten in der Nacht? Warte draußen! Ich hole mein Pferd.“

Slim will widersprechen, doch dann geht er schweigend hinaus und wartet vor dem Haus im Sattel auf den Sheriff. Gemeinsam reiten sie zum Vorwerk und brauchen dazu eine knappe halbe Stunde. Miles rutscht vom Pferd, stampft zu der offenen Tür und bleibt vor Haynes stehen.

Die Lage des Toten ist nicht verändert. Miles kniet neben ihm. Das Mondlicht scheint hell.

„By Gosh, Slim! Das war ein Schuss in den Rücken. Ich kenne kein Schwein aus diesem County, dem man so etwas zutrauen könnte. No, so etwas gibt es nicht bei uns. Wenn du wenigstens einen erkannt hättest …“

„Sie sind nach Osten geritten. Mehr weiß ich nicht. Was soll ich noch sagen?“

„Das musst du dich selbst fragen.“

„Yeah, Luke, ich werde mich schon fragen, wenn ich soweit bin. Aber zuerst werde ich die Spuren verfolgen. In einer Stunde wird es Tag.“

„Die Verfolgung ist meine Sache, Slim. Lass du die Finger davon. Außerdem hast du die ganze Nacht noch kein Auge zugemacht. Du fällst nach drei Meilen aus dem Sattel und besserst damit gar nichts.“

„Ich bin wohl der einzige in Chug Water, dem du das sagen kannst, wie? Aber nicht heute und nicht im Fall von Onkel John. Bring ihn in die Stadt! Du schaffst es schon allein, denke ich.“

„Du solltest nach Hause reiten, Slim.“

„Schon gut, Luke. Auf mich passe ich allein auf. Nimm ihn mit. Bring ihn zum Doc und sieh zu, dass ihm nicht noch mehr zustößt als das hier.“

Sheriff Miles sieht ihn eine Weile prüfend an, als ob er überlegt, was in Slims Kopf nicht mehr ganz richtig sein kann.

„Mehr kann ihm nicht mehr zustoßen, Junge. John Haynes hat bereits alles hinter sich.“

„Vielleicht nicht alles. Wenn du zum Beispiel seinen Mörder nicht findest. Das würde alles noch viel schlimmer machen.“

 

 

4

Luke Miles hat ein Pferd eingefangen, den Toten über den Sattel gelegt und ist weggeritten, ungefähr vor einer Stunde.

Im Osten geht die Sonne auf. Glitzernder Tau liegt über den Weiden und Wäldern. In den Tälern hängen Nebelschwaden. Slim Mortimer steht auf der Schwelle der kleinen Hütte, genau dort, wo er John Haynes gefunden hat. Dann blinzelt er in die Sonne.

Wie eine feurige Scheibe schiebt sie sich durch die Wolken. Sie ist tiefrot.

Slim steigt in den Sattel und reitet nach Osten durch die flacher werdenden Hügel. Die Spuren der zwei unbekannten Reiter reichen zehn Meilen weit. Dann verlieren sie sich an einem Creek.

Slim reitet an beiden Ufern auf und ab, findet wieder Spuren. Doch diesmal mehr, als ihm lieb sind. Und wahrscheinlich sind sie auch älter. In der Nähe sind kürzlich Rinder vorbeigezogen, vielleicht vor zwei oder drei Tagen. Ein Stück flussauf liegt eine Tränke.

Slim versucht es auf gut Glück in allen Himmelsrichtungen. Er reitet viele Stunden im Kreis. Vergeblich. Dann starrt er zurück auf die Berge.

Was macht ein Mörder, wenn ihm der Boden zu heiß wird? Wird er ins Flachland reiten, oder sind ihm die Berge lieber? Wird er sich überhaupt verstecken, wenn niemand seinen Namen weiß? Wenn er zum Beispiel nach Chug Water ginge? In einen der Saloons? Oder zu seiner Crew zurück?

Es ist heiß geworden, die Sonne steht im Zenit. Jetzt neigt sie sich schon nach Westen. Lang wie ein Monat ist dieser Tag. Auf der Rocket-Ranch starren sie ihn an wie einen Fremden. Vor dem Schlafhaus stehen ein paar aufgebockte Schüsseln. Die Boys waschen und rasieren sich. Sie rücken auseinander, als Slim zwischen sie tritt.

„Tag, Jungs! Ist euch eine Laus über die Leber gelaufen?“

Hinten an der Tür ist Curt Henderson aufgetaucht.

„Well, da sind Sie ja, Slim. Ihr Vater wartet schon den ganzen Tag auf Sie.“

„Nicht vielleicht schon länger? Ich war ja ‘ne Zeitlang nicht zu Hause.“

„Er will Sie sofort sprechen, Slim. Der Sheriff war nämlich hier.“

„In Ordnung. Wenn das Pferd versorgt ist.“

„Das kann einer von den Boys erledigen.“

„Besser nicht. Wir wollen nicht gleich neue Moden einführen. Es war ein langer Tag. Da kommt es auf fünf Minuten auch nicht mehr an.“

Slim versorgt zuerst sein Pferd. Dann geht er ins Wohnhaus.

 

 

5

Henry Mortimer sitzt hinter dem schweren Schreibtisch und ist mit Briefen und Rechnungen beschäftigt. Er sieht kaum auf, als Slim ihn begrüßt.

„Du warst sehr lange weg. Aber nicht bei den Weidezäunen, wie wir das vorgestern vereinbart hatten.“

„Ich weiß, dass der Sheriff hier war, Dad. Muss ich dir tatsächlich alles noch einmal erklären?“

„Nein, ich kann darauf verzichten. Hast du den Mörder gefunden?“

Henry Mortimers Stimme klingt nicht gerade so, als ob ihm John Haynes leid täte. Mit keinem Wort fragt er, wie es gestern Nacht zugegangen ist. Er nennt nicht mal den Namen des toten Nachbarn. Gerade, dass er sich nach dem Mörder erkundigt. Und auch das klingt noch rein geschäftlich.

Slim macht kaum die Lippen auseinander.

„Nein, Pa.“

„Also, ein verlorener Tag.“

„So ist es. Aber es wird einen geben, der nicht verloren sein dürfte.“

„Kein einziger Tag im Leben sollte verloren sein“, belehrt der Rancher seinen Sohn. „Dafür ist das Leben zu kurz. Es ist nicht das erste Mal, dass ich dir dies sage.“

„Ganz recht, Dad. Es ist auch nicht das erste Mal, dass ich mir das überlege. Das Leben kann verteufelt kurz sein. Du brauchst nur an John Haynes zu denken. Er war bei bester Gesundheit und hatte keine Feinde. Und er war ein rechtschaffener Mann. – Ich möchte jetzt schlafen gehen.“

Henry Mortimer starrt auf seine Bücher.

„Gute Nacht!“, sagt er kurz, ohne dabei aufzusehen.

Slim geht noch einmal nach draußen Als er den Cowboys Stan Pearls mit einem kalten Stück Fleisch in der Hand trifft, wird ihm bewusst, dass er den ganzen Tag kaum etwas gegessen hat.

„Hast du zufällig auch ein Stück für mich, Stan?“, fragt er.

„Bestimmt! Besonders für einen Hungerleider, wie du einer bist. Oder sind die Fleischtöpfe im Herrenhaus wirklich schon leer?“

„Wer lange fragt, gibt nicht gern. Also, wie ist es?“

„Schon gut! Ich bring dir was.“

 

 

6

Halb Chug Water ist auf den Beinen, als drei Tage danach John Haynes zur letzten Ruhe getragen wird. Slim Mortimer hört die Predigt des Pfarrers nur im Unterbewusstsein. Auch seine Gedanken sind bei dem Toten, aber ganz anders, als es ein Mensch mit Worten ausdrücken kann. Slim Mortimer verfasst eine eigene Predigt in seinen Gedanken, und als alles vorüber ist, reitet er allein zur Rocket-Ranch zurück.

Der Rancher tut, als ob er es nicht bemerkt. Er ist als einer der ersten hinausgegangen und wartet jetzt am Tor der niedrigen Friedhofsmauer. Curt Henderson spricht ihn an, als er mit vier Boys aus seiner Crew vorbeikommt.

„Slim ist schon weg, Boss. Den scheint es ziemlich mitgenommen zu haben. Sollte man nicht etwas auf ihn aufpassen?“

„Kümmert euch um eure eigenen Sachen, Curt. Ihr wisst ja, dass zu Hause Arbeit wartet.“

„Sicher, Mr. Mortimer. Aber kommen Sie nicht mit uns?“

„No, reitet schon voraus! Ich brauche noch weniger einen Aufpasser als mein Sohn.“

Achselzuckend geht Curt Henderson zur Straße hinauf, wo die Pferde stehen.

„Aufsitzen, Boys! Und wenn ihr heute keinen Ärger haben wollt, dann geht jedem aus dem Weg, der den Namen Mortimer trägt.“

Ein paar Leute haben Sam Potters, dem Vormann der Kreuz-im-Kreis-Ranch, die Hand gedrückt. Sozusagen ersatzweise als dem trauernden Hinterbliebenen, die der Tote nicht aufzuweisen hat. In der Beziehung ist John Haynes ärmer dran als mancher, den der Hunger oder eine schlimme Krankheit auf den Friedhof von Chug Water gebracht hat.

Richter Sloane, Sheriff Miles und Sam Potters kommen als letzte. Sie gehen langsam, als hätten sie ebenso viel Zeit wie die Toten hier. Der Richter kommt allein, die anderen sind ein Stück hinter ihm.

Am Tor spricht Mortimer ihn an. „Hallo, Ben! Reicht‘s heute noch für ein Gespräch unter vier Augen? Ich meine, wo ich gerade in der Stadt bin und draußen so viel Arbeit auf mich wartet.“

„Worum geht es denn, Henry?“

„Es wäre mir lieber, wir könnten das an einem anderen Ort besprechen.“

Ben Sloane sieht die anderen kommen.

„Well“, sagt er, „in zehn Minuten in meinem Büro. Einverstanden?“

Mortimer nickt, grüßt flüchtig den Sheriff und den Vormann und reitet in die Stadt.

Er hat noch eine Kleinigkeit im Drugstore zu erledigen. Oder er tut wenigstens so. Vom Fenster aus sieht er, wie der Richter sein Haus betritt. Ein paar Minuten später ist er bei ihm und läutet die Glocke.

Richter Sloane öffnet.

„Na, wo drückt der Stiefel, Henry? Komm herein in die gute Stube! Ein Whisky? Eine Zigarre?“

„Brandy verwirrt den Kopf. Die Zigarre nehme ich. Danke.“

Sie setzen sich an einen großen runden Mahagonitisch. Als die dicke Virginia brennt, sagt Mortimer: „Es gehört sich nicht, gleich mit der Tür ins Haus zu fallen, besonders nicht an einem solchen Tag. Trotzdem, ich glaube, Ben, wir kennen uns lange genug, um uns nicht falsch zu verstehen.“

„Bis jetzt verstehe ich gar nichts. Warum also so umständlich? Ist ja sonst auch nicht deine Art.“

„Wenn du meinst, dass ich immer ehrlich alles gerade heraus sage, dann soll mich das ehren. Ich hoffe, du denkst später noch genauso.“

„Also, gut. Mit der Tür ins Haus fallen kannst du schon nicht mehr. Die Gelegenheit hast du verpasst. Was hast du nun auf dem Herzen?“

„Well, es geht um die Kreuz-im-Kreis-Ranch, verstehst du? Du kennst meine Sorgen. Und wenn ich dich schon gleich am Tag von Johns Beerdigung um Rat bitte, was vielleicht nicht sehr pietätvoll aussehen mag, so tue ich es deshalb, weil ich jedem anderen zuvorkommen möchte, der womöglich genauso pietätlos ist wie ich.“

„Pietät hin, Pietät her. Ich denke, du könntest dich langsam etwas deutlicher ausdrücken, Henry.“

„Und du solltest dich nicht so dumm stellen. Jeder im County weiß, dass ich bei jedem Viehtrieb nach Cheyenne durch Haynes‘ Gebiet muss, und dass er mir dabei im Laufe der Jahre manchen teuren Dollar abgeknöpft hat.“

„Das klingt tatsächlich etwas pietätlos. John hat ein Wegegeld von dir verlangt, was sein gutes Recht war. Schließlich sind deine Rinder nicht spurlos über seine Weiden getrampelt, und letzten Endes hat dich auch niemand gezwungen, den Weg durch sein Gebiet zu nehmen.“

„By Gosh, du redest genau wie damals John, als wir den Preis festlegten. Natürlich konnte ich nach Westen über die Berge gehen. Das habe ich einmal gemacht. Die Herde war drei Tage länger unterwegs, und die Verlustquote betrug vier Prozent durch Silberlöwen, Strauchdiebe und was weiß ich noch.“

„Also hat die Kalkulation gestimmt. Durch den Vertrag mit John Haynes war die Sache günstiger für dich.“

„Genauso ist es. Deshalb will ich die Kreuz-im-Kreis-Ranch kaufen, verstehst du? Und du sollst mir dabei helfen.“

Richter Sloane zieht genießerisch an seiner Zigarre und macht eine Pause, ehe er antwortet.

„Ich sehe keinen Weg, dir zu helfen, Henry. Jedenfalls ist mir nicht bekannt, dass die Ranch verkauft werden soll.“

„Aber das muss sie doch. John stand ganz allein. Er hat keine Erben. Das weiß doch jeder in Chug Water und darüber hinaus. Oder hat er vielleicht ein Testament gemacht? Mit Sam Potters war er ja ein Herz und eine Seele.“

„Kunststück! Die beiden haben sich ein paarmal gegenseitig das Leben gerettet, dass sie schon nicht mehr wussten, wer wem mehr zu danken hatte. Deshalb haben sie es auch nicht länger versucht und sich verhalten wie zwei ganz vernünftige Menschen.“

„Eben. Und deshalb fürchte ich, dass Sam die Ranch in den Schoss fallen könnte, wenn ein Testament …“

„In den Schoss fallen? Würde ich nicht so nennen. Er hat sich jahrelang darum verdient gemacht.“

„Das will ich alles zugeben. Jeder sagt, dass er die Ranch gut geführt hat …“

Sloane unterbricht ihn.

„Es gibt kein Testament, Henry. Der Sheriff und ich haben im Beisein von Sam Potters das Haus untersucht. Genau, wie es das Gesetz vorschreibt. Allerdings weiß ich auch von John persönlich, dass er noch lange nicht die Absicht hatte, ein Testament zu machen. Er fühlte sich noch nicht alt genug.“

„Well, dann fällt die Ranch an den Staat Wyoming, und der wird sie verkaufen.“‘

„Er würde sie versteigern, Henry. Versteigern an den Meistbietenden.“

„Yeah, und Sam Potters hat nicht genügend Geld, um da mitzuhalten.“

„No, das hat er nicht. Trotzdem solltest du dich nicht so sehr ereifern, Henry. Eine Versteigerung wird nicht stattfinden. Und ein Verkauf? – Ich weiß nicht. Ich glaube auch daran nicht.“

„Das klingt ja sehr geheimnisvoll. Aber du weißt etwas darüber. Spuck es aus, alter Paragraphenreiter! Du hast mich lange genug hingehalten.“

„Es gibt da einen Bruder in Nebraska. Genauer gesagt, in Rushville …“

„Einen Bruder? Einen echten Haynes? Woher hast du denn plötzlich die Neuigkeit?“

„Wir fanden Briefe, als wir nach dem Testament suchten. Es gibt einen Frederic Haynes in Rushville, der dort eine kleine Ranch besitzt. Wir haben ihm telegrafiert. Er hat geantwortet, dass die Reise zu weit wäre, als dass er noch pünktlich zur Beisetzung kommen könne. Die Annahme der unerwarteten Erbschaft würde er überprüfen, sobald ich ihm die notwendigen Unterlagen über die Situation geschickt habe. Über die Größe und den Wert der Ranch. Außerdem hat er sich nach dem Personal, nach dem Viehbestand und nach eventueller Verschuldung erkundigt. Er hat alles sehr korrekt formuliert, sodass ich glaube, er hat sich bereits einen Anwalt für die Angelegenheit genommen.“ Henry Mortimer drückt die halb gerauchte Zigarre in den eisernen Ascher.

„Das heißt also, es kommt ein neuer Haynes nach Chug Water.“

„Jedenfalls musst du damit rechnen, Henry. Die Chancen stehen zehn zu eins dafür.“

 

 

7

Die kleine Herde steht am Südufer des Niobrara Lake. Es sind kaum noch fünfhundert Rinder, seit etwa achtzig Tiere wie vom Erdboden verschluckt wurden.

Die Sonne sinkt.

Frederic Haynes hebt den Arm, dass Carol, die hundert Yards hinter ihm auf dem Kutschbock des Planwagens sitzt, es sehen kann. Er wendet das Pferd und reitet das Stück zurück.

„Hier ist ein guter Platz für die Nacht, Carol. Am besten dort unter den drei großen Bäumen, gleich am Ufer. Ich werde Ben Nachricht geben.“

Der Rancher reitet ans Ende der Herde, wo sein alter Cowboy Ben Shiffles die Nachhut bildet.

„Das war ein langer Tag, Boss. Ich würde es für die Nacht hier am Ufer riskieren.“

„Zwei Seelen, ein Gedanke, Oldtimer. Ich habe Carol schon gezeigt, wo sie halten soll. Treib die Tiere also nicht mehr an. Sieh nur zu, dass nicht noch mehr verlorengehen.“

„Du weißt, dass ich aufpasse, solange noch ein Funken Licht unterm Himmel ist. An mir soll es nicht liegen.“

„Well, so long, Alter. Ich gehe wieder nach vorn.“

Die Spitze der Herde ist in eine langsame Gangart gefallen. Frederic Haynes hat keine Mühe, die ersten Tiere ans Ufer zu treiben, wo sie bis über die Hufe ins flache Wasser gehen. Ein kleiner Creek mündet hier in einer Talsenke in den See. Das Gras ist frisch und saftig.

Carol hat inzwischen die Pferde ausgeschirrt und zur Tränke geführt. Der Rancher holt einen Korb mit Verpflegung vom Wagen und ein paar leere Kisten, auf denen sie sitzen können.

„Wie wär‘s mit etwas Brennholz?“, fragt Ben. „Ich meine, etwas heißen Tee könnten wir alle vertragen. Die Nacht wird kühl.“

Vater und Tochter sehen sich an, um sie prüfen, wie der andere darüber denkt.

„Einmal am Tag sollte man etwas Warmes essen“, überlegt das Mädchen. „Aber ihr müsst wissen, ob wir uns ein Feuer leisten können.“

„Dieses Tal macht einen beruhigenden Eindruck. Ich glaube, hier sind wir sicher“, sagt der Rancher. „Das Stück Lendenfleisch im Wagen können wir nicht noch ein paar Tage durch die Sonne schleppen. Ich hätte heute Abend Hunger darauf. Was meint ihr?“

„Hoiiioooh – hussaah!“, stößt Shiffles einen seiner Cowboyrufe aus. „Ich sorge für Holz, wenn ihr das andere übernehmt.“

Nur noch die Hälfte des Sonnenballs ist über dem Horizont zu sehen, als das Lagerfeuer brennt und das Fleisch am Spieß brät. Daneben kocht das Wasser für den Tee, und in der Glut schmoren ein paar Kartoffeln.

Während des Essens reden sie nicht viel.

Dann ist es dunkel, und die ersten Sterne werden sichtbar. Nicht viele, denn es treiben Wolken rasch am Himmel.

Das Feuer lassen sie herunterbrennen, doch die Glut hält sich lange.

Benjamin Shiffles hat seine Gitarre aus dem Wagen geholt und schlägt ein paar Akkorde an. Leise summt er dazu eine Melodie ohne Text. Als ob er Angst hätte, der Boss würde es verbieten, sobald er dazu singt. Mitten im Lied hört er auf, stellt die Gitarre hin und dreht sich eine Zigarette.

„Ich gehe noch einmal die Herde ab“, sagt Haynes, steht auf und verschwindet in der Nacht. Carol räumt das Geschirr zusammen, spült es im Wasser sauber und bringt es in die Kiste zum Wagen. Shiffles raucht stumm seine krumme Zigarette und spuckt dann und wann einen langen Tabakfaden aus, der ihm zwischen die Lippen kommt. Nach einer Weile ist Carol wieder da, setzt sich neben ihn und starrt ins verglühende Feuer.

„Warum hast du aufgehört, Ben?“

„Ich bin satt.“

„Ich meine, mit dem Spielen.“

„Ach so, mit dem Wimmerschinken. Es geht heute nicht. Bin nicht in Stimmung.“

„Unsinn! Du spielst so gut, Ben. Ich habe noch nie erlebt, dass du dazu mal nicht in Stimmung warst.“

„Carol, was weißt du schon davon? Was weißt du schon von so einer alten Lederhaut, die innen schon ganz leer ist? Die keine Seele mehr hat.“

„Jetzt versündige dich nicht, Oldtimer! So etwas darfst du nicht sagen.“

„So? Darf ich das nicht? Willst du wissen, was ich sagen darf und was nicht? Weißt du, wie alt ich bin?“

„Ich kenne ja deine Papiere. Du bist neunundvierzig.“

„Stimmt nicht. Ich bin zweitausend. Ich habe schon gelebt, als die Rocky Mountains noch in Georgia standen. Das war vor der Vertreibung aus dem Paradies, weißt du. Da hatten wir Menschen noch alle eine reine Lederweste. Und da konntest du durch einen Sumpf gehen, und wenn du wieder herauskamst, war kein Klumpen Lehm an deinen Stiefelabsätzen. So sauber war damals die Menschheit, verstehst du?“

„Ich verstehe dich sehr gut, Onkel Ben. Aber du brauchst mir heute nicht mehr die alten Märchen zu erzählen. Ich bin erwachsen. Und ich sehe, du hast Sorgen. Sonst würdest du mich nicht plötzlich wieder wie ein kleines Kind behandeln.“

„Habe ich das getan?“

„Das merkst du doch selbst. Wir sind auf dem Weg nach Chug Water. Chug Water wird unsere neue Heimat sein. Freust du dich nicht darauf?“

„Ich weiß nur, dass wir eine alte Heimat verlassen haben. Fünfundzwanzig Jahre habe ich dem alten Starrkopf Frederic Haynes gedient. Fünfundzwanzig Jahre war ich glücklich in Nebraska. Und jetzt ist er plötzlich ein reicher Mann. Ein Großrancher. Aber doch ein kleiner Geist. Er schleppt seine lächerlichen fünfhundert Rinder durch die Badlands, weil er zu stolz ist, mit leeren Händen nach Wyoming zu gehen.“

„Er will nicht nur erben. Er will auch etwas mitbringen. Du würdest nicht anders denken, wenn du an seiner Stelle wärest.“

„Natürlich! Du bist ja auch eine Haynes.“

„Das klingt aber schlimm. Ist der Name Haynes so wenig wert?“

„Im Gegenteil. Der Name Haynes ist ein ganzes County wert.“

„Na, siehst du! Du scheinst vergessen zu haben, wie wir alle vor Freude herumgetanzt sind, als die Nachricht kam, dass wir endlich nach Chug Water ziehen dürfen. Du wirst auf einer Ranch arbeiten, die zehnmal so groß ist wie unser bescheidener Fleck in Rushville. Pa hat ja schließlich gut verkauft. Und wir kommen wirklich nicht mit leeren Händen.“

„No, Carol, mit leeren Händen kommen wir nicht, dazu sind wir zu stolz.“ Ben Shiffles sieht sie an und bringt ein trockenes Grinsen auf sein Ledergesicht. Dann fährt er fort: „Ich bin nicht mehr der Jüngste, Kind. Zweitausend … oder auch nur neunundvierzig, wie du sagst … Alte Leute kriegen manchmal einen Spleen. Mach dir keine Sorgen. Morgen sieht die Sache schon wieder ganz anders aus.“

Er steht auf und bringt die Gitarre zum Wagen. Er wickelt sie liebevoll in eine Decke und schiebt sie unter den Sitz.

Die Glut des Feuers ist fast verloschen. Ein kühler Wind kommt auf.

„Wir sollten schlafen gehen“, sagt Carol. „Aber wir brauchen wohl eine Wache. Was hast du mit Pa besprochen?“

„Eigentlich gar nichts.“

„Er ist schon lange weg. Warum ist er noch nicht zurück?“

„Er kontrolliert die Herde. Das dauert seine Zeit, Kind.“

„Er ist schon eine halbe Stunde weg.“

„Der Boss ist kein Greenhorn, das sich im Dunkeln verirrt. Leg dich schon hin! Ich werde hier auf ihn warten … By Gosh!“

Lärm im Süden hat ihm den Fluch entlockt.

Dann fällt ein Schuss, und nach einer Pause noch zwei, kurz hintereinander.

„Bei Luzifer“, stößt Ben Shiffles hervor, stürzt zum Wagen, wo seine Winchester hängt und rennt am Ufer des Creek entlang.

Er wartet auf weitere Schüsse. Aber da sind nur Rufe von Männern, das Trampeln unruhig gewordener Rinder und das Stampfen von Pferdehufen.

„Boss, wo bist du? Hallo, Rancher!“

Die Herde ist unruhig geworden. Die Tiere sind verstört und brüllen. Die Stille der Nacht ist gestört, draußen dröhnt die Erde unter flüchtigen Hufen.

Der Rancher hat nicht geantwortet.

Ben Shiffles keucht weiter. Es scheint alles so nah, dass er gar nicht an sein Pferd denkt. Er rennt einfach los.

Der Weg wird endlos.

Seine Füße wollen ihn nicht mehr tragen.

Nervöse Rinder stehen ihm im Weg, was ihn aber nicht weiter beunruhigt. Doch weit hinten ist etwas Verdächtiges, es hört sich nicht gut an. Das ist nicht nur Unruhe in der Herde, das ist Aufruhr!

Da jagt es und stampft nach allen Seilen in die Nacht. Und da reiten Leute mit feuerbereiten Waffen.

Ein Stück in der Erde ist weich wie fließender Sand. Shiffles bleibt mit der Stiefelspitze hängen, fällt hin und hat den Mund voller Dreck. Er spuckt aus und rennt weiter.

„Mr. Haynes!“, ruft er verzweifelt.

Er hat sich selten so verlassen gefühlt.

Sie nehmen ihm die Herde weg, und er steht machtlos dabei. Dann rennt er wieder, weil er weiß, dass Stehenbleiben keinen Sinn hat.

Ist der Boss tot?

Er weiß nicht, wohin. Er bleibt wieder stehen. Er hat eine Winchester unterm Arm, aber er hat kein Ziel.

Wohin soll er schießen?

Wenn er tot ist, geht es nur noch um Carol!

Yeah, Oldtimer! Das ist deine letzte Aufgabe. Bring das Kind hier heraus! Dieser Trip nach Chug Water hat sich nicht gelohnt. Sie machen euch fertig. Ganz langsam. Aber sie sind stärker und können alles.

Chug Water ist Eden, und Eden werdet ihr nie erreichen!

Verflucht seien die Rinder!

Dieser junge Mensch ist wichtiger als alle Herden von Nebraska.

„Carol!“

Sie steht plötzlich hinter ihm. Sie ist ihm einfach nachgerannt.

„Wo ist Dad? Warum suchst du ihn nicht? Warum liegst du hier? Hat es dich erwischt?“

„Keine Spur. Oder vielleicht doch …“

Er dreht sich um und sieht sie in ihrem farblosen langen Rock und mit einem Gewehr in der Hand. Carol sieht nicht aus wie eine, die seine Hilfe braucht.

Die Scham will ihn in den Boden drücken. Das Gefühl bringt ihn zur Besinnung. Er wird nicht zugeben, dass er Angst gehabt hat.

„Wenn ich doch ein Pferd genommen hätte, ich Dummkopf. Aber ich werd‘s denen auch so geben. Warte hier auf mich, Carol! Das ist jetzt Männersache.“

„Was ist mit Dad, Ben? Die Rinder interessieren mich nicht! Ich will wissen, was mit Dad ist.“

Hinten im Grasland, vom See weit entfernt, fallen erneut Schüsse.

„Ich kenne seine Büchse, Kind. Das ist er. Also ein Pferd, ich Trottel … Komm zurück, Carol! Ich brauche ein Pferd.“

 

 

8

Sie rennen ans Ufer. Shiffles wirft seinem Braunen den Sattel auf.

„Steig schon auf!“, keucht das Mädchen. „Ich schnalle den Gurt fest. – Gut so.“

Der Gaul drückt sich auf der Hinterhand ab wie ein Pfeil, und Ben Shiffles reitet den Creek entlang wie der Teufel.

Die schmale Kette der Rinder ist nicht breiter als hundert Yards. Die meisten Tiere haben sich wieder beruhigt, doch weiter im Süden sieht man deutlich den abgesprengten Teil der Herde.

Der Cowboy drückt dem Braunen die Stiefel in die Flanken und legt sich mit dem Oberkörper flach über den langmähnigen Hals.

„Mach dich lang, alter Junge! Die da drüben müssen wir erwischen.“

Mehr als eine halbe Meile reitet der Cowboy. Er hat den Duft von Banditen in der Nase, und er hat einen nervösen Finger. Er wird sie töten. Er wird keine Rücksicht nehmen. Doch dann ist es mit dem Heldentum vorbei.

Er hört Frederics Stimme und reißt das Pferd herum. Gegen den blassgrauen Himmel sieht er die Silhouette eines anderen Pferdes.

„Ben!“

Der Rancher liegt im Gras. Shiffles rutscht aus dem Sattel und springt hin.

„By Gosh, Mr. Haynes! Was ist passiert?“

„Die Schulter ist‘s. Aber nichts Schlimmes. Ich steige gleich wieder auf.“

„Sie kommen ins Camp zurück, und dann werden wir weitersehen.“

„Sie haben mindestens fünfzig Rinder abgesprengt …“

„Fünfzig Rinder oder ein Menschenleben, das ist immer noch ein Unterschied. Wir bleiben hier.“

„Du alter Dickschädel! Ich gebe dir den Befehl …“

„Befehlen Sie nur, Boss! Jetzt geht es erst einmal um Ihre Gesundheit.“

„Es geht um die Herde, Ben. Du wirst nichts tun, was ich nicht will.“

„Sie sind verwundet, Boss. Und deshalb geht es nur um Sie.“

„Feigling!“

„Auch das schlucke ich, Boss. Verwundete sind ja immer besonders mutig. Ich dagegen habe noch einen klaren Kopf. Ich habe auch etwas Angst, was ganz gut für die Gesundheit sein soll. Der Ritt nach vorn ist vorbei. Kommen Sie! Ich helfe Ihnen!“

„Die Pfoten weg, alter Jammerlappen! Das schaffe ich schon allein.“

Frederic Haynes sieht nicht gut aus, wie er sich ohne fremde Hilfe auf die Beine müht. Er hält sich die linke Schulter und macht ein Gesicht, als ob er auf geschnittene Zitronen beißt.

Erst beim Aufsteigen wagt Ben Shiffles, ihm Hilfestellung zu geben, und Haynes wehrt sich nicht mehr dagegen.

Der Ritt zum See ist ein Trauerzug. Die Pferde gehen im Schritt. Ein leichter Trab hätte dem Rancher Höllenqualen bereitet. Dieser Mann denkt an die gestohlenen Rinder. An die Männer, mit denen er einen Feuerwechsel hatte.

Er hätte sie töten können!

Mit etwas mehr Glück.

Bei dem einen hat er sogar das Weiße im Auge gesehen. So nahe ist er ihm gewesen.

Nur zu einem Treffer hat es nicht gereicht.

Und mindestens fünfzig Tiere sind sie wieder losgeworden.

Die Gedanken betäuben den Schmerz, lenken ihn ab. Niemand spricht ein Wort.

Es ist alles sinnlos.

Wo sollte man anfangen?

Haben wir etwas falsch gemacht?

Es ist alles falsch. Und sinnlos.

 

 

9

„Pa!“, ruft Carol mit leiser Stimme. „Pa! Was ist passiert?“

Haynes hat fast die Besinnung verloren.

„Es hat ihn an der Schulter erwischt“, sagt Shiffles grob. „Sein Charakter ist heil geblieben, sein Dickschädel. Er wollte doch allein zurückreiten und mich draußen den Coyoten überlassen.“

„Er blutet ja! Mein Gott, Ben, rede nicht soviel! Hilf ihm lieber.“

Fred Haynes wartet auf keine Hilfe. Er steigt allein aus dem Sattel. Es ist mehr ein Rutschen, wobei er sich mit der gesunden Rechten am Sattelhorn festhält.

Wie er neben seinem Pferd breitbeinig in seinen Stiefeln steht, sieht er aus wie ein Mann, den nichts umwerfen kann. Aber man muss ihm ins Gesicht sehen. Sehen, wie er die Zähne zusammenbeißt.

Und im fahlen Licht der Sterne ist auch der dunkle Fleck auf seinem Hemd zu erkennen.

„Blas das Feuer hoch, Ben!“, kommandiert er. „Legt Holz nach. Ihr braucht mehr Licht, wenn ihr mich verbindet.“

„Ich hole die Lampe, Dad“, sagt Carol. „Wir brauchen wirklich mehr Licht als das rauchende Feuer. Das taugt alles nichts.“

„Well, Kind, wie du meinst …“

Der Rancher setzt sich. Carol holt Leinentücher und die Karbidlampe.

„Halte sie, Ben!“

„Yeah, aber lass mich zusehen, wie du das machst. Verstehst du was von Verwundungen?“

Sie gibt keine Antwort. Sie schneidet das Hemd auf und legt die Wunde frei. Sie ist blutverschmiert, man kann nicht viel erkennen.

Ben sagt: „Soviel verstehe ich von Fleisch und Knochen, dass ich weiß, was man machen muss.“

„Na, die Wunde reinigen und verbinden. Pa scheint noch Glück gehabt zu haben. Von den Organen ist keins getroffen.“

„Wer redet von Organen so hoch in der Schulter, Kind? – Bloß, die Kugel steckt noch drin. Es hat keinen Sinn, Boss, da einfach einen Verband anzulegen, wo wir frühestens in einer Woche einem Arzt begegnen werden.“

„Die Kugel steckt noch?“, fragt Carol bedrückt. Wunden verbinden kann sie, doch für einen Chirurgen hat sie nicht die Hand und nicht die Unbefangenheit.“

„Soweit ich es beurteilen kann, hat Ben recht“, sagt der Rancher.

„Dann wird einer von uns nach Alliance reiten müssen. In Alliance gibt es fünf Ärzte, und das ist keine dreißig Meilen entfernt.“

Die Männer hören nicht hin, was sie sagt.

„Traust du‘s dir zu, Ben?“

„Für meinen Boss immer. Außerdem kann es sich keiner leisten, die Herde zu verlassen. Die Banditen können jederzeit zurückkehren. Ich wette, die wissen genau, wie es personell um uns bestellt ist.“

„Well, Oldtimer, du brauchst mir keine Predigt über unsere Lage zu halten. Wenn ich erst das Gewehr aus der Hand legen muss, können wir auch gleich den Kerls die Herde freiwillig überlassen und mit der Postkutsche weiterreisen.“

„Habe ich nicht seit Wochen gepredigt, dass wir das verdammte Vieh nach Lakeside an die Bahnlinie hätten treiben sollen, um es dort zu verkaufen? Sie haben eine Großranch geerbt, Boss. Was sollen da die paar billigen halbfetten …“

„Sag das nicht noch einmal, Ben!“, schnauft der Rancher, richtet sich auf, so gut er kann, und packt den Cowboy an der Knopfleiste seiner Lederweste.

„Aufhören!“, schreit Carol und greift nach den Fäusten ihres Vaters. „Aufhören! Seid ihr denn verrückt geworden?“

Shiffles zieht sich freiwillig zurück.

„Da bin ich ganz unschuldig. Ich habe ja noch kein Wundfieber. Ich bin völlig klar im Kopf, und ich werde es noch sein, wenn ihr jungen Leute euren gesamten Verstand verloren habt.“ In respektvoller Entfernung stellt er sich hin und zieht seine Lederweste zurecht.

Frederic Haynes ist stöhnend zurückgesunken. Der Schmerz zeichnet sich erneut in seinem Gesicht ab. Carol sitzt da, hat die Leinentücher zwischen den verkrampften Händen und weint.

„Carol“, sagt der Rancher gepresst und mit viel Mühe. „Lass das, Kind! Es ist doch alles nur für dich.“

„Für mich? – Für mich? Es ist alles für euch! Für euren Ehrgeiz, für euren Hunger nach Reichtum und Macht. Ich war glücklich in Rushville. Wir hatten die kleine Ranch. Wir hatten genug für uns. Aber das ist ja alles Männersache. Davon verstehe ich ja nichts …“

„Carol!“

„Ja, Pa! Macht wollt ihr haben. Und zweihundert Rinder sind bei euch mehr als hundert. Dafür gebt ihr sogar eure Heimat auf.“

„Caroline, ich habe Schmerzen. Sag Ben, er soll bald anfangen. Ich kann auf den Arzt nicht warten.“

„Pa!“

Sie beugt sich zu ihm hinab und nimmt seinen blassen, blutleeren Kopf in die Hände. „Pa, du musst wieder gesund werden. Ich bin verrückt. Ich werde nie wieder so etwas sagen. – Was soll ich jetzt tun? Los, Ben, rede schon!“

„Mach die Tücher nicht schmutzig, Kind. Die sind zum Verbinden der Wunde gedacht und nichts, an dem du deine Wut auslassen kannst. Eine Wunde ist empfindlich gegen alle Bakterien.“

„Dann hole ich neue. Diese Lappen könnt ihr nicht mal mehr einem Ochsen anbieten.“

Sie wirft die Tücher hin und geht zum Wagen. Sie kommt mit ihrem kleinen Hirschlederkoffer zurück, in dem sie ihre wenigen, ganz persönlichen Dinge verpackt hat. Sie macht ihn auf und sucht etwas kopflos darin. Es sind ihre besten Sachen. Ihre Kleider, ihre Wäsche. Es ist viel Buntes dabei.

„Es muss etwas Weißes sein“, sagt Ben Shiffles ungeduldig. „Diese bunten Fähnchen sind alle gefärbt, und ich weiß nicht, mit was für teuflischen Säften. – Da, das ist in Ordnung. Wenn es frisch gewaschen ist.“

„Das ist es. Und zwar sauberer, als du jemals in deinem Leben gewesen bist.“

„Yeah, reiß es in Streifen, und warte, bis ich soweit bin.“

Sie gehorcht.

Der Cowboy schürt das Feuer, das immer noch glimmende Glut hat. Er legt trockenes Reisig nach und bläst kräftig hinein, bis die Flammen wieder züngeln. Er schiebt drei Scheite nach, dass sie zu glühen anfangen. Er braucht viel Hitze.

Dann hält er das Messer hinein und wartet, bis die Klinge glüht.

Frederic Haynes scheint zu schlafen. Sein Kopf ruht auf dem Sattel. Er rührt sich nicht und hat die Augen geschlossen.

„Pa!“, flüstert Caroline. Er hört es nicht.

„Wir müssen ihn wecken“, erklärt der Cowboy. „Er muss wissen, wann es geschieht, sonst hält er nicht still. – Hallo, Boss!“

Er schüttelt ihn.

„Macht schon, Kinder! Ich schlafe nicht. Ich warte nur, dass ihr endlich fertig werdet.“

„So schnell geht das nicht, Boss. Ich habe die Wunde gewaschen. Ich sehe den Einschuss genau. Das Herz schlägt meilenweit davon. Da ist keine Gefahr.“

„Also, was faselst du noch, Oldtimer?“

„Das Ding hängt unter der Achsel. Da laufen ‘ne Menge Muskeln zusammen, die alle mit dem linken Arm zu tun haben.“

„Willst du sie drin lassen?“

„Ich bin kein Doc. Aber besser als nichts. Wenn wir einfach einen Verband drübermachen, kann es in ein paar Tagen Komplikationen geben. Heben Sie den Arm, Boss!“

Haynes versucht es. Nach drei Zoll kann er nicht mehr weiter und lässt den Arm wieder sinken.

„Was ist? Schmerzt es?“

„Es ist die Hölle, Ben. Hol das Ding heraus! Das ist ein Befehl.“

Es hat keinen Sinn, noch länger zu zögern.

„Yeah, Pa weiß also Bescheid“, sagt der Cowboy zu Carol. Er spricht so gelangweilt, als ob es nur darum ginge, einen Topf Bohnen aufs Feuer zu stellen. „Halte ihm den rechten Arm. Knie dich drauf, Kind. Er darf sich nicht bewegen, bis ich fertig bin. – Ich denk an nichts andres, klar?“

„Mach schon, Onkel Ben! Ich werde nicht hinsehen …“

Ben Shiffles schneidet in die Wunde. Er macht schnell und keine Bewegung zu viel. No, er ist kein gelernter Doc. Aber er hat es schon fünfmal gemacht in den letzten dreißig Jahren. Das macht ihn sicher.

Eine Minute später hat er den Klumpen Blei erwischt und herausgeholt.

Es ist längst Mitternacht geworden. Der Mond steckt hinter den Wolken.

„Danke, Caroline! Das hast du gut gemacht. Verbinde ihn, damit er nicht noch mehr Blut verliert.“

Ben Shiffles schleicht sich weg. Fünfmal in dreißig Jahren hat er so etwas gemacht und immer eine ruhige Hand gehabt. Die Aufregung ist erst immer hinterher gekommen. Genau wie heute.

Well, heute besonders. Denn Fred Haynes ist noch lange kein gesunder Mann.

Ben Shiffles legt sich unter die Hinterachse des Wagens und zieht den Schlafsack bis an die Ohren.

No, gesund ist er nicht, der Rancher.

Es wird Tage dauern, bis mit ihm wieder zu rechnen ist. Und draußen lauern die Banditen wie die Coyoten. Wissen genau, wie schwach die Truppe ist. Und deshalb werden sie wiederkommen und sich Tag für Tag ihren Teil holen. Bis die kleine Herde aufgelöst ist.

Yeah, Rancher, und wenn sie erst wissen, was mit deiner Schulter los ist, werden sie noch frecher werden. Vielleicht kommen sie morgen und holen sich den ganzen Rest auf einmal.

Und vielleicht wird wieder Blut fließen.

Caroline hat die Wunde verbunden und kommt an den Wagen. Sie sieht das Weiße in Shiffles‘ Augen blitzen.

„Du bist noch wach, Onkel Ben?“

„Nein, ich schlafe ganz fest. Merkst du das nicht?“

„Alter Spaßmacher. Hast du wirklich so viel Mut?“

„Immer, wenn ich ihn brauche, Kind. Wie geht‘s dem Rancher?“

„Er schläft jetzt.“

„Well, dann leg dich auch hin. Diese Nacht werden sie nicht mehr kommen. Wir brauchen keine Wache.“

„Und die Herde?“

„Die Rinder riechen das Wasser. Die sind so gut wie angebunden.“

Ben Shiffles schläft wie ein Schneehase mit halb geöffneten Augen. Zwei Stunden, drei Stunden. Dann steht er auf und macht einen Rundgang. Der Rancher liegt am erkalteten Lagerfeuer und schläft tief und fest. Die Herde ist ruhig. Im stillen Wasser spiegeln sich matt zwei Sterne, die zwischen den Wolken von der ganzen Pracht übrig geblieben sind.

Dann erscheint der erste helle Streifen am Horizont.

Noch hundert Meilen bis Chug Water …

Bevor Shiffles den Rancher weckt, blickt er eine Weile in das ruhige, entspannte Gesicht.

Yeah, Boss, denkt er. Noch hundert Meilen bis Chug Water. Und wenn du jemals dort ankommst, wirst du keine Herde mehr haben. Diese verdammten Vierbeiner! Du wirst sie alle verlieren wegen deines Dickschädels. Und vielleicht noch mehr. – Rinder wirst du in Chug Water genug vorfinden. Und natürlich auch Menschen. Aber es werden nicht die sein, die du leichtsinnig aufs Spiel gesetzt hast.

Da schlägt Frederic Haynes die Augen auf und sieht den Schatten des kleinen, krummbeinigen Cowboys über sich.

„Hey, alter Gauner! Ich habe doch gleich gespürt, dass mich im Schlaf dauernd jemand anstarrt. Was suchst du bei mir?“

„Gar nichts, Boss. Ich habe nur nachgesehen, ob der Verband nicht verrutscht ist. Und ich habe über etwas nachgedacht.“

„Sieh einer an. So früh am Morgen fängst du schon an zu denken. Hoffentlich hat es was genützt.“

„Genützt hat es gar nichts. Ich kann ja nichts ändern.“

Details

Seiten
128
Jahr
2021
ISBN (eBook)
9783738950090
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v997399
Schlagworte
erbe geister-ranch

Autor

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Titel: Der Erbe der Geister-Ranch