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Heiße Eisen, eiskalte Geier: Western Großband 2/2021

2021 360 Seiten

Leseprobe

Heiße Eisen, eiskalte Geier: Western Großband 2/2021

Pete Hackett

Dieser Band enthält folgende Western:


Heißer Colt in zarter Hand (Pete Hackett)

Die Patriotin (Pete Hackett)

Nackt unter Geiern (Pete Hackett)


Unter dem Pseudonym Pete Hackett verbirgt sich der Schriftsteller Peter Haberl. Er schreibt Romane über die Pionierzeit des amerikanischen Westens, denen eine archaische Kraft innewohnt, wie sie sonst nur wenigen eigen war – eisenhart und bleihaltig. Seit langem ist es nicht mehr gelungen, diese Epoche in ihrer epischen Breite so mitreißend und authentisch darzustellen.

Mit einer Gesamtauflage von über zwei Millionen Exemplaren ist Pete Hackett (alias Peter Haberl) einer der erfolgreichsten lebenden Western-Autoren. Sein Ex-Lektor Peter Thannisch: "Pete Hackett ist ein Phänomen. Seine Western sind mannhaft und von edler Gesinnung."

Hackett ist auch Verfasser der neuen Serie "Der Kopfgeldjäger".




Copyright


Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

Alfred Bekker

© Roman by Author / COVER FIRUZ ASKIN

© dieser Ausgabe 2021 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

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​Heißer Colt in zarter Hand

Western von Pete Hackett


Über den Autor

Unter dem Pseudonym Pete Hackett verbirgt sich der Schriftsteller Peter Haberl. Er schreibt Romane über die Pionierzeit des amerikanischen Westens, denen eine archaische Kraft innewohnt, wie sie sonst nur dem jungen G.F.Unger eigen war – eisenhart und bleihaltig. Seit langem ist es nicht mehr gelungen, diese Epoche in ihrer epischen Breite so mitreißend und authentisch darzustellen.

Mit einer Gesamtauflage von über zwei Millionen Exemplaren ist Pete Hackett (alias Peter Haberl) einer der erfolgreichsten lebenden Western-Autoren. Für den Bastei-Verlag schrieb er unter dem Pseudonym William Scott die Serie "Texas-Marshal" und zahlreiche andere Romane. Ex-Bastei-Cheflektor Peter Thannisch: "Pete Hackett ist ein Phänomen, das ich gern mit dem jungen G.F. Unger vergleiche. Seine Western sind mannhaft und von edler Gesinnung."

Hackett ist auch Verfasser der neuen Serie "Der Kopfgeldjäger". Sie erscheint exklusiv als E-book bei CassiopeiaPress.



Ein CassiopeiaPress E-Book

© by Author www.Haberl-Peter.de

© der Digitalausgabe 2013 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen

www.AlfredBekker.de



Es war ein kalter, regnerischer Tag, als sich für Amos Benton das Tor des Staatsgefängnisses in Leavenworth öffnete. Ein bretterharter Wind trieb peitschende Regenschauer vor sich her. Von den Dächern der Häuser und der Vorbauten tropfte und schoss das Wasser. Der Regen hatte die Straßen in Schlammlöcher verwandelt.

Fünf Jahre Zuchthaus lagen hinter Amos Benton. Fünf Jahre knochenbrechende Arbeit im Steinbruch. Er war gedemütigt worden, man hatte seinen Stolz mit Füßen getreten. Aber all die Jahre hatten ihn nicht zerbrochen. Im Gegenteil: Jeder Schlag mit der Peitsche, jede Demütigung, jede Beleidigung hatte seinem Hass Nahrung gegeben – seinem tödlichen Hass auf Milt Lockwood, den Town Marshal von Oakley ...

James Blaine, Joel Elliott, Ben Holladay und John Morgan, einige der alten Kumpane, erwarteten Benton vor dem Zuchthaus. Sie hatten für ihn ein Pferd mitgebracht. Am Sattelhorn hing Bentons Revolvergurt mit dem 45er Remington. Im Scabbard steckte eine Winchester.

Sie schüttelten Benton die Hand. Der hagere Bandit grinste. Seine Haare waren im Zuchthaus grau geworden. Die fünf Jahre hatten ihn vorzeitig altern lassen. Tiefe Linien zerfurchten sein hohlwangiges, ausgemergeltes Gesicht.

Indes er sich den Revolvergurt um die Hüften schwang und ihn schloss, sagte er: "Es ist gut euch zu sehen, Jungs. Ich wusste es doch, dass ihr da sein werdet. Was habt ihr getrieben in all den Jahren?"

Er rückte das Holster zurecht und drückte den Knauf des Sechsschüssers griffgerecht nach außen. Dann zog er. Das Eisen flirrte aus dem Holster und schwang hoch. Gleichzeitig spannte Benton den Hahn. Er war nicht zufrieden. Er war aus der Übung. Der Hahn glitt in die Ruherast zurück. Benton ließ den Colt einmal um den Finger rotieren und versenkte ihn im Holster. "Ich werde üben müssen", murmelte er, dann schaute er von einem zum anderen.

"Wir sind sesshaft geworden, Amos", gab James Blaine zu verstehen. "Ich lebe unten in Great Bend ..."

Eigentlich wollte Amos Benton es gar nicht hören. Er winkte ab und stieg aufs Pferd. Der Braune tänzelte unter ihm und spielte mit den Ohren. "Wir reiten nach Oakley", stieß Benton wild hervor. "Lockwood ist dort doch noch Marshal?"

"Yeah", murmelte Joel Elliott. "Und seinen Sohn Doug hat er zu seinem Vertreter gemacht."

Aus Bentons pulvergrauen Augen brach der Hass wie ein Dämon. Sein glitzernder Blick verlor sich für kurze Zeit in der Ferne, als würde er in bitteren Erinnerungen versinken. "Sehr gut." Seine Stimme war getränkt mit tödlicher Leidenschaft. "In spätestens einer Woche können wir in Oakley sein. Lockwood hat also noch genau eine Woche zu leben ..."

Es klang wie ein Todesurteil, bei dem der Tag der Hinrichtung gleich festgesetzt wurde.

Amos Benton war fest entschlossen, sich blutig zu rächen. Lockwood erschoss damals seinen Bruder Joey. Und ihn brachte er für fünf Jahre ins Zuchthaus. Die fünf Jahre hatten ihn nur der ätzende Hass und der Gedanke an blutige Rache durchstehen lassen.

Sie zerrten die Pferde herum und ruckten in den Sätteln. Fast 300 Meilen lagen zwischen ihnen und Oakley. Aber Amos Benton wäre selbst bis zum Südpol geritten, um Lockwood zu töten ...


*


Doug Lockwood, der Deputy Marshal von Oakley, machte die Runde. Es war zehn Uhr. In den beiden Saloons der Stadt ging es hoch her. Verworrener Lärm erfüllte die Main Street. Im Westen von Kansas hatte es nicht geregnet. Es war August. Der Abend war noch mit der Wärme des Tages aufgeladen.

Stimmendurcheinander, Gelächter, Geschrei und Gegröle trieben aus dem 'Bluebird Saloon'. Dazwischen waren die hämmernden Takte eines Orchestrions zu vernehmen. Tabakqualm schlierte um die Lampen an den Wänden und über den Tischen, die an Ketten von der Decke hingen. An zwei Tischen im Hintergrund wurde gepokert. Am Tresen standen die Gäste in Zweierreihe. Die Tische waren voll besetzt.

Niemand achtete auf Doug Lockwood, als er den Schankraum betrat. Hinter ihm schlugen die Türpendel knarrend aus. Mit kurzen Schritten ging er zum Tresen. Er trug die Winchester in der linken Hand. An seiner Weste funkelte der Marshalstern.

"Alles klar, Allan?", fragte er den Keeper, der alle Hände voll zu tun hatte und auf dessen Stirn Schweiß perlte. Die Luft im Inn war zum Schneiden schwül.

"An einem der Pokertische gab's vorhin Streit. Noel Gardner bezichtigte Jim Dexter des Falschspiels. Aber die Kerle einigten sich wieder. Und jetzt sieht es aus, als herrsche Ruhe."

Doug stakste zu den Spieltischen. Noel Gardner, dessen Vater eine heruntergewirtschaftete Ranch am Hackberry Creek besaß, war schon leicht angetrunken. Doug bemerkte es an der Rötung seiner Augen. Jim Dexter, ebenfalls ein Ranchersohn, grinste und warf seine fünf Karten mit den Bildern nach oben auf den Tisch. "Fullhouse, Noel. Kannst du das schlagen?"

Fluchend schleuderte Noel Gardner seine Karten auf den Tisch. Mit alkoholschwerer Zunge knurrte er: "Heute scheint der Satan die Karten zu mischen. Und an dir hat er wohl einen Narren gefressen." Er griff nach seinem Glas und kippte den Inhalt in sich hinein. Der scharfe Schnaps trieb ihm das Wasser in die Augen und ließ ihn hüsteln.

Mit beiden Händen holte Jim Dexter den Pott zu sich heran. Er warf einen Dollar in die Tischmitte. "Neuer Einsatz", forderte er im Hochgefühl seiner Glückssträhne.

Einer der Männer am Tisch, die schon aus dem Spiel ausgestiegen waren, als Doug herangetreten war, sagte kehlig in Richtung des Deputy Marshals: "Heute auf den Tag genau vor fünf Jahren hat der Richter Amos Benton nach Leavenworth geschickt, Doug. Hat dein Dad daran gedacht, dass Benton heute Morgen entlassen wurde?"

Doug nickte. "Sicher. Dad rechnet damit, dass Benton in spätestens einer Woche hier aufkreuzt."

Der Sprecher von eben schluckte. "Benton hat damals fürchterliche Rache geschworen. Milt tötete seinen Bruder. Was gedenkt dein Vater zu unternehmen, falls Benton nach Oakley kommt?"

Doug zuckte mit den Achseln. "Wir müssen abwarten. Außerdem ist er ja nicht allein. Er hat mich – und es gibt ja schließlich auch eine Bürgerwehr."

Der Blick des Mannes am Tisch irrte ab. Auch einige der anderen Kerle am Tisch schauten betreten.

Jim Dexter verteilte die Karten. Doug machte kehrt und strebte dem Ausgang entgegen. Tief sog er draußen die frische Luft in seine Lungen. Es war ihm nicht entgangen, dass die Resonanz, als er den Hinweis auf die Bürgerwehr brachte, recht zurückhaltend war.

Seine Schritte tackten rhythmisch auf den Planken des Gehsteigs. Eine halbe Stunde später war die Runde erledigt. Die Mitternachtsrunde wollte sein Vater machen.

Doug schlug sich in eine finstere Gasse. Er betrat einen Hinterhof, zog sich einen Hackklotz, der in einer dunklen Ecke stand, unter einen Schuppen mit einem flachen Dach und stieg hinauf. Ein Fenster warf einen viereckigen Lichtkasten auf das Schuppendach. Doug klopfte leise gegen die Scheibe. Einige Sekunden verstrichen, dann wurde der Vorhang auf die Seite und das Fenster in die Höhe geschoben. Das Holz knirschte etwas in der Führung. Die gertenschlanke Gestalt eines Girls mit langen, leicht gewellten Haaren, die wie ein Schleier über ihre Schultern und ihren Rücken flossen, wurde vom Licht umrissen.

Das Mädchen trug ein Nachthemd. Einige Knöpfe über seiner Brust waren offen. Doug sah die Ansätze fester, runder Brüste. Er beugte sich zu dem Girl hinein und küsste es. Dann stieg er ins Zimmer. Er lehnte das Gewehr weg. Sie schloss das Fenster und schob den Vorhang wieder vor.

"Wenn uns nur eines Tages mein Vater nicht erwischt", lächelte Susan. "Ich glaube, er würde dich mit der Shotgun bis nach Feuerland jagen."

Doug lachte leise. Er nahm Susan Fitzpatrick in die Arme. Seit einigen Wochen war sie seine Geliebte. Ihr Vater war Town Mayor von Oakley. Doug küsste sie. Susan erwiderte seine Küsse und drängte sich an ihn. Er spürte ihren festen, grazilen Körper und ihre Wärme. Der Duft ihrer Haare stieg ihm in die Nase. Seine Männlichkeit meldete sich mit Vehemenz.

Susan zog ihn zum Bett. Sanft machte sie sich von ihm frei. Schnell zog sie das Nachthemd aus. Nackt stand sie vor ihm. Er sah ihre prallen Brüste mit den steifen, kieselsteinharten Knospen, ihren flachen Bauch, das dunkle Dreieck zwischen ihren Oberschenkeln, die langen, schlanken Beine ...

Mit seiner Beherrschung war es vorbei. Sein Revolvergurt fiel, dann Weste, Hemd, Hosen und Stiefel. Eng umschlungen sanken sie auf Susans Bett. Ihre Zungen drohten sich ineinander zu verschlingen. Dann nahm sie ihn auf. Ihr Liebeskanal war feucht und heiß. Sie bäumte sich ihm entgegen und stöhnte leise. Ihre Lippen waren ein wenig geöffnet und eine Reihe weißer, ebenmäßiger Zähne schimmerte dazwischen.

Doug ließ seine Hüften schwingen. Jeder Stoß brachte sie dem Höhepunkt näher. Beider Atem ging bald keuchend. Schweiß drang ihnen aus den Poren. Susan hatte Mühe, die spitzen Schreie der Verzückung zu unterdrücken. Denn unten im Haus, in der Wohnstube, befanden sich ihre Eltern.

Seine Stöße wurden heftiger, besitzergreifender. Er küsste ihren Hals, ihre Brust, ließ die Zunge um den aufgerichteten Nippel kreisen. Und er trieb sie immer tiefer hinein in die sturmflutartige, überschäumende Ekstase.

Den Höhepunkt erlebten sie beinahe gleichzeitig. Er katapultierte sie in die Sphären des höchsten Lustgefühls. Körper und Geist waren der Realität entrückt.

Dann war der Gipfel der Wollust überschritten. Er rollte zur Seite und dann lagen sie schweigend nebeneinander. Der Herzschlag normalisierte sich. Die Atmung wurde wieder regelmäßig. Susan sagte: "Dad sprach heute davon, dass Amos Benton aus dem Zuchthaus entlassen wurde. Er fürchtet, dass der Bandit nach Oakley kommt und sein Versprechen, sich zu rächen, wahr macht."

"Mein Vater ist fest überzeugt davon, dass Benton hier auftaucht", murmelte Doug. "Dad hat damals die Benton-Gang zerschlagen, als sie die Town mit Terror überschüttete. Joey Benton starb. Amos Benton hat blutige Rache geschworen. Ja, er wird kommen. Aber wir sind gewappnet."

Doug erhob sich und zog sich an.

Susan schlüpfte in ihr Nachthemd.

Doug küsste sie zum Abschied noch einmal heiß und innig, nahm sein Gewehr und stieg aus dem Fenster. Ein dumpfer Aufprall verkündete, dass er vom Dach des Schuppens in den Hof gesprungen war.

Voll gemischter Gefühle legte sich Susan ins Bett. Sie war damals 16 Jahre alt, als die Benton-Bande hier für Furore sorgte. Sie konnte sich noch genau erinnern. Seitdem war Marshal Milt Lockwood für das Girl zur Heldenfigur avanciert ...


*


Amos Benton und sein Anhang waren an diesem Abend in Topeka angelangt. Sie mieteten sich im Hotel Zimmer. Die Gäule standen gut versorgt im Mietstall. Vom nahen Bahnhof war das Stampfen und Rumpeln eines einfahrenden Zuges zu vernehmen. Zischend entwich der Dampf aus den Ventilen der Lokomotive. Es schepperte und kreischte, als der Zug zum Stehen kam. Ein Pfeifsignal ertönte. Beim Depot der Atchison, Topeka & Santa Fé-Bahn erschallte Geschrei, als einige Dutzend Rinder aus den Waggons getrieben wurden. Aus einem Fahrgastwagen stiegen einige Reisende ...

Die Banditen hatten zu Abend gegessen. Jetzt betraten sie 'Nellys Noble House'. Amos Benton hatte das Bedürfnis, sich von dem Druck in seinen Lenden, den er in fünf langen Jahren aufgebaut hatte, zu befreien. Am Tresen lümmelten einige Freier. Hinter dem Tresen stand Nelly, eine fette, aufgetakelte, schon etwas ältliche Hure, und schenkte Getränke aus. Von den Girls, die hier ihren Job versahen, war keines zu sehen.

Nelly wandte sich den Ankömmlingen zu. Ihr rot geschminkter, großer Mund mutete an wie eine frische Wunde in dem feisten Gesicht, in dem sie dick den Puder aufgetragen hatte. Ihre feisten Wangen zitterten, als sie sprach: "Gentleman, hier sind Sie richtig. Sie können alles kriegen, was das Herz begehrt. Rothaarig, dunkel, blond ..."

"Gib uns zunächst mal Whisky!", schnitt Benton ihren Redefluss ab. "Aber keine Pumaspucke. Gib uns Bourbon."

Das Lachen in Nellys Zügen war gefroren. Sie schob ihre Fleischmassen zu einem der Regale hinter der Theke und angelte eine Flasche heraus.

In diesem Moment erklangen auf der Treppe Schritte. Amos Benton drehte den Kopf. Ein rothaariges, hübsches Girl in einem grünen Korselett, das mehr zeigte als es verbarg, kam mit einem Freier die Treppe herunter.

Bentons Mundwinkel sanken nach unten. "Gießt mir schon mal 'nen Drink ein", grollte sein Organ. "Bevor ich mich aber betrinke, will ich bei der Kleinen ein Rohr versenken." Er stieß sich ab und ging der Rothaarigen entgegen.

Einer der Kerle an der Bar rutschte vom Hocker. Seine Lippen hatten sich wütend verkniffen. Mit zwei langen Schritten holte er Benton ein. Schwer legte er seine Hand auf die Schulter des Banditen. Die Stimme des Mannes peitschte: "Immer der Reihe nach, Mister. Wer zuerst kommt, mahlt zuerst. Und in diesem Fall war ich vor dir da."

Scharf stieß Benton die Luft durch die Nase aus. Abrupt hatte er angehalten. Langsam wandte er sich um. Sein Blick, kalt wie Gletschereis, kreuzte sich mit dem des Mannes. Dessen Hand war von Bentons hagerer Schulter geglitten und hing jetzt schlaff nach unten.

"Wen interessiert es, ob du vor mir da warst, Mister?", dehnte der Bandit.

"Verdammt! Ich ..."

Amos Benton fackelte nicht. Ansatzlos schlug er zu. Seine Muskeln waren vom Schwingen des Vorschlaghammers im Steinbruch gestählt. Er verfügte über eine Kraft, die niemand seinem hageren, ausgezehrt anmutenden Körper zutraute. Außerdem war er brutal und skrupellos.

Seine Faust bohrte sich in den Magen des anderen. Der krümmte sich nach vorn, ein gehetzter Laut quoll über seine auseinander klaffenden Lippen. Er schnappte nach Luft.

Benton donnerte ihm von der Seite die Faust gegen den Kopf. Der Bursche taumelte. Er riss die Arme hoch, um sein Gesicht zu decken. Ein furchtbarer Tritt traf ihn in den Leib. Er quittierte ihn mit einem gellenden Aufschrei. Im nächsten Moment brach er auf die Knie nieder.

Die Rothaarige und ihr Freier waren stehen geblieben und starrten betroffen auf das Bild, das sich ihnen bot.

Die Kerle am Tresen beobachteten den ungleichen Kampf unter zusammengeschobenen Brauen hervor.

Nelly watschelte wie eine kranke Ente um den Schanktisch herum, um den Streit zu schlichten. Das Fleisch ihrer dicken Arme wackelte. Die langen Ohrgehänge, die fast bis auf ihre runden Schultern reichten, klimperten.

Bentons Kumpane hatten die Hände in der Nähe der Coltknäufe und lauerten wie Raubtiere.

Den Burschen am Boden übermannte die Wut. Sein Verstand lag brach. Der Schmerz von dem Tritt tobte bis unter seine Haarwurzeln. Nicht mehr Herr seiner Sinne griff er nach dem Colt.

Amos Benton reagierte. Wie der Kopf einer Klapperschlange stieß seine Rechte nach unten. Das Eisen glitt aus dem Holster, die Mündung stieß auf den Knienden zu. Die Spannfeder knackte, als sie einrastete. Dann brüllte die Waffe auf. Eine ellenlange Mündungsflamme züngelte aus dem Sechskantlauf, eine Pulverdampfwolke trieb vor Bentons Gesicht.

Die Detonation drohte den Raum aus allen Fugen zu sprengen. Der ätzende Geruch verbrannten Pulvers breitete sich aus. Der Bursche am Boden hatte den Colt in der Faust, aber die Mündung wies auf den Boden. Mit dem Ausdruck ungläubigen Staunens starrte er Benton an. Ein dunkler Fleck auf seiner Brust vergrößerte sich zusehends. Und plötzlich senkte sich die Leere des Todes in seine Züge. Er kippte vornüber und fiel aufs Gesicht.

Lastende Stille trat ein. Nelly starrte mit schreckgeweiteten Augen auf den Toten.

Benton nickte seinen Männern zu. Ein hartes Grinsen kerbte seine Mundwinkel nach unten. "Es geht also doch noch", stieß er ohne jede Gemütsregung hervor, dann versenkte er den Sechsschüsser im Holster. "Ein wenig Übung, und ich laufe wieder zu meiner alten Form auf."

Er ging zu der Rothaarigen und packte sie am Handgelenk. "Go on, Süße", knurrte er. Er zog sie hinter sich her die Treppe hinauf. Willenlos folgte ihm das Girl.

Keiner wagte mehr, etwas dagegen einzuwenden.


*


Es ging auf Mitternacht zu. Im 'Bluebird Saloon' war die Stimmung explosiv. Der zwischenzeitlich stark betrunkene Noel Gardner hatte Jim Dexter erneut als dreckigen Falschspieler bezeichnet. Noel Gardner hatte seinen letzten Cent am Spieltisch verloren.

Die Atmosphäre im Schankraum knisterte regelrecht. Jim Dexter, der auch nicht mehr ganz nüchtern war, hatte sich nach der Anschuldigung mit einem jähen Ruck erhoben. Sein Stuhl war polternd umgekippt. "Jetzt reicht's", grollte sein wütendes Organ. "Ich habe nicht falsch gespielt, verdammt. Du kannst nicht verlieren, Gardner. Das ist alles. Los, steh auf, damit ich dir dein loses Mundwerk stopfe!"

Noel Gardner taumelte in die Höhe. "Du hast den ganzen Abend gewonnen, Dexter. Das ist nicht mit rechten Dingen zugegangen. Zur Hölle mit dir. Ich behaupte es noch einmal: Du bist ein hundsgemeiner Kartentrickser. Du hast falsch gespielt."

Bei Jim Dexter brannte eine Sicherung durch. Er stürmte um den Tisch herum und warf sich auf Noel Gardner. Gardner empfing ihn mit einem Faustschlag, dann rang ihn Dexter zu Boden. Sie schlugen aufeinander ein, stießen mit den Knien. Dexter traf seinen Gegner zweimal im Gesicht. Blut rann aus Gardners Nase.

Um die beiden Kämpfer hatte sich eine Mauer aus Leibern aufgebaut. Die Schaulustigen standen Schulter an Schulter und feuerten die beiden Kontrahenten mit rauen Stimmen an. Die hinteren hatten sich auf Stühle gestellt, um besser sehen zu können.

Dexter riss sich los und kam auf die Beine. Er hatte Mühe, sein Gleichgewicht zu halten. "Komm hoch, Gardner", keuchte er. "Ich schlag dich zu Brei ..."

Noel Gardner kämpfte sich in die Höhe. Seine Augen waren unterlaufen. Das Blut aus seiner Nase sickerte über seine Lippen und sein Kinn hinunter. Seine Züge waren von der Wut verzerrt.

Dexter flog auf ihn zu. Er drosch Gardner die Rechte vor die Brust, die Linke landete krachend an seinem Kinn. Gardner wurde die Luft aus den Lungen gepresst. Die Augen quollen ihm aus den Höhlen. Er japste erstickt und taumelte zurück. Aus der Rotte der Gaffer erhielt er einen derben Stoß in den Rücken, der ihn Dexter entgegentrieb. Und wieder kassierte er zwei empfindliche Faustschläge. Er brach in den Knien ein. Sein Kinn sank auf die Brust. Benommenheit ließ seinen Kopf wackeln.

Dexter stand vor ihm, die Arme angewinkelt, die Lippen in der Anspannung verzogen. "Na, was ist?", grölte er. "Machst du schon schlapp? Wir haben noch gar nicht richtig angefangen. Hoch mit dir, Gardner. Niemand darf mich als Falschspieler beschimpfen."

Gardner schüttelte den Kopf. Die Benommenheit löste sich, der Nebelschleier vor seinen Augen zerriss. In seinen malträtierten Zügen arbeitete es. Tückisch schielte er zu Dexter in die Höhe. Er ahnte, dass ihm Jim Dexter überlegen war. Plötzlich fürchtete er, schmählich verprügelt zu werden. Es überwältigte ihn. Blitzschnell griff er unter seine Weste. Als er seine Hand wieder zum Vorschein brachte, umklammerte sie den Ledergriff eines Dolches.

Noel Gardner ruckte hoch. "Ich schlitze dich dreckigen Falschspieler auf!", zischte er gehässig. "Komm her. Na los! Du hast doch eben noch so große Töne gespuckt."

Ein Raunen ging durch die Meute ringsum. Jemand schrie im Hintergrund: "Nehmt diesem betrunkenen Dummkopf das Messer ab, ehe ein Unglück geschieht!"

Niemand dachte daran. Der Kampf stellte eine willkommene Abwechslung dar. Die Sensationsgier stand im Vordergrund ...

Noel Gardner fintete. Jim Dexter sprang zurück. Die lange Messerklinge blinkte im Licht der Lampen. Gardner hatte die Zähne gefletscht wie ein hungriger Wolf, der seine Beute gestellt hatte. Seine Hand mit dem Dolch schnellte vor. Dexter wich im letzten Moment aus und hämmerte Gardner die Faust unter das Kinn. Gardners Schädel flog in den Nacken. Er stieß von der Seite mit dem Dolch zu. Dexter schnellte zurück. Sprungbereit stand er da.

Gardner kam, den Arm mit dem Dolch vorgestreckt. Hart traten die Backenknochen aus seinem Gesicht hervor. Er war nicht mehr Herr seiner Sinne. In seinen geröteten Augen glomm eine böse Verheißung. Er war beseelt von dem Gedanken, Dexter fertigzumachen.

Jim Dexters Bein schnellte vor. Er versuchte, Gardner den Dolch aus der Hand zu treten. Noel Gardners Arm ruckte zur Seite. Der Tritt ging ins Leere. Gardner drückte sich ab. Dexter drehte sich. Die Klinge schlitzte seinen Hemdsärmel auf und verletzte ihn am Unterarm. Blut quoll aus der Wunde. Mit einem schnellen Schritt brachte sich Jim Dexter außer Reichweite des Messers.

Gardner kam. Seine Faust mit dem Dolch schwang hoch und stieß auf Dexters Brust zu. Jim Dexter fing den Stoß mit dem rechten Unterarm ab, schlang seinen linken Arm in Gardners Armbeuge und drückte den Gegner zurück. Noel Gardner krümmte sich nach hinten. Ein Zischen platzte aus seinem Mund. Heißer, alkoholgeschwängerter Atem schlug seinem Gegner entgegen. Jim Dexter rammte Noel Gardner die Stirn mitten ins Gesicht. Aufbrüllend wankte Gardner zurück. Er stolperte über seinen Absatz, verlor die Balance und setzte sich auf die Dielen.

Ein Tritt unter das Kinn warf ihn auf den Rücken. Jim Dexter riss seinen Colt aus dem Holster und schlug ihn auf Gardner an. "Das Messer weg, dreckiger Bastard!", knirschte er. "Oder du frisst Blei."

Die Gaffer schoben und drängten plötzlich. Füße scharrten über den Boden. Stühle kippten um, Tische wurden verschoben, Gläser klirrten. Keiner wollte in der Schusslinie stehen, wenn der Streit eskalierte. Jim Dexter und Noel Gardner waren plötzlich allein.

Ächzend stemmte Gardner sich hoch. Er schielte auf den Colt in der Faust des anderen. Seine Rechte mit dem Dolch hing schlaff nach unten. Um seiner Aufforderung von eben Nachdruck zu verleihen, spannte Jim Dexter den Hahn. Gardner zuckte zusammen. Seine Hand öffnete sich, das Messer polterte auf die Dielen. "Schon gut, Dexter", murmelte er. "Ich sollte mich wohl nicht mehr an den Spieltisch setzen."

Er sprach es mit der Demut des Geschlagenen. Aber das Irrlichtern in seinem Blick strafte seine Worte Lügen.

Jim Dexter allerdings entging es. Er atmete auf, ließ den Hahn in die Ruherast gleiten und holsterte den Sechsschüsser. "Das wäre ausgesprochen empfehlenswert, Gardner", knurrte er und wandte sich ab.

Da ging ein Aufschrei durch den Schankraum.

Jim Dexter schleuderte sich herum. Von Noel Gardners Hüfte blitzte es ihm grell entgegen. Der Schuss dröhnte wie ein Donnerknall. Dexter spürte den fürchterlichen Schlag gegen die Brust, vor seinen Augen schien die Welt in Flammen aufzugehen, rasender Schmerz breitete sich aus – und dann versank alles um ihn herum. Er sackte zusammen und schlug tot am Boden auf.

Aus der Waffe Noel Gardners kräuselte ein Rauchfaden.

Im Schankraum herrschte Atemlosigkeit. Jeder hier stand im Banne dieses kaltblütigen Mordes. Die Pulverdampfwolke zerflatterte. Noel Gardner schaute um sich wie ein Erwachender. Die Panik kam.

"Mörder!", brüllte jemand überschnappend.

Drohendes Geraune kam auf und erfüllte den Inn. Noel Gardner ließ den Colt in die Runde pendeln. "Rührt euch bloß nicht!", hechelte er. "Ich – ich – o verdammt!"

Es drang mit Macht auf ihn ein. Er hatte Jim Dexter hinterrücks erschossen. Kein Gericht der Welt würde für diese Tat Verständnis aufbringen. Die Angst vor den Konsequenzen übermannte ihn. Er rannte zum Ausgang, sprang vom Vorbau. Draußen stieß er den Colt ins Holster. Mit fliegenden Händen löste er die Leine seines Pferdes vom Holm. Er warf sich in den Sattel, riss das Pferd unerbittlich herum und drosch ihm die Sporen in die Seiten. Das Tier streckte sich ...

Die Main Street hetzte ein großer, hagerer Mann herunter und auf den Saloon zu. Er sah den Reiter in wilder Karriere aus der Stadt sprengen. Aus dem 'Bluebird Saloon' drängten die entsetzten Gäste ...

Gleich darauf wusste Milt Lockwood, der Town Marshal, was sich zugetragen hatte. Langbeinig stapfte er zum Mietstall. Als er auf seinem Falben auf die Straße zurückkehrte, wurde der Leichnam aus dem Saloon getragen.

Doug stand mit dem Gewehr bewaffnet auf dem Vorbau des Marshal's Office. Milt hielt bei ihm an und sagte: "Du musst heute Überstunden machen, Sohn. Denn ich muss Noel Gardner festnehmen. Er hat Jim Dexter in niederträchtiger Art und Weise niedergeknallt, und zwar aus den niedrigsten Beweggründen."

"Ist gut, Dad", erwiderte Doug. "Und gib acht auf dich. Die Gardners sind eine gefährliche und ziemlich verkommene Sippschaft."

Milt Lockwood trieb den Falben mit einem Schenkeldruck an.


*


Der Marshal ritt zum Hackberry Creek. Er war überzeugt davon, dass Noel Gardner nach Hause geritten war. Die Wagenrad-Ranch lag am jenseitigen Ufer. Eine Schneise im Ufergebüsch verriet Lockwood, wo Lance Gardner, der Boss der Ranch, eine Furt angelegt hatte. In der Schneise hielt der Marshal an. Das Pferd unter ihm stand ruhig. Das Mondlicht lag auf dem Fluss und versilberte ihn. Feines Säuseln lag in der Luft.

Die Ranch lag in absoluter Dunkelheit. Milt sah die Umrisse der Gebäude. Scharf hoben sie sich gegen den helleren Hintergrund ab. Der Marshal ruckte im Sattel. Der Falbe setzte sich in Bewegung. Die Hufe planschten ins Wasser und ließen es spritzen. In der Flussmitte reichte das Wasser dem Tier gerade bis zu den Knien. Die Geräusche, die Milt Lockwoods Pferd verursachte, versanken schon nach wenigen Schritten in der Lautlosigkeit.

Dann trieb er das Tier die Überböschung hinauf. Der Hufschlag pochte. Die Gebisskette klirrte. Die Gebäude der Ranch wurden deutlicher. Die Blendläden vor den Fenstern des Wohnhauses waren zugezogen. Es gab ein Bunkhouse, in dem die Handvoll Cowboys der Wagenrad-Ranch schliefen. Das Windrad beim Brunnen ratterte leise. Im Corral erhoben sich einige Pferde, die der dumpfe Hufschlag geweckt hatte.

Im Schlagschatten zwischen dem Stall und einem Schuppen hielt Milt Lockwood an. Er nahm das Gewehr aus dem Sattelschuh, repetierte und feuerte einen Schuss in die Luft. Der peitschende Knall sprengte die nächtliche Stille und stieß zwischen die Gebäude, rollte hinaus in die Weite und verebbte. Der Marshal lud wieder durch. Die Hülse, die ausgeworfen wurde, landete im Gras, das hier überall wuchs.

Eine ganze Weile geschah nichts. Dann wurde es im Bunkhouse und im Haupthaus lebendig. Aus dem Bunkhouse traten einige Weidereiter in Unterkleidung. Sie hielten ihre Colts in den Fäusten. Einer trug eine Laterne. Das Licht umfloss ihre Gestalten. Die Laterne schaukelte am Drahtbügel. Auf dem staubigen Hof wechselten Licht- und Schatten. Im flachen Ranchhaus wurde ein Blendladen aufgestoßen. Am Fenster zeigte sich eine breitschultrige Gestalt. Ein Bass grollte:

"Wer ist der Narr, der hier mitten in der Nacht durch die Gegend ballert?"

"Der Narr bin ich, Gardner", rief Milt Lockwood. "Der Marshal. Ich bin hier, um Noel in die Stadt zurückzuholen. Er hat Jim Dexter ermordet."

Sekundenlang herrschte Schweigen. Dann schrie Lance Gardner wild: "Das soll wohl ein Witz sein, Lockwood? Noel ist kein Mörder. Ein Bruder Leichtfuß – ja. Aber kein Mörder."

"Darüber wird eine Jury befinden müssen, Gardner", versetzte Lockwood ruhig und sachlich. "Ich nehme an, dass Noel hierher geritten ist, nachdem er Hals über Kopf aus der Stadt floh. Schick ihn heraus, Gardner."

"Da muss ich dich leider enttäuschen, Lockwood", kam es schroff zurück. "Noel ist nicht da. Erzähl mir, was sich zugetragen hat in der Stadt."

Mit knappen Worten schilderte der Marshal den Vorfall. Als er geendet hatte, schnappte Lance Gardner: "Die Menschen in Oakley sind uns Gardners nicht gerade freundlich gesinnt. In ihren Augen sind wir unkultivierte Steinzeitmenschen. Ich denke mal, Lockwood, dass die Augenzeugen, von denen du sprachst, gelogen haben. Ich werde Noel fragen, wie es sich wirklich zugetragen hat. Und seiner Version werde ich Glauben schenken."

"Was du glaubst, ist nicht von Bedeutung, Gardner. Maßgeblich wird der Spruch der Jury sein. Und jetzt schick Noel aus dem Haus, damit ich ihn festnehmen kann."

"Wie ich schon sagte: Noel ist nicht da."

"Das glaube ich dir nicht", rief der Marshal hart.

"Es ist aber so. Du hast den Weg zum Hackberry Creek umsonst gemacht. Nun, wir haben morgen wieder einen anstrengenden Tag vor uns, Marshal. Darum legen wir uns jetzt wieder schlafen. Reite zurück in die Stadt. Noel ist nicht hier."

Lance Gardner zog den Fensterladen zu.

Lockwood trieb sein Pferd auf die Cowboys zu, die vor dem Bunkhouse standen. Sie starrten ihn an. Es waren bärtige Kerle mit wettergegerbten Gesichtern. Der Marshal saß ab. "Gib mir die Laterne."

Der Bursche, der die Lampe trug, reichte sie ihm widerwillig.

"Legt euch schlafen", knurrte Milt Lockwood. "Und kommt mir bloß nicht in die Quere." Er wandte sich um und ging zum Pferdestall. Das Licht huschte vor ihm her. Das Tor knarrte rostig in den Angeln, als er es öffnete. Pferdeausdünstung und der Geruch von Stroh schlugen ihm entgegen. Die Luft war stickig und verbraucht. Lockwood ging von einer der Boxen zur anderen. Und dann sah er den abgetriebenen, verschwitzten Braunen.

Das Tier stand seit höchstens einer halben Stunde im Stall. Vorher war es scharf und rücksichtslos getrieben worden. Seine Seiten waren von scharfen Radsporen aufgerissen.

Ein zufriedenes Knurren entrang sich dem Marshal.

Er trat wieder in den Hof hinaus. Im Ranchhaus blieb es still. Die Cowboys waren ins Bunkhouse zurückgekehrt. Soeben verlosch hinter den kleinen Fenstern das Licht. Der Marshal drehte den Docht der Lampe herunter. Das Licht ging aus. Dunkelheit hüllte Lockwood ein. Er stellte die Laterne einfach auf den Boden und ging zu seinem Pferd. Geschmeidig saß er auf und ritt davon.


*


Der Tag brach an. Die Cowboys wuschen sich am Brunnen im Hof. Dann verschwanden sie im Küchenanbau, um zu frühstücken. Der Koch trug ein Tablett mit Kaffee und Rühreiern und einige Stücke Brot ins Haupthaus. Eine halbe Stunde später sattelten die Cowboys ihre Pferde und ritten von der Ranch.

Bei Tageslicht sah hier alles heruntergewirtschaftet und verfallen aus. Die Bretter der Schuppen und Scheunen waren morsch. Der Corral war stellenweise eingebrochen. Die Türen und Tore hingen schief in den Angeln. Die Ranch war dem Verfall preisgegeben. Lance Gardner, sein Sohn und die Cowboys hausten hier wie Tiere.

Lance Gardner trat vor das Haupthaus. Er war grauhaarig, mittelgroß und untersetzt. Seine Frau war ihm davongelaufen, als Noel noch in die Windeln machte. Lance Gardner war nur aus brutaler Gewalt und Niedertracht geschaffen. Lasterhaftigkeit und ein unsteter Lebenswandel hatten sein Gesicht gezeichnet.

Aus schmalen Augenschlitzen schaute er sich um. Es hatte den Anschein, als witterte er nach allen Seiten. Er ging hinüber zum Stall. Mit einem Pferd, das er an der Mähne führte, kam er in den Hof zurück. Er rief etwas in Richtung Ranchhaus. Dann verschwand er wieder im Stall. Er schleppte einen Sattel und Zaumzeug heraus.

Noel Gardner verließ das Wohnhaus. Sein Gesicht war verschwollen von den Schlägen Jim Dexters. Die kleinen Wunden waren verharscht. Der Mörder trug ein Gewehr am langen Arm und einen prallgefüllten Leinensack über der Schulter. Sein Vater legte dem Tier den Sattel auf und zog die Gurte straff. Noels hängte den Proviantsack an das Sattelhorn und stieß die Winchester in den Scabbard. Dann war der Braune gezäumt. Noel schwang sich in den Sattel. Er sagte etwas zu seinem Vater hinunter, sie reichten sich die Hände.

Lance Gardner sagte: "Lockwood hat vergangene Nacht noch im Stall herumgeschnüffelt. Sicher hat er deinen abgetriebenen Gaul gesehen. Er ist ein scharfer Hund. Womöglich treibt er sich noch irgendwo in der Nähe herum."

"Ich werde auf der Hut sein, Dad. Gegen eine schnelle Kugel ist auch er nicht gefeit." Noel trieb das Pferd an.

"Lass es mich wissen, wo du landest, Noel", rief Lance Gardner seinem Sohn hinterher.

Zum Zeichen dafür, dass er verstanden hatte, hob Noel die Hand.

Die Nase des Tieres zeigte nach Westen. Lance Gardner schaute seinem Sohn hinterher, bis er zwischen den Hügeln verschwand. Dann kehrte er ins Haus zurück.

Noel war auf der Flucht. Er wollte Kansas verlassen. Denn hier würde man ihn, falls er erwischt wurde, wegen des Mordes an Jim Dexter aufhängen. Sein Ziel war Colorado.

Zwischen ihm und der Ranch lag etwa eine halbe Meile. Hinter einer Buschgruppe trieb ein Reiter sein Pferd hervor. Es war Milt Lockwood. Er hielt den Colt in der Rechten. Sein Gesicht war wie aus Granit gemeißelt. In den pulvergrauen Augen des Marshals lag steinerne Ruhe.

Noel Gardner erschrak bis in den Kern. Unwillkürlich wollte er nach dem Eisen greifen, aber sein Verstand holte diesen Reflex noch rechtzeitig ein. Schlaff fiel seine Hand nach unten. Er zog die Unterlippe zwischen die Zähne und nagte darauf herum.

Lockwoods Organ klirrte: "Zieh vorsichtig deinen Colt aus dem Holster, Noel, und lass ihn fallen. Ebenso die Winchester. Du bist verhaftet. Ich werde dich nach Oakley bringen und dort wirst du eingesperrt sein, bis man dir den Prozess macht."

Noels Zähne knirschten übereinander. Seine Kiefer mahlten. Er machte keine Anstalten, der Aufforderung Lockwoods nachzukommen. Er sah aber auch keinen Ausweg. Der Marshal spannte den Hahn. Das kalte Knacken ließ Noel zusammenzucken, als hätte ihn ein glühender Draht berührt. Die bleiernen Kugelköpfe schimmerten grau in der Revolvertrommel. Eine dieser Kugeln würde ihn treffen, wenn er jetzt einen Fehler machte. Er kannte Lockwoods Härte und Kompromisslosigkeit ...

"Ich wollte Dexter, diesen Narren, nicht erschießen", schnappte Noel. "Aber irgendwie ist mit mir der Gaul durchgegangen. Er ..."

"Er hat dir den Rücken zugedreht, als du die Waffe zogst", schnitt ihm der Marshal eisig das Wort ab. "Und dann hast du abgedrückt, Noel. Das war Vorsatz. Du wolltest ihn töten. Du konntest es nicht ertragen, dass du dein Geld an ihn verloren hast. Und dann hat er dich noch ziemlich schmählich verprügelt, weil du ihn einen Falschspieler nanntest. Schon deine Attacke mit dem Dolch war ein Mordversuch. Nun, Noel, das Gesetz weiß darauf eine glasklare Antwort."

Noel Gardner fürchtete den Marshal. Lockwoods Ruf sprach für sich. Es war ein Ruf wie Donnerhall. Gesetzesbrecher mieden Oakley, nachdem Lockwood vor Jahren die Town mit eisernem Besen von lichtscheuem Gesindel gereinigt hatte. Sein Name wurde zum Synonym für Recht und Ordnung.

Noel warf einen Blick hinter sich. Aber die Wagenrad-Ranch war hinter einer Bodenwelle aus seinem Blickfeld verschwunden. Von dort war im Moment keine Hilfe zu erwarten. Der Mörder gab sich geschlagen. Vorsichtig nahm er den Revolverknauf mit den Fingerspitzen. Das Eisen glitt aus dem Holster. Im nächsten Moment klatschte es ins Gras. Dann folgte die Winchester. Noels Schultern sackten nach vorn. Mit belegter Stimme stieß er hervor: "Mein Vater wird nicht zulassen, dass ihr mich in Oakley aufhängt, Lockwood. Er wird die Stadt an allen vier Ecken anzünden, und dich schickt er in die Hölle."

"Spar dir deine Worte, Noel", versetzte Lockwood mit brechendem Klang. Er wies mit dem Kinn nach Norden. "Oakley liegt dort oben. Reiten wir."

Noel Gardner setzte all seine Hoffnungen auf seinen Vater und die Mannschaft der Wagenrad-Ranch.

Bis nach Oakley waren es etwa acht Meilen. Milt Lockwood ritt immer eine Pferdelänge hinter dem Mörder. Unablässig sicherte der Marshal in die Runde.

Es ging auf Mittag zu, als der Marshal und sein Gefangener die Stadt erreichten. Sie passierten die ersten Hütten und Schuppen und ritten durch eine schmale Gasse zur Main Street. Seit dem Morgen waren am Himmel Wolken aufgezogen. Es roch nach Regen. Im Westen ballte sich eine dunkle Wolkenwand.

Sie erreichten die Hauptstraße und lenkten ihre Pferde nach links, um zum Marshal's Office zu gelangen.

Auf den Gehsteigen zeigten sich kaum Passanten. Etwas Beklemmendes schien in der Luft zu liegen. Die Stimmung in der Stadt mutete bedrückend und lastend an. Milt Lockwood hatte im Laufe der Zeit, seit er hier den Posten des Town Marshals einnahm, feine Sensoren dafür entwickelt, wenn sich die Stadt vor irgendeiner Gefahr duckte.

Vor dem 'Bluebird Saloon' waren ein Rudel Pferde am Holm angeleint. Und jetzt glaubte Milt Lockwood auch zu wissen, von wem die gefährlichen Impulse ausgingen, die die Town lähmten.

"Hölle, Marshal", rief Noel Gardner mit schwankender Stimme über die Schulter. "Das sind Gäule von der Saline Creek Ranch Dexters. Ich sehe Brad Dexters Schecken. Ich glaube, du hättest mich nicht hierher bringen dürfen. Dexter wird nicht warten, bis man mir nach Recht und Gesetz einen Strick um den Hals legt. Er ..."

Das flog auch schon die Saloontür auf.

An der Spitze seiner Mannschaft trat Brad Dexter aus dem Inn. Sie sprangen vom Vorbau auf die Straße und stapften dem Marshal und seinem Gefangenen entgegen. Brad Dexters Stirn war düster umwölkt. In seinen Augen glomm eine tödliche Leidenschaft, als sich sein Blick an Noel Gardner verkrallte.

Der Mörder und Milt Lockwood hatten angehalten. Der Marshal ahnte, was sich anbahnte. Ein herber Ausdruck setzte sich in seinen Mundwinkeln fest. Die Linien und Kerben in seinem Gesicht vertieften sich.

Fünf Schritte von den beiden Reitern entfernt hielt der Pulk an. Brad Dexter stemmte die Hände in die Seiten. Seine hasszerfressene Stimme dröhnte: "Es ist gut, Marshal. Du hast mir den Weg zum Hackberry Creek erspart. Reite weiter. Deine Arbeit ist erledigt. Ich nehme dir den dreckigen Mörder ab. Du wirst keine Arbeit und keinen Ärger mehr mit ihm haben."

Milt Lockwood trieb sein Pferd neben das Noel Gardners. Ein Seitenblick in dessen Gesicht ließ ihn erkennen, dass Noel bleich geworden war wie ein Leichentuch. Er hatte Angst – erbärmliche Angst. Seine Hände zitterten, die Rastlosigkeit brachte seine Nerven unter der Haut zum Vibrieren. Das Grauen ließ den Mörder trocken schlucken.

Milt Lockwood legte seinen linken Unterarm auf das Sattelhorn und beugte sich ein wenig im Sattel nach vorn. Zwingend fixierte er Brad Dexter. Mit schleppendem Tonfall gab er zu verstehen: "Eigentlich solltest du wissen, Dexter, dass deine Worte in den Wind gesprochen sind. Ich werde weder weiterreiten, noch überlasse ich dir Noel Gardner. – Sicher, du bist außer dir vor Schmerz, Trauer und wahrscheinlich auch Hass. Denn er hat deinen Jungen erschossen. Doch gibt dir das nicht das Recht, das Gesetz selbst in die Hände zu nehmen. Also nimm Vernunft an und kehre mit deinen Leuten zum Saline Creek zurück. In Oakley wird Richter Lynch nicht Recht sprechen."

Brad Dexter schürzte die Lippen. "Du wärst nicht Milt Lockwood, der Eisenschädel, wenn du nicht so reden würdest!", schnaubte er. "In diesem Fall aber nötigt mir dein Ruf nicht den geringsten Respekt ab, Marshal. Gardner hat meinen Sohn ermordet. Dafür muss er hängen. Ich habe, als ich in der Nacht vom Mord an meinem Sohn erfuhr, geschworen, ihm eigenhändig den Strick um den Hals zu legen."

"Nur über meine Leiche, Dexter!", kam es laut, präzise und mit unumstößlicher Entschiedenheit von Milt Lockwood.

Brad Dexter nickte wiederholt. Dann schob er sein eckiges Kinn vor und knirschte zwischen den Zähnen: "Dann eben über deine Leiche, Lockwood. – Männer, holt den Mörder vom Pferd. Wir hängen ihn am Tor des Mietstalles. Vorwärts!"

Ein dumpfer Ton entrang sich Noel Gardner. Ein trockenes Schluchzen. Panik breitete sich schrill in seinem Denken aus. Das Grauen nahm ihm jede andere Empfindung. Sein fiebernder Blick sprang zwischen dem Marshal und dem vom Hass zerfressenen Rancher hin und her. Seine Hände hatten sich um die Zügel verkrampft, dass die Knöchel weiß unter der Haut hervor traten. Eine unsichtbare Hand schien Noel Gardner zu würgen.

Die Cowboys der Saline Creek Ranch setzten sich in Bewegung. Es waren acht Männer, die ohne nachzudenken der Anordnung ihres Bosses Folge leisteten. Ihre Hände legten sich auf die Knäufe der Revolver.

"Tu doch endlich was, Marshal!", kreischte Noel Gardner mit kippender Stimme. "Willst du zusehen, wie sie mich aufhängen?"

Ein Schuss peitschte. Die Kugel fuhr über die Köpfe hinweg. Sie erstarrten in der Bewegung. Milt Lockwood zog blitzschnell seinen Colt und richtete ihn auf Brad Dexter. Vom Marshal's Office her erklang ein scharfes, metallisches Schnappen, als eine Winchester repetiert wurde, dann Doug Lockwoods klirrendes Organ: "Die nächste Kugel fährt demjenigen, der auch nur einen Finger nach Noel Gardner ausstreckt, in den Schädel."

"Yeah", fügte der Marshal hinzu. "Und dein Schädel ist ganz besonders gefährdet, Dexter. Also pfeif deine Leute zurück, klemmt euch eure Gäule zwischen die Beine und verlasst die Stadt. Ich erteile dir und deinen Männer Stadtverbot, bis das Gericht über Gardner ein Urteil gefällt hat. Sollte ich einen von euch diesseits der Stadtgrenze erwischen, sperre ich ihn ein, bis er schwarz wird."

Brad Dexter warf den Kopf in den Nacken. Gehässig fauchte er: "Lance Gardner wird alles daran setzen, um seinen Sohn aus dem Jail zu holen. In einigen Tagen werden Amos Benton und sein Anhang hier antanzen. Ich will Noel Gardner hängen sehen. Du führst einen Krieg an drei Fronten, Lockwood. Denk mal darüber nach. Auf die Unterstützung durch die Stadt solltest du dich lieber nicht verlassen. Ich denke, du stehst auf einem ziemlich verlassenen Posten. Ich möchte in deiner Haut nicht stecken, Marshal."

"Lass das meine Sorge sein, Dexter. Dich und deine Kettenhunde haben wir jedenfalls in den Griff bekommen. Und jetzt hol den Wagen mit dem Sarg deines Sohnes vom Undertaker ab und bring ihn nach Hause. Überlasse es dem Gesetz, den Stab über Noel Gardners Kopf zu brechen. Du bist dazu nicht legitimiert."

Fragend starrten die Cowboys ihren Boss an. In dessen Miene arbeitete es. Plötzlich entfuhr es ihm rau: "All right, Lockwood. Im Augenblick seid ihr am Drücker. Yeah, Lockwood, ich bringe Jim nach Hause und werde ihn begraben. Aber du musst mit mir rechnen. Wie ich schon sagte: Ich habe einen Schwur abgelegt. Und ich bin nicht der Mann, der einen Schwur bricht."

"Du bist drauf und dran, dich mit dem Mörder deines Sohnes auf eine Stufe zu stellen, Dexter", murmelte der Marshal. "Hass und Rache führen in den Abgrund. Dein Junge wird nicht wieder lebendig, wenn du seinen Mörder aufhängst. Was würde es dir verschaffen? Triumph, Genugtuung, Zufriedenheit?"

"Warum bist du nicht Prediger geworden, Lockwood?", presste Brad Dexter hervor. Seine Stimme hob sich. "Leute, wir räumen das Feld." Er starrte Noel Gardner an. "Der Strick, den ich dir um den Hals legen werde, ist schon geknüpft, Gardner. Du bist so gut wie tot."

Es hörte sich an wie ein höllisches Versprechen.

Abrupt machte er kehrt. Seine Männer folgten ihm. Vom Vorbau des Office aus hatte Doug Lockwood die Winchester auf den Pulk gerichtet. Er war seinem Vater ausgesprochen ähnlich. Auch er war groß und hager, auch sein Gesicht wurde von einem pulvergrauen Augenpaar beherrscht, er verströmte Härte, Entschiedenheit und Furchtlosigkeit.

"Weiter, Gardner!", befahl Milt Lockwood. Er behielt das Schießeisen in der Faust.

Er trieb den Mörder ins Office und von dort in den Zellentrakt. Es gab hier zwei Zellen. In der einen lag ein Mann auf der Pritsche. Als der Marshal mit seinem Gefangenen herein kam, schwang er die Beine auf den Boden und setzte sich. Seine grauen, fast weißen Haare standen kreuz und quer vom Kopf ab. Ein verwildertes Bartgeflecht verdeckte sein Gesicht. Eigentlich waren nur die rote Knollennase und die kleinen, wässrigen Augen zu sehen.

Er nahm den Kopf in beide Hände und stöhnte: "Oooaaah, brummt mir der Schädel. Bin ich gegen eine Hauswand gerannt, oder ..."

"Du hast wieder mal zu viel gesoffen, Shorty", sagte Lockwood. "Viel zu viel. Ich hab dich auf der Straße neben dem Gehsteig gefunden. Du warst besinnungslos vor Rausch. Eines Tages werde ich dich wieder finden – und dann wirst du tot sein. Du wirst dich zu Tode gesoffen haben."

"Der schönste Tod, den sich ein Mann wünschen kann", krächzte Shorty, der Stadtsäufer, und dann massierte er sich wieder den Kopf und stöhnte lang anhaltend.

Lockwood sperrte Noel Gardner in die Nachbarzelle. Noel warf sich sofort auf die Pritsche, verschränkte die Hände hinter dem Kopf und starrte zur Decke hinauf. Der Schock in ihm saß tief.

Der Marshal öffnete die Tür der Zelle, in der Shorty von den Nachwirkungen seines Vollrausches gequält wurde. "Du kannst verschwinden, Shorty. Und sollte ich dich wieder einmal volltrunken auf der Straße finden, sperre ich dich eine Woche lang ein. Das heißt, eine Woche nur Wasser für die durstige Kehle."

Shorty erhob sich. Er schwankte noch ein wenig. Die rechte Hand ließ er am Kopf, die linke sank nach unten. "Wasser!", echote er. "Brrrh. Das ist ja eklig ..."

Er wankte ins Office. Doug hielt ihm grinsend die Tür auf. Er folgte dem Trinker auf den Vorbau und schaute zu, wie dieser zu einem Tränketrog stapfte, sich niederkniete und seinen Kopf in das Wasser tauchte.


*


Amos Benton und seine Komplizen hatten Topeka ungeschoren verlassen. Der Sheriff war zu dem Schluss gekommen, dass der Bandit in Notwehr geschossen hatte. Er hatte den Mann in dem Bordell zwar derart provoziert, so dass dieser blindwütig zum Colt griff – abgedrückt aber hatte Benton schließlich in Notwehr.

Die erste Station eines blutigen Trails lag hinter der Bande.

Sie zog auf der alten, ausgefahrenen Postkutschenstraße nach Westen. In der Nacht hatte es wieder geregnet. Die Pferde stampften durch den knöcheltiefen Morast. Unter den Hufen gurgelte und schmatzte es. Die Abdrücke füllten sich sofort mit Wasser. Die Kerle trugen imprägnierte Regenumhänge. Ein kühler Wind kam ihnen entgegen.

Hinter ihnen erklangen tosendes Hufgetrappel und Rumpeln. Eine Peitsche knallte in regelmäßigen Abständen. Sie drängten ihre Pferde an den Straßenrand. Die Expresskutsche, die beim Depot der Wells & Fargo Company in Topeka gestanden hatte, als die Bande die Stadt verließ, überholte sie. Die eisenumreiften Räder ratterten. Schlamm spritzte. Die Stagecoach holperte, schlingerte und ächzte. Die Hufe der sechs Pferde wirbelten ...

"Die Kutsche wird in etwa drei Tagen Oakley erreichen", rief James Blaine, als die Concord ein ganzes Stück entfernt war und er sich gewiss sein konnte, dass die Geräusche seine Worte nicht mehr verschluckten. "Wells Fargo hat alle 15 Meilen eine Relaisstation eingerichtet."

"Dann wird auch die Nachricht Oakley erreichen, dass ich in Topeka einen Mann erschossen habe", sagte Benton. "Lockwood wird es erfahren und wissen, dass ich auf dem Weg zu ihm bin. Und das ist gut so."

Zwischen seinen engen Lidschlitzen spiegelten sich Hass und Feindschaft. Sein Mund war eine harte, entschlossene Linie.

Sie ritten wieder auf der Straße. Wie der Leib einer riesigen Schlange schlängelte sie sich nach Westen und verschwand weit vor ihnen zwischen den Hügeln.

Yard für Yard näherten sich Hass und Tod der Ortschaft Oakley ...


*


Der folgende Tag brachte Lance Gardner und ein halbes Dutzend seiner Reiter in die Stadt. Sie parierten ihre Pferde vor dem Marshal's Office. Ein Gewittersturm war in der vergangenen Nacht über Oakley hinweggefegt. Jetzt schien wieder die Sonne. Die Main Street dampfte in der Wärme.

Die Pferde des verwegenen Rudels tänzelten und peitschten mit den Schweifen. Sattelleder knarrte.

Milt Lockwood trat aus dem Office. Seine Absätze tackten über die Bohlen. Schräg vor seiner Brust hielt er mit beiden Fäusten eine Greener. Kolben und Doppellauf waren abgesägt. Auf kurze Distanz handelte es sich um eine mörderische Waffe.

Beim Vorbaugeländer blieb der Marshal stehen. Er schaute in die verkniffenen Gesichter, die nichts Gutes verhießen. An Lance Gardner blieb der Blick Milt Lockwoods hängen. Sie starrten sich an. Es war ein stummes Duell. Gardner begann schließlich zu sprechen: "Du hast Noel eingesperrt, Lockwood. Ich bin hier, um ihn zu holen."

"Dein Sohn ist ein Mörder, Gardner", versetzte Milt kühl und unerschrocken. "Du kannst ihn haben, wenn das Urteil gesprochen ist und wir ihn gehängt haben."

Gardner zog den Kopf zwischen die breiten Schultern. Tückisch schielte er zur Seite auf seine Männer. Ihre Hände lagen locker neben den Revolverknäufen. "Aaah, du hast ihn also schon verurteilt, Lockwood", dehnte er. "Ich denke, in diesem Land gilt ein Mann solange für unschuldig, solange seine Schuld nicht bewiesen ist."

"Dass dein Sohn Jim Dexter hinterhältig ermordete, ist erwiesen. Es gab an die drei Dutzend Augenzeugen."

"Ich pfeife auf sie!", tönte Gardner wild. "Sie lügen, weil es sich um Brad Dexters Sprössling handelt, den Noel über den Jordan geschickt hat. Wäre es umgekehrt gewesen, würde kein Hahn nach meinem Jungen krähen."

"Möglich, Gardner", antwortete Milt. "Du, dein Sohn und deine Mannschaft – ihr seid nicht besonders gern gesehen in Oakley. Ihr habt euch in der Vergangenheit nicht gerade als ehrenwerte Mitglieder der Gesellschaft erwiesen. Ihr betrinkt euch regelmäßig, ihr seid streitsüchtig, rauflustig und schießwütig. Wahrscheinlich gehen auf euer Konto auch die Viehdiebstähle, die sich in den letzten Monaten häuften. Aber das festzustellen, ist nicht mein Job."

Lance Gardner zog den Mund schief. "Es mag schon sein, dass wir nicht zu der ehrenwerten Gesellschaft passen, von der du sprichst, Lockwood. Nun, wir haben mit ihr nichts am Hut. Das heißt aber nicht, dass sie meinen Sohn aufhängen darf und ich dabei tatenlos zusehe."

Die Züge des Ranchers gefroren unvermittelt. Er blaffte drohend: "Lass Noel frei, Lockwood. Ich warte genau eine Viertelstunde – drüben, im Bluebird. Wenn Noel dann nicht als freier Mann zu mir in den Saloon kommt, stürmen wir den Bau. Solltest du dich uns in den Weg stellen, putzen wir dich aus den Stiefeln."

Unter der Tür des Office erschien in diesem Moment Doug. Auch er hielt eine Shotgun in den Händen. Die Doppelläufe wiesen auf die Rotte. Dougs Stimme hatte den Klang brechenden Stahles, als er rief: "Wir werden hier auf euch warten, Gardner. Du brauchst also die Viertelstunde erst gar nicht verstreichen zu lassen. Denn Noel wird nicht als freier Mann zu dir in den Bluebird kommen."

Verächtlich spuckte Lance Gardner zur Seite aus. "Dann wird die feine Gesellschaft dieser lausigen Town eben zwei Lockwoods zum Boot Hill karren müssen." Seine Stimme sank herab. Besessenheit glühte in seinen Augen. "Eine Viertelstunde, Marshal. Die Zeit beginnt jetzt zu laufen. Ich rate dir dringend, Noel freizulassen."

Er zog sein Pferd um die rechte Hand und trieb es mit einem Schenkeldruck an. Seine Männer folgten ihm. Vor dem 'Bluebird Saloon' glitten sie aus den Sätteln. Sie zogen die Gewehre aus den Scabbards und gingen in den Inn.

Milt kehrte ins Office zurück. Er nickte Doug zu. "Das war kein leeres Versprechen, Sohn. Dieser Halbaffe und sein schießwütiger Anhang werden sich jetzt einen Schnaps nach dem anderen in den Hals schütten, und in 15 Minuten lassen sie den Teufel aus dem Sack."

"Als hätten wir nicht schon genügend Probleme am Hals", maulte Doug. Dann folgte er seinem Vater in das Office.

Während Doug die Straße durch das Fenster beobachtete, begab sich Milt in den Zellentrakt.

Noel Gardner hockte auf dem Rand der Pritsche. Als der Marshal eintrat, erhob er sich und trat an die Gitterwand heran. Seine Hände legten sich um zwei der zolldicken Eisenstangen. "Wäre es nicht besser für dich und Doug, wenn du mich laufen lassen würdest, Lockwood?", fragte er hämisch. "Willst du wirklich aus falsch verstandener Loyalität zu dem Stück Blech an deiner Weste dem Satan in den Rachen springen?"

Aus dem Office waren plötzlich Stimmen zu vernehmen. Milt Lockwood lauschte kurz, dann sagte er: "Du solltest dich nicht zu früh freuen, Noel. Selbst wenn es deinem Vater gelingen sollte, dich hier herauszuholen – du darfst Brad Dexter nicht unterschätzen. Seine Mannschaft ist dreimal so stark wie die deines Vaters. Du weißt, was Dexter geschworen hat. Und wer dir letztlich den Strick um den Hals legt, das wird für dich keine Rolle spielen."

Der Anflug eines jähen Hasses ließ Noel Gardners Züge entgleisen. "Du gottverdammter, großkotziger ..."

Aber da fiel hinter Milt Lockwood schon die Tür zu.

Im Office war Sam Fitzpatrick, der Town Mayor eingetroffen. Sein Gesicht war gerötet, seine Augen versprühten Blitze. Als der Marshal eintrat, konnte er noch die letzen Worte des Bürgermeisters vernehmen. "... die Stadt in einen Kriegsschauplatz zu verwandeln. Ich ..."

Er brach und wandte sich dem Marshal zu.

Doug schaute seinen Vater mit einer Mischung aus Grimm und Ratlosigkeit an.

"Wer will die Town in einen Kriegsschauplatz verwandeln, Fitzpatrick?", kam es von Milt.

"Du, Marshal. Du bist drauf und dran, zu riskieren, dass der heruntergekommene Lance Gardner einen höllischen Reigen abzieht. Aber das ist nicht alles. Brad Dexter wird keine Ruhe geben, bis Noel Gardner hängt. Außerdem müssen wir damit rechnen, dass in ein paar Tagen Amos Benton hier aufkreuzt. Und er kommt sicher nicht alleine."

"Was soll ich deinen Worten entnehmen, Fitzpatrick?", presste Milt hervor. "Soll ich Noel Gardner freilassen? Oder soll ich meinen Job kündigen und Oakley verlassen, ehe Benton ankommt?"

Der Town Mayor rang seine Hände. Er musste zweimal ansetzen, dann entrang es sich ihm: "Oakley gleicht momentan einem Pulverfass, dessen Lunte schon glimmt. Ja, beim Satan, lass Noel Gardner laufen. Brad Dexter wird ihn sich holen, und er bläst vielleicht die ganze Sippschaft von der Wagenrad-Ranch zum Mond. Dann wäre dieses Problem schon mal gelöst. Was Amos Benton anbelangt ..." Der Town Mayor schluckte würgend. Sein Kehlkopf rutschte hinauf und hinunter. Schließlich endete er: "Eigentlich braucht diese Stadt schon lange keinen Revolvermarshal mehr, Lockwood. Yeah, es wäre wohl das Beste, du würdest dein Bündel schnüren und Oakley verlassen."

Es war draußen. Sam Fitzpatrick fühlte sich nicht wohl in seiner Haut. Er konnte Milts Blick nicht standhalten.

Milt Lockwood schien den Worten hinterherzulauschen. Bitterkeit prägte sein Gesicht.

Doug atmete schwer. Der Zorn kam in rasenden Wogen und überschwemmte sein Bewusstsein. Er schnürte ihm die Kehle zu.

Abgehackt kam es von Milt: "Kommst du aus eigenem Antrieb, Fitzpatrick, oder schickt dich der Bürgerrat?"

"Noch komme ich aus eigenem Antrieb." Fitzpatrick räusperte sich verlegen. Dann sagte er eindringlich, fast beschwörend: "Du könntest der Stadt und auch dir eine Menge Verdruss ersparen, Lockwood, wenn du den Stern zurückgibst und fortreitest. Es ist so, dass ..."

Milt lachte gallig auf. Der Bürgermeister verstummte. "Du vergisst dabei nur eines, Fitzpatrick", stieg es dumpf aus Milts Kehle, "du vergisst, dass Benton nicht nur mir blutige Rache geschworen hat. Wenn er kommt, dann müssen auch die Mitglieder der Jury von damals um ihr Leben fürchten. Warst du damals nicht sogar Obmann der Geschworenen, Fitzpatrick? Und einige Gentlemen, die im Bürgerrat sitzen, waren sie nicht auch Mitglieder der Jury?"

Sam Fitzpatrick zeigte jähe Verunsicherung. Er blinzelte nervös. Seine Hände waren schweißnass. Er wischte sie sich an der Hose ab. "Nein, Lockwood, o nein", brach es plötzlich über seine zuckenden Lippen. "Du kannst mich nicht einschüchtern. Wenn Benton kommt, dann ausschließlich wegen dir. Du hast seinen Bruder und zwei seiner Kumpane erschossen, du hast ihn verhaftet und vor Gericht gestellt. Die Leute, die damals in der Jury saßen, kannte er nicht einmal vom Namen. An dir will er sich rächen – dir will er eine blutige Rechnung präsentieren. – Überleg dir meinen Vorschlag. Du würdest der Stadt einen großen Gefallen erweisen – und du könntest alt und grau werden."

"Du solltest dich lieber darauf besinnen, Fitzpatrick, dass es in Oakley so etwas wie eine Bürgerwehr gibt", sagte Milt grollend. "Warum mobilisierst du sie nicht? Eine Gruppe entschlossener Männer könnte dem Terror entgegentreten und ihn im Keim ersticken. Denk mal drüber nach, Bürgermeister."

Fitzpatricks Hand wischte durch die Luft. "Wir haben alle Familien. Außerdem sind wir keine Schießer. Ach was! Ich muss mich vor dir nicht rechtfertigen. Denk über meinen Vorschlag nach, Lockwood. Niemand wird deine Verdienste um die Stadt je in Frage stellen. Aber jetzt ..."

"... beginne ich der Stadt zur Last zu fallen", fuhr ihm Milt in die Parade. "Und man wünscht mich auf den Mond. Du bist eine Ratte, Fitzpatrick, und ich hoffe nur, dass nicht alle Männer in der Stadt so denken wie du." Milt holte tief Luft. Er verströmte nur noch eisige Verachtung. "Raus jetzt!", knirschte er und wies mit der Rechten zur Tür. "Geh, Fitzpatrick, bevor ich dich eigenhändig hinauswerfe."

Doug zog die Türe schon auf. Dem Town Mayor lag noch eine wütende Erwiderung auf der Zunge, aber er unterdrückte sie, warf sich herum und stürzte nach draußen.

"Bastard", knirschte Doug und schmetterte die Tür zu. Er dachte an Susan, die er liebte. Sam Fitzpatrick war ihr Vater. Aber Susan war anders. Sie war nicht aus dem Holz ihres Vaters geschnitzt. Davon war Doug überzeugt.

Milt knurrte: "Vergiss seine Worte. Er ist nicht die Stadt. Es gibt in Oakley sicher eine Reihe von Männern, die Charakter haben und die wissen werden, dass nur die Gemeinschaft sie stark und unbesiegbar macht. – Okay, Sohn. Wir warten nicht, bis Lance Gardner das Office stürmt. Wir kommen ihm zuvor."


*


Entschlossen stakste Doug am Rand der Main Street in Richtung 'Bluebird Saloon'. In der Linken trug er die Shotgun. Der Handballen seiner Rechten streifte bei jedem seiner Schritte den Knauf des Sechsschüssers.

Als Doug die Gasse passierte, in der das Haus des Town Mayors lag, trat ihm Susan in den Weg. Etwas verstört und hilflos blickte sie hinauf in sein angespanntes Gesicht. Dumpf begann sie zu sprechen: "Mein Vater war bei euch im Office, Doug. Er kam wutentbrannt zurück. Was wollte er?"

"Jetzt nicht, Darling", versetzte er weich. "In spätestens fünf Minuten werden Lance Gardner und sein schießwütiger Verein aus dem Saloon stürmen und einen heißen Tanz beginnen. Mein Vater ist auf dem Weg zur Hintertür des Saloons. Wir müssen Gardner stoppen, ehe er hier die Hölle vom Zaun brechen kann."

"Ich ahne es schon, was mein Dad von euch wollte, Doug. Ehe er das Haus verließ, konnte ich einige Fetzen von dem Gespräch zwischen ihm und meiner Mutter aufschnappen. Ich – ich schäme mich für ihn. Ich schäme mich für beide."

Doug strich ihr sanft über die Wange. Er wollte sich zu ihr hinunterbeugen, um sie zu küssen, als in der Hofeinfahrt des Bürgermeisterhauses Sam Fitzpatrick kreischte: "Hierher, Susan! Ich verbiete dir ..."

Er verschluckte sich, weil Susan sich auf die Zehenspitzen stellte und Doug einen Kuss auf den Mund hauchte. "Gib acht auf dich, Doug", murmelte sie bedrückt. Die Worte schienen tonnenschwer zu wiegen in ihrem Mund. Sie hatte Angst um ihn. Für ihren Vater aber hatte sie nur noch Verachtung übrig ...

Als sie bei ihm anlangte, blaffte er sie zornig an: "Er ist ein Gunslinger, genauso wie sein Vater. Ich verbiete dir jeden weiteren Umgang mit Doug Lockwood. Diese Sorte ..."

"... benötigt dieses Land wie das Salz", unterbrach sie ihn. "Ich erinnere mich einer Zeit, da warst du stolz darauf, dass Oakley einen Mann wie Milt Lockwood als Marshal beschäftigte. Es ist schäbig, ihn jetzt fallen zu lassen wie eine heiße Kartoffel. Damit du es weißt, Dad: Ich liebe Doug Lockwood. Und ich lasse mir von dir den Umgang mit ihm nicht verbieten. Ich bin volljährig und ..."

Der Jähzorn färbte sein Gesicht dunkel. Er verlor die Beherrschung. Seine Hand klatschte auf ihre Wange. Seine Finger zeichneten sich in ihrem Gesicht ab. Ihre Wange brannte. Eine heiße Flamme stand plötzlich in Susans Augen. "Schlag mich ruhig", entrang es sich ihr. "Es wird nichts ändern an meiner Einstellung zu Doug und seinem Vater. Du müsstest mich schon zerbrechen ..."

Mit stolz erhobenem Haupt schritt sie an ihm vorbei ins Haus.

Sam Fitzpatrick würgte an seiner Wut. Seine Hände öffneten und schlossen sich. Die Geringschätzung in dem Blick, mit dem sie ihn maß, war ihm nicht verborgen geblieben.

Unter der Haustür erwartete sie ihre Mutter. "Du bist undankbar und renitent!", empfing sie das Mädchen keifend. "Die beiden Lockwoods sind Revolverhelden. An ihren Händen klebt Blut. Doug ist kein Umgang für dich. Und wenn du das nicht einsehen willst, werden wir dich in ein Internat im Osten schicken."

"Ja, an ihren Händen klebt Blut, Mutter", entrang es sich dem Girl mit Bitternis im Tonfall. "Sie haben es im Dienste der Stadt vergossen. Um Leute wie Vater und dich vor Gewalt und Terror zu schützen." Susan drängte an ihrer Mutter vorbei und lief hinauf in ihr Zimmer.

Ein Ruck durchfuhr den Bürgermeister. Er lief vor bis zur Mündung der Gasse in die Main Street und schaute Doug Lockwood hinterher. Fitzpatricks Hals war wie ausgetrocknet. Die Atmosphäre wirkte auf ihn beklemmend. Die Stadt schien den Atem anzuhalten. Sie duckte sich wie unter einer Geißel ...

Der junge Deputymarshal stieg bereits die Stufen zum Vorbau hinauf. Er bewegte sich aufrecht und selbstbewusst. Mit dem Körper drückte er die Batwings der Schwingtür auseinander. An der Theke standen Lance Gardner und sein heruntergekommenes Gefolge, Feixen in den verwegenen Gesichtern.

"Kommst du mit einem Friedensangebot, Lockwood?", brach es rau über Lance Gardners Lippen.

Doug lächelte unergründlich. Das Lächeln erreichte jedoch seine Augen nicht. Unvermittelt schlug er die Greener auf die Kerle an. "Yeah", erwiderte er, "ein Friedensangebot, Gardner. Schwingt euch auf eure Gäule und reitet aus der Stadt. Dann lassen wir euch in Frieden."

Gardner lachte gekünstelt auf. "Willst du mir mit deiner Bleispritze imponieren, Junge", rief er. "Wahrscheinlich. Oha, ich versinke gleich vor Ehrfurcht im Boden." Wieder lachte er. Es war ein blechernes, aufgesetztes Lachen. Seine Männer stimmten nicht ein. Sie belauerten Doug.

"Du wirst im Boden versinken, Gardner, und zwar sechs Fuß tief, wenn du keine Vernunft annimmst."

Die präzise, klirrende Stimme an der Hintertür ließ die Kerle die Köpfe herumreißen. Da stand Milt Lockwood und starrte Lance Gardner mit helläugiger Reglosigkeit an. Von dem Marshal ging ein hohes Maß an Ruhe und Entschiedenheit aus. Ebenso wie Doug hatte er die Schrotflinte an der Hüfte im Anschlag.

Die Kerle versteiften.

Langsam schritt Milt näher. Er baute sich neben Doug auf. Zwei Schritte vor den Männern der Wagenrad-Ranch verharrten sie. Bei Gardner und seinem Anhang machte sich Unruhe bemerkbar. Milt Lockwood sagte ohne Höhen und Tiefen im Tonfall: "Wir haben Brad Dexter und seinen Verein zur Stadt hinaus gejagt, als er am Tor des Mietstalles eine Hängepartie veranstalten wollte. Und jetzt jage ich dich und deine Reiter aus Oakley, Gardner. Verschwindet. Bis jetzt ist noch kein Schuss gefallen. Betet, dass es so bleibt. Denn wenn ihr uns zwingt, abzudrücken, dann sieht es verdammt übel aus für euch."

Lance Gardner fing sich sehr schnell. Mit heruntergezogenen Mundwinkeln knurrte er: "Ihr habt keinen Grund, auf uns zu schießen, Lockwood. Aus der Stadt kannst du uns weisen. Aber denkst du nicht, dass wir zurückkommen?"

"Sicher, du bist verbohrt genug, es noch einmal zu versuchen. Aber dann zwingt ihr uns, zu schießen. Und dann wird es schlimm für euch."

"Du großmäuliger Sternschlepper!", giftete Gardner. "Du kommst dir ja mächtig ..."

Mit einem langen Schritt war Milt bei ihm. Die Greener zuckte hoch. Er schlug dem Rancher den Doppellauf schräg über das Gesicht. Der Laut, der sich in Gardners Brust hochkämpfte, erstickte in der Kehle. Blut sickerte aus einer Platzwunde an seinem Jochbein. Der Schmerz trieb ihm die Tränen in den Augen. Aus seinen Augen brach unversöhnlicher Hass ...

Einer der Kerle glaubte Milt und Doug einen Augenblick abgelenkt. Seine Hand zuckte zum Colt. Doug nahm die huschende Bewegung aus den Augenwinkeln wahr. Er sprang vor und rammte dem Mister den Gewehrlauf in den Leib. Ein Keuchton platzte über die Lippen des Burschen, sein Oberkörper kippte nach vorn. Den Colt hatte er halb aus dem Holster. Die Greener knallte mit aller Wucht auf seine Hand. Aufbrüllend ließ er den Colt fahren, als wäre der Griff unvermittelt glühend heiß geworden. Und dann trafen ihn die Doppelläufe mit aller Härte am Halsansatz. Röchelnd fiel er auf die Knie.

Doug trat zurück. "Der nächste, der es versucht, wird Noel im Jail Gesellschaft leisten, bis er verfault!", drohte er.

Gardner betastete sein Gesicht mit der Hand. Er spürte das Blut an seinen Fingerkuppen. "All right, Lockwood", hechelte er. "Wir reiten. Aber du musst mit uns rechnen. Ich lasse nicht zu, dass ihr Noel aufknüpft wie ein Stück Vieh."

Zwei der Cowboys halfen dem Burschen am Boden auf die Beine. Seine Augen waren glasig. Sie mussten ihn stützen, damit ihm nicht sofort wieder die Beine wegknickten.

Die beiden Marshals trieben sie hinaus. Dann verfolgten sie den Abgang des Rudels.

Neuer Hass war geboren. Milt und Doug Lockwood gaben sich keinen falschen Illusionen hin. Die nächsten Tage würden das Letzte von ihnen fordern.

Als Gardner und seine Männer außerhalb der Stadt aus ihrem Blickfeld verschwunden waren, entspannten sie sich. Milt sah sich um. Hinter einigen Fensterscheiben sah er Gesichter. Die Straße war wie leergefegt. Oakley mutete an wie eine Geistertown.

Aber die Ruhe war trügerisch. Unter der Oberfläche gärte und brodelte es wie in einem Vulkan ...


*


"Geh du ins Office, Sohn, und halte dort die Stellung", murmelte Milt Lockwood. "Ich werde einige Männer aufsuchen, von denen ich ein gewisses Maß an Rückgrat erwarte."

"An wen denkst du?", fragte Doug.

Der Marshal hob die Schultern. "An Bill Sheridan, den Hufschmied, an Mark Whitman und an George Evers. Mir fallen sicher noch ein paar ein, denen ich einen Besuch abstatte. Ich denke, sie haben einiges dagegen, dass sich der Terror in ihrer Stadt breit macht."

Doug nickte. "Right, Dad. Geh nur. Ich warte auf dich im Office."

Sie trennten sich.

Milt Lockwood folgte dem Klang der Hammerschläge vom Südende der Stadt. Wenige Minuten später bog er in den Hof der Hufschmiede ein. Die Werkstatttür stand weit offen. In der Esse glühte das Feuer, in dem der Hufschmied Eisen zum Glühen brachte. Bill Sheridan stand schwitzend am Amboss und bearbeitete mit einem schweren Hammer das rotglühende Ende einer Eisenstange. Er trug einen Lederschurz, die Hemdärmel hatte er zurückgekrempelt. Muskulöse Arme waren zu sehen.

Milt stapfte über den aufgeweichten Hof. Seine Stiefel waren bis zu den Knöcheln voll Schlamm. Der große, schwarze Hund, der im Eingang zur Werkstatt lag, beobachtete ihn, rührte sich aber nicht.

Als Sheridan den Marshal sah, ließ er den Hammer sinken. Er steckte das Eisen in die Esse und trat einige Male auf den Blasebalg. Weiße Asche wurde unter den Windstößen aufgewirbelt. Die Holzkohle leuchtete wie eine rote Höllenglut. Ein düsterer Schatten lief über Sheridans Züge. Seine Lider senkten sich halb über die Augen.

Milt lehnte sich mit der Schulterspitze gegen die Einfassung des Tores. "Hallo, Bill."

Der Hufschmied nickte. Er legte den Hammer auf den Amboss und wischte sich an der Hose die Hände ab. "Ich ahne schon, was dich zu mir führt, Milt", stieg es heiser aus seiner Kehle.

"Dann brauche ich ja nicht mehr viel zu sagen, Bill", meinte Milt. Er verschränkte die Arme vor der Brust. "Der Stadt stehen schlechte Zeiten bevor, wenn die Männer in dieser Stadt dem Terror nicht mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln entgegentreten. Gardner und Dexter spielen verrückt. Amos Benton dürfte mit 99-prozentiger Sicherheit in den nächsten Tagen hier eintreffen."

Sheridan kniff die Lippen zusammen. Betreten schaute er zur Seite. "Bin ich der erste, an den du dich wendest, Milt?"

"Ja. Ich brauche Männer, die mit gutem Beispiel vorangehen."

Sheridan seufzte. "Ich weiß nicht, Milt", begann er dann mit schleppendem Tonfall, als kostete es ihn Mühe, die Worte auszusprechen. Das Unbehagen, das ihn erfüllte, war deutlich von seiner Miene abzulesen. "Ich bin einiges über 50 und gewiss keine große Hilfe. Mit Hammer und Eisen kann ich besser umgehen als mit einer Waffe. Außerdem ..."

Der Hufschmied brach ab. Er wirkte hilflos und verlegen.

Milt begriff schlagartig. Seine Arme fielen aus der Verschränkung. "Was, Bill?"

Bill Sheridan druckste herum. Schließlich entrang es sich ihm: "Ich habe mit meiner Frau gesprochen. Sie bekam fast einen Hysterieanfall, als ich ihr andeutete, dass wir wahrscheinlich zu den Waffen greifen müssen, wenn Benton hier aufkreuzt. Sie hat Angst, dass ich getötet werde. Es sind skrupellose Revolverschwinger. Und ... O verdammt, Milt, auch ich habe Angst."

"Denkst du, ich nicht, Bill?", stieß der Marshal bitter hervor. "Im Moment scheint sich Gott und die Welt gegen mich verschworen zu haben. Dexter, Gardner, Benton ... Mein Sohn und ich stehen auf verlorenem Posten. Ohne die Unterstützung der Stadt können wir einpacken."

"Es – es tut mir leid, Milt", ächzte der Hufschmied. "Aber ihr werdet wohl ohne mich auskommen müssen. Ich war noch nie ein Held. Und ich wäre euch höchstens ein Klotz am Bein ..."

"Hast du damals nicht auch in der Jury gesessen, die Benton für schuldig befand?", knirschte Milt. Enttäuschung sprach aus jedem Zug seines Gesichts.

"Sicher, Milt. Aber das spielt nicht die große Rolle. An mich erinnert sich Benton sicherlich nicht. Außerdem hat er dir Rache geschworen. Weshalb verlässt du Oakley nicht? Bis Benton ankommt, kannst du sonst wo in Sicherheit sein."

Milt Lockwood fand keine Worte. Er kniff die Lippen hart zusammen und ging.

Er begab sich zu Mark Whitman in den General Store. Whitman war ein Mann Ende der 40. Er hatte den Marshal durch das Schaufenster kommen sehen. Bei ihm im Laden war seine Frau. Sie schlichtete Stoffballen in ein Regal. Als Milt den Laden betrat stellte sie sich wie beschützend vor ihren Mann. Das Bimmeln der Glocke, das beim Öffnen der Tür ausgelöst wurde, schwang sekundenlang im Raum.

"Good day", murmelte Milt, tippte gegen die Krempe seines Stetsons und deutete der Frau gegenüber eine Verneigung an.

Fahrig massierte sich Mark Whitman mit Daumen und Zeigefinger das Kinn. Er trat von einem Fuß auf den anderen und fühlte sich sichtlich nicht wohl in seiner Haut.

Milt Lockwood trat an den Verkaufstresen heran und legte beide Hände darauf. Er fixierte den Storehalter. Seine Lippen öffneten sich, er sagte: "Du ahnst sicher, weshalb ich hier bin, Mark."

Whitman hüstelte erregt. "Nein. Ich hab keine Ahnung. Was ..."

"Ich weiß es", fuhr die Frau den Marshal an. Ihre Augen funkelten kriegerisch. "Und Mark weiß es auch. Aber daraus wird nichts, Lockwood. Ich lasse nicht zu, dass ihn irgendwelche Banditen draußen auf der Straße zusammenknallen. Es ist nicht sein Job, sich schießwütigen Sattelstrolchen in den Weg zu stellen."

Milts Hals war trocken wie Wüstenstaub. Seine Stimme rasselte, als er sagte: "Nein, Lucy, sein Job ist es nicht. Aber gehört dein Mann nicht zur Bürgerwehr, die vor einigen Jahren ins Leben gerufen worden ist, nachdem die Benton-Bande zerschlagen war? Muss es nicht im Interesse eines jeden Bürgers der Stadt liegen, zu verhindern, dass der Terror hier Fuß fasst? Mark –" Milts Stimme gewann an Eindringlichkeit, " – du hast dich damals sogar freiwillig zur Bürgerwehr gemeldet. Willst du dich jetzt vor der Verantwortung drücken?"

"Wer hätte je gedacht, dass wir die Bürgerwehr in Oakley nötig haben", keifte Lucy Whitman. "Fast jeder Mann, der im Ort eine gewisse Rolle spielt, hat sich damals freiwillig gemeldet. Kein einziger von ihnen aber wird sich an deiner Seite Amos Benton entgegenstellen, Milt. Du und dein Sohn, ihr werdet von der Stadt bezahlt, damit ihr dem Terror entgegentretet, sollte er die Town heimsuchen. Also lass meinen Mann aus dem Spiel."

"Was sagst du dazu, Mark?"

Der Angesprochene verschluckte sich fast. "Ich ... Meine Frau ... Wir haben eine 19-jährige Tochter. Sie studiert drüben im Osten. Sie ist darauf angewiesen, dass ich ..."

"Geschenkt", murmelte Milt. Müde Resignation erfasste ihn. Mit hängenden Schultern wandte er sich ab. Mit schleppenden Schritten verließ er den Store. Wieder bimmelte die Glocke. Es klang in Milts Ohren wie Totengeläut. Draußen nahm er den Stetson vom Kopf und fuhr sich mit den gespreizten Fingern durch die graumelierten Haare. Er überlegte, ob er noch George Evers aufsuchen sollte. Einige weitere Namen geisterten durch seine Gehirnwindungen. Namen, die auf der Liste standen, auf der sich damals jeder eintragen konnte, der der Bürgerwehr beitreten wollte.

Der Town Mayor hatte damals eine flammende Ansprache gehalten. Er war der erste, der seinen Namen auf die Liste schrieb. Jeder waffenfähige Mann der Stadt drängte danach, seinen Namen hinzuzusetzen.

Milt lachte bitter auf. Der Einsatz der Bürgerwehr war niemals notwendig geworden. Und jetzt, da sie gefordert war, kniffen die Männer, die geschworen hatten, für Ruhe und Ordnung in Oakley sogar mit ihrem Leben einzutreten.

Milt Lockwoods Gesicht war eine Studie der tiefen Verachtung, als er sich entschloss, dennoch George Evers aufzusuchen. Evers gehörte der Mietstall in Oakley. Da er einen Stallmann beschäftigte, traf ihn Milt zu Hause an.

"Weshalb sollte ich mich für die Stadt erschießen lassen, Milt?", fertigte der Mietstallbesitzer den Marshal unter der Tür ab. "Ich zahle nicht gerade wenig Steuern und kann verlangen, dass mich das Gesetz, das du in Oakley verkörperst, beschützt. Nicht ich muss das Gesetz beschützen, Marshal. Also mach deinen Job, oder – verschwinde aus der Stadt."

"Letzteres haben mir schon der Town Mayor und der Hufschmied empfohlen", quoll es aus Milts Mund. Er war nach der dritten Abfuhr wieder kalt wie ein Eisblock. "Aber Flucht bringt mich nicht weiter, George. Ich werde in dieser Town auf Amos Benton warten. Ob es euch gefällt oder nicht. Es ist mein Kampf. Für euch alle hoffe ich, dass ich ihn gewinne."

Evers schlug die Tür zu.

Milt Lockwood schritt zur Main Street. Er wirkte unschlüssig. Nach dem, was ihm widerfahren war, fühlte er sich wie am Boden zerstört. Er fühlte sich verraten und verkauft. Er brauchte jetzt einen Menschen, der zu ihm stand. Er lenkte seine Schritte zum Haus Kate Leightons. Kate war seit einigen Jahren seine Geliebte. Sie zu heiraten hatte er sich jedoch nie entschließen können. Kate war 42 und betrieb eine Schneiderei.

Sie ließ ihn ein und ging vor ihm her in die Wohnstube. Er legte seine Arme um ihren schlanken Körper.

Kate war eine schöne Frau. Sie trug das blonde Haar hochgesteckt. Ihr graziler Körper drängte sich an ihn. Sie war mit einem schwarzen Rock und einer weißen Bluse bekleidet. Ihr Hals war glatt und schlank, die Linie ihres weichen Kinns makellos. Sie hatte die Lippen ein wenig geöffnet. Milt konnte ihre weißen Zähne schimmern sehen. Ihr Gesicht bestach nicht nur durch seine Regelmäßigkeit, sondern vor allem durch seine frauliche Ausstrahlung.

"Du schaust drein, als hätten dir die Hühner das Brot weggepickt", sagte sie.

Er gab ihr einen flüchtigen Kuss. "Es ist nichts", sagte er dann. "Kate, ich bin zu dir gekommen, weil ..."

"Ich weiß", nickte sie und lächelte zu ihm in die Höhe. "Komm. Ich dachte schon, du hast mich völlig vergessen."

Sie drängte ihn in ihr Schlafzimmer. Kate zog sich aus. Obwohl sie schon die 40 überschritten hatte, war ihr Körper biegsam und fest, ihre Brüste waren straff und prall.

Milt trat an sie heran, legte ihr den linken Arm um die Taille, strich mit seiner rechten über die üppige Halbkugel ihrer Brust. Ihre Haut war weich. Der Nippel war steif und hart. Sie öffnete seinen Revolvergurt. Er rutschte über seine Beine zu Boden und schlug dumpf auf. Dann knöpfte sie seine Hose auf und schob sie nach unten. Das Symbol seiner Männlichkeit war steinhart und zu seiner vollen Länge ausgefahren.

Kate spürte das sündhafte Verlangen bis in die letzte Faser ihres Körpers. Sie drückte Milt aufs Bett nieder und setzte sich auf ihn. Sein bestes Stück glitt in sie hinein. Kate lehnte sich zurück, stützte sich mit beiden Armen nach hinten ab und schloss die Augen. Sie ließ ihren Unterleib kreisen. Milt füllte sie aus. Das Gefühl, das sie durchströmte, prickelte bis unter ihre Haarwurzeln. Sie stöhnte lustvoll und bewegte sich. Zuerst war es ein langsamer, genussvoller Rhythmus, dann aber wurde er schneller und besitzergreifender, und schließlich flog ihr runder Po hin und her.

Der Orgasmus war wie ein Gewittersturm. Er erfüllte sie und wurde immer intensiver, und mit zunehmender Intensität entlockte er ihr abgehackte, spitze Schreie des absoluten Hochgefühls. Und dann öffneten sich auch Milts Samendrüsen. Seine Miene verklärte sich ...

Schließlich stieg Kate von ihm herunter.

"Das war gut", murmelte er. "Ich glaube, heute habe ich diese Entspannung ganz besonders nötig gehabt."

Sie zogen sich wieder an. Milt schnallte sich den Revolvergurt um und rückte das Holster zurecht.

"Erzähl mir, was dich bedrückt", forderte sie ihn auf.

Er legte wieder die Arme um sie, als benötigte er einen Halt. Düsternis überzog sein Gesicht. Sekundenlang presste er die Lippen zusammen. Dann berichtete er ihr von seiner Enttäuschung. "Es sind Feiglinge", endete er. "Um die eigene Haut zu retten, würden sie die Seele ihrer Mutter dem Satan verpfänden."

Kate machte sich von Milt frei, ging zum Fenster und lehnte ihre Stirn dagegen.

Etwas verdutzt schaute der Marshal auf ihren Rücken. Seine Arme waren nach unten gesunken. Und plötzlich wusste er, dass auch sie kein Verständnis dafür aufbrachte, dass er hier in der Stadt auf Benton und seinen Anhang warten wollte.

Kate wandte sich abrupt um. Ein herber Zug war in ihr Gesicht getreten. Sie stieß hervor: "Willst du diesen Männern einen Vorwurf machen, Milt? Nur weil sie – im Gegensatz zu dir – nicht bereit sind, ihr Leben wegzuwerfen? Das ist ungerecht, Milt."

"Kate", entrang es sich ihm fast bestürzt. "Du redest ja fast schon wie sie."

"Ja", erwiderte sie hart. "Du hast immer als der hartbeinige Mann mit den eisernen Grundsätzen gegolten, Milt. Doch deine eisernen Grundsätze werden dich nicht vor den Kugeln der Banditen retten. Merkst du es denn nicht selbst? Du bist nur noch von Feinden umgeben. Brad Dexter, Lance Gardner, Amos Benton, die Männer von Oakley ... Letztere befürchten, dass du mit deiner Sturheit die Stadt in einen Hexenkessel verwandelst."

"Um mir solche Worte anzuhören bin ich nicht zu dir gekommen, Kate", kam es abgehackt von Milt.

"Du wirst es dir anhören müssen, Milt. Du weißt, dass ich dich liebe. Und weil das so ist, möchte ich nicht vor deinem Leichnam stehen. Ich gehe mit dir, wohin du willst. Bis ans Ende der Welt, wenn es sein muss. Aber ich kann es sicher nicht ertragen, dich hier durch die Hölle gehen zu sehen. Und ich kann nicht mit einem Mann leben, der offenen Auges in sein Verderben rennt, der der Sklave des verdammten Blechsterns an seiner Brust ist. – Milt, warum verlassen wir nicht diesen Landstrich? Bis Benton hier ankommt, können wir ..."

"Soll ich mein Leben auf der Flucht vor Amos Benton verbringen, Kate?", brach es kratzend über seine Lippen. "Würdest du mit mir von Ort zu Ort fliehen, bis er mich eines Tages doch eingeholt hat? Nein, Kate. Irgendwann würdest du mich dafür hassen. Aber gut, ich habe verstanden."

Er machte kehrt.

"Milt!", rief sie. "Du ..."

Die Tür klappte zu. Kate brach ab. Ein zerrinnender Laut brach sich Bahn aus ihrer Brust. Sie warf sich in einen Sessel und weinte hemmungslos. Sie ahnte, dass sie Milt Lockwood in dieser Stunde verloren hatte. Vielleicht für immer.

Der Marshal traf im Office ein.

Doug war nicht allein. Bei ihm befand sich Susan Fitzpatrick. Vor dem Schreibtisch stand eine schwarze Tasche auf dem Fußboden. Milt nickte Susan zu. "Hallo, Susan, was treibt dich her? Hat dir dein Vater nicht gesagt, dass ..."

"Mit meinen Eltern bin ich fertig, Milt", unterbrach sie ihn. "Ich weiß, dass mein Vater bei dir war, und ich weiß auch, was ihn hergetrieben hat. Er ist feige, er hat keinen Charakter. Und meine Mutter unterstützt ihn. Ich habe es heute erst erkannt. Doug denkt, dass ich bei dir im Haus ein Zimmer haben kann. Doug und ich – wir ... Hm, wir sind sozusagen verlobt."

Milts Brauen zuckten in die Höhe. "Aaah", machte er. "Schön, dass ich das auch mal erfahre." Er fixierte seinen Sohn. Dann richtete er seinen forschenden Blick auf Susan. Er sagte: "Nicht nur dein Vater, Susan. Die ganze Stadt ist feige. Ich war bei drei Männern, auf deren Unterstützung ich fest baute. Sie haben mir sozusagen die Tür vor der Nase zugeschlagen. Ich habe nach den dreien aufgegeben. Doug und ich werden ziemlich alleine sein, wenn Benton aufkreuzt. Es ist nicht ratsam, unsere Partei zu ergreifen. Kehr zurück zu deinen Eltern, Susan. Dein Dad ist nicht feiger oder charakterloser als alle anderen Männer in Oakley. Sie können eben nicht aus ihrer Haut. Vielleicht ist es nicht einmal Feigheit. Möglicherweise werden sie nur vom gesunden Menschenverstand geleitet."

"Du nimmst diese Ratten noch in Schutz!?", begehrte Doug auf.

"Nein." Milt Lockwood ging hinter den Schreibtisch und warf sich auf den Stuhl. Er lehnte sich zurück. "Aber es ist so, dass wir beide in Oakley den Stern tragen, Sohn. Es ist unser Job, sie vor Unrecht und Gewalt zu beschützen."

Susan griff nach der Tasche und hob sie auf. "Kann ich bei dir wohnen, Milt?"

"Dagegen wird dein Vater eine Menge einzuwenden haben."

"Ich bin volljährig, und ich habe ihm ins Gesicht gesagt, was ich von ihm halte. Er ist mein Vater, sicher, aber ich kann sein Verhalten nicht akzeptieren."

Milt nagte an seiner Unterlippe. Er konnte Doug verstehen. Susan war eine Augenweide. Schlank, mittelgroß, das Gesicht einer Göttin. Sie trug einen roten Rock und ein Mieder, das sich über ihrer Brust spannte. Die oberen Knöpfe waren offen, die Ansätze ihrer Brüste waren zu sehen. Irgendwie erinnerte sie ihn an Mary-Ann, die Mutter Dougs. Sie war am Kindbettfieber gestorben. Er hatte Doug alleine großgezogen – er hatte Doug in seinem Sinne erzogen.

"Na schön", murmelte er und löste sich von der Vergangenheit. Im Moment zählten nur die Gegenwart und die nächste Zukunft. "Bring Susan zu uns nach Hause, Sohn." Der Zeigefinger seiner Rechten stieß auf das Girl zu. "Und du bleibst dort, Mädchen. Ich will dich während der nächsten Tage auf keinen Fall hier im Office sehen. Erstens wäre es nicht gut, wenn du meinen Hilfsmarshal mit deiner Anwesenheit ablenkst, zweitens weiß ich nicht, wann hier der höllische Tanz beginnt. Wer auch immer – Lance Gardner oder Brad Dexter: Jeder von ihnen kann von einer Minute auf die andere in die Town einfallen, und dann fliegt wahrscheinlich sehr viel Blei durch die Luft."

Doug nahm Susan die Tasche ab. "Ich bin sofort wieder zurück, Dad", versprach er.

Milt grinste kantig. Es war ein freudloses Grinsen ...

"Danke, Milt", murmelte Susan.

"Schon gut, Susan", erwiderte der Marshal.

Dann war er allein. Gedankenverloren starrte er vor sich hin.

Doug und Susan schritten zu dem kleinen Haus am Ende der Main Street. Unter dem Dach war ein Zimmer frei. Doug stellte die Tasche auf den Tisch, dann nahm er Susan in die Arme. "Wenn ich die nächsten Tage überlebe, Darling", murmelte er, "dann heiraten wir. Ich werde dieser Stadt den Stern hinwerfen. Wir suchen uns weit weg von hier einen Platz, an dem unsere Söhne und Töchter in Ruhe und Frieden aufwachsen können."

Sie lächelte ihn an.

Er nahm sie in die Arme und küsste sie. Susan war wie ausgehungert. Sie fielen auf das Bett. Dougs Rechte fuhr unter ihr Mieder. Seine Handfläche stimulierte den erblühenden Nippel. Wenig später waren sie entkleidet. Und dann nahm er sie, wie ein Mann eine Frau nur nehmen kann ...


*


Der Abend kam. Milt Lockwood und Doug befanden sich im Office. Die Lampe, die über dem Schreibtisch von der Decke hing, spendete nur spärliches Licht. Der Vorhang vor dem Fenster war zugezogen. Der Regulator an der Wand tickte. Das Pendel schwang mit gleichmäßiger Monotonie hin und her. Dann erklang ein leises Surren, und die Uhr begann zu schlagen. Zehnmal ...

Milt erhob sich. Er holte seine Greener, stülpte sich den Stetson auf den Kopf und ging zur Tür. Er schloss sie auf, nickte Doug noch einmal zu, dann glitt er nach draußen.

Doug begab sich zum Fenster, schob den Vorhang etwas zur Seite und spähte hinaus. Die Schritte seines Vaters auf dem Stepwalk verklangen.

Der Marshal machte seine Abendrunde. Sein erster Besuch galt dem 'Bluebird Saloon'. Über ein Dutzend Männer der Stadt hatten sich hier eingefunden. Sie debattierten und gestikulierten. Der Town Mayor war auch da. Als Milt eintrat, verstummten die Gespräche. Er wurde angestarrt. Eine Welle kalter Ablehnung schlug ihm entgegen. Es berührte ihn fast körperlich. In seiner Brust schien sich etwas zu verkrampfen. Sein Blick schweifte über die Gesichter.

Sam Fitzpatrick erhob sich mit einem Ruck. Die Glätte in seinen Zügen zerbrach, als er zornig rief: "Was streunst du durch die Stadt, Lockwood? Warum verschwindest du nicht samt deinem Sohn? Ihr beide zieht uns nur das Unheil an den Hals. Benton wäre nie auf die Idee gekommen, nach Oakley zurückzukehren, wenn du nicht mehr in der Stadt wärst. Jetzt hat sich meine Tochter auch noch auf eure Seite geschlagen. Du bringst sie in Gefahr. Es wäre deine verdammte Pflicht gewesen, sie zu mir zurückzuschicken. Aber sicher war es für dich eine Genugtuung, als sie zu dir kam."

Beifälliges Gemurmel kam auf.

"Du redest Unsinn, Fitzpatrick", versetzte Lockwood eisig. Er wollte sich abwenden. Aber da rief eine grimmige Stimme: "Du erweist uns allen keinen Gefallen, Milt, wenn du hier den aufrechten und stahlharten Gesetzesmann spielst. Du bist drauf und dran, in der Stadt eine Stampede vom Zaun zu brechen. Wenn Dexter und Gardner hier zusammenprallen, bleibt kein Auge trocken. Lass Noel Gardner laufen. Sollen sie sich von uns aus draußen auf ihren Weidegründen die Köpfe gegenseitig einschlagen."

"Und dann, Mortimer?" Milt hatte sich dem Sprecher zugewandt. Es war ein gedrungener, grobschlächtiger Bursche um die 40.

"Morgen kommt die Expresskutsche von Topeka herüber, Lockwood. Nimm sie und fahre mit ihr, bis sie die Endstation irgendwo weit im Westen erreicht hat. Ich denke, die Stadt bezahlt dir und deinem Sohn sogar die Tickets. Wenn Benton ankommt, wollen wir dich jedenfalls nicht mehr hier haben. Verstehst du?"

"Sicher", murmelte Milt mit schmalen Lippen. "Aber ich werde deinen Rat nicht befolgen, Mortimer. Ich bleibe in Oakley. In dieser Stadt ist mein Platz. Hier ist mein Zuhause. Die Expresskutsche wird also ohne mich und Doug weiterfahren. Davonzulaufen entspricht nämlich nicht meinem Naturell."

Ray Mortimer kam um den Tisch herum. "Wir können dich zwingen, Lockwood. Ich kann dich in Stücke schlagen, und morgen setzen wir dich einfach in die Stagecoach. Yeah, Lockwood. Das ist eine gute Idee. Du siehst, ich bin unbewaffnet. Also leg deinen Schießprügel weg und nimm meine Herausforderung an."

Langsam glitt er auf den Marshal zu. Unbeeindruckt blickte Milt ihm entgegen. Als Mortimer bis auf drei Schritte heran war, warnte er: "Stopp, Mortimer. Du solltest nichts herausfordern. Ich werde mich nämlich nicht mit dir schlagen. Du ..."

Das Krachen eines Schusses stieß durch die Stadt.

Im selben Moment flog die Pendeltür hinter Milt auf. Zwei Reiter der Saline Creek Ranch sprangen in den Schankraum. Sie hielten die Colts in den Fäusten und hatten sie unmissverständlich auf Milt Lockwood angeschlagen, der zu ihnen herumgewirbelt war. Die Hähne waren bereits gespannt. Der Marshal duckte sich unwillkürlich unter dem Anprall der Erkenntnis, dass er von den beiden Kerlen hier festgenagelt werden sollte, während Dexter und der Rest seiner Mannschaft dabei waren, den tödlichen Schwur des Ranchers in die Tat umzusetzen. Jähe Sorge um Doug befiel ihn.

Einer der beiden Kerle stieß hervor: "Rühr dich nicht, Lockwood. Dexter hat angeordnet, dass wir dich über den Haufen knallen sollen, wenn du nicht spurst. Du kannst mir glauben, dass wir uns an seinen Befehl halten werden."

Ray Mortimer, dem der Marshal jetzt den Rücken zuwandte, stieß sich mit einem wilden Zischen auf den Lippen ab. Milt hörte das Zischen. Es warnte ihn. Er glitt zur Seite und schleuderte sich halb um seine Achse. Seine Hand mit der Shotgun zuckte herum. Der Lauf traf Mortimer quer über das Gesicht. Die Wucht des Schlages riss ihm die Beine vom Boden weg. Einen Lidschlag lang hing er waagrecht in der Luft. Sein Aufschrei erstickte im Ansatz, als er am Boden aufprallte.

Milt aber war nicht zu bremsen. Er warf sich sofort zur Seite und landete am Boden. Der Colt eines der Kerle bei der Tür dröhnte. Die Kugel zerhieb im Regal hinter dem Tresen eine Flasche. Milt hatte die Hähne der Greener zurückgerissen. Auf dem Rücken liegend feuerte er schräg nach oben. Ehe die beiden Kerle, die Brad Dexter geschickt hatte, sich auf das veränderte Ziel einzustellen vermochten, schleuderte die Ladung Sauposten einen von ihnen zur Pendeltür hinaus. Die zweite Ladung heftete den anderen Burschen regelrecht an die Wand. Das gehackte Blei hatte sein Gesicht in eine blutige Masse Fleisch verwandelt. Blut sickerte auch durch den Stoff seines Hemdes. Der Colt entfiel seiner Faust. Stocksteif kippte er vornüber. Der Länge nach krachte er auf die Dielen.

Ray Mortimer war halb in der Höhe. Sein Kinn war vorgeschoben. Blut rann aus seiner gebrochenen Nase. Sein stierer Blick suchte den Marshal. Blitzschnell kam Milt hoch. Seine Rechte schnappte den Colt aus dem Holster.

Wildes Geschrei wehte die Straße herunter. Es kam aus der Richtung des Office. Milt rannte zur Tür. Im nächsten Moment war er draußen. Er sprang über den reglosen Burschen hinweg, den die Schrotladung zur Tür hinausgetrieben und umgemäht hatte.

Im vagen Licht vor dem Office sah er eine Schar Leute. Er hörte Noel Gardners verzweifeltes Angstgeschrei. Milt holsterte den Colt. Er knickte die Läufe der Greener ab, zog die leergeschossenen Kartuschen heraus und ersetzte sie durch scharfe, die er in der Westentasche mit sich trug. Entschlossen klappte er die Shotgun wieder zu. Milt Lockwood spurtete los. Heißer Zorn und die Sorge um Doug peitschten ihn voran ...


*


Brad Dexter und seine Männer hatten sich in die Stadt geschlichen wie ein Rudel Wölfe. In den Schlagschatten zwischen den Gebäuden und der Gassen lauerten sie. Milt Lockwood verließ um zehn Uhr das Office, um die erste Runde zu gehen. Der Vorhang vor dem Fenster wurde etwas zur Seite geschoben. Das Gesicht Dougs war hinter der Scheibe zu sehen.

Alles war abgesprochen, jeder der Kerle wusste, welche Rolle er zu übernehmen hatte.

Der Marshal verschwand im 'Bluebird Saloon'.

Brad Dexter heiseres Organ zischte einen Befehl. Es war der Auftakt zu der blutigen Tragödie, die sich innerhalb der nächsten Viertelstunde abspielte.

Zwei Männer rannten am Rand der Fahrbahn in Richtung Saloon.

Brad Dexter und der Rest seiner Leute traten in Aktion. Zwei liefen in den Hof des Office. Die anderen pirschten an den Vordereingang heran. Sie bewegten sich leise wie Indianer auf dem Kriegspfad. Die Sporen hatten sie abgeschnallt und in den Satteltaschen verstaut.

Ein grobschlächtiger Bursche warf sich mit seinem gesamten Körpergewicht gegen die Tür. Das Schloss wurde regelrecht herausgesprengt. Krachend flog die Tür auf. Doug, der sich hinter den Schreibtisch gesetzt hatte, ruckte wie von einer Tarantel gebissen in die Höhe. Seine Hand schnappte den Colt heraus. Aber da war Brad Dexter schon bei ihm und knallte ihm die Handkante auf den Unterarm. Der Schuss löste sich, die Kugel hieb aber lediglich in die Fußbodendielen. Dann traf Doug ein Revolverknauf gegen den Hinterkopf. Er fiel über den Schreibtisch. Verzweifelt versuchte er sich noch einmal aufzurichten, aber da wurden ihm schon brutal die Arme auf den Rücken gedreht. Der Colt wurde ihm entwunden. Vor seinen Augen verschwamm alles. Benommenheit hatte sich in sein Gehirn gesenkt. Die Betäubung lähmte ihn.

Dexter und drei seiner Begleiter stürmten in den Zellentrakt. Licht aus dem Office strömte durch die Tür und warf die Schatten der Gitterwände in die Zellen. Noel Gardner wich bis zur Wand mit dem kleinen Fenster zurück. Aus seinen Augen brüllten Angst und Verzweiflung, als er Brad Dexter erkannte. Abwehrend hob er die Hände. Das Grauen versiegelte seine Lippen.

Schüssel rasselten. Die Tür schwang mit leisem Quietschen auf. Während Dexter im Gang vor der Zelle stehen blieb, näherten sich seine Männer Noel Gardner. Er zitterte an Leib und Seele und duckte sich wie ein in die Enge gedrängtes Raubtier.

"Jetzt geht's an Sterben, Gardner!", hieb Dexters mitleidlose Stimme in sein Denken. "Die Hölle der Gehenkten wartet auf dich."

"Nein!", keuchte Noel Gardner. "Neiiin!" Er warf sich den drei Weidereitern entgegen. Seine Fäuste wirbelten. Es war der Mut der Verzweiflung, der ihn trieb. Aber seine Chancen waren die eines Tautropfens in der heißen Sonne.

Er wurde überwältigt. Einer zog eine dünne Lederschnur aus der Tasche. Im Nu waren seine Hände auf den Rücken gefesselt. Sie stellten ihn auf die Beine. Noel wand sich in den harten Griffen, die ihn an den Oberarmen gepackt hielten. Er stemmte sich dagegen, aus der Zelle geschoben zu werden. Aber es war vergebens.

Sie bugsierten und zerrten ihn ins Office. Doug Lockwood saß jetzt auf dem Stuhl. Einer hatte in einem Schub des Gewehrschranks ein paar Handschellen gefunden, mit denen Dougs Hände hinter der Stuhllehne gefesselt waren. Ohnmächtige Hilflosigkeit ließen den Deputymarshal mit den Zähnen knirschen.

"Du begehst einen Mord, Dexter", presste er hervor. "Bist du dir dessen bewusst? Die Zeit des Faustrechts ist ..."

Er bekam einen brutalen Schlag auf den Mund. Blut rann über sein Kinn. Ein Ächzen kämpfte sich aus Doug' Kehle.

"Gehen wir!", kommandierte Dexter.

Sie schoben Noel Gardner nach draußen.

Im Saloon donnerte es. Eine Gestalt wurde regelrecht ins Freie gepustet und krachte auf den Vorbau. Wild schwangen die Türpendel. Es donnerte erneut.

Die beiden Kerle, die die Hintertür gesichert hatten, kamen aus der Gasse gerannt. Noel Gardner wurde über die Straße geschleift. Wildes Geschrei erhob sich. Es gab für ihn keine Gnade und kein Erbarmen – es gab nur leidenschaftlichen Hass, Vergeltungssucht und blindwütigen Vernichtungswillen.

Die Todesangst ließ Noel Gardner nur noch röcheln. Er hatte es aufgegeben, gegen diesen Strom aus Brutalität und Unerbittlichkeit anzuschwimmen. Einen Gedanken zu fassen war er nicht mehr imstande.

Aber jetzt sprang Milt Lockwood auf den Vorbau des Saloons. Er kam im Laufschritt auf den Pulk zu. Einer brüllte etwas. Die Colts flirrten aus den Holstern. Ellenlange Mündungsflammen stießen aus den Mündungen.

Der Marshal hechtete in den Schmutz. Die Geschosse strichen dicht über ihn hinweg. Dexter und einige der Kerle spritzten auseinander und hetzten in Deckung. Sie verschwanden hinter Wasserfässern, Tränketrögen und unter den Vorbauten. Zwei zerrten Noel Gardner auf eine stockfinstere Gasse zu, an deren Ende sich der Mietstall mit dem hohen Galgentor befand.

Milt Lockwood pflasterte eine Ladung Schrot unter den Vorbau, unter dem er einen der Kerle verschwinden sah, dann schnellte er auf die Beine und hastete, hakenschlagend wie ein Hase, zum Office. Colts krachten. Die Detonationen vermischten sich zu einem einzigen, lauten Knall, der die Nacht erfüllte wie ein höllischer Choral. Der Marshal spürte den sengenden Hauch eines Geschosses an seiner Wange, ein anderes streifte ihn am Bein.

Von weiter oben auf der Main Street begann eine Winchester zu peitschen.

Die Kerle, die den Marshal unter Beschuss nahmen, wandten sich irritiert dem neuen Gegner zu.

Im vollen Lauf zog Milt durch. Er hielt auf eines der Mündungsfeuer, das durch die Dunkelheit leckte. Ein gellender Aufschrei erklang. Milt zauberte den Colt aus dem Holster ...

Dann stürmte Milt Lockwood in das Office.

Einer der Kerle, die Noel Gardner auf die Gassenmündung zudrängten, brach mit dem trockenen Knall des Gewehres zusammen. Der andere der beiden Saline Creek-Reiter ließ Gardner los und brachte sich in Sicherheit. Wie eine wütende Hundemeute bellten die Colts der Weidereiter. Aber von dem Schützen mit dem Gewehr war nichts zu sehen.

Milt fiel ein Stein vom Herzen, als er – abgesehen von der aufgeschlagenen Lippe – Doug unversehrt sah. Mit fliegenden Fingern sperrte er die Handschellen auf. Doug, der sich von dem Schlag mit dem Revolverkolben wieder erholt hatte, bückte sich nach seinem Colt, der am Boden lag.

Milt holte sich eine Winchester, repetierte, postierte sich bei der Tür und spähte nach draußen.

Doug war mit zwei Schritten beim Fenster, schob es in die Höhe und beobachtete die Straße. Wie hineingeschmiedet lag der Sechsschüsser in seiner Faust.

Immer wieder peitschte die Winchester weiter oben auf der Main Street.

Noel Gardner lag am Rand der Fahrbahn und wimmerte. Hier und dort antwortete ein Colt auf das Krachen des Gewehres. Die Mündungslichter rissen die Schützen für Sekundenbruchteile aus der Finsternis. Milt feuerte auf einen der verglühenden Blitze. Dann brüllte Brad Dexter: "Wir verschwinden! Aber wir kommen wieder!"

Einige Schemen verschmolzen mit der Dunkelheit. Die Waffen schwiegen. Nur das Trampeln ihrer Schritte war noch für kurze Zeit zu hören, dann trat Ruhe ein.

Milt Lockwood verließ nach einer Weile vorsichtig das Office. Doug blieb am Fenster und sicherte hellwach nach draußen. Aus dem 'Bluebird Saloon' drängten die Gäste, an ihrer Spitze der Town Mayor.

Der Marshal überquerte die Straße. Noel Gardner lag auf dem Bauch. Er schien noch nicht begriffen zu haben, dass die Gefahr fürs erste gebannt war. Er winselte jämmerlich. Milt packte ihn am Westenkragen und zerrte ihn auf die Beine.

"Dein Mut scheint sich darin zu erschöpfen, andere auf heimtückische Art vom Leben zum Tod zu befördern, Gardner", stieß der Marshal kalt und ungnädig hervor. "Nun, wenn dich ein ordentliches Gericht verurteilt hat, tragen wir dich notfalls zum Galgen."

Er stieß den willenlosen, jeglichen Gedankens beraubten Mörder vor sich her zum Office und schaute immer wieder in die Richtung, aus der jemand mit einer Winchester in den Kampf eingegriffen hatte.

Und jetzt löste sich die Gestalt des Schützen aus dem Schatten einer Passage. Milt traute seinen Augen nicht. Es war Susan Fitzpatrick. Sie hielt das Gewehr mit beiden Händen fest. Susan hatte die Waffe aus dem privaten Waffenschrank des Marshals in dessen Wohnstube genommen.

Ein seltsames Gefühl der Wärme beschlich Milt. Susan hatte sich couragierter als die gesamte männliche Einwohnerschaft von Oakley erwiesen.

Vom Saloon her trieb verworrenes Stimmengemurmel.

Susan näherte sich schnell. Milt dirigierte den völlig aufgelösten Noel Gardner ins Office. Doug nahm den Mörder in Empfang. Dann glitt Susan in den Raum.

"Susan", murmelte Milt und zog sie von der zerstörten Tür weg, "was für ein Teufel hat dich geritten, als du mit dem Gewehr auf die Straße gegangen bist und in den Kampf eingegriffen hast?"

Sie zuckte mit den Achseln. "Als es zu krachen anfing, holte ich mir das Gewehr aus dem Schrank. Ich hatte ja keine Ahnung, was sich zutrug. Es trieb mich auf die Straße. Dann sah ich die Saline Creek-Mannschaft, ich sah dich, aber ich sah nichts von Doug. Es überkam mich einfach."

"Du hast die Schufte mit deinen Schüssen abgelenkt und mir wahrscheinlich das Leben gerettet, Mädchen", murmelte Milt. Und in Gedanken fügte er hinzu: Die Männer dieser Stadt sollten sich schämen. Ein Girl von 21 Jahren lebt ihnen Mut, Entschlossenheit und Courage vor, sie aber ducken sich und ziehen die Schwänze ein wie getretene Straßenköter. Dennoch konnte er es nicht gut heißen, dass sie sich in Gefahr begeben hatte. Er sagte: "Das machst du aber nie wieder, Susan. Dexter ist nichts mehr heilig in seiner Rachsucht. Ich will nicht, dass dir etwas zustößt. Hörst du? Nie wieder. Klar?"

Doug kam aus dem Zellentrakt. "Gardner ist wieder auf Nummer sicher." Er trat vor Susan hin und legte ihr eine Hand auf die Schulter. "Von dir kann sich so mancher in dieser lausigen Stadt eine Scheibe abschneiden, Darling", murmelte er anerkennend.

Auf der Straße erhob sich unheilvolles Gebrodel, als sich die Männer aus dem Saloon und eine Reihe Neugieriger, die nach der Schießerei ihre Behausungen verlassen hatten, vor dem Marshal's Office einfanden.

"Bleibt im Büro", gab Milt zu verstehen. Er trat auf den Vorbau und rief: "Geht nach Hause, Leute. Brad Dexter war drauf und dran, Noel Gardner aufzuhängen. Die Gefahr ist gebannt. Die Saline Creek-Leute sind geflohen."

"Es hat Tote gegeben, Lockwood!", brüllte der Town Mayor. "Außerdem habe ich Susan mit einem Gewehr gesehen. Hast du denn kein Verantwortungsgefühl? Spannst du jetzt schon halbe Kinder vor deinen Karren?"

"Ja", versetzte Milt, "es hat Tote gegeben. Aber jeder von ihnen hat es sich selbst zuzuschreiben. Und was deine Tochter anbetrifft, Fitzpatrick, so hat sie jeden Mann in dieser Stadt beschämt. Unabhängig davon habe ich sie nicht vor meinen Karren gespannt. Sie hat nämlich von sich aus in den Kampf eingegriffen."

"Dir haben wir es zu verdanken, Lockwood, wenn Brad Dexter seine gesamte Mannschaft in die Sättel jagt und die Stadt niederreißt!", brüllte jemand im Hintergrund.

"Wenn ihr das befürchtet, weshalb nehmt ihr dann nicht eure Waffen in die Hände und verteidigt die Town?", kam es laut und sarkastisch von Milt Lockwood.

Sie zogen die Köpfe ein. Eisiges Schweigen war die Resonanz. Die ersten verließen die Ansammlung und schlichen nach Hause. Nach und nach löste sich die Rotte auf. Zuletzt standen nur noch der Town Mayor und eine Hand voll Männer auf der Straße.

"Ich will meine Tochter sprechen", forderte Sam Fitzpatrick.

"Susan!", rief der Marshal. "Komm auf den Vorbau."

Sie trat neben Milt. Doug folgte ihr. "Was willst du, Vater?", erklang ihr glasklares Organ.

"Komm nach Hause, Susan", bat er. "Es tut mir leid, dass ich dich geschlagen habe. Es war die Sorge ..."

Sie fiel ihm in die Rede. "Es tut dir nicht wirklich leid. Es ist nur dein verletzter Stolz, der dich so sprechen lässt. Du kannst es nicht verkraften, dass ich mich dir widersetze, dass ich mir nicht deinen Willen aufzwingen lasse. Das ist der Grund. Sonst nichts."

"Bitte, Susan." Seine Stimme klang flehend.

"Nein", stieß Susan hart und entschieden hervor. Etwas Endgültiges lag im Tonfall ihrer Stimme. "Ich bleibe bei Doug, und wenn es sein muss, bis zum bitteren Ende. O mein Gott, Vater, wieso seid ihr alle so feige? Ihr wärt sogar bereit, einen Mörder laufen zu lassen, nur um eure Beschaulichkeit zu bewahren. Ihr lasst eure Gesetzeshüter schmählich im Stich. Ihr unterwerft euch der Gewalt und bedankt euch wahrscheinlich noch, wenn man euch in den Hintern tritt. Habt ihr denn alle keine Ehre im Leib?"

Sie machte mit dem letzten Wort kehrt und ging ins Office zurück. Auch Milt und sein Sohn wandten sich ab. "Sie sind imstande und verbünden sich noch mit Dexter", knurrte Doug angewidert.

Sie verschwanden im Office. Milt drückte die kaputte Tür zu und lehnte sich dagegen.

Schweigen herrschte zwischen den drei Menschen. Schwer trug jeder an seinen trüben Gedanken ...


*


Drei Tage verstrichen. Die Expresskutsche donnerte in die Stadt. Beim Depot der Wells & Fargo Company kam das Gespann zum Stehen. Vier Fahrgäste, drei Männer und eine Frau, stiegen aus. Sechs frische Pferde wurden schon aus der Koppel geführt. Der Kutscher brüllte: "15 Minuten Aufenthalt. Es geht pünktlich weiter. Wer nicht rechtzeitig in der Kutsche sitzt, muss den Weg zu Fuß fortsetzen!"

Er sprang vom Bock. Der bewaffnete Begleitmann ebenfalls. Mit ungelenken Schritten, als hätte er lange Zeit auf einem schwankenden Boot verbracht, eilte der Kutscher zum Marshal's Office. Er traf Milt Lockwood an.

"Hi, Milt", brummte der Wells Fargo-Mann, "Amos Benton ist draußen. Er hat in einem Bordell in Topeka einen Mann erschossen. Der Sheriff musste ihn laufen lassen. Notwehr ... Am folgenden Tag überholte ich ihn und sein Rudel. Sie ritten auf der Straße nach Westen. Es sind insgesamt fünf Kerle."

Milt nickte. "Dann werden sie ja in spätestens drei Tagen hier antreten. Fünf Mann, sagst du?"

"Yeah. Fünf heiße Eisen, hab ich mir in Topeka sagen lassen. Wirst du hier auf sie warten, Milt?"

"Wo sonst, Curly? Benton ist derart von seiner Rache besessen, dass es wohl keinen Ort auf der Welt gibt, an dem er mich nicht eines Tages aufstöbern würde. Nein, Curly, ich fliehe nicht. Lieber ein Ende mit Schrecken als ein Schrecken ohne Ende."

"Du bist nicht mehr der Jüngste, Milt", verlieh der Kutscher seiner Skepsis Ausdruck. "Ich seh's an mir. Man lässt mit jedem Jahr mehr nach. Benton ist unberechenbar und gefährlich. Ich weiß nicht, ob es gut für dich ist, auf ihn zu warten."

Milt lachte auf. "Bei mir gleicht die Alterserscheinungen Doug aus." Es war eine Art Galgenhumor, die der Marshal an den Tag legte. Ernst fügte er hinzu: "Doug ist besser, als ich es je war."

"Das glaube ich dir nicht, Milt. Einen besseren Mann als dich wird es nie geben." Der Postkutschenfahrer warf einen Blick auf den Regulator. "Ich muss mich beeilen, Milt. In ein paar Minuten geht's weiter. Und mir trocknet der Hals aus."

"Danke für die Warnung, Curly", sagte Milt.

Curly hetzte davon.

Als Minuten später die Kutsche am Marshal's Office vorbeidonnerte, stand Milt Lockwood auf dem Vorbau. Er winkte Curly und dem Begleitmann zu. Sein Gruß wurde erwidert. Dann raste die Concord aus Oakley hinaus. Sekundenlang wünschte Lockwood sich, in ihr zu sitzen ...

Er schwenkte seinen Blick die Straße hinauf und hinunter. Es war Mittagszeit. Die Furcht vor dem, was die nächsten Tage brachten, schien das Leben in der Stadt regelrecht abgewürgt zu haben. Es hatte in den vergangenen beiden Tagen nicht mehr geregnet. Der Himmel war blau, das Sonnenlicht lag auf der Main Street und den Dächern. Die Straße war abgetrocknet. Staub, den die Stagecoach aufgewirbelt hatte, hing in der Luft. Hier und dort lag ein Hund im Schatten.

Doug war bei Susan. Milt fühlte sich müde. Er fand in den Nächten keinen richtigen Schlaf mehr. Die Ereignisse der vergangenen Tage und die Ungewissheit über die Zukunft gingen auch ihm an die Nieren.

Warum kommt Doug nicht?, durchrieselte es ihn. Er starrte in die Richtung, aus der sein Sohn erscheinen musste.

Von links ertönten schlurfende Schritte. Langsam drehte der Marshal den Kopf. Shorty näherte sich. Er sah aus, als hätte man mit ihm den Fußboden aufgewischt. Die großporige Säufernase leuchtete rot aus dem weißen Bartgestrüpp. Die kleinen, wässrigen Augen waren auf Milt gerichtet. Die Kleidung, die Shorty trug, war abgerissen und zerschlissen. Der Rücken des Oldtimers war gekrümmt. Er stieg auf unsicheren Beinen die vier Stufen zum Vorbau hinauf. Shorty war gut einen Kopf kleiner als der Marshal.

"Milt", krächzte der Oldtimer und blinzelte wie eine Eule, "ich hatte in den vergangenen Tagen einige lichte Momente und hab mitgekriegt, was sich in dieser Town abspielt. Die Spatzen pfeifen es mittlerweile von den Dächern. Man will dich loswerden. Der feine Mister Fitzpatrick wünscht dich in die Hölle. Er bereitet irgendetwas vor. Und eine Reihe von Leuten stoßen in sein Horn."

"Weißt du was Näheres, Shorty? Was wollen sie unternehmen? Denk nach. Was hast du noch aufgeschnappt?"

"Genau weiß ich es nicht. Aber ich glaube, sie wollen Noel Gardner aus dem Gefängnis holen und ihn aus der Stadt jagen. Auf diese Weise denken sie, sowohl Brad Dexter wie auch Lance Gardner von der Town fernzuhalten."

"Das ist doch nicht alles, Shorty."

Der Oldtimer zögerte. Er befeuchtete sich mit der Zungenspitze die Lippen. Dann entrang es sich ihm: "Ich will es nicht mit Bestimmtheit behaupten, Milt, aber als ich heute Vormittag den Bluebird ausfegte, waren Fitzpatrick und einige andere Kerle dort, um Kriegsrat zu halten. Sie flüsterten, und ich konnte das meiste, was sie sprachen, nicht verstehen. Es wäre ihnen sicherlich auch aufgefallen, wenn ich ..."

"Hölle, Shorty, spuck es endlich aus", stoppte Milt seinen Redeschwall. "Was konntest du aufschnappen?"

"Ich glaube, sie wollen dich und Doug überwältigen und euch – sozusagen als Friedensangebot der Stadt – an Amos Benton ausliefern, wenn er kommt."

Der Marshal prallte regelrecht zurück. Sekundenlang schien sein Verstand zu blockieren. Seine Miene veränderte sich. Sein Gesicht mutete plötzlich an wie aus Eisenholz geschnitzt. Sein Gesichtsausdruck war ein Spiegelbild seiner Empfindungen. Bitterkeit, Zorn und Enttäuschung vermischten sich in ihm. Er befand sich in einer fürchterlichen Gemütsverfassung.

Einen Augenblick spielte er mit dem Gedanken, sich den Stern von der Weste zu reißen und ihn auf die Straße zu schleudern, sein und Dougs Pferd zu satteln und mit seinem Sohn der Stadt den Rücken zu kehren.

Dem eisigen Wind seiner Gedanken ausgesetzt vernahm er Shortys Stimme wie aus weiter Ferne. Shorty näselte: "Oakley hat sich zu einer Rattenburg entwickelt, Milt. Fitzpatrick ist die Oberratte. Keiner der Duckmäuser hier ist es wert, dass du dein Leben für ihn riskierst. Aber ich kenne dich lange genug, um zu wissen, dass du trotzdem dein Leben und das deines Sohnes in die Waagschale werfen wirst. Du warst eigentlich der einzige in all den Jahren, der gut zu mir war. Du hast mich öfter als einmal in dein Jail geschleppt, wenn ich sturzbesoffen irgendwo am Straßenrand lag, damit ich meinen Rausch ausschlafen konnte. Milt, ich will dir und Doug helfen. Als mir Hastings heute einen Doppelten einschenkte, weil ich den Saloon fegte, hab ich abgelehnt. Ich bin nüchtern, Milt. Gib mir ein Gewehr. Ich will an eurer Seite kämpfen, wenn es zum Treffen kommt."

Milt, der seine Betroffenheit, seine Fassungslosigkeit überwunden hatte, fixierte den alten Trinker verblüfft. "Du hast einen doppelten Brandy abgelehnt, Shorty?", entrang es sich ihm ungläubig.

Der Oldtimer nickte. "So wahr ich hier stehe. Ich habe ihn ausgeschlagen. Und ich hab mir geschworen, keinen Tropfen anzurühren, solange du mich brauchst."

Lockwood kratzte sich hinter dem Ohr. "Du weißt, was auf uns zukommt, Shorty", murmelte er. "Und dennoch machst du mir dieses Angebot?"

"Gerade weil ich es weiß, Milt", versetzte der Alte ernsthaft.

"Okay, Shorty. Ich werde dir das nie vergessen. Sieht aus, als gäbe es zwei Menschen in dieser Stadt, die noch über einen gewissen Ehrenkodex verfügen. Den Rest kannst du in der Pfeife rauchen."

"Wer ist der zweite?", fragte Shorty mit schiefgelegtem Kopf.

"Susan Fitzpatrick. – Komm mit ins Office, Shorty. Doug wollte gleich wieder hier sein. Aber er taucht nicht auf. Setz dich hinter den Schreibtisch und nimm meine Greener. Lass keinen ins Büro. Keinen – wer auch immer hinein will."

Drin angelte Lockwood die abgesägte Greener aus dem Schrank und reichte sie Shorty. Der Oldtimer nahm sie und knickte fachmännisch die Läufe ab. Die Messingböden der beiden Schrotpatronen schimmerten matt. Shorty kicherte. "Gebe Gott, dass ich Gelegenheit kriege, dem einen oder anderen Gentlemen dieser lausigen Town damit den Hintern zu spicken."

Der Marshal nahm die Winchester und verließ das Office. Seine Miene hatte sich verschlossen. Er begrub seine Gefühle tief in seinem Innern. Sein Ziel war das Haus, das er und Doug bewohnten. Es war ein unbestimmtes Gefühl, das ihn trieb. Er wusste es nicht zu deuten. Es war einfach da.

Als er das Haus betrat, verstärkte sich dieses düstere Empfinden. Es war ruhig – viel zu ruhig. Er rief Dougs Namen, dann den Susans. Er erhielt keine Antwort. Milt riss die Türen auf. Dann stürmte er die Treppe hinauf. In dem Zimmer, das er Susan zur Verfügung gestellt hatte, fand er das Mädchen. Es war verschnürt wie ein Paket und geknebelt. Aus großen Augen, in denen sich ihm ein Abgrund des Entsetzens öffnete, schaute sie ihn an. Unartikulierte Töne drangen durch den Knebel.

Der Marshal löste den Knebel und dann die Fesseln. Über Susans Lippen sprudelte es: "Es waren Lance Gardner und seine Leute ..."

Wie aus weiter Ferne vernahm Milt Lockwood ihre Stimme. Nur nach und nach verarbeitete sein Verstand, was sie berichtete.

Nur selten zuvor hatte er sich in einer ähnlichen schrecklichen Stimmung befunden wie in diesen Augenblicken ...


*


Doug hatte das Haus betreten. Das ständige Herumhocken im Office zerrte an seinen Nerven. Die Langeweile brachte ihn um. Außerdem sagte er sich, dass Susan, die sich mutterseelenallein in dem Haus aufhielt, langsam die Decke auf den Kopf fallen musste, nachdem er sich wegen der brisanten Situation kaum um sie kümmern konnte.

Doug wollte keinen Sex. Er wollte Susan nur in die Arme nehmen, sie küssen, ihr Mut machen und dann pflichtgemäß zum Marshal's Office zurückzukehren.

Doug war nichtsahnend und arglos. Susan war in keinem der unteren Räume. Die Treppe hinauf zu ihrem Zimmer knarrte unter seinem Gewicht. Es gab unter dem Dach zwei Kammern. In der rechten hatten sie Susan einquartiert. Doug klopfte gegen die Türfüllung und drehte den Knopf. Die Tür schwang auf.

Susan lag auf dem Bett. Sie war gefesselt und geknebelt. Doug war wie elektrisiert. Ehe er richtig begriff, erklang hinter seinem Rücken eine eisige Stimme: "Wenn du jetzt auch nur falsch mit der Wimper zuckst, Lockwood, fährst du in die Hölle."

Doug fuhr herum. Unter der Tür zur anderen Kammer stand einer von Lance Gardners Männern. Sein Colt war auf Doug gerichtet.

Verdeckt von der aufschwingenden Tür zu Susans Zimmer hatte Lance Gardner gelauert. Jetzt trat er hinter Doug und drückte ihm die Revolvermündung gegen die Wirbelsäule. Gleichzeitig zog er den Colt aus Dougs Holster.

"Damit hast du nicht gerechnet, Lockwood, wie?", feixte der verkommene Rancher. "Nun, sicher habt ihr – du und dein Vater –, den alten Lance Gardner unterschätzt. Okay, Doug. Jetzt hat der Marshal meinen Sohn, ich aber habe den seinen. Mal sehen, was ihm wichtiger ist. Du oder der Buchstabe des Gesetzes."

"Damit kommst du nicht durch", kam es kehlig von Doug. "Selbst wenn mein Vater Noel freilässt. Er wird als Geächteter keine ruhige Minute mehr finden. Er wird vogelfrei sein. Jeder, der ihn erkennt, darf ihn erschießen. Denn auf seinem Steckbrief wird tot oder lebendig stehen."

"Du redest zuviel, Doug", giftete Gardner. "Vorwärts, wir gehen jetzt. Auf dich werden unsere Colts gerichtet sein. Also versuch nicht, die Fliege zu machen. Denn dann schluckst du heißes Blei. Wie ein Selbstmörder aber siehst du nicht aus."

"Was habt ihr mit Susan gemacht?", entfuhr es Doug.

Details

Seiten
360
Jahr
2021
ISBN (eBook)
9783738950052
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2021 (Februar)
Schlagworte
heiße eisen geier western großband

Autor

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Titel: Heiße Eisen, eiskalte Geier: Western Großband 2/2021