Lade Inhalt...

Schwester Anjas letzter Wunsch

©2021 96 Seiten

Zusammenfassung


Seit Anja in der Seeberg-Klinik den jungen Arzt Dr. Sommer kennengelernt hatte, glaubte sie wieder an ein gütiges Schicksal. Die Liebe ließ sie all den Kummer vergessen, den sie als Kind erlitten hatte. Jetzt gab es einen Menschen, der zu ihr hielt, dem sie glauben und vertrauen konnte.
Doch dann kam der Tag, an dem Dr. Sommer Anja in ein Konzert einlud - und als sie die weltberühmte Pianistin sah, wurde für Schwester Anja die bittere Vergangenheit wieder lebendig. Die Künstlerin, die alle verehrten, war ihre Schwester Claudia, die Frau, die ihr einst alles Glück zerstört hatte ...

Leseprobe

Table of Contents

Schwester Anjas letzter Wunsch

Copyright

1

2

3

4

5

6

7

8

9

10

11

12

13

14

15

16

17

18

19

20

21

22

23

24

25

26

27

28

29

30

31

32

33

34

35

36

Schwester Anjas letzter Wunsch

Arztroman von A. F. Morland

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 96 Taschenbuchseiten.

 

Seit Anja in der Seeberg-Klinik den jungen Arzt Dr. Sommer kennengelernt hatte, glaubte sie wieder an ein gütiges Schicksal. Die Liebe ließ sie all den Kummer vergessen, den sie als Kind erlitten hatte. Jetzt gab es einen Menschen, der zu ihr hielt, dem sie glauben und vertrauen konnte.

Doch dann kam der Tag, an dem Dr. Sommer Anja in ein Konzert einlud - und als sie die weltberühmte Pianistin sah, wurde für Schwester Anja die bittere Vergangenheit wieder lebendig. Die Künstlerin, die alle verehrten, war ihre Schwester Claudia, die Frau, die ihr einst alles Glück zerstört hatte ...

 

 

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

Alfred Bekker

© Roman by Author

© COVER STEVE MAYER

© dieser Ausgabe 2021 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

Folge auf Twitter

https://twitter.com/BekkerAlfred

 

Zum Blog des Verlags geht es hier

https://cassiopeia.press

Alles rund um Belletristik!

Sei informiert über Neuerscheinungen und Hintergründe!

 

 

1

Dr. Sven Kayser hatte Wochenendbereitschaft. Er hoffte, dass die Patienten ihn nicht allzu sehr strapazieren würden und er in Ruhe all die medizinischen Informationsschriften und Fachblätter aufarbeiten konnte, die sich in der jüngsten Vergangenheit angesammelt hatten.

Kurz nach dem Frühstück läutete das Telefon.

„Dr. Kayser“, meldete sich der Grünwalder Arzt.

„Ich habe entsetzliche Schmerzen, Herr Doktor“, jammerte ein Mann am anderen Ende der Leitung.

„Wer spricht, bitte?“

„Papke. Johannes Papke “, antwortete der Anrufer, ein langjähriger Patient, gepresst.

„Welcher Art sind die Schmerzen, Herr Papke?“

„Sie lassen sich schwer beschreiben.“

„Sind Sie gestürzt?“, erkundigte sich Dr. Kayser.

„Nein.“

„In welchem Bereich sitzt der Schmerz?“, wollte Sven Kayser wissen. „In der Brust?“

„Nein, nicht in der Brust. Eher im Bauch, und er zieht sich bis in den Unterleib und in die Beine hinunter. “

„Ich bin in wenigen Minuten bei Ihnen, Herr Papke“, versprach Sven Kayser und legte auf.

Als er kurz darauf bei Johannes Papke läutete, öffnete der Patient nicht. Sven läutete noch einmal. Er klopfte laut und rief: „Herr Papke! Ich bin es Dr. Kayser! Herr Papke! Hören Sie mich?“ Der Mann antwortete nicht. „Herr Papke, machen Sie bitte die Tür auf!“

Drinnen fiel etwas zu Boden. Dann hörte Dr. Kayser schlurfende Schritte. Jemand röchelte.

Sven Kayser klopfte abermals.

„Herr Papke! “

Das Türschloss klackte. Die Vorlegekette rasselte. Augenblicke später schwang die Tür zur Seite, und der Arzt sah sich dem Patienten gegenüber. Johannes Papke stand gekrümmt vor ihm. Sein Gesicht war blass und schmerzverzerrt. Schweißperlen glänzten auf der Stirn des Einunddreißigjährigen. Er wirkte stark benommen.

„Ich habe soeben gebrochen ...“, stöhnte Papke. „Oh ... diese Schmerzen, Herr Doktor ... Sie sind kaum auszuhalten!“

Sven Kayser griff ihm stützend unter die Arme und führte ihn ins Wohnzimmer, wo der Mann sich ächzend auf ein Sofa niederließ.

„Ich kann nicht stehen, nicht sitzen, nicht liegen“, klagte er. „Bitte helfen Sie mir, Herr Doktor.“

Sven untersuchte den jungen Mann. Der Schmerz strahlte aus der Rücken und Lendengegend nach vorn auf den Unterleib, in die Blasengegend, bis in die Geschlechtsteile und die Oberschenkel aus.

Papkes Benommenheit, zeitweiliger Schüttelfrost und der Umstand, dass er sich übergeben hätte, ließen auf eine Nierenkolik schließen. Dr. Kayser verabreichte dem Patienten eine schmerzlindernde Injektion und wartete, bis er sich etwas erholte. Sobald die Kolik abgeklungen war, sagte der Grünwalder Arzt: „Sie sollten sich gleich morgen in die Seeberg-Klinik begeben, Herr Papke.“

„Was war das für ein entsetzlicher Anfall, Herr Doktor?“, fragte Johannes Papke mit besorgter Miene.

„Eine Nierenkolik.“

Der Mann wiegte den Kopf und seufzte: „Diese Schmerzen wünsche ich nicht einmal meinem schlimmsten Feind.“

„Scheint so, als hätten Sie einen Nierenstein. Genaueres werden die morgigen Untersuchungen ergeben.“

Papke sah den Arzt beunruhigt an.

„Einen Nierenstein? Heißt das, ich muss operiert werden?“

„Wenn Sie Glück haben, bleibt Ihnen eine Operation erspart“, antwortete Sven Kayser.

„Aber der Stein muss doch irgendwie entfernt werden“, sagte Papke. „Schiebt man mir vielleicht eine Sonde mit einem Greifer oder einer Drahtschlinge ... “ Er wischte sich mit einer fahrigen Handbewegung über die Augen. „Ich darf gar nicht daran denken, sonst überkommt mich die totale Panik. Die Medizin hat im Laufe der Zeit ja die grauenvollsten Folterinstrumente erfunden und auf die raffinierteste Weise verfeinert. “

„Man wird versuchen, Ihren Stein zu zertrümmern“, erklärte Dr. Kayser.

Papke erschrak schon wieder.

„Zertrümmern? O Gott. Womit denn? Mit einem Hammer vielleicht?“

„Mit Ultraschall“, erklärte der Arzt mit einem kleinen Lächeln.

„Tut das weh?“

„Sie werden nicht sehr viel spüren“, versicherte Dr. Kayser dem Patienten. „Diese Methode ist relativ schmerzfrei. Sobald der Stein zertrümmert ist, wird er auf natürlichem Wege ausgeschwemmt, und Sie sind ihn für immer los.“

„Wie lange muss ich in der Seeberg-Klinik bleiben?“, fragte Papke.

„Diese Nierenstein-Zertrümmerungen werden ambulant vorgenommen. Sie sind in ein paar Stunden wieder zu Hause.“

„Ich wollte, ich hätte es schon hinter mir“, ächzte Johannes Papke.

Sven Kayser schenkte ihm ein aufmunterndes Lächeln.

„Morgen Abend haben Sie es bereits hinter sich.“

„Wie kommt man zu diesen verflixten Steinen, Herr Doktor?“, wollte Papke wissen.

„Kleine Eiweißkörper umgeben sich mit verschiedenen Mineralien und wachsen im Bereich der ableitenden Harnwege zum Stein heran“, gab Dr. Kayser Auskunft.

„Dass es so etwas geben muss ...“

„Nichts auf der Welt ist perfekt, Herr Papke.“

Der Patient senkte den Blick und machte ein Gesicht, als fühlte er sich von Dr. Kaysers Bemerkung persönlich betroffen, und er hatte auch allen Grund dazu, denn es lag noch nicht sehr lange zurück, da hatte Johannes Papke aus eigener Schuld hart am gesundheitlichen Abgrund gestanden.

 

 

2

Nachdem Sven Kayser sich verabschiedet hatte, verließ er die Wohnung im dritten Stock und stieg die Treppe zum zweiten Stock hinunter. Hier wohnte direkt unter Papke Anja Baumann, die seit zwei Jahren als Krankenschwester an der Seeberg-Klinik arbeitete und bei Kollegen und Patienten gleichermaßen beliebt war.

Sven überlegte, ob er kurz bei ihr anläuten solle, aber dann fiel ihm ein, dass Schwester Anja nicht zu Hause sein konnte, weil sie genau wie er heute Dienst hatte. So kehrte er ins Doktorhaus in der Gartenstraße zurück, um sich für die Anrufe weiterer hilfsbedürftiger Patienten bereitzuhalten.

Gegen Mittag rief Solveig Abel aus Prag an. Die attraktive Besitzerin des ‘Waldhotel Abel’ nahm dort an einem internationalen Gastronomentreffen teil und vermisste Sven sehr.

„Schade, dass du nicht mitkommen konntest“, sagte sie bedauernd.

„Du weißt ja, der Beruf kommt immer zuerst“, gab Dr. Kayser lächelnd zurück.

„Prag ist eine wunderschöne Stadt“, schwärmte Solveig Abel.

„Ich weiß.“

„Ich muss dir ein Geständnis machen, Sven ...“

„Ich höre.“

„Ich habe mich verliebt.“

„In einen Hotelier?“

Solveig lachte.

„Nein, nicht in einen Hotelier. In diese hübschen alten Häuser, die es hier gibt - und die mir ganz besonders am Abend gefallen, wenn sie von verborgenen Scheinwerfern angestrahlt und zu märchenhaftem Leben erweckt werden.“

„Solange es nur Häuser sind, in die du dich verliebst, habe ich nichts dagegen.“

„Einen anderen Mann sehe ich doch nicht an!“

„Dafür sehen die Männer dich umso mehr an“, gab Sven Kayser zurück.

„Beunruhigt dich das?“ Ein tiefes dunkles Lachen folgte dieser Frage.

„Selbstverständlich. Schließlich heißt es, eine schöne Frau hat man nicht allein. Und du bist wunderschön.“

„Vielleicht bin ich die Ausnahme von der Regel“, meinte Solveig Abel.

„Das hoffe ich. Das hoffe ich sehr.“

„Mach dir keine Sorgen, Sven! Hier gibt es niemanden, der unserer Liebe gefährlich werden könnte.“

„Ich wünsche dir eine schöne Zeit in Prag, mein Schatz“, sagte Dr. Kayser, „und ich freue mich schon sehr auf unser Wiedersehen.“

 

 

3

Am Nachmittag ging es Johannes Papke so gut, dass er sich zu einem Friedhofsbesuch entschloss. Er kaufte am Kiosk neben dem Friedhofstor drei weiße Chrysanthemen und begab sich damit zum Grab seiner toten Frau.

„Ich weiß nicht, ob du’s mitbekommen hast, Sophie“, murmelte er, nachdem er mit gefalteten Händen ein kurzes Gebet gesprochen hatte. Er war davon überzeugt, dass sie von da, wo sie jetzt war, zumindest zeitweise auf ihn herunterschaute. „Heute Vormittag ging es mir ziemlich dreckig. Ein Glück, dass Dr. Kayser Wochenendbereitschaft hatte. Er war sehr schnell zur Stelle und half mir mit einer Injektion. Ist ein guter Arzt, dieser Dr. Kayser.“ Er lächelte versonnen. „Du warst ein klein wenig verknallt in ihn, dachtest, ich wüsste es nicht, aber ich habe es gemerkt. War kein Problem für mich. Ich hatte nichts gegen diese harmlose Schwärmerei. Andere Frauen himmeln einen Filmstar an. Oder einen Popsänger. Bei dir war’s eben Dr. Kayser.“ Er führte seinen Monolog noch eine Weile fort. Schließlich sagte er: „Morgen muss ich in die Seeberg-Klinik. Hoffentlich schaffen sie es, meinen verflixten Nierenstein zu zertrümmern. Wenn nicht ... Daran möchte ich lieber nicht denken.“ Er verabschiedete sich von Sophie und bekreuzigte sich, bevor er sich von ihrem Grab abwandte. Auf dem Hauptweg des Friedhofs begegnete er einer Frau, die er vom Sehen schon länger kannte. Gesprochen hatte er mit ihr noch nie. Sie war - schätzte er - zehn Jahre älter als er, aber noch sehr attraktiv.

Sie nickten einander zu und lächelten dabei freundlich, wie sie es schon oft getan hatten, doch aus irgendeinem unerfindlichen Grund beließen sie es heute nicht dabei.

Johannes Papke richtete zum ersten Mal das Wort an die schöne Frau, und sie gab Antwort. Sie ließ sich von ihm sogar, was ihn sehr freute, zum Kaffee einladen. Er erfuhr, dass sie Yvonne Leimer hieß und - wie er - seit zwei Jahren verwitwet war.

„Es ist, als fiele man in einen bodenlosen Abgrund, wenn man den geliebten Partner verliert“, sagte Yvonne Leimer gedämpft.

Johannes nickte langsam.

„Wem sagen Sie das? Ich hab’s erlebt.“

„Man denkt, nicht darüber hinwegkommen zu können.“

„Man will nicht glauben, dass die Zeit alle Wunden heilt“, sagte der Mann gedankenverloren.

„Man ist verzweifelt, weil man gezwungen ist, weiterzuleben.“

„Genau so habe ich empfunden“, bestätigte Papke. Er trank einen Schluck Kaffee.

„Diese grauenvolle Leere danach ...“

„Man ist völlig aus dem Tritt“, nickte Johannes, „läuft orientierungslos umher, wird mit der plötzlichen Einsamkeit nicht fertig.“

Hier unterhielten sich zwei artverwandte, vom gleichen Leid geplagte Seelen, das fühlten sie ganz tief in ihrem Inneren, und sie verstanden beide nicht, warum sie nicht schon eher miteinander gesprochen hatten.

„Wie ist Ihr Mann ...“, begann Johannes Papke. „Oder möchten Sie nicht darüber reden?“

Nach zwei Jahren machte es Yvonne Leimer nicht mehr so viel aus, es zu erzählen.

„Wir hatten einen Urlaub in der Dominikanischen Republik gebucht“, berichtete sie. „Meine Abreise verschob sich aus beruflichen Gründen um einige Tage, und so flog mein Mann allein in den Tod. DieMaschine stürzte, kurz bevor sie den Zielflughafen erreichte, ins Meer. Ein Triebwerk war ausgefallen.“

„Ich erinnere mich an die Berichte in den Medien.“

„Ich erlitt einen schweren Nervenzusammenbruch, als ich die Nachricht von der Katastrophe erhielt.“

Papke nickte. „Verständlich.“

„Ich war fast eine Woche im Krankenhaus. Als man mich entließ, hatte ich die traurige Pflicht, für ein ordentliches Begräbnis meines Mannes zu sorgen.“

„Wie war sein Name?“

„Philipp.“

„Haben Sie Philipp sehr geliebt?“, fragte Johannes Papke.

„Er war mein ein und alles“, gab seine neue Bekannte zurück.

„Wie lange waren Sie mit ihm verheiratet?“

„Fünf Jahre.“

„Ich war mit Sophie auch fünf Jahre verheiratet“, erzählte Johannes. „Glücklich verheiratet, muss ich betonen. Wir führten eine vorbildliche Ehe, waren ein Herz und eine Seele, hatten in diesen fünf Jahren keinen einzigen Streit.“

„Wie haben Sie Ihre Frau verloren?“

Johannes Papkes Miene verfinsterte sich.

„Sie hatte Krebs. Wir wussten es nicht. Wenn Sophie nicht auf einer Bananenschale ausgerutscht und gestürzt wäre ... Sie fiel hin und hatte danach so lange Rippenschmerzen, dass wir annahmen, sie habe sich eine Rippe gebrochen. Krankenhaus. Genaue Untersuchung. Röntgen. Und plötzlich hieß es: ‘Herr Papke, Ihre Frau hat Metastasen in der Lunge.’ Das war vielleicht ein Schock für mich! Mehrere Chemotherapien brachten nicht den erhofften Erfolg. Eine Operation hätte keinen Zweck mehr gehabt. Nur dreieinhalb Monate nach dem Sturz war meine Frau tot. Das brachte mich so sehr aus dem Gleichgewicht, dass ich anfing zu trinken. Ich verlor meinen Job und wäre mit Sicherheit vor die Hunde gegangen, wenn Dr. Kayser, mein Hausarzt, sich nicht so sehr um mich bemüht hätte. Wenn man trinkt, wird man verantwortungslos. Es wird einem alles egal. Man kümmert sich um nichts mehr, sieht nur zu, dass man am Morgen schon voll ist, weil man meint, den Tag sonst nicht zu überstehen. Es war eine furchtbare Zeit. Noch einmal würde ich das wohl nicht durchstehen. Dr. Kayser brachte mich dazu, eine Therapie zu machen. Ich habe mich mächtig abgequält, trocken zu werden, und ich habe mir geschworen, das für immer zu bleiben.“

„Ich wünsche Ihnen ganz aufrichtig, dass es Ihnen gelingt, Herr Papke.“

„Sie würden mir eine große Freude machen, wenn Sie mich Johannes nennen würden.“

„Johannes.“ Sie lächelte. „Gern ... Johannes.“

„Und ich darf Sie Yvonne nennen, ja?“

Sie hatte nichts dagegen. Er schlug Yvonne vor, den Friedhof von nun an gemeinsam zu besuchen. Auch dagegen hatte sie nichts einzuwenden.

Was sich heute so unverhofft angebahnt hatte, konnte eine gute Freundschaft werden, das spürten sie beide, und es störte Johannes Papke nicht im Mindesten, dass Yvonne Leimer zehn Jahre älter war als er. Sie war eine Persönlichkeit, hatte Charme, war intelligent und sah obendrein auch noch fantastisch aus. Es sprach absolut nichts dagegen, dass er den Wunsch hatte, sie schon sehr bald wiederzusehen.

Er erzählte ihr - weil sie sich so gut verstanden - von seiner Nierenkolik.

„Oh, Sie Ärmster“, bedauerte Yvonne ihn. „Ich weiß, was das für Schmerzen sind.“

Papke sah sie überrascht an.

„Hatten Sie auch schon mal einen Nierenstein?“

„Keinen Stein, aber Nierensand im Harnleiter. Das ist genauso unangenehm. Ist zum Glück schon lange her. Ich war damals siebzehn oder achtzehn. Aber den Kolikschmerz habe ich bis heute nicht vergessen.“

„Wie sind Sie den Sand losgeworden?“, fragte Johannes Papke neugierig.

Yvonne Leimer zuckte mit den Schultern.

„Ich habe viel getrunken, und es kam Gott sei Dank nie wieder zu einer Kolik.“

Johannes leerte seine Kaffeetasse, setzte sie ab und sagte: „Ich muss morgen in die Seeberg-Klinik.“

„Die kenne ich. Hat einen sehr guten Ruf.“

„Man wird versuchen, meinen Stein mit Hilfe von Ultraschall zu zertrümmern. Das soll absolut schmerzlos sein.“

„Stimmt“, bestätigte Yvonne. „Man hat das im vergangenen Jahr bei einer Bekannten von mir gemacht. Sie war von dieser unblutigen Therapie restlos begeistert.“

„Damit machen Sie mir Mut, Yvonne.“

„Sie brauchen wirklich keine Angst zu haben, Johannes.“ Sie lächelte ihn aufmunternd zu.

„Dr. Kayser sagt, dass ich in ein paar Stunden schon wieder zu Hause sein werde.“

„Das ist richtig. Meine Bekannte war keine drei Stunden im Krankenhaus.“

„Bei mir wird es wohl etwas länger dauern, weil ich noch keinen einzigen Befund habe“, erzählte der Mann.

„Wird jemand Sie in die Seeberg-Klinik begleiten?“

Johannes schüttelte den Kopf. „Ich bin allein.“

„Ich könnte Sie mit meinem Wagen abholen und nach Hause bringen, wenn Sie’s hinter sich haben“, erbot sich Yvonne spontan. „Natürlich nur, wenn Sie das möchten. Es liegt mir fern, mich Ihnen aufzudrängen.“

Johannes strahlte.

„Sie würden mir damit einen unschätzbaren Dienst erweisen. Ehrlich gesagt, ich hätte mich nie getraut, Sie um einen so großen Gefallen zu bitten.“

Johannes’ Herz klopfte schneller. Diese Frau war etwas Besonderes. Er hatte sich noch nie so sehr zu einem weiblichen Wesen hingezogen gefühlt wie zu Yvonne. Abgesehen von Sophie natürlich.

 

 

4

„Herr Papke. Was tun Sie denn hier?“ Schwester Anja musterte den Mann erstaunt.

Johannes grinste breit.

„Guten Morgen. Frau Nachbarin. Da staunen Sie, was? Wir laufen uns in unserem Wohnhaus so selten über den Weg, dass ich mir dachte, ich besuche Sie mal in der Seeberg-Klinik.“

„So, so“, sagte Anja Baumann ungläubig. „Und was führt Sie wirklich hierher?“

„Dr. Kayser hat mir gestern so sehr von einer schmerzlosen Nierenstein-Zertrümmerung vorgeschwärmt, dass ich mir das heute gleich mal machen lassen möchte. Sind Sie dafür zuständig?“

„Nein.“

„Schade.“

„Aber ich bringe Sie gerne auf die zuständige Station“, sagte die bildschöne Pflegerin.

Johannes hob die Hände.

„Ich möchte Ihnen nichts von Ihrer kostbaren Zeit stehlen.“

„Das tun Sie nicht. Ich habe da ohnedies was zu erledigen. War Dr. Kayser gestern bei Ihnen?“

„Leider ja.“

„Hatten Sie eine Nierenkolik?“

„Leider ja “, wiederholte Johannes.

„Na, mal sehen, was wir hier für Sie tun können, Herr Nachbar.“

Johannes lachte gepresst. „Hoffentlich sehr viel.“

„Kommen Sie mit!“

Er folgte ihr, und sie übergab ihn dem pensionsreifen Dr. Gustav Fichtner, der aber immer noch die Urologie leitete. Sie wünschte Johannes alles Gute und sagte: „Ich besuche Sie morgen zu Hause, wenn ich darf.“

Johannes Papke nickte grinsend.

„Sie dürfen, Frau Nachbarin. Sie dürfen.“

„Frau Nachbarin?“, fragte Dr. Fichtner, während die Pflegerin hinausging.

„Ja“, sagte Johannes Papke. „Schwester Anja und ich wohnen im selben Haus. Sie im zweiten, ich im dritten Stock.“

„Na, dann haben Sie ja, wenn nötig, die beste Betreuung“, meinte der Urologe.

Johannes schluckte.

„Ich hoffe, es wird nicht nötig sein, Herr Doktor.“

Während Johannes die ersten Untersuchungen über sich ergehen lassen musste, trat Schwester Anja auf dem Flur der gut aussehende Dr. Konrad Sommer in den Weg.

„Hallo, schönste aller Schwestern“, grüßte der junge Arzt fröhlich.

Anja Baumann lächelte ihn an.

„Hallo, Konrad. Wie geht’s?“

„Sobald ich dich sehe, geht es mir immer prima“, gab er zur Antwort.

„Wie war dein Wochenende?“, erkundigte sie sich.

„Langweilig ohne dich“, sagte er. Sie hob die Schultern.

„Dienst ist Dienst ...“

Er seufzte.

„Und Schnaps ist Schnaps. Ich weiß. Können wir uns heute Abend sehen? Bei dir?“

Anja schlug die Augen nieder.

„Ich weiß nicht, ob das so eine gute Idee ist.“

„Wieso denn nicht?“

„Du bist noch nicht geschieden.“

„Aber bald“, sagte Dr. Sommer. „Aber eben noch nicht. Ich hasse dieses ewige Versteckspielen.“ Konrad Sommer berührte kurz ihre Hand. „In ein paar Wochen ist das vorbei. Dann suchen wir uns eine schöne große Wohnung und ziehen zusammen. Ich stelle es mir sehr schön vor, mit dir unter einem Dach zu leben.“

„Ich bin froh, dass du dich nicht meinetwegen scheiden lässt“, sagte Schwester Anja leise.

„Du hast keine intakte Ehe kaputtgemacht“, versicherte Dr. Sommer ihr.

„So etwas würde auch bestimmt kein Glück bringen.“

„Meine Frau hat mich mehrfach betrogen, wie du weißt. Unsere Ehe war schon zu Ende, bevor wir beide uns ineinander verliebten.“

Anja sah dem jungen Arzt fest in die Augen.

„Ich werde dich nie betrügen“, versicherte sie.

„Das weiß ich. Du bist ganz anders als Barbara. Sie war immer schon sehr leichtlebig. Ich hätte sie nicht heiraten sollen.“

„Warum hast du’s getan?“

Konrad Sommer zuckte die Schultern.

„Ich habe keine vernünftige Erklärung. Vielleicht dachte ich, es würde schon irgendwie gutgehen. Ich habe einen Fehler gemacht.“

„Zum Glück habt ihr keine Kinder, die das büßen müssen. Mir tun diese Scheidungswaisen immer furchtbar leid, weil sie unschuldig für die Fehler ihrer Eltern geradestehen müssen.“

Dr. Sommer beugte sich vor und sagte gedämpft: „Ich hoffe, wir - du und ich - werden Kinder haben.“

Schwester Anja schmunzelte.

„Du denkst zu weit voraus. Du bist noch nicht ein mal geschieden.“

„Aber bald.“

„Merkst du’s?“, fragte sie ihn amüsiert. „Unser Gespräch dreht sich im Kreis. Wir sollten es beenden.“

„Ich werde es beenden, sobald du mir erlaubst, dich heute Abend zu besuchen.“ Er hob den Finger. „Ich bin Arzt.“

„Aber ich bin nicht krank.“

„Darf ich trotzdem kommen?“

„Na schön“, gab sie seufzend nach.

„Danke“, sagte er und strahlte sie an. „Ich liebe dich. Du ahnst nicht, wie schwer es mir fällt, dich nicht auf der Stelle in die Arme zu nehmen und zu küssen.“

„Zum Küssen gehören zwei“, erwiderte Schwester Anja streng, „und ich würde so etwas Unschickliches niemals zulassen.“

Konrad Sommer nickte ergeben.

„Ich werde warten. Aber nur bis heute Abend.“

„Ich freue mich auf deinen Besuch“, flüsterte Anja ein bisschen verlegen und eilte davon.

Dr. Sommer sah ihr lächelnd nach und murmelte: „Ich liebe dich. Mein Gott, ich habe noch nie einen Menschen so sehr geliebt wie dich.“

„Wie war das, Herr Kollege?“, fragte plötzlich Dr. Ulrich Seeberg, der Klinikchef, hinter dem jungen Arzt. „Ich habe Sie nicht verstanden.“

Konrad Sommer drehte sich um und errötete.

„Ich habe lediglich laut gedacht, Chef. Bloß laut gedacht. Nichts weiter.“

 

 

5

„Ick habe jestern fernjesehen, Chef“, sagte Martha Giesecke zu Dr. Kayser, während sie das medizinische Besteck zum Sterilisieren bereitlegte.

„Was Aufregendes?“, erkundigte sich Sven. Der letzte Patient war draußen. Stille war in die Grünwalder Praxis eingekehrt.

„Keenen Krimi. Dat ewije Jeknalle jeht mir nämlich schon lange uff den Jeist. Und die ständijen Autoverfolgungsjagden kann ick ooch nich mehr sehen. Nee, ’ne Reportage hab’ ick jesehn. Da ist ’ne Frau, so in meenem Alter. Die ist seit fünf Jahren mit ’nem Campingbus durch Marokko unterwegs. Ein Schäferhund ist ihr einzijer Bejleiter.“

„Fünf Jahre. Das sind aber lange Ferien.“

„Dat sind keene Ferien. Die Frau lebt so. Ist hier in Deutschland ausjestiejen. Finanziert sich den Spaß mit ihrer Rente. Kocht selber, schneidet sich selber die Haare, ist jeden Tag an ’nem anderen Ort, falls nich jerade ihr Wagen in die Werkstatt muss. Jenießt dat Leben und ist frei wie’n Vogel.“

„Höre ich so etwas wie Bewunderung aus Ihrer Stimme, Icke?“, fragte Sven Kayser die korpulente Arzthelferin.

„Bewunderung. Ja. Dat könnte man sajen. Ick bewundere die Frau wirklich“, gab Schwester Gudrun zu.

„Beneiden Sie sie auch um ihr abenteuerliches Leben?“, fragte Sven Kayser.

„Ick beneide sie um ihre Courage“, erklärte Gudrun Giesecke. „Ihr Leben möchte ick nich führen. Dat wär’ mir zu beschwerlich.“

„Sie sind doch auch eine recht resolute und mutige Person“, sagte Sven.

„Aber so viel Mumm wie diese Frau habe ick nich in die Knochen“, musste Gudrun gestehen.

„Brauchen Sie hier bei mir auch nicht“, schmunzelte Dr. Kayser und verließ das Arzthaus, um in der Seeberg-Klinik nach seinen Patienten zu sehen.

 

 

6

„Man hat mich von Kopf bis Fuß untersucht, und in einer halben Stunde soll die große Nierenstein-Zertrümmerung stattfinden“, berichtete Johannes Papke seinem Hausarzt. „Inzwischen wurde mir von anderer Seite bestätigt, dass das absolut schmerzlos ist.“

Sven Kayser schmunzelte.

„Hätten Sie mir sonst nicht geglaubt?“

„Doch. Es hat mich nur noch ein bisschen mehr beruhigt. Ich weiß, dass Sie Ihre Patienten nicht anlügen.“

„Ich drücke Ihnen ganz fest die Daumen, dass alles gutgeht, Herr Papke.“

„Danke, Herr Doktor.“

„Kommen Sie in den nächsten Tagen in meine Praxis!“

„Mach ich.“

Dr. Andreas Bernau erschien. Der saloppe Urologe war nicht viel älter als Papke, zählte vierunddreißig Lenze und war ein überzeugter Grüner. Er begrüßte Sven Kayser, gab ihm die Hand und fragte anschließend den Patienten: „Nun, Herr Papke, sind Sie bereit? Kann es losgehen?“

Johannes erschrak.

„Jetzt schon? Ich dachte, ich hätte noch etwas Zeit.“

Dr. Bernau verkniff sich ein Grinsen. „Wofür?“

„Um mich seelisch darauf vorzubereiten.“

„Soll ich in zwei Minuten wiederkommen?“, fragte Andreas Bernau ironisch.

Rasch schüttelte der Patient den Kopf.

„Nein, nein. Ist schon in Ordnung, Herr Doktor. Bringen wir es hinter uns.“

„Alles Gute“, wünschte Sven Kayser.

Papke nickte und folgte dem jungen Urologen. Dr. Kayser suchte seinen Freund Ulrich Seeberg in dessen Büro auf.

Ute Morell, die Sekretärin des Chefarztes, begrüßte ihn freundlich. Sie kochte für ihn und Dr. Seeberg frischen Kaffee, und während die Freunde ihn genossen, erkundigte sich Sven, wie es Ulrichs Familie ging.

Im Hause Seeberg gab es zur Zeit keine besonderen Vorkommnisse. Alle waren wohlauf. Barbara, die zweiundzwanzigjährige Tochter des Klinikchefs, kam mit ihrem Medizinstudium gut voran, und auch Kai, der beinahe volljährig war, gab keinen Grund zur Klage. Auch die Ehe von Ruth und Ulrich Seeberg ließ derzeit nichts zu wünschen übrig. Der Haussegen hing nicht schief, sondern zufriedenstellend gerade.

So gerade, dass Sven Kayser schmunzelnd sagte: „Ihr lauft Gefahr, eine stinklangweilige Familie zu werden, mein Freund.“

Ulrich Seeberg lachte.

„Das behagt dir nicht, wie? Weil du lieber den edlen Streitschlichter, den feinfühligen Friedensstifter und geduldigen Vermittler spielst.“ Der Klinikchef brachte das Gespräch auf Solveig Abel. „Ist sie noch in Prag?“, fragte er.

Details

Seiten
96
Jahr
2021
ISBN (eBook)
9783738950045
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2021 (Februar)
Schlagworte
schwester anjas wunsch

Autor

Zurück

Titel: Schwester Anjas letzter Wunsch