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Das Zeitalter des Kometen #30: Lennox und die Stunde X (1 von 2)

2021 122 Seiten

Leseprobe

Table of Contents

Lennox und die Stunde X

Copyright

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30

Lennox und die Stunde X

Das Zeitalter des Kometen #30

Teil 1 von 2

von Jo Zybell

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 122 Taschenbuchseiten.

 

Eine kosmische Katastrophe hat die Erde heimgesucht. Die Welt ist nicht mehr so, wie sie einmal war. Die Überlebenden müssen um ihre Existenz kämpfen, bizarre Geschöpfe sind durch die Launen der Evolution entstanden oder von den Sternen gekommen, und das dunkle Zeitalter hat begonnen.

In dieser finsteren Zukunft bricht Timothy Lennox zu einer Odyssee auf …

Die Yandamaaren müssen besiegt werden! Das ist der Grund, aus dem in London eine Konferenz stattfinden soll, an der alle Führer der verschiedenen Gruppen von Überlebenden teilnehmen. Dazu gehören auch Mutanten, wie zum Beispiel die Königin von Aarachne. Um den hier gefassten Plan auszuführen, muss jedoch das Wetter beeinflusst werden, Tim Lennox soll zur ISS fliegen.

 

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

Alfred Bekker

© Roman by Author

© Cover by Ludger Otten

© dieser Ausgabe 2021 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

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1

Irgendwo südlich von Amarillo, Dezember 2520

… später näherten sich Schritte.

Ein Kopf beugte sich hinunter, Augen musterten eine kreisrunde Wunde, musterten Metall, Drähte, einen Hohlraum. Hände betasteten einen leblosen Körper, ruhten eine Zeitlang auf seiner Brust über dem Herzen, fühlten am Hals vergeblich nach einem Pulsschlag, wischten Sand von Gesicht und Schädel und drehten ihn nach oben.

»Wudan, sei mir gnädig!« Der bärtige Kopf zuckte zurück, die Hände ließen den fremden Schädel los, die Augen wurden groß und starr vor Entsetzen. Der große Mann trug den Pelz eines rauen Nomaden und die Waffen eines kampferprobten Jägers. Er sah wild und stark aus – und dennoch zitterte er am ganzen Leib.

»Wudan, sei mir gnädig!« Langsam wich er zurück. Vier oder fünf Schritte brachte er zwischen sich und den leblosen Körper, dann blieb er stehen und sank in die Knie. Seine Unterkiefer bebten, seine Augen wurden feucht, Tränen versickerten im schwarzen Gestrüpp seines Bartes. Er sank vornüber, bohrte die Stirn in den Sand und weinte.

Lange verharrte er so und trauerte. Die Sonne brannte in seinen Nacken, doch er spürte es nicht. Irgendwann richtete er sich auf den Knien auf. Er stöhnte, wischte sich die Tränen aus den Augen. Tief musste er seufzen. Seine Haut sah aus wie feuchter Lehm, seine Lider wie verbrannt.

Ein paar Atemzüge lang dachte er nach. Es fiel ihm schwer, immer wieder schüttelte er den Kopf, als könnte er nicht fassen, was er da, fünf Schritte entfernt, vor sich im Sand liegen sah.

Endlich erhob er sich. Er zog sein Schwert, ging auf den leblosen Körper zu, beugte sich wieder zu dessen Schädel hinunter und griff in das verklebte, verdreckte Langhaar.

 

 

2

Washington, Anfang September 2521

Der Präsident beobachtete missmutig den Mann auf dem Monitor. Die Kameras in der Gangdecke vor dem Hochsicherheitstrakt hatten ihn im Okular, seit er den Lift verlassen hatte. Lieutenant Allan Dunwich war sein neuer Adjutant.

Wie immer ging er hektisch und mit kurzen Schritten, wie immer hielt er sich so kerzengerade, als schmerzte ihn seine Lendenwirbelsäule, und wie immer war ein rechter Winkel in den Bewegungen seiner Arme und Beine. Da war nichts Auffälliges an dem Lieutenant, und dennoch – seltsam! – ahnte der General, dass Dunwich schwerwiegende Nachrichten brachte.

Er lehnte sich zurück. Im zweiten Monitor tauchte Dunwich vor dem Hauptschott auf. Der mittelgroße Mann mit dem kurzen Blondhaar legte seine Handfläche auf den Sensor.

General Crows Blick wanderte von der Monitorwand zur Weltkarte auf der rechten Seite des Raumes hinüber. »Ist es endlich so weit?«, murmelte er. Er fasste das große Binnengewässer in Zentralasien ins Auge. Wehmut stieg ihm in die Brust. »Ich glaube, es ist so weit, Liebes …«

»Lieutenant Dunwich, Sir«, schnarrte die Stimme seiner Sekretärin aus der Sprechanlage.

»Soll reinkommen.« Crow beugte sich vor und faltete seine knochigen Hände auf dem Schreibtisch; große Hände mit einem Geflecht violetter Venen.

Die Tür zu seinem Büro öffnete sich, Dunwich trat ein und nahm Haltung an. Crow wies auf einen Stuhl vor dem Schreibtisch. Sein Adjutant rührte sich und nahm Platz.

Seit zehn Tagen erst arbeitete Allen Dunwich als Adjutant für den General und Präsidenten Arthur Crow. Crow wollte es scheinen, als wüchse der Sechsunddreißigjährige schnell in seine Rolle hinein. Wesentlich schneller jedenfalls als seine Vorgänger.

Ramon Garcia hatte erst nach zwei Jahren Dienst Anzeichen von Tauglichkeit bewiesen. Nun, kein Wunder: Die Person, aus der nach zwei Jahren Drill beim ersten Mann des Staates nicht ein halbwegs brauchbarer Soldat geworden war, musste erst noch geboren werden.

Nun, Garcia war inzwischen tot, bei einer Geheimmission am Kratersee draufgegangen, und seine Nachfolgerin Ayris Grover hatte sich als Tretmine erwiesen. Leider war sie vor ihrer Entschärfung geflohen. Und hatte sich gut versteckt. Die »Winterkrieger«, eine Eingreiftruppe der WCA, hatte auch nach zwei Wochen noch keine Spur von ihr gefunden.

Was Dunwich betraf, hegte Crow die Hoffnung, zur Abwechslung einmal keinen Fehlgriff getan zu haben.

»Ein Funkruf über das ISS-Relais«, sagte der Neue. Der Lieutenant war ziemlich blass heute, fiel Crow auf. »Eine Nachricht aus London.«

Der General lehnte sich zurück. Hatte seine Ahnung ihn also nicht getrogen. »Ich höre.«

Sein wievielter Adjutant war Dunwich eigentlich? Sein vierter? Oder schon sein fünfter? Die hohe Fluktuation auf diesem Posten hatte sich unter den WCA-Offizieren herumgesprochen. Niemand hatte auf die Ausschreibung reagiert. Colonel Brand musste drei »Freiwillige« bestimmen.

Crow hatte sich dann für den Blonden entschieden.

»Die Bedrohung durch diese … Yandamaaren scheint sich zu verdichten, Sir«, meldete Dunwich. »Die Allianz organisiert einen großen Kriegsrat mit Abgesandten aller Verbündeten und bittet um Ihre Anwesenheit!«

Die Sache regt ihn auf, dachte Crow. Er hat nicht die Nerven für derartige geschichtliche Umwälzungen. Er drehte seinen Sessel zur Seite, stand auf und schritt zur Wand mit der Weltkarte. »Noch was?«

»London erwartet möglichst rasch Ihre Antwort«, sagte Dunwich. »Für ein Transportmittel ist gesorgt. Sie können mit den Abgesandten aus Amarillo fliegen, diesen so genannten Unsterblichen

»So, so.« Mit dem Rücken zu Dunwich stand Crow vor der Weltkarte.

Eine Reise nach Europa passte ihm nicht in den Kram. Lieber wäre es ihm gewesen, die Gespräche wie bisher über eine tägliche ISS-Konferenzschaltung abzuwickeln. Aber er sah ein, dass es zu riskant war, die heiße Phase abhörbaren Funkwellen anzuvertrauen. Seine Anwesenheit in Britana war also von Nöten.

Nun, wenigstens verfügte die Allianz noch über eine funktionierende Funkstrecke. Im Gegensatz zu den Yandamaaren.

Sein Kontaktmann hier in Washington, der falsche Colonel Mountbatton, hatte den Kontakt zum Kratersee und damit zum Häuptling dieser verfluchten Außerirdischen verloren. Was zweifellos an dem von der Allianz installierten Telepathen-Zirkel lag, der die mentale Langstrecken-Kommunikation der Yandamaaren am Kratersee störte. Dabei wurde es für ihn höchste Zeit zu erfahren, wann er seine viertausend U-Men in Marsch setzen sollte, von denen niemand sonst etwas ahnte, nicht einmal die Führungsspitze der WCA. Vertraue niemandem, war in den letzten Monaten zu Crows Credo geworden.

Jetzt über den Atlantik fliegen? Jetzt, wo hier so wichtige Aufgaben anstanden? Schwierig. Es wäre wichtig zu erfahren, was die Allianz in England ausbrütete. Andererseits ging es hier um die zukünftige Macht über Meeraka, das von den Yandamaaren verschont werden sollte, wenn er kooperierte. Und nicht zuletzt ging es um Lynnes Leben. Darum sogar in erster Linie. Neue, entscheidende Informationen waren ein nicht zu unterschätzender Trumpf im Verhandlungspoker mit den Außerirdischen.

Er drehte sich nach Dunwich um. »Wann soll der Kriegsrat stattfinden?«

»In sieben Tagen.«

»In sieben Tagen also, so, so …« Prüfend musterte er seinen Adjutanten. »Sehe ich da etwa Furcht auf ihrem Gesicht, Dunwich?«

»Furcht, Sir? Nein … nein!« Allen Dunwich hob abwehrend beide Hände. Er versuchte sogar erheitert zu wirken – und wirkte einfach nur noch erbärmlicher. »Wie kommen Sie nur darauf?«

»Ich hasse es, ängstliche Männer um mich zu haben! Gewöhnen Sie sich endlich diesen Hundeblick ab!« Mit einer Kopfbewegung wies Crow zur Tür. »Und nun verschwinden Sie! Rufen Sie London an – ich werde an der Konferenz teilnehmen! Holen Sie die Information ein, wann genau der Transporter aus Amarillo hier eintreffen wird.«

»Jawoll, Sir!« Der Lieutenant sprang auf, nahm Haltung an und stelzte zum Ausgang. Missmutig äugte Crow ihm hinterher – doch wieder eine Niete? Als die Tür sich hinter Dunwich geschlossen hatte, ging Crow zu seinem Schreibtisch, zog die rechte obere Schublade auf und entnahm ihr das Funkgerät, das sein yandamaarischer Kontaktmann ihm überlassen hatte. Ein konventionelles Gerät, wegen der CF-Strahlung mit nur maximal fünf Kilometern Reichweite. Deshalb hielt sich Mountbatton auch in den Häuserschluchten von Waashton auf.

Auf den Monitoren sah Crow Lieutenant Dunwich Richtung Lift spurten. Dieses Männchen hatte ja keine Ahnung, in welchem Spiel er mitspielen musste. Die Wahrheit würden seine Nerven vermutlich nicht durchstehen.

Der Präsident ging auf die Geheimfrequenz und gab den Code ein. Zwei Atemzüge später meldete sich eine heisere Männerstimme. »Ja?«

Crow nannte keinen Namen. »Haben Sie inzwischen wieder Verbindung zu Ihrer Führung?«

»Nein.«

»Warum nicht?« Er musste grinsen bei dieser Frage. Die Yandamaaren hatten noch immer keine Ahnung von dem Telepathen-Zirkel, der ihre Kreise störte. Sollten sie ruhig weiter im Dunkeln tappen; zu leicht wollte er es ihnen nicht machen.

»Niemand weiß es. Was wollen Sie?«

»Drüben auf der Insel Britana ruft die Allianz zu einem großen Kriegsrat zusammen. Vermutlich wird die Strategie für die letzte Schlacht festgelegt. Raten Sie, gegen wen es gehen soll.«

»Wann?«

»In sieben Tagen. Ich bin eingeladen, und ich werde teilnehmen – schließlich wollen wir doch auf dem Laufenden bleiben, oder?«

»Sehr gut.«

»Nicht so gut will es mir allerdings scheinen, dass ich danach keine Möglichkeit haben werde, Ihrem Hauptquartier möglicherweise kriegsentscheidende Informationen zu übermitteln.« Der andere schwieg. »Was ist los? Können Sie dafür sorgen, dass ich in London einen Abgesandten Ihrer Führung treffe?«

»Ich werde dafür sorgen.«

»Sicher?«

»Ich tue, was in meiner Macht steht.«

»Wie erkenne ich den Abgesandten?«

»Er wird Sie erkennen. Sorgen Sie nur dafür, dass er Sie außerhalb des Tagungsortes kontaktieren kann. Sagen wir, an der Westminster Bridge.«

Sie beendeten das Gespräch. Crow schloss das Funkgerät wieder in der Schreibtischschublade ein. Danach stand er auf und ging zur Weltkarte. Seine Augen wurden weich, als er den Kratersee betrachtete. Irgendwo an dessen Ufer glaubte er den Menschen zu wissen, an dem sein Herz hing. »Es ist tatsächlich so weit. Halt noch ein wenig durch, Liebes.«

 

 

3

Aarachne, Anfang September 2521

Sie waren zu sechst. Wenn man die drei Andronen mitrechnete, zu neunt. Über den Ruinen dämmerte die Nacht herauf, als sie nach Aarachne zurückkehrten. Dornenhecken zwischen Mauerresten glitten unter ihnen hinweg, von Brennnesselfeldern gnädig bedeckte Schutthalden, eingestürzte Dächer und von Bäumen zurückeroberte Straßenzüge. Vor ihnen ragte der Dom mit seinen vielen Spitztürmen aus der abendlichen Trümmerlandschaft wie ein starres Stacheltier aus Moos, Efeu und schwarzem Gestein. Im dichten Geflecht der Hängebrücken zwischen dem Hauptturm und den Seitentürmen verfing sich erstes Mondlicht.

Vier von ihnen – vielbeinige, kindsgroße Kreaturen mit blaugrau schimmernden Chitinpanzern und spitzen schwarzen Schädeln – teilten sich zwei Flugandronen. Ein Fünfter flog aus eigener Kraft. Sein Körper war schlank und rötlich, nicht länger als ein menschlicher Unterarm, und mit einem Quartett großer Flügel ausgestattet.

Der Sechste hockte allein auf einer Androne, denn sein dreigliedriger, schwarz-gelb gestreifter Leib war groß und massig und entsprechend schwer. Sein grauer Schädel – fast so groß wie sein Brustkorb – wirkte trotz seiner klobigen, dreieckigen Form menschlich. Er hieß Chorr‘nizz und war der Führer der sechs Späher. Sie kamen aus dem fernen Osten. Neun Tage und acht Nächte lang waren sie unterwegs gewesen.

Sie überquerten die Dächer der ringförmigen Siedlung aus bewohnbaren, wenngleich von Pflanzenwuchs überwucherten Behausungen rund um den Dom. Auf dem Platz zwischen den Häusern und dem Dom landeten sie neben dem alten Brunnen.

Dutzende von Wesen krochen, flogen, sprangen oder krabbelten aus den Toren der Häuserfront. Einige glichen den sechs Spähern oder ähnelten ihnen zumindest, andere hatten menschliche Züge. Wie auch immer: Alle miteinander gehörten sie zum Volk von Aarachne, alle dienten sie derselben Königin.

Zirpen, Schaben und Brummen erhob sich – die insektoiden Kreaturen aus den Behausungen wechselten einige Worte mit den Heimkehrern. Die Späher übergaben ihnen die Andronen und folgten ihrem Anführer Chorr‘nizz Richtung Dom.

Chorr‘nizz liebte es auf Reisen zu sein, noch mehr jedoch liebte er es, nach Hause zurückzukehren. Am meisten aber liebte er seine Königin. Seine Fühler vibrierten vor Erregung, während er an der Spitze seines Spähtrupps die Phalanx der spinnenartigen Torwächter passierte und die königliche Residenz, den Dom, betrat.

Schummriges Licht aus unzähligen Öllampen erhellte die zerklüfteten Wände und Säulen im Inneren. In der Mitte des großen Saales saß die Königin auf ihrem Thron aus Marmorblöcken, Leder und Fellen. Ein Ring von Lichtquellen auf hohen Metallmasten umgab ihn, und der innerste Zirkel der königlichen Leibgardisten, elf pelzige Großspinnen, bildete einen Wall aus Leibern um ihn.

Unter dem Torbogen blieben die Späher stehen. »Chorr‘nizz, dein ergebener Diener und seine Späher sind zurück, o Ch‘zzarak, meine Königin.« Er bediente sich einer Sprache aus Klack- und Schnarrlauten.

»Tritt zu mir!« Die Königin winkte mit der Rechten. Ihre langen Finger ähnelten denen der Menschen, waren jedoch mit schwarzen Krallen bewehrt. Fünf Späher ließen sich auf der Schwelle nieder, Chorr‘nizz ging allein zum Thron. Weil er dabei beide Flügelpaare benutzte, legte er mit jedem Schritt mehrere Meter zurück. Vor neun Generationen noch hatten seine Vorväter die Kunst des Fliegens beherrscht. Dafür jedoch war bereits sein Ururgroßvater viel zu schwer gewesen.

Immerhin konnte er die sechs Stufen zum Thronsessel hinauf noch mit einem Schwung nehmen. Die Gardisten äugten ihm grimmig hinterher; die gefürchteten Spinnenwesen mochten es nicht, wenn man einfach über sie hinweg sprang. Chorr‘nizz gehörte zu den wenigen Insektoiden in Aarachne, die nicht übermäßig viel Respekt vor ihnen hatten.

Er küsste seiner Königin die Hände, legte sich vor ihrem Thron auf den Boden und berührte auch ihre Füße mit seinen Kauwerkzeugen. »Mein Leben lege ich vor dir nieder, o Ch‘zzarak, meine geliebte Königin.«

»Erhebe dich, mein treuer Chorr‘nizz.« Obwohl die Königin von Aarachne seit ihrer Verpuppung und Umwandlung die menschliche Sprache bevorzugte, antwortete sie in dem dunklen, metallenen Brummen ihres Volkes. Überhaupt glichen ihre schlanke Gestalt und ihr schönes Gesicht jetzt in vieler Hinsicht jenen Kreaturen, die vor Urzeiten Aarachne bewohnt und beherrscht hatten. Erst in den letzten Jahren waren sie wieder in den Ruinen aufgetaucht und hatten jüngst sogar ein Bündnis mit der Königin geschlossen.

»Was habt ihr gesehen im fernen Osten? Mit welchen Nachrichten kehrst du zurück zu mir?«

»Schlechte Nachrichten, wenn man den Frieden liebt, meine Königin. Gute jedoch für das zornige Herz jedes Kämpfers, in dem die Gier nach Kampf und Nahrung brennt.«

»Du selbst scheinst mir hin und her gerissen, Chorr‘nizz«, sagte die Königin, und dieser Zug an ihm schien ihr nicht zu missfallen. »Aber wisse, dass ich den Frieden vorziehe, denn an meinem Herzen liegt das Wohl von drei Milliarden. Berichte.«

»Die Wesen, welche die Menschen Yandamaaren nennen, haben einen Wall zwischen dem kleinen Meer, dem Kratersee, und dem großen Meer, dem Pazifik, errichtet.«

»Wie soll jemand einen derart gigantischen Wall bauen können?«

»Geschöpfe, die in der Glut des Erdinneren leben, dienen ihnen, meine Königin. Wie Drachen der Urzeit sehen sie aus, und sie haben den Grund des Sees aufgebrochen und flüssige Glut aus dem Bauch der Erde befreit. Mit ihr errichteten sie den Wall. Danach pumpten andere Wesen das kleine Meer leer.«

»Ist das denn möglich, Chorr‘nizz?« Die Königin saß jetzt sehr gerade auf der Kante ihres Thrones.

»Wir haben es gesehen! Niemals würde ich wagen, in deiner Gegenwart Legenden zu verbreiten! Gewaltige Kreaturen, die ihre Gestalt ändern können, dienen den Außerirdischen. Als sie das Wasser aus dem Krater in den Pazifik pumpten, glichen sie ungeheuerlichen Würmern.«

»Pumpten sie so viel Wasser ab, dass ihr auch den Kometen sehen konntet, mit dem die Yandamaaren einst auf die Erde kamen?«

»Ja, meine Königin. Er sieht aus wie das gewaltige Trümmerstück eines Mondes!«

»Weiter, treuer Chorr‘nizz!« Die Fühler auf dem Käferkopfhelm der Königin zitterten, so wie auch ihre Stimme.

Die Nachrichten erregten sie außerordentlich. »Was ist mit den Waffen, von denen Tinnox erzählte und die er Nuklearbomben nannte?«

»Wir haben auch sie entdeckt, meine Königin. Zu einem größeren Teil liegen sie noch in einem dichten Ring rund um das kleine Meer und in dessen Ufernähe. Die Außerirdischen lassen dickhäutige Bestien für sich arbeiten. Diese schleppen zahlreiche Metallgerüste vom Ufer in die wasserfreien Teile des Sees. Im gleichbleibenden Abstand vom Kometen entfernt richten sie die Gerüste auf und haben schon damit begonnen, die ersten Bomben an ihnen zu befestigen.«

 

 

4

Südostengland, Anfang September 2521

Am nordöstlichen Horizont schimmerte ein milchiger Streifen. Der Mond war untergegangen, ein strahlend heller Stern stand tief im Süden und färbte den Himmel in seiner unmittelbaren Umgebung tiefblau. Die Venus. Commander Timothy Lennox, den die Barbaren »Tinnox« nannten, war in ihren Anblick versunken. Genau wie er die Stunden zuvor in den Anblick der Mondsichel versunken gewesen war. Hin und wieder blickte er wie suchend stromabwärts nach Südosten.

Tim Lennox war allein. Ein rares Gut in dieser bewegten Zeit, solche einsamen Stunden. Reisen, Konferenzen, Planungen, Einzelgespräche, Auseinandersetzungen, Kämpfe – so etwa hieß der Stoff, aus dem seine Tage in den letzten Monaten gestrickt gewesen waren. Und nun war er allein; allein am Südufer der Themse östlich der letzten Ruinenausläufer. Seit Mitternacht schon.

Der Mann aus der Vergangenheit wartete.

Zeit zum Nachdenken. Stundenlang hatte er den Mond und die Sterne betrachtet und nachgedacht. Über diese Welt, über die Menschen, über sich selbst. Über seine Vergangenheit.

Siebenunddreißig Jahre lebte er nun unter diesem Himmel und auf dieser Erde. Auch wenn die Venus, die er jetzt gerade betrachtete, und die Erde, auf der er jetzt gerade saß, schon fünfhunderteinundvierzig Jahre älter waren als zum Zeitpunkt seiner Geburt – er hatte doch nur siebenunddreißig Jahre davon erlebt. Fünfhundertvier hatte er übersprungen.

Die letzten fünfeinhalb Jahre, die Jahre in dieser dunklen Zukunft der Erde, kamen ihm im Rückblick dieser Nacht wie fünf Monate vor. Es waren seine intensivsten Jahre gewesen. Bei aller Mühe und allem Angstschweiß, den sie gekostet hatten, vielleicht sogar seine schönsten. Und das lag zum großen Teil an der Frau, die er liebte.

Marrela!

Oft sahen sie sich nicht in letzter Zeit. Zum Reden kamen sie selten. Intensive Gespräche wie früher? Schon lange nicht mehr.

Marrela war viel mit sich selbst beschäftigt gewesen. Ihr verschollenes Kind, das die Yandamaaren ihr noch vor der Geburt geraubt hatten, der Telepathen-Zirkel – das hatte sie viel Kraft gekostet. Nun ja, es gab eben Zeiten im Leben, da ging es nicht anders.

Wenigstens war sie in der Nähe. Der Kreis der Telepathen – inzwischen in einem Stützpunkt am Kratersee stationiert – musste jetzt ohne sie auskommen. Die dreiundzwanzig mental begabten Verbündeten galten im Moment als die wichtigste Waffe gegen die Yandamaaren. Mit Recht: Die Telepathinnen und Nosfera waren in zwei Schichten unablässig damit beschäftigt, mentale Impulse des Schmerzens, der Abscheu und des Schreckens auszusenden. Ein ziemlich lästiger Job, um es salopp auszudrücken; aber er störte die mentale Kommunikation der Außerirdischen entscheidend.

Timothy Lennox selbst war mit dem Krieg beschäftigt, und mit den Vorbereitungen auf den großen Kriegsrat, und auf die letzte Schlacht. So blieb nicht viel Zeit für die Liebe.

Krieg. Sollte der Teufel ihn holen. Beziehungsweise Orguudoo, wie der Höllenfürst hierzulande und heutzutage genannt wurde.

Vielleicht waren die zurückliegenden Nachtstunden für lange Zeit die letzten Stunden der Stille und der Einsamkeit gewesen.

Bald schon würden die ersten Delegierten der Verbündeten eintreffen. Auf einen wartete er hier am Ufer der Themse. Und bald schon würde der Kriegsrat tagen.

Der Silberstreifen am Horizont wurde breiter, der Lichthof um die Venus heller. Ein otterähnliches Tier glitt sechzig Schritte entfernt in die Themse und schwamm dem anderen Ufer entgegen. Ein großer Vogel schwebte tief über dem Strom dem nahen Schilf entgegen. Der Mann aus der Vergangenheit blickte stromabwärts. Nichts.

An die Zukunft dachte Timothy Lennox nicht. Zukunft bedeutete nicht mehr als eine Zeitspanne von höchstens vier Wochen. In vier Tagen begann die Kriegskonferenz der Allianz; vorausgesetzt, der große Knall kam ihnen nicht zuvor. Nach der Konferenz würde es Richtung Kratersee gehen; vorausgesetzt, der große Knall kam ihnen nicht zuvor. In drei Wochen, spätestens in vier, die letzte Schlacht; vorausgesetzt, der große Knall kam ihnen nicht zuvor.

Vielleicht aber zündeten die Yandamaaren ihre Bomben, von denen niemand zu sagen wusste, was genau sie eigentlich bewirken sollten, schon morgen; oder übermorgen.

Zukunft?

Wir sollten uns Zeit für den Abschied nehmen, dachte Lennox. Wenigstens für den Abschied.

Aus den Augenwinkeln nahm er das grünliche Leuchten im Wasser wahr. Er sah genauer hin: Ein diffuser Lichtschimmer unter der Oberfläche schwamm aus östlicher Richtung heran. Er wanderte stromaufwärts, leuchtete intensiver, glitt näher.

Timothy Lennox stand auf. Endlich kam der, auf den er gewartet hatte. Er fasste den grünlichen Lichtfleck ins Auge, konzentrierte sich und dachte: Hierher, mein Freund, hier bin ich!

Der Schimmer wuchs, und mit ihm die Welle, die er vor sich her schob. Hinter ihm entstanden Wirbel, hinter ihm schäumte das Wasser. Näher und näher kam er, und endlich tauchte die Lichtquelle auf: eine mächtige Qualle.

Einen knappen Meter wölbte sich ihr Rücken nun über der Wasseroberfläche. Den größten Teil ihrer Masse verbarg der Strom. Ein Wulst entstand an ihrer dem Ufer zugewandten Seite. Wie Lippen eines großen Mundes kräuselte sich der Wulst und öffnete sich schließlich. Eine kleine Gestalt kroch aus ihm hervor, sah sich kurz um und winkte, als sie Timothy Lennox entdeckte. Dann glitt sie aus der Qualle in die Themse.

Sekunden später tauchte sie im seichten Uferwasser auf.

Lennox streckte seine Hand aus und half ihr aus dem Strom.

»Ich freue mich, dich zu sehen, Lotraque. Wie geht es dir?«

»Wie kann es einem denkenden Wesen gehen in Zeiten wie diesen, Tinnox? Ich mache mir viele Sorgen, genau wie du.«

Lotraque war nicht größer als hundertdreißig Zentimeter. Sein weitgehend schuppiger Körper schimmerte blaugrün, und ein hoher Flossenkamm stand auf seinem Schädel. Flossen trug er auch an seinen Arm- und Beingelenken. Sein Brustkorb war überproportional groß, zwischen den langen Fingern und Zehen spannten sich Schwimmhäute.

»Dennoch bin ich froh, dich wiederzusehen.« Lotraque ließ sich im Gras nieder. »Setz dich zu mir, mein Freund. Ich habe nicht viel Zeit. Nach Sonnenaufgang muss ich schon wieder aufbrechen. Erzähle mir, wie es dir ergangen ist in den letzten Wochen.«

»Wieder aufbrechen?« Überrascht sah Lennox den Fischmenschen an. »Bleibst du denn nicht zur Kriegskonferenz?«

»Nein.« Lotraque schüttelte sich. »Kriegskonferenz – allein diese Bezeichnung löste beim Hohe-Rat Bestürzung aus. Du weißt, wie sehr wir Krieg und Gewalt verabscheuen.«

Tim sagte nichts. Die Enttäuschung schnürte ihm die Kehle zu.

»Der Rat der Fischmenschen hat beschlossen, keinen Delegierten zur Teilnahme an eurer Konferenz zu entsenden. Ich werde mich daran halten. Da es aber um die Zukunft dieses Planeten geht, der nun einmal auch unsere Heimat ist, sind wir bereit, die Allianz mit Transportmitteln und Kundschafterdiensten zu unterstützen. Eine bessere Nachricht habe ich leider nicht für dich, Tinnox.«

»Sehr schade …« Timothy Lennox blickte auf den Strom hinaus. Einen Trumpf weniger in der Entscheidungsschlacht. Die Enttäuschung tat weh. »Aber ich muss es wohl akzeptieren.«

 

 

5

Amarillo, Anfang September 2521

»Naoki Tsuyoshi in die Zentrale, bitte!« Mike Dannys Stimme hallte durch Gänge des Medical Science Center, »Naoki bitte in die Zentrale!«

Eine junge Frau beugte sich aus der Cockpitluke eines Großraumgleiters.

»Ein Gespräch für Naoki in der Zentrale!«

Sie sprang aus dem Cockpit. Vorbei an den mobilen Geräten, die hier unten geparkt und gewartet wurden, spurtete sie durch die Halle. Am Durchgang zu den Laboratorien, Büros und Wohnräumen beugte sich die Frau über die Konsole mit dem internen Sprechfunk. »Was für ein Gespräch, Mike?«

»Die Briten via ISS.«

»Bin unterwegs.« Naoki lief zum Lift, sprang hinein und drückte den Knopf für das dritte Untergeschoss. Die Türen schlossen sich, der Aufzug fuhr nach oben. Der größte Teil des Medical Science Center befand sich unter der Erde.

Naoki zog sich das rote Stirntuch vom Kopf und band ihre wilde, kastanienbraune Mähne im Nacken zu einem Knoten zusammen. Ihr linker Unterarm war weiter nichts als ein Geflecht aus zwei Stangen, Hydraulikleitungen und Kabeln. Von dieser erschreckenden Einzelheit abgesehen, wies ihre anmutige, zierliche Gestalt kein weiteres äußeres Merkmal ihres künstlichen Organismus auf. Im Gegenteil: Sie hatte wunderschöne Mandelaugen, ihr schmales Gesicht trug die lieblichen Züge einer asiatischen Schönheit, und sie wirkte nicht älter als zwanzig Jahre.

Eine blutjunge Frau, sollte man meinen. In Wahrheit hatte Naoki Tsuyoshi über fünfhundert Jahre kommen und gehen sehen. Durch Transplantationen waren immer wieder kurz vor dem Versagen stehende Körperteile und Organe ausgetauscht worden, gegen teils organische, teils künstliche aus Plysterox.

Der Lift hielt federnd, die Türen schoben sich in die Wand, Naoki stieg aus. Ein paar Schritte über den Hauptgang, dann betrat sie einen großen runden Raum unter der Kuppeldecke.

Die Zentrale.

Ein Ring von Monitoren und Instrumentenkonsolen säumte ihre Wand. Ein stämmiger Rotschopf mit Kerben statt Falten im Gesicht reichte ihr das ISS-Funkgerät.

»Danke, Mike.« Naoki sank in ihren Kommandosessel.

»Tsuyoshi hier.« Sie aktivierte den Außenlautsprecher, damit ihr Sicherheitsexperte mithören konnte.

»Hier spricht General Charles Draken Yoshiro, Stabschef der Community-Force London und Octavian für Verteidigung. Endlich erreiche ich Sie, Ma‘am.«

»Freut mich. Was kann ich für Sie tun, General Yoshiro?«

»Commander Lennox zufolge sind Sie eingeweiht in das Problem am Kratersee.«

»Sie sprechen von den Yandamaaren?«

»So ist es Ma‘am. Die Hinweise auf eine bevorstehende Zündung ihrer Nuklearbomben verdichten sich. Wir müssen handeln. In vier Tagen findet hier in London eine Konferenz statt, um die letzten strategischen Schritte abzustimmen.« Er räusperte sich. »Die Allianz ist auf die Kampfkraft, das technische Knowhow und das Engagement jedes Verbündeten angewiesen. Ich und meine Regierung wären dankbar, Sie auf dem Kriegsrat in vier Tagen begrüßen zu können, Mrs. Tsuyoshi.«

»Ich komme.« Naoki zögerte keinen Augenblick. Sie hatte mit diesem Moment gerechnet.

»Ich danke Ihnen, Ma‘am.« Die Erleichterung war der zunächst mürrischen Stimme des Generals anzumerken. »Auch von Präsident Crow und General Fudoh liegen bereits Zusagen vor.«

Naoki zog die linke Braue hoch.

»Wenn ich Commander Lennox richtig verstanden habe«, fuhr Yoshiro fort, »sind Sie von allen Verbündeten in Nordamerika am besten für eine Reise über den Atlantik ausgerüstet, Ma‘am. Wenn es Ihnen nichts ausmacht, würden wir Sie bitten, einen Umweg über West- und Ostküste zu machen und die Gentlemen an Bord Ihres Fahrzeugs zu nehmen.«

Diesmal zögerte Naoki. Zwei, drei Atemzüge lang schwieg sie. Fudoh und Crow. Zwei ehemalige Feinde, die nun »Verbündete« waren. Sie musste mit sich kämpfen, um ihren Vorurteilen nicht zu erliegen.

»Mrs. Tsuyoshi? Sind Sie noch dran?«

»Ja … ja, ich bin noch dran. Ich habe verstanden, Sir. Ich werde beide Verbündete an Bord meines Gleiters nehmen. Wir sehen uns in vier Tagen in London.«

Sie verabschiedete sich und unterbrach die Verbindung.

Mike Danny nahm ihr das Funkgerät ab. »Geht es also los«, sagte er. »Wie gut, dass wir den Großraumgleiter überholt haben.«

Naoki antwortete nicht. Sie stieß sich mit der Stiefelspitze ab und drehte ihren Sessel zur Monitorwand.

»Du bist sauer, was?«, grinste Danny. Naoki zuckte mit den Schultern. »Versteh ich«, sagte der Rotschopf. »So viele Stunden mit dem Arschloch Crow und dem Maskenmann Fudoh in ein und demselben Gleiter – das würde mir auch stinken.«

Naoki hörte nur mit halbem Ohr zu. Einen der Monitore füllte der mächtige Rumpf eines Fluggeräts aus: der Prototyp eines Space Shuttle. Zum ersten und bisher auch letzten Mal hatte Timothy Lennox es geflogen; zur Internationalen Raumstation und zurück. Fast vier Jahre war das bereits her. Inzwischen hatten Naoki und ihr Team das Shuttle auf einen sehr viel leistungsfähigeren Metallwasserstoff-Antrieb umgerüstet. Die Arbeiten standen kurz vor dem Abschluss.

»General Fudoh wurde nur durch einen Irrtum zu unserem Feind«, sagte sie, »als er annehmen musste, hinter den Verbrechen des Weltrats in seiner Heimat stünde eine Macht, die ganz Meeraka beherrscht – und nicht nur eine kleine Enklave an der Ostküste.« Sie seufzte. »Und wer ist schon Arthur Crow? Sicher, er hat uns eine Menge Schwierigkeiten gemacht, und ich verabscheue ihn. Aber ist er für uns Unsterbliche nicht nur eine Fußnote der Geschichte? Kann er uns auf irgendeinem Gebiet das Wasser reichen? Nein, kann er nicht.«

Sie stand auf und ging zum Schott.

»Die Zukunft der Erde steht auf dem Spiel, Mike. Wir leben in Zeiten, die mich verflucht an die Monate vor dem Kometeneinschlag erinnern. Arbeiten wir also vorübergehend mit Crow zusammen. Und geben wir Fudoh eine Chance, die Vergangenheit vergessen zu machen.«

 

 

6

28,79 Kilometer über dem Pazifik, Anfang September 2521

Das Festland blieb zurück, der Ozean breitete sich unter ihm aus. Fern am Horizont erspähte er eine Inselgruppe. Die Botschaft, die er beim Überflug der meerakanischen Ostküste empfangen hatte, war eindeutig, ihr Empfang fernab des Kratersees ungestört, nur – er konnte sie nicht weitergeben.

Niemand im weiten Umkreis der Landestelle antwortete, wenn er rief. Der Sol, sein oberster Herr, konnte ihn nicht mehr hören!

Eine schmale Dampfschicht bedeckte die feste Haut seines Körpers: die Feuchtigkeit, die er ausdünstete. Durch die Flugbewegungen lösten sich Dampfwölkchen von seinen Schwingen und seinem Schwanz. Sie trudelten in die dünne Luft, dehnten sich aus, und nur zwei oder drei Meter über der ausgedehnten Oberfläche seines Körpers gefroren sie zu weißen Kristallen. Manchmal schneite es rings um ihn.

In noch größerer Höhe würde es allmählich wieder wärmer werden, aber auch die Dichte der für ihn so wichtigen Sauerstoffmoleküle nähme weiter ab, und die Hoffnung auf eine Verbindung mit dem Sol würde noch unwahrscheinlicher werden. Ob er tiefer gehen sollte? Ob er die mentale Verbindung zu seinen Herren in weniger großen Höhen wieder herstellen konnte?

Details

Seiten
122
Jahr
2021
ISBN (eBook)
9783738949735
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2021 (Februar)
Schlagworte
zeitalter kometen lennox stunde

Autor

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Titel: Das Zeitalter des Kometen #30: Lennox und die Stunde X (1 von 2)