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37 Horrorgeschichten

von Alfred Bekker (Autor:in) Michael Minnis (Autor:in)
2021 400 Seiten

Zusammenfassung

37 Horrorgeschichten

von Alfred Bekker, Michael Minnis



Über dieses Buch:



Stories, die übernatürliche, geheimnisvolle oder groteske Begebenheiten beschreiben. Klassische Horrorliteratur!



Dieses Buch enthält folgende Geschichten:



Michael Minnis: Zu Ende gebracht

Michael Minnis: Ein wenig Farbe auf die Wange

Michael Minnis: Ich gehe auf dem schwarzen Rand der Welt

Michael Minnis: Das Mädchen, das im Kreis lief

Michael Minnis: Ein Schrank aus Innsmouth-Holz

Michael Minnis: Die Kleinen und die Großen

Michael Minnis: Der Monstervogel der Stadt Cordeliers

Michael Minnis: Es kommt näher

Alfred Bekker: Murphy und der Killer-Dämon

Alfred Bekker: Geschöpfe der Nacht

Alfred Bekker: Eine teuflische Fähigkeit

Alfred Bekker: Der Dämon

Alfred Bekker: Ein Vampir beim Zahnarzt

Alfred Bekker: Der Garten des Todes

Alfred Bekker: Wegzehrung

Alfred Bekker: Der gefiederte Gott

Alfred Bekker: Eine komplizierte Beziehung

Alfred Bekker: Spinnweben

Alfred Bekker: Mord im Kurs

Alfred Bekker: Alles nur Traum

Alfred Bekker: Ein Schatten im Spiegel

Alfred Bekker: Das Glöcken

Alfred Bekker: Die sizilianische Braut

Alfred Bekker: Patricia und der Fluch

Alfred Bekker: Der Vogeljäger

Alfred Bekker: Der Herr des Schwarzen Todes

Alfred Bekker: Nachtfahrt

Alfred Bekker: Spuk im Keller

Alfred Bekker: Das Bild des Magiers

Alfred Bekker: Das Eis-Monster

Alfred Bekker: Schwarzer Schatten

Alfred Bekker: Das Böse regiert

Alfred Bekker: Der Knochengott

Alfred Bekker: Murphy und der Köpfer

Alfred Bekker: Kein Spiegelbild

Alfred Bekker: Das Wesen

Alfred Bekker: Das Juwel von den Sternen

Leseprobe

37 Horrorgeschichten

von Alfred Bekker, Michael Minnis

Über dieses Buch:

Stories, die übernatürliche, geheimnisvolle oder groteske Begebenheiten beschreiben. Klassische Horrorliteratur!

Dieses Buch enthält folgende Geschichten:

Michael Minnis: Zu Ende gebracht

Michael Minnis: Ein wenig Farbe auf die Wange

Michael Minnis: Ich gehe auf dem schwarzen Rand der Welt

Michael Minnis: Das Mädchen, das im Kreis lief

Michael Minnis: Ein Schrank aus Innsmouth-Holz

Michael Minnis: Die Kleinen und die Großen

Michael Minnis: Der Monstervogel der Stadt Cordeliers

Michael Minnis: Es kommt näher

Alfred Bekker: Murphy und der Killer-Dämon

Alfred Bekker: Geschöpfe der Nacht

Alfred Bekker: Eine teuflische Fähigkeit

Alfred Bekker: Der Dämon

Alfred Bekker: Ein Vampir beim Zahnarzt

Alfred Bekker: Der Garten des Todes

Alfred Bekker: Wegzehrung

Alfred Bekker: Der gefiederte Gott

Alfred Bekker: Eine komplizierte Beziehung

Alfred Bekker: Spinnweben

Alfred Bekker: Mord im Kurs

Alfred Bekker: Alles nur Traum

Alfred Bekker: Ein Schatten im Spiegel

Alfred Bekker: Das Glöcken

Alfred Bekker: Die sizilianische Braut

Alfred Bekker: Patricia und der Fluch

Alfred Bekker: Der Vogeljäger

Alfred Bekker: Der Herr des Schwarzen Todes

Alfred Bekker: Nachtfahrt

Alfred Bekker: Spuk im Keller

Alfred Bekker: Das Bild des Magiers

Alfred Bekker: Das Eis-Monster

Alfred Bekker: Schwarzer Schatten

Alfred Bekker: Das Böse regiert

Alfred Bekker: Der Knochengott

Alfred Bekker: Murphy und der Köpfer

Alfred Bekker: Kein Spiegelbild

Alfred Bekker: Das Wesen

Alfred Bekker: Das Juwel von den Sternen

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Copyright

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Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

Alfred Bekker (https://www.lovelybooks.de/autor/Alfred-Bekker/)

© Roman by Author / COVER STEVE MAYER + Baron Grad

© dieser Ausgabe 2020 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

Folge auf Twitter:

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Von Dunwich bis Innsmouth

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Michael Minnis

Von Dunwich bis Innsmouth

UUID: 9f1d2626-abc8-457a-b011-95b0adb35b04

Dieses eBook wurde mit StreetLib Write (http://write.streetlib.com) erstellt.

Table of Contents

UPDATE ME

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Von Dunwich bis Innsmouth

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von Michael Minnis

––––––––

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Der Umfang dieser Geschichte entspricht 351 Taschenbuchseiten.

––––––––

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Sie ergriff meine Hand, zog mich mit sich an den Straßenrand, so dass wir zwei kleinen, zusammengekauerten, ängstlichen Kindern glichen, die vom verrückten Tanz des Windes und der verkrüppelten Bäume heimgesucht wurden.

Die fahle weiße Sonne schaute hinter einem Bollwerk aus Wolken hervor, aber selbst ihre Anwesenheit war kein Trost – „Sieh es nicht an“, flüsterte Sarah.

Die Sonne?“

Der Himmel. Sieh ihn nicht an. Es ist der Ort, wo sie herkommen. Der Himmel. Die Luft. Sie sehen alles. Er sieht alles ...“

Sarah?“, fragte ich erschrocken. „Sarah, was geht hier vor?“

––––––––

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Der erschrockene Erzähler, der von namenlosen Schrecken in Dunwich in der Geschichte Das Mädchen, das im Kreis lief berichtet, bildet den Auftakt zu einem Reigen neuer Erzählungen und Novellen.

Andere beschwören namenlosen Schrecken einer apokalyptischen Zukunft herauf oder erzählen neue phantastische Abenteuer aus dem Lande Averoigne, einem fiktives Gegenstück zu einer historischen Provinz in Frankreich.

Dieses Buch beinhaltet die Novellen und Erzählungen:

Michael Minnis: Zu Ende gebracht

Michael Minnis: Ein wenig Farbe auf die Wange

Michael Minnis: Ich gehe auf dem schwarzen Rand der Welt

Michael Minnis: Das Mädchen, das im Kreis lief

Michael Minnis: Ein Schrank aus Innsmouth-Holz

Michael Minnis: Die Kleinen und die Großen

Michael Minnis: Der Monstervogel der Stadt Cordeliers

Michael Minnis: Es kommt näher

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Copyright

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Ein CassiopeiaPress Buch CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

Alfred Bekker (https://www.lovelybooks.de/autor/Alfred-Bekker/)

© Roman by Author

Übersetzung/Bearbeitung: Jörg Martin Munsonius

© dieser Ausgabe 2020 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

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Zu Ende gebracht

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von Michael Minnis

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Originaltitel: FINISHING MOVE

Übersetzung/Bearbeitung: Jörg Martin Munsonius

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1

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Es ist immer derselbe Traum.

Ich bin wieder in Boston, wieder oben auf der Tobin Bridge.

Ich stehe hier, am höchsten Punkt über dem Wasser, gleich hinter der Leitplanke. Es ist nach Sonnenuntergang, es ist dunkel – ich kann die Schornsteine auf der anderen Seite kaum noch sehen. Und es ist sehr windig, böig bis zu dem Punkt, an dem ich Schwierigkeiten habe zu stehen und mein Gleichgewicht zu halten.

Ich will nicht fallen, was ironisch ist, denn ich war eine Stunde lang dort oben und habe den Mut zum Springen irgendwann verloren.

Ungefähr in dem Moment, in dem ich endlich entschieden habe, dass das Leben völlig unerträglich ist, und dass es Zeit ist, es zu tun, ergreift jemand das Wort.

Träger männlicher Bariton, leichter Akzent.

Die Stimme eines geborenen Besserwissers.

„Gehen Sie mit den Füßen voran“, sagte er.

„Was?“, fragte ich verdutzt.

„Mit den Füßen voran übertreten, Chef“, antwortete er. „Wenn man von so hoch oben auf den Bauch fällt, ist es, als würde man auf Zement aufschlagen. Ich dachte, das würde Sie interessieren.“

Ich brauche ein oder zwei Augenblicke, um ihn zu erkennen.

Er sitzt weiter oben, inmitten der Eisenkonstruktion der Brücke, die Hände gefaltet, die Ellbogen auf den Knien, bequem und unbekümmert, das lange, verwitterte Gesicht wie eine Klippe, die von der See zerfurcht wurde, die paläolithische Stirn über einer edlen Nase, die langen Beine, die langen Arme, alles an ihm wirkte irgendwie lang.

Er trug eine etwas schäbige, fleecegefütterte Jeansjacke.

Und Motorrad-Stiefel.

Über zwei Meter groß, denke ich, wenn nicht noch mehr. Und ich habe absolut keine Ahnung, wie er da hochgekommen ist.

„Oh. Uh, hey“, antworte ich.

Toll.

Genau was ich wollte, Gesellschaft.

Er nickte, bot ein kleines Lächeln an.

„Ich heiße Bormann“, sagte er.

„Bormann? Wie dieser Nazi in Südamerika?“

Er lachte, ein kratziges, tiefkehliges Glucksen aus seiner Kehle. Es klingt eher wie Kies, der eine Metallrutsche hinabgleitet.

Mutter Gottes, aber das Wasser ist weit, weit unten.

10 ... 9 ... 8 ... 7 ... Ich beginne den Countdown erneut, dies ist ungefähr das tausendste Mal, dass ich nicht in mein nasses Grab unter mir gesprungen bin.

„Also ... wie ist Ihr Name, Chef?“

Verdammt noch mal. Jetzt muss ich wieder ganz von vorne anfangen.

10 ... 9 ...

„Hey, ich wollte nicht respektlos sein, wenn es um den Chef geht. Es ist nur so eine Angewohnheit von mir, dass ich Leute sofort einordne, wenn ich sie treffe, wissen Sie? Leichter sich daran zu erinnern. Vor allem, wenn die Kerbe echter ist als der Name, wenn man meinen ...“

„Erlauben Sie?“

„Äh, okay. Nichts für ungut. Es ist mir nur gerade eingefallen.“

„Ja, nun, ist Ihnen in den Sinn gekommen, dass ich gerne etwas Privatsphäre hätte?“

Bormann schaut verwirrt drein.

„Huh. Wow. Ich schätze, ich wusste nicht, dass dies eine Selbstmord-Zone ist. Achten Sie auf fallende Leute, ja?“

Er kichert wieder.

10 ...

„Sie haben doch das Schild der Suicide Prevention Hotline gesehen, oder? Denn ich kann sie anrufen, wenn Sie wollen. Ich habe mein Handy gleich hier. Rufen Sie 1-800 an!“

Er beginnt auf die Zahlen zu tippen.

„Tun Sie es nicht!“

„okay, okay. Nichts für ungut, Chef.“

Seine Fersen klopfen gegen Metall.

„Warum machen Sie das überhaupt?“, fragte er unschuldig.

„Geht Sie nichts an.“

„Stimmt, aber das kann die Sache anderer Leute sein, Chef. Ich meine, haben Sie keine – Scheiße – Freunde? Familie? Sie wissen schon, Verpflichtungen? Hier geht es nicht nur um Sie. Bei Weitem nicht.“

„Wann habe ich gesagt, dass es nur um mich geht? Hm? Wann genau habe ich das gesagt?“

„Mussten Sie nicht. Das weiß ich. Ja, ich weiß. Kleine Miss Drama Queen. Das Leben ist zu viel für mich, o je, o je, o je. Das Rätsel des Daseins, oh je! Und so heißt es: Fickt euch, Verlierer, ich checke aus. Ich hoffe, es macht euch nichts aus. Aber wenigstens erschießt ihr euch nicht selbst und hinterlasst einen Saustall, das gebe ich zu.“

Ich beschließe, dass ich genug von diesem Arschloch und seinem scheiß Gequatsche habe.

Er wird persönlicher ...

„Was zum Teufel willst du überhaupt? Ich meine, ernsthaft, Kumpel, was soll der Scheiß? Willst du dir deine Flügel verdienen oder was?“

Und dann kommt eine Veränderung über Bormann.

Er grinst.

Seine Lippen teilen sich wie eine aufkommende Wunde, und es gibt so viele weiße Zähne, die, wie ihr Besitzer, sehr lang sind.

„Flügel? Ich fürchte nein, Chef. Aber ich habe meine Reißzähne bekommen, falls du dich das fragst. Willst du sie sehen?“

Und dann stürzt er sich auf mich.

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2

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Ich weiß, wann Nina in den Club gehen will, weil sie immer Dutzende von Kerzen anzündet.

Fette Kerzen, dünne Kerzen, große Kerzen, kleine Kerzen, schwarze, weiße, violette, rote Kerzen, eine nach der anderen und dann die nächste ...

Sie tut dies so lange, bis der verlassene Lagerkeller, den wir tagsüber bewohnen, in einen quasi-religiösen, unterirdischen Kathedralenschein getaucht ist. Fraidy behauptet, dass sich das flackernde Licht negativ auf sein Videospiel auswirkt. Wenn dem so ist, kann ich das sicher nicht sagen, denn er schlägt mich immer wieder, egal was wir auch spielen.

„Du wirst das Ding wirklich nicht im Club tragen, oder?“, frage ich.

„Äh, nun, ja. Schottenröcke sind im Moment so was wie das Gothic-Ding, weißt du?“

Nina hat einige Freunde eingeladen. Es würde mir nicht so viel ausmachen, wenn sie nicht Volchata wären, was russisch für „kleine Wölfe“ ist, wie Nina mir erzählt.

Die Volchata sind Ninas alte Vampirbande aus New York. Sie bleibt mit ihnen in Kontakt. Scheußliche Outfits.

Meistens Mädchen.

Stark militarisiert.

Sie kämpfen mit den anderen Vampirbanden, den Vandalen und den Pechenegs, um Respekt, Territorium und die schiere Wut.

Glücklicherweise ist es kein Wiedersehen, nur zwei enge Freunde, die vorbeikommen. Das sind Kathy „Kat“ Mullins und Penelope Constance Wagstaffe, alias „Das blonde Biest“, alias Penny Dreadful.

Kat mag ich, Penny mag ich nicht.

Penny ist eine hochrangige Hardcore-Volchata – diese kleine Blondine, die sich so kleidet, wie sich Models kleiden würden, wenn die Vogue einen paramilitärischen Flügel hätte.

Ihre Hauptausrüstung ist neben einem Übermaß an Silber- und Türkisschmuck dieser enorme Pelzmantel und die riesige Pelzmütze der sibirischen Variante, auf die dieser verdammt unheimliche silberne Totenkopf gesteckt ist.

Ich spreche von echtem Waffen-SS-Todeskopfschwachsinn.

Ihre Serienmörderaugen sind mit Kajal umrandet.

Ihre Ohrringe sind Miniatur-Guillotine-Klingen.

Auf ihrer linken Wange ist der blaue Punkt von Borstal, einer Besserungsanstalt für Straftäter in England. Auf dem Handrücken bei den Fingern sind einzelne Großbuchstaben tätowiert, die an und für sich nichts bedeuten, bis sie die Hände zusammenfaltet.

Das Ergebnis wird dann, wie ihre sinnlose Schneiderei, zu einem böswilligen Ganzen: U ARE MINE.

Das Stiefelmesser der Luftwaffe und der Spazierstock, den sie trägt (der Griff des letzteren stellt einen sexuellen Akt in allen Einzelheiten dar), sollen den Punkt – und die Körper – wenn nötig unterstreichen. Und was den Spitznamen betrifft, so ist er ein Hinweis auf ihre bevorzugte Methode, einen Kampf zu eröffnen – indem sie eine Handvoll kantengeschliffenes Kleingeld ins Gesicht des Gegners schleudert. Wie ich schon sagte, Hardcore.

Kat ist nicht annähernd so zickig-zickig wie Nina oder so unheimlich-psychotisch wie Penny; sie ist ein Pullover-Mädchen, in der Art von Goya. Meistens begleitet sie nur die anderen beiden, um zu sehen, was passieren wird, um zu sehen, was für sie dabei herausspringt.

Sie ist jedermanns Zigaretten rauchende unechte Schwester – Kat mit ihren verschmierten kleinen Augenbrauen und winzigen weißen Porzellanpuppenhänden, ihren freakig-kleinen Kindergartenkinderfüßen und ihren cartoonhaften Riesenbrüsten.

Ich schwöre, es muss sich um eine DD oder so etwas handeln – Kat mit ihrer zierlichen lila Schleife, den gestreiften lila-rosa Oberschenkelstrümpfen, dem schwarzen Shag-Schnitt und dem schwarzen gebrochenen Herz, das auf ihren Hals tätowiert ist, genau dort, wo es zucken und springen und schlagen würde, wenn sie einen Puls hätte.

„Freundin!“, ruft Nina aus, als sie endlich ankommen.

„Liebe!“ Penny hat vor einiger Zeit einige Zeit in London verbracht, wissen Sie, und jetzt spricht sie fließend Cockney.

Jeder ist „Love“, „Guv‘nor“ oder „You Fucking Wanker“.

Wie die Models machen sie den schnellen doppelten Luftkuss: smack-smack.

Dasselbe gilt für Kat: Smack-smack.

„Da ist ja mein Lieblingsvampir!“, ruft Kat aus. Sie plustert sich auf und klettert auf die Couch, um mich zu umarmen. (Kat ist sehr weich, fühlt sich aber seltsam kühl an, wie ein Kissen im Schlafzimmer).

Fraidy nutzt meine momentane Ablenkung aus, führt seinen letzten Zug aus und gewinnt das gottverdammte Scheißspiel, schon wieder.

„Oh, um Himmels willen!“, rufe ich.

„Nun, ich freue mich auch, dich zu sehen“, sagt Kat.

„Hm? Oh, Entschuldigung. Hi.“ Ich küsse sie flüchtig auf die Wange.

„Sieh dir das an: Die launischen Brüste und die psychotischen Pelze – auf Tournee“, sagt FC. „Holen Sie sich jetzt Ihre Tickets.“

„Willst du deine gelocht haben?“, antwortet Penny schnippisch.

„Wie läuft das Spiel?“, fragt Kat mich ungerührt. Das Ende ihrer Zigarette glüht.

„Ich werde hier vom Angsthasen in den Arsch getreten. Willst du es versuchen?“

„Nein, ich mag wirklich keine Kampfspiele.“

Fraidy beginnt ein neues Spiel und macht Vorschläge: „Vielleicht solltest du es mit einem anderen Kämpfer versuchen. Probieren, probieren, ähm, das Matrosenmädchen mit dem kurzen Rock, man sieht es nie kommen. Sie überlistet dich total.“

„To-tal“, sagt Kat und bläst Rauch kunstvoll in die Luft.

Die Mädchen kichern.

Das irritiert FC.

„Nun, ja, wie in deinem Fall, Mullins, wäre es aus – äh, na ja, du weißt schon.“

„Was? Titten?“, frage ich.

Nina und Penny lachen. Kat kneift mich in den Arm.

„Au! Nicht, ich bin empfindlich!“

„Dann genug Tittenwitze.“

Auf dem TV-Schirm brach ein Blutbad aus.

Penny berührt mit ihrem Stock den Kilt von FC.

Sie stellt ihre Frage nicht so sehr, sondern spöttelt sie nur höhnisch – es ist etwas, das sie in der guten alten unbeschwerten zeit von den Fußball-Hooligans aufgeschnappt hat.

„Warum trägt der idiotische Nerd einen Rock?“

„Ähm, entschuldige mal, das nennt man einen Kilt“, antwortet Fraidy mit großer Autorität.

„Das ist die Sache mit den Gothic-Typen, falls du dich das gefragt hast. Nicht das, nicht dass du es überhaupt wüsstest, Penny, weil du nicht genug Grips hast.“

„Sehr. Schlechtes.Wortspiel“, sage ich betont langsam.

FC widmet sich wieder dem Spiel, um meinem derzeitigen unglücklichen Kämpfer die Scheiße aus dem Leib zu prügeln.

Ich habe noch nie jemanden gesehen, der auf einem Spielfeld schneller kämpft als er.

Aber jedes einzelne verdammte Spiel zu verlieren wird langsam langweilig ...

„Lasst uns etwas anderes spielen“, sage ich.

FC stoppt das Spiel und steht auf, um ein anderes aus seiner Sammlung auszuwählen.

Penny und Nina tauschen Blicke und ein böses, zahniges Grinsen aus.

Penny schleicht langsam und vorsichtig mit dem Ende ihres Stockes knapp über den Boden in Richtung von Fraidys Kilt.

Sie schiebt ihn weiter, vor und zurück, rein und raus, nur ganz leicht, imitiert kleine Koitusatmungen, beißt sich auf die Unterlippe, täuscht die zunehmende Unvermeidbarkeit des sexuellen Höhepunkts vor, während FC, gebückt und vergesslich wie eh und je, über seinen wertvollen Videospielen aussieht wie ein Mönch über einem handgeschriebenen kostbaren Manuskript.

Er hört nicht einmal Pennys Flüstern, ihre Stimme erhebt sich: „Ooo, ahh, fuck me oh baby, oh god, oh FC, fuck me with your big hard FINISHING MOVE!“

Und bevor Fraidy irgendetwas tun kann, dreht sie seinen Kilt mit dem Schwung eines Schwertkämpfers hoch.

Darunter ist er splitternackt.

Völlig fischbauchig-weiß mit nacktem Hintern.

Kat kreischt bei dem Anblick.

Sie springt ängstlich auf, wie ein aufgeschreckter Frosch. Seine Sammlung stürzt auf den Boden. Alle gaffen vor Erstaunen, FC ist empört.

Wir alle lachen.

„Das ist überhaupt nicht cool“, stellt FC nörgelnd fest und zeigt auf Penny.

„Krypto-sexueller Faschismus ist so gut wie nie cool. Sag einfach: Nein heißt nein. Verstanden?“

Er stürmt in sein Zimmer.

„Wenn du auf Krypto-Sex stehst, Lover, ich habe ein absolut klasse Verlies in New York“, stellt Penny klar. „Peitschen, Ketten, Fesseln, ich glaube, es wird dir gefallen!“

„Die Zustellung einer einstweiligen Verfügung trifft es wohl eher!“

Penny rollt mit ihren kalten Augen. „Er ist so ein Wichser. Warum ist das so? Guv‘nor? Hey, ich rede mit dir! Warum ist dein Wichser-Freund so ein verdammter Wichser?“

„Was? Woher zum Teufel soll ich das wissen“, antworte ich und nutze die Gelegenheit, um den unbemannten Kämpfer von FC, der kurz vor dem Abstieg steht, zu verprügeln.

„Wahrscheinlich aus demselben Grund, aus dem du ein verdammter Irrer bist.“

„Oh, ich verstehe“, spöttelt Penny, und mit dem Ende ihrer Zuhälterstange rebootet sie die Playstation.

„Hoppla!“

Verdammt, ich schwöre, ich hasse diesen verdammten Stock fast so sehr wie ich sie hasse.

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3

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Penny fährt, wie die meisten Volchata, einen Geländewagen.

In ihrem Fall ist es dieser riesige H2-Hummer.

Das Ding ist größer als ein Panzer.

Die Luftschlitze haben die Größe von Düsenturbinen. Die Volchata mögen Hummer, weil sie perfekt dafür geeignet sind, Vandalz und Pechenegs zu töten.

Tatsächlich ist das eines ihrer Spiele: Speed Bump, oder, wie es manchmal genannt wird, Peg the Neg.

Wir stürzen uns rein: Nina fährt vorne, FC, Kat und ich sitzen wirklich hinten. Innen ist der H2 plüschig – und riesig. Penny kann kaum hinein und herausklettern.

Ich pantomimiere mit einem Mikrofon in der Hand und frage mit meinem besten BBC-Akzent: „Und nach dem Himalaya, Sir Edmund, was kommt als Nächstes? Die Fußstapfen?“

Penny wirft mir einen schmutzigen Blick zu.

„Machen Sie weiter so, und ich gebe Ihnen eine Führung durch die Niederschläge.“

Damit schaltet sie die Bose-Stereoanlage ein und unterwirft alle im Inneren einer augenblicklichen klanglichen Gewalt.

Alle zucken zusammen.

Es ist so laut, dass ich es in meinen Knochen, in meiner Kehle und in der Magengrube spüre. Der Rahmen des H2 vibriert mit dem Beat. Mein Gehirn pulsiert in mitfühlender Agonie.

BWARG-ZOGGA frugg-wupp burr-ASTHORETH DEMON-throk, Gruppenführer von DOOM, brüllt irgendeinen Geistesgestörten an, über den höllischen Lärm, der von einer sehr, sehr schlechten Death-Metal-Band und all ihren Instrumenten kommt, die in einer brennenden Lokomotive über eine Klippe zu fahren scheint.

Penny macht schnell einen Rückzieher – zu schnell. In dieser engen Gasse ist ohnehin kaum genug Platz für den verdammten H2; ich warte auf das unvermeidliche Kreischen von Metall auf Ziegelstein, den weißglühenden Funkenregen, aber irgendwie manövriert sie das Ding zielsicher in der Mitte der Straße.

Schein-Kadenzen von unentschlüsselbarem Death-Metal sprudeln weiterhin wie geschmolzene Schlacke aus neun dröhnenden Lautsprechern hervor: YOGGA-ZOGG-Wardog- INCUBUS -blutsaugende Hakenkreuz-Gräueltat ...

B-BANG-BOOM-BOOM-CLANG-BANG-BANG-CRASH!

Jeder im Hummer wird durchgeschüttelt.

„Oh, verdammte Scheiße!“ Penny schreit. Sie tritt auf die Bremse. Jap. Genau wie ich vermutet habe: Wir sind rückwärts in ein Bataillon von Mülltonnen gerast.

Penny schaltet die Stereoanlage aus, springt raus, ist einen Moment weg, kommt murrend zurück, klettert unbeholfen in ihren Sitz.

„Hey, was spielst du da eigentlich? Satanischer Mülleimer?“, frage ich.

„Verpiss dich, du Wichser!“

„Das ist der Name der Band?

„Fuck Off Wanker?“

„Nun, das ergibt Sinn.“

Ha ha ha – ha HAAA, lacht Kat. Sie hat das gottverdammt lauteste, spöttischste Lachen, das man sich vorstellen kann.

Rauchend setzt Penny den Hummer wieder in Fahrt.

Sie stellt den Rückspiegel ein: Ich erhasche einen Blick in ihre grauen, starren Augen, und dann sehe ich weiter Kat.

„Spiele jetzt, Kätzchen“, sagt sie und kräuselt die Oberlippe, „denn vielleicht brauchst du später deine Krallen“.

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Es ist ein interessanter Ort, The Apocrypha.

Früher war es eine der besten Biker-Bars in Arkham, ein Ort, an den man ging, wenn man Faustkämpfe und ausgeschlagene Zähne beim Billardspielen einkalkulierte.

Eine Zeit lang war es ein Brennpunkt des lokalen Drogenhandels – heutzutage ist es eher Ecstasy als Dope. Dann entdeckten es die Studenten und überwältigten nach und nach die alternden Biker durch Hartnäckigkeit und das schiere Gewicht ihrer Menge.

Da die Clubszene in Arkham weitaus kleiner ist als die von Boston, befindet sich The Apocrypha in der wenig beneidenswerten Lage, verschiedensten Typen alles sein zu müssen, in der Hoffnung, jeden Abend so viele von ihnen zu erwischen wie nur möglich.

Sie steht laut Fraidy immer am Rande eines finanziellen Abgrunds, und es ist ihr Schicksal, ihre Türen am nächsten Tag, im nächsten Monat, oder vielleicht erst im nächsten Jahr für immer zu schließen.

Und doch ist sie jede verdammte Nacht an jedem Tag der Woche geöffnet – außer an Heiligabend.

Man kann The Apocrypha nicht übersehen; sie leuchten nachts, elektrisches Purpur und phosphoreszierendes Rosa und radioaktives Rot in der Schwärze, nicht unähnlich einigen Arten von Tiefseekreaturen, ein raues Licht, das in der umgebenden Leere schwebt.

Man spürt die Musik, bevor man sie hört, spürt, wie sie durch den Bürgersteig aufsteigt, bis in die Füße, um die Knöchel zu greifen.

Stücke und Fetzen von Papier wehen an Ihnen vorbei, durch eine unbeleuchtete Gasse. Alles ist so, wie Sie es erwarten. Es gibt immer die gleiche Skrofula von grellen, verblichenen, schnippenden Flyern an der Wand für diese oder jene Band: Alle gegen alle und Dystopie heute Abend!

Es sind immer die gleichen zwei steroidgepolsterten, perlenäugigen Schlägertypen mit Walkie-Talkies und Goldketten vor der Tür, die nach Messern suchen – Typen, die aussehen, als könnten sie einen Schulbus voller Kinder stemmen.

Mit ihren Gesichtern!

Und draußen auf dem halb beleuchteten Parkplatz steht immer der gleiche unidentifizierbare Pulk von Menschen: männlich und weiblich, jung und laut und profan, die sich streiten, tratschen, lachen wie Hyänen, laut in ihre Smartphones sprechend.

Ich würde sagen, dass der Duft von Kölnischwasser und Parfüm schwer in der Luft liegt, wenn dieses Gemisch das Wort „Duft“ verdienen würde, aber es ist definitiv viel mehr als das.

Ein Geruch ist das, ein Moschus, ein „Duft“ von fast körperlicher Präsenz, vermischt mit dem von Alkohol und Zigarettenrauch und – wenn es in letzter Zeit geregnet hat – nassem Müll. Seltsamerweise stößt er weder ab, noch macht es den Ort unattraktiv.

„Seht euch das an“, sagt Nina und deutet auf eine wacklige, schäbige Gestalt in einem zerlumpt aussehenden Pullover und einer billigen Windjacke. Sie steckt zwei Finger in den Mund und gibt einen durchdringenden Pfiff von sich.

„Bakehead!“

Bakehead trabt auf uns zu; na ja, er schlurft, wirklich.

Jahrelanges Trinken, Drogenmissbrauch und das Leben im Freien bei jedem Wetter haben seine motorischen Fähigkeiten beeinträchtigt, ganz zu schweigen von seinen geistigen.

Er fungiert als Ninas Augen und Ohren. Er weiß, dass sie untot ist, dass sie ein Vampir ist, und er betet sie an. Er betet sie einfach absolut, wirklich absolut an.

„Da ist sie, da ist sie, yes Ma‘am, my foxy lady“, sagt Bakehead grinsend und enthüllt die Lücke zwischen seinen Hasenzähnen.

Sein brauner Bart ist wie spanisches Moos. Er ist nur etwa dreißig Jahre alt, sieht aber aus wie fünfundfünfzig.

Er wackelt mit seinen dürren, halb-arthritischen Fingern und gackert.

„Meine Königin der Toten, mmm-hmm!“

„Ja, X-X-O-O auch für dich, Bakehead. Also, hast du in letzter Zeit etwas Interessantes gesehen? Irgendwas wirklich Interessantes gesehen?“

Immer, wenn Bakehead wichtige Neuigkeiten zu vermitteln hatte, machte er unweigerlich Folgendes: Er schlurfte langsam zwei oder drei Schritte rückwärts, sein Kopf fiel auf die Brust, und seine Arme winkelten seitlich ab. Seine ausgestreckten Hände erhoben sich etwa auf Augenhöhe und begannen halb zu winken, halb zu flattern, eine Bewegung irgendwo zwischen einem Salaam und einem Ruf nach Ruhe.

„Oh, ja, mmm-hmm, ja, sicher doch, ja, in der Tat, Ma‘am, mmm-hmm, oh ja, oh ja.“

„Was zum Beispiel?“

„Ich hätte schwören können, dass ich vor nicht allzu langer Zeit einige Vandalz-Jungs durch die Stadt fahren sah, ja, Ma‘am. Ich sah sie dort drüben auf der West Street, vor nicht allzu langer Zeit. Sie sahen aus wie Mock und V-Dawg, das stimmt, und auch Toon, der Typ mit dem, sagen wir mal, Halsproblem, mmm-hmm.“

„Scheiß auf den Vandalz.“

„Oh ja, mmm-hmm, ich höre Sie. Und das ist noch nicht alles, das ist noch nicht alles. Ich habe Grund zu der Annahme, dass sie Spione haben, die im Inneren arbeiten, ja, Ma‘am, direkt in dem alten The Apocrypha selbst, möglicherweise. Old Bakehead denkt, sie könnten Ihnen auf der Spur sein, Ma‘am, könnten wissen, dass Sie im Niemandsland sind, in der DMZ der Vampirbande, sagen wir mal, mmm-hmm, in direkter und strafbarer Verletzung des Protokolls.

„Scheiß auf das Protokoll“, zischt Nina.

„Mmm-hmm, mmm-hmm.“

Gedankenverloren kaut Nina auf ihrer Unterlippe.

„Ähm, ich dachte, wir wollten heute Abend nur ausgehen“, sage ich betont unschuldig.

„Ja, vielleicht sollten wir ... zurückgehen“, überlegt Kat laut.

„Niemand geht irgendwo hin, außer zu The Apocrypha“, antwortet Nina und erhebt ihre Stimme. „Verstanden? Also redet keinen Scheiß. Und wenn wir zufällig auf irgendwelche Vandalen-Wichser stoßen, ist das deren Problem.“

„Du überlässt sie mir, Liebes“, sagt Penny trocken.

Kat ist nervös; das kann ich daran erkennen, wie sie nach ihren Zigaretten fummelt, eine für sie und eine für Penny.

„Scheiße, wo ist mein Feuerzeug?“, fragt Kat ungeduldig.

„Hast du ein Streichholz, Guv‘nor?“, Penny fragt Bakehead. „Hilfst du einem Mädchen, einen Stängel anzuzünden?“

Bakehead schlurft zwei Schritte zurück, beginnt die Hände auszustrecken.

„Jetzt warte mal, warte mal, Blondie, Old Bakehead hat ein paar Probleme, o ja, er trinkt vielleicht zu viel, er spritzt vielleicht zu viel, er ist sogar ein Spion für die lebenden Toten, mmm-hmm, aber er wird kein Teil deines Hassverbrechens sein.“

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An der Tür filzen uns die Türsteher und durchsuchen uns nach Waffen. Nicht, dass Nina etwas vor sich selbst verbergen könnte; in ihren Motorradklamotten und D-Square-Hosen ist sie so eng geschnürt, wie es nur geht. Volllederjacke.

„Hey, das ist cool, Mann“, sagt Nina zum Türsteher, „wir haben unsere Ausrüstung im Humvee zurückgelassen. Wir haben jede Menge davon, nur für den Fall, dass sich jemand mit uns anlegen will.“

„Wie auch immer, Doo-Rag“, antwortet der Türsteher gelangweilt.

(Das stimmt nicht ganz; Penny hat ihr Kleingeld griffbereit).

Im Inneren von The Apocrypha ist es schwarz und zinnoberrot und eisblau.

Auf Overhead-Halterungen blitzen mehrere gigantische Bildschirme das gleiche Bump‘n‘Grind-Musikvideo im orwellschen Zwei-Minuten-Hass-Unisono.

Ich höre keine einzige Note davon über die schmetternde Stereoanlage.

„Personal Jesus“, von Depeche Mode.

Die Leute schreien im Getöse, direkt in die Ohren der anderen.

Es ist noch relativ früh, und es gibt noch Raum, um sich frei zu bewegen, es gibt nur ein paar verstreute Seelen oben an der Bar und anderswo, die herumschwirren. Der Platz wird sich später füllen. Das tut er immer.

FC, der immer noch irritiert auf uns wirkt, begibt sich sofort in den Keller, der als Tanzfläche dient. Nina, Penny und Kat arrangieren sich derweil in einem Keil; Nina vorne und die beiden anderen flankieren sie.

Sie verbreiten diese seltsame Geheimpolizei-Atmosphäre, die alle ein wenig auf Distanz hält, das Gefühl, dass mit ihnen nicht zu spaßen ist, dass sie nicht behindert und ihr Weg nicht gekreuzt werden soll.

Die Menge ist derweil strikt banal – Städter, die das probieren, was sie für den ersten Kreis der Hölle halten, Scharen von Büroangestellten, die an süßlichen Mixgetränken nippen, College-Boys, die glauben, dass ein Ständchen „You‘ve Lost That Loving Feeling“ für dämliche Mädchen aus der Studentenverbindung so verdammt cool ist: Mann, das hättest du sehen müssen, weißt du? Ein Fleischmarkt voller Großmäuler, Saufbrüder, Träger rückwärtsgewandter Baseballcaps und Schürzenjäger – aber kein Vandalz.

An der Bar sitzt Nina und schlägt mit ihren Handflächen einen fröhlichen kleinen Marschrhythmus auf dem polierten Holz. Ich sitze neben ihr.

Kat und Penny gehen in Richtung Toilette, um ihr Make-up zu überprüfen.

„Was ist denn plötzlich mit dir los?“, rufe ich über das Geschrei.

„Hm?“

„Du warst auf dem Parkplatz ziemlich sauer. Jetzt wirkst du glücklich.“

„Oh, das. Ich bin glücklich, weil ich Lust habe zu kämpfen. Heute Abend wird es gut werden. Ich hol mir was, weißt du?“

Nina lehnt sich etwas vor.

Ihr Ton ist vertraulich und wissend. „Ist dir zufällig der Typ am anderen Ende der Bar aufgefallen? Der unbeholfene, aber irgendwie unbequem aussehende Kerl, halbwegs süß? Nein? Nein, natürlich nicht. Nun, ich habe ihn bemerkt. Wie ich schon sagte, ich hol mir was.“

„Wirklich?“

„Ja, das ist die Wasserstelle, diese feinen Leute sind Zebras, und ich bin der Löwe.“

„Löwin, meinst du.“

Nina wirft mir einen Blick zu. „Ja, okay, gut. Löwin.“

Hatten Sie jemals einen dieser Momente echter Einsicht? Ich hatte ihn in genau diesem Moment, und die Einzelheiten standen Nina ins Gesicht geschrieben. Sie ist nicht hübsch, zumindest nicht im herkömmlichen Sinne, nicht wie, sagen wir mal, Kat, aber trotzdem irgendwie verführerisch – hart und teilnahmslos und eifrig und weitaus potenter. Dunkle Brauen, stumpfe Nase, volle Lippen, Rahmen aus schulterlangem Haar, die Augen nach vorne gerichtet und scharf, und nichts fehlte in diesem bleichen Gesicht, von endlosem Raubtier, dem von Begierde an einen schneidenden Obsidianrand gebrachte Gesicht eines Wolfes. Gesicht einer Löwin!

„Ja, ich denke, das kann ich sehen. Zu was macht mich das also?“

„Verdammt, ich weiß es nicht. Schakal, vielleicht. Oder mehr wie ein Mistkäfer, da es so aussieht, als würdest du dich immer in meine Scheiße einmischen.“

Nina lacht und zerzaust mir die Haare.

„Tu‘s nicht!“

„Entspann dich, Pferdeschwanz.“

Ratt-a-tat-tat-tat-Klatschen auf den Tresen.

„Und willst du jetzt schon mit dem Handknochen abklopfen?“, frage ich.

Eine Handfläche an meiner Stirn – Ersatz-Becken – beendet Nina‘s hektisches Trommeln: „Kissshhhhh! “

„okay, welchen Teil von nicht verstehen verstehst du nicht?“, frage ich brummig.

Und wie aufs Stichwort kommen Penny und Kat zurück.

„Sieh dir das an“, sage ich mit einem sarkastischen Lächeln, „ich bitte den Barkeeper um ein paar Nüsse, und da sind sie.“

„Oh, Manny, sei nicht gemein“, sagt Kat.

Sie umarmt mich von hinten, schaukelt leicht von einer Seite zur anderen, und ich lehne mich sanft an sie an.

„Ganz ehrlich, warum bist du in letzter Zeit so gemein?“

Aus nächster Nähe ins Ohr zu schreien – wie ein Soldat unter Beschuss – wird langsam mühselig, also zucke ich mit den Achseln.

„Ich werde dir sagen, warum“, stellt Penny fest und kommt mir ganz nah. „Es ist, weil dein grummeliger Gesichtsausdruck einen richtigen Pappa-Schmatzer braucht, deshalb.“

„Ja, jederzeit, fromme Penny.“

„Oh, das würde ich gerne, Guv‘nor. Du weißt ja, was man sagt: Gewalt ist das neue Durchsetzungsvermögen.“

Nina klopft Penny auf den Arm.

„Hast du Lust, den Tank aufzufüllen?“, fragt Nina. „Dann komm mit mir. Kat, du bleibst hier, okay?“

Und los geht‘s.

Ich beobachte, wie sie den „Ahnungslosen Joe“ einklammern – ein üblicher Vampirname für jedes männliche menschliche Opfer – Frauen sind „Unschuldige Janes“ oder abgekürzt UJs –, der eine Art Künstlertyp mit langen Haaren und einer Brille ist.

Von rechts überrascht ihn Nina sanft, indem sie ihren Arm um seine Schultern legt; Penny nimmt den Platz zu seiner Linken ein, nur für den Fall, dass er nervös wird und zu gehen versucht. AJ ist zunächst misstrauisch.

Nina legt sich ins Zeug, redet, scherzt, alle lachen, reden noch ein bisschen mehr, Penny zeigt ihre tätowierten Finger, Joe ist beeindruckt, Nina spendiert allen Getränke.

„Das ist nicht fair“, stellt Kat fest.

„Nein, ist es nicht. Zwei gegen einen, das ist doch Blödsinn.“

„Nein, ich meine, dass ich immer zurückbleiben muss. Das ist nicht ...“

„Es ist, weil sie eifersüchtig auf dich sind. Du bist hübscher als sie.“

„Du bist süß. Aber hübsch zählt bei der Volchata nicht viel. Es geht darum, wie hart du bist, oder ein Psycho. Ich bin weder noch. Und sie haben es langsam satt.“

Kat hat Recht. Aber, Jonathan Harker und die seltsamen Schwestern mal beiseite gelassen, zwei Vampire pro Opfer ist im Allgemeinen die Grenze, wenn es um die Ernährung von Vampiren geht. Bei drei Vampiren könnte ein Kampf darüber ausbrechen, wer sich bei einem Biss ins Handgelenk oder, schlimmer noch, in die Innenseite des Oberschenkels verfängt.

Nina hat ihre Hand auf dem Knie des Mannes.

Er spricht jetzt, wahrscheinlich über sich selbst, wie die meisten Typen, wie alle Typen: Ja, ich / arbeite im technischen Support/ spiele Rugby/ bin ziemlich cool mit einem Dreier/ kann euch kleinen Engeln helfen, eure Flügel zu bekommen, jetzt wo ihr es erwähnt, blah-fucking-blah.

Alter, Zebra, Beute, denen ist es egal, wer ihr seid oder was ihr denkt, ihr seid ihr Hit, ihr High-Sein, ihr Essen; ihr werdet an einem kalten, dreckigen Ort zu euch kommen, benommen, ausgelaugt, schwach und verwundet; und danach werden sie immer wieder zu euch kommen ...

„Mit den Füßen voran, Chef“, sage ich zu niemandem im Besonderen.

Kat entzieht sich meinen Griff.

„Bleib cool“, meine ich trocken. „Du bleibst besser hier hinten bei mir.“

Kat schmollt ein wenig, aber sie weiß es besser. Sie weiß, dass sie geschlagen wird, wenn sie die Dinge unterbricht, besonders da Nina jetzt zwischen den Beinen von AJ steht, Stirn an Stirn, die Hände auf seinen Oberschenkeln, während Penny unruhig mit ihrem Finger die Kurve seines Ohres nachzeichnet.

Es wird schnell passieren – es gibt einen letzten kalten verstohlenen Blick und ein nachsichtiges Nicken von Nina, und Penny vergräbt ihr Gesicht in Joes Hals.

Wie hypnotisiert beobachtet sie Penny mehrere Momente lang beim Saugen. Und dann bürstet Nina Joes Haare aus seinem Nacken, bringt ihre Lippen nahe ...

„Sieh nur, was sie ihm antun“, betont Kat schmollend.

„Gott, ist das heiß. Es ist so verdammt heiß! Manny, lass mich gehen, bitte!“

Sie zieht noch stärker.

Problem mit Kat, Gott segne sie und alles andere, ist, dass sie der gierigste kleine Blutsauger ist, den man sich vorstellen kann. Sie hört nicht auf, bis sie zum „Stehkragen voll ist“, ihre Backenzähne in Blut schwimmen, die Nadel über VOLL geht, die Spitze abspringt, was auch immer.

Wenn sie auf Joe losgelassen wird, ist er ernsthaft am Arsch.

„Manny! Manny, bitte!“

„Komm, lass uns nach unten gehen“, betone ich nachdrücklich.

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Ich tanze wirklich nicht gerne, und es braucht viel, um mich auf die Tanzfläche zu bringen. Unlife, das Leben als Vampir hat mir zwar gewisse Kräfte verliehen, aber offenbar wenig dazu beigetragen, mein Rhythmusgefühl zu verbessern.

Was es noch schlimmer macht, ist, dass Kat eine jener Tänzerinnen ist, die unabhängig von Lied oder Tempo immer gerade gut genug ist, um ihren Partner etwas schlechter aussehen zu lassen. Und doch besteht Kat darauf, dass ich ein guter Tänzer bin.

Seltsamerweise tut Nina das auch.

Vielleicht, aber ich glaube, sie sagen das, um mich in Bewegung zu bringen.

Ich nehme an, ich könnte wie FC tanzen; er ist jetzt gerade da draußen, wo es etwas voller ist, als ich erwartet hatte. Die Leute winden, drehen und schaukeln sich, aber niemand kommt FC nahe, dessen Stil am besten als Wikinger-Berserkergang beschrieben werden könnte, wie er auf den modernen Tanz angewandt wird.

Ich schwöre, er fällt in Trance.

Er schließt die Augen und beginnt, sich wild wie ein Derwisch oder ein anderer religiöser Ekstatiker zu bewegen, in all seiner mit Doc-Marten-Schuhen bekleideten Herrlichkeit, zu einem inneren Rhythmus, der die äußere Welt nur tangential berührt.

Doch irgendwie gelingt es ihm trotz all seiner Wildheit, jeden physischen Kontakt zu vermeiden. Und es ist nicht so, dass die Menschen sich bemühen, ihm auszuweichen.

Nicht wenige von ihnen scheinen entweder amüsiert oder fasziniert von seinen Drehungen zu sein.

Erst wenn die Musik klirrend und aggressiv wird, wird FC wirklich auf die Probe gestellt; der Boden von The Apocrypha wird so etwas wie ein Moshpit Tanzkreis) für die Pogotänzer

Die Menschen stoßen und stoßen aufeinander wie Teilchen in einem Teilchenbeschleuniger, und FC schafft es irgendwie, stets mittendrin zu sein und immer und immer wieder getroffen zu werden. Er provoziert die Menge und treibt sie unbewusst an – eine Art seltsame fröhliche Gewalt, ein unterbewusstes Gruppendenken, bei dem es nur ein Ziel gibt: Jeder bekommt den fuchtelnden Außenseiter irgendwann ab.

Selbst die kleinsten und dünnsten Mädchen stürzen sich rücksichtslos auf ihn.

Aber sie schlagen ihn nie zu Boden; er ist einfach verdammt wendig, er schafft es immer wieder, eine Hand auszuhebeln, an einem anderen Körper abzuprallen, sich weiterzuschieben, zu erholen und seine selige Qual bei allen Treffern in sich aufzunehmen.

Und doch, einer nach dem anderen greifen sie ihn unverhohlener an, denn wer will es nicht mit dem Büßer, dem Asketen, der guten Seele aufnehmen, der nie im Zorn zurückschlägt?

Ich dachte immer, die Dämonen, die auf den heiligen Antonius hämmern ( in diesem gruseligen Stich von Schongauer), sehen aus, als hätten sie eine verdammt gute alte Zeit.

„Hey, lasst uns alle versuchen, mit Mac Big‘n Weird da draußen ein bisschen sachte umzugehen, okay?“, bittet der DJ höflich.

„Lieber Gott, ich hoffe, er trägt dieses Mal Unterwäsche“, stoße ich hervor.

„Ich schätze, all diese Videospiele sind sehr nützlich“, meint Kat. Sie schaut sich FC Mosh an. „Denkst du manchmal daran, tot zu sein?“

„Was? Du meinst Unlife?“

„Nein. Einfach nur tot.“

„Nein. Warum fragst du?“

Kat zuckt mit den Achseln. „Willst du moshen?“

„Nein.“

„Warum nicht?“

„Es kann da draußen rau werden. Außerdem erfordert es persönliche Dämonen, die weniger sesshaft sind als meine. Ich sage, wir setzen uns.“

„Sitzen? Alles, was wir getan haben, seit wir hier sind, ist sitzen.“

„Und? Ich habe wirklich keine Lust auf dieses Agincourt-für-Dummies-Zeug da draußen. Im Ernst, das bin ich nicht.“

Kat rollt mit den Augen.

„Wenn es nach mir ginge, wären wir jetzt alle in der Drogerie, wo wir die ganze Nacht verbringen. Ja. Fraidy und ich lesen uns die Männer-Magazine durch, ihr Mädels kauft Make-up – ihr wisst schon, welches ich meine, das, wo sie immer dieses seltsame Drehleiermann-Lied spielen, wenn ihr reinkommt.“

Kat seufzt laut.

„okay, hör zu – warum legst du nicht einfach deine Arme um meinen Rücken, wie du es sonst tust, und siehst ganz launisch und wollüstig aus, okay, und wir können das geheimnisvolle Paar sein, das jeder insgeheim beäugt und beneidet. Bereit?“

Was ich stattdessen bekomme, ist ein plötzlicher Kniff von Nina.

„Hör auf damit, Nina.“

„Touch-eee“, sagt sie.

„Zieh dir das rein, Dummkopf. Jackpot.“

Sie präsentiert mehrere Plastikkarten.

„Mastercard, Visa, American Express, ATM-Debitkarte – alles außer seiner Wählerregistrierung. Das Arschloch war geladen.“

„Reicher kleiner College-Wichser“, fügte Penny hinzu. „Er sagte, ich könnte sie haben. Du weißt, wie das ist.“

Nina zwinkerte.

„Er ist doch nicht tot, oder?“, frage ich etwas beunruhigt.

„Was? Nee, er wird schon wieder, er ist nur ein bisschen – etwas daneben, weißt du“, antwortet Nina.

Penny grinst: „Wir haben ihn auf dem Klo gelassen. Er soll seinen Kopf auf schönes, kühles Porzellan legen, der Arme.“

„Ja, schade, dass es das Pissoir war“, kommentierte Nina, und sie und Penny lachen.

„Vielleicht sollte ich nach ihm sehen“, meinte Kat.

Ich nehme sie am Handgelenk. „Bleib, wo du bist.“

Penny zieht ein Gesicht. „Ooo, keine Milch für‘s Kätzchen.“

Sie lachen über Kat. Das tun sie oft.

Nina klopfte mir auf den Arm. „Hey, hast du Vandalz gesehen? Sieht für dich jemand verdächtig aus?“

„Nein, nicht wirklich.“

Nina nickte. „Gut. Ich habe dem Barkeeper zweimal einen Blick in die Runde werfen lassen, aber er hat ausgecheckt. Die Türsteher auch. Keine Spur von Toon oder V-Dawg oder Mock oder irgendeinem von ihnen. Irgendwie seltsam, findest du nicht?“

„Ist Irgendwie praktisch“, sage ich.

„Und ... wie hat er geschmeckt?“, fragte Kat neugierig.

„Orgiastisch“, antwortete Penny und zog das Wort mit einem halb liebenswürdigen, halb abstoßenden Tonfall heraus.

„Es war ... es war, als hätte ich eine Orgie im Mund, und alle vögelten ... und ich war die Queen-Mum.“

Die Musik verwandelt sich plötzlich in ein dämonisches Derivat des Punkrock.

Es ist alles Maschinengewehrtrommeln, Presslufthammer-Bass und dreckige Rhythmusgitarre, die gegeneinander antreten, die Art von Zeug, bei der Skinheads Bierflaschen über ihren Köpfen zerschlagen.

The Death Machine of Hongkong! Das gibt‘s doch nicht! Ich liebe diese Band verdammt noch mal!“, schreit Nina.

„Seht mal, da ist FC! Seht zu, wie ich seinen dünnen Arsch festnagle!“

„Übertreibe es nicht“, sagte ich, wohl wissend, dass sie genau das tun wird.

Nina stürmt auf die Tanzfläche.

Instinktiv macht ihr jeder einen Weg frei, was gut ist. Vampire sind körperlich stark, aber Nina kann ein Auto umdrehen, wenn ihr danach ist.

Glücklicherweise konzentriert sie ihre Bemühungen auf FC. Immer wieder prallt sie gegen FC, stößt ihn hart an, schubst ihn herum, grinst und lacht, bis der heilige Antonius sie in seiner Frustration in den Schwitzkasten nimmt und es von dort aus, oh mein Gott, anfängt, bergab zu gehen.

Nina kann sich nicht befreien, also packt sie FC an der Taille, und die beiden stolpern in einem unbeholfenen Kreis herum und können sich keinen Vorteil verschaffen. Schlimmer noch: Irgendwie gelingt es FC, Nina die Finger unter die Hose zu schieben, ihr rotes Höschen einzuhaken und den Slip mit einem Ruck von hinten nach oben zu ziehen.

Nina rastet aus, dreht sich und schlägt zu.

Die anfangs schadenfrohe Menge wird misstrauisch, teilt sich und weicht zurück.

Die Türsteher, schnell und flink, rücken bereits an, aber nicht schnell genug, nicht bevor Nina die Hebelwirkung der Körper umsetzt und sowohl FC als auch sich selbst auf die Tribüne des DJs krachen lässt.

BUMM – der Ton hallt durch die Luft.

„HEY!“, schreit der DJ mehr alarmiert als verärgert.

Die Musik fällt aus. Türsteher, gebaut wie männliche Silberrücken-Gorillas, fünf oder sechs oder wie viele es auch immer sind, versuchen FC und Nina auseinanderzureißen, und zu ihrem Erstaunen können sie es nicht.

Ich lege meine Hand an meinen Kopf.

Kat verschränkt vor Angst ihre Arme um sich selbst. Penny lacht währenddessen hysterisch und alles fällt auseinander, genau wie ich es, verdammt noch mal, geahnt habe.

Dann, wie in unausgesprochenem gegenseitigem Einvernehmen, lassen Nina und FC einander frei. Die schwitzenden Türsteher eskortieren sie zügig zur Treppe.

FC geht ohne Aufhebens.

Nina ist bockig und muss weitergeschoben werden.

„Komm schon, es ist vorbei“, sagte ich zu Kat und Penny, „lass uns gehen“.

Die Musik geht wieder an: „Hey Ya!“, der Versuch des DJs, weitere Aggressionen auf der Tanzfläche zu entschärfen.

Wie Tropfen im Kielwasser eines heruntergefallenen Steins strebt die Menge plötzlich wieder zusammen.

„Das tut mir leid, Leute“, sagte der DJ. „Aber lasst uns versuchen, heute Abend da draußen ein bisschen netter zueinander zu sein, okay? Es gibt keinen Grund für Gewalt. Es herrscht Frieden.“

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Dick“, sagt Nina und gibt FC einen Schubs.

FC geht einfach weiter. Wir gehen lustlos über den Parkplatz.

„Trottel.“

Schieben.

„Arschgesicht.“

Schieben.

„Das ist genug, Nina“, stellte ich fest.

„Dipshit-spasmoid-cocksucking-motherfucking-mongoloid.“

Großer Schubs.

FC stolpert, rappelt sich auf, geht weiter.

Sein Gesicht ist eine einzige wütende Leere.

„Glaubst du, du kannst mich einfach so packen und mich herumwirbeln? Hm?“

Der nächste Schubser.

„Hm? Nun, dann habe ich Neuigkeiten für dich, Wackula. Mach das noch mal und ich trete dir deinen dürren Arsch zwischen die Schulterblätter. Hast du‘s?“

„Apropos Ärsche, wie geht‘s deinem?“, fragte ich.

„Halt die Klappe, Dummkopf. Ich sagte: Hast du‘s kapiert? Hast du‘s?“

„Ja, jeder hat‘s gebongt, Nina.“

„Ich spreche nicht mit dir. Ich spreche mit Mister Kilt, hier, Mister El Headlock, Mister Jo-Jo-Jo MC Wedgie, der sich dumm anstellt. Stimmt‘s?“

Ein erneuter Schubser.

„Stimmt‘s?“

Und noch ein Schubser.

„Wirst du meine Welt rocken, Captain Playstation? Hm? Hm?“

„Äh, nein, weil ich mich gerne den Prinzipien des passiven Widerstands anschließe, Drängler“, antwortet Fraidy. „Ja, ich würde nicht wollen, dass du dein Tanzflächen-Kung-Fu an mir auslässt.“

Noch ein Stoß.

Ängstlich geht er weiter.

Ein weiterer Schubser.

„Genug“, sagte ich.

„Ja, Dummkopf, bevor du etwa wegen schweren Schubsens, mit der Absicht zu schubsen, noch angeklagt wirst.“

„Du gottverdammter verdammter Idiot ...“

Nina versucht, Fraidy zu bekämpfen, aber er ringt sich frei.

Er wendet sich um zu Nina, erschreckt sie, zwingt sie, einen Schritt zurückzutreten. Er stößt ihr einen Finger ins Gesicht. Ich glaube, ich habe ihn noch nie so wütend gesehen.

„Du, weißt du, was dein Problem ist?“, stößt er wütend hervor. „Weißt du, was es ist? Ich schwöre, du bist wie, du bist wie ... du bist wie, du bist wie ein Witz ohne Pointe. Ja. Und die ganze Welt lacht – alle überall auf der ganzen weiten Welt, alle überall, außer ... deiner Mutter.“

Sie starren sich gegenseitig an.

„Zur Hölle ...“, murmelte ich wie betäubt.

„Ha ha ha ha – HAAA“, lachte Kat.

Ninas Gesicht nimmt ebenfalls einen wütenden Ausdruck an.

Sie schnaubt, verdreht die Augen, versucht nicht zu grinsen, versucht nicht zu lachen, aber ihre Schultern fangen an zu zucken, der Gesichtsausdruck verwandelt sich in Heiterkeit.

Nina lacht so sehr, dass ihr die Augen tränen, und sie beginnt nach Luft zu schnappen und hat Schwierigkeiten auf den Beinen stehenzubleiben.

Sie geht FC erneut an, nimmt ihn in einen Schwitzkasten, dann schreit sie und lässt ihn los.

„Er hat mir verdammt noch mal an die Brüste gefasst“, ruft sie aus und lacht immer noch.

„Das, ach, das war also die kleine Beule?“, fragte FC grinsend.

„Kommt schon“, sagte ich zu Kat.

„Wohin gehen wir?“

Ich zucke mit den Achseln, lächle. „Ich habe einfach Lust, den Zirkus mit den drei Ringen für eine Weile zu verlassen. Der H2 müsste hier oben irgendwo um die Ecke sein ...“

Kat legt ihren Arm um meine Taille.

Wir gehen zusammen.

Vor uns brennt ein Müllfeuer.

Der Sockel einer nahe gelegenen Straßenlaterne ist mit Erbrochenem bespritzt. Und irgendwo in der fernen Dunkelheit kreischt jemand lallend: „Arschlöcher!“

Ich schreie zurück: „Fick dich selbst, Arschloch! FICK DICH!“

„Warum hast Du mich vorhin nach meinem Tod gefragt?“

„Ich weiß es nicht. Es geht mir manchmal nur durch den Kopf. Es ist nur – vielleicht ist es das nicht – es ist nur so, dass, wenn es nichts darüber hinaus gibt, dann ... was hängen wir dann hier noch herum?“

Ich denke an die Brücke und an Bormann. „Wie meinst das?“

„Das Kämpfen, das Töten. Das ist alles, worum es bei den Volchata geht. Es ist alles, worum es bei uns geht. Wie die Spiele von FC. Immer und immer und immer wieder. Ich werde dich töten. Nicht, wenn ich dich zuerst töte, Motherfucker. Und dann, gerade wenn du denkst, es ist sicher ...“

Eine seltsame Stimme quillt aus dem Dunkel hervor: unemotional, unflektiert, verzerrt, elektrisch, synthetisch und kalt.

„Es gibt Ärger.“

Kat und ich bleiben abrupt stehen.

„Nun, seht mal, was wir hier haben, Jungs: eine echte Volchata-Fotze und ihr kleiner Muschianhang.“

Mehrere Männer versammeln sich um den H2 – der bereits läuft –, lehnen sich an den H2, rauchen Zigaretten mit unheilvoller Leichtigkeit, die auf Gewalt hindeutet.

Ihr Aussehen: Verschlissenes Leder, Dreck und Fett, Tätowierungen, farblose T-Shirts, glänzende Motorräder, die auf der gegenüberliegenden Seite geparkt sind.

„Scheiße, das ist Toon“, murmelte Kat.

Sie ist verängstigt; das merke ich daran, wie sich ihr Griff an meinem Arm festklammert.

„Und er ist ...wer?“

„Der mit dem deutschen Helm und dem elektrischen Kehlkopf.“

Ich kann ihre Angst verstehen.

Toon sieht aus, als sei er vor einer Viertelstunde aus dem Gefängnis gekommen.

Wegen Massenmordes.

Er wirkt wie ein Ganove aus einem Cartoon, seine eigene Karikatur.

Seine Arme bestehen nur aus Muskeln, blau mit Tätowierungen und von Adern durchzogen, aber was das Auge wirklich fesselt, ist die tiefe, verkrustete, rosa-weiße Narbe, die seine unrasierte Kehle überzieht.

„okay. Wer ist der Typ mit der Kette?“, fragte ich.

„Das wäre Spott“, intonierte Toon und drückte ihm etwas, das wie eine kleine Taschenlampe aussah, an die Kehle.

„Das ist Vicious Dawg. Oder V-Dawg, wenn ihr so wollt.“

Der kurze, tonnenbrüstige, kahlgeschorene Athlet zu seiner Rechten schlägt einen gewaltigen Schlagring gegen seine dicke Handfläche und nickt dazu.

Pistolen-Pete.

„Hey“, meinte ein kleiner, dürrer Kerl mit dicker Brille und blauem Halstuch, mit dem gummiartigen, charakterlosen Gesicht eines Karrieresexualstraftäters.

Eine Hand war in seiner Manteltasche versteckt, die sich bedrohlich wölbte.

„Und Trench Mouth sitzt hinter dem Steuer eures reizenden H2.“

Trench Mouth, enorm fett und ölig, winkte und rülpste uns zu und präsentierte dabei schiefe, verfärbte Zähne.

Jede Art von Ketten und Kreuzen, keltisch, christlich und eisern, schwappte über seine schlaffe Brust. Es war ein Wunder, dass er seinen Kopf oben halten konnte.

„Und was zum Teufel macht er da drin?“, fragte Kat und tat ihr Bestes, um hart zu klingen.

„Interessante Dinge zu suchen, sagen wir, interessante Dinge zu finden“, antwortete Toon.

„Ja“, sagte Mock und streichelt seinen Bart.

„Wie, oh, mal sehen, Dinge wie einen Baseballschläger.“

Er hielt für jeden Gegenstand einen nikotinfarbigen Finger hoch.

„Schlagringe aus Messing. Springmesser, ein Stiefelmesser und Pistolen. Eine abgesägte Schrotflinte, eine AK-47 und eine Steyr-Maschinenpistole. Und einen gottverdammten RPG-7 Granatwerfer.“

„Du meinst RPG-18, Vollidiot“, brummte Nina.

„Schön zu wissen, dass du immer noch mit den Fingern zählen kannst, Mock.“

Die Vandalzer erstarren, verloren etwas von ihrer Prahlerei, wurden wachsam.

Da war Kat, über die sie lachen können; Nina ist eine ernstzunehmende Angelegenheit.

„Euch ist klar, dass dies alles einen direkter Verstoß gegen den Waffenstillstand darstellt“, meint Toon wachsam.

„Ja“, sagte Nina.

Sie legt ihre Hände auf die Hüften und schaukelt auf den Fersen hin und her.

„Hey, Toon ... weißt du noch, als ich dir in New York die Kehle durchgeschnitten habe? Jetzt, wo ich darüber nachdenke, hätte ich dir gleich deinen verdammten Kopf abschneiden sollen.“

„Ah, ja ... Erinnerungen dieser Art, das war einmal“, antwortete Toon.

„Woher wusstest du, dass wir hier sind?“, frage ich.

„Sagen wir einfach, dass wir uns die Zeit genommen haben, das Community Bulletin Board durchzulesen. V-Dawg, wenn du so freundlich wärst.“

Aus dem Schatten heraus präsentiert V-Dawg Bake.

„Bakehead, du Arschloch!“, rief Nina aus.

„Ma‘am, es tut mir leid, es tut mir so leid, mmm-hmm, ich wollte nicht, dass dies passiert, aber sie sagten, sie würden Old Bake verletzen, wenn er nicht gesteht, ja Ma‘am, sie würden ihm die Zunge herausschneiden, die Ohren abschneiden, vielleicht stechen ...“

„Halt die Klappe“, sagte Toon.

Ich mache einen Schritt vorwärts. „Lasst ihn gehen. Das betrifft ihn nicht.“

„O ja, das tut es“, antwortete Mock und seine blassen Augen glänzen.

„Oh, verdammt ja, das tut es. Wir haben euch Arschlöcher wegen mehrerer Verstöße erwischt.“

Nochmal kam das mit den Fingern – ich fange an zu bedauern, dass der Kerl mit ihnen geboren wurde.

Mock spricht in der leicht stockenden, hilflosen Art und Weise, wie es dumme Menschen tun, wenn sie sich mit höheren Ideen und Sprache auseinandersetzen.

„Erstens: kriminelles unbefugtes Betreten und Herumlungern in der entmilitarisierten Zone. Zweitens: illegaler Besitz und Transport von Waffen innerhalb der genannten entmilitarisierten Zone ... bis hin zu bekannten schweren panzerbrechenden Geräten. Drittens: illegaler und unsachgemäßer Gebrauch von Menschen, die bisher als ... ambulante Ernährungs- oder Beutetiere bezeichnet wurden, zum Zwecke der ... Spionage mit der Absicht, eine Sedierung zu begehen – Sedierung? Aufruhr!“

„Du nimmst doch gerade eine Sedierung vor“, stellte ich fest.

„Gähn.“

„Ja“, sagte Nina.

„Du ruinierst den Moment für uns alle, Mock.“

„Es ist wie es ist, Zähle einfach mit ...“, murmelte FC.

Einige grinsen.

Mock verliert die Nerven.

Er sticht mit einem seiner Zählfinger in die Luft und zischt mit zusammengebissenen Zähnen: „Ihr Arschlöcher werdet Klumpen zählen, wenn wir mit euch fertig sind!“

„Hier sind die Bedingungen“, meinte Toon ungerührt und bekräftigt damit seine Autorität. „Übergebt uns eure Waffen und das Fahrzeug, und niemand wird verletzt.“

„Was?“, fragt Nina verdutzt.

„Übergebt uns einfach eure Waffen und das Fahrzeug, und niemand hier wird verletzt. Ihr geht weiter euren Weg. Wir gehen den unseren. Das ist doch fair, findet ihr nicht?“

„Warte nur ...“

Dann fängt Penny an, die Ode an die Freude zu summen.

Sie geht auf die Vandalz zu, die Hände tief in die Manteltaschen gesteckt. Sie wirft Toon eine Handvoll Kleingeld ins Gesicht. Die zweite Handvoll schlägt auf Trench Mouth ein.

Und der Kampf beginnt.

Penny springt auf das H2, packt Trench an seinen Ketten, verdreht sie zu einer improvisierten Garotte und beginnt, ihn aus dem Fenster zu zerren.

Trench heult und würgt.

Mock ergreift Penny.

Pistol-Pete, erschrocken, sieht mich auf sich zukommen, fummelt wild mit dem herum, was er in seiner Tasche hat, irgendeine Kanone einen Revolver, eine 44er oder etwas Ähnliches, aber er kriegt sie nicht heraus, es ist zu viel von einem Revolver in zu wenig Tasche.

Die Waffe entlädt sich und Pistol-Pete schießt sich in die Seite, bespritzt den H2 mit seinem Blut.

Er heult wie ein verwundeter Hund, taumelt im Todeskampf, und FC ist an ihm dran, schlägt ihm immer wieder ins Gesicht und auf den Kopf.

Der dritte oder vierte Schlag zerbricht Petes Brille.

Pete schafft es, FC zu entkommen.

„Verdammter Schwanzlutscher! Ihr verdammten Schwanzlutscher“, schreit er mit wütender, sich überschlagender Stimme, ringt die 44er heraus und schießt blind auf FC und mich, aus nächster Nähe, Runde um Runde mit Schlägen, und es gelingt ihm nur, den Arm des FC zu streifen.

Ich treffe Pete; ich gehe tief und schlage ihn in den Solarplexus und ziele auf seine Wunde.

Die Luft geht mit einem Grunzen aus Pete heraus.

Pete fällt und Nina geht auf ihn los, tritt ihn ins Gesicht, in den Bauch, in die Leiste, wo immer seine fuchtelnden Hände nicht verteidigen können.

Blut strömt aus Petes Nase.

FC nimmt seine Pistole. Er weicht nur knapp dem Schädel von V-Dawgs Wagenheber aus.

Mock gelingt es, Penny von Trench wegzuziehen.

Sie schlägt, tritt und kreischt.

Mock wirft sie zu Boden. Als er mich entdeckt, schwingt er die Kette.

Ich ducke mich, weiche aus, und dann greift Toon an. Pennys Münzen haben Toons Gesicht zerschnitten; das Blut hat seine Augenbrauen gesättigt und läuft ihm in die Augen, er kann kaum noch sehen.

Ich schlage mehrmals mit den Fäusten; ich könnte genauso gut auf einen Betonklotz einschlagen. Er tritt mir so heftig in die Rippen, dass ich für einen kurzen Moment überzeugt bin, mein Brustbein sei gesplittert, meine Lungen dabei kollabiert; mein Kopf rollt wie die scharfen rotierenden Sterne über mir, die sich aus allen imaginären Verankerungen lösen – wahnsinnige Schmerzen durch den festen Aufprall – eine akute Kompression von Knochen und Gewebe –, als ich wieder hinsehe, hat er Nina in der Luft. Er wirft sie in die Windschutzscheibe einer geparkten Corvette.

Trench versucht sich zum H2 zurückzuziehen. Als Penny wieder auf ihn zukommt, gerät er in Panik und verlässt den Schutz des H2, wie ein Elefant auf dem Rückzug.

FC zieht sich ebenfalls zurück, zielt auf V-Dawg und drückt immer wieder den Abzug, aber die 44er ist leer.

Er versucht erfolglos, V-Dawg mit der Pistole zu schlagen, doch ein Schlag von ihm genügt, um ihn zu Boden zu strecken..

Als nächstes geht V-Dawg auf mich los; er schüttelt brüllend den Kopf und greift an. Ich habe gerade noch genug Zeit, den Deckel einer nahe gelegenen Mülltonne zu packen und seinen ersten Schwung zu blocken, dann schlage ich ihm damit ins Gesicht.

„Holt euch Waffen!“, rufe ich Penny zu. „Holt unsere Waffen!“

Sie taucht einen Moment später mit ihrem Stock aus dem H2 auf.

„Nein, du Idiot! Nicht den verdammten Stock!“

BANG, mein improvisiertes Schild beult sich unter einem Schlag von V-Dawg.

Beim dritten BANG ist es nur noch unbrauchbarer Schrott. Ich werfe es auf V-Dawg und springe auf einen Müllcontainer, schnappe mir eine leere Wodkaflasche; V-Dawg kreist und sucht nach einer Lücke. Ja, es wäre schön gewesen, wenn du dir vielleicht ein paar Springmesser oder meine Beretta ...

Und dann Penny, die sich ohne Vorwarnung plötzlich in etwas Wildes und Schäumendes verwandelt. Auch der Stock verwandelt sich und ist jetzt ein Schwert; eine lange, dünne, kohlenstoffgeschliffene Klinge, die so schnell durch die Luft peitscht, dass ich sie kaum sehen kann. Es ist nicht viel was V-Dawg tun kann, um die Streiche zu blocken und zu parieren, bis er einen Fehler macht und Penny ihm die Wange aufschneidet.

Er brüllt.

Er ist keiner, der Gelegenheiten verpasst – oder einen letzten entscheidenden Schritt tun würde – ich zerschlage die Wodkaflasche über seinem Kopf.

Mock ist der nächste.

Penny greift ihn an, und sie krachen rückwärts in einen Haufen von Müllsäcken, Dosen und anderen Unrat. Toon ist von dieser plötzlichen Wendung der Ereignisse so verblüfft, dass er Nina vergisst, die er an den Haaren gepackt hat.

Nina greift ihn in den Schritt und drückt fest zu.

Toon stöhnt und fällt auf die Knie, wobei er seine Hoden umklammert. Nun wieder frei, tritt Nina Toon auf den Kopf und schlägt ihn bewusstlos.

Es ist vorbei.

Na ja, fast.

Penny weigert sich absolut, Mock freizugeben: Sie hat ihre Arme und Beine um ihn geschlungen und ihre Reißzähne in seiner Schulter vergraben und will nicht loslassen, egal wie er sich auch wehrt, oder sie gegen die Wand drückt oder schreit: „Ich gebe auf! Ich sagte: Ich ergebe mich! Jesus Christus, Allmächtiger, jemand muss sie von mir runterholen!“

Nina muss eingreifen.

Sie streichelt Pennys Haar, flüstert ihr ins Ohr, „Penny, Schatz, Freundin, es ist vorbei, es ist alles vorbei. Du kannst jetzt loslassen. Lass los, Liebes. Penny ... entweder du lässt los, oder du musst nach Hause gehen. Du musst nach New York zurückkehren. Also sei brav.“

Penny lässt Mock nur widerwillig frei.

Sie wischt sich den Mund ab, holt ihr Schwert heraus. Mock krabbelt weg, umklammert seine Schulter. Blut spritzt aus seine Finger.

„Vampire sollen andere Vampire nicht beißen, du verdammtes Miststück“, klagt er und zeigt wieder einmal auf sie.

„Das ist ein klarer Verstoß gegen den gegenwärtigen Nichtangriffspakt, Artikel Nummer 147, Abschnitt B.“

„Ja, was auch immer, geh einfach“, antwortete Nina. Mock und Pistol-Pete und V-Dawg taumeln auf ihre Motorräder zu.

„Wartet, wartet alle, Stopp“, brülle ich. „Hier sind nun unsere Bedingungen: keine Motorräder. Keine Waffen. Ihr geht euren Weg. Wir gehen unseren. Na ist das gut ... findet ihr nicht auch?“

„Du machst wohl Witze“, stellte Mock fest.

„Es ist ein langer Weg zurück nach Boston, Mock. Spar dir also deinen Atem.“

Die Vandalz brechen auf.

Nina kichert und gibt mir fünf Ohrfeigen.

„Ich habe welche“, stellte sie fest.

Etwas vor mir auf dem Boden fällt mir ins Auge.

Es ist Toons elektrischer Kehlkopf.

„Wirf ihn, wirf ihn hierher“, sagte FC.

Er hält sich den Zauberstab an die Kehle und sagte: „Schau dir das mal an: Ich bin Iron-Man.“

Penny steckte den Schwertstock in die Scheide und fuchtelt mit ihrem Hut herum. „Wie sehe ich aus, Liebes?“, fragte sie Nina.

„Gut. Und ich ...?“

„Du hast Blut in deinen Haaren.“

„Ich, wirklich? Scheiße, ja, du hast Recht“, stellte Nina fest.

„Der Schwertstock rockt verdammt noch mal. Ich will auch einen haben.“

„Wie gefiel dir das kleine Stromacione, das ich V-Dawg gegeben habe?“

„Das was?“, fragte ich.

„Stromacione. Es ist eine Art belästigender Schnitt. Es ist aus dem Gran Simulacro von Ridolfo Capo Ferro.“

„Ist das wie der Große Preis der Formel Uno?“, will ich wissen.

„Nein, Klugscheißer, es ist dieses wirklich uralte italienische Fechthandbuch mit Holzschnitten von diesen Eyetie-Michelangelo-mäßig aussehenden Wichsern, die mit Rapieren und allem in der Fresse arbeiten. Ich habe eine Kopie davon als PDF-Datei heruntergeladen.“

„Damit du Italienisch lesen kannst?“

Diese Spitze sitzt.

„Ich habe Kultur, weißt du.“

„Oh?“

„Verdammt richtig. Das Lied, das ich gesummt habe, bevor ich in den Kampf zog, das ist die Ode an die Freude, das ist Schiller und Van B, dum-dum-da-dumm!“ Sie schwang den Schwertstock wie einen Dirigentenstab.

Ich rolle mit den Augen.

„Ich weiß, wer Beethoven ist.“

„Hat jemand „Bake“ gesehen?“, fragte Nina.

„Der Wichser ist wahrscheinlich weggerannt, als der Kampf begann“, antwortete Penny.

„Dieser Scheißkerl. Wir holen ihn uns später. War trotzdem ein guter Kampf.“

„Total – Boss“, stimmte Penny zu.

„Wir haben die Angeber niedergestreckt.“

„Diese Deppen verarscht!“

„Die Schwanzlutscher gefickt ...!“

„Wir sind Volchata, wir töten für den Kick“, singt Nina.

„Wir sind Volchata, 6-6-6!“

Sie und Penny schreien unisono und geben sich gegenseitig das Zwei-Finger-Siegeszeichen und den Daumen-hoch-Gruß, den man bei jedem Heavy-Metal-Konzert sieht.

Ich schätze, sie denken, das bedeutete, dass sie wirklich satanisch oder gefährlich sind, und nicht nur mörderisch jugendlich.

“... Zahl der Bestie, Zahl der Straßen, steh nicht auf in unserem Business, denn die Hölle folgt mit uns ...“

Kaltes Grauen fällt über mich. „Ruhig.“

„Was? Hörst du die Bullen?“, fragt Nina.

„Nein. Wo ist Kat?“

„Wahrscheinlich ist der kleine Windbeutel abgehauen und hat sich wieder irgendwo versteckt, wie dieser Wichser Bake“, mutmaßt Penny.

„Ja, schade, dass du nicht das Gleiche tust.“

Ich gehe Kat suchen.

Ich finde sie in einer schmutzigen Seitenstraße in der Nähe. Zusammengerollt wie ein Ball, die Arme um die Knie gelegt, so klein wie möglich gemacht.

„Kat ...“

Sie keucht, als ich ihre Schulter berühre.

Sie ist halb blind vor Tränen, mit wilden Augen voller Schrecken, sie krabbelt vor mir davon.

„Ich bin‘s, Kat.“

Papierfetzen flattern in der Gasse an uns vorbei.

Der Wind zerrt an unseren Haaren. Eine einsame, versteckte Grille zirpte ein dünnes Lied in die Nacht. Unsere drohenden Schatten erheben sich gegen die fleckigen, verfärbten Ziegelsteine und der tote, unbeliebte Mond starrt auf uns herab, ohne Mitgefühl.

„Bist du verletzt?“

Sie schüttelte den Kopf.

Ich bin nah dran. „Es ist vorbei. Jetzt ist es okay.“

Sie schüttelte wieder den Kopf. „Nein, es ist nicht okay, Manny.“

Es klingt, als ob sie ihre Tränen zurückhält.

„Nun, hey, wenigstens bist du nicht tot.“

Sie versteckte ihr Gesicht in ihren Armen. „Vielleicht möchte ich tot sein.“

Alles fällt ganz leicht von mir ab; alles verschiebt sich, nur damit mir bewusst wird, dass etwas, all das, sehr falsch ist. Doch bevor ich dieses neue Problem angehen kann, stürzt sich das Blonde Biest auf Kat.

„Du verdammter nichtsnutziger Windbeutel!“

Penny zerrt Kat an den Haaren aus ihrem Versteck.

Kat heult.

„Nichtsnutzige, dumme, kleine Aufziehpuppe! Beweg dich!“

Sie schleppt Kat mit sich.

Als Kat sich wehrt, zieht Penny sie zu sich heran und flüstert in ihr Ohr. Ich habe keine Ahnung, was gesagt wurde, aber es muss schrecklich sein, denn Kat beginnt zu weinen.

Also reiße ich Penny den Hut vom Kopf.

„Hol‘s dir, Bestie.“

Ich werfe ihn so weit wie möglich die Gasse hinunter. Er landet auf einem Haufen durchweichten Mülls.

„Du verdammter Wichser!“

Penny kreischt.

„Das ist ein Adrienne Landau! Hast du eine Ahnung, wie viel der gekostet hat?“

„Ich stelle ihn dir in Rechnung.“

„Oh, ich werde dir eine Rechnung präsentieren, Wichser. Du sollst wissen, dass ich in der Volchata ein Oberfeldwebel und in Old Blighty ein Fußball-Hooligan der Kategorie C bin. Sie haben mich nach der Nummer, die ich bei den Braunschweiger Jungs abgezogen habe, aus Deutschland verbannt.“

„Mmm, gut, okay“, sagte ich und reibe mir das Kinn. „Aber ohne deinen Hut fehlt ein wichtiges Element deiner gesamten Erscheinung.“

Penny bleibt kurz und verwirrt stehen.

„Okay, wie wär‘s damit? Du bist ein Hai ohne Flosse. Oder ein Killer-Guppy, denn im Ernst, wer hat dich gebissen? Ein Zwerg? Dwarfula, der Vampir? Denn, Mann, ich sage dir, ich habe schon einige verdammt kleine Vampire gesehen, aber du musst in einer verdammten Umkleidekabine schlafen.“

Als sie den Hut endlich gefunden hat, macht sie ihren Unmut weiter lautstark Luft.

„Ich bin über vier Fuß groß, du ...“

„Ja, was, nach ein paar Sitzungen in einem Kerker, auf der Folterstreckbank?“

Penny schaut zu Kat.

„Sie kommt mit mir, Guv‘nor. Also, wenn es dir nichts ausmacht ...“

Ich packe Penny am Handgelenk, als sie versucht, sich an mir vorbei in Richtung Kat zu schieben.

FC erscheint. „Die Polizei ist auf dem Weg. Lasst uns abhauen, bevor alles Polizei! Runter auf den Boden! ruft, Mullins.“

Penny lacht.

„Du hast verdammt viel Glück, weißt du das?“

„Oh, ja, das Glück hört in Mannytown einfach nie auf. Kat? Babe? Schatz? Komm schon, lass uns ...“

Penny tritt mich kräftig und hart ans Schienbein und läuft davon.

„Au! Verdammt! Verdammter Mist! Gottverdammte Scheiße – AHHHHH!“

Ich humple und hüpfe auf einem Fuß herum. Der Schmerz ist unerträglich. Kat muss mir wieder zum H2 zurückhelfen.

Sirenengeräusche aus der Ferne sind plötzlich zu hören.

Wir trollen uns zurück in den H2.

Am Steuer kräht Penny leise vor sich hin.

Als sie sieht, wie sich Toon draußen rührt, wackelt sie mit den Zeigefinger, der H2 setzt sich in Bewegung und Penny überfährt ihn.

Kat wird durch den Aufprall heftig durchgeschüttelt.

„Fahrbahnschwelle!“, schreit Nina sarkastisch.

Sie stöhnt wollüstig.

Kat weint weiter, ihre Schultern zittern dabei heftig.

FC spielt mit Toons elektrischem Kehlkopf.

„Menschen der Erde, wir sind hier für eure Frauen und Edelmetalle.“

„Hey, kann ich das mal sehen?“, fragte ich.

FC reicht mir den kleinen elektrischen Stab.

Ich werfe ihn aus dem Fenster.

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Geht es dir gut?“, erkundigte ich mich.

„Ja“, antwortete Kat. „Ja, ich glaube schon.“

Wir befinden uns in ihrem Unterschlupf. Kat ist wie die meisten Vampire klug genug, um in jeder Stadt, die sie mehr als einmal sehen will, ein zusätzliches Ausweichquartier zu haben.

Um uns herum blinken und leuchten kleine Weihnachtslichter in Blau, Rot, Violett, Weiß und Grün. Das war eine der Handschriften von FC.

Er hat alle wichtigen Tischler- und Kabelarbeiten ausgeführt. Die drapierten Wurfkissen und Plüschtiere sind Kats Werk.

„Er hat gute Arbeit geleistet“, denke ich laut.

„Wer hat das getan?“

„Hm? Oh. Was ich meine? Ich spreche nur über FC. Erinnerst du dich an seinen verdammten Werkzeuggürtel?“

Kat lacht zum Glück ein wenig.

„Ja. Und die ganze Aufregung, als er seine Wasserwaage nicht finden konnte. Aber er hat es trotzdem hinbekommen.“

„Was genau hat Penny eigentlich zu dir gesagt?“

Kat seufzte, als ob das nicht wirklich wichtig wäre.

„Ich habe mich mit den Volchata auf dünnem Eis bewegt. Das war schon eine ganze Weile so, aber heute Abend war wohl die Grenze erreicht. Das ist die nette Art zu sagen, dass ich an den Pranger gestellt werde, gedemütigt, gefoltert, und dazu gebracht werde, öffentlich meine Verbrechen zu gestehen, und dann liquidiert werde. Schaue doch nicht so schockiert. Die Vandalz und Negs kümmern sich nicht einmal um solche Formalitäten. Sie zerren dich einfach hinter einem Motorrad am Hals bis zum Tod.“

„Okay, aber kann mir bitte jemand erklären, wie wir vom Clubbing zum Kriegsgericht gekommen sind?

„Ich weiß, es ist hart“, stellt Kat fest und täuscht Gleichgültigkeit vor. „Alles an der Volchata ist hart. So warfen wir die Vandalz und die Pechenegs aus NYC hinaus. Disziplin, Brutalität und Härte. Und ich bin einfach nicht brutal genug für sie. Kämpfen ... macht mir Angst.“

„Nun, kann denn niemand eingreifen? Nina oder irgendjemand?“

„Nein.“

„Kannst du nicht einfach aufhören?“

„Oh, sicher. Und am Tag danach höre ich mit dem Rauchen auf.“

„Dann lauf weg. Du kannst entkommen. Ich bin aus Boston geflohen.“

„Manny“, sagt Kat, „du verstehst das nicht. So einfach ist das nicht.“

„Zum Teufel, ja, das ist es.“

„Oh, natürlich. Und wenn ich das tue, was dann? Wohin soll ich gehen? Du hast es kaum aus Boston rausgeschafft, erinnerst du dich? Deine Freunde Little John und Neil wurden beide getötet. Sie haben Neil gejagt, erinnerst du dich? Er dachte, er sei in Sicherheit, aber nein, sie haben ihn eingeholt und ...“

„Ja, in Ordnung, gut, ich glaube nicht, dass wir das noch einmal durchkauen müssen.“

Wir sitzen in unbehaglichem Schweigen, bis Kat wieder spricht.

„Du könntest mit mir kommen, weißt du“, meint sie.

Ich möchte Ja sagen.

Ich möchte Ja sagen, ich könnte es, und die Welt und die Möglichkeit vor mir offen sehen.

Kat und ich.

Die offene Straße.

Die weiten Räume des Westens.

Angeblich sind die Dinge so besser draußen. Vielleicht sind sie das. Irgendwo muss es doch etwas Besseres geben als dieses postindustrielle Chaos mit seinem Dreck und Schmutz und den zerfallenden Fabriken und verrottenden Kaianlagen, den zerbrochenen Flaschen und Maschendrahtzäunen, den verfallenden Bürgersteigen und trübe Fenster.

Es muss mehr dahinter stecken, als Springmesser und Pistolen, die armen dummen Joes und Janes, die nervtötenden Banden mit ihrem hohlen Slang, die scheinheilige ewige Feindschaft: Ich bring dich um! Nicht, wenn ich dich zuerst töte, du Arschloch! Wir sind Volchata, wir töten aus Spaß, wir sind Volchata, 6-6-6, die Zahl des Tiers, die Nummer der Straße –

„Komm mit mir, Manny.“

Es fällt mir schwer, Kat in die Augen zu sehen. Das einzige Wort, das ich sagen möchte, ist Ja. Aber das Wort, das mir in den Sinn kommt, ist Verpflichtung.

„Ich kann nicht.“

„Was? Warum nicht?“

„Weil ...“

Es zu erklären, kostet mich mehr als nur Überwindung. Ich habe das Gefühl, dass ich unter der Last dessen, was ich sagen muss, und meinem unsinnigen Versuch, es zu vermitteln, tatsächlich zusammenbrechen würde.

„Ich habe ... ich habe Verpflichtungen.“

„Verpflichtungen.“

„Richtig. Zu FC. Und Nina, wenn du das glauben kannst. Du siehst ... Scheiße. Siehe, da war dieser Typ, dieser Vampir, Bormann – ich meine, was ist das für ein Name? Bormann, als wäre er ein verdammter Nazi, der sich in Paraguay versteckt und ... naja, jedenfalls, da war ich oben auf der Tobin-Brücke und schaute auf das Wasser. Nein, warte. Warte. Vergiss das. Was ich versuche zu sagen ist, dass FC – wenn ich ihn jetzt verlassen würde, wenn ... es mit Nina genauso wäre, weißt du ... Wir haben viel durchgemacht. Ja, sie macht mich verdammt noch mal wahnsinnig, ich meine, verdammt noch mal, es gab einige Situationen, aber ...“

Kat legt ihre Hand auf meinen Arm.

„Ich verstehe“, sagte ihr Mund, aber ihre Augen waren tief verletzt.

„Du könntest es allein schaffen.“

„Vielleicht.“

„Du wirst doch nichts ... Verrücktes tun, oder?“

„Nein.“

Sie setzt sich auf und zündet sich eine Zigarette an.

„Du rauchst hier drin?“

„Ja.“

„Das solltest du wirklich nicht tun.“

Kats Lächeln ist seltsam und traurig.

„Ja, es wäre wirklich schade, wenn der Unterschlupf mit mir darin abbrennen würde, nicht wahr?“

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Genau das ist übrigens auch passiert: Kats Versteck brannte in der folgenden Nacht bis auf die Grundmauern nieder.

Ich war außer mir.

Völlig verzweifelt.

Ich blieb drei Tage lang in meinem Zimmer.

Weder FC noch Nina wussten ganz genau, wie sie mit mir umgehen sollten.

Nina saß zu ihrer Ehre auf meiner Matratze und versuchte, mit mir zu reden, gab aber schließlich frustriert auf. Ich brauche diese Scheiße nicht, sagte sie.

Nicht hier, nicht jetzt, nicht von dir.

Schlag die Tür zu. Der Preis der Verpflichtung.

FC drückte ebenfalls sein Beileid aus.

Zugegeben, sie waren ziemlich unbeholfen; FC ist noch nie gut mit emotionalen Situationen umgegangen. „Äh, entschuldige, die, äh, heikel-kritische Situation mit Kat“, fing er an.

„Ähm, weißt du, ich habe die Mädchen in den Videospielen immer lieber gemocht als echte Mädchen, weil sie leichter zu kontrollieren sind. Also, äh, hey.“

Er klopfte mir auf die Schulter und ging schnell weg, was gut war, denn sonst hätte er bemerkt, wie schwer es mir fiel, mein Lachen zu unterdrücken.

Ich muss zugeben, dass ich bis zu diesem heikel-kritischen Kommentar eine wirklich Oscar-taugliche Show hingelegt hatte. Das Leben ist zu viel für mich, oh je, oh je, oh je!

Applaus für die kleine Miss Drama Queen, Leute!

Scheiß FC, ich schwöre ...

Penny kehrte mit leeren Händen nach New York zurück.

Schicke mir die Rechnung der chemischen Reinigung für deinen Hut – nicht vergessen ...Squeaky.

Das Feuer?

Das war meine Idee, mein Werk.

Und Kat?

Sie ist jetzt draußen in Vegas.

Das war auch mein Werk.

Ich bekomme E-Mails und gelegentlich eine E-Postkarte von ihr. Sie ist in Sicherheit. Also, ja, man könnte sagen, dass ich noch neu im Spiel bin und noch viel lernen muss, aber ich habe selbst noch den einen oder anderen letzten Trumpf in der Hinterhand.

––––––––

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ENDE

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Ein wenig Farbe auf die Wange

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von Michael Minnis

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Originaltitel: A LITTLE COLOR IN YOUR CHEEKS

Übersetzung/Bearbeitung: Jörg Martin Munsonius

Ich kenne viele seltsame Geschichten, die in den Herzen von Männern und Frauen verborgen sind, die in den Schatten getreten sind. Ja, ich kenne die namenlosen Schrecken, von denen sie nicht zu sprechen wagen.“

––––––––

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The Whistler“, CBS-Radio-Show

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Sie war in keinem wirklichen Sinne des Wortes lebendig, und trotz zahlloser Mutationen, die sie über unendliche Jahrtausende ertragen hatte, würde sie es auch nie sein.

Manchmal war es belebt; aber dann sind es Wind, Wellen und die Verwerfungen des Weltraums ebenso.

Und manchmal war es unbelebt; unberechenbar tote Schichten, nicht mehr als eine Idee, die allen Experimenten und Angriffen gegenüber unempfindlich war.

Die Leere, aus der der Mensch erwächst und aus der andere Lebensformen erst zaghaft emporzusteigen begonnen haben, bedeutete für es absolut nichts.

Die unkalkulierbaren Entfernungen, das eisig schwarze Vakuum, die großen und kleinen Planeten, Lebende und Tote, die ihre vorbestimmten Bahnen kreisen – nichts.

Es war älter als sie.

Es könnte Zeuge der Geburt eines Sterns werden, in Herrlichkeit leben und dann in Tumult und erdrückender Schwärze enden, und das Ereignis würde nicht mehr beachtet werden als ein Mann, der an einem langen, beschaulichen Sommernachmittag eine Eintagsfliege von seinem Hemd abstreift.

Es dachte nicht, aber es war sich seiner bewusst.

Es lebte nicht; und doch war es nicht tot und suchte unermüdlich nach Leben.

Manchmal war es eine Kreatur.

Und manchmal war es nicht mehr als ein fühlendes Element, ein bewusstes Phänomen.

Aber es war immer zu allen Dingen eine Katastrophe.

Andere Wesen, die viel älter als der Mensch waren, wussten es, und sie fürchteten es.

Die Shan in ihren großen grauen interstellaren Tempeln kannten das Wesen und bemühten sich, sich vor seinem äonenlangen Nahen zu schützen.

Genauso wie der Mi-Go, die Pilze von Yuggoth, das seltsame Glühen ihrer immensen Bienenstockstädte, die ausfielen, als das Ding ihren luftlosen Himmel durchquerte.

Ebenso wusste das vage reptilienhafte Lloigor davon, aber in ihrem gewaltigen kosmischen Pessimismus spielte es für sie keine Rolle; wenn dieser endgültige Untergang hinausgeschoben würde, würde er schließlich in anderer Form eintreffen.

Der Mensch, dessen Verstand viel gespaltener und unzuverlässiger und ignoranter gegenüber äußeren Entitätssphären ist, wusste nichts davon – oder zumindest nicht bewusst.

Die außergewöhnlich sensiblen Menschen seiner Spezies, die von Träumen und Zeichen heimgesucht werden, wussten vielleicht, dass sich etwas Entferntes und Schreckliches von jenseits des kosmischen Randes näherte.

Ein obskures und schlecht transkribiertes mittelalterliches Buch, das in einem Museum in Carcassonne, Frankreich, hinter Schloss und Riegel aufbewahrt wird, ist vielleicht die erste wirkliche Interpretation des herannahenden Unglücks, aber es ist schwer zu verstehen, was genau der Künstler beabsichtigte.

Je nachdem, wie man den Holzschnitt betrachtet, könnte das fragliche Objekt ein Vogelschwarm sein, der vor der Sonne vorbeizieht, ein Pfeilhagel, ein biblischer Heuschreckenschwarm oder ein plötzlicher Wolkenbruch.

Doch das Erstaunen eines aufmerksamen Bauern kann nicht verwechselt werden; sein einzigartiger himmelwärts gerichteter Blick aus blanker Furcht ist unter den elf anderen abgebildeten monatlichen Arbeiten sehr aufschlussreich.

Der ansonsten bukolische, namenlose Autor des Buches erwähnt in erschreckender Weise furchterregende Feuerregen, Skorpione, Frösche und anderes Ungeziefer, das aus dem Osten folgt.

Man erzählt weiter von zahlreichen Berichten über dämonische Besessenheit, Hysterie und Raserei in den Städten Nürnberg, Bern, Worms und Köln.

Das Jahr 1346 ist das Jahr, in dem das Buch publiziert wurde – das Jahr vor der Pest.

Andere schreckliche Ereignisse werden dem Wesen heimlich zugeschrieben; 1758 wurde in Connecticut ein Nebel von solcher Tiefe und Hitze registriert, dass viele Kolonisten glaubten, die letzten Tage seien gekommen.

Eine ähnliche Störung gab es einige Jahre später im südlichen Vermont, obwohl der fragliche Donner diesmal von bizarren grünlich-schwarzen Flecken begleitet war, die die Sonne für den größten Teil des Tages verdunkelten.

Und noch einmal, 1875, gab es ein weiteres anomales Ereignis, diesmal im Hügelland westlich von Arkham, obwohl Zeugen in diesem Fall behaupteten, während des Vorfalls eine seltsame, Intonation eines tiefen Basstons gehört zu haben.

Niemand konnte recht entscheiden, ob der Klang organischer oder anorganischer Natur war – ein Zeuge behauptete, es sei eher wie das Schlagen riesiger Trommeln gewesen, ein anderer meinte, es klang eher wie das kraftvolle Schlagen eines Herzens.

Bei individueller Betrachtung werden die Vorfälle – so fantastisch und gelegentlich schrecklich sie auch sind – noch beunruhigender, wenn sie sich bestätigen.

Mehr als einmal erwähnen Beobachter den unerklärlichen Drang, in Erwartung und Furcht nach oben zu blicken, in den leeren, rätselhaften Himmel, obwohl es nichts zu sehen gab.

Besonders bemerkenswert ist die sich zusammenziehende Geographie des Phänomens, als sich das Wesen der Erde näherte und sich immer mehr auf das wilde, halb besiedelte Land Neuengland konzentrierte, bis zum – Einschlag.

Es kam im Hochsommer, in der zweiten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts, in einer Reihe wütender Detonationen und Dämpfe auf die Erde.

Es gab Rauch, hochgeschleuderte Erde und einen Meteoriten, der mit einer solchen Hitze brannte, dass sich ihm lange Zeit niemand nähern konnte.

Als er endlich so weit abgekühlt war, dass man ihn untersuchen konnte, nahmen gelehrte Männer aus Arkham Proben von seiner seltsam harten und doch zerbrechlich wirkenden Oberfläche.

Schließlich fanden sie es, das Wesen: unbelebt, harmlos, eingebettet wie ein Edelstein, kaum mehr als eine Kuriosität – eine leicht leuchtende Kugel von wenigen Zentimetern Durchmesser, schimmernd mit einer öligen Ausstrahlung, die nicht ganz leicht zu identifizieren war, nicht ganz phosphoreszierend und auch nicht ganz farbig.

Es war alles und nichts von all diesen Dingen.

Fasziniert klopften die Gelehrten mit einem Hammer auf die Oberfläche des Kügelchens, und es zerbrach wie eine Seifenblase, ohne Spuren zu hinterlassen.

Dies verblüffte sie; nicht nur das, sondern auch die Tatsache, dass der seltsame Meteorit ständig weiter zerfiel.

Der Bauer, auf dessen Land er gefallen war, behauptete, dass er mit jedem Tag kleiner wurde.

Und auch in der Nacht gab es Blitze, heftige Donnerschläge, die schließlich nichts von dem seltsamen Besucher aus dem Weltall zurückließen als die durch den Einschlag entstandene Krater.

Frustriert und fasziniert zugleich, waren die Gelehrten trotz aller Experimente und Tests nicht in der Lage, mit ihren Proben die Sache zu erklären.

Besonders hervorzuheben sind ihre umfangreichen Studien über die Plastizität des Meteoriten, seine Säureundurchlässigkeit und Affinität zu Silizium, seinen allmählichen Gewichts- und Masseverlust bis zu seinem völligen Verschwinden, trotz aller Konservierungsversuche.

Aber von größtem Interesse sind vielleicht die Ergebnisse eines Spektrographenversuchs, bei dem die schimmernden, unbeschreiblichen, unheimlichen Farben des spröden Kügelchens wieder sichtbar gemacht wurden. Einer der Gelehrten erklärte dies zu einem singulären Moment, einem für die Wissenschaft entscheidenden Moment.

Sein Begleiter – normalerweise ein gedrungener, unerschütterlicher Typ – erklärte am Ende der Prüfung kalt und unverblümt, dass er so etwas nie wieder sehen wolle, und er sei ein weitgereister Mann, der in den entferntesten Winkeln der Welt gewesen sei und viele seltsame Dinge gesehen habe.

Der Landwirt genoss unterdessen eine Zeit der Berühmtheit.

Seine Felder wurden zur Heimat des Wesens; es war mit dem Regen immer tiefer in den grünen Boden versunken. Dies war ein schöner Ort, weit reicher als die eisige Leere, die es hinter sich gelassen hatte.

Der tiefe, feuchte Boden passte besonders gut zu seiner Natur.

Und so nährte und wuchs es und verbreitete sich wie Krebs, unsichtbar und bösartig.

Die winzigen Ableger auf der Oberfläche besuchten zunächst den Bauern.

Seine Feldfrüchte blühten, die Früchte schwollen am Weinstock an, die Felder wuchsen in unbändiger Pracht.

Aber es war alles eine Lüge, bitter auf der Zunge und ungenießbar.

Die Blumen blühten in einem vielfarbigen Chaos, wurden grau und brüchig, dann starben sie ab und wurden zu Staub.

Es folgte eine biblische Plage von übermäßig großen Insekten, von hüpfenden, summenden, krabbelnden Dingen, die sich nicht ganz so verhielten, wie sie sollten, die zuckten, als ob sie gequält würden.

Auch sie wurden grau und brüchig, dann starben sie und wurden zu Staub.

Neugeborene Tiere wurden sofort getötet oder von ihren Müttern ausgesetzt, furchtbar unvollständig oder verschmolzen, als sie durch eine unbekannte Kraft in beunruhigende Formen verwandelt wurden.

Die deformierten Überlebenden – wahnsinnig – waren in ihren ungeheuerlichen Gewohnheiten noch beunruhigender als die Insekten, die ihnen vorausgegangen waren.

Sie stolperten, quiekten und sabberten, existierten eine Zeit lang im Wahnsinn, dahinvegetierend, und dann begannen auch sie zu zerfallen – ebenso wie der Bauer und seine Familie.

Sie waren die Letzten, die gingen, sabbernd und schreiend, als Nahrung für das Wesen dienend. Bald blieben nur noch Staub und die großen schwarzen Bäume zurück, und nachts krümmten sich ihre Äste, obwohl es keinen Wind gab.

Glücklicherweise blieb die Entität nicht lange auf der Erde.

Etwas eilte ihr voraus, zurück in den Weltraum.

Vielleicht erlaubte ihm seine neue Nahrung, in einem noch nie dagewesenen Tempo zur Reife zu gelangen, oder was auch immer für ihn galt; vielleicht erwies sich irgendein Bestandteil unseres Wassers, Bodens oder unserer Luft als zunehmend störend.

Was auch immer die Ursache war, es kam eine letzte Nacht, als es sich in einem großen Strom aus dem bodenlosen Schlamm des Brunnens in den aufgewühlten, windgepeitschten Himmel ergoss.

Es gab schockierte Zeugen, nicht viele; Männer aus Arkham und ein guter Freund des Bauern, die gekommen waren, um zu sehen, was mit ihm und seiner dem Untergang geweihten Familie geschehen war.

Sie gingen, als sie beschlossen, dass sie genug gesehen hatten, und obwohl alle das Wesen gesehen hatten, sprachen sie nie wieder darüber.

Was hätten sie am Ende beschreiben können?

Das Ding entzog sich jeder rationalen Erklärung.

Es war die Ausgeburt einer verrückten Phantasie.

Es war weder gasförmig noch fest, obwohl es sich in der Art von beidem verhielt.

Es hatte nichts Greifbares an sich, obwohl es eine Art Form besaß, die ständig wechselte.

Die Männer von Arkham hatten nur eine seiner Formen gesehen, und andere hatten nur schwach seine verschiedenen nächtlichen Ausgeburten erspäht; es war zugleich eine Flüssigkeit, die zwischen den Räumen floss, ein rollender giftiger Dampf wie ein zerfetztes, geisterhaftes Laken, das sich am Rand unserer Peripherie drehte und flatterte.

Doch in einem Detail war man sich einig: Es war leuchtend, brillant und betörend mit blassen, ständig wechselnden Farben, dass es tatsächlich nichts anderes zu sein schien als eine Farbe.

Von dem Bauernhof war – wie gesagt – nichts übrig geblieben, außer Staub – feiner, aschefarbener Staub, der sich im Wind nicht rührte, die zerbrochenen Umrisse und verstreuten Ziegelsteine längst vergangener Gebäude und das finstere Gähnen des Brunnens.

Nichts wuchs dort jemals wieder.

Tatsächlich schien der unnatürliche Brand weiterzukriechen, Zentimeter für Zentimeter, Jahr für Jahr.

Die Flora am Rande des Brunnens verdorrte ständig, seltsame Tierspuren tauchten gelegentlich im Staub auf, und der gute Freund des toten Bauern musste sich fragen, ob das Wesen ganz abwesend war oder ob ein kleiner Teil davon im Brunnen unter der Erde zurückgeblieben war.

Hatte er nicht gesehen, wie ein amorpher Rest in dieser schrecklichen Nacht den oberen Himmel nicht erreichte?

Vielleicht, aber es war zu schrecklich, um es in Betracht zu ziehen.

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Im Frühjahr 1938 wurde der neue Stausee von Arkham nach einer langen Zeit der Ausfälle und Verzögerungen durch die Große Depression endlich unter der Schirmherrschaft der Verwaltung für öffentliche Arbeiten von Präsident Roosevelt fertiggestellt.

Ein Teil des wilden, halb verlassenen Landes westlich von Arkham und südlich der Aylesbury Street war schließlich im Interesse der Menschen, des Fortschritts und der Limonaden überschwemmt worden – das Wasser wurde später zur Versorgung einer neuen Fabrik für Erfrischungsgetränke in Arkham verwendet.

Es war ein Unterfangen, das schließlich zur Beseitigung von mehreren tausend Tonnen Erde führte. Das Reservoir selbst war das übliche Wunderwerk der Technik und der Zahlen: etwa 30 Millionen Gallonen Wasser in einem künstlich angelegten See von etwa 24 Hektar, an manchen Stellen fast sechzig Fuß tief.

An die Stelle der Erde waren mehrere tausend Tonnen Stein getreten. Drei Fuß breite Gusseisenrohre wurden vom Fluss Miskatonic aus verlegt, um Wasser zu liefern.

Über zweihundert einheimische Männer arbeiteten an dem Reservoir, ergänzt durch Polen und Italiener aus Boston sowie durch zwanzig Schotterwagen, Dampfkräne, Lastwagen, Eisenbahnwaggons und eine Lokomotive namens Indomitable.

Dass der Stausee schließlich die so genannte „gesprengte Heide“ überfluten würde – das tote, aschefarbene Fleckchen einer Anomalie und lokalen Aberglaubens – war für viele gleichzeitig eine Quelle der Erleichterung und Besorgnis.

Doch nur wenige interessierten sich dafür, als später ein Geologe von einem der Ingenieure gerufen wurde, um die durch die Bemühungen der Arbeiter freigelegten Gesteinsschichten zu untersuchen. Dass es sich dabei hauptsächlich um Schiefer und Basalt handelte, war nicht besonders bemerkenswert; für die Männer war Gestein nur Gestein, etwas, dessen umschichten oder entfernen große Anstrengungen erforderte.

Was weiter damit geschah, war merkwürdig.

In den freigelegten Steinschichten befand sich ein gewundener, unförmiger, sehr glatter Kanal von unterschiedlicher Größe; sein sichtbarer äußerer Ausgang war fast breit genug, damit ein Mann hineingehen konnte, aber danach verengte er sich auf ein Durchlass von vielleicht drei Fingern Dicke.

Der verblüffte Geologe stellte ganz klar fest, dass es sich dabei nicht um eine uralte Wasserleitung oder kapilare Magmaeinwirkung, sondern um ein sehr junges Phänomen handelte.

Etwas hatte sich seinen Weg durch massives Gestein geschmolzen. Es war eher wie die Umkehrung des Prozesses, durch die ein Fulgurit entsteht – ein röhrenförmiges, astähnliches Objekt aus geschmolzenem Sand oder anderem Sediment, das durch einen Blitzschlag hervorgerufen wird. Von da an poetisierte der Geologe über die eigentümlichen Eigenschaften des Gesteins, bis der Vorarbeiter darauf hinwies, dass die Arbeit wieder aufgenommen werden müsse.

Schließlich wurden Proben zur Prüfung an die Universität Arkham geschickt, aber es wurde nie ein Abschlussbericht vorgestellt.

Für Nachrichten, offizielle Besuche und die Nachwelt wurden Fotos vom Bau und der Fertigstellung des Reservoirs gemacht. Einige von ihnen, gerahmt und in Sepia-Tönung gehalten, hängen noch immer an den Wänden der Arkham-Historical-Society.

Besonders hervorzuheben ist das Pumpenhaus aus Ziegelsteinen – schwer, feierlich, mit Weinranken umhüllt, kurioserweise mittelalterlich in seinen Linien und dem Bogen seiner hohen gotischen Fenster. Wäre da nicht der 150 Fuß hohe sechseckige Schornstein, könnte man es durchaus mit einer Kathedrale verwechseln.

Auf jedem der alten Fotos ist nur ein einziger Mensch zu sehen.

Darauf lehnt ein Mann in einem Overall gegen ein riesiges Stück Eisenrohr inmitten eines Meeres aus Lehm und raucht Pfeife.

Es ist ein nasser, bewölkter Tag – der Schlamm ist bis zu seinen Hosentaschen gespritzt – und der Strohhut, den er trägt, ist tief heruntergezogen, so dass sein Gesicht teilweise verdeckt ist.

Er ist in Wahrheit unscheinbar, eine harte Zusammensetzung der verwitterten, anonymen, rauen Gesichtszüge, die allen Arbeitern dieser Zeit gemeinsam sind. In die Ecke des Bildes ist ein Name gekritzelt: HOAG.

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Sein voller Name war Abner Hoag.

Ihm gehörte ein Bauernhof, der der Überschwemmung entgangen war; er lag auf einer Anhöhe kurz hinter der Eingrenzung des Stausees.

Die Farm war eine schlecht geführte, baufällige, überwachsene Angelegenheit, denn Hoag war bestenfalls ein gleichgültiger Bauer, und das war alles, was er je sein würde.

Er war ein Einheimischer und lebte schon immer bei den Ausläufern des Hügellandes westlich von Arkham; ein grantiger Yankee, eine aussterbende Spezies, die vom Fortschritt umgangen wurde und für die Evolution unempfindlich war.

Sie sind zwar nicht annähernd so degeneriert wie das verdächtige Volk von Dunwich oder Innsmouth, aber sie sind das, was man Hinterwäldler nennt und fast der gesamten Moderne gegenüber gleichgültig.

Sie blieben und rangen dem kargen Boden ab, was möglich war, lange nachdem die meisten anderen zu den fruchtbareren Felder des Mittleren Westens aufgebrochen waren.

Sie fahren selten Autos.

Sie haben oft weder fließendes Wasser noch Elektrizität in ihren Hütten.

Vielleicht erweisen sich ein oder zwei von ihnen als Anomalie und besitzen sogar ein Telefon, und als Extremfall hat Hoag sogar ein Radio.

Hoag liebte sein Radio.

Es war seine einzige Quelle der Gesellschaft.

Seine Brüder waren vor lange Zeit an andere Orte gezogen, zu ertragreicheren Leben an wohlhabenderen Orten.

Sie entfremdeten sich von Hoag, je mehr Zeit verging.

Nicht, dass Hoag sich allzu sehr darum gekümmert hätte.

Seine Brüder hatten die Stadt, er hatte den Bauernhof.

Und seine Radio-Shows.

Hoag hatte keinen besonderen Favoriten.

Es gab „Fibber McGee“ mit seinem gefährlichen, mit Schrott gefüllten, lawinengefährdeten Schrank (die Hoag-Farm hatte mehrere solcher Schränke.) Dann gab es „Amos‘n Andy“ (die ihr Unternehmen „Fresh Air Taxi Company“ nannten, weil ihr einziges Taxi keine Windschutzscheibe hatte!).

Für die Spannung gab es „Der Schatten des Fu Manchu“.

Für einen guten Lacher sorgte Charlie McCarthy, Amerikas erste Holzpuppe.

Nein, Hoag hatte keinen besonderen Favoriten.

Hitler war eine weitere Quelle der Irritation.

Es schien, dass jedes Mal, wenn der Mann oder seine Lakaien ein Bulletin in die Welt posaunten, etwas Unangenehmes dabei herauskam.

Die Saar, Österreich, das Sudetenland – überall fragten sich alle, was denn nun noch?

Aber nicht Hoag.

Er blieb offenkundig, fast aggressiv uninteressiert, selbst inmitten des unbehaglichen Geredes über eine künftige Invasion und einen möglichen Krieg.

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Das Wesen, in Ermangelung eines besseren Namens einfach die Farbe genannt, hatte sich während seiner kurzen Anwartszeit auf der Erde verändert.

Ein Bewohner unzähliger Welten – viele davon fremd und extrem feindselig – hatte es mit einer enormen und schockierend beschleunigten Fähigkeit zur Entwicklung und Anpassung ausgestattet. Notwendige Veränderungen, die andere Lebensformen Jahrtausende abringen würden, wenn sie nicht zuerst ganz aussterben würden, erforderten oft nur Momente der Farbe.

Luftlosigkeit, Antimaterie, absoluter Nullpunkt, Sterneneis oder nukleare Sonnen-Öfen – all das bedeutete für die Kreatur genau nichts, nicht mehr als eine Reihe berechneter biologischer, chemischer und elementarer Anpassungen im gesamten Spektrum ihres Seins.

Es irgendeiner Form von Umweltgiften auszusetzen, hieße, einen Hammer auf einen Quecksilberklumpen oder ein Schwert in die Luft zu nehmen. Unter allen Umständen behielt es seine wesentliche Unzerstörbarkeit.

Umgekehrt war die Farbe ein großer und zielgerichteter Zerstörer.

Alles, was sie berührte, entwässerte und zerstörte sie langsam und sicher, bis nichts mehr übrig war als ein feines, gräuliches Pulver, das selbst der Wind nicht mehr berührte.

Es war ein unmenschlich effizienter, aber zeitaufwendiger Prozess, für den oft langsame, schmerzhafte Wochen nötig wurden, sogar noch länger, wenn die gegenwärtige Umgebung unwirtlich war oder es an Nahrung mangelte, wie dies auf dem Bauernhof in den Jahren nach dem Weggang des Elternteils der Fall war.

Lange Zeit gab es wenig zu konsumieren, außer Grassprossen und Wühlmäuse, Grünkraut und Gestrüpp; schlechtes Essen mit all seinen unangenehmen Begleiterscheinungen.

Lebendiges blieb weit weg, und die Farbe blieb in der Einöde, zusammen mit dem sprudelnden, bodenlosen Schleim am Boden des zerstörten Brunnens.

Früher hatte sie die Kraft gehabt, festes Gestein zu schmelzen. Jetzt konnte sie kaum noch durch losen Boden sickern. Während sie zuvor wie ein schneller Geist durch die dunklen Bäume und das dicht wuchernde Unterholz geschwommen war, kroch sie nun wie Giftgas am Boden entlang, schwer und dampfförmig, über die Kieselsteine und das Moos und den Laubschimmel – und selbst das war selten.

Der Schrecken, der einst in der Lage war, ein Pferd zu verschlingen, konnte nun kaum noch einen Käfer fangen.

Eine Veränderung war erforderlich.

Wasser wurde seine neue Welt; das tiefe, dunkle, kalte Wasser des neuen Reservoirs in den Tiefen der Erde.

Hier unten war es kraftlos, aber das Licht konnte es nicht erreichen.

Mineraltrümmer und verdrängte Vegetation aus dem überfluteten Land führten kurzzeitig zur Vermehrung von einfachem Phytoplankton, dann zu Zooplankton und verschiedenen Makroinvertebraten (wirbellose Tiere).

Von diesen kleinsten Lebensformen ernährte sich die Farbe.

Durch langsame, aber stete Zunahmen kehrte ihre alte Stärke und Potenz zurück.

Im Sommer 1938 war sie in der Lage, das Wasser für kurze Zeit zu verlassen und wie Dämpfe aus Trockeneis durch das Schilf und die Rohrkolben zu kriechen.

Auf diese Weise nahm sie Schlangen und kleine Sumpffrösche auf, die durch die schillernde, bösartig hypnotisierende Oberfläche der Farbe betäubt waren.

An einem orangefarbenen Abend viele Wochen später war es ein jagendes Kaninchen, das von einem von Hoags Mischlingshunden in den Wahnsinn getrieben und in die Flucht geschlagen wurde.

Das Kaninchen warf sich in einem verzweifelten Versuch, dem bellenden Monster hinter ihm zu entkommen, in den Stausee; auf halbem Weg über das Wasser wurde das Kaninchen zaghaft, fast vorsichtig, unter seine Oberfläche gezogen.

In Panik quiekte das Kaninchen, schlug auf weißen Schaum ein und entkam irgendwie an das gegenüberliegende Ufer.

Es machte kaum einen Unterschied.

Das durchnässte Tier tapste in mehreren unerklärlichen, ziellosen, unkoordinierten Kreisen umher, bis es schließlich auf dem Rücken zusammenbrach, spasmisch zuckend, und seine Augen rollten, bis nur das Weiß zu sehen war.

Und dann kam eine weitere alarmierende Veränderung über das Kaninchen.

Es begann buchstäblich zu verwelken, auseinanderzufallen, sich aufzulösen wie eine kunstvoll aufgetürmte Sandburg, die von der Flut heimgesucht wird.

Das Fleisch wurde grau und trocken, Haare fielen büschelweise aus, die Gliedmaßen wurden brüchig, wie Blumen die verwelkt sind, die Augen verfärbten sich und versanken in knöcherige Dunkelheit.

In Fäden, Stücken und Flocken fiel das Kaninchen auseinander.

In der Nähe begann das dunkle Wasser mit einem überirdischen phosphoreszierenden Licht zu glühen, ähnlich dem bestimmter monströser Tiefseefische.

Der frustrierte Hund am anderen Ufer, nun verängstigt, floh zurück auf den Hoag-Bauernhof.

Die Farbe behielt ihre Beute.

Der Zerfallsprozess, der früher Tage und Wochen gedauert hatte, brauchte nun nur noch Momente, in denen es arbeiten musste.

Die Evolution hatte sich endgültig vollzogen.

Die Farbe hatte sich verändert.

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Die verdammten Hunde hörten nicht auf zu bellen.

Hoag erhob sich von seinem Sessel am Radio, öffnete die Haustür und schrie: „Ruhe!“

Normalerweise war das alles, was er tun musste; er war zwar kein offenkundig grausamer Mann, aber er hing nicht besonders an seinen Hunden, auch nicht an der gesprenkelten Hündin, die so gut Kaninchen nachjagen konnte, der er eigentlich einen Namen gegeben hatte – Bacon.

Die Hunde neigten dazu, ein kurzes, chaotisches, unglückliches Leben zu führen.

Krankheit und vorzeitige Gebrechen ereilten die meisten von ihnen auf dem Hof.

Zu anderen Zeiten kam es zu andauernden Revier-Kämpfen und gelegentlichen Unfällen.

Zwei hatte er erschossen, den einen hatte er in einem besonders schlechten Sommer wegen Tollwut töten müssen, den anderen wegen des unverzeihlichen Verbrechens, den Hühnerstall zu überfallen. Ansonsten begnügte er sich damit, sie wegen ihrer verschiedenen „Übertretungen“ zu treten, wenn Schreien nicht zum gewünschten Ergebnis führte.

Doch heute war das anders gewesen.

Bacon war mit dem Schwanz zwischen den Beinen nach Hause geschlichen, um sich unter den verzogenen Holzstufen der vorderen Veranda zu verstecken und dabei den anderen Hunden eine unbekannte Furcht zu vermitteln, die nach Sonnenuntergang in periodischen Schüben von Bellen und Jaulen mündete.

Zweimal war Hoag nach draußen gegangen, um den Aufruhr zu zerstreuen.

Die Hunde hatten sich nach allen Seiten verzogen, nur um sich neu zu gruppieren und ihr Gebell wieder aufzunehmen.

Schließlich schloss sich Bacon dem Lärm an, ihr charakteristisches, rollendes, heiseres Heulen, das sich über die Stimmen der anderen erhob.

„Halt die Klappe!“, schrie Hoag aufgebracht.

Er wartete.

Es herrschte nur angespannte Stille, und die leise Musik von Ramon Raquellos Orchester strahlte aus dem Radio. Aus irgendeinem Grund war Hoag an diesem Abend nicht wirklich in der Stimmung für Charlie McCarthy.

Hoag sank zurück in seinen Stuhl.

Im Radio lief „La Cumparsita“.

Verdammte Hunde.

Was zum Teufel war eigentlich in sie gefahren?

Den ganzen Abend mit ihrem Gebell, und nun weiter in die Nacht hinein, ohne nachzulassen. Merkwürdig.

Sie hatten natürlich ihre launischen Momente, aber das hier war wirklich seltsam.

Er überlegte, ob er eine Laterne aufstellen sollte, um zu sehen, ob sie etwas taten, vielleicht einen Streich, den sie ihrem Herren spielen wollten – aber er entschied sich dagegen.

Sie würden über das, was auch immer es war, hinwegkommen müssen, ohne ihn vor die Tür zu locken.

Außerdem war es zu verdammt kalt, um nach draußen zu gehen.

Er stellte die Lautstärke des Radios ein wenig leiser.

Hatten diese Hunde wieder angeschlagen?

Hoag hörte aufmerksam zu.

Nein, das war nur seine Einbildung.

Verdammt, er hatte keine Lust, Überstunden bei der Hofwache zu machen wie die Hunde.

Aber in der zweiten Hälfte des Sommers und bis weit in den Herbst hinein war eine seltsame Abneigung gewachsen, eine subtilen Furcht vor seiner Umgebung, die ihm unerklärlich war.

Mehr und mehr konzentrierte sich diese Abneigung auf den neuen Stausee, der von der Farm aus nicht viel mehr als ein dunkler Streifen in der Landschaft war, ein Tintenfleck auf Grün und Braun. Die Überschwemmung der verfluchten Heide hatte die alten Ängste anscheinend nicht ertränkt. Nicht, dass Hoag die alten Geschichten darüber geglaubt hätte.

Er hielt den Stausee für eine gute Sache und freute sich auf den Tag, an dem die Fabrik für Erfrischungsgetränke ihren Betrieb aufnahm, in der Hoffnung, dass er dort einen Job bekommen würde.

Doch an den großen, immer noch aschfahlen Fleck auf dem Land davor blickte er stets mit Unbehagen, da er sich jeder rationalen Erklärung entzog.

Keiner seiner Hunde ging jemals in seine Nähe.

Die Luft um den zerstörten Brunnen herum war immer feucht und diesig und flirrend, auch an Tagen ohne direkten Sonnenschein. Es wirkte irgendwie falsch.

Und dann gab es Geschichten über das neue Pumpenhaus – jemand hatte behauptet, eines Nachts aus dessen Fenstern ein eigentümliches, unnatürlichen Licht hatte glühen zu sehen ...

Ein Radio-Bulletin der Intercontinental Radio News riss Hoag aus seinen Gedanken.

Er hörte aufmerksam zu und drehte die Lautstärke auf.

Es ging um Explosionen von weißglühendem Gas, das von einem Professor Farrell vom Mount Jennings Observatorium, Chicago, Illinois, auf der Marsoberfläche entdeckt wurde.

Dies wurde von einem anderen Professor in Princeton bestätigt.

Die Gaswolke soll sich mit großer Geschwindigkeit auf die Erde zu bewegen.

Hoag sackte angewidert in seinem Stuhl zusammen.

Warum zum Teufel mussten sie das Orchester dafür unterbrechen?

Und hier hatte er gedacht, es sei etwas Wichtiges ...

Ramon Raquello kehrte mit „Stardust“ zurück, aber nicht für lange.

Es gab ein weiteres Bulletin: Das Meteorologische Amt der Regierung forderte alle großen Observatorien auf, alle weiteren Ereignisse auf dem Mars genau zu beobachten.

Das Bulletin erklärte weiter, dass im Lichte der jüngsten Ereignisse in Kürze ein Interview mit dem bekannten Astronomen Professor Pierson von der Princeton University stattfinden werde.

„Wunderbar“, kommentierte Hoag.

„Stardust“ nahm das Spiel wieder auf, aber nicht für lange.

Das Interview begann.

Hoag hörte Professor Pierson und dem Kommentator Carl Phillips geistesabwesend zu, als sie über den Mars, „Querlinien“, Gasausbrüche und die Möglichkeit von Leben auf dem Mars sprachen, was Pierson persönlich bezweifelte.

Der Mars, so Pierson, sei sehr weit von der Erde entfernt, etwa vierzig Millionen Meilen. Dies schien den Kommentator zu beruhigen.

Dann erhielt der Professor eine Nachricht, die er dem Kommentator übergab, der sie dem Publikum vorlas. Der Leiter der Astronomischen Abteilung berichtete von einem „seismographisch registrierten Schock“ im Umkreis von zwanzig Meilen um Princeton.

Der Professor erklärte, dass es sich lediglich um einen Meteoriten handele und seine Ankunft ein Zufall sei, der nichts mit den Störungen auf dem Mars zu tun habe.

Das Interview endete, und Klaviermusik begann zu spielen.

Ein Meteorit?

Das war für Hoag von Interesse.

Das war etwas Bemerkenswertes. Ein Meteorit. Warum kommt mir das bekannt vor? Warten Sie.

Ist nicht vor etwa dreißig oder vierzig Jahren einer in der Nähe der alten Gardner-Farm eingeschlagen?

Hoag konnte sich nicht recht erinnern, da er einige Jahre nach dem angeblichen Ereignis geboren wurde.

Oder an ein Unglück, je nachdem, mit wem man gesprochen hatte, und da über der Sache so etwas wie der Mantel eines schrecklichen Familiengeheimnisses lag, wurde darüber nicht viel gesprochen. Aber es hatte einen Meteoriten gegeben, und dann seltsame Ereignisse, die irgendwie zu dem schleichenden grauen Staub geführt hatten ...

Im Radio wich Bobby Millette einem anderen Bulletin und einem weiteren Meteoriten – dieser fiel in der Nähe von Grovers Mill, New Jersey.

Pierson und Phillips waren vor Ort.

Nach dem Tumult im Hintergrund zu urteilen, hatte sich eine Menschenmenge versammelt.

„Ein Teil, dort ein anderes Teilstück“, sagte ein Polizist.

Hoag hörte aufmerksam zu.

Der halb begrabene Meteorit war laut Pierson und Phillips kein Meteorit, sondern ein Zylinder aus gelb-weißem Metall mit einem Durchmesser von etwa dreißig Metern.

„Was? Das ist unmöglich“, stellte Hoag fest.

Phillips sprach nun mit einem Mr. Wilmuth, dem Besitzer des Bauernhofs, auf dem das Objekt gelandet war. Es habe wie eine Rakete gezischt, so Wilmuth, und der Aufprall habe ihn aus seinem Stuhl geschleudert.

Zum ersten Mal überkam Hoag ein leichtes Unbehagen.

Er verrutschte auf seinem Sessel. Dann brach Phillips, sichtlich aufgewühlt, einfach das Gespräch ab.

Die Spitze des Zylinders schraubte sich langsam ab.

Die Menge schrie in kollektivem Entsetzen auf.

Das Ding war hohl, und jemand versuchte, herauszukommen ...

„Verdammt“, flüsterte Hoag leise.

Wieder mehr Bellen auf dem Hof, diesmal zwei oder drei Hunde gleichzeitig, einer von ihnen eindeutig Bacon.

Hoag rieb sein Gesicht mit einer sanft zitternden Hand.

Aus dem Radio kam ein lautes, metallisches Klirren und ein Schrei aus der Menge.

Hoag zuckte zusammen.

Die Spitze des Zylinders war abgefallen.

Etwas kam zum Vorschein.

Da waren – Augen. Ein Gesicht? Was könnte es sein?

Etwas schlängelte sich aus dem Schatten. Eine graue Schlange. Nein, Tentakel, und dann ein Körper, ein glitzernder, nasser Körper. Und ein Gesicht, ein Gesicht mit schwarzen, schimmernden Schlangenaugen. Randlose, v-förmige Lippen.

Phillips schien kaum weitersprechen zu können.

Es war notwendig, dass er eine neue Position fand, nach der er mit seinem Bericht fortfahren würde.

Die Klaviermusik begann zu spielen.

Hoag saß wie gefesselt an seinem Sessel.

Der Radiosprecher brachte die Hörer ordnungsgemäß nach Grovers Mill zurück.

Phillips sprach erneut.

Er hatte sich vernünftigerweise hinter einer Steinmauer versteckt.

Hoag musste den Mann dafür bewundern. Dieser Mann wusste, was er tat. Was die Polizei betraf, nun ... sie rückte unterdessen mit einer weißen Fahne vor.

Zum Teufel – nein, warten Sie! Nein, warten Sie! Natürlich nicht! Das macht absolut Sinn!

Lasst sie – diese Dinger wissen, dass wir friedlichen Kontakt wollen, auch wenn Phillips selbst nicht ganz überzeugt von dieser Ausführung war.

Ein plötzliches Zischen brachte Hoag dazu, sich zu fragen, ob er den Sender verlor, aber ihm folgte ein überirdisches, immer lauter werdendes Summen.

Phillips sprach wieder.

Da war eine bucklige Form – ein Spiegel und ein Balken – ein Flammenstrahl – er traf die vorrückenden Männer und sie verbrannten – sie, und dann das ganze Feld – da waren Schreie und Kreischen – eine Explosion – Wälder und Scheunen und Autos standen in Flammen – der Balken rückte auf Phillips zu, er war zwanzig Meter zu seiner Rechten ...

Und dann ... nur noch Schweigen.

Eine Salve von aufgeregtem Bellen erschreckte Hoag.

Er sprang hoch vom Sessel, fluchte und klammerte sich an seine Brust.

Dann war der Ansager noch einmal zu hören – aufgrund von Umständen, die sich ihrer Kontrolle entzogen, könne die Übertragung aus Grovers Mill im Moment nicht fortgesetzt werden, sagte er. Aber ein Professor Indellkoffer, der bei einem Abendessen der California-Astronomical-Society sprach, war der Meinung, dass die Störungen auf dem Mars nichts anderes als schwere Vulkanausbrüche seien.

Wieder wurde Klaviermusik gespielt.

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Die Farbe war sich der lauten Phalanx der vor ihr aufgescheuchten Lebewesen nur schwach bewusst, entschied sich aber hauptsächlich dafür, sie zu ignorieren.

Lautlos umging sie die Umgrenzung des Hofes, schlüpfte durch das tote Unkraut und den rostigen Draht und umrundete dann den Brunnen.

Im Moment war die Farbe mehr neugierig als hungrig und misstrauisch.

Aber eine futtersuchende Feldmaus, die nicht schnell genug war, um einer ihrer dampfförmigen Ranken zu entkommen, wurde berührt, und sie löste sich wie ein Zuckerwürfel in Wasser zu Staub auf.

Die etwas intelligenteren Hunde betörte sie periodisch mit leise pulsierenden Wellen von blasser elektrischer Farbe, wie ein Tintenfisch.

Erst wenn es sich wieder weiter bewegte, fingen die Hunde wieder an zu bellen. Ihr Lärm war ein merkwürdiger Eindruck auf die Substanz der Farbe; sie hörte sie nicht, aber ihre seltsame immaterielle Oberfläche kräuselte sich in mitfühlender Vibration mit ihrem Tumult und Schrecken.

Mit einer Schnelligkeit, die sie verriet – und wieder wie ein Tintenfisch – schleuderte die Farbe eine lange, gallertartige Ranke auf einen der Hunde.

Das Anhängsel krümmte sich kurz mit der Peitsche um die Kehle eines der aufgeschreckten Tiere, und es kam zu einem schmerzhaften, hoffnungslosen Kampf, der nur Sekunden dauerte.

Der Hund wurde losgelassen, und er kläffte weiter um sein Leben, obwohl die Auflösung bereits begonnen hatte.

Der Hund, zitternd wie ein Epileptiker, brach an den Hüften zusammen.

Sein Kopf krümmte sich in einem seltsamen Winkel, lockerte sich und löste sich vom Körper.

Das Grau breitete sich vom Stumpf seines verdorrten Halses nach unten aus und reduzierte den unruhigen Körper auf immer kleinere Teile und schließlich auf seine Grundbestandteile.

Der Muskel blutete durch die Haut, das Organ durch den Knochen.

Bald schon war der Hund ein einfacher, unverbundener organischer Haufen, grau und zuckend.

Für die anderen Hunde war das völlig ausreichend.

Das war ein Feind jenseits ihrer Möglichkeiten.

Angeführt von Bacon flohen sie in die Wälder.

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Es war das erschrockene Aufjaulen von draußen, das Hoag aus der Lähmung riss.

Mehrere ereignislose Augenblicke lang stand er im Halbdunkel und wischte sich den Schweiß von der Stirn.

Welcher Hund?

Bacon? Nein, klang nicht wie Bacon. Wahrscheinlich war nichts. Oder irgendwas. Was, wenn – nein, das kann nicht sein, er – verdammt. Ich sehe besser nach, was da los ist. Was wahrscheinlich gar nichts war, hoffe ich bei Gott, dachte er voller Unruhe.

Aus dem Durcheinander des Wandschranks im Vorraum fischte er eine Schrotflinte, die er mit nervösen Fingern lud, und schnappte sich eine Laterne.

Was er auf keinen Fall tun dürfe, sei in Panik zu verfallen, sagte er sich.

Er öffnete ein Fenster in der Nähe, damit er im Freien weiter das Radio hören konnte.

Er sagte sich, er müsse ruhig bleiben, klar denken, und als er mit klopfendem Herzen zur Vordertür hinaus und in die klirrende Kälte eines nebligen späten Oktoberabends trat, hörte er, dass örtliche Staatsmilizen das Objekt aus dem Weltraum umzingelt hatten.

Ein Captain Lansing hatte die Dinge unter Kontrolle.

Der Hof war leer. Hoag war weiter beunruhigt. Von den Hunden war nirgendwo eine Spur zu sehen.

„Bacon“, sagte er mit heiserer Stimme – er war zu nervös, um zu schreien, konnte seine Stimme nicht ganz finden.

Er steckte zwei Finger in seinen Mund und gab den durchdringenden Pfiff, der sie normalerweise zum Laufen brachte.

Bacon erschien nicht.

Stattdessen trug ein aufkommender Windstoß ein paar tote Blätter vorbei.

Der milchig-trübe Glanz der Laterne verriet wenig: das dürre Gras und der Schlamm des Hofes, der Pflug und die Egge, die hoch aufragende, stille Masse des Silos.

In ihrem Schein fühlte sich Hoag mehr ausgesetzt als sicher. Er suchte den Himmel ab, aber wie der Hof war er leer.

Wie still war alles, selbst für das düstere Ende des Herbstes – nur er und der Wind und die gedämpften, halbherzigen Töne des Radios.

Die Miliz würde die Dinge wieder in Ordnung bringen. Sie würden diesen Marsmenschen oder wofür auch immer sie standen, zeigen, dass sie nicht einfach auftauchen und Unruhe stiften konnten, Dinge in Brand zu stecken.

Aber dieser Phillips tat ihm leid.

Der Knüller des Jahrhunderts, und der arme Mann würde ihn nie im Druck sehen.

Warten Sie. Stopp!

Hoag blinzelte in die Dunkelheit.

Etwas hatte sich durch die Fliederbüsche bewegt.

Ja, etwas hatte sich definitiv bewegt, und – warten Sie – verdammt, es war ein Schatten, der von der Laterne geworfen wurde. Er experimentierte kurz mit der Höhe, senkte sie ab und hob sie dann wieder an. Ja, das war sie, die Laterne, aber sie hatte genau so ausgesehen, als würde etwas über den Boden gleiten, etwas Bösartiges, das unbedingt unsichtbar bleiben wollte, eine Art unpassende Form.

„Bacon“, rief er erneut, ohne viel Hoffnung.

Erneutes Pfeifen schien plötzlich keine sehr gute Idee zu sein.

Das Radio fuhr erbarmungslos mit seinem Katalog des Banalen und Schrecklichen fort.

Etwas – etwas über ein Stativ, über ein Metallgerüst, eine gigantische Metallmaschine auf Beinen ...

Was?

Aus dem Hühnerstall kam ein düsterer, wählerischer, hirnloser Lärm.

Hoag erstarrte, fast löste sich ein Schuss.

Nichts. Es war nichts. Die verdammten Hühner bewegten sich in ihren Käfigen, sonst nichts.

Wenn er nur mal ruhig Luft holen könnte.

Die Sendung vom Radio drängte sich wieder auf; der Ansager hatte Unglaubliches zu berichten. Wie es schien, war eine Invasion aus dem Weltall im Gange.

Die Staatsmiliz war durch das riesige Metallstativ ausgelöscht worden.

Kommunikationsleitungen waren zerstört und Eisenbahnschienen unterbrochen.

Allgemeine Panik. Massenflucht. In New Jersey und im östlichen Pennsylvania wurde das Kriegsrecht verhängt.

Der Innenminister sprach; auch wenn Hoag nicht alles verstanden hatte, was der Mann in seiner kurzen, dringenden Ansprache sagte, so wusste er doch, dass der Appell des Mannes Ruhe, Einfallsreichtum und Vertrauen in das Militär unterstrich, egal wie schrecklich die Situation wirklich war.

Warten Sie!

Die Hühner hatten wieder gegackert, nur lauter jetzt.

Erschrockenes Gackern und wildes Flattern folgten.

Furcht und Unentschlossenheit ließen Hoag weiter erstarren.

Könnte es sein – nein, das war unmöglich.

Aber trotzdem – Marsmenschen?

Der Hühnerstall? Es war ein Witz, etwas, mit dem man Amos und Andy belästigen konnte.

Die Versuchung bestand darin, einfach ins Haus zurückzukehren und geschehen zu lassen, was immer auch geschah.

Nein, er musste das untersuchen.

Sollte es noch schlimmer kommen, würde er die Behörden anrufen.

Ja, sie würden wissen, was zu tun ist. Vorausgesetzt, die Marsmenschen fackelten sie nicht vorher ab ...

Die Schrotflinte entsichert, ging Hoag um die Ecke.

Der Hühnerstall war ein billiger Holzschuppen, halb in kriechendem Efeu versunken, weiß getüncht, aber ansonsten ungepflegt.

Etwas dahinter wurde der Wald dunkel und dicht – moosbewachsene Eichen und verkrüppelte Ulme, zotteliges Maulbeergehölz, die hoch aufragenden Ranken der wilden Fuchstraube, die den rostenden Hühnerdraht fast verdeckten.

Die Laterne verriet nichts Ungewöhnliches, aber die Hühner blieben unruhig.

Und hatte der Wind plötzlich zugenommen?

Oder bewegte sich weiter hinten im Wald etwas?

Hoag eilte zum Haus zurück. Er schloss die Haustür ab, verriegelte sie und stellte dann einen Stuhl unter den Türknauf. Das Fenster schloss er sofort und verriegelte es ebenfalls.

Jeden Vorhang, der noch offen war, zog er hastig zu, jedes noch brennende Licht löschte er aus, bis nichts mehr übrig blieb als der dumpfe rote Schimmer der Glut im Kamin und der Schein der Laterne.

Die stakkatohaften Ausrufe des Radios reduzierte er auf ein kaum hörbares Nuscheln, obwohl er den Berichten mit zunehmender Furcht weiter lauschte.

Das Radio drang in seine Gedanken ein – verzerrtes Gerede von Kämpfen, von schwerer Artillerie und Bombern, von Hitzestrahlen und giftigem schwarzem Rauch, der aus den Sümpfen Jerseys hereinströmt.

Gasmasken waren nutzlos.

Die Automobile sollten die Routen 7, 23 und 24 benutzen.

Es folgte das Schlimmste: die Kriegsmaschinen vom Mars hatten New York City erreicht.

Millionen flohen vor dem schwarzen Rauch, den sie ausstießen, vor dem schwarzen Rauch, der alles in seinem Weg tötete, sie fielen wie Fliegen, starben wie Ratten.

Hoag stand allein in lichtloser Dunkelheit.

Im Kamin knackten Holzkohlereste, und die Glut aus dem Kamin sprühte Funken in die Luft.

Schwarzer, giftiger Rauch.

Genau wie im Großen Krieg, mit seinem Senfgas, seinem Chlor und Sprengstoff und allen anderen Arten von schrecklichen Waffenvorrichtungen.

Flammenwerfer. Maschinengewehre.

Das war es – der Große Krieg noch einmal ganz von vorn, der Krieg, um wirklich alle Kriege zu beenden, aber nur, dass die Marsmenschen Hitler bis auf die Knochen geschlagen hätten.

Er betrachtete die Schrotflinte in seinen Händen, fragte sich ganz rational, ob er, wenn es darauf ankäme, die Nerven haben würde, sich zu erschießen.

Sich selbst den Lauf in den Mund zu stecken, das wäre einfach genug.

Verdammt, wahrscheinlich töteten sich in diesem Moment auch andere Menschen: Sie nahmen eine Handvoll Pillen, schnitten sich in der Badewanne die Pulsadern auf, schlossen ihre Gürtel über Kleiderhaken.

Aber wenn man den Abzug drückt ...

Den Berichten zufolge waren die Marsmenschen anderswo gelandet: Buffalo, Chicago, St. Louis. Es war nur eine Frage der Zeit, bis alles vorbei war. Boston würde das nächste sein, und danach Arkham ...

Aus der Richtung des Hühnerstalls wurde es wieder lauter.

Hoag hatte das Radio ausgeschaltet.

So leise wie möglich bewegte er sich zu einem Fenster und spähte durch die Vorhänge. Der Hühnerstall war auf der anderen Seite des Hofes.

Was er sah, ließ ihn laut aufstöhnen, ließ ihn vor Entsetzen mit der Hand zum Mund fahren.

Die Äste der nahegelegenen Bäume bewegten sich, obwohl es keinen Wind gab.

Die schwarzen Äste schwankten nicht so sehr im windgetriebenen Gleichklang wie sie in immer groteskeren, immer unwahrscheinlicheren Verrenkungen umherschlugen – blind und schwach in der Dunkelheit krallten sie sich wie vielfingrige Hände, die sich aus dem Todesschlaf rührten.

Aber was für eine Dunkelheit, denn an den Enden der Zweige flackerten und wirbelten und brannten bald winzige phosphoreszierende Lichtpunkte von Koboldlicht, schimmernde Kugeln von undefinierbarer Farbe, einige huschten am Rand der Sichtweite, einige still, und wieder andere trieben mit der ganzen kalten Absicht toter Geister umher.

Sie waren bald unzählbar, zahlreich wie Sterne.

An manchen Stellen vereinten sie sich zu geisterhaften kleinen Flammen, die die Zweige leckten, aber nicht verschlangen und kein Licht ausstrahlten.

Im Hühnerstall meckerten und gackerten die Hühner weiter und tobten wie alte Frauen.

Sie setzten ihr sinnloses Krakeelen fort, während der Stall selbst zu schimmern und dann mit unheimlichen, unbestimmten Mustern blasser Farbe zu funkeln begann.

Es floss seltsamer als Quecksilber in unbekümmerter Missachtung aller Naturgesetze, lief wie ein bebendes, lebendiges Ding auf und über die Schindel, tropfte langsam vom Boden nach oben und lief an der Traufe des schäbigen Daches entlang, wobei die kleinen schimmernden Kügelchen wiederum in die Dunkelheit aufstiegen.

Hoag beobachtete mit fasziniertem Entsetzen, wie brillantes, kaltes Licht von ähnlichem Farbton zwischen den Brettern und aus den winzigen Luken des Hühnerstalls heraus zu brennen begann und immer heller wurde.

Der harmlose Lärm von innen wurde panischer.

Es folgte eine Kakophonie von Gekreische, schrillem Gackern und wahnsinnigen Flatterns.

Das fremde Licht wurde blendend.

Der Hühnerstall brannte wie eine Laterne und dann wie ein Stern.

Hoag schirmte seine Augen ab.

Die Aufregung der Hühner verlor sich in dem plötzlichen Krachen und Knacken des Holzes, das folgte, als der Hühnerstall anfing, in sich selbst zu implodieren.

Hoag, entsetzt, schloss den Vorhang.

Zersplitternde, schnappende Geräusche folgten ihm in die Küche.

Er stellte die Laterne auf den Küchentisch und wartete bereit mit dem Gewehr.

Schließlich verstummte der schreckliche Lärm in eine kaum weniger beunruhigende Stille.

Die seltsame Leuchtkraft begann zu verblassen, die Schatten des Hauses kehrten an ihren angestammten Plätzen zurück.

Bald hörte man nur noch das leise Knistern und Knacken des erlöschenden Feuers.

Hoag wartete mehrere Minuten lang.

Nichts war zu hören.

Zitternd, den Geschmack der Angst bitter wie Kupfer im Mund, ging er zum alten Haustelefon an der Wand und zog mit tauben, kalten Fingern an der Kurbel.

Aber Hoag konnte nicht sprechen.

Es würden keine Worte kommen.

Die lebhafte, leicht ungeduldige Stimme einer Frau: „Vermittlung am Apparat. Hallo? Hier ist die Vermittlung. Wohin kann ich Ihren Anruf bitte verbinden?“

Hoag stammelte, räusperte sich.

„Vermittlung am Apparat. Wer spricht da?“

„I – I-“

„Ist das ein Halloween-Streich? Warten Sie einen Moment. Sind Sie einer der Jungs von Waite? Sind das die Waite-Jungs? Denn Sie beide wurden schon einmal vor diesem Unsinn gewarnt, und wenn ich noch einmal mit Ihrer Mutter darüber sprechen muss ...“

„Holt mich ...“, sagte Hoag – sein Verstand raste, „holt mich – holt mir den Präsidenten! Holen Sie mir den Präsidenten, sofort! Oder einen General! Einen Armee-General.“

Fassungsloses, höfliches Schweigen.

„Verzeihung?“

„Geben Sie mir den Präsidenten der Vereinigten Staaten!“

„Ich – warte. Worauf?“

„Das ist eine Invasion! Sie sind – etwas ist in meinem Garten! Es – es muss eine neue Waffe sein, so etwas habe ich noch nie gesehen – alle Farben und Flammen und zerbrochenes Holz! Aber sie sind in meinem Garten!“

„Wer ist in Ihrem Hof?“

„Ich – sie – sie! Die Dinge aus dem Weltraum! Die Marsmenschen!“

„Ich verstehe.“

Eine Pause.

„Also ... wie sehen diese Marsmenschen dann aus?“

„O Herr ...h Herr, ich kann sie nicht einmal ansatzweise beschreiben. Ich kann nicht einmal anfangen, sie zu beschreiben – es – es ist eine Farbe. Eine Art Farbe oder so etwas. Aber es hat schon meine Hühner geholt, und ich weiß nicht ...“

„Eine Farbe, sagen Sie.“

„Richtig.“

„Es ist also eine Art Farbe.“

„Richtig, aber ich kann es Ihnen nicht beschreiben. Es – schwebt und schimmert. Es ist schrecklich.“

„Es ist also eine Farbe, die schwebt und schimmert.“

„Richtig“, antwortete Hoag. „Hören Sie, ich habe wirklich ...“

„Eine Farbe.“

„Hören Sie, Sie müssen mir glauben.“

„Aber ich dachte, Sie sagten, es seien Marsmenschen.“

„Verdammt, haben Sie nicht zugehört? Ich sagte, ich dachte, es könnte eine ihrer Waffen sein, wie der Hitzestrahl, den sie gegen diesen Reporter eingesetzt haben! Aber diese ist ganz anders. Er bringt die Bäume dazu, sich zu bewegen, obwohl es keinen Wind gibt. Und sie glühen auch!“

„Diese Farbe ... ist also eine Art Waffe ...“

„Das habe ich jetzt erst etwa dreimal gesagt. Sind Sie taub?“

„Sir ...“

„Hören Sie, es tut mir leid, es tut mir leid. Aber Sie müssen mir glauben, ich habe es mit meinen eigenen Augen gesehen. Und meine Hunde! Sie haben die ganze Nacht gebellt, aber als ich später rausging, konnte ich sie nicht mehr finden. Gott – Sie glauben doch nicht, dass sie meine Hunde haben, oder?“

„Ich ...“

„Gott, die müssen sie haben, die müssen sie bekommen haben.“

Hoag schlug mit der Faust auf die Tischplatte. „Scheiße! Mistkerl!“

„Wer hat sie bekommen?“, fragte der Operator.

„Was?“

„Wer hat was bekommen?“

„Wovon zum Teufel reden Sie da?“

„Ihre Hunde, Sir. Wer hat Ihre Hunde?“

„Die Marsmenschen!“

„Aber Sie sagten, es sei eine Farbe.“

Hoag widerstand dem Drang, das Telefon von der Wand zu reißen, aber nur knapp.

„Was ich sagte, ist, dass die Farbe eine Art Waffe ist. Wie der Hitzestrahl!“

„Welcher Hitzestrahl? Die Farbe? Es tut mir Leid, aber ich kann Ihnen nicht folgen, Sir.“

„Aber – ich – der Innenminister war gerade im Radio und sprach über alles!“

„Worüber? Die Farbe?“

„Die gottverdammte Invasion!“

Der Ton des Operators wurde frostig. „Sir, wenn Sie mich weiterhin beschimpfen ...“

„Nein, hören Sie zu, ich werde es nicht mehr tun, tut mir leid. Bitte! Es tut mir leid. Es tut mir wirklich leid. Aber ich muss mit jemandem reden. Mit irgendjemandem. Mit dem Präsidenten. Besorgen Sie mir einfach jemanden. Bitte.“

„Oh, ähm ... natürlich. Ja, natürlich, sofort. Nun, wegen dieser Farbe ... ist sie zufällig rosa?“

„Hm?“, fragte Hoag. „Rosa? Was meinen sie mit rosa?“

„Und die Form. Wie ist es geformt? Besteht die Möglichkeit, dass es, sagen wir, oh, wie ein Elefant aussieht? Vielleicht nur ein bisschen?“

Hoag biss sich auf die Oberlippe. „Jetzt warten Sie doch mal eine Minute ...“

„Ein Ratschlag, Sir: Lassen Sie die Sauce weg. Sie tut Ihnen und Ihren Manieren keinen Gefallen.“

Klicken.

Hoag stand einige Momente lang fassungslos da. Er drehte wieder an der Kurbel.

„Hallo?“

„Vermittlung“, sagte er, „holen Sie mich ...“

Klicken.

Hoag schlug den Hörer zu Boden. Er zitterte vor Angst und Frustration und schaffte es irgendwie, sich vor seinem dritten Versuch zu sammeln.

„Vermittlung am Apparat.“

„Sehen Sie“, sagte er mit fester Stimme. „Ich will, dass Sie drei Dinge wissen. Erstens: Die Vereinigten Staaten werden angegriffen. Zweitens: Die Leute, die uns angreifen, sind Marsmenschen. Drittens: Da ist etwas in meinem Garten, und was immer es ist, es ist kein gottverdammter rosa Elefant!“

Hoag schlug den Hörer erneut zu Boden.

Irgendwie reichte das nicht ganz aus, also trat Hoag einen Stuhl über den Küchenboden, um gegen den Herd zu krachen.

Dann stand er schwitzend und zitternd da, allein, rieb sich im Gesicht und über die Augen.

Er sollte laufen. Er musste rennen.

Der Lastwagen stand draußen bei der Scheune. Wenn er schnell war ...

Allerdings war nicht zu erkennen, wo sich diese Farbe befand.

Sie könnte überall sein.

Oder verschwunden.

Er vermutete, dass viel von den Marsmenschen abhing und davon, was sie als Nächstes zu tun gedachten. Aber ...

Giftgas.

Der Mann im Radio hatte gesagt, die Marsmenschen hätten schwarzes Giftgas verwendet.

Könnte Giftgas von einem Mann zu Fuß überholt werden?

Oder von einem Mann am Steuer?

Letzteres schien durchaus möglich.

Aber würde sein Lastwagen nicht die Aufmerksamkeit eines der schrecklichen, sagenumwobenen Metallgiganten vom Mars auf sich ziehen? Schließlich waren sie es, die das Gas benutzten. Schreckliche Visionen von Verfolgung und panischer Flucht erfüllten Hoags Geist, von seinem grotesken Ende, dass er wie ein Käfer von seinen Verfolgern unter den Füßen zerquetscht wurde.

Und außerdem, wohin würde er genau rennen? Millionen waren geflohen, und was hatte ihnen das gebracht außer dem Tod? Das war genau das, was die Marsmenschen wollten.

Eine gemächliche Jagd.

Ausblenden.

Er würde sich verstecken müssen – das war der richtige Schlüssel zum Überleben.

Er würde sich inmitten der Feinde verstecken und warten, bis sie weitergezogen waren.

Wenn er ruhig war – wenn er vorsichtig war ...

Aber die Farbe ...

Er würde einen Raum finden und ihn abriegeln.

Der einzige Grund, warum die Farbe an die Hühner gelangt war, war, dass der Hühnerstall nicht luftdicht war. Er war nicht einmal besonders robust gebaut.

Zu viele Spalten und Risse.

Aber der Stall war, trotz seines nicht gerade makellosen Zustands, eine andere Geschichte.

Was war solide, stark? Und seine stärkste Seite war ...

„Der Keller!“, stellte Hoag erleichtert fest.

Mit Schrotflinte, die Laterne in der Hand, betrat er den Keller, schloss und verriegelte dann die Tür hinter sich.

Aus einer nahe gelegenen Garderobe nahm er einen Mantel und stopfte ihn in den Spalt zwischen Tür und Boden, so gut er konnte.

Dort. Das sollte den schwarzen Rauch fernhalten. Er hoffte.

Er hoffte auch, dass er nicht lange dort bleiben müsse.

Der Keller war ein feuchtes, nasses Loch, das nach Schimmel, Lehm und verfaulendem Gemüse stank – der verfaulte und unangenehmste Teil eines verfallenen Bauernhofs.

Während eines besonders feuchten Frühlings waren Frösche in den Keller eingedrungen und hatten ihre Eier und ihren zappelnden schwarzen Nachwuchs in den überfluteten Ecken des Kellers zurückgelassen.

Im sich abzeichnenden Halbdunkel saß Hoag an einem uralten Tisch, wartete und lauschte.

Der angesammelte Schrott dreier Generationen warf gedämpfte, beunruhigende Schatten an die Wände – die vergilbten Zeitungsstapel, die Regale mit Konservendosen und Konserven, die in Gespinste und Staub gehüllt waren, ein Büro, das einst einer Ur-Ur-Urgroßtante oder Mutter gehört hatte, die verrosteten Werkzeuge und verschiedene veraltete landwirtschaftliche Geräte.

Bilder, viele alte Bilder, einige Daguerreotypien.

Komisch, aber er hatte immer die Absicht, eines Tages den Ort zu säubern und zu lüften.

Und nun würde dieser Tag vielleicht nie kommen.

Er saß hier fest, vielleicht für eine sehr lange Zeit.

Kein Sonnenaufgang mehr. Oder Sonnenuntergang. Kein Bacon. Auch kein Radio.

Kein Amos‘n Andy oder Fibber McGee oder Fu Manchu oder Harlow Wilcox, der Johnson‘s Wax verhökert.

Nur tagelanges Sitzen und Warten im Dunkeln, Zuhören, Futtersuche, abwartend.

Er hatte das schreckliche Gefühl, dass dies sehr wohl das Ende sein könnte.

Alles war in einer einzigen Herbstnacht zusammengebrochen.

Er hätte wirklich öfter in die Kirche gehen sollen.

Er fragte sich, was oben geschah.

Schreckliche Dinge.

In seinen Gedanken brannte New York City orangefarben vor einem schwarzen Horizont, eine Dunkelheit, durch die die dreibeinigen Marsmonster wie große Panzergötter schlichen und nach Belieben und ohne Gnade zerstörten.

Die Straßen und Eisenbahnlinien wären inzwischen verstopft, die Städte leer, das Land von Chaos und Flüchtlingen überflutet.

Er dachte darüber nach, was er tun musste.

Vernünftige Menschen – denkende Menschen wie er – mussten versuchen, fast direkt unter den Eindringlingen eine Existenz zu fristen.

Hirnlos wie ein Kaninchen zu flüchten, bedeutete, zum Abschuss einzuladen, vergast oder verbrannt zu werden.

Zu überleben, unterirdisch, immer auf der Flucht, nachtaktiv – ja, so konnte es gehen.

Ja, diese Strategie konnte funktionieren.

Zig Millionen würden sterben – Millionen waren wahrscheinlich bereits tot.

Aber sie waren dumm gewesen. Töricht. Stadtbewohner und Angestellte und Damen der feinen Gesellschaft.

Kaum eine praktische Seele unter ihnen.

Selbst diejenigen, die den Marsmenschen entkommen waren, würden einfach in der Wildnis verhungern, unfähig, für sich selbst zu sorgen, Unterkunft oder Nahrung zu finden.

Aber keine praktischen Seelen wie Hoag.

Nicht Menschen wie er, die zu jagen und zu fischen und Fallen zu stellen wussten, die das Wetter und die launische Natur kannten. Er spürte, dass von Natur aus primitive Menschen, solche, die bereitwillig auf ältere Instinkte zurückgreifen, Männer wie er selbst, überleben würden.

Und bis dahin hatten sie ihn ausgelacht, die Stadtbewohner und Angestellten und die Damen der feinen Gesellschaft!

Sie lachten und zeigten auf seine geflickte Kleidung, auf seine Seltsamkeit. Studenten der Miskatonischen Universität: Schaut euch das Rustikale an! He, Hinterwäldler, hast du keinen Schwarzgebrannten oder so was mehr? Bist du deshalb in der Stadt, um Whisky zu kaufen? Hey, wir reden mit dir! Seltsam, wenn man bedachte, dass es jetzt wahrscheinlich Haufen geschwärzter Knochen waren oder vergaste Leichen, die fischäugig in den Nachthimmel starrten.

Aber auch in solchen Gedanken lag eine gewisse schleichende Rechtfertigung; mal sehen, was dein verdammtes Diplom dir nützt, wenn die Marsmenschen dich holen kommen, mein Junge.

Meine Vermutung ist: nicht viel.

Millionen weitere würden sterben, wenn der Winter käme, war ihm klar war.

Der Winter stand vor der Tür.

Seine Kälte lag bereits in der Luft.

Im Frühling und Sommer würde wahrscheinlich eine Hungersnot folgen, ohne dass jemand pflanzen oder ernten könnte, mit zerstörten Bauernhöfen, Lagerhäusern und Kornspeichern, die der Fäulnis und den Ratten überlassen würden.

Hoag leuchtete mit der Laterne auf sein eigenes kleines Vorratslager; er beschloss, dass es reichen würde, um den kommenden Winter zu überstehen, wenn er sparsam war.

Sehr, sehr sparsam.

Und er hatte Wasser zur Hand, das Reservoir.

Aber was ist mit den anderen Überlebenden, den Förstern und Plünderern, die aus den zerstörten Städten und Ortschaften kommen? Was wäre, wenn sie auf den Bauernhof Rast machten, wild und fieberhaft, von Hunger und Entbehrung geplagt?

Wäre er in der Lage, sie abzuwehren?

Und was wäre, wenn es nicht sie wären, sondern Mütter und ihre Kinder, wie zerfledderte Flüchtlingsgespenster aus dem Ersten Weltkrieg?

Wie könnte er sie abweisen? Schwarz und grau und mit hohlen Augen gegen die grausame weiße Landschaft seines Inneren sah er sie, schweigend flehend.

Hoag stellte sich vor, wie er mit erhobenem Finger auf den Horizont zielte, zurück in die Richtung, aus der sie gekommen waren, und schämte sich kläglich.

Es war zu schrecklich, um darüber nachzudenken. Aber er würde es tun müssen, Freundlichkeit, Zivilisation und christliche Nächstenliebe seien verdammt.

Dies war nun eine andere Welt. Sich der Veränderung zu verweigern, hieß zu sterben.

Er konnte aber nicht ewig hier bleiben.

Das war das Problem.

Wohin sollte er gehen?

Nach Westen und weiter aufs Land? Nein, das war nicht gut.

Aber Arkham – Arkham hätte eine Menge Geschäfte aufgegeben. Lebensmittel, Treibstoff und Kleidung.

Und – Kanalisation! Natürlich! Er würde in der Kanalisation leben.

Er würde einen Stamm gründen. Regelmäßig auftauchen, um auszukundschaften, zu spionieren und zu plündern. Unangenehm, aber nicht undenkbar.

Seine Gedanken kehrten unfreiwillig zur Farbe zurück.

Trotz seiner Bedenken entschied er, dass es sich um eine seltsame Art von Waffe handeln musste. Doch die Art und Weise, wie sie sich verhalten hatte, als sie den Hühnerstall verschluckte, und die unnatürliche Art und Weise, in der die Bäume zuckten und schwankten, veranlasste ihn zu der Frage, ob sie nicht auf irgendeine Weise lebendig und vielleicht intelligent sein könnte.

Die letztere Möglichkeit beunruhigte ihn deutlich.

Eine Waffe war ein gedankenloses Ding, das mit etwas Voraussicht leicht vermieden werden konnte – was einfach bedeutet, dass man sich ihr nicht in den Weg stellen sollte.

Aber ein intelligentes Tier, eine denkende Kreatur, das war ein ganz anderes Problem, denn ein solches Wesen könnte ihn suchen kommen.

Unsinn.

Es war einfach ein Gerät vom Mars.

Es unterschied sich in seinem Charakter nicht mehr als Giftgas oder das Buschfeuer, das Hoag vor zwei Sommern bekämpft hatte, als die ausgetrockneten Felder und Wiesen südwestlich von Arkham den größten Teil des Tages abgebrannt waren und den Himmel verdunkelten.

Was für ein Tag.

Das Feuer hatte fast die Ruinen der alten Carter-Villa erreicht!

Verdammt! Er hätte das Radio jetzt gleich benutzen können. Zu wissen, was geschah, war schlimm genug, aber es nicht zu wissen, war fast unerträglich.

Er beschloss, dass er am kommenden Morgen hochgehen würde, um zu sehen, was passiert war. Die Morgendämmerung enthielt aus irgendeinem Grund das schlanke Versprechen der Vernunft, wenn nicht gar der Erlösung.

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Nachdem sie sich von den überraschend lauten Lebensformen des Hühnerstalls ernährt hatte, war die Farbe nun stärker.

Sie kroch nicht mehr am Boden entlang, sondern zog sich durch die Luft, flatternd, schimmernd, schwankend, manchmal wie ein großer Strahl, dann eine riesige bucklige Kutte und dann gar nichts mehr.

Die Bäume bebten in mitfühlender Schwingung mit ihrem überirdischen Pulsieren, krallten und spannten sich in der Luft, als wären ihre Gliedmaßen voller Gift und begierig darauf, Schaden anzurichten.

Sie waren auch nicht die einzigen Dinge, die korrumpiert wurden.

Innerhalb des Bauernhauses rüttelten und verschoben sich plötzlich ehemals harmlose Gegenstände. Die Uhr auf dem Kaminsims schlug die volle Stunde.

Ein Beistelltisch rutschte abrupt über den Boden und schlug gegen die gegenüberliegende Wand. Bilder, die zuvor jahrelang ohne Zwischenfall gehangen hatten, stürzten wie Meteoriten zu Boden. Das stumme Radio gab eine kurze Geräuschkakophonie von sich, bevor es ebenso schnell wieder in steinernes Schweigen versank.

Bald war alles wieder still.

Doch in der Dunkelheit tauchte ein unheimlich wachsendes Leuchten auf, wie die leichenhafte Phosphoreszenz der jagenden Dinge, die in den Tiefen des Ozeans leben.

Es erglühte in einer Million unbeschreiblicher Schattierungen, hoch und quer und über alles, was sich ihm in den Weg stellte, und verbreitete sich wie Feuer.

Nach oben lief die Farbe wie ein Rinnsal, spritzte Flüssigkeit und ergoss sich an der Decke, während winzige brillante Kugeln wie Geisterkerzen den Raum umkreisten.

Im ganzen Haus breitete sie sich schleichend aus und leckte an den Rändern wie eine Art Glühflamme, obwohl sie im Gegensatz zum Wärmestrahl vom Mars nichts verbrannte.

Sie verschlang den Ofen, die Schränke, kroch an den Wänden entlang, glühte, tauchte an unerwarteten Stellen auf, wie von einer schrecklichen Form der spontanen Erzeugung geführt.

Und dann erreichte sie die Kellertür.

Von unten kam ein entsetzter Schrei, dann der Schuss einer Schrotflinte, die beide seltsame Muster auf der formbaren Oberfläche der Farbe erzeugten.

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Als Abner Hoag endlich oben auftauchte, war das dämonische Glühen innerhalb des Bauernhauses in seiner blendenden Intensität fast sternenförmig.

Dies spielte für Hoag keine große Rolle.

Bis dahin hatten sich seine Augen aufgelöst, ebenso wie seine Nase, Ohren und Lippen.

Tatsächlich war von seinem zerknitterten Gesicht wenig übrig geblieben.

Wurmähnliche Farbranken hatten Haut und Fett weggefressen.

Es blieb kaum mehr übrig als ein entblößter grauer Schädel, in dem so etwas wie graue Säure durchsickerte und brodelte, und irgendwie noch lebendig war und an einem ebenso verletzten, zunehmend lichter werdenden Körper klebte, der bizarre, blass aufflackernde Farben ausstrahlte.

Der lebende Leichnam mit seinem knöchernden Kiefer stolperte durch ein Meer von umlaufenden Funken durch das Wohnzimmer.

Eine seltsame kalte Flamme spielte um seinen Schädel.

Sie zog sich langsam und schmerzhaft an Fleischstrukturen entlang, wobei Muskeln und Sehnen der freien Luft ausgesetzt waren, die wiederum glühten und sich nach und nach auflösten.

Das Sprudeln ihrer Auflösung schäumte nach oben zur Decke, unzählige winzige Kügelchen, die in der Luft umhersegelten, Farbfetzen, die nicht auf die Erde oder in irgendein gesundes Reich von Materie und Raum gehörten.

Er hatte die Eingangstür noch nicht ganz erreicht, als ihre letzten Hüllschichten nachgaben.

Der lebende Leichnam zerbröckelte und stürzte wie eine schlecht manipulierte Marionette in sich zusammen, was von dem entkernten Skelett übrig geblieben war, zersplitterte auf dem Boden. Gefrorene Flammen spielten um den Brustkorb.

Der schmelzende Schädel rauchte und qualmte wie ein Räuchergefäß.

Aus seinen leeren, nackten Öffnungen strömten zahllose punktgenaue, hyperfarbene Blasen aus Heliotrop, Platin, Ultramarin, Zinnoberrot, Puce, Smaragd, Rubin, Orangengold, Lavendel und Safran.

Einige Zeit später, nachdem sich die Farbe zurückzog und zum Reservoir zurückkehrte, knisterte das Radio und ging wieder an.

Die Musik schwoll noch einmal an und verblasste schließlich.

Orson Welles teilte seinen Zuhörern mit, dass die Sendung „Krieg der Welten“, die sie gerade gehört hatten, nicht mehr als ein Streich sei, die Vernichtung der Welt durch einen Streich.

Der grinsende, glühende, kugelförmige Eindringling in ihren Wohnzimmern war nicht mehr als ein Bewohner des Kürbisbeetes, und sollte es an ihrer Tür klingeln und niemand war da, nun, es war kein Marsmensch ... es war Halloween!

Zu diesem Zeitpunkt war von Abner Hoag nicht mehr als ein Haufen feiner grauer Staub übrig geblieben.

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Seine Abwesenheit blieb von den Arkhamiten meist unbemerkt, weil er ein Mann „unter ihrem Radar“ war, ein Mann aus einer einsiedlerischen Familie, der sich zu raschen Abreisen entschloss, wenn die Dinge unangenehm oder schwierig wurden.

Vieles wurde von den Neugierigen angedeutet, nichts davon war sehr ernst zu nehmen.

Und auf jeden Fall wurde sein Verschwinden bald von der unbeabsichtigten Panik und Kontroverse überschattet, die durch Welles‘ Sendung ausgelöst wurden.

Nicht jeder hatte seinen Streich mitbekommen.

Eine einige Wochen später durchgeführte polizeiliche Untersuchung in der Angelegenheit des Verschwindens von Hoag ergab wenig.

Der Staub war von Interesse, ebenso wie die implodierten Überreste des Hühnerstalls, aber aus beiden wurde nichts Schlüssiges abgeleitet.

Einer der Ermittler ging jedoch so weit zu vermuten, dass es sich um einen Fall von Selbstentzündung handelte, und dass Hoag einfach und ohne Vorwarnung bei lebendigem Leibe verbrannt war.

Der Mann versuchte sofort, sein Argument zu untermauern, indem er die Spuren flüchtiger Elemente wie Phosphor im menschlichen Körper, die physische Überakkumulation statischer Elektrizität in trockener Luft sowie die Entflammbarkeit bestimmter Körperöle, -fette und, na ja ... Darmgase anführte.

Die letztere Tatsache war für die anderen Männer eine gewisse Belustigung, so dass der Ermittler verschiedene detaillierte Vorkommnisse der Phänomene in Indien, Britisch-Westindien und Frankreich anführte.

Die Betroffenen waren in der Regel starke Trinker, oft Alkoholiker. War Hoag dafür bekannt, stark zu trinken?

Die anderen aber hielten nichts davon und verspotteten seine seltsamen Ideen aus dem siebzehnten Jahrhundert.

Sein Enthusiasmus ließ nach, und der Mann ging verärgert nach draußen.

Halloween war vorbei, und es war ein reger Novembertag, der sich nur durch seinen dünnen Sonnenschein auszeichnete.

Auf der anderen Seite des Weges glitzerte das dunkle Reservoir kurz auf und schimmerte in einem seltsamen Farbton, einer Farbe, die dem Mann merkwürdig vorkam, aber er beschloss, den anderen Männern nichts davon zu sagen.

Doch er hatte beunruhigende Dinge über den Stausee und die verfluchte Heide gehört, und er beschloss, für lange Zeit nichts von dem zu trinken, was aus der neuen Fabrik bald geliefert wurde.

Dies traf jedoch nicht auf den Rest von Arkham zu.

Vielleicht ein oder zwei Jahre später war Arkhams einzige Fabrik für Erfrischungsgetränke fertig gestellt und entwickelte sich recht gut.

Zu den verschiedenen Geschmacksrichtungen, die der Öffentlichkeit angeboten wurden, gehörten Kirsch-Vanille, Wurzelbier, Sarsaparille, Sahne und Crowninshield Cola. Letztere verdrängte schließlich weder Coca-Cola noch Pepsi, wie ihre Hersteller gehofft hatten, aber wie das Etikett auf ihr und den verwandten Produkten stolz verkündete, brachte sie ein wenig Farbe auf Ihre Wangen.

––––––––

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ENDE

Anmerkung des Übersetzers: „The Whistler“ war ein amerikanisches Radio-Mysteriendrama, das vom 16. Mai 1942 bis zum 22. September 1955 auf dem regionalen CBS-Radionetz an der Westküste der USA lief.

Jede Episode von The Whistler begann mit dem Klang von Schritten und dem Pfeifen einer Person. Die eindringliche Erkennungsmelodie wurde von Wilbur Hatch komponiert.

Eine Figur, die nur als „The Whistler (der Pfeifer)“ bekannt ist, war Gastgeber und Erzähler der Geschichten, die sich auf Verbrechen und Schicksal konzentrierten. Oft kommentierte er die Handlung direkt und verspottete die Figuren – schuldig oder unschuldig – aus einer allwissenden Perspektive. Ein ironisches, oft düsteres Ende war ein wesentliches Merkmal jeder Episode.

Der Erfinder, Drehbuchautor und Produzent J. Donald Wilson (1904 – 1984) bestimmte während der ersten Jahre den Ton der Radio-Show, die auf insgesamt 692 Episoden kam.

Später wurden noch 8 Fernsehfilme produziert.

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Ich gehe auf dem schwarzen Rand der Welt

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von Michael Minnis

––––––––

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Originaltitel: I WALK THE WORLD’S BLACK RIM

Übersetzung/Bearbeitung: Jörg Martin Munsonius

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Ich bin Harald von den Harfagyr.

Ich habe achtundzwanzig Winter erlebt, hier, am Rande der Welt, wo Himmel und Stein und Meer aufeinander treffen.

Hier, wo die Möwen wild sind und auf dem Nordwind reiten, wie die weißen Geister derer, die vor mir gegangen sind.

Viele sind durch meine Hand gestorben: Araber und Deutsche, Franzosen und Goten.

Ganz gleich, ob sie die härtesten Ritter oder die sanftmütigsten christlichen Mönche sind, ich bin nicht besonders gut darin, kalten Stahl oder Schicksal zu verteilen.

Lasst die Erde ihre Geliebte sein und die Wölfe ihre Trauernden.

Was ist mit mir?

Ich bin stark. Gerissen. Böse.

Meine Arme sind voller Kerben und Narben. Meine Beine sind krumm und gebeugt. Wo ich stehe, wird mich nicht weniger als ein Blitzschlag treffen.

Mein Bauch ist flach und blass, wie der einer Seeschlange. Meine Finger zerbrechen Felsen wie auch alte Baumwurzeln.

Ich bin nicht angenehm für das Auge zu schauen, und viele ziehen meinen Eisenhelm meinem Gesicht vor.

Ich habe mich von Zeit zu Zeit in den tiefen, stillen Tümpeln eisiger Quellen betrachtet.

Aus der Schwärze ein Antlitz.

Große starrende blasse Augen unter Brauen wie Seeklippen.

Ein breiter, schlaffer Mund, umsäumt von einem Schnurrbart und einem Bart, der mehr Flechte ist, als er Haare hat.

Und was ist mit dem Haupthaar?

Das Wenige, das ich auf dem Kopf habe, ist wie uralte Spinnweben, weder blond noch grau noch weiß.

Und meine Haut.

Ich bin neugierig. Sie ist gesprenkelt und schält sich. Die Sonne hat keinen Einfluss auf sie.

Und keine Frau wird sie berühren, denn keine Frau wird etwas berühren, das sie an alten Kalkstein und verrottenden Seetang erinnert.

Monster, so nannten mich die Krieger von Tyrggvason‘s Met-Halle. Als wäre ich nicht anders als ein Troll oder ein Frostriese; warzig und verfilzt und schmierig mit dem Fett und Blut der Menschen getränkt.

Als wäre ich nicht anders als die Bestie, die sie Nindhoggir nennen, die unter den dunklen Wellen lebt, die sich teilen und gegen die unbarmherzigen Klippen schlagen; Nindhoggir, von dem gesagt wird, dass er älter ist als das Meer oder die Felsen, und der hervortritt, wenn die Menschen schlafen und der Mond wie tot am Himmel steht.

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2

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Gunnar Tyrggvason war ein tapferer Mann und ein guter König, heißt es in den Liedern.

Ich legte Hände und Kopf auf sein Knie und legte meinen Eid ab.

Damals war er alt, mit einem Bart, weiß wie bei Schneeblindheit, unnahbar und stolz.

Ich erinnere mich an sein Knie unter seinem silberfädigen Gewand an meiner Wange, das sich anfühlte wie ein vom Wasser glatt abgetragener Stein.

Ich glaube nicht, dass er oder seine reizende, kalte, rothaarige Frau Hetta froh waren, mich zu haben.

Schon damals war ich meinen Mitmenschen fremd.

Jetzt sind sie weg.

Asche und Knochen. Met-Saal, Jungfrauen, Männer.

Alle weg.

Gunnar Tyrggvason war ein furchteinflößender Patron. Die Franken haben dies schnell gelernt, ebenso wie die Angelsachsen. Ich habe ihm gut gedient, obwohl er zögerte, meine Tapferkeit und Loyalität anzuerkennen.

Er wurde reich, und die Belohnungen fielen auf seine Anhänger wie der Regen im Frühling: Pferde, Ochsen, fette Schweine, karolingische Schwerter, die den Händen sterbender Frankenritter entrissen wurden, goldene und silberne Ringe, die wie Schlangen gedreht waren, Schilde und jungfräuliche Bräute mit weißen Schultern, die nach Ernte dufteten.

Alles für die Gefangennahme seiner Krieger.

Und ich? Eine alte Axt und ein paar Reithosen mit Tierhaaren: schimmelig, mottenzerfressen, riecht schwach nach Urin und Schweiß. Sie haben mich ausgelacht – die Männer, die Frauen und die Kinder.

„Das wird seinem Gestank ein Ende bereiten!“, sagte Ungarth.

Er war ein Krieger, so hübsch wie ich hässlich war, ein Jagdfalke neben einer Kröte.

Ich hasste ihn.

Lars, der Favorit des Königs, war begierig darauf, Ungarths Scherz zu übertreffen.

„Aber was ist besser, frage ich? Nach altem Bären oder totem Fisch zu riechen?“

„Alter Bär oder toter Fisch, einer von beiden könnte sein Vater gewesen sein!“

Das war Wulf, der genauso grausam war wie sein Namensvetter.

Denn es ist wahr: Meine Anfänge sind seltsam und merkwürdig und für das überlieferte Wissen verloren. Aber ich habe Geschichten gehört. Schreckliche Geschichten, die nur wenige zu hören ertragen werden.

Ich gehe auf dem schwarzen Rand der Welt.

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Es heißt, ich gehöre nicht zu Tyrggvasons Saal.

Ich gehöre einem anderen, viel älteren Clan an, den Harfagyr, der in der Nähe des Meeres, zwischen den mit nassem Unkraut bewachsenen Felsen lebte.

Von den Harfagyr wird wenig erwähnt.

Die Geschichten sprechen von ihnen als Gotteslästerer, die sich von Wodan und Tyr und Uller abwandten. Stattdessen brachten sie anderen Wesen Opfer dar: Dämonen und bluttrinkenden Geistern und anderen unaussprechlichen Dingen.

Schreckliche Legenden umgaben ihre dunklen und grüblerischen Riten, den Wahnsinn ihrer unheiligen Hingabe.

Die Dänen sprachen kaum über die Dinge, die die Harfagyr verehrten, obwohl es Gerüchte über einen großen Seedämon gab, einen großen Kraken, geflügelt und mit Krallen wie ein Drache und hoch wie ein Berg.

Der Stamm den Harfagyr glaubte, dass der Große Krake eines Tages an Stelle der Götter herrschen würde, die er an Alter und Weisheit bei Weitem übertraf.

Eintausend Jahre und einen Tag nach Ragnarök wird der Große Krake aus seinem Grab auferstehen, wenn die Götter tot sind und von den Giganten nur noch schwelende Knochenhaufen übrig sind.

Dann wird die Sonne verlöschen und der Mond sterben.

Die Flüsse werden wie Gift werden, und die Toten werden sich in ihren Gräbern regen.

Das ist es, was die Harfagyr sagen.

Sie waren auch nicht die einzigen Diener des Großen Kraken.

Andere Stämme, Männer, die im eisigen Meer lebten, beteten ihn ebenfalls an, und sie wünschten, seinen Kult zu denen zu bringen, die auf dem Land lebten.

Es wurde auch nicht gesagt, dass dies alles war, was sie sich wünschten, und es herrschte ein reger Verkehr zwischen dem Harfagyr und den Fischmenschen, die angeblich kalt und schuppig waren und Gold im Tausch gegen Gefälligkeiten gaben.

Ein Teil der Rasse, so die Harfagyr, war von gigantischer Statur, fast doppelt so groß wie ein Mensch und breit wie ein Ochse.

Ein mächtiger Zauberer war der Clanälteste, reich wie ein König, der in der Lage war, mächtige Winde herbeizurufen und alte Knochen zum Laufen zu bringen.

Die Harfagyr selbst waren Wilde, kaum mehr als Bestien.

Aber es mangelte ihnen auch nicht an Reichtum; mit Gold waren sie besonders gesegnet, so dass ihre Rivalen bald auf sie aufmerksam wurden.

Gunnar und seine Schergen waren damals kaum mehr als Banditen.

Vagabunden und Verstoßene von der Belagerung von Paris, der Plünderung von Luna, jede Menge blutiger Feldzüge in die Ferne. Sie hörten von den Reichtümern meines Clans, dem Gold und Silber, und entflammten vor Eifersucht und Gier.

Sie fuhren mit den Fingern an den Klingen ihrer Schwerter entlang, zählten ihre Speere und trafen ihre Entscheidung.

Wenn man den alten Lars hört, könnte man meinen, dass meine Verwandten ihr Schicksal verdient hätten.

Vielleicht haben sie das auch. Ich kann nicht für sie sprechen. Ich war damals noch ein kleines Kind.

Auch die Berichte von Tyrggvasons Kriegern stimmten nicht unbedingt ; sie sind streitsüchtige Männer und jeder versuchte, die Erzählung des anderen zu übertreffen, von den Legionen, die er bekämpfte, von den Feinden, die er abschlachtete, von den Wunden, die er erlitt, und von den Liedern, die er die ganze Zeit sang.

Dann stritten sie sich über Feinheiten, um ihren Lehnsherrn zu beeindrucken.

Gelegentlich kam es zu Schlägereien, und der alte Gunnar lachte und hetzte sie noch mehr auf.

Erbärmliche, lärmende Narren.

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Die Schlacht fand an einem seltsamen Wintertag statt, gedämpft und geräuschlos.

Die Wolken hingen tief.

Schnee fiel von einem Himmel, der verschmiert war wie das trübe Auge eines toten Fisches.

Die Sonne war dünn, ein fahler Abglanz und schien nur schwach.

Das Dorf aus Steinplatten, graugrün mit Flechten, weiß verkrustet mit Salznebel, schien leer, keiner seiner Bewohner war zu sehen.

Nur der Gestank von verfaulten Fischen war ein Zeichen, dass es bewohnt war.

Tyrggvason sah es sich an und sagte, dass die Ansammlung zusammengewürfelter Hütten und Höhlen ihn an einen Haufen Schädel erinnerte, die von irgendeinem unbenannten Tier durcheinandergewirbelt worden war.

Die Trommeln schlagen die ganze Zeit, langsam, wie ein großes Herz.

Viele von Tyrggvasons Kriegern behaupteten, dass sich der Himmel auf eine Weise verdunkelte, die nicht ganz das Werk dieser Jahreszeit sein konnte.

Alle Schatten verschwanden in einer sich vertiefenden Finsternis.

Stürzten die Winde nicht wütender als zuvor, und begann nicht der ekelerregende gleichmäßige Puls aus den vor ihnen liegenden schleimigen Löchern lauter zu schlagen?

Das war noch nicht alles.

Ein Gesang erhob sich aus der Tiefe.

Zuerst klang es nicht viel anders als die Stimmen von Bestien, die johlten und kreischten, und doch tauchten aus dem Lärm Worte auf, oder was hätten Worte sein können, schrecklich und undeutlich, als hätten die Toten selbst wieder eine Stimme.

Cthulhu fhtagn, war das, was sie hörten.

Immer wieder bahnte es sich seinen Weg durch den unmenschlichen Gesang wie eine Feuerschlange, schwarz und brennend und giftig.

Cthulhu fhtagn. Cthulhu fhtagn. R‘lyeh. Ph‘nglui mglw‘nafh Cthulhu R‘lyeh wgah‘nagl fhtagn. Immer wieder prasselten diese Worte – wenn man sie so nennen konnte – auf sie ein wie der Eisgraupel, der auf ein Steuerruder fiel.

Einige von Tyrggvasons Kriegern erwachten wie aus einer Trance beim Klang dieser Sätze.

Einer ging sogar so weit zu behaupten, er habe eine Art Tier erblickt, pechschwarz und verwunden, mit der schwachen Form einer Krake, das sich hoch über ihren Köpfen seinen Weg durch den bleiernen Himmel bahnt.

Mehrere Dänen sahen es und warfen sich in ihrer Angst in den Schnee.

Sie glaubten, das es ein Bote von Hel selbst war, der geschickt wurde, um sie in die Unterwelt zu entführen.

Aber Gunnar war aus härterem Stoff gemacht, als sich davon abschrecken zu lassen.

Er nahm ein Horn aus Elfenbein und geschlagenem Kupfer von einem Schildmann und blies einen donnernden Schlag darauf, ein Geräusch, das den Himmel spalten sollte.

Es hallte so stark zwischen den schleimigen Felsen und schwarzen Höhlen wider, dass es schien, als würde sich eine mächtige Armee und nicht nur eine Bande von Plünderern nähern.

„Komm hervor, Harfagyr! Tretet hervor, Lästerer und Menschenfresser!“, brüllte Gunnar, und mit Langschwert und Schild in der Hand rannte er wie ein Wolf auf die Behausungen des Harfagyr zu. Die Dänen folgten ihm und lobten Tyr und Wodan, ihre einfachen Götter.

Mit Schwert und Hammer, Streitäxten und Speeren sahen sie die „gottlosen Sänger“ aus ihren Löchern hervorkommen.

Die Harfagyr hatten große Keulen bei sich, und waren weiter mit Knochen und Steinen und Speeren bewaffnet.

Der heulende Mob war bald nur noch ein paar Schritte voneinander entfernt.

Die Dänen stießen mit Speer und Schild aufeinander. Sie schrien Beleidigungen, um sich selbst anzustacheln, wurden aber bald durch die Kakophonie ihrer Feinde zum Schweigen gebracht, die brüllten und bellten und stöhnten wie Bestien, die gestikulierten und sabberten und zwischen den Felsen auf allen Vieren krabbelten.

Einige hüpften wie Frösche. Andere pendelten mit den Oberkörpern hin und her und hatten die Zähne in furchterregender Weise gebleckt. Wieder andere kreischten wie Frauen in den Wehen oder wie Aasvögel, die sich an totem Fleisch weiden.

Sie krächzten, und einige von ihnen kläfften wie räudige Hunde.

Noch schlimmer als ihre Raserei war der Ausdruck in ihren Gesichtern.

Einige waren einfach nur Verrückte, wild mit verfilztem Haar, kaputten Nägeln und spinnenartigen dürren Gliedern.

Doch auf vielen schien ein schrecklicher Fluch zu liegen.

Einige waren ganz schmalköpfig, und ihre Körper waren unbehaart.

Andere hatten faltige Haut von grünlich-grauem Schimmer, während ihre Fingernägel blau waren wie die von Ertrunkenen.

Herausgewürgte formlose Worte und Laute machten sie mit weit aufgerissenen Mündern und krustigen Lippen.

Einige wenige, sie wirkten besonders verschmutzt, hatten weder Ohren noch Nasen.

Aber am schrecklichsten waren ihre Augen – tränende, pralle, farblose, blinzelnde Augen.

In ihnen lebten keine Erinnerungen an Heim und Herd oder Wiesengras oder Verwandte, nur Wahnsinn und Blutrausch.

Unter ihnen befanden sich mehrere größere Kreaturen, die noch weiter in Verfall und Verderbnis gegangen waren, so dass sie kaum mehr als lebende Leichen waren.

Graublau gesprenkelt, schleimig und kalt wie der Tod selbst waren diese Wesen, sagten die Dänen, mit großen weißen blinden Augen wie gekochte Eier und klaffenden formlosen Mündern.

Sie waren wie Bartfische, wie Frösche, und das in der Gestalt von Ertrunkenen.

Die Dänen zogen sich mit erhobenen Schilden zurück.

Nicht minder grotesk war ihre Ausstattung: goldene Diademe und Kopfbedeckungen in der phantastischen Manier der Muslime, zart, aber ein wenig unheimlich anzusehen.

Einer der Kämpfer, behangen voller Gold, erhob seinen rechten Arm, und der Schlachtenlärm ließ urplötzlich nach.

Die Dänen sahen, dass seine Finger mit Schwimmhäuten versehen waren.

Er sprach, und wieder gab es ein vielkehliges Keuchen und gemurmelte Verwünschungen.

Seine Stimme war die eines alten Mannes, gurgelnd und krächzend, als ob seine Kehle mit Dreck und Sand gefüllt wäre.

Seine Worte kamen eher gebrochen und mühsam aus seinem Mund. „Wer kommt ungebeten?“

Wulf trat vor.

„Mein Herr, Gunnar Tyrggvason, ist hierher gekommen, um Eurer Teufelsanbetung ein Ende zu setzen! Gunnar Tyrggvason ist gekommen, um Euer Blut zu vergießen und Euer Gold zu nehmen! Zur Hölle mit Euch!“

Das Ding knurrte und spukte dann aus.

Eine große grün-schwarze Zunge schlängelte sich um seine kleinen, scharfen Hechtzähne und über seinen nassen Bart.

Ein ersticktes Lachen aus seinem Mund.

Er kam auf die Dänen zu und stützte sich auf einen verdrehten Treibholzstab, an dem winzige Knochen und gebleichte Muscheln herabhingen.

„Wenn ... es Gold ist, das ihr begehrt, dann geht. Wenn es Blut ist, das ihr sucht, dann wird es vergossen werden. Der große Cthulhu will es so. Die Fischmenschen ... wollen es so ... Cthulhu ftaghn!“

Die Gestalt griff nach Tyrggvason mit einer dürren, krallenartigen Hand.

Wulf zog seinen Kriegshammer in einem schwungvollen Bogen hoch über seinen Kopf und zertrümmerte den Schädel des Dings mit einem furchtbaren Knacken.

Schwarzes Blut und Hirn spritzten in alle Richtungen.

Die blinden Augen wurden dunkel, und das Ding sackte keuchend und sterbend zu einem Haufen, und sein schreckliches Leben lief über die Steine aus ihm hinaus.

Die anderen Geschöpfe gebärdeten sich danach in absoluter Raserei.

Ein Schauer aus Felstrümmern und Knochen begrüßte die Männer von Tyrggvason.

Steine prallten von den Schilden ab, Totenschädel prallten mit grässlichem Grinsen gegen eiserne Steuerruder. Mehrere Dänen wurden zu Boden geworfen, betäubt von den wuchtigen Einschlägen.

Fast im gleichen Moment rief Tyrggvason: „WODAN! WODAN!“ und Ungarth rief: „TOD DEN BLASPHEMISCHEN KREATUREN!“

Ein großes Gebrüll brach aus den Dänen heraus.

Sie warfen sich in die Mitte zwischen den heulenden Bestien.

Ein titanischer Lärm erfüllte den bleiernen Himmel und die winterliche Luft.

Die Harfagyr kämpften mit Steinen, Zähnen und Klauen.

Die Dänen kämpften mit Schwertern, Äxten und Speeren und trieben die Kreaturen zurück.

Steine prallten gegen Schilde.

Schwerter spalteten Schädel und trennten Gliedmaßen ab.

Dänen und Harfagyr rutschten auf blut- und matschnassen Felsen aus. Der Harfagyr stachen mit groben Speeren, aber die Dänen hackten sich durch das Dickicht der scharfen Spitzen.

Die Harfagyr kämpften mit Hingabe, aber unbeholfen, und gegen die kampferprobten, gepanzerten Dänen waren sie unterlegen.

Bald schon übersäten ihre verdrehten, zerbrochenen Körper die felsige Küste, zerhackt, durchbohrt und aufgespießt.

Die Dänen kämpften mit einer berserkerhaften Wut, wild vor Abscheu über die sich windenden, schreienden Dinge vor ihnen. Ihr Ekel wurde auch nach dem Tod dieser Bestien kaum gebremst. Viele Männer hackten lange und hart auf den Teilen und Stücken herum, die seltsamerweise nur widerwillig sterben wollten.

Und dann kam das Ende.

Die Tat war vollbracht.

Die Harfagyr lagen alle tot, ausgeweidet, die Steine schwarz und rot mit ihrem Blut getränkt.

Die Dänen warfen viele über die Klippen, und sie fielen schreiend in die Tiefe, um auf die tieferen Felsvorsprünge aufzuschlagen und zu verstummen.

Die seltsamen goldenen Kopfbedeckungen wurden ihren verstümmelten Besitzern abgenommen.

Die Erdlöcher den Harfagyr waren jedoch eine andere Sache.

Sie stanken nach Schimmel und Kalkstein und verfaulten Fischen, waren glitschig mit Schicht auf Schicht gehäuften Algen und angefüllt mit undefinierbarem Schleim.

Kaum ein Mensch konnte eines betreten, ohne krank zu werden und zu würgen, so stark war der Geruch von Verwesung und Verderb.

Die Dunkelheit selbst schien lebendig, flüssig, gewunden und bösartig bewusst wie ein Tintenfisch. Starrend. Hasserfüllt.

Einer der Krieger von Tyrggvason, ein Mann namens Walda, schwor, dass es sich wie ein Lebewesen vom Licht seiner brennenden Fackel zurückzog.

Knochen, Menschen und Tiere, blickten aus dem Fackelschein erhellten Dreck auf. Viele grinsten wie über einen Witz, den nur sie verstanden.

Dort haben sie mich gefunden.

In der dunkelsten und kältesten aller Höhlen.

Nicht markiert, keine Zeichen – makellos wie eine Perle.

Wunderschön.

Walda stellte mich Tyrggvason vor, sagte man mir auf einem Knie, als wäre ich ein Preis, der größer wäre als all das gehortete Silber und Gold den Harfagyr – von denen es doch weniger gab, um die Lust der Dänen zu befriedigen, würde ich sagen.

Sie entdeckten, dass die Erzählungen größtenteils Übertreibungen waren: Erzählungen. Nichts als Wunschdenken!

Das machte sie wütend.

Sie stießen schmutzige Flüche aus und schlugen in rasender Frustration auf die Toten ein, warfen die Sterbenden in das schäumende Meer, das immer hungrig ist.

Ich glaube, auch ich wäre den Wellen zum Opfer gefallen, als Gunnar Tyrggvason mich von Walda nahm, der sich verbeugte und wegtrat. Ich glaube, ich hätte mich meinen toten Verwandten angeschlossen, wenn der Clanälteste nicht erneut gesprochen hätte.

Die, die ihm am nächsten standen, rutschten schnell weg, wie verängstigte Krebse.

Der Clanälteste versuchte sich zu erheben, konnte aber nicht aufstehen.

Seine blinden Augen waren dunkel, und sein Kopf war ein leeres, zerquetschtes, eierschalenähnliches blutendes Gefäß.

Sein Mund existierte noch, aber Blut und Ichor ergossen sich in einem großen Strom. Schließlich stand er auf und stützte sich auf seinen seltsamen Stab.

Er bemühte sich weiter, zu sprechen.

Die Worte kamen, träge und nur ganz langsam.

Es gibt einen ... der vergessen ist. Da ...ist einer, der nicht von Harfagyr-Blut ist. Ihr ...werdet ihn erkennen. Der Sohn ... des ... Dagon. Er hat keinen Namen. Ihr ... werdet ihn Nindhoggir nennen. Er wird kommen ... für das, was rechtmäßig seins ist ... er wird kommen ... und du wirst weinen ...“

Hat die fahle, kränklich wirkende Sonne die Äußerungen dieser Worte weiter verdunkelt?

Das hat mir Walda einmal in gedämpften Tönen gesagt.

Wurde der Wind noch kälter und schneidender und schickte die Schneeflocken in wilden Mustern und beunruhigende Formen?

So wird es gesagt.

Das düstere Rauschen des Meeres drückte sich wie ein formloser Traum an die Ohren der Dänen. Der Clanälteste, uralt und unaussprechlich, brach zusammen wie ein Ding aus Fell und Schlamm.

Und es geschah etwas Schreckliches, etwas, das die Männer laut aufstöhnen ließ.

Die toten Harfagyr, die abgetrennten Glieder und Köpfe, die geschundenen Körper, die von Speeren und Schwertern durchbohrt waren, die grau und kalt gewordenen Eingeweide, all das, was nicht in die Wellen geworfen worden war – das alles begann sich zu bewegen, zu zittern und zucken und schließlich zu kriechen.

Es war Bewegung ohne Sinn und Zweck, wie die von sterbenden Insekten.

Leichen schlurften über die Felsen und krochen übereinander, wie Kinder im Gewand ihrer Mütter, zaghaft und unbeholfen.

Purpurne Eingeweide bewegten sich durch das trocknende Blut.

Abgerissene Arme zuckten und krallten die Finger in den Untergrund.

Ein geistloses, dumpfes Stöhnen erfüllte die Winterluft.

Ein Flüstern. Unverständliche Worte. Schwaches spöttisches Gelächter.

Es war der Klang des Chaos selbst.

Mit der schmerzlichen Langsamkeit eines Albtraums krochen die zerschlagenen Überreste des Harfagyr über die Steine, um ins Meer darunter zu fallen.

Und schließlich waren sie alle weg.

Zuletzt der Clanälteste, der große Zauberer, dessen blinde Augen mit einem kalten inneren Licht brannten – er war der letzte, der über die frostumrandete Klippe verschwand.

Sein zertrümmerter Kopf baumelte auf seiner schorfigen Brust.

Krabbenartig kroch er auf dem Rücken zum Rand und dann darüber.

Es wurde still, dick wie Schnee, der jeden Laut erstickt.

Der Trommelschlag setzte wieder ein, jenes vitale Pulsieren von weit unter der Erde, weit unter den Wellen.

Cthulhu ftaghn. Cthulhu ftaghn.

Als ob das vergossene schwarze Blut zu blubbern und zu glucksen und zu klopfen begann, als ob sie noch am Leben wären, hatten die Dänen beschlossen, dass sie genug gesehen hatten, und sammelten ihre wenigen Toten und Verwundeten ein und machten sich auf den langen Weg zurück zu ihrer Met-Halle.

Eisiger Schnee stach ihnen ins Fleisch ihrer Gesichter.

Der Wind johlte und wimmerte ihnen in die Ohren.

Keiner sprach auch nur ein Wort.

Abgesehen von mir. Ich jammerte und weinte und keuchte, wie man es nicht mehr gesehen hat, seit die Welt aus kochenden Gasen geboren wurde und der Baum Yggdrassil Wurzeln schlug; Yggdrassil, genau der Baum, den der Große Cthulhu, der Große Krake, eines schrecklichen schwarzen Tages von der Erde reißen wird, wenn die Sonne erlischt und der Mond tot ist.

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Fünfzehn Winter sind seitdem vergangen.

Der Ruhm von Gunnar Tyrggvason verbreitete sich wie ein Lauffeuer, und er wurde als Byzantiner reich und stolz.

Seine Krieger waren bald ohne Gleichen in den nördlichen Königreichen.

Zuerst zogen sie los, um die Länder der Deutschen, Franken und Angelsachsen zu plündern und zu erobern. Nach Hause kamen sie, und in ihren Händen trugen sie goldene Halsketten, silberne Kelche, Juwelen aus dem Osten, seidene Mäntel und eiserne Waffen, die im Feuerlicht von Tyrggvasons Met-Halle blutrot glänzten.

Andere Könige und Kriegsherren zollten Tribut.

Sie brachten Töchter mit, die taufrisch wie Wiesenblumen waren.

Waggons schwer mit gemahlenem Getreide. Meckerndes, fettes Vieh. Geschickte Goldschmiede mit listigen, schwieligen, braunen Händen. Die Skalden sangen sein Loblied in der Kühle des Abends, wenn die Dänen trunken waren und ihre Hunde an den Knochen nagten.

Und ich?

Ich war sein größter Krieger, der furchterregendste von allen.

Dennoch war ich von Harfagyr-Blut und galt mehr als Bestie denn als Mensch.

Meine Schönheit war so vergänglich wie der Frühling.

Aus dem zahnlosen Säugling wurde ein mürrischer, flachäugiger Jüngling, mit Barthaaren wie ein Fisch, und nur mit dünnem Haar, und ein Schwimmer ohne Gleichen.

Furchtloser Erforscher von bodenlosen Tümpeln, von eisigen Flüssen, die vom Tauwetter angeschwollen waren, von den dunklen, lautlosen Räumen des Meeres.

Ich habe Fische mit meinen bloßen Händen gefangen.

Ich kämpfte wie ein wildes Tier.

Einmal brachte der benachbarte Herr einer Met-Halle jenseits der Hügel einen gezähmten jungen Bären nach Tyrggvason.

Er war fett und schwarz, hatte einen dicken Buckel und stank nach ranzigem Öl und altem Fleisch. Die beiden unbedeutenden Könige, von denen sich jeder für bodenständig und klug hielt, waren sich einig, dass ich, Harald, das halbe Kind der Erde und des Meeres, gegen diesen Bären für eine Summe Silber kämpfen sollte.

Männer, Frauen und Kinder versammelten sich, um dem Kampf beizuwohnen.

Der Bär war stark. Aber ich war stärker. Wir kämpften unter der heißen Sonne.

Seine Zähne und Krallen rissen an mir, aber ich fühlte nur wenig Schmerz.

So sehr er es auch versuchte, er konnte mich nicht am Boden festnageln. Schließlich packte ich das Tier bei den Kiefern und zog sie auseinander, bis sein Schädel knackte und das Blut herausquoll. Der König von jenseits der Hügel stotterte und fluchte und war rot vor Wut.

Er schwenkte sein Schwert über seinem Kopf.

Als Belohnung wurde mir das Fell des Bären gegeben.

Verbittert und doch triumphierend erhob ich meine vernarbten Arme in den achtlosen Himmel und rief Worte von schrecklicher, kosmischer Potenz. Worte, die die Dänen seit vielen Wintern nicht mehr gehört hatten, Worte, die den König blass und schwach machten, Worte, die mich in die äußeren Bereiche des Reiches Tyrggvason verbannten.

Cthulhu ftaghn!“

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Nindhoggir kam später, aber drei Jahre später, unvermeidlich wie der Sonnenuntergang und unerbittlich wie der Tod.

Zuerst gab es nur unbedeutende Zeichen. Es gibt immer Anzeichen.

Moos wuchs an den Seiten alter, stehender Steine und verwelkte und starb innerhalb weniger Stunden.

Die Tiere verstummten und wirkten verängstigt.

Wölfe kauerten unter dem Schutz von Tannenbäumen, wie alte Männer, geschlagen und misstrauisch. Jagdfalken wollten sich nicht in die Luft erheben. Hunde bellten verzweifelt über etwas, das man nicht hören oder sehen konnte, etwas, das sie zu Tode erschreckte. Die Sonne schien fern und gleichgültig, während der Mond dicht gedrängt, tot und aufgebläht am Himmel wirkte.

Der dunkle Wald zischte und murmelte, eine unverständliche Sprache des Windes und der Blätter, die Nackenhaare sträubten sich und Schwertarme zitterten.

Die Vorzeichen wurden immer düsterer und eindeutiger.

Heringe begannen in großer Zahl zu sterben, so dass Gunnar Tyrggvason gezwungen war, immer mehr Nahrung von seinen Vasallen zu nehmen.

Im Gegenzug verweilten seine Untertanen nicht mehr in seiner Met-Halle. Der Gestank nach verfaulendem Fisch war so groß geworden, dass Tag und Nacht duftende Feuer brannten und Kiefernnadeln auf den Boden geworfen wurden.

Es war wenig hilfreich.

Überall roch es nach nassem Kalkstein und brackigen Tümpeln, und das Holz begann zu faulen und zu zerbröckeln.

Tyrggvason ignorierte die Zeichen und bestand darauf, dass alles gut und schön sei.

Und eine Zeit lang glaubte ihm sein Volk.

Sie jagten Wild, rodeten Land, legten Steine für Wege durch die Salzsümpfe, und die Sonne glitzerte auf ihren Schwertern und hellen Schilden, und sie hielten sich für ungeheuer klug.

Die Harfagyr waren nicht mehr.

Ihr seltsamer Gott mit seinem absurden Namen, der Große Krake, war ein Mythos, eine Wahnvorstellung.

Waren die Wilden nicht auf ewig in brutale Götzen verliebt, in der Hoffnung, in den Augen anderer wütend zu wirken? Und welcher Feind hatte nicht Rache von jenseits des Grabes versprochen?

Aber weder Unwissenheit noch Lustbarkeiten vertrieben das versammelte Übel.

Kinder könnten ebenso gut versuchen, das Nahen eines Sturms wegzusingen.

Die Zeichen wurden immer düsterer.

Reisende, die spät in der Nacht vor Ort verweilten, begannen zu verschwinden, gewöhnlich in oder in der Nähe der Salzsümpfe, und wenn die Dänen Fackeln anzündeten und auf die Suche nach ihnen gingen, wurde nie etwas gefunden.

Oh, sie hörten vielleicht etwas – einen fernen Schrei, der abgewürgt wurde; das Splittern und Krachen eines großen Baumes, der zu Boden fiel; die schwerfälligen stampfenden Tritte von etwas, das in Nebel und Dunkelheit gehüllt war.

Details

Seiten
400
Jahr
2021
ISBN (ePUB)
9783738949643
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2021 (Februar)
Schlagworte
horrorgeschichten

Autoren

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Titel: 37 Horrorgeschichten