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Begnadigt

2021 120 Seiten

Leseprobe

Table of Contents

Begnadigt

Copyright

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Begnadigt

Western von W. W. Shols

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 129 Taschenbuchseiten.

Der junge Cliff Palm schafft es, sich bei den Banditen der Snyder-Bande einzuschleichen, um für seinen Freund Ray Clinton endlich Gerechtigkeit zu erlangen. Clinton war angeklagt wegen Mord, den er nie begangen hat, wurde unschuldig verurteilt zu zehn Jahren Haft, wurde wegen guter Führung nach zwei Jahren entlassen. Nun wollen die Banditen ihm wieder einen Mord in die Schuhe schieben. Cliff und Ray kämpfen um ihr Leben, bekommen aber unerwartet Hilfe.

 

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

Alfred Bekker

© Roman by Author

© Cover: Firuz Askin

© dieser Ausgabe 2021 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

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1

„Bart wird es machen“, sagt Jerry Snyder nach einer langen Pause, die an die Nerven geht. „Und er wird es allein machen. — Du kannst jetzt reiten, Bart. Sonst verpasst du noch die Gelegenheit.“

Bart Langley starrt auf seinen Boss. Er will etwas sagen, aber dann schluckt er es stumm hinunter.

„Auf was wartest du noch?“, hört er Jerry Snyder fragen.

„Auf nichts ..., natürlich nicht. Es ist ja alles klar.“

Auf Snyders Gesicht ist plötzlich ein freudloses Grinsen. „Na, also...“

Bart Langley dreht sich um und geht auf die Bäume zu, wo die Pferde stehen. Es ist ein Spießrutenlaufen durch die eigenen Reihen. Rechts und links stehen sie. Als ob sie ihn alle noch einmal sehen wollten, bevor...

Für den Bruchteil einer Sekunde bleibt Bart Langley am Ende der Doppelreihe stehen. Solange er zur Bande gehört, hat Kid Moorley ihm manchen guten Ratschlag gegeben. Jedenfalls mehr als alle anderen zusammengenommen.

Die anderen gehören zu der Sorte, die immer nur von sich selbst redet. Moorley macht schon mal eine Ausnahme, wenn er gutgelaunt ist.

Aber heute ist auch Kid Moorley still.

„Kid ... “, sagt der Junge und obwohl es keinen kürzeren Namen mehr gibt, stottert er noch dabei.

Moorley legt ihm die Hand auf die Schulter und nickt. By Gosh, etwas hilft es!

Bart Langley und sein Pferd verschwinden in der Nacht.

Eine Weile hört man noch den Huftritt, dann verstummt auch dieses Geräusch.

„Hoffentlich war das richtig“, sagt Kid Moorley.

Jerry Snyder grinst. Nicht immer ist er in der Laune, sich kritisieren zu lassen.

Er schleudert mit dem Stiefel Sand ins Feuer, damit die Glut schneller erstickt. Die Nacht zwischen den Männern wird noch finsterer.

„Natürlich war es richtig. Du kannst ganz beruhigt sein, Kid. Bart hat gesagt, dass er töten kann, aber keiner glaubt ihm, ob das stimmt. Du nicht, Kid, und ich auch nicht. Hätte ich ihn zum Zweikampf auffordern sollen, damit er’s beweisen kann?“

„Das wäre sein Ende gewesen.“

„Eben! Und es ist nichts leichter, als Ray Clinton zu töten, wenn man es richtig anfängt, ’ne bessere Chance kann ich dem Jungen nicht geben.“

„Du weißt genau, wer Ray Clinton ist. Ray Clinton ist Monty...“

„Sag nicht noch einmal diesen Namen! Es gibt keinen Monty! Es hat auch noch nie einen Monty gegeben. Monty ist ein Ammenmärchen! Genau wie seine Unbesiegbarkeit.“

„Das ist genau der Punkt, wo wir anderer Meinung sind, Boss. Clintons Ruf hielt die Gegend diesseits und jenseits des Colorado-Plateaus in Atem, als er schon hinter Schloss und Riegel saß. Du hättest mich schicken sollen.“

Jerry Snyder lacht laut und abweisend.

„Oder besser noch, du wärst selbst gegangen“, fährt Moorley fort. „Bart reitet in den sicheren Tod. Selbst wenn er heute Nacht Glück hat und Clinton erwischt. Dann wird es heißen, er hat Monty getötet. Und der Junge wird überschnappen und sich für unbesiegbar halten. Beim nächsten Male erwischt es ihn dann garantiert.“

Jerry Snyders Grinsen ist für eine Weile wie weggewischt. Dann kommt es wieder.

„Keine Sorge, Kid, ich weiß, was ich tue. Ray Clinton hat meinen Bruder erschossen. Die ganze Welt glaubt, ich würde mir die Rache nicht aus der Hand nehmen lassen. Die Welt irrt sich eben. In Jerry Snyder wird sie sich immer irren.“

 

 

2

Bart Langleys Ziel ist der One-Horse-Canyon.

Ein richtiger Canyon ist es gar nicht, sondern nur ein Pass zwischen zwei meilenlangen Felsrücken. Ein kurzer Einschnitt, den ein galoppierendes Pferd mit drei Sprüngen überwinden kann. Aber man nennt ihn eben Canyon.

Und weil die engste Stelle zwischen den Felsen gerade so breit ist, dass nur ein einzelner Reiter hindurch kann, heißt dieser Ort ,One-Horse-Canyon’.

Es gibt keinen kürzeren Weg zwischen Prescott und Camp Verde über die Black Hills. Wer einen Wagen hat, muss natürlich über Yeager fahren. Aber kein Reiter macht diesen Umweg, wenn er sich im County auskennt.

Deshalb zweifelt auch Jerry Snyder nicht daran, dass Ray Clinton diesen Weg nehmen wird.

Noch zweihundert Yards bis zum Canyon.

Langley zügelt sein Pferd und horcht in die Nacht.

Nichts rührt sich. Er steckt in einer großen nervenfressenden Stille. Nicht mal einen Windhauch gibt es.

Barts Gaul spürt einen Schenkeldruck und geht nach rechts, verschwindet in einer Mulde, die ihm fast über den Kopf reicht.

Lange hat Bart überlegt, ob er im Sattel bleiben soll. Aber dann steht sein Entschluss fest. Der erste Schuss muss sitzen. Nach dem ersten Fehler ist sein Leben nichts mehr wert.

Dafür wird Clinton sorgen.

Oder Jerry Snyder.

Bart steigt aus dem Sattel und nimmt sein Gewehr.

Eine Weile steht Bart Langley genau dort zwischen den Felsen, wo sie am engsten sind.

An dieser Stelle wird er Monty erwischen!

Bart Langley macht sich Mut. Er hat keine andere Wahl. Er braucht den Mut. Sogar sehr viel davon.

Er muss den Mann von vorn erwischen.

Das ist nicht nur Ehrensache, sondern auch ein Gebot der Vorsicht. Den sicheren Beweis für einen Mord darf es nicht geben. Es muss alles nach offenem Kampf aussehen.

Bart Langley zieht sich zurück und prüft die Sichtmöglichkeit aus einer Nische am Ostausgang des Passes. Um es ganz genau zu machen, zielt er dabei über die Visiereinrichtung der Winchester.

Das Ergebnis überzeugt ihn nicht. Der dunkle Felsen gibt zu wenig Kontrast. Er braucht einen hellen Hintergrund.

Vom Canyon aus steigt die Wand senkrecht hoch. Der Weg ist steil und beschwerlich. Vielleicht sogar gefährlich.

Bart Langley zieht vor, einen großen Bogen zu machen. Da gibt es kein Risiko und es dauert nur ein paar Minuten länger.

Als er oben ist, hört er fernen Hufschlag. Er lauscht lange hin, ehe er weiß, dass es kein Alptraum ist.

Monty ist unterwegs — der große Monty!

Der Sand auf dem Weg glitzert wie eine weiße Schlange. Langley liegt hinter einem Stein, der ihm nach Westen Deckung gibt. Sein Versteck liegt knapp zwölf Fuß über dem Canyon.

Der schwarze Lauf der Winchester zeigt genau auf die Stelle, die diesem Pass den Namen One-Horse-Canyon gegeben hat.

Der Hufschlag kommt näher.

Es ist ein einzelner Reiter.

Jerry Snyders Voraussage stimmt genau.

Er hat gewusst, dass Bart der Mann ist, der für dieses Unternehmen gerade gut genug ist.

Und plötzlich zweifelt Bart selbst nicht mehr daran.

Dann taucht der Reiter aus der Dunkelheit auf und Langley kann nicht mehr länger über solche Nebensächlichkeiten nachdenken. Der Gaul hat sein Tempo beschleunigt und kommt schnell näher.

Der Reiter ist jetzt zwischen den Felsen. Als er sich auf die engste Stelle zuschiebt, fällt der Schuss.

Das Pferd wiehert erschreckt und steigt auf der Hinterhand hoch. Es hat keinen Platz, um nach der Seite auszubrechen. Nicht mal drei Zoll.

Der Reiter stellt sich in den Steigbügeln aufrecht und duckt sich sofort wieder hinter den Hals. Er hat noch weniger Platz als das Tier. Aber er lebt!

Barts Schuss hat das Pferd getroffen.

Er beobachtet alles über Kimme und Korn. Das Pferd und der Reiter sind ein Knäuel, eine Wolke nimmt plötzlich das letzte Licht weg.

Vor Bart liegt ein schmaler Ausschnitt aus der weiten Landschaft. Dort spielt sich ein Schicksal ab und sein eigenes dazu.

Ray Clinton lebt! schreit es in ihm.

Er kann nicht genau zielen, aber er muss den Finger krumm machen, ehe es zu spät ist.

Zweimal drückt Bart Langley noch ab.

Ein heftiges Geräusch ist unter ihm — zwölf Yards entfernt.

Dann Totenstille...

Sogar das Echo in den Black Hills erstirbt. Langley kann nicht glauben, dass es so schnell vorüber ist. Er drückt sich flach auf den Fels und wartet.

Unten rührt sich nichts. Er steht auf und schlägt wieder den weiten Bogen.

Wenn man ihm eine Falle gestellt hätte, wäre er längst tot. Kein Zweifel, dass es Ray Clinton erwischt hat. Ihn und sein Pferd.

Der große Monty liegt halb unter seinem Tier, das sich im Todeskampf auf ihn gewälzt hat. Montys Kopf ist weit nach vorn gebeugt, weil der Felsen ihm nicht genug Platz gelassen hat, sich im Tod lang auszustrecken.

Langley hebt den Arm des Mannes und lässt ihn los. Schlaff fällt er herunter.

„He, Monty!“, hört er die eigene heisere Stimme. „Wenn du noch was zu sagen hast, dann tu’s! Ich habe nicht viel Zeit und muss sehen, dass ich weiterkomme...“

Der Tote schweigt und Bart Langley betrachtet seine Aufgabe als erfüllt. Er zieht dem anderen die Stiefel aus und durchsucht die Satteltaschen. Er findet Zweitausend in kleinen Scheinen, in zwei Bündeln zusammengeschnürt.

Nach dieser Entdeckung interessieren ihn andere Kleinigkeiten nicht mehr. Bis auf das langläufige Gewehr und den 45er Colt-Revolver, Modell „Peacemaker“.

Die Waffen und die Stiefel werden der Beweis sein, dass er seine Aufgabe durchgeführt hat. Das Geld...?

Er schleppt die Sachen zur Seite, holt seine Stute aus der Mulde und verstaut die Beute. Der Himmel ist wieder dunkel geworden.

Bart Langley reitet nach Osten.

 

 

3

Die Häuser in Prescott sind aus Holz bis auf drei Ausnahmen.

Eine dieser Ausnahmen ist das Districtgefängnis.

Ray Clinton steht im Büro des Direktors, der gerade ins Nebenzimmer an den Telegrafen gerufen worden ist.

Mit einem Bündel unter dem Arm steht er da. Er kann es noch nicht fassen. Direktor Bryce hat vorhin etwas von Begnadigung geplappert. Der Senator hätte sich für ihn eingesetzt. Und er Bryce natürlich auch. Wegen guter Führung und so...

Die Freiheit!

Er weiß nicht, ob das alles so stimmt. Eigentlich kann es nicht stimmen. Freiheit... von heute auf morgen. Von einer Stunde zur anderen.

Hinter Ray steht ein Stuhl. Er dreht sich vom Fenster weg und setzt sich. Freiheit, denkt er... Und dann ist es wieder leer im Kopf.

Die Tür geht auf.

Bryce kommt herein und liest das Telegramm. Als er Ray auf dem Stuhl sieht, erinnert er sich.

„Ach ja Clinton. Sie sind noch da.. Ich habe hier Ihre Entlassungspapiere mit dem Zeugnis.

Er setzt sich und schreibt mehrere Male seinen Namen. Dann trocknet er die Tinte, faltet alles zusammen und gibt es Ray.

„Viel Glück, Clinton! Sie haben eine geschickte Hand. Denken Sie daran, wenn es wieder mal darum geht, das Gesetz zu beachten. Ich weiß, dass Sie das Zeug dazu haben. Nicht alle hier bei uns sind im Grunde ihrer Seele Verbrecher. Sie, Ray, haben für einen kurzen Augenblick die Nerven verloren und mussten dafür büßen. Verzichten Sie in Zukunft auf solche Augenblicke. Machen Sie's gut!“

Da liegen die Papiere. Und daneben 700 Dollar, die Clinton mit seiner Hände Arbeit verdient hat. Dafür gibt’s ein Pferd und einen Colt, einen Sattel und vielleicht noch ein paar Kleinigkeiten.

Bryce hält ihm die Hand entgegen und Ray Clinton nimmt sie.

 

 

4

Nach einer Stunde ist er Besitzer einer 44er Remington Cap and Bell. Das fünf Pfund schwere Modell mit dem sechskantigen Lauf weckte alte Erinnerungen. Wenn Ray Clinton jemals wieder schießen konnte, so würde es nur mit einer schweren Waffe möglich sein. Mit einer Waffe, die den ganzen Körper verlangt.

Das Gewicht am Gürtel macht ihn sicherer.

Er geht weiter.

Dann wechselt er zur anderen Seite der Mainstreet hinüber. In der Mitte bleibt er stehen und mustert die Fassaden. Vielleicht sollte er erst mal in Carter’s Inn gehen. Es wird langsam dunkel. Ein Pferd kann er morgen kaufen.

Aber es kommt anders!

Auf dem Weg zu Carter’s Inn tritt ein kleiner buckliger Mann auf ihn zu. Sein Haar ist wild und hell wie ein zerzaustes Bündel Stroh. Sein Alter ist was für Leute, die gern raten.

„Hallo, Monty!“, sagt der Bursche.

Clinton stutzt und macht ein misstrauisches Gesicht.

„Hallo Monty!“, wiederholt der Bucklige. „Immer noch stolz wie damals, hm? Sie könnten wenigstens meinen Gruß erwidern.“

„Hallo!“, brummt Ray und will weitergehen.

Der Kleine macht einen Sprung nach hinten und steht ihm sofort wieder im Weg.

„Was soll das?“

Der Blick des anderen ruht ungeniert auf Rays neuem Revolver.

„Es gibt einen Gaul in Prescott, Monty. Einen schwarzen Hengst, wie ihn keiner hat. Wenn Sie sich drauf setzen, sind Sie wieder der alte wie vor zwei Jahren.“

Clinton lässt die Hand sinken. Das Gefängnis hat ihn müde gemacht.

„Woher weißt du, wer ich bin?“

„By Gosh!“, stößt der Mann aus. „Man hat vielleicht ’ne Menge hinzugedichtet, aber glauben Sie nicht, dass einer in Prescott Ihren Namen vergessen hat! Natürlich hat keiner damit gerechnet, dass Sie in zwei Jahren schon wieder frei sein würden. Aber jetzt wird’s um so schlimmer werden...“

„Ich rate dir, alter Freund, deine Zunge etwas kürzer zu halten! Gar nichts wird schlimm werden!“

„Aber Sie werden sich doch bestimmt rächen, Monty? Das können Sie doch

nicht auf sich sitzen lassen, das Ding mit den Snyders...“

Zum dritten Mal macht Ray den Versuch, an dem Alten vorbeizukommen. Aber der Kerl hängt wie eine Klette an ihm.

„Na schön, Mister. Sie wollen nicht drüber sprechen. Ist ja auch klar. Das Pferd gehört mir. Aber ich bin ein alter kranker Mann. Ich kann nicht mehr herausholen, was in ihm steckt. Sie werden es kaufen. Ich verschenke es halb...“

„Wie teuer?“, fragt Ray.

Ihm scheint es nur um ein Pferd zu gehen, ganz gleich, wie gut oder wie schlecht es ist. Der Alte wird vor Erregung fünf Inch größer.

„Hören Sie, Monty! So dürfen Sie nicht von Hurricane reden! Den kauft man nicht so im Vorbeigehen. Der ist bis heute nicht zu haben gewesen. Ich will nicht davon reden, was die Leute mir inzwischen dafür geboten haben. Aber ich sag’s Ihnen, Monty: Wie ich Sie vorhin auf der Straße sah, da gab es ein sonderbares Geräusch in meinem sündhaften Körper. Ich wette, es ist mein Gewissen gewesen. Und dann habe ich den Entschluss gefasst... Wenn einer Hurricane reiten darf, dann ist es Monty Clinton.“

„Was kostet er?“

„Fünfhundert Dollar.“

Ray hebt die Augenbrauen. Der Alte fühlt plötzlich fünf harte Finger an seinem Arm.

„Wo hast du ihn?“

Hurricane steht auf einem Hinterhof nahe der Mainstreet. Etwas abseits von sechs anderen Pferden. Das kann Zufall sein oder auch einen besonderen Grund haben.

Ein schwarzer Hengst!

Ray Clinton fühlt seine Augen brennen und seine Hände zittern. Sein Atem geht schwerer als vor zwei Stunden, als Director Bryce ihm die Freiheit gab.

Als er Hurricane sieht, glaubt er plötzlich an Wunder. Und an alte Männer, die das Edelste verschenken, was jemals über die Prärie geritten ist.

„Fünfhundert mit Sattel!“, sagt Ray. Seine Zunge ist wie ein Reibeisen.

„Mit Sattel“, echot der Bucklige und bleibt immer noch Wirklichkeit.

Er zahlt. Dann der Handschlag. Der Bucklige holt den Sattel. Für ihn ereignet sich das letzte Wunder des Tages. Hurricane folgt Clinton gehorsam am Zügel, als habe er nie einen anderen Herrn besessen.

Am Hitchtrail vor Carter’s Inn schlingt Clinton die Leine um den Pfahl und geht hinein. Die Luft kann man schneiden. Leere Plätze gibt es nicht. Nur Schweigen.

Und draußen hatte er noch Lärm gehört.

Für den Bruchteil einer Sekunde stockt er am Eingang. Kein Zweifel, man hatte ihn nicht vergessen. Genauso wenig wie er selbst vergessen hat, fühlen es die anderen. Die letzten zwei Jahre sind nie gewesen. Es ist alles frisch wie damals. Ray Clinton hat Angst davor.

Er sieht nicht zur Seite. Er wird dann Gesichter sehen, die alles noch schlimmer machen. Seine Augen sind noch gut. Aber wie es um die Nerven steht, weiß er nicht.

An der Theke gibt es ein Dutzend breiter Rücken wie auf eine Schnur gezogen. Die Köpfe darauf sind verdreht, weil jeder zur Tür schaut. Zwischen den Rücken ist eine Lücke. Aber zu schmal für einen Mann.

An den Tischen ist kein freier Platz. Ray starrt wieder auf die Lücke an der Theke. Ray schiebt sich schräg hinein, damit seine Schultern die anderen nicht stören.

„Whisky!“, sagt er trocken und legt passendes Geld auf den Tisch.

Der Wirt bewegt sich als erster, während die anderen wie gewachsener Fels dahocken.

Bis der Flaschenhals über seinem Glas schwebt.

Als es halbvoll ist, schiebt es eine Hand von rechts zur Seite und stellt ein neues Glas hin. Daran hängt eine braune behaarte Faust. Rays Blick wandert den Arm hinauf bis zur Schulter. Hinter der Schulter wird ein stiernackiger Hals und ein vierkantiger Kopf sichtbar.

Die Augen kann man unter den buschigen Brauen kaum erkennen.

„Danke, Mister! Ich wusste ja, dass Sie mich einladen würden“, meinte der Fremde grinsend.

„Gern geschehen“, murmelte Clinton.

„Aber dann müssen Sie noch ein paar Cents zulegen, Mister“, fährt der andere fort.

„Schon gut! Das mach’ ich mit dem Wirt aus. Sie haben sich eingeladen und ich habe es angenommen.“

Ray greift in die Tasche und holt Kleingeld hervor.

„Das wird nicht reichen“, sagt eine Stimme rechts neben ihm. „Wenn Zuchthäusler ihre Entlassung feiern, geben sie hier 'ne Lokalrunde. Oder wollen Sie neue Bräuche einführen, Monty, hm?“

Im Hintergrund lacht einer. Kurz und feige. Aber er lacht.

Für Monty Ray Clinton stellt das die Welt auf den Kopf.

Er fühlt das alte Glühen in den Adern. Die Spannung unter der Haut. Durch seine Schläfen jagt das Blut.

Ray fühlt, dass seine Arme gerade und lang werden.

Seine Finger suchen die Nähe des Kolbens

„Ich kenne Ihre Bräuche nicht, Mister. Und es ist nicht daran zu denken, dass ich neue einführen werde. Ich trinke meinen Whisky. Sie trinken Ihren! Den ersten und den letzten aus meiner Kasse! Well.“

„Sie suchen Streit, Clinton, wie? — Ehe Sie rückfällig werden und zu Bryce zurückmarschieren, werde ich Sie in die Kur nehmen. Und anschließend werden Sie danke zu mir sagen! Verstanden?“ Er blickt über den langen Tresen. Da ist kein Glas mehr. Jeder hat seins genommen und zieht sich außer Reichweite. Ray und der Herausforderer sind allein.

Der Wirt wimmert noch etwas. Man soll auf seine Einrichtung Rücksicht nehmen. Und auf seine Flaschen.

Auch der Mann rechts auf dem Hocker ist plötzlich nicht mehr da.

Ray dreht sich herum und sieht, wie der Bursche zurückspringt und sich duckt.

„Damit Sie später wissen, wer Sie verprügelt hat. Ich heiße Mulligan. Bill Mulligan.“

Mulligan...

In Rays Schädel bleibt dieser Name wie ein Echo hängen, das immer wieder zurückschlägt. Vor seinen Augen ist ein Vorhang und Mulligans Körper ist nur noch ein Schatten.

Clinton denkt zwei Jahre zurück. An eine Zeit, in der er Fäuste wie Dampfhammer gehabt hat. Und Augen wie ein Blizzard. An eine Zeit, in der sein Blut überkochte und alles verbrannte, was gegen ihn war.

„He, Clinton! — Träumen Sie?“

„Was wollen Sie, Mulligan?“

Es klingt jämmerlich. Und schon ist die andere Stimme wieder da.

„Damit Sie es endlich begreifen, mein Junge. Sie geben jetzt eine Lokalrunde, wie es Brauch ist. Oder ich schlage Sie zusammen.“ „Hören Sie, Mulligan! Sie wissen genau, dass ich aus der Übung bin. Wenn Sie glauben, dass Sie gegen einen großen Mann aufstehen, ist das ein Irrtum. Ich habe zwei Jahre gesessen. Das weiß jeder. Wenn Sie zeigen wollen, dass Sie sich schlagen können, dann legen Sie sich mit einem jungen Mann an, der sich zu meiner Zeit noch in die Hosen machte. Der ist heute besser als ich.“

„Dreh dich um, Feigling! Hier stehe ich! — Leg dein Geld auf den Tisch. Und wenn es nicht reicht, verpfändest du Hurricane, den du sowieso niemals reiten wirst...“

„Yeah! Und wenn ich mit allem nicht einverstanden bin?“

Mulligans Gesicht wird breit wie der Eingang zu einem Corral. Er grinst von Prescott bis Phoenix.

„Dann lässt du alles stehen und liegen und gehst hinaus!“

Der Saal ist jetzt die Hölle.

Man kann zurückdenken, so weit man will. Es hat noch nie einen solchen Lacherfolg gegeben. Jeder, der Mulligan noch vor zwei Minuten als Verlierer gesehen hat, weidet sich an seinen verrückten Ideen.

Clinton ist nur noch ein Häufchen Elend.

Er wagt es, sich umzudrehen. Er hätte es nicht tun sollen. Soviel Feindschaft aus allen Himmelsrichtungen hat er noch nicht erlebt.

Der Mann, der Monty heißt, geht auf den Ausgang zu.

„He, Clinton, wollen Sie kneifen?“

Draußen ist es dunkel.

Die Schwingtür schlägt zu. In Carter’s Inn herrschte Totenstille. So ist den Leuten die Sache in die Knochen gefahren.

„Er rennt weg“, flüstert einer entgeistert.

Ray geht ein paar Schritte nach rechts, bindet Hurricane los und zieht sich in den Sattel.

Die Nacht schluckt ihn.

Ein Mann reitet nach Osten.

Er spreizt die Finger und ballt sie zur Faust. Immer abwechselnd. Er traut innen nicht mehr. Er traut der ganzen Hand nicht. Der Hand, für die er in Prescott eine 44er Remington gekauft hat.

Wie im Traum zügelt er das Pferd. Hurricane hebt den schlanken Kopf und schnaubt, bleibt stehen.

Ray reitet ein Stück nach Süden. Er kennt den Weg nach Camp Verde. Es ist, als ob er ihn gestern erst geritten wäre.

Der Reiter erreichte die Gabelung, an der ein verwitterter Wegweiser verrät, dass es links nach Yeager geht. Clinton will nach Hause. Nach Camp Verde am Verde River.

Er wird durch den One-Horse-Canyon reiten und eine Stunde gewinnen. Hurricane ist ausgeruht und geht freiwillig einen längeren Trab. Mit Hurricane wird er auskommen. Es steckt Feuer in ihm. Dasselbe Feuer, das Clinton in seiner Hand spürt, das noch immer zuckt und flackert.

Hinter dem One-Horse-Canyon liegt das Tal des Verde River. Clinton versucht, sich die Ranch vorzustellen. Eigentlich weiß er alles noch. Vorausgesetzt, es ist alles beim alten geblieben. Mutter, Clinton, Cliff Palm und die anderen. Die werden Augen machen, wenn noch um Mitternacht einer an die Tür klopft.

Vor ihm peitscht ein Schuss durch die Nacht. Keine Meile entfernt. Das ist genau das Stück, das er noch bis zum One-Horse-Canyon braucht.

„Los, mein Freund!“

Hurricane macht sich lang und galoppiert.

Dann noch einmal!

Zwei Schüsse folgen dem ersten. Dann schweigt die Nacht.

Hurricane jagt über den steinigen Weg.

Im Canyon liegt ein toter Mann neben einem toten Pferd. Der Mann ist mit der linken Schulter unter das Tier geraten. Genau an der engsten Stelle liegen sie.

By Gosh!

Ein Mord — fast vor Ray Clintons Augen.

Clinton steigt aus dem Sattel und untersucht den unheimlichen Fund. Der Mörder kann noch nicht weit sein. Er hat dem Toten noch die Taschen durchgewühlt, die Waffen an sich genommen und ihm die Stiefel ausgezogen.

Ray steigt wieder auf.

„Hepp! — Hussy!“, zischt er dem Hengst ins Ohr. Der macht einen langen Satz über den toten Reiter hinweg. Der Mörder kann nicht weit sein. Oder er liegt im Hinterhalt.

Clinton reitet. Eine seltsame Sucht nach Gerechtigkeit spornt ihn an. Vielleicht erwischt er den Täter noch. Wenn dieser nicht ihn erwischt!

Dann erlischt das Licht der Sterne. Der Himmel bezieht sich erneut. Eine halbe Stunde geht ein Regen nieder und macht Clinton nass bis auf die Haut.

Dann liegt das Tal des Verde River vor ihm. Er denkt nicht an den Mörder. Er denkt an zu Haus.

 

 

5

Bart Langley hat es sich überlegt.

„Hier ist das Geld. Zweitausend Dollar. Alles, was er bei sich hatte. — Den Colt darf ich ja wohl behalten. Und hier die Stiefel! Ich hoffe, das genügt als Beweis.“

Bart gibt sich Mühe, lässig zu sprechen. Wie einer, der sofort respektiert werden will. Aber so großartig ist sein Eindruck nicht auf die anderen.

Zerzaust steht er da, pudelnass und strähnig wie eine ausgehungerte Hyäne.

Fröstelnd erkundigt er sich, wann es wieder weitergeht. Er will ein Dach über dem Kopf haben.

„Wir warten noch auf Bill. Bis dahin sieh zu, dass du dich nicht erkältest“, sagt Jerry Snyder trocken. Dabei besieht er sich die Stiefel, die der Junge mitgebracht hat.

„Ich schlage vor, wir probieren die Gurken nacheinander an. Wenn sie einem passen, soll er sie behalten“, meint Chester Williams.

„Gute Idee! Und was meinst du, wem sie passen können?“

„Mir bestimmt nicht.“

Jerry Snyder grinst. „So wird’s sein. Ich hätte nie gedacht, dass Clinton einen so kleinen Fuß hat. Versuch’s mal, Bart! Kannst dir ja die Zehennägel beschneiden, wenn die Dinger zu knapp sind.“ Rod Hollister macht ein unverschämtes Gesicht und lacht gluckernd.

„Ich versteh’ euch nicht“, stottert Langley.

„Ist auch nicht nötig. Wir werden schon herausbekommen, ob es tatsächlich Ray Clinton war, den du umgelegt hast.“

„Wir müssten Beweise haben“, fällt Williams ein. „Diese kleinen Stiefel... “

„Hölle und Schwefel! Wenn die Stiefel zu klein sind, dann passen sie keinem zwischen Prescott und Camp Verde. Es war kein Kind, das ich aus dem Sattel geschossen habe. Du kannst dich ja überzeugen.“

„Nicht nötig“, sagt einer aus dem Hintergrund. Bill Mulligan hat sich vorsichtig herangeschlichen. „Entschuldigung, Boss, dass ich wie ein Indianer komme, aber man weiß in dieser Nacht nie, wen man vor sich hat.“

„Außer uns ist wohl kaum einer unterwegs.“

„Außer uns — Ray Clinton!“

„Clinton ist tot!“, zischt Bart Langley wütend.

„Denkst du“, gibt Mulligan zurück und lacht scheppernd.

„Was weißt du darüber?“, fragt Jerry Snyder kalt und drängend.

„Nun, ich habe ja Augen im Kopf. Im One-Horse-Canyon liegt ein Toter, der mir als Händler bekannt ist. Ich glaube, er heißt Robinson oder so. Ein älterer wackliger Mann, der sich kaum noch auf den Beinen halten konnte.“

„So wird's wohl sein“, sagt Chester Williams von der Seite. „Bart Langley schießt nachts auf unschuldige Leute und bringt Stiefel mit, die er einem Zwerg abgenommen hat.“

Langley zittert vor Wut. Aber, er unternimmt nichts gegen Williams. Er muss selbst gegen Snyder auf der Hut sein.

„Es war dunkel Boss! Sie können mir diesen Irrtum nicht ankreiden. Sie haben gesagt, es kommt ein einzelner Reiter durch den Canyon und den sollte ich erledigen. Das wäre...“

„Schweig, Coyote! Wir rechnen später ab. — Erzähl weiter, Bill!“

„Well, dieser Mann im Canyon dürfte Barts Opfer sein. Ihm fehlt der Revolver und er hat keine Stiefel mehr an. Clinton ist es nicht!“

„Was weißt du von Clinton?“

„Der ist nach Hause geritten, nehme ich an. Er muss den Toten noch vor mir erreicht haben. Aber er war hinter Robinson und hat die Bescherung im Canyon bestimmt gesehen.“

„Er kam also zehn Minuten zu spät“, meint Moorley. „Zehn Minuten, die ihm das Leben gerettet haben. Ein bedauerlicher Irrtum, für den Bart aber nach meiner Meinung nicht verantwortlich zu machen ist. Wer konnte schon ahnen, dass diese Nacht im One-Horse so viele Leute auftauchen? Ich hätte wohl denselben Fehler gemacht.“

„Weshalb nimmst du den Bengel in Schutz?“, fragt Hollister herausfordernd.

„Er hat den Greis nicht von Clinton unterscheiden können. Clinton, vor dem sich das halbe County fürchtet...“

„Ihr seid alle Narren!“, erklärt Bill Mulligan. „Clinton entkommt uns nicht, wenn der Boss Wert darauf legt. Er hockt jetzt zu Hause bei der Mutter, denke ich und wischt sich die Tränen ab. Und anschließend wird er sich verkriechen. Für mich ist er ein Coyote.“

„Hört, hört!“, schnarrt Hollister. „Du nimmst den Mund ganz schön voll. Du brauchst uns nicht zu sagen, wer Clinton ist.“

„Ich denke, das muss ich doch. Ihr habt ihn in Erinnerung, wie er vor zwei Jahren war. Aber ich habe ihn heute gesehen. Ein lächerlicher Zwerg. Ein Mann... was sage ich? Ein Jammerlappen, an dem man sich die Finger schmutzig macht, wenn man ihn anfasst.“

„Ihr habt Carters Laden demoliert?“

„Nichts davon! Wir haben ’ne Weile Auge in Auge gestanden. Da sah ich, wie Clinton wie Espenlaub zitterte. Ich machte noch einen kleinen Schritt auf ihn zu, dass er deutlich den Whisky riechen musste, den ich mir von seinem Geld hinter das Halstuch geschüttet hatte. Der Rest ist einfach unglaublich.“

„Komm endlich zur Sache!“

„Yeah, Boss, ich bin dabei. Aber so was muss man erst einmal verdauen. Das kommt nicht alle Tage vor. Clinton nahm plötzlich beide Hände vors Gesicht und rannte hinaus. Wenn ihr mir das nicht glaubt, wartet bis morgen früh. Dann erzählt man es im ganzen County.“

 

 

6

Als Ray Clinton auf die Ranch reitet, hat er ein schlimmeres Gefühl als in Carter’s Inn oder bei der Begegnung mit dem Toten im One-Horse-Canyon. Er geht bis dicht an das Haupthaus heran, rutscht aus dem Sattel und drückt sich in den Schatten der Mauer.

Er denkt an den rothaarigen Cliff, der vor zwei Jahren noch ein Kind gewesen ist. Er stellt ihn sich noch genauso lausig, frech und freundlich vor wie damals.

Zuletzt sind sie beide wie Brüder gewesen und sie haben es auch überall erzählt.

Ray geht ein Stück auf die Veranda zu. Dann bleibt er stehen und lauscht in die Nacht. Nur aus dem Stall kommt hin und wieder ein Geräusch, wenn eines der Tiere unruhig den Kopf bewegt.

Links liegt das Bunkhaus, in dem die Mannschaft schläft, soweit sie nicht auf der Weide ist.

Ray dreht sich auf dem Absatz und nimmt diese Richtung. Noch vor der ersten Ecke erreicht ihn ein Befehl.

„Stehenbleiben! — Und die Hände hoch, Mister!“

Ray dreht sich noch einmal.

Aus dem Schatten des Schlafhauses schält sich eine Gestalt.

„Die Hände hoch, habe ich gesagt. Und dann kommen Sie langsam her! Bei der geringsten verdächtigen Bewegung sind Sie ein toter Mann!“

Ray gehorcht.

Die Stimme kennt er noch. So gut, als hätte er sie gestern noch gehört.

„Hallo, Frank!“, sagt er. Es klingt noch immer nicht ganz sicher. Der andere bleibt stumm und hält den rechten Arm angewinkelt.

„Frank Harmody, nehme ich doch wohl an, oder?“

Der Mann im Dunkeln schnappt nach Luft.

„By Gosh, Mr. Clinton! — No, das ist nicht möglich... Mr. Clinton!“

„Darf ich die Hände wieder herunternehmen?“

„Ich bin ein Idiot!“

„Ein guter Wächter sind Sie, Frank. Ich war nicht angemeldet.“

„Yeah, kommen Sie herein, Boss! Wenn Sie hier draußen einer sieht... kommen Sie! Ich verstecke Sie, dass kein Sheriff...“

„Moment,. Frank! Den Irrtum wollen wir gleich aus der Welt schaffen. Aber es ist wohl besser, wenn ich doch erst mal mit reinkomme.“

Frank Harmody zögert einen Augenblick. Auf die Überraschung ist er nicht vorbereitet. Als Ray Clinton damals aus Camp Verde durch den Sheriff abtransportiert wurde, sollte es für zehn ganze Jahre sein. Mrs. Clinton hatte die Hoffnung aufgegeben, ihn jemals wiederzusehen. Und Frank Harmody?

Er hatte oft genug an den Boss gedacht. Meistens dann, wenn es um Entscheidungen ging, die er lieber einem anderen überlassen hätte. Manchmal auch nachts am Lagerfeuer, wenn die Ruhe über ihn kam.

„Was ist los?“, fragt Ray plötzlich und Frank Harmody zuckt zusammen. „Nichts, Mister Clinton.“

Ray gibt ihm einen leichten Rippenstoß.

„Los, Frank, wir wollen hier nicht anwachsen. Und ich möchte endlich etwas Licht haben. Und einen Ofen, um meine Sachen zu trocken. Der Regen vorhin hat mich ganz schön erwischt.“ Der Vormann bewohnt eine Stube für sich. Es ist Platz für ein Bett, einen Stuhl, einen kleinen Tisch und einen Schrank. Er zündet eine Petroleumlampe an. Ray Clinton setzt sich auf den Stuhl, Harmody auf die Bettkante.

„Es ist nicht nötig, dass Sie mich verstecken, Frank“, fängt Monty an. „Ich habe einen Entlassungsschein vom Senator. Sie haben mich begnadigt.“ Harmodys Augen zucken hoch. „Begnadigt! — Nennt man das heute so, Boss?“

„Ja, wenn man rechtmäßig verurteilt worden ist. Die Juristen fragen nicht danach, ob sich einer für unschuldig hält... Aber lassen wir das jetzt. Ich bin wieder da, Frank. Wie geht es auf der Ranch? Was macht meine Mutter? Was macht Cliff?“

„Alles beim alten... Sie waren noch nicht drüben, oder?“

Ray schüttelte den Kopf.

„Ich möchte, dass es ihnen ein anderer sagt. Gehen Sie zuerst zu Cliff. — Wie verträgt er sich mit Mutter?“

„Er ist wie ihr Sohn. Sie haben sich beide sehr geholfen in der Zeit.“

„Das hört man gern. Gehen Sie jetzt, Frank! Darf ich mir ein trockenes Hemd nehmen?“

Harmody legt ihm eins hin. Zum ersten Mal lächelt er, als er hinausgeht: Ray wechselt das Hemd. Dann geht er ans Fenster und schiebt die alte graue Gardine zur Seite. Seine Finger gleiten

über das glatte Holz. Das ist ein Stück von der Clinton-Ranch. Eines Tages wird es ihm gehören. Wie alles andere, was die Nacht draußen verborgen hält.

Im Haupthaus geht das Licht an. Auf dem rechten Flügel, wo Cliff Palm wohnt. Dann springt eine Tür auf.

„Wo ist er?“, schreit einer laut. Es ist Cliffs Stimme. Dann liegt Harmodys schwere Hand auf seiner Schulter.

„By Gosh! Mach nicht solch einen Lärm. Weck lieber Mrs. Clinton und bring es ihr vorsichtig bei.“

Die Männer verschwinden wieder im Haus. Nach einer Ewigkeit öffnet sich die Tür an der Veranda. Der Vormann kommt über den Hof, klopft ans Fenster und winkt. Ray geht hinaus. „Kommen Sie, Boss!“

Mrs. Clinton hat einen Mantel übergezogen. Ihre Augen flackern, als Ray eintritt. Sie steht wie angewurzelt und hält nur die Hände ausgestreckt. Cliffs Erscheinung ist irgendwo im Hintergrund — wie ein Schatten. Frank zieht hinter ihnen die Tür zu und geht schweigend hinaus.

„Mutter!“

Auf einmal meint auch Cliff, dass er überflüssig ist. Er macht die Tür auf und verschwindet. Er ist in den letzten zwei Jahren gewachsen. Er reicht Ray genau bis an die Nasenwurzel.

Als Cliff hereingerufen wird, wischt Mrs. Clinton sich immer noch ein paar Tränen aus den Augen. Aber sie lächelt. By Gosh, das will was heißen!

„Mutter Clinton hat nicht gelacht, seit du weggegangen bist, Ray. Dass du wieder da bist! — Wie hast du's geschafft? Rede schon! Frank sagte etwas von Begnadigung, aber ich habe eher den Verdacht, die Leute sind dahintergekommen, dass sie einen Unschuldigen eingesperrt haben?“

„Ganz so ist es nicht“, erwiderte Ray ruhig. Er lächelt sogar dabei. „Sie haben mich begnadigt. Das kommt vor bei guter Führung.“

„Wollt ihr euch nicht setzen, Kinder?“, fragt Mrs. Clinton, „Ray, mein Junge!“ Sie geht um den Tisch herum und nimmt noch einmal seinen Kopf in die Arme. „Ich hole euch etwas, Kinder. Ihr habt euch gewiss eine Menge zu erzählen.“

Mrs. Clinton geht hinaus.

„Lass dich ansehen, Cliff“, sagt Ray. „Du bist ein Riese geworden. Zwei Jahre..., was die ausmachen.“

Cliff Palm findet, dass Ray gegen ihn ein alter Mann ist. Ganz anders, als er ihn in Erinnerung hat. Aber das sagt er nicht. Bestimmt muss Ray sich erst wieder an dieses Leben gewöhnen. By Gosh, sie haben ihm böse mitgespielt.

Mutter Clinton kommt zurück und bringt einen angeschnittenen Kuchen.

„Ich habe auch etwas Kaffee aufgestellt. Wartet, er ist gleich fertig.“

„Aber Mutter, mitten in der Nacht?“

„Mitten in der Nacht bist du auch nach Hause gekommen. Heute kommandiere ich noch, verstanden?“

„Natürlich, Mutter.“

Cliff denkt weniger an Kaffee und Kuchen. Er wechselt das Thema. „Was wirst du jetzt tun, Ray? Du hast doch bestimmt schon Pläne gemacht. Ich könnte mir vorstellen, wenn ich auf diese Weise ins Gefängnis komme, dann denke ich jede Stunde daran, wie ich's denen heimzahlen werde. Soviel ich weiß, treibt sich Snyder noch immer in der Gegend herum.“

Ray macht kein frohes Gesicht, als er das hört. Er gibt keine Antwort und lächelt sonderbar. Aber nicht froh.

„Auf mich kannst du dich verlassen, Ray“, fährt Cliff fort. „Du brauchst die Sache nicht allein austragen. Ich komme mit. Denk nicht, dass ich der kleine Bruder von vor zwei Jahren bin! Ich habe geübt, immer wieder, Ray. Ich habe mir nichts geschenkt... Reiten, Lasso werfen, Schießen. Wenn es hell ist, zeig ich dir, wie schnell ich ziehe. Du kannst mich auch von hinten ansprechen und musst es nicht vorher sagen

Sie sitzen noch eine Stunde beisammen. Dann gibt Ray das Zeichen zum Schlafengehen. Sein Bett ist frisch gemacht.

 

 

7

Nach vier Stunden ist Ray wieder wach. Die Cowboys sind ausgeritten. Nur Cliff nicht. Der macht sich am Zaun beim Pferdestall zu schaffen, obwohl der erst vor zwei Monaten repariert worden ist.

Bei Tag sieht alles klarer aus. Und anders. Es ist nicht alles so geblieben, wie vor zwei Jahren. Warum auch?

Er geht zu Cliff, der sehr beschäftigt tut.

„Hallo, Cliff!“

„Hallo, Ray! Du solltest doch erst morgen aufstehen.“

„Tut mir leid, Junge, dass ich dich bei der Arbeit störe. Hat Frank übrigens Hurricane versorgt, bevor er weg geritten ist?“

„Ich hab’s gemacht. Aber Frank musste mir erst dreimal schwören, dass es dein Pferd ist. Wusstest du eigentlich, dass das ein ganz berüchtigter Teufelsgaul ist, den kaum einer reiten kann?“

„Der Verkäufer hat nichts davon gesagt. Und ich habe nichts gemerkt“, sagt Ray Clinton unschuldig. Und er grinst etwas dabei.

So findet Cliff ihn richtig. So ist er der große alte Monty. „Well, Monty!“ Cliff wirft sein Werkzeug weg und springt breitbeinig in Stellung. „Jetzt fordere mich heraus!“

„Nicht so! Jetzt bist du vorbereitet... “

Sie gehen eine halbe Stunde herum. Cliff zeigt ihm, was sie inzwischen erneuert haben. Zwischendurch muss Ray ihn anrufen.

Cliff ist wie ein junges Fohlen. Staksig. Er zieht noch viel zu langsam. Aber das ist nur gut so. Ray selbst wird heute kaum schneller sein. Er spendet dem Kleinen ein Lob und erklärt, dass er erst einmal zu Sheriff Brown müsse.

„Brown ist nicht mehr da, Ray. Den haben sie vor sechs Monaten abgelöst. Der neue heißt McLean. Was willst du bei ihm?“

Monty erzählt von seinem gestrigen Ritt und von dem Toten im One-Horse-Canyon. Cliff meint, das müsse er natürlich melden. Ob es aber nicht besser wäre, wenn er mitginge.

„Lass nur, Cliff. Ich muss mich daran gewöhnen, wieder selbst auf meinen Beinen zu stehen.“

Monty holt den schwarzen Hengst aus dem Stall und reitet.

Sheriff McLean wohnt in der Mainstreet neben dem Post-Office. Ray braucht nicht zu fragen. Er kennt sich aus. Die Häuser haben sie stehen lassen in Camp Verde am Verde River. Da drüben ist wohl eins hinzugekommen. Aber sonst...

Auch das Schild mit dem Wort JAIL hängt noch da.

Hinter dem Schreibtisch sitzt ein Mann mit einem Fünfzack an der Brust. Ein drahtiger Mann. Er hat graue Schläfen, ein langes wettergegerbtes Gesicht und helle Augen. Bart und Augenbrauen sind strohgelb.

„Hallo! Sie sind Sheriff McLean?“

„So ist es. Was kann ich für Sie tun?“

„Ich heiße Clinton. Ray Clinton von der Clinton-Ranch. Ich denke, Sie kennen meine Mutter.“

„So ist es, Mr. Clinton. Sie kommen aus Prescott, wie ich hörte.“

Das klingt nicht beleidigend, ist es aber trotzdem. Montys Blut kocht sofort. Er muss die Hände flach auf den Tisch pressen, um sich zu beherrschen. Die Sache ist längst noch nicht ausgestanden.

„Ich wünsche Ihnen viel Glück und eine geschickte Hand.“

„Yeah, Sheriff, so ist es wohl. Ich komme aus Prescott. Ich war zwei Jahre nicht zu Hause und daher erklärt es sich, dass wir uns noch nicht gesehen haben. Man hatte mich wegen Totschlags an Tom Snyder zu zehn Jahren Haft verurteilt. Gestern wurde ich vom Gouverneur und Senator begnadigt. Hier sind meine Papiere, Sheriff! Ich bin dafür, dass zwischen uns von vornherein alles klar ist.“

Ray blättert die Papiere auf den Tisch. McLean wirft einen flüchtigen Blick darauf, ohne sie durchzulesen.

„Danke. Mr. Clinton. Sie meinen es sicher gut. Aber es ist nicht meine Art, in der Vergangenheit der Bürger unserer Stadt zu schnüffeln, wenn kein Anlass vorliegt. Die Begnadigung spricht allein für Sie. Aber deswegen hätten Sie nicht herzukommen brauchen.“ Jeder hat ein kurzes Lächeln für den anderen übrig. Es sieht so aus, als würden sie sich verstehen der Sheriff und der Begnadigte.

Ray nimmt seine Entlassungspapiere wieder an sich.

„Ich komme wegen einer anderen Sache, Sheriff. Da war ein Vorfall im One-Horse-Canyon. Das heißt, ich muss mich wohl klarer ausdrücken: Ich war nicht Zeuge der Tat, sondern des Ergebnisses ...“

„Sie sprechen von einer Tat, Mr. Clinton? Erzählen Sie Ihr eigenes Erlebnis, sonst nichts. Aber das genau.“

„Well, ich ritt gestern Abend von Prescott nach Camp Verde und nahm die Abkürzung über den One-Horse-Canyon. Die Nacht war ziemlich dunkel, aber ich kannte den Weg von früher. An der Stelle, wo der Riffle Creek nach rechts abbiegt, war es ungefähr, dass ich einen Schuss hörte. Kurz darauf fielen noch zwei kurz hintereinander. Dem Klang nach kamen sie aus einer Büchse und nicht aus einem Revolver.“

„Es war also kein Gefecht, wollen Sie sagen?“

„Genau.“

„Well, fahren Sie fort!“

„In der Ebene gibt es kein Echo. Aber die Schüsse hatten ein Echo. Ich tippte sofort auf den Canyon, zumal ich dem Gehör nach dieselbe Richtung bestimmt hatte. Dann kam ich zum One-Horse. Zwischen den Felsen fand ich ein totes Pferd und seinen toten Reiter...“

McLeans Kopf ruckt hoch. Bis jetzt hat er immer noch nicht an einen Toten glauben wollen. Aber deutlicher kann ihm das keiner melden.

„Im One-Horse... Kennen Sie den Mann?“

„Den Toten nicht, leider auch nicht den Täter. Der war längst weg. Ich bin schneller geritten, um den Mörder vielleicht noch einzuholen. Aber dann kam der Wolkenbruch. Ich war nass bis auf die Haut und außerdem, ich denke, Sie verstehen, dass ich mit anderen Sorgen nach Hause geritten bin. Erst nach Mitternacht war ich auf der Ranch.“

„Sie können also nicht mit Sicherheit sagen, in welcher Richtung sich der Täter entfernt hat?“

„Ich kann nur sagen, dass der Weg nach Prescott ausscheidet. Von dort bin ich gekommen. Sonst... hm, vielleicht Yeager oder sogar Camp Verde. Oder irgendein Versteck, wenn es überhaupt noch in der Nähe ist. Mein anfänglicher Verdacht hat sich bestätigt, aber ich kann keine bestimmte Person angeben:“

„Was für ein Verdacht?“

„Hm, den Mord meine ich natürlich.“

„Es war Mord? Sie wissen es genau?“

„Was denn sonst?“

„Nun, Clinton, in der Theorie müssen wir alle Möglichkeiten prüfen. Zweikämpfe gibt es oder auch Überfälle, bei denen der Desperado den kürzeren zieht. Der Tote ist nicht immer der Unschuldige. Aber Sie hatten einen Verdacht. Der wäre wichtig für mein Protokoll.“

„Dazu kann ich nichts sagen.“

Ray denkt, dass seine plötzliche Verstocktheit keinen guten Eindruck macht. Aber er hat keine Lust, auf dieses Gespräch noch weiter einzugehen. McLean aber ist hartnäckig.

„In diesem County schießt man viel und gern, Clinton. Sie können also nicht sofort einen Verdacht auf Mord gehabt haben, es sei denn, Sie hätten vorher schon etwas von derartigen Absichten gewusst.“

„Hören Sie, Sheriff! Was Sie mir da in den Mund legen wollen, gibt es nicht. Ich habe Schüsse gehört und bin in die Richtung geritten. Im One-Horse-Canyon haben sich meine Befürchtungen bewahrheitet... “

„Sehen Sie, ,Befürchtungen wäre von Anfang an das richtige Wort gewesen.“

„Well, Sheriff, ich komme aus dem Gefängnis von Prescott und habe eine verdammt harte Zeit hinter mir. Aber ich habe pflichtgemäß meine Meldung gemacht. Verhöre bin ich satt nach dieser Zeit!“

McLean hebt beschwichtigend die Hände.

„Regen Sie sich nicht auf, Clinton! Es ist meine Pflicht, genau zu sein. Wenn Sie denken, dass ich etwas gegen Sie persönlich habe, dann sind Sie im Irrtum. Ich werde Ihren Bericht zu Papier bringen, sobald ich mit Deputy Moore den Tatort besichtigt habe. Können Sie im Laufe des Tages noch einmal vorbeikommen, um das Protokoll zu unterschreiben?“

„Natürlich, Sheriff. Meiner Pflicht gehe ich nicht aus dem Weg.“

Ray nimmt seinen Stetson und geht. In der Tür rennt ihn fast ein junger Mann um. Das Zeichen an der Mütze besagt, dass er von der Post kommt.

„Hier sind drei Briefe für Sie, Sheriff. Fangen Sie! Well, ich hab’s eilig. Meine Schwester Nanny soll ein Baby bekommen. Cheerio!“

Und weg ist er.

Ray geht zur Haltestange und bindet Hurricane los. Er steigt in den Sattel und verlässt Camp Verde.

Er ist noch nicht abgebrüht genug, um den neugierigen Blicken im Town standzuhalten.

Er hat eine Menge verlernt in den zwei Jahren.

Früher ist das anders gewesen und sie haben ihm einen Mord angehängt. Er hält seine Hand ans Gesicht und spürt eine Menge Schweiß zwischen den Fingern. Dabei ist es gar nicht heiß.

Es ist etwas anderes.

Der Sheriff hat etwas von einem Verdacht gefaselt...

Pferd und Reiter sind knapp aus Camp Verde heraus. Hinter der Senke und der Biegung des Rivers verschwinden die letzten Häuser.

Da hat Ray Hufschlag im Ohr.

Pferde im Galopp.

Er dreht sich um und erkennt McLeans Kopf. Der andere ist ein junger Bengel.

Clinton zügelt den Rappen und wartet auf die beiden im Schritt.

„Hallo, Sheriff! Hier machen Sie einen Umweg, wenn Sie zum One-Horse wollen.“

„Wem sagen Sie das, Clinton? Erst steht mal was anderes auf dem Dienstplan. Wir haben Ihre Richtung. Was dagegen, wenn wir zusammen reiten?“

„Kommen Sie, Sheriff! Ich habe nichts gegen eine ehrliche Begleitung.“

Das Gespräch fängt vielversprechend an, aber dann sagt plötzlich keiner mehr ein Wort. Ray schielt mal zu dem einen, mal zu dem anderen. Der Sheriff und sein Gehilfe haben ihn in die Mitte genommen. McLeans Gesicht ist wie eine Maske.

„So, hier muss ich abbiegen, Sheriff. Ich bin gleich zu Hause.“

„Wir kommen mit, Clinton.“

„Sagen Sie bloß, Sie wollen zu meiner Mutter?“

„Mehr zu Ihnen, Clinton. Eigentlich nur zu Ihnen“, erklärt der jüngere Bursche an der linken Seite. Ray hat sich ausgerechnet, dass es wohl der Deputy Moore sein muss.

„Zu mir? Warum haben Sie vorhin nichts davon gesagt?“

„Da war die Post noch nicht da“, erklärt McLean trocken. „Well, wir werden ja sehen.“

Monty wird unruhig. Es ist nicht nur die Neugier. McLeans geheimnisvolle Art gefällt ihm nicht.

„Was werden wir sehen, Sheriff? Mit rätselhaften Bemerkungen hat man mir das Leben lange genug sauer gemacht. Man kommt sich dabei leicht wie ein unmündiges Kind vor. Und das haben Erwachsene nicht gern.“

Der Deputy an seiner linken Seite grinst ihn frech an.

„Aber Sie haben zwei Jahre lang geübt, Clinton. Vielleicht hilft Ihnen das.“ Hurricane bleibt stehen, als hätte er ein Zeichen vom Himmel gekriegt.

„Mr. Moore, ich bin ein freier Mann. Noch eine solche Bemerkung und Sie werden sich entschuldigen!“

McLean macht ein grimmiges Gesicht.

„Machen Sie keine Schwierigkeiten, Clinton“, sagt er grollend. „Wir reiten zusammen auf Ihre Ranch. Ich bin überzeugt, dass Sie sich nichts haben zuschulden kommen lassen. Unser Besuch wird also nicht lange dauern. Sie regen sich umsonst auf.“

Noch immer hält Monty den Rappen zurück.

„Ich bin noch keinen ganzen Tag aus Prescott heraus, Mr. McLean. Wo sollte ich wohl inzwischen was ausgefressen haben? Finden Sie nicht, dass ich auf diese Frage eine Antwort verlangen kann?“

„Ich sag's Ihnen, sobald ich eine bestimmte Person auf Ihrer Ranch gesprochen habe. Wenn Sie wirklich unschuldig sind, sollte Ihnen das genügen. Oder geben Sie nichts auf mein Wort, wie?“

Jeder macht in diesem Gespräch versteckte Hinweise auf seine Ehre. Es ist nicht gut unter Männern, allzu viel davon zu reden. Monty überlegt noch zwei Sekunden, dann gibt er Hurricane einen Druck in die Seiten und reitet zwischen den beiden anderen hindurch. Sie haben plötzlich Mühe, ihm zu folgen. Sie sind noch immer dreißig Yards hinter ihm, als er durch das Tor seiner Ranch reitet.

Am Stall bindet Ray Clinton den Schwarzen an die Haltestange und geht den aufdringlichen Männern entgegen.

„Was wünschen Sie also, Sheriff? Wen möchten Sie sprechen?“

McLean und Moore sagen noch immer nichts. Sie rutschen aus den Satteln und sehen sich dabei neugierig um.

Vom Corral her kommt Cliff Palm.

Aus seinem Sommersprossengesicht blitzen zwei scharfe neugierige Augen. Es liegt sofort etwas Drohendes darin.

„Wen bringst du denn da angeschleppt, Monty?“

„Das ist Sheriff McLean.“

Details

Seiten
120
Jahr
2021
ISBN (eBook)
9783738949605
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v994204
Schlagworte
begnadigt

Autor

Zurück

Titel: Begnadigt