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Ein Mädchen verzweifelt

©2021 104 Seiten

Zusammenfassung


Claudia will nicht mit nach Paris. Ihre Freundin Renate versteht das nicht. Es ist doch die Abschlussfahrt der Klasse. Renate will den Grund wissen. Als sie ihn erfährt, ist sie geschockt. Doch nun überlegt sie, wie sie Claudia helfen kann. Renates Mutter hat nach ein paar Tagen eine Idee. Aber Renate ist nicht sicher, ob der Freundin gefallen wird, was sie ihr vorschlagen will …

Leseprobe

Table of Contents

Ein Mädchen verzweifelt

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Ein Mädchen verzweifelt

Arztroman von G. S. Friebel

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 104 Taschenbuchseiten.

 

Claudia will nicht mit nach Paris. Ihre Freundin Renate versteht das nicht. Es ist doch die Abschlussfahrt der Klasse. Renate will den Grund wissen. Als sie ihn erfährt, ist sie geschockt. Doch nun überlegt sie, wie sie Claudia helfen kann. Renates Mutter hat nach ein paar Tagen eine Idee. Aber Renate ist nicht sicher, ob der Freundin gefallen wird, was sie ihr vorschlagen will …

 

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

Alfred Bekker

© Roman by Author

© COVER STEVE MAYER NACH MOTIVEN

© dieser Ausgabe 2021 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

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1

Alle freuten sich schon seit vielen Wochen auf diese Klassenfahrt. Es sollte der Höhepunkt in ihrer Schulzeit sein. Lange hatten sie sich die Köpfe heißgeredet und überlegt, wohin sie denn fahren sollten. Dann waren einige erst auf die Idee gekommen und hatten gemeint: »Ich finde, wir haben deswegen noch keine Vorstellung, weil wir auch noch nichts gespart haben. Damit sollten wir zuerst anfangen. Und wenn dann genug in die Kasse gekommen ist, dann können wir auch das Ziel bestimmen.«

»Das ist wirklich keine schlechte Idee.«

»Aber es muss 'ne Menge sein. Ich will mindestens drei, vier Tage fort!«, rief ein Mädchen dazwischen.

Die anderen lachten.

Die Lehrerin mischte sich nicht ein. Da es sich um die Abschlussklasse handelte, wollte sie recht großzügig sein.

»In Ordnung, ich überlasse es also Ihnen, wohin wir fahren. Ihr müsst mir nur rechtzeitig Bescheid geben. Schließlich muss ich auch freigestellt werden.«

»Von Ihrem Mann?«

Sie lachte gutmütig.

»Nein, von der Schule.«

»Natürlich werden wir Sie nicht vergessen.«

Und so hatten sie schon fünf Monate vorher damit angefangen, für die Fahrt zu sparen. Der Zeitpunkt rückte immer näher, und die Vorfreude wuchs mit jedem Tag.

Nur ein Mädchen in der Klasse schien die Fahrt nicht zu interessieren. Aber bei der allgemeinen Hektik fiel das niemand auf. Sie waren so sehr beschäftigt. Und überhaupt, Claudia war ja immer recht still. Und weil sie auch nie eine eigene Meinung äußerte, wurde sie oft einfach übergangen. Nur Renate, ihre Freundin, achtete darauf, dass man sie nicht ganz vergaß. Aber auch Renate konnte keine Wunder bewirken. Hin und wieder regte sie sich sogar darüber auf, dass Claudia nichts tat. Gar nichts. Und wenn man eine Feier veranstaltete, mit jungen Männern wohlverstanden, wer kam garantiert nicht? Claudia! Eine Fete? Wer kam nicht, Claudia! Manchmal war sie wirklich zum Auswachsen langweilig, und Renate brauchte sehr viel Geduld, um nicht wütend zu werden. Und bloß, weil sie sich durch die Eltern so gut kannten, hatte sie ihr die Freundschaft noch nicht gekündigt. Schließlich waren sie ja auch Nachbarn.

Heute war mal wieder der Teufel los. Sie hatten große Pause, und sie hatten beschlossen, heute sollte sich endlich entscheiden, wohin sie fahren wollten.

Und dann fiel das Wort!

Paris!

Vier Tage Paris!

Es gab in den Zeitungen tolle Angebote. Das konnte sich jede leisten. Und wenn nicht, dann würden die Eltern ganz gern beisteuern. Schließlich ging man ja anschließend ins Leben hinaus. Sie wollten sich noch einmal austoben.

Paris!

Die Augen der jungen Leute begannen zu glänzen.

»Meine Güte, das hat noch keine Klasse vor uns geschafft. Kinder, das machen wir! Das wird ganz groß aufgezogen.«

Als sie es wenig später der Klassenlehrerin sagten, lachte diese nur und meinte vergnügt: »Nun, das hört sich recht gut an.«

Paris, wir kommen!

Der Schlachtruf hallte von den Wänden wider!

Als sie mittags zusammen heimgingen, fragte Renate die Freundin: »Wofür warst du denn? Paris oder Hamburg oder Berlin?«

Claudia zuckte die Schultern.

»Für gar nichts!«

Renate blieb stehen und blickte sie sprachlos an.

»Du, das soll doch wohl ein Witz sein, wie?«

»Nein«, entgegnete sie mit herber Stimme.

Renate antwortete: »Sag mal, du hast nicht zufällig Fieber?«

»Nein!«

»Warum bist du nur so transusig?«

»Ganz einfach, weil ich nicht mitkomme!«

Renate blieb stehen.

»Sag das noch mal!«

»Warum?«

»Weil ich wissen will, ob ich mich auch nicht verhört habe!«

»Ich werde nicht mitkommen!« Fest und bestimmt kam es von den Lippen des jungen Mädchens. Renate konnte und wollte es noch immer nicht glauben.

»Paris, die letzte Klassenfahrt, Mensch, Claudia, bist du vom Affen gebissen?«

»Es ist doch keine Pflicht, oder?«

»Du willst also wirklich nicht?«

»Nein!«

»Sag mal ...« Renate ging zögernd weiter. Sie dachte fieberhaft nach.

»Erlauben deine Eltern es nicht?« Claudia gab keine Antwort. »Ich kann einfach nicht glauben, dass deine Eltern etwas dagegen haben. Das kannst du mir nicht einreden, Claudia. Nein, das nicht.«

»Sag ich ja auch nicht. Aber ich komme trotzdem nicht mit!« Wenn Claudia so sprach, dann war ihr Entschluss endgültig, dann konnte man bei ihr nichts mehr erreichen. Renate begriff zum ersten Mal in ihrem jungen Leben, dass Claudia litt. Sie litt, aber Renate wusste nicht, warum. Doch sie wusste, Claudia würde es ihr nicht sagen.

»Das wäre sehr schade, wenn du nicht mitkämst«, meinte sie leise. »Dann würde es mir auch keinen Spaß mehr machen. Schau mal, wir haben doch noch vier Wochen Zeit. Da kann noch viel passieren!«

»Auch in vier Wochen wird sich nichts ändern. Ich werde meine Meinung überhaupt nicht ändern. Damit du es weißt. Und jetzt lass mich endlich in Ruhe!« Schluchzend lief das junge Mädchen davon.

Renate blieb verdattert stehen. Sie verstand es einfach nicht. Eben war sie noch so toll vor Freude gewesen. Und jetzt war alles anders.

»Nun«, murmelte sie wütend vor sich hin, »so einfach lasse ich mich diesmal nicht abspeisen. Nein, jetzt nicht. Jetzt will ich endlich den Grund wissen. Du regst dich also auf, Claudia, dass du nicht mitkommst, also heißt das, dass du recht gerne mitkommen möchtest. Na, ich werde es herausfinden. Und das sage ich dir, wenn es eine Kleinigkeit ist, dann wirst du die Klasse noch kennenlernen. Ich werde dann alle mobilisieren.«

Sie ging heim und dachte über die Freundin nach, so gründlich, dass selbst ihre Mutter erstaunt war. Als Renate aber mit ihr über Claudia sprach, wusste sie auch keine Erklärung für das merkwürdige Verhalten zu geben.

»Sie ist anders, sicher, sie kleidet sich altmodischer und macht vieles nicht mit, das weiß ich. Aber dass sie jetzt nicht mal die schöne Reise mitmachen will? Nein, das verstehe ich auch nicht.«

»Ich werde es herausfinden. Und ich habe das dumme Gefühl, dass ich das sehr schnell herausfinden muss.«

»Meinst du, dass du dann mit ihr weiterkommst?«

»Mutti, das ist doch nicht mehr normal. Im Sommer kommt sie nie mit zum Schwimmen. Immer trägt sie blöde Blusen. Und dann die Schaltücher. Mensch, die tragen wir nur im Winter oder auf einer Party. Aber doch nicht ständig. Seit zwei Jahren ist Claudia richtig tuntig geworden.«

»Das meine ich ja eben!«

»Sie ist meine Freundin. Sie kann sich ’ne Menge Marotten leisten, aber eines weiß ich jetzt ganz genau, sie findet es furchtbar, dass sie nicht mitfährt.«

»Aber dann verstehe ich das Ganze auch nicht.«

»Siehst du!«

»Und wie willst du ihr helfen?«

»Ich glaube, sie braucht einen kleinen Schock.«

Renate lachte vergnügt.

»Du wirst sehen, ich krieg sie schon herum.«

»Dann viel Vergnügen.«

»Ich werde jetzt nicht mehr lockerlassen.«

Und das tat sie auch nicht.

Claudia war jetzt noch ablehnender. Also, sagte sich die Freundin, müssen wir das Pferd von hinten aufzäumen. Und so, dass das Pferd es noch nicht mal bemerkt.

 

 

2

»Frau Conzen, kann ich Sie mal sprechen?«

Die Nachbarin blickte hoch.

»Claudia ist nicht da, Renate.«

»Das weiß ich. Deswegen bin ich doch gekommen!«

»So?«

»Hat Claudia Ihnen schon von der Klassenfahrt nach Paris erzählt?«

»Nein«, sagte die Nachbarin überrascht.

»Da schau her, ich hab doch gewusst, dass Sie Ihnen nichts sagen wird. Sie will nämlich nicht mitfahren.«

Frau Conzen, die auf der Terrasse stand und bügelte, hielt in ihrer Arbeit inne.

»Ja, das kann ich mir schon denken, von Claudia.« Sie sagte es traurig.

Renate blickte sie verdutzt an.

»Also wissen Sie darum?«

»Ich muss es doch schließlich wissen, ich bin doch ihre Mutter.«

»Die ganze Klasse zerbricht sich den Kopf und will es einfach nicht zulassen, dass sie daheimbleibt.«

»Ach!«

»Frau Conzen, deswegen bin ich doch zu Ihnen gekommen. Weswegen will Claudia nicht mit?«

»So hat sie nichts erzählt?«

»Seit ziemlich langer Zeit erzählt sie mir fast nichts mehr, und sie ist so verändert. Den ganzen Sommer über. Sie wissen doch, wie oft ich sie vergebens bat, mit zum Schwimmen zu kommen.«

»Sie hat einen Grund!«

»Warum wollen Sie ihn mir nicht sagen?«

»Nun, ich glaube, Claudia wird dann sehr böse auf mich sein. Obgleich ...«

»Frau Conzen, so können wir ihr doch nicht helfen, und ich möchte meiner Freundin helfen. Bitte!«

»Nun, ich bin ja auch der Ansicht, dass durch ihr Verhalten alles nur noch schlimmer wird. Ich habe ihr oft gesagt, sie solle sich damit abfinden. Aber sie ist so verstört.«

»Womit soll sie sich abfinden?«

»Ach, Renate, es ist wirklich nicht leicht. Sie hat eine schreckliche Akne!«

Renate starrte die Nachbarin verdutzt an.

»Die paar Pickel im Gesicht?«

»Ach, Renate, wenn es das nur wäre. Erstens sind es viel mehr, aber sie bedeckt sie mit Puder, was noch alles verschlimmert. Aber ich kann sie ja verstehen. Doch es ist nicht nur das Gesicht betroffen, sondern die Arme, Beine, der ganze Körper. Seit sie in der Pubertät ist, sieht sie wie ein Streuselkuchen aus.«

»Oh«, sagte Renate betroffen, »das habe ich nicht gewusst. Wirklich nicht.«

»Deswegen geht sie nicht mit zum Schwimmen, auf keine Party. Und sie wird auch deswegen nicht mit nach Paris kommen. Denn wenn man so eng zusammenlebt wie auf einer Klassenfahrt, dann sieht man es doch. Sie kann es dann nicht mehr verbergen. Und sie könnte es bestimmt nicht ertragen, dass ihr das seht.«

Die Freundin hatte mit allen möglichen Problemen gerechnet, Ausreden, aber nicht mit so einem schwerwiegenden Geschütz.

»Und dann kann man wirklich nichts machen?«

»Wir sind schon bei mehreren Hautärzten gewesen. Sie verschreiben Medikamente, aber es hilft einfach nichts.«

Renate grübelte nach.

»Aber man kann sie doch damit nicht allein lassen! Das geht doch nicht! Wenn sie immer einsamer wird, dann kriegt sie womöglich noch Depressionen.«

»Das ist ja auch die Befürchtung meines Mannes, und ich denke auch so. Aber es ist nun mal so. Die Ärzte sagen, vielleicht wächst es sich mit den Jahren aus, oder wenn sie schwanger wird.«

Renate lachte wütend auf.

»Also, das ist ja ein entzückender Trost. Haben Sie denn auch gesagt, wie man zu einem Kind kommt, wenn man wie ein Streuselkuchen aussieht? Mein Gott, die Pubertät ist ja schon blöde, ehrlich, ich bin ja so froh, dass ich es fast überstanden habe. Aber dann auch noch eine solche Akne! Also, die Ärzte machen es sich wirklich leicht.«

Frau Conzen meinte ruhig: »Aber wenn sie doch nichts tun können!«

Renate sprang auf.

»Das ist halt keine große Sache. Daran können sie sich keine goldene Nase verdienen, also forschen sie auch nicht weiter.«

»Ich kann ja verstehen, dass Sie verbittert sind. Claudia ist es noch mehr.«

Renate lächelte schwach.

»Aber es war gut, dass Sie es mir gesagt haben. So weiß ich, woran ich bin, und werde mein Möglichstes tun.«

»Ich wäre wirklich sehr froh, wenn es klappen würde.«

»Ich werde einfach nicht lockerlassen«, meinte Renate munter.

In diesem Augenblick ahnte sie noch nicht, wie schwer es sein würde, die Freundin zu einem erneuten Heilungsversuch zu überreden. Claudia hatte schon zu viele Enttäuschungen erlebt.

 

 

3

Am nächsten Morgen auf dem Schulweg fiel sie sogleich mit der Tür ins Haus. Das hätte sie nicht tun sollen. Claudia geriet außer sich. Am liebsten wäre sie zurückgelaufen und hätte ihre Mutter ausgeschimpft.

»Davon gehen die Pickel auch nicht weg«, schrie Renate sie an. »Da muss ganz was anderes passieren.«

»Pickel?«, rief Claudia bitter und streifte ihre Ärmel hoch. »Sieh dir das mal an, so sehe ich überall aus!«

Renate erschrak. Claudias Haut bot tatsächlich einen sehr schlimmen Anblick.

»Mein Gott!«, stieß Renate hervor.

Claudia schluchzte.

»Meinst du, ich zeige mich so den andern? Und den Jungen? Ich will ihre Blicke nicht sehen. Es ist ja schon schrecklich, wenn ich jeden Tag in den Spiegel sehen muss.« Jetzt rollten Tränen über das Gesicht und verwischten auch noch die mühsam aufgetragene Schminke. Renate sagte es ihr.

Da war Claudia noch verstörter.

Renate war tief betroffen.

Claudia hatte ein echtes Problem, und sie alle hatten es die ganze Zeit nicht gewusst und sie für zickig gehalten.

»Warum hast du es mir nicht schon früher gesagt?«

»Hättest du es an meiner Stelle getan?«

Renate war ehrlich genug, es zu verneinen. Wenn sie so aussähe, hätte sie sich bestimmt auch verkrochen. Um so etwas einzugestehen, besaßen sie als junge Mädchen nicht genug Rückgrat.

»Aber es muss etwas geschehen!«, flüsterte Renate. Sie schaute an Claudia vorbei, denn sie konnte den Anblick ihrer bloßen Arme kaum ertragen.

»Was soll ich denn machen? Ich habe doch schon alles versucht. Es wirkt einfach nichts«, sagte sie müde. »Ich muss damit leben.«

»Aber es muss doch etwas dagegen geben!«

»Nein, fang nicht an, mich damit zu löchern! Du weißt ja nicht, was ich schon alles ausprobiert habe, von einer Diät über Bäder und Tinkturen. Mein Gott, ich habe, glaube ich, eine ganze Apotheke durchgeprüft. Nichts, verstehst du, nichts hilft!«

Renate ging neben ihr her. Sie war völlig ratlos. In ihrem jungen Leben gab es das Wort noch nicht, nichts! Es durfte einfach nicht wahr sein! Gewiss gab es ein Mittel, das Claudia helfen würde, sie hatte es nur noch nicht gefunden.

»Und die Sachen, die sie im Fernsehen anpreisen?«

Claudia lächelte müde.

»Davon wird es nur schlimmer.«

»Aber deine Mutter sagt, von dem Puder auch!«

»Weiß ich, aber was soll ich denn tun? Ich will doch nicht so herumlaufen.«

»Das verstehe ich!«

»Komm, wir müssen uns beeilen! Erzähl es den anderen nicht weiter!«

»Du kannst dich auf mich verlassen, ich werde es nicht weitererzählen.«

»Danke!«

»Claudia, das ist doch selbstverständlich. Ich bin doch deine Freundin. Aber trotzdem müssen wir uns etwas überlegen. Man wird doch nur einmal im Leben aus der Schule entlassen.«

»Ich habe mich damit abgefunden.«

 

 

4

Claudia mag sich vielleicht damit abfinden, dachte Renate ärgerlich. Aber ich gebe nicht so schnell auf. Ich kann es einfach nicht fassen. Man muss ihr doch helfen. Mein Gott, sie wird doch noch daran zerbrechen. Ich spüre es doch ganz deutlich.

Sie war so sehr in Gedanken versunken, dass sie gar nicht bemerkte, wie ihre Mutter sie beobachtete.

»Was gibt es? Was ist denn los? Du gibst mir ja gar keine Antwort, wenn ich dich was frage. Ich möchte bloß mal gerne wissen, wo deine Gedanken im Augenblick sind.«

Renate lächelte kläglich.

»Ach Mutti, ich habe wirklich ein schweres Problem zu lösen.«

»So? Kann ich dir vielleicht dabei helfen?«

»Das Problem heißt Claudia.«

»Nun, ich denke, ihr seid nicht mehr so eng befreundet, Renate. Sie kommt ja auch kaum noch.«

»Das ist es ja eben. Ich war zu dumm, verstehst du! Ich habe einfach nicht darüber nachgedacht.«

Die Mutter war erstaunt. Renate blickte sie kummervoll an.

»Was ich dir jetzt sage, darfst du aber nicht weitererzählen, Mutti, ich habe es auch versprechen müssen.«

»Nun, du kannst dich auf mich verlassen.«

Da berichtete Renate von Claudias Sorgen. Die Mutter war erschüttert.

»Das arme Mädchen. Ich kann ihr gut nachfühlen, dass sie darunter leidet. Damals, als ich jung war, gab es auch so einen Fall in meiner Klasse. Wir haben das Mädchen alle sehr bedauert.«

»Und was ist aus ihr geworden?«

»Das kann ich dir leider nicht sagen. Wir sind ja später fortgezogen.«

»Schade, vielleicht hätte es Claudia geholfen, wenn sie wüsste, dass es später wirklich fortgeht.«

»Hat der Arzt das gesagt?«

»Ja!«

Die Mutter dachte nach.

»Nun, ich kann mir kein Urteil erlauben. Aber ich kann einfach nicht begreifen, dass man auch jetzt noch kein Mittel dagegen hat. Auf anderen Gebieten macht die Forschung erstaunliche Fortschritte, zum Beispiel bei Experimenten im Weltraum. Doch die Krankheiten hier auf der Erde bleiben. Ja, manchmal habe ich sogar noch das Gefühl, dass sie sich mit den Jahren verstärken.«

Renate war erschrocken.

»Wie meinst du das, Mutti?«

»Nun, denk mal an all die vielen chronischen Kranken. Und dann die, die durch die Nebenwirkungen von Medikamenten andere Krankheiten bekommen haben. Deswegen will ich ja nicht, dass du gegen jedes bisschen Schmerztabletten nimmst. Es ist Gift darin enthalten. Und etwas macht es immer aus.«

»Weißt du, bis jetzt habe ich über solche Sachen noch gar nicht richtig nachgedacht.«

»Das ist ja eben das Furchtbare. Man lebt nur einfach so dahin und überlässt den anderen Menschen das Denken, und die werden reich daran.«

»Was?«

»Wir sind doch schon so weit, dass wir glauben, wir erhalten die Gesundheit aus der Apotheke. Ein Gang zum Arzt, ein Rezept, hübsche Pillen, und wenn man die nimmt, dann ist man auch nach kurzer Zeit wieder gesund. Wir denken nicht mehr nach. Und das ist schlimm! Wir werden langsam vergiftet und glauben es noch immer nicht. Wir wollen es einfach nicht wahrhaben. Es ist doch so bequem, so billig dazu, und manchmal ist es doch auch sehr interessant, nicht? Ach Kind, vieles liegt im Argen.«

Für das junge Mädchen waren diese Worte hart. Renate verstand sie nur zum Teil. Sie war plötzlich damit konfrontiert worden. Was die Mutter ihr da erzählte, mochte ja auch alles stimmen. Doch für sie war doch nur Claudia wichtig. Und sie hatte den tiefen Wunsch, ihr zu helfen.

»Du nimmst doch gegen vieles Tee. Kannst du ihr denn nicht helfen?«

»Das würde ich ja gern, Renate. Aber so bewandert bin ich auch wieder nicht.«

»Warum nicht?«

»Das habe ich dir doch gerade erklärt. Meine Mutter und meine Großmutter hatten noch viele Hausrezepte und hatten recht gute Erfolge damit. Es wäre schlimm um uns bestellt gewesen, wenn wir damals im Krieg und danach uns nicht selbst hätten helfen können. Ja, merkwürdig war es schon. Damals lag die Selbstmordrate viel niedriger als heute. Man sollte doch denken, in der schrecklichen Zeit wäre sie höher gewesen. Aber im Gegenteil, da lebte man noch miteinander, nicht jeder für sich.«

»Wie meinst du das?«

»Kind, wie lange hat es denn gedauert, bis du von Claudias Qual erfuhrst?«

»Ja, du hast recht«, sagte Renate betroffen.

»Damals hielt man noch mehr zusammen. Und jetzt sind wir zu stolz und wollen keine Hilfe mehr.«

»Aber das habt ihr doch zu verantworten, Mutti! Ihr! Eure Generation.«

Sie lächelte dünn.

»Ja, wir! Und ich kann dir noch nicht mal sagen, warum es so gekommen ist.«

Renate sagte: »Das Geld hat euch verdorben. Ihr denkt nur immerzu an Geld, an mehr Geld und noch mehr Gewinn. Das hat euch vergiftet.«

»Aber wir hatten doch so viel nachzuholen, Kind, das verstehst du einfach nicht.«

»Eben hast du aber noch gesagt, damals war alles besser, und ihr seid glücklicher gewesen. Damals hätte man sich noch gegenseitig geholfen.«

»Wir haben doch keine Zeit mehr. Vati arbeitet, ich arbeite!«

»Das meine ich ja«, rief Renate. »Geld, und nochmals Geld. Aber kannst du es mitnehmen? Und was ist, wenn ihr mal alt seid? Unterhaltet ihr euch dann mit eurem Bankkonto? In der Schule hat man uns erzählt, dass man schon in der Jugend an das Alter denken muss.«

»Wie? Was sagst du da?«

»Man muss immer an das Alter denken, jeder wird mal so weit sein, dass er nicht mehr gefragt ist, und was dann? Ihr habt nur das Bankkonto und euer Haus! Aber wenn ich mal alt bin, werde ich ganz sicher einen Haufen Freunde haben, und wir werden eine Menge Spaß haben und viel Lustiges erleben.«

Die Mutter lachte.

»Das sagst du jetzt so leicht. Komm du erst mal dahin, dass du arbeiten gehen musst. Dann vergeht dir das Lachen. Du hast doch gesagt, man kann auch anders leben.«

Vielleicht hätten sich Mutter und Tochter noch lange unterhalten, aber die Mutter musste zu ihrem Halbtagsjob, und so war Renate mit ihren Gedanken wieder allein.

In diesem Augenblick ahnte sie aber noch nicht, dass sie bei der Mutter etwas freigesetzt hatte. Auf dem Weg zur Arbeit dachte diese nämlich über die Worte der Tochter nach. Und sie dachte auch daran, wie man früher mit ihr umgesprungen war, als sie ein junges Mädchen gewesen war. Hatte sie da Ideale gehabt? Ganz gewiss, aber die Eltern waren ihr immer über den Mund gefahren.

»Sei still, du bist viel zu jung, du kannst noch gar nicht mitreden.«

Die Mutter erinnerte sich jetzt daran, dass die Erwachsenen das immer zu ihr gesagt hatten, wenn sie eigene Ideen vorgebracht halte. Damit hatten sie die Erwachsenen abgeblockt, und sie hatte es nicht bemerkt. Dazu war sie noch zu jung gewesen. Weiter dachte sie: Renate hat ja wirklich recht. Seit ich so angespannt arbeite, habe ich keine Lust mehr, meine Freunde einzuladen. Das macht ja alles Arbeit. Und wir werden auch nicht mehr spontan besucht. Sie merken also, dass sie uns lästig sind.

Fast erschrocken blieb sie mitten auf der Straße stehen. Renate hatte sie aufgerüttelt. Wenn sie nicht bald etwas dagegen taten, dann würden sie im Alter wirklich sehr einsam sein und sich womöglich noch verzweifelt an die Kinder klammern. Das war ganz verkehrt, denn wenn sie das taten, würden diese vor ihnen flüchten. Sie ging weiter und dachte: Warum muss ich eigentlich so perfekt sein? Warum kann ich nicht mal fünf gerade sein lassen? Warum will ich ständig allen imponieren, mit meinen Kochkünsten, mit dem Backen und dem Haus? Ich will nur Leuten, die ich im Grunde genommen gar nicht mag, imponieren. Verflixt, was habe ich eigentlich davon? Ich hetze mich ab, um alles zu schaffen und bin anschließend fix und fertig. Und warum? Nur damit ein neues Auto in der Garage steht, noch ein schöneres Wohnzimmer mein eigen ist? Dabei habe ich kaum Zeit, um es zu genießen. Und all meine Zipperlein kommen doch davon, dass ich ständig unter Zeitdruck stehe. Mein Gott!

Sie war tief betroffen!

Und sie dachte: Wenn nichts passiert, dann sind wir wirklich lebendig tot!

 

 

5

Immer wenn sie Claudia von zu Hause abholte, hatte sie ein schlechtes Gewissen. Seit drei Tagen wusste sie jetzt das Geheimnis. Hatte sich dadurch etwas geändert?

Es war höchste Zeit!

Mittags kam sie heim. Renate spürte, die Mutter war anders geworden. Aber an das Gespräch dachte sie schon gar nicht mehr.

»Hör mal, ich habe die ganze Zeit an Maria Ansbach gedacht!«

Renate runzelte die Stirn.

»Tante Ansbach?«

»Ja, eine gute Bekannte meiner Mutter. Du erinnerst dich also?«

»Aber sicher!«

»Nun, vielleicht ...«

»Was vielleicht?«

»Ich musste an sie denken, als ich über Claudia nachdachte, Renate.«

»Das verstehe ich nun wirklich nicht.«

»Kannst du auch nicht. Also, pass auf, ich habe dir doch mal erzählt, dass sie einen Arzt zur Untermiete hatte, nicht wahr?«

»Ich denke, sie lebt nicht mehr in ihrem Haus?«

»Tut sie auch nicht. Ich habe sie mal getroffen, vor Wochen. Sie hat mich eingeladen, ja, du weißt, ich habe keine Zeit. Aber das wird sich jetzt alles ändern.«

»Mutti, du kommst vom Thema ab.«

»Ganz und gar nicht. Sie lebt jetzt auf dem Lande.«

»Und?«

»Sie ist mit dem Arzt dorthin gezogen. Er hat in der Klinik, in der er arbeitete, gekündigt, weil er mit den Methoden nicht mehr einverstanden war. Er soll ein begnadeter Arzt sein und jetzt viele Menschen mit Kräutern heilen, Renate.« Sie verstand immer noch nicht. »Nun, bei dem Gedanken an Maria Ansbach fiel mir ein, dass dieser Arzt etwas von Kräutern versteht. Du, die sollen wirklich große Kraft in sich bergen. Man hat die Wirkungsweise noch nicht genau erforscht, aber man kennt die Heilkraft. Nun, ich dachte, dass du mal mit Claudia hinfährst.«

»Zu Tante Ansbach?«

»Zu diesem Arzt!«

»Mutti, Claudia hat doch gesagt, kein Arzt kann helfen. Sie hat schon viele aufgesucht.«

»Hat sie schon einer mit Kräutern behandelt?«

»Nein!«

»Na also, warum wollt ihr es dann nicht versuchen?«

»Du meinst ...«

»Ich würde es ihr vorschlagen. Sozusagen als letzten Versuch.«

»Ich weiß nicht.«

»Ich rufe Maria Ansbach einfach mal an. Dann wissen wir mehr.«

»Aber Mutti!«

»Warte, ich bin gleich wieder zurück.«

Die Mutter hatte sich nämlich vorgenommen, jetzt immer gleich alles zu tun, was sie eigentlich schon immer hatte tun wollen.

Sie bekam Maria Ansbach sofort an den Apparat, und sie erzählte ihr von dem verzweifelten Mädchen.

»Ich kann dir nichts raten, aber ich kann dir versichern, dass Doktor Burgstein bestimmt helfen kann. Er hat schon so viel erreicht. Er ist ein guter Arzt. Bring mir doch das Mädel!«

»Wirklich? Du machst mir Hoffnung?«

»Aber ja!«

»Danke, ich werde gleich mit Renate sprechen.«

Sie stellte verdutzt fest, dass sie sich wohlfühlte, dass kaum Zeit vergangen war und sie glücklich war. Nur weil sie endlich das getan hatte, was ihr Spaß machte. Also konnte man doch alles unter einen Hut bringen? Sie ging in die Küche zurück.

»Du sollst kommen und sie mitbringen.«

»Wirklich?«

»Sie hat mir nicht viel über die Heilmethoden dieses Arztes erzählen können, sie führt ja nur den Haushalt, aber Renate, ich würde es einfach versuchen. Es ist ja nur zwanzig Kilometer von hier entfernt. Mit dem Rad ist es schnell zu erreichen. Ihr könnt bei ihr übernachten, hat Maria mir gesagt. Wenn ihr also am Samstag fahrt und Sonntag zurückkommt, habt ihr noch einen hübschen Ausflug gemacht. Das Wetter ist doch einmalig.«

»Mutti, du sprichst so zuversichtlich.«

Sie lächelte.

»Es ist wirklich merkwürdig, seit ich mit Maria Ansbach gesprochen habe, glaube ich an Claudias Heilung.«

»Du bist verrückt!«

»Nein, man muss einfach an eine Sache glauben, dann geht sie auch in Erfüllung. Man muss ganz fest daran glauben. Das habe ich neulich mal gelesen. >Die Macht Ihres Unterbewusstseins<, ja, so hieß der Buchtitel, und darüber schrieben sie ausführlich. Alles, was man sich intensiv wünscht, also woran man pausenlos denkt, das trifft dann auch wirklich ein.«

Renate lachte.

»Also, wenn das so einfach ist, dann will ich mir mal wünschen, in der nächsten Arbeit eine Eins zu schreiben.«

»Wenn du es pausenlos wünschst, warum sollte es dann nicht der Fall sein? Du denkst dann so intensiv daran, dass, wenn ihr die Arbeit schreibt, du einfach alles weißt.«

»Das wäre schön.«

»Versuch es doch mal!«

Renate lachte.

»Es kostet ja nichts, also will ich es wirklich mal versuchen.«

»Wirst du mit Claudia reden?«

»Es ist immer besser, als die Hände in den Schoß zu legen.«

»Eben!«

»Dann geh doch gleich rüber und rede mit ihr!«

»Mutti, du bist ja so spontan geworden!«

»Weißt du, ich habe mir vorgenommen, jetzt immer alles gleich zu tun, dann geht es leichter von der Hand, und man ist freier im Denken, weil man es schon getan hat und es nicht mehr vor sich her schiebt.«

»Donnerwetter, das war aber ein kluger Satz«, lachte die Tochter.

»Tja«, sagte sie verschmitzt, »du wirst dich noch wundern, mein Kind! Noch gehöre ich nicht zum alten Eisen!«

Renate hatte das Gefühl, als wäre ihr ein Stein vom Herzen gefallen.

»Es ist einfach toll. Ich renne gleich los. Claudia wird sich bestimmt freuen.«

Umso sprachloser war sie wenig später, als sie merkte, dass die Freundin kaum eine Reaktion auf diese Nachricht zeigte. Renate schüttelte den Kopf.

»Also jetzt verstehe ich dich wirklich nicht mehr«, rief sie wütend. »Ich denke, es regt dich schrecklich auf? Du lebst schon fast wie eine Nonne. Und jetzt? Was sagst du mir? Nein, ich will nicht. Wirklich, Claudia, du machst es einem verdammt schwer.«

Die Freundin lächelte mühsam.

»Kannst du das denn nicht verstehen?«, sagte sie leise. »Ich bin einfach fertig. Fix und fertig. Ich habe mich damit abgefunden, dass man mir nicht helfen kann. Mein Gott, Renate, wenn du schon von so vielen Ärzte dasselbe Urteil gehört hast, dann reißt dich nichts, gar nichts mehr hoch, glaub mir. Bitte, löchere mich nicht mehr so. Für dich ist es vielleicht ein Spaß ...«

»Spaß?« Renate schnappte nach Luft. »Jetzt gehst du aber wirklich ein wenig zu weit. Ich zerbreche mir den Kopf, dass er fast raucht, und du nennst es einen Spaß! Wirklich, ich glaube, du willst gar nicht mehr gesund werden.«

Natürlich hörte Frau Conzen das Gespräch auf der Terrasse, aber sie war klug genug, sich nicht einzumischen. Sie kannte die Verletzlichkeit ihres Kindes. Und dann hatte Claudia ja auch recht. Bei wie vielen Ärzten hatten sie sich Hoffnung gemacht!

Renate gab aber nicht so leicht auf. Wenn sie sich mal etwas in den Kopf gesetzt hatte, führte sie es durch.

»Claudia, ich bitte dich inständig, lass uns wenigstens hinfahren. Die Tante hat uns Hoffnung gemacht, dass du geheilt werden kannst«

»Ich denke, es ist ein Arzt?«

»Ja, aber wie mir scheint, soll es ein ganz besonderer Arzt sein, Claudia.«

»So? Er wird wie alle andern sein und nur das Geld einstreichen und bedauernd die Schultern zucken.«

»Nein, nein, so soll er wirklich nicht sein. Denn wenn er das wäre, dann hätte er doch den guten Posten in der Privatklinik behalten, nicht?«

Claudia horchte auf.

»Vielleicht hat man ihn gefeuert, weil er schlecht war?«

»Das lass nur Tante Ansbach nicht hören! Sie betet ihn förmlich an, sagt Mutti. Die ist ganz hingerissen und nennt ihn einen begnadeten Arzt.«

Claudia lachte auf.

Details

Seiten
104
Jahr
2021
ISBN (eBook)
9783738949599
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2021 (Februar)
Schlagworte
mädchen
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Titel: Ein Mädchen verzweifelt