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Die Hölle von El Carrizo

2021 115 Seiten

Zusammenfassung

In der mexikanischen Stadt El Carrizo ist die Hölle los, seit der diktatorische Gouverneur Esteban Cuchillo herrscht. Seine Soldaten durchkämmen das Land nach Rebellen und aufrührerischen Bauern.
Als Bullhead-Rancher John Corcoran, der Zuchtstiere gekauft hat, sein Vormann Chet McCoy und zwei Cowboys auf einem verlassenen Rancho übernachten, werden sie von einer Patrouille überrascht. Ihnen wird vorgeworfen, mit Rebellen gemeinsame Sache gemacht zu haben und an der Entführung der Gouverneurstochter beteiligt zu sein. Auf sie wartet der Henker von El Carrizo …

Leseprobe

Table of Contents

Die Hölle von El Carrizo

Copyright

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Die Hölle von El Carrizo

Western von Heinz Squarra

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 115 Taschenbuchseiten.

 

In der mexikanischen Stadt El Carrizo ist die Hölle los, seit der diktatorische Gouverneur Esteban Cuchillo herrscht. Seine Soldaten durchkämmen das Land nach Rebellen und aufrührerischen Bauern.

Als Bullhead-Rancher John Corcoran, der Zuchtstiere gekauft hat, sein Vormann Chet McCoy und zwei Cowboys auf einem verlassenen Rancho übernachten, werden sie von einer Patrouille überrascht. Ihnen wird vorgeworfen, mit Rebellen gemeinsame Sache gemacht zu haben und an der Entführung der Gouverneurstochter beteiligt zu sein. Auf sie wartet der Henker von El Carrizo …

 

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

Alfred Bekker

© Roman by Author

© Cover Firuz Askin

© dieser Ausgabe 2021 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

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1

Sie kamen von Süden herauf: John Corcoran, der Boss der Bullhead-Ranch, Chet McCoy, sein Vormann, Rizzos, der Ranchschmied und Dwarf, der kleine, drahtige Cowboy.

Corcoran und Chet McCoy ritten voraus und führten die beiden stämmigen Zuchtstiere an Longen. Rizzos und Dwarf ritten mit ausgerollten Peitschen hinterher und trieben die Bullen an, wenn sie gar zu träge wurden. Die Longen waren an den Nasenringen der Stiere befestigt und spannten sich gelegentlich. Die Tiere gaben dann Laute von sich, die an das Grunzen von Schweinen erinnerten.

»Lauft doch, ihr blöden Viecher!«, schimpfte Dwarf und ließ die Peitsche knallen. »Mann, sind die dämlich!«

Bis zu den in Dunst gehüllten Hängen der Sierra Puerto Frio dehnte sich vegetationsarmes Sandland, die trostlose Ebene Chihuahuas im nördlichen Mexiko.

Halb versteckt zwischen staubigen Saguaro-Kakteen tauchte in der kleinen Mulde vor den Reitern ein weiß leuchtendes Anwesen auf, das auf den ersten Blick einen verlassenen Eindruck erweckte. Der Corral war leer, die Türen der beiden kleinen Katen standen offen, die Büffelhäute hingen halb heruntergerissen an den kleinen Fenstern und die Bank vor der einen Hütte war umgeworfen.

»Die Campesinos in dieser Gegend müssen aufgegeben haben«, murmelte Chet McCoy, der seinem Boss das dunkle Gesicht zuwandte.

»Vielleicht haben sie wenigstens eine funktionierende Wasserpumpe für uns zurückgelassen.« John Corcoran nahm den hellen Hut vom Kopf und wischte über das Schweißband. Er trug wie seine Leute ein kariertes Hemd, Levishosen, einen Patronengurt mit Colt 45 im Holster und im Gegensatz zu den anderen eine abgeschabte Lederweste.

Chet beobachtete das Anwesen, um das herum ein paar völlig verdorrte Felder lagen, aus zusammengekniffenen Augen. »Halt!«, stieß er jäh hervor.

»Was ist los?« Corcoran ruckte am Zügel.

»Hinter den Hütten ist der Staub dichter als anderswo, John.«

Die Stiere blieben stehen. Rizzos, ein Kleiderschrank von einem Mann, und sein drahtiger Freund Dwarf ritten an den Bullen vorbei und hielten neben dem Rancher und seinem Vormann, der bald der Schwiegersohn des Bosses sein würde. Denn McCoy und die Rancherstochter waren sich einig.

»Seht ihr das nicht?«, fragte Chet schleppend. »Staub über den Hütten. Der kommt nicht von allein dahin.«

Dwarf zog das Mehrladegewehr aus dem Scabbard.

»Du meinst, es versteckt sich jemand vor uns?«, fragte Corcoran.

»Sieht jedenfalls ganz so aus.«

»Dwarf, steck die Flinte weg!«, befahl Corcoran schroff. »Wir sind Fremde in diesem Land und sollten so wenig kriegerisch wie möglich aussehen.«

Murrend schob der kleine Cowboy das Gewehr in den Sattelschuh zurück. »Und wenn es Bandoleros sind, die uns die Stiere abnehmen wollen? Die wissen auch, dass zwei solche Prachtexemplare ein Heidengeld wert sind, Boss!«

Bei den scheinbar verlassenen Hütten bewegte sich nichts. Nur die Staubschwaden über den Katen blieben in der dunstigen, flimmernden Luft stehen.

»Wollen wir uns hier verewigen?«, knurrte Rizzos schließlich. »Schlagen wir doch einfach einen Bogen. Bis zur nächsten Wasserstelle werden wir und die Tiere es schon aushalten.«

Corcoran blieb unentschlossen. »Sag was, Chet!«

»Wenn die was von uns wollen, die dort sicher stecken, dann greifen sie uns so und so an.«

»Wie viele könnten es sein?«, fragte Dwarf.

»Woher sollen wir denn das wissen?«, schimpfte der Rancher. »Zehn Männer und Pferde lassen sich bestimmt hinter den Buden verstecken. Wenn man es ein bisschen geschickt anfasst, bestimmt auch die doppelte Anzahl.«

Chets Hand lag auf dem Revolver. Er bemerkte es erst, als er den warmen Stahl der Griffschalen spürte.

Corcoran stellte sich in den Steigbügeln auf. »Warum versteckt ihr euch, zur Hölle?«, schrie er laut zu den Hütten hinüber.

Da tauchte eine Gestalt im größeren der beiden armseligen Gebäude auf, bewegte sich durch den Schatten und erreichte die Schwelle, wo sie im grellen Sonnenlicht stehenblieb.

»Ein Offizier der mexikanischen Armee«, sagte Dwarf verblüfft.

Der große, schlanke Capitan trug eine maßgeschneiderte, staubfreie Uniform und zwei blitzende Orden auf der Brust. Schwarzes Haar quoll unter der Schildmütze hervor, die er tief in die Stirn gezogen hatte, so dass seine dunklen Augen kaum zu erkennen waren. In der Hand hielt er ein Gewehr.

Rechts und links und zwischen den Katen tauchten weitere Soldaten auf, alle mit angeschlagenen Gewehren bewaffnet, die auf die vier Weißen zielten.

»Verwünscht«, murmelte Rizzos.

»Was hast du denn?«, fragte der Rancher leise. »Soldaten sind mir tausendmal lieber als Banditen. Wir leben im Frieden mit Mexiko. – Reiten wir weiter.«

Chet trieb sein Pferd an. Die Longe spannte sich. Der Bulle reckte den Kopf und grunzte wieder wie ein Schwein, setzte sich jedoch in Bewegung.

John Corcoran holte auf, und auch Dwarf und Rizzos ritten in gleicher Front mit ihnen. Die Stiere trotteten hinter straff gespannten Leinen. Der von Corcoran geführte Bulle wollte auf einmal nicht weiter und stemmte die Vorderläufe ein. Die straff gespannte Longe riss am Nasenring und verletzte den unwilligen Stier. Der heftige Schmerz ließ ihn brüllen und losstürmen.

Corcoran schaute zurück und ließ die Longe fahren.

Der Stier schlug einen Haken hinter den Reitern, ging mit gesenktem Kopf den Corral an, rannte den Zaum um und stürmte in das leere Geviert hinein. Berstende Bretter wirbelten durch den emporgeschleuderten Staub. Der brüllende Bulle raste durch den Corral, kam aber nach der zweiten Runde wieder zur Ruhe. Der Schmerz schien nachgelassen zu haben. Dichte Staubschwaden zogen über den verwahrlosten Hof.

Der Bulle grunzte wieder.

Mit eingezogenen Köpfen saßen die vier Weißen auf ihren Pferden, heilfroh, dass kein Schuss gefallen war.

»Ich bin John Corcoran.« Der Rancher tippte an seinen Hut und schaute zu dem Offizier hinüber. »Wir sind aus Colorado.«

»Und was treiben Sie hier, Señor?«, fragte der Offizier, dessen Englisch den singenden Tonfall der Texaner hatte.

»Wir haben auf der Hazienda San Malo diese beiden prächtigen Stiere gekauft.«

»Deswegen reiten Sie so weit?« Der Capitan runzelte die Stirn. »Klingt recht unglaubwürdig, Señor!«

Die Soldaten rückten auf beiden Seiten näher heran, die Gewehre immer noch auf die Weißen angeschlagen. Drohende Minen und funkelnde Augen beherrschten die Szene.

»Warum nicht?«, fragte John Corcoran. »Einen Stier kauft man nicht jedes Jahr. Schon gar keine zwei. Und ganz billig ist so ein Tier auch nicht. Die Züchter sind rar, die guten schon regelrecht dünn gesät, mon Capitan.«

Das gewinnende Lächeln des Ranchers machte auf den Offizier keinen Eindruck. Er trat aus der Hütte. »Steigen Sie ab!«

Corcoran warf Chet, seinem Schwiegersohn und Vormann, einen Blick zu.

McCoy nickte, bewegte sich jedoch nicht.

Da saß der Rancher ab und trat vor die Pferde.

»Von der Hazienda San Malo, am Rio de la Malo?«

»Ganz recht, Capitan.«

»Haben Sie eine Quittung?«

»Aber selbstverständlich.« Corcoran griff in die Innentasche der Lederweste, brachte ein Schreiben zum Vorschein und entfaltete es.

Der Capitan nahm es entgegen und studierte es mit gerunzelter Stirn. Er betrachtete die Reiter, die beiden Stiere und wieder das Papier. Dann faltete er es zusammen und gab es zurück. »So gut sind die Stiere von San Malo, dass Sie deswegen fast tausend Meilen weit reiten?«

»Sie sind weltberühmt, Capitan.«

Das große Lob ließ die Miene des Offiziers doch merklich heller werden. Die Bedrohung durch die Soldaten ließ jedoch nicht nach.

Corcoran steckte das Schreiben ein. »Wir hofften, hier Wasser zu finden, Capitan?«

»Sie haben Pech!«, stieß der Offizier beinahe wütend hervor. »Diese verdammten Campesinos lassen nichts zurück, wenn sie ihre Hütten aufgeben. Nichts, was man noch benutzen könnte.«

»Sie meinen, die Pumpe ist kaputt?«

»Zerschlagen. Gusseisen platzt wie Glas, wenn man mit der nötigen Wucht dagegen schlägt.«

»Schade. Na ja, sicher schaffen wir es auch noch bis zur nächsten Wasserstelle. – Warum sind die Campesinos weg?«

»Sie wollten ihre Steuern an Gobernator Don Esteban nicht bezahlen.«

Corcoran blickte über das kümmerliche Anwesen und den vertrockneten Mais auf den Feldern. »Oder sie konnten vielleicht nicht.«

Der Capitan trat einen Schritt auf ihn zu und schlug das Gewehr an der Hüfte an. »Was soll das heißen?« Blitze schossen aus seinen Augen.

Corcoran lief es kalt über den Rücken, obwohl die Hitze drückend war und der Schweiß sein Hemd zwischen den Schulterblättern auf die Haut klebte. »Ich will mich gewiss nicht in die inneren Angelegenheiten Mexikos einmischen, Señor«, erwiderte er gedehnt. »Aber es könnte ja sein, dass die Campesinos keine Einkünfte hatten. Dass sie nichts verkaufen konnten. Der Mais ist auf dem Halm vertrocknet, bevor er reif war. Das sieht man doch auf den Feldern.«

Der Capitan trat etwas zurück und senkte das Gewehr.

Corcoran atmete erleichtert auf. Der Schweiß rann in Strömen über sein Gesicht.

»Hüten Sie besser Ihre Zunge.« Der Offizier blickte nach rechts und links. »Und seien Sie froh, dass meine Leute Sie nicht verstehen.«

Der Rancher blickte auf die Soldaten rechts und links. Um vom Thema abzulenken, fragte er: »Wo können wir nördlich am schnellsten eine Wasserstelle finden?«

»Sie kreuzen die Straße nach El Carrizo. An ihr finden sie einen Rancho, der auch als Poststation benutzt wird.«

»Danke, Capitan. Dürfen wir weiter?«

»Verschwinden Sie!«

Corcoran wandte sich um, wischte über das Gesicht, drängte seinen Hengst zur Seite und stieg auf. »Dwarf, hol den Bullen und gib mir die Longe.«

Der kleine Cowboy ritt in den Corral. »Wir sollten den beiden Kerlen endlich Namen geben, damit man mit ihnen reden kann, Boss. Ich wette, die sind dann viel weniger störrisch.«

Corcoran gab keine Antwort. Dwarf redete auf den Stier ein und spannte langsam die Longe. Das Tier gehorchte diesmal und ließ sich aus dem Corral führen.

Corcoran nahm die Longe. »Dann wollen wir mal.« Er trieb sein Pferd an und ritt auf die Soldaten rechts der größeren Hütte zu.

Chet blieb an der Seite des zukünftigen Schwiegervaters. Die Stiere folgten ihnen. Rizzos und Dwarf blieben zurück.

Die drohende Mauer der Soldaten wich erst in letzter Sekunde. Eine Gewehrmündung streifte über Chets Texasstiefel hinweg und zog einen dunklen Strich in die Staubschicht. Dann waren sie vorbei, ließen die Hütten und schließlich die verdorrten Felder hinter sich.

»Steuereintreiber«, murmelte der Rancher verächtlich. »Was die sich nur einbilden, woher die armen Campesinos das Geld nehmen sollen.«

»Wer weiß, ob sie das interessiert.«

»Kaum.«

Dwarf ließ die Peitsche knallen. »Ich würde den linken Bullen Mister Crazy nennen, Boss.«

Corcoran schaute über die Schulter. »Warum?«

»Weil er so doof ist. Beinahe hätte er sich den Nasenring ausgerissen.«

»In Ordnung, nennen wir ihn Mister Crazy.«

Die Soldaten befanden sich inzwischen wieder hinter den Hütten bei ihren dort stehenden Pferden, saßen auf, verließen das aufgegebene Anwesen in der Wildnis, und ritten nach Westen.

»Jetzt sind wir sie wirklich los«, sagte Rizzos. »War ein ziemlich arroganter Typ, was?«

Corcoran mochte darüber nicht mehr nachdenken und ging nicht darauf ein.

 

 

2

Es dämmerte, als sie den Rancho sehen konnten. Eine drei Yard hohe Lehmmauer umgab das Anwesen wie eine kleine Festung. Flachdächer ragten darüber hinweg. Das größte Haus, eingeschossig wie die anderen, war in die Mauer integriert und besaß auf seiner Außenseite eine dicke Bohlentür, die geschlossen war. Auf den umliegenden Weideplätzen, die kaum Gras aufwiesen, stand kein einziges Rind.

»Sieht genauso verlassen wie die Siedlerstelle aus«, sagte Chet.

»Kein Wunder, wenn schon Soldaten losgeschickt werden, um Pesos zu holen, wo keine sind.«

»Na und, wenn man nichts hat, ist eben nichts zu holen.«

Rizzos ritt neben den Rancher. »Weißt du, was mit denen passiert, die nicht bezahlen können?«

»Nein, woher sollte ich auch.«

»Die landen vielleicht im Gefängnis und ziehen es deswegen vor, zu verschwinden.«

Sie wurden langsamer, weil das große Tor in der hohen Mauer geschlossen war.

Die Radrinnen führten von Südosten kommend in einem sanften Bogen auf das Tor zu und von dort aus im spitzen Winkel wieder nach Nordwesten. Zwischen den beiden Straßenteilen gab es keine Verbindung, was aussagte, dass alle Wagen hier innerhalb der Mauer gehalten haben mussten.

Vor dem Tor hielten sie an.

»Hallo, ist da jemand?«, rief Corcoran.

Nichts rührte sich.

Rizzos ritt weiter und schlug gegen das Tor.

Im Dach der größeren Hütte öffnete sich eine Luke und eine Gestalt stieg ins Freie. Es handelte sich um einen sechs Fuß großen, breitschultrigen Mexikaner. Er trug ein großkariertes Hemd von vorwiegend roter Farbe, grüne, in Schaftstiefeln steckende Hosen, einen riesigen schwarzen Sombrero, an dem funkelnde Kupfermünzen das Conchoband zierten und zwei hellbraune, breite Patronengurte über Kreuz auf der Brust. Zwei schwere Peacemaker Colts steckten in den Holstern über den Hüften am Kreuzgurt.

Dwarf pfiff leise durch die Zähne. »So stellt man sich die Guerillas vor.«

»Hallo!«, rief Corcoran. »Wir sind mit zwei Stieren nach Neu Mexico unterwegs und brauchen Wasser. Wenn es geht, auch eine Nacht Ruhe für uns und die Tiere.«

Der ungefähr sechsundzwanzig Jahre alte Mann trat an den Rand des Flachdaches. »Es sind Gringos. Lass sie herein, Alfredo!«

Im Hof waren Schritte zu hören. Ein Schaben erschallte am Tor, und die beiden Flügel wurden geöffnet.

Vier Männer mit Gewehren in den Händen und wie der eine auf dem Dach mit Kreuzgurten und Revolvern behängt, standen vor den vier Weißen und musterten sie finster.

»Wir sind unterwegs zur Grenze«, erklärte der Rancher. »Konnten den ganzen Tag kein Wasser finden und sind hundemüde.«

Der eine schaute zum Dach hinauf und rief dem großen Mann auf spanisch etwas zu.

»Kommt herein«, sagte der Mann auf dem Dach, wandte sich ab und kletterte in die Luke.

Sie ritten in den großen Innenhof und hielten am leeren Corral.

Das Tor wurde geschlossen und ein Balken in derbe Eisenkrampen gehängt. Aus dem Haus trat der Mann mit dem schwarzen Sombrero, der die anderen um Haupteslänge überragte. Das Gewehr hatte er am Lauf ergriffen und den Kolben lässig über die Schulter geschlenkert.

Corcoran saß ab und band die Longe an den Zaun. Dabei erklärte er, woher sie kamen und wohin sie wollten.

Chet folgte John Corcorans Beispiel und trat dann neben ihn. Rizzos und Dwarf blieben bei den Pferden am Corral, als würden sie Deckung suchen.

»Habt ihr Soldaten gesehen?«

»Ja.«

»Wann?«

»Vor ungefähr fünf Stunden südlich von hier auf einem verlassenen Farmgelände.«

»Wo sind sie hin?«

»Nach Westen.«

Der große Mann atmete tief und erleichtert durch und lächelte flüchtig. Er hatte dunkle Augen und langes schwarzes Haar, machte aber durchaus keinen finsteren, sondern eher einen sympathischen Eindruck. »Sie wollen bei den Campesinos Steuern eintreiben. Aber die armen Leute wissen schon seit Jahren kaum noch, wie sie am Leben bleiben sollen. Wer nicht zahlt, wird zusammengeschlagen und ins Gefängnis im Palast des Gobernators gesperrt.«

»Und wo sind die Leute?«

»Geflohen. Allerdings nicht alle. Ein paar stecken schon im Palastkeller. Und da der Gobernator niemals einen Fehler eingesteht, wird auch keiner je wieder freigelassen.«

Corcoran schaute über den Hof. Die Stalltür stand halb offen. Pferde waren dahinter zu sehen. Sie trugen Sättel, was den Rancher seltsam berührte, sah es doch so aus, als sollten sie jeden Moment einsatzbereit sein.

»Gehört der Rancho Ihnen?«, fragte Chet.

»Ja. Uns allen. Wir sind eine Familie.«

Corcoran blickte von einem zum anderen, konnte aber keine große Ähnlichkeit unter ihnen feststellen.

»Unsere Frauen und Kinder sind auch schon weg. Mit dem Rest unseres Viehs in die Sierra.«

Die Pferde am Corral schnaubten und drängten nach links, wo sich eine leere Tränke befand. Eine Rinne führte vom Brunnen zu ihr.

»Im Brunnen ist Wasser. Bedient euch.«

»Danke, Señor. Mein Name ist Corcoran. John Corcoran. Wenn Sie mal durch das Bluegrass Valley in Colorado kommen, würde ich mich gern revanchieren.«

Der schwarze Mann lächelte. »Ich nehme Sie beim Wort. Man kann ja nie wissen, wohin man noch verschlagen wird.«

Chet ging zum Brunnen. Eine große Holztrommel mit Eisenwinde an der Seite war auf die yardhohe Mauer montiert. Ein Seil hing in den finsteren Schacht hinunter. Er bewegte die Kurbel und rollte das Seil auf die Trommel. Ein Eimer schlug im Schacht dumpf scheppernd gegen die Wand.

»Sie können im Schuppen übernachten«, sagte der schwarze Mexikaner. »Am besten, Sie nehmen die Tiere mit hinein. Während der Nacht wird noch eine Kutsche ankommen, kümmern Sie sich nicht darum.«

»Danke, Señor.«

Chet ergriff den auftauchenden Eimer und goss das kalte, klare Wasser auf die Rinne. Es lief zur Tränke, an der inzwischen die Pferde standen und gierig zu saufen begannen.

Der Vormann ließ den Eimer wieder in den Schacht hinunter und zog ihn abermals herauf.

Corcoran und Rizzos brachten ihre leeren Flaschen.

»Brauchen Sie auch Proviant?«, erkundigte sich der Mexikaner.

»Ein bisschen haben wir noch.«

»Umso besser, wir sind auch knapp damit.«

»Wir würden das Wasser und die Übernachtung gern bezahlen.«

»Ausgeschlossen, Sie haben mich doch bereits nach Colorado eingeladen, Señor Corcoran.«

Der Rancher hatte es auf der Zunge, den Mexikaner nach seinem Namen zu fragen, aber er ließ es. Der Mann schien Gründe zu haben, ihn nicht zu nennen und würde vielleicht doch nur einen falschen sagen.

»Kommt eine Postkutsche?«

»Sagen wir, eine Extrapost des Gobernators.«

»Wir sollten sie zum Teufel schicken«, knurrte einer der Kerle auf spanisch.

Corcoran trank aus seiner vollen Flasche und gab sie Chet. »Warum? Sind wir im Wege?«

Der Mexikaner fluchte und bekam, da er sich ertappt fühlte, einen roten Kopf.

»In den Bergen leben die Leute wie Tiere«, erklärte der Wortführer. »Aber der Gobernator behauptet natürlich, sie wären Guerillas. Seine Soldaten suchen nach ihnen.«

»Was hat das mit uns zu tun, Señor?«

»Eigentlich nichts. Aber es wurde auch schon behauptet, es wären Weiße bei den Campesinos.«

»Stimmt das?«

»Nein.«

Corcoran lächelte. »Sie sind gut informiert, Señor.«

»Spitzel!«, zischte der andere, ein kleiner, fleischiger Bursche von dreißig Jahren, dem der schwarze Schnauzbart das Aussehen eines Seehunds verlieh.

»Wir sind keine Spitzel«, sagte John Corcoran. »Bestimmt nicht. Wir wollen nur übernachten. Morgen früh reiten wir mit dem ersten Sonnenstrahl weiter.«

»Schon gut«, besänftigte der große Mann, zog das Gewehr von der Schulter, stemmte es mit der Kolbenplatte in den Sand und stützte die Hände auf die Mündung. »Nehmt die Tiere mit in den Schuppen und schließt das Tor, dann wird euch niemand bemerken. Es sind wahrscheinlich Soldaten bei der Kutsche. Aber die tränken hier nur die Pferde und reiten weiter.«

 

 

3

Die Pferde standen rechts an der Wand, die Stiere auf der linken Seite. John Corcoran, Rizzos und Chet lagen im Stroh und hatten die Sättel unter den Köpfen.

Dwarf stand an der Vorderwand und spähte durch eine Ritze in den Hof. Am Haus gegenüber brannte eine Sturmlaterne, die spärliches Licht bis zum Stall warf. Die Tür stand nun ganz offen. Einer nach dem anderen führten die Mexikaner ihre Pferde aus dem Stall und in die Hütte.

»He!«, rief Dwarf leise. »Seht euch doch mal das an!«

Rizzos sprang sofort auf und rannte zu seinem Freund. In der Dunkelheit lief er zu weit und knallte mit der Stirn gegen die Bretter. Er schimpfte verdrossen, presste die Hand auf die Stirn und tanzte auf einem Bein.

»Hat es weh getan?«, fragte Dwarf.

»Idiot!«

»Was ist denn los?«, fragte der Rancher, als er mit Chet die Wand erreichte.

Dwarf spähte durch die Ritze. »Die haben ihre gesattelten Pferde ins Haus geführt.«

Einer der Mexikaner kehrte zurück, verschloss den leeren Stall und nahm die brennende Sturmlaterne mit, als er ins Haus zurückging.

»Bist du sicher?«

»Ich kann doch meinen Augen noch trauen, Boss!«, entrüstete sich Dwarf empört.

»Das ist schon seltsam«, räumte Chet ein. »Aber die sehen natürlich eher wie Rebellen aus, denn wie Ranchleute.«

»Vielleicht wäre es besser gewesen, noch ein paar Meilen zu reiten und dann in der Wildnis zu übernachten«, murmelte Corcoran.

»Warum, weil die ihre Gäule ins Haus brachten?«, fragte Rizzos naiv. »Die wollen vielleicht nur, dass die armen Tiere keine Angst in der Dunkelheit des Stalles haben.«

»Haha!«, äffte Dwarf. »Du solltest nicht so oft mit dem Kopf gegen die Wand rennen, es schadet dir.«

»Die Hütte hat eine Tür auf der anderen Seite«, sagte der Rancher versonnen. »Vielleicht schaffen sie die Pferde nach draußen.«

»Und da fällt mir noch was ein, Boss.«

»Was, Dwarf?«

»Einer hatte, glaube ich jedenfalls, zwei Pferde am Zügel.«

»Bist du sicher?«

»Nein. Aber es sah so aus. Er war schon im Haus.«

Corcoran wandte sich um. »Wollen wir verschwinden?«

Im Haus flammte eine Lampe auf, und eine Lichtbahn fiel in den Hof und reichte bis zum Brunnen. Von der Mauer und dem Windenbock wurde ein langer, verzerrter Schatten in den Sand gezeichnet.

Ein Mann tauchte hinter dem Fenster auf.

»Vielleicht hätten die etwas dagegen, wenn wir uns jetzt verdünnisieren«, mutmaßte Rizzos.

»Es ist auch zu spät«, wandte Chet ein.

Corcoran wirbelte herum. »Wieso?«

»Weil ich Hufschlag höre.«

Sie lauschten und hörten noch ferne Geräusche. Obwohl es eher wie ein Raunen in der Nacht klang, wussten sie, dass es trommelnde Hufe waren. Dann folgte das scharfe Geräusch einer Peitsche, das einem Schuss ähnelte.

»Ja, die Kutsche kommt«, murmelte Corcoran.

»Die wollen die Chaise überfallen, was?«, fragte Rizzos.

Dwarf lachte spitz. »Der Anprall muss deiner Birne ernsthaft geschadet haben, Großer.«

»Pass auf, dass ich dich nicht in der Luft zerreiße! – He, Boss, kannst du dem Kleinen nicht mal beibringen …«

»Er hat wahrscheinlich recht«, unterbrach Corcoran den Redefluss des Hünen.

»Mit meinem …«

»Nein, wegen eines Überfalls. Es hört sich an, als wären zehn oder noch mehr Reiter unterwegs. Was sollen fünf Mann gegen die schon ausrichten können.«

»Ach so«, brummte Rizzos kleinlaut.

Dwarf kicherte. »Was den geistigen Horizont angeht, scheint sich der Abstand zwischen uns zu vergrößern, Großer.«

»Dwarf!«, mahnte der Rancher. »Nicht überdrehen, sonst lässt er dich an der ausgestreckten Hand verhungern.«

»Wenn ich tief Luft hole, hängt er mir quer vor der Nase!«, drohte Rizzos.

»Hör doch auf, immer die alten Sprüche!« Dwarf seufzte.

»Schluss jetzt!«, befahl Corcoran schroff.

Deutlicher als vorher schallte das Hufgetrappel in den Schuppen, lauter knallte die Peitsche und Räderrasseln vermischte sich mit den anderen Geräuschen.

Zwei Mexikaner tauchten mit der brennenden Sturmlaterne gegenüber vor der Hütte auf. Sie hatten die kriegerisch anmutenden Patronengurte abgelegt und nicht einmal ihre Gewehre in den Händen. Nun ähnelten sie tatsächlich den armen Campesinos, die Corcoran aus dieser Gegend kannte, erweckten den Eindruck, zu den geschundenen Armen zu gehören, die man treten durfte, ohne Rache befürchten zu müssen.

Die beiden gingen zum Tor und öffneten es. Der eine hielt die Laterne in die Höhe und schwenkte sie, um den Ankömmlingen zu zeigen, wo das Tor war, das sie in der Dunkelheit vielleicht in der weißen Wand nicht sahen.

Zwei Soldaten sprengten noch im Galopp in den Hof und rissen die scheuenden Pferde am Corral scharf zurück.

Eine vierspännige Kutsche und noch acht berittene Soldaten folgten. Zwei Männer in Uniformen saßen auf dem Bock des Gefährts.

Die beiden Ranchobewohner liefen durch die Staubschwaden zum Brunnen, wo alle Soldaten aus den knarrenden Sätteln stiegen.

Ein junger Teniente, keine fünfundzwanzig Jahre alt, mittelgroß und drahtig, stieß den Mann mit der Laterne zur Seite.

»Soll ich Ihnen helfen, Teniente?«, fragte der Mexikaner und dienerte eilfertig.

»Mach dich aus dem Weg, Trottel, ich tränke mein Pferd allein!«, herrschte der junge Offizier den Mexikaner an.

»Entschuldigung, Teniente!« Der Mexikaner dienerte noch, ging rückwärts, lief hinten um die Kutsche herum und zum Haus.

»He, du!«

Der Mexikaner zuckte zusammen, stand einen Moment steif und drehte sich dann um. »Si, Señor?«

»Futter für die Pferde!«

»Si, Señor.« Der Mann mit der Lampe ging zum Stall und öffnete ihn.

»Eine Lampe, verdammt!«, brüllte der Offizier. »Bringt uns eine Lampe, ihr dreckigen Halunken!«

»Der hat ja eine große Klappe!«, staunte Dwarf. »Mann, Mann, wenn sich das bei uns ein Offizier herausnehmen würde, könnte er seine Pension vergessen.«

Ein Ranchobewohner brachte eine brennende Lampe aus dem Haus und stellte sie in den Hof. Er verschwand im Stall und half dem anderen Futter für die Pferde an den Brunnen zu bringen, wo sie es auf die Erde warfen. Sie redeten miteinander, der eine nickte und kehrte ins Haus zurück.

»Also nach Überfall sieht das wirklich nicht aus«, sagte Chet. »Und doch stimmt was nicht.«

Inzwischen schlenderte der zweite Mann wieder hinter der Kutsche herum.

Da wurde der Schlag geöffnet.

Dwarf pfiff durch die Zähne, wofür ihn Rizzos in die Rippen boxte.

»Du sollst doch still sein, Schwachkopf.«

Aus der Kutsche stieg eine junge Frau, die ein braunes Wildlederkostüm mit langen Fransen an Ärmeln und Rocknähten und einen flachen schwarzen Stetsonhut trug. Sie konnte nicht älter als zwanzig sein, war mittelgroß und hatte weit über die Schultern fallende, schwarzblaue Locken. Als sie sich umwandte, waren im Lampenlicht die großen, schwarzen Mandelaugen im ovalen, für eine Mexikanerin ungewöhnlich hellen Gesicht zu erkennen.

»Wie ein Lichtschein in der Finsternis«, murmelte nun auch Rizzos verzückt. »Am liebsten würde ich hinausgehen und die Señorita fragen, ob es ihr nicht zu einsam in der Kutsche ist.«

»Señorita Cuchillo, wir setzen die Reise in wenigen Minuten fort«, versicherte der junge Offizier, der zur Uniform einen sandfarbenen Sombrero trug.

»Ich habe keine Eile, zu meinem Vater zu kommen«, erwiderte das Mädchen.

»Ihr Bräutigam wartet, Señorita.«

»Eben«, sagte das Mädchen. Es schaute sich nach dem wieder dienernden Mexikaner des Ranchos um. »Gibt es hier etwas zu trinken? Einen Schluck kalten Tee vielleicht?«

»Aber selbstverständlich, Señorita. Wenn Sie sich bitte ins Haus bemühen wollen?«

»Warten Sie, Señorita Cuchillo, ich lasse den Tee für Sie holen!«, erbot sich der junge Teniente.

»Nicht nötig, Señor Carras. Ihre Leute haben mit den Pferden schon genug Arbeit. – Zeigen Sie mir den Weg!«

Der abgerissene Mexikaner eilte vor dem schönen Mädchen hinten um die Kutsche und unbeachtet von den in der Tat mit den Tieren beschäftigten Soldaten ins Haus. Das junge Mädchen folgte ihm. Die Tür klappte zu.

Chet rechnete damit, die beiden im nächsten Augenblick hinter dem erleuchteten Fenster links der Tür zu sehen, aber das geschah nicht. Niemand befand sich dort. Sie mussten nun alle fünf mit der Señorita in einem anderem Raum stecken. – Mit den Pferden.

Chet war es, als würde eine Flamme in seinen Kopf schießen. »Boss.«

»Ja, Chet?«

»Die fünf haben jetzt die Frau und die Pferde.«

»Und eine Tür hinten hinaus«, setzte Dwarf hinzu.

»Das ist es!«, stieß Rizzos hervor.

»Aber die wollte doch ins Haus«, sagte Corcoran.

»Lasst die Gäule nicht zu viel saufen, sonst werden sie zu träge!«, schimpfte der Teniente. »Und sie sollen sich nicht voll Hafer stopfen, bis sie platzen!«

»Ein ekelhafter Kerl«, murmelte der Rancher kopfschüttelnd. »Wie so was nur Offizier werden kann.«

»Hier vielleicht schneller als ein vernünftiger Mensch«, entgegnete Chet, der viel weniger an den jungen Offizier als an die seltsamen Ranchobewohner und das hübsche Mädchen dachte, das freiwillig ins Haus ging und, wie er meinte, möglicherweise in eine Falle.

»Das hatten die nicht vorher ausrechnen können, dass dieses Mädchen im Haus was zu trinken haben wollte«, sagte Corcoran, der wohl an das gleiche dachte. »Ausgeschlossen. Genauso gut hätte sie auch einen Soldaten schicken können.«

Hinter dem erleuchteten Fenster war immer noch niemand zu sehen. Und alle Soldaten beschäftigten sich mit ihren Pferden.

»Das ist ja ein dreistes Ding«, sagte Rizzos. »Señorita Cuchillo. Wer könnte das denn sein?«

»Die Tochter des Provinzgouverneurs aus El Carrizo«, erklärte John Corcoran. »Don Esteban Cuchillo, wie der Capitan heute Mittag zu uns sagte.«

»Der hat nur von Don Esteban geredet!«, widersprach Dwarf.

»Stimmt. Aber Esteban Cuchillo gemeint. Soll ein ziemlich übler Patron sein, wie ich unlängst hörte.«

»Und wie man an den verlassenen Hütten deutlich ablesen kann«, setzte Chet hinzu.

Die Zeit verrann. Niemand verließ die Hütte und tauchte hinter dem hellen Fensterrechteck auf.

»Die merken nichts.« Chet kratzte sich im Nacken. »Gibt‘s denn das wirklich?«

Der Kutscher nahm seinen vier Pferden die Futtersäcke ab und räumte die Tränkeimer weg. »Ich schätze, Teniente, wir sollten langsam weiterfahren. Die Gäule werden kalt. Das ist nicht gut.«

Der Offizier tauchte hinter den Pferden auf. »Sättel nachschnallen!«, kommandierte er.

Der Kutscher richtete die Sielen, kontrollierte die Ortscheite, blickte am offenstehenden Schlag vorbei in die Kutsche und kletterte auf den Bock.

Der Offizier winkte einem der Soldaten. »Mein Pferd. Na los, ein bisschen dalli!«

Das Tier wurde gebracht, und der Teniente kletterte in den Sattel. »Wo bleibt sie denn so lange?« Er schaute über die anderen Tiere hinweg zum Haus, sah die geschlossene Tür und das Zimmer hinter dem hellen Fenster. Er duckte sich. »He, Corporal, sehen Sie nach. Sagen Sie der Señorita, wir könnten uns hier nicht verewigen. Na los, Sie lahme Fliege, bewegen Sie sich!«

Der angesprochene Soldat hastete ins Haus. Die Tür pendelte auf und schlug krachend gegen die Wand. Eine zweite Tür schwang auf, dann rief der Soldat: »Teniente, da ist doch gar niemand!«

Die Soldaten starrten zum Haus hinüber, in dem der suchende Soldat weiterging und eine andere Tür öffnete.

»Hier geht es hinten hinaus!«

Der Offizier sprang ab, stieß seine Leute brutal aus dem Weg und erreichte das Haus. Er lief durch den Flur und ein Zimmer und stand wieder im Freien.

Die Soldaten drängten zum größeren Teil hinterher.

»Mir ist vielleicht heiß unter der Haut!«, flüsterte Rizzos. »Als ob ich Fieber hätte!«

»Licht!«, befahl der Offizier.

Eine brennende Laterne wurde durch das Haus getragen.

Im Hof standen noch vier Soldaten, und der Kutscher blieb auf dem Bock.

Hinter dem Gebäude wurde in die Luft geschossen.

Die Pferde wieherten und stiegen empor. Hufe schlugen klirrend gegeneinander. Funken stoben auf und erloschen. Auch im Schuppen reagierten die Tiere nervös, zerrten an den festgebundenen Zügeln, stießen zusammen und schnaubten. Die beiden Bullen meldeten sich viel zu laut.

Der Kutscher schaute herüber. Die Soldaten im Hof wirbelten herum. Gewehre wurden repetiert.

»Da sind sie!«, brüllte einer.

Dann krachten Schüsse. Kugeln trafen pochend die Schuppenwand.

Die Pferde wieherten nun auch und vollführten bockende Sprünge, weil sie die Zügel nicht zu sprengen vermochten.

»Teniente, im Schuppen!«

Die Soldaten schossen sinnlos auf die Wand. Aus dem Haus hasteten ihre Kameraden. In breiter Front walzten sie heran, die Gewehre an den Hüften angeschlagen.

Corcoran und seine Leute gingen rückwärts und konnten nicht mehr sehen, was draußen geschah. Doch nur Sekunden später erreichten die Soldaten das Tor.

»Halt!«, befahl der Offizier. »Öffnen!«

Das Tor bewegte sich langsam nach außen.

»Weiter zurück! – Ihr da drin, kommt heraus!«

»Was sagt er?«, fragte Dwarf.

»Wir sollen in den Hof kommen. Macht keinen Unsinn, hebt die Hände und sagt am besten erst mal gar nichts.« John Corcoran ging auf das Tor zu und hob die Hände über den Kopf. Er geriet in den Lichtschein einer Stalllaterne, wurde geblendet und sah den Halbkreis vor sich nur undeutlich.

Details

Seiten
115
Jahr
2021
ISBN (eBook)
9783738949520
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2021 (Februar)
Schlagworte
hölle carrizo

Autor

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Titel: Die Hölle von El Carrizo