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Wo die Feuer ewig lodern

2021 120 Seiten

Leseprobe

Table of Contents

Wo die Feuer ewig lodern

Copyright

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Wo die Feuer ewig lodern

Circle C-Ranch

Western von Glenn Stirling

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 120 Taschenbuchseiten.

Auf dem Weg nach Benson hören Buster Tom und sein Sohn Jimmy Schüsse. Kurz danach sehen sie Reiter, die es sehr eilig haben. Banditen! Es kommt zum Schusswechsel, bei dem Jimmys Vater angeschossen wird. Aber auch bei den Banditen muss einer dran glauben, gerade der, der die reiche Beute bei sich hat. Diese übergibt Jimmy wieder der Wells-Fargo-Agentur.

Als jedoch die Bewohner von Benson erfahren, wer die Banditen sind, ziehen sie sich feige zurück …

 

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

Alfred Bekker

© Roman by Author

© COVER FIRUZ ASKIN

© dieser Ausgabe 2021 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

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1

Die vier Fremden an der Pferdetränke schienen es nicht eilig zu haben. Sie waren vor einer halben Stunde nach Benson gekommen, auf zottigen, staubbedeckten Gäulen, und hatten bis dahin weder den Saloon noch den Store aufgesucht. Dabei sah man ihnen an, dass sie einen weiten Ritt hinter sich hatten. Sie waren verdreckt und verschwitzt und in ihrer Kleidung haftete der Staub der Wüste, der sich auch in ihren harten, sonnenverbrannten Gesichtern festgefressen hatte.

Aber keiner von ihnen zeigte Lust, im nahen Saloon ein Bier oder einen Whisky zu trinken. Sie löschten ihren Durst mit Wasser aus dem Brunnen. Und sie blickten immer wieder über den Platz hinweg und die breite Straße entlang. Einmal nach Westen, woher sie gekommen waren und wo das Adobehaus des Büchsenmachers stand, und einmal nach Osten. In dieser Richtung befand sich das Office des Marshals. Nicht selten jedoch schauten sie auch zur Station von Wells Fargo hinüber, die in dem Gebäude neben dem Saloon untergebracht war. Die alten Bäume neben dem Ziehbrunnen gaben ihnen dabei Schutz vor der Sonne und deckten sie auch.

„Wenn die Sache gelingt, sind wir auf einen Schlag aus dem Dreck“, sagte halblaut ein stoppelbärtiger Mann, der vor allem wegen seiner wuchtigen Gestalt auffiel. Er war breit wie ein Kleiderschrank und hatte trotz seiner Jugend einen schwarzen Haarpelz auf der Brust, die durch sein geöffnetes Hemd zu sehen war.

„Warum sollte sie nicht gelingen?“, fragte ein zweiter Hüne, der wie der ältere Bruder des anderen aussah. „Die einfachen Sachen sind immer die besten.“

„Wir hätten es aber noch einfacher machen können.“ Der Bursche mit dem offenen Hemd starrte wieder zur Poststation hinüber. „Einfach hinein und ...“

„Und was?“, unterbrach sein Bruder ihn. „Verdammt, siehst du denn nicht die Leute, die dauernd raus- und reingehen? Ich bin nicht wild auf eine Schießerei. Das bringt nur Kummer ein, Stan. Oder hast du vergessen, wie das vor drei Wochen in Florence war?“

„Nein, Joe, natürlich nicht.“

„Na siehst du! Überlass das Denken nur mir!“ Der vierschrötige Joe rieb sich den Schweiß aus dem Nacken, sah forschend zum Haus des Büchsenmachers und wieder auf Stan. „Mehr Sorgen macht es mir, ob der Agent eine volle Kasse hat.“

„Warum sollte sie nicht voll sein? Bei Wells Fargo klingelt es immer in der Kasse. Verlass dich drauf, Joe, es sind bestimmt genug Dollars vorhanden.“

Ein dritter Mann, der um vieles kleiner war als die beiden Brüder, spie den Rest seiner Zigarette aus und rutschte nervös auf der Ummauerung des Brunnens hin und her.

„Unsere mexikanischen Freunde könnten bald fertig sein, wie?“, stieß er heiser über die tabakbraunen Zähne.

„Hmm“, machte Joe und blickte dann abermals zum Haus des Büchsenmachers hin. Dort zeigte sich gerade ein Mexikaner in der Tür, hob kurz die linke Hand, und verschwand wieder im Haus.

„Das war Jingo! Er hat uns das Zeichen gegeben!“, rief Joe. „Gleich wird es soweit sein! — Sind die Wasserschläuche voll?“

„Ja.“ Der kleine, wie ein zerzauster Geier wirkende Mann nickte.

„Gut. Du bleibst bei den Pferden, Moran. Und du, Kammas, kommst mit uns. Alles klar?“

„Alles klar.“

Die Fremden ließen nun kein Auge mehr vom Haus des Waffenschmiedes, dem rückwärts ein Schuppen angebaut war. Sie wussten, was geschehen würde, doch es ließ sie kalt. Nur das Geld in der Wells-Fargo-Station zählte für sie.

Da krachte es schon. Besser gesagt, war es ein ohrenbetäubender Knall. So gewaltig, dass es kaum zu überbieten war. Hinter dem Haus des Büchsenmachers schoss eine grelle Stichflamme zum Himmel empor. Trümmer flogen durch die Luft, Fensterscheiben klirrten, der Boden bebte. Im weiten Umkreis prasselten Mauerteile und geborstene Bretter auf die Straße und die Häuser hernieder, die unter der enormen Druckwelle erzitterten. Dann sah man nur noch undurchdringlichen Staub. Der Widerhall der Explosion rüttelte noch an den Häusern, wurde aber schwächer. Nur das Wiehern der erschrockenen Pferde wollte nicht enden, die wild auskeilten und an den Seilen rissen, mit denen sie an die Bäume gebunden waren.

„Das war es!“, rief Joe und grinste wie ein Teufel. „Seht, wie sie aus ihren Löchern hervorkommen!“

Die Bewohner von Benson stürzten panikartig auf die Straße heraus. Sie schrien durcheinander, gestikulierten dabei und blickten alle zur Büchsenmacherei hinauf, hinter der sie eine schwarze Rauchsäule sahen. Im ziehenden Staub rannten sie drauf zu, stießen in der Aufregung aneinander und stolperten über herumliegende Trümmer.

Marshal Tucker war einer der ersten, der Wells-Fargo-Agent einer der letzten. Fluchend lief der Agent hinter den anderen Leuten her, die ebensowenig wie er den Hufschlag beachteten, der am südlichen Stadtrand aufklang.

„In der Station kann jetzt nur noch ein Clerk sein“, sagte Joe. „Kommt!“

Das vierschrötige Brüderpaar und der Mestize Kammas lösten sich von dem Brunnen und traten unter den Bäumen hervor. Ohne dass ihnen jemand begegnete, überquerten sie den kleinen Platz in der Ortsmitte und erreichten die Agentur von Wells Fargo. An der Tür zogen sie die Halstücher hoch, so dass sie ihre untere Gesichtshälfte bedeckten, dann traten sie mit gezogenen Revolvern durch die offen stehende Tür.

Im Schalterraum befand sich tatsächlich nur ein Clerk. Mit vor Schreck geweiteten Augen starrte er auf die Maskierten und begriff als Erster in dem kleinen Nest, dass die Explosion kein Zufall gewesen war. Blitzschnell fiel ihm der geladene Colt in der Schublade ein. Aber er spielte nur einen Moment mit dem Gedanken, danach zu greifen. Dann wusste er, dass er gegen diese Männer keine Chance haben würde. Nein, die waren bestimmt schneller als er, würden keine Sekunde zögern, ihn über den Haufen zu schießen.

„Aufstehen! Die Hände hinter den Kopf!“, schrie der Anführer der Bande.

Der Schreiber gehorchte wie eine Marionette. Steif wie ein Ladestock kam er hinter dem Kundenpult hoch und verschränkte die Hände im Nacken.

„Und nun rühr' dich nicht!“, befahl der Anführer, blieb vor dem Pult stehen und gab seinem Bruder einen Wink.

Stan schwang sich über die Barriere. Er hielt einen Sack in der Linken, in der Rechten lag sein Colt. Grob stieß er dem Clerk die Mündung in die Seite und riss ohne Zögern die Geldlade auf, in der ein Bündel Scheine und Wechselgeld lagen.

Im Raum war es totenstill. Kammas stand an der Tür und spähte lauernd auf die Straße hinaus.

„Wieviel ist es?“, fragte Joe.

„Nicht viel“, antwortete Stan. „Es muss mehr dasein.“ Eilig warf er die klimpernden Münzen und das Geldbündel in den Sack.

„Im Tresor“, sagte Joe. „Nimm ihn dir vor!“

Der Tresor war rückwärts in die Wand eingebaut. Er besaß eine eiserne Tür und ein starkes Schloss.

„Wo ist der Schlüssel?“, fuhr Stan den Schreiber an.

„Den hat Wyler eingesteckt, der Agent“, würgte der schmächtige, kahlköpfige Mann hervor.

„Was du nicht sagst!“ Wütend stieß Stan dem Clerk den Colt in die Rippen, „Wenn du uns auf den Arm nehmen willst, kannst du was erleben! Wir bringen den Kasten auf — und wenn wir ihn mit deinem Schädel einschlagen müssen! Aber vielleicht hast du doch einen Schlüssel?“

Der Clerk nagte an seiner Lippe. Schweiß brach ihm aus den Poren und lief seinen Hals hinab und in den Hemdkragen. Er wusste, wieviel der Geldschrank enthielt, aber er wusste auch, dass die Banditen die Dollars nicht in die Hand bekommen durften. Aber da hatte Stan bereits Wylers Weste erspäht. Sie hing über dem Stuhl am Schalter nebenan. Ohne den Clerk aus den Augen zu lassen, langte der Bandit hinein und bekam einen Schlüssel zu fassen.

„Da ist er ja!“ Der Hüne lachte grollend.

Aus dem Mund des Schreibers kam ein Seufzen. Ohne sich zu bewegen, starrte er auf Joe, der dicht vor ihm stand, und verwarf zum zweiten Mal die Absicht, seinen Revolver aus dem Schubfach zu holen. Er hörte Stan zum Tresor gehen.

„Er passt!“, rief Stan wenig später. Quietschend schwang die Tür des Geldschrankes auf.

Joe gab ein zufriedenes Lachen von sich. Im nächsten Moment schnellte seine Linke vor, packte den Clerk an der Brust und riss ihn über das Pult. Die Rechte mit dem langläufigen Revolver schwang hoch und sauste nieder, traf mit dem kantigen Lauf den ungeschützten Schädel des wehrlosen Mannes, der augenblicklich das Bewusstsein verlor. Joe ließ ihn los, und der Clerk rutschte über das Pult zurück und riss im Stürzen die offene Geldlade und seinen Stuhl mit sich auf den Boden.

Stan hatte inzwischen schon mehrere Bündel Geld eingesackt. Er griff immer wieder zu — so lange, bis der Sack dick und schwer war und der Tresor nichts mehr enthielt. Dann warf er sich den Sack über die Schulter und sprang mit einem gewaltigen Satz über das Pult.

„Jetzt nichts wie weg!“, keuchte er.

Die Banditen rannten zur Tür, hinaus auf die Straße und über die Plaza, die noch immer menschenleer war. Sie gelangten atemlos zu den Pferden und wollten sie losbinden.

In diesem Augenblick begann jemand kreischend zu schreien.

„Überfall! Ein Überfall!“

Die Maskierten fuhren fluchend herum und sahen einen alten Mann in der Tür eines Adobehauses stehen. Eine Ladung Hackblei fegte ihnen entgegen, streifte Kammas an der Schulter und prasselte gegen die Ummauerung des Brunnens. Die Pferde wieherten schrill und bäumten sich auf. Hemmungslos fluchend schossen die Banditen zurück. Der alte Mann schrie auf, ließ das Gewehr fallen, griff sich an die Brust und torkelte rücklings durch die Tür, hinein in das Haus, wo er über die Schwelle stürzte und liegenblieb.

„Verdammter Mist!“, fluchte Joe. Er packte seinen Braunen am Zügel und wollte die Halfterung lösen. Doch das Pferd gebärdete sich so wild, dass es ihm nicht gleich gelang.

Seine Kumpane hatten dasselbe Problem. Ihre Gäule waren ansonsten zwar schussfest, aber der furchtbare Knall, der bei der Explosion entstanden war, hatte sie so erregt und geängstigt, dass sie durch die paar Schüsse sofort wieder in Raserei geraten waren.

Endlich saßen alle vier in den Sätteln. Sie wollten los, hinaus aus der Stadt. Aber die Pferde spielten immer noch verrückt. Sie tänzelten, drehten sich im Kreis, bäumten sich auf, schlugen mit den Hufen um sich. Wüst fluchend versuchten die Reiter, ihnen ihren Willen aufzuzwingen.

Da krachte abermals ein Schuss. Diesmal straßenaufwärts. Marshal Tucker kam aus dieser Richtung gerannt ...

 

 

2

Buster Tom, der Besitzer der Circle C-Ranch, setzte sich im Sattel steil auf und lauschte dem fürchterlichen Knall, dessen Echo aus Norden heranrollte und an fernen Bergwänden nochmals einen Widerhall fand. Dann sah er über den Kopf seines Hengstes hinweg seinen Sohn Jimmy an, den sein Grauer beinahe abgeworfen hatte.

„Was war das, Junge? Eine Explosion?“

„Sieht ganz so aus. Es muss irgendwo etwas gesprengt worden sein“, antwortete der blondhaarige Jimmy. Er konnte seinen Wallach endlich zügeln und redete beruhigend auf ihn ein.

„Oder es ist ein Unglück passiert“, mutmaßte der Rancher. „Was sollte man in Benson schon sprengen? Die haben doch kein Bergwerk.“

„Du hast recht, Dad. Aber es hat trotzdem geknallt. Und es muss mitten in Benson gewesen sein. Komisch, was?“

„Wir werden bald wissen, was los ist“, meinte Tom Copper und trieb sein Pferd wieder an.

Sie ritten weiter, die Poststraße entlang, die sie von Tombstone heraufgekommen waren. Sie führte zwischen vertrockneten Hügeln hindurch und machte bald eine Biegung nach Westen. Damit wurde die Sicht auf Benson frei.

Die Coppers zügelten abermals ihre Pferde und starrten verblüfft auf die Rauchsäule, die zwischen den Häusern emporkroch und direkt vor dem Feuerball der Sonne stand, der glühendrot am Horizont des Wüstenlandes lag.

„Also doch ein Unglück“, brummte Buster Tom. „Die können froh sein, dass sie in dem Kaff keine Holzhäuser haben. Sie fänden sonst nicht einmal mehr Zeit, um ihre Sachen zu packen.“

Jimmy nickte und sah mit schmalen Augen auf die drei Reiter, die aus Benson kamen und querfeldein nach Osten jagten. Alle trugen Ponchos und hatten große Hüte auf dem Kopf.

„Mexikaner“, sagte Jimmy. „Glaubst du, dass die etwas damit zu tun haben, Dad?“

„Was sollten sie damit zu tun haben?“ Der grauhaarige Rancher blickte Jimmy von der Seite her an.

„Well, vielleicht haben die drei einen Anschlag gemacht. Wenn wir ihnen nachreiten, könnten wir sie ...“

„Nein!“, unterbrach Buster Tom seinen Sohn sehr bestimmt. „Wir wissen überhaupt nicht, wieso etwas in die Luft geflogen Ist. Daher haben wir auch keinen Grund, die Mexikaner zu verfolgen.“

Widerwillig folgte Jimmy seinem Vater, der seinen Hengst wieder antrieb.

Die Poststraße fiel jetzt nach Westen hin ab. Noch etwa fünfzig Yard unter den Coppers lag die kleine Stadt, so dass sie die breite Mainstreet und die Plaza gut einsehen konnten.

Und auf der Plaza war plötzlich der Teufel los. Schüsse krachten. Vier Reiter sprengten am großen Ziehbrunnen hervor — maskierte Männer mit Colts in den Fäusten!

Grelles Pferdewiehern drang bis zu den Coppers, übertönt von einem weiteren Schuss. Ein einzelner Mann lief auf die Plaza, ebenfalls mit einem Colt in der Faust. Und auf den schossen jetzt die Maskierten.

Drei, viermal krachte es dumpf, brachen sich die Detonationen an den Häusern der Town. Marshal Tucker stoppte mitten im Lauf, stand noch eine Sekunde, schwankend wie ein angesägter Baum, und stürzte dann rücklings in den aufwirbelnden Staub. Die Reiter jedoch rissen ihre tänzelnden Pferde herum und preschten zum östlichen Ausgang der Stadt.

„Banditen!“, rief Jimmy. „Wir müssen sie aufhalten, Dad! Oder bist du wieder der Meinung, dass wir uns über alles erst erkundigen müssen, bevor wir eingreifen dürfen?“

„Nein“, gab der Rancher mit verbissenem Gesichtsausdruck zurück.

Sie jagten die Straße hinunter und verließen sie dort, wo an ihrem linken Rand ein paar große Felsbrocken lagen. Hinter diesen Felsen sprangen sie von den Pferden, ließen die Zügel einfach los und rissen ihre Gewehre aus dem Scabbard.

Schon kamen die vier Banditen auf sie zu. Voran der hünenhafte Joe, der inzwischen sein Halstuch vom Gesicht gerissen hatte, dahinter seine Komplizen. Gnadenlos spornten sie ihre Reittiere an.

Buster Tom riss sein Gewehr hoch und jagte eine Kugel vor die Hufe ihrer Gäule.

„Halt!“, brüllte er mit einer Stimme, die wie ein Peitschenhieb klang. „Die nächste Kugel trifft!“

Die Kerle fuhren auf ihren erregt schnaubenden Gäulen zusammen. Doch sie fassten sich schnell. Und sie dachten nicht eine Sekunde daran, sich aufhalten zu lassen. Ihr Anführer reagierte unheimlich rasch. Mit verzerrtem Gesicht riss er den Colt aus dem Holster und feuerte, kaum dass er die Waffe in Anschlag gebracht hatte. Eine Sekunde später schossen auch seine Kumpane.

Buster Tom schrie ungewollt auf. Ein harter Schlag gegen die Brust warf ihn zurück und ließ ihn taumeln und zu Boden gehen. Er merkte kaum noch, wie er im Sand aufschlug und das Gewehr aus den Händen verlor.

Jimmy wurde von dem heißen Blei knapp verfehlt. Er schoss auf einen der Banditen, die an ihm vorbeijagten, traf ihn aber nicht, weil ihn sein Pferd im Augenblick des Abdrückens rammte. Er fing sich am Felsen und repetierte mit zusammengebissenen Zähnen sein Gewehr.

Aber da waren die Banditen schon vorbei. Der letzte drehte sich im Sattel noch einmal um und feuerte mit seinem Revolver zurück.

Haarscharf strich die Kugel über Jimmy hinweg. Er schoss ebenfalls, spürte den harten Rückstoß des Gewehres und sah, wie der Reiter im Sattel wankte, das Gleichgewicht verlor und vom vorwärtsrasenden Pferd stürzte. Dabei wirbelte ein grauer, prall gefüllter Sack durch die Luft. Als er am Boden aufschlug, öffnete er sich und eine Anzahl Silbermünzen rollte heraus.

Jimmy achtete nicht darauf. Seine Sorge galt dem Vater, den es schlimm erwischt zu haben schien.

„Dad!“, krächzte er, kniete sich neben Buster Tom und blickte erschrocken auf das Blut, das dem Rancher aus der rechten Brustseite drang. „Kannst du aufstehen, Dad?“

Buster Tom war aus der kurzen Ohnmacht erwacht und hatte die Augen geöffnet. Er verzog schmerzlich das blass gewordene Gesicht und versuchte, auf die Beine zu kommen. Aber er schaffte es nicht. Aufstöhnend fiel er zurück.

„Du musst mich nach Benson bringen“, keuchte er.

„Sicher, Dad“, versprach Jimmy Copper. Er lehnte sein Gewehr an den Felsen und hielt nach den Pferden Ausschau, die zum Glück nicht weit fortgelaufen waren.

Der von Jimmy getroffene Bandit lag in der Nähe des Geldsackes im Sand und rührte sich nicht mehr. Seine Kumpane verschwanden, in eine Staubwolke gehüllt, hinter einem Hügel. Sie hatten entweder noch nicht bemerkt, dass einer von ihnen zurückgeblieben war, oder die Furcht trieb sie vorwärts, weil sie nicht wussten, dass sie es nur noch mit einem Gegner zu tun hatten.

Aber Jimmy rechnete damit, dass sie umkehren könnten. So beeilte er sich, die Pferde einzufangen, um auf ihnen seinen schwerverletzten Vater rechtzeitig nach Benson zu bringen.

Beinahe waagerecht fielen die Strahlen der scheidenden Sonne in das aschgraue Gesicht von Marshal Tucker, der stöhnend die Augen öffnete und auf die Männer blickte, die sich über ihn beugten. Er wollte etwas sagen, aber es wurde nur ein Krächzen daraus. Kraftlos fiel seine halb erhobene Hand wieder in den Staub.

„Bill!“ Der verzweifelte Schrei einer Frau ließ alle herumfahren. „Bill — mein Gott!“

Mrs. Tucker eilte mit flatternden Rockschößen herbei und warf sich neben ihren von zwei Kugeln getroffenen Mann auf die Knie, griff nach seiner Hand und sah das Blut, das aus seinen Wunden floss und sich mit dem Straßenstaub band.

„Tut doch was, bevor er verblutet!“, rief sie wieder schrill. „Holt doch den Doc!“

„Ihr könnt euch den Weg sparen“, sagte da ein kleiner, gedrungener Mann, der sich schnaufend durch die rasch anwachsende Menge schob. „Ich bin schon da!“

Doc Murray hatte zwar nie ein Examen gemacht, aber er besaß mehr Erfahrung in der Behandlung von Schusswunden als mancher Arzt. Mit ernster Miene sah er sich den Verwundeten an, dann wandte er sich an die umstehenden Männer.

„Wenn ihr ihn in sein Haus schafft, will ich ihn gleich operieren. Aber seid vorsichtig, wenn ihr ihn aufhebt!“

Zwei kräftige Männer packten den mittlerweile bewusstlos gewordenen Marshal und trugen ihn zu dem Haus, in dem sein Office und seine Wohnung untergebracht waren. Mrs. Tucker folgte ihnen schluchzend.

„Der alte Fenwick ist tot“, sagte der Doc zu den anderen Männern. Dann schloss er sich der kleinen Gruppe ebenfalls an.

Die Zurückbleibenden fluchten. Schon wollten einige von ihnen wieder zur Büchsenmacherei hinauflaufen, wo man mit dem Löschen des Feuers beschäftigt war, da kamen von Osten her zwei Reiter in die Stadt. Der eine hing verkrampft über dem Hals seines Rappen, der andere war noch ziemlich jung und hielt einen Sack in der Hand. Vor ihm im Sattel lag eine reglose Männergestalt. Wenig später hielten sie vor der Wells-Fargo-Station.

Jimmy Copper stieg ab, blickte zuerst durch die offene Tür der Agentur und drehte sich dann zu den Männern herum, die nun auf ihn zugeeilt kamen.

„Jimmy Copper ist mein Name“, sagte er. „Das hier ist mein Vater. Er hat eine Kugel in der Brust.“

Ein großer, dunkelhaariger Mann trat ein Stück vor, räusperte sich und blickte von Buster Tom auf seinen Sohn.

„Seid ihr etwa die Coppers, denen die Circle C-Ranch gehört?“

„Ja“, antwortete Jimmy, leicht erfreut, weil man sie hier kannte. „Wir waren in Tombstone und wollten nach Tucson zurück. Vor einer Weile haben wir einen furchtbaren Knall und Schüsse gehört. Vier Banditen jagten direkt auf uns zu. Aber wir konnten nur einen von ihnen stoppen, und dabei ist leider das mit meinem Vater passiert.“

„Unser Doc wird ihm helfen, sobald er mit dem Marshal fertig ist. Der hat gleich zwei Kugeln auf einmal eingefangen. Ich bin übrigens Town Mayor Brent Hungate.“

Jimmy nickte und wies den Sack mit der zurückeroberten Beute vor.

„Den hatte der Tote bei sich. Schätze, der Inhalt gehört eurer Bank.“

Die Bürger von Benson machten große Augen. Am meisten aber staunte Postagent Wyler, der sich schon verflucht hatte, weil er den Tresorschlüssel im Schalterraum zurückgelassen hatte.

„Ihr habt den Schuften das Geld wieder abjagen können?“, rief er verblüfft.

„Ich musste es nur aufheben“, meinte Jimmy bescheiden. „Es war purer Zufall, dass ich ausgerechnet den Kerl aus dem Sattel geschossen habe, der die Beute bei sich hatte.“ Er übergab Wyler das Geld und sah wieder Hungate an. „Wohin kann ich meinen Vater bringen?“

„Am besten in Mclllrees Hotel. Das ist gleich nebenan. Ich helfe Ihnen, Copper. — Watson, du führst die Pferde in den Stall!“

 

3

Jimmy Copper stellte die Lampe auf den Tisch und blickte besorgt auf seinen Vater, der mit entblößtem Oberkörper und geschlossenen Augen auf dem Bett des Hotelzimmers lag.

„Wie steht es um ihn, Doc?“, fragte er ernst.

„Nur keine Angst, Junge. Ich flicke ihn schon wieder zusammen.“ Murray streifte seine Ärmel hoch, goss heißes Wasser in eine Schüssel und seifte sich die Hände ein.

„So ’n verdammtes' Banditenpack!“, schimpfte er. „Um ein Haar wäre der Gunsmith in seiner Werkstatt verbrannt. Die drei Mexikaner haben ihn auf einen Stuhl gefesselt und im angrenzenden Schuppen eine Zündschnur in ein Pulverfass gesteckt. Zum Glück hat man das Feuer inzwischen gelöscht. Die Leute sind euch dankbar, Copper. Viele von ihnen hatten bei Wells Fargo ihre Ersparnisse deponiert.“

Jimmy antwortete nicht, sondern hielt seinem Vater eine Whiskyflasche an den Mund.

„Trink noch einen Schluck, Dad! Zwing dich dazu! Dann wirst du nicht viel spüren, wenn dir der Doc die Kugel ’rausholt.“

Buster Tom öffnete die Lippen und ließ den scharfen Whisky in sich hineinlaufen. Er hustete dabei, und Jimmy nahm die Flasche weg und sah, wie sein Vater in die Kissen zurücksank und still lag.

„Die Ablenkung ist diesen Bastarden gründlich geglückt“, fuhr Murray fort, indem er seine Hände abtrocknete. „Nachdem es gekracht hatte, sind natürlich alle zum Haus des Büchsenmachers gerannt. Die Bande hatte leichtes Spiel. Während die Mexikaner gleich die Flucht ergriffen, sind deren Kumpane in die Poststation hinein, haben den Clerk niedergeschlagen und den Tresor ausgeräumt. Vielleicht hätten sie sogar ohne Aufsehen verschwinden können, wäre nicht der alte Fenwick auf sie aufmerksam geworden.“ Murray warf das Handtuch auf einen Schemel, kam zum Tisch und räumte seine Instrumententasche aus. „Jetzt ist der Town Mayor gerade dabei, den erschossenen Banditen zu identifizieren. Er hofft, dass es ihm mit Hilfe der Steckbriefe gelingt, die Tucker in seinem Schreibtisch aufbewahrt hat. Und morgen will er mit einem Aufgebot hinter den anderen her.“

„Morgen erst? Bis dahin wird die Bande aber einen ziemlich großen Vorsprung erhalten“, meinte Jimmy skeptisch.

Der Doc zuckte die Schultern.

„Was bleibt anderes übrig? Bei Dunkelheit findet man ja doch keine Spur. Aber vielleicht können sie die Kerle trotzdem noch erwischen. Fenwick wird das allerdings nicht mehr helfen. Bei ihm half meine ganze Kunst nichts.“

„Und wie geht es dem Marshal?“

„Hm, ich kann noch nichts Bestimmtes sagen. Aber ich glaube, dass er durchkommen wird. Allerdings wird er einige Wochen das Bett hüten müssen. Dasselbe gilt auch für Ihren Vater.“

„Einige Wochen?“, entfuhr es Jimmy fast erschrocken. „So lange können wir auf keinen Fall in Benson bleiben.“

„Wenn es sein muss, muss es sein. Im Übrigen hängt wohl alles von der Konstitution Ihres Vaters ab. — Schläft er jetzt?“

„Ja, er ist hinüber.“

Der Doc beugte sich über Buster Tom, schob ihm eines der Augenlider hoch und nickte zufrieden.

„Halten Sie ihn trotzdem fest!“, sagte er, während er nach einer Sonde griff. „In zwei Minuten haben wir die Kugel.“

 

 

4

Die Nacht umhüllte das Land wie ein Mantel. Sie legte sich auch über die Häuser der kleinen Stadt, verwischte die Farben und sog die zwischen den kahlen Mauern gespeicherte Wärme in sich auf. Es war. als verschluckte sie sogar das schreckliche Ereignis, das die Bewohner von Benson aufgewühlt hatte.

Jimmy Copper lehnte an der Theke des Saloons, der in einer Reihe mit der Poststation und dem Hotelgebäude stand und ebenfalls Carter McIllree gehörte. Jimmy war von Männern umringt, die ihm alle einen Drink spendieren wollten. Er musste viele Hände schütteln, und immer wieder wurde ihm wohlwollend auf die Schulter geklopft. Langsam ermüdete es ihn, die Leute dauernd von Dank reden zu hören. Außerdem war ihm der ganze Aufwand etwas peinlich.

Aber gegen den Whisky hatte er nichts. Noch weniger störte ihn die Anwesenheit des höchstens zwanzigjährigen. rotblonden Barmädchens. Sie hieß Faye und war ausgesprochen hübsch. Und sie hatte eine Art, Jimmy anzusehen, dass es ihm unter die Haut ging. So zwinkerte er ihr bald zu und wies unauffällig zu einem leerstehenden Tisch, woraufhin Faye kess lächelte, kurz entschlossen Jimmys Glas und ihr eigenes nahm und den betreffenden Tisch ansteuerte.

„Du gefällst mir, Cowboy“, sagte sie, als sie sich gegenüber saßen.

„Wirklich?“ Jimmy grinste breit. „Nun, abstoßend finde ich dich gerade auch nicht.“

„Danke für das Kompliment!“ Faye lachte, stieß ihr Glas gegen das von Jimmy und trank.

„Ich würde gern was auf meine Rechnung kommen lassen“, sagte er, als er ebenfalls getrunken hatte. „Aber das ließe dein Boss niemals zu. Er will nicht einmal die Zimmermiete nehmen.“

„Kein Wunder, wo du sein Geld gerettet hast. Ich habe ihn noch nie so aufgekratzt gesehen. Und die anderen haben auch alle die Spendierhosen an.“

Jimmy nickte.

„Der Postagent hat mir sogar eine Belohnung versprochen. Mir ist’s richtig übel geworden, als er sich vorhin so überschwänglich bedankt hat. Es fehlt kein Dollar, sagte er.“

„Dabei hätte dir niemand etwas nach weisen können, wenn du einen Teil von dem Geld in die eigene Tasche gesteckt hättest. Es wäre alles auf das Konto der Banditen gegangen.“

„Ich habe es nicht nötig, etwas zu stehlen“, erwiderte Jimmy, holte seinen Tabaksbeutel aus der Tasche und drehte zwei Zigaretten, von denen er eine dem Mädchen gab. Sie ließ sich auch Feuer geben und sah Jimmy aufmerksam an.

„Sag mal, ist eure Ranch wirklich so groß?“

„Hm, sie ist vielleicht groß für dieses Gebiet. In Texas wäre sie sicher nur ein kleiner Besitz. Aber wir können gut leben von ihr.“

„Und was habt ihr in Tombstone gemacht?“

„Mein Vater hat mit der Minengesellschaft wegen einem Kontrakt über die Lieferung von Fleischrindern verhandelt. Ich habe ihn begleitet, weil ich die Minen sehen wollte.“ Jimmy zog an seiner Zigarette und blies den Rauch an dem Mädchen vorbei. „Außerdem sollte ich zu seinem Schutz bei ihm sein. Aber das hat wohl nicht viel genützt.“

„Wer konnte schon wissen, dass ihr mit den Banditen zusammenstoßen würdet? Und wenn das nicht gekommen wäre, hätten wir uns sicher nie kennengelernt.“

„Da hast du recht. Aber ich wäre froh, wenn mein Vater nichts abgekriegt hätte.“

„Er wird sich bestimmt bald erholen. Du hast doch an der Theke gesagt, er hat eine eiserne Natur.“

„Ja, die hat er.“ Jimmy nickte und zog wieder an seiner Zigarette. „Er hat schon viel schlimmere Sachen durchgestanden. Ich glaube, den bringt nur eine Kanonenkugel um.“

„Und du bist wohl aus demselben Holz?“, meinte Faye und sah Jimmy verführerisch an. „Ich möchte eigentlich gern wissen, wie fest du zupacken kannst.“

„Verdammt, du gehst aber ran! Hier bei euch in Benson ist es wirklich anstrengend, Held des Tages zu sein.“ Jimmy grinste und wollte näher an Faye heranrücken. Doch da kam gerade der Town Mayor durch die Tür.

„Leute“, rief er, „ich habe den toten Bankräuber identifiziert!“

Im Schankraum wurde es schlagartig still. Alle blickten auf Brent Hungate, der aufgeregt ein vergilbtes Plakat in der Hand schwenkte.

„Und wer ist es?“, fragte Jimmy Copper. Er hatte sich erhoben und in Fayes Begleitung den Tisch verlassen.

„Stan Gidding, der Bruder des berüchtigten Joe Gidding, der Söldner in Mexiko war!“, rief der Town Mayor und breitete das mitgebrachte Plakat auf dem Thekenblech aus. „Sehen Sie sich den Steckbrief an! Eines der beiden Bilder zeigt haargenau jenen Mann, den Sie vom Pferd geschossen haben!“

„Tatsächlich“, staunte Jimmy, als er sich die beiden Abbildungen angesehen, hatte. „Der Tote ist der jüngere Gidding. Ich habe schon von diesen Schuften gehört.“

„Da haben Sie aber einen großen Fang gemacht, Copper“, rief der dicke Besitzer des Saloons. „Und eine Belohnung bekommen Sie auch. Fünfhundert Dollar — auszuzahlen von den Behörden des Territoriums! Da steht es schwarz auf weiß! Mann, so ein Glück wie Sie müsste man haben!“

„Er ist eben ein Held!“, rief Faye und gab Jimmy lachend einen Kuss.

Die Männer an der Theke hoben ihre Gläser und prosteten dem Ranchersohn zu.

„Ich kann eure Begeisterung leider nicht teilen“, sagte da Brent Hungate laut. „Anders wäre es, wenn die ganze Bande tot oder wenigstens hinter Schloss und Riegel geschafft wäre. Aber diese Höllensöhne sind eben leider noch frei.“

„Was wollen Sie damit sagen?“, forschte Jimmy, schob das Mädchen von sich und sah den Town Mayor aufmerksam an.

„Dass Joe Gidding den Tod seines Bruders nicht hinnehmen wird. Er ist ein Mann, der über Leichen geht, ein Raubtier in Menschengestalt. Er wird sich bestimmt an Ihnen rächen wollen, Copper.“

„Hm, und was soll ich da tun?“

„Am besten wäre es, Sie würden die Stadt verlassen. Sie und Ihr Vater.“

„Aber Sie wissen doch, dass mein Vater nicht im Sattel sitzen kann.“

„Dann packen Sie ihn auf einen Wagen. In zwei Tagen könnt ihr in Tucson sein. Oder auf eurer Ranch. Nur dort seid ihr vor der Gidding-Bande sicher.“

Jimmy fuhr sich über den Hals und blickte die Männer einen nach dem anderen an.

„Hier ist mein Vater nicht sicher? Ich dachte, ihr wolltet die Banditen verfolgen?“

„Jetzt nicht mehr“, antwortete der Town Mayor schroff. „Denn es wird sich in Benson kaum jemand finden, der für diesen Zweck sein Pferd satteln wird. Oder ist einer unter euch, der es mit dieser Bande aufnehmen will?“

Die Männer schwiegen sich aus. Wie es schien, waren sie auf einmal stocknüchtern geworden.

„Sie sehen es, Copper“, fuhr Hungate fort. „Niemand ist bereit, sinnlos sein Leben zu riskieren. Gegen Joe Gidding und seine Komplizen haben wir alle keine Chance. Die schrecken vor keiner Gemeinheit zurück. Erst kürzlich haben sie in der Nähe von Florence ein Aufgebot in einen Hinterhalt gelockt und bis auf den letzten Mann niedergemacht. Teufel sind das, leibhaftige Teufel!“

„Der Town Mayor hat recht“, pflichtete der Schmied von Benson Hungate bei. „Das heutige Beispiel hat doch bewiesen. dass diese Bande zu allem fähig ist. Es wäre glatter Selbstmord, sich mit ihr anlegen zu wollen. Außerdem habe ich für eine Familie zu sorgen.“

Nach diesen Worten warf der Schmied ein Geldstück auf den Tresen, brummte einen Gruß und ging hinaus. Andere Männer schlossen sich ihm an. Sie verschwanden, ohne überhaupt eine Äußerung zu machen.

Bald standen nur noch Jimmy mit Faye und der Town Mayor an der Theke. Auf der anderen Seite lehnte der feiste Wirt.

„Es war meine Pflicht, die Leute aufzuklären“, sprach Hungate in die peinlich werdende Stille. „Ich möchte nicht, dass wegen dieser Banditen noch jemand sein Leben verliert. Die haben das Töten gelernt wie andere ihren Beruf. Außerdem ist eine Verfolgung völlig überflüssig, Copper. Gidding kommt sowieso hierher. Aber darauf sollten Sie gar nicht erst warten.“

„Ich bin im Bilde“, erwiderte der junge Copper kühl. „Sie wollen uns aus Ihrer Stadt haben.“

„Fassen Sie es nicht so auf!“, entgegnete Hungate schnell und hob beschwichtigend die Hände. „Wir alle verdanken euch viel. Aber gerade deshalb möchten wir nicht, dass auch Ihnen etwas zustößt.“

„Wirklich nicht“, fügte Carter McIllree treuherzig hinzu. „Wenn Sie wollen, stelle ich Ihnen einen Wagen zur Verfügung, damit Sie Ihren Vater von hier fortbringen können. Noch ist es nicht zu spät dazu, Copper. Ihr habt die ganze Nacht vor euch. Und bis die Banditen hierherkommen, könnt ihr eine Menge Vorsprung gewonnen haben.“

„Nutzen Sie die Zeit!“, sagte Brent Hungate beinahe beschwörend. „Es ist Ihre einzige Chance! Kehren Sie mit Ihrem Vater auf die Circle C-Ranch zurück! Die Belohnung für Stan Gidding wird man Ihnen nachsenden. Ich werde mich persönlich dafür einsetzen, dass ...“

„Sparen Sie sich Ihre Mühe!“, unterbrach Jimmy grob. „Ich pfeife auf das Geld!“

McIllree und der Town Mayor wechselten einen betroffenen Blick.

„Habe ich Sie beleidigt; Copper?“, fragte Hungate dann. „Bitte verstehen Sie doch, dass ich nur das Beste für Sie will.“

Jimmy gab ein verächtliches Lachen von sich. Er hatte plötzlich einen schalen Geschmack in seinem Mund. Dieser verschwand auch nicht, als er seinen Whisky austrank. Den achten an diesem Abend. Aber Jimmy verspürte keine Wirkung. Er wusste nur, dass er in dieser Stadt niemals einen Freund finden würde.

„Ich muss mal nach meinem Vater sehen”, sagte er zu Faye. „Bis später.“

Dann verließ er den Saloon und warf die Tür hinter sich zu.

 

 

5

Buster Tom hatte Schmerzen. Es war, als brannte ein Feuer in seiner Brust. Er war vor einer halben Stunde zu sich gekommen und bemühte sich seitdem vergeblich zu schlafen. Das Toben in der Wunde ließ es einfach nicht zu.

Ächzend versuchte er, in eine andere Lage zu kommen. Dann tastete er nach der dick einbandagierten Brust und blickte zu seinem Sohn hinüber, der am Fenster stand und durch einen Spalt in den Gardinen auf die Straße hinuntersah.

„Jimmy!“

Der junge Copper drehte den Kopf. „Dad?“

„Warum redest du nichts, Jimmy?“

„Weil ich über etwas nachdenke, Dad.“

Details

Seiten
120
Jahr
2021
ISBN (eBook)
9783738949483
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2021 (Februar)
Schlagworte
feuer

Autor

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Titel: Wo die Feuer ewig lodern