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So rot wie das Blut der Wölfe

2021 107 Seiten

Leseprobe

Table of Contents

So rot wie das Blut der Wölfe

Copyright

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6

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So rot wie das Blut der Wölfe

Circle C-Ranch

Western von Bill Garrett

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 107 Taschenbuchseiten.

 

Eine große Menge Geld, das ist die Triebfeder, die nicht nur einige Verbrecher antreibt, sondern auch eine schöne Frau. Marja Carrington will in den Besitz des Goldes gelangen und ist dabei nicht wählerisch, weder in der Wahl der Mittel, noch in der Wahl der Männer. Aber solange Wells Fargo die Verantwortung dafür trägt, wird jeder unrechtmäßige Besitzer gejagt.

 

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

Alfred Bekker

© Roman by Author

© Cover Firuz Askin

© dieser Ausgabe 2021 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

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1

Sackett blieb still im Sattel sitzen und blickte auf den Planwagen hinab, der sich tief unter ihm am Rand des Lavafeldes ostwärts bewegte. In dem tiefen Sand und in der glühenden Hitze kamen die Pferde nur langsam vorwärts. Es war so heiß, dass die Luft förmlich zu kochen schien. Selbst die geringste Bewegung verursachte schon wahre Schweißausbrüche.

Nicht der geringste Wind wehte. Der Staub, der von den Pferdehufen und den Wagenrädern emporgerissen wurde, hing wie ein dünner langer Schleier weit zurück, dass die tiefen Furchen, die der Wagen in den Sand wühlte, gar. nicht zu sehen waren.

Die beiden Männer und die blonde Frau waren gut genug zu erkennen, so dass Sackett die Besitzverhältnisse leicht hätte mit Blei verändern können. Doch er wollte anders vorgehen.

Dieser verdammte Träumer da unten, der die Zügel führte, fühlte sich auf dem Boden von Arizona so sicher mit seiner Beute, obwohl eine Bande von mexikanischen Strauchrittern und Hühnerdieben längst hinter ihm her sein mochte. Arizona war hier und Mexiko war dort, getrennt durch eine Linie, die nur auf Karten verzeichnet war. Wann hatten Strauchritter und Hühnerdiebe sich je darum gekümmert?

Davon schien dieser Träumer dort unten nichts zu wissen.

Doch Sackett dachte daran! Ihm war deshalb klar, dass er nicht mehr viel Zeit besaß. Er war schließlich allein. Und viele Wölfe waren des Einzelgängers Tod, da mochte er mit dem Colt schnell sein wie der Blitz. Mit einer Kugel im Rücken war auch ein gefährlicher Mann verwundbar.

So weit aber wollte es Sackett gar nicht erst kommen lassen. Die Devise, die ein Einzelgängerwolf unbedingt zu befolgen hatte, wenn er am Leben bleiben wollte, hieß: Aus sicherer Deckung heraus rasch und präzise zuschlagen, die Beute machen und damit verschwinden. Schnell und klammheimlich. Danach hatte Sackett immer gelebt.

Er grinste, als der Wagen plötzlich die Richtung änderte und auf die hohe Felswand zufuhr, die nicht nur Schatten spendete, sondern in deren Schoss es auch Wasser gab.

Sackett machte auf dem Bauch kehrt, kroch von der Felskante weg, erhob sich und ging zu seinem Pferd, das er inmitten hoher Kandelaberkakteen zurückgelassen hatte.

Doch das Pferd war – weg.

Sackett duckte sich sofort und schwang den Colt aus dem Leder. Mit einer schnellen und katzenhaften Bewegung.

Die mexikanischen Strauchdiebe und Buschritter fielen ihm ein, die hinter der gleichen Beute her waren, und denen er von Anfang an hatte aus dem Weg gehen wollen.

Sackett sah sich um. Schnell und jäh. Trotz der Hitze zog ihm Eiseskälte in den Magen. Schließlich hockte er in der Sonne. Das konnte nur ein paar Sekunden lang gutgehen.

Obwohl er wusste, dass er schon in der nächsten Sekunde würde ums Leben kämpfen müssen, dachte er an den Träumer, der jetzt mit seinem Jungen, der Frau und der Beute, die er in Mexiko gemacht hatte, nicht nur in den Schatten und zum Wasser fuhr, sondern auch durch Sand.

Sackett stützte sich auf die Linke. Wie eine Kralle fuhr die Hand in den heißen Sand.

„Kommt her, ihr Armleuchter! Greift mich an!“, knurrte er.

Da krachte es auch schon, als hätten sie seine Aufforderung zum Tanz verstanden.

Er ließ sich nach vorn fallen, noch ehe er die Kugel pfeifen hörte.

Das Geschoss zischte dicht über seinen Kopf hinweg und schlug hinter ihm in einen Arm der großen Kandelaberkaktee, deren spärlichen Schatten er hatte ausnutzen wollen. Es spritzte. Stachelige Fetzen flogen durch die Luft, in der noch das peitschenartige Singen des Gewehres hing.

Dieses helle Schwingen verriet ihm die Richtung, aus der geschossen worden war.

Der alternde Mann rollte sich wie ein wütendes Raubtier durch den Sand. Unheimlich schnell und unheimlich wild, aber mit gleitenden und geschmeidigen Bewegungen. An ihm war nichts plump. Er bewegte sich wie eine Katze, wie ein großes wildes Exemplar davon.

Als es wieder krachte, hatte er schon hinter einer Felsleiste Deckung gefunden, und, was noch wichtiger für sein Überleben war, den Schützen ins Blickfeld und ins Visier bekommen.

Er hatte den dritten Schuss.

Der Colt in seiner Faust krachte trocken und hart. Noch während das Echo dieses Schusses durch das Kakteenfeld raste, zuckte nur zwanzig Schritt von ihm entfernt eine Gestalt zur vollen Größe hinter einer kniehohen Klippe hervor. Der Mann warf die Arme auseinander, ließ das Gewehr fallen und kippte aufschreiend zurück.

Das beobachtete Sackett schon nicht mehr. Sein Schuss hatte gesessen. Mehr brauchte er nicht zu wissen. Wild sah er sich um.

Waren noch andere Schurken in der Nähe? Dieser Gedanke beherrschte ihn. Gleichzeitig dachte er an den Planwagen und hoffte, dass die Schüsse den Träumer gewarnt hatten.

Nichts anderes wünschte er sich. In diesem Augenblick dachte er nicht einmal an sein Pferd. Nur dieser verdammte Wagen war ihm wichtig.

Da es still blieb, warf er sich über die Felsleiste hinweg und wartete wieder. Von oben bis unten in Schweiß gebadet.

Da grollte plötzlich Hufschlag auf. Irgendwo vor ihm.

Er flog hoch. Wie ein Hammel, den jemand mit einem Tritt in den Hintern aus dem Stall beförderte, rannte er zu dem Mann, den er erschossen hatte, bückte sich nach dessen Gewehr, reckte sich und nahm die Waffe an die Schulter.

Vor ihm, doch für einen Colt zu weit, jagte ein zweiter Mexikaner im gestreckten Galopp durch das Kakteenfeld, seinen Braunen und noch ein anderes Tier am Zügel.

Eine volle Sekunde lang verfolgte er den Weg des Reiters über Kimme und Korn, hielt dann vor und feuerte.

Der große Sombrero flog davon. Nach dem nächsten Galoppsprung riss der Mann die Arme hoch und flog aus dem Sattel.

Die drei Pferde rasten weiter.

Sackett ließ das Gewehr fallen und wischte sich den Schweiß von der Stirn, griff zum Revolver und sah sich spähend um, ein hartes, sicheres Lächeln in den Mundwinkeln.

Die Pferde waren nach Westen gelaufen. Die Hitze hatte sie schnell zur Ruhe gebracht. Als Sackett zu dem zweiten Mexikaner ging, konnte er die Tiere vor einer hohen Sanddüne stehen sehen.

Er blickte lange auf den Toten hinab und studierte dessen Gesicht. Diesen Mann hatte er noch nie gesehen. Doch seine erstklassigen Militärstiefel verrieten ihm, dass der Bursche zu Yordy Fishers Leuten gehörte.

Damit war Sackett genau an die Brut geraten, mit der er hatte jeden Kontakt vermeiden wollen.

Doch wo waren die anderen Bastarde?

Er sah sich wachsam und brütend um. Hatten sich diese beiden von Yordy Fisher getrennt, um auf eigene Faust Jagd zu machen, oder hatte sich Yordy Fisher auf die alte Rudeltaktik verlegt? Ließ er seine Männer einzeln und in kleinen Gruppen schwärmen, um den Wegen doch noch in die Hand zu bekommen?

Sackett fluchte. Auf diesem Plateau musste er alle Spuren verwischen.

Er biss sich auf die Lippe und dachte lange und angestrengt nach. Der Norden! Das schien ihm plötzlich eine sichere Fluchtrichtung zu sein.

Yordy Fisher suchte den Wagen im Osten, weil er wusste, dass dieser Träumer dort unten nach Texas wollte.

Doch was, zum Teufel, hatte er, Sackett, in Texas verloren?

Aber noch besaß er den Wagen nicht, hatte er die Beute nicht in der Hand, um die Fluchtrichtung bestimmen zu können.

Er verlor keine Zeit mehr.

Den Colt in der vorgereckten Faust, stapfte er schnell und mit wiegenden Schritten durch den Sand zu den Pferden. Er nahm seinen Braunen und schwang sich hinauf.

Während er im Osten den Abstieg suchte, sank im Westen die Sonne hinter dem Plateau. Die Dünen und das graue Gestein dort hinten sahen rot aus. Feuerrot.

Sackett verschwendete weder Blicke noch Gedanken an den Sonnenuntergang. Er fand einen Wildpferdewechsel und folgte ihm einfach, weil er sich nicht vorstellen konnte, dass die Pferderudel, die diesen Pfad seit Urzeiten in die Wildnis hineintrampelten, die Wasserstelle dort unten verschmähten oder gar deren Existenz nicht witterten.

Es ging steil abwärts. Doch es handelte sich um einen Weg, den Pferde in den Sand und in die Wildnis gespurt hatten. Er konnte bis in den Grund hinab im Sattel bleiben.

Dort freilich hielt er an und saß ab und traute seinen Augen nicht.

Vor der Felswand brannte ein Feuer.

Der Träumer schien weder Angst vor Roten noch vor Yordy Fishers Sattelwölfen oder vor Sackett zu haben. Auch das Geräusch der Schüsse auf dem Plateau schien nicht bis an die Wasserstelle gedrungen zu sein.

Die Dämmerung war mittlerweile schon so weit fortgeschritten, dass das Feuer dort unter der überhängenden Felswand aus der Nacht zu glühen schien.

Sie hatten zu einer großen Rast angehalten. Vermutlich wollten sie an dem Wasserloch die Nacht verbringen.

Sackett nahm das Gewehr aus dem Scabbard, lud durch und setzte sich in Bewegung. Das Pferd ließ er zurück.

Der Träumer und sein Sohn saßen am Feuer, über dem an einem Dreibein ein Kessel hing. Marja Carrington kniete davor und rührte darin herum.

Sackett hielt ein, duckte sich hinter einem halbhohen Stein und nahm die Winchester an die Hüfte. Dieser verdammte Träumer ließ Marja kochen! Sackett lächelte wütend. An einem Lagerfeuer wusste dieser Hinterwäldler mit einer so schönen und gebildeten Frau nichts anderes anzufangen, als sich von ihr ein bisschen Speckbrühe kochen zu lassen. Andere Bedürfnisse schien dieser grobe Kerl nicht zu verspüren.

Marja war nicht wiederzuerkennen! Sie bewegte und benahm sich, als wäre ihr diese Rolle auf den Leib geschnitten worden.

Sacketts Lächeln wurde eiskalt. Der Träumer hatte nicht nur ihn, die Roten und Yordy Fishers Mexikanerhorde zu fürchten, sondern auch diese Frau. Marja – das war ein Bündel eiskalter Berechnung in die Hülle einer schönen Frau verpackt. Sie konnte, wenn sie wollte, eine glutvolle und leidenschaftliche Geliebte sein. Doch nie waren es Gefühle, die sie dazu verleiteten. Allein ihr Verstand vermochte sie dazu zu treiben. Doch erst, nachdem sie ihren Vorteil daraus errechnet hatte.

Sackett stand auf, ließ das Gewehr sinken und trat in den Feuerschein.

„Hallo!“, sagte er nur.

Marja fuhr herum und starrte ihn überrascht an. Auch der Junge reagierte heftig. Er sprang auf und griff zum Revolver.

Nur Benson rührte sich nicht. Er hob nicht einmal den Kopf.

„Was willst du, Sackett?“, fragte er gelassen. „Wir sind doch fertig miteinander.“

Sackett lächelte hölzern. „Das ist dein Wille! Nicht meiner. Yordy Fishers Leute sind in der Nähe. Hast du die Schüsse nicht gehört?“

Nun hob Benson den Kopf und musterte Sackett gleichgültig. „Schüsse? Wann? Wir haben nichts gehört. Das stimmt doch, Louis? Marja!“

„Wir haben nicht einen einzigen Schuss gehört, Mister Sackett!“, sagte der Junge gereizt.

„Verschwinden Sie wieder, Sackett!“

„Setz dich, Louis!“, sagte Benson müde. „Komm her, Sackett, und iss mit uns.“

Sackett sah Marja an. – Benson war wirklich ein Träumer. Da stand ein Vollblutpferd, und er hielt es für einen Esel, der zu nichts anderem taugte, als ihm Weizensäcke zur Mühle zu schleppen.

Nein! Benson war diese Frau nicht wert. Aber auch das Gold nicht, das ihm durch einen Zufall in die Hände geraten war. Ums Verrecken war er das alles nicht wert. Eine Fuhre Pferdemist für seine Baumwollfelder hätte ihn ebenso glücklich gemacht.

Sackett nickte Marja zu und setzte sich ans Feuer.

Benson hob unwillig die Hand. „Aber du bist nur zum Essen eingeladen, Sackett. In der Suppe kannst du gleich herumrühren, doch nicht in der alten Geschichte. Ich brauche keinen Verbündeten. Auch gegen Yordy Fisher nicht. Ich bin bald am Ziel.“

Sackett lächelte und blickte die Bensons an, den alten und den jungen. Um Marja kümmerte er sich nicht. Er sah sie nicht einmal an, obwohl er ihre fragenden Blicke bemerkte. – Es war soweit! Eine Frau, wie sie eine war, musste das spüren. Wozu sollte er ihr ein Zeichen geben? Er würde die Bensons nur noch misstrauischer machen.

„Es dauert noch eine Weile mit dem Essen“, meinte Benson.

„Ich bin nicht hungrig“, sagte Sackett.

Marja drehte sich sofort weg und sah ihn nicht mehr an.

Benson musterte ihn.

Sackett erwiderte seinen Blick. „Ich bin auf dem Plateau an zwei von Yordy Fishers Spähern geraten. Es waren Mexikaner.“

Benson machte schmale Augen. „Wir haben in Tucson darüber gesprochen, Sackett. Iss mit uns, dann reite weiter. Ich brauche deine Hilfe nicht. Ich kann mit Yordy Fisher allein fertig werden.“

Sackett grinste wütend. Er wollte etwas erwidern. Doch der Junge kam ihm zuvor.

„Lassen Sie meinen Vater in Ruhe, Sackett!“, zischte er wütend. „Sie hören doch, dass er mit Ihnen darüber nicht mehr reden will.“

Sackett war nicht in der Stimmung, diesen Einwand zu beachten. Jetzt nicht mehr. „Ich sagte, Yordy Fishers Leute sind in der Nähe. Benson. Zwei von ihnen habe ich erschossen. Aber nicht mehr. Ich habe mir nicht einmal die Zeit genommen, die Spuren zu verwischen. Die Toten liegen noch da oben. Spätestens morgen früh werden Geier Yordy Fisher den Weg weisen.“

„Wir ziehen nach dem Essen weiter“, erklärte Benson ruhig. „Du bist bald soweit, Marja, mein Liebes?“

Diese Worte trieben dem Jungen die Schamröte ins Gesicht. Er sah schnell weg. Marja war schließlich nur zwei oder drei Jahre älter. Das waren Jahre, die in der Wildnis nicht zählten. Wer für eine Frau sorgen und sie beschützen konnte, war ihr eben. Darüber schien sich der Junge nicht bloß Gedanken gemacht zu haben. Wovon er träumte, hatte Sackett schon in Tucson beobachten können. Doch ein Träumer, ob er nun alt war oder jung, war niemals der Mann, der zu Marja Carrington passte.

„Ich bin gleich soweit, Walt!“, erwiderte Marja zärtlich und bekundete damit, wie sehr sie um sein leibliches Wohl besorgt war.

Benson betrachtete sie, saugte an seiner Pfeife und war sichtlich stolz darauf, diese Antwort in Sacketts Gegenwart von ihr bekommen zu haben,

Sackett lächelte in sich hinein. Benson war kein Träumer, sondern ein tölpelhafter Spinner. Trotzdem war er ein gefährlicher Mann, jedoch einer, den man leicht täuschen konnte.

Obwohl er sich ruhig und gelassen gab, ließ er Sackett nicht aus den Augen. Auch Louis, sein Sohn, ließ keinen Blick von dem ungebetenen Besucher. Die Hand am Coltgürtel, verfolgte er jede Geste von Sackett und beobachtete wachsam dessen Mienenspiel, in der Hoffnung, früh genug Anzeichen zu entdecken, um den entscheidenden Bruchteil einer Sekunde schneller zu sein als der Angreifer.

Doch die Gefahr kam von einer ganz anderen Seite.

Sackett war zwar der Angreifer, der Feind, der von Anfang an darauf aus war, ihnen die Beute abzujagen. Doch die Dinge waren längst in Fluss. Sackett war nur gekommen, um dem letzten Akt als unbeteiligter Betrachter beizuwohnen.

Marja Carrington verteilte Näpfe und Löffel. Es roch stark nach Bohnenkraut und Chilipfeffer.

Die Bensons begannen sofort mit dem Essen. Nur Sackett rührte nichts an.

„Wenn ich etwas hasse, ist es heißes Essen“, erklärte er und brannte sich eine Zigarette an.

Marja hockte sich zu Walt Benson, einen Teebecher in der Hand.

Die Bensons aßen mit Appetit und Heißhunger. Essen war für diese Schaffer etwas, das sie voll und ganz in Anspruch nahm. Sie waren es gewohnt, sich darauf zu konzentrieren wie auf eine schwere Arbeit.

So dauerte es eine ganze Weile, ehe Benson bemerkte, dass auch Marja nichts aß.

Er lehnte sich zurück und lächelte. „Nun, mein Liebes?“, sagte er kauend.

Er wollte noch mehr sagen. Doch sein Blick wurde plötzlich starr. Er hielt im Kauen ein. Sein Sohn sah ihn betroffen an, während seine Kiefer stetig und bedächtig weiter mahlten.

Walt Benson keuchte, kaute noch zweimal und hielt stöhnend ein. Selbst im flackernden Schein des Feuers sah sein Gesicht auf einmal sehr weiß aus. Schweiß floss ihm wie Bachwasser über das Gesicht.

„Ist dir nicht gut, Walt?“, erkundigte sich Marja besorgt und warf dabei Sackett einen flüchtigen Blick zu.

Benson stöhnte, ließ den Napf fallen und den Löffel und kippte jammernd auf die Seite. Mit beiden Händen hielt er sich den Magen und reckte den Kopf empor, Augen und Mund weit geöffnet.

Nun unterbrach auch der Junge die bedächtigen Kaubewegungen.

„Vater!“, stieß er hervor, setzte den Napf auf die Erde und wollte sich über ihn beugen. Er hielt aber ein, und einen Moment lang sah es so aus, als lauschte er einem Geräusch in seinem Körper, bis auch er stöhnte und sich krümmte.

Sackett und Marja Carrington sahen sich an. Sackett grinste kalt. Marja Carrington setzte den Teebecher auf die Erde und erhob sich, Furcht im Blick vor dem, was sie eben angerichtet hatte. Nämlich ein vergiftetes Essen für die Bensons!

Sackett griff nach dem Gewehr und erhob sich ebenfalls, den Blick auf die Bensons gerichtet, die beide am Boden kauerten und sich unter immer heftigeren Schmerzen und Krämpfen wanden und krümmten.

Da sah der Junge auf. Ihre Blicke begegneten sich. Sackett gab sich nicht die geringste Mühe, sein Lächeln zu verbergen.

Der Junge begriff sofort, was ihm und seinem Vater geschehen war.

Er stöhnte verzweifelt. „Sackett, du Bastard!“, keuchte er. Sein Blick irrte zu Marja Carrington, die weit hinter das Feuer getreten war, so dass man nur ihr helles Gesicht und das weizenblonde lange Haar erkennen konnte.

„Marja, du gemeine …“

Ein gurgelnder Ton kam ihm über die Lippen. Die Hände auf den Leib gepresst sank er vornüber. Doch er raffte sich noch einmal auf, sah Sackett hasserfüllt an und griff zum Revolver.

Sacketts Lächeln wurde grausam. Er hob das Gewehr etwas an, erwartete aber nicht, dass der Junge noch die Kraft besaß, um das Eisen aus dem Leder zu ziehen.

Benson rührte sich schon nicht mehr. Er lag in einer Haltung auf der Seite, als wäre er erstickt.

Doch der Lebenswille des Jungen saß tiefer. Die fürchterlichen Schmerzen in seinen Eingeweiden konnten ihn nicht so rasch erledigen. Er bekam die Waffe aus dem Halfter. Sein Blick glitt von Sackett ab. Er suchte Marja.

„Du gemeine Verräterin!“, keuchte er und zielte in ihre Richtung.

Sacketts Gewehr krachte. Die Hand des Jungen flog zurück. Der Colt war weg.

Sackett hatte ihm die Waffe weggeschossen.

Der Junge hielt die Hand vor das Gesicht, um sich die Verletzung zu betrachten, ließ aber davon ab, da die Schmerzen und Krämpfe in seinem Innern stärker und fürchterlicher waren. Er fiel auf den Rücken und rollte sich auf die Seite.

Sein Todeskampf war nur kurz.

Sackett ließ das Gewehr sinken und schaute zu Marja hinüber, die sich wieder näher wagte, nachdem das furchtbare Keuchen und Röcheln der Männer nicht mehr zu hören war

„An die Arbeit, Marja!“, sagte er mit fester Stimme. „Wir müssen dafür sorgen, dass nur die beiden gefunden werden. Dann nichts wie weg hier!“

Er ließ sie stehen, lief hinaus in die Nacht und holte sein Pferd.

Marja räumte inzwischen die Sachen zusammen, die sie zum Lagern vom Wagen geladen hatten. Sackett schirrte die vier Zugtiere ein, band seinen Braunen hinter den Wagen, schnallte die Decke herunter und verwischte damit die Spuren. Er beseitigte die Spuren mit viel Sorgfalt und dachte dabei nicht an die Zeit, die er damit verlor. In Wirklichkeit hoffte er, dadurch welche zu gewinnen.

Das Feuer ließ er herunterbrennen.

Marja Carrington wartete auf ihn am Wagen.

„Ich hätte es mir gern einmal angesehen, Daniel“, empfing sie ihn.

Sackett blieb stehen, ließ die schmutzige Decke sinken und suchte in der Dunkelheit Marjas Blick. – Daniel! Wie lange war es her, dass sie ihn so genannt hatte. Und wie sie es gesagt hatte!

Er lächelte, aber dieses Lächeln gerann ihm sofort, als er daran dachte, wer die Frau wirklich war, die da vor ihm stand und ihn nun zu betören versuchte, wie sie ihn schon einmal betört hatte – wie es ihre Art war, Männer zu umgarnen, von denen sie sich etwas versprach.

„Jetzt nicht!“, wehrte er ihre Bitte ab, die er ihr in früheren Jahren bedenkenlos erfüllt hätte, ob ihm Yordy Fisher im Nacken gesessen hätte oder nicht.

„Ich habe es nie gesehen“, erklärte sie hartnäckig.

„Steig auf!“, knurrte er. „Wir müssen los. Ich verspüre nicht die geringste Lust, mich hier von Yordy Fisher oder seinen Leuten schlachten zu lassen.“

„Sind sie wirklich in der Nähe?“, fragte sie erschrocken. „Ich dachte, du hast es Benson nur erzählt, um ihn vielleicht doch noch umzustimmen.“

„Fahr los!“, erwiderte er schroff. „Ich laufe hinterher, um die Wagenspuren zu verwischen. Hinter dem Felsen wird mir der Wind helfen. Wir fahren nach Norden.“

Sie machte widerspruchslos kehrt. – So gut kannte sie ihn noch.

Sackett lächelte und sah ihr nach. Sie schien seinen Blick zu spüren, denn trotz der Dunkelheit wiegte sie sich in den Hüften. Es war ihre Art, in für sie aussichtsloser Lage ihre weiblichen Reize in die Waagschale zu werfen.

Eine Frau wie Marja hatte damit immer Erfolg. Sackett wusste das, und er erinnerte sich in diesem Moment auch daran. Trotzdem wurde sein Atem schwer, und das Verlangen nach ihr regte sich in ihm. Fast war er versucht, ihr nachzurennen und sie in die Arme zu nehmen.

Doch da fuhr der Wagen schon an.

Sackett fluchte, freilich, ohne sich darüber im klaren zu sein, ob er froh war oder enttäuscht.

Nur eins begriff er in diesem Moment, als der Wagen anfuhr. Vor ihren Reizen hatte er sich mehr in Acht zu nehmen als vor Yordy Fisher und dessen Sattelwölfen. Schon allein deshalb, weil die Bereitschaft, sich von diesen Reizen überwältigen und besiegen zu lassen, mit jeder Meile wachsen und zunehmen würde, die er mit ihr allein zurücklegte.

Er lief fast vier Stunden hinter dem Wagen her und kehrte die Spuren mit der Decke aus.

Als sie auf das freie Land kamen, über das der Wind wahre Wolken von Sand und Staub blies, warf er die Decke in den Wagen, lief nach vorn, kletterte zu ihr und nahm ihr Peitsche und Zügel aus den Händen. Sie machte es sich an seiner Seite bequem und schlief ein.

Als der Morgen graute, suchte er ein Versteck, da die Tiere unbedingt längere Zeit ruhen mussten. Er fand kurz vor Sonnenaufgang eine kleine Mulde, in der Gras stand, und in der sich auch ein Wasserloch befand.

Marja wurde sofort wach, als der Wagen stehenblieb. Sackett grinste ihr zu und kletterte unter die Plane. Bevor er sich um die Pferde kümmerte, wollte er die Beute in Augenschein nehmen.

Marja folgte ihm, half ihm aber nicht, sondern sah gespannt zu, wie er Säcke und Besenbündel von hier hin nach dort hin räumte, um die große mit Eisenreifen beschlagene Kiste zu suchen.

Allmählich begann er zu fluchen. Hin und wieder sah er Marja ratlos an. Sie zuckte nur mit den Schultern.

Er warf an der einen Seite schließlich die Plane zurück und schleuderte den gesamten Krempel, den die Bensons zur Tarnung mitgeschleppt hatten, hinaus.

Die Kiste fand er trotzdem nicht. Sie befand sich nicht auf dem Wagen.

Sackett sprang hinunter und suchte den Wagenboden ab.

Marja stieg ebenfalls ab. Auf den Knien unter dem Wagen hockend konnte er dabei für einen Moment ihre langen und schlanken Beine sehen. Er sah zwar hin, rein instinktiv, doch er sah ihre hübschen Beine nicht wirklich.

Als sie unter den Wagen blickte, kroch er fluchend darunter hervor.

„Ich wollte mir eigentlich noch heute Nacht den Rest des Giftes von dir aushändigen lassen“, sagte er missmutig. „Aber behalt‘ es ruhig.“

„Es ist nichts übriggeblieben“, sagte sie. „Ich habe alles ins Essen geschüttet.“

Sackett hörte gar nicht hin. Er spie aus und fluchte wieder. „Walt Benson, dieser alte Gauner, ich habe ihn unterschätzt! Wo, zum Teufel, ist diese verdammte Kiste geblieben?“

Marja zuckte die Schultern. „Sie ist immer auf dem Wagen gewesen. Ich weiß es!“

Sackett lachte roh. „Dann hätten wir sie finden müssen. Also los, denk nach! Wann hast du sie zum letzten Male gesehen?“

„Eigentlich habe ich sie nur gesehen, als wir sie aufgeladen haben. Ich habe den Männern dabei geholfen.“

„Wo habt ihr überall angehalten?“

Marja zuckte abermals die Schultern. „Eine größere Rast haben wir nur in Tucson gemacht.“

Sackett biss sich auf die Lippe und dachte lange nach. „Wir müssen zurück nach Tucson“, sagte er schließlich.

 

 

2

Hep saß faul und träge unter dem Lattendach des Marshal-Offices und träumte vor sich hin, die Hände über dem Bauch gefaltet und den alten durchgeschwitzten und verstaubten Filzhut über die Augen gezogen, dessen Farbe längst nicht mehr zu bestimmen war.

Jimmy Copper, der jüngste Sohn des Circle C-Ranchers, betrachtete ihn eine Weile und nahm ihm dann den Hut weg.

„Altes Rüsselschwein!“, sagte er kopfschüttelnd.

Hep streckte die Linke aus, nahm ihm den Hut aus der Hand und drückte ihn sich wieder auf den Schopf und über die Augen. „Ich bin hier für Ruhe und Ordnung verantwortlich. Vor allem für die Ruhe in der Stadt. Versuche also nicht, mich auf die Beine bringen. Es könnte schlecht für dich ausgehen, mein Junge. Ich vertrete den Marshal. Damit ist also klar, dass ich nicht nur den Stern trage, sondern auch den Jailschlüssel ständig bei mir habe.“

„Ich wollte dich ja nur dazu bringen, einen Blick zum Emporium zu werfen“, erwiderte Jimmy.

„Nicht bei dieser Hitze!“

„Vor dem Warenhaus steht der alte Maultierzüchter mit einem seiner Missouri-Elche, auf dem er zwei Leichen in die Stadt gebracht hat“, sagte Jimmy trocken. „Und da steht er nun und weiß nicht, was er mit den Toten machen soll. Eben hat ihm jemand geraten, dich mal zu fragen.“

„Reite nicht schon wieder auf unserer Freundschaft herum!“, warnte Hep ohne aufzusehen. „Auch noch gestiefelt und gespornt! Niemand kann einen Assistant Marshal ungestraft ein Rüsselschwein nennen. Das macht drei Biere, mein Junge, oder du wanderst eine Woche in den Kahn. Überlege dir das eine Weile und sage mir Bescheid. Die Biere möchte ich aber gebracht haben. Hierher zu meinem Amtssitz. Für Tote und Schnapsleichen ist übrigens der Totengräber zuständig.“

Ein junger Mann kam vom „Emporium“ herübergelaufen.

„Mister Waller!“, rief er aufgeregt. „Gregor hat eben zwei Tote in die Stadt gebracht.“

„Noch so ein verdammter Hühnerknochen, der mich auf die Beine treiben will!“, knurrte Hep. „Das bringt mir einen satten Bierabend ein.“

Da reckte das eine Maultier vor dem Warenhaus den Schwanz empor, streckte den Hals und trompetete. Kurz aber laut.

Hep nahm den Hut herunter und sah Jimmy gereizt an. „Steh hier nicht rum! Bier gibt es in Rip O'Hagans Laden.“

„Mister Waller, es sind die beiden Handelsreisenden, die Gregor in die Stadt gebracht hat!“, rief der junge Mann und kam die Stufen zum Marshal-Office heraufgestolpert.

Hep sah ihn verärgert an, ließ aber sofort die Kinnlade sinken, als er hinter ihm, auf der anderen Straßenseite, Gregor mit einem seiner Maultiere erblickte, auf dem tatsächlich zwei Männer lagen. Und beide waren tot. Das sah er sofort.

Er stülpte sich den Hut über das feuerrote Haar und stemmte sich aus dem Stuhl.

„Zum Teufel noch mal!“, knurrte er. „Was ist denn hier los?“

„Die beiden Handelsreisenden, Sir!“, sagte der junge Mann aufgeregt.

Hep griff nach seiner Schulter und zog sich an ihm vorbei. „Ja, ja! Ich bin ja schon in Aktion“, sagte er und lief los. Er sprang die Stufen hinab, und nach zwei Schritten rannte er schon.

Gregor, der russische Emigrant, der seinem Zaren die Gefolgschaft aufgekündigt hatte, weil er wegen eines kleinen Gelegenheitsdiebstahls gleich nach Sibirien hatte gehen sollen, blickte ihm gespannt entgegen.

Gregor war ein großer massiger Bursche, der trotz der Hitze einen Zottelpelz und eine Biberfellmütze trug, als befände er sich auf dem Marsch in die Eiseskälte von Sibirien. Er stand am Straßenrand und hielt die Leine des Maultieres, auf dessen Rücken die beiden Männer lagen, die erst vor Tagen mit einem Planwagen in Tucson Station gemacht hatten.

Hep musste sofort an die junge blonde Frau denken, die sie dabei gehabt hatten.

Neugierige hatten das Maultier umringt. Der Gehilfe aus dem Emporium hatte einen der Toten am Schopf gepackt und hielt seinen Kopf hoch.

„Ja, das ist Mister Benson“, sagte er, als Hep näher trat.

„Platz da, Leute!“, knurrte Hep. „Geht mal an die Seite! – Gregor, wo kommst du denn damit her?“

„Ich gefunden Männerrr in Wüste“, sagte der Russe. „Sind tott. Aberrr warrrum?“

Hep sah sich die Männer an und ging einmal um das Maultier.

Erschossen worden waren die Männer nicht. Auch nicht erstochen.

„Das ist aber seltsam“, meinte Jimmy, der ihm gefolgt war.

„Der Junge ist an der linken Hand verletzt“, sagte jemand aus der Menge.

Hep sah sich die Hand an. „Zum Kuckuck! Aber daran kann er ja nicht gestorben sein.“

Auch Jimmy sah sich die Hand an. „Sieht aus, als wäre ihm die Waffe aus der Hand geschossen worden.“

„Keine Würgemale, nichts!“, sagte Hep.

„Sagge ich doch“, meinte der Russe. „Männerrr gestorrrben, warrum? Einschlägen von Hitze?“

„Vielleicht verdurstet“, meinte der Gehilfe aus dem Emporium.

Gregor warf die Arme hoch. „Männerrr geleggen an Wasserloch, großes!“

„Vielleicht sind sie von Klapperschlangen gebissen worden“, sagte der Emporium-Gehilfe.

Hep schlug ihm auf die Schulter. „Schon gut, Rusty-Bubi! Mach mal eine Staubwolke! Aber hinter dir. Saus mal zum Doc!“

Der Gehilfe rannte sofort los, Hep nickte und sah Gregor an. „Und der Wagen und die Frau, Gregor? Sie sind doch zu dritt mit einem Wagen unterwegs gewesen.“

Gregor schüttelte heftig den Kopf. „Nix! Nix Wagen, nix Frau! Nurr Männerr geleggen an Wasserrrloch. Nix Spuren. Kein garr nix. Nur Männerrr und viel tott!“

„Ja, die sind wirklich mausetot“, sagte Hep und sah Jimmy an. „Toter geht‘s fast nicht.“

„Der Doktor!“, rief jemand aus der Menge.

Alle sahen sich um. Dr. Mills und der Gehilfe kamen über die Straße.

Der Doktor hatte seine schwarze Tasche mitgebracht. „Da kann ich aber nicht mehr helfen“, sagte er, als er den Toten in die Gesichter blickte.

„Denen nicht!“, grinste Hep sauer. „Aber mir schon! Woran sind die bloß gestorben?“

„Sieht nach Gift aus“, erwiderte der Doktor, trat an das Maultier und hob dem älteren Mann ein Augenlid hoch, besah sich die Finger und schaute ihm wieder ins Auge. „Ja, Gift!“

„Klapperschlange!“, meinte Hep und stemmte die Fäuste ein.

Mills sah ihn an. „Nein! Vergiftet.“

Hep machte schmale Augen. „Mit was denn?“

Der Doktor zuckte die Schultern. „Da muss ich obduzieren.“

„Ja, einverstanden!“, erwiderte Hep. „Aber nicht in meiner Nähe.“

„Kommen Sie, Gregor!“, sagte Dr. Mills.

„Wohin? Möchte ich werrrden loss tottes Männerrr!“

„Geh mit ihm“, sagte Hep. „Grrr … großes Wasserloch, wo?“

„Im Osten!“, erwiderte Gregor. „Vier Meilen von Strrrraße.“

„All right“, sagte Hep. „Ich sehe mir das an. Ich warrr … Gregor macht mich mit seinem Gerede ganz besoffen. Ich warte, bis Sie die Toten obustiert haben, Doktor.“

„Obduziert“, verbesserte der Doktor.

Hep nickte. „Rrrr – richtig! Genau das sage ich doch!“

Der Doktor lief über die Straße. Gregor, der Russe, folgte ihm mit dem Muli.

Hep sah Jimmy an. „Sie hatten auf ihrem Frachtwagen nur Brrrru …“

„Bürsten und Besen“, sagte Jimmy und grinste.

Hep spie aus. „Was grinst du denn so schwachsinnig?“

„Na, siehst du! Es geht ja schon wieder.“

„Was?“

Jimmy wedelte mit der Hand. „Na, dein Gewurschte mit der Zunge.“

„Ich wollte nur rrrr … ich wollte nur rrrraaa … Ich wollte nur noch rasch ein Bier zu mir nehmen.“

Jimmy schlug ihm auf den Rücken. „Gregor, er ist wirklich ein Ass! Er ist der erste Mensch, der dich besoffen macht, ohne auch nur einen Cent dafür auszugeben.“

„Kannst du nicht mal eine Minute ernst sein? Da sind zwei Männer tott … tot in die Stadt gebracht worden.“

„Und du bist dafür zuständig“, griente Jimmy.

„Verdammich!“, schimpfte Hep. „Und wen setze ich ins Office? Der Marshal kommt erst in einigen Tagen zurück. Kann ich die Stadt ihrem Schicksal überlassen?“

„Hat mein Bruder diesen Fall vorgesehen?“

„Könntest du den Laden nicht übernehmen?“

Jimmy schüttelte den Kopf. „Mir würden jede Befugnisse fehlen. Aber ich könnte mich ja da draußen mal umsehen.“

Hep machte schmale Augen. „Sie hieß Marja, nicht?“

„Das ist doch bekannt“, erwiderte Jimmy trocken.

„Vor allem dir!“

„Du musst ja meine Hilfe nicht annehmen“, erklärte Jimmy verärgert.

Hep biss sich auf die Lippe und blickte brütend zu Boden. „Vergiftet! Weshalb wohl? Die Frau? Aber doch nicht wegen der verdammten Bürsten und Besen. Keine zehn Wagenladungen davon stellen ein so großes Vermögen dar, dass eine Frau ihren Mann und ihren Sohn vergiftet.“

Jimmy schüttelte den Kopf. „Benson war mit ihr nicht verheiratet.“

Hep ließ die Kinnlade sinken. „Nicht? – Und dir war das natürlich bekannt!“

„Brauchst du nun Hilfe oder nicht?“, wollte Jimmy wissen.

„Geh zum Doktor! Es könnte ja sein, dass sie schlechtes Fleisch gegessen haben. Das sollten wir schließlich wissen. Sobald er zu einem Ergebnis gekommen ist, könnten wir losreiten.“

Jimmy zuckte die Schultern und wandte sich ab.

Hep machte kehrt, blickte über die Menge hinweg, die immer noch beisammen stand und lief dann zum Hotel, in dem Benson mit seinem Sohn und der Frau zwei Tage gewohnt hatte.

Als er den Balkon betrat, kam Rip O'Hagan, dessen Frau das Hotel betrieb, aus dem Saloon, der an das Hotel angebaut war.

„Hallo, Hep!“, grüßte er und kam, auf den Stock gestützt, zu ihm. „Was höre ich gerade! Der Russe hat die Bensons tot in die Stadt gebracht?“

„Ja!“, erwiderte Hep verdrossen. „Ist deine Frau da?“

„Ja! Julie ist in der Küche. Was ist geschehen? Mord?“

Hep zuckte die Schultern. „Der Doktor macht die beiden gerade auf. Gift!“

„Was?“

„Benson war mit dieser blonden Frau gar nicht verheiratet?“, fragte Hep.

„Nein!“, sagte Rip O'Hagan und stützte sich schwer auf den Stock. – Er war vor etlichen Jahren Marshal gewesen, bis ihn Banditen gemein zusammenschossen.

„Das finde ich aber seltsam“, meinte Hep.

„Sie hat nicht einmal zu ihnen gehört!“, erklärte Rip O'Hagan. „Sie hat sich den Bensons nur angeschlossen, um nicht allein durch das Grenzgebiet reiten zu müssen. Benson wollte seine Waren in Texas und New Mexiko verkaufen. Er hat hier nur auf einen Mann gewartet. Schlau bin ich da auch nicht geworden. Sackett war sein Name. Es hat einen kurzen Streit zwischen ihm und Benson gegeben. Sackett ist sofort weggeritten, und Benson ist eine halbe Stunde später weitergefahren.“

„Mit der Frau?“

Rip O'Hagan nickte. „Ja! Sie haben die Stadt zu dritt verlassen. Mit dem Wagen. Wie sie zuvor angekommen sind. Wo ist der Wagen?“

Hep zuckte die Schultern.

„Von Marja Carrington hat Gregor auch nichts gesehen?“

Hep schüttelte den Kopf. „Na, ich schaue mich mal um. Hatte Benson nur Bürsten auf dem Wagen?“

„Bürsten und Töpferwaren. Das sagte er mir jedenfalls. Nachgesehen habe ich natürlich nicht. Wann kommt der Marshal zurück?“

„Das ist es ja! Cliff Copper ist nach Camp Lowell geritten. Darum muss ich die Pferdchen allein tanzen lassen. – Gib mir mal schnell ein Bier. Ich bin nämlich praktisch schon weg. Und das bei dieser Hitze.“

Sie gingen beide in den Saloon. Rip O'Hagan reichte ihm eines der ganz großen Gläser. Hep schüttete sich den Inhalt hinein wie Bachwasser.

„Ja, das wäre es dann eigentlich gewesen, was ich von dir wollte, Rip“, sagte er, als er das leere Glas auf den Tresen setzte und sich den Schaum vom Mund wischte. Dabei ließ er offen, ob er die Auskünfte meinte, die er erhalten hatte, oder das Bier.

„Ich schreibe es an!“

Hep nickte. „Aber nicht auf meine Kladde. Das geht auf Jimmys Hut.“

„In Ordnung! Was wirst du jetzt machen?“

Hep hielt sich die Hand vor den Mund, rülpste und schob Rip O'Hagan das Glas zu. „Noch eins! Jimmy ist ja für mich schon aktiv. Er wartet auf den Befund von Doc Mills. Auf jeden Fall werde ich etwas Gescheites unternehmen müssen. Das ist ja klar. – Zapf nicht zu schnell, Rip. Das gibt zu viel Schaum. Soviel Zeit ist immer. – Ich denke, ich suche den Wagen und die Frau.“

„Sie sind vielleicht an Bandoleros geraten“, meinte Rip O'Hagan, während er zapfte.

Hep ließ den Blick nicht vom Glas und leckte sich die Lippen. „Bandoleros arbeiten mit Blei und nicht mit Gift. – Streich ruhig den Schaum noch mal runter, Rip. Nur die Ruhe und Gelassenheit beim Zapfen, Rip. – Ich kann den Marshal ja nicht enttäuschen. Er hat mich zu seinem Vertreter gemacht, und da kann ich nicht zulassen, dass es gleich am dritten Tag drunter und drüber geht. Mit zwei Leichen und so, und keiner weiß, was passiert ist.“

Rip O'Hagan schob ihm das Glas über den Tresen. Voll bis zum Rand.

Hep nickte satt und zufrieden. „Auch auf Jimmys Hut?“, wollte Rip O'Hagan wissen.

Hep nickte abermals, führte das Glas zum Mund und wies auf einen leeren Glaskrug. „Zapf mal schon weiter! Ich nehme gleich noch eins. Weiß der Teufel, wann ich wieder mal dazu komme. Ich habe etwas Anstrengendes vor mir. Das spüre ich jetzt schon.“

Wieder rann ihm das Bier wie Bachwasser die Kehle hinab, während Rip O'Hagan den nächsten Krug zapfte.

Als Hep auch diesen Krug geleert hatte, kam Jimmy Copper von der Straße herein.

Der jüngste Sohn des Circle C-Ranchers grinste sauer.

„Das war das Rüsselschwein, Jimmy!“, empfing ihn Hep. „Ich habe die Sache gleich glatt gemacht. Also vergessen und gestorben.“

Rip O'Hagan sah verständnislos von einem zum anderen. „Alles geht auf deinen Hut, Jimmy? Drei Krüge!“

Jimmy kniff die Lider zusammen. „Krüge?“

Hep rülpste. „Es war ein großes Rüsselschwein – was sagt der Doktor?“

„Gift! Bohnen haben sie gegessen.“

„Was? Giftige Bohnen? Gibt‘s denn das? Also, da werde ich in Zukunft auf Bohnengerichte verzichten“, sagte Hep entrüstet.

„Die Bohnen doch nicht! Irgend jemand hat ihnen das Gift in die Bohnensuppe geschüttet. – Mir auch ein Bier, Rip.“

„Zu spät!“, knurrte Hep. „Jetzt müssen wir weg. Stell dir bloß vor, über diesen Giftmord wird mal geschrieben. Wir müssten uns ja glatt schämen, wenn der bebrillte Kakadu schreibt, dass wir uns erst mal voll Bier haben laufen lassen, bevor wir in der Lage waren, einen klaren Gedanken zu saßen.“

„Was wollt ihr tun?“, fragte Rip O'Hagan.

„Wir suchen den Wagen“, sagte Hep.

„Wir suchen Marja Carrington“, sagte Jimmy.

Details

Seiten
107
Jahr
2021
ISBN (eBook)
9783738949469
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v992306
Schlagworte
blut wölfe

Autor

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Titel: So rot wie das Blut der Wölfe