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Heiser gellt ihr Schrei

2021 108 Seiten

Leseprobe

Table of Contents

Heiser gellt ihr Schrei

Copyright

1

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Heiser gellt ihr Schrei

Circle-C-Ranch

Western von Bill Garrett

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 109 Taschenbuchseiten.

Der neue Major in Camp Lowell will um jeden Preis den Unruhestifter Asesino, einen Apachenführer, dingfest machen. In der Wahl seiner Mittel ist er dabei nicht zimperlich. Jimmy Copper und Hep Waller, die als Scouts für die Armee arbeiten, müssen sich nicht nur gegen seine Methoden, sondern auch gegen den Massenmord an Indianern durchsetzen.

 

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

Alfred Bekker

© Roman by Author

© COVER FIRUZ ASKIN

© dieser Ausgabe 202 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

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1

Jimmy Copper saß still im Sattel. Sein Blick glitt über das ausgetrocknete Creekbett hinweg. Schweiß rann über seine Wangen den Hals hinab. Die Stille ringsum war abgrundtief. Nichts regte sich da drüben zwischen den Felsen und dem Dornendickicht. Doch Jimmy spürte, dass er beobachtet wunde.

Es war so heiß, dass selbst die geringste Bewegung wahre Schweißausbrüche verursachte. Schatten gab es zu dieser Tageszeit nicht einen Fetzen. Das war das Schlimme.

Ein Häher schwebte im Steilflug auf die Felsgruppe da drüben zu. Jimmy Copper kniff die Lider zusammen und verfolgte seinen Flug. Da flatterte er schon wieder aufwärts. Aufgeregt schimpfend.

„Sieh mal einer an!“, raunte Hep Waller hinter Jimmy Copper.

Jimmy drehte sich nach dem rotschopfigen Cowboy um.

„Sie sitzen da drüben!“

Hep Waller schnitt eine Grimasse. „Sie sitzen drüben überall, diese verdammten roten Kanaillen!“, verbesserte er den Ranchersohn.

„Wir müssen herausfinden, wie viele es sind!“, flüsterte Jimmy. „Außerdem möchte ich wissen, wo die Wagen geblieben sind. Das alles wäre so verdammt wichtig.“

Hep Waller verdrehte die Augen. „Dass du immer alles zu deiner persönlichen Sache machst. Ich könnte mir glatt an den Arsch beißen, dass ich mich habe breitschlagen lassen, dem Major und seinen Soldaten den Weg zu zeigen. Irgendwann werde ich das bestimmt noch tun. Bin ich vielleicht dazu gemacht, mich an Asesino zu reiben, he?“

Jimmy blieb ihm die Antwort schuldig. Er schob eine Strähne seiner blonden Löwenmähne unter den Hut und brachte seinen Pinto in Gang. Langsam ritt er aus dem Gestrüpp und suchte einen Pfad in den Arroyo hinab.

Hep folgte ihm sofort.

Sie fanden eine flache Stelle und ritten in den Arroyo hinunter, die Blicke dabei auf das andere Ufer gerichtet.

Der Boden des ausgetrockneten Creeks war steinig. Die Hufe der Pferde klapperten überlaut, wie es den beiden Männern vorkam. Hep zog den Kopf ein und sah sich fortgesetzt um.

Quader und Skelettbäume, die von den Wassermassen bewegt und angeschwemmt worden waren, säumten die Uferstreifen. Schon nach vierhundert Yard stießen sie auf der anderen Seite auf eine sandige Stelle, die von der Uferböschung aus nicht einzusehen gewesen war.

Spuren von Maultieren und Wagenrädern führten darüber hinweg.

Jimmy spähte in die Runde, schwang sich vom Pferd, lief auf den Sand und kniete nieder.

Hep dehnte die Wangen zu einem säuerlichen Lächeln. Ihm war so mulmig zumute wie schon lange nicht. Er sehnte sich zur Circle-C-Ranch zurück, selbst wenn es dort keine andere Arbeit für ihn geben sollte als noch an diesem Tag den Schweinestall auszumisten.

Jimmy kam zurück. In seinen hellen Augen leuchtete es. „Sie sind hier entlang gezogen.“

Hep nickte. „Einer wie ich sieht das mit einem Auge.“

„Gerade eben, meine ich!“, erklärte Jimmy und saß wieder auf. „Vielleicht vor drei oder vier Stunden.“

„Mir kommen gleich die Tränen“, erwiderte Hep und sah sich wachsam um. „Gerade eben! Vor vier Stunden.“

„Wir nahmen doch die ganze Zeit an, die Kerle sind volle zwei Tage vor uns!“

„Das ist für mich auch kein Trost!“, brummte Hep. „Ich schlage vor, wir kehren um. Die Wagenspuren sind doch eine erstklassige Meldung für den Major.“

„Du kannst den Major nicht leiden, sprichst aber fortgesetzt von ihm“, sagte Jimmy und ritt an.

Hep trieb den Braunen vorwärts und hielt sich an Jimmys Seite.

Nach einer Viertelmeile stießen sie auf eine flache Stelle in der Uferböschung. Dort hatten die Wagen den Arroyo verlassen.

„Diese Hurensöhne!“, knurrte Jimmy. „Sie fahren mit ihren Wagen direkt in das Apachengebiet hinein.“

Hep grinste. „Das müssen sie ja nun wohl, wenn sie ihre Gewehre an Asesino verscheuern wollen. Der Häuptling soll mit blankem Gold zahlen. Da wir, wie mir scheint, mutterseelenallein auf dem direkten Weg zu Asesino sind, hätten wir ein paar von den rostigen Schießprügeln aus Joel Madsons Laden mitnehmen sollen.“

Sie verließen den Arroyo. Ein Stück hinter dem Creekbett waren die Wagenspuren deutlich zu sehen. Die Wagen waren eingeschwenkt und nur eine halbe Meile von dem Arroyo entfernt zurückgefahren.

Jimmy fiel der Häher ein. War der Vogel vor Weißen zurückgeschreckt und nicht vor Roten?

Er dachte zu spät daran.

Plötzlich krachte ein Schuss.

Jimmy und Hep zügelten sofort die Pferde und ließen die Gewehre sinken. Das Geschoss war dicht über ihre Köpfe hinweggeflogen. Beide hatten es pfeifen hören.

Da traten auch schon zwei Männer hinter den kahlen Felsschultern hervor, an denen die Wagen entlanggefahren waren. Die Gewehre auf die Reiter angelegt, tauchten sie auf und traten auf den Pfad.

„Hallo!“, sagte Hep trocken.

„Warum folgt ihr uns?“, hörten sie eine Stimme hinter sich.

Sie drehten sich vorsichtig um. Hinter ihren Pferden waren ebenfalls Männer aufgetaucht. Gleich drei. Auch sie hielten die Gewehre schussbereit in den Fäusten. Langsam kamen sie näher.

Hep schob die Winchester in den Scabbard und stützte die Fäuste auf das Sattelhorn.

„Ist das so schwer zu erraten?“, wandte er sich an die Männer vor ihnen. „Wir haben gedacht, unsere Gewehre zu den euren, das könnte schon etwas werden. Immerhin besser, als jeder für sich allein. In diesen Zeiten! Es soll hier schließlich vor Apachen wimmeln, wie anderenorts vor Klapperschlangen. Das haben wir jedenfalls in Camp Lowell zu hören bekommen.“

Einer der Männer kam näher. Er war ein großer massiger Mann. Er trug eine abgeschabte Lederjacke, einen Farmerhut und eine weite Farmerhose und hohe Stiefel. Trotzdem sah er nicht wie ein Farmer aus. Er wirkte eher wie ein kaltschnäuziger Spieler, der sich nur eben mal für eine dreckige Arbeit umgezogen hatte.

„Ja!“, sagte er zu Hep und zeigte auf ihn. „Dich habe ich in Camp Lowell auch gesehen. Und zwar mit Blaujacken zusammen.“

Hep grinste amüsiert und schob sich den Hut aus der Stirn. „Stimmt! Ich sauf nun mal gern. Wenn die Armee Zahltag hat, sauf ich mit den Soldaten. Löhnt Wells Fargo, bin ich unter den Kutschern zu finden. Treffe ich einen freigebigen Padre an, lass ich mir sogar aus der Bibel lesen, während ich seinen Wein probiere. Was nicht heißt, dass ich ein ausgesprochen gläubiger Mensch bin. Ich sauf auch Milch, wenn sie gehörig mit Whisky verpanscht ist. Bin ich deshalb eine Amme?“

Der Mann grinste. „Sicherlich nicht, Bruder Lustig! Aber wer mit den Soldaten reitet, reitet der nun gern oder ist derjenige scharf darauf, eine Kugel zwischen die Augen zu bekommen?“

„Bruder, das ist eine seltsame Frage!“

„Eine große Schnauze sitzt nicht unbedingt an einem großen Kopf!“

„Bruder, wir kommen vom Hundertsten ins Tausendste“, grinste Hep.

Dann flog er vom Pferd!

Auch Jimmy warf sich aus dem Sattel. Er hatte die ganze Zeit nur darauf gewartet. Sie hatten nebeneinander angehalten. Hep stürzte nach links hinab, Jimmy warf sich zur anderen Seite hinunter.

Die fünf schossen sofort. Ihre Gewehre zerfetzten die Stille förmlich, die ringsum in der brüllenden Hitze und zwischen den Felsen lastete. Sie hatten alle fünf auf die beiden Reiter angelegt, so dass ihre Geschosse aufwärts aus den Rohren peitschten. Doch die Bleihummeln fegten über leere Sättel hinweg. Wo die Circle-C-Männer eben noch waren, befanden sie sich nicht mehr.

Hep und Jimmy landeten auf dem Rücken. Hep hatte im Fallen den Colt gezogen, Jimmy die Winchester in die Richtung gebracht. Mit einem schnellen Blick hatte sich der Ranchersohn vergewissert, dass Hep nach hinten schießen würde. Dann spie seine Winchester schon Feuer und Rauch.

Er traf den Kerl in der Lederjacke mit dem ersten Schuss. Das Geschoss warf ihn nach hinten. Er taumelte vom Pferd und fiel gegen die Felswand. Aber das beobachtete Jimmy schon nicht mehr. Der zweite Mann hatte sich auf den Bauch geworfen und nahm ihn unter Feuer. Jimmy schoss schnell und wild, aber er traf auch. Als der zweite Schuss des anderen an seinem Gesicht vorbeipfiff, erwischte er ihn voll.

Jimmy warf sich trampelnd herum, das Krachen von Heps schwerem Revolver in den Ohren.

Von den drei Männern, die hinter ihm zum Vorschein gekommen waren, konnte Jimmy nur einen sehen. Er lag mitten auf den Wagenspuren, das Gesicht im Sand. Hep hatte ihn erschossen.

Doch wo waren die anderen? Auch Hep war weg.

Jimmy robbte zu einem Stein und nahm das Gewehr hoch, suchte ein Ziel.

Da vernahm er aus der Richtung, in der die Wagen entlang gefahren waren, Hufschlag. Es war der Hufschlag galoppierender Pferde.

Jimmy warf sich herum.

In diesem Augenblick krachte Heps Revolver. Hinter einem Fels schrie ein Mann getroffen auf. Heps Colt knallte wie verrückt. Jimmy flog hoch. Hep kam in langen Sätzen aus den Klippen gerannt.

„Jimmy! Weg hier!“, brüllte er.

Sie trafen sich bei ihren Pferden. Jimmy sah Hep fragend an, während sie sich in die Sättel schwangen. Aber Hep verlor nicht ein Wort. Er trieb seinen Braunen um die Hand und trommelte wie wild mit den Hacken gegen seine verstaubten Flanken.

Jimmy folgte ihm, blickte dabei aber zurück, da der Hufschlag hinter den Felsschultern prasselte. Schon den Bruchteil einer Sekunde später sah er die Reiter dort hervorgeschossen kommen. Es waren fast zwanzig Mann. Die ersten waren drei Weiße, der Rest aber Apachen.

Jimmy trieb seinen Pinto mit einem schrillen Schrei vorwärts. Und damit war die Jagd auch schon im Gang.

Hep galoppierte bereits in Richtung des Arroyos. Er sah sich um, das Gesicht bleich und verzerrt. Das war das letzte, was Jimmy von seinem Freund sah.

Als Hep in den Arroyo hinab verschwand, eröffneten die Verfolger das Feuer. Jimmy hörte, wie der Pinto getroffen wurde. Er fuhr sofort aus den Bügeln. Da brach das Tier auch schon unter ihm zusammen. Aus vollem Galopp heraus. Jimmy wurde hochgeworfen und flog durch die Luft. Es gelang ihm noch, das Gewehr aus dem Scabbard zu reißen. Mal sah er den Himmel, mal die Erde. Wie ein Ball wirbelte er durch die Luft. Er war schon oft vom Pferd gefallen, doch so lange war er nie in der Luft geblieben. Die Landung war hart. Er krachte auf den Rücken und wirbelte weiter, bis er mit dem Kopf aufschlug. Da verlor er auch sofort das Bewusstsein. Er kam noch einmal zu sich. Kurz nur. Über ihm beugte sich ein Apache herab. Jimmy schaute in sein wüst bemaltes Gesicht, das nicht nur von der ockergelben und weißen Lehmfarbe, sondern auch von den Narben der Kriegsweihe entstellt war. Der Krieger hielt eine Lanze in der Faust und holte aus, um zuzustechen. Die aus einem Kavalleriesäbel gehämmerte Spitze glänzte im Sonnenlicht.

Dann sank Jimmy in die Nacht zurück.

Hep fluchte und machte den Braunen noch einmal munter. Statt Jimmy erschienen die Verfolger auf dem Rand des Arroyos und warfen die Pferde hinab. Es krachte und splitterte unter den beschlagenen und unbeschlagenen Pferdehufen.

Hep galoppierte nach Norden, um nicht in die Nähe der Wagen zu kommen. Er galoppierte dicht an der stellen Uferböschung entlang, nutzte aber die erste flache Stelle, um den Arroyo wieder zu verlassen, da die gesamte Verfolgermeute, Weiße wie Rote, im Creekbett ritt und das Feuer auf ihn eröffnete.

Aber sie schossen zu hastig und zu wild.

Der Braune erklomm die Böschung und trug seinen Reiter aus dem Blickfeld seiner Feinde. Hep spornte ihn mächtig an, um so rasch wie nur möglich in den Schutz der Hügelkette zu gelangen, die sich eine Meile entfernt nach Westen hin erstreckte.

Als die Meute aus dem Arroyo gehetzt kam, betrug die Entfernung gerade vierhundert Yard. Der Pulk teilte sich. Es fiel kein Schuss mehr. Die Kerle wollten ihn lebend haben.

Hep ritt wie der Teufel.

Die ganze Zeit hatte er daran gedacht, in einem weiten Bogen zurückzureiten, um nachzusehen, was aus Jimmy geworden war und ob er ihm helfen konnte.

Der Anblick der Verfolger ließ ihn die Absicht vergessen.

Als er die Hügelkette erreichte, entdeckte er das dichte Dornengestrüpp zwischen den Hängen. Er musste die Richtung ändern, vor dem Dickicht entlangreiten, nach Norden oder Süden. Seine Verfolger hatten das gewusst und waren nach links und rechts ausgeschwärmt, um ihn entweder auf der einen oder auf der anderen Seite in Empfang zu nehmen.

Entsetzen packte ihn. Asesinos Apachen waren Teufel, die einen Mann, den sie erwischten, nicht einfach erschossen, sondern langsam, unendlich langsam zu Tode quälten.

Da fiel Heps Blick auf einen schmalen Wildwechsel. Im letzten Moment.

Rücksichtslos trieb er den Braunen hinein. Äste und Zweige peitschten ihn und das Pferd. Blut lief ihm sofort über das Gesicht. Die Jackenärmel wurden ihm aufgefetzt. Hep schlug auf den Braunen ein, um ihn in Gang zu halten.

Der Wildwechsel führte zwischen den Hügeln in unzähligen Windungen entlang nach Westen. Er wurde breiter, dann wieder schmaler. Oft war er so schmal, dass Hep nie schnell genug feststellen konnte, wo es weiterging. Aber der Instinkt des Braunen bewahrte ihn davor, sich in dem Dornendickicht festzureiten. Er führte ihn kaum, er trieb ihn nur vorwärts, damit er das Tempo behielt.

Plötzlich krachten Schüsse. Hep duckte sich über den Hals des Braunen. Einer Gruppe seiner Verfolger war es gelungen, den Weg auf einen Hügel zu finden. Sie waren nicht einmal ein Dutzend da oben. Der Rest war ihm auf den Fersen geblieben.

Plötzlich war das Dickicht zu Ende. Felsen türmten sich vor Hep auf. Er brachte den Braunen sofort in Galopp und jagte auf die ersten Schroffen und Türme zu. Er behielt die Richtung bei, um seinen Verfolgern nicht vor die Gewehre zu geraten, die die Hügelgruppe vielleicht umritten hatten. Er folgte einer engen Schlucht, die ihn auf ein kleines Plateau führte. Als er dort oben um einen Felskegel ritt, sah er die Verfolger aus dem Wildwechsel geritten kommen. Es waren zwei Weiße und ein Dutzend Apachen. Das konnte er deutlich erkennen. Sie mussten anhalten, um auf dem harten Boden seine Spuren zu suchen.

Als er im Westen abwärts ritt, sah er sie in die Schlucht hineinreiten.

Hep grinste zum ersten Mal wieder und trieb den Braunen nicht mehr so scharf, dessen Fell keine trockene Stelle mehr aufwies.

Die Sonne beendete ihren Kreisbogen. Der Himmel im Westen färbte sich pur pur. Von Osten her krochen die Schatten der Nacht in das Land.

Hep schwenkte nach Süden ein und blieb die ganze Nacht im Sattel, von den wenigen Pausen abgesehen, die er für das Pferd einlegen musste, um die Truppe des Majors so rasch wie möglich zu erreichen.

Als der Morgen graute, entdeckte er von einer Anhöhe aus die Reste einer überfallenen Siedlung. Hep traute seinen Augen nicht, als er unten zwischen den Trümmern, die noch entsetzlichen Brandgeruch verbreiteten, die Truppe des Majors entdeckte. Der Major war mit seinen hundert Männern so weit vorgestoßen, ohne eine Ahnung zu haben, wo sich Asesino befand.

Hep ritt hinunter. Die Wachen bemerkten ihn erst, als er schon fast unten war. Das freute ihn keineswegs. Im Gegenteil, es ärgerte ihn.

Er ritt auf einen der Posten zu, hielt bei ihm an und musterte ihn gereizt. „Du alter Hühnerknochen, du bist dir wohl gar nicht darüber im Klaren, bei wem ihr euch hier befindet?“

Der Kavallerist lachte. „Was ist denn mit dir los, Waller? Wo hast du den anderen gelassen?“

„Der ist von Asesinos Leuten geschnappt worden, und wenn hier jeder so pennt wie du, werden sie uns bald alle haben.“

Der Soldat riss die Augen, auf. „Was? Wo denn, zum Teufel?“

„Dort oben auf dem Hügel, du Armleuchter, und du hast das nicht einmal gesehen!“, knurrte Hep und trabte schnell weiter.

Hinter ihm nahm der Kavallerist den Karabiner von der Schulter und duckte sich erschrocken. „He, dort oben sind Apachen!“, rief er seinem Gefährten zu.

Ein baumlanger Sergeant kam hinter der ersten niedergebrannten Hütte hervor und rannte Hep in den Weg.

„Apachen? Auf dem Hügel dort?“, rief er aufgescheucht.

„Überall, ihr Paradeheinis!“, knurrte Hep. „Wo ist Captain Harricks? Ich muss zu ihm!“

„Der Captain ist eben zu den Pferden gegangen. Der Major wartet auf euch. Wo ist Jimmy Copper? Wir marschieren seit zwei Tagen wie Blinde, weil sich keiner von euch sehen lässt. Der Major kocht, weißt du das, du rothaariger Ziegenpeter?“

Hep gab dem Braunen die Sporen und galoppierte an Gewehrpyramiden, Gruppen von Soldaten und Kochfeuern vorüber durch die Ruinen der Siedlung.

Auf der anderen Seite standen die Pferde. Verwesungsgeruch schlug Hep entgegen. Im Osten war ein Begräbniskommando dabei, die Leichen der überfallenen Siedlerfamilie zu beerdigen.

Captain Joe Harricks war mit Jimmy Coppers Schwester Rosalie verheiratet. In Camp Lowell kommandierte er die A-Kompanie. Er war der hundert Mann starken Abteilung des Majors als Berater und Stellvertreter des Majors zukommandiert worden. Das war auch der Grund gewesen, weshalb sich Jimmy Copper und Hep Waller von der Armee vor dem Ritt als Scouts anwerben ließen.

Joe Harricks und der Master Sergeant der Abteilung waren dabei, sich vom Zustand der Pferde zu überzeugen. Als der Captain den Cowboy der Circle-C-Ranch über den Platz reiten sah, kam er ihm sofort entgegen.

Hep hielt und saß ab. „Jimmy ist von den Apachen geschnappt worden, Captain“, sagte er, während er sich den Schweiß aus dem bärtigen Gesicht wischte. „Ich brauche ein paar erfahrene Leute, die mir wenigstens Flankenschutz geben, damit ich mich noch einmal nach Norden wagen kann.“

Das Gesicht des Captains verhärtete sich.

„Wir haben die Wagenspuren gefunden“, sagte Hep. „Mitten im Arroyo des San Carlos. Asesinos Teufel mussten die Ladung gerade übernommen haben. Plötzlich waren fünf von den Schurken um uns herum, die zu dem Treck gehörten. Da ist es passiert. Sie haben Jimmy das Pferd unter dem Hintern weggeschossen. Mehr habe ich nicht beobachten können. Die Schakale haben mich getrieben, dass mir das Wasser jetzt noch im Hintern kocht.“

„Das war nicht euer Befehl, die Wagen zu suchen“, erwiderte Captain Harricks gereizt. „Weshalb, zum Teufel, seid ihr so weit nach Norden geritten? Seid ihr zuvor nicht auf Apachen gestoßen?“

„Natürlich! Aber Sie kennen doch Ihren Schwager, Sir!“

„Verdammte Schweinerei!“, schimpfte der Captain. „Kommen Sie, Waller! Wir müssen zum Major. Seit zwei Tagen wartet er auf Nachricht von euch. Ihr hattet doch einen Klaren Befehl.“

Der Master Sergeant war herangekommen. Er war ein großer stämmiger Mann von vierzig Jahren mit einem bulligen Gesicht und einem ziemlichen Hängebauch. Er maß Hep mit einem verächtlichen Blick.

„Einem Befehl zu folgen wird er schon noch lernen, Sir!“, meinte er zu Joe Harricks gewandt. „Die Kerle sehen ja jetzt, was sie davon haben. Lassen sich auch gleich schnappen!“

Joe Harricks lief los. Hep und der Master Sergeant folgten ihm.

Der Major hatte bereits Meldung bekommen, dass einer der Scouts zurückgekehrt war. Er wartete inmitten einer Gruppe Corporals und Sergeanten. An seiner Seite stand ein junger Lieutenant, mit dem er erst vor wenigen Wochen nach Camp Lowell versetzt worden war.

Einen Schritt vor ihm flatterte der Abteilungswimpel am Lanzenschaft im Morgenwind.

Captain Joe Harricks salutierte. „Dieser Scout ist eben zurückgekommen, Sir! Er meldet …“

„Ja!“, unterbrach ihn der Major gereizt. „Und diese Meldung soll er gefälligst selbst machen.“

Der Major war ein kleiner hagerer Mann mit einem Lincolnbart. Er sah Hep aus flackernden Augen an. Er kochte vor Wut.

„Ich habe eigentlich nicht viel Zeit“, sagte Hep. „Jimmy Copper ist von den Apachen geschnappt worden. Ich müsste schon wieder im Sattel sitzen.“

Der Major starrte Joe Harricks an, dessen Miene sich verdüstert hatte, als wäre ein Schatten einer dunklen Wolke darauf gefallen. Einige der Sergeanten und Corporals grinsten verstohlen.

„Captain!“, schnarrte der Major näselnd. „Und diese Leute haben Sie ausgesucht und mir empfohlen.“

Joe Harricks riss die Hacken zusammen. „Mister Waller und Mister Copper sind im Arroyo des San Carlos auf die Spuren der Waffenhändler gestoßen. Dabei sind sie von Weißen und von Apachen überfallen worden. Mister Copper wurde das Pferd weggeschossen. Wahrscheinlich befindet er sich in den Händen der Waffenhändler und Apachen.“

Harricks sah Hep fragend an. Hep nickte.

„Im großen Rahmen gesehen ist es das“, sagte Hep gnädig.

Der Major holte tief Luft. „Wann sind Sie zum ersten Mal auf den Feind gestoßen?“

Hep sah ihn verblüfft an. „Na, dort oben, Sir! Am San Carlos.“

Der Major machte schmale Augen. „Und zuvor sind Sie keinen Apachen begegnet?“

„Doch! Wir trafen eine Horde Jäger vor den Santa Teresa Bergen, und dort haben wir auch ein Indianerdorf gesehen. Aber die gehörten alle nicht zu Asesinos Leuten.“

Der Mund des Majors war nur ein schmaler blutleerer Strich. „Und das wissen Sie genau!“

Hep zuckte die Schultern. „Ziemlich genau.“

Der Major reckte sich.

„Aber ich weiß noch mehr“, sagte Hep, bevor der Major Luft holen konnte. „Asesino verfügt jetzt über vierhundert erstklassige Winchestergewehre, und die Schurken, die ihm die Gewehre gebracht haben, sind schon dabei, die roten Teufel mit dem Umgang vertraut zu machen. Die Apachen sind geschickte Leute, so dass Asesino seine Horde nicht lange drillen muss. Ich möchte wetten, er befindet sich bereits im Anmarsch. Wir haben in den Teresa Bergen mit einem alten Indianer gesprochen. Er verriet uns, dass Asesino diese Abteilung angreifen und vernichten will. Und Asesino ist einer, der sein Wort hält, Sir. Es wäre deshalb geboten, erst einmal den Schwanz einzuziehen, Sir. Sie sollten sich in das Gebiet von Cochises Stamm zurückziehen und auf Verstärkung warten.“

Der Major war rot und blass geworden. Das Blut schoss ihm mehrmals in den Kopf. Er wedelte wild mit der Hand, als wollte er Hep links und rechts auf die Rippen schlagen.

„Sie haben mit einem Apachen gesprochen!“, brüllte er. „Und weshalb, zum Teufel, haben Sie den Schurken nicht überwältigt und als Gefangenen mitgebracht?“

Hep sah ihn verblüfft an. „Er gehörte nicht zu Asesinos Leuten, Sir. Außerdem hat er gesagt, was er wusste. Was wollen Sie denn von ihm?“

„Corporal Reed!“, bellte der Major.

Ein alter Kavallerist trat nach vom und riss die Hacken zusammen. „Zur Stelle, Sir!“, meldete er zackig.

Der Major zog die Mundwinkel herab. „Übernehmen Sie diesen Zivilisten, Corporal. Er steht ab sofort unter Arrest. Ich gebe Ihnen den Auftrag, ihm die Manieren beizubringen und die Flötentöne, die in der Armee üblich sind. Sollte ich ihn noch einmal auf Patrouille schicken und er tritt so vor mich hin wie hier, und er ist nicht in der Lage, mir eine anständige Meldung zu machen, und er redet, wenn er nicht gefragt ist, darauflos wie ein Baumwollpflücker aus Missouri, geht Ihnen das Donnerwetter an den Hals, Reed. Ihnen, nicht ihm. Ist das klar?“

Der Corporal grinste, riss abermals die Hacken zusammen und salutierte stramm. „Aye, Sir! Zu Befehl!“

„Abtreten mit dem Mann!“, schnarrte der Major.

Der Corporal machte auf dem linken Absatz kehrt, starrte Hep an und brüllte: „Habt Acht!“

Hep grinste.

„Nehmen Sie gefälligst Ihre krummen Knochen zusammen, wenn ich habt Acht kommandiere“, sagte der Corporal ruhig und lächelte gelassen. „Das geht so!“

Er machte es Hep vor. Stellte sich bequem und riss plötzlich die Sporen aneinander und reckte sich, Hände an der Hosennaht, Kinn an die Brust gezogen. Genau der Heeresdienstvorschrift entsprechend.

„Kapiert?“

„Wer?“ Hep sah sich kurz um. „Ich?“

„Corporal, führen Sie den Mann doch einfach weg!“, raunte Captain Joe Harricks scharf.

„Abtreten und mitkommen!“, bellte der Corporal.

„Da muss ich aber protestieren“, sagte Hep wütend und starrte den Major an. „Was ich brauche, ist ein frisches Pferd und keine Manieren. Mein Freund sitzt dort oben am San Carlos …“

„Corporal!“, rief der Major schneidend.

Der Corporal trat nach vorn und ergriff Heps Arm, um ihn wegzuziehen. Doch dazu kam er nicht mehr. Hep feuerte zwei Haken ab, dass er auf einmal dort lag, wo er gerade noch gestanden hatte.

Der Major wurde blass.

„Waller!“, zischte Captain Harricks wütend.

„Wache!“, brüllte der Major.

Die Sergeanten und Corporals, die hinter ihm standen, waren schon in Bewegung. Sie stürzten an den Offizieren vorbei und warfen sich auf Hep.

Hep wehrte sich. Er erwischte den ersten Mann voll am Kinn und schickte auch noch einen Sergeanten mit einem Leberhaken zu Boden. Doch damit hatte es sich für ihn. Die Chargierten warfen sich einfach auf ihn und rissen ihn zu Boden. Das alles spielte sich schließlich vor den Augen ihrer Offiziere ab, und so bekam Hep ihren ganzen Eifer voll zu spüren. Immer wieder flog einer von ihnen von Heps Fäusten oder Füßen getroffen aus dem Knäuel heraus. Doch die Soldaten waren längst auf das Geschehen aufmerksam geworden und kamen ihren Zug- und Gruppenführern zu Hilfe. Keiner kannte Gnade. Sie schlugen den wild um sich hauenden und tretenden Rindermann erbarmungslos zusammen.

Der Major wandte sich angewidert ab und winkte Joe Harricks und dem jungen Lieutenant. Einer der Soldaten zog den Abteilungswimpel aus dem Sand, folgte ihnen und stach die Lanze wieder in den Boden, als der Major stehenblieb und sich seinen beiden Offizieren zuwandte.

„Unser Befehl ist klar“, sagte er scharf. „Wir haben Asesino zu stellen und zu vernichten, ob er die vierhundert Winchestergewehre nun besitzt oder nicht. Ein Gewehr haben, heißt ja nicht unbedingt treffen zu können. Und sehen Sie sich hier um! Unsere Soldaten beerdigen nicht nur Männer, die hier gekämpft haben, sondern auch Frauen und Kinder, die von den Apachen scheußlich zugerichtet worden sind. Das muss einfach gesühnt werden. Und dazu fühle ich mich nach diesem Anblick berufen. – Captain?“

„Darf ich mir eine Bemerkung erlauben, Sir?“, fragte Harricks.

Der Major nickte gnädig.

„Der Scout ist ein undisziplinierter Kerl, ich weiß. Aber ich kenne ihn. Er ist hier zu Hause. Er kennt jeden Weg und jeden Steg, und er kennt vor allem die Apachen. Seine Meldung war unlogisch und verworren. Doch die Fakten sind absolut zuverlässig und verwertbar. Dafür übernehme ich die Verantwortung, Sir!“

„Harricks!“, lächelte der Major. „Ich weiß, was Sie bewegt. Der Scout, der verlorengegangen ist, war ein Verwandter von Ihnen. Der Bruder Ihrer verehrten und reizenden Frau Gemahlin! Wenn ihn die Apachen erwischt haben, ist er verloren. Vermutlich ist er schon tot. Ich fühle mit Ihnen. Aber wir sind doch Soldaten. Der Tod begegnet uns hier auf Schnitt und Tritt. Wir werden sie alle rächen. Und das wollen wir auch für Ihren Verwandten tun.“

Er reckte sich.

„Die Abteilung marschiert weiter! Nach Norden. Im Eilmarsch. Der Antrag ist klar. Wir jagen Asesino, und wir werden ihn fangen. – Lieutenant! Suchen Sie sich vier Männer aus und reiten Sie voraus! Dieser Feldzug, Lieutenant, öffnet Ihnen die Tür zu einer großen Karriere. Bewähren Sie sich!“

Der Lieutenant wurde rot und riss die Hacken zusammen.

„Aye, Sir!“

„Abtreten!“

Der Lieutenant salutierte, machte kehrt und marschierte davon.

„Geben Sie ihm Hep Waller mit, Sir“, raunte Joe Harricks.

Der Major sah ihn gereizt an. „Hören Sie endlich damit auf, mir dauernd die Fähigkeiten solcher Kuhtreiber zu offerieren.“

 

 

2

Der Weiße mit der Lederjacke neigte sich vor und blickte Jimmy Copper in die Augen.

„Hör mal zu, mein Bruder!“, raunte er gereizt. „Dieser Rote da ist Asesino. Und dieser Bursche ist kein wild angemalter Hampelmann. Rede! Antworte ihm, sage ich dir. Ich kann hier nicht ewig um dein Leben bitten. Sie schleifen dich zu Tode, wenn du das Maul nicht aufmachst. Also wie stark ist die Abteilung? Wohin marschiert sie?“

Jimmy blickte an ihm vorbei und sah den großen Indianer an. Er war nicht nur groß, sondern auch muskulös. Seine nackten braunen Oberarme zierten viele Narben. Er trug eine Kette aus Bärenzähnen um den Hals. Seinen fettigen schwarzen Haarschopf bedeckte der Hut eines Generals der US Grenzkavallerie, in dessen Band eine Adlerfeder steckte.

„Ja, ich schenke dir das Leben, wenn du redest“, sagte er in fast akzentfreiem Englisch. „Mein weißer Bruder Slatermeier bat dir Fragen gestellt. Antworte!“

Jimmy sah von einem zum anderen. „Slatermeier, du bist ein Schwein!“

Slatermeier grinste kalt, richtete sich auf und nickte Asesino, dem Apachenhäuptling, zu.

„Er ist ein tapferer Mann, Asesino!“, sagte er spöttisch. „Er wählt die Marter.“

Asesino streckte die Hand aus. Einer seiner Krieger reichte ihm eine Lanze, die von oben bis unten mit Adlerfedern behängt war. Er holte damit aus und schlug das Ende dem eisengrauen Mustang auf die Kruppe.

Das Tier fuhr erschrocken zusammen. Der indianische Reiter trommelte ihm die Hacken in die Flanken, dass es davonschoss, wie ein von der Sehne geschnellter Pfeil.

Jimmy wurde vorwärts gerissen. Er breitete instinktiv die Arme aus, um nicht herumgeworfen zu werden.

Die Gesichter der Weißen und Apachen flirrten an ihm vorüber. Der Mustang ging mit ihm über Stock und Stein. Jimmy bekam jede Unebenheit in dem von der Sonne hartgebrannten Boden tausendfach zu spüren. Der Rote raste mit dem Mustang um den Platz. Jimmy wirbelte Staub auf. Schlag auf Schlag fuhr ihm durch den Körper. Seine ausgebreiteten Arme prallten gegen jeden Stein, der auf dem Weg lag.

„Mann, zieh die Flügel ein!“, rief einer, als er an der Gruppe der Weißen vorübergerissen wunde.

Jimmy verschränkte die Arme und spreizte die Beine, um in Rückenlage zu bleiben. Der Apache trieb den Mustang noch einmal scharf an. Dann stoppte er. Jimmy blieb in einer Staubwolke liegen.

Slatermeiers Gesicht tauchte über ihm auf.

„Na, willst du nun reden?“

Jimmy spie aus.

„Du bist verrückt!“, schnaufte Slatermeier wütend. „Du bist wirklich verrückt. Von mir aus krepier!“

Er wollte weggehen. Doch da trat Asesino hinzu. Er beugte sich über Jimmy.

„Warum redest du nicht? Egal wie viele Pferdesoldaten es sind. Sie gehen mir hier am San Carlos River in die Falle. Dein weißer Bruder ist entkommen. Er wird berichten. Die Soldaten wenden kommen. Asesino braucht nur zu warten.“

Jimmy nahm alle Kraft zusammen und krümmte sich wie eine Stahlfeder und schnellte die Beine hoch. Er traf Asesino voll. Mit beiden Stiefeln. Sie krachten ihm unter das Kinn, dass er zurückflog und sich am Boden überschlug. Sein komischer Hut flatterte durch die Luft und rollte dann auf dem Rand durch den Sand.

Der Krieger wollte den Mustang wieder vorwärts treiben. Rote und Weiße traten sofort zurück, um den Weg zur letzten Runde freizugeben.

Doch Asesino war schon wieder auf den Beinen. Seine Stimme hallte über den Platz. Er sprach Apache. Der Krieger saß ab und band das Lasso von Jimmys Brust.

Slatermeier beugte sich über Jimmy.

„Hast du das gehört? Jetzt steht dir vielleicht etwas bevor! Asesino hält dich für einen tapferen und unerschrockenen Kämpfer. Er glaubt, dass du nicht einfach tot zu kriegen ist. Sie holen vier Mustangs, die dich zerreißen sollen. – Du bist ein Idiot! Jetzt kann ich nichts mehr für dich tun.“

„Asesino will mit ihm kämpfen, Slatermeier“, sagte einer der Weißen, der neben dem Waffenhändler aufgetaucht war.

Da trat Asesino schon auf sie zu. Jimmy wurde von zwei Apachen gepackt und hochgerissen. Rechts von ihnen entstand Bewegung. Jimmy schielte hinüber, als er Pferde wiehern hörte. Die Apachen trieben vier Mustangs auf den Platz. Jimmy wurde langsam schlecht.

Asesino gab ihm ein Messer. „Kämpfe mit mir und beweise deinen Mut“, sagte er. „Wenn du mich besiegst, bist du frei. Da, sieh die Mustangs! Sie werden dich zerreißen, sobald ich dich besiegt habe.“

Jimmy nahm die Klinge in die Faust. Die Schalen waren locker und die Spitze war stumpf. Das Messer, das Asesino in der Hand hielt, war lang und an beiden Seiten scharf geschliffen. Mit der Spitze schien man einen Stein anstechen zu können.

„Bist du einverstanden?“, fragte Asesino.

Jimmy strich sich das Haar aus der Stirn und nickte. Asesino war so groß wie er. Trotzdem kam er ihm kräftiger vor, als er selbst war. Schon das Spiel der Muskeln seiner Arme und des nackten Oberkörpers war beeindruckend.

Indianer und Weiße traten zurück. Jimmy und Asesino sahen sich in die Augen. Jimmy wusste, weshalb Asesino mitkämpfte. Er musste das tun, um sein Gesicht zu wahren. Schließlich war er von einem gefolterten und gefesselt am Boden liegenden Mann niedergeschlagen worden. Deshalb war Asesino auch entschlossen, ihn umzubringen. Hass über diese erlittene Demütigung brannte in seinen schwarzen Augen.

„Greif an, Weißer!“, verlangte Asesino und stellte sich breitbeinig.

Stimmen wurden hinter Jimmy laut. Von den roten Zuschauern stritten sich zwei um die Plätze. Soviel verstand Jimmy von der Sprache der Apachen. Er hörte, wie sie miteinander rangen und sich dabei auf ihn zubewegten.

Jimmy schaute über die Schulter und trat zur Seite.

Da griff Asesino an!

Schnell und unheimlich wild ließ er sich aus dem Stand heraus auf seinen Feind fallen, der ihn in diesem Augenblick scheinbar gar nicht beachtete.

Jimmy wirbelte hemm und brachte sich mit einem Sprung in Sicherheit.

Asesino schoss an ihm vorbei, den rechten Arm weit vorgestreckt, das Messer in der Faust, als wollte er Jimmy von oben bis unten aufschlitzen.

Die streitenden Apachen waren sofort ruhig und lächelten böse.

Jimmy wandte sich Asesino zu. Dessen Augen blitzten wütend, weil diese Finte nicht geglückt war.

Jimmy schlug das Herz bis zum Hals. Die Geschichten über Asesino stimmten, er war ein heimtückischer und verschlagener Bastard. Fair war er nicht einmal im Zweikampf. Das schlechte Messer, das Jimmy von ihm bekommen hatte, und das Ablenkungsmanöver der beiden Apachen ließen ihn ahnen, was er in diesem Kampf an Tricks und heimtückischen Finten zu erwarten hatte.

Um von dem Ring der zuschauenden Apachen und Weißen wegzukommen, bewegte er sich rückwärtsgehend in die Mitte der Arena.

Asesino folgte ihm, den Kopf vorgestreckt und die Arme kampfbereit ausgebreitet.

Dann kam er wieder. Wieder war er unheimlich leichtfüßig und flink. Halbnackt wie er war, in der leichten Raulederhose und den Mokassins wirkte er geschmeidig und biegsam.

Jimmys schwere Stiefel trieben den Sand hoch, als er trampelnd zur Seite sprang. Asesino bekam ihn an der Jacke zu fassen, stellte ihm blitzschnell ein Bein und stach zu, während sie zu Boden stürzten.

Jimmy wehrte im Fallen den Hieb mit dem linken Unterarm ab.

Sekundenlang lagen sie reglos ineinander verknallt im Sand. Dann versuchte Asesino mit einem wütenden Ruck, die messerbewehrte Hand freizubekommen. Aber Jimmys Griff lockerte sich nicht. Es gelang Jimmy, die Knie unter Asesinos Körper an den Leib zu bekommen. Er schleuderte den Apachen zur Seite, warf sich hinterher und stach zu. Jimmy zielte genau auf Asesinos Herz. Doch Asesino zuckte geschickt zur Seite und stieß Jimmy die Linke entgegen, Mittel- und Zeigefinger vorgereckt. Er verfehlte Jimmys Augen um Haaresbreite. Schmerzhaft bekam Jimmy die Finger auf Nasenwurzel und Schläfe zu spüren, während sein Messer neben dem nackten Oberkörper in den Sand fuhr. – Die Klinge brach sofort weg. Jimmy hielt nur noch den Griff in der Faust, als er die Hand hochriss, um noch einmal zuzustechen.

Asesino lächelte böse.

Jimmy schlug ihm damit ins Gesicht, ließ ihn los und wirbelte zur Seite.

Sie kamen gleichzeitig auf die Füße.

Jimmy schnaufte und keuchte und erwartete, dass ihm ein Apache ein anderes Messer reichen würde. Aber nicht einmal Asesino schien daran zu denken. Obwohl der Kampf vor aller Augen von nun ab eine ungleiche Partie war.

Jimmy sah sich wütend um und schleuderte den Messergriff in die Reihen der Apachen. Murrend und Drohrufe ausstoßend wichen die Roten zurück.

In Asesinos Augen blitzte und leuchtete es verschlagen. Einer seiner Krieger hatte den Messergriff aufgehoben und warf ihn auf den Weißen.

Jimmy bekam den Griff in den Nacken, dass er erschrocken zusammenfuhr und sich wütend umdrehte.

Wie ein Schatten sah er Asesino angeflogen kommen.

Der große Apache prallte gegen Jimmys Rücken, umklammerte ihn mit der Linken und wollte zustechen.

Jimmy bekam das Handgelenk mit beiden Fäusten zu fassen, ging in die Knie und warf Asesino mit einem kräftigen, wütenden Schwung über sich hinweg in den Sand.

Der Häuptling krachte auf den Rücken und stieß einen knurrenden Laut aus. Dabei blickte er zu Jimmy hoch, der ihm den Arm aus dem Gelenk gedreht hatte. Kraftlos hing die Hand herunter. Das Messer fiel zu Boden.

Jimmy bückte sich danach, kniete sich auf Asesinos Brust und fuhr ihm wütend in den fettigen Schopf, dass er den Kopf nicht zurückwerfen konnte. Dabei drückte er ihm die lange und scharf geschliffene Klinge an den Hals.

Asesinos Blick war dumpf vor Schmerz. Schweiß stand auf seiner Stirn.

„Ich habe zu viel Leute im Rücken“, keuchte Jimmy. „Schick sie weg, oder ich schneide dir den Hals auf!“

Asesino schluckte. Die Spitze des Messers schnitt ihm sofort in die Haut. Ein dünner Blutfaden strömte aus der Wunde.

„Wenn einer schießt, falle ich nach vorn und drücke dir die Klinge zum Nacken hinaus!“, stieß Jimmy rasselnd hervor. Der Kampf hatte ihn angestrengt. Er war schweißnass. Die Sachen klebten ihm am Körper.

Asesino schielte zur Seite und stieß ein paar Worte hervor.

Hinter Jimmy entstand sofort Bewegung. Er warf einen flüchtigen Blick über die Schulter. Die Apachen liefen zur Seite und gingen alle nach vom zu den vier Frachtwagen, die vor der Felswand standen. Die Ladung, Gewehre und Munition, war von den Roten schon weggebracht worden.

Slatermeier löste sich aus der Menge und kam über den Platz.

„Kommen Sie mir nicht zu nah, Slatermeier!“, krächzte Jimmy.

„Was wollen Sie noch?“, knurrte Slatermeier. „Der Häuptling hat Ihnen die Freiheit zugesichert. Lassen Sie ihn aufstehen.“

Jimmy grinste kalt. „Auf sein Wort verlasse ich mich nicht. Aber auf Ihres auch nicht, Slatermeier. Ihren Colt! Aber schnell.“

„Sind sie verrückt? Sie sind frei! Hauen Sie ab!“

Asesino hatte jedes Wort verstanden. „Gib ihm die Waffe, Slatermeier“, würgte er hervor, den Blick starr in Jimmys Augen gerichtet.

Slatermeier zögerte. Bequemte sich aber unter Jimmys Blick schließlich dazu. Er packte die Waffe mit zwei Fingern, zog sie aus dem Halfter und kam damit näher.

Jimmy ließ Asesinos Haar los, nahm Slatermeier den Colt aus der Hand, legte auf Asesino an und stand auf.

„Ein Pferd!“, verlangte Jimmy. „Mit meinem Sattel und meinen Waffen. Aber schnell. Ich bin ein verdammt nervöser Mann, Slatermeier!“

„Gehen Sie nicht zu weit, Bruder!“, brummte Slatermeier. „Lassen Sie Asesino erst einmal aufstehen, damit ihm seine Leute den Arm einrenken können. Sie haben ihm das Schultergelenk ausgekugelt. Er wird ja wahnsinnig vor Schmerzen.“

„Steh auf!“, sagte Jimmy hart.

Asesino rollte sich auf die linke Seite und erhob sich. Slatermeier wollte ihm behilflich sein. Aber Jimmys düsterer Blick warnte ihn abermals.

Jimmy packte Asesino am Hosenbund und zog ihn zu sich heran, damit er Deckung hatte.

„Wenn Sie nicht tun, was ich sage, schieße ich Asesino nieder!“, zischte Jimmy und sah Slatermeier wütend an.

Details

Seiten
108
Jahr
2021
ISBN (eBook)
9783738949452
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v992302
Schlagworte
heiser schrei

Autor

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Titel: Heiser gellt ihr Schrei