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Die Letzten von Fort Grant

2021 111 Seiten

Leseprobe

Table of Contents

Die Letzten von Fort Grant

Copyright

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9

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Die Letzten von Fort Grant

Circle C-Ranch

Western von Bill Garrett

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 111 Taschenbuchseiten.

Als Captain Joe Harricks von dem alten Haudegen Lieutenant Miller erfährt, dass der Kommandeur des Forts Varsen seiner Frau nachstellt, reift bei ihm der Plan, diesem korrupten Menschen das Handwerk zu legen, denn er und Masterson versorgen Indianerstämme mit Gewehren und Alkohol. Miller und der Captain befürchten, dass es dadurch zu einem Krieg zwischen Indianer und Weiße kommen kann. Das muss verhindert werden.

Als Harricks das Fort verlässt, um Masterson zu verhaften, ahnt er noch nicht von den Schwierigkeiten, die ihn erwarten …

 

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

Alfred Bekker

© Roman by Author

© COVER FIRUZ ASKIN

© dieser Ausgabe 2021 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

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1

Die Sonne verlosch in einem flammenden Farbenglanz hinter den Felsen, die ihre düsteren Schatten auf das einsame Fort warfen.

Captain Joe Harricks trat vom Fenster weg, ging zum Tisch und goss sich Wasser ins Glas.

„Ich habe mir schon vor längerer Zeit geschworen, in dieser Armee keine Schweinerei mehr zu decken“, sagte er und sah dem alten Lieutenant wütend in die Augen. „Ich reiche ein Versetzungsgesuch ein. Ich gehe zurück nach Camp Lowell.“

Der Lieutenant, dieser alte Haudegen, der in vielen Indianerkämpfen nicht nur eine Menge Erfahrung gesammelt hatte, sondern dabei auch grau geworden war, lachte boshaft.

„Dieser Bastard wird dich nicht weglassen, mein Junge, der ist auf deine Frau scharf. Aber ein Kommando wird er dir geben, das dich in die Hölle bringt, damit er deine Witwe trösten kann.“ Captain Joe Harricks wollte trinken, hielt aber ein.

„Du bist verrückt, Bob!“

„Ich bin nicht verrückt, aber du bist blind. Blind und taub, mein Junge.“

Joe Harricks trank hastig.

„Nenne mich nicht immer ,mein Junge‘ verdammt noch einmal! Nicht weil ich über dir stehe. Ich kann das nicht leiden.“

Der alte Haudegen lachte.

„Ich nenne jeden meinen Jungen, der in dieser Armee von mir seinen Schliff bekommen hat. Ein General ist dabei. Fast in meinem Alter. Auch er ist mein Junge. Heute noch. Ob es ihn kränkt oder nicht.“

Der Captain lächelte und setzte das leere Glas auf den Tisch.

„Ja, in Fort Brooks, das waren noch Zeiten. Wie oft habe ich mir geschworen, dir später mal so richtig die Zähne zu zeigen. Aber davon ist gar nichts geblieben. Plötzlich haben wir dich alle geliebt, Bob. Der ganze Jahrgang wollte so ein Kerl werden, wie du einer bist. Wirklich!“

Der alte Haudegen lächelte keineswegs geschmeichelt. Im Gegenteil! Er sah den Captain wütend an.

„In Fort Brocks muss ich meine miese Zeit gehabt haben. Einen Jahrgang von Schleimscheißern habe ich zum Patent gebracht.“

„Bob, du weißt, dass ich nichts machen kann!“, brüllte Captain Joe Harricks.

„Nimm deinen Revolver und schieß ihn nieder!“, sagte der alte Lieutenant. „Er stellt in schamlosester Weise deiner Frau nach. Rosalie steigt schon das Blut ins Gesicht, wenn sie ihn sieht. Weißt du, weshalb du ihn so oft vertreten musst? Vor allem abends! Rosalie hat die Angewohnheit, Abend für Abend Punkt zehn Uhr ins Bett zu gehen!“

„Schweig!“, bellte Captain Harricks.

Der alte Lieutenant lächelte gelassen.

„Verlass mal die Kommandantur Punkt zehn und gehe hinüber zu deiner Unterkunft. Da steht dieser Schurke vor dem Fenster und sieht zu ...“

„Du sollst den Mund halten! Das ist ein Befehl!“, brüllte Joe Harricks außer sich.

,„... wie sich deine Frau entkleidet“, vollendete der Lieutenant den Satz, ein zynisches Grinsen in den Mundwinkeln. Der Captain stapfte zur Tür und riss sie auf.

„Lieutenant! Ich danke für Ihren Besuch“, sagte er scharf.

Der alte Kavallerist erhob sich und zog den Offiziersrock glatt, setzte den Feldhut auf und band sich das Koppel mit dem Degengehänge um. Quälend langsam, den Blick auf den Captain gerichtet und das zynische Grinsen noch in den dürren Mundwinkeln.

„Aye, Sir!“, murmelte er, als er zur Tür kam. Er blieb vor dem Captain stehen und starrte ihm in die Augen. „So, ihr habt mich damals alle geliebt! Ich will dir sagen, weshalb, mein Junge. Ihr habt alle geglaubt, ein Kerl wie dieser Lieutenant Bob Miller besitzt genau die Fähigkeiten, um in der Armee Karriere zu machen. Ihr habt also nicht an die Armee gedacht, sondern an eure Karriere. Nur deshalb wolltet ihr so werden wie ich. Aber schau, was ist aus mir geworden! Ich war damals schon ein alter Sack und immer noch Lieutenant. Ihr seid zu jung gewesen, um euch darüber Gedanken zu machen. Doch wie denkst du heute über mich? Ich bin immer noch Lieutenant. Du bist Kadett gewesen, als ich schon Lieutenant war. Heute bist du Captain, stellvertretender Kommandierender eines Forts. Einer meiner Kadetten ist heute General. Als ich ihn über die Eskaladierwand gescheucht habe und ihm die Grundregeln von Taktik und Ballistik in den Schädel trichterte, war ich auch schon Lieutenant. Weshalb ist das wohl so gekommen? Ich will es dir sagen! Ich, Bob Miller, der Lieutenant vom Dienst gewissermaßen, ich habe immer nur diese Armee geliebt. Und ich werde sie noch lieben, wenn meine Knochen draußen auf einem Schlachtfeld in der Sonne bleichen. Liebt ihr eure Karriere weiter! Ich bin ein schlechter Ausbilder gewesen. Ich verdiene gar keinen höheren Rang.“

Captain Joe Harricks warf die Tür ins Schloss.

„Verzeih mir, Bob!“

„Nein! Ich möchte gehen, denn hier stinkt es. Nach Karriere!“ Er wollte die Tür aufreißen. Doch Captain Joe Harricks stellte einen Fuß davor.

„Bob! Lass mich nicht im Stich!“

„Übernimm das Fort, reite in die Stadt und schlage Masterson tot, schicke zwei Schwadronen hinaus, die den Schmugglern das Handwerk legen und fordere Verstärkung an! Mehr brauchst du gar nicht zu tun. Unterlässt du das, wird es in Westarizona einen fürchterlichen Indianerkrieg geben.“

„Die Bedingungen sind nicht erfüllt, Bob“, erwiderte Captain Joe Harricks schroff. „Du kennst die Vorschriften. Ich kann Varsen nicht absetzen.“

„Ich weiß! Aber kommen dir nicht persönliche Gründe zu Hilfe?“

„Bob, du gehst zu weit!“

Der alte Haudegen lachte.

„Es ist gleich zehn Uhr!“

Captain Harricks senkte die Lider.

„Worauf willst du hinaus?“

„Ich will einen schlimmen Indianerkrieg verhindern, Joe“, erwiderte der alte Lieutenant leidenschaftlich, dass sein hagerer Geierkopf wackelte. „Die Armee ist schließlich nicht für sich selbst da. Sie ist geschaffen, um das Leben und die Sicherheit der Farmer und Rancher zu gewährleisten. Hast du das nie begriffen?“

„Doch!“

„Varsen ist über sieben Ecken herum mit Masterson versippt und verschwägert. Was man Varsen nicht zum Vorwurf machen kann. Doch wir reiten nicht aus. Keine Patrouille rückt ins Land hinaus. Die Roten erhalten auf Schleichwegen Waffen und Schnaps. Jeder weiß, dass es Mastersons Geschäft ist. Jeder! Unser Kommandierender aber, der uns hier praktisch gefangen hält, damit die Schmuggelbande ihr Unwesen treiben kann, baut sich in der Stadt ein großes Haus und steigt mit hunderttausend Dollar in eine der großen englischen Rinderzüchtereien ein. Von seinem Gehalt etwa? Geerbt hat er nichts. Nicht einen Cent. Das ist bekannt. Woher also hat er das Geld? — Von Masterson!“

Captain Joe Harricks biss sich auf die Lippen. Diese Fakten waren bekannt. Doch durch nichts bewiesen.

„Rosalie, deine Frau, ist eine geborene Copper“, sagte Lieutenant Miller. „Ihrem Vater gehört eine der großen Ranches in Arizona!“

„Ja! Aber was hat das ...“

Der Lieutenant wies auf die Uhr an der Wand.

„Es ist gleich zehn.“

Joe Harricks packte den alten Haudegen am Kragen.

„Meine Frau ist eine Copper!“, brüllte er ihm ins Gesicht. „Was hat das mit Masterson und unseren Problemen zu tun?“

„Wenn Varsen besoffen ist, redet er davon, dass er bald seinen Abschied nehmen wird, um mit Rosalie auf der Circle C-Ranch der Coppers in Saus und Braus und in allen Freuden den Rest seiner Tage zu verbringen. Hört sich gut an. Aber bist du da nicht irgendwie im Wege?“

Captain Joe Harricks riss die Tür auf.

„Gute Nacht, Lieutenant!“

Der alte Lieutenant reckte sich.

„Denk an den Indianerkrieg, der uns und den Männern, für die wir verantwortlich sind, ins Haus steht!“, sagte er und ging rasch hinaus.

Die Ordonnanz kam herein.

„Einen Befehl, Sir?“

Captain Joe Harricks sah sich um und wies auf den Tisch, auf dem die Gläser und eine Batterie von geleerten Flaschen standen.

„Räumen Sie das weg!“

Die Ordonnanz salutiert.

„Zu Befehl, Sir! Aye, aye. — Der alte Lieutenant ist schon ein harter Trinker, Sir. Die Männer mögen ihn. Die gesamte Fortbesatzung würde für ihn durchs Feuer gehen.“

„Ja, er ist ein guter Soldat“, meinte Captain Joe Harricks lahm.

Die Ordonnanz lief mit dem Tablett voller Gläser und Flaschen zur Tür, als der wachhabende Offizier in das Kommandeurzimmer kam, um an seinen Ablöser zu übergeben.

Es war ein Lieutenant, der vom Divisionsstab versetzt worden war, um in Fort Grant ein Jahr Grenzdienst zu absolvieren. Er grinste, ließ die Ordonnanz passieren und schlug hinter dem Reiter die Tür zu.

„Sie hatten Lieutenant Miller zu Gast, Sir“, sagte er, kam zum Tisch und zog die Stulpenhandschuhe aus. „Ja, diese alten Lieutenants, die von einem Fort zum anderen krebsen, um doch noch irgendwie weiterzukommen, sind alle große Säufer und sonst nichts. Aber gerade darin liegt ihr Übel. Man kann in der Armee seine Karriere auch unter den Tisch saufen. Sie sollten mit dem alten Knacker mal reden, Harricks.“

Captain Joe Harricks warf ihm einen flüchtigen Blick zu.

„Einem Vorgesetzten gegenüber sollten Sie sich über einen Offizierskameraden nicht in dieser Weise äußern. Ihre persönliche Meinung ist ohnehin nicht maßgebend.“

„Entschuldigen Sie, Sir!“

„Schon erledigt! Dort liegt das Wachbuch. Lieutenant Förster wird Sie ablösen.“

„Verstehe ich nicht“, meinte der Lieutenant hämisch. „Hat der Kommandeur Bob Miller aus dem Wachdienst herausgenommen?“ Er spielte damit auf die Flaschen an, die von der Ordonnanz hinausgetragen worden waren. Seiner Meinung nach musste nach deren Genuss selbst der härteste Trinker dienstuntauglich sein. Im Fort war es kein Geheimnis, dass Captain Harricks und der alte Lieutenant in Freundschaft verbunden waren.

„Nein!“, erwiderte Joe Harricks streng. „Das ist eine Entscheidung des Kommandeurs. Und zwar von heute Morgen.“

„Komisch! Sie schmeißen für Captain Varsen den ganzen Laden, aber in solche Kleinigkeiten mischt er sich ein.“

„Hören Sie mal zu, Lieutenant“, erwiderte Joe Harricks eisig. „Ich weiß, wie es in den Stabcasinos zugeht. Verlassen Sie sich darauf, dass ich deshalb die Unterschiede kenne. Wir sind hier in einem Grenzfort, auch wenn es im Moment nicht knallt und kracht. Das aus Langeweile geborene Casinogeschwätz und Klatsch und Tratsch sind hier nicht üblich. Selbst in den ruhigsten Zeiten nicht. Merken Sie sich das gefälligst! — Fassen Sie das ruhig als eine Belehrung auf!“

Der Lieutenant riss die Hacken zusammen. „Zu Befehl, Sir!“

Joe Harricks warf einen Blick auf die Uhr an der Wand. Es war genau zehn.

Er setzte den Feldhut auf und ging zur Tür.

„Ich bin in zehn Minuten zurück. Sie warten mit Lieutenant Förster solange. Sagen Sie ihm das!“

„Mein Wachdienst ist beendet!“

Joe Harricks’ rechte Augenbraue zuckte.

„Lieutenant, Sie wollen nach einem Jahr Grenzdienst zum Stab zurück. Vergessen Sie gefälligst nicht, dass Sie eine Beurteilung benötigen!“

„Nicht von Ihnen!“

„Captain Varsen hat mir auch die Führung der Personalakte übertragen“, sagte Joe Harricks. „Bis jetzt war ich der Meinung, dass Sie ein brauchbarer Offizier sind. Versuchen Sie deshalb nicht fortgesetzt, mich vom Gegenteil zu überzeugen!“

Die Uhr zeigte eine Minute nach zehn. Joe Harricks ging schnell hinaus. Er verließ die Kommandantur, überquerte den Appellplatz und lief zu den Offiziersunterkünften.

In der Baracke, in der er mit seiner Frau eine Dreizimmerwohnung zugeteilt bekommen hatte, brannte kein Licht mehr. Er lief zur Giebelseite, um die Hinterfront überblicken zu können. Dort war ein Fenster noch hell erleuchtet. Das Schlafzimmerfenster von ihm und seiner Frau!

Er blieb sofort stehen. Vor dem hellen Lichteck zeichnete sich eine dunkle Gestalt ab. Die Hände auf das Fensterbrett gestützt, das Gesicht gegen die Scheibe gepresst, stand der Mann wankend da und starrte in das Zimmer.

Es war Captain Varsen, der kommandierende Offizier von Fort Grant.

Captain Joe Harricks griff wütend zur Revolvertasche, besann sich aber, ließ die Hand sinken und setzte sich langsam in Bewegung.

Captain Varsen bemerkte ihn erst, als er direkt hinter ihm stehenblieb. Er richtete sich jäh auf und zuckte herum. Joe Harricks blickte kurz an ihm vorbei und erblasste vor Scham und Wut. Trotz der Gardinen konnte er sehen, dass seine Frau splitternackt war und gerade in das Nachthemd schlüpfte.

Dann starrte er Captain Varsen in die Augen.

Varsen öffnete den Mund und schloss ihn wieder. Alkoholdunst schlug Joe Harricks entgegen. Varsen war stark angetrunken.

„Hallo, Captain!“, stammelte Varsen. „Das nenne ich aber einen Zufall!“

„Was nennen Sie einen Zufall? Dass ich Sie hier treffe?“

Varsen streckte die Hand vor, als suche er Halt.

„Haben Sie mir eine Meldung zu machen? Hat das nicht Zeit? Ich bin auf dem Weg, die Wachen zu kontrollieren.“

„Dort drinnen steht aber niemand Posten!“, zischte Joe Harricks wütend.

„Machen Sie Ihre Meldung!“, lallte Varsen und reckte sich. „Sie stehen vor dem C. O. von Fort Grant!“

„Eine Meldung? Sie werden eine Erklärung abgeben. Sofort!“

„Machen Sie mir keinen Kummer, Harricks! Ihre Frau ist ein verdammt schönes Weib. Ich bin nur rein zufällig ... Ich war auf dem Weg zu dieser mexikanischen Hure, die wir gefangenhalten. Da ging hier das Licht an. Harricks, wir sind doch Männer! Ich habe ... Ich wollte ... Sie verstehen das doch! Gesehen habe ich überhaupt nichts. Ich bin hier nur vorbei ... Ich habe mich in der Tür geirrt, wie man so sagt.“ Er lachte wirr. „Nehmen Sie gefälligst Haltung an!“, zischte er dann.

Joe Harricks riss die Revolvertasche auf und drückte Varsen die Waffe in die Hand.

„Jagen Sie sich eine Kugel durch den Kopf, oder ich schlage Sie zusammen!“

Varsen wankte zurück.

Das Licht erlosch. Sie standen plötzlich im Dunkeln.

„Sie Schwein!“, keuchte Varsen. „Sie, der Mann, dem ich die Chance zu einer großen Laufbahn in der Armee geöffnet habe, den ich tagtäglich in der Führung eines Forts unterweise, Sie wollen mir eine Kugel ... Wegen diesem Frauenzimmer, das hier jeden Abend vor dem Fenster eine Extravorstellung ... Ich werde Ihnen eine Kugel in den Bauch jagen, Sie verdammter ...“

Er stöhnte plötzlich auf und sackte vor Joe Harricks weg. Joe Harricks blickte betroffen auf ihn hinab. Sein Blick zuckte aber sofort wieder hoch. Hinter dem Captain stand auf einmal der alte Lieutenant. Er hatte den kommandierenden Offizier von Fort Grant niedergeschlagen.

„Bob!“, krächzte Joe Harricks überrascht.

„Du verrückter Kerl!“, raunte der alte Lieutenant. „Er hat nichts anderes im Sinn als deinen Tod, und du gibst ihm auch noch einen Revolver in die Hand. Er hätte dich abgeknallt!“ Er drückte Joe Harricks seinen Revolver in die Faust.

„Da! Schieß! Erledige ihn, oder du wirst vor ihm nie mehr sicher sein. Er hat eine Waffe in der Hand. Also schieß! Ich rufe die Wachen, und später werde ich bezeugen, dass er dich hier vor dem Schlafzimmerfenster deiner Frau umlegen wollte.“ Captain Joe Harricks wog die Waffe in der Faust. „Du musst das Fort übernehmen!“, zischte Lieutenant Miller. „Joe! Du hast Leben und Sterben von vielen guten Männern in der Hand. — Schieß doch!“

Der Captain gab dem Lieutenant den Revolver zurück und machte kehrt.

„Komm zum Befehlsempfang, Bob!“, sagte er und lief schnell los.

„Willst du denn dieses Schwein hier so liegen lassen? Vor dem Fenster deiner Frau!“

Joe Harricks antwortete nicht. Nach zwei Schritten rannte er schon. Bob Miller folgte ihm, holte ihn ein und gab ihm den Revolver, den er Varsen aus der Hand genommen hatte. Joe Harricks schob die Waffe in die Tasche zurück und schnallte sie zu.

Die beiden Wachoffiziere salutierten, als er mit Lieutenant Miller das Kommandeurzimmer betrat.

„Förster, Sie treten Ihren Wachdienst an“, befahl Joe Harricks wütend. „Sie, Lieutenant“, wandte er sich an den angehenden Stabsoffizier, „Sie rufen mir sämtliche Offiziere zusammen.“

Lieutenant Förster ging sofort hinaus. Der andere Lieutenant zögerte.

Joe Harricks kochte vor Wut.

„Lieutenant Sayer! Wenn Sie meinen Befehl nicht sofort ausführen, trete ich Ihnen in den Bauch und befördere Sie samt Ihrer Personalakte aus dem Fort.“

Lieutenant Sayer salutierte und verschwand.

„Was hast du jetzt vor?“, fragte Lieutenant Miller.

Joe Harricks lächelte boshaft.

„Ich glaube, ich habe für ein paar Stunden das Fort in der Hand, und ich werde Befehle geben, die Varsen morgen früh nicht mehr rückgängig machen kann.“

In den Augen des alten Lieutenants glitzerte es.

„Gehen wir endlich gegen Mastersons Leute vor?“ Joe Harricks nickte. „Wir haben einen Zug rote Halstücher im Fort“, begeisterte sich der alte Lieutenant. „Die Jungs könnten ihre Geschütze in Stellung bringen und Mastersons Waffenlager in Fetzen schießen.“

„Der Artilleriezug wird auch in Stellung gehen!“

„Ich habe meine Jahre in Fort Brooks doch nicht verschwendet!“, lachte der alte Haudegen. „Du bist aus meinem Holz, mein Junge!“

„Urteile nicht zu rasch!“, sagte Joe Harricks und lächelte düster.

Die Offiziere des Forts betraten nacheinander das Kommandeurzimmer.

Captain Joe Harricks wartete hinter dem Schreibtisch des Kommandeurs, bis sie alle versammelt waren. Die meisten hatten schon in den Betten gelegen. Doch keiner war müde oder mürrisch. Spannung beherrschte die Offiziere. Jeder schien zu spüren, dass sich irgendetwas ereignet hatte. Etwas noch nicht ganz Fassbares für den einzelnen, doch von absoluter Bedeutung für das Fort.

Der letzte war Captain Jordan, ein eleganter Mann mit dem Ruf eines Spielers und Frauenhelden. Mehr war von ihm nicht bekannt. Er war vor zwei Wochen mit vier Feldkanonen in das erst im Frühjahr fertiggestellte Fort gekommen.

„Wo, Gentlemen, brennt es?“, fragte er belustigt. „Die Artillerie ist bereit, mit echtem schottischem Whisky zu löschen.“

Keiner lachte oder erwiderte etwas. Er deutete eine Verbeugung an und meldete sich zur Stelle.

Captain Joe Harricks trat um den Schreibtisch.

„Ich habe Sie zusammenrufen lassen, da nach mir vorliegenden Meldungen und Nachrichten der Fall Rot für Fort Grant eingetreten ist“, eröffnete er den Offizieren.

Die Männer musterten ihn überrascht.

„Die C-Schwadron rückt in einer halben Stunde aus. Mit ihr der Artilleriezug. — Captain Jordan, Sie sind mit Ihren vier Haubitzen dem Chef der Charly-Schwadron unterstellt. Das vorläufige Marschziel ist das Gebiet des Burro Canyon am Greenwood. Lieutenant Miller übergibt die Rekrutenkompanie an Lieutenant SaregEpp und stellt in freier Entscheidung einen Halbzug zusammen, mit dem er mir ab Sonnenaufgang zur Verfügung steht, nachdem ich Fort Grant wieder an den Kommandeur übergeben habe. — Wachoffizier, Alarmstufe eins für das Fort!“

Lieutenant Förster riss die Hacken zusammen. „Sofort?“

Joe Harricks nickte. „Ja, ab sofort! — Ich danke, Gentlemen.“

Er salutierte. Die Offiziere rissen die Hacken zusammen, machten kehrt und stürzten aus dem Zimmer. Nur Lieutenant Bob Miller blieb. In seinen Falkenaugen leuchtete es.

„Das wird ein Schlag mitten ins Schwarze, mein Junge!“

„Stell deinen Halbzug zusammen, Bob!“

„Wir werden Masterson verhaften?“

Joe Harricks nickte. „Ich habe nichts anderes im Sinn.“

„Das ist meine Schule!“

Draußen begannen die Clairons zu schmettern. Kommandos hallten durch die Dunkelheit. Geschrei und Flüche waren zu vernehmen. Joe Harricks lief zum Fenster und schloss es.

„Verdammt!“, schimpfte Lieutenant Miller. „Warum geht das alles nicht leiser? Sie werden Varsen aufwecken. Er wird bestimmt gleich hier erscheinen.“

„Deshalb sollst du ja verschwinden!“

„Brauchst du keine Hilfe?“

„Zum Henker, nein!“

„Da bin ich aber nicht sicher.“

„Hau ab!“

„Gib ihm nicht deinen Revolver in die Hand!“

Joe Harricks lächelte wütend.

„Nur keine Sorge. Diesmal forder’ ich ihn auf Degen, damit ich ihn dort neben der Flagge an die Wand spießen kann.“

Lieutenant Miller schaute hinaus in den Vorraum. Eine keifende Stimme war aus dem Flur zu hören.

„Das ist er, Joe! Da kommt er schon.“

„Zieh Leine!“, zischte Joe Harricks.

Da tauchte Varsen schon auf. Den Feldhut schief in der Stirn, dicke Tränensäcke unter den Augen, das Gesicht rot und aufgedunsen, den Rock offen und noch betrunkener, als Captain Joe Harricks hinter der Baracke vermutet hatte, kam er breitbeinig in den Vorraum gestapft. Jordan, der Artillerieoffizier, und der Wachhabende begleiteten ihn.

Bob Miller trat zur Seite. Er schaffte es, Captain Jordan und den Wachhabenden von dem Kommandeur zu trennen und schlug die Tür hinter ihm zu. Von draußen.

Captain Varsen blieb wankend stehen und starrte Captain Joe Harricks wütend in die Augen.

„Was geht hier vor? Was geht hier hinter meinem Rücken vor?“, bellte er mit trunkener Stimme.

Captain Joe Harricks’ rechte Augenbraue zuckte.

„Hinter Ihrem Rücken? Was hier jetzt geschieht, geschieht allenfalls während Ihrer Abwesenheit.“

„Habe ich Ihnen befohlen, eine Nachtübung abzuhalten?“

„Das ist keine Nachtübung, Sir. Das ist Fall Rot.“

Captain Varsen erstarrte. Einen Moment lang schien er von einem Augenblick zum anderen stocknüchtern zu sein.

„Wer hat das entschieden?“, fragte er mit rasselnder Stimme.

„Ich habe die entsprechenden Nachrichten gegen neunzehn Uhr von unseren Scouts erhalten.“

„Seit wann haben wir Scouts draußen?“, fragte Varsen scharf.

„Seit gestern Nacht, Sir. Ich habe zuvor Ihre Zustimmung eingeholt!“

„Meine Zustimmung?“

„Ich habe mir erlaubt, Ihr besoffenes Gegrunze gestern Abend für Zustimmung zu halten, Sir“, erwiderte Captain Joe Harricks. „Die Charly-Schwadron und der Artilleriezug rücken aus, und Sie werden das nicht verhindern. Im Gegenteil, Sie werden alle meine Befehle gegenzeichnen, oder ich werde dafür sorgen, dass Sie mit Schimpf und Schande aus der Armee verjagt werden.“

Captain Varsens blutunterlaufene Augen weiteten sich einen Moment.

„Und nach welchem Paragraphen der Dienstvorschrift wollen Sie mir das Kommando abnehmen?“

„Ich stütze mich nicht auf die Heeresdienstvorschrift, Varsen, sondern auf die Regeln von Anstand und Würde, Sie verdammte Kanaille! Die Einheiten rücken aus, ich werde morgen früh in die Stadt reiten und Masterson verhaften. Danach reite ich den Einheiten nach, um die Operation gegen die Waffen - Schmuggler und die aufständischen Roten selbst zu leiten. Und das werden alles Ihre Befehle sein, oder ich mache Sie so klein, dass Sie in jeden Schweinestall passen. Für die Beleidigungen und Gemeinheiten, die Sie mit Ihrem schamlosen Verhalten meiner Frau zugefügt haben, bitte ich Sie jetzt zur Kasse, Sir. Auf meine Weise.“

„Erpressung!“, rasselte Captain Varsen.

„Das ist mir gleichgültig, wie Sie das nennen. Wir beide, Sie und ich, wir wissen ganz genau, dass Sie Mastersons Geschäfte fortwährend gedeckt haben. Zum Schaden der Armee. Damit ist Schluss, Varsen. Sie sind der Kommandeur, aber ich habe Sie in der Hand und ich quetsche Sie aus, bis das letzte bisschen Saft aus Ihnen heraus ist. Sie behandelten während meiner Abwesenheit meine Frau in schamlosester Weise und sahen ihr auch noch zu, wenn sie sich allein glaubte. Das Genick breche ich Ihnen, wenn Sie das Fort nicht ab sofort so führen, wie es Ihnen eigentlich zukäme und wie ich das will. — Dort liegen die Befehle!“

„Ich werde Sie zum Duell fordern!“, krächzte Captain Varsen. Er war bleich geworden. Schweiß perlte auf seinem Gesicht. Er wankte zum Schreibtisch und stützte sich schwer auf. Das Haar hing ihm wirr in die Stirn. „Ich bringe Sie um!“

„Diese Forderung nehme ich an“, erwiderte Joe Harricks gelassen. „Doch erst, nachdem wir Fall Rot abgeschlossen haben. Dann stehe ich unverzüglich zu Ihrer Verfügung.“

„Wache!“, schnaufte Captain Varsen. Er holte tief Luft, um Atem zum Schreien zu haben.

„Es war Lieutenant Bob Miller, der Sie niedergeschlagen hat“, sagte Joe Harricks. „Er beobachtet Sie schon seit Tagen dort vor dem Fenster meiner Frau.“ Captain Varsen wankte. „Soll ich die Wachen rufen? Neben den Befehlen liegt ein über die Vorfälle angefertigtes Protokoll, das Lieutenant Bob Miller und noch andere Offiziere sofort unterschreiben, sobald ich es ihnen nur vorlege.“

„Sie wollen mich fertigmachen, Harricks?“, schnaufte Varsen.

„Unterschreiben Sie die Befehle!“, erwiderte Joe Harricks kalt. „Legen Sie sich danach ins Bett und treten Sie dann morgen früh Ihren Dienst an! Ich übergebe an Sie, wie vereinbart, zum Flaggenappell.“

„Dazu können Sie mich nicht zwingen“, lallte Varsen.

Joe Harricks zuckte die Schultern.

„Wenn Sie nicht unterschreiben, rufe ich Lieutenant Miller herein.“

„Sie gemeiner Bastard!“, keuchte Varsen und wankte auf ihn zu, riss die Fäuste hoch und schlug auf Joe Harricks ein. Seinen Schlägen fehlte jede Kraft. Captain Joe Harricks wartete, bis er nah genug war, dann versetzte er ihm einen harten Haken genau auf die Kinnspitze, dass er die Augen schloss, zusammenklappte und schwer zu Boden schlug.

Joe Harricks rieb sich die Knöchel und blickte angewidert auf seinen Vorgesetzten hinab.

„Wache!“, rief er nach einer Weile.

Die Tür flog sofort auf. Lieutenant Miller, ein Sergeant und vier Reiter kamen schnell herein, bauten sich auf und nahmen Haltung an.

„Sergeant, bringen Sie den Kommandeur in die Unterkunft und legen Sie ihn ins Bett!“

Der Sergeant salutierte.

„Zu Befehl, Sir! Soll das heißen, dass der Captain arretiert ist?“

Captain Joe Harricks lächelte hölzern.

„Sie spinnen wohl! Der Kommandeur ist besoffen. Nichts weiter. Wo steht geschrieben, dass es einem Kommandeur nicht gestattet wäre, hin und wieder mal mehr zu trinken, als er vertragen kann? — Also 'raus mit ihm! Sorgen Sie dafür, dass er nicht von allen Leuten gesehen wird.“

„Anfassen, aufheben und ’rausbringen!“, befahl der Sergeant den vier Reitern mit schnarrender Stimme.

Die Kavalleristen hoben den Kommandeur auf und verließen mit ihm den Raum. Der Sergeant folgte den Männern und schloss die Tür hinter sich.

Lieutenant Miller grinste.

„Ich bin dein Zeuge, Joe! Es wäre vielleicht eine Gelegenheit, ihn matt zu setzen. Ein Sittenskandal in der Armee! Das hat es hier noch nie gegeben.“

„Wäre uns damit geholfen?“, fragte Joe Harricks. „Du und ich als Zeugen! Er hat Beziehungen und Einfluss. Während wir uns mit einer Untersuchungskommission herumschlagen, bringt uns Masterson die Apachen auf die Beine. Nein! So ist das schon besser.“

„Was hast du denn gemacht?“

Joe Harricks grinste.

„Ich habe ihm erklärt, dass ich ihn in der Hand habe. In der einen! Und aus der anderen muss er fressen. Als er explodierte in seinem Suff, habe ich ihm eine gescheuert. Das wird bis morgen früh reichen.“

„Wenn er dich umbringt, ist sein Problem geklärt. Alle seine Probleme.“

„Ich sehe mich schon vor!“

„Und deine Frau?“

„Wir nehmen sie morgen früh mit und quartieren sie in der Stadt im Hotel ein“, sagte Joe Harricks ernst.

Lieutenant Miller nickte verbittert.

„Fort Grant! Was wollten wir daraus machen? Zweihundert anständige Kerle auf einen Haufen! Nur ein Schwein, und unsere ganze Arbeit ist zum Teufel.“

„So leicht lassen wir uns nicht schlagen.“

„Der ganze Apparat in dieser Armee begünstigt solche Hundesöhne wie Varsen. Eine Scheißarmee ist das.“

Joe Harricks furchte die Brauen.

„Das sind aber Töne, die ich noch nie von dir gehört habe.“

Lieutenant Miller grinste über das ganze faltige Haudegengesicht.

„Verzeih, Joe! Ich bin ein alter Sack, der einen jungen Kerl wie dich nicht mutlos machen wollte. Da draußen stehen zweihundert brave Männer angetreten. Männer aus echtem Schrot und Korn. Die wollen wir nicht irre werden lassen. Das haben die nicht verdient und wir auch nicht. Wir sind die Armee, Joe, nicht solche Schweine wie Varsen.“

Die Tür flog auf. Der wachhabende Offizier trat ein und salutierte.

„Die Besatzung von Fort Grant steht draußen angetreten, Sir!“, meldete er.

Joe Harricks nahm Haltung an. „Danke, Lieutenant!“

Er lief schnell hinaus. Der Wachhabende rannte vorneweg. Lieutenant Miller folgte Harricks.

„Achtung!“, tönte eine Stimme vor der im Karree angetretenen Besatzung. „Der kommandierende Offizier! Fort Grant — stillgestanden! Zur Meldung die Augen ...“

 

 

2

Captain Varsen lehnte sich zurück, wischte sich eine Haarsträhne aus der Stirn und reichte dem Reiter das leere Glas.

„Wieder Whisky, Sir?“

„Ist diese Flasche dort vielleicht ein Kuheuter, das Milch gibt, du verdammter Patron?“

Der Reiter grinste, nahm das Glas und trat an den Schrank. Er warf einen Blick auf den Captain, der die Zeilen noch einmal überflog, die er eben geschrieben hatte. Er nahm einen raschen Schluck aus der Flasche, füllte dann das Glas und trat an den Tisch. Varsen sah auf und grinste, nahm ihm das Glas aus der Hand und trank in langen Zügen.

„Name?“

Der Reiter stand stramm. „Reiter Shark, Sir!“

„Was ist das?“, fragte Varsen und klopfte auf einen Geldschein, den er vor sich liegen hatte.

„Hundert Dollar, Sir!“

„Die gehören dir, Shark.“ Er nahm den Schein und hielt ihm den Reiter hin.

Shark zögerte, griff dann aber zu und ließ den Schein in der Tasche verschwinden. Varsen stand auf und zeigte ihm den Brief.

„Ich gebe Ihnen jetzt den ausdrücklichen Befehl, dieses Schreiben unverzüglich zu Mr. Masterson in die Stadt zu bringen. Kapiert?“

Shark starrte auf den Brief und nahm Haltung an.

„Aber wie komme ich aus dem Fort? Es besteht Alarmstufe eins, Sir.“

„Du hast meinen Befehl, Shark! Der Wachsergeant wird den schon respektieren. Du darfst dich bloß von Harricks nicht sehen lassen. Pass auf und warte, bis die Luft am Tor rein ist! Klar?“

Der Reiter grinste, nahm den Brief an sich und stand wieder stramm.

„Zu Befehl, Sir!“

Varsen klopfte ihm auf den Arm. „Corporal Shark!“ Shark bekam rote Ohren und grinste noch breiter als zuvor. „Also hauen Sie schon ab, Corporal! Melden Sie sich morgen früh in der Kommandantur bei mir zurück.“

Shark salutierte, machte zackig kehrt und stapfte sporenklirrend hinaus. Varsen sah ihm nach, grinste zufrieden, wankte zum Schrank und nahm die Whiskyflasche in die Hand.

„Ich werde deine Befehle sanktionieren, Harricks“, murmelte er. „Aber danach breche ich dir das Genick.“ Er hielt die Flasche prüfend gegen das Licht. Dann trank er sie aus. Er kam noch dazu, sie abzusetzen, dann brach er vollkommen betrunken zusammen und blieb liegen.

 

 

3

Colin Masterson war ein großer stämmiger Mann von fünfzig Jahren. Den Brief in der Hand, der ihm eben überbracht worden war, rannte er stapfend durch das Haus.

,„Wes!“, brüllte er. „Wes, zum Henker! Wo steckst du denn, du verdammter Strauchritter?“

Wes Carrington war sein engster Vertrauter. Halb angekleidet kam er aus seinem Zimmer gestolpert.

„Sir?“, murmelte er schlaftrunken.

„Verdammt noch einmal! Hörst du nicht, dass ich dich rufe?“, polterte Masterson. „Wir befinden uns alle in höchster Gefahr, und du schläfst wie ein Murmeltier.“

„Was ist denn geschehen?“

„Die Garnison ist ausgerückt“, schnaufte Masterson. „Die Blaujacken haben es auf unseren Waffentransport abgesehen. Mein Schwippschwager schreibt mir hier, dass eine große Aktion gegen mich angelaufen ist. Eine Bande blauberockter Hurensöhne ist schon auf dem Weg, um mich zu verhaften. Die Schweine wollen unser Hauptlager am Burro Canyon angreifen. Wir müssen dort sofort räumen. Wenn wir nicht schnell genug sind, bin ich ein ruinierter Mann. Wecke die Männer! Wir müssen die Stadt sofort verlassen.“

„Wer hat uns denn das eingebrockt?“, fragte Wes hellwach und erschrocken.

„Den Kerl kenne ich noch nicht“, polterte Masterson. „Aber der Schurke soll sich vor mir in Acht nehmen. Er ist praktisch schon jetzt ein toter Mann. — Aber los erst einmal, Wes! Wir müssen die Stadt verlassen. Danach sehen wir weiter.“

„Wie stark ist die Abteilung, die zum Burro Canyon rückt?“, wollte Wes wissen.

Masterson hob den Brief und überflog ein paar Zeilen.

„Die halbe Besatzung von Fort Grant“, sagte er dann. „Mit Geschützen!“

„Wir müssen die Apachen dazu bewegen, das Fort anzugreifen“, sagte Wes. „Sie werden sehen, wie rasch die Kerle umkehren und zum Fort zurückmarschieren.“ Masterson starrte ihn an. „Ein guter Gedanke, nicht?“, grinste Wes.

„Ja!“, gestand Masterson verblüfft. „Aber weshalb, glaubst du, bezahle ich dich so gut? Los, bring mir alles auf die Beine! Einen Angriff auf das Fort leiten wir ein. Wenn es Arriba nicht macht, werden wir uns an Santillo halten. Er ist auch scharf auf Waffen und Brandy. Rufe mir die Coyoteros! Ich warte im Haus, bis ihr alle Vorbereitungen getroffen habt. Aber dazu gebe ich euch genau fünf Minuten. Hast du mich verstanden, Wes?“

Der langbeinige Revolvermann hob die Hand und rannte davon. Masterson überflog noch einmal das Schreiben, fluchte, steckte den Brief in die Tasche und stapfte in sein Zimmer zurück.

Die Coyoteros ließen nicht lange auf sich warten. Lautlos wie Schatten kamen sie in das Zimmer. Masterson hörte nicht einmal die Tür gehen. Er spürte nur, dass er nicht mehr allein war. Er drehte sich um und lächelte. Die Coyotero-Apachen sahen ihn abwartend an. Geradezu blicklos.

„Enju!“, sagte Masterson. „Du reitest zu Arriba. Die Langmesser sind ausgerückt, um meinen Transport zu überfallen, der zu ihm unterwegs ist. Er soll das Fort angreifen, oder zumindest sich dort zeigen, damit die Langmesser wieder kehrtmachen. Denn das Fort ist ohne diese Truppe nur schwach besetzt. Wenn Arriba will, kann er einen leichten Sieg erringen. Sag ihm das!“ Enju nickte. „Du reitest zu Santillo, diesem alten Eroberer, der faul und müde geworden ist!“, wandte sich Masterson an den zweiten Coyotero. „Er kann von mir Waffen bekommen. Gute Repetiergewehre, die schneller schießen, als ein rotes Auge sehen kann. Und Brandy kann er haben, in großen Fässern, damit er seinen Sieg feiern kann. Aber nicht, wenn er mich jetzt im Stich lässt. Du hast mich verstanden?“ Auch der zweite Apache nickte, obwohl Masterson schnell gesprochen hatte. „Ich kann nicht in der Stadt bleiben“, erklärte Masterson den Männern. „Ich reite meinen Wagen nach. Bringt mir die Nachricht dort hin! Verleiht euren Pferden Flügel!“

„Wir sind so schnell wie der Wind“, erwiderte Enju. „Du weißt es.“

Masterson grinste zufrieden.

„Wes soll euch Schnaps geben. Doch die richtige Portion erhaltet ihr von mir. Bei meinen Wagen! Also sputet euch und vergesst nicht, was ich euch aufgetragen habe. Arriba und Santillo sollen das Fort angreifen. Sie sind stark genug. Es ist ein neues Fort, das in aller Hast errichtet und deshalb nicht gut genug gebaut worden ist. Die Palisaden stehen im Sand. Sagt das den Häuptlingen!“

Die Coyoteros nickten und verschwanden so lautlos, wie sie hereingekommen waren. Masterson zog sich fertig an. Als er den Hut aufsetzte und sich die Satteltasche über die Schulter warf, kam Wes herein.

„Fertig?“, fragte Masterson.

„Die Pferde stehen bereit, Sir.“

„Sind Soldaten zu sehen?“, knurrte Masterson.

Wes schüttelte den Kopf.

„Zwei unserer Männer halten die Straße im Auge.“

Sie verließen das Zimmer, liefen den Flur entlang und durchquerten die Halle. Im Hof standen ein Dutzend Männer mit den Pferden bereit.

„Ich bin ein mächtig friedfertiger Mensch“, schnaufte Masterson. „Das weißt du, Wes! Aber sobald mir einer meine Geschäfte stört, verwandle ich mich in einen ziemlichen Schweinehund. Ich kann nichts dafür, ich bin nun mal so. Ich habe meinem Verwandten, der das Fort befehligt, eine Menge Geld in den gierigen Rachen geschoben. Aber nicht dafür, dass er mir jetzt seine Soldaten auf den Hals hetzt. Angeblich kann er nichts dafür. Nun, dann wird er mir den Mann nennen müssen, der für das alles verantwortlich ist.“

„Wenn der Mann nun im Weißen Haus sitzt?“, grinste Wes.

Masterson warf ihm einen gereizten Blick zu.

„Dann wird sich eben der Präsident der Vereinigten Staaten vor mir in Acht zu nehmen haben, verdammt noch einmal. Wer der Bursche auch ist, ich bringe ihn um.“

Sie traten in den Hof hinaus, bestiegen die Pferde und verließen im schnellen Ritt die Stadt. Weit hinten im Osten ging gerade die Sonne auf.

Eine Stunde später ließ Captain Joe Harricks von seinen Männern Master ums Haus umstellen, zückte den Revolver und betrat mit Lieutenant Miller das Gebäude. Schon nach einer halben Minute begriffen sie, dass sie zu spät gekommen waren.

Captain Joe Harricks fluchte.

„Ausgerechnet an diesem Tag sitzt der Vogel nicht im Nest.“

Lieutenant Miller lachte wütend und sah sich brütend um.

„Du meinst, er ist unterwegs? Vielleicht ein paar Tage schon, wie? Ich will dir etwas sagen! Dieser Bastard ist abgeschwirrt! Vor uns! Und das kann noch gar nicht lange her sein. Hals über Kopf, sage ich dir!“

Captain Joe Harricks machte schmale Augen.

„Du meinst, er ist gewarnt worden?“

„Und zwar von Varsen höchstpersönlich!“, sagte Lieutenant Miller wütend und ließ den hageren Geierkopf wackeln. „Wer wusste denn sonst noch Bescheid? Außer ihm käme ja nur ich noch in Frage. So besoffen und so bewusstlos, wie er tat, ist er gar nicht gewesen. Und da geht mir noch ein Licht auf, Joe! Bevor wir ausrückten, haben die Männer im Wachlokal irgendeinem frischgebackenen Corporal gratuliert. — Hast du heute Nacht jemanden befördert?“

„Zum Henker, nein!“, stieß Joe Harricks zerknirscht hervor.

„Sieh dich nur um!“, sagte Lieutenant Miller. „Die sind Hals über Kopf aus den Betten gekrochen und abgehauen.“

Captain Joe Harricks holte tief Luft.

„Lass die Männer antreten. Abmarsch zum Burro Canyon.“

„Wir haben einen erfahrenen Scout dabei, Joe!“

„Glaubst du, wir haben eine Chance, Masterson doch noch zu erwischen?“, fragte Joe Harricks.

„Ich würde sogar sagen, dass er das gleiche Ziel hat wie wir auch. — Burro Canyon! Dort brennt es für ihn.“ Joe Harricks holte tief Luft. „Geh noch einmal ins Hotel und sieh nach deiner Frau, ob sie auch gut untergekommen ist!“, sagte Lieutenant Miller. „Du kannst uns folgen.“

„Lass antreten und aufsitzen!“, sagte Joe Harricks entschlossen. „Wir reiten sofort.“

Lieutenant Miller verließ das Haus. Joe Harricks sah sich flüchtig um und folgte ihm dann. Der Halbzug saß bereits in den Sätteln. Captain Joe Harricks schwang sich aufs Pferd und gab das Kommando zum Anreiten.

Die Poststraße führte nach Westen. Joe Harricks schwenkte sofort nach Norden ein, und nach zwei Stunden stießen sie prompt auf die Fährte von Weißen, die in nordwestlicher Richtung unterwegs waren. Der Apachenscout untersuchte die Spuren genau und berichtete dann den Offizieren, dass hier mehr als ein Dutzend weiße Männer vor einer knappen Stunde vorübergekommen waren. Der Abstand könnte aber auch bedeutend geringer sein.

Lieutenant Miller grinste.

Details

Seiten
111
Jahr
2021
ISBN (eBook)
9783738949445
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v992301
Schlagworte
letzten fort grant

Autor

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Titel: Die Letzten von Fort Grant