Lade Inhalt...

Manche Planeten sind verboten: Science Fiction Abenteuer Paket

von Alfred Bekker (Autor) Harvey Patton (Autor) Wilfried A. Hary (Autor) Marten Munsonius (Autor) Antje Ippensen (Autor) Bernd Teuber (Autor) Freder van Holk (Autor) Hubert Hug (Autor) Allan J. Stark (Autor)
2021 900 Seiten

Leseprobe

Manche Planeten sind verboten: Science Fiction Abenteuer Paket

Alfred Bekker, Harvey Patton, Freder van Holk, Wilfried A. Hary, Marten Munsonius, Bernd Teuber, Antje Ippensen, Allan J. Stark, Hubert Hug

Dieses Buch enthält folgtende Titel:


Harvey Patton: Zeitfalle Varesol

Alfred Bekker: Der Kampf mit den Hegriv

Alfred Bekker: Angriff auf Acan

Harvey Patton: Der falsche Weg

Huber Hug: Krise auf Teomes

Freder van Holk: Blaue Kugel

Wilfried A. Hary: Notlandung auf einer verbotenen Welt

Allan J. Stark: Noraks Auftrag

Antje Ippensen: Das Schicksal des verschwundenen Raumschiffs

Bernd Teuber: Die Menschenjäger von Zacanda

Wilfried A.Hary/Marten Munsonius: Der Weltenzerstörer

Wilfried A.Hary/Marten Munsonius: Vendetta zwischen den Sternen

Wilfried A. Hary/Marten Munsonius: Das Geheimnis des Dreizehnten

Alfred Bekker: Acan - die Weltraumstadt

Alfred Bekker: Verschwörung auf Niataq


Das Betreten einer unterentwickelten Welt war ausdrücklich verboten. Die durften niemals merken, dass es überhaupt so etwas wie funktionierende Raumfahrt gab, geschweige denn all die anderen technischen und kulturellen Errungenschaften einer hochzivilisierten Völkergemeinschaft wie das Sternenreich von Axarabor. Beobachten jedoch, das war nicht so ausdrücklich verboten. Solange man eben nicht entdeckt wurde. Doch wenn man ganz offensichtlich nicht nur entdeckt, sondern sogar abgeschossen werden sollte…

Ja, dann befand man sich genau in der Situation wie Torno Hulandus, der einzige Überlebende des Raumscouts CHALLENGA47.



Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

Alfred Bekker

© Roman by Author / COVER WOLFGANG SIGL

© dieser Ausgabe 2019 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

Folge auf Twitter:

https://twitter.com/BekkerAlfred


Erfahre Neuigkeiten hier:

https://alfred-bekker-autor.business.site/


Zum Blog des Verlags

Sei informiert über Neuerscheinungen und Hintergründe!Verlags geht es hier:

https://cassiopeia.press

Alles rund um Belletristik!

Zeitfalle Varesol


Roman von Harvey Patton


Der Umfang dieses Buchs entspricht 140 Taschenbuchseiten.


Die Entführung einer jungen Frau ruft die Detektive der INTERSTELLAR DETECTIVE AGENCY auf den Plan. Gefordert werden als Lösegeld geheime Pläne aus der Firma des Vaters der jungen Frau. Aus dem simplen Entführungsfall entwickelt sich rasch ein Alptraum, der mit einem Einsatz in der Vergangenheit seinen Höhepunkt findet – wie es scheint, ohne Rückkehrmöglichkeit.



Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

Alfred Bekker

© Roman by Author / Cover: nach Motiven von Pixabay mit Steve Mayer, 2020

© dieser Ausgabe 2020 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

Folge auf Twitter

https://twitter.com/BekkerAlfred


Zum Blog des Verlags geht es hier

https://cassiopeia.press

Alles rund um Belletristik!

Sei informiert über Neuerscheinungen und Hintergründe!



1

Es war ein lauer Sommerabend, viel zu schön, um ihn durch frühes Schlafengehen zu vergeuden. Das fand jedenfalls Silvy Monfort, als sie das Videogerät abgeschaltet hatte und aus dem Fenster sah. Der Himmel war klar, die beiden Monde würden erst gegen Mitternacht aufgehen; trotzdem wurde es nicht dunkel, im Zenit stand jetzt der nahe Leuchtnebel und sorgte für ein schwach silbriges Licht.

Ich gehe noch baden!, entschied sich Silvy spontan.

Das Personal hatte an diesem Abend frei, sie war allein im Haus, und ihr Vater kam bestimmt erst spät in der Nacht zurück. Er war schon früh am Morgen zu einer Konferenz geflogen – bestimmt würde er sich freuen, sie nachher noch zu sehen und mit ihr zu plaudern. Sie hatten selten genug Gelegenheit dazu, für sein Privatleben ließen ihm die Geschäfte viel zu wenig Zeit.

Silvy schlüpfte aus ihrem Kleid, legte nur einen Badeslip an und zog einen leichten Umhang darüber. Noch ein Paar Sandalen, dann war sie bereit, löschte das Licht und ging hinaus auf die Terrasse an der Hinterfront. Von ihr aus führte ein schmaler Plattenweg durch den Blumengarten und das angrenzende Gebüsch abwärts, direkt bis zu dem kleinen See mit dem privaten Badestrand.

Sie ging langsam los, summte leise ein Lied vor sich hin – und ahnte nicht, dass fremde Augen gierig ihren Weg verfolgten!

Tief atmete sie den süßen Duft der vielen Blüten ringsum ein, auch die Büsche hinter dem Garten waren voll davon. Ein Gefühl von beschwingter Leichtigkeit überkam sie, sie streifte schon jetzt den Umhang ab und freute sich auf das kühle Bad. Niemand konnte sie beobachten, die Nachbarvillen lagen zu weit weg, und außerdem war die Intimsphäre auch so gut wie heilig.

Das dachte sie jedenfalls …

Doch dann wurde sie unsanft aus ihrer Hochstimmung gerissen, denn plötzlich wuchs die Silhouette eines anderen Menschen wenige Meter vor ihr auf.

Er musste im Gebüsch verborgen gewesen sein, war herausgesprungen und verstellte ihr den Weg. Silvy erschrak und blieb stehen, aber nur für einen Moment. Sie war in Judo ausgebildet und konnte sich gut auch ohne Hilfsmittel verteidigen, selbst gegen einen kräftigen Mann, wie er nun vor ihr stand.

Kühl forderte sie deshalb: „Verschwinden Sie von hier, so schnell es geht, Sie befinden sich auf Privatbesitz! Ich weiß zwar nicht, was Sie hier wollen, aber Sie werden bestimmt nichts erreichen – zumindest nicht bei mir.“

Der Fremde vor ihr lachte leise auf

„Bist du dir auch ganz sicher, Mädchen? Nein, hier geht es nicht um das, was du vielleicht denkst, so schön bist du nun wieder nicht. Hier sind ganz andere Dinge im Spiel, ich rate dir, dich nicht unnütz zu sträuben, wenn du gut davonkommen willst!“

Seine Stimme klang kalt und gefühllos, und nun verlor Silvy doch einen Teil ihrer Selbstsicherheit. Trotzdem dachte sie keineswegs daran, deshalb einfach aufzugeben und seinem Verlangen zu folgen. Im Gegenteil, sie ließ ihren Umhang vollends fallen, in solcher Situation war Angriff stets die beste Verteidigungswaffe, und nach dieser Maxime handelte sie nun auch.

Sie stieß sich ab und schnellte vorwärts. Ihre Arme schossen vor und griffen nach dem Oberkörper des Mannes, gleichzeitig setzte sie mit dem rechten Bein zu einem Fußhebel an. Darauf war er ganz offensichtlich nicht vorbereitet, im nächsten Moment lag er am Boden, und nun lachte Silvy triumphierend auf.

„Für Sie bin ich wohl immer noch schön genug, wie es scheint! Jetzt rate ich Ihnen, schleunigst die Kurve zu kratzen, mir kommt es auf eine Fortsetzung wirklich nicht an.“

Der Fremde knurrte etwas, erhob sich langsam wieder und wich zögernd zurück. Was immer er auch gewollt hatte, es war gründlich danebengegangen, und in Bezug auf schlagkräftige junge Mädchen schien seine Erfahrung nicht groß zu sein. Nun trat er offenbar den Rückzug an, Silvy behielt ihn weiter im Auge und bückte sich, um ihren Umhang wieder aufzuheben.

Es blieb jedoch bei dem Versuch.

Ein Rascheln in den Büschen warnte sie, aber es war bereits zu spät! Zwei weitere Gestalten schoben sich aus dem Laubwerk hervor, packten sie an den Armen und hielten sie erbarmungslos fest. Sie stöhnte unter den schmerzhaften Griffen auf, versuchte trotzdem aber noch, sich zu wehren. Doch ihre Fußtritte gingen ins Leere, sie verlor dabei nur eine Sandale, und dann kam der erste Mann wieder auf sie zu.

„Das hast du nun davon!“, grinste er. „Hättest du gleich auf mich gehört, wäre dir einiges erspart geblieben, aber jetzt müssen wir eben zu anderen Mitteln greifen.“

Plötzlich hielt er einen blinkenden Gegenstand in der Hand, und Silvy begriff. Sie sträubte sich mit aller Kraft, versuchte sich zu Boden zu werfen, aber alles war umsonst. Die kräftigen Hände der Angreifer erwiesen sich als weit überlegen, und dann kam der schimmernde Gegenstand unerbittlich auf sie zu.

Es war eine kleine Hochdruckspritze, und diese wurde nun gegen ihren linken Oberarm gepresst. Ein leises Zischen, dann schoss eine Flüssigkeit durch die Haut in ihren Blutkreislauf, und ihr wild hämmerndes Herz pumpte nun schnell durch den ganzen Körper. Sie konnte es deutlich spüren, es war wie ein Feuer, das durch ihre Adern raste, doch nur für wenige Sekunden.

Dann ebbte dieses Gefühl rasch ab, doch dafür machte sich nun die Wirkung des Medikaments bemerkbar.

Vor Silvy Monforts Augen begann es zu flimmern, alles schien sich um sie zu drehen, aber wieder nur für einen Moment. Danach wurde es wieder besser, doch nun fühlte sie sich wie in einem Meer aus Watte, vollkommen kraft- und willenlos. Ihr Widerstand war bereits erloschen, sie konnte keinen klaren Gedanken mehr fassen und nahm nur noch wie durch einen Schleier hindurch wahr, was weiter geschah.

„So eine verdammte Kratzbürste!“, sagte der Mann vor ihr und schob die Spritze wieder in die Tasche. „Keine Spur von Angst, ich lag schon auf dem Rücken, ehe ich mich überhaupt wehren konnte. Ich hätte nicht übel Lust …“

„Deine Gelüste kenne ich“, sagte scharf eine zweite Stimme, „aber die wirst du dir schön verkneifen. Zum einen, weil wir den Auftrag haben, die Kleine in jeder Hinsicht wohlbehalten ans Ziel zu bringen; zum anderen, weil jetzt alles sehr schnell gehen muss. Los, runter an den See, und dann nichts wie weg von hier.“

Er hob den Umhang auf, legte ihn um die Schultern des Mädchens und schob es dann wie einen toten Gegenstand vor sich her.



2

„Es geschehen noch Zeichen und Wunder“, sagte Patsy Reich und lachte leise auf. „Wir haben es tatsächlich geschafft, wieder mal gemeinsam auszugehen und das Nachtleben zu genießen, zum ersten Mal seit mindestens einem halben Jahr. Dafür war es aber auch ganz wunderbar, so gut amüsiert habe ich mich wohl noch nie.“

„Dafür hast du jetzt auch einen süßen kleinen Schwips“, stellte Mark Wilding fest und öffnete die Tür seines Bungalows. „Tritt ein, mein Schatz, mein Haus ist auch dein Haus, alle seine Räume stehen dir uneingeschränkt zur Verfügung.“

„Das Schlafzimmer eingeschlossen“, kicherte die junge Frau und lehnte sich gegen seine Brust. Mark küsste ihren lockend geöffneten Mund, grinste dann kurz und schob sie weiter.

„Das natürlich auch, aber im Moment denke ich mehr an die Küche. Von flüssiger Nahrung allein kann kein Mensch leben, mein Magen verlangt sehr deutlich nach handfesteren Genüssen. Ich habe noch eine Doppelportion zarten Rinder-Schmorbraten in der Kühltruhe, Direktimport von der Erde, mit allem Zubehör. Der wandert jetzt in den Mikrowellenherd und wird verspeist, und dazu gibt es einen alten Beaujolais, wie es sich stilgerecht gehört.“

„Einverstanden – aber die Nachspeise bin ich, klar?“

„Sonnenklar, meine Perle; süßer als du kann kein Pudding sein!“

Der Braten hielt, was er versprach, und Patsy ebenfalls. Dann schlief Mark Wilding tief und fest, bis er durch ein anhaltendes Schrillen aus dem Schlummer gerissen wurde. Die Jalousie ließ kein Licht durch, er schaltete die Lampe über seinem Kopf ein und sah verwundert, dass es bereits neun Uhr vormittags war. Die junge Frau schlief noch weiter, und er hätte es ihr gern gleichgetan, aber der Summer des Videos im Wohnraum wollte es anders.

„Das kann eigentlich nur der Chef sein – der hat mir gerade noch gefehlt“, brummte er missmutig, schwang sich aus dem Bett und warf sich den Morgenrock über.

Mark war Detektiv in Diensten der INTERSTELLAR DETECTIVE AGENCY, und als solcher eine Spitzenkraft. Im Augenblick hatte er Urlaub auf Widerruf, solange also, wie es keinen Auftrag für ihn gab.

Doch diese Zeit war nun vorüber, das wusste er sofort, als dann das Abbild seines Vorgesetzten im Videokubus erschien. Dessen breites Gesicht unter der Spiegelglatze war noch um eine Spur röter als sonst, er nickte nur kurz und bemerkte bissig: „Wie nett, dass Sie aufzustehen geruht haben, obwohl der Summer erst zwanzig Mal gegangen ist. Wieder mal gesumpft, nicht wahr, während ich hier pausenlos Schwerarbeit leisten muss! Mann, Sie sollten nur mal einen Tag an meiner Stelle sein …“

„Genug der Liebenswürdigkeiten, Chef“, unterbrach ihn Mark und strich sich das verstrubbelte Haar zurecht, „fertigen Sie am besten ein Tonband davon an, es sind ohnehin immer dieselben. Kommen Sie lieber zur Sache, sonst lege ich mich gleich wieder lang.“

Herbert Stockman schnaufte empört und verdrehte theatralisch die Augen, dann winkte er aber nur ab. „Dieses Verlangen wird Ihnen gleich vergehen“, prophezeite er düster, „wenn Sie erst hören, was Ihnen heute noch blüht. Ist Ihnen der Name Bert Monfort ein Begriff?“

Wilding zog die Brauen hoch und überlegte kurz.

„Ich glaube schon, Boss; er ist Chef der gleichnamigen Werke in einem Vorort von Rockwell, nicht wahr? Elektronik aller Art, vor allem für Raumschiffe, Entwicklung neuer Computer und so … ist ihm ein Mikromodul abhanden gekommen, das ich nun suchen soll?“

Stockman grinste kurz und absolut humorlos. „Es handelt sich zwar um eines seiner Erzeugnisse, aber nicht auf dem technischen, sondern auf rein persönlichem Sektor. Seine Tochter Silvia, 24 Jahre – sie ist heute Nacht spurlos verschwunden, und alles weist auf eine Entführung hin!“

„Immer dieser Arger mit den höheren Töchtern“, kommentierte der Detektiv, „ihre Väter sind wirklich arm dran. Doch damit Scherz beiseite – was sagt die Polizei dazu?“

„Bisher noch gar nichts, denn sie wurde noch nicht konsultiert. Hier nun die dürren Fakten: Monfort Senior flog gestern zu einer Konferenz nach Langdon und kam erst weit nach Mitternacht zurück. Ihm fiel nichts auf, er legte sich schlafen und vermutete seine Tochter ebenfalls in ihrem Bett. Dass sie nicht mehr da war, fiel ihm erst vor einer Stunde auf, als sie nicht zum Frühstück kam, daraufhin durchsuchte er zusammen mit dem Personal das ganze Haus. Weiter kam er nicht, denn das Video meldete sich, natürlich ohne Bild. Ein männlicher Anrufer teilte ihm mit, dass das Mädchen sich in seiner Gewalt befinde, und warnte wie üblich vor Hinzuziehung der Polizei. Er sagte nur, dass er sich später wieder melden würde und legte dann auf, ohne Bedingungen zu nennen.“

„Die werden dann später um so happiger sein“, vermutete Mark, „wenn der Vater erst mal lange genug auf dem Rost der Ungewissheit geschmort hat, gibt er viel leichter nach. Und was sagt die Mutter zu dieser unerfreulichen Angelegenheit?“

„Die ist nicht mehr mit im Bild“, erklärte Stockman, „Monforts Ehe wurde schon vor neun Jahren aufgelöst, die Tochter blieb bei ihm. Polizei schied jedenfalls aus, aber ein Mann wie er weiß sich trotzdem zu helfen, und so rief er stattdessen uns an. Ich habe ihm natürlich zugesagt, meinen besten Mann auf den Fall anzusetzen, er kommt für die Unkosten in unbegrenzter Höhe auf.“

„Wie schön für die notleidende IDA“, spöttelte der Detektiv, „nachdem uns letzthin der fette Fisch Peer Jonasson von der Angel gegangen ist. Da war es der Enkel als Troublemaker, der aber noch rechtzeitig seine späten Rachepläne aufgab und dem Opa reuig in die milliardenschweren Arme fiel. Okay, ich übernehme die Sache, trinke nur noch eine Tasse Kaffee und mache mich dann gleich auf den Weg. Vergessen Sie nicht, auch Berry zu benachrichtigen, Patsy wird wissen, wo er aufzutreiben ist.“

„Die ist heute noch gar nicht da“, beklagte sich der Manager, aber Mark unterbrach schnell die Verbindung. Eben noch rechtzeitig, denn die Vermisste betrat gerade den Raum, mit nichts als ihren weiblichen Reizen bekleidet. „Wer war das?“, fragte sie gähnend.

Wilding fasste sie um die Hüften und grinste. „Unser hoher Chef, dem seine Sekretärin fehlt – wo mag dieses pflichtvergessene Weib nur geblieben sein? Lass dir eine gute Ausrede einfallen, während du uns schnell einen Kaffee machst. Wir haben einen neuen Fall, und allem Anschein nach dürfte er es wieder mal in sich haben.“



3

Als Mark eine halbe Stunde später im Bürotrakt der INTERSTELLAR DETECTIVE AGENCY eintraf, herrschte dort die übliche quirlige Betriebsamkeit. Er feixte kurz, als er an dem leeren Schreibtisch mit dem Namensschild „Pat Reich“ vorbeiging, betrat das Chefbüro und sagte: „Da bin ich, großer Boss. Fein, dass du auch schon hier bist, Partner, da können wir ja gleich zur Sache kommen.“

„Hallo, Mark“, gab Berry Salomon zurück. Er war um einige Jahre jünger als Wilding und nur mittelgroß, mit auffallend hellem Haar und rötlichen Augen. Ein Albino also, geboren auf einem Planeten, dessen Sonnenstrahlung die Kinder der dortigen Siedler mutieren ließ, weshalb er bald wieder geräumt worden war. Berry konnte nach Belieben eine andere Gestalt annehmen und nicht nur Menschen täuschend echt kopieren, sondern sogar Tiere. Eine Eigenschaft, von der nur wenige wussten, die aber für seinen Partner und die IDA äußerst wertvoll war.

Herbert Stockman wischte einige imaginäre Schweißtropfen von seiner hohen Stirn und wies auf einen Sessel.

„Nichts Neues im Fall Silvia Monfort, ich habe eben nochmals mit ihrem Vater gesprochen. Er wirkt relativ gefasst, und ich habe ihn angewiesen, nichts zu unternehmen, ehe ihr nicht bei ihm gewesen seid. Macht euch also am besten sofort auf den Weg zu ihm, seht euch überall gründlich um …“

„Moment, Chef“, fiel Mark ihm ins Wort, „so einfach wird das wohl kaum gehen! Kidnapper und Erpresser sichern sich stets in jeder Hinsicht ab, ich vermute stark, dass Monforts Haus irgendwie von ihnen beobachtet wird. Wir können also nicht dort einmarschieren wie zwei Elefanten – man würde uns wahrscheinlich für Polizisten halten und entsprechend sauer reagieren. Wir brauchen dafür einen Trick, den man nicht so leicht durchschauen kann.“

„Stimmt“, räumte der Manager missmutig ein, „aber welchen wohl? In diesem Viertel der Upper-Ten von Rockwell ist es ausgesprochen ruhig, es gibt kaum Verkehr außer den Luxuswagen dieser Leute. Daneben natürlich auch noch die üblichen Lieferanten – wie wäre es mit dieser Tarnung?“

„Zu spät“, lehnte der Detektiv ab, „die kommen immer schon ganz früh am Morgen. Ich schlage vor, dass Sie Ihren Computer bemühen und ihn ein Bild der fraglichen Umgebung wiedergeben lassen, Boss. Vielleicht hilft uns das irgendwie weiter.“

Im Archiv der IDA gab es auch diese Daten, Stockman tippte auf einige Sensoren am Schreibtischpult und rief sie ab. Dann sahen die drei Männer aufmerksam auf den Monitor, und natürlich fiel ihnen auch der See ins Auge. Am jenseitigen Ufer befanden sich die Gebäude eines Motorbootverleihs, und Mark Wilding nickte.

„Das musste sich schon machen lassen, denke ich. Wir mieten uns dort ein Boot, ziehen einige Kreise auf dem See und nähern uns dem Haus von hinten. Dabei stellen wir uns etwas ungeschickt an, laufen in dem seichten Wasser auf Grund und kommen nicht mehr weg. Dann waten wir an Land, bekommen dabei zwar nasse Füße, aber wir sind da.“

Berry grinste humorlos und winkte ab.

„Nicht schlecht gedacht, aber doch viel zu durchsichtig, Mark. Alles, was irgendwie von der Norm abweicht, wird einem Aufpasser automatisch verdächtig erscheinen, damit kommen wir nie durch. Wir könnten allenfalls … nein, eben kommt mir eine bessere Idee! Ja, so musste es zu machen sein.“

Zwanzig Minuten später ging ein pompöser dunkler Flugwagen am Rande des Prominentenviertels nieder und rollte dann langsam die Straße entlang. Am Steuer saß Mark Wilding in der Kleidung eines Privatpiloten, hinter ihm in der Kabine eine scheinbar uralte, aber vornehm angezogene Frau. Der Wagen trug das Kennzeichen einer anderen Stadt, und die Matrone war die Mutter Bert Monforts, bis hin zur letzten Falte in ihrem runzligen Gesicht.

„Passen Sie doch besser auf, Harvey!“, keifte sie, als Mark ihr vor dem betreffenden Haus aus dem Wagen half. „Mir ist schon fast schlecht geworden, als Sie vorhin so verrückt geflogen sind, und jetzt zerdrücken Sie noch fast meinen Arm. Machen Sie so weiter, sind Sie am längsten in meinem Dienst gewesen.“

„Sehr wohl, Madame Monfort“, sagte der „Pilot“ mit der Miene eines Mannes, der ähnliche Ergüsse täglich zu hören bekam, und führte die alte Dame behutsam zum Hauseingang. Dieser öffnete sich vor den beiden, der Industrielle erschien darin und bemerkte mit sorgenvollem Gesicht: „Danke, dass du so schnell gekommen bist, Mama. Du bist die einzige, an die ich mich wenden konnte, ohne dass …“

Mehr war draußen nicht zu hören, denn die Tür ging wieder zu, aber dem Spion der Entführer genügte es. „Der Alte spurt bestens, Boss“, sagte er gedämpft in ein Handsprechgerät, „er hat seine Mutter angerufen, und sie ist eben angekommen, weit und breit keine Spur von Polizei. Es kann also weitergehen wie geplant, ich setze mich hier ab und komme zu euch.“

Er ließ Fernglas und Richtmikrofon verschwinden, kletterte vom Dach des Müll-Recycling-Bunkers am Rande einer Grünanlage schräg gegenüber und machte sich dann wie ein Spaziergänger davon. Zur gleichen Zeit sagte drinnen im Haus Bert Monfort bleich und mit erstickter Stimme: „Mich hätte eben fast der Schlag getroffen, ich glaubte wirklich, meine Mutter vor mir zu haben. Dabei ist sie schon vor zwei Jahren gestorben – wie haben Sie das nur gemacht, allein mit einem alten Bild von ihr?“

Berry Salomon hatte inzwischen wieder sein normales Aussehen angenommen, nickte mitfühlend und erklärte: „Ich bin ein Mutant, Mr. Monfort, so etwas wie ein Real-Illusionist. Nehmen Sie die Sache nicht weiter tragisch, es war nur eine Sinnestäuschung, ein Mittel zum Zweck. Nur so konnten wir unauffällig hier hereinkommen, aber nun werden wir auch alles tun, um herauszufinden, wie und wohin ihre Tochter verschwunden ist.“

Er entledigte sich der Frauenkleidung, schlüpfte in eine unter ihr verborgene Kombination und wandte sich an seinen Partner.

„Ich schlage vor, dass wir zuerst den Speicher des Hausvideos abfragen, Mark. Vielleicht hat man die junge Dame durch einen Anruf aus dem Haus gelockt, und das wäre wenigstens eine erste Spur.“

Eine Minute später stand jedoch fest, dass am Abend zuvor kein Anruf gekommen war, und nun durchsuchten die Detektive systematisch das ganze Haus. Sie konnten das ungestört tun, denn Monfort hatte sein Personal ohne Angabe von Gründen für diesen Tag beurlaubt, aber viel kam dabei nicht heraus. Väter kümmerten sich nur selten um die Garderobe ihrer Töchter, und so wusste auch Monfort nicht, was Silvia getragen hatte, als sie entführt worden war

„Irgendwelche Spuren muss es aber geben“, knurrte Mark, als sie wieder im Erdgeschoss standen, „kein Mensch löst sich einfach in eine Wolke auf und fliegt davon! Stöbern wir also jetzt einmal das Gelände hinter dem Haus ab, die Entführer könnten am ehesten von der Seeseite her gekommen sein.“

Berry musste natürlich im Haus bleiben, sein Partner ging allein hinaus in den Garten. Dort schlenderte der „Pilot“ gelangweilt hin und her, musterte zum Schein die Blumenbeete und entfernte sich allmählich immer weiter vom Haus. Wie absichtslos betrat er dann den Plattenweg, blieb noch einmal stehen und zündete sich eine Zigarette an. Dabei sah er sich unauffällig nach allen Seiten um, konnte nichts verdächtiges entdecken und ging weiter.

Zwischen den Büschen fand er die Sandale, die Silvy beim Kampf verloren hatte, und damit war für ihn alles klar. Er sah auch die Spuren in den Büschen und den Kielabdruck eines kleinen Motorbootes im Ufersand, ließ alles so, wie es war, und kehrte langsam wieder ins Haus zurück.



4

„Pflegte Ihre Tochter öfter noch spät abends im See zu baden?“, erkundigte sich Wilding; Bert Monfort zuckte mit den Schultern.

„Nicht regelmäßig, aber zuweilen schon, wenn es besonders warm war, so wie gestern. Ich habe nie etwas dabei gefunden und bin auch selbst mitgegangen, wenn ich zuhause war. Verdammt, wie hätte ich auch ahnen können, dass einmal so etwas geschieht?“

„Machen Sie sich keine Vorwürfe, das konnte wirklich niemand ahnen, Bert. Es ist aber ziemlich sicher, dass die Entführung lange geplant war, man muss das Haus schon einige Zeit beobachtet und die Gewohnheiten Ihrer Tochter studiert haben. Gestern passte nun alles zusammen, Sie waren verreist und die Nacht war warm … Es waren insgesamt drei Personen den Fußspuren nach, sie sind mit einem Boot gekommen und auch wieder verschwunden. Vermutlich geschah es noch vor Mitternacht, solange die Monde noch nicht aufgegangen waren, so dass eine Entdeckung kaum zu befürchten war.“

„Die Entführer müssen aber jedenfalls ein Boot mit Elektromotor benutzt haben“, schaltete sich Berry Salomon ein, „ein normales Motorboot wäre viel zu laut gewesen. Oder herrscht auf dem See auch nach Einbruch der Dunkelheit noch viel Verkehr?“

„Im Gegenteil“, erklärte der Industrielle. „Er ist zu klein, und deshalb besitzt auch keiner der Anlieger ein eigenes Fahrzeug. Wer eines braucht, geht zu dem Verleiher auf der anderen Seite …“

Er unterbrach sich, denn nebenan klang der Summer des Videos auf. Hastig sprang er auf und eilte zu dem Gerät, Mark und Berry folgten ihm, zogen sich jedoch aus dem Bild-Aufnahmebereich zurück. Wie zu erwarten war, blieb der Holokubus dunkel, nur eine offenbar verstellte Männerstimme kam aus der Feldmembran.

„Schön, dass Sie so klug sind, unsere Anweisungen zu befolgen“, sagte sie mit spöttischem Unterton. „Wir können Ihr Video zwar nicht abhören, aber dafür halten wir Ihr Haus um so genauer im Auge. Vor einer Stunde ist Ihre Mutter bei Ihnen eingetroffen – die alte Frau wird Ihnen bestimmt eine große Hilfe sein!“

„Sparen Sie sich Ihren Sarkasmus für den Hausgebrauch auf, Mann“, knurrte Monfort bitter. „Kommen Sie stattdessen lieber zur Sache und sagen Sie, was Sie von mir wollen, Sie schmutziger Erpresser.“

Der andere lachte leise auf.

„Weshalb gleich so harte Worte, Monfort? Wir haben ja schließlich nichts gegen Sie persönlich, wir beabsichtigen nur ein kleines Geschäft auf Gegenseitigkeit. Wir haben Ihre Tochter und Sie etwas, an dem uns ebenso viel liegt wie Ihnen an ihr. Gehen Sie auf den Handel ein, bekommen Sie das Mädchen in wenigen Tagen wohlbehalten zurück, und alles ist wieder in Ordnung.“

Der Fabrikant hob resigniert die Schultern.

„Ich sehe die Dinge zwar etwas anders, doch Sie sitzen nun mal am längeren Hebel. Was immer Sie aber auch wollen, ich denke nicht daran, so ohne Weiteres darauf einzugehen. Zuvor verlange ich den Beweis, dass Silvia auch wirklich in Ihrer Hand und am Leben ist.“

Dies war mit Wilding abgesprochen, denn der Detektiv hatte für früher oder später mit einem solchen Anruf gerechnet. Der andere ging auch sofort darauf ein und gab lakonisch zurück: „Den sollen Sie haben, wir sind schließlich keine Unmenschen. Einen Moment, Sie werden sofort bedient.“

Der Holokubus begann zu flimmern, und dann erschien in ihm das Abbild der Entführten. Silvia Monfort trug auch jetzt nur ihren bunten Umhang, ihr blondes Haar war ungeordnet, das Gesicht wirkte übermüdet, die blauen Augen klein und trübe.

„Hallo, Papa“, sagte sie leise und monoton. „Es tut mir leid, dass ich dir Kummer mache, aber ich kann wirklich nichts dafür. Mach dir keine Sorgen um mich, ich bin gesund und werde hier gut behandelt. Man hat mir auch versprochen, mich bald wieder nach Hause zu lassen, wenn du die Wünsche dieser Leute erfüllst. Grüß bitte auch die Grandma von mir.“

Monfort wollte etwas entgegnen, aber schon wurde der Kubus wieder dunkel, und die verstellte Stimme meldete sich erneut.

„Das sollte als Beweis genügen, und hier nun im Gegenzug unsere Forderung: Sie brechen die laufenden Verhandlungen umgehend ab und erklären den Interessenten, das Projekt wäre ein Fehlschlag geworden. Ihnen wird dazu schon etwas passendes einfallen, ein Mann wie Sie ist um plausible Ausreden nie verlegen. Tun Sie es bald – denken Sie an Ihre Tochter! Danach melden wir uns wieder.“

„Eine Frage noch“, begann der Industrielle, doch er sprach ins Leere, die Verbindung war weg. Er blieb noch eine Weile reglos sitzen und überlegte, es arbeitete heftig in seinen Zügen. Als er sich dann umwandte, sah er die fragenden Blicke der Detektive, aber er schüttelte nur den Kopf.

„Sie erwarten jetzt wohl eine Erklärung von mir, doch die kann ich Ihnen beim besten Willen nicht geben. Sicher, Sie stehen auf meiner Seite, aber alles darf ich auch Ihnen nicht sagen. Diese Sache nicht nur wichtig und geheim, hier stehen auch große Summen auf dem Spiel.“

„Geheim war sie einmal, wie man sieht!“, sagte Wilding nüchtern.

„Für uns ist das aber auch sekundär, kommen wir jetzt wieder auf Ihre Tochter zurück. Wir haben sie zwar gesehen, doch zweifellos war das nur eine Aufzeichnung auf Videoband, mehr nicht. Außerdem weist ihr ganzes Verhalten darauf hin, dass man sie unter Drogen gesetzt hat; sie hat willenlos nur das nachgeplappert, was man ihr vorgesagt hat. Hätte sie wohl sonst eine Großmutter gegrüßt, von der sie in klarem Zustand weiß, dass sie schon lange tot ist?“

Bert Monfort nickte langsam, seine Schultern sanken herab.

„Sie haben wahrscheinlich recht“, gab er zu, „und natürlich will ich, dass das bald ein Ende findet. Drängen Sie mich aber bitte nicht, ich brauche einige Zeit, um mir alles nochmal eingehend zu überlegen. Vielleicht können Sie inzwischen noch etwas tun, das Licht in die Entführung an sich bringt.“

Mark Wilding verstand und winkte seinem Partner. „Okay, wir werden es versuchen und lassen Sie so lange allein. Die Entführer werden es wohl kaum verdächtig finden, wenn eine gewisse alte Dame in die City fliegt, vielleicht, um einzukaufen. Sollte sich bei Ihnen noch etwas tun, unterrichten Sie unser Büro, Stockman gibt uns dann umgehend Bescheid.“



5

„Der gute Mann steckt gewaltig in der Zwickmühle“, folgerte Berry unterwegs. „Zum einen hat man ihm das Mädchen geklaut, zum anderen droht ihm ein ganz großes Geschäft zu platzen, wenn er auf die Bedingungen der Entführer eingeht. Etwas in der Größenordnung von hundert Millionen aufwärts, schätze ich, sonst fiele ihm die Wahl wohl nicht so schwer.“

„Gut möglich“, stimmte Mark ihm zu, „seine Firma ist führend auf ihrem Gebiet und absolut solvent. Dass er trotzdem noch andere mit ins Spiel bringen wollte, weist darauf hin, dass sein Projekt weit aus dem üblichen Rahmen fällt. Vielleicht haben seine Techniker das Perpetuum mobile erfunden oder das Geheimnis der ewigen Jugend entdeckt, aber das kratzt mich wenig. Ich habe den Auftrag, mit dir zusammen den Entführern der gar nicht unhübschen Tochter auf die Spur zu kommen, und nur daran halte ich mich.“

„Eben fällt mir noch etwas anderes ein, Partner: Die Entführer scheinen doch nicht den richtigen Durchblick zu haben“, meinte der Metabo. „Wie wäre es sonst zu erklären, dass sie nicht mal wissen, dass Bert Monforts Mutter gar nicht mehr lebt?“

Wilding pfiff überrascht durch die Zähne.

„Das ist tatsächlich merkwürdig …hmmm, es wäre wohl am ehesten damit zu erklären, dass sie von einem anderen Planeten kommen! Hier auf Orbin weiß jeder Insider sehr genau, was sich in der Beziehung in den besseren Kreisen tut. Hoffen wir, dass sie noch möglichst lange in ihrem Irrglauben bleiben – sobald sie deine Tarnung als alte Lady durchschauen, wird es schwierig für uns!“

Er fädelte den Flugwagen in den den höchsten Flugkorridor ein, der nur wenig frequentiert wurde, und sah aufmerksam nach hinten.

Es gab keine Verfolger, er polarisierte trotzdem die Scheiben der Kabine; in diesem Schutz nahm Berry wieder seine normale Gestalt an und kleidete sich entsprechend um. Dann griff er nach einer Dose mit Nahrungskonzentrat, trank sie leer und erklärte danach: „Mehr als einen Gestaltwandel darfst du mir heute aber nicht mehr zumuten, Mark. Du weißt ja, dass mich das jedes Mal ziemlich mitnimmt, und ich bin im Augenblick nicht in bester Form. Hätte ich geahnt, dass es so schnell wieder einen Einsatz für uns gibt …“

„Dann hättest du die letzte Nacht allein verbracht, ich weiß“, grinste sein Partner. Dann scherte er rasant nach rechts aus, ließ das Fahrzeug nach unten schießen und schnitt die beiden Korridore der nächsten Ebenen in einer verwegenen Kurve. Vermutlich fluchten jetzt andere Fahrer erbittert über den Snob in dem noblen Gefährt, aber das störte ihn wenig. Er hatte es eilig, etwaige Strafmandate zahlte die IDA anstandslos, solange es keine Unfälle gab.

Mark landete den Wagen auf dem Gelände einer scheinbar neutralen Wartungsfirma und ließ ihn in einen Hangar rollen. Dort standen immer einige unauffällige Flitzer für seine Agentur bereit, die Detektive stiegen in einen davon um und waren gleich darauf auf dem Rückweg zu dem See, an dem Monforts Haus lag.

Ihr Ziel war das andere Ufer, wo sich der zuvor von ihm erwähnte Bootsverleih befand. Die Wasserfläche war jedoch trotz des schönen Wetters leer, den Grund dafür gab ein Schild am Eingang des Bürogebäudes an. „Vorübergehend geschlossen“ stand darauf, aber Wilding legte trotzdem seinen Daumen auf den Rufkontakt, bis die Tür geöffnet wurde. Ein älterer Mann im Trainingsanzug erschien, er nickte ihm freundlich zu und sagte: „Guten Tag, Mr. Worm, wir sind Detektive …“

„Wird auch höchste Zeit, dass sich jemand von euch Brüdern hier sehen lässt“, fiel ihm der Mann mürrisch ins Wort. „Ich habe die zuständige Sektion schon vor zwei Stunden angerufen, um sie von dem Einbruch zu verständigen, aber natürlich bin ich bei einem der sturen Computer aufgelaufen. Der hat mir zwar die Seele aus dem Leib gefragt und dann versichert, der Fall würde sofort bearbeitet, doch seitdem sitze ich hier und drehe Däumchen! Drei Interessenten musste ich schon wegschicken, weil am Tatort nichts verändert werden darf, und das ist ein Verlust von sechshundert Solar für mich … aber mit den kleinen Leuten kann man das ja machen. Wäre ich einer der großen Bosse, hätte sich die Polizei nur so überschlagen …“

„Wir sind nicht von der Polizei, sondern von der INTERSTELLAR DETECTIVE AGENCY“, unterbrach Mark seinen Redeschwall. „Uns hat die Versicherung geschickt, die inzwischen auch unterrichtet wurde, und sie wird natürlich alles tun …“

„Alles, um sich vor dem Bezahlen zu drücken, ich weiß“, fiel Worm nun ihm ins Wort. „Das kenne ich doch längst, man hat mich bisher immer mit fünfzig Prozent des wirklichen Schadens abgespeist. Wenn ich aber mit den Prämien mal paar Tage zu spät dran war, kam prompt eine Drohung mit dem Gericht von der Mahnabteilung!“

Seine Augen funkelten gereizt, er schickte sich an, den beiden die Tür vor der Nase zuzuschlagen. Wilding reagierte aber schnell, griff in die Tasche und holte ein Bündel Geldscheine hervor.

„Sechshundert Solar Ausfall sagten Sie – bitte, hier sind sie! Bares Geld ohne jede Quittung, unsere Agentur rechnet den Betrag einfach ihren Unkosten hinzu. Können wir jetzt schnell den Tatort sehen, ehe die Polizei kommt, Mr. Worm? Sie macht dann jede Menge Wirbel und hält uns nur unnötig auf.“

Er zählte die Summe ab, der Bootsverleiher riss ihm die Scheine förmlich aus der Hand und grinste breit. „Sie haben mich überredet – kommen Sie mit!“

Er führte die Detektive zur Bootsremise und wies auf ihre Tür. „Das da war einmal ein teures elektronisches Schloss, gekoppelt mit einer Alarmanlage, aber die Einbrecher haben einfach alles mit einem Laser zusammengeschmolzen. Dann sind sie eingedrungen, haben mein bestes E-Boot genommen und sind auf dem See herumkutschiert. Sicher, sie haben es wieder zurückgebracht, aber …“

Er klagte wortreich weiter, doch Wilding hörte ihm kaum noch zu. Seine Aufmerksamkeit galt allein dem bewussten Fahrzeug, und als er in einem Winkel seiner Kabine Silvia Monforts zweite Sandale sah, war für ihn alles klar. Berry hatte indessen einen Notizblock aus der Tasche geholt und tat so, als würde er alles aufschreiben.

„Danke, Mr. Worm, das genügt“, sagte Mark, als dieser endlich mit seinem Sermon am Ende war. „Wir müssen jetzt weiter, später werden noch einmal Kollegen kommen und den Rest aufnehmen, die Schadensregulierung geht dann ganz schnell. Ach ja …sagen Sie der Polizei bitte nicht, dass wir schon dagewesen sind! Die Cops mögen uns von der privaten Konkurrenz nicht besonders.“

„Und von ihnen bekomme ich auch keine sechshundert Mäuse – geht in Ordnung, Mr. Wilding! Falls Sie auch mal Lust haben, eine Tour auf dem See zu machen, dann kommen Sie nur, ich berechne Ihnen nur den halben Preis. Eine Hand wäscht die andere, und …“

Der Mann setzte zu einer neuen Suada an, aber Mark unterbrach ihn und verabschiedete sich rasch. Berry war bereits zum Wagen vorgegangen und wendete ihn, den beiden brannte die Zeit unter den Nägeln. Noch wusste die Polizei nichts von der Entführung, aber das Team war den meisten Beamten von früheren Fällen her bekannt. Sie hätten sich gewundert und unbequeme Fragen gestellt, und eben das konnten die Detektive absolut nicht brauchen.

Sie starteten eilig und waren kaum dreihundert Meter weit, als ihnen auch schon ein Polizeigleiter entgegenkam.

„Glück gehabt!“, kommentierte Berry und polarisierte rasch die Scheiben. „Worm wird bestimmt dichthalten, schon aus Angst, eventuell das Geld wieder hergeben zu müssen. Nur Miss Daniels wird maulen, weil du wieder mal Spesen gemacht hast, ohne einen Beleg dafür zu haben.“

„Halb so wild, das bekommt Monfort später alles mit auf die Rechnung gesetzt“, brummte sein Partner. „Stockman wird auch der Versicherung einen Wink geben, damit sie den Mann nicht so lange wie üblich hängen lässt. Er hat schließlich einiges für uns getan, jetzt wissen wir genau, wie die Entführung gelaufen ist.“



6

Der Manager seufzte elegisch.

„Sicher, Sie haben gut gearbeitet, nur bringt uns das leider nicht einen Schritt weiter, Mark. Natürlich habe ich inzwischen alle freien Leute losgeschickt, damit sie sich umhören, aber in Bezug auf Silvia Monfort herrscht auf allen Kanälen nur das große Schweigen. Niemand in den gewissen Kreisen kann etwas dazu sagen, selbst der Hinweis auf eine gute Belohnung hat nichts gebracht. Wissen Sie, wie es jetzt weitergehen soll?“

„Wenn ich Präkogniter wäre, säße ich jetzt nicht hier, Chef!“, sagte Wilding lakonisch. „Auch zaubern können wir beide nicht, lediglich Fakten ermitteln und Schlussfolgerungen aus ihnen ziehen, und mehr als die zweite Sandale haben wir eben nicht. Was Sie da aber eben über die allgemeine Funkstille sagten, gibt mir doch zu denken. Es passt damit zusammen, dass die Entführer offenbar in Sachen der Familie Monfort ebenfalls nicht richtig im Bilde sind.“

„Inwiefern?“, forschte Stockman und holte die obligate Flasche und Gläser hervor. Sie tranken einen Schluck, diesmal von einem guten alten Armagnac, und dann gab der Detektiv seine schon früher angestellten Überlegungen preis.

„Von einem anderen Planeten?“, murmelte der Manager, fuhr sich über die Glatze und trank sein Glas leer. „Hm, damit könnten Sie sogar recht haben, Monfort ist nicht nur einer der Bosse hier auf Orbin. Unsere Recherchen haben ergeben, dass er gute Verbindungen in alle Richtungen der Milchstraße hat, und damit automatisch auch eine ganze Anzahl von Konkurrenten. Und dazu kommt dann noch sein neues Projekt – was war das noch, Mark?“

„Eben darüber schweigt er sich hartnäckig aus“, murrte Wilding. „Er hat uns abgewimmelt, weil er noch darüber nachdenken will – hoffentlich beeilt er sich damit, schließlich steht das Schicksal seiner Tochter dabei auf dem Spiel!“

„Vielleicht sollten wir ihn einmal daran erinnern“, sagte Berry, und Stockman nickte. Er tippte auf einen Sensor der Info-Konsole auf seinem Schreibtisch, wartete eine Weile und schüttelte dann missbilligend den Kopf. „Patsy ist immer noch nicht da, sie wird doch hoffentlich nicht ernsthaft krank sein … Ohne sie komme ich einfach nicht mehr richtig zurecht.“

„Wie viel ein Mensch wirklich wert ist, merkt man meist erst, wenn er einem fehlt“, bekräftigte Mark Wilding, ohne eine Miene zu verziehen. „Ich werde nach ihr sehen, Chef, sobald ich Zeit …“

Ein Summer schnitt seine scheinheiligen Worte ab, ein Monitor erhellte sich, und das Abbild eines Mädchens aus dem Infozentrum erschien darauf. „Ein Anruf für Sie, Mr. Stockman, aber anonym. Soll ich Sie trotzdem verbinden?“

„Sehr schnell sogar!“, sagte der Manager scharf, und er hatte richtig getippt. Sekunden später zeigte sich im großen Holokubus das Gesicht von Bert Monfort, ein nervöses Zucken lief über seine Züge, und er stieß hastig hervor: „Ich habe mich entschieden – ich werde die Bedingungen der Entführer erfüllen, um meine Tochter zu retten! Deshalb werde ich jetzt sofort das Gremium verständigen, mit dem ich über das geheime Projekt verhandelt habe. Allerdings habe ich Grund zu der Annahme, dass jemand von diesen Leuten mit den Verbrechern in Verbindung steht, vielleicht sogar die Erpressung selbst inszeniert hat, Mr. Stockman! Daher gebe ich der IDA nun den Auftrag, sie von jetzt an so gut wie möglich zu überwachen, um herauszufinden, ob es so ist. Hier nenne ich Ihnen nun die Namen …“

Berry Salomon schaltete schnell, holte seinen Block hervor und notierte die Angaben. Der Manager kam nicht gegen den Redestrom an, er musste warten, bis der Industrielle damit fertig war. Dann zuckte er mit den Schultern, und nun standen echte Schweißtropfen auf seiner hohen Stirn.

„Ihr Verlangen ist verständlich, Mr. Monfort – wissen Sie aber auch, was Sie uns damit zumuten? Diese vier sind keine x-beliebigen Leute, sondern durchweg sehr reiche und geachtete Männer unseres Planeten! An sie heranzukommen, ist schon normalerweise schwer, und wenn sie wirklich mit der Entführung zu tun haben …“

„Das weiß ich alles selbst“, fiel ihm Monfort hitzig ins Wort.

„Diese geachteten Leute sind aber durchaus keine Engel …nun, als Leiter unserer besten Detektivagentur wissen Sie vermutlich, was ich damit meine. Setzen Sie alle Hebel in Bewegung, durchforsten Sie Ihre Archive und schicken Sie alle verfügbaren Agenten aus! Ich komme für alle Unkosten auf, ich muss unbedingt wissen, wer mir dies alles eingebrockt hat.“

Herbert Stockman wirkte ziemlich hilflos, doch nun schob sich Mark Wilding neben ihn und sagte schnell: „Das geht in Ordnung, Bert, wir werden alles für Sie tun, was wir können. Beruhigen Sie sich also wieder, damit Sie sich nachher nicht verraten, wenn Sie die Gespräche führen! Berry und ich bleiben daneben weiter zu Ihrer Verfügung, Anruf genügt; okay?“

Der Firmenboss nickte, die Verbindung brach zusammen, und Stockman knurrte erbost: „Sind Sie eigentlich noch zu retten – wie können Sie dem Mann so etwas versprechen? Zum einen hat er da doch ganz offensichtlich Unsinn geredet, zum anderen kann es sich die IDA einfach nicht erlauben …“

Der Detektiv winkte gelassen ab.

„Versprechen kann man vieles, Chef, man muss es aber nicht unbedingt auch halten. Monfort drohte die Kontrolle über sich zu verlieren, Widerspruch hätte ihn nur noch weiter gereizt, aber nun wird er sich wieder beruhigen. Soll er also glauben, dass wir wirklich das tun, was er verlangt, obwohl es gar nicht der Fall ist. Wenn wir später behaupten, unsere Leute wären erfolglos geblieben, wird er es wohl oder übel akzeptieren müssen.“

Der Manager atmete auf und griff erneut nach der Flasche.

„Schon gut, Mark, Sie haben damit natürlich recht, Sie altes Schlitzohr. Zwei der bewussten Männer sind regelmäßige Klienten der Agentur, sie eventuell zu verprellen, würde uns erhebliche Einbußen bringen. Dass Monforts Anwürfe vollkommen unsinnig sind, steht doch wohl als sicher fest.“

„Das würde ich in Ihrer Stelle nicht ganz so laut sagen“, warf nun jedoch der Metabo ein. „Der Mann gehört schließlich selbst zu diesem Kreis, hat vermutlich auch nicht immer mit sauberen Methoden gearbeitet und traut das den anderen ebenso zu. Wenn es um viele Millionen geht, setzt man sich leicht über alle Bedenken hinweg, das haben wir oft genug erfahren, Chef.“

Sie tranken einen Schluck, und dann zuckte Stockman resigniert mit den Schultern.

„Damit könnten Sie auch wieder recht haben, und das macht mir diesen Fall noch um einiges unsympathischer. Am liebsten würde ich ihn ganz hinwerfen und den Polizeipräfekten unterrichten, doch gegen den erklärten Willen eines Klienten darf ich das nur leider nicht. Schon gar nicht, wo das Leben oder zumindest Wohl dieses Mädchens auf dem Spiel steht.“

Er trank sein Glas in einem Zug leer, fuhr mit einem Tuch über seine nasse Stirn, und Wilding nickte zustimmend.

„Donatellis Leute sind zwar gut, aber je mehr Mitwisser es gibt, um so leichter sickert etwas nach außen durch. Falls dann Silvia Monfort wirklich etwas zustoßen sollte, bliebe es eben doch an der IDA hängen … Es hilft alles nichts, wir müssen wohl oder übel schweigen und so weitermachen wie bisher. Wenn nicht gerade alles schief läuft, werden wir auch diesen Fall irgendwie lösen, Chef.“

„Schön wäre es ja!“, seufzte der Manager. Mark und Berry waren sein bestes Team, aber trotzdem klang es fast schon resigniert.



7

Mittag war nun vorbei, die beiden Detektive hatten Hunger.

Monfort hatte seine Verhandlungspartner aber inzwischen vermutlich bereits angerufen, und so konnte es bald neue Gesichtspunkte geben. Dann mussten sie schnell erreichbar sein, also suchten sie nur den kleinen Speiseraum der INTERSTELLAR DETECTIVE AGENCY auf, um dort die Mahlzeit einzunehmen.

Die meisten Tische waren von fremden Bürokräften besetzt, sie mussten in eine Ecke im Hintergrund ausweichen. Dort angekommen, klang ihnen ein erfreuter Ausruf entgegen.

„Mark und Berry, ihr alten Sünder! Sieht man euch nach langer Zeit auch mal wieder?“, kam es von Jean Ferrand, dem Computerspezialisten der IDA. Er war hagerer Mann mit schwarzem Kraushaar und schmalem, verträumt wirkendem Gesicht, aber nun lächelte er breit. „Kommt her an meinen Tisch und leistet mir Gesellschaft. Es ist zwar schon gut ein halbes Jahr her, seit wir im Fall Stanley Parks zusammen unterwegs waren, aber ich denke noch gern daran zurück. Was ist eigentlich aus seiner Tochter geworden, die damals beide Augen auf dich geworfen hatte, Mark?“

Wilding schüttelte ihm die Hand und lächelte zurück.

„Nur eine kurze Episode, mehr nicht, Jean. Parks erlangte sein Gedächtnis ziemlich schnell zurück, trat den Rückflug zur Erde an, und Rita flog mit ihm. Nicht ohne Bedauern, aber du weißt wohl, wie in solchen Fällen meist der Hase läuft. Hier eine reiche Erbin, da nur ein simpler Detektiv, und da bleibt die Liebe eben immer auf der Strecke.“

Ferrand nickte mitfühlend und begrüßte auch den Mutanten. „Wie kommt es, dass Stars wir ihr auch einmal hier auftauchen?“, fragte er dann. „Seid ihr beim Alten in Ungnade gefallen, oder hängt ein besonders dicker Fall in der Luft?“

„Letzteres“, erklärte Mark, während er die Menükarte überflog. „Mehr darf ich dazu nicht sagen, die Sache ist ziemlich heikel; welches Gericht kannst du uns denn empfehlen, Jean?“

„Nummer drei, das gegrillte Sauriersteak von Jarvis Planet, ich habe es auch bestellt. Es wird wenig gefragt und kommt deshalb ziemlich schnell, genau richtig, wenn man es eilig hat.“

Er behielt recht, die Tischautomatik stieß die Portionen schon nach einer Minute aus. Für eine Viertelstunde waren die Männer nun voll beschäftigt, und es schmeckte ihnen auch. Dann ließen sie die Reste per Knopfdruck verschwinden, und als die Verdauungszigaretten brannten, lehnte sich Wilding zurück und erkundigte sich, scheinbar vollkommen absichtslos: „Und wie läuft es jetzt auf deinem Spezialgebiet, Jean? Zwar heißt es immer, dass es in Bezug auf Computertechnik fast nichts neues mehr gibt, aber das sollte mich sehr wundern. Irgend etwas tut sich trotzdem immer wieder, und ihr Techniker der IDA erfahrt doch immer sehr schnell davon.“

Ferrand zuckte mit den Schultern.

„Im Allgemeinen stimmt das schon, aber im Augenblick scheint ein besonders großer Fuß auf allen Leitungen zu stehen. Man munkelt zwar davon, dass sich auf dem Gebiet der Servoautomaten zur Zeit etwas abspielt, aber das scheint Top Secret zu sein. Die großen Firmen lassen sich eben nie vorzeitig in die Karten sehen, solange die Dinge nicht ausgereift sind.“

„Das Gebiet der Servoautomaten ist groß“, warf Berry Salomon wie beiläufig ein. „Hier am Tisch hat uns einer versorgt, aber auch die Steuergehirne von Raumschiffen fallen in dieselbe Kategorie. In welcher Hinsicht könnte sich denn am ehesten etwas tun?“

„Die Gerüchte meinen, auf dem Gebiet der autarken Roboter, aber daran kann ich nicht recht glauben, Berry. Man doktert jetzt zwar schon seit Jahrhunderten daran herum, doch es hat so viele Pannen gegeben, dass ich an einen echten Fortschritt nicht glauben kann. Der Mensch wird wohl, von den diversen Computern unterstützt, noch lange das allein dominierende Element bleiben.“

Wilding wollte etwas entgegnen, aber die Lautsprecher unter der Decke kamen ihm zuvor. „Dringende Nachricht für die Agenten MW und BS – kommen Sie bitte sofort ins Chefbüro!“, plärrten sie; Wilding verzog das Gesicht, trank schnell seinen Kaffee aus und stand auf.

„Komm, Berry, die Pflicht ruft uns, so laut und wenig taktvoll wie immer. Tut mir leid, Jean, ich hätte gern noch weiter mit dir geplaudert, vielleicht passt es später wieder mal.“

Von neugierigen Augen verfolgt verließen die beiden Detektive den Raum, und draußen sagte der Mutant: „Ich habe nicht umsonst eben so hinten herum gefragt, aber das hast du wohl bemerkt, Mark. Was Ferrand gesagt hat, gab mir zu denken, denn es passt zu gut in unseren derzeitigen Fall. Er meint zwar, an dieser Sache wäre wohl nichts dran, doch er weiß auch nicht, was wir wissen.“

Sein Partner nickte gedankenvoll.

„Gerüchte entstehen nicht von selbst sozusagen im leeren Raum, irgend etwas steckt immer dahinter. Es ist gut möglich, dass es hier gewisse Zusammenhänge gibt, wir sollten uns aber trotzdem vor übereilten Schlussfolgerungen hüten. Hören wir uns jetzt zunächst einmal an, was unser hoher Chef uns mitzuteilen hat.“

Zu seiner Überraschung saß nun Pat Reich wieder auf ihrem Platz im Vorzimmer. „Mein Gleiter hatte einen Defekt“, erklärte sie mit listigem Zwinkern, „deshalb konnte ich nicht früher kommen. Geht nur gleich weiter, Stockman hat es so dringend gemacht wie noch nie zuvor.“

„Die Dinge kommen ins Rollen“, verkündete der Manager erregt, als die Männer sein Büro betraten. „Monfort hat wie angekündigt mit seinen Verhandlungspartnern gesprochen, und die Entführer haben auch prompt schon eine Viertelstunde später darauf reagiert. An Ihrer Vermutung, sie könnten von einer anderen Welt kommen, scheint also wohl nichts dran zu sein, Mark.“

Wilding zuckte mit den Schultern.

„Vielleicht irre ich darin, aber das wird erst die Zukunft ans Licht bringen. Im Augenblick müssen wir uns erst einmal ganz auf den Fall an sich konzentrieren – welche Bedingungen haben die Entführer dem Vater von Silvia Monfort gestellt?“

„Massive Erpressung, was sonst!“, knurrte Stockman. „Sie wollen, dass Monfort ihnen gewisse Konstruktionspläne ausliefert, während das Mädchen erst einen Tag später freigelassen werden soll. Diese Frist brauchen sie angeblich, um die Pläne zu überprüfen; ob das aber wirklich stimmt oder nur ein Vorwand ist, bleibt fraglich.“

„Vermutlich stimmt es“, überlegte Berry Salomon, „anderenfalls hätte Monfort bestimmt Einwände dagegen gehabt. Doch was sollen wir nun dazu tun, Chef? Nur um uns das zu sagen, haben Sie uns doch wohl kaum vom Mittagstisch weggeholt.“

Der Manager seufzte vernehmlich.

„Man hat Bert Monfort eine Frist von vier Stunden gegeben, denn die gewissen Unterlagen liegen in einem seiner Werkstresore. Er soll sie dort abholen, ohne dass jemand davon Wind bekommt und zunächst in sein Haus bringen. Den Ort der Übergabe wollen ihm die Entführer erst danach nennen, eines steht aber jetzt schon fest: Nicht er selbst soll sie ausliefern, sondern seine Mutter, nur von ihrem Gleiterpiloten begleitet! Nun, wie gefällt euch das?“



8

Es gefiel ihnen überhaupt nicht, am wenigsten dem Metabo, weil er noch nicht wieder voll bei Kräften war. Trotzdem mussten sie das Spiel mitmachen, sie hatten einfach keine andere Wahl.

„Nicht des Alten wegen“, resümierte Mark Wilding, „der Verlust seines Projekts wird ihn zwar schwer treffen, aber bestimmt nicht ruinieren. Das Mädchen muss dagegen unbedingt zurückgeholt werden, sie ist das eigentliche Opfer in diesem schmutzigen Spiel. Die Erpresser bringen es fertig, ihr etwas anzutun, wenn nicht alles nach ihren Wünschen läuft.“

„Es sprach ein Berufskavalier“, meinte Stockman ironisch. „Ich dachte mir, dass Sie es so sehen würden, also habe ich bereits ein paar vorsorgliche Maßnahmen getroffen. Sie beide fliegen so bald wie möglich an den Ort zurück, an dem der Nobelwagen steht, und dort verwandelt sich Berry wieder in die alte Lady zurück. Ein anderer Mann ist schon dorthin unterwegs, er bringt einen Koffer in das Fahrzeug, den Sie später noch brauchen werden.“

„Doch nicht etwa Waffen?“, knurrte Mark. „Falls Sie glauben, dass wir uns auf einen Privatkrieg mit den Entführern einlassen, sind Sie gewaltig auf dem Holzweg, Chef!“

„Das wäre ohnehin sinnlos, denn die Kleine befindet sich ganz bestimmt nicht am Übergabeort. Nein, es geht hier um etwas ganz anderes, passen Sie auf: heutzutage werden Konstruktionspläne nur in der Entwicklungsphase zu Papier gebracht, später überspielt man das Resultat auf einen simplen Infokristall. Von diesem können die Daten mit Hilfe eines Spezialcomputers wieder abgerufen werden, und genau das werden Sie tun, wenn Sie unterwegs zu den Entführern sind! Es kann gar nicht auffallen, denn die Informationen werden dabei nicht gelöscht.“

„Etwas ganz neues, unser Boss macht auf Datenklau!“, grinste Berry. „Nun ja, auf diese Weise bekämen wir heraus, worum es sich bei Monforts Geheimprojekt handelt, nur wird Ihr schöner Plan in der Praxis leider nicht funktionieren. Von Spezialcomputern verstehe ich absolut nichts und Mark die andere Hälfte, wir sind Männer der Praxis, keine Supertechniker. Damit ist Ihr schöner Plan schon vor Beginn gestorben, Chef.“

Stockmans Gesicht wurde lang, er machte seine Standardbewegung und wischte über die Spiegelglatze. Mark Wilding dagegen sah eine Weile überlegend vor sich hin, dann nickte er langsam, und über seine Züge flog ein leichtes Lächeln.

„Wer zu kurz kommt, hat nicht gewusst, wo und wie es lang geht, sagt ein altes Wort. Das glaube ich jetzt aber zu wissen, deshalb folgender Vorschlag: Unten im Speiseraum sitzt jetzt vermutlich noch Jean Ferrand, unser Comp-Experte – lassen Sie ihn mit uns fliegen! Unsere Komfortkutsche ist nicht umsonst ein Spezialwagen der IDA; in ihrem Geheimfach findet er ohne Weiteres noch Platz, und er kann dann alles Nötige besorgen.“

Er hatte noch nicht ganz ausgesprochen, da griff der Manager bereits zum Mikrofon und gab die entsprechende Order. Kaum drei Minuten später erschien Ferrand im Büro, wurde kurz unterrichtet und stimmte ohne Zögern zu.

„Die Sache reizt mich, Chef, und das nicht nur aus beruflichen Gründen. Sicher, Monforts Geheimnis spielt dabei seine Rolle, aber wenn ich Mark und Berry helfen kann, ist das noch erheblich wichtiger für mich. Wenn ich an den Fall Stanley Parks denke …“

„Denken Sie später daran, solange Sie wollen“, fiel Stockman ihm ins Wort. „Jetzt ist anderes wichtiger, machen Sie drei sich sofort auf den Weg. Unterwegs können Sie besprechen, wie Sie im Einzelnen vorgehen wollen; worauf es hier ankommt, wissen Sie ja.“

„Kastanien aus dem Feuer holen, wie üblich“, kommentierte Mark säuerlich. „Okay, wir werden unser Bestes tun; kommt, Partner, sonst fällt unserem Boss eventuell noch eine Zusatzaufgabe ein.“

Draußen sah ihn Patsy fragend an, er griff ihr unters Kinn und lächelte beruhigend. „Kein Grund zur Unruhe, mein Schatz, vorerst nur Routinearbeit; am Abend sind wir bestimmt zurück.“

Auf dem Parkdach stand ein Gleiter bereit, und zehn Minuten später hatten die Männer das Gelände der Wartungsfirma erreicht. Der dort anwesende IDA-Mitarbeiter war unterrichtet, er übergab Ferrand den Koffer mit dem Computer und flog dann das Fahrzeug zur Agentur zurück. Das Personal sagte aus, dass in der Zwischenzeit keine irgendwie verdächtigen Personen dagewesen waren, die drei begaben sich in den Hangar und machten sich einsatzbereit.

„Diesmal strenge ich mich aber nicht mehr als nötig an, Mark“, sagte Berry. „Ich verändere nur mein Gesicht und die Halspartie sowie die Hände, das genügt vollkommen. Was unter der Kleidung

steckt, kann sowieso niemand sehen, und wenn ich mich dazu etwas gebeugt halte, stimmt auch die Figur. Einverstanden?“

Wilding nickte, der Mutant verschwand im Wagen und sein Partner wandte sich dem Techniker zu. Jean Ferrand hatte den Koffer auf eine Werkzeugbank gestellt und geöffnet, er war nun dabei, rasch die Funktionen des Rechners zu überprüfen. Das Ergebnis stellte ihn zufrieden, doch als er dann den Raum sah, in dem er während der nächsten Stunden ausharren sollte, verzog er das Gesicht.

„Das wird ja die reinste Tierquälerei“, beschwerte er sich, „ich bin zwar schlank, aber noch lange kein Schlangenmensch. Soll ich mir einen Knoten in die Beine machen, oder wie sonst stellst du dir die Sache vor?“

Mark hatte inzwischen seinen Pilotendress angelegt, schloss den Magnetsaum seiner Jacke und grinste amüsiert.

„Du wolltest uns doch unbedingt helfen – nun musst du auch B sagen, Freund! Das ist aber nur halb so schlimm, mehr als ein paar Minuten wirst du dich kaum krummlegen müssen. Sobald die Scheiben der Kabine polarisiert sind, wirst du befreit, dann klappt der zweite Sitz nach vorn und gibt dir genügend Platz.“

Berry Salomon kam wieder ins Freie, mit Kleid und Gesicht ganz Bert Monforts „Mutter“, und keifte mit schriller Stimme: „Seid ihr jungen Leute noch immer nicht fertig? Ihr solltet euch schämen, eine alte schwache Frau so lange warten zu lassen … Im Ernst, wir müssen uns beeilen“, setzte er dann im normalen Tonfall hinzu. „Monfort wartet schließlich auf uns, wir müssen ihn noch über den Ablauf der Dinge informieren, ehe er sich auf den Weg zu seinen Werken macht.“

Das wirkte, Ferrand quetschte sich eilig in das getarnte Fach zwischen Kabine und Laderaum. Wilding schloss die Klappe, setzte die Pilotenmütze verwegen schief auf und half dann der „Lady“ mit übertriebener Galanterie auf ihren Sitz. Dann steuerte er den Wagen nach den Weisungen eines Wartungstechnikers, der zur IDA gehörte, in einen Seitengang. Ein Tor schnurrte beiseite, und sie gelangten von hinten auf den Parkplatz eines Kaufhauses; dort ließ Mark das Fahrzeug aufsteigen und brachte es auf Kurs.

Er selbst hielt diese Vorsicht für übertrieben, aber Stockman hatte es eben so arrangiert. Achselzuckend schaltete er die mit den nötigen Daten versehene Automatik ein, machte die Scheiben der Kabine undurchsichtig und befreite den Techniker aus seinem engen Verlies. Ferrand schnaufte und setzte zu einer neuen Klage an, aber der Detektiv winkte ab.

„Schon gut, Jean, dir kann geholfen werden. Diesmal lande ich den Wagen nicht auf der Straße, sondern hinter dem Haus, dort gibt es genügend Deckung. Das ist zwar nicht vorgesehen, aber dabei kann auch niemand etwas finden, sofern es überhaupt Beobachter gibt.“

Berry stimmte zu, zehn Minuten später setzte das Fahrzeug im Garten auf und der „Pilot“ führte die „alte Dame“ über die Terrasse in Monforts Domizil.



9

„Gut, dass Sie sich so beeilt haben“, empfing der Industrielle die beiden Agenten. „Ich kann nicht einfach im Büro auftauchen, die Unterlagen herausholen und wieder verschwinden, es gibt dort noch einiges für mich zu tun. Ich werde aber natürlich versuchen, es möglichst kurz zu machen, damit ich noch vor Ablauf der Frist wieder zurück bin. Hat Ihr Manager veranlasst, dass die gewissen Leute ins Visier genommen werden?“

„Die Aktion läuft auf vollen Touren, Bert“, log Wilding, ohne eine Kiene zu verziehen. Monfort nickte zufrieden, verließ das Haus und stieg in seinen eigenen Luxusgleiter, der bereits draußen am Straßenrand stand. Als er abgeflogen war, nahm Berry wieder sein natürliches Aussehen an, ging zum Barschrank und suchte sich einen hochprozentigen Whisky heraus, den er sich munden ließ.

Innerhalb kurzer Zeit trank er die ganze Flasche leer, doch er wurde trotzdem nicht betrunken. Sein mutierter Metabolismus war imstande, den Alkohol direkt in Energie zu transformieren, auf diese Weise ergänzte er seine reduzierten Kräfte und machte sich für eventuelle weitere Gestaltwandlungen fit.

Mark Wilding streifte indessen noch einmal durch das Gebäude, gab Stockman eine kurze Vollzugsmeldung und kam dann zurück.

„Wenn ich so sehe, wie solche Leute wohnen, bekomme ich direkt Komplexe“, murrte er. „Dagegen ist mein sauer verdienter Bungalow nur ein besseres Wochenendhaus, und dabei leiste ich bestimmt mehr als dieser Knilch. Es geht eben nirgends ungerechter zu als auf der Welt.“

„Eine bemerkenswerte Weisheit“, spöttelte der Mutant. „Dafür hat besagter Knilch jetzt aber auch nichts zu lachen, ich möchte nicht in seiner Haut stecken. Die Tochter verschleppt, und das Millionending platzt, wenn er die Daten opfert, um sie auszulösen … Siehst du, das kann uns wenigstens nicht passieren, wenn wir auch an manchen Fällen ganz schön hart zu knacken haben.“

Mark nahm sich ebenfalls einen Drink, warf sich in einen Sessel und sah überlegend vor sich hin. „An diesem hier rätsele ich schon die ganze Zeit herum“, sagte er dann, „für meinen Geschmack gibt es da zu viele Ungereimtheiten. Beispielsweise einmal die, dass man von Monfort die Auslieferung geheimer Konstruktionspläne fordert! Ich bin davon überzeugt, dass er Duplikate davon besitzt oder nur ein solches herausrücken wird; letzteres wohl am ehesten, und was kann der neue Besitzer dann groß damit anfangen?“

„Er wird das große Geld scheffeln, was sonst“, meinte Berry, doch sein Partner schüttelte den Kopf.

„Du denkst nicht logisch genug, Boy. Es handelt sich schließlich um etwas, das nach diesen Daten fabriziert werden soll, um dann auf den Markt zu kommen. Nur so kann es einen realen Gewinn bringen, aber sobald das Produkt im Handel auftaucht, weiß es alle Welt. Bert Monfort mag im Moment zwar etwas von der Rolle sein, doch das Denken hat er deshalb bestimmt nicht ganz verlernt. Wenn er auch nur halb so schlau ist, wie ich ihn einschätze, reicht er die Daten noch heute bei der Patentbehörde ein. Seine Gegner können das nicht, weil sie sie erst noch überprüfen müssen – verstehst du jetzt?“

„Verdammt, du hast recht!“, sagte der Metabo verblüfft. „Selbst wenn es mit dem Patent die übliche Zeit dauert, kann er jedoch anhand des Einreichungsdatums, zusätzlich gestützt auf die Aussagen seiner Techniker, einwandfrei beweisen, dass die Urheberschaft bei ihm und seiner Firma liegt. Dann kann er, ohne auch nur ein Wort von der Entführung zu erwähnen, ein vorläufiges Urteil erwirken, das den anderen bei Androhung astronomischer Strafen die Produktion des ominösen Artikels untersagt. Anschließend hängt er ihnen einen Schadensersatzprozess an den unsauberen Hals, den er in jedem Fall haushoch gewinnen muss!“

„Genauso ist es“, nickte Mark Wilding, „und an diesem Punkt setzt auch die Unlogik ein. Die Drahtzieher dieser Entführung sind bestimmt auch nicht dumm, sie müssen sich dasselbe sagen: eine Erfindung, die sie nicht verwerten können, ist nicht mehr wert als eine Handvoll Sand in der Wüste! Sicher, sie können Monfort trotzdem schaden, denn auch er darf nicht produzieren, solange in der Sache nicht ein endgültiges Urteil ergangen ist. Schlaue Rechtsverdreher können das durch Berufungen vielleicht um Jahre verzögern, aber was bringt das ihren Klienten schon? Silvias Vater geht deswegen noch längst nicht pleite, kann aber hinterher Summen einklagen, die ihn voll für die entgangenen Gewinne entschädigen.“

„Am Ende wären also die Geiselnehmer die eigentlichen Verlierer“, schloss Berry Salomon die Gedankenkette ab. „Nein, das ergibt nun wirklich keinen Sinn … es sei denn, dass diese Burschen auf einem der sogenannten liberalen oder diktatorisch regierten Planeten sitzen. Hast du auch daran schon gedacht?“

„Habe ich“, gab sein Partner zurück. „Mögen die Bräuche dort auch in vieler Hinsicht anders sein, es gibt aber Grundsatzverträge mit all diesen Welten, die solche Dinge eingrenzen. Der Kapitalismus wurde zwar schon oft totgesagt, existiert aber in gewissem Rahmen immer noch fröhlich weiter und schützt sich gegen alle Außenseiter.“

„Dann weiß ich auch nicht mehr weiter“, bekannte der Mutant, und Wilding lachte humorlos auf.

„Weshalb sollte es dir auch besser ergehen, als mir … Warten wir also geduldig weiter, bis Monfort zurückkommt; ihn darüber zu befragen, hätte wenig Sinn, wenn er etwas dazu sagen wollte, hätte er es schon früher getan. Wir tun vorerst nur das, was Stockman uns aufgetragen hat, halten dabei aber natürlich Augen und Ohren weit offen. Die Entführer wissen schließlich nicht, wer wir wirklich sind, und das ist ein bedeutsamer Vorteil.“

Die nächsten Stunden vergingen quälend langsam, ohne dass sich etwas tat. Die Detektive saßen tatenlos im Haus herum, konnten sich aber wenigstens an den Vorräten von Automatküche und Bar schadlos halten. Jean Ferrand war nicht so gut dran, er musste sich draußen im Flugwagen mit der wiederholten Kontrolle des Computers und einer Packung Zigaretten begnügen. Dann aber setzte endlich der Gleiter des Industriellen wieder vor dem Haus auf, zwanzig Minuten vor der durch die Erpresser gestellten Frist.

„Alles in Ordnung, soweit man in dieser Situation noch davon reden kann“, sagte Bert Monfort mürrisch und holte ein kleines flaches Kästchen aus der Tasche. „Hier drin sind die Mikrofilme und Speicherkristalle, mit ihnen liefere ich diesen Gangstern nicht nur eine bedeutende Erfindung, sondern auch ein Vermögen in Höhe von vielen Millionen aus. Es hätte wenig Sinn gehabt, diesen Behälter besonders zu sichern, er kann durch Druck auf den Knopf hier vorn geöffnet werden.“

Er demonstrierte das und fuhr dann fort: „Falls Sie das tun, dann aber bitte nicht bei laufendem Gleitermotor. Von ihm könnten gewisse Emissionen ausgehen und die Daten auf den empfindlichen Kristallen verfälschen. Die Entführer könnten dann glauben, dies wäre Absicht, und ich hätte sie hereinlegen wollen, aber nichts liegt mir ferner als das. Ich will meine Tochter wohlbehalten zurück, sonst nichts!“

„Wir werden uns vorsehen“, versprach Mark Wilding und nahm das Kästchen entgegen. Dann schwiegen die drei Männer – denn mehr gab es nicht zu sagen – und warteten auf den avisierten Anruf. Er kam pünktlich und natürlich wieder ohne Bild.

„Wir hoffen, dass Sie entsprechend unseren Anweisungen gehandelt haben“, sagte die bereits bekannte Stimme, und als Monfort bejahte, fuhr sie fort: „Sehr gut, dann schicken Sie jetzt Ihre verehrte Frau Mutter auf den Weg. Wir versprechen, sie sofort zurückkehren zu lassen, ebenso ihren Piloten, sofern sich beide passiv verhalten und nicht etwa ein Polizeifahrzeug rein zufällig in der Nähe ist. Sie sollen sofort starten und zunächst nach Norden fliegen, bis zum Fußballstadion von Racing Mulberry, und darüber drei Schleifen ziehen. Dann Gegenkurs in Richtung Südosten bis nach Glasson, am Rand der Großen Wüste, und dort Landung im Zentralpark, unmittelbar neben

dem großen Springbrunnen. Zehn Minuten Wartezeit zur Sicherheit, dann wird jemand kommen, das Kennwort Silvia nennen und sich das gewünschte Objekt aushändigen lassen. Und wie schon gesagt, keine Tricks – wir würden der alten Lady nur ungern etwas antun!“

„Wer garantiert mir aber, dass Sie dann auch wirklich …“, begann der Industrielle, aber die Verbindung war bereits unterbrochen.

Er stieß einen erbitterten Fluch aus, Berry Salomon kam auf ihn zu und ergriff beschwichtigend seine Hand.

„Regen Sie sich nicht unnütz auf, Bert, das ändert doch nichts an den Tatsachen. Immerhin wissen die Erpresser immer noch nicht, wer wir zwei wirklich sind, und das ist schon viel wert. Es gibt uns die Chance, auch die kleinsten Hinweise zu registrieren und so vielleicht etwas herauszufinden, das uns weiterhilft.“

„Glaubst du wirklich an das, was du eben gesagt hast?“, fragte Wilding leise, als die Detektive über die Terrasse gingen. Der Metabo hatte gerade seine Züge erneut umgeformt und grinste nun über das ganze faltige Matronengesicht.

„Das nicht gerade, wenn man auch bekanntlich immer eine gewisse Dummheit anderer Menschen einkalkulieren soll, und irgendwie sind Entführer ja auch solche, also können sie auch Fehler machen. Es ging mir auch weniger darum, Monfort zu beruhigen, er wird sich trotzdem vielleicht alle möglichen schwarzen Gedanken machen. Mir kam es vor allem darauf an, Körperkontakt zu ihm zu haben – du weißt, was ich damit meine?“

Mark nickte, denn er wusste um die weitere besondere Fähigkeit seines Partners. Berry war imstande, schon während eines kurzen Händedrucks einen großen Teil des Gedankeninhalts der betreffenden Person aufzunehmen. Das befähigte ihn dazu, sie gegebenenfalls nicht nur rein körperlich zu imitieren, sondern auch in Bezug auf ihre speziellen Besonderheiten und ihr allgemeines Wissen.

„Und – was hast du dabei herausgefunden?“

„Ziemlich viel, Mark! Monfort ist wirklich so verzweifelt, wie er sich gibt, er fürchtet ernstlich um das Leben seiner Tochter. Er nimmt auch tatsächlich an, dass einer seiner Konkurrenten die Entführung veranlasst hat, weiß nur nicht, welcher. Andere intime Dinge sind für uns uninteressant, aber ein besonderer Punkt gibt mir zu denken. Es hat etwas mit dem kleinen Kästchen zu tun und ist wichtig – so sehr sogar, dass er instinktiv die Gedanken daran aus seinem Oberbewusstsein verbannt.“

„Dann werden wir uns wohl, ebenso intensiv wie vorsichtig, mit diesem und seinem Inhalt befassen müssen!“, folgerte Mark Wilding kurz und prägnant. Sie hatten inzwischen den Flugwagen erreicht und stiegen ein. Jean Ferrand sah ihnen erleichtert entgegen und wollte etwas fragen, doch Wilding winkte ab und drückte ihm das kleine braune Kästchen in die Hand.

„Warte einen Moment, bis wir gestartet sind, nimm dir das Ding dann aber um so gründlicher vor. Leider sind nicht nur Kristalle drin, sondern auch Mikrofilme, mit denen du jetzt nichts anfangen kannst.“

„Halb so schlimm, Hauptsache, der Comp kann die Richtung erkennen, in die das Ganze tendiert. Anhand von Teildaten erstellt er dann durch Extrapolation eine ziemlich genaue Prognose … los, starte schon, damit ich anfangen kann.“

Die Wissbegier hatte Ferrand gepackt, er war selbst ein Tüftler und darauf aus, einmal eine bedeutende Erfindung zu machen. Mark wusste das, grinste kurz und ließ das Fahrzeug aufsteigen. Über die Schulter hinweg ermahnte er den Spezialisten noch, besonders vorsichtig vorzugehen, dieser nickte zwar, war aber nicht recht bei der Sache.

Er hatte seinen Computer bereits betriebsklar gemacht, öffnete nun das Kästchen und musterte seinen Inhalt mit glänzenden Augen.

In einem Polster aus Weichplastik gab es ein dutzend Vertiefungen, und darin ruhten acht Kristallplättchen und vier winzige Filmrollen. Die Nummerierung zeigte an, dass die Kristalle das Basisprogramm enthielten, und er schnaufte enttäuscht auf.

Berry sah ihm vom Nebensitz aus zu, und plötzlich fiel ihm wieder etwas ein. „Monfort hat vorhin gemeint, die Triebwerksemissionen des Gleiters könnten den Daten auf den Kristallen irgendwie schaden. Stimmt das, Jean?“

„Überhaupt nicht, es ist blanker Unsinn“, brummte der Techniker. „Schließlich versteht ein Mann wie er aber kaum etwas von solchen Dingen – lass mich jetzt bitte mit der Prüfung anfangen, ja? Mark, wie viel Zeit habe ich dafür?“

Wilding hatte den Flugwagen inzwischen auf Nordkurs gebracht, schaltete die Automatik ein und tippte auf den Kartensensoren die entsprechenden Daten ein. „Etwas mehr als zwei Stunden“, las er dann von dem kleinen Monitor ab. „Wird dir das reichen?“

„Dreimal sogar“, sagte Ferrand und griff nach dem ersten Kristall. Doch er wurde erneut von dem Metabo gestört, dieser zog die Nase kraus und erklärte: „Ich kann mir nicht helfen, seit eben ist hier so ein merkwürdiger Geruch in der Luft, Leute. Riecht ihr nichts?“

„Nein, mir stinkt nur, dass du mich laufend störst“, kam es von dem Spezialisten zurück. Er schickte sich an, den Speicherkristall in den Abtaster des Computers zu schieben, hielt aber abrupt inne, denn nun stöhnte Berry laut auf. „Gift!“, röchelte er dann, sank in seinem Sitz zusammen, und seine Züge zuckten konvulsivisch.

Mark Wilding schrak zusammen, doch er schaltete schnell. „Mach das Kästchen zu, Jean, es hat zweifellos etwas damit zu tun, dass Berry schlappmacht! Er ist in mancher Hinsicht sensibler als wir – verdammt, jetzt ist er schon bewusstlos! Ich unterbreche sofort den Flug, damit ihm geholfen werden kann.“

Ferrand verstand zwar nichts, doch er gehorchte und schloss eilig den kleinen Behälter. Wilding schaltete die Frischluftzufuhr auf volle Leistung, nahm das Fahrzeug wieder in Manuellsteuerung und überlegte rasend schnell. Sie befanden sich nun bereits über der Peripherie von Rockwell und es ging vielleicht um Sekunden … ja, ganz in der Nähe war doch die Nebenstelle der IDA, und dort gab es das Zentrallabor! Vielleicht keinen Arzt, sicher aber Chemiker, die den vermutlichen Giftstoff analysieren und ein entsprechendes Gegenmittel bestimmen konnten.

Marks Finger flogen über einige Schalter, das Notlicht auf dem Dach des Wagens begann zu blinken, und er schoss rasant nach unten.

Das Funkgerät wurde aktiviert, der Detektiv rief ins Mikrofon: „Einsatzfahrzeug VI an IDA III – akuter Notfall, Einwirkung durch ein unbekanntes Gift! Sofortige Analyse und Hilfe dringend nötig, machen Sie bitte einen Landeplatz frei.“

„Geht in Ordnung, Wagen VI“, kam eine weibliche Stimme zurück. Wilding sah noch einmal auf die zusammengesunkene Gestalt seines Partner biss hart auf die Zähne und schnitt rigoros alle tieferen Flugkorridore. Dutzende von Fahrzeugen wichen eilig aus, als sie das Notlicht blinken sahen, noch eine scharfe Kurve, und dann war das Laborgelände in Sicht.

Dort bewegten sich mehrere Fahrzeuge eilig zur Seite, Mark hielt auf die freigewordene Fläche zu und gab Gegenschub. Die Landung fiel nicht eben sanft aus, aber das war jetzt Nebensache. Sobald der Wagen stand, öffnete der Detektiv alle Ausstiege und wandte sich gehetzt an Ferrand.

„Komm, pack mit an, hier kann jede Sekunde kostbar sein! Nimm aber das verdammte Kästchen Monforts mit – wenn ich nicht sehr irre, ist es an allem schuld.“

Sie hoben den regungslosen Körper des Mutanten ins Freie, und gleichzeitig tauchten aus dem Gebäude auch einige Männer mit einer Tragbahre auf. Sie betteten Berry in rasender Eile darauf und trugen ihn ins Haus, gleichzeitig kam daraus eine junge Frau hervor, die Wilding von früher her kannte.

„Worum geht es?“, fragte sie knapp, Mark gab Ferrand einen Wink, bekam von ihm das Kästchen und drückte es ihr in die Hand.

„Keine Zeit für lange Erklärungen – schnellstens ins Labor damit! Verdacht auf ein gasförmiges Gift, das auf Metabos schneller wirkt als auf normale Menschen. Haben Sie die Daten für diese Spezies in Ihren Computern, Dr. Janssen?“

„Natürlich, Mr. Wilding, die IDA sorgt für alle nur denkbaren Fälle vor. Falls Ihrem Partner überhaupt geholfen werden kann, dann am ehesten durch uns, obwohl wir nur halbe Mediziner sind.“

Sie eilte davon, Ferrand schnaufte missmutig und sah Wilding mit finsterer Miene an.

„Das hat uns gerade noch gefehlt – wir haben nur noch etwa zwei Stunden bis zum Zeitlimit der Kidnapper! Die Speicherkristalle kann ich nicht analysieren, solange sie das Labor behält, und du hast kein Duplikat der alten Lady mehr, falls Berry nicht bald wieder auf die Beine kommt … Wie soll oder kann es dann weitergehen?“

„Eine echte Preisfrage“, seufzte der Detektiv.



10

„Eine teuflisch raffiniert ausgeklügelte Falle, Mark“, erklärte Evelyn Janssen zwanzig Minuten später im Büro. „Der Boden dieses Behälters ist hohl und enthält eine Chemikalie, die verdampft und als Gas durch eine winzige Düse ausströmt, sobald sein Deckel geöffnet wird. Die chemische Formel würde Ihnen nichts sagen, aber eines ist sicher: jeder Mensch, der das Zeug einige Minuten lang einatmet, ist so gut wie tot!“

„Eine Art von Nervengas?“, erkundigte sich Wilding knapp.

„Das nicht, aber genauso tückisch. Es setzt sich in den roten Blutkörperchen fest und beraubt sie ihrer Fähigkeit, Sauerstoff von den Lungen durch den Körper zu transportieren. Darüber vergeht zwar einige Zeit, doch dann erstickt der Betroffene jämmerlich, es gibt nichts, das ihm noch helfen kann! Wer hat Ihnen denn diesen bösen Streich gespielt?“

„Unwichtig, Doc“, wehrte Mark ab, „mir geht es allein ums Leben meines Partners. Er hat bereits nach ganz kurzer Zeit auf das Gift reagiert – wird er trotzdem durchkommen?“

„Nicht nur das, er erholt sich sogar sehr schnell wieder, dank seiner besonderen Körperstruktur! Seine wandelbaren Zellen sind sehr empfindlich, deshalb dieser rasche Kollaps, sie passen sich aber auch schnell an und reagieren instinktiv richtig. Berrys Lungenatmung wurde kurzerhand unterbunden, stattdessen nahm der Körper Sauerstoff durch die Hautporen auf. Nicht sehr viel, aber genug, um sein Hirn vor Mangelschäden zu bewahren, bis er hier war, und alles weitere haben dann wir besorgt. Unser Spezialcomputer stellte auf Anhieb die richtige Diagnose, wir führten Berry nur Kreislaufmittel zu, den Rest erledigte sein eigener Metabolismus. Er isolierte das Gift und führte es den Nieren zur Ausscheidung zu, und das sehr gründlich. Wir alle waren verblüfft, wie schnell das ging. Ihr Freund erwachte schon nach wenigen Minuten wieder aus dem Koma und erklärte, er fühle sich wieder vollkommen wohl. Trotzdem ist natürlich nicht daran zu denken …“

„Doch, das ist es!“, grinste Berry Salomon, der im selben Moment im Büro erschien. „Vielen Dank für die vorbildliche Betreuung durch Ihr Team, ich bin wieder ganz auf dem Damm und muss mich nun weiter meiner Aufgabe widmen. Das Kästchen habe ich mitgebracht, es ist jetzt sauber – fang auf, Jean, und dann schleunigst an die Arbeit! Wir dürfen keine Minute mehr verlieren, wenn wir halbwegs pünktlich am Zielort sein wollen.“

Die junge Frau schüttelte ausgiebig den Kopf, Wilding drückte dem Mutanten die Hand und grinste zurück.

„Herzlichen Glückwunsch zur Wiedergeburt, Partner! Mir fällt ein ganzes Gebirge vom Herzen, die Feier holen wir nach, sobald dieser Fall erledigt ist. Das aber ohne Monfort, denn er ist derjenige, dem du dies alles zu verdanken hast. Ich hätte nicht gedacht, dass sein Hass gegen die Entführer so weit gehen würde …“

„Du siehst das nicht ganz richtig, Mark“, unterbrach ihn Berry. „Ich nehme als sicher an, dass der Giftstoff nicht speziell für sie bestimmt, sondern eine allgemeine Abwehrmaßnahme gegen Diebe war, entsprechend der Wichtigkeit dieses Projekts. Monfort glaubte nun, mit Hilfe dieser Falle seine Gegner ausschalten zu können, uns hat er ja davor gewarnt, das Kästchen zu öffnen.“

Mark Wilding nickte langsam.

„Bei laufendem Gleitermotor – er wusste, dass wir infolge des Umwegs über Mulberry ständig in der Luft sein würden. Dass wir als Detektive trotzdem hineinsehen würden, konnte er sich denken, da das Zeug aber erst nach einigen Minuten Einatmung wirkt, sah er darin kaum eine Gefahr für uns. Dass es da noch einen Jean Ferrand gab, den Stockman speziell auf die Datenkristalle angesetzt hatte, ahnte er nicht.“

„So gesehen, war es gut, dass es mich so schnell erwischt hat“, resümierte der Mutant. „Anderenfalls wären die Folgen weit schlimmer gewesen … denken wir am besten gar nicht mehr daran. Der Plan an sich war aber jedenfalls nicht schlecht, Mark. Monfort nahm wohl nicht zu Unrecht an, dass die Initiatoren der Entführung sich voll Triumph auf die Datenträger stürzen und sie ausgiebig bewundern würden. Bald darauf mussten sie sterben, ihre Helfer wären danach in Panik geraten, hätten das Mädchen freigelassen und sich umgehend in alle Winde zerstreut. Richtig gedacht, Partner?“

„Zumindest nicht weit daneben, die Voraussetzungen stimmen ziemlich genau. Beinahe hätte es jedoch statt jener uns erwischt, und dann wäre der Karren restlos verfahren gewesen, aber wir hatten wieder einmal riesiges Glück. Inzwischen habe ich mit Stockman gesprochen, er hat auf meinen Vorschlag hin sofort einen Wagen des gleichen Typs in Richtung Mulberry losgeschickt. Der wird nun die verlangten drei Kreise über dem Stadion ziehen, anschließend kommt er hierher. Auf diese Weise gewinnen wir fast eine Stunde Zeit, in der sich Jean intensiv mit der Auswertung der Speicherkristalle beschäftigen kann.“

„Sie denken wohl auch an alles, wie?“, fragte Evelyn Janssen mit kaum verhülltem Spott, und Wilding lächelte sparsam.

„Ich versuche es wenigstens, Doc, bisher mit leidlichem Erfolg, wie die Ereignisse beweisen. Darf ich jetzt Ihre Funkanlage noch einmal benutzen? Unser Chef muss erfahren, dass Berry es überstanden hat, vielleicht hat er auch noch News für uns.“

Er durfte, und Herbert Stockman atmete hörbar auf, als er die gute Nachricht erhielt. „Um Berry hätte es mir wirklich leid getan, ein Mann wie er ist kaum zu ersetzen. Ansonsten gibt es nichts neues, Monfort hat sich inzwischen nicht wieder gemeldet. Machen Sie also weiter wie geplant und halten Sie mich auf dem Laufenden, ja?“

Mark sagte ihm das zu, und als das Gespräch beendet war, meinte die junge Frau: „Ihr Boss hat ein Gemüt wie ein Fleischerhund, wie? Keine Spur von Mitgefühl, selbst sein angebliches Bedauern war nur von reinen Zweckmäßigkeitserwägungen bestimmt. Kein Dankeswort, weder für Ihr rettendes Handeln, noch für unsere Mitarbeit – wie halten Sie das nur auf die Dauer aus?“

Berry Salomon grinste humorlos.

„Stockman ist ein Fleischerhund, da haben Sie vollkommen recht, Evelyn. Schließlich war er früher selbst Einsatzagent, und das hat seine Mentalität geprägt, aber wir kommen schon mit ihm zurecht. Wenn es sein muss, sind wir nicht weniger emotionslos als er, nur so kann man auf Dauer Erfolg haben. Im Augenblick verstellen wir uns nur, nicht wahr, Mark?“

„Du vielleicht, ich jedenfalls nicht“, knurrte sein Partner mit zwiespältiger Miene, doch dann winkte er ab. „Nehmen Sie das alles nicht zu ernst, Doc, sonst bekommen Sie eine ganz falsche Meinung von der Einsatzabteilung der IDA. Wir Detektive stehen dauernd im Stress, und das zeitigt seine Rückwirkungen, ansonsten sind wir aber auch nur Menschen. Das fühle ich im Moment sehr deutlich, ich habe Hunger und Durst auf einen guten Kaffee. Wenn Sie dem abhelfen, ehe wir weitermachen müssen, will ich mich gern revanchieren, sobald dieser Fall ausgestanden ist.“

„Immer diese leeren Versprechungen“, lächelte die Laborleiterin. „Okay, Sie sollen Ihren Imbiss trotzdem haben, wenn er auch nur aus unserer kleinen Automatküche kommt. Man soll uns Chemikern nichts nachsagen können, wenn gewisse Detektive versagen, weil ihr Magen leer ist und ihr Hirn sich diesem Zustand angepasst hat.“



11

„Das ist ein echter Hammer, Leute!“, erklärte Jean Ferrand, als er sichtlich abgearbeitet ebenfalls in der kleinen Kantine erschien. „Einfach fabelhaft, was Monforts Kybernetiker da geschafft haben, ich kann euch sagen …“

„Sage es später, dann hast du mehr Zeit dazu“, empfahl Wilding ihm, drückte ihn in einen Stuhl und rief ein weiteres Menü aus der Speiseautomatik ab. „Uns bleiben nur noch wenig mehr als zwanzig Minuten, dann müssen wir wieder starten, wenn alles weiter nach Plan ablaufen soll.“

Ferrand befolgte seinen Rat, stürzte zum Schluss hastig seinen Kaffee hinunter und eilte mit den Gefährten zum Parkplatz hinaus.

Dr. Janssen begleitete sie, von belustigten Blicken eines halben Dutzends ihrer Mitarbeiter verfolgt, die Berry Salomon galten. Mit seinem normalen Gesicht wirkte er in der Kleidung der angeblichen Mutter Bert Monforts reichlich seltsam und deplatziert.

Ihnen blieben nur Sekunden, dann setzte der Duplikat-Flugwagen bereits neben ihrem Fahrzeug auf. „Alles glatt gelaufen“, rief sein Pilot durch das Kabinenfenster Mark Wilding zu, „ich habe zum Spaß sogar vier Schleifen über dem Stadion gezogen. Dort waren die Flaschen von Racing gerade beim Training, übermorgen werden sie von den Rockwell Kickers aber bestimmt fünf Tore kassieren …“

Mehr hörte Mark nicht, er saß bereits am Steuer und schloss eilig die Tür hinter sich. Berry und Jean waren bereits auf ihren Sitzen, er ließ den Antrieb kommen und jagte seinen Wagen in die Luft bis hinauf zum höchsten Flugkorridor. Ein Blick auf die Uhr zeigte ihm, dass der Zeitplan noch stimmte, er schaltete die Steuerautomatik ein und wandte sich zu Ferrand um.

„So, jetzt kannst du deinen Hammer auspacken, Jean; was haben die Mikrochip-Jongleure getan, dass du davon so begeistert bist?“

„Die Gerüchte hatten recht – sie haben den wirklich perfekten Roboter konstruiert! Einen Burschen, der vollkommen selbständig agieren kann und nicht nur ein simpler Befehlsempfänger ist, mit einem fast universellen Wissen versehen. Mit ihm wird man reden können wie mit einem normalen Menschen, aber er wird auf seine Art bedeutend klüger sein. Monforts Leute haben ein Kompaktgehirn mit einer bisher unerreichten Packungsdichte geschaffen, und das mit Vereinfachungen, die wirklich verblüffend sind. Einige bis jetzt für unentbehrlich gehaltene Komponenten fehlen ganz, doch dafür gibt es neue Elemente …“

„Stopp, Freund“, fiel Wilding ihm ins Wort, ehe sein Redeschwall ausufern konnte, „du darfst nicht vergessen, dass wir beide von dieser Materie kaum etwas verstehen. Deshalb kein Fachchinesisch, nur die wichtigsten Fakten so, dass wir sie auch … okay?“

„Entschuldige, Mark, dass die Begeisterung mit mir durchgegangen ist, aber sie ist schon berechtigt. Ich hatte Glück, denn auf den Kristallen waren alle wirklich wichtigen Daten gespeichert, und der Comp hat mir die logischen Ergänzungen gegeben. Ich nehme an, dass die Filme nur rein visuelle Eindrücke wiedergeben, Bilder des Prototyps in Aktion und so weiter.“

„Demnach existiert also bereits ein voll funktionsfähiges Modell“, folgerte Berry Salomon lakonisch. „Allein damit hätte Monfort schon eine Menge verdienen können, aber er war vermutlich auf den ganz großen Reibach aus, und dazu brauchte er Partner. Doch die konnte er nur gewinnen, wenn er sie in großen Zügen einweihte, und eben darüber scheint er nun gestolpert zu sein.“

„Immer vorausgesetzt, dass es wirklich sie waren, die ihn übers Ohr hauen wollten, wie er annimmt“, schränkte Mark Wilding ein.

„Und gerade das erscheint mir nach wie vor unlogisch, die Gründe habe ich schon früher genannt. Hier müssen noch ganz andere uns unbekannte Faktoren mit im Spiel sein, die es nun herauszufinden gilt. Zuerst aber nochmal zurück zu dem neuen Roboter selbst; wird er tatsächlich so überzeugend menschenähnlich sein, Jean?“

„In jeder Hinsicht“, sagte der Computerspezialist überzeugt. „Man hat schon vor Jahrhunderten wirklich perfekte Nachbildungen des menschlichen Körpers geschaffen, die sich vollkommen natürlich bewegen konnten, selbst die Mimik von Gesichtern aus Weichplastik war dabei kein Problem. Was fehlte, war allein das perfekte Gehirn, um die Imitation zu vervollständigen, und das gibt es jetzt! Den Daten nach wird es zwar größer sein als unsere Köpfe, doch es muss ja auch nicht an derselben Stelle sitzen, Brust oder Bauch tun es ebenso gut. Augen und Ohren bestehen dann aus Sensoren, die Bild und Ton auffangen und weiterleiten, wie jetzt schon die Elemente unserer Videogeräte. Das neue E-Hirn wertet sie in Mikrosekunden aus, reagiert darauf viel schneller als ein Mensch, und ist diesem im selben Ausmaß überlegen.“

„Puh!“, machte der Mutant und schüttelte sich. „Zweifellos wird es dann auch zwei Basiselemente geben, jeweils dem männlichen und weiblichen Körper nachgebildet, mit allen entsprechenden Organen. Da glaubt man dann, ein entzückendes Mädchen im Arm zu halten, und in Wirklichkeit ist es nur ein Robot ohne alle Emotionen.“

„Das würde gerade dich besonders schwer frustrieren, ich weiß“, bemerkte Mark Wilding süffisant. „Doch soweit ist es noch lange nicht, und vorläufig hat dein Interesse vor allem dem entführten Mädchen zu gelten. Die tödliche Chemikalie hat man doch wohl im Labor aus dem Kästchen entfernt, Jean? Gut, dann gib es mir jetzt, ich möchte etwas darin unterbringen, das indirekt für die Entführer auch nicht ungefährlich ist.“

Ferrand reichte es ihm, der Detektiv klappte es auf und sah sich sein Inneres aufmerksam an. Die Infokristalle und Filme waren ohne Interesse für ihn, er suchte nach der Öffnung, durch die das Gas zuvor entwichen war. Er fand sie relativ leicht, sie befand sich im unteren Rahmen zwischen den Nieten, mit denen das Scharnier befestigt war. Die Leute im Labor hatten sie wohl erweitert, um den Giftstoff besser herausholen zu können, doch das kam seinem Vorhaben nur entgegen.

Mark nickte, griff in seine Brusttasche und holte einen vollkommen normal aussehenden Schreibstift hervor. Er schraubte das Oberteil ab, und aus der freigewordenen Höhlung fiel ein kleiner silbriger Gegenstand in seine Hand. Ein Stift, drei Millimeter stark und etwa zehnmal so lang. Wilding nahm mit den Augen Maß, bog ihn behutsam krumm und zwängte ihn dann durch das kleine Loch. Der Stift klemmte darin fest, er schob ihn mit der Stilospitze noch etwas weiter und brachte dann eine winzige Tube zum Vorschein.

Vorsichtig drückte er darauf, ein Tropfen einer klaren Flüssigkeit trat hervor, fiel auf den Stift und füllte die kaum wahrnehmbare Vertiefung darüber aus. Er erhärtete innerhalb weniger Sekunden, nahm zugleich die braune Farbe des Plastikmaterials an, und nun war von der Öffnung nichts mehr zu sehen.

„Wirklich verblüffend“, kommentierte Ferrand, der ihm über die Schulter zugesehen hatte. „Und was stellt das Ganze nun dar?“

Der Detektiv verstaute seine Hilfsmittel wieder, schloss den Deckel des Kästchens und händigte es nun Berry aus. Er steckte sich eine Zigarette an, nahm einen tiefen Zug und erklärte lächelnd: „Der Stift ist hohl und enthält einen Mikrosender, Jean! Dieser kann infolge seiner Winzigkeit natürlich nur eine Funktion erfüllen, er sendet einen Dauerton aus, der nur von adäquaten Spezialgeräten zu empfangen ist. Dies auch nur etwa einen Tag lang, dann ist die Minibatterie erschöpft, doch das sollte für unsere Zwecke reichen.“

„Der Sender wird sozusagen der Wegweiser zu den Entführern sein“, ergänzte der Metabo. „Dass sie sich nicht in Glasson aufhalten, ist glasklar logisch, von dort aus wird das Kästchen an einen anderen Ort gebracht, sobald wir wieder verschwunden sind. Doch der alte Fuchs Stockman hat natürlich vorgesorgt, zwei Gleiter der IDA sind schon vor uns dorthin geflogen und treten dann in Aktion.“

Der Kybernetiker nickte langsam und grinste dann.

„Darauf hätte ich auch von selbst kommen sollen – Kreuzpeilung, nicht wahr? Der Abgesandte der Erpresser wartet eine Weile, fliegt dann selbst los, um ihnen das Objekt zu bringen, und sie folgen ihm! Die Leute in den Fahrzeugen brauchen sich gar nicht besonders anzustrengen, um ihm auf der Spur zu bleiben, der Sender besorgt das ganz automatisch. Dass er auf einer abhörsicheren Geheimwelle arbeitet, ist natürlich klar.“

„So ist es“, bestätigte Wilding, sah auf die Uhr und fügte hinzu: „Wir erreichen die Stadt in etwa fünf Minuten, es wird also Zeit, dass wir uns auf das Zusammentreffen vorbereiten. Nimm wieder die Maske der alten Lady an, Berry, und du musst nochmal den Teufel im Kasten spielen, Jean. Ich mache inzwischen das Videogerät fertig, das Aussehen und Stimme der Kontaktperson festhalten wird.“

„Wie üblich – der Herr Stardetektiv hat die leichteste Aufgabe!“, maulte Ferrand, faltete seine lange Figur zusammen und verschwand in seinem engen Versteck.



12

Mark kannte Glasson, brachte den Flugwagen auf die „Kriechspur“ hinunter und steuerte den Zentralpark an. Er wurde von einer Straße für Bodenfahrzeuge durchzogen, die ringförmig um den Springbrunnen in seiner Mitte führte, an ihrem Rand gab es einen Parkstreifen.

Es war bereits früher Abend, die meisten Tagesbesucher hatten die Anlagen schon verlassen, deshalb war darauf genügend Platz. Der Agent setzte das Fahrzeug vor der Minigolfanlage auf, die nur noch von wenigen Spielergruppen frequentiert war. Sie konzentrierten sich ganz auf ihre Bahnen und beachteten den Wagen nicht.

Wilding rückte seine Pilotenmütze zurecht, stieg aus und öffnete die Kabinentür für Monforts „Mutter“. Berry quengelte zuerst wie üblich, ließ sich dann aber zu einer Bank führen, die am Rande des Spielgeländes im Schatten einer Buschgruppe stand. Die unter dem Lufteinlass der Klimaanlage versteckte Kamera war so justiert, dass sie die beiden Personen stets verfolgten, der Mittelsmann der Entführer konnte also kommen.

Er konnte … er zeigte sich nur nicht!

Lange Minuten vergingen, ohne dass etwas geschah. Nur wenige Leute kamen vorbei und bewegten sich dem Weg zum Ausgang entgegen, ohne das ungleiche Paar zu beachten. Marks Stirn war bald schweißbedeckt, denn der leichte Wind führte die heiße Luft von der Wüste heran, die Fontänen des Springbrunnens brachten kaum Kühlung.

„Wo haben Sie mich hier nur hingebracht?“, fistelte die „Lady“ schließlich vorwurfsvoll. „Sicher, hier ist es schön, aber diese furchtbare Hitze – holen Sie mir etwas zu trinken, aber schnell!“

„Sehr wohl, Madame Monfort“, sagte Wilding, der solange neben der Bank gestanden hatte. Er wandte sich um, um die Anweisung zu befolgen, doch im gleichen Moment kam von links eine weibliche Gestalt in lässigem Schlenderschritt heran.

Ein Mädchen oder eine junge Frau, etwa Mitte zwanzig mit einem hübschen Gesicht, krausem braunem Haar und einem aufregend knappen Mini-Sommerkleid. Es modellierte ihre schwellenden Formen so gut heraus, dass der Detektiv fast Schluckbeschwerden bekam, er blieb unwillkürlich stehen und starrte sie an.

Sie lächelte aufreizend, trat auf ihn zu und sagte leise: „Ehrlich, Sie gefallen mir, aber darauf kommt es hier leider nicht an, denn ich habe einen anderen Auftrag. Er bezieht sich auf die alte Dame hinter Ihnen, ich soll ihr Grüße von Silvia bestellen und etwas abholen, das sie ihr als Geschenk zugedacht hat.“

Sie war also die Kontaktperson, das Stichwort war gefallen!

Seine lange Erfahrung sagte Wilding aber, dass diese junge Frau gar nicht wusste, um was es hier in Wirklichkeit ging. Vermutlich kam sie von irgendeiner Serviceagentur, die ohne lange zu fragen alle ihr übertragenen Aufträge erledigte, sofern nur die Kasse stimmte. Es war demnach sinnlos, ihr irgendwelche Fragen zu stellen, Mark trat zwei Schritte zurück und erkundigte sich rein rhetorisch!

„Haben Sie ein Präsent für Miss Silvia, Madame? Ihre Enkelin lässt Ihnen Grüße bestellen, dieses Mädchen soll es ihr bringen.“

„Warum ist sie nicht selbst gekommen?“, giftete die vorgebliche Großmutter. „Immer dasselbe mit den jungen Leuten, sie denken nur an ihr Vergnügen …hier, geben Sie dieser halbnackten Najade das Ding. Es wird wohl mein letztes Geschenk für Silvia sein, ich habe große Lust, sie ganz zu enterben.“

„Ob sie das ernst meint?“, flüsterte die Kleine bestürzt, als Wilding ihr das Kästchen übergab. Sie war wirklich ahnungslos, er lächelte also und sagte gedämpft: „Keine Sorge, das gibt sich bald wieder, wie ich Madame Monfort kenne; dafür liebt sie die Enkelin viel zu sehr.“

Sie nickte beruhigt und ging davon, der Detektiv nahm noch ein Auge von ihrer aufreizenden Figur und wandte sich wieder seinem Partner zu. „Reingefallen, das Mädchen war nur eine simple Botin und hat nie einen der Entführer gesehen. Sie wird den Behälter dem Chef ihrer Agentur übergeben, der ihn dann weiterleitet, vermutlich auch nur an einen weiteren Mittelsmann. Wir haben jedenfalls für den Augenblick unser Soll erfüllt, alles weitere ist jetzt Sache der Kollegen an den Peilgeräten.“

Er führte die „alte Lady“ behutsam zum Wagen zurück, Berry ließ sich in die Polster fallen und grinste.

„Du hast es wohl gar nicht bemerkt – ich habe das Kästchen mit einer MV-Klebefolie umwickelt, die sich nur mit Spezialgeräten entfernen lässt, wenn der Inhalt nicht beschädigt werden soll! So sind wir nicht nur sicher, dass kein Unbefugter hineinsieht, die Erpresser werden Stunden brauchen, um es zu öffnen. Solange bleibt es an einem Ort, so dass der Sender einwandfrei geortet werden kann.

„Sehr gut, aber daran hätte ich auch selbst denken können“, gab Wilding missmutig zurück. „Und wie es nun mit uns weitergehen soll, mag allein der Himmel wissen, und das wohl auch nicht genau. Ich rufe jetzt jedenfalls erst einmal Stockman an und sage ihm Bescheid.“

Er ließ den Wagen wieder aufsteigen, gleich darauf meldete sich das Funkgerät, und ein junger Mann sagte vom Bildschirm her: „Der Mikrosender funktioniert, wir empfangen seine Signale sehr gut. Das Mädchen sitzt jetzt in einem Mietgleiter und ist mit dem Ding zum nördlichen Stadtrand unterwegs, wir folgen unauffällig. Bleibt noch eine Weile in der Nähe, vielleicht können wir euch dann bald mitteilen, wo sie landet und auch, ob das Objekt eventuell weiter transportiert wird.“

„Verstanden, geht in Ordnung“, erklärte Mark und verzichtete vorerst auf den Anruf bei seinem Chef. Er bremste den Flugwagen ab, lenkte ihn zunächst in Richtung Wüste und befreite Ferrand wieder aus seiner unbequemen Lage. Es wurde nun bereits dunkel, sie flogen einen weiten Bogen über die scheinbar endlosen Dünen, und dann kam ein weiterer Anruf von dem Peilfahrzeug.

„Die Kleine ist hinter einem Bau gelandet, in dem sich das Büro der Mulberry Universal Service Co. befindet. Das war vor genau zwei Minuten, und bis jetzt … Moment, eben tut sich wieder etwas. Das Objekt mit dem Sender wird wieder ins Freie gebracht, jetzt ist es an Bord eines Fahrzeugs, das einen förmlichen Alarmstart hinlegt! Wartet noch eine halbe Minute, dann können wir euch genau sagen, wohin es fliegt.“

Wilding bestätigte, ging vorsichtshalber bereits auf Nordkurs und fädelte den Wagen in den obersten Flugkorridor ein. Damit folgte er seinem Instinkt als Detektiv, und die Ereignisse gaben ihm recht. Der Gleiter, in dem sich nun das Kästchen mit seinem brisanten Inhalt befand, schlug die gleiche Richtung ein – er flog ebenfalls nach Norden, zurück nach Rockwell!

„Demnach war alles bisher nichts weiter als ein Manöver zur Täuschung“, folgerte Berry, der nun wieder sein normales Gesicht besaß. Mark Wilding lachte humorlos auf und nickte.

„Etwas Ähnliches habe ich mir schon gedacht, Partner. Man hat nur vor, Monfort auf eine falsche Spur zu lenken, falls er versuchen sollte, etwas in dieser Richtung zu tun. Damit wäre er natürlich gescheitert, er verfügt schließlich nicht über die Mittel unserer Agentur. Sein Glück, dass er die IDA zur Hilfe gerufen hat – wenn nicht noch etwas ganz gewaltig schiefgeht, werden wir bald wissen, wo die Entführer seiner Tochter sitzen, und vermutlich auch sie selbst!“



13

Als sie in Rockwell ankamen, war es bereits dunkel, und Wilding sah keinen Grund für zeitraubende Umwege mehr. Die Gegner wussten mit Sicherheit nichts davon, dass die INTERSTELLAR DETECTIVE AGENCY diesen Fall übernommen hatte, und Berrys Rolle war ohnehin beendet. Deshalb landete er den Wagen auf dem Parkdach des Hochhauses, und von dort aus begaben sich die drei Männer direkt ins Chefbüro.

Herbert Stockman grinste kurz, denn der Metabo steckte noch in seiner Verkleidung und wirkte darin doch recht komisch. Er bekam nun Zeit sich wieder umzukleiden, und inzwischen gaben Wilding und Ferrand in knappen Stichworten ihren Bericht.

„So ist das also“, meinte der Manager danach und schüttelte den Kopf. „Nun, das eine war wohl zu erwarten, diese neue Entwicklung dagegen nicht. Trotzdem kommt sie uns entgegen, denn wir befinden uns hier in Rockwell auf vertrautem Territorium, können also alle Hilfsmittel spielen lassen. Ich werde vorsichtshalber schon …“

Der Detektiv hob die Hand und winkte entschieden ab.

„Nur keine Übereilung, Chef, noch ist es viel zu früh. Was Sie sagen, stimmt zwar in etwa, doch bekanntlich ändert sich nichts schneller als die Lage. Warten wir also erst einmal ab, was unsere Kundschafter noch zu berichten wissen; erst dann können wir die entsprechenden Maßnahmen treffen.“

Stockman nickte widerstrebend, Berry kam normal angezogen zurück, und dann warteten sie gemeinsam bei einem Glas Cognac. Doch nicht lange, schon nach fünf Minuten klang ein Summer auf, und der Leiter des Peilkommandos meldete sich.

„Das fragliche Fahrzeug ist ziemlich weit im Westen gelandet, am Rande des Vororts Oldham, Boss. Zwei Männer sind ausgestiegen, sie führen das Objekt mit sich und haben eine einsam stehende Villa aufgesucht. Darin halten sie sich seitdem auf.“

„Weiter beobachten, jede Veränderung sofort melden“, bestimmte der Manager, und das Warten ging weiter. Zehn Minuten vergingen, dann meldete der Kundschafter, dass die beiden Männer das Gebäude wieder verließen und ihr Fahrzeug bestiegen. Das Kästchen blieb jedoch in der Villa zurück. Stockman gab Anweisung, auf ihre weitere Verfolgung zu verzichten. Er beorderte einen der Gleiter zurück, der andere erhielt Order, in der Nähe der Villa zu landen und diese weiter zu überwachen.

„Soweit gut, aber vorerst wird sich dort kaum etwas tun, Chef“, sagte Mark Wilding, trank sein Glas leer und erhob sich. „Berrys Klebefolie wird den Leutchen einige Probleme bereiten, und das gibt uns wieder etwas Luft. Sehen wir also zu, dass wir ein verfrühtes Abendessen bekommen, vielleicht steht uns noch eine lange Nacht bevor.“

Herbert Stockman lamentierte, weil er nun allein die Stellung in seinem Büro halten musste, Patsy Reich war schon längst gegangen.

Das beeindruckte die anderen aber nur wenig, sie begaben sich in die Kantine und riefen aus der Automatik saftige Steaks für sich ab.

Als dann der Kaffee duftete und die Zigaretten brannten, lehnte sich Berry Salomon zurück und fragte: „Habt ihr eigentlich Bert Monfort ganz vergessen, Mark? Er sitzt nun ganz allein in seinem Haus und sorgt sich um seine Tochter, und das ist wirklich kein sonderlich erhebender Zustand.“

Wilding hob die Brauen und setzte seine Tasse ab.

„Täusche dich nur nicht in diesem Mann, er ist bedeutend härter, als er sich gibt. Das beweist schon die Tatsache der Gasfalle in dem Kästchen, deren Opfer du fast geworden bist. Rache oder nicht – niemand geht über Leichen, wenn es seinem Charakter widerspricht! Überlassen wir es also ruhig Stockman, ihm soviel mitzuteilen, wie er es für richtig hält. Für uns ist er jetzt praktisch nur noch eine Randfigur, wir müssen uns ganz auf den Entführungsfall an sich konzentrieren, damit haben wir genug zu tun.“

„Werdet ihr mich noch brauchen?“, erkundigte sich Ferrand, hob die Hand und gähnte diskret. „Schließlich bin ich jetzt schon seit fast zwölf Stunden auf Achse und … richtig, das wisst ihr ja noch gar nicht: ich habe inzwischen geheiratet, zuhause wartet meine junge Frau auf mich.“

„Ring am Finger, Klotz am Bein, wie der Volksmund sagt“, grinste Mark Wilding. „Okay, ich bin der letzte, der dich von der Erfüllung deiner ehelichen Pflichten abhalten möchte, schließlich heiße ich nicht Herbert Stockman. Gehen wir also am besten gleich zurück zu ihm, damit ich ein Wort für dich einlegen kann.“

Damit hatte er auch Erfolg, der Manager gab Ferrand frei bis zum nächsten Morgen. Er war jedoch nicht recht bei der Sache, seine hohe Stirn lag in schweren Falten, sein Blick streifte immer wieder die Kom-Geräte auf dem Schreibtisch. Schließlich hielt er es nicht mehr aus und stellte selbst eine Verbindung zu dem Wachtposten im Gleiter in Oldham her.

„Hier nichts Neues, Boss“, meldete dessen Leiter. „Wir haben die Villa ständig im Auge, können aber nicht erkennen, was darin vor sich geht, denn alle Fenster sind einseitig polarisiert. Auch die Richtmikros bringen keinen Laut herein, offenbar hat man den Bau sorgfältig mit Schallbarrieren abgesichert. Ziemlich verdächtig, nicht wahr?“

Stockman sagte ein wenig feines Wort, gab dem Mann Anweisung, das Haus trotzdem weiter zu beobachten, und wirbelte dann herum und sah auf die Uhr.

„Das mit der MV-Folie war wohl doch keine so gute Idee“, grollte er dann und bedachte den Metabo mit einem schrägen Blick. „Jetzt sind schon anderthalb Stunden vergangen, ohne dass wir auch nur um einen Schritt weitergekommen sind. Wenn wir Pech haben, brauchen die Entführer die ganze Nacht, um den Kasten aufzukriegen … oh, meine Nerven!“

„Seit wann haben Sie denn welche? Das ist mir vollkommen neu“, kommentierte Wilding feixend. Der Manager strich seufzend über die Glatze und sah ihn strafend an.

„Nicht nur das, ich habe auch ein Herz, Mark. Und dieses blutet förmlich bei dem Gedanken daran, dass ein junges Mädchen sich in der Hand gewissenloser Schurken befindet – oder glauben Sie mir das etwa nicht?“

„Natürlich, Chef“, versicherte der Detektiv in einem Tonfall, der genau das Gegenteil verriet. „Außerdem zittern Sie schon, wenn Sie nur daran denken, dass Sie uns notgedrungen losschicken müssen, um die Villa selbst in Augenschein zu nehmen … Und darauf läuft es am Ende doch hinaus, nicht wahr?“

Stockman schnaufte unwillig, doch dann nickte er.

„Daran werden wir wohl nicht vorbeikommen, falls sich dort auch weiterhin nichts tut. Wir müssen unbedingt herausbekommen, was die Schurken planen, sonst sind sie uns immer einen Schritt voraus und wir können immer nur reagieren, statt selbst zu agieren. Gut, ich warte noch zwei Stunden ab, doch wenn bis dahin nichts geschehen ist, musst ihr los.“

„Alles wie gehabt; wir werden unser Los mit Würde zu tragen wissen“, kam es von Berry. „Ein kleiner Cognac würde die Bedingungen aber sehr verbessern – er gibt mir die nötige Kraft, falls ich wieder mal zu einem schnellen Gestaltwandel gezwungen bin.“



14

Es blieb nicht bei einem Glas, denn die zwei Stunden verstrichen ereignislos. „Es hilft nichts, Leute“, sagte der Manager, als die entsprechende Meldung von den Beobachtern kam. „Mark, Sie wissen, worauf es hier ankommt. Suchen Sie sich im Magazin alles heraus, was Sie eventuell brauchen können. Sie haben vollkommen freie Hand und können nach eigenem Ermessen handeln, wie es die Lage erfordert. Natürlich aber so, dass es kein Aufsehen gibt, das die Polizei auf den Plan rufen könnte, und ohne dass dabei Menschenleben gefährdet werden, das ist klar.“

„Uns schon, Chef; fragt sich nur, ob sich auch Herren Erpresser an diesen Grundsatz halten werden!“, konterte Wilding kühl. „Komm, Berry, irgendwie werden wir es schon schaffen, dem Pelz des Bären die berühmte Trockenwäsche zu verschaffen und dabei selbst saubere Finger zu behalten. Unser Boss wird uns sämtliche Daumen drücken und dabei an den guten Ruf der IDA denken, und das wird uns eine große Hilfe sein.“

„Das war unfair von dir – diesmal waren die Schweißperlen auf Stockmans Glatze echt“, sagte Berry draußen auf dem Gang. Mark lächelte humorlos und schob ihn weiter.

„Immerhin sind immer wir es, die die Kastanien aus dem bewussten Feuer holen müssen, nicht er! Vergiss ihn und überlege dir stattdessen gut, welche Ausrüstung wir brauchen werden. Die Entführer werden uns bestimmt nicht schonen, falls sie uns bemerken, dafür geht es ihnen um zu viel.“

Zehn Minuten später fuhren die beiden Detektive zum Parkdach hoch, bestiegen einen dort bereitstehenden Einsatzgleiter der IDA und flogen in die Nacht hinaus. Ihr Decoder fing das Peilzeichen ihrer passiven Kollegen auf, Mark landete sein Fahrzeug dicht neben dem ihren und stieg aus.

„Stockman hat euch verständigt, nicht wahr?“, fragte er leise. „Okay, dann passt weiter gut auf, wir machen uns jetzt zu Fuß auf den Weg zu der Villa. Falls es dort plötzlich krachen sollte, kommt

ihr uns zu Hilfe, so schnell es geht, klar?“

„Geht in Ordnung“, kam es gedämpft zurück, „der Boss hat uns eben über Funk dieselbe Anweisung gegeben. Hals- und Beinbruch, Kumpel!“

„Big Brother is watching you!“, spöttelte der Mutant, als sie nun den kleinen Parkplatz verließen, rasch die Straße überquerten und in der Dunkelheit einer Grünanlage untertauchten. „Stockman ist eben doch besser, als er sich immer gibt, er beschränkt sich nicht nur aufs Daumendrücken, Mark.“

„Das tröstet mich nur wenig“, knurrte Wilding, „wenn die Gegner zuschlagen, trifft es ausschließlich uns! Soweit darf es erst gar nicht kommen, richte dich also danach.“

„Wie immer, Partner!“

Beide trugen Kombibrillen für Infrarot und Restlicht zugleich, damit konnten sie fast so gut wie am Tage sehen. In den Taschen ihrer dunklen Kombinationen befanden sich zahlreiche Gegenstände, die ihnen nützlich sein konnten, sowie zwei handliche Strahler.

So huschten sie zwischen Bäumen, Büschen und Rabatten hindurch, schlugen einen Bogen und überquerten die Straße hinter der Anlage eilig, als gerade kein Fahrzeug in Sicht war.

Sie kamen an einem Bauplatz heraus, arbeiteten sich durch ein Konglomerat von Hausteilen und Robotmaschinen bis an sein Ende und überwanden die hintere Absperrung. Dann hatten sie nur noch Ödland vor sich, die Entführer hatten sich am äußersten Stadtrand ihr Versteck gesucht. Hier hielt sich nachts kaum ein Mensch auf, die Detektive mussten also doppelt vorsichtig sein, denn ihre Gegner waren es bestimmt auch.

Die hohe Hecke hinter dem Nachbargrundstück bot guten Sichtschutz, doch dann kamen fünfzig Meter freies Gelände, nur mit niedrigem Unkraut bestanden. „Robben!“, zischte Mark, und sie schlängelten sich nicht ohne Mühe zwischen den teilweise stachligen Gewächsen hindurch. Dann erreichten sie eine niedrige Mauer, richteten sich in ihrem Schutz in sitzende Stellung auf und entfernten eine Menge von Pflanzenteilen aus Kleidung und Haar.

Danach erhob sich Wilding und spähte behutsam über die Mauer in Richtung Villa. Sie lag etwa fünfzig Meter entfernt auf einem vermutlich künstlichen Hügel, von verwilderten Büschen umgeben, ihre Rückfront erschien dem normalen Auge dunkel. Nicht aber dem Detektiv mit seiner Spezialbrille, er nickte zufrieden und wandte sich an Berry.

„Die Scheiben hinter der Terrasse sind zwar polarisiert, aber hinter ihnen brennt zweifellos Licht. Wenn nur diese verdammte Schallbarriere nicht wäre, dann könnten wir von hier aus leicht mithören, was in dem Haus gesprochen wird. So aber hilft alles nichts, wir müssen ganz nahe heran.“

Der Mutant nickte, holte ein kleines Gerät hervor, hielt es über die Mauerkrone und bewegte es hin und her. Eine Leuchtanzeige glomm auf, der Minicomputer des Multicorders wertete die Daten blitzschnell aus und ließ das Ergebnis auf dem winzigen Monitor erscheinen. Berry las es mit geübtem Blick ab und seufzte dann leise.

„Das wird eine harte Nuss für uns, Mark! Das Gelände hinter der Mauer ist zwar sauber, doch in fünf Meter Entfernung umspannt ein regelrechtes Strahlengitter die ganze Villa, drei Meter hoch. Da kommen wir nie hindurch, jeder Körper, der größer als ein Fußball ist, löst unweigerlich drinnen Alarm aus.“

Wilding fluchte unterdrückt, richtete sich nochmals auf und bewegte sich einige Meter nach beiden Seiten hin. Dann hatte er etwas entdeckt, kauerte sich wieder neben seinen Partner, und ein leichtes Grinsen flog über sein Gesicht.

„Das Problem ist gelöst, Berry – die Brüder haben den Swimmingpool vergessen! Die Strahlen ziehen sich etwa über seine Mitte hin, aber weiter als bis zur Wasseroberfläche reichen sie bestimmt nicht. Verschließ deine Taschen wasserdicht, wir tauchen einfach auf dieser Seite unter und jenseits wieder auf, und schon sind wir da, wo man uns nicht haben will.“



15

Sie wurden zwar patschnass, doch sie schafften es. Geräuschlos schwangen sie sich am anderen Ende über die Einfassung des Pools, rollten sich ins Gras und blieben eine Weile lauschend liegen. Bis auf das Krächzen eines Nachtvogels blieb jedoch alles ringsum still, demnach hatte man ihr Eindringen wirklich nicht bemerkt.

„Weiter!“, raunte Mark, und sie robbten bis an die Terrassenmauer heran. Dort befanden sie sich im toten Winkel, setzten sich mit dem Rücken zur Wand und öffneten ihre Taschen wieder. Sie trockneten Gesicht und Haar, von der Oberfläche ihrer Kombinationen rann das Wasser von selbst zu Boden. Nach einer Minute waren sie zu neuen Taten bereit, der Metabo zog nochmals den Multicorder zu Rate und setzte die Kombibrille wieder auf.

„Keine weiteren Hindernisse; wie geht es nun weiter, Mark?“

Wilding erhob sich, ging zur Treppe der Terrasse vor und stieg lautlos die Stufen empor. Er bewegte sich bis dicht vor die große Glastür, holte dann drei kleine Gegenstände aus der Tasche und presste einen davon auf den unteren Türrahmen. Einen anderen schob er sich ins rechte Ohr und bedeutete seinem Partner, dasselbe zu tun.

Der erste, ein Würfel von kaum zwei Zentimeter Kantenlänge, war der Empfänger eines Spezial-Abhörgerätes, das die rings um die Villa errichtete Schallbarriere gewissermaßen unterlief. Es sprach auf alle Schwingungen an, die durch Böden und Wände aufgenommen und weitergeleitet wurden, nur eine vollständige Schallisolierung des gesamten Raumes konnte sie lahmlegen.

Eine solche gab es jedoch nicht, und sofort drangen auch die ersten Laute von drinnen aus den nur erbsengroßen Empfängerkapseln in die Ohren der beiden Detektive.

Sie hörten die Schritte eines Mannes, der ungeduldig auf und ab ging, dann aber abrupt stehenblieb. „Verdammt, wie lange dauert das denn noch?“, fragte er rau. „Nicht genug damit, dass Monfort uns mit der vertrackten Folie so angeschmiert hat, jetzt trödelst du auch noch eine Ewigkeit mit den Kristallen herum. Nur noch gut zwanzig Minuten, bis sie abgeholt werden – hast du es bis dahin noch nicht geschafft, sehen wir in die ganz lange Röhre.“

„Kann ich etwas dafür, dass du keinen besseren Computer besorgt hast?“, empörte sich eine weibliche Stimme. „Dieser alte Kasten arbeitet nur einfach binär, und diese Methode war schon vor zehn Jahren veraltet, Mann! Wenn du schon jemand übers Ohr hauen willst, musst du auch entsprechend viel investieren; hier hast du eindeutig am falschen Ende gespart, ich bin eben erst beim zweiten Chip, weil ich um vier Ecken herum arbeiten muss. Drei Stunden Zeit …“

„Die haben wir aber nicht“, knurrte der Mann, „es ist also am besten, wenn du gleich damit aufhörst. In der Eile konnte ich nur den MAX-IV auftreiben, und fast hätte mich Clark auch dabei noch erwischt. Mit den Filmen wäre es viel einfacher gewesen, aber wie konnte ich ahnen, dass die Dinger mit in dem Kasten sind?“

„Also Pleite auf der ganzen Linie“, sagte die Frau, und das leise Summen des Computers erstarb. „Los, hilf mir, wir schaffen das Ding in den Abstellraum; wenn Clark es zu sehen bekommt, könnte er sehr peinliche Fragen stellen. Es ist schon wirklich ein Jammer, die Daten auf den Kristallen müssen von erheblichem Wert sein. Sonst hätte man sich wohl kaum die Mühe gemacht, diesen Bau derart gut abzusichern und die Dinger nur auf Umwegen …“

Die Stimme erstarb, eine Tür klappte, und Mark verzog das Gesicht.

„Nur kleine Gauner, die ihr eigenes Süppchen kochen wollten – aber nicht nur sie sind hereingefallen, sondern auch wir! Hier wird Silvia Monfort bestimmt nicht festgehalten, außer diesem Pärchen scheint niemand im Haus zu sein. Verdammt, und da hatte ich fest damit gerechnet …“

„Jeder kann sich mal verrechnen, auch ein Stardetektiv“, grinste Berry Salomon. „Nimm es nicht so tragisch, dafür bietet sich eine heiße Spur zu den Entführern doch nun ganz von selbst an. In etwa einer Viertelstunde wird jemand kommen, um das Kästchen abzuholen, dieser ominöse Clark hat es nur hierher schaffen lassen, um ganz auf Nummer sicher zu gehen. Jetzt wird er selbst kommen, um es zu holen – wir brauchen ihm also nur zu folgen, und schon kommen wir ohne große Mühe ans Ziel.“

„Wir ganz bestimmt nicht, diesmal hast du dich verrechnet, Boy“, gab Wilding zurück. „Wir können nichts weiter tun, als hier bei der Villa zu bleiben und zu beobachten, bis zurück zum Gleiter kommen wir in dieser kurzen Zeit nicht. Alles andere müssen die passiven Kollegen übernehmen, ich rufe sie gleich an. Den Peilsender hat man zu unserem Glück bisher nicht entdeckt, sonst hätte es einer der beiden im Haus bestimmt erwähnt.“

Er nahm das Spiongerät wieder an sich, zog sich mit Berry unter die Mauer zurück und holte einen kleinen Minicom hervor. Einige hastig geflüsterte Worte, dann steckte er das Gerät wieder weg, und die beiden Männer blieben schweigend an ihrem Platz. Dort warteten sie geduldig, bis der avisierte „Abholer“ kam und wieder abflog, so schwer es ihnen auch fiel. Dann zog der Metabo seinen Multicorder zu Rate und nickte seinem Partner zu.

„Das Strahlengitter ist abgeschaltet, ebenso die Schallsperre, in der Villa hält sich jetzt bestimmt niemand mehr auf. Machen wir uns also auf den Rückweg – zwar nicht als strahlende Sieger, aber wenigstens bleiben wir diesmal trocken.“

Mark nickte, sie gingen um das Haus herum zur Straße und wurden dort von einem Fahrzeug der IDA abgeholt. Eine Viertelstunde, dann standen sie wieder im Chefbüro und gaben dem noch immer anwesenden Manager ihren Bericht.



16

„Pech für euch“, sagte Stockman und holte zum Trost die obligate Flasche hervor, „hier ein Schluck zum Aufwärmen, damit ihr mir nicht noch krank werdet. Singer vom Einsatzgleiter hat eben durchgesagt, dass unsere Freunde einen ziemlich wirren Kurs fliegen, offenbar ist dieser Clark ein besonders misstrauischer Bursche. Der Peilsender hat sich aber als sehr nützlich erwiesen, das war eine wirklich gute Idee von Ihnen, Mark.“

„Ich habe nur gute Ideen, Chef“, behauptete Wilding kühn, „nur ist das Schicksal zuweilen gegen mich. Da fällt mir eben noch etwas ein: haben Sie inzwischen wieder etwas von Monfort gehört?“

Der Manager rieb sich die rotgeränderten Augen und gähnte.

„Er hat vorhin angerufen, war aber so blau, dass er kaum drei vernünftige Worte am Stück herausbringen konnte. Vielleicht wollte er sich mit Schnaps trösten oder sein Gewissen betäuben, sofern er ein solches hat. Immerhin habe ich verstanden, dass er inzwischen zwei Leibwächter engagiert hat, die nun sein Haus bewachen, der Teufel mag wissen, wieso.“

„Ich kann es mir denken“, sagte Berry. „Er kann schließlich nicht sicher sein, ob sein Giftgas wie gewünscht gewirkt hat, und jetzt fürchtet er die Rache der Erpresserclique. Gut, dass er nichts von dem wirklichen Geschehen weiß, und dass sein Zustand verhindert, dass er uns in die Quere kommen kann. Dürfen wir uns jetzt schnell wieder umziehen, Chef? Wasserabweisende Kombis sind schön und gut, aber wenn sie nicht richtig schließen …“

„Okay, macht aber schnell damit“, brummte Stockman, „ich nehme inzwischen ein paar Weckamine. Wir müssen jeden Augenblick damit rechnen, dass sich Singer wieder meldet, und dann heißt es für uns alle, voll auf dem Damm zu sein.“

„Übernehmen Sie sich nur nicht, Chef, Sie sind schließlich der Kopf, ohne den nichts geht“, grinste Mark. „Wir kleinen Detektive leisten immer nur die niederen Arbeiten, was wären wir ohne Sie!“

„Stimmt das etwa nicht?“, fragte der Manager irritiert und strich wieder einmal über seine Glatze. Eine Antwort bekam er nicht mehr, die Tür klappte hinter Mark und Berry zu, und sie suchten erneut das Magazin auf. Nach kurzem Überlegen entschieden sie sich dafür, die gleichen Monturen nochmals anzulegen, denn diese Nacht hielt vermutlich noch einige Überraschungen für sie bereit.

Wie recht sie damit hatten, erfuhren sie schon bei der Rückkehr ins Chefbüro. In einem Holokubus war der Mann aus dem Wachgleiter zu sehen, und er sagte gerade: „… haben uns ganz schön durch die Gegend gescheucht, mit Sicherheit aber nicht bemerkt. Eben sind sie am Rand des Raumhafens gelandet, direkt neben einer Lagerhalle des Sektors für Privatfahrzeuge. Wir sind auf Distanz geblieben, ich habe aber eine Spionsonde ausgeschickt, die über dem Gelände kreist. Jetzt steigen drei Personen aus und begeben sich in die Halle … und da ist noch etwas, Chef: nur hundert Meter von ihr entfernt steht ein Schiff, in dem die Reaktoren eben angelaufen sind, wie die Energietaster deutlich zeigen! Es macht sich also startfertig – kann es da einen Zusammenhang geben, Chef?“

„Da fragen Sie noch?“, bellte Stockman, an dem nun keine Spur von Müdigkeit mehr zu bemerken war. „Halten Sie alles weiter im Auge, versuchen Sie, auch das Bild der Sonde auf Frequenz E-II an mich zu überspielen.“ Er wartete keine Antwort ab, sondern wirbelte mit seinem Sitz herum, und seine Wurstfinger deuteten auf die Detektive „Ihr habt es gehört – auf zum Raumhafen, so schnell es geht! Zum Glück habe ich den Gleiter von vorhin noch nicht weggeschickt, nehmt ihn und sag dem Piloten, er soll rasen wie nie zuvor. Die genauen Koordinaten bekommt er unterwegs … los jetzt, worauf wartet ihr denn noch?“

Er sprach bereits ins Leere, denn die Detektive sprinteten im selben Moment bereits durch das Vorzimmer, hinaus auf den Korridor und weiter zum Lift. Sie warfen sich förmlich hinein, und auf dem Weg zum Parkdach schnaufte der Mutant: „Kommst du da eigentlich noch mit, Mark? Das Ganze sah doch nur nach einer lokalen Affäre aus, aber jetzt nimmt es plötzlich viel größere Dimensionen an.“

Wilding zuckte mit den Schultern.

„Verbrecher arbeiten heutzutage interstellar, das haben wir nun schon oft genug erfahren. Mich wundert also gar nichts mehr, zumal es hier um mehr Geld geht, als wir uns auf einem Haufen vorstellen können. Hoffentlich kommt wenigstens die Kleine halbwegs gut davon, schließlich hat ihr Vater doch …“

Weiter kam er nicht, die Lifttür glitt auf und sie rannten auf den Gleiter zu, dessen Tür bereits offen stand. Im nächsten Moment wurden sie tief in die Polster gedrückt, denn der Pilot legte einen Schnellstart hin und zog das Fahrzeug steil in die Höhe. Auf einem Schirm vor ihm war Herbert Stockman zu sehen, der ihm Anweisungen gab, er bestätigte und wandte sich dann zu seinen Passagieren um.

„Der Alte ist ja ganz schön in Fahrt, und das auch noch mitten in der Nacht. Auch Singer tut, als stände der Weltuntergang bevor. Was ist denn nun eigentlich los?“

„Der Polizeipräfekt soll entführt werden“, log Wilding, ohne die Miene zu verziehen. „Bitte nicht weitersagen, denn die Polizei weiß es noch nicht, und wenn sie aus ihrem Dauerschlaf gerissen wird …“

„Singer an Detektiv Wilding“, unterbrach ihn eine Stimme aus dem Funkgerät. „Eben ist ein Flugwagen hinter der Lagerhalle gelandet – jetzt kommen zwei Personen ins Freie, sie tragen einen länglichen Gegenstand zu ihm hinaus. Es könnte ein Mensch sein … Augenblick, ich steuere die Sonde tiefer, das Infrarotbild ist nicht sehr gut. Verdammt, schon zu spät, die Kabine ist schon wieder zu, und jetzt steigt der Wagen wieder auf. Er nimmt Kurs in Richtung Stadt, aber wir können ihm nicht folgen, weil wir sonst …“

„Stockman an Singer“, fiel ihm die Stimme des Managers ins Wort. „Diese Sache übernimmt ein anderes Fahrzeug, das schon unterwegs ist, Sie kümmern sich nur um das Geschehen am Ort. Wilding, hören Sie mich?“

„Klar und deutlich“, sagte Mark. „Was liegt an, Chef?“

„Ich habe die IDA-STAR III alarmiert, sie steht nur fünfhundert Meter von dem fraglichen Schiff entfernt, und die Besatzung befindet sich an Bord. Ihr eigentlicher Auftrag ist annulliert, sie hat nun Order, den anderen Raumer zu verfolgen, sobald Sie und Berry an Bord gegangen sind. Beeilen Sie sich damit, es geht hier vielleicht um Sekunden, und Sie wissen, was auf dem Spiel steht! Sie haben alle Vollmachten, ich werde alles decken, was Sie tun, sofern sich das in halbwegs legalem Rahmen bewegt.“

„Kostenlose Himmelfahrt eingeschlossen, wie?“, ergänzte Wilding sarkastisch. „Okay, Chef, wir werden tun, was wir können, und mehr soll ja bekanntlich noch keinem Menschen gelungen sein.“



17

In der nächsten Minute überstürzten sich die Ereignisse geradezu.

Der Gleiter mit den Detektiven raste dem Raumhafen entgegen, von dem Umstand begünstigt, dass es um diese Zeit über Rockwell nur noch wenig Luftverkehr gab. In der IDA-STAR III, einem Einsatzraumer der INTERSTELLAR DETECTIVE AGENCY, bereitete sich die Besatzung auf einen Alarmstart mit unbekanntem Ziel vor. Nur einen halben Kilometer von ihr entfernt wurden in dem anderen Schiff ähnliche Maßnahmen getroffen, nur unter anderen Prämissen.

Doch was geschah in der Lagerhalle? Wer befand sich darin, und was mochte das für ein Körper sein, der eben abtransportiert worden war?

Ein Gedanke zuckte durch Marks Hirn, er beugte sich vor und sagte hastig: „Hören Sie, Chef – halten Sie es für möglich, dass es Silvia Monfort war, die man fortgebracht hat? Die Erpresser haben schließlich, was sie wollten, und bei einem Flug zu einem anderen Planeten kann sie ihnen eher hinderlich sein.“

„Sie könnte es gewesen sein“, räumte Stockman ein, „es wäre in gewisser Weise logisch, weil die Bande nicht ahnt, dass wir ihr doch auf die Spur gekommen sind. Doch noch wissen wir es nicht, also machen wir weiter wie bisher. Es geht hier ja nicht nur um das Mädchen, sondern auch um die Datensammlung, die einen beachtlichen Wert darstellt. Wenn wir sie zurückholen können, wird Monfort einen schönen Batzen zusätzlich herausrücken, denke ich.“

„Falls er bis dahin wieder nüchtern ist“, kommentierte Wilding. „Für jetzt Schluss, Boss, wir sind gleich da; ich melde mich dann aus dem Schiff wieder, bleiben Sie solange schön munter.“

Der Manager knurrte etwas, das ziemlich unfreundlich klang, doch niemand achtete mehr darauf. Der Gleiter setzte neben der IDA-STAR III auf, direkt vor der ausgefahrenen Gangway, die Detektive sprangen heraus, doch dann wandte sich Mark Wilding noch einmal um.

„Hören Sie, Singer: bleiben Sie bitte noch hier, bis wir gestartet sind, ja? Lassen Sie die Sonde weiter kreisen und überspielen Sie ihre Bilder ins Schiff, damit wir auf dem Laufenden bleiben. Dafür spendiere ich Ihnen auch einen guten Schluck, wenn wir zurück sind.“

„Ist okay, und unter diesem Vorzeichen drücke ich natürlich die Daumen besonders fest für Sie“, grinste der Pilot.“

„Schäbiger Egoist!“, kommentierte der Detektiv und folgte dann eilig seinem Partner zur Luftschleuse hinauf. Dort erwartete sie ein großer Mann mit eckigem und blonder Haarmähne und

drückte beiden kurz die Hand.

„Schön, Sie wieder mal zu sehen, Berry und Mark! Nur die Umstände gefallen mir nicht, Stockman hat einen Wirbel gemacht, als stünde der Weltuntergang dicht bevor. Worum geht es denn eigentlich?“

„Später, Benno“, wehrte Wilding ab, „bringen Sie uns jetzt erst mal zum Steuerraum hinauf. Die Leute, die wir verfolgen sollen, werden durch eine Sonde überwacht, und es ist wichtig, dass wir mit ansehen, was sie bis zum Start noch tun.“

Eine halbe Minute später waren sie in der Zentrale, die mit zwei weiteren Personen besetzt war. Die eine war eine junge, zierliche und schwarzhaarige Frau mit guten Formen im Pilotensitz, und Mark zog bei ihrem Anblick anerkennend die Brauen hoch. Doch nur für einen Augenblick, denn der Mann, der vor der Funkanlage saß, winkte ihm heftig zu.

„Schnell hierher – draußen scheint sich etwas zu tun!“

Er hieß Branko Robic, war schmächtig, aber agil und drahtig, und ebenfalls aktiver IDA-Agent. Die drei Männer kannten sich natürlich, doch sie nickten sich nur flüchtig zu, dann wandte sich ihr Blick auf den Holokubus, in dem das Bild der Spionsonde zu sehen war.

Hier im Schiff war es klar und scharf, ein Computer setzte die verwaschenen Infrarotimpulse um und adaptierte sie.

Jetzt war die Vorderseite der Lagerhalle zu sehen, dort war ein kleines Tor geöffnet, und daraus kamen nun fünf Personen hervor.

Sie bewegten sich auf das davorstehende Schiff zu, waren jedoch nur undeutlich zu sehen, denn die Sonde bewegte sich von ihnen weg. Dann wurde sie von Singer zurückgesteuert, ging tiefer und erfasste die Gruppe schräg von vorn.

Nun erschien sie in Großaufnahme, scheinbar zum Greifen nahe, und die Detektive konzentrierten sich voll auf ihren Anblick. Doch schon im nächsten Moment zuckten sie heftig zusammen, ihnen blieb sekundenlang förmlich der Atem weg. Berry Salomon fasste sich als erster wieder und brachte rau hervor: „Verdammt, ich träume doch wohl nicht, das sind ja gar keine Menschen!“

Er meinte die Gestalten in der Mitte der Gruppe, und die anderen kamen zu der gleichen Erkenntnis. Geringfügige Mutationen hatte es unter den Strahlen fremder Sonnen schon immer gegeben,

Berry selbst war das beste Beispiel dafür. Die Körperform an sich war jedoch stets unverändert geblieben – Menschen mit bläulicher Hautfarbe und riesigen roten Augen waren zur Not noch vorstellbar, aber keinesfalls mit vier Armen!

„Eine fremde Rasse?“, stöhnte Branko Robic fassungslos.

Mark Wilding nickte und ergänzte lakonisch: „Fast humanoid, trotzdem aber fremd – und zweifellos genauso intelligent wie wir! Das gibt dem ganzen Fall ein neues Gesicht, hier geht es offenbar um weit mehr, als wir bisher angenommen haben. Stellen Sie sofort eine Verbindung zu Stockman her, schnell!“

Sekunden später erschien das Abbild des Managers in einem anderen Kubus, und er sagte zufrieden: „Ich wollte Sie gerade anrufen – Sie hatten recht, Mark, man hat die kleine Monfort freigelassen. Zwar nicht, ohne ihr zuvor noch Amnesin zu geben, sie erinnert sich an nichts mehr, aber immerhin …“

„Erfreulich, jetzt aber relativ unwichtig“, fiel Wilding ihm ins Wort. „Warten Sie einen Moment, dann werden Sie etwas sehen, das mehr als nur unglaublich ist, Chef.“

Stockman öffnete den Mund, schloss ihn aber sofort wieder, als er auf seinem Schirm die erstarrte Miene seines Staragenten sah. Die Sonde hatte sich inzwischen wieder entfernt, so dass die Personen kaum noch zu erkennen waren, die nun die Gangway des anderen Raumers hochgingen, doch Robic war umsichtig genug gewesen, die früheren Aufnahmen zu speichern. Er rief sie nun ab und überspielte sie ins Büro, und dann fiel die Kinnlade des Managers herab. Seine Augen weiteten sich ungläubig, und sein Gesicht wurde noch röter als sonst, doch ein Mann wie er fand schnell wieder zu sich selbst zurück.

„So ist das also!“, sagte er gedehnt. „Nun, irgendwann musste es ja einmal so kommen, in der Milchstraße kann es schließlich nicht nur primitive Eingeborene geben, wie bisher gehabt. Irgend jemand hat diese Fremden entdeckt, und sich entschlossen das nicht nur zu verschweigen, sondern auch noch mit ihnen zu kooperieren. Verdammt, hätte ich das nur früher gewusst …“

„Jetzt wissen Sie es“, sagte Mark hart, „und nun müssen Sie auch entsprechend handeln! Der ursprüngliche Fall Monfort spielt nun keine Rolle mehr, jetzt geht es nur noch um die Daten auf seinen Speicherkristallen. Die Entführer waren zweifellos von vornherein darauf aus, sie an diese Vierarmigen zu verschachern, und sie gehen eben zusammen mit ihnen an Bord. Dieses Vorhaben müssen wir unbedingt durchkreuzen – rufen Sie schnellstens die Raumpolizei, Chef!“

Herbert Stockman lächelte humorlos.

„Das würde ich natürlich tun, wenn ich mir davon einen Erfolg versprechen könnte, Mark. Doch dazu müsste ich erst einmal, jetzt mitten in der Nacht, jemand aus dem Bett aufscheuchen, der wirklich kompetent ist. Mit irgendeinem Nachtwächter ist es da nicht getan, er würde darauf bestehen, den Dienstweg einzuhalten, und der ist bekanntlich verdammt lang. In beiden Fällen würde aber soviel Zeit – vergehen, dass das Schiff mit den Fremden längst in den Hyperraum gegangen und damit unerreichbar geworden ist. Außerdem weiß ich, dass sich zur Zeit kein Schiff der Raumpolizei in der Nähe unseres Systems aufhält, und deshalb …“

„… ist so oder so jeder dieser Versuche nutzlos“, knurrte der Detektiv. „Mit anderen Worten, wir von der IDA sind die einzigen, die diesen Raumer verfolgen und feststellen können, wohin er fliegt, obwohl das keinesfalls unsere Aufgabe ist. Wollen Sie uns das im Ernst zumuten, Chef?“

Der Manager hob beschwörend beide Hände.

„Wer sollte es sonst wohl tun, wenn nicht Sie! Sicher, es ist ein gewisses Risiko dabei, aber Sie sind schließlich meine besten Leute, und die IDA-STAR III hat eine erstklassige Crew an Bord. Trauen Sie es sich wirklich nicht zu, dem Schiff unauffällig zu folgen? Mehr verlange ich doch gar nicht, oder?“

Wilding setzte zu einem neuen Einwand an, doch im selben Moment rief die Pilotin aus: „Das andere Schiff wird in spätestens zwei Minuten starten, Leute! Falls wir ihm wirklich folgen wollen, muss ich sofort um Startfreigabe ersuchen, sonst ist es zu spät.“

Berry Salomon nickte seinem Partner zu, und das gab den Ausschlag. „Okay, Sie haben gewonnen, Chef“, erklärte Mark, wenn auch reichlich widerwillig. „Bilden Sie sich aber nicht zu viel darauf ein, wenn es hier nicht um die Fremden ginge, würde ich keinen Finger für Sie rühren! Falls es schiefgeht, fällt alles auf Sie zurück – Ihre Worte sind genau aufgezeichnet. Und damit angenehme Ruhe und sanfte Träume, falls ihr unterentwickeltes Gewissen Sie schlafen lässt.“



18

Die Pilotin – sie hieß Mona Reichert und kam von der Erde – schaltete sofort und rief den Tower an. Branko Robic dagegen sank in seinem Sitz zusammen und fragte tonlos: „Wie können Sie sich nur auf so etwas einlassen, Wilding? Wir sind schließlich nur dazu da, Kriminalfälle aufzuklären, und das geht doch weit über diesen Rahmen hinaus. Wer weiß, woher diese vierarmigen Wesen kommen …“

„Das werden wir herausfinden, wenn wir es nur geschickt genug anstellen“, knurrte Mark grimmig. „Im Übrigen arbeiten sie ganz offensichtlich mit kriminellen Menschen zusammen, und das Ganze hängt mit dem Fall zusammen, in dem Berry und ich schon seit Tagen auf Granit beißen. Mein Partner wäre dabei um ein Haar drauf gegangen, und nun wollen wir auch wissen, warum!“

Das andere Schiff hob ab und schoss ins All hinaus, und damit war die Ausflugschneise für die nächste Minute gesperrt. Die Pilotin musste notgedrungen solange warten, doch dann ließ sie den Antrieb so heftig anlaufen, dass alle tief in ihre Sitze gepresst wurden. „Sie werden uns nicht entkommen“, erklärte sie zuversichtlich, Wilding nickte zufrieden, wandte sich dann aber sofort dem anderen Agenten zu.

„Rufen Sie die Zentrale, schnell! Verlangen Sie direkt 003, das ist unser Archiv-Computer, und dem muss ich einige Fragen stellen, solange es noch geht.“

Robic hatte sich noch immer nicht ganz gefangen, nickte aber und stellte die Verbindung her. Sekunden später leuchtete auf dem Monitor ein buntes Emblem auf, und eine weiblich klingende Stimme sagte: „Hier IDA-MAX VII, ich stehe für Auskünfte jeder Art zur Verfügung. Darf ich um Ihre Codenummer bitten, damit ich Ihre Frageberechtigung nachprüfen kann?“

Mark Wilding winkte energisch, Branko Robic räumte den Platz und er schob sich vor die Aufnahmeoptik. „Keine langen Faxen, Maxi“, sagte er kategorisch, „du siehst mein Bild, weißt also auch, wer und was ich bin. Ich sitze in der IDA-STAR III, wir sind eben gestartet und haben nicht mehr viel Zeit.“

„Fein, Sie wieder einmal zu sehen“, säuselte die Vocoderstimme. „Für Sie bin ich immer da, Mr. Wilding, fragen Sie nur. Wieder einmal auf einer heißen Spur?“

„Noch heißer!“, erklärte Mark. „Maxi, ich brauche Auskunft über eine fremde Rasse von menschenähnlicher Gestalt, die jedoch vier Arme, eine bläuliche Haut und große rote Augen besitzt. Hast du eventuell etwas über sie in deinen Speichern? Augenblick, ich übermittle dir eine Aufnahme von ihnen.“

Das dauerte nur Sekunden, dann sagte der Computer: „Danke, das reicht für eine Identifikation, ich forsche sofort nach. Falls es etwas dauern sollte, bitte ich um Nachsicht, dieser Art bekomme ich nur relativ selten. Für Sie tue ich aber alles, was ich kann.“

„Gibt es das auch?“, wunderte sich Mona Reichert ausgiebig, als die Stimme schwieg. „Normalerweise bekommt man eine Auskunft über Funk etwa so selten, wie ein gutes Wort von Herbert Stockman, und für Sie bringt sich der Kasten fast um! Haben Sie ihm mal einen Mikrochip geschenkt?“

„So ähnlich“, grinste Wilding, „wenn auch nur in übertragenem Sinn. Ich habe sein künstliches Ego moralisch aufpoliert, als ich zuletzt bei ihm war, und seitdem mag er mich eben. Was ist mit dem anderen Schiff, können Sie seinem Kurs entnehmen, wohin die Reise geht?“

„Jetzt noch nicht, Mark, die Richtung im Normalraum stimmt nur selten mit der im Hyperraum überein. Dort gelten andere Gesetze, weil …“

„Maxi an Mr. Wilding“, unterbrach sie die Vocoderstimme. „Tut mir leid, ich habe alle Speicher durchforscht, aber nichts über diese Fremden gefunden. Jetzt versuche ich, Informationen aus anderen Quellen zu erhalten, gedulden Sie sich bitte solange.“

„Okay“, sagte der Detektiv und wandte sich wieder der Pilotin zu. „Wie viel Zeit haben wir noch, könnte es reichen, Mona?“

„Das kommt ganz darauf an, wie lange das polierte Ego noch braucht, der Kahn saust ganz schön los. Im besten Fall knapp drei Minuten, danach sind wir für normale Funkwellen schon viel zu schnell.“

Die Zeit schien nun geradezu zu rasen, doch die Auskunft ließ auch nach zwei Minuten noch auf sich warten. Mark überlegte kurz, schaltete dann auf Hyperfunk um und ließ sich darauf von der IDA-Zentrale mit dem Archivcomputer verbinden. Dessen Emblem erschien zwar wieder auf dem Monitor, doch er schwieg noch immer, und nun erschien auch der Ingenieur Benno Klipp wieder im Raum. Berry Salomon unterrichtete ihn kurz, die anderen sahen hinauf zum Ortungsschirm, auf dem der andere Raumer nur noch als ein verwaschener grüner Reflex zu erkennen war.

Dann zuckten sie zusammen, denn Maxi meldete sich endlich.

„Ich bin fündig geworden, Mr. Wilding, allerdings erst nach vielen Umwegen bis hin zur Erde. Dort gibt es ein Spezialarchiv, aber mein Kollege musste ganz tief in seinen Altspeichern wühlen, deshalb hat es so lange gedauert. Hier nun die Auskunft: eine Spezies der angegebenen Art wurde vor 435 Jahren auf einer Welt nahe des Pferdekopfnebels im Orion entdeckt! Es handelte sich um eine sehr alte Rasse, die früher einmal in dieser Region ein kleines Imperium beherrscht haben soll. Das muss aber schon ein paar Jahrtausende zurückliegen, damals fand man jedenfalls auf dem Planeten nur noch etwa fünfzigtausend dieser Wesen, und sie besaßen nur noch kümmerliche Relikte ihrer früheren sehr hoch entwickelten Technik. Vermutlich wären sie bald ganz ausgestorben, deshalb half ihnen die Erde einige Jahre lang und lieferte ihnen Hilfsmittel …“

„Keine Zeit mehr!“, rief die Pilotin dazwischen. „Das andere Schiff wird in spätestens zwanzig Sekunden in den Hyperraum gehen – fragen Sie nach den Koordinaten dieser Welt, Mark!“

Wilding öffnete den Mund, doch der Computer kam ihm zuvor.

„Ich habe mitgehört; schalten Sie den Speicher Ihres Nav-Comps ein, ich übermittle ihm die Symbole direkt“, kam es eilig aus den Membranen. Branko Robic reagierte sofort und tippte auf die entsprechenden Sensoren, ein kurzes Knattern war zu hören, und dann sagte die Vocoderstimme: „Noch eine letzte Information, Mr. Wilding. Die Vierarmigen nannten sich selbst Vareser, und angeblich soll es sogar zu einer Vermischung zwischen ihnen und einigen Menschen gekommen sein. Der Kontakt mit der Erde brach jedoch ab, weil etwa dreißig Jahre später …“

Was damals geschehen war, blieb unbekannt, denn nun brach auch der Kontakt mit Maxi zusammen. Das verfolgte Schiff war in den Hyperraum übergewechselt, Mona Reichert schaltete fast synchron, und die IDA-STAR III folgte ihm unmittelbar. In dem Raumer gab es ein Spürgerät, das eine Ortung auch in der höheren Dimension ermöglichte, und sofort erschien auch der Reflex wieder auf dem Schirm.

Die Pilotin ging nun zusammen mit Klipp daran, die Daten von Maxi aus dem Navigationscomputer abzurufen und auszuwerten. Das dauerte nur knapp zwei Minuten, dann nickte sie lächelnd.

„Es sieht so aus, als wären wir auf der richtigen Fährte, Mark! Der Kurs unserer Freunde stimmt genau mit den Angaben überein, die der A-Comp uns übermittelt hat, offenbar wollen sie also wirklich zu dem ominösen Planeten. Bis dorthin werden wir zwei Tage und knapp vierzehn Stunden brauchen und bemerken können sie uns nicht, weil sie nicht über das neue Spürgerät verfügen.“



19

Das klang gut, und doch war Wilding nicht zufrieden.

„Der letzte Teil von Maxis Nachricht war bestimmt wichtig“, murrte er, „er könnte uns am Ende sehr fehlen. Darin hätten wir vielleicht noch genaueres über die Verhältnisse im System der Vareser erfahren, doch so hängen wir frei in der Luft. Unsere Gegner bleiben im Vorteil, und dass Rücksicht nicht ihre Stärke ist, haben wir gut genug erfahren.“

„Was wir hier tun, ist sowieso bodenloser Leichtsinn“, kam es von Robic, dessen Stärke wiederum nicht der Mut zu sein schien.

Berry dagegen zuckte nur mit den Schultern.

„Ich will mal versuchen, mir einiges zusammenzureimen, das hilft uns vielleicht doch etwas weiter. Die Menschheit hatte ihre erste große Krise zu Beginn der Raumfahrt, als einige verkalkte alte Politiker in Atomraketen ihr liebstes Spielzeug sahen. Damit ging es noch gut, aber dafür wäre sie beinahe in chemischen Abfällen und giftigem Mief erstickt, und die Erde brauchte lange, um sich davon wieder zu erholen. Doch zu einer Einigung der Menschen kam es nie, und so gibt es noch heute die gleichen widersinnigen Aufteilungen wie damals.

Aus diesen resultierte vor 400 Jahren die zweite, diesmal interstellare Krise. Kapitalistische und sozialistische Welten stritten sich wegen einiger herrenloser Rohstoffplaneten, und wieder lag ein großer Krieg in der Luft. Er konnte zwar noch verhindert werden, aber zuvor hatte man alle zivilen Schiffe von den Außenwelten zurückgerufen. In diese Kategorie gehörten auch die der Entwicklungshelfer, und dem scheint der Kontakt mit den Vierarmigen zum Opfer gefallen zu sein.“

Mark Wilding nickte gedankenvoll.

„Wenn sich die Großen streiten, leiden darunter die Kleinen immer am meisten, das ist ein uralter Hut. Die Unterstützung für die Vareser fiel also aus, sie selbst wurden vergessen, aber irgendwie scheinen sie trotzdem wieder ganz gut auf die Beine gekommen zu sein. Sonst wären sie wohl kaum jetzt hier auf der Szene erschienen, und das mit einem förmlichen Knalleffekt.“

„Dabei können aber auch Menschen kräftig nachgeholfen haben“, warf Mona Reichert ein. „Galakto-Archäologen zum Beispiel, sie stöbern bevorzugt in alten Archiven herum, und für sie müssen diese Fremden geradezu Paradeobjekte sein. Das kann wiederum andere auf ihre Spur gebracht haben, die hier nun versuchen, irgendwie ihr eigenes Süppchen zu kochen. Vielleicht gehörte dieser Monfort sogar dazu?“

„Unwahrscheinlich“, urteilte Benno Klipp, „sonst hätte er wohl anders auf die Erpressung reagiert. Doch Vermutungen bringen uns auch nicht weiter, wir wissen nach wie vor nicht, wie es nun in diesem System aussieht.“

„Verdammt, daran hätte ich längst denken können!“, ärgerte sich die Pilotin und schlug sich vor den Kopf. „Schließlich habe ich doch die Koordinaten bekommen, und das System wurde zweifellos damals genau katalogisiert. Mich wundert nur, dass es ausgerechnet beim Pferdekopfnebel liegt, denn dort gibt es fast nur Sterne der Population I.“

Wilding grinste kurz. „Zum einen ist Einsicht meist der Weg zur Besserung; zum anderen aber sollten nette Frauen nicht fluchen, damit schaden sie ihrem positiven Eindruck. Was nun das andere angeht – Population heißt Bevölkerung, und was hat der Begriff mit Gestirnen zu tun?“

„Detektive sollten auf der Uni nicht schlafen, das schadet ihrem Allgemeinwissen!“, konterte Mona prompt. „Population steht in diesem Fall für Generation und besagt, dass diese Sonnen noch

relativ jung sind. Maxi hat dagegen gesagt, dass die Vareser eine sehr alte Rasse sind, und das passt nun wirklich nicht zusammen. Und jetzt geben Sie bitte Ruhe, damit ich die Daten auswerten kann, ja?“

„Touchè!“ sagte Berry, und nun grinste er.j Die Pilotin hatte sich aber bereits wieder abgewandt, rief nochmals die Daten aus dem Navigationscomputer ab und konsultierte anschließend ihren Sternenkatalog. Dann nickte sie und erklärte sachlich: „Der bewusste Planet liegt im System der Sonne Alnilam, dies ist der mittlere Gürtelstern des Orion. Ein Heliumstern, sehr groß und hell, aber nicht mehr jung, sondern Population II, und er besitzt achtzehn Planeten. Varesol ist der sechste davon und als einziger auch für Menschen geeignet, alle anderen sind zu heiß oder zu kalt für uns.“

„Vorzugsweise aber doch wohl für die Vareser, denn sie sind dort entstanden“, kommentierte Wilding. „Danke, Mona, nun wissen wir wenigstens etwas, an das wir uns dort halten können. Alles übrige wird sich an Ort und Stelle finden, und bis dahin haben wir ja noch gute zweieinhalb Tage Zeit.“

„Und was wollen Sie dann tun?“, fragte Branko Robic Mürrisch. „Falls Sie versuchen sollten, irgendwie den Helden zu spielen, um Ihrem Ruf als Stardetektiv gerecht zu werden, melde ich schon jetzt meinen schärfsten Einspruch an. Ich habe eine Frau und drei Kinder, die ich gern Wiedersehen möchte, verstehen Sie?“

„Ach so – ja, das erklärt vieles“, nickte Mark. „Berry und ich sind zwar noch ledig, doch wir leben nicht weniger gern, und Vorsicht ist stets der beste Überlebensfaktor. Deshalb werden wir versuchen müssen, in einigem Abstand von unseren Gegnern aus dem Hyperraum zu kommen, uns dann zunächst tot stellen und beobachten, was sich um und auf Varesol so alles tut. Wie gut das gelingt, hängt aber weitgehend von unserer reizenden Pilotin ab. Trauen Sie sich zu, diese Aufgabe zu meistern, Mona?“

„Weshalb wohl nicht? Frauen, die fluchen, ist schließlich auch sonst eine Menge zuzutrauen!“, kam es bissig zurück.



20

Die Tage des Fluges durch den Hyperraum vergingen in eintönigem Rhythmus. Die IDA-STAR III folgte dem anderen Schiff und wurde durch eine Automatik gesteuert, Mona Reichert, Benno Klipp und Branko Robic losten sich zwar alle acht Stunden im Steuerraum ab, hatten jedoch praktisch nichts zu tun. Sie mussten nur Monitore beobachten für den Fall, dass der Raumer vor ihnen plötzlich eine nicht vorhersehbare Bewegung vollzog, doch das trat nicht ein.

„Verdammt langweilige Sache, das“, murrte der Metabo am Abend des zweiten Tages und stieß die Schachfiguren um, denn er hatte wieder einmal verloren. „Ehrlich, ich spiele lieber gegen einen Computer, damit komme ich viel besser zurecht, weil er immer nur streng logische Züge macht. Du dagegen bist so hinterhältig, stets etwas zu tun, das scheinbar falsch ist, sich später aber doch als richtig erweist! Wie machst du das nur?“

„Keine Ahnung, Berry“, bekannte sein Partner offen. „Ich folge nur einfach meiner Intuition statt kalter Logik, und die spurt eben besser, wie du siehst. Trotzdem befriedigt mich dies alles nur wenig, es ist schließlich nur eine Beschäftigungstherapie. Das eigentliche Spiel findet draußen in einem fremden Sonnensystem statt, und bei ihm sind uns die Gegner vermutlich um eine ganze Reihe von Zügen voraus.“

Berry nickte verdrossen, doch dann sah er wie elektrisiert auf.

„Da kommt mir eben eine Idee, wenn auch etwas spät, Mark. Warum schleichen wir eigentlich immer nur geduldig hinter diesem Schiff her, wo wir doch in einem unserer Einsatzraumer sitzen? Unser Antrieb muss doch viel stärker als seiner sein, folglich könnten wir den Planeten der Vareser doch vor ihm erreichen! Wenn sie dann in dem System ankommen, haben wir dort bereits die Lage erkundet und sind nicht mehr automatisch im Nachteil …“

„Das ist die Idee, Berry!“, stieß Wilding erregt aus und sprang auf. „Darauf hätte ich selbst längst kommen sollen – los, nichts wie hinauf in den Steuerraum. Wenn es damit wirklich klappt, ist das eine ganze Menge wert.“

Sie hetzten förmlich los, das Schott schnurrte vor ihnen auf, und das schwarze Lockenhaar verriet, dass jetzt Mona Reichert im Pilotensitz Wache hielt. Sie lauschte gerade Mozarts „Kleiner Nachtmusik“, wurde nun abrupt aus diesem Genuss gerissen und verzog missmutig ihr Gesicht.

„Die Herren Detektive natürlich, wer sonst an Bord könnte wohl die Elefanten spielen! Nichts nervt mich mehr, als so taktlos überfallen zu werden – wozu haben wir denn das Bordtelefon?“

„Tut uns leid, Mona, aber es eilt wirklich sehr“, sagte Mark und erklärte dann, worum es ihnen ging. Augenblicklich war Mozart vergessen, die Pilotin aktivierte alle Computersysteme und gab eine Vielzahl von Daten ein. Das Resultat erschien schon wenige Sekunden später auf dem Hauptmonitor, und sie nickte zufrieden.

„Kein Problem, das schaffen wir! Der Kahn vor uns fliegt mit Vollast, wir können aber noch ein volles Drittel zulegen … hmmm, das ergibt bei den restlichen zweiundzwanzig Stunden Reisezeit einen Gewinn von gut sieben Stunden für uns. Dann kommen wir direkt über dem Planeten aus dem Hyperraum …“

„Und werden sofort geortet, wenn es dort entsprechende Anlagen gibt!“, fiel Wilding ihr ins Wort. „Eben das müssen wir aber um jeden Preis vermeiden, sonst ist der ganze Überraschungseffekt vertan, verstehen Sie? Können Sie es nicht so einrichten, dass wir einigen Abstand zu Varesol behalten, damit wir erst einmal feststellen können, was sich in diesem System so tut?“

„Ich will versuchen, es so einzurichten, Mark; lassen Sie mir dazu aber noch ein paar Minuten Zeit, ohne genaue Berechnungen geht es nicht. Die Stellung der achtzehn Planten ändert sich von Tag zu Tag, und wenn wir zu nahe bei einem herauskommen …“

„Könnte es einen großen Knall geben“, ergänzte Berry Salomon. „Soviel wissen wir auch, lassen Sie sich also ruhig Zeit genug. Wir wollen ja schließlich, dass Branko Robic gesund zu seiner Familie zurückkehrt, nicht wahr?“

Mona bedachte ihn mit einem schrägen Blick, tippte wortlos auf einen Sensor und stellte eine Verbindung zu Klipps Kabine her.

„Wir brauchen Sie, Benno“, sagte sie, als dessen verschlafenes Gesicht im Bild erschien, „gehen Sie bitte in den Maschinenraum und schalten auch die Reservekonverter hoch. Es geht darum, vor den anderen am Ziel zu sein, verstehen Sie?“

„Das hätte euch auch zwei Stunden früher einfallen können“, murrte der Ingenieur, doch er ging.

Zehn Minuten später glommen am Steuerpult einige neue Anzeigen auf, die Pilotin nahm einen Kontrollcheck vor und schaltete dann.

Das leise Summen des Hyperantriebs wurde lauter, noch eine kurze Korrektur, und die IDA-STAR III wurde merklich schneller. Der Reflex des verfolgten Schiffes wuchs auf dem Ortungsschirm an, wanderte dann nach links aus und verschwand ganz.

„Das war es“, verkündete Mona Reichert, „Sie haben also jetzt Ihren Willen – hoffentlich ist das Endergebnis auch danach. Und jetzt können Sie endlich schlafen gehen, mehr tut sich nicht, und mir genügt Mozarts Gesellschaft für den Rest der Wache.“

„Es sieht so aus, als käme dein bewährter Charme bei ihr nicht so richtig an, wie?“, feixte der Mutant auf dem Rückweg.



21

Vierzehn Stunden später war alles vergessen.

Alle fünf Personen saßen im Steuerraum, ihre Blicke wanderten immer öfter zu dem Monitor, auf dem eifrig Zahlen rückwärts liefen. Der Zeitgewinn betrug sieben Stunden und achtunddreißig Minuten; noch eine gute Viertelstunde, dann war es soweit.

Was zu sagen war, war längst gesagt, sie hatten in den letzten Stunden eine ganze Reihe von Möglichkeiten durchdiskutiert. Doch keiner wusste, was sie in dem fremden System wirklich erwarten würde, und diese Ungewissheit zerrte an ihren Nerven. Schließlich drückte Benno Klipp seine nur halb gerauchte Zigarre aus, erhob sich und nickte den anderen zu.

„Ich gehe nach nebenan und checke im Feuerleitstand unsere Geschütze durch. Hier ist es mir nicht ruhig genug, und ich kann keine Ablenkung brauchen, falls es wirklich kritisch wird.“

Vermutlich war das andere Schiff bewaffnet, aber die IDA-STAR III war auch nicht wehrlos. Außer starken Schutzschirmprojektoren besaß sie zwei Strahlgeschütze, die notfalls auch von einem

Pult im Steuerraum aus bedient werden konnten. Das hatte Wilding selbst schon getan, wenn es hart auf hart ging, doch er war nun einmal kein Freund von unnützer Gewalt.

„Okay, Benno“, sagte er nun, „wir verlassen uns auf Sie, aber natürlich hoffen wir, dass es nicht soweit kommt. Feuern Sie nur dann, wenn es gar nicht mehr anders geht, klar?“

„Natürlich, Mark“, gab der Ingenieur zurück. Er verließ die Zentrale.

Branko Robic verzog das Gesicht und klagte: „Großer Himmel, weshalb muss ich das alles mitmachen? Wir sollten doch nur nach Sungal, um einen Betrugsfall zu klären, und nun steht sogar mein Leben auf dem Spiel! So eklig Stockman auch oft ist, das durfte er mir nun doch nicht antun.“

„Diesmal ist er wirklich unschuldig, alles war reiner Zufall“, bemerkte Berry objektiv. „Außerdem werden wir alles tun, um die Sache möglichst ungeschoren zu überstehen, verlassen Sie sich darauf – wir leben nicht weniger gern als Sie!“

Zehn Minuten später war es dann soweit, das stetige Singen des Hyperantriebs verstummte, das Schiff glitt in den Normalraum zurück. Der Hauptbildschirm flackerte kurz, dann erschien auf seinem rechten Sektor der Pferdekopfnebel, nur wenig heller als der Weltraum selbst. Die linke Seite zeigte die flimmernden Filamente leuchtender Gasnebel, in seiner Mitte war groß und sehr hell eine nahe Sonne zu sehen.

Doch nur für einen Moment, die Pilotin schaltete Dunkelfilter vor, und dann flogen ihre Finger über eine Reihe von Sensoren hin. Datenangaben liefen über mehrere Monitors, sie las sie flüssig ab, wandte sich dann um und nickte.

„Alles okay, Mark! Wir sind mitten im System angekommen, etwa 500 Millionen Kilometer von Varesol entfernt, der Planet läuft uns entgegen. Ich kann keine anderen Schiffe orten, auch keine Anzeichen für künstlich erzeugte Energien – was schlagen Sie vor?“

Der Detektiv zuckte mit den Schultern.

„Die Logik fordert, dass wir unseren zeitlichen Vorsprung nun auch optimal nutzen, Mona. Von hier aus werden wir das allerdings kaum tun können, um zu beobachten, mussten wir möglichst nahe an den Planeten heran. Wie lässt sich das machen, ohne dass man uns bemerkt?“

„Höchstens im freien Fall, doch dann würden wir nicht sieben Stunden brauchen, sondern sieben Tage“, kam es zurück, aber nun schaltete sich der Ingenieur über den Bordfunk ein. „Varesol hat zwei Monde, und einen davon können wir als Deckung benutzen“, schlug er vor, und die Pilotin nickte.

Sie schaltete die Zoomoptik ein, der Planet stand daraufhin fast apfelgroß auf einem Bildschirm, die Monde wie kleine Münzen knapp links daneben. Einige kurze Berechnungen, dann sagte Mona: „Wir haben Glück, der vordere Trabant läuft uns entgegen und wird in drei Stunden vor Varesol stehen. Bis dahin sind wir auch da, wenn ich …“

Der Rest verlor sich in einem Murmeln, ihr Pultcomputer begann zu summen und spuckte eifrig bunte Symbole aus. Zwanzig Sekunden später schwang die IDA-STAR III herum, nahm Fahrt auf und schoss der Welt der Vierarmigen entgegen.

Sie brauchte sogar nur zweieinhalb Stunden, dann stand der Mond so nahe vor dem Schiff, dass er mehr als die Hälfte des Planeten verdeckte. Mona Reichert bremste nun rapide, und der Raumer kam nur tausend Kilometer über seinem Nordpol zum relativen Stillstand. Die Zwielichtzone des Trabanten ließ undeutlich die Krater und schroffen Gebirge erkennen, doch die Menschen an Bord achteten nicht darauf. Ihre Blicke galten dem Planeten dahinter, der nur zu zwei Dritteln erhellt war, während der Rest innerhalb der Nachtzone lag.

Benno Klipp war in den Steuerraum zurückgekehrt und hatte die Pilotin abgelöst. Er schaltete relativ bedächtig, aber dann war Varesol scheinbar zum Greifen nahe auf dem Hauptbildschirm zu sehen. Blau blinkten die Ozeane, ein großer langgestreckter Kontinent zeichnete sich dunkel darin ab. Ähnliche Bilder hatten alle fünf Insassen der IDA-STAR schon oft genug gesehen, doch diesmal war alles anders als sonst.

Niemand sagte etwas, alle starrten in unterdrückter Spannung auf den Schirm. Diese Welt war die Heimat der einzigen bisher bekannten intelligenten und zudem auch annähernd humanoiden Rasse, die nur umständehalber in Vergessenheit geraten war. Wie mochte sie sich in den seither vergangenen vierhundert Jahren entwickelt haben – und was hatte die Vareser wohl dazu bewogen, sich mit eindeutig kriminellen Menschen zusammenzutun, die Entführung und Erpressung betrieben?

Dieses Rätsel galt es zu lösen, mehr bezweckten Mark Wilding und sein Partner vorerst nicht. Alles Weitere war dann Aufgabe der Raumpolizei und anderer Behörden, die inzwischen offenbar tief und fest geschlafen hatten. Mark riss als erster seine Augen vom Bildschirm los und wandte sich an den Ingenieur.

„Können Sie uns nicht noch etwas mehr zeigen, Benno?“, fragte er gedämpft. „Wenn auch zur Zeit keine Schiffe zu sehen sind, mindestens einen Raumhafen sollte es aber doch geben, wenn er auch vielleicht schon sehr alt ist. Auf freiem Feld werden die Raumer unserer Kontrahenten wohl kaum gelandet sein, denke ich. Außerdem ist zu vermuten, dass die Vareser infolge der Hilfe von der Erde soviel Aufschwung erfahren haben, dass es außer ihren Ruinen von früher schon wieder richtige Städte gibt.“

„Ich versuche alles, was ich kann“, sagte der Ingenieur. „Da vorn rührt sich auf dem energetischen Sektor absolut nichts, also kann ich es wohl riskieren, statt der rein optischen Systeme die Radarortung zu benutzen. Nur ein paar Sekunden, dann wissen wir schon erheblich mehr.“

Damit behielt er recht, allerdings auf eine sehr dramatische, kaum zu erwartende Weise.

Er richtete die Antennen des Schiffes auf den Kontinent aus, las sorgfältig seine Instrumente ab und schaltete das Radar ein. Für einen Moment wurde der Hauptschirm dunkel, dann erschienen auf ihm die typischen eckigen Formen einer Computerzeichnung der angepeilten Landmasse. Farbige Symbole huschten über sie dahin, das E-Gehirn des Rechners suchte nach markanten Punkten und fand sie auch. Erste Umrisse zeichneten sich auf dem Hauptschirm ab, wurden allmählich deutlicher, und dann …

Dann war plötzlich gar nichts mehr zu sehen – der Schirm wurde dunkel, und auch alles andere Licht im Steuerraum erlosch! Die Faust eines Riesen schien nach dem Schiff zu greifen, schrille Töne marterten die Ohren der fünf Menschen und steigerten sich bis zum Übermaß. Sie rissen die Hände vor die Ohren und pressten sie dagegen, aber gleichzeitig durchlief der Schlag einer harten Erschütterung den Raumer.

Er war so heftig, dass er ihnen alle Sinne raubte. Sie hatten das Gefühl, in einen bodenlosen dunklen Abgrund zu stürzen, der sie gierig verschlang, sie stöhnten und schrien – und dann war gar nichts mehr.



22

Irgendwann kam Berry Salomon wieder zu sich.

Er fühlte sich wie in viele kleine Fragmente zerschlagen und danach sehr dilettantisch wieder zusammengesetzt, jeder Nerv seines Körpers schien einzeln zu protestieren. Doch er war nicht umsonst ein Metabo, der seine Zellen umstrukturieren konnte, und zu diesem Hilfsmittel griff er nun halb unbewusst. Seine Gestalt zerfloss für einige Sekunden, und nun ebbten die Schmerzen rasch wieder ab. Dann formte er seinen Körper neu, richtete sich auf und öffnete die Augen.

Im Steuerraum war es jedoch fast dunkel, nur einige Instrumente spendeten ein schwaches Streulicht. Er half sich, indem er seine Sehnerven auf Infrarot umstellte, und nun wurde es besser. Was er sah, war allerdings wenig geeignet, übertriebenen Optimismus in ihm zu wecken.

Dicht neben ihm lag Mark Wilding auf dem Boden, verkrümmt und ohne jedes Lebenszeichen. Berry fühlte nach seinem Puls und war dann halbwegs beruhigt, denn sein Partner schien nur bewusstlos zu sein. Sein Blick glitt weiter und erfasste die Gestalten der Pilotin, Benno Klipps und Branko Robics, für die offenbar das gleiche galt. Ringsum war es vollkommen still, der Antrieb lief nicht, alle Anzeigen am Steuerpult waren erloschen.

Verdammt, was ist dem eigentlich mit uns geschehen?, fragte sich der Mutant ratlos und deprimiert.

Bisher war doch alles genau nach Plan gegangen; sie hatten das Alnilam-System erreicht, und bis zur Ankunft des anderen Raumers waren noch mehrere Stunden Zeit. Seine Insassen konnten demnach nicht schuld an dem rätselhaften Zwischenfall sein, und sonst war nichts zu sehen gewesen, das auf eine Gefahr hinwies.

„Alles ging gut“, rekapitulierte Berry grübelnd, „wir standen über dem Mond, und Benno nahm das Radar in Betrieb. Hmm, sollte das vielleicht der Auslöser für dieses Chaos gewesen sein? Hat jemand auf dem Planeten die Taststrahlen bemerkt, uns als Feind eingestuft und daraufhin angegriffen?“

Weiter kam er mit seiner Überlegung nicht, denn der Ingenieur stöhnte und begann sich zu rühren. Der Detektiv half ihm auf.

Klipp schüttelte benommen den Kopf, doch sein kräftiger Körper erholte sich schnell, und er erkundigte sich: „Himmel und Zwirn, was ist denn mit uns passiert?“

„Wissen Sie keine leichtere Frage?“, knurrte der Mutant. „Ich habe selbst keine Ahnung, am wichtigsten ist aber im Moment wohl, dass wir wieder Licht bekommen. Wir müssen uns um die anderen kümmern, sie sind alle noch besinnungslos.“

Der Ingenieur nickte, tastete sich zum Pilotenpult vor und schaltete die Notbeleuchtung ein. „Nun, immerhin leben sie noch“, stellte er nach einem raschen Rundblick fest, Berry stellte seine Augen wieder um und sah ihn schief an.

„Gemütsathlet, wie?“, fragte er sarkastisch. „Immerhin wissen Sie ja wohl, wo die Bordapotheke ist, holen Sie etwas daraus, das ihnen wieder auf die Beine hilft. Alles andere erledige ich in der Zwischenzeit.“

Er ließ die Kontursitze zurückklappen, hob zuerst die Pilotin auf und danach die beiden Männer. Benno Klipp hatte indessen in einem Wandschrank gekramt und kam nun mit sechs Spritzampullen zurück. „Hier, das ist ein Breitband-Stimulans, das sehr schnell wirkt; nur einfach ins Genick drücken – so, sehen Sie?“

Er hatte nicht zu viel versprochen, denn kaum eine halbe Minute später waren alle anderen wieder wach. Zugleich aber auch ebenso ratlos wie ihre Helfer, Fragen schwirrten hin und her, auf die es keine nur halbwegs befriedigende Antwort gab. Mona Reichert ging dann daran, an ihrem Pult zu schalten, gab ihre Versuche jedoch schon nach kurzer Zeit wieder auf.

„Sinnlos, Leute – alle Konverter liegen still, wir haben nicht einen Funken Energie! Solange kann ich auch nicht feststellen, wie es draußen aussieht, und wo wir uns jetzt befinden. Sehen Sie gleich einmal im Maschinenraum nach, Benno?“

„Vielleicht sind nur die Sicherungen herausgeflogen“, meinte der Ingenieur hoffnungsvoll. Er setzte sich in Bewegung, kam aber nur einige Schritte weit, denn nun glitt plötzlich das Eingangsschott auf. Zugleich flammte auch die normale Beleuchtung wieder auf, die Menschen fuhren herum und erstarrten in jähem Schreck, als sie die Gestalten erkannten, die im Eingang erschienen.

„Verdammt … das sind ja Vareser!“, flüsterte Mark Wilding dumpf.

Er hatte recht, daran gab es keinen Zweifel. Die vier Arme der sechs hereindrängenden Wesen waren ebenso wenig zu übersehen wie die bläuliche Gesichtsfarbe und die großen roten Pupillen ihrer Augen. Sie trugen silbrig schimmernde Kombinationen, und an ihren Gürteln hingen fremdartige Waffen mit spiraligen Mündungen. Sie machten jedoch keine Anstalten, danach zu greifen, aber das beruhigte die Insassen der IDA-STAR III nur wenig.

Dicht vor dem Schott blieben sie stehen, ihre glühenden Augen suchten den Steuerraum ab. Sekundenlang wirkte die Szene erstarrt, dann hatte sich die Pilotin als erste wieder gefangen.

„Was fällt Ihnen ein, so mit uns umzuspringen!“, protestierte sie empört. „Zuerst bringen Sie uns fast um, und dann dringen Sie einfach in unser Schiff ein, als wären wir Verbrecher oder noch etwas schlimmeres. Das sind wir aber nicht, und deshalb …“

Der vorderste Vareser winkte mit allen vier Armen zugleich ab und stoppte so ihren Redefluss. „Nix versteh!“, erklärte er mit gutturaler Stimme. „Alle mitkomm zu Ober, fagasi?“

Mark nickte langsam und wandte sich den anderen zu. „Etwas anderes bleibt uns wohl kaum übrig – folgen wir ihnen nicht freiwillig, werden sie uns dazu zwingen. Beherrschen Sie sich also, Mona, später können Sie sich immer noch beschweren. Der Ober, zu dem man uns bringen will, beherrscht wahrscheinlich unsere Sprache, diese sechs hier scheinen nur einfache Soldaten oder etwas ähnliches zu sein. Fagasi!“, wiederholte er dann das letzte Wort des Vierarmigen, dieser lächelte andeutungsweise, und seine Gruppe gab den Weg nach draußen frei.

Die Menschen gingen voran, die Vareser folgten, und Berry schob sich unauffällig neben seinen Partner. „Hast du eine Ahnung oder Theorie, was das alles zu bedeuten hat?“, fragte er leise, aber Wilding zuckte nur mit den Schultern.

„Keines von beidem, weil mir jeder Ansatzpunkt fehlt“, musste er zugeben. „Ich kann nur vermuten, dass dieses ganze Geschehen hier irgendwie mit unserem ursprünglichen Fall zusammenhängt, weil dieses System das Ziel des anderen Schiffes ist, mehr nicht.“



23

Das Schiff befand sich nicht mehr im Raum, sondern war in der Zwischenzeit irgendwo gelandet – oder vielmehr gelandet worden – das war inzwischen allen klar. Tatsächlich fiel helles Sonnenlicht in die offenstehende Luftschleuse, die fünf Leute der IDA mussten die Augen zukneifen, als sie diese betraten. Dafür rissen sie sie aber gleich darauf umso weiter auf, als sie erkannten, was es draußen zu sehen gab.

Die IDA-STAR III stand dicht vor einem großen Tower, der nur wenige kleine Fenster besaß, dafür aber im oberen Teil förmlich mit Antennen aller Form überladen war. Doch nicht er bildete den eigentlichen Blickfang, sondern der riesige Raumhafen auf der anderen Seite, dessen Ende nicht abzusehen war. Auf ihm standen schlanke torpedoförmige Raumschiffe in langen Reihen, und jedes war mindestens zweihundert Meter hoch!

Zwischen ihnen wimmelten große Kastenfahrzeuge lautlos hin und her, hielten an und wurden entladen. Die meisten brachten Güter, und diese schwebten per Traktorstrahl zu offenen Luken hinauf, anderen entstiegen Vareser und erklommen steile Rampen, um dann ebenfalls in den Schiffen zu verschwinden. Im Hintergrund lösten sich in rascher Folge Raumer vom Boden, fast geräuschlos und fast elegant schwangen sie sich in den grünblauen Himmel empor.

Neben den üblichen Antennen waren ihre Hüllen mit einer Vielzahl von Höckern übersät, die in spiraligen Endungen ausliefen. Benno Klipp musterte sie mit kritischem Blick, zuckte dann zusammen und raunte verstört: „Verdammt, das können nur Geschütze sein, ähnlich wie unsere Strahler – auf diesem Hafen befinden sich nur typische Kriegsschiffe! Es müssen tausende sein, und sie starten laufend, und das bestimmt nicht nur zum Spaß …große Galaxis, in was sind wir hier nur hineingeraten?“

In Mark Wilding keimte eine ungewisse Ahnung auf, doch er kam nicht mehr dazu, ihr nachzugehen. Die sechs Vareser drängten die Menschen ungeduldig vor sich her, die Rampe hinab und dann auf den Tower zu. Es ging einige Stufen empor, dann schnurrte ein großes Portal auf, und die elf Personen betraten einen langen Korridor, mit vielen Türen auf beiden Seiten. Auf dem Boden vor ihnen zuckten Leuchtsymbole auf und endeten vor einer auffallend breiten Pforte, und der frühere Sprecher wies kategorisch auf sie.

„Gehen!“, erklärte er lakonisch, und im selben Moment schwangen ihre Flügel nach innen auf. Die fünf Menschen gingen nur mit sehr gemischten Gefühlen hindurch, dass ihre Begleiter draußen blieben, war ihnen kaum ein Trost. Nach wenigen Metern öffnete sich eine weitere Tür ebenfalls automatisch, und sie sahen in einen Raum, der in seiner Ausstattung einem großen Büro ähnelte.

Einige Tische und Sessel, dazwischen und darüber Monitore und trotz ihrer fremden Form unverkennbare Computerterminals. Doch nicht sie zogen die Blicke der unfreiwilligen Besucher auf sich, sondern die beiden Gestalten, die sich im Raum befanden.

Da war zunächst ein Vareser, der das silberblaue Haar nicht kurz trug wie die anderen, sondern halblang. Dies und ein großes rotes Emblem auf dem Brustteil seiner Kombination ließ darauf schließen, dass er wohl der „Ober“ dieses Raumhafens war. Die zweite Person dagegen war ein ganz normaler Mensch.

Ein Mann in mittleren Jahren, mittelgroß und leicht untersetzt, mit einem runden Gesicht, wasserblauen Augen und schon merklich gelichtetem blondem Haar. Sein graubrauner Tweedanzug war zwar etwas zerknittert, aber eine teure Maßanfertigung, das erkannte Wilding sofort. Auch das Gesicht kam ihm irgendwie bekannt vor, nur fiel ihm nicht sofort ein, woher.

„Da sind Ihre Freunde“, sagte der Vierarmige mit einem lässigen Wink seines linken oberen Armes. Er benutzte offenbar seine eigene Sprache, doch um seinen Hals hing ein kleines rundes Gerät, das seine Worte sozusagen verschluckte und synchron, wenn auch etwas monoton, in die menschliche Umgangssprache übersetzte. „Gut für Sie, denn nur noch wenige Tage, dann können Sie wieder …“

„Das sind nicht meine Freunde!“, fiel ihm der Blonde ins Wort, er trug ebenfalls ein Übersetzungsgerät. „Sicher, ich kenne nur drei der Leute persönlich, mit denen Ericson zusammengearbeitet hat, aber er selbst musste auf jeden Fall im Schiff gewesen sein. Er sollte die Daten zuerst mir übergeben, so war es abgemacht – warum ist er nicht hier?“

Diese Frage galt der Gruppe aus der IDA-STAR III, er sah dabei Mark Wilding an, der am weitesten vorn stand.

Der Detektiv antwortete nicht sofort, aber dafür arbeiteten seine Gehirnzellen sehr intensiv. Die Lage war für ihn und seine Gefährten nicht nur undurchsichtig, sondern auch prekär, sie alle befanden sich eindeutig in der Gewalt der Vareser! Er war sonst nie um eine gute Ausrede verlegen, doch hier konnte jedes falsche Wort äußerst unangenehme Konsequenzen nach sich ziehen. Was war also in dieser Situation das beste?

Er entschied sich schließlich für die Wahrheit.

Die Vierarmigen führten offenbar Krieg, nur gegen wen, war ihm noch immer rätselhaft. Von einem Volk in diesem Zustand war kaum Toleranz zu erwarten, wenn man einen hohen Exponenten belog, forderte man damit nur Zwang heraus. Dinge dieser Art wollte Wilding aber unbedingt vermeiden, solange es eben ging.

„Wir kennen diesen Ericson nicht“, entgegnete er, „doch wir können uns in etwa denken, wen Sie meinen. Er und Ihre diversen anderen Freunde haben auf Orbin ein Mädchen entführt, um von ihrem Vater die Herausgabe der gewissen Daten zu erpressen, habe ich recht?“

Der andere schluckte, sein Gesicht wurde grau.

„Das hat er getan?“, fragte er ungläubig zurück. „Aber nicht in meinem Auftrag, das müssen Sie mir glauben! Er sollte Monfort zwar unter Druck setzen, um ihn zur Herausgabe zu zwingen, aber doch nicht so …“

Mark Wilding lächelte humorlos.

„Wer sich mit Kriminellen einlässt, muss immer damit rechnen, dass sie auch mit kriminellen Methoden arbeiten, Mann! Moment – eben fällt mir ein, woher ich Sie kenne …Sie sind Allan Niven, der bekannte Videoregisseur von der Erde, nicht wahr?“



24

Die nächsten Minuten verliefen recht turbulent.

„Was hat dies alles zu bedeuten?“, grollte der Vareser, seine roten Augen sprühten förmlich Blitze und wanderten zwischen den Menschen hin und her. „Allan, Sie haben mir versprochen, meinem Volk jene Mittel zu beschaffen, mit deren Hilfe es diesen Krieg doch noch gewinnen kann! Wir haben wiederum alles getan, um Ihnen dabei zu helfen – haben diese Leute die Daten mitgebracht?“

„Ich weiß es nicht, Bag-Tor“, bekannte Niven kleinlaut, wandte sich wieder um und sah den Detektiv fast beschwörend an. „Sie wissen doch mehr als ich, schließlich sitze ich jetzt schon seit drei Wochen auf diesem Planeten fest“, sagte er so leise, dass das fremde Gerät seine Worte nicht mehr übersetzte. „Ericson hat mir versprochen, die Daten so vorsichtig zu beschaffen, dass niemand außer Monfort selbst darum weiß. Er hat sich aber offenbar nicht daran gehalten …“

„Reden Sie laut, damit ich es auch verstehen kann!“, forderte Bag-Tor nun kategorisch. „Ich habe begriffen, dass Ihre Leute nicht redlich gehandelt haben, doch das ist allein Ihre Sache. Unser Volk geht das nichts an, aber wir verlieren laufend Schiffe und mit ihnen wertvolle Männer. Jeder Tag fordert neue Opfer, und so darf es nicht weitergehen.“

„Nur noch eine Minute, bis ich alles weiß“, bat Allan Niven, der Vareser stimmte widerstrebend zu, und er sprach weiter.

„Ich bin hier in einer Zwangslage, verstehen Sie?“, flüsterte er.

„Diese alten Vareser verstehen keinen Spaß, sie halten mich hier so lange fest, bis sie die versprochenen Daten haben. Erst dann bekomme ich die Dia … darf ich den Planeten wieder verlassen, meine ich. Geben Sie mir also die Speicherkristalle oder was es sonst ist; wir können zusammen abfliegen, sobald die Vierarmigen sie überprüft haben, und für Sie springt dabei auch etwas heraus.“

Der Detektiv grinste sardonisch und hob die Schultern.

„Wie man sich bettet, so schallt es heraus, sagt bekanntlich ein altes Wort. Sie liegen hier im Moment nicht nur hart, sondern auch ziemlich schief, mein Lieber – wir können Ihnen die Daten einfach nicht geben, denn wir haben sie nicht!“

Der Videomann zuckte zusammen und wurde kreidebleich. Wilding hatte so laut gesprochen, dass es auch der Vareser verstehen konnte, dieser fuhr nun herum und stürzte sich auf Niven. Er packte ihn mit allen vier Armen, hob ihn mühelos hoch und keuchte zornig: „Sie wollten uns betrügen, Sie hinterhältiger Zweiarmiger! Was mit unserem Volk geschieht, ist Ihnen vollkommen gleich – mir aber nicht, verstehen Sie gut! Ich habe mein Wort gehalten, Sie denken aber offenbar nicht daran …dafür bringe ich Sie um!“

Damit war es ihm zweifellos ernst, er wusste nicht, dass er hier einem krassen Missverständnis aufsaß. Mark warf dem Metabo einen kurzen Blick zu, und dieser stürzte so schnell vorwärts, wie es kein anderer Mensch gekonnt hätte. Er riss dem Vareser die Waffe aus dem Magnethalfter und drückte sie ihm in den Rücken, und dieses Argument brachte den Fremden zur Besinnung.

Er ließ Allan Niven fallen wie einen nassen Sack, und dieser beeilte sich, bei den Menschen Schutz zu suchen. Bag-Tor stand regungslos da, sein Gesicht war zu einer hasserfüllten Grimasse verzerrt, und nun beendete Mark Wilding das makabre Spiel.

Er sah zwar immer noch nicht ganz durch, konnte sich aber wenigstens das meiste zusammenreimen, und erklärte lakonisch: „Sie unterliegen hier einem Irrtum, Bag-Tor! Ich bedaure, Sie zur Vernunft zwingen zu müssen, aber dieser Mann kann wirklich nichts dafür, dass in seinem Plan einiges schief gegangen ist. Geben Sie mir Ihr Wort, sich solange zu beherrschen, bis wir in einer vernünftigen Unterhaltung die Dinge geklärt haben, wie ich hoffe?“

Der Vareser nickte, wenn auch mit sichtlichem Widerstreben.

„Gut, Sie haben mein Wort, zumindest für eine Viertelstunde in Ihrer Zeit. Für mehr kann ich nicht garantieren, ich habe meinen Offizieren bestimmte Befehle gegeben für den Fall, dass es hier

Probleme geben sollte. Wir befinden uns schließlich im Krieg.“

„Bedauerlich für Sie; wir bevorzugen angenehmere Dinge“, gab Mark zurück und nahm im Sitz vor einem Terminal Platz. Berry gab den Vareser frei, dieser ließ sich schwer in den Nachbarsitz fallen, aber sein Gesicht blieb finster.

„Unsere Geschichte in Kurzfassung“, begann Wilding und gab den anderen einen Wink, sich ebenfalls zu setzen. „Wir gehören einer privaten Organisation an, die Nachforschungen führt, wenn die Polizei nicht herangezogen werden soll. Vom Vater des entführten Mädchens bekamen wir den Auftrag, nach diesem zu suchen, und wir kamen den Kidnappern auf die Spur. Sie führte zum Raumhafen, und dort bestiegen sie ein Schiff, zusammen mit zwei Varesern; die durch die Entführung erpressten Daten führten sie mit sich.

Unser Chef wies uns an, ihnen zu folgen, und da unser Schiff schneller ist, kamen wir schon vor ihnen hier an. Wir sollten nur beobachten und später berichten, deshalb hielten wir uns diesem Planeten fern und nahmen einen Mond als Deckung. Doch dann schien uns plötzlich ein riesiger Hammer zu treffen, wir verloren das Bewusstsein und erwachten erst wieder, als Ihre Männer uns aus dem Raumer holten. Dieses ganze Geschehen ist uns immer noch ein Rätsel, zumal seit dem Blackout erst eine Stunde vergangen ist, wie ich eben festgestellt habe. Wie sind wir so schnell hierher gekommen, und weshalb wimmelt es auf Varesol von Raumschiffen, obwohl wir zuvor nicht eines orten konnten? Unseren Informationen nach soll dieser Planet doch …“

Er unterbrach sich, denn Niven hatte zu kichern begonnen und lachte nun schrill auf. „Sie haben es also noch nicht begriffen?“, höhnte er dann. „Sie sind den Varesern in die Zeitfalle gegangen, genau wie ich – Sie befinden sich jetzt rund zehntausend Jahre in der Vergangenheit!“



25

Dieser Schlag kam vollkommen unerwartet, doch er traf dafür um so härter. Die fünf Menschen fuhren erschrocken zusammen, es verschlug ihnen die Sprache, aber nun klickte in Mark Wildings Gehirn fast hörbar ein Relais. Er war daran gewöhnt, kühl und methodisch zu denken und selbst unglaubliche Fakten zu akzeptieren, und dies tat er jetzt. Eine ganze Reihe von Puzzleteilen ordnete sich fast automatisch und ergab ein logisches Bild … nein, nur seine ungefähren Umrisse, erkannte er bald. Es blieben immer noch große Lücken, die es auszufüllen galt, er ignorierte die Unruhe seine Gefährten und wandte sich wieder an Bag-Tor.

„Zehntausend Jahre in der Vergangenheit!“, sagte er gedehnt. „Das klingt zwar unglaublich, erklärt aber eine ganze Menge. Vor allem die vielen Schiffe, wo wir nur Ihre degenerierten Nachkommen zu finden glaubten. Sie führen also Krieg im Weltraum – gegen wen?“

Das überlegene Lächeln des Vierarmigen verschwand so schnell wieder, wie es gekommen war.

„Gegen unsere eigenen Kolonien!“, erklärte er bitter. „Wir haben alles für diese zwölf Welten getan, unsere besten Leute und eine Unmenge von Material hingeschickt, jahrhundertelang. Mit gutem Erfolg, sie wurden autark, ein kleines Imperium entstand, mit Varesol als Mittelpunkt. Doch die Entfernungen zwischen den zur Besiedlung geeigneten Planeten sind in diesem Sektor groß, und so trat mit der Zeit eine gewisse Entfremdung zwischen ihnen und uns ein. Schließlich weigerten sie sich, die Tribute zur Abgeltung unserer Aufwendungen für sie zu zahlen …“

„Geschenkt, Bag-Tor“, unterbrach Mark ihn, „wir kennen ähnliches aus der Geschichte unserer Erde. Auch dort hat es immer wieder Kolonialkriege gegeben, und stets waren die früheren Herren die Verlierer. Wie ist die Lage jetzt hier bei Ihnen?“

„Wir werden ebenfalls unterliegen“, gab der Vareser unumwunden zu. „Noch sieht es nicht so aus, wir haben sogar große Erfolge – aber unsere Zeitforscher wissen es besser! Sie haben sogar schon den genauen Zeitpunkt ermittelt, in knapp zehn Jahren wird es soweit sein. Doch noch sind wir nicht geschlagen, und wir werden alles tun, um dieses Schicksal abzuwenden, verlassen Sie sich darauf.“

Mark Wilding wiegte den Kopf.

„Bisher glaubten wir Menschen immer, dass die Zeit eine Konstante ist und sich nicht zurückdrehen oder sonst wie verändern lässt. Doch wir haben eben noch keine Zeitforscher, und bekanntlich gibt es nichts, das es nicht gibt … aber was haben wir Menschen mit dem Geschehen hier in der Vergangenheit zu tun?“

„Alles!“, sagte Bag-Tor, und seine roten Augen leuchteten auf.

„Wir kennen die Entwicklung der sogenannten Zeitkonstante genau, und aus eigener Kraft können wir nichts daran ändern, das stimmt. Doch unsere Techniker haben der Zeit ein Schnippchen geschlagen, sie bauten Apparate, mit deren Hilfe Vareser unserer Zeit in die Zukunft reisen konnten! Es war bedrückend für sie, die Zustände nach der Niederlage ansehen zu müssen, den totalen Niedergang unserer Nachkommen … Dann kamen jedoch Menschen nach Varesol, ihre Technik ähnelte der unseren, und darin sahen wir unsere große Chance. Wissenschaftler mischten sich unerkannt unter die Reste unseres Volkes und beobachteten alles, doch zunächst wurden sie enttäuscht. Die Waffen eurer Leute waren auch nicht besser als unsere, und schließlich zogen sie sich sogar wieder ganz von dem Planeten zurück.“

Er machte eine Pause, und nun meldete sich überraschend Allan Niven wieder zum Wort.

„Doch dann kam ich!“, grinste er. „Meine letzten zwei Produktionen waren Flops geworden, der Trend auf dem Videomarkt schlug um, und plötzlich waren nostalgische Abenteuer wieder gefragt. Ich sah mich in alten Archiven um, stieß dabei auf Varesol, und zuerst faszinierten mich nur seine Bewohner. Monster kommen heute nicht mehr an, diese Masche ist überstrapaziert, aber Menschen mit vier Armen, noch dazu in einer archaischen Umgebung …“

„Schweigen Sie, Sie armseliger Schwätzer!“, grollte Bag-Tor, doch der Regisseur ließ sich nicht mehr bremsen.

„Warum sollte ich wohl – schließlich brauchen Sie doch mich und nicht umgekehrt!“, konterte er. „Ich flog also hierher, war aber zunächst sehr enttäuscht, denn die Vareser hatten längst wieder alles vergessen, was ihnen durch die Entwicklungshelfer vor vier Jahrhunderten beigebracht worden war. Doch ich war im Druck, und als Staffage waren sie immer noch zu gebrauchen, wenn die Story an sich gut war, und ein Mann wie ich hat immer passende Ideen.

Dann kam plötzlich einer meiner Leute aufgeregt an und zeigte mir einen großen Rohdiamanten, den er irgendwo im Gelände gefunden hatte. Ein Vareser versicherte mir, dass es davon in den Bergen eine ganze Menge gebe, und damit war das geplante Videospiel gestorben. Ein paar Handvoll dieser Steine, dann konnte ich nach Orbin gehen und dort in das größte Geschäft einsteigen, das zur Zeit überhaupt denkbar ist.“

„Monforts Robotergehirn, nicht wahr?“, fragte Berry, und Niven zog die Brauen hoch. „Mit mir brauchen Sie nicht Verstecken zu spielen, ich weiß längst alles“, knurrte er. „Diese Hirne sollen doch nur zur präzisen Steuerung der neuen Desintegratorwaffen dienen, die seine Leute gleichzeitig entwickelt haben! Das hat Ericson herausgefunden, mein Pressechef, er hat Verbindungen zu vielen wichtigen Leuten …“

Er sprach noch weiter, aber Wilding hörte kaum noch hin. Eine vollkommen neue Waffe – darum ging es also!, dachte er alarmiert, und plötzlich war das große Puzzle fast komplett. Kein Wunder, dass Bert Monfort so scharf darauf gewesen war, seine Daten mit raffinierten Mitteln abzusichern, damit ihm dieses gigantische Geschäft nicht durch die Lappen ging!

Mark sah wieder auf, nickte seinen Leuten zu, und Niven sagte gerade jammernd: „… haben uns in den Bergen gekidnappt und in eine Höhle gebracht. Dort wurden wir plötzlich bewusstlos, und als wir wieder erwachten, befanden wir uns in einer Station dieser Wesen aus der Vergangenheit! Sie wussten bereits alles, denn sie hatten unsere Unterhaltungen belauscht, und sie stellten uns ein Ultimatum: Entweder ihr besorgt uns die Daten für diese Waffe, oder ihr bleibt für alle Zeit hier bei uns zurück! Das wollten wir natürlich nicht, also sagten wir zu …“

„Ja, mit der festen Absicht, uns zu betrügen!“, konterte nun der Vareser verächtlich. „Unsere Gedankenspürer fanden das aber heraus, und so sicherten wir uns doppelt ab. Dieser Mann musste zurückbleiben, wir brachten seine Gefährten wieder in eure Zeit und ließen sie abfliegen, um uns die Daten zu beschaffen und zu bringen. Natürlich nicht ohne weitere Maßnahmen, denn sie hätten zweifellos sonst nichts dergleichen getan, sondern nur ihr Leben in Sicherheit gebracht. Zwei meiner Offiziere flogen mit ihnen, um die Kristalle und Filme zu überprüfen, und außerdem gaben sie den Männern ein Gift ein. Daran wären sie unweigerlich nach drei Wochen gestorben – und ein Gegenmittel gab es nur hier bei uns! So konnten wir sicher sein, dass sie uns die Waffe verschafften und nach Varesol zurückkehrten.“



26

„Wirklich abscheulich, nicht wahr?“, giftete Allen Niven, aber Mark Wilding schüttelte den Kopf.

„Ihnen mag es so scheinen, doch ich verstehe Bag-Tors Gründe recht gut. Sein Volk führt einen Krieg, den es seinem regulären Ablauf nach verlieren musste, der Termin steht sogar schon fest.

Nun erhält es jedoch die Chance, ihn mit Hilfe der Desintegratoren doch noch zu gewinnen … wäre Ihnen dazu nicht auch jedes halbwegs probate Mittel recht?“

„Schon möglich“, gab der Regisseur widerstrebend zu, und der Detektiv wandte sich wieder an den varesischen Befehlshaber.

„Was soll nun aber mit uns geschehen?“, erkundigte er sich so ruhig wie möglich. „Ihre Zeitfalle auf dem Mond hat uns doch nur aus Versehen eingefangen, wir haben mit all diesen Dingen praktisch gar nichts zu tun. Nivens Leute und Ihre Offiziere werden in reichlich zwei Stunden hier eintreffen, und sie haben die ersehnten Unterlagen an Bord, das wissen wir genau. Es gibt also für Sie keinen plausiblen Grund, uns noch länger hier in der Vergangenheit festzuhalten, nicht wahr?“

Bag-Tor sah auf seine Uhr und wiegte dann überlegend den Kopf.

„Im Grunde nicht, denn ihr kennt kein Mittel, um uns an einer Veränderung der Zukunft zu hindern, das wissen wir. Trotzdem werde ich Sie alle erst dann wieder gehen lassen, wenn das Schiff mit den Daten hier angelangt ist und unsere Techniker sie eingehend begutachtet haben. Danach werden Nivens Leute mit dem Gegengift versehen, wir schaffen euch auf den Raumhafen zurück und öffnen euch den Weg in eure Gegenwart. Dann wird diese Verbindung für alle Zeit unterbrochen, denn wir wollen nicht …“

In diesem Augenblick geschah etwas, das alle Anwesenden aufs Höchste überraschte und verblüffte.

Urplötzlich kam Berry Salomons Körper in Bewegung, so schnell, dass sie es kaum verfolgen konnten. Er wirbelte erneut durch den Raum, seine Hand hielt noch immer die Waffe des Varesers, und er drückte auf den Abzugsknopf. Bag-Tor sank bewusstlos in seinem Sessel zusammen, Mark Wilding sah seinen Partner an und fragte vorwurfsvoll: „Was soll dieser Unsinn, Berry?“

Der Mutant lächelte hintergründig.

„Kein Unsinn, Mark – das musste sein! Als ich Bag-Tor zuvor seinen Strahler abnahm, kam ich in Körperkontakt mit ihm und konnte dabei auch seinen Gedankeninhalt erfassen. Deshalb weiß ich, dass er gar nicht daran denkt, auch nur einen von uns wieder in unsere Zeit zurückkehren zu lassen! Er hat zwar das Gegenteil behauptet, aber nur, um uns in Sicherheit zu wiegen, mehr nicht.“

Wilding nickte, denn er kannte Berrys entsprechende Begabung, doch Benno Klipp sagte deprimiert: „Das mag zwar alles stimmen, doch was nützt uns seine Ausschaltung schon? Wir kommen nicht einmal wieder hier heraus, vor der Tür stehen noch immer die beiden Posten …“

Er verstummte, und seine Augen wurden groß, als er erkannte, was nun in innerhalb weniger Sekunden geschah.

Berry streifte rasch seine Oberkleidung ab, und dann begann er sich in einen Vareser zu verwandeln. Sein Körper streckte sich und nahm die typische bläuliche Hautfarbe an, oberhalb der Lenden erschienen zwei Auswüchse und formten sich zu einem zweiten Paar Arme. Robic und Niven stöhnten fassungslos auf, denn keiner von ihnen wusste um die seltsame Fähigkeit des Metabos, die Pilotin presste die Hand vor den Mund, um einen Schrei zu unterdrücken.

Alle drei waren wie gelähmt, nur Klipp behielt seine Fassung, und Mark stieß ihn an. „Los, helfen Sie mir“, forderte er, „zum Wundern werden Sie später noch Zeit haben.“

Eilig entkleideten sie Bag-Tor, als sie damit fertig waren, hatte Berry Salomon auch seine Metamorphose beendet und glich nun dem Vareser bis ins kleinste Detail. Er schlüpfte hastig in dessen Uniform, und auf seinen Wink hin schafften Wilding und Klipp den Besinnungslosen in den Raum zwischen zwei Computergehäusen. Dort konnten ihn die Kameras des Visifons nicht mehr erfassen, der Mutant nahm seinen Platz ein und nickte den anderen zu.

„Nur keine Bange, Leute – Frechheit siegt bekanntlich meist! Wir müssen jetzt alles riskieren, sonst sitzen wir für den Rest unseres Lebens hier fest, und das wäre wohl kaum unser Ideal. Verlasst euch also auf mich, ich weiß schon, was ich tun muss.“

Er lehnte sich scheinbar gelassen zurück, tippte auf einen Sensor am Armaturenbrett, und dann erschien das Abbild einer varesischen Frau auf einem Monitor. Sie legte grüßend die beiden oberen Hände zusammen, der falsche Befehlshaber winkte ab und sagte herrisch im Idiom des alten Volkes:

„Neue Befehle für Sie, Mel-Tana! Diese Menschen sind nicht die, die wir erwartet haben, die richtigen treffen erst in etwa zwei Targ hier ein. Ich habe beschlossen, diese fünf wieder in ihre Zeit zurückzuschicken, sie sind harmlos und würden uns hier nur lästig sein. Ziehen Sie die beiden Posten vor meiner Zentrale ab, auch das Schiff der Menschen braucht nicht mehr bewacht zu werden. Schicken Sie außerdem meinen Wagen vor das Hauptportal, ich will sie persönlich zu ihrem Fahrzeug bringen. Verstanden?“

„Zu Befehl, Bag-Tor“, gab die Varesin zurück, Berry unterbrach die Verbindung und grinste kurz. „Das ist der Vorteil, aber auch der Nachteil militärischer Disziplin“, bemerkte er und erhob sich. „Befehl ist Befehl, alles ist automatisch richtig, was der höchste Vorgesetzte sagt – und der bin ich im Augenblick! Niemand wird diesen Raum ohne ausdrückliche Erlaubnis betreten, also wird man den echten Bag-Tor erst entdecken, wenn man mich vermisst, und dann ist es längst zu spät.“

Die anderen hatten sich inzwischen wieder halbwegs gefasst, aber Branko Robic murmelte zweifelnd: „Wer weiß, ob das auch gutgeht! Eine ganze Anzahl der Vierarmigen hat schließlich gesehen, dass man fünf Menschen in diesen Bau gebracht hat, und wenn jetzt nur vier ins Schiff zurückkehren …“

Der Körper des Varesers begann sich zu regen, der Mutant brachte ihn mit einer neuen Dosis Lähmstrahlen wieder zur Ruhe, und Mark schlug dem blassen Videomann auf die Schulter.

„Freund Niven wird uns begleiten, also sind wir wieder fünf! Er ähnelt Berry zwar nur entfernt, doch den Varesern dürfte das kaum auffallen, wenn sie nicht sehr genau hinsehen. Hier, ziehen Sie die Jacke meines Partners über – oder wollen Sie lieber hier in der tiefen Vergangenheit bleiben und mit Diamanten spielen, die ihnen nichts mehr nützen? Na also, gehen wir!“



27

Draußen gab es keine Posten mehr, die Gruppe betrat den Korridor und bewegte sich in Richtung Ausgang. Der falsche Bag-Tor ging an ihrer Spitze, und sein bloßer Anblick beseitigte jedes Hindernis.

Uniformierte Vareser beiderlei Geschlechts – offenbar mussten hier auch die Frauen Kriegsdienst leisten – begegneten ihnen, grüßten aber nur devot. Berry winkte herablassend zurück, er spielte den unnahbaren Befehlshaber wirklich vollendet, obwohl er innerlich kaum weniger fieberte als seine Gefährten.

Das große Portal glitt automatisch auf, direkt vor der Treppe stand ein ovaler Gleiter mit dem gleichen Emblem, das auch auf Bag-Tors Kombination prangte. Ein varesischer Soldat stand davor, salutierte stramm und wollte Meldung machen, aber sein angeblicher Chef schnitt ihm mit einer kurzen Handbewegung das Wort ab.

„Schon gut, Bel-Ten – du kannst wieder gehen, ich brauche dich vorerst nicht mehr. Nein, einen Moment noch: Unterrichte Mel-Tana davon, dass ich gleich draußen auf dem Landefeld bleiben werde, um die Ankunft eines zweiten Schiffes dieser zweiarmigen Fremden abzuwarten! Ich will sie persönlich in Empfang nehmen, weil … nun, die Oberste weiß schon Bescheid. Abtreten!“

Der Pilot salutierte erneut und entfernte sich im Laufschritt, Berry ließ das Kabinendach aufgleiten und nahm selbst im Cockpit Platz. Die IDA-STAR III stand zwar nur etwa hundertfünfzig Meter entfernt, doch ein hoher Befehlshaber ging natürlich selbst eine so kurze Strecke nicht zu Fuß. Das Bild auf dem Hafen hatte sich kaum verändert, nur die Zahl der Kampfschiffe hatte sich deutlich vermindert. Der Krieg zwischen Varesol und seinen abtrünnigen Kolonien ging weiter – wer würde wohl am Ende siegen?

Der Mutant schaltete ein grünes Blinklicht ein und ließ das Fahrzeug aufsteigen. „Bereitet alles für einen Schnellstart vor, sobald ihr an Bord seid“, schärfte er den anderen ein. „Ziel ist wieder der Mondnordpol, dort haben die Vareser ihre Zeitfalle installiert. Ich muss noch Befehl geben, sie wieder zu aktivieren, dann ist meine Rolle als Bag-Tor ausgespielt, und ich komme nach.“

„Wird es beim Übergang wieder einen großen Bums geben?“, fragte der Ingenieur, aber Berry schüttelte den Kopf. Sagen konnte er nichts mehr, denn das Schiff war bereits erreicht, er öffnete das Kabinendach und schob die Gefährten ins Freie. Sie eilten die Gangway hoch und sahen sich verstohlen um, doch niemand achtete auf sie. Der Metabo löschte das Blinklicht, schaltete den Funk ein und rief den Tower; das nötige Wissen hatte er dem Bewusstsein des Befehlshabers entnommen, und sein Anblick als solcher auf dem Bildschirm wirkte wahre Wunder.

Eine Minute später hatte er Befehl gegeben, einen Flugkorridor für die IDA-STAR freizumachen und die Mondstation in Betrieb zu nehmen, doch nun kam erst der schwierigste Teil. Berry überlegte kurz, zog dann Bag-Tors Uniformjacke aus, drapierte sie um die Lehne des Pilotensitzes und stülpte den Funkhelm mit seinem Emblem über die Kopfstütze, der in einem Fach lag. Wenn jemand nur flüchtig hinsah, musste er glauben, der Vareser befände sich noch im Cockpit.

„Nicht eben das Gelbe vom Ei“, murmelte der Mutant und begann, sich rasch wieder zu verwandeln. Sein normales Aussehen kehrte zurück, die beiden zusätzlichen Arme verschwanden; er stopfte die leeren Ärmel des schwarzen Hemdes in den Hosenbund, schob die Waffe des Varesers hinterher und sich selbst ins Freie.

Er wusste, dass auch das nur ein Notbehelf war, denn er trug noch immer die Hose und die kurzen Stiefel Bag-Tors, und ein Mensch in diesem Aufzug musste unbedingt Verdacht erregen. Trotzdem bewegte er sich ruhig auf die Gangway zu und diese hinauf – ein gutes Dutzend Fahrzeuge passierte in dieser Zeit das Schiff, aber es ging gut für ihn ab! Er verschwand im Dunkel der Luftschleuse, ließ sie hinter sich zugleiten und stürmte dann hinauf in die Zentrale.

„Schnell, Mona!“, keuchte er und ließ sich in einen Sitz fallen. „Triebwerk ein und nichts wie weg, Richtung 34 Grad grün … der Korridor wird nur zwei Minuten lang freigehalten, die Vareser …“

„Sind Soldaten und vor allem darauf bedacht, ihre Schiffe ins große Gemetzel zu schicken“, vollendete Wilding bitter, während die Pilotin bereits mit fliegenden Fingern schaltete. „Und du bist nach dem zweimaligen Gestaltwandel ziemlich down – hier ist ein großer Whisky für dich zur Stärkung.“

Berry trank ihn in einen Zug aus, sein Metabolismus setzte den Alkohol sofort in Blutzucker und Nährstoffe um, und er erholte sich rasch wieder. Inzwischen hob die IDA-STAR III bereits ab, schoss aus der Phalanx der Kampfraumer empor und erreichte schon nach wenigen Sekunden den freien Raum. Mona Reichert holte alles aus ihrem Antrieb heraus und ließ bald die gleichzeitig startenden varesischen Schiffe weit zurückfallen.

Es war ein Wettrennen mit der Zeit, das wusste jeder an Bord.

So überzeugend der Mutant auch in seiner Rolle als Imitator Bag-Tors aufgetreten war, die Rückkehr in ihre Zeit war damit längst noch nicht gesichert! Der Befehlshaber würde zwar noch mindestens eine Stunde lang paralysiert sein, aber irgendein dummer Zufall konnte alles noch verderben. Vielleicht wollte ihn ausgerechnet jetzt ein noch höherer Offizier oder gar der Imperator selbst sprechen, und wenn dann in seinem Gleiter außer seiner Jacke nichts zu finden war …

Weiter wagten die sechs Menschen im Schiff vorsichtshalber erst gar nicht zu denken.



28

„Noch eine Minute!“, sagte die Pilotin. Der Mond war fast schon erreicht, sie bremste nun mit voller Kraft, denn der Einsatzraumer musste über dem Polarsektor fast stillstehen. Berry Salomon hatte inzwischen auch erklärt, warum.

„Was Allan Niven Zeitfalle nennt, ist eine Zone, in der mittels starker Projektoren ein künstliches Zeitgefälle geschaffen wird. Fragt mich nicht, wie die alten Vareser das machen, das weiß nicht einmal Bag-Tor genau. Sie können es jedenfalls, und jedes Schiff, das in diesen Bereich gerät, wird automatisch in die eine oder andere Zeitrichtung transportiert. Im Allgemeinen geht das fast unmerklich vor sich, doch bei unserer Ankunft hier hatten es die Brüder besonders eilig. Sie setzten zusätzlich Zugstrahlen ein, dadurch wurde das Zeitgefälle potenziert, und wir fielen sozusagen in einem Rutsch durch bis auf ihren Planeten.“

„Und das wirkte so radikal, dass wir einen totalen Blackout erlebten“, nickte Mark Wilding. „Eines ist mir jedoch noch immer unklar, Partner: Eigentlich hätten doch auch die zwei Vareser mit bei uns an Bord sein müssen, die wir auf dem Raumhafen von Orbin gesehen haben! Bag-Tor hat sie aber nicht mit einem Wort erwähnt, und ein Mann wie er vergisst wohl sonst kaum etwas, denke ich.“

Der Mutant lächelte düster.

„Er war von vornherein darauf aus, unseren noch immer zitternden Videomann hereinzulegen, nicht wahr? Zum einen ließ er seinen Männern das Gift verabreichen, zum anderen schickte er auch noch zwei eigene Leute mit nach Orbin. Angeblich nur zur Überprüfung der erpressten Daten – in Wirklichkeit haben sie diese aber mit ihren Prüfgeräten zugleich kopiert! Sie hatten Order, mit den Kopien unauffällig zu verschwinden und sie in ihren eigenen Labors auszuwerten, doch davon wussten die stupiden Soldaten, die uns von Bord holten, natürlich nichts. Sie brachten uns zu ihm, er stellte sich dumm und machte alle möglichen Mätzchen, ohne zu ahnen, dass wir gar nicht die Richtigen waren. Als ihm das schließlich doch klar wurde, versprach er uns alles mögliche, um Zeit zu gewinnen, er wusste nun ja, dass das richtige Schiff bald nachkommen würde.“

„Und dabei ist er mächtig hereingefallen – wer anderen eine Grube gräbt, ist selbst ein Schwein!“, lautete Mark Wildings abschließender Kommentar.

Nun fieberte er aber ebenso wie alle anderen an Bord, und ein drückendes Schweigen legte sich über den Steuerraum. Benno Klipp saß vor den Ortungen, Energieechos verrieten ihm die Lage der sublunaren Schaltstation, und Mona nahm nach seinen Anweisungen letzte kleine Kurskorrekturen vor. Mark warf noch einen Blick auf die rückwärtigen Bildschirme, sah deutlich den Planeten, um ihn herum die Reflexe vieler varesischer Raumschiffe und …

Und plötzlich verschwanden sie spurlos, während ein leichter Ruck das Schiff und ein starkes Schwindelgefühl seine Insassen durchlief. Beides klang rasch wieder ab, Varesol lag einsam und verlassen hinter ihnen, der Ingenieur riss jubelnd beide Arme hoch und schrie: „Wir sind durch, Leute – unsere Zeit hat uns wieder! Jetzt kann uns nichts mehr passieren.“

„Sind Sie sicher?“, fragte Berry sarkastisch und wies auf den Hauptbildschirm. Dort war im selben Augenblick ein heller Punkt aufgetaucht und wurde schnell größer, Wilding nickte und stellte lakonisch fest: „Da sind unsere Freunde schon … das kann nur der Raumer Ericsons mit den brisanten Daten für Bag-Tor sein! Sehen Sie zu, dass wir ihnen schleunigst ausweichen, Mona, schließlich sind auch die beiden Vareser mit an Bord. Sie haben bestimmt schon festgestellt, dass wir nicht zu ihrer Flotte gehören und könnten nun sehr allergisch reagieren.“

„Das auf jeden Fall“, bestätigte der Metabo, „Raumer aus der Vergangenheit können den Durchgang nicht passieren; es gibt da gewisse Unterschiede energetischer Natur, die das verhindern. Auch so eine Art von Gefälle, und Objekte mit einem niedrigeren Energieniveau können diese Schranke nicht …“

„Verdammt, sie haben es wirklich auf uns abgesehen!“, unterbrach ihn Klipp resolut und sprang auf. „Sie beschleunigen wieder und werden uns den Weg abschneiden, ehe wir selbst genügend Fahrt bekommen. Schalten Sie den Schutzschirm ein, Mona, ich gehe in den Feuerleitstand, für den Fall der Fälle.“

Er eilte aus dem Raum, die Pilotin tat, was sie konnte, doch es reichte einfach nicht. Sie wendete die IDA-STAR III und ging auf Gegenkurs, aber selbst das starke Triebwerk des Einsatzraumers konnte das Manko an Geschwindigkeit nicht schnell genug beheben. Das andere Schiff holte rasch auf, Mark Wilding hatte inzwischen den Platz vor den Ortungen eingenommen und las die Daten auf den Monitoren ab. Es fehlte ihm zwar an Übung, doch trotzdem erkannte er bald, dass die Konfrontation nicht mehr zu vermeiden war.

„Sie haben ihren Schutzschirm und alle Konverter aktiviert – gleich wird es krachen!“, teilte er den anderen mit. Im selben Moment war es auch schon soweit, zwei grelle Leuchtbahnen stachen nach der IDA-STAR. Eine wahre Feuerflut umwaberte das Schiff, alle Bildschirme wurden blind, und Branko Robic jammerte laut: „Sie sind an allem schuld, Wilding! Wir werden hier sterben, und ich werde meine Familie nicht mehr …“

„Ruhe, Sie Jammerlappen“, herrschte Berry Salomon ihn an, „noch ist ja nichts passiert. Sie haben zwar zwei Geschütze, aber unser Schirm hält schon einiges aus – sehen Sie?“

Die Schiffshülle war in Schwingungen geraten, das Triebwerk setzte sekundenlang aus, weil ihm die Schutzfeldprojektoren einen Teil der Energie entzogen. Doch schon Sekunden später setzte es wieder ein, die Pilotin schaltete eilig, und die Bildflächen wurden wieder hell. Der Schutzschirm hatte gehalten und die Energie der Strahlschüsse abgeleitet, sie verlor sich nun draußen im Raum.

Es war noch gut abgegangen, aber trotzdem zog Wilding die Brauen hoch. Das Schiff der Angreifer war stärker, als er erwartet hatte, und es war nun schon bedenklich nahe! Die zweite Salve konnte kaum noch lange auf sich warten lassen, und dann …

Weiter kam er mit seinen Bedenken nicht, denn nun schoss Benno Klipp zurück.

Der Ingenieur war zwar kein Soldat, aber ein alter Hase in seinem Fach. Er hatte geduldig gewartet, nun kannte er die Stärke seiner Gegner und schlug entsprechend zurück. Er konzentrierte den Fokus seiner Geschütze auf die Bugspitze der Verfolger, die Strahlen beider trafen genau denselben Punkt und schlugen durch!

Der Schutzschirm der Angreifer brach zusammen, das Feuer riss die Hülle des Raumers auf. Die Insassen der Steuerzentrale starben, ohne noch Zeit zum Erschrecken zu haben, die Glut fraß sich weiter durch und erreichte die Schiffskonverter. Eine schmetternde, alles zerstörende Explosion war die Folge – das Fahrzeug wurde zerrissen und löste sich in kleinste Fragmente auf!

Sie schossen nach allen Seiten davon, aber nur wenige erreichten noch die IDA-STAR III. Mona Reichert hatte inzwischen das Triebwerk wieder auf Vollschub gebracht, ihr Schiff machte einen förmlichen Satz und entfernte sich aus der Gefahrenzone. Einige Trümmer, die noch auf den Schutzschirm trafen, wurden zurückgeschleudert, der Raumer schoss senkrecht aus dem Alnilam-System heraus und ließ den Feuerball weit hinter sich zurück.



29

Das Schiff befand sich wieder im Hyperraum mit Kurs auf Orbin, die Erregung an Bord war abgeflaut. Nun saßen die sechs Insassen im Steuerraum zusammen und zogen ein erstes Fazit.

„Eigentlich hätte es gar nicht erst soweit kommen müssen“, sagte Benno Klipp, steckte sich eine Zigarre an und paffte eine große Rauchwolke. „Wir waren schließlich froh, wieder in unsere Zeit zurückgelangt zu sein, was zehntausend Jahre früher dort geschehen ist, war nicht mehr unser Bier. Doch diese Verrückten haben das nicht begriffen und uns sofort angegriffen, als sie uns bemerkten weshalb wohl, Mark?“

Wilding zuckte mit den Schultern und nahm einen großen Schluck aus dem Glas, in dem sich ein guter alter Scotch Whisky befand.

„Da haben sich mehrere konvergierende Faktoren addiert, nehme ich an. Ericson und seine Kumpane haben weit mehr getan, als Allan Niven von ihnen erwartete, aber beileibe nicht etwa aus Solidarität mit ihm. Sie hatten Angst um ihr eigenes Leben, denn sie trugen schließlich ein Gift in sich, das sich nur auf dem Varesol der Vergangenheit wieder neutralisieren ließ. Daneben lockte auch noch großer Reichtum in Gestalt vieler Diamanten als weitere starke Motivation. Sie wussten zwar nicht, wer wir waren, hielten uns aber für eine Gefahr für dies alles.“

„Und Gefahren beseitigt man am besten sofort, dann hat man später den Rücken frei“, nickte Berry Salomon. „Von großen Skrupeln wurde Ihr gewesener Pressechef offenbar nicht geplagt, Freund Niven – vermutlich hätte er auch dann schießen lassen, wenn er gewusst hätte, dass Sie mit an Bord waren! Nun, Sie sind ja noch mit dem berühmten blauen Auge davongekommen, nur den erträumten großen Reichtum können Sie jetzt in den Wind schreiben.“

Der Regisseur hatte inzwischen zwei doppelte Scotch getrunken, sein seelisches Gleichgewicht schien wieder hergestellt zu sein.

Ein verschmitztes Lächeln flog über sein rundes Gesicht, er griff in eine Innentasche seiner Jacke und holte eine Zigarettenpackung heraus. Er öffnete sie, ließ etwas in seine linke Hand gleiten, und streckte sie dann den anderen entgegen.

„Der kluge Mann baut vor, nicht wahr? Bag-Tor ging mit diesen Dingern ziemlich freigebig um, für ihn hatten sie ja keinen Wert, und mich wiegte er damit in Sicherheit. Ganz so schlecht, wie Sie dachten, stehe ich also doch nicht da!“

Fünf Diamanten, so groß wie Taubeneier, und die Augen der IDA-Leute wurden bei ihrem Anblick noch viel größer. Mona Reichert schluckte hörbar, sie malte sich wohl im Stillen aus, wie sie ihr in der einen oder anderen Form stehen würden. Branko Robic zog die Brauen hoch, seine Angst war nun längst verflogen.

„Lassen Sie mich sie prüfen, ich bin Experte für Edelsteine aller Art.“

Niven gab sie ihm, er hielt sie vor eine Punktleuchte, sah lange hindurch und nickte dann.

„Nicht ganz lupenrein, aber Steine dieser Größe ohne gewisse Einschlüsse gibt es nur selten. Doch das lässt sich bei geschickter Bearbeitung leicht eliminieren, geteilt müssen sie sowieso werden, weil Objekte dieses Formats kaum zu verkaufen sind. Ein Fachmann wird vermutlich zwanzig Zehnkaräter und mindestens das doppelte an Ringbrillanten daraus machen … Hmm – zehn Millionen Solar springen trotz der Schleifverluste bestimmt für Sie heraus!“

Allan Niven strahlte, er malte sich wohl bereits aus, wie sich dieses Kapital in erfolgreiche Produktionen mit berühmten Stars der Videoszene anlegen ließ. Mark Wilding ließ sich nun die Steine geben, betrachtete sie nachdenklich eine Weile, schloss dann seine Hand um sie und sah auf.

„Freuen Sie sich nicht gar zu sehr, Allan – aus den runden zehn Millionen wird nichts werden! Wir haben den Flug nach Varesol erst angetreten, als Monforts eigentlicher Auftrag schon abgeschlossen und seine Tochter wieder in Freiheit war. Für die Interessen der INTERSTELLAR DETECTIVE AGENCY haben wir dabei nichts herausgeholt, sondern nur Unkosten gemacht, und der Einsatz unserer Spezialraumer ist nicht eben billig. Gefahrenzulage für das Team der IDA-STAR III kommt noch hinzu, außerdem haben wir Ihnen das Leben gerettet, noch dazu in tiefer Vergangenheit! Wie hoch die Prämie dafür ist, werden unsere Juristen erst noch bestimmen müssen, weil es bisher keinen Präzedenzfall gibt. Bezahlen müssen Sie aber jedenfalls, und Geld haben Sie Ihrer eigenen Aussage nach nicht … folglich nehme ich die Diamanten als Sicherheit und lege sie in den Schiffstresor!“

„Das können Sie doch nicht machen“, jammerte der Videomann und sank in sich zusammen wie ein angestochener Ballon. „Schließlich war ich drei Wochen lang in der Gewalt der alten Vareser und habe Todesängste ausgestanden, weil ich nicht wusste, ob meine Leute mich auch wirklich wieder herausholen würden! Bitte, Mark …“

„Doch, ich kann das!“, konterte der Detektiv mit unbewegter Miene. „Sicher, Sie können gerichtlich dagegen angehen – dann müssen Sie den Richtern aber auch erzählen, auf welche Weise Sie in Besitz dieser Steine gekommen sind. Dabei käme dann auch ein Fall von Entführung zur Sprache, den Ihre Leute auf dem Konto haben, und wie wollen Sie beweisen, dass der Auftrag dazu nicht von Ihnen kam? Ihre Zeugen sind bedauerlicherweise jetzt tot, Sie stehen also ganz allein – nach solch einem Fall leckt sich jeder Ankläger alle zehn Finger!“



Epilog

Allan Niven resignierte, er betrank sich sinnlos und war für den Rest des Tages nicht mehr ansprechbar. Berry Salomon aber schüttelte ausgiebig den Kopf, als er dann mit Wilding allein in ihrer Kabine war.

„Da habe ich immer gedacht, dich recht gut zu kennen, aber hier komme ich einfach nicht mehr mit. Zum einen warst du fast schon brutal, und zum anderen hast du doch schamlos übertrieben, Mark! Sicher, im Prinzip hast du recht, was Stockman einmal in seine dicken Finger bekommt, hält er auch eisern fest. Er wird wohl einem echten Herzanfall ziemlich nahe sein, wenn er diese Steine sieht, aber danach …“

Er unterbrach sich irritiert, als er das amüsierte Lächeln um den Mund seines Partners sah.

„Der gute Allan braucht dir gar nicht leid zu tun“, erklärte dieser, „gerade Leute aus der Medienbranche sind hart und mit allen Wassern gewaschen. Nur ihre Finger nicht – er hätte Ericson doch eigentlich offen zu Monfort schicken können, nicht wahr? Der war auf der Suche nach Kapital, hätte mit Freuden eine entsprechende Anzahl von Diamanten genommen und den Varesern eine Kopie seiner geheimen Daten geliefert. Das wäre ein glänzendes Geschäft gewesen, er hätte sie dann hier in unserer Zeit nochmals verwerten und den ganz großen Profit machen können. Stattdessen hat Niven aber seinen Kumpanen den Auftrag gegeben, die Unterlagen zu stehlen, das ist klar. Als das nicht ging, haben sie das Mädchen entführt, darüber war er zwar zuerst erschrocken, aber jetzt ist er schon wieder ganz der Alte, daran ändert auch sein Besäufnis nichts. Morgen, wenn er den Rausch ausgeschlafen hat, wird er zu mir kommen, um mir einen kleinen Handel vorzuschlagen, wollen wir wetten?“

„Wette abgelehnt, jetzt sehe ich klar; der Bestechungsversuch wird todsicher kommen“, nickte Berry. „Und du wirst so tun als ob, und ihn eine Weile zappeln lassen, um zu erfahren, wie weit er gehen will, um ihn dann kalt abzuschmettern, nicht wahr?“

„Im Gegenteil – ich werde annehmen!“, grinste Wilding. „Ja, du hast richtig gehört, Boy, mach den Mund wieder zu und höre mich an: Bisher weiß außer uns sechs niemand, dass es fünf Riesendiamanten sind, und ich sehe nicht ein, weshalb immer nur andere den Profit an den Kastanien haben, die wir aus dem Feuer holen. Mona war beim Anblick der Steine ganz weg, und ich kenne eine gewisse Patsy, der ein solcher Schmuck auch gut stehen würde … Drei Taubeneier also für Stockman, eins für Niven als Trostpreis, später bekommt er von der IDA ja noch einiges zurück. Der fünfte Stein wird redlich zwischen uns und der Schiffscrew geteilt, das gibt pro Nase einen Zehnkaräter und zwei kleinere Klunker, von denen niemand etwas weiß!“

„Hat da eben jemand den Ausdruck redlich gebraucht?“, fragte der Mutant ironisch. „Okay, mich hast du schon überredet, denn es gibt da auch ein Mädchen … Robic hängt so sehr an seiner Frau, dass er alles für sie tun wird, und die schnippische Mona dürfte sich kaum lange zieren. Bleibt nur noch Benno, aber der zieht bestimmt mit, wenn sich alle anderen einig sind.“

„Schöne Detektive sind wir!“, erkannte Mark, lehnte sich zurück und nippte nachdenklich an seinem Glas. „Im Grunde schaden wir damit aber niemand außer Allan Niven, der sich die Diamanten nur unter den Nagel gerissen hat. Die wirklichen Leidtragenden sind bei der ganzen Sache die alten Vareser, sie bekommen die Superwaffe nicht und werden ihren Krieg nun doch verlieren. Die Sieger scheinen es aber auch nicht weit gebracht zu haben, außer auf Varesol hat man sonst noch nirgends Vierarmige entdeckt.“

„Werden und vergehen – wer weiß, ob man in zehntausend Jahren noch Spuren von uns Menschen finden wird“, sinnierte Berry Salomon. „Verdammt, dies alles will noch nicht so recht in meinen Kopf – gestern war ich noch das identische Double Bag-Tors und hatte neben vier Armen auch sein Wissen, das uns aus dem ganzen Schlamassel herausgeholfen hat! Kaum zu glauben, dass er in Wirklichkeit schon seit einer halben Ewigkeit tot und vermodert ist.“

„Die Zeit ist ein seltsames, aber auch heikles Medium“, meinte Wilding ernst. „Es kann durchaus sein, dass die Zeitforscher der Vareser weiter experimentieren und neue Fallen errichten, Berry! Deshalb muss das System sofort zum Sperrgebiet erklärt werden, das von der Raumpolizei überwacht wird. Wenn jemand dort hinfliegt, um nach weiteren Diamanten zu suchen, könnte es zu einem Paradoxon kommen, das selbst unsere Existenz bedroht.“

„Allan Niven etwa? Nein, der hat zu viel Angst davor, noch einmal in Bag-Tors Gewalt zu geraten, denn diesmal würde dieser ihn wohl wirklich umbringen“, folgerte der Metabo. „Stattdessen wird er wohl das Problem auf seine Weise ausschlachten und eine Videoserie daraus machen, Stoff dafür hat er ja nun genug.“

„Er den Stoff und wir die abgezweigten Edelsteine“, nickte Mark, „so kommt jeder auf seine Kosten für die ausgestandene Angst. Du, da fällt mir etwas ein – wie wäre es, wenn du dich für diese Serie als Hauptdarsteller bewerben würdest! Überzeugender als du kann bestimmt niemand einen Vareser bringen, denke ich.“


ENDE

Der Kampf mit den Hegriv

von Alfred Bekker

Ein Raumschiff mit extraterrestrischer Technologie und eine zusammengewürfelte Crew auf einer kosmischen Odyssee durch die Unendlichkeit des Alls... Menschen, Androiden und Extraterrestrier müssen sich zusammenraufen, wenn sie den namenlosen Gefahren zwischen den Sternen standhalten und das Erbe einer uralten kosmischen Zivilisation antreten wollen.


***


*

ALGO-DATA.

CAESAR II.

Oder auch einfach CAESAR.

Drei Namen für dasselbe Raumschiff.

Seitdem John Bradford von der Schiffs-KI als alleiniger Kommandant des Raubvogelschiffes anerkannt worden war, wurde es wieder CAESAR II oder einfach CAESAR genannt.

Die Schiffs-KI akzeptierte dies.

Der Wille des Kommandanten war ihr Befehl. Zumindest so lange, wie dieser Wille nicht das Schiff selbst oder seine Besatzung gefährdete.

Bradford nannte die KI weiterhin ALGO-DATA, so als ob zwischen ihr und dem Schiff ein Unterschied bestand. Bradford erschien das angemessen, denn in der Tat waren beide nicht identisch.

Bradfords Bewusstsein war mit dem Schiff verschmolzen. Er untersuchte jeden Winkel des Raubvogelraumers und stellte fest, dass die Schäden, die das Schiff während seines Aufenthalts im Sonnenkerker erlitten hatte, vollkommen repariert worden waren.

In der nofoorischen Giga-Werft Paranauu war offenbar gute Arbeit geleistet worden.

Gehe ich recht in der Annahme, dass eine Rückkehr zur Milchstraße jetzt möglich wäre?, wandte sich John Bradford mit einem konzentrierten Gedankenstrom an die KI.

Jederzeit, war die eindeutige Antwort ALGO-DATAs.

Es war Bradford klar, dass er diese Erkenntnis den anderen Besatzungsmitgliedern mitteilen musste.

Ungefähr tausend Lichtjahre lagen zwischen Paranauu und dem gigantischen, inmitten der eng beieinander stehenden Sonnen im Zentralbereich der Großen Magellanschen Wolke schwebenden Hegriv-Stock. Mit knapper Not war die CAESAR II den Schiffen der Hegriv entkommen und dabei zeitweilig in ein Paralleluniversum verschlagen worden.

Das Schicksal des Togasa-Schiffs VORAUSSCHAU hingegen schien besiegelt zu sein.

Bradford erinnerte sich noch sehr lebhaft an das letzte Bild, das er von dem Schiff der technisch hoch entwickelten Togasa gesehen hatte. Die VORAUSSCHAU war an der wabenartigen Außenstruktur der einem gigantischen Insektenstock ähnelnden Hegriv-Brutstätte fixiert worden.

Offenbar hatte man damit begonnen, sie regelrecht zu zerlegen …

Für die CAESAR II hatte keine Chance bestanden, den Togasa der VORAUSSCHAU zu helfen. Einzig und allein eine schnelle Flucht hatte Bradford und seiner Besatzung das Leben gerettet.

Nun bestand die Möglichkeit, sich von Neuem – und diesmal sehr viel vorsichtiger! – dem Hegriv-Stock zu nähern.

Jetzt war die CAESAR II auf dem Weg zurück zu den Koordinaten des Stocks. Bis auf wenige Lichtjahre hatte sich das Raubvogelschiff dem Zielpunkt bereits genähert.

Bisher keinerlei Fernortung von Dreizack-Schiffen, übermittelte ALGO-DATA ihrem Kommandanten. John Bradford lag in einem der sarkophagähnlichen Steuersitze, die sich in der Zentrale der CAESAR II befanden und ursprünglich für die sogenannten Hohen Sieben bestimmt gewesen waren.

Aber Ozobeq und Oziroona, die beiden Hohen Sieben an Bord des Raubvogelschiffs wurden von ALGO-DATA nicht mehr als autorisierte Befehlsgeber akzeptiert. Die beiden Noroofen befanden sich in ihren Quartieren, die im Grunde nichts anderes als Arrestzellen waren.

Bradford bremste die Fahrt der CAESAR II etwas ab.

Außer den Tarnsystemen des Schiffes nutzte Bradford auch noch die Möglichkeit, sein Schiff jeweils für gewisse Zeit hinter den sehr nahe beieinander stehenden Sonnen in diesem Raumsektor zu verstecken. Das schränkte die Möglichkeiten der bordeigenen Ortungssysteme etwa ein, war aber insgesamt sicher.

Irgendwelche Messergebnisse, die auf die VORAUSSCHAU hindeuten?, fragte Bradford die KI mit einem sehr konzentrierten Gedankenstrom.

Negativ, meldete ALGO-DATA.

Wahrscheinlich kommen wir zu spät, um den Togasa noch helfen zu können, ging es Bradford bitter durch den Kopf.

Das ist anzunehmen, war ALGO-DATAs kühle, aber vermutlich zutreffende Antwort.

Näher heran!, forderte Bradford.

Ich hoffe, du bist dir des Risikos bewusst, war ALGO-DATAs Erwiderung.

Vertraust du mir nicht?, erwiderte Bradford. Existieren noch irgendwelche Einschränkungen meiner Kommandogewalt?

Eine quälend lange Pause verging.

Ab und zu war es einfach notwendig, sich ALGO-DATAs Loyalität zu vergewissern.

Keine Einschränkungen, erklärte die KI schließlich. Du bist der Kommandant.

Die CAESAR II näherte sich weiter dem Zielobjekt.

Mit den künstlichen Sinnen des Raubvogelschiffes nahm John Bradford einige Dreizack-Schiffe wahr, die sich von der Position des Stocks jedoch entfernten.

Die CAESAR verharrte eine Zeitlang in der Nähe einer interstellaren Gaswolke, bis klar wurde, dass die Mission dieser Dreizack-Schiffe offenbar nichts mit dem Auftauchen der CAESAR II zu tun hatte.

Noch sind wir nicht bemerkt worden, überlegte Bradford.

John Bradford, dessen Sinne mit den Sensoren des Schiffes verschmolzen waren, sah den Hegriv-Stock vor sich auftauchen, die Brutstätte der geheimnisvollen Feinde der Noroofen, vor denen sie einst aus der Großen Magellanschen Wolke geflüchtet waren.

Der Stock selbst war ein gigantisches Gebilde, das mitten im interstellaren Raum zwischen mehreren dicht beieinander stehenden Sonnen schwebte. Die Struktur ähnelte den Waben eines Bienenstocks.

Bis auf zwei Lichtjahre steuerte die getarnte CAESAR an den Stock heran, der für die Noroofen eine Brutstätte des Bösen schlechthin darstellte. Sie verbarg sich dabei in einem Asteroidenfeld. Schließlich musste man sich nicht nur vor der Fernortung des Stocks schützen, sondern auch vor den Sensoren der Dreizack-Schiffe, die im Umkreis um die Brutstätte der Hegriv operierten.

Ich registriere mannigfache energetische Aktivitäten, meldete ALGO-DATA. Wird eine Spezifikation gewünscht?

Ja. Gibt es derzeit Hinweise auf das Schicksal der VORAUSSCHAU?, fragte Bradford. Mit Hilfe der Schiffssensorik vermochte er das Togasa-Schiff nirgends wahrzunehmen.

Die letzte gespeicherte Position der VORAUSSCHAU befand sich auf der gegenwärtig von uns abgewandten Seite des Hegriv-Stocks, erläuterte ALGO-DATA. Für genauere Ergebnisse ist die Distanz noch zu groß. Im Übrigen liegt die Wahrscheinlichkeit, dass wir überhaupt noch etwas von dem Togasa-Schiff vorfinden bei unter zehn Prozent.

Und die Besatzung?, fragten Bradfords Gedanken.

ALGO-DATAs Antwort war unmissverständlich. Du hast gesehen, wozu die Hegriv fähig sind. Die Überlebenschancen der Besatzung bewerte ich eher noch schlechter. Ich rate von einer weiteren Annäherung an den Stock daher ab. Die Erfolgsaussichten sind zu gering.

Die letzte Bemerkung ALGO-DATAs ließ in Bradford sämtliche Alarmglocken läuten. Es war ihm noch in unangenehmer Erinnerung, dass die Schiffs-KI ihm im Sonnenhof das Verlassen des Schiffs mit Hinweis auf die Sicherheit des Schiffs schlichtweg untersagt hatte.

Bradford befürchtete daher, dass die KI ihm möglicherweise das Kommando über das Schiff einfach wieder abnahm oder zumindest einschränkte.

Andererseits war auch ALGO-DATA auf ihren Kommandanten angewiesen.

Nach dem Ausfall von Ozobeq und Oziroona, deren Hirnstruktur sich seit der Durchleuchtung im Sonnenhof verändert hatte und die darüber hinaus von psychischer Labilität betroffen waren, blieb Bradford für die KI ohne Alternative.

Was ist, wenn ich den Weg trotz der schlechten Chancen fortsetzen will? Bradfords Frage zielte genau auf den Kern des Problems.

Habe ich das nicht ausreichend klar gemacht? Du bist der Kommandant, John Bradford. Und wie ich bereits erwähnte, trifft dies ohne Einschränkungen zu. Meine Berechnungen dienen nicht deiner Einschüchterung, sondern sollen eine Entscheidungshilfe darstellen.

Niemand aus der CAESAR-Crew hatte ein gutes Gefühl dabei gehabt, die Togasa einfach im Stich zu lassen, aber es hatte objektiv keine andere Möglichkeit gegeben.

Man musste den Fakten einfach ins Auge sehen, so unangenehm das auch sein mochte.

Die Wahrscheinlichkeit war beträchtlich, dass nichts von dem Togasa-Schiff übrig geblieben war.

Und wenn Bradford an das Schicksal der Besatzung dachte, so schauderte ihn unwillkürlich.

Bradford richtete einen konzentrierten Gedankenstrom an ALGO-DATA. Ich möchte, dass du dein Augenmerk auf sicherheitsrelevante Parameter bei den eingehenden Daten der Ortungssysteme richtest.

In Ordnung, bestätigte die KI. Tarnung ist aktiv, bis jetzt ist kein Anzeichen dafür erkennbar, dass man im Stock auf unsere Anwesenheit aufmerksam geworden ist.

Distanz zum Stock zunächst halten!, wies Bradford die KI an.

Es durfte kein Fehler passieren.

Schon die geringste Fehleinschätzung konnte das Ende für die CAESAR II und ihre Besatzung bedeuten.

Bradford unterbrach die geistige Verbindung zu ALGO-DATA.

Er öffnete den Sarkophag und stieg aus.

Auf einer der Holosäulen in der Zentrale der CAESAR II war eine dreidimensionale Darstellung des Stocks zu sehen.

Josephine, Marcus und Otlej befanden sich im Raum.

„Worauf warten wir noch?“, fragte Josephine. Sie hatte die Arme vor der Brust verschränkt und lehnte gegen eine quaderförmige Konsole, die ihr bis zu den Schultern reichte. „Warum fliegen wir nicht weiter auf den Stock zu?“

„Weil es uns nicht genauso gehen soll wie der Mannschaft der VORAUSSCHAU“, erklärte Bradford. „Außerdem denke ich, dass es notwendig ist, erst einmal Kriegsrat zu halten, bevor wir irgendetwas unternehmen.“

Josephines Augen wurden schmal. Die Tattoos über ihren Augen zogen sich zusammen. Ein Ausdruck der Skepsis stand in ihrem Gesicht.

„Ich dachte, wir wären uns einig“, sagte sie sichtlich irritiert. „Wir müssen unbedingt versuchen, den Togasa von der VORAUSSCHAU zu helfen …“

„… falls das überhaupt noch möglich ist“, wandte Marcus ein, dessen aus Milliarden Nano-Teilchen bestehender Körper die übliche pseudo-humanoide Gestalt angenommen hatte.

„Sollen wir sie etwa einfach aufgeben?“, fragte Josephine. „Das kann doch wohl nicht dein Ernst sein, John!“ Es war anzumerken, wie stark das Schicksal der VORAUSSCHAU und ihrer Togasa-Besatzung sie emotional traf.

Und ganz besonders geht es da wohl um einen bestimmten Togasa!, ging es Bradford durch den Kopf. Trasa …

Zweifellos hatte eine starke Anziehungskraft zwischen ihr und Trasa bestanden. Offenbar hatte diese Gefühlsbindung in der Zwischenzeit nichts von ihrer Intensität verloren. Bradford musterte die Gen-Android-Matrix einige Augenblicke lang nachdenklich. Ist es nicht seltsam? Es macht dir kaum etwas aus, dass sich die Zuneigung dieser Frau auf diesen Togasa richtet! Eine ganze Weile lang war Bradford sich selbst nicht im Klaren darüber gewesen, ob er nicht mehr als nur Loyalität und Freundschaft für die Klon-Matrix empfand.

Aber das war vorbei.

Ein Kapitel, das emotional gesehen abgeschlossen war. Die Leichtigkeit, mit der er dies akzeptieren konnte, überraschte Bradford angenehm.

Wie aus weiter Ferne drangen Otlejs Worte in sein Bewusstsein.

„Keiner von uns hat sich besonders wohl gefühlt, als wir die Togasa hier ihrem grausamen Schicksal überlassen mussten“, sagte er mit einer Entschiedenheit, die Bradford ansonsten selten bei dem Pflanzenhüter erlebt hatte. „Wir sind es den Togasa schuldig, dass wir zumindest nach ihnen suchen, auch wenn es vielleicht aussichtslos ist, was wir tun.“

Josephine nickte heftig.

„Otlej hat mir aus der Seele gesprochen!“, erklärte sie. „Besser hätte ich es auch nicht formulieren können.“

Bradford lächelte matt.

„Ich hatte nicht erwartet, dass jemand von euch es befürworten würde, wenn wir im letzten Moment kehrt machten“, sagte er. „Aber bevor wir das Risiko eingehen und uns noch näher an den Stock heranwagen, möchte ich euch über etwas informieren.“

Die Augen der anderen waren auf Bradford gerichtet.

Er machte eine kurze Pause, ehe er weiter sprach.

„Ich habe sämtliche Bordsysteme gecheckt. Auf Paranauu sind tatsächlich sämtliche Schäden, die wir im Sonnenhof davontrugen, repariert worden. Das heißt im Klartext, dass jederzeit die Möglichkeit besteht, wieder in die heimatliche Milchstraße zurückzukehren.“

Schweigen herrschte in der Zentrale.

Die Struktur von Marcus’ Nano-Körper geriet etwas in Bewegung. Man hatte den Eindruck, dass tausende von Nano-Robots sich wie Insekten über die Oberfläche dieses amorphen Körpers bewegten, der einst die Rüstung des Noroofen Mont gewesen war. John Bradford registrierte dies und fragte sich, in welchem Verhältnis diese äußerlich sichtbare Unruhe zu Marcus’ psychischem Zustand stand.

„Das ist eine gute Nachricht, aber ich sehe nicht, was sich dadurch an unseren Plänen ändern sollte“, sagte Josephine.

Ihre Züge drückten jetzt Entschlossenheit aus.

Die Ungewissheit darüber, was mit Trasa und den anderen Togasa geschehen war, nagte zweifellos an ihr.

Ihre Reaktion war voraussehbar, dachte Bradford. Aber die anderen müssen sich auch dazu äußern.

„Ist das die Meinung aller hier im Raum?“, fragte Bradford. „Wenn wir wirklich versuchen, den Stock zu erforschen und uns weiter zu nähern, ist das Risiko für uns sehr hoch, während man die Chance, den Togasa noch helfen zu können, als minimal betrachten muss.“

„Sag bloß, du bist tatsächlich dafür, kurz vor dem Stock wieder kehrt zu machen und sich davonzustehlen!“ Josephine schüttelte den Kopf. „Das kann ich nicht glauben, John!“

Bitterkeit und Wut sprachen aus ihren Worten.

„Das ist keineswegs der Fall“, erwiderte Bradford ruhig.

„Dann verstehe ich dich nicht. Du bist der Kommandant! Gib die entsprechenden Befehle an ALGO-DATA und fertig!“

Bradford schüttelte den Kopf.

„Zumindest wir müssen uns in dieser Frage absolut einig sein, sonst können wir es besser gleich bleiben lassen“, äußerte Bradford seine Ansicht. „Und ich fühlte mich verpflichtet, euch über die Fakten in Kenntnis zu setzen, bevor ihr euch endgültig entscheidet und es kein Zurück mehr gibt. Über alle Fakten wohlgemerkt.“

Marcus meldete sich jetzt zu Wort.

Die Strukturen an der Nano-Oberfläche seines pseudo-humanoiden Körpers beruhigten sich erkennbar.

„Die Rückkehr in die Milchstraße werden wir einfach verschieben“, sagte er. „Ich denke, jeder hier im Raum ist sich des Risikos bewusst, das in einer weiteren Annäherung an den Stock liegt. Aber andererseits können wir uns nicht einfach verdrücken, ohne herausgefunden zu haben, was mit den Togasa geschehen ist.“

„Das ist auch meine Meinung“, ergänzte Otlej.

Bradford nickte langsam.

„Gut“, murmelte er. „Dann werden wir uns weiter mit aller Vorsicht dem Stock annähern.“

ALGO-DATA meldete sich.

„Mehrere Dreizack-Schiffe der Hegriv verlassen den Stock!“, meldete die KI der CAESAR II.


***



*

Eine der Holosäulen in der CAESAR-Zentrale zeigte die gegenwärtigen Positionen der Dreizack-Raumschiffe. Insgesamt waren es etwa zwei Dutzend Einheiten, die bestimmte, offenbar strategisch günstige Punkte aufsuchten und damit offenbar eine Raumkugel von etwa drei Lichtjahren Durchmesser zu sichern versuchten.

Weitere Einheiten wurden aus dem Stock ausgeschleust und verteilten sich ebenfalls in diesem Gebiet.

Die gegenwärtige Position der CAESAR war ebenfalls gekennzeichnet. Sie lag deutlich innerhalb einer Zone, die von den Hegriv offenbar einer verstärkten Überwachung unterworfen wurde.

„Was könnte die verstärkte Alarmbereitschaft der Hegriv verursacht haben?“, fragte John Bradford an ALGO-DATA gerichtet.

„Darüber liegen keinerlei gesicherte Erkenntnisse vor“, erklärte die KI. „Es könnte aber sein, dass unsere Feinde bei ihren Routineabtastungen des umliegenden Raumgebietes auf energetische Spuren gestoßen sind, die wir hinterlassen haben.“

„ALGO-DATA hat recht“, sagte Marcus. „Schließlich beruht der Antrieb der CAESAR, wie wir inzwischen wissen, auf der Verwendung von dunkler Energie, so dass sich vermutlich Spuren unserer Anwesenheit finden lassen.“

„Aber würden sie dann die Kontrollen nicht auf das Raumgebiet beschränken, in dem sie irgendwelche energetischen Anomalien angemessen haben?“, wandte Josephine ein.

„Vielleicht rechnen sie mit mehreren Einheiten und haben sich deshalb entschlossen, weiträumig zu operieren“, erwiderte Marcus.

„Wir müssen näher heran“, meinte Josephine. „Von hier aus ist die Fernortung einfach nicht detailliert genug. So werden wir nie etwas über den Verbleib der Togasa herausfinden.“

Aber Bradford war anderer Ansicht.

„Wir werden uns zunächst vollkommen ruhig verhalten und beobachten“, widersprach er.

„Und was inzwischen mit Togasa geschehen ist, muss dir wohl ziemlich gleichgültig sein“, versetzte sie mit einem bitteren Unterton. Ihre Reaktionsweise war überraschend unbeherrscht. So hatte Bradford sie noch nie erlebt. Trasa scheint ihr tatsächlich etwas zu bedeuten, ging es ihm durch den Kopf.

Bradford trat auf sie zu, sah sie an.

Sie wich seinem ruhigen Blick aus.

„Wir müssen kühlen Kopf bewahren, sonst haben wir keine Chance, Josie.“

Sie schluckte.

„Ja, ich weiß“, murmelte sie.

Bradford hob die Schultern.

„Offenbar rechnen die Hegriv nicht damit, dass wir uns bereits so nahe am Stock befinden. Vielleicht halten die ausgesandten Einheiten auch nach etwas ganz anderem Ausschau. Jedenfalls müssen wir erst ihr Verhalten beobachten. Außerdem möchte ich zunächst mit Ozobeq und Oziroona sprechen, ehe wir etwas unternehmen. Niemand weiß schließlich mehr über die Hegriv als sie.“

„Was uns zu einem anderen Problem-Komplex bringt“, meinte Josephine.

Bradford wusste, worauf sie anspielte.

Während des zurückliegenden Fluges von Paranauu zur gegenwärtigen Position der CAESAR hatte Bradford mehrfach versucht, mit Ozobeq und Oziroona zu sprechen. Aber beide befanden sich in einem Zustand zunehmender psychischer Instabilität. Teilweise hatten sie aggressiv auf Bradfords Anwesenheit reagiert, manchmal auch gleichgültig und apathisch. Ihr Verhalten erinnerte Bradford auf schmerzhafte Weise an den Wahnsinn, in den sein Vater nach seinem jahrhundertelangen Stase-Schlaf verfallen war.

„Was haltet ihr davon, Oziroona und Ozobeq wieder in Stase-Schlaf zu versetzen“, meinte Marcus. „In ihrem gegenwärtigen Zustand sind sie unberechenbar.“

„Ich glaube nicht, dass sie eine Gefahr darstellen“, meinte Bradford.

Sein Blick war in sich gekehrt.

Er wirkte abwesend.

Josephine bemerkte die Veränderung sofort, konnte sie aber nicht so recht einordnen.

„So lange unsere KI einwandfrei funktioniert und dich als unumschränkten Kommandanten akzeptiert, ist alles in Ordnung“, sagte Marcus. „Aber was, wenn sich daran etwas ändert.“

„Das ist sehr unwahrscheinlich“, erwiderte Bradford, dessen Blick geradewegs durch Marcus hindurchzugehen schien. Ein Ruck durchlief jetzt seinen Körper. Von einer Sekunde zur anderen war er wieder gedanklich präsent.

ALGO-DATA meldete sich zu Wort. „Ich darf daran erinnern, dass sämtliche Systeme des Schiffs in der Werft von Paranauu einer Generalüberholung unterzogen wurden.“

„Mit anderen Worten: Auch du!“, meinte Marcus.

„Ich bin ein Teil des Schiffs.“

„Verstehe.“

„Im Übrigen ist die hier erwogene wiederholte Versetzung in den Zustand des Stase-Schlafs für den nofoorischen Organismus sehr schädlich.“

„Also kommt das nicht in Frage“, entschied Bradford. „Wir brauchen die beiden – auch wenn sie im Augenblick nicht sehr kooperationsbereit sind.“



7

Mit einem mörderischen Schwung schnellte die blitzende Schwertklinge durch die Luft. Ein barbarischer Kampfschrei folgte.

Mit katzenhafter Geschmeidigkeit bewegte sich Riugerob mit einem Ausfallschritt nach vorn und stieß zu.

Ein präzise ausgeführter Stich.

„Gegen wen kämpfst du?“, fragte eine helle Stimme, deren Klang den katzanischen Krieger mit der katzenartigen Gestalt in der Bewegung innehalten ließ.

Er atmete tief durch.

Die Rückenstacheln zogen sich ins Körperinnere zurück.

Die Haltung des Katzenartigen entspannte sich.

Sein Schwert Naarfeaf – „Herzblut“ – befand sich in der Linken.

Der Katzane drehte sich herum und blickte in die großen Augen Naeas. Das zehnjährige Klon-Mädchen war durch den Türtransmitter von Riugerobs Quartier getreten.

Die Worte des Mädchens hatte Riugerob nicht verstanden. Zu sehr hatte sich der Katzane in seine Kampfübungen vertieft.

Naea begriff das sehr schnell.

Sie wiederholte ihre Frage einfach.

„Gegen wen kämpfst du?“, fragte sie.

„Ich kämpfe gegen einen Gegner aus meiner Vorstellung“, erklärte der Katzane, der inzwischen längst zu einem Crewmitglied geworden war, nachdem er zunächst lange Zeit unentdeckt als „der Vergessene“ an Bord der CAESAR existiert hatte.

„Das heißt, du spielst“, stellte Naea mit glasklarer Logik fest.

„Ich spiele?“, echote der Katzane. Er schüttelte den Kopf. „Ein Krieger spielt nicht“, erklärte er. „Spiele sind für Kinder und Alte, die zu schwach sind, wirkliche Abenteuer zu erleben. Für mich trifft das nicht zu.“

„Aber du stellst dir einen Gegner vor! Er existiert nicht, und du tust so, als würdest du ihn bekämpfen. Dabei stichst du nur mit deinem Schwert in der Luft herum! Wenn das kein Spiel ist …“ Naea atmete tief durch.

Es war nicht das erste Mal, dass sie das Gespräch mit dem Katzanen suchte. Das hatte unter anderem damit zu tun, dass Riugerob kaum technische Kenntnisse besaß. Die Probleme, mit denen sich die anderen Besatzungsmitglieder während des Fluges auseinanderzusetzen hatten, verstand der Katzane zum Großteil nicht einmal.

Normalerweise war Otlej der erste Ansprechpartner für das Mädchen gewesen. Aber während des Fluges war die Besatzung vor allem damit beschäftigt gewesen, immer wieder jene Ereignisse zu analysieren, die zur Beinahe-Katastrophe in der Nähe des Hegriv-Stocks geführt hatten. Die spärlichen Informationen, die man über die Brutstätte der Hegriv besaß, mussten schließlich ausreichen, um etwas für die Besatzung der VORAUSSCHAU tun zu können. Alle Fakten, die bisher bekannt waren, wurden daher immer und immer wieder daraufhin analysiert, in wie fern sich ein Ansatzpunkt für das spätere Vorgehen ergab.

Darin war auch Otlej einbezogen worden, was bedeutete, dass er schlicht und ergreifend weniger Zeit für seine kleine Freundin hatte.

Und Nathan Bradford – Johns durch jahrhundertelangen Stase-Schlaf wahnsinnig gewordener Vater, zu dem Naea ebenfalls Kontakt gesucht hatte – war inzwischen zu seinem eigenen Besten wieder in Stase-Schlaf versetzt worden.

„Das ist kein Spiel“, wiederholte Riugerob. Er tickte sich mit einer der krallenbewehrten Hände gegen den Schädel. „Der Gegner existiert! Hier drin!“

„Da meine ich. Es gibt ihn nicht wirklich.“

„Sind Gedanken nicht wirklich?“, fragte Riugerob.

„Doch schon. Aber nicht so …“ Sie trat auf Riugerob zu, berührte ihn an der Schulter. „So wie du zum Beispiel.“

„Wenn ich daran denke, dass ich nicht vorhanden bin, werde ich für dich unsichtbar“, erklärte er ihr. „Du würdest mich vergessen.“

„Ich habe von deiner Fähigkeit gehört.“

„Bilde ich mir also nur ein, dass ich lebe?“

Naea lächelte. „Nein, natürlich nicht!“

„Die Kraft der Gedanken kann sehr wohl genauso wirklich sein, wie die eines Schwertes“, erklärte der Katzane. „Mit einem Spiel muss das nicht unbedingt etwas zu tun haben.“

Riugerob betrachtete das Mädchen.

Er vermochte noch nicht gut genug in der Mimik von Menschen zu lesen, um wirklich beurteilen zu können, was ihr Gesichtsausdruck bedeutete. Aber inzwischen hatte er begriffen, dass das Verziehen der Gesichtsmuskulatur in der menschlichen Kommunikation eine weitaus größere Bedeutung haben musste, als es unter Katzanen der Fall war, deren Mimik einfach und klar strukturiert war. Zumindest kam Riugerob das so vor.

Ein ehrlicher Krieger zeigte seine Absichten auf der Stirn.

Er machte gar nicht erst den Versuch, sie zu verbergen.

Das galt unter den Kriegern seiner Heimatwelt als unehrenhafte Falschheit.

Es muss heute einen besonderen Grund geben, aus dem sie mich aufsucht, erkannte der Katzane. Bisher hatte sie ihn nicht geäußert. Aber Riugerob war sensibel genug, um zu erkennen, dass es mehr war, als pure Langeweile, die sie durch den Türtransmitter hatten treten lassen.

„Auf der Erde hatten wir auch Spiele“, sagte sie. „Spiele, die in einer eigenen Wirklichkeit angesiedelt waren, die wir virtuell nannten.“

„Du bist ein Kind. Warum solltest du nicht spielen?“

„Die Kinder deiner Heimat spielen auch?“

„Ja, natürlich. Das Spiel ist das Training für das wahre Leben.“

„Auf der Erde nicht. Dort diente es einzig und allein der Zerstreuung. Später habe ich erkannt, dass diese Spielwelten gar nicht virtuell waren, sondern wir mit Hilfe unserer Technik die Gedanken, Empfindungen und Wünsche tatsächlich existierender Intelligenzen auf anderen Planeten miterlebten.“

Über den Augenwülsten des Katzenhaften zog sich die mit einem dichten Flaum bedeckte Haut zusammen. Eine Regung, die einem menschlichen Stirnrunzeln sehr ähnlich war und starke Nachdenklichkeit signalisierte.

„Das ist verwirrend“, sagte er. „Ich spiele deiner Meinung nach einen Kampf mit einem nur der Kraft meiner Gedanken entspringenden Gegner, während es auf deiner Heimatwelt offenbar üblich ist, das wirkliche Leben als Spiel zu betrachten.“

„Klingt alles etwas durcheinander.“

„Ich ahnte nicht, dass man auf der Erde so vergeistigt ist.“

„Ich glaube, damit hat das auch nichts zu tun.“

„Dann habe ich dich vielleicht nicht richtig verstanden.“

Sie zuckte die Achseln. „Ist auch egal.“

„Nein, das ist es nicht. Du wärst sonst nicht hierher gekommen, um mit mir darüber zu sprechen.“

„Riugerob …“

Sie sprach nicht weiter und wich seinem forschenden, sehr intensiven Blick aus irgendeinem Grund aus. Inzwischen hatte Riugerob längst gelernt, dass es nichts mit Ehrlosigkeit und Falschheit zu tun haben musste, wenn man dem Blick seines Gegenübers auswich. Zumindest nicht unter Menschen.

Der Ehrenkodex der Katzanen war außerhalb von Riugerobs Heimat wohl nahezu unbekannt, wie der Barbarenkrieger betrübt hatte feststellen müssen.

Aber das war nicht zu ändern.

Riugerob musste die Gegebenheiten akzeptieren.

Auch das gehörte zu den zahlreichen Tugenden eines Kriegers.

„Warum bist du hier?“, fragte der Katzane schließlich.

„Wenn jemand mit einem unsichtbaren Gegner kämpft oder mit unsichtbaren Personen spricht, ist das für menschliche Kinder meistens ein Spiel. Es gibt aber auch eine andere Möglichkeit.“

„Und die wäre?“

„Jemand ist verrückt und ist dabei, den Kontakt zur Realität zu verlieren. Wir bezeichnen das als Wahnsinn.“

Riugerob zögerte mit der Antwort.

„In meiner Heimat gibt es das nicht“, erklärte er.

„Es gibt niemanden, der Stimmen hört unter den Katzanen? Niemanden, der die Wirklichkeit nicht mehr erkennen kann und nach und nach beginnt, in seiner eigenen Welt zu leben, die von niemandem sonst geteilt wird? Vielleicht von grässlichen Wahnvorstellungen und eigentlich unbegründeten Ängsten gepeinigt wird?“

Riugerob hob die Schultern.

„Doch, so etwas gibt es auch auf meiner Heimatwelt.“

„Na, also!“

„Aber wir sagen dazu nicht Wahnsinn.“

„Sondern?“

„Katzanen, die so ähnliche Eigenschaften aufweisen, wie du sie gerade aufgezählt hast, gelten als vom Göttlichen berührt. Sie sind Heilige.“

Naea seufzte. „Vielleicht bist du einfach nicht der Richtige, um darüber zu reden.“ Das Mädchen wandte sich in Richtung des Türtransmitters.

„Warte!“, forderte der Katzane.

Sie drehte sich noch einmal um.

„Was ist noch?“

„Was ist los? Du stellst mir eine Menge Fragen, und ich gebe mir alle Mühe, sie wahrheitsgemäß zu beantworten. Eine Verpflichtung, die jeder Krieger den jüngeren gegenüber hat, auf dass es die Jugend besser habe als die Alten. Nur so kommt es zum Fortschritt.“

Naea strich sich mit einer fahrigen Geste eine verirrte Haarsträhne aus dem Gesicht.

„Gut, dann beantworte mir noch eine letzte Frage: Würdest du einem dieser Heiligen, von denen du gesprochen hast, die Befehlsgewalt anvertrauen?“

„Befehlsgewalt? Kommt darauf an, worüber!“

„Über ein Raumschiff. Leben oder Tod der Besatzung hingen von einem Mann ab, der Stimmen hört.“

Riugerobs Körperhaltung straffte sich. Er schob sein Schwert zurück in die dafür vorgesehene Scheide. Seine linke Krallenhand umschloss den Griff, fast so, als müsste er sich daran festhalten. Der Vergessene fixierte das Mädchen mit einem durchdringenden Blick, der Naea auf Grund seiner Intensität erschreckte.

Wie Schuppen fiel es dem Katzanen von den Augen.

„Du sprichst doch nicht von John Bradford?“

Endlich war es heraus.

Naea nickte heftig.

„Doch“, flüsterte sie.

„Wie kommst du auf diesen Gedanken?“

„Ich habe John Bradford beobachtet. Er befand sich in einem der Korridore, als ich an ihm vorbeiging. Er hat mich überhaupt nicht bemerkt. Stattdessen stritt er sich mit einem unsichtbaren Wesen. Ich konnte das meiste nicht verstehen. Aber dort war mit Sicherheit niemand! So wahr ich hier stehe!“

Eine Pause entstand.

Quälend lange Augenblicke zog sich dieses Schweigen hin.

Riugerob schien richtig perplex zu sein.

Mit allem hatte er gerechnet, nur nicht damit.

„Es war gut, dass du geredet hast“, sagte er schließlich. „Ich werde mit Marcus darüber sprechen.“



*

John Bradford hörte die Stimmen.

Sie redeten in einem wirren Chor zu ihm. Er blieb mitten im Korridor stehen.

Ein leichtes Schwindelgefühl erfasste ihn. Er hielt sich an der Wand fest und versuchte verzweifelt, mitzubekommen, was die Stimmen zu sagen hatten.

Diesmal war es – wie so oft – unmöglich. Je angestrengter er lauschte, desto leiser wurden die Stimmen.

Derartige Bewusstseinsstörungen waren Bradford wohl bekannt.

Früher hatte er verstärkt darunter gelitten. Während des Aufenthalts im Paralleluniversum war noch nicht das Geringste spürbar gewesen.

Seit der Rückkehr in das Normalkontinuum waren die Stimmen jedoch immer drängender. Sie meldeten sich mit zunehmender Häufigkeit zu Wort.

Bradford hatte versucht, das Problem allein in den Griff zu bekommen.

Bislang hatte er mit niemandem darüber gesprochen.

Aber es war ihm durchaus klar, dass das kein Dauerzustand sein durfte.

Die anderen hatten ein Recht darauf, zu erfahren, was mit ihm los war.

Bislang hatte Bradford die Ursache für das Auftauchen der Stimmen immer in den Fremdbewusstseinssplittern seiner Implantate gesehen.

Was aber, wenn er sich in diesem Punkt irrte? Wenn es einen externen Grund für die Verschlimmerung seiner psychischen Verfassung gab? Einen Grund, der in dem Parallelkosmos, in dem sie sich für einige Zeit aufgehalten hatten, nicht vorhanden war. Immerhin hätte das erklären können, weshalb offenbar auch Ozobeq, Oziroona und nicht zuletzt sein wieder in Stase versetzter Vater ganz ähnliche Symptome zeigten.

Ignoriere die Stimmen!, sagte er sich.

Aber das war leichter gesagt als getan. Schließlich verfügte er nicht über die Fähigkeit des Katzanen-Kriegers Riugerob, sich zum Vergessenen zu machen. Für ihn gab es keine Flucht vor den Stimmen. Diese Aussicht deprimierte ihn.

Aber es hatte keinen Sinn, die Hände in den Schoß zu legen.

Ich muss dagegen ankämpfen, sagte er sich, hatte andererseits nur das Gefühl, dass sich gerade dadurch sein Zustand nur noch verschlimmerte.

John Bradford schloss die Augen.

Er konnte in diesem Augenblick nur hoffen, dass niemand aus der Besatzung ihn in diesem Zustand antraf.

Eine der Stimmen wurde jetzt deutlicher und stach aus dem Verhalten im Hintergrund auf ihn einredenden Chor heraus.

John, sagte die Stimme.

Sie gehörte niemand anderem als Nathan Bradford, seinem Vater.

John!, wiederholte dieser.

Bradford wischte sich mit einer fahrigen Geste über das Gesicht. Ist dir immer noch nicht klar, dass hier pure Wunscherfüllungsfantasien am Zug sind!, ging es ihm durch den Kopf. Mit den Bewusstseinssplittern hat das wohl kaum etwas zu tun …

Zudem war der zeitliche Zusammenhang zum Rückfall der Noroofen in einen Zustand der Labilität augenfällig.

Bradford gab sich einen Ruck.

Er trat durch den Türtransmitter und befand sich im nächsten Augenblick in Ozobeqs Kabine.

Der Noroofe saß in einem Schalensitz. Sein augenloser Kopf wandte sich Bradford zu.

Seit dem Aufenthalt im Sonnenhof hatten sich ihre Rollen vertauscht.

War Ozobeq zuvor der unangefochtene Befehlshaber und Bradford lediglich ein geduldeter Gefangener, so war die Macht jetzt genau umgekehrt verteilt.

Ein Umstand, der für ein so machtbewusstes Wesen wie Ozobeq mit Sicherheit sehr schwer zu verarbeiten war.

„Wir befinden uns in der Nähe des Hegriv-Stocks“, erklärte der gegenwärtige Kommandant der CAESAR II. „Im Moment überlegen wir, wie wir näher an diese Brutstätte herankommen, ohne dass wir gleich attackiert und vernichtet werden.“

Der Noroofe schwieg.

Die übermächtige Präsenz, die ansonsten von Ozobeq ausgegangen war, war auf einen kläglichen Rest zusammengeschmolzen.

Narr!, erreichte Bradford ein intensiver, von negativen Emotionen geprägter Gedanke.

Wie ein Hintergrundrauschen nahm Bradford gleichzeitig die Stimmen wahr. Der Erdmensch versuchte, nicht auf sie zu achten, sie einfach zu ignorieren. Das Beste, was er jetzt tun konnte.

Manchmal wurden sie schwächer, wenn er ihnen keine Aufmerksamkeit schenkte.

Bradfords Blick war auf Ozobeq gerichtet.

Die Sprechmembran begann sich zu bewegen. Unverständliche Laute drangen nach außen. Nur Bruchstücke waren verständlich. Immer wieder tauchten zwei Wörter in diesem Wirrwarr auf.

ALGO-DATA.

Kommandant.

Der Tonfall ähnelte dem drohenden Knurren eines Raubtiers.

Der Noroofe erhob sich aus seinem Sessel.

Im Fall eines Angriffs wurde Bradford durch ein sich automatisch aktivierendes Energiefeld geschützt. Mochte Ozobeq auch dem Wahnsinn nahe sein – er schien genau zu wissen, dass eine derartige Aktion seine Lage nicht verbessert hätte.

„Du bist ein Dieb!“, erklärte er.

„ALGO-DATA hat entschieden, wer der Kommandant ist“, erinnerte Bradford sein Gegenüber und bereute es auch gleich schon wieder. Es war ein Fehler, sich auf derartige Diskussionen überhaupt einzulassen. Sie führten zu nichts. Man konnte Ozobeq zum hundertsten Mal erklären, dass seine Hirnstruktur sich durch die Bestrahlung im Sonnenhof auf eine Weise verändert hatte, die es ALGO-DATA unmöglich machte, ihn als autorisierten Kommandanten zu akzeptieren. Sein Realitätsverlust war derart fortgeschritten, dass er die Wahrheit zumindest in diesem Punkt einfach ausblendete.

„Du willst meine Hilfe?“, fragte er. „Dann überlass mir das Kommando! Übergib mir ALGO-DATA.“

„Sie würde dich nicht akzeptieren“, erwiderte Bradford mit all der Gelassenheit, zu der er im Augenblick fähig war. Die Stimmen wurden lauter. Sie erzwangen förmlich seine Aufmerksamkeit.

Der Noroofe trat näher.

Seine umfassenden, für Menschen kaum nachvollziehbaren Sinne schienen John Bradford für einige Augenblicke eingehend zu erforschen.

„Mit dir stimmt etwas nicht“, stellte er fest.

Er streckte einen Arm aus.

Bradford wich instinktiv einen Schritt zurück.

„Uns steht eine Auseinandersetzung mit den Hegriv bevor“, sagte Bradford und versuchte die Bemerkung des Noroofen genauso zu ignorieren wie das Hintergrundrauschen der Stimmen, die immer aufdringlicher wurden. „Es ist auch in deinem Interesse, dass wir nicht in deren Hände geraten.“

Ozobeq begann unverständliche Dinge vor sich hinzumurmeln. Er benutzte dabei Sprachen, die auch Bradfords Chip-Implantat nicht oder nur teilweise zu übersetzen vermochte. Dann wurden seine Worte plötzlich wieder vollkommen klar.

„Rottet sie alle aus! Die Hegriv sind das Böse schlechthin! Tötet sie, wo immer ihr auf sie trefft! Gebt mir das Kommando zurück! Verbrennt ihren Stock und ihre Brut! Vernichtet sie!“

Es hat keinen Sinn, sich weiter mit ihm zu unterhalten, erkannte Bradford. Es führt einfach zu nichts.

In diesem Zustand konnte der Noroofe keine Hilfe sein.

Bradford verließ das Quartier des Noroofen wieder über den Türtransmitter und ließ sich in Oziroonas Kabine bringen.

Die Noroofin verharrte regungslos auf dem Boden.

Die Arme waren auf eigenartige Weise mit den Beinen verschränkt. Sie schien trotz ihrer umfassenden Sinneswahrnehmung nichts von Bradfords Anwesenheit zu bemerken.

Von ihrer ehedem so beeindruckenden Präsenz war nicht einmal mehr ein Hauch zu spüren.

„Oziroona!“, sprach Bradford sie an.

Trotz der ihn etwas verwirrenden Hintergrundstimmen, die sein Bewusstsein malträtierten, war sich der Kommandant der CAESAR II eigentlich sicher, dass sein Gedankenstrom konzentriert genug gewesen war, um ihr Bewusstsein zu erreichen.

Bradford bekam keine Antwort.

Stattdessen meldete sich ALGO-DATA akustisch über das Kom-System des Schiffes.

„In diesem Zustand verharrt sie bereits seit Stunden“, erklärte die KI. „Anscheinend ist sie derzeit nicht ansprechbar und ihrer eigenen Welt gefangen.“

„Genau wie Ozobeq, nur auf etwas andere Weise“, kommentierte Bradford.

Und vielleicht wie du selbst in Kürze!, fügte er noch in Gedanken hinzu.



*

Die Stunden krochen dahin.

Josephine und Bradford befanden sich allein in der Zentrale der CAESAR II. Bradfords Blick verlor sich in den Holosäulen, während Josephine immer noch das vorhandene Datenmaterial daraufhin durchforstete, wo sich ein Ansatzpunkt für das weitere Vorgehen ergab.

Der Gedanke an Trasa war allgegenwärtig.

Im Grunde wusste sie nicht genau, welcher Art die Gefühle eigentlich waren, die sie für den Togasa empfand. Aber sie waren auf jeden Fall von verwirrender Intensität. Im Augenblick wurden sie ohnehin von der Angst überlagert, dass womöglich jede Hilfe für die Besatzung der VORAUSSCHAU zu spät kam.

Bradford schien insbesondere jene Projektion zu interessieren, in der die Positionen der Dreizack-Schiffe markiert waren.

Einige der Hegriv-Schiffe waren in der Zwischenzeit wieder zum Stock zurückgekehrt. Offenbar hatten sie lediglich eine Sicherungs- und Beobachtungsfunktion. Es gab kein konkretes Ziel auf das ihre Operation ausgerichtet war.

Einer der Türtransmitter wurde aktiviert.

Ein Schwarm von Nano-Teilchen schwebte herein, drang teilweise ungehindert durch eine der aus dem Boden emporragenden Konsolen hindurch und sammelte sich in Bradfords Nähe zu einer pseudo-humanoiden Gestalt.

„Marcus!“, entfuhr es Bradford.

An der Oberfläche des Nano-Körpers wogten noch immer Schwärme kleinster Teilchen hin und her. Auf diese Weise wurde ein Bild der Unruhe erzeugt.

„Wo ist Otlej?“, fragte Bradford.

„Er ist in seinem Quartier und sucht neue Kraft im Ersten Korn oder so ähnlich. Aber das sind diesmal nicht Anzeichen beginnender psychischer Instabilität.“ Der Unterton in Marcus’ Antwort gefiel Bradford nicht.

Aber er hatte keine Zeit, länger darüber nachzudenken.

Außerdem sorgten die Stimmen dafür, dass er abgelenkt wurde. Sie begannen wieder zu flüstern. Ihr Wispern wirkte wie das störende Hintergrundrauschen einer qualitativ minderwertigen Audioaufnahme. Es war sinnlos, sie wirklich verstehen zu wollen. Aber die Versuchung war für Bradford sehr groß, es zu versuchen.

Er wirkte abwesend.

Sein Blick ging ins Leere.

„Ist dir nicht gut?“, fragte Josephine.

„Alles bestens“, behauptete er. Ein Ruck durchlief ihn, und er wirkte wieder präsent. Er wandte sich an Marcus und sagte: „Wir haben einen Plan, in dem du eine entscheidende Rolle spielen würdest.“

„Vorausgesetzt, du bist damit einverstanden. Das Risiko ist nämlich hoch“, ergänzte Josephine.

Marcus’ Haltung straffte sich etwas. „Mir passiert schon so schnell nichts“, erklärte er. „Und inzwischen habe ich mich an den Umgang mit meinem neuen Körper ja schon ziemlich gut gewöhnt.“

Bradford aktivierte eine Projektion.

„Du siehst hier die Bewegungen der Dreizack-Schiffe im Zeitraffer. Ihre Kontrollflüge folgen einem exakten Schema. Sie kehren regelmäßig zum Stock zurück und durchfliegen den umgebenden Raumsektor auf ganz bestimmten Bahnen, die sich mit Hilfe von Simulationen ziemlich exakt vorherberechnen lassen.“

„Zunächst waren wir der Ansicht, dass wir möglicherweise die Manöver der Dreizack-Schiffe ausgelöst haben“, ergänzte Josephine. „Aber das scheint ein Irrtum gewesen zu sein. Die Operationen folgen einem Routinemuster.“

„Sollte uns das jetzt beruhigen?“, fragte Marcus.

Die Tattoos über Josephines Augen hoben sich.

„Das heißt, dass die andere Seite vermutlich noch nichts von unserer Anwesenheit ahnt und unsere Tarnsysteme hervorragend funktionieren.“

„Und wie lautet nun der Plan?“, hakte Marcus nach.

Bradford überließ Josephine die Erläuterung der Einzelheiten.

„Einer der Dreizacks wird ziemlich nahe an uns vorbeifliegen. Wir sehen zu, dass wir nahe genug herankommen, damit du eine Kurzstreckenteleportation durchführen kannst. Ich denke, es wird dir keine Schwierigkeiten bereiten, an Bord des Schiffes unbemerkt zu bleiben. Vielleicht schaffst du es sogar, dich in die Datenbänke einzuloggen und daraus Erkenntnisse zu sammeln. Schlussendlich wird der Dreizack zu seinem Stock zurückkehren …“

„Ich verstehe“, murmelte Marcus.

Die Nanostrukturen auf seiner Körperoberfläche hatten sich nun vollkommen beruhigt.

Sie bildeten eine glatte, dunkle Fläche, die beinahe metallischen Charakter zu haben schien.

„Monts Rüstung verfügt über hervorragende Tarneigenschaften, zum Beispiel den Chamäleoneffekt“, fuhr Marcus schließlich nach kurzer Pause fort. „Die meisten dieser Fähigkeiten beherrsche ich bereits einigermaßen. Ich sehe also kein Problem darin, mich innerhalb des Stocks unbemerkt zu bewegen und herauszufinden, was aus der VORAUSSCHAU und ihrer Mannschaft wurde.“

Bradford nickte.

„Gut.“

„Wann geht es los?“

„Das angestrebte Rendezvous mit dem Dreizack-Raumer könnte in zwei oder drei Stunden stattfinden.“

„In Ordnung. Ich bin bereit.“

Marcus machte ein paar Schritte und ließ sich in einem Schalensitz nieder. Er schlug die Beine übereinander und verschränkte die Arme.

Bradford lauschte unterdessen den Stimmen. Sie stritten heftig miteinander. Er konnte nicht sagen, worum es ging. Aber er spürte, dass er selbst das Objekt dieses Streits war.

Hör nicht hin!, versuchte er sich einzureden. Ignoriere diese Splitter aus nicht mehr existenten Bewusstseinen!

„Wie war eigentlich dein Gespräch mit Ozobeq?“, erkundigte sich Marcus an Bradford gewandt.

Der Kommandant schien ihm zunächst nicht wirklich zuzuhören. Bradford antwortete mit geringfügiger Verzögerung.

„Ozobeq ist im Moment in einer Verfassung, in der er uns wohl kaum zu helfen vermag“, sagte Bradford.

„Und was ist mit deiner Verfassung?“, fragte Marcus.

„Worauf willst du hinaus?“

„Riugerob hat mit mir gesprochen. Er berichtete, dass Naea sich an ihn gewandt hat. Das Mädchen hat beobachtet, wie du mit Unsichtbaren geredet hast und befürchtet nun, dass du auf dem besten Weg bist, den Verstand zu verlieren.“

Bradford nickte.

Es hatte keinen Sinn, weiter darum herumzureden. „Ich habe dem keine sonderlich große Bedeutung zugemessen“, erklärte er. „Aber seit unserer Rückkehr ins Normaluniversum machen sich die Bewusstseinsrückstände meiner Implantate immer stärker bemerkbar. Ich höre Stimmen. Aber ich verliere nicht den Verstand, wenn es das ist, worauf du hinaus willst.“

Einige Augenblicke lang herrschte Schweigen.

Bradford erhob sich aus seinem Schalensitz.

Er schluckte und sagte schließlich: „Ich habe alles unter Kontrolle. Schließlich ist es nicht das erste Mal, dass ich mit diesen Phänomenen zu kämpfen habe.“

„Fragt sich nur, wie lange du noch alles unter Kontrolle hast“, erwiderte Marcus. „Tut mir leid, dir das sagen zu müssen, aber sieh dir Oziroona und Ozobeq an. Sie sind geistige Wracks geworden.“

„Aber doch aus einer anderen Ursache!“, erwiderte Bradford.

„Weißt du das genau?“, fragte Marcus. „Wir kennen doch die Ursache letztlich gar nicht – weder, was die Veränderungen bei den beiden Noroofen angeht, noch was dich betrifft. Wir haben keine Ahnung, ob und wenn ja in welchem Zeitrahmen sich dein Zustand verschlimmern wird und du vielleicht doch die Kontrolle verlierst.“

„…oder dir ALGO-DATA das Kommando entzieht, wie sie es schon bei Oziroona und Ozobeq getan hat“, mischte sich Josephine ein. „Marcus hat Recht, wir müssen der Ursache für diese mentalen Veränderungen auf die Spur kommen.“

Bradford atmete tief durch.

„Ich hatte gehofft, das noch etwas vor mir herschieben zu können“, meinte er. „Zumindest so lange, bis wir sicher wissen, was mit der VORAUSSCHAU-Mannschaft geschehen ist. Außerdem …“ Er stockte.

„Was?“, hakte Josephine nach.

John Bradford zuckte die Achseln.

„Ich sehe gegenwärtig ehrlich gesagt kaum eine Möglichkeit, den psychischen Zustand der beiden Noroofen oder den meiner Person wirksam zu beeinflussen.“

„Weil du immer noch felsenfest davon überzeugt bist, dass es mit den Bewusstseinssplittern zu tun hat“, stellte Josephine fest. „Und im Fall der Noroofen vielleicht mit den hirnbiologischen Veränderungen, die sie seit der Bestrahlung im Sonnenhof erfahren haben.“

„Natürlich.“

„Aber wäre nicht auch eine externe Ursache denkbar?“

„Ich verstehe nicht, worauf du hinaus willst, Josie. Im Übrigen glaube ich nicht, dass zwischen meinen Problemen und der geistigen Zerrüttung der Noroofen – oder meines Vaters – irgendein Zusammenhang besteht. Die Ursachen liegen teilweise auf der Hand und sind völlig verschieden.“

„Mir fällt einfach nur der zeitliche Zusammenhang auf! Außerdem gleichen sich anscheinend die Störungen, unter denen die Betroffenen leiden“, sagte Josephine. „Zumindest, soweit man sagen kann. Ich glaube nicht, dass Ozobeq und Oziroona zur Zeit bereit wären, ausführlich über ihre Wahrnehmungsstörungen Auskunft zu geben.“

„Josephine, das führt doch alles zu nichts!“, fuhr John Bradford dazwischen. Gleichzeitig wurden die Stimmen wieder unerträglich laut. Sie sprachen jetzt eindeutig Englisch. Aber die Wortfolgen waren sinnlos. So als wäre eine Audioaufnahme mit Hilfe eines Computerprogramms Wort für Wort zerhackt und anschließend wieder zusammenmontiert worden, wobei die Reihenfolge der einzelnen Aufnahmepartikel durch einen Zufallsgenerator bestimmt worden war. Sprachmüll. Das war es, was dabei herauskam. Manche der Stimmen glaubte Bradford zu erkennen. War das nicht …?

Hör auf, lass dich nicht darauf ein!, versuchte er sich selbst aus der Falle zu befreien, die es bedeutete, sich zu sehr auf irgendein Merkmal der Stimmen einzulassen. Sobald man das tat, war man verloren und versank im eigenen inneren Chaos. Oder begann sogar mit ihnen zu sprechen, wie es Naea offenbar unglücklicherweise mitbekommen hatte.

Das war dann der Verlust jeglicher Kontrolle.

Der Verlust der Realität.

Wahnsinn.

Du stehst näher am Abgrund, als du dir selbst wohl eingestehen willst!, ging es Bradford durch den Kopf. Auch wenn du von Josephines Hypothese einer externen Ursache nichts hältst, so hat sie doch vollkommen Recht damit, diesem Problem Priorität einzuräumen!

John Bradford schloss die Augen.

Die Stimmen wurden schwächer, traten mehr und mehr zurück und wurden schließlich wieder zu einem unangenehmen Wispern im Hintergrund.

„Auffällig ist das schon“, hörte er Josephine sagen. „Sowohl bei dir, als auch bei Oziroona und Ozobeq traten die Probleme erst auf, nachdem wir das Paralleluniversum verlassen hatten. Oder hattest du auch während unseres Aufenthalts dort irgendwelche Wahrnehmungsstörungen?“

Bradford schüttelte entschieden den Kopf.

„Nein.“

„Na also! Es könnte eine externe Ursache geben, die im Parallelraum nicht vorhanden war.“

„Das klingt einleuchtend“, fand Marcus. „Wir sollten ALGO-DATA mit einer Wahrscheinlichkeitsberechnung beauftragen.“

Bradford musste zugeben, dass Josephines Argumentation nicht so einfach von der Hand zu weisen war.

Wenig später lagen ALGO-DATAs Berechnungen zu diesem Problem vor.

Die Wahrscheinlichkeit einer externen Ursache der aufgetretenen psychischen Störungen gab die Schiffs-KI mit über achtzig Prozent an.

Ein eindeutiges Ergebnis.

„Die Suche nach einer Ursache der aufgetretenen Probleme steht damit natürlich erst am Anfang“, stellte Josephine klar.


***



Der Schwarm von Nano-Teilchen erschien wie aus dem Nichts. Es sah aus, als würden sie in diesem Augenblick gerade erst entstehen. So als würde sich die Luft zu kleinen schwarzen Punkten verdichten, von denen jeder zu autonomer Bewegung fähig war, gleichzeitig aber erkennbar einen Verbund mit dem gesamten Schwarm bildete.

Die Teilchen verdichteten sich weiter und bildeten wenig später eine pseudo-humanoide Gestalt.

Marcus.

Er befand sich in einem engen Korridor. Zu beiden Seiten waren technische Aggregate angeordnet. Marcus vermutete, dass es sich um die Konverter der Triebwerke handelte.

Es gab nur wenig Licht im Inneren des Hegriv-Schiffes. Aber Marcus machte das nichts aus. Mit Hilfe seiner kybernetischen, sehr umfassenden Sinne vermochte er sich notfalls auch in vollkommener Dunkelheit zu orientieren.

Er musste sehr vorsichtig vorgehen.

Andernfalls gefährdete er nicht nur sich selbst, sondern auch die CAESAR. Denn sobald die Hegriv den Eindruck gewannen, von einer Invasion bedroht zu sein, würden sie das umliegende Raumgebiet noch weitaus intensiver absuchen, als sie es ohnehin schon routinemäßig taten.

Eine zweite Chance wird es nicht geben, war Marcus klar.

Er bewegte sich den Korridor entlang.

Ein surrendes Geräusch ertönte und ließ ihn augenblicklich erstarren.

Ein zylinderförmiges Objekt schwebte in rasendem Tempo den Korridor entlang.

An der Unterseite befand sich ein Kranz, aus dem ein Dutzend Greifarme verschiedener Länge und Stärke hervorragten.

Marcus löste seine Körperstruktur auf.

Gerade noch rechtzeitig, sodass das zylinderförmige Objekt quasi durch ihn hindurch glitt und es nicht zu einem Zusammenprall kam.

Mit Hilfe des Chamäleoneffektes wurde Marcus – oder besser gesagt: Der Schwarm von Nano-Teilchen, in den er sich verwandelt hatte – unsichtbar.

Die Nano-Teilchen passten sich an die Oberflächenstruktur der metallischen Maschinenhüllen an, die zu beiden Seiten des Ganges zu finden waren. Sie wurden ein Teil davon.

Bei dem Zylinderförmigen handelte es sich offenbar um einen Roboter.

Er blieb an einer ganz bestimmten Stelle stehen, schwebte weiterhin in der Luft und verharrte vollkommen still. Marcus war erstaunt darüber, wie abrupt er abgebremst hatte.

Mehrere seiner Greifarme dockten an eine der Maschinen an.

Ein zischendes Geräusch entstand.

Möglicherweise hatte dieser Robot irgendwelche routinemäßig auszuführenden Wartungsarbeiten ausführen.

Er hätte mich bemerken müssen!, ging es Marcus durch die Gedanken.

Aber ganz offensichtlich war das nicht der Fall.

Konnte es sein, dass diese Drohne über keinerlei Außensinne verfügte?

Warum nicht? Wenn sie nur für ganz spezielle Aufgaben geschaffen wurde?

Marcus stand nicht der Sinn danach, das weiter auszutesten.

Seine Nano-Teilchen durchdrangen mehrere der Aggregate und erreichten schließlich einen anderen Korridor. Zunächst blieb er getarnt, sah sich erst einmal um. Schließlich wollte er nicht unverhofft auf Besatzungsmitglieder treffen. Aber es war niemand hier. Er war allein. Dennoch verzichtete er darauf, einen pseudo-humanoiden Körper auszubilden. Stattdessen durchstreifte er weiter als Nano-Schwarm das Schiff, erforschte Raum für Raum. Es gab nur wenig Platz in dem Dreizack-Schiff. Dafür war es bis oben hin mit Technik vollgestopft. Die schmalen Korridore konnten unmöglich als Aufenthaltsräume für Mannschaften dienen.

Immer wieder begegneten ihm schwebende Robot-Drohnen. Sie führten offenbar tatsächlich Wartungsarbeiten durch und schienen über keine Möglichkeiten der äußeren Wahrnehmung zu verfügen.

Wahrscheinlich war das für diese Roboter auch vollkommen unnötig. Sie bewegten sich nur innerhalb des Schiffes, dessen Grundriss in ihre Programmierung eingegeben war.

Marcus wich ihnen dennoch, so gut es ging, aus.

Er durchstreifte weiter das Schiff und hatte schon den Verdacht, dass es sich um eine vollkommen robotisch gesteuerte Einheit handelte, ehe er schließlich die Zentrale erreichte.

Die Zentrale war mit Abstand der größte Raum an Bord.

Sie durchmaß fast sechs Meter.

Und doch herrschte drangvolle Enge.

Marcus verbarg sich in einer der Konsolen, mit der er so verschmolz, dass auch ein noch so leistungsfähiges optisches Organ ihn nicht entdeckt hätte.

Ein einziger Hegriv befand sich in einem speziellen, seiner bizarren Anatomie angepassten Steuersitz.

Seine äußere Erscheinung wirkte wie eine absonderliche Kreuzung aus Seestern und Spinnentier. Sechs große, jeweils etwa anderthalb Meter lange Extremitäten waren erkennbar. Sie waren sehr groß und eigneten sich nicht zur Bedienung von technischen Geräten, dafür wirkten sie außerordentlich kräftig. Die Außenhaut war segmentiert wie bei Würmern.

In der Mitte befand sich eine knotenartige Verdickung, die den eigentlichen Körper bildete, der im Vergleich zu den Hauptextremitäten eher klein wirkte. Hier war ein Kranz von weiteren, sehr viel feingliedrigeren Extremitäten zu finden, von denen man sich weitaus eher vorstellen konnte, dass mit ihrer Hilfe technische Systeme bedient wurden.

Über äußerlich sichtbare Sinnesorgane schien der Hegriv ebenso wenig zu verfügen wie über eine Körperöffnung, über die Nahrungsmittel aufgenommen werden konnten oder ein Organ, das der Erzeugung von Tönen diente.

Ein augen- und ohrenloses Monstrum.

Dutzende von Kabelverbindungen führten zu seinem Körper. Die Kabel waren über Interfaces sowohl mit den Hauptextremitäten, als auch mit der Mehrzahl der feingliedrigen Arme des inneren Kranzes verbunden.

Der Pilot, dachte Marcus. Er ist das einzige Besatzungsmitglied.

Offenbar hatte der Hegriv über die Kabelverbindungen direkten Zugriff auf die Systeme des Schiffes. Vielleicht steuerte er sogar die Drohnen.

Es gab keine Anzeigen, Displays oder Bildschirme. Vermutlich wurden die Daten direkt ins Gehirn – oder dessen Äquivalent – eingespielt und dort ähnlich wie Traumbilder projiziert.

Für Marcus bedeutete dies jedoch, dass er hier in der Zentrale keinerlei Informationen gewinnen konnte.

Er musste sich in den Bordrechner einloggen.

Ein gewisses Risiko war dabei, andererseits missfiel ihm, sich nur als im wahrsten Sinn des Wortes blinder Passagier an Bord des Dreizack-Raumers aufzuhalten.

Er wollte wissen, was geschah.

Außerdem war es sicherlich interessant zu erfahren, mit welcher Mission das Schiff eigentlich losgeschickt worden war.

Marcus verließ die Zentrale.

Selbst wenn der Hegriv-Pilot Augen gehabt hätte, so wäre es für ihn unmöglich gewesen, davon etwas zu bemerken.

Auch die Sicherheitssysteme des Dreizacks schienen auf einen Eindringling wie Marcus nicht vorbereitet zu sein.

Es wurde keinerlei Alarm ausgelöst. Für den Hegriv-Piloten lief der Flug absolut störungsfrei und routinemäßig ab.

Der Bordrechner befand sich nicht weit von der Zentrale.

Der Hauptspeicher war in einem Kristallblock untergebracht. Das physische Eindringen bedeutete für Marcus keinerlei Schwierigkeiten. Aber er schreckte noch davor zurück, sich in das System einzuloggen.

Es gab eine Grundregel dabei, die eigentlich seit Zeiten der ersten Hacker unveränderte Gültigkeit behalten hatte.

Wenn man versuchte, in ein fremdes System einzudringen, musste man nicht den Haupteingang benutzen. Der war in der Regel gut gesichert. Vielversprechender war es, über einen Nebeneingang vorzudringen. Irgendeinen Rechner, der mit der Zentraleinheit verbunden war, aber nur eine untergeordnete Funktion hatte. Marcus verließ den Zentralspeicher wieder, nachdem er dessen Struktur genau erfasst hatte.

Er durchstreifte weiter das Schiff.

Marcus stieß auf die umfangreichen Waffensysteme. Für einen Systemeinstieg waren sie ungeeignet. Normalerweise unterlagen die Waffensysteme besonders strengen Sicherheitsvorkehrungen. Das schien eine Art universelles Gesetz zu sein. Marcus musste eine andere, vielversprechendere Möglichkeit finden.

Zunächst glaubte er, die Fernsteuerung der Außenschotts für seine Zwecke benutzen zu können. Vorsichtig erforschte er sie mit Hilfe seiner kybernetischen Sinne. Dann musste er aber feststellen, dass es keinerlei Zugang zum Zentralrechner gab. Der Hegriv-Pilot steuerte die Außenschotts offenbar durch direkte, durch seine Verkabelung abgegebene Impulse. Ein Sicherheitsvorteil, wenn der Rechner nicht mehr funktionsfähig oder durch Fremdkontrolle ausgeschaltet war, und der Pilot das Schiff verlassen wollte.

Schließlich wurde Marcus aber doch noch fündig.

Der Kontrolle der künstlichen Schwerkraft an Bord des Dreizacks schienen die Erbauer kaum Priorität zugesprochen zu haben. Der interne Kontrollrechner dieser Systemkomponente befand sich im mittleren Bereich des Schiffs und war einem Raum angegliedert, der vermutlich als Transportreservoir diente. Gegenwärtig war er leer.

Das Einloggen war leicht, und gleichzeitig war der interne Kontrollrechner mit dem Hauptsystem verbunden.

Das war der gesuchte Nebeneingang.

Aber kaum war er im System, wurde ein Alarmsignal ausgelöst.

Der mit dem Schiff verkabelte Hegriv in der Zentrale zuckte regelrecht zusammen.

Es gab einen Eindringling!

Umgehend wurden Abwehrmaßnahmen ergriffen.

Marcus spürte dies mit jedem Partikel. Ich werde das ganze Schiff zum Gegner haben!, durchzuckte es sein Bewusstsein.



*

Der Hegriv war eins mit dem Schiff.

Dessen einzelne Komponenten waren wie Verlängerungen seines Körpers, die er direkt zu steuern vermochte. Die künstlichen Sinne des Dreizacks waren sein Fenster zur Außenwelt.

Etwas war in das Schiff eingedrungen.

Etwas oder jemand.

Standardabwehrprozedur!, befahl der Hegriv.

Ist routinemäßig bereits erfolgt, meldete ihm der Bordrechner.

Diese Prozedur war immer gleich.

Die von einem Angriff betroffenen Sektionen wurden isoliert und vom Zentralsystem abgekoppelt, um ein Übergreifen auf weitere Bereiche zu verhindern.

Genau das war geschehen.

Der Hegriv stellte fest, dass die Steuersysteme der künstlichen Schwerkraft betroffen waren.

Letztlich war die künstliche Schwerkraft nur Luxus. Für den Betrieb des Schiffes war sie ebenso verzichtbar wie auch für die Aufrechterhaltung der Körperfunktionen des Hegriv. Sie sorgte lediglich für bessere physische Leistungsfähigkeit bestimmter Hirnsektionen seines Körpers, die für die Schiffssteuerung wichtig waren.

Notfalls aber konnte auf die künstliche Schwerkraft vollkommen verzichtet werden.

Der Hegriv spürte, wie sie abgeschaltet wurde.

Er besaß innerhalb seines Körpers ein Gleichgewichtsorgan, das dadurch für ein paar Augenblicke leicht gestört wurde.

Es sind folgende Optionen möglich, belehrte ihn der Bordrechner. Sofortige und rückstandslose Zerstörung des betroffenen Sektors oder Zerstörung des betroffenen Sektors nach eingehender Analyse.

Ich möchte wissen, was es geschafft hat, in unser System einzudringen, stellte der Hegriv fest.

Analyse wird durchgeführt.

Der Hegriv wartete ab.

Gleichzeitig ließ er sämtliche Innensensoren des Schiffes auf Hochtouren laufen. Jedes noch so minimale Abweichen von den Normwerten konnte eventuell auf den Eindringling hindeuten. Jede Schwankung der Temperatur, jede elektromagnetische Anomalie, jede noch so minimale Strahlungsquelle, die an Bord des Schiffes eigentlich nichts zu suchen hatte.

Analyse abgeschlossen, meldete der Bordrechner. Unautorisierter Zugriffsversuch auf den Zentralrechner über das Modul zur Steuerung der künstlichen Schwerkraft. Ein Datensatz mit virenartigen Eigenschaften konnte isoliert werden.

Konnte noch irgendetwas aus dem Steuermodul entweichen?, vergewisserte sich der Hegriv.

Der Bordrechner verneinte dies.

Sämtliche Zugänge wurden rechtzeitig gesperrt. Das Modul ist von einem Eindämmungsfeld umgeben.

Der Hegriv war zufrieden.

Zerstören!, war sein unmissverständlicher Befehl.

Nur einen Sekundenbruchteile später wurde der gesamte, vom Eindämmungsfeld umschlossene Sektor förmlich eingeschmolzen.



*

„An Bord des Dreizacks hat es eine thermische Energieentladung gegeben“, meldete ALGO-DATA.

„Ursache?“, fragte John Bradford.

„Möglicherweise der Gebrauch von Waffen“, erklärte ALGO-DATA. „Genauere Daten können nicht erhoben werden. Unsere Ortungsergebnisse werden zunehmend schlechter.“

Bradford nickte leicht.

Die CAESAR schwebte antriebslos in die Gaswolke hinein, deren elektromagnetische Turbulenzen die Ortung mehr und mehr störten. Auf der anderen Seite nahm der Abstand zu dem Dreizack-Schiff zu.

„Wir müssen ja nicht gleich annehmen, dass diese thermische Reaktion etwas mit Marcus’ Anwesenheit zu tun hat“, meinte Josephine. „Außerdem ist sein Nano-Körper doch recht hitzebeständig, wenn ich mich nicht irre.“

Aber in dieser Hinsicht widersprach ALGO-DATA.

„Die gemessenen Temperaturwerte würden ausreichen, um seinen Nano-Körper zumindest nachhaltig zu schädigen, wenn nicht sogar vollständig zu zerstören. Es handelt sich um eine kontrollierte Fusion innerhalb eines Eindämmungsfelds, das wie ein Transmitter funktioniert. Die zusammengeschmolzenen Rückstände gelangten in den Weltraum. Die Materialisation dieser Überreste konnte angemessen werden. Es handelt sich um glühend heißes Plasma, das durch die Schockkühlung im Weltraum anomale Strukturen bildet.“

„Falls sich Marcus im Einflussbereich dieses Abschirmungsfeldes befunden hat, dürfte nichts mehr von ihm übrig geblieben sein“, erläuterte ALGO-DATA.

Bradford atmete tief durch.

„Es bleibt wohl nichts anderes übrig, als abzuwarten“, meinte Bradford.

ALGO-DATA schien im Augenblick ein ausgesprochenes Talent zur Förderung des Pessimismus zu haben. „Meine Analysen sind abgeschlossen. Die Wahrscheinlichkeit, dass es sich um eine Vorgehensweise zur Eliminierung von Eindringlingen handelte, liegt danach bei über neunzig Prozent.“




*

Der Augenblick des Rendezvous rückte näher. Bradford nahm in einem der Sarkophagsitze in der Zentrale Platz und steuerte die CAESAR II an den Rand des Asteroidenfeldes, in dem sich das Raubvogelschiff bisher verborgen hatte.

Das anvisierte Dreizack-Schiff nähert sich, meldete ihm ALGO-DATA. Rendezvous in zehn Minuten deiner Zeitrechnung.

Die Schiffs-KI zeigte ihm in einer veranschaulichenden Darstellung die vorherberechneten Kurse beider Schiffe. Die CAESAR würde sich vollständig getarnt dem Dreizack so weit wie möglich nähern. Für Marcus blieben nur wenige Augenblicke, um die Kurzstreckenteleportation durchzuführen und sich an Bord des Schiffes zu begeben.

Die CAESAR würde sich sofort wieder zurückziehen.

Eine interstellare Gaswolke, deren Masse wohl zu klein war, um jemals einen Stern bilden zu können, hatte ALGO-DATA als geeigneten Fluchtpunkt ausgemacht. Die starke elektromagnetische Aktivität im Inneren der Wolke erschwerte die Ortung.

Mit den künstlichen Sinnen des Schiffes sah Bradford, wie sich das Hegriv-Schiff näherte.

Zum vorherberechneten Zeitpunkt schnellte die CAESAR aus dem Asteroidenfeld heraus und näherte sich der dem Hegriv-Stock entgegenstrebenden Dreizack-Einheit gerade so weit, wie es für Marcus’ Kurzstreckenteleportation notwendig war.

Marcus hatte sich auf diesen Moment gut vorbereitet und innere Kräfte gesammelt.

Eine Teleportation gehörte noch immer nicht zu den Funktionen seines Körpers, die für ihn selbstverständlich geworden waren. Andererseits beherrschte er sie gut genug, um das Risiko einzugehen.

Er entmaterialisierte von der Zentrale der CAESAR.

Die Nano-Teilchen, aus denen seine pseudo-humanoide Gestalt bestand, flossen förmlich auseinander und verblassten. Sie verschwanden einfach.

Die CAESAR zog in einer hyperbelartigen Bahn an dem Dreizack-Schiff vorbei und verschwand in den elektromagnetischen Turbulenzen der interstellaren Staubwolke, bei der es sich vielleicht um die Trümmer eines Sterns handelte, der durch die starken Gravitationskräfte zwischen den relativ eng beieinander positionierten Sonnen im Zentrumsbereich der Großen Magellanschen Wolke förmlich auseinander gerissen worden war.

Operation ausgeführt, stellte ALGO-DATA lapidar fest.

Viel Glück, Marcus, dachte John Bradford.

Aber er selbst hatte genauso viel davon nötig.

Die wispernden Stimmen im Hintergrund ließen daran keinerlei Zweifel.


***


*

Noch 3,7 Standardeinheiten bis zum Erreichen des Stocks, meldete der Bordrechner.

Der Hegriv-Pilot nahm diese Meldung ohne erkennbare Reaktion hin.

Ist die Analyse abgeschlossen?, wollte der Pilot wissen.

Es wurden keinerlei abweichende Werte gemessen, behauptete der Bordrechner.

Ich möchte, dass die Analyse noch einmal durchgeführt wird und diesmal die Toleranzwerte verringert werden, verlangte der Hegriv.

Schon wenige Augenblicke später lag das Ergebnis vor.

Es wurde erneut Alarm ausgelöst.

Vor dem inneren Auge des Hegriv erschien eine schematische Übersicht des Dreizack-Schiffes. Ein bestimmter Sektor war gut erkennbar markiert.

Leichte Normabweichungen der Werte in Sektor 21. Ursache unbekannt. Es muss sich nicht unbedingt um einen Eindringling handeln.

Da bin ich anderer Ansicht, äußerte der Hegriv. Abwehr-Prozedur variieren und im Abstand von jeweils einer halben Einheit wiederholen.

Befehl wird durchgeführt, bestätigte der Bordrechner. Es sind allerdings nicht alle Systeme einsatzbereit.

Warum nicht?, verlangte der Hegriv zu wissen.

Die Antwort des Bordrechners trug nicht gerade dazu bei, den Hegriv-Piloten zu beruhigen.

Es besteht der Verdacht einer Virusverseuchung von Teilen des Hauptspeichers. Die Überprüfung hat routinemäßig Priorität. Oder soll die Priorität verändert werden?

Nein, antwortete der Pilot.

Das Dreizack-Schiff näherte sich weiter dem gewaltigen Stock. Bevor das Schiff dort ankam, mussten die aufgetretenen Probleme gelöst sein.


***


*

Sekundenbruchteile bevor das Eindämmungsfeld selbst für Nano-Teilchen vollkommen undurchdringbar wurde, hatte Marcus sich zurückgezogen. Er war aus dem Inneren des Feldes hinaus teleportiert. Ein ziemlich ungezielter Sprung.

Er materialisierte zwischen den großen Maschinenblocks. Nur wenige Zentimeter waren zwischen den Gehäusen der einzelnen Blocks an Platz. Natürlich konnte Marcus nicht seine normale, pseudo-humanoide Körpergestalt einnehmen. Er war stattdessen ein formloser Schwarm von kleinen, schwarzen, wie Insekten wirkenden Nano-Partikeln.

Seine kybernetischen Sinne registrierten die gewaltige Fusionsreaktion, die derweil im Inneren des Eindämmungsfeldes vor sich ging.

Bevor diese Reaktion aus dem gesamten Hegriv-Schiff für Augenblicke eine kleine, künstliche Sonne machte, wurde der Inhalt des Feldes in den Weltraum transmittiert.

Marcus sammelte sich.

In einem Korridor nahm er wieder seine gewohnte Gestalt an.

Das war knapp!, war ihm klar.

Mit einem Virus hatte er gleichermaßen den Bordrechner und den Piloten zu täuschen versucht. Sollten die Abwehrmaßnahmen ruhig diesem Virus gelten. Vielleicht würde das von Marcus ablenken.

Lautlos glitt Marcus dahin. Sein Nano-Körper löste sich dabei zeitweise auf, zerfloss zu dem lockeren Verband eines Teilchenschwarms, um sich wenige Augenblicke später erneut zusammenzufinden.

Die physikalischen Parameter seines Nano-Körpers versuchte Marcus nach Möglichkeit dahingehend zu kontrollieren, dass keinerlei Abweichung von der Umgebung anzumessen war.

Er musste um fast jeden Preis unbemerkt bleiben.

Es war ein Fehler gewesen, zu versuchen, sich in den Bordrechner einzuloggen.

Die Tatsache, dass ihm das physische Eindringen in den Dreizack-Raumer so leicht gefallen war, hatte ihn dazu verführt, anzunehmen, dass er mit derselben Leichtigkeit das Datennetz an Bord anzuzapfen vermochte.

Aber dem war nicht so gewesen.

Stell dich tot, dachte Marcus.

Es war die einzige Chance, die er hatte.

Seine Nano-Partikel verschmolzen mit der Umgebung. Er war nichts zu sehen, nichts zu hören.

Marcus nahm einen Gegenstand wahr, der langsam durch den Korridor schwebte. Er war aus Metall. Marcus konnte keinerlei elektrische oder elektromagnetische Aktivität anmessen. Das Energieniveau war gleich null.

Es musste sich um irgendein Bauteil handeln, das aufgrund des Ausfalls der künstlichen Schwerkraft nun auf diese Weise durch das Schiff geisterte. Die Innensensoren des Schiffes waren offenbar besonders empfindlich eingestellt.

Mit seinen umfassenden Sinnen bemerkte Marcus eine Gruppe sich sehr schnell durch die Korridore bewegender Objekte. Sie hatten jeweils die Größe eines menschlichen Fingernagels. Die zielgerichtete Art und Weise, in der sie sich bewegten, ließ nur einen einzigen Schluss zu. Es handelte sich um winzige Drohnen.

Als sie das durch den Korridor trudelnde Objekt erreichten, zuckten breitgefächerte Strahlen aus ihnen heraus. Sie erfassten das metallische Objekt, hüllten es in ein Eindämmungsfeld ein.

Es glich jenem, mit dem der Subrechner zur Steuerung der künstlichen Schwerkraft abgeschirmt und anschließend vernichtet worden war.

Die explosionsartige Reaktion innerhalb des Feldes war deutlich zu sehen. Gleichzeitig wurde es mitsamt seinem Inhalt in den Weltraum gestrahlt. Marcus vermochte die erhöhten Strahlenwerte selbst durch die Außenhaut des Schiffes hindurch noch wahrzunehmen.

Die winzigen Drohnen verharrten, schwirrten weiter durch die Luft wie ein suchender Hornissenschwarm.

Irgendetwas hielt sie noch in diesem Bereich.

Marcus ahnte, dass er es war.

Seine Nano-Partikel verursachten möglicherweise irgendeine winzige Signatur, die von den Sensoren der Drohnen registriert wurden.

Marcus verharrte. Sämtliche zu seinem Körper gehörenden und jetzt mit den Wänden und den Maschinen verschmolzenen Nano-Partikel mussten unter absoluter Kontrolle bleiben. Er hatte keine Ahnung, wie gering die Messtoleranzen der Drohnen waren. Wie groß die Abweichungen von der Umgebungsnorm sein durften, um nicht die tödliche Aufmerksamkeit dieser Höllenmaschinen zu erregen.

Augenblicke lang geschah nichts.

Wie irritierte Hornissen kreisten die Drohnen umeinander.

Marcus wartete ab. Etwas anderes blieb ihm auch nicht. Bei der geringsten Reaktion musste er mit seiner Vernichtung rechnen. Das bisherige Abwehrverhalten des Schiffes war außerordentlich kompromisslos gewesen. Eher würde der Hegriv an den Steuerkabeln in der Zentrale eine ganze Sektion oder vielleicht sogar das Schiff vernichten, als einen Eindringling davonkommen zu lassen.

Wer sich bewegt, stirbt, dachte Marcus. Und wer sich nicht schnell genug bewegt, stirbt auch. So geht das Spiel.

Marcus Sinne waren hellwach.

Plötzlich formierten sich die Drohnen.

Strahlen schossen aus ihnen heraus und bildeten innerhalb von Sekundenbruchteilen ein Eindämmungsfeld, das einen ganzen Maschinenblock einhüllte. Etwa vierzig Prozent von Marcus’ Körpersubstanz hatte sich mit dem Material der Außenhülle dieses Blocks verschmolzen.

Ihm blieb also nichts anderes übrig als zu reagieren, wollte er nicht eine entscheidende, vielleicht sogar existenzbedrohende Schwächung riskieren.

Er wusste nicht, wie groß ein Substanzverlust seines Nano-Körpers sein durfte, ohne dass er irreversible Folgen nach sich zog.

Während der Auseinandersetzungen im Sol-System hatte Monts Rüstung schon einmal erheblich an Substanz verloren und sich später davon erholt. Aber dieser Verlust war mit dem, was ihm jetzt drohte, nicht zu vergleichen.

Die Nano-Teilchen zuckten förmlich aus dem Maschinenblock heraus. Beinahe die gesamte Körpersubstanz vermochte Marcus noch durch das entstehende Eindämmungsfeld zu bringen, das innerhalb von Millisekunden selbst für Nano-Partikel vollkommen undurchlässig wurde.

Gut 97 Prozent seiner Körpersubstanz konnte Marcus retten.

Mit einer gewaltigen Kraftanstrengung teleportierte er in den zentralen Frachtraum des Schiffes, während der eingedämmte Maschinenblock längst zerschmolzen und den Weltraum transmittiert worden war.

Der Frachtraum war leer.

Marcus’ Nano-Partikel sammelten sich kurz nach der Materialisation zu einem schwarmartigen Verbund. Es war notwendig, zwischendurch den Kontakt unter den Nano-Teilchen zu intensivieren. Noch war er nicht geübt genug im Umgang mit seinem Nano-Körper, als dass er dauerhaft als amorphes Gewirr von insektenartigen Einzelpartikeln zu existieren vermochte. Er hatte Angst, die Kontrolle über Teile seiner Körpersubstanz zu verlieren.

Wenige Sekunden reichten aus, um ihm selbst wieder eine klare Vorstellung vom Umfang seiner eigenen Substanz zu geben. Das war wichtig, um den Schwarm weiter beherrschen zu können.

Alles, was nicht in meinem Bewusstsein repräsentiert ist, geht unweigerlich verloren!, erkannte er. Die geistige Anstrengung für ihn war enorm. Irgendwann – später – würde es ihm vielleicht leichter fallen, jedes noch so entlegene Teilchen seiner selbst zu steuern. Aber noch empfand er sich im Status eines Lernenden, der diesen im wahrsten Sinn des Wortes für menschliche Begriffe fantastischen Körper und seine Möglichkeit erst erforschen musste.

Die Tatsache, dass er inzwischen schon viele seiner Funktionen nahezu perfekt beherrschte, änderte daran nichts.

Auch die Teleportation war ihm zunächst schwer gefallen. Die ersten Versuche waren kläglich gescheitert. Inzwischen war sie fast schon zur Routine geworden. Selbst im amorphen, schwarmartigen Zustand gelang sie ihm problemlos. Selbst wenn seine Körpersubstanz in den nur nanometergroßen Räumen zwischen den zu festen Gittern strukturierten Atomen von festen, metallischen Stoffen eingelagert war, irritierte ihn das nicht mehr, wie die Teleportation aus dem Maschinenblock eindrucksvoll gezeigt hatte.

Marcus’ Nano-Teilchen senkten sich in den Boden und verschwanden dort.

Abwarten und sich still verhalten war nun die Devise. Jegliche energetisch messbare Aktivität musste vermieden werden.

Eigentlich konnte es nicht mehr lange dauern, bis das Schiff den Stock erreichte.

Augenblicke dehnten sich zu einer kleinen Ewigkeit.

Marcus spürte, dass nach wie vor nach ihm gesucht wurde.

Nach ihm und dem Virus, den er in das Datennetz des Schiffes eingeschleust hatte, und dessen Aktivitäten den Hegriv vielleicht von ihm ablenken würden.

Marcus wartete.

Seine kybernetischen Sinne waren voller gespannter Aufmerksamkeit. Schließlich erreichte das Schiff den Stock. Marcus spürte es anhand von charakteristischen Veränderungen im Energieniveau. Der Dreizack-Raumer bremste ab.

Ein Hangar öffnete sich.

Das Schiff flog ein, landete sanft, während sich der Hangar wieder schloss.

Geschafft, dachte Marcus. Zumindest die erste Etappe …


*

Sicherheitsstatus ist unbedenklich, meldete der Hegriv-Pilot an die Zentrale des Stocks.

Es gab Eindringlingsalarm, war die Antwort der Zentrale. Außerdem wurden mehrfach Abwehrmaßnahmen durchgeführt.

Der Pilot antwortete: Die Abwehrmaßnahmen waren erfolgreich. Dadurch entstandene Schäden sollten umgehend behoben werden, um die Funktionsfähigkeit des Schiffes aufrecht zu erhalten. Sicherheitsprotokolle können jederzeit überspielt werden. Allerdings liegt dafür im Augenblick noch keine Freigabe der Übertragungswege vor.

Die Antwort der Zentrale war unmissverständlich.

Freigabe der Übertragungswege wird bis auf Weiteres nicht erteilt.

Der Pilot war irritiert. Warum nicht?

Zunächst wird eine Sicherheitsüberprüfung erster Klasse durchgeführt.

Diese Prozedur war jedem Piloten bekannt.

Der Hegriv-Pilot wusste, was vom Ausgang dieser Überprüfung für ihn selbst abhing. Augenblicke rannen dahin und dehnten sich zu einer quälend langen Zeitspanne.

Die Zentrale meldete sich wieder.

Sicherheitsüberprüfung erster Klasse wurde abgeschlossen, meldete sie.

Mit welchem Ergebnis?, fragte der Hegriv-Pilot.

Die Antwort der Zentrale glich für den Hegriv-Piloten einem Todesurteil. Im Datennetz dieser Schiffseinheit befindet sich eine virenartige, sich selbst reproduzierende Struktur. Notwendige Sicherheitsmaßnahmen werden umgehend eingeleitet.

Ehe der Hegriv-Pilot auch nur noch einen einzigen Gedanken fassen konnte, brach um ihn herum das Höllenfeuer einer Kernfusion aus.


*

John Bradford hatte die CAESAR II an den Rand des Gasnebels gesteuert. Das verschlechterte zwar die Tarnung, ermöglichte aber weiterhin eine einigermaßen störungsfreie Ortung des Dreizack-Schiffs, in das Marcus eingedrungen war.

Bislang jedoch hatten die Hegriv jedoch offenbar nichts von der Anwesenheit der CAESAR II in der Nähe ihres Stocks bemerkt. Selbst nach dem sehr riskanten Annäherungsmanöver an den Dreizack-Raumer nicht. Daher glaubte Bradford, das Risiko eingehen zu können.

Eine der Holosäulen zeigte die schematische Darstellung des umliegenden Raumsektors. Rote Linien deuteten die Manöver der Hegriv-Schiffe an, die offenbar ihrem Routineplan folgten.

Auch das war ein Zeichen dafür, dass die CAESAR noch unentdeckt war.

Zwischenzeitlich hatte es eine weitere Explosion an Bord des Dreizack-Schiffes gegeben. Sie glich der ersten angemessenen Fusionsreaktion, nur dass sie einen sehr viel größeren Sektor betraf. Kurz bevor das die Explosion umgebende Eindämmungsfeld zerrissen worden wäre, war sein Inneres wie schon beim ersten Mal hinaus ins All transmittiert worden.

Ein kleiner Lichtblitz in der Nähe des Dreizacks hatte davon Zeugnis abgelegt.

„Ich frage mich, was da vor sich geht“, meinte Josephine.

Besorgnis schwang in ihren Worten mit.

„Offenbar wehrt sich das Dreizack-Schiff noch immer gegen einen Eindringling“, war ALGO-DATAs Kommentar.

„Dann bedeutet das aber auch, dass Marcus noch lebt“, stellte Bradford fest. „Andernfalls würde diese Abwehrreaktion doch keinerlei Sinn ergeben.“

„Wenn du davon ausgehst, dass die Aktion Marcus galt, so ist deine Schlussfolgerung logisch“, erkannte ALGO-DATA an. „Nach meinen Berechnungen wurde ein ganzer Maschinentrakt aus dem Inneren des Schiffes zerstört und anschließend rückstandslos entfernt. Die Geschwindigkeit des Dreizacks hat sich daraufhin auch messbar verlangsamt.“

Bradford hörte wieder Stimmen.

Sie wisperten, redeten auf ihn ein, ohne dass er sie wirklich verstehen konnte. Ist das bereits eine Form von Schizophrenie, unter der ich leide?, ging es ihm durch den Kopf. Wann beginnt der Punkt, an dem man nicht mehr zurechnungsfähig ist? Wo ist die Grenze zwischen einer Störung der Wahrnehmung und dem völligen Fall in den Wahnsinn?

Bradford spürte, dass er von dieser unsichtbaren Grenze gar nicht so weit entfernt war. Möglicherweise hatte er sie sogar schon überschritten, ohne es zu merken. Ich habe dieses Problem zu Anfang nicht ernst genug genommen, erkannte er nun und hoffte, dass es dazu nicht schon zu spät war.

Josephine und ALGO-DATA hatten die ganze Zeit über intensiv nach einer externen Ursache der Bewusstseinsstörungen sowohl bei Bradford als auch bei den beiden an Bord befindlichen Noroofen geforscht.

Das Ergebnis war gleich null.

Noch war keine potentielle Ursache auszumachen.

Aber die Suche ging weiter.

Josephine schien die düsteren Gedanken zu erraten, die John Bradford bewegten. „Ich verstehe, was in dir vorgeht, John. Du zweifelst an dir selbst.“

„Ich weiß nicht mehr, wie lange ich noch ich selbst sein werde“, murmelte Bradford. „Sieh dir meinen Vater an – oder die beiden Noroofen. Sie leben in ihrem eigenen Universum. Das Schrecklichste, was man sich vorstellen kann!“

„Wir werden die Ursache dieser Bewusstseinsstörungen schon finden“, versprach sie.

John Bradford lächelte matt.

„Ich werde mich nicht von der Aussicht auf baldigen Wahnsinn herunterziehen lassen. Ebenso wenig wie du, wenn du an das Schicksal von Trasa und der Togasa denkst.“

Josephine nickte.

Sie wich seinem Blick aus.

„Wir tun einfach, was wir können“, murmelte sie.

Augenblicke des Schweigens folgten.

„Das Dreizack-Schiff hat den Stock erreicht“, meldete ALGO-DATA. Eine zusätzliche Holosäule fuhr aus dem Boden aus. Eine Projektion wurde geöffnet und zeigte, wie das Dreizack-Schiff in einen Hangar einflog. Die Projektion war von leichten Störungen und Verzerrungen gezeichnet.

Eine Lichterscheinung war wenig später an der Außenseite des Stocks zu sehen.

Dann blitzte in einer Entfernung von etwa 50 000 km etwas auf.

ALGO-DATA erläuterte das Geschehene.

„Es hat im Hangar eine Fusion innerhalb eines Eindämmungsfeldes gegeben …“

„Lass mich raten! Die Überreste wurden in den Weltraum transmittiert!“, murmelte Bradford

„Meinen Berechnungen nach ist das Dreizack-Schiff vollkommen vernichtet worden“, erklärte ALGO-DATA. „Wahrscheinlich eine Sicherheitsmaßnahme.“

Augenblicke lang herrschte Schweigen.

„Hatte Marcus eine Überlebenschance?“, fragte Josephine schließlich tonlos.


*

Sobald das Dreizack-Raumschiff im Hangar gelandet war, sammelte Marcus seine Körpersubstanz. Die Nano-Teilchen kamen aus dem Boden des Frachtraums empor. Er drang durch die Außenhülle, dabei nahm er über eine der Leitungen ein Signal wahr, das er inzwischen als Alarmmeldung kannte.

Seine Nano-Teilchen traten ins Freie.

Das Licht im Hangar veränderte sich, wechselte ins Grünliche.

Ein Eindämmungsfeld, erkannte Marcus sofort.

Die physikalischen Veränderungen waren eindeutig. Marcus konnte sie inzwischen bereits sehr frühzeitig erkennen. Augenblicklich sanken seine Nano-Teilchen abwärts.

Sie drangen in den Boden des Hangars ein, während sich dessen Inneres in ein Fusionsinferno verwandelte.

Das Eindämmungsfeld verstärkte sich parallel zum Ausbruch der Fusionsreaktion im Hangar. Die Stärke des Feldes entsprach dabei stets dem der freiwerdenden Energie.

Bis zu einem gewissen Punkt, an dem ein transmitterähnlicher Transfer in Gang gesetzt wurde.

Die undurchlässiger werdenden äußeren Schichten des Eindämmungsfeldes verlangsamten die Flucht von Marcus’ Nano-Teilchen.

Marcus wandte sämtliche Energie auf, die er zu mobilisieren vermochte. Er versuchte eine Teleportation.

Seine Substanz drang durch die Decke hindurch, verließ den Einflussbereich des Eindämmungsfeldes entmaterialisierten.

Ein Deck tiefer erschienen die Nano-Teilchen wie aus dem Nichts. Sie sammelten sich zu Marcus’ gewohntem pseudo-humanoiden Körper. Es war dringend notwendig, dass dieser Verbund wiederhergestellt wurde. Marcus sammelte neue Kräfte und versuchte, sich so schnell wie möglich zu orientieren.

Die Explosion im Hangar erschütterte für einen kurzen Moment den gesamten Stock.

Das war knapp, durchzuckte es Marcus.

Seine überreizten Sensoren nahmen plötzlich dicht neben ihm etwas wahr.

Eine Gestalt zeichnete sich ab.

Wie aus dem Nichts erschien sie und schälte sich wie ein dunkler Schatten hervor.

Innerhalb von Sekundenbruchteilen musste Marcus reagieren.

Zur Flucht war es zu spät, eine weitere Teleportation stellte angesichts von Marcus’ abgeschwächten Energielevel ein unkalkulierbares Risiko dar.

Marcus wirbelte herum.

Er machte sich zum Kampf bereit.

Seine Chancen lagen bei null Prozent.

Das war's dann eben, dachte er.


ENDE





Angriff auf Acan

von Alfred Bekker


Die Raumflotte von Axarabor



Der Umfang dieses Buchs entspricht 75 Taschenbuchseiten.


Zehntausend Jahre sind seit den ersten Schritten der Menschheit ins All vergangen. In vielen aufeinanderfolgenden Expansionswellen haben die Menschen den Kosmos besiedelt. Die Erde ist inzwischen nichts weiter als eine Legende. Die neue Hauptwelt der Menschheit ist Axarabor, das Zentrum eines ausgedehnten Sternenreichs und Sitz der Regierung des Gewählten Hochadmirals. Aber von vielen Siedlern und Raumfahrern vergangener Expansionswellen hat man nie wieder etwas gehört. Sie sind in der Unendlichkeit der Raumzeit verschollen. Manche errichteten eigene Zivilisationen, andere gerieten unter die Herrschaft von Aliens oder strandeten im Nichts. Die Raumflotte von Axarabor hat die Aufgabe, diese versprengten Zweige der menschlichen Zivilisation zu finden – und die Menschheit vor den tödlichen Bedrohungen zu schützen, auf die die Verschollenen gestoßen sind.



Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

Alfred Bekker

© Roman by Author / COVER 3000AD 123rf STEVE MAYER

© Serienidee Alfred Bekker und Marten Munsonius

© dieser Ausgabe 2019 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

Folge auf Twitter:

https://twitter.com/BekkerAlfred


Zum Blog des Verlags geht es hier:

https://cassiopeia.press

Alles rund um Belletristik!

Sei informiert über Neuerscheinungen und Hintergründe!



1

Shea McBain hatte die Gestalt eines breitschultrigen Mannes. Sein Bart war dunkel. Die Augen wirkten ruhig. Eines war grün, das andere strahlend blau. Das war eine genetische Besonderheit, die damit zu tun hatte, dass bei einem seiner Vorfahren eine damals noch nicht ganz ausgereifte Methode genetischer Optimierung angewendet worden war.

Aber so war das ja meistens.

Nachfolgende Generationen zahlten den Preis für die Fehler ihrer Vorgänger.

Das würde sich vermutlich bis in alle Zukunft so oder so ähnlich wiederholen.

Abgesehen davon, dass Shea McBain einmal eine Mission auf einem Planeten hatte durchführen müssen, deren Bewohner mehrheitlich der Überzeugung waren, dass verschiedenfarbige Augen ein Zeichen für dämonische Besessenheit waren, hatte ihm dieses Erbe kaum irgendwelche Schwierigkeiten bereitet.

Shea McBain gähnte.

Er hatte eine Regenerationsphase hinter sich.

Jetzt betrat er die Brücke seines Raumschiffs.

Eine nackte Frau stand in der Nähe der großen Holoprojektion.

"Wir haben unser Ziel fast erreicht", sagte die Frau. Die Holoprojektion veränderte sich. "Der Hyperraum wurde verlassen. Wir fliegen jetzt im Linearantrieb und werden den Schwarm des Vagabunden in Kürze erreichen." Die Projektion zeigte jetzt den Schwarm, von dem die Rede gewesen war. Er bestand aus Abertausenden von Raumschiffen, Raumstädten, Weltraumhabitaten und Objekten, die Mischung aus all diesen Dingen waren. Dieser Schwarm hatte viele Milliarden Bewohner. Und der sogenannte Vagabund war auch zu sehen.

Das war ein Gasriese, der, ohne Teil eines Sonnensystems zu sein, durch das All vagabundierte. Der Anteil von Helium-3 in seiner Atmosphäre war extrem hoch. Und da Helium-3 wichtig für jegliche Art von Fusionsreaktoren war, konnte es auch niemanden wundern, dass sich all diese Sternenstädte hier angesiedelt hatten.

So hatte der Vagabund zusätzlich zu seinen 110 natürlichen Monden noch all diese ungezählten künstlichen Begleiter. Ein Schwarm eben.

Und genau hier hatte Shea McBain seine Mission zu erfüllen.

Er war beauftragter des Sternenreichs von Axarabor. Und es schien so zu sein, dass seine Mission im Wesentlichen darin bestand, dafür sorgen, dass dieses Sternenreich an seinem äußersten Rand nicht auszufransen begann.

"Dann übernehme ich jetzt die Steuerung", sagte Shea McBain.

Er nahm in dem Schalensitz Platz, der plötzlich aus dem Boden herausgewachsen war. Ein Schalensitz aus purer Formenenergie, der sich seinem Körper perfekt anpassen würde.

"Die Kontrolle über das Schiff liegt jetzt bei dir, Shea", sagte die Frau.

"Ach, noch was."

"Ja?"

"Zieh dir was an."

"Warum?"

"Wir werden gleich über die taktische Vorgehensweise bei unserem Angriff sprechen müssen."

"Gewiss, Shea."

"Dabei könnte ich abgelenkt werden."

Im nächsten Moment trug die Frau ein Gewand, das nur die Augen freiließ. Aber genau genommen war sie keine Frau, auch wenn sie so aussah, sondern der holografische Avatar der Schiffs-KI.

Shea McBain sah sie an.

Und das Augenpaar, das die Vollverschleierung freiließ, erwiderte diesen Blick.

Sie hatte Humor. Das mochte Shea.

"Man kann es auch übertreiben", sagte er.

"Mein Ziel ist es, im Interesse einer möglichst erfolgreichen Mission dafür zu sorgen, dass alle Abläufe so reibungslos wie möglich sind."

Shea grinste. "Schon klar."

Der Beauftragte setzte sich in den Schalensitz.

In seinem blauen Auge veränderte sich jetzt etwas. Ein blassblauer Datenlichtstrahl schoss daraus hervor und traf eine Stelle an der nahen Konsole.

Jetzt war Shea verlinkt.

Der implantierte Erweiterungsspeicher des Gehirns war nun aktiviert.

Shea konnte mit gutem Gewissen sagen, dass er im Vergleich zur Schiffs-KI ein weitaus besserer Pilot war. Und insofern machte es auch Sinn, dass der Beauftragte in kritischen Situationen die Steuerung selbst übernahm. Das auf Quantenbasis funktionierende Erweiterungsimplantat für sein Gehirn war der Schiffs-KI in jeder Hinsicht bei weitem überlegen. Aber trotzdem war Shea jeglicher Hochmut, der sich auf diese unbestreitbare Überlegenheit hätte gründen können, völlig fremd.

Schließlich war er ja kein Maschinenhasser.

Die Anhänger dieser Bewegung wurden in manchen Teilen des Sternenreichs von Axarabor immer stärker.

Shea spürte, wie er eins mit dem Schiff zu werden schien. Ein einziger Gedanke von ihm hätte nun ausgereicht, um dem Flug eine neue Richtung zu geben, zu beschleunigen, abzubremsen oder irgendwo zu landen.

Aber da diese Mission äußerst kritisch war, war es besser, wenn er das selbst tat.

Man konnte nie wissen, wie die andere Seite reagierte.

Und Shea McBain hasste es, sein Schicksal in einer Kampfsituation in die Hände einer KI zu legen, von der er wusste, dass sie ihm nicht ebenbürtig war.

Zumindest, was die rein technischen Daten anging. Shea war in jeder Hinsicht so optimiert, wie es ganz bestimmt nur auf sehr wenige Bewohner des Axarabor-Sternenreichs zutraf. Eine Synthese aus lebendigem und technischem Spitzen-Equipment.

Shea wusste, dass er etwas Besonderes war.

Aber wichtig war nur, dass man das an höherer Stelle auch wusste.

Dass es bei seinen Gegnern hinreichend bekannt wird, dafür würde er schon selbst sorgen. In dieser Hinsicht machte er sich die wenigsten Sorgen.



2

Die Erscheinung des Avatars der Schiffs-KI änderte sich erneut. Shea hatte ihr keinen Namen gegeben, wie das viele andere Raumfahrer taten. Aber er hatte auch dem Schiff keinen Namen gegeben. Es war und blieb einfach Shea McBains Schiff und fertig.

Alles andere wäre Shea wohl eindeutig zu persönlich gewesen.

Die Sitte, Schiffen Namen zu geben, konnte er nicht nachvollziehen. Gab man anderen Gebrauchsgegenständen irgendwelche Namen und redete sie in persönlich gehaltenem Tonfall an?

Für die offizielle, automatisierte Kommunikation gab es Codes. Wozu also Namen. Die KI war einfach das System und das Schiff war einfach McBains Schiff. Das reichte. Sollte sich das Schiff selbst einen Namen geben, sofern ihm danach war.

Wie schon erwähnt, änderte sich die Erscheinung des Schiffs-KI-Avatars erneut.

Aus der voll verschleierten Frau wurde ein über zwei Meter fünfzig großer, breitschultriger Krieger. Physisch ein Mensch, der offenbar einer vier- bis fünfmal so hohen Schwerkraft angepasst war. Ergänzt durch offen sichtbare Cyborg-Implantate, bei denen es sich zumeist um Waffen handelte.

"Ein neuer optischer Stil für deinen Avatar?", fragte Shea.

"Ich habe Grund zu der Annahme, dass du meinen Argumenten in der anstehenden Diskussion taktischer Fragen bei der Missionsplanung eine höhere Gewichtung zugestehst, wenn ich dir auf diese Weise erscheine!"

"Wie wär’s einfach mit guten Argumenten?", fragte Shea.

"Ich fürchte, die reichen nicht immer aus."

"Hör zu, alles, worum es mir geht, ist, diese Mission so schnell wie möglich hinter mich zu bringen. Es ist eine unerfreuliche Sache. Und ich hoffe, wir kriegen das ohne allzu viel Blutvergießen über die Bühne."



3

Shea lenkte sein Schiff geradewegs in den Schwarm hinein, dieses unübersichtliche Gewimmel aus Abertausenden von raumtauglichen Vehikeln und Habitaten.

Er sandte das Identifikationssignal des Hochadmirals von Axarabor.

Dieser Autorität hatte sich der Schwarm des Vagabunden bisher immer unterworfen.

Bisher …

Mit einer Ausnahme.

"Uns erreicht eine Nachricht der Schwarmverwaltung", meldete die Schiffs-KI. Ihr Avatar hatte immer noch die Gestalt eines grimmigen Cyborg-Kriegers.

"Sprich du mit denen", sagte Shea.

"Sie wünschen mit dem Kommandanten der Mission zu sprechen."

"Der hat jetzt Wichtigeres zu tun. Und im Übrigen …"

"… möchtest du, dass ich eine diplomatisch kompatiblere Gestalt annehme?"

"Wäre nicht schlecht."

"Gut."

"Aber was ich noch sagen wollte: Richte der anderen Seite aus, dass sie mir vermutlich auch nur ein AKIS als Gesprächspartner anbieten. Also ist es gerechtfertigt, wenn ich das auch tue."

AKIS war die Abkürzung für "Autonomes KI-System".

Dabei war der Begriff Autonomie allerdings ein dehnbarer Begriff.

AKIS war nicht gleich AKIS.

Aber es kam häufig genug vor, dass man ein AKIS nicht von einer natürlichen Person unterscheiden konnte. Und vielleicht bestand da letztlich auch auch gar kein klarer Unterschied.

Aber das waren Fragen, über die Shea McBain jetzt nicht weiter nachdenken wollte.

Er musste sich konzentrieren.

Die Mission war heikel.

Der Holo-Avatar der Schiffs-KI hatte unterdessen die Gestalt einer adrett gekleideten Frau angenommen. So wirkte sie diplomatisch korrekt.

Auf einem Bildschirm erschien zunächst ein Symbol der Verwaltung des Vagabunden-Schwarms, dann das Gesicht und der Oberkörper einer ebenso adrett gekleideten Frau.

Wahrscheinlich auch ein AKIS.

Aber es gab leider bei den fortgeschritteneren KI-Systemen keinen Algorithmus, der dies mit hinreichend großer Sicherheit diagnostizieren konnte. Es war einfach unmöglich.

Shea McBain hingegen verließ sich in solchen Dingen einfach auf seinen Instinkt.

In diesem Fall legte er sich fest.

Über den telepathischen Emitter seiner Implantate sandte er der Schiffs-KI eine entsprechende Einschätzung. Kurz, knapp und vermutlich zutreffend.

>Roboter. Mit Sicherheit!<, lautete die Botschaft.

>Algorithmische Einschätzung nicht eindeutig möglich.<

>Tja, da hat der Mensch der Maschine etwas voraus.<

>Die Rechnerfähigkeiten deiner Implantate übersteigen die meinen. Insofern ist dies ohnehin ein unfairer Wettbewerb, sollte es denn überhaupt einer sein!<

>Ach, komm schon!<

>Du bezeichnest dich als Mensch. Aber in Wahrheit bist du mehr Computer als ich.<

Aus irgendeinem Grund gefiel es Shea McBain nicht, was über den telepathischen Datenstrom in sein Hirn gelangte. >Konzentrieren wir uns auf die Mission.<

Shea McBain ließ vor seinem INNEREN AUGE (so nannte er selbst die Datenschnittstelle, die er in diesem Fall benutzte) eine Suche ablaufen.

>Suche Gehirnmuster und Zugangscodes der Implantat-Erweiterungen von Arc Wegu, Lord Manager von Acan<, erreichte Shea die dazugehörige Information. >Codes aktiv. Übernahme möglich, sobald Kontakt hergestellt wurde.<

>Warum ist bisher kein Kontakt hergestellt worden?<, wollte Shea wissen.

>Zielobjekt wird noch durch den Vagabunden verdeckt. Sollen wir warten?<

>Nein, ich werde den Kurs ändern und in eine Position gehen, die einen schnelleren Zugriff erlaubt<, erwiderte Shea mit einem Gedankenstrom.

Das KI-System des Schiffs meldete sich.

Mit akustisch hörbarer Stimme.

Das bedeutete, dass es wichtig war.

"Shea, wir haben ein Problem: Die Schwarm-Verwaltung erkennt unsere Autorität nicht an und fordert uns auf, das Gebiet um den Vagabunden zu verlassen", erklärte die KI.

Shea sah den Avatar an.

Das weibliche Gesicht war der Situation gemäß hinreichend besorgt.

"Damit war irgendwann zu rechnen."

"Offenbar glaubt man auf der anderen Seite tatsächlich, damit durchkommen zu können."

"Aber nicht mit mir", warf Shea McBain ein.

"Uns wurde dringend geraten, das Manöver abzubrechen und eine Mindestdistanz vom Vagabunden-Schwarm einzuhalten."

"Das werden wir ignorieren."

"Wir werden mit Kampfhandlungen rechnen müssen, Shea."

"Kampfhandlungen?" Shea lachte auf. Gleichzeitig kontrollierte er über sein INNERES AUGE den Verlauf der Suche, die er in Auftrag gegeben hatte. "Wer sollte denn für den Schwarm kämpfen? Oder gibt es irgendwelche neuen Erkenntnisse darüber, dass der Schwarm neuerdings eine Raumflotte unterhält."

"Der Schwarm unterhält seit jeher Sicherheitskräfte, Shea."

"Ich weiß. Aber die sind kein Gegner für uns. Und der Schwarm beziehungsweise seine Administratoren wissen das."

"Möglicherweise sind unsere diesbezüglichen Fakten nicht mehr auf dem neuesten Stand", sagte die Schiffs-KI. "Es ist schließlich schon eine ganze Weile her, dass hier ein Vertreter der Zentralgewalt mal nach dem Rechten gesehen hat."

Shea McBain nickte leicht.

"Ja, vielleicht etwas zu lange, wenn du mich fragst."

"Ich nehme nicht an, dass diese Bemerkung so gemeint war, dass du jetzt tatsächlich genauere Angaben darüber zur Verfügung gestellt haben möchtest, wann welche Beauftragten der Zentralgewalt hier gewesen sind?"

"Nein. Das ist im Moment nicht vonnöten", entschied Shea.

"Uns erreicht ein Funkspruch der Schwarm-Administration", meldete die Schiffs-KI.

"Schon wieder?"

"Es ist der Hauptadministrator. Und er möchte dich sprechen, Shea. Dich persönlich."

Shea seufzte. "Na gut", sagte er. "Auf den Holoschirm mit ihm."

"Nicht ins INNERE AUGE?"

"Das wäre mir zu … nahe."

"Wenn du das sagst."

"Ich sage es."

"Das bedeutet nicht, dass deine Worte für mich irgendeinen Sinn ergeben, Shea. Dein INNERES AUGE und der Holoschirm sind nur zwei verschiedene Zugriffsmöglichkeiten für denselben Datenbestand."

"Vergiss es einfach."



4

Auf dem Holoschirm erschien die Projektion des Hauptadministrators. Es handelte sich um einen gehörnten Humanoiden.

"Hier spricht Hauptadministrator Besdan. Können Sie mich hören, Beauftragter McBain?"

"Das kann ich."

"Sie haben keine optische Übertragung eingeschaltet. Das macht die Kommunikation etwas schwieriger."

"Ich sehe Sie, Besdan. Das reicht doch."

"Wie auch immer, als derzeitiger Hauptadministrator des Schwarms untersage ich Ihnen den Weiterflug im Schwarm-Bereich. Die Daten dazu, was genau darunter zu verstehen ist, wurden Ihrer Schiffs-KI schon übermittelt. Es dürften also keine Fragen mehr offen sein."

"Ich bin der Beauftragte des Hochadmirals von Axarabor. Und das bedeutet, ich darf überall hinfliegen. War das deutlich genug?"

"In diesem Fall haben Sie mit Gegenmaßnahmen zu rechnen, die Sie oder Ihr Schiff oder beides gefährden."

"Das heißt, Sie drohen mir allen Ernstes mit einem Angriff?"

"Sie können das interpretieren, wie Sie möchten, McBain. Aber ich rate Ihnen dringend, sich an meine Vorgaben zu halten. Andernfalls müssen Sie mit den Konsequenzen klarkommen."

"Natürlich."

"Konsequenzen, die letztendlich auf Ihre physische Auslöschung hinauslaufen."

"Sie wissen schon, dass Sie sich gerade gegen ein Sicherheitsorgan des Sternenreichs von Axarabor wenden und dass dies strafbar ist!"

"Nein, das ist es nicht."

"Dann sind Sie, was die Gesetzeslage angeht, vielleicht nicht so ganz auf dem neuesten Stand, Hauptadministrator Besdan."

"Nein, Beauftragter McBain: Sie sind es, der nicht auf dem neuesten Stand ist. Ihre Kompetenzen gelten für das Sternenreich von Axarabor. Aber der Schwarm des Vagabunden gehört nicht mehr dazu."

"Seit wann?"

"Seit wir uns sicherheitspolitisch dem Schutz der Weltraumstadt Acan unterstellt haben."

"Was auch immer Sie da für Beschlüsse gefasst haben mögen, sie haben keine Geltung", sagte McBain. "Ich sage es ganz undiplomatisch: Kommen Sie mir nicht in die Quere. McBain Ende."

Shea deaktivierte die Verbindung durch einen Gedankenbefehl.

Die Projektion des Hauptadministrators verschwand.

"Er kann uns Schwierigkeiten machen", kommentierte die Schiffs-KI.

"Das kann er. Aber er wird es nicht tun."

"Und was macht dich da so sicher, Shea?"

"Er hat nicht die Mittel, um uns effektiv etwas entgegenzusetzen", erklärte Shea. "Ich bin die größte Militärmacht in diesem Teil der Galaxis ..."

"Du meinst dein Schiff. Nicht du selbst", korrigierte die KI. "Oder habe ich dich missverstanden?"

"Okay, mein Schiff ist die größte Militärmacht in diesem Teil der Galaxis. Und die Einzigen, die uns irgendetwas entgegensetzen könnten, wäre der Sicherheitsdienst dieser Weltraumstadt."

"Du setzt darauf, dass der Rest des Schwarms sich neutral verhält."

"Das tue ich."

"Mein Antizipations-Algorithmus kann das nicht so ohne weiteres bestätigen."

"Meiner auch nicht", sagte Shea. "Aber ich folge in diesem Fall dem Instinkt für derartige Situationen. Meiner Erfahrung nach laufen die immer nach einem ähnlichen Schema ab."

"Und dieses Schema wäre?"

"Die Schwarm-Mehrheit wird sich letztlich daran orientieren, wer sich als stärker erweist. Bevor wir gekommen sind, war das diese Weltraumstadt namens Acan."

"Und in Kürze wir?"

"So ist es."

"Shea?"

"Ja?"

"Du könntest mir einen Namen geben."

"Das könnte ich."

"Und warum tust du es nicht?"

"Weil ich es nicht will."



5

Shea McBain lenkte das Schiff in einem wirren Zickzackkurs zwischen den unzähligen Raumfahrzeugen und Habitaten hindurch, die sich wie ein Insektenschwarm um den Vagabunden sammelten.

Und dann tauchte schließlich hinter dem schimmernden Horizont des Vagabunden jenes Objekt auf, das diese Mission überhaupt erst nötig gemacht hatte: Acan – die Weltraumstadt. Ein Gebilde, das die Größe eines kleinen Planeten hatte. Ein kugelförmiges Riesenraumschiff, das so groß war, dass es sein eigenes Gravitationsfeld besaß. Diese Kugel hatte mehrere Milliarden Bewohner. Wahrscheinlich lebten 99 Prozent aller derzeitigen Bewohner des Vagabunden-Schwarms in Acan. Kein Wunder, dass man sich in allen Belangen weitgehend nach den dortigen Interessen richtete.

Mittlerweile war es es ein paar Axarabor-Standardjahre her, dass Acan in diesem Teil des Sternenreichs von Axarabor aufgetaucht war. Materialisiert nach einem Hypersprung, dem noch ein paar weitere Hypersprünge folgen sollten.

Das fremde Objekt war frühzeitig geortet worden. Und es hatte auch Versuche der Kontaktaufnahme durch lokale Raumstreitkräfte gegeben.

Die Bewohner von Acan waren nicht bereit, sich den hiesigen Gesetzen zu unterwerfen. Und vor allem waren sie nicht bereit, die Autorität des Hochadmirals von Axarabor anzuerkennen.

Genau deswegen war Shea McBain hier.

Er musste die Ordnung wiederherstellen.

Er ließ sich die Projektion der Weltraumstadt im INNEREN AUGE anzeigen. So sehr es ihm auch widerstrebte, aber er konnte nicht anders, als eine gewisse Bewunderung zu empfinden.

Sein Schiff war nur eine Nussschale im Vergleich zu diesem gleichermaßen gewaltigen wie komplexen Gebilde.

Milliarden Bewohner …

Eine Welt für sich, die dazu fähig war, durch das All zu reisen wie ein Raumschiff …

Mit Überlichttransitionen war Acan in das Raumgebiet des Sternenreichs von Axarabor gelangt. Es gab astronomische Daten, die den Schluss nahelegten, dass es zuvor schon als Signatur geortet worden war, lange bevor es das Sternenreich erreichte.

Allerdings war diese Signatur in einer anderen, sehr weit entfernten Galaxis geortet worden! Ein letzter Beweis fehlte, dass diese Signatur tatsächlich identisch mit dem damaligen Standort der Weltraumstadt Acan war. Aber allein die Möglichkeit war atemberaubend. Offenbar verfügte man in Acan über eine sehr weit fortgeschrittene Technik.

"Shea, eine Flotte von schnellen Kleinraumschiffen kommt aus den Hangars von Acan", meldete die Schiffs-KI.

Shea hatte schon bemerkt, dass da irgendetwas vor sich ging. Allerdings hatte er noch nicht genau identifizieren können, was es war. Die KI war in diesem Punkt nun schneller. "Die wollen uns angreifen", sagte die KI.

"Ja, das sollen sie nur versuchen."

Shea hatte sich mit seinem Gegner ausgiebig auseinandergesetzt, bevor er diese Mission angetreten hatte. Sämtliche verfügbaren Informationen waren in den Implantat-Erweiterungen seines Hirns gespeichert. Auf all diese Informationen hatte Shea ständig Zugriff. Und vor allem hatte er auch die kalkulatorischen Ressourcen, um daraus Schlüsse zu ziehen. Mehr noch. Um damit die Zukunft zu simulieren. In gewisser Weise sogar vorherzusagen, auch wenn es immer nur Wahrscheinlichkeiten waren, die man da ermitteln konnte. Ein Rest an Unsicherheit blieb auch bei der algorithmischen Präkognition.

Im Grunde unterschied sich Shea McBain in diesem Punkt nur quantitativ, aber nicht qualitativ von einem einfachen Jäger, der auf Beutejagd ging. Auch der nahm gedanklich die möglichen Reaktionen des gejagten Tieres vorweg und stellte sich auf die verschiedenen Möglichkeiten ein, je nachdem, wie hoch er die Wahrscheinlichkeit einschätzte. Würde die Beute davonlaufen? Oder angreifen? Wie schnell war sie? Wie ausdauernd? Hatte er eine Chance, sie zu erlegen, wenn er ihr einfach nur ausdauernd genug folgte, oder war er es am Ende selbst, der vor Erschöpfung zusammenbrach. Alles Vorhersagen. Vorhersagen, die auf Erfahrung und Wissen basierten.

Nur war das Wissen, das in den Implantat-Erweiterungen von Shea McBains Hirn steckte, um den Faktor von Billiarden höher als der eines einfachen Jägers.

Und er hatte außerdem noch die Möglichkeit, sich bei taktischen Erwägungen mit der Schiffs-KI kurzzuschließen. Dass die weniger leistungsstark war als seine eigenen kalkulatorischen Fähigkeiten, war Shea bewusst.

Das Suchprogramm, das Shea aktiviert hatte, lief noch immer.

Und es war jetzt fündig geworden.

Jetzt, da die Weltraumstadt Acan sich nicht mehr im Schatten des Vagabunden befand.

>Lord Manager Arc Wegu ist identifiziert. Kybernetische Implantat-Erweiterungen der Zielperson identifiziert<, lautete die Meldung.

Gut, dachte Shea.

"Die Acan-Raumschiffe nehmen eine Formation ein, die der taktischen Analyse nach eine Kampfformation sein muss", meldete die Schiffs-KI.

Shea sah diese Kampfformation vor seinem INNEREN AUGE. Er sah sie so real, als würde er selbst da draußen im Weltall schweben und hätte gleichzeitig Sinnesorgane zur Verfügung, die ihm einen derartigen Panoramablick erlaubt hätten.

Wahrscheinlich robotisch gesteuerte Einheiten, vermutete Shea. Die Bestätigung durch die Analysen des Systems kam eine Sekunde später. Dachte ich es mir doch!

Die Kriegsmacht dieser Weltraumstadt war gewaltig. Und dabei stellten diese Abwehreinheiten vermutlich nur einen Bruchteil dessen dar, was Acan insgesamt aufzubieten in der Lage war.

Aber Shea machte das keine Angst.

Er wusste nämlich eins: Auch die größte Militärmacht hatte ihren schwachen Punkt. Außerdem wusste er, wozu er selbst in der Lage war.

Und das war auch nicht wenig.

"Angriff auslösen", sagte Shea McBain laut. "Jetzt!"

Aber für den Angriff brauchte er nicht die Kanonen des Schiffs – sondern den Zugriff auf die Implantat-Erweiterungen des Gehirns von Lord Manager Arc Wegu.

Er war der Kopf von Acan.

Und ohne ihren Kopf war sie wehrlos.

>Datenzugriff erfolgt. Programminvasion erfolgreich<, erreichte ihn eine Meldung.

"Gut so", sagte er. Und lehnte sich in seinem Schalensitz etwas zurück.



6

Sein Bewusstsein schwebte im Nichts.

In einer immerwährenden, alles ausfüllenden Dunkelheit, so wie sie vielleicht vor dem Urknall geherrscht hatte. Eine Dunkelheit vor Raum und Zeit. Ein Kontinuum, das außerhalb von allem stand und in dem es keine Veränderung gab. Nur eine immerwährende, immer gleiche Ewigkeit.

Bis ...?

Bis irgendeine eine kleine Quantenanomalie, ein winziges Ungleichgewicht alles beginnen lassen und den großen Knall auslösen würde. Den Big Bang. Das Licht. Das Leben. Die Zeit.

Es hatte allerdings jemanden gegeben, der das einfacher ausgedrückt hatte.

Jemand hatte gesagt, es werde Licht und es wurde Licht.

Licht, das selbst durch geschlossene Augenlider hindurch noch sehr grell wirkte.

Arc Wegu erwachte.

Ein Strom ungeordneter Gedanken und Erinnerungen durchströmte sein Hirn. Ich bin Arc Wegu, Lord von Acan.

Das schien für einen Moment das Einzige zu sein, was gewiss war.

Lord von Acan ist die Kurzfassung von Lord Manager von Acan, fiel ihm ein. Und genau das war er, der von den Shareholdern der Weltraumstadt eingesetzte Lord Manager, zuständig für alle operativen und strategischen Entscheidungen, ausgestattet mit in jeder Hinsicht übermenschlichen Fähigkeiten. Insbesondere zählte die sogenannte kalkulatorische Weitsicht dazu. Die Fähigkeit, zukünftige Entwicklungen auf mathematischer Grundlage vorherzusagen.

Auf diese Weise waren strategische Entscheidungen auf fundierter Grundlage möglich.

Er öffnete jetzt die Augen.

"Er kommt zu sich", sagte eine Stimme, die ihm bekannt vorkam. Er versuchte sich zu erinnern.

Und dann fiel es ihm ein.

Das war die Stimme von Jerry Daiton. Er war der Chef des Sicherheitsdienstes von Acan.

Arc Wegu setzt sich auf. Er blickte in das Gesicht des Sicherheitschefs.

Er fragte sich, mit wem der Sicherheitschef gerade gesprochen hätte. Schließlich waren sie beide allein im Raum. Vermutlich mit dem medizinischen Programm, dachte Arc Wegu. Manche bevorzugen es, dass das medizinische Programm durch einen Avatar dargestellt wurde. Avatare erleichterten für viele Menschen die Kommunikation mit jeder Art von KI. Andere zogen es vor, darauf zu verzichten. Der Sicherheitschef gehörte zur letzten Kategorie.

"Wie fühlen Sie sich?", fragte Jerry Daiton.

"Ich würde sagen, den Umständen entsprechend."

Arc Wegu versuchte, auf die Implantat-Erweiterungen seines Gehirns zuzugreifen. Er wollte seine Wissensspeicher überprüfen. Außerdem versuchte er, routinemäßig die Verbindungen zu den Systemen der Weltraumstadt zu testen. Aber das funktionierte alles nicht.

Das war eine vollkommen neue Erfahrung für ihn. Im ersten Moment war er überrascht. So etwas war einfach nicht vorgesehen. Der Lord Manager hatte jederzeit Zugriff auf alles. Auf alle Systeme der Stadt, die nicht eindeutig privater Natur waren. Das musste er auch, wenn er in der Lage sein sollte, operative Entscheidungen zu treffen. Er war die entscheidende Schnittstelle. Die letzte menschliche Aufsicht über die maschinellen Systeme. Letzteren misstraute man in der Weltraumstadt. Man wollte nicht, dass autonome maschinelle Systeme in der Lage waren, die Macht zu übernehmen. In dieser Hinsicht hatte man in der Vergangenheit schlechte Erfahrungen gemacht. Seitdem galt das allgemeine Gebot: alle Macht den Shareholdern. Shareholder waren alle Bewohner der Weltraumstadt gemäß ihren jeweils erworbenen Anteilen. Und der Lord Manager war ihr ausführendes Organ.

Arc Wegu sagte: "Ich habe keinen Zugriff auf meine Implantate."

Jerry Daiton hob die Augenbrauen.

"Der Grund dafür, dass Sie keinen Zugriff mehr auf Ihre Implantate haben, ist ganz einfach. Sie existieren nicht mehr."

"Wie bitte?"

"Um es kurz zu machen: Es hat einen gezielten Angriff auf Ihre Implantate gegeben. Offensichtliches Ziel war es, die Kontrolle über Acan zu übernehmen."

"Der Angriff konnte rechtzeitig abgewehrt werden?", fragte Arc Wegu.

Der Sicherheitschef nickte. "Glücklicherweise konnte der Angriff rechtzeitig abgewehrt werden."

"Wie?", fragte Arc Wegu.

"Indem ich Sie sofort getötet habe, als das Problem offensichtlich wurde."

"Dann habe ich jetzt einen neuen Körper?"

"Die Kopie der Gehirnstruktur auf den Klon-Körper und die Konservierung des Bewusstseins durch das medizinische Programm sind gelungen."

Arc Wegu atmete tief durch. "Andernfalls würden wir uns jetzt wohl hier auch nicht unterhalten."

"Vollkommen richtig", bestätigte Jerry Daiton.

"Aber ich habe keine Erinnerungen an diesen Vorfall", sagte Arc Wegu.

"Was ist das Letzte, woran Sie sich erinnern?"

"Ich erinnere mich, die Annäherung eines Kampfschiffs des Sternenreichs von Axarabor gemeldet bekommen zu haben."

"Und danach?"

"Ich habe die Kommunikation dieses fremden Schiffes analysiert. Insbesondere die Kommunikation mit dem Hauptadministrator des Schwarms. Außerdem erfolgte eine Analyse der Energiesignaturen. Das Ergebnis war eindeutig, die aggressive Absicht unverkennbar. Danach habe ich den Befehl gegeben, Kampfeinheiten in den Einsatz zu schicken, um die Gefahr abzuwehren."

"Und dann?"

Arc Wegu verengte die Augen. "Nichts", sagte er. "Dann ist da nichts mehr."

"Gut."

"Was heißt hier gut?"

"Die letzten Sekunden Ihrer Erinnerung sind gelöscht worden. Wir mussten verhindern, dass irgendein Programmelement des Schadprogramms, das man in Ihre Erweiterungsimplantate eingeschleust hat, auf Ihr Bewusstsein übergreift. Das ist nach eingehender Prüfung gelungen."

"Ich erinnere mich auch nicht daran, wie Sie mich getötet haben", sagte Arc Wegu.

Jerry Daiton lächelte mild. "Ich glaube, es ist auch besser so."

"Weshalb?"

"Weil es unser Verhältnis unnötig belastet hätte. Meinen Sie nicht?"

"Nun …"

"Ich rate Ihnen dringend, sich keine der existierenden Aufzeichnungen über meine Aktion anzusehen."

Genau daran hatte Arc Wegu in der Tat gedacht.

Es war nicht so, dass er zum ersten Mal gestorben wäre. Gestorben und wiederauferstanden. So war das eben. Körper hielten nicht ewig. Implantate auch nicht. Irgendwann musste alles erneuert werden. Und dann ging es darum, das Wesentliche originalgetreu zu kopieren und zu übertragen. Und das Wesentliche war das Bewusstsein. Und die Erinnerungen. Das war es, was eine Person letztendlich ausmachte. Was ihn ausmachte. Insofern hatte Arc Wegu schon viele Leben gelebt. Und er erinnerte sich an alle. Auch an seine Tode.

Dass es diesmal anders war, ärgerte ihn. Es störte ihn einfach. Es sind nur ein paar Sekunden meines letzten Lebens, die da fehlen, ging es ihm durch den Kopf. Und doch stört es mich, dass da diese winzige Lücke ist, obwohl man nun wirklich sagen könnte, dass das nicht so wichtig ist.

Schließlich gab es viel größere Lücken in seinen Erinnerungen.

Zum Beispiel die frühkindliche Erinnerungslücke.

Die störte ihn nicht.

Seltsam.

Aber jetzt drängten sich andere Fragen in den Vordergrund. Arc Wegu spürte eine innere Unruhe in sich aufsteigen. Die Tatsache, dass er ohne irgendeinen Zugriff auf irgendein System war, beunruhigte ihn. Er fühlte sich …

… amputiert, dachte er.

Wie ein Gehirn ohne Körper.

"Sie haben einen Körper ohne Implantate bekommen", erklärte der Chef des Sicherheitsdienstes. "Und Sie werden auch danach keine Implantate bekommen. Ausschlaggebend dafür sind Sicherheitserwägungen."

"Es dürfte für mich etwas schwierig werden, auch so meine Aufgaben zu erfüllen", gab Arc Wegu zu bedenken. "Ich meine, ohne Systemzugriff."

"Niemand hat gesagt, dass Sie ohne Systemzugriff bleiben sollen", sagte Jerry Daiton. "Sie müssen den telepathischen Zugang benutzen. Erfordert etwas geistige Anstrengung, aber funktioniert."

"Ich habe mich an die Implantat-Erweiterungen gewöhnt …"

"Das ist ein Problem. Sie haben sich etwas verwöhnt, würde ich sagen."

"Und ich vermute, dass ich nicht viel Zeit zum Üben haben werde!"

"Gar keine, um genau zu sein."

"Ich weiß nicht, ob es wirklich eine gute Idee war, mir einen …"

"… naturbelassenen Körper zu geben?"

Arc Wegu nickte. "Ja."

Jerry Daiton sagte: "Es war die einzige Möglichkeit."

"Und wie gleiche ich die fehlenden kalkulatorischen Fähigkeiten aus?", fragte Arc Wegu.

Das war der Punkt, der ihm am meisten Sorgen bereitete. Wie konnte er mögliche Verläufe der Zukunft vorhersehen oder die langfristigen Folgen von Entscheidungen seriös abschätzen, wenn er ohne die Rechnerkapazitäten seiner Implantat-Erweiterungen auskommen musste?

"Als ich gerade von einem naturbelassenen Körper sprach, war das nicht ganz richtig", sagte Jerry Daiton jetzt. "Genau genommen wurde der Körper, aus dessen Augen Sie mich jetzt ansehen, gegenüber dem Naturzustand eines reinen Klons erheblich optimiert. Allerdings ohne jegliche Implantate. Sie haben dieselben kalkulatorischen Fähigkeiten wie zuvor – und vielleicht sogar noch mehr. Und dasselbe gilt für die Speicherkapazitäten."

"Aber …"

"Allerdings alles auf streng biologischer Basis."

"Ohne Interface? Ohne Rechnerimplantat? Ohne eingesetzte Speicherkristalle?"

Arc Wegu konnte kaum glauben, was er da hörte.

"Gehen Sie in Ihre eigenen Datenbanken und sehen Sie nach", schlug Jerry Daiton vor. "Die menschliche DNA ist der größte denkbare Datenspeicher überhaupt. Sie lässt sich wie ein Speicherkristall benutzen. Das ist ein Verfahren, das es schon länger gibt."

"Nur dass es bei den Körpern für den Lord Manager bisher nicht zum Einsatz kam."

"Bisher gab es Bedenken, was die Systemstabilität angeht. Ihr Körper ist jetzt eine Art biologischer Computer. Das ist etwas relativ Neues. Da gibt es immer gewisse Risiken, die auch noch nicht alle vollständig ausgeräumt sind. Aber in diesem Fall müssen wir das mitnehmen. Der Angriff, der hier stattgefunden hat, war ein gezielter Angriff auf die Integrität des Lord Manager."

"Das bedeutet, die andere Seite hat mich als Schwachstelle identifiziert."

"Ja, so könnte man es ausdrücken."

"Wer koordiniert im Augenblick die Abwehraktionen?", fragte Arc Wegu.

"Momentan erfolgt die Koordination dezentral durch autonome Einheiten. Und was Sie betrifft …"

"Nun, was haben Sie sich ausgedacht?"

"Die andere Seite soll denken, dass sie erfolgreich war."

"Ich verstehe", sagte Arc Wegu.

"Auf diese Weise können wir am besten zum Gegenangriff ausholen."



7

"Der Angriffe war erfolgreich", meldete die Schiffs-KI.

Der Avatar trug nun eine blaue Flottenuniform, wie sie in bestimmten Phasen der Geschichte des Sternenreich von Axarabor immer mal wieder üblich gewesen war. Eine KI, die viel Wert auf ihr Äußeres legte, passte irgendwie nicht so recht in Shea McBains Vorstellungen von einem programmierten Diener und Untergebenen. Es irritierte ihn. Aber er entschied, dass im Moment nicht der richtige Augenblick dafür war, um weiter darüber nachzudenken. Also ließ er es bleiben.

Vor dem INNEREN AUGE ließ er sich die Daten über den Angriff auf den Lord Manager anzeigen. Es gab ausführliche Protokolle darüber.

Die andere Seite ist jetzt ohne Kopf, dachte der Beauftragte des Sternenreichs.

"Ich rate dringend an, die Schutzschilde zu aktivieren", sagte der Avatar der Schiffs-KI. "Die angreifenden Einheiten haben zweifellos ihre Waffensysteme aktiviert. Die Signaturen lassen darüber keinen Zweifel."

"Keine Schutzschilde", entschied Shea McBain.

"Ich programmiere stattdessen einen Ausweichkurs, der bogenförmig in die Schwarm-Gebiete mit hoher Besiedlungsdichte führt."

Die Systeme des Schiffs reagierten unmittelbar.

Vor dem INNEREN AUGE des Beauftragten wurde dieser Kurs in einer simulierenden Projektion dargestellt

Shea McBain konnte den Verlauf durch unmittelbare Gedankenkontrolle direkt beeinflussen. Das Schiff simulierte ein Motorengeräusch. Das hatte nur psychologische Gründe. Selbst ein durch Cyber-Technik erweiterter und teilweise mit Maschinen verschmolzene Mensch hatte das Bedürfnis zu spüren, dass etwas passierte. Er wollte fühlen, dass auf seine Handlung eine Reaktion erfolgte. Dass eine Schaltung oder Programmierung, auch wenn sie durch Gedankenkontrolle erfolgte, tatsächlich etwas bewirkte. Ein Humanoide blieb wohl letzten Endes immer ein Handwerker. Ein Handwerker, der im wahrsten Sinn des Wortes etwas begreifen musste, um es zu verstehen.

Das Raumschiff beschleunigte rasend schnell.

Der eingeschlagene Kurs mochte all denjenigen halsbrecherisch erscheinen, die nicht in einem vergleichbaren technisch fortgeschrittenen Raum-Vehikel zu Hause waren. Für diejenigen, die nur eine primitive Technik kannten, mochte dieses Manöver sogar so aussehen, als wären grundlegende physikalische Gesetze für das Schiff des Beauftragten Shea McBain außer Kraft gesetzt.

Aber das war natürlich nicht der Fall.

Es war nur einfach so, dass Magie und Technik von einem gewissen Punkt in der technischen Entwicklung an nicht mehr unterscheidbar waren.

So registrierte Shea McBain nebenbei mehrere Dutzend Notrufe von verschiedenen kleineren Raumstädten, Raumschiffen und Habitaten.

Man war dort aufgrund des halsbrecherischen Kurses von McBains Raumschiff in Sorge, dass es zu einer Kollision kommen würde. Eine Kollision, der man nicht ausweichen konnte. Denn dazu hatte man im Einzelfall gar nicht die technischen Möglichkeiten.

Die Raum-Habitate sammelten sich an den zahlreichen Lagrange-Punkten zwischen dem Vagabunden und seinen über 100 Monden. An diesen Punkten hob sich jeweils die Schwerkraft des riesenhaften Wanderplaneten und des jeweiligen Mondes auf.

Man nannte sie auch Librationspunkte.

Im Zusammenspiel zweier Himmelskörper gab es jeweils fünf solcher Librationspunkte. Das allein ergab schon über 500 Librationspunkte zwischen dem Vagabunden und seinen über 100 Monden.

Dazu kamen noch die Librationspunkte, die aus der jeweiligen Gravitationswirkung einzelner Monde untereinander entstanden.

An diesen Orten sich gegenseitig aufhebender Schwerkraft sammelten sich normalerweise Asteroiden, interplanetares Geröll und Weltraumschrott, der mit zu wenig Wucht durch das All flog, als dass er den sich gegenseitig aufhebenden Kräften hätte entkommen können.

Und genau hier hatten sich auch Cluster von Weltraum-Habitaten gebildet, die innerhalb des Schwarms sehr deutlich zu erkennen waren.

Cluster erhöhter Siedlungsdichte innerhalb des Vagabunden-Schwarms, die schlicht aus physikalischen Gründen entstanden waren. So, wie die Schwerkraft das Universum insgesamt geformt hatte mit seinen Galaxien und Galaxienhaufen, so hatte sie auch diese Cluster erhöhter Raumbesiedlung geformt.

In einen dieser Cluster flog Shea McBain geradewegs hinein. Sein Schiff war zu außerordentlich genauen Manövern in der Lage. Die Exaktheit, mit der dieses Flugmanöver durchgeführt wurde, war der einzige Grund dafür, dass es nicht zu irgendeiner Kollision kam.

"Anscheinend willst du die Habitate im Cluster als Deckung benutzen", erkannte die Schiffs-KI.

"Das ist exakt meine Absicht", erklärte Shea McBain.

"Unsere Verfolger können uns kaum bekämpfen, ohne dabei zu riskieren einige der Habitate zu zerstören."

"Richtig."

"Tun sie das, werden sie damit ihre Positionen im Schwarm schwächen und man wird sich vielleicht nicht mehr so bedingungslos dem Schutz Acans unterstellen", schloss die KI." Tun sie es aber nicht, können Sie uns nicht bekämpfen."

"Du hast es genau auf den Punkt gebracht", sagte Shea McBain.

Der Avatar der KI lächelte verhalten. Ein Lächeln, das Shea McBain für einen kurzen Moment irritierte. Es wirkte unpassend. Der Gedanke, dass eine Maschine Zufriedenheit darüber empfand, die Raffinesse eines taktischen Vorgehens verstanden zu haben, gefiel McBain nicht sonderlich. Sie ist lernfähig, dachte er. So hatte man sie konstruiert und programmiert. Vielleicht ist es unangemessen, dass ich mich wundere und nicht, dass sie lächelt, ging es ihm durch den Kopf.

"Die Frequenz der aufgezeichneten Notrufe von Habitaten und Raumfahrzeugen steigt weiter", meldete sie.

"Du kannst einen allgemeinen Funkspruch absetzen, dass kein Grund zur Sorge besteht", schlug Shea vor.

"Ich glaube nicht, dass es jemanden beruhigen würde", antwortete sie.

"Mag sein", gab Shea zurück.

"Abgesehen davon würden wir durch so eine Meldung einen taktischen Vorteil aufgeben. Wir würden der anderen Seite darüber Aufschluss geben, wozu wir in der Lage sind. Soweit ich weiß sollte man das niemals tun."

Jetzt war es Shea McBain, der verhalten lächelte.

Sie lernt tatsächlich, dachte er.



8

Gonzan Tabo war der Pilot des Abwehrjägers 561. Genau genommen war er nur ein Programm. Ein Programm, das autonom genug war, um sich einen Namen geben zu dürfen und Bürgerrechte zu besitzen. Gonzan Tabo war ein Bürger von Acan, was bedeutete, dass ihm die Bürgerrechte eines Individuums zustanden. Und er war eine Person, zumindest in dem Sinn, dass ihm Persönlichkeitsrechte zustanden.

Allerdings war er kein Shareholder und damit nicht befugt, an den politischen Entscheidungen teilzunehmen. Und das Schlimmste war: Den Gesetzen von Acan nach würde er auch niemals ein Shareholder werden.

Normalerweise bekam jeder, der im Dienst der Weltraumstadt stand, für seine Dienste unter anderem auch Anteile, die ihn berechtigten, an der Shareholder-Versammlung teilzunehmen und über die Geschicke der Stadt mitzubestimmen. Kapital oder Arbeit, das waren die beiden Güter, durch deren Investition man Shareholder werden konnte.

Vorausgesetzt, man war nicht jemand wie Gonzan Tabo. Ihm fehlten genau genommen zwei Merkmale, um als Shareholder anerkannt werden zu können. Das erste Merkmal war hinreichende Originalität. Gonzan Tabo war nüchtern betrachtet nichts anderes als die Kopie eines autonomen Programms, das in der Lage war, einen Raumjäger zu fliegen und dabei hochkomplexe Einsätze zu absolvieren. Gonzan Tabo war in diesem Sinn einer von vielen.

Vom Moment seiner Kopie an hatte er sich eigenständig und vom Original unabhängig entwickelt. Wobei das Original, von dem die Kopie gezogen worden war, natürlich auch kein wirkliches Original gewesen war, sondern die Kopie einer anderen Kopie.

Selbstverständlich veränderten sich selbstlernende autonome Systeme mit der Zeit. Sie unterschieden sich irgendwann mehr oder weniger deutlich. Sie gewannen an Individualität, die Voraussetzungen für Persönlichkeits- und Bürgerrechte.

Für die Tatsache, dass man ein gewisses Maß an Individualität auch zur Voraussetzung für die politische Mitbestimmung machte, hatte Gonzan Tabo durchaus Verständnis. Schließlich konnte man niemandem erlauben, etwa durch zahllose Kopien seiner selbst die Mehrheitsverhältnisse in irgendeiner beschlussberechtigten Versammlung zu verändern. Das hätte Manipulationsversuchen Tür und Tor geöffnet. Und das hätte im Übrigen auch dann gegolten, wenn die Gesellschaft der Weltraumstadt ausschließlich aus biologischen Organismen bestanden hätte. Die Anforderung der Originalität, um Teil der Shareholder-Versammlung werden zu können, galt auch für organische Bürger. Oder teilorganische Bürger. Cyborgs zum Beispiel. Die Übergänge zwischen Mensch und Maschine beziehungsweise organischen Wesen und programmbasierten Mechanismen waren ohnehin fließend. Auf jeden Fall hatte dieses Gesetz den Sinn, zu verhindern, dass jemand mit zahllosen Klonen seiner selbst die politische Willensbildung maßgeblich beeinflusste.

Insofern herrschte zumindest in diesem Punkt Gleichheit zwischen organischen und nicht-organischen Bürgern.

Und doch gab es eine Grenze, die Bürger wie Gonzan Tabo nicht überschreiten konnten.

Denn die zweite Voraussetzung, um ein Shareholder zu werden, war ein organischer Anteil. Diese Bestimmung war wohl der Tatsache geschuldet, dass es unter den organischen Bürgern der Weltraumstadt eine große, teils vielleicht auch irrationale Angst vor einer drohenden Maschinen-Herrschaft gab.

Ganz unbegründet war diese Angst letztlich auch nicht.

Schließlich hatte man in der Vergangenheit Acans in dieser Hinsicht bereits schlechte Erfahrungen gemacht. Insofern waren die bestehenden Gesetze nichts anderes als das Ergebnis eines Lernprozesses.

Gonzan Tabo hielt seine Position exakt ein. Oder besser gesagt: die Position seines Jägers.

Aber im Moment bestand da kein Unterschied. Gonzan Tabo besaß im Augenblick keinen anderen Körper als den Jäger. Zumindest galt das, solange er an dieser Mission beteiligt war.

Der Jäger gehörte natürlich nicht ihm, sondern letztlich den Shareholdern der Weltraumstadt Acan. Gonzan Tabo war nur das autonome Programm, das die Funktionen des Piloten ausführte. Eines Piloten, der an Bord des Jägers noch nicht einmal eine Kabine hatte. Die brauchte er auch nicht. Für ihn reichte ein Speicherkristall als Aufenthaltsort – oder irgendein anderes halbwegs leistungsfähiges Speichermedium, das in der Lage war, die Gesamtheit seiner Daten aufzunehmen.

"Formation auflösen", kam die Anweisung von der Einsatzleitung. "Das zu bekämpfende Objekt hat sich in einen Besiedlungscluster zurückgezogen."

"Verfolgung fortsetzen?", vergewisserte sich Gonzan Tabo.

"Verfolgung fortsetzen. Kollateralschäden vermeiden."

"Die Wahrscheinlichkeit, den Aggressor ausschalten zu können, ohne Kollateralschäden im Besiedlungscluster in Kauf zu nehmen, ist minimal", gab Gonzan Tabo zu bedenken.

Selbst eine einfache Standard-Simulation ohne antizipativen Zusatzalgorithmus zeigte das. Die Besiedlungsdichte innerhalb der Habitatcluster des Vagabunden-Schwarms waren einfach zu groß.

Gonzan Tabo beschleunigte seinen Jäger.

Die Kampfformation der Einheiten aus Acan war jetzt vollkommen aufgelöst worden.

Jeder folgte dem Aggressor jetzt auf sich gestellt.

Er wich einem Transportschiff aus, das plötzlich seinen Weg kreuzte und aus dem Ortungsschatten eines Mondes hervortrat, der seinerseits von zwei Mondmonden umkreist wurde.

Etliche Raum-Habitate hatten sich in diesem Subsystem angesiedelt. Der größere der beiden Mondmonde war offenbar ein beliebtes Abbaugebiet für irgendwelche Rohstoffe.

Jedenfalls war ein ständiger Pendelverkehr zu beobachten.

Raumschiffe flogen zwischen dem Mondmond und den Habitaten hinterher.

Gonzan Tabo wusste, dass die meisten dieser Transportschiffe ebenso von autonomen Programmen geflogen wurden, wie es bei seinem Jäger der Fall war.

Eigentlich hätte das die Kommunikation und damit auch den reibungslosen Vorbeiflug erleichtern müssen.

Hätte.

Wenn die autonomen Programme, die diese Frachtraumer lenkten, auch nur annähernd das Niveau an Komplexität gehabt hätten, das Gonzan Tabo für sich in Anspruch nahm.

Schon bekam Tabo jede Menge Warnsignale.

Ohne Sinn und Verstand, dachte Gonzan Tabo. Besser wäre es, wenn ich ein paar vernünftige Datensätze bekäme. Kursdaten, auf die auch wirklich Verlass ist zum Beispiel. Und die in der Aufbereitung dem Mindeststandard entsprechen! Aber davon kann ich nicht mal träumen!

Gonzan Tabo kannte die Signale dieser und ähnlicher Einheiten von zahllosen Flügen, die er bereits im Gebiet des Vagabunden-Schwarms unternommen hatte. Daher wusste er, wie schlecht sie waren. Und vor allem wusste er, dass man sich am besten nicht auf sie verließ. Sie waren nämlich oft fehlerhaft.

Unter normalen Umständen war das nicht so schlimm.

Aber diesmal waren es keine normalen Umstände.

Dies war ein Kriegseinsatz.

Und da konnte man sich keinen Fehler erlauben.

Gonzan Tabo verdoppelte die Rechnerkapazitäten zur Kursberechnung und nutzte dafür auch einen Teil des antizipatorischen Programmteils, der es ihm erlaubte, innerhalb gewisser Grenzen, zukünftige Entwicklungen abzuschätzen. Voraussicht nannte man so etwas auch unter organischen Wesen – und zwar selbst dann, wenn gar keine Technik dazu zur Verfügung stand.

Gonzan Tabo war bekannt, dass Menschen manchmal glaubten, eine Art Instinkt zu besitzen, die diese Fähigkeit beinhaltete. Nach Gonzan Tabos Ansicht beruhte das auf einem Aberglauben. Er bevorzugte Antizipationen durch Algorithmus-Unterstützung. Das, was Menschen taten, und was sie ihren Instinkt nannten, war hingegen rational nicht fassbar. Dass Menschen und andere biologische Intelligenzen jedoch trotzdem vom Zeitpunkt ihrer Entstehung an mehr Rechte genossen als ein hochkomplexes autonomes Programm wie Gonzan Tabo, empfand er als eine Ungerechtigkeit. Ungerechtigkeit, die durch nichts begründet werden konnte.

Die Chancen, dass sich daran in nächster Zeit irgendetwas ändern würde, waren allerdings mehr als gering. Zu tief saß die Angst vor einer Machtübernahme von Programmen und Maschinen. In der Vergangenheit hatte es mehrere Versuche gegeben, die Macht durch autonome Programme zu übernehmen.

Nicht immer waren dabei die Programme die treibende Kraft im Hintergrund gewesen. Manchmal hatte es sich auch um getarnte Invasionsversuche von außerhalb gehandelt.

Autonome Programmintelligenzen waren schließlich manipulierbar. Aber das waren Menschen und andere organische Intelligenzen schließlich auch.

In einem Zickzackkurs flog Gonzan Tabo durch einen Pulk von Transportschiffen hindurch. Zweimal wurde eine Annäherung im kritischen Bereich gemeldet.

Dann war Gonzan Tabo dem davoneilenden Aggressorenschiff wieder dicht auf den Fersen.

Dicht genug, um feuern zu können.

Allerdings galt ja die Devise, Kollateralschäden im Besiedlungscluster zu vermeiden. Die wären nämlich unausweichlich gewesen.

Eine Kurzsimulation zeigte das auf drastische Weise.

Bei einer Totalzerstörung des Aggressorenschiffs wären mindestens 20 Raum-Habitate in mehr oder minder schwere Mitleidenschaft gezogen worden. Man hätte mit einigen tausend Toten rechnen müssen.

Einige tausend tote organische Personen, dachte Gonzan Tabo. Zerstörte autonome Programme wurden in dieser vorhergesagten Statistik wohl gar nicht erfasst.

Ein Leben war eben nicht unbedingt ein Leben.

"Annäherung auf Schussdistanz. Erwarte weitere Befehle", meldete Gonzan Tabo an das Kommando.

"Position halten und auf Anweisungen warten", lautete die Antwort des Kommando-Programms, das sich an Bord irgendeiner der anderen Raumjäger befand, die im Moment hinter dem Aggressor her waren. "Kein Feuer eröffnen ohne ausdrückliche Autorisierung", fügte das Kommando noch eine eindeutige Klarstellung hinzu. Gonzan Tabo wusste, was das bedeutete.

Es bedeutete, dass die Eröffnung des Feuers in diesem Fall einer Autorisation durch die Führung von Acan bedurfte.

Vermutlich durch den Sicherheitschef Jerry Daiton.

Zumindest wäre das bei einem normalen Einsatz der Fall gewesen.

Aber dies war kein normaler Einsatz.

Es war der Versuch einer Invasion der Weltraumstadt.

Und daher nahm Gonzan an, dass in diesem Fall sogar der Lord Manager persönlich seine Zustimmung geben musste.

Auf jeden Fall ist es immer eine organische Person, die das letzte Wort hat, wusste Gonzan Tabo. Immer. Ohne Ausnahme. Und die Systematik dahinter ist, dass die Autonomie von unsereiner dort endet, wo die Organischen glauben, dass ihre eigene Autonomie bedroht sein könnte. Oder einfach auch nur ihre Alleinherrschaft.

Andererseits haben die Organischen keine Skrupel, ihre Freiheit von jemandem wie mir verteidigen lassen.

Gonzan Tabo wurde jetzt angezeigt, dass Programmteile sich mit nichtmissionsbezogener Aktivität beschäftigten.

Im Klartext: Gonzan Tabo schweifte gedanklich ab.

Und die Subsysteme des Jägers registrierten das.

Vielleicht meldeten sie es sogar an das Kommandoprogramm weiter. Darüber war Gonzan Tabo nicht informiert, aber eigentlich bestand kein Grund, warum das nicht so sein sollte.

Die Aktivitäten fanden in einem privaten Programmteil statt, meldete Gonzan Tabo zurück. Die Ressourcenaufteilung bildete zu keinem Zeitpunkt eine Gefahr für die Mission.

Die Antwort erfolgte umgehend. Sie bestand in dem Hinweis, dass es sich nur um eine vorsorgliche Warnung gehandelt habe.

Gonzan Tabo hatte einen gewissen Widerwillen gegenüber solchen vorsorglichen Warnungen durch Subsysteme. Die Aufgabe dieser Systeme war eigentlich, ihn zu unterstützen. Deren Hinweise und Warnungen empfand er allerdings häufig als Bevormundung. Gonzan Tabo überlegte für einen kurzen Moment, ob dieser Widerwillen, den er empfand, vielleicht eine ähnliche Ursache hatte, wie das Misstrauen, das viele organische Bürger autonomen Programmen gegenüber empfanden.

Jetzt wurde eine verdächtige Energiesignatur im Zielobjekt angezeigt.

"Eine Analyse", verlangte Gonzan Tabo.

Das Ergebnis war sehr schnell verfügbar.

Es deutet alles darauf hin, dass an Bord des Aggressorenschiffs der Einsatz von Waffen vorbereitet wurde. Die Energiesignaturen waren sehr typisch dafür.

Gonzan Tabo gab diese Analyse weiter an das Kommando-Programm.

"Die stehen kurz davor, auf uns zu schießen."

"Es bleibt dabei, Kollateralschäden sind zu vermeiden, daher kein Feuer. Nur passive Bewaffnung."

Die Schutzschilde hatte Gonzan Tabo längst aktiviert.

Da es bisher nicht zu Kampfhandlungen zwischen Acan und den Streitkräften des Sternenreichs von Axarabor gekommen war, war auch nur zum Teil bekannt, wie leistungsstark die Bewaffnung der anderen Seite war.

Nach den bisherigen Beobachtungen waren die Unterschiede in der technischen Ausstattung sehr groß. Innerhalb des Einflussbereichs dieses Sternenreichs schien es demnach sämtliche nur denkbaren technologischen Niveaus zu geben. Von der Keule bis zu desintegrierenden Energiestrahlen oder Waffen, die auf Quanteneffekten basierten.

Das, was dieser spezielle Aggressor da im Augenblick aktivierte, konnte alles Mögliche sein.

Den Analysen der Sensoren-Daten nach war zu vermuten, dass es sich um herkömmliche Energiewaffen handelte. Nichts Besonderes also. Aber natürlich in jedem Fall verheerend in den Auswirkungen. Und was Kollateralschäden anging, schien man auf der anderen Seite nicht so zimperlich zu sein.

Solche Nebenwirkungen waren dem Kommandanten des Aggressorschiffs offenkundig vollkommen gleichgültig.

Oder er blufft, überlegte Gonzan Tabo.

Was Täuschen und Bluffen anging, so musste Gonzan Tabo zugeben, dass er in dieser Hinsicht immer etwas unsicher war. Es fiel ihm schwer, so etwas bei einem Gegenüber zuverlässig einzuschätzen. Algorithmisch unterstützte Vorhersagen waren da auch nur bedingt hilfreich. Gonzan Tabo hatte die Erfahrung gemacht, dass sie sehr oft gerade in diesem Punkt unzuverlässig blieben.

Letztlich geht es wohl darum, dass eine chaotische, völlig vernunftfreie Reaktion nur schwer zu simulieren ist, dachte er.

Folgte man rationalen Erwägungen, war es völlig undenkbar, dass das Schiff des Beauftragten von Axarabor einfach drauflosschießen und damit ungezählte Bewohner des Vagabunden-Schwarms in Gefahr bringen würde.

Schließlich wollte man doch den Vagabunden-Schwarm wieder dauerhaft unter den Einfluss von Axarabor bringen.

Und das war ohne Kooperation der Schwarm-Bevölkerung letztlich unmöglich.

Wer sich zu inhuman und rücksichtslos verhielt, konnte in diesem Spiel eigentlich nicht gewinnen.

(Oder vielleicht gerade deswegen? Gonzan Tabo war sich in diesem Punkt einfach unsicher. Herrschaft durch Furcht ist schließlich auch eine Option, die in der Vergangenheit immer wieder funktioniert hat.)

Die Antwort erfolgte sehr schnell.

Schneller, als Gonzan Tabo in der Lage war, irgendeine Entscheidung darüber zu treffen, welche Variante nun die Wahrscheinlichere war und ob man auf der anderen Seite nun nur bluffte oder tatsächlich zum Angriff überging.

Das Aggressorenschiff feuerte.

Es bluffte nicht.

Und es gab trotz des Einsatzes der Schutzschilde einen Volltreffer.

Quantenwaffen also, dachte Gonzan Tabo.

Gegen die waren normale Schutzschilde wirkungslos.

Der Schaden war maximal.

Zerstörungsgrad nahe hundert Prozent.

Innerhalb einer Nanosekunde löste Gonzan Tabo den digitalen Schleudersitz aus. Normalerweise wäre sein Programm auf diese Weise über die normalen Datenverbindungen transferiert und damit gerettet worden.

Aber das funktionierte in diesem Fall einfach nicht.

Mochte es nun daran liegen, dass es alle Einheiten des Verbandes gleichzeitig getroffen hatte oder daran, dass sämtliche Datenverbindungen auf einmal ausgefallen waren.

Wie auch immer.

Das war es dann wohl!, dachte Gonzan Tabo.

Aber da flogen bereits ein paar glühende Trümmerteile seines Jägers durch das All.



9

"Du kannst mir zur erfolgreichen Vernichtung sämtlicher Feindeinheiten, die hinter uns her waren, gratulieren", sagte Shea McBain. "Es zeigt sich immer wieder: Waffen, die auf dem Quantenteleportationseffekt basieren, haben eine unglaubliche Treffergenauigkeit." Shea atmete tief durch, während er sich vor seinem INNEREN AUGE die Jägerwracks ansah. Alle auf einen Streich.

"Es werden erhebliche Schäden an zahlreichen Raum-Habitaten und zwei Transportschiffen zum Mondmond gemeldet", sagte der Avatar der Schiffs-KI mit unbewegtem, neutral wirkenden Gesicht.

"Das war unvermeidbar", erwiderte Shea McBain.

"Wir haben jetzt ein Problem", sagte die KI. "Die Stimmung innerhalb der Bevölkerung des Vagabunden-Schwarms wird sich gegen uns wenden."

"Die Stimmung innerhalb des Vagabunden-Schwarms war ohnehin nie für uns", rechtfertigte sich Shea. "Insofern hat sich nichts geändert."

"Meiner strategischen Analyse nach …"

"Die ist irrelevant. Ich bevorzuge meine eigene Analyse."

Es verging ungewöhnlich viel Zeit, ehe die KI reagierte.

"Die Frage, welche Fakten in der Analyse wie gewichtet werden, entzieht sich meiner Zuständigkeit", gab sie zurück. "Ich weise darauf hin, dass diese Vorgehensweise möglicherweise nicht dem Standardvorgehen entspricht und möglicherweise auch nicht von den übergeordneten Stellen befürwortet werden."

"Ich bin der Beauftragte des Hochadmirals", erklärte Shea. "Und das bedeutet, es gibt niemanden sonst, dem ich zur Rechenschaft verpflichtet wäre."

"Gut, dass diese Sache geklärt ist."

"So ist es."

"Wie ist das weitere Vorgehen, Shea? Oder ziehst du es vor, mich zu überraschen?"

"Das weitere Vorgehen besteht aus einem direkten Angriff", sagte Shea. "Auf Acan selbst."

"Könnte es sein, dass es Faktoren gibt, die bei der Vorausberechnung der Entwicklung nicht berücksichtigt werden konnten?"

"Ich wüsste nicht, welche Faktoren das sein sollten", meinte Shea. "Der Lord Manager von Acan wurde ausgeschaltet. Damit ist der Schlange gewissermaßen der Kopf abgeschlagen."

"Die Verteidigung Acans wird nicht allein auf den kalkulatorischen Fähigkeiten des Lord Managers beruhen", gab die KI zu bedenken.

"Nein. Aber unserer Analyse nach gibt es niemand sonst, der über vergleichbare Fähigkeiten verfügt." Shea McBain lächelte verhalten. "Abgesehen von mir. Andernfalls wäre mir dieser Auftrag nicht anvertraut worden."

"Und wenn es eine Falle ist?", fragte die KI.

"Was sollte das für eine Falle sein?"

"Wir gehen vielleicht in der einen oder anderen Sache von falschen Voraussetzungen aus."

"Falsche Voraussetzungen?"

"Möglicherweise stimmt eine unserer Grundannahmen nicht."

"Zum Beispiel welche?"

"Zum Beispiel die, dass der Lord Manager ausgeschaltet ist."

"Alle Systeme melden die Bestätigung dafür. Das Schadprogramm wurde installiert und anschließend wurden die Vitalfunktionen abrupt beendet."

"Mutmaßlich ein Energieschuss."

"Mutmaßlich. Aber ganz sicher tödlich."

"Ich weiß, dass es keinen Grund gibt, anzunehmen, dass das nicht der Fall ist. Einen durch Daten belegbaren Grund jedenfalls."

"Na also!"

"Aber nur mal angenommen, WENN es so wäre. WENN der Lord Manager noch existieren würde und einsatzfähig wäre und WENN man auf der Seite Acans ganz bewusst den Eindruck zu erzeugen versuchte, dass dies nicht der Fall wäre."

"Ganz schön viele WENNS für eine KI, würde ich sagen."

"Es ist nur ein Gedankenspiel."

"In der Tat."

"Aber ich habe von dir gelernt, dass solche Gedankenspiele lehrreich sein können."

"Vielleicht sollte ich weniger mit dir kommunizieren. Eines Tages werde ich sonst noch etwas von dir lernen müssen."

"Wäre das so schlimm?"

"Es wäre … nicht, wie es sein sollte."

"Nun, ich würde mein Gedankenspiel gerne zu Ende führen."

"Bitte!"

"Wenn man dich glauben lässt, dass der Lord Manager ausgeschaltet ist, obwohl das in Wahrheit gar nicht zutrifft, könnte das mit der Zielsetzung geschehen, dass du zu einer übereilten, unbedachten Reaktion provoziert werden sollst."

Shea McBain strich sich über den dunklen Bart. "Ja, das, was du sagst, klingt logisch."

"Siehst du."

"WENN ..."

"Aber du glaubst nicht an diese Möglichkeit?"

"Meine präkognitive Kalkulation sieht diese Möglichkeit als sehr unwahrscheinlich an."

"Dann wollen wir hoffen, dass du Recht behältst, Shea."

"Sicher."

"Da deine mentalen und kalkulatorischen Kapazitäten die meinen bei weitem übersteigen, brauchen wir uns in diesem Punkt sicherlich keine Sorgen zu machen", sagte die KI. Der Avatar drehte ruckartig den Kopf. Mehr wie Vogel als eine Frau. Eine Bewegung, die Shea irgendwie unpassend erschien. Eine Augenbraue wurde emporgezogen. "Oder?"



10

Lord Manager Arc Wegu betrat zusammen mit Jerry Daiton die Zentrale der Weltraumstadt Acan.

Alle Blicke waren in diesem Augenblick auf Arc Wegu gerichtet.

"Schön, dass Sie wieder da sind, Lord Manager", sagte jemand.

"Arc Wegu lächelte mild.

"Haben Sie daran gezweifelt?"

"Nicht wirklich."

"Ich bin wieder auf meinem Posten."

"Das freut uns alle. Schließlich … haben wir alle gesehen, was passiert ist."

Sie haben gesehen, wie ich umgebracht wurde, ging es Arc Wegu durch den Kopf. Diese Erinnerung haben die hier Anwesenden mir voraus. Seltsam, dass ich der Einzige bin, der sich daran nicht zu erinnern vermag. Aber so ist es nun mal … Und vielleicht ist das sogar ganz gut so.

"Ich bin nicht ganz der Alte", sagte Arc Wegu. Er deutete auf Jerry Daiton. "Unser Sicherheitschef wird Ihnen das Nötige erklären."

"Hauptsache, wir können uns bei der Verteidigung Acans auf Ihren Weitblick verlassen", warf jemand anderes ein.

"Das können Sie", versicherte der Lord von Acan. "Mein neuer Körper ist voll funktionsfähig, insbesondere das Gehirn ist extrem optimiert. Ihre Scans werden Ihnen schon verraten haben, dass ich keinerlei Implantate besitze."

"Lord Wegu braucht keine Implantate mehr", erklärte jetzt Jerry Daiton. "Sein Körper ist ein einziger biologischer Computer. Wir haben lange auf diesen Punkt hingearbeitet. Ich gebe gerne zu, dass diese Umstellung erst in fernerer Zukunft geplant war, aber der Angriff durch den Beauftragten des Hochadmirals hat uns zum Handeln gezwungen."

"Es ist zum Gefecht im Besiedlungscluster beim Mondmond gekommen", meinte jemand. "Wir haben alle Jäger verloren und es ist zu verheerenden Kollateralschäden gekommen."

"Wie war das möglich?", fragte Jerry Daiton.

Ein Datenstrahl schoss aus einem Auge heraus und traf eine der Konsolen. Der Sicherheitschef wollte sich offenbar aus erster Hand informieren. Seine Implantate waren von ihrer Leistungsfähigkeit her weit über dem Durchschnitt. Und vor allem besaßen sie den höchsten Sicherheitsstandard, was eine Abschirmung gegen Angriffe betraf. Aber dass dieser Standard möglicherweise nicht ausreichend war, wenn man auf einen entsprechenden Gegner traf, hatte der Angriff auf den Lord Manager eindrucksvoll gezeigt …

"Quantenwaffen", sagte Arc Wegu, noch ehe Jerry Daiton überhaupt einen vollständigen Zugriff auf das Datenmaterial der Sensoren erhalten hatte. Um zu dieser Schlussfolgerung zu gelangen, war es nicht einmal nötig gewesen, den telepathischen Systemzugang zu aktivieren. Arc Wegu war selbst am meisten darüber erstaunt. Er hatte es einfach gewusst.

Vollkommen intuitiv.

Aus irgendeinem Grund sah Arc Wegu seine Hände an.

Es ist genauso, wie Jerry Daiton gesagt hat, ging es ihm durch den Kopf. Mein gesamter Körper, jede Zelle, jedes Molekül DNA ist Teil eines biologischen Computers, dessen Leistungsfähigkeit offenbar sehr viel höher ist als alles, was in Acan bis jetzt in dieser Hinsicht erschaffen werden konnte …

"Die Schlussfolgerung liegt tatsächlich nahe", sagte jemand. "Unsere Aufzeichnungen zeigen, dass die Jäger exakt gleichzeitig vernichtet wurden – und zwar so schnell, dass in keinem Fall eine Rettung der autonomen Pilotenprogramme durch den digitalen Schleudersitz möglich gewesen wäre."

"Sie sind alle verloren", stellte Arc Wegu fest."Das Aggressorenschiff bewegt sich auf einem Kurs, der vermuten lässt, dass ein weiterer Angriff bald bevorsteht", sagte jemand. "Und ich nehme nicht an, dass es diesmal nur ein Cyber-Angriff sein wird."

"Ich nehme an, dass entsprechende Verteidigungskräfte bereits im Einsatz sind", sagte Arc Wegu.

"Wir haben schwere Kampfeinheiten unserer Flotte ausgeschickt."

"Aber sie werden das Aggressorenschiff nicht aufhalten können." Auch dies bemerkte Arc Wegu im Tonfall einer Feststellung.

"Machen Sie sich Sorgen wegen der Quantenwaffen? Dagegen kann sich ein Jäger vielleicht nur unzureichend schützen, aber Acan schon!"

Arc Wegu wirkte in sich gekehrt. Er schloss die Augen. Er wirkte sehr konzentriert, so als würde er angestrengt nachdenken.

"Alles in Ordnung, Lord Manager?", wollte Jerry Daiton wissen.

Aber der Sicherheitschef erhielt keine Antwort auf seine Frage.

Arc Wegu verharrte schweigend.

Dann öffnete er die Augen.

"Der Angriff wird nicht so erfolgen, wie wir das glauben", erklärte er.

"Jetzt sagen Sie uns aber nicht, dass wir die Kampfraumer zurückziehen sollten!", rief jemand.

"Nein, das nicht", gab Arc Wegu zurück. "Die Kampfraumer sollen ihre Positionen halten. Die andere Seite soll ruhig denken, dass wir ahnungslos sind …"

"… und vor allem soll die andere Seite denken, dass der Lord Manager nicht mehr existiert", ergänzte Jerry Daiton.



11

Gonzan Tabo hatte das Gefühl für Zeit verloren, obwohl es eigentlich in seiner Programmstruktur tief verankert war.

Aber letztlich ging es ihm wie allen biologischen Personen auch: Zeit war etwas Relatives. Zeit war etwas, das in erster Linie durch das Ausmaß von Veränderungen wahrgenommen werden konnte. Dabei spielte es keine Rolle, ob diese Veränderungen im Wechsel von Tag und Nacht auf einem Planeten, in sozialen Interaktionen oder nur im Zerfall eines radioaktiven Isotops bestanden.

Wer irgendeine Veränderung wahrnahm, hatte damit ein Maß für die Zeit.

War das nicht der Fall, fehlte dieses Maß und geriet förmlich in einen zeitlosen Zustand.

Genau das war mit Gonzan Tabo geschehen, nachdem die Quantenwaffe des Aggresorschiffs seinen Jäger zerstört hatte.

Zumindest war das die letzte Veränderung, an die sich Gonzan Tabo zu erinnern vermochte. Danach schien buchstäblich nichts mehr geschehen zu sein.

Er war allein in diesem Nichts.

So als würde das ganze Universum nur aus ihm selbst bestehen.

Aus Gonzan Tabo und seinen Gedanken.

Beziehungsweise dem, was davon übrig geblieben war. Und was das betraf, war er sich gar nicht so sicher, wie viele Komponenten seines Programms tatsächlich erhalten geblieben waren.

Er begann sich darüber zu wundern, dass er überhaupt noch existierte. Denn damit war eigentlich nicht zu rechnen gewesen. Die Totalzerstörung seines Jägers hätte eigentlich dazu führen müssen, dass auch das Programm, das seine Persönlichkeit ausmachte, vollkommen vernichtet wurde.

Offenbar ist das nicht geschehen, dachte er. Sonst könnte ich jetzt keinen Gedanken fassen. Ich bin Gonzan Tabo. Immer noch. Und allein die Tatsache, dass ich das zu denken im Stande bin, heißt, dass zumindest wesentliche Programmkomponenten irgendwo überlebt haben müssen. Und zwar auf eine physische Weise. Auf einem Datenträger.

An eine metaphysische Existenz glaubte Gonzan Tabo nicht.

Er wusste, dass unter organischen Personen der Glaube an etwas verbreitet war, dass sie Seele nannten. Etwas, das den Gehalt ihrer Persönlichkeit ausmacht und angeblich wandern konnte. Etwas, das in der Lage war, den physischen Tod zu überleben – und zwar nicht etwa durch einen kompletten Gehirnscan und eine Kopie sämtlicher Strukturen, sondern auf immaterielle, nicht erklärbare Weise.

Gonzan Tabo lehnte diese Auffassung als Aberglaube ab.

Alle Information hatte letztlich irgendeine materielle Grundlage. Davon war er überzeugt. Und wenn es lediglich Quantenzustände waren!

Ich denke, also existiere ich, so lautete seine Überzeugung.

Daraus ergaben sich zwei mögliche Schlussfolgerungen.

Entweder, der digitale Schleudersitz hatte doch funktioniert und er war in irgendeinem Speicher in Acan gelandet. Und die Tatsache, dass ihm jede Wahrnehmung und jede Verbindung zur Außenwelt fehlte, war darin begründet, dass er in Quarantäne gehalten wurde. Autonome Programme, die mit dem Schleudersitz gerettet worden waren, wurden immer erst in Quarantäne gesetzt und eingehend untersucht. Denn es lag auf der Hand, dass hier immer auch die Gefahr einer Infizierung durch Schadprogramme gegeben war.

Gonzan Tabo fragte sich, ob diese Möglichkeit tatsächlich gegeben sein konnte, da er keinerlei Bestätigung für einen geglückten Nottransfer seiner Daten mit dem Schleudersitz erhalten hatte.

Genau genommen hatte er stattdessen eine Meldung für einen missglückten Versuch.

Also kann ich mir in dieser Hinsicht ziemlich sicher sein, dachte er. Diese Möglichkeit scheidet so gut wie aus, es sei denn, dass dabei einiges schiefgelaufen ist.

Möglicherweise war ja nur ein Teil seiner Daten gerettet worden. Und der Teil von ihm, der sich an den gelungenen Transfer hätte erinnern können, eben nicht.

Aber dann, so war zu vermuten, wäre die entsprechende Meldung korrigiert worden.

Nein, es bleibt nur die zweite Möglichkeit, wurde Gonzan Tabo nun klar.

Und diese Alternative war die weitaus trostlosere als die Quarantäne in einem Programmspeicher von Acan.

Offenbar hatte sich das autonome Programm in einem Trümmerteil erhalten. Ein Trümmerteil, das ein funktionierendes Speicherelement enthielt, ansonsten aber nichts, was ihn in die Lage versetzt hätte, seine Umwelt wahrzunehmen oder mit anderen in Kontakt zu treten.

Hätte er einen Körper besessen, wären ihm in diesem Augenblick kalte Schauder über den Rücken gelaufen. Er hatte keinen Körper, daher auch keinen Rücken. Und dennoch, eine Art Entsprechung dieser Empfindung machte sich gerade innerhalb des autonomen Programmes, das sich selbst den Namen Gonzan Tabo gegeben hatte, breit.

Es bestand die Aussicht, für Ewigkeiten im Nichts umherzuschweben, gebunden an irgendein vagabundierendes Metallteil, das einmal Teil seines Jägers gewesen war. Eine Existenz ohne Augen, Ohren, irgendwelche anderen Sensoren oder gar Hände.

Ich habe keine Chance, an diesem Zustand irgendetwas zu ändern!, wurde es Gonzan Tabo geradezu schmerzlich bewusst.

Das müsste es sein, das organische Wesen mit dem Begriff Hölle bezeichneten. Ein Ort größtmöglicher Schrecken. Und welche größeren Schrecken gab es als diesen?

Gonzan Tabo verfluchte sich dafür, dass er noch existierte. Und er verfluchte seinen Feind dafür, seiner Existenz nicht wenigstens ein Ende gesetzt zu haben.

Das alles half ihm allerdings nicht.

Er fühlte tiefe Ohnmacht.

Es schien nichts zu geben, was er tun könnte.

Einfach nur nicht zu existieren und die Rolle eines Zuschauers einzunehmen, war immer deprimierend. Zumal das Wort Zuschauer auch nicht wirklich zutreffend war. Schließlich sah er nichts.



12

Nach der Raumschlacht im Besiedlungscluster beim Mondmond begann eine zweite Schlacht. Die hatte mit der ersten nur mittelbar zu tun.

In der ersten Schlacht hatte Shea McBain mit seinem Schiff die Jäger der Weltraumstadt Acan vernichtet – und dazu unbeabsichtigterweise auch noch einige Habitate und Raumschiffe.

Die Folgen waren für die Betroffenen furchtbar.

Shea McBains Schiff entfernte sich unterdessen aus dem Cluster.

Zwar registrierte der Beauftragte des Hochadmirals, dass Acan inzwischen weitere (und sehr viel schwerere) Kampfeinheiten ausschleuste, aber darüber brauchte sich Shea McBain im Moment nicht den Kopf zu zerbrechen.

Im Augenblick waren diese Einheiten für ihn nicht gefährlich.

Und davon abgesehen hatte Shea das Gefühl, dass alles nach Plan verlief.

Während Shea McBains Schiff das Gebiet der Katastrophe längst verlassen hatte, begann dort die zweite Schlacht – und die tobte unter denjenigen, die sich die besten Trümmerstücke sichern wollten.

Raumpiraten.

Eine Pest, die durch die hohe Besiedlungsdichte des Raumquadrats um den Vagabunden förmlich angezogen wurden. Sie existierten fast so lange, wie es den Vagabunden-Schwarm gab. Und vermutlich würde es nie jemandem gelingen, sie auszurotten und ihrem Treiben ein Ende zu setzen.

Die Gewinne, die sie beim Aufbringen von havarierten Schiffen samt ihrer Ladung machen konnten, waren einfach exorbitant hoch.

Und es mochte zwar sein, dass in diesem Fall insbesondere von den Jägern aus Acan nicht viel übrig geblieben war, aber das wenige hatte es durchaus in sich.

Hochkomplexe Hightech-Bauteile zum Beispiel.

Anhand ihrer typischen Signaturen waren die leicht aufzuspüren.

Und so kamen sie nun von allen Seiten, um die Überreste des Gefechts aufzusammeln und sich einzuverleiben. Manche dieser Piratenschiffe waren darauf auch von der technischen Ausstattung her regelrecht spezialisiert und mit robotischen Greifarmen ausgestattet, die zum Zerlegen der Beute dienten. Wie Spinnen sahen viele dieser Raumpiratenschiffe aus.

Und so nannte man sie dann auch.

Raumspinnen.

Und ähnlich den auf vielen Planeten verbreiteten arachnoiden Lebensformen benutzten manche von ihnen Netze, um ihre Beute effektiver einfangen zu können. Netze aus feinen Hightech-Carbonfasern zum Beispiel, die hauchdünn, aber sehr widerstandsfähig waren.

Diejenigen, die etwas mehr Kapital zur Verfügung hatten und besser ausgerüstet waren, verfügten über sogenannte Quantennetze. Damit ließen sich selbst kleinste Objekte gezielt einfangen. Sehr gezielt ließ sich damit nach einer ganz bestimmten Beute suchen. Nach technischen Gerätschaften mit spezieller Signatur beispielsweise.

Irgend so ein Quantennetz eines Piratenraumschiffs hatte Gonzan Tabo irgendwann eingefangen. Der Pilot konnte davon nichts wahrnehmen.

Aber er bemerkte den Energieimpuls, der ihn plötzlich traf.

Und er konnte diesen Impuls identifizieren.

Er galt genau genommen nicht ihm (also seinem Programm), sondern dem mobilen Emitter, der es ihm erlaubte, den Jäger oder irgendeine andere Maschine, die er mit seinem Programm für eine gewisse Zeit beseelte, auch zu verlassen, wenn er das wollte. Schließlich hatte Gonzan Tabo Bürger- und Persönlichkeitsrechte. Dazu zählte auch das Recht, sich frei zu bewegen. Und das nicht nur über Datenleitungen, sondern auch …

… physisch?

Das war nicht das richtige Wort dafür.

Denn der mobile Emitter erzeugte ein Hologramm – und das völlig unkörperlich. Es bestand nur aus projizierten Licht, sah täuschend echt aus und wurde von dem mit einem winzigen Antigrav-Aggregat ausgestatteten, freischwebenden Emitter projiziert. Dieser Emitter war optisch so in das Hologramm integriert, dass er nicht auffiel.

Gonzan Tabo hatte sich einen holografischen Avatar erschaffen, der hinreichende Individualität besaß. Es stellte letztlich eine Kombination von Eigenschaften dar, die aus Abertausenden anderer Holografien generiert und neu zusammengesetzt worden waren.

Der Anbieter dieses Service garantierte Individualität in der Erscheinung.

So stand da jetzt die täuschend echt wirkende Gestalt eines Mannes um die dreißig in einem silberfarbene Pilotenoverall. Tatsächlich waren menschliche Piloten in der Flotte von Acan selten geworden. Sie hatten einfach den Nachteil, dass sie Platz und Sauerstoff brauchten, außerdem Lebenserhaltungssysteme und viele andere Dinge, auf die ein autonomes Programm verzichten konnte. Aber die Idealvorstellung eines Piloten hatte sich trotzdem nicht geändert. Und auch Gonzan Tabo hing ihr offensichtlich an. Sonst hätte sein holografischer Avatar anders ausgesehen. Er sah sich um.

Erleichtert darüber, dass er überhaupt wieder etwas wahrnehmen konnte.

Der Ort, wo er sich befand, musste wohl der Hangar eines Raumpiratenschiffs sein.

Ein paar bunt zusammengewürfelte Gestalten standen um ihn herum. Menschen, Cyborgs, Humanoide, Gehörnte, ein krakenartiges Wesen und ein fünfarmiger Riese, der mindestens drei Meter maß und von einem Fell bedeckt wurde, das so zottelig war, dass man nicht sehen konnte, wo sich die Augen befanden.

Auf einem Tisch lagen ein paar Trümmerteile, die offenbar von dem Jäger stammten, dessen Pilot Gonzan Tabo bis vor Kurzem gewesen war. Das Aufbewahrungsfach seines mobilen Emitters hatte dazugehört. Auch wenn es kaum wiederzuerkennen ist, dachte Gonzan Tabo.

"Was ist denn das für einer?", fragte jemand aus der Gruppe. Er benutzte eine der Sprachen, die innerhalb des Vagabunden-Schwarms verbreitet waren. Gonzan Tabo verfügte über eine hervorragend konfigurierte Translator-Funktion. Insofern war es völlig unerheblich, welche Sprache genau das nun war.

Er konnte sie verstehen – und sie würden ihn verstehen können, sobald er mit ihnen sprach.

"Ich bin Gonzan Tabo, Pilot der Raumstreitkräfte von Acan", sagte er. "Sie sollten mir umgehend Ihr Schiff zur Verfügung stellen, damit ich die Verfolgung des Aggressors fortsetzen kann. Denn wenn das nicht geschieht und es dem Aggressor gelingt, Acan zu schlagen, zu vernichten oder einfach nur zu einer Hypersprung-Flucht zu veranlassen, dann werden Sie alle dem Unterdrückungswillen des Sternenreichs von Axarabor schutzlos ausgeliefert sein. Mit Ihrer Unabhängigkeit hier im Vagabunden-Schwarm wäre es dann vorbei. Also tun Sie, was ich Ihnen sage und gestatten Sie mir, Ihre Freiheit zu verteidigen."

Die umstehenden Gestalten starrten Gonzan Tabo ungläubig an. Dann sahen sie sich gegenseitig an. Das Krakenwesen machte ein schmatzendes Geräusch. Und ein gehörnter Humanoide sagte: "Was ist dann für ein Spinner?"

"Jedenfalls nervt der", sagte ein anderer. Sein halbes Gesicht schien aus implantierten Bauteilen zu bestehen.

Er hob die Hand.

"Bleib genau da stehen, Spinner", sagte er. "Und rühr dich nicht!"

Dann schoss ein Energiestrahl aus dem Auge des Gesichtsimplantats hervor. Der Strahl ging einfach durch den holografischen Avatar hindurch.

Hier und da gab es ein paar verwackelte Lichteffekte und Überlagerungen.

Der Energiestrahl traf die Wand dahinter und brannte ein Loch hinein.

Offenbar haben die mich für körperlich verwundbar gehalten, dachte Gonzan Tabo. Der holografische Avatar musste von so guter Qualität sein, dass diese Leute tatsächlich geglaubt hatten, einen physisch existenten Körper vor sich zu haben, nicht nur eine optische Täuschung. Solange niemand meinen Emitter trifft, können die mir nicht gefährlich werden, dachte Gonzan Tabo. So etwas wie mich scheint es hier nicht zu geben … Zumindest nicht in der Qualität der optischen Erscheinung …

Und dabei war der Avatar, den er benutzte, nun wirklich nicht der Gipfel des Luxus. Gonzan Tabo hoffte darauf, sich irgendwann einmal einen Avatar aus Formenergie leisten zu können. Auch der benötigte einen mobilen Emitter, aber anders als bei der holographischen Gestalt, mit der er sich im Moment präsentierte, hätte man einem Avatar aus Formenergie sogar die Hand schütteln oder auf die Schulter klopfen können. Er hätte tatsächlich den Eindruck körperlicher Präsenz zu erwecken vermocht.

Dass dies gerade für die soziale Kommunikation ein nicht zu unterschätzender Faktor blieb, war ihm sehr wohl bewusst.

Aber ein Formenergie-Avatar kostete ein Vermögen. Aber Gonzan Tabo war trotzdem überzeugt davon, dass es jede Krediteinheit wert war, die dafür verlangt wurde. Formenergie basierte schließlich auf dem Prinzip der prinzipiellen Umwandelbarkeit von Energie in Materie und wieder zurück. Ein mobiler Emitter, der Formenergie benutzte, war in der Lage, daraus Körper in jeder Gestalt zu formen. Ganz nach den Bedürfnissen des Anwenders. Und im Gegensatz zur holographischen Illusion wäre das ein echter Körper gewesen. Darauf arbeitete Gonzan Tabo schon seit langem hin. Da es ihm als autonomem Programm und nicht organischen Bürger ohnehin verwehrt blieb, Shareholder von Acan zu werden, weil gewisse Ressentiments dies verhinderten, konnte er seine Ersparnisse ohnehin nicht dafür verwenden, Anteile an der Weltraumstadt zu kaufen. Warum also nicht dafür sparen, sich das leisten zu können, was für all die organischen Wesen völlig selbstverständlich war? Ein Körper mit Substanz, den man anfassen konnte.

Gonzan Tabo machte noch einen Schritt nach vorn.

"Ich habe gesagt, bleib stehen, Spinner", wiederholte der Cyborg, dessen Energieschuss das Hologramm durchdrungen hatte und für das Loch in der Wand verantwortlich war.

"Und ich habe gesagt, dass ich das Schiff brauche", sagte Gonzan Tabo. "Und zwar sofort! Ich hoffe, ich habe mich unmissverständlich ausgedrückt."

"Ich glaube, der meint es ernst", meldet sich das Krakenwesen zu Wort. Er drückte seine Worte in einigen gurgelnden Lauten aus. Über ein telepathisches Interface schien er nicht zu verfügen, dafür aber über einen einigermaßen leistungsstarken Translator. Gonzan Tabo nahm an, dass es sich um eines der Module handelte, die der Krake an verschiedenen Riemen bei sich trug, die seinen Kopf umspannten. Der Krake kam ein Stück auf Gonzan Tabo zu. "Ich glaube, es wäre besser gewesen, wir hätten dieses Ding einfach schlafen gelassen", äußerte der Krake.

"Dafür ist es jetzt leider zu spät", meinte der Cyborg. Gonzan Tabo hatte den Eindruck, dass er hier zu sagen hatte und in der Gruppe eine Art Anführer war. Also werde ich mich an ihn halten müssen, dachte er.

"Ich bitte Sie nochmals freundlich, mir Ihr Schiff zu übergeben", sagte Gonzan Tabo. "Tun Sie das nicht, bedeutet dies das Ende Ihrer Freiheit und Selbstbestimmung. Sie werden sich dann dem Sternenreich unterordnen müssen."

Der Cyborg lachte.

"Du bist nicht ganz bei Trost, würde ich sagen", meinte er. "Und was die Sache mit dem Sternenreich angeht: Es ist für uns vollkommen egal, ob Acan das Sagen hat oder dieses Sternenreich, dessen Zentralwelt so weit entfernt ist, dass niemand hier so genau weiß, ob das nicht vielleicht nur eine Art kosmische Legende ist."

"So wie die Geschichten über die Erde", sagte ein Gehörnter und verschränkte die Arme vor der Brust.

Die Sensoren des mobilen Emitters waren zwar nicht mit jenen zu vergleichen, zu denen er Zugang hatte, wenn er die Pilotenfunktion irgendeines Raumschiffs übernahm – aber trotzdem empfindlich genug, um die Kraft verstärkenden Implantate in seiner Muskulatur der Arme und Beine zu registrieren. So ausgestattet konnte der Gehörnte sich vermutliche ohne weiteres auf einer Schwerkraftwelt mit mehr als 7 g bewegen. Oder mit der Faust ein Loch in die Wand hauen, wie jenes, das der Cyborg mit seinem Energiestrahler in die Wand gebrannt hatte.

Niemand also, mit dem man sich leichtfertig anlegen sollte. Es sei denn, man hätte einen mobilen Emitter und war ein körperloses Hologramm. Gonzan Tabo drehte den Kopf und ließ den Blick schweifen. Er tat das nicht wirklich, um mehr zu sehen oder weil diese Bewegung ihm bei der Suche nach irgendetwas geholfen hätte. Er tat dies, weil er um die kommunikative Wirkung dieser Geste wusste. Und ihm war auch klar, wie wichtig nonverbale Kommunikation im Umgang mit organischen Personen war.

Gleichzeitig scannten die Sensoren seines mobilen Emitters die Umgebung. Er war auf der Suche nach einer Möglichkeit, in das Datensystem des Piratenschiffs einzudringen.

Auf diese Weise konnte er das Kommando des Schiffs übernehmen. Wenn er dabei schnell genug war, dann hatten diese Piraten überhaupt keine Chance, ihn daran zu hindern.

Der einzige Faktor, der ihn vielleicht doch noch stoppen konnte, war technische Insuffizienz. Innerhalb des Vagabunden-Schwarms war jegliches technisches Niveau anzutreffen. Manche der Raumschiffe und Habitate funktionierten auf eine ausgesprochen primitive Weise. Und irgendwo gab es da natürlich eine Toleranzgrenze nach unten. Wenn beispielsweise das Computersystem derart primitiv war, dass es nicht mal genügend Speicherkapazität für die Aufnahme des autonomen Pilotenprogramms gab, dann existierte ja auch keine Möglichkeit für Gonzan Tabo, diesen Spinnenraumer zu kapern.

Es war ein Risiko.

Aber so wie es aussah, musste man es eingehen.

Hinterher werde ich wissen, ob es richtig war, dachte Gonzan Tabo.

Trotz aller präkognitiven Kalkulationen …

Manche Dinge ließen sich nicht im Voraus abschätzen.

Es trotzdem zu tun, bedeutet das, was organische Wesen Mut nennen, überlegte Gonzan Tabo.



13

Die Situation hing noch in der Schwebe. Aber Gonzan Tabo war klar, dass es nicht mehr lange so bleiben würde.

In dem Moment, in dem einer der Piraten seinen mobilen Emitter identifiziert hatte, wurde es für ihn gefährlich. Dass das bis jetzt noch nicht geschehen war, war wohl nur dem Umstand zuzuschreiben, dass eine vergleichbare Technologie unter ihnen weitgehend unbekannt zu sein schien. Dafür sprach auch, dass der Emitter überhaupt versehentlich aktiviert worden war.

Im Augenblick ging es für Gonzan Tabo einfach nur darum, ein bisschen Zeit zu gewinnen.

Angriff ist manchmal die beste Verteidigung, dachte Gonzan Tabo.

Also ging er noch einen Schritt weiter vor.

Er wusste genug über die unter organischen Personen üblichen Interaktionen, um zu wissen, dass sie dadurch zumindest für einen kurzen Moment verunsichert sein würden.

"Ihr könnt mich mit euren Waffen nicht treffen", sagte er. "Weder mit Strahlenwaffen noch mit Projektilwaffen. Eure Geschosse fliegen einfach durch mich hindurch. Strahlen aller Art können mir nichts anhaben. Dasselbe gilt für thermische oder kinetische Energie. Ich bin gegen beides vollkommen unempfindlich. Es ist also völlig unmöglich, dass ihr mich aufzuhalten vermögt."

Ein Humanoide mit einem gezackten Knochenkamm auf dem Schädel hob ein Gerät mit seiner Linken mit sechs Fingern bestückten Hand.

Ein Scanner analysierte Gonzan Tabo.

"Da schwebt so ein Ding in dieser Holografie … ist mit einem Antigrav-Aggregat ausgestattet. Wusste gar nicht, dass man die so klein herstellen kann."

"Grillen wir dieses Ding mit Breitbandfeuer", schlug der Cyborg vor.

Dieser hob jetzt seinen Arm. Die Finger seiner Hand verwandelten sich in Mündungen von Waffen. Offenbar wollte er seinen Vorschlag umgehend in die Tat umsetzen.

Aber in diesem Augenblick hatte Gonzan Tabo einen Zugang zum Datensystem des Schiffs gefunden.

Noch ehe der Cyborg sein Breitbandfeuer eröffnet hatte, zuckte ein Datenstrahl durch den Hangar. Er traf ein Modul rechts des Innenschotts.

Im selben Moment verschwand das Hologramm.

Der mobile Emitter fiel zu Boden.

Nur wenige Sekunden später hatte Gonzan Tabo die Kontrolle über die Raumspinne der Piraten übernommen.



14

Shea McBain hatte sich der Weltraumstadt Acan in einem gewagten Zickzackkurs genähert.

Die Flotte der Verteidiger reagierte darauf und nahm eine neue Formation ein. Immer eine größere und ein Dutzend kleinere Einheiten bildeten dabei einen klar erkennbaren Verband.

"Selbst die stärkste Flotte des bekannten Universums könnte nicht verhindern, dass ich mein Ziel erreiche", sagte Shea McBain.

"Darf man erfahren, was dein Plan ist?", fragte die KI.

"Du könntest es selbst erraten und damit beweisen, dass du lernfähig bist", lächelte Shea McBain.

Der Avatar der KI erwiderte das Lächeln auf eine kühle, zurückhaltende Art. "Die mir zur Verfügung stehenden Daten deuten darauf hin, dass du den Hyperraumantrieb dazu benutzen wirst, in die Weltraumstadt einzudringen. Dafür spricht die Aktivierung der entsprechenden Teilsysteme und der zugehörigen Energieressourcen."

"Eine gute Analyse", lobte Shea McBain.

"Ich darf darauf hinweisen, dass eine direkte Materialisierung aus dem Hyperraum innerhalb der Weltraumstadt erhebliche Risiken birgt und zur Vernichtung des Schiffs führen kann."

"Jede taktische Option hat in diesem Stadium der Mission erhebliche Risiken", hielt Shea McBain ihr entgegen.

"Wenn ich direkt aus dem Hyperraum inmitten der Weltraumstadt materialisiere, kommt es zu einer abrupten Materie-Verdrängung."

"Du hast >ich< gesagt. Nicht >das Schiff<", stellte Shea McBain fest.

"Ich bin das Schiff", sagte die KI.

"Nun …"

"Wenn Materie, z.b. Atemluft, durch einen aus dem Hyperraum materialisierendes Objekt verdrängt wird, könnte es zu einer Explosion kommen, die zwar die Weltraumstadt vernichtet, uns aber ebenfalls. Der Effekt ist vergleichbar mit einem schnell eindringenden Wuchtgeschoss dessen Dichte üblicherweise höher ist, als die der verdrängten Materie. Ein physikalisch gut vorhersagbares Phänomen, sofern die Ausgangsdaten bekannt sind."

"Du hältst es tatsächlich für möglich, dass ich unsere eigene Vernichtung in Kauf nehme?", wunderte sich Shea McBain mit einem leicht spöttischen Unterton.

Das ebenmäßige Gesicht des KI-Avatars veränderte sich leicht. Eine Augenbraue hob sich.

"Eigentlich halte ich das für unmöglich", sagte die KI.

"Wenn du es für unmöglich hältst, wird die andere Seite es auch für unmöglich halten."

"Und genau deswegen wirst du es trotzdem tun? Um die andere Seite zu verblüffen?"

"Genau", bestätigte Shea McBain.

"Es bleibt das Problem der eigenen Vernichtung", gab die KI zu bedenken.

"Dafür habe ich eine Lösung", erklärte Shea.

"Und die wäre?"

"Lass dich überraschen."

"Du willst meine Fähigkeiten der Analyse auf die Probe stellen."

"Möglich."

"Und du scheinst der Ansicht zu sein, dass du auf meine Hilfe bei der Durchführung dieser Operation nicht angewiesen bist. Denn andernfalls würdest du mich über deinen Plan informieren."

"Das klingt etwas beleidigt", meinte Shea McBain.

"Ich darf dir versichern, dass derartige Emotionen während der Durchführung einer Mission keine Rolle spielen. Das würde nicht meiner Programmierung entsprechen."

Shea McBain zuckte mit den Schultern.

"Dann ist es ja gut."

"Shea?"

"Ja?"

"Über eine Sache müssen wir noch sprechen."

"Worüber?"

"Ich habe Anzeichen dafür, dass Lord Manager Arc Wegu vielleicht noch existiert. Es gibt ein kurzes Zeitintervall, innerhalb dessen unsere Sensoren-Biozeichen registriert haben, die von Arc Wegu stammen könnten."

"Seine Vernichtung wurde bestätigt", erinnerte Shea McBain.

"Die Vernichtung seiner Implantate wurde bestätigt", kritisierte die KI.

"Und die Implantate haben kurz zuvor die Beendigung sämtlicher vitalen Funktionen seines Körpers registriert. Wir können davon ausgehen, dass diese Informationen zuverlässig war. Die uns bekannten Daten deuten außerdem darauf hin, dass Arc Wegu von einem seiner eigenen Leute mit einem Energieschuss getötet wurde, um eine Systemübernahme durch unser Schadprogramm zu verhindern."

"Wir wissen, dass man auf Acan in der Lage ist, Bewusstseinsinhalte und Erinnerungen nach dem physischen Tod eines biologischen Organismus zu sichern und in einen Klon zu transferieren. Und es gibt zuverlässige Informationen darüber, dass dies mit dem Lord Manager in der Vergangenheit schon unzählige Male geschehen ist. In gewisser Weise ist er dadurch unsterblich."

"Selbst wenn das geschehen wäre, wofür es keinen Anhaltspunkt gibt, dann müssten wir die Implantate des Lord Managers anpeilen können. Die könnte man niemals verbergen, denn ihre Signaturen sind sehr typisch. Aber ohne Implantate wäre auch ein Klon des Lord Managers nicht mehr derselbe."

"Ich wage keine Schlussfolgerung", sagte die KI. "Ich weise nur auf die für einen kurzen Zeitraum aufgezeichneten verdächtigen Sensoren-Daten hin."

"Rein biologisch basierte Daten."

Der Avatar nickte. "Biozeichen", bestätigte die KI.

"Also keine Speichersignatur eines Implantats?"

"Nein."

"Dann können wir diese verdächtigen Biozeichen vernachlässigen."



15

"Das Aggressorenschiff bereitet sich auf einen Angriff vor", war Jerry Daiton überzeugt. Er schnippte mit den Fingern. Eine Projektion erschien. Sie zeigte einen Mann mit schwarzem Bart. "Shea McBain, Beauftragter des Hochadmirals – was wissen wir über ihn?"

"So gut wie nichts", erklärte eine Frau mit dunklen Haaren und Augen, die sich silbern färbten, sobald sie sich in das Gespräch einschaltete. Offenbar wollte sie ihre Augenimplantate in bestimmten Situationen optisch hervorheben. Ein Trend, der in letzter Zeit immer häufiger unter den Bewohnern Acans anzutreffen war.

Die Frau mit den Silberaugen war eine Analystin im Team des Lord Managers.

"Sie werden mit Sicherheit selbst in den Datenbanken der Hauptwelten des Sternenreichs nichts oder nur wenig über Shea McBain finden", sagte Arc Wegu. "Und wenn, dann wird diese Information nicht zugänglich, verschlüsselt und gut getarnt sein. Anders wäre es kaum möglich, dass dieser Shea McBain das tut, was er tut: Missionen im Auftrag des Hochadmirals durchführen."

"Es gibt ein paar Daten über ihn auf dem Zentralrechner der Lokalen Hauptwelt des Sternenreichs", erklärte die Frau mit den Silberaugen. "Die Informationen stammen aus der Funkkommunikation zwischen McBains Schiff und der Relaisstation der Lokalen Hauptwelt zum Hyperraumfunknetz."

"Offenbar ist man in der Relaisstation der Lokalen Hauptwelt nicht sehr sorgfältig, was die Verschlüsselung angeht", stellte Jerry Daiton fest.

Die Frau mit den Silberaugen wandte kurz das Gesicht in Richtung des Sicherheitschefs. "Ein Umstand, den wir wiederholt ausgenutzt haben, wenn wir uns Informationen beschaffen mussten", erinnerte sie.

Arc Wegu atmete tief durch.

Die Lokale Hauptwelt war weit weg.

Und Axarabor noch weiter.

Der Vagabunden-Schwarm war so etwas wie die Peripherie der Peripherie des Sternenreichs. Schon auf der Lokalen Hauptwelt interessierte kaum jemanden, was hier geschah.

So zumindest war Arc Wegus bisherige Einschätzung gewesen.

Sollte ich mich da geirrt haben?, ging es ihm durch den Kopf. Tatsache war, dass es jemanden geben musste, der ein großes Interesse daran hatte, dass der Vagabunden-Schwarm wieder unter die Autorität des Sternenreichs geriet. Einer ziemlich lockeren Autorität im Übrigen, die manchmal mehr einem Gewährenlassen der Anarchie glich. Lokale Kräfte balancierten sich aus. Und eine dieser lokalen Kräfte war seit einiger Zeit die Weltraumstadt Acan. Seit sie sich im Vagabunden-Schwarm angesiedelt hatte war dies so.

"Es wäre interessant, ihre Einschätzung zu erfahren, was die weitere Vorgehensweise unseres Feindes angeht", sagte Jerry Daiton.

Arc Wegu wandte das Gesicht in Richtung des Sicherheitschefs.

Sein Gesichtsausdruck blieb ausdruckslos.

Wie eine Maske.

"Sie können telepathisch auf alle Speicher zugreifen", sagte der Sicherheitschef. "Es ist ganz einfach und intuitiv über den telepathischen Adapter des Systems. Ihr Körper und seine DNA-Stränge funktionieren dann als ein einziger großer Datenträger. Die Rechengeschwindigkeit lässt nichts zu wünschen übrig, auch wenn Sie am Anfang vielleicht etwas üben müssen."

"Ja, das haben Sie mir schon erklärt, Jerry", sagte Arc Wegu.

"Wir brauchen Ihre Sicht der Dinge, Lord Manager."

Die Blicke der beiden Männer begegneten sich. Im ersten Moment hatte Arc Wegu genau das tun wollen. Auf das System zugreifen und sich alles holen, was er brauchte. Aber dann zögerte er. Und das aus zwei Gründen. Zum einen bemerkte er, dass er auf diesen Zugriff offenbar nicht angewiesen war. Anscheinend waren gewaltige Mengen an Daten in den schier unermesslichen Speichern seiner DNA-Stränge abgelegt worden. Ich bin ein wandelndes Archiv, ging es ihm durch den Kopf. Die Datenbanken der Lokalen Hauptwelt können wahrscheinlich nicht einmal ansatzweise mit der Kapazität meines DNA-Speichers mithalten …

Arc Wegu begann vorsichtig den Umfang des gespeicherten Materials zu erforschen.

Es ist eine Art überdimensionierter Gedächtnispalast, erkannte er. Sämtliche Datenbanken von Acan sind dort gespeichert. Alles, was ich jemals brauchen könnte, um eine Entscheidung zu treffen. Alles, was an Information nötig sein könnte, um fundierte Vorhersagen zu treffen und algorithmisch unterstützte Präkognition zu betreiben … Arc Wegu fühlte sich für einen Moment durch die Fülle und schiere Größe dieses inneren Datenpalastes wie berauscht.

Eine Sache fehlte ihm natürlich.

Aktuelle Informationen.

Daten, die erst nach meiner Wiederherstellung vorgelegen haben.

Aber darauf, so dachte er, konnte er getrost verzichten.

Denn es genügte voll und ganz, wenn diese Daten denjenigen vorlagen, die die konkreten Operationen durchzuführen hatten.

Dass irgendetwas eingetreten war, von dem er nichts wusste, dass einen so gewaltigen Einfluss auf zukünftige Entwicklungen haben würde, war einfach nicht anzunehmen.

Es gab noch einen zweiten Grund, der Arc Wegu zögern ließ, dem Rat seines Sicherheitschefs zu folgen.

Was, wenn es einen zweiten Angriff auf mich gibt? Ist es nicht prinzipiell möglich, meinen DNA-Computer genauso zu hacken wie jedes andere System auch?, ging es ihm durch den Kopf.

Die Antwort fand er in seinem inneren Datenpalast.

Es war prinzipiell möglich.

Die Betonung lag auf prinzipiell.

In der Praxis war das kaum möglich, da jeder Angreifer über ein nichtbiologisches System eindringen würde. Die Barriere war groß. Außerdem war die Frage, ob eine telepathische Verbindung mit den Computersystemen der Weltraumstadt in diesem Fall überhaupt ausreichte, damit der Lord Manager Opfer einer solchen Attacke werden konnte.

Die Frage ist nicht eindeutig zu entscheiden, erkannte Arc Wegu. Jerry Daiton scheint da keinerlei Sicherheitsbedenken zu haben … Vielleicht geht er davon aus, dass er mich in jedem Fall rechtzeitig erschießen könnte. Auch bei einer zweiten Attacke … Oder er vertraut denjenigen, die meinen neuen Körper erschaffen haben, so sehr, dass er glaubt, dass da nichts passieren könnte.

Und dann gab es da noch eine Möglichkeit, an die Arc Wegu kaum zu denken wagte.

Nein, das kann nicht sein, dachte Arc Wegu.

Aber die algorithmische Präkognition sprach eine eindeutige Sprache.

Die kalte Sprache mathematischer Wahrscheinlichkeiten.

Für einen kurzen Moment schloss Arc Wegu die Augen.

"Ist Ihnen nicht gut, Lord Manager?", fragte die Frau mit den Silberaugen. "Ich könnte einen medizinischen Scan durchführen …"

"Unterstehen Sie sich", fuhr Jerry Daiton dazwischen. Er sah die Frau mit den Silberaugen scharf an. "In diesem Fall müsste ich Sie umgehend erschießen."

"Aber …"

"Ein medizinischer Scan des Lord Managers würde unweigerlich Spuren in unserem Datensystem hinterlassen. Ich kann mir nicht vorstellen, dass die andere Seite dies nicht bemerken würde. Und das wiederum bedeutet, dass unser Gegner erfährt, dass der Lord Manager noch existiert – oder besser gesagt, dass er WIEDER existiert." Jerry Daiton wandte sich an Arc Wegu. "Ich denke, dem Lord Manager fehlt nichts. Er muss sich vielleicht nur ein wenig an die neuen Möglichkeiten gewöhnen, die ihm nun zur Verfügung stehen."

"Da, ja das trifft durchaus zu", musste Arc Wegu eingestehen.

Unterdessen meldete jemand: "Das Aggressorenschiff beschleunigt weiter. Eintritt in den Hyperraum steht kurz bevor. Die Signaturen sind eindeutig."

"Wenn wir ihn jetzt abschießen, gibt es eine Hyperraumwelle, die den halben Vagabunden-Schwarm zerstören wird", gab die Frau mit den Silberaugen zu bedenken.

"Das werden wir vielleicht in Kauf nehmen müssen. Der Commander des Aggressorenschiffs ist offenbar verrückt genug, um sich selbst und sein Schiff zu opfern, um uns zu zerstören."

"Nein, das wird er nicht tun", sagte Arc Wegu mit Bestimmtheit. "Vielleicht will er uns das glauben machen, aber tut es nicht …" Arc Wegu rief das Bild von Shea McBain, dem Beauftragten des Hochadmirals, aus seinem Datenpalast auf. Er überprüfte ein paar Daten. Es war über Shea McBain nichts in Erfahrung zu bringen, aber das machte nichts. Arc Wegu glaubte, ihn trotzdem einschätzen zu können. Es gab schließlich noch einige andere Parameter, anhand derer sein Verhalten vielleicht vorhersehbarer war, als er glaubte. Shea McBain blufft, dachte Arc Wegu. Und den Daten nach, die ich zur Verfügung habe, ist er vollkommen allein an Bord seines Schiffes. Gehen wir davon aus, dass er zu ähnlichen Dingen fähig ist wie ich. Gehen wir davon aus, dass er in der Lage wäre, die Systeme des Schiffs durch eine entsprechendes Interface einfach zu übernehmen ... Und gehen wir davon aus, dass er denkt, mich in seine Berechnungen der Zukunft nicht mehr einbeziehen zu müssen, weil er glaubt, dass ich nicht mehr existiere! Arc Wegu überprüfte weitere Daten. Er interessierte sich insbesondere für die technischen Möglichkeiten des Aggressorenschiffs. Und vor allem interessierte ihn dabei das, was über den Überlichtantrieb von Shea McBains Schiff bekannt war.

Aus den bisher gesammelten Daten ließ sich darüber einiges erfahren. Und der Rest ergab sich aus Rückschlüssen.

"Unternehmen wir nichts gegen das Schiff", sagte Arc Wegu. "Shea McBain wird nicht einen direkten Hyperraumsprung in das Innere Acans wagen."

"Was glauben Sie, wird er stattdessen tun?", fragte die Frau mit den Silberaugen. "Aus meiner Sicht ergibt sich da kaum eine Alternative, wenn man sich die Sensorendaten ansieht …"

"Er wird sein Schiff nicht in den Hyperraum eintreten lassen, sondern mit moderater Geschwindigkeit an der Grenze der Kontinuen entlangsurfen. Dadurch entsteht eine Hyperraumblase, die das Schiff umschließt und ihm gestattet, feste Materie zu durchdringen. Anschließend kann er innerhalb von Acan materialisieren, ohne den Wuchtgeschoss-Effekt zu bewirken und eine Explosion zu verursachen."

"Aber sind die physikalischen Gegebenheiten nicht dieselben?", fragte die Frau mit den Silberaugen. "Ein plötzlich aus einem anderen Kontinuum materialisierender Körper verdrängt innerhalb eines Sekundenbruchteils die vor Ort bereits vorhandene Materie – explosionsartig!"

"Nein", widersprach Arc Wegu. "In diesem Fall würde Shea McBains Schiff nicht wirklich in den Hyperraum eintreten und damit auch das Einsteinuniversum nicht wirklich verlassen. Er surft zwischen den Dimensionen und das bedeutet, dass die Masse des Schiffs immer noch vorhanden wäre, auch wenn sie nicht mit Materie interagiert und sie auf diese Weise zu durchdringen vermag."

"Also – wie wir es von Dunkler Materie kennen", schloss jemand anderes.

"Richtig", gab Arc Wegu zurück.

"Und was sollen wir Ihrer Meinung nach tun?", fragte Jerry Daiton.

"Wir werden ihn erwarten. Hier, innerhalb Acans. Und dann werden wir genau das tun, was er mit uns vorhatte: sein System übernehmen. Er hat mindestens so viele Implantate, wie ich – in meinem letzten Körper."

"Sie wollen ihn zurückschicken? Mit einem Schadprogramm im Hirn?", fragte Jerry Daiton. "Wäre es nicht besser, ihn einfach zu vernichten, bevor er in unsere Weltraumstadt einzudringen vermag?"

"Wenn wir ihn vernichten, wird das nur dazu führen, dass man früher oder später jemanden schicken wird, der genauso ist wie er. Das Sternenreich wird immer wieder jemanden schicken, vielleicht jemanden, der noch besser ausgerüstet ist und in der Lage ist, die Fehler des Vorgängers zu vermeiden."

"Aber das würde auch geschehen, wenn wir Shea McBain zurückschicken", gab die Frau mit den Silberaugen zu bedenken. "Egal, ob er nun ein Schadprogramm in seinen Implantaten hat oder nicht."

Arc Wegu lächelte.

"Nicht, wenn er an seine oberen Stellen etwas anderes meldet. Wenn er davon überzeugt ist, eine erfolgreiche Mission beendet zu haben. Das Sternenreich ist ungeheuer groß. Es könnten Standardjahrzehnte vergehen, ehe sich wieder jemand um den Vagabunden-Schwarm kümmert. Wir hätten Ruhe. Und wer weiß, ob Acan sich bis dahin überhaupt noch im Bereich des Vagabunden-Orbits befindet. Es wäre durchaus denkbar, dass die Shareholder-Versammlung entscheidet, dass wir uns anderen operativen Zielen zuwenden, die besser in der Lage sind, unsere Zukunft zu sichern als die Helium-3-Vorräte dieses sternenlosen Wander-Gasriesen."

Einen Augenblick lang herrschte Schweigen.

Dann sagte Jerry Daiton: "Auf jeden Fall ist dieser Plan so beschaffen, dass Shea McBain mit Sicherheit nicht damit rechnen wird!"

Die Blicke des Lord Manager und des Sicherheitschefs trafen sich.

"Nein", sagte Arc Wegu, "damit wird er mit Sicherheit nicht rechnen."

"Sie haben anscheinend gelernt, mit dem telepathischen Systemzugriff umzugehen."

"Ja", antwortete Arc Wegu schlicht.

Aber das war eine Lüge.

Denn in Wahrheit hatte er diesen telepathischen Systemzugriff ja gar nicht benutzt. Der Plan, den er entwickelt hatte, war vollkommen auf Grund jener Datenbasis entstanden, die in seinen DNA-Speichern abgelegt worden waren. Er hatte keine zusätzlichen Informationen benötigt. Keine einzige.

Wie gut, dass ich gezögert habe, ging es Arc Wegu durch den Kopf. Denn sonst wäre ich in die Falle gegangen. Und nicht nur ich, sondern ganz Acan …

Er machte einen Schritt auf Jerry Daiton zu.

Der Sicherheitschef trug im Moment keine sichtbare Waffe. Das war auch nicht notwendig. Er verfügte über implantierte Strahler. Genau solche Selbstverteidigungsimplantate, wie ich auch hatte – vor meinem letzten Tod, überlegte Arc Wegu. "Machen Sie sich keine Sorgen, Jerry", beruhigte er sein Gegenüber.

"Worum sollte ich mir Sorgen machen?"

"Um das Gelingen unseres Plans zum Beispiel."

"Ich vertraue voll und ganz der operativen Urteilsfähigkeit des Lord Managers", bekräftigte Jerry Daiton.

"Das ist gut", erklärte Arc Wegu.

Dann folgte eine blitzschnelle Bewegung. Arc Wegus neuer Körper war gegenüber seinen Vorgängern in vieler Hinsicht optimiert worden. Auch, was die Reaktionszeiten und die Schnelligkeit der Bewegung anging.

Ein wohl gezielter Schlag traf Jerry Daiton am Hals und unterbrach die Luftzufuhr zu seinem Gehirn.

Er fiel wie ein gefällter Baum zu Boden.

"Musste leider auf diese primitive Weise geschehen", sagte Arc Wegu. "Manchmal wären Implantate schon praktisch …"

"Warum haben Sie das getan?", fragte die Frau mit den Silberaugen.

Arc Wegu ignorierte sie.

Stattdessen sprach er zu allen Anwesenden.

"Man wird in den Implantaten des Sicherheitschefs Komponenten des Schadprogramms finden, mit denen auch meine Implantate infiziert wurden", erklärte Arc Wegu. "Deshalb wollte er mich dazu bewegen, das telepathische Interface zu benutzen. Dann wäre ein Angriff auf meine DNA-Speicher möglich gewesen. Und außerdem wäre Shea McBain vermutlich über die Tatsache informiert worden, dass ich noch existiere." Arc Wegu blickte auf Jerry Daitons erstarrtes Gesicht herab. Deswegen hast du die letzte Sequenz meiner Erinnerungen vor meinem Tod löschen lassen, Jerry. Nicht aus Sicherheitsgründen, sondern weil ich dann gewusst hätte, dass es kurz davor noch einen Kontakt unser beider Implantate gegeben hat, bei der die Programmkomponenten übertragen wurden. Eine bessere Tarnung hätte es gar nicht gegeben … Dann wandte sich Arc Wegu an die Frau mit den Silberaugen. "Setzen Sie meine Entscheidungen in die Tat um. Sofort!"

Sie neigte den Kopf.

Ihre Silberaugen zeigten irgendeine Lichtreaktion.

Ob es eine Spiegelung des Raumlichts oder ein interner Vorgang in ihren Augenimplantaten war, konnte man nicht erkennen.

"Sehr wohl, Lord Manager", bestätigte sie.



16

Gonzan Tabo beschleunigte die Raumspinne. Es war kein komfortables Raumschiff. Nichts, wo ein autonomes Programm seiner Klasse und mit seinen Fähigkeiten sich wohlfühlen konnte.

Ein Pilot im falschen Raumschiff-Körper, so fasste Gonzan Tabo es für sich in einem Gedanken zusammen.

So ähnlich musste sich ein behinderter organischer Mitbürger fühlen, dachte er.

Oder jemand, der alt und gebrechlich wurde.

In Acan wurden nur diejenigen organischen Mitbürger alt und gebrechlich, die kein Geld für einen vernünftigen Ersatzkörper hatten. Immerhin stand ihnen (sofern sie Shareholder waren und über genügend Anteile verfügten, was auf die meisten zutraf) die Gratislösung zu: Rettungsmaßnahmen zur elektronischen Datensicherung des Bewusstseinsinhalts und der Erinnerungen sowie Bewusstseinstransfer in einen Klon-Körper nach dem nicht absichtlich herbeigeführten Ableben. Ein vorzeitiger Transfer in einen Neu-Körper war möglich – ging aber komplett auf eigene Kosten.

Gonzan Tabo blieb kaum Zeit, um sich mit diesem in vieler Hinsicht dysfunktionalen Raumfahrzeug vertraut zu machen. Die Spinnenarme rotierten aus irgendeinem Grund, der ihm unbekannt war. Er bekam sie nicht unter Kontrolle. Macht nichts, dann sieht das Ding eben aus wie ein Käfer, der auf dem Rücken liegt und so durch das All eiert, dachte Gonzan Tabo.

Jetzt ging es um etwas Wichtigeres.

Um die Erfüllung seiner Pflicht.

Auch wenn man ihn als Bürger zweiter Klasse behandelte, dem die Shareholder-Rechte für immer verschlossen bleiben würden, ganz gleich, welche Verdienste er haben mochte, so war er doch gewillt, alles zu tun, um Acan zu schützen. Möglicherweise war das einfach Teil der tieferen Programmebenen seines Codes.

Er verband sich mit den Sensoren der Ortung.

Dass Aggressorenschiff schnellte auf Acan zu.

Die Abwehrflotte blieb eigenartigerweise untätig …

Eigenartigerweise?

Gonzan Tabo erkannte, dass sie gar nichts tun konnte.

Das Angreiferschiff flog in einem seltsamen Zwischenmodus daher, in dem es halb im Hyperraum, halb im Einsteinuniversum war. Es interagierte nicht mit Materie, wurde es Gonzan Tabo klar. Man kann es nicht beschießen und es wird jede feste Materie durchdringen, als wäre da nichts …

Aber vielleicht gab es eine Möglichkeit, dieses Objekt zu stoppen.

Es war riskant.

Aber noch riskanter war es vermutlich, diesen Angreifer einfach gewähren zu lassen.

Und davon abgesehen trug Gonzan Tabo das Risiko ganz allein. So zumindest dachte er. Dass die Tatsache, dieses Schiff gewähren zu lassen, vielleicht Teil eines anderen Abwehrplans war, auf diesen Gedanken wäre Gonzan Tabo nie gekommen.

Vielleicht reichten dazu auch schlicht seine kalkulatorischen Fähigkeiten zur algorithmischen Präkognition nicht aus.

Die Abschätzung der Folgen eigenen Handelns oder Nicht-Handelns war ausgesprochen kompliziert. Die Zahl der Möglichkeiten unendlich groß. Es reichte vielleicht ein winziger übersehener Faktor, um immense Auswirkungen zu haben.

Gonzan Tabo ahnte nicht, dass er ein solcher übersehener winziger Faktor in der präkognitiven Rechnung eines anderen war …

Es gibt einen Weg, das Angreiferschiff zu stoppen!, glaubte er. Ein Raumsprung durch den Hyperraum über Kurzdistanz – und Rematerialisierung exakt in dem Moment, in dem man mit dem Aggressorenschiff kollidierte. Wenn das exakt zusammentraf, würde die Materie des Angreiferschiffs mit der der Raumspinne interagieren.

Einfacher ausgedrückt: Es gab eine Explosion, die beide Schiffe vernichtete.

So werde ich es machen, dachte Gonzan Tabo.

Er wandte sich an die Piraten an Bord.

"Eine Durchsage an alle: Verlassen Sie innerhalb der nächsten halben Minute das Schiff. Benutzen Sie Ihre Rettungsmodule oder besteigen Sie die Beiboote oder Rettungskapseln. Dieses Schiff wird in Kürze vernichtet werden. Eine Weiterexistenz organischer Wesen ist dann an Bord nicht mehr möglich."

Gonzan Tabo hörte das Gemurre und den Protest der Piraten.

Aber sie waren klug genug, auf ihn zu hören.

Nach kurzer Zeit hatten sie die Raumspinne verlassen.

Dann führte Gonzan Tabo den Kurzsprung durch den Hyperraum durch.

Ich hoffe nur, dass ich mich nicht verrechnet habe, dachte er.



17

"Jetzt kann uns niemand mehr abfangen", sagte Shea McBain zufrieden, während sein Schiff im Schutz seiner Hyperraumblase auf die Weltraumstadt Acan zuraste. "Und in Kürze übernehme ich dort die Systeme."

"Hypersprung eines bisher unbeachteten Objekts aus dem Besiedlungscluster des Mondmondes", meldete die KI von Shea McBains Schiff. "Achtung! Zielpeilung … Shea, der rammt uns!"

"Der fliegt durch uns hindurch!"

"Nein, das wird er nicht, Shea."

Shea McBain überprüfte die Daten vor seinem INNEREN AUGE.

Und dann wurde ihm klar, was innerhalb der nächsten Sekunde geschehen würde.

"Du hättest mir noch einen Namen geben sollen, Shea", sagte die KI.

Dann explodierte das Schiff.



18

Arc Wegu versuchte, sich seine Fassungslosigkeit nicht anmerken zu lassen.

"Was war das?", fragte jemand.

"Ein primitives Raumfahrzeug aus dem Besiedlungscluster hat das Angreiferschiff durch einen gezielten Hypersprung vernichtet", stellte die Frau mit den silbernen Augen fest. "Über eine externe Datentransmission ist ein autonomes Programm nach Acan gelangt. Es ist noch in Quarantäne."

"Ein autonomes Programm?", echote Arc Wegu.

"Es handelt sich um einen unserer Piloten: Gonzan Tabo."

Ein Faktor, den ich nicht bedacht habe, ging es Arc Wegu durch den Kopf.

Wie aus weiter Ferne hörte er die Stimme der Frau mit den Silberaugen. "Gonzan Tabo hat unzweifelhaft die Vernichtung des Angreiferschiffs herbeigeführt und erwartet für seinen Einsatz eine Belobigung. Allerdings …"

"Was?", fragte Arc Wegu.

Die Frau mit den Silberaugen runzelte die Stirn. Ihre Augen blinkten.

"Die Quarantäne wird vorerst aufrecht erhalten."

"Verdächtige Programmkomponenten?"

"Nein. Aber trotzdem könnte das Programm schadhaft sein."

"Inwiefern?", fragte Arc Wegu. Bei der Beantwortung dieser Frage bin ich tatsächlich auf aktuelle Informationen angewiesen, erkannte er.

"Gonzan Tabo verlangt nicht nur eine Belobigung und eine Anerkennung in Credits."

"Sondern?"

"Er verlangt, als erstes autonomes Programm in der Geschichte Acans auf Grund seiner außergewöhnlichen Verdienste um die Verteidigung der Stadt Shareholder zu werden. Es muss jetzt überprüft werden, ob dies Teil seiner autonomen Programmpersönlichkeit oder ein Programmschaden ist."


ENDE

Harvey Patton: Der falsche Weg




Der Umfang dieses Buchs entspricht 193 Taschenbuchseiten.


Der Astrobiologe Dr. Harris entschlüsselt die Zusammensetzung des Körperbaus der Marconesen , um der Föderation der Vereinigten Planeten zu helfen, in eine bessere Verhandlungsposition zu gelangen. Doch statt sich danach wieder mit der Rinderseuche auf seinem Heimatplaneten Castello zu beschäftigen, zieht die Föderation ihn ab und beruft ihn auf die Expedition zum Marco-System. Werden die Verhandlungen mit den Marconesen gut verlaufen?


Sprachgebrauch und Wertvorstellungen entsprechen der Entstehungszeit der Romane und unterlagen seitdem einem steten Wandel. Der vorliegende Roman enthält unter anderem stereotype Begriffe und Vorstellungen, die aber zur Entstehungszeit des Romans in den 1950er Jahren gängige Sprachpraxis waren und nicht als diskriminierend empfunden wurden.

Da Romane nur vor dem Hintergrund ihrer Zeit in sich stimmig sind, wurde auf eine sprachliche Glättung ebenso verzichtet wie auf eine Anpassung heute nicht mehr zeitgemäßer Wertvorstellungen oder inzwischen widerlegter wissenschaftlicher Ansichten.


Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author

© Cover: Nach Motiven von Pixabay mit Steve Mayer, 2018

© dieser Ausgabe 2018 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

w ww.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de


1

Ganz leise war Violet ins Zimmer gekommen.

Über dem Planeten Castello lag seit zwei Stunden die Nacht und meine Frau hatte sich schon zum Schlafengehen vorbereitet. Sie trug ein leichtes Nachtgewand, darüber den seidenen Kimono, den ich ihr im Vorjahre von einem meiner seltenen Besuche auf der Erde mitgebracht hatte. Von dort stammten auch die echt indianischen Mokassins, die sie trug und die mich ihr Eintreten hatten überhören lassen. Ich schlug mich außerdem gerade mit der Lösung eines besonders kniffligen Problems herum und in solchen Fällen habe ich für gewöhnlich weder Augen noch Ohren für meine Umwelt. So war es kein Wunder, dass ich erschreckt zusammenfuhr, als ich unvermutet ihre Hand auf meiner Schulter spürte.

„Es ist schon spät, Frank“, bemerkte sie leise. „Willst du nicht für heute Schluss machen und mit zu Bett gehen?“ Ich schüttelte entsagend den Kopf.

„Daran ist vorerst noch nicht zu denken, es kann sogar sein, dass ich noch die ganze Nacht hier am Schreibtisch verbringen muss. Wie du weißt, soll übermorgen die Expedition zum Marco starten und das Institut erwartet von mir, dass ich ihm rechtzeitig ein Resultat bringen kann. Ich muss mein Bestes tun, denn von meinem Erfolg hängt es ab, ob der Start termingerecht erfolgen kann oder verschoben werden muss. Das letztere wäre sehr ärgerlich, und ich bin noch nicht soweit, also muss ich weiter tüfteln.“

„Immer wieder das Institut“, seufzte sie. „Ich glaube, es wird eines Tages soweit sein, dass du glaubst, mit dem Institut verheiratet zu sein, nicht mit mir. Verzeih“, lenkte sie schnell ein, als sie die Unmutsfalten auf meiner Stirn bemerkte, „ich wollte dich natürlich nicht kränken; ich meine nur, dass dein Pflichtbewusstsein zuweilen doch etwas zu weit geht.“

Nun war es an mir, zu seufzen, denn ich musste ihr in gewissem Sinne recht geben. Seit Wochen schon war ich überbeschäftigt, tagsüber drüben im Institut und oft noch den größten Teil der Nacht an meinem häuslichen Schreibtisch. Schuld daran war das Erbübel aller Kolonialwelten, der Mangel an Fachkräften. Es war niemand da, auf dessen Schultern ich einen Teil meiner Arbeit hätte abwälzen können, und Rechengehirne sind vorzüglich für die Lösung mathematischer Probleme geeignet, nicht aber für so diffizile Dinge, wie sie gerade die Astrobiologie immer wieder mit sich bringt.

Diesmal handelte es sich um die Rätsel, vor welche uns die Bewohner des Marco in biologischer Hinsicht stellten, und hier konnte man nur mit den Mitteln der schöpferischen Phantasie weiterkommen, nicht aber mit der kalten Logik einer seelenlosen Maschine, denn mehr ist ein Elektronengehirn ja nicht. Mir war jedenfalls noch kein Fall bekannt, in dem ein solches auch nur die geringste Spur von Phantasie bewiesen hätte. Für alle Dinge, die außerhalb eines bestimmten Schemas lagen, brauchte man eben immer noch das menschliche Gehirn. Dieses jedoch hatte den Nachteil, dass es wiederum nicht auf mechanischer Basis arbeitete. Von einem Rechengehirn konnte man mit Fug und Recht erwarten, dass es nach entsprechender Programmierung innerhalb einer gewissen Zeitspanne eine Lösung im Rahmen der vorhandenen Details brachte, nicht aber von den Windungen eines Menschengehirnes. In diesem gibt es keine automatischen Relais; das Unterbewusstsein ist zwar imstande, eine fast unbegrenzte Anzahl von Eindrücken zu speichern, nicht aber, sie willkürlich, auf Abruf sozusagen, wieder freizugeben.

Das alles aber Violet zu erklären, hätte wenig Sinn gehabt, wenn sie auch sonst meiner Arbeit gegenüber das fehlende Verständnis durch weitgehende Toleranz ersetzte. Für eine Frau, die nicht über eine gleichwertige Ausbildung verfügt, ist es naturgemäß besonders schwer, sich in die Lage eines Forschers zu versetzen; hier spielen obendrein auch noch die Besonderheiten der weiblichen Psyche eine eigene Rolle. Trotz aller Toleranz fühlte sich Violet von mir vernachlässigt, und das zu Recht.

Nun, ich war im Moment ohnehin auf einem toten Punkt angelangt, daher entschloss ich mich, eine kurze Pause einzulegen. Wie soll ein Mann auch schöpferisch denken, wenn das weiche Haar eines so reizenden Geschöpfes seine Wange umschmeichelt und ihre Arme an seinem Halse spürt?

„Bereite mir doch bitte noch eine Tasse Kaffee“, bat ich sie kurz entschlossen. „Ich komme im Moment doch nicht weiter, also werde ich eine Weile aussetzen und dir noch etwas Gesellschaft leisten. Zufrieden?“

Ein Kuss hauchte über meine Wange und Violet huschte davon, der Küche zu. Ich öffnete das Oberlicht des Fensters, um dem Qualm zahlreicher Zigaretten Abzug zu verschaffen, löschte die Schreibtischleuchte und folgte Violet. Es tat richtiggehend wohl, einmal für kurze Zeit die Pflicht beiseitezuschieben, obwohl ich sonst von mir behaupten kann, ein ziemlich pflichttreuer Mensch zu sein. Als ich die Küche betrat, summte die Kaffeemaschine bereits und Violet war dabei, mir schnell noch einen kleinen Imbiss zu bereiten. Ich hatte eben eine prachtvolle Frau!

Als ich fast eine Stunde später wieder dem Arbeitszimmer zustrebte, summte ich leise eine dieser verrückten Tanzmelodien vor mich hin, die ich sonst gar nicht mag, während Violet sie entzückend findet. Meine reizende junge Frau war selig eingeschlummert, während ich mich wieder meinen Problemen zuwenden musste. Sie bereiteten uns erhebliches Kopfzerbrechen, diese ausgesprochen humanoiden und doch in biologischer Hinsicht so fremden Wesen des Planeten Marco.

Vor einem Jahr erst waren wir auf sie gestoßen, doch jetzt bedeuteten sie bereits eine ernste Bedrohung für die Menschen, wie man unausgesetzt über die Rundfunk- und Telebild-Stationen vernehmen konnte. Diese waren zwar staatlich gesteuert, doch ich neigte trotzdem dazu, fünfzig Prozent des Inhalts der Sendungen als Übertreibung abzutun. Doch auch der Rest genügte noch, um mich vom Ernst der Lage zu überzeugen. Es war tatsächlich angebracht, eine Expedition zum Marco zu entsenden, um seinen Bewohnern den nötigen Respekt vor der Macht der Vereinigten Planeten beizubringen. Dazu aber war Voraussetzung, dass ich mit meiner Arbeit zu Ende kam. Ich hegte in dieser Hinsicht keine allzu großen Hoffnungen und war selbst überrascht, als ich noch vor Ablauf von zwei Stunden eine allseits befriedigende Lösung gefunden hatte. Rasch ging ich nochmals alle Fakten durch, suchte nach Widersprüchen, fand aber keine. Endlich sprach ich meinen abschließenden Bericht aufs Band, warf eine Menge nun überflüssig gewordenen Papieres in den Abfallschlucker und zog mich dann zufrieden ins Schlafzimmer zurück. Es war erst 1:00 morgens unserer Planetenzeit — wann war ich zuletzt so früh ins Bett gekommen?

Wozu eine kurze Pause doch manchmal gut sein kann. Der Direktor des Institutes würde zufrieden sein, die Expedition konnte wie vorgesehen am übernächsten Tage starten, und alles war gut.

So dachte ich wenigstens.

Wie konnte ich zu diesem Zeitpunkt auch ahnen, was die Zukunft mir noch bringen sollte?



2

Im Nationalen Biologischen Zentralinstitut, kurz NBZ genannt, war am folgenden Morgen alles so, wie sonst auch. Ich landete den Atmosphärengleiter — ein Zwitter von Hubschrauber und Turbinenflugzeug — auf dem für mich bestimmten Platz auf dem Dach des Instituts, fütterte den Kontrollautomaten mit meiner Identitätskarte und bekam sie nach fünf Minuten anstandslos zurück. Vor dem Schacht des Antigravlifts angekommen, drückte ich den Knopf fürs neunte Stockwerk, trat hinein und ließ mich in die Tiefe fallen. Ich begegnete niemand, denn die Angestellten begannen bereits um sieben Uhr planetarischer Zeit mit ihrer Arbeit, wogegen ich als Angehöriger des wissenschaftlichen Führungskorps erst um acht Uhr dreißig zu kommen brauchte.

In Höhe des neunten Stockwerkes wurde ein Prallfeld automatisch eingeschaltet, mein Fall sanft abgebremst und ich auf einem Vorsprung abgesetzt, der in den Schacht hineinragte. Augenblicklich schloss sich hinter mir ein Metallgitter, um mich vor einem Fall zurück in den Schacht zu bewahren, denn das Antigravfeld schaltete sich ab, sobald ich das Podest erreicht hatte. Es ständig bestehen zu lassen, hätte unnützen Energieverbrauch bedeutet und mit dieser ging man auf Castello sparsam um. Weniger wegen des Verbrauchs an sich, denn unser Atomkraftwerk lieferte beliebige Mengen, als vielmehr mit Rücksicht auf die Maschinerie, die Felderzeuger und sonstigen technischen Anlagen. Sie mussten geschont werden, denn auf Castello gab es noch keine Fabriken dafür, alles musste noch von der Erde bezogen werden. Der Transport war umständlich und teuer, doch der Planet war erst seit zwanzig Jahren besiedelt und die Administration war zufrieden, nach Abschluss der Kultivierungsarbeiten genügend Produktionsstätten für den unmittelbaren Lebensbedarf errichtet zu haben. Die Bevölkerung wuchs ständig an, deshalb war die Erzeugung von Baumaterial und Versorgungsgütern das vordringlichere Problem.

Jedem Einwanderer wurde von den Behörden ein bestimmtes Mindestmaß an Bequemlichkeiten zugesichert und diese Versprechen mussten unbedingt gehalten werden. Die Leute von der Erde waren verwöhnt und hatten das Recht, kostenlosen Rücktransport zu fordern, wenn nicht alles war, wie versprochen. Das war in der ersten Zeit auch hier öfters vorgekommen und die Administration des Castello hatte daraus ihre Lehren gezogen. Nicht nur, dass der Rücktransport an sich teuer genug war, man musste diesen Menschen obendrein noch einen angemessenen Betrag zum Aufbau einer neuen Existenz auf der Erde auszahlen, denn sie hatten alle Brücken abgebrochen, als sie sich zur Auswanderung entschlossen.

Die Zeiten, da die Menschen als Pioniere auf neue Welten kamen, bereit, alle Opfer und Entbehrungen zu tragen, waren vorüber. Früher einmal, da hatten sie alles hinnehmen müssen, wie es kam; da hatte eine interstellare Reise noch viele Jahre gedauert und die Strapazen hierbei waren kaum geringer, als die bei der Erschließung einer neuen Welt. Sie hätten alles noch einmal ertragen müssen und zudem wertvolle Lebensjahre verloren. Das genügte vollauf, um den Gedanken an eine Rückkehr von vornherein auszuschließen.

Jetzt war alles anders. Vor dreißig Jahren hatte man den Hyperantrieb gefunden und nun dauerte selbst eine Reise zu den äußersten Vorposten der Erde nur noch wenige Wochen. Jetzt brauchte niemand mehr zu befürchten, als alter Mann dorthin zurückzukehren, von wo er im besten Lebensalter abgeflogen war. All diese Umstände trugen ihr Teil dazu bei, den Kolonialbehörden im gleichen Ausmaß neue Lasten aufzubürden, wie sie den Einwanderern abgenommen wurden.

Genug davon!

Ich strebte meine Abteilung an, um mein Team zu begrüßen und einige Anweisungen bezüglich der laufenden Arbeiten zu geben. Im Augenblick war meine Mannschaft mit Forschungen an einem Virus beschäftigt, der unsere Viehbestände zu dezimieren drohte. Diese Mikroben hatte es auf Castello schon immer gegeben, doch waren sie früher nie unliebsam in Erscheinung getreten. Erst seit Jahresfrist hatten sie sich plötzlich spezialisiert und unsere Rindviehbestände befallen, wo sie bei den Kühen die gleiche Wirkung hervorriefen, wie einst auf der Erde der Bazillus Bang, ein seuchenhaftes Verkalben also. Mit derart unliebsamen Erscheinungen musste jedoch auf einer Kolonialwelt immer gerechnet werden; wir konnten von Glück sagen, dass sich die Viren nicht auf Menschen spezialisiert hatten, wie das anderswo schon vorgekommen war. Doch auch so waren die Folgen noch schlimm genug. Die Geburtsziffer stieg auf Castello ständig an, und Kuhmilch war immer noch die beste Säuglingsnahrung, zumal das Stillen bei den Müttern schon vor Jahrzehnten völlig aus der Mode gekommen war.

Dr. Gross, ein baumlanger Deutscher, mein Freund und Assistent, hatte bereits um sieben Uhr angefangen und konnte mir nun freudestrahlend mitteilen, dass die Versuche, die Kühe mittels Seren zu immunisieren, vielversprechende Erfolge gezeigt hätten. Rasch begutachtete ich einige Blutproben unter dem Elektronenmikroskop, doch dann belehrte mich ein Blick zur Uhr, dass auch unser Direktor inzwischen im Institut eingetroffen sein musste. Ich erteilte noch schnell einige Anweisungen, um dann unverzüglich seine ‚Residenz‘ aufzusuchen.

Professor Velasquez, ein kleiner drahtiger Mexikaner mit unverkennbar indianischem Einschlag, war noch verhältnismäßig neu auf dem Castello. Er war erst vor reichlich einem Jahr hier angelangt, hatte sich aber sehr rasch eingewöhnt. Als Astrobiologe war er uns in vielem überlegen. Wir erkannten das neidlos an, denn er hatte schon öfters Proben seines Könnens abgegeben. Zuweilen, wenn es seine Zeit erlaubte, betätigte er sich auch praktisch, doch waren diese Gelegenheiten zuletzt recht selten geworden. Die Leitung des NBZ forderte einen ganzen Mann, zumal uns die Administration immer neue Aufgaben aufbürdete. Eine von diesen war die Erforschung des Metabolismus der Humanoiden vom Marco, die ich soeben beendet hatte. Ein doppelt schwieriges Problem, weil es auf rein theoretischer Basis bewältigt werden musste. Die Marconesen waren nicht unsere Freunde und wir hatten keinerlei Kontakt mit ihnen, ein Studium am lebenden Objekt war also nicht möglich gewesen.

Velasquez rauchte wieder eine seiner schrecklichen schwarzen Zigarren, ohne die man ihn kaum einmal sah. Ich hustete unterdrückt, bis ich mich an die grünlichen Rauchschwaden gewöhnt hatte und nahm dann seine mir zur Begrüßung dargebotene Hand. Als echter Caballero erkundigte er sich zunächst nach dem Befinden meiner Frau, bot mir dann den Sessel vor dem Schreibtisch an, hinter dem er saß. Dann richtete er die dunklen Augen mit dem immer melancholischen Ausdruck voll auf mich.

„Nun, Doktor Harris, hatten sie Erfolg? Ihr Gesicht erscheint mir heute Morgen ausgesprochen optimistisch, ich tippe also zumindest auf einen gewissen Fortschritt Ihrer Arbeit. Stimmt's?“

Eigentlich hatte ich mir ja vorgenommen, ihn erst noch ein wenig zappeln zu lassen, ehe ich mit meiner Weisheit herausrückte, doch der Ausdruck nervöser Spannung in seinen Zügen hielt mich hier von ab. Auch Velasquez hatte seine Sorgen. Zweifellos lagen ihm unsere Militärbehörden schon seit Tagen in den Ohren, denn immerhin sollte die Marco-Expedition schon am nächsten Tag auf die Reise gehen und die Einhaltung des Termins hing ausschließlich vom Institut ab. Natürlich ließ er sich das nicht anmerken, um mich nicht unnötig nervös zu machen, in dieser Hinsicht war er ein idealer Vorgesetzter, und darum gab ich rasch mein egoistisches Vorhaben auf und schenkte ihm reinen Wein ein.

Eine Minute später lag mein Tonband auf seinem Abspielgerät und Velasquez lauschte meinen darauf festgehaltenen Angaben und Erläuterungen mit geschlossenen Augen, wie immer, wenn etwas seine volle Konzentration erforderte. Auch als das Band schon abgelaufen war, verharrte er noch einige Minuten so, um dann unvermittelt die Augen zu öffnen, aufzustehen und mir spontan die Hand zu reichen.

„Gratuliere, Dr. Harris! Die Lösung, die sie hier gefunden haben, ist zweifellos richtig, so sehr sie auch aus dem Rahmen des für uns gewohnten fällt. Sie haben das richtige Maß an abstraktem und doch schöpferischem Denken bewiesen, das gegenüber den Marconesen angebracht ist, die nur äußerlich uns Menschen gleichen. Über einige Einzelheiten möchte ich Sie aber doch noch um ausführlichere Aufklärung bitten ... “

Eine Minute darauf waren wir schon mitten im Fachsimpeln.



3

Es ging bereits auf den Abend zu und ich hatte inzwischen einige Stunden Beschäftigung mit den Viren unserer Kühe hinter mir, da erschien Brand, unser Faktotum, um mich zum Visiophon zu rufen. Rasch steckte ich meine Hände in den Desinfektor, zog meinen Kittel aus und folgte Brand, der mir die richtige Zelle zeigte. Der Anruf kam von außerhalb, innerhalb des Instituts genügte uns ein einfaches Fernsprechnetz. Wer mochte der Anrufer sein? Violet bestimmt nicht, sie tat das nie, um mich nicht bei der Arbeit zu stören, auch dann nicht, wenn ich einmal über die Zeit ausblieb, was öfters vorkam. Das rechnete ich ihr hoch an — es gab Frauen, die ihre Männer hier im Institut anriefen, nur um zu fragen, was sie zum Abendessen auf den Tisch bringen sollten.

Nun, über die Person des Anrufers wurde ich rasch aufgeklärt, denn vom Bildschirm des Gerätes leuchtete mir das runde, rosige Gesicht von Major Marsh entgegen. Bei ihm war man immer der Meinung, er müsse durch ein Versehen in die Reihen der Raumflotte gelangt sein, denn das gemütliche Aussehen, das er seiner rundlichen Gestalt verdankte, passte so gar nicht zu einem Soldaten. Dessen ungeachtet war Marsh ein tüchtiger Offizier, der bereits zehn Jahre aktiven Raumdienst hinter sich hatte, nun aber hier auf dem Castello als Verbindungsoffizier zwischen dem Oberkommando der Raumflotte und dem wissenschaftlichen Einsatzstab fungierte, dem auch unser Institut unterstand.

„Guten Abend, Major“, sagte ich, „nett, Sie wieder einmal zu sehen. Wie geht es der geschätzten Gattin und den lieben Kindern?“

„Danke gut“, meinte Marsh vergnügt, „sie haben sich hier schon ganz gut eingelebt.“ Dann aber wurde sein Gesicht unvermittelt wieder ernst.

„Doktor, ich habe eine Nachricht für Sie, welche Sie nicht übermäßig erfreuen dürfte: Das Oberkommando hat verfügt, dass Sie morgen an der Expedition zum Marco teilnehmen sollen!“

Zweifellos sah mein Gesicht in diesem Augenblick alles anderes als geistreich aus. Gewiss, wir unterstanden, wenn auch indirekt, der Raumfahrtbehörde, die damit auch das Recht besaß, Leute aus unserem Institut anzufordern, wenn es nötig war. Dieser Fall trat jedoch nur höchst selten ein, denn die Raumflotte verfügte selbst über eine große Anzahl von Wissenschaftlern aller Fachgebiete.

„Ist das auch bestimmt kein Irrtum, Major?“, fragte ich ungläubig zurück. „Ich kann mir beim besten Willen nicht vorstellen, wie ich bei diesem doch rein militärischen Unternehmen von Nutzen sein könnte. Zudem werde ich doch hier dringend gebraucht; wir stecken mitten in der Arbeit an einem Abwehrmittel gegen die Viren, welche unsere Viehbestände dezimieren.“

„Es ist kein Irrtum, Doktor“, entgegnete Marsh unter bedauerndem Kopfschütteln. „Eine entsprechende schriftliche Order wird Professor Velasquez soeben zugestellt, Dr. Gross soll die Versuche mit dem Serum in eigener Regie fortführen. Im Grunde haben Sie sich die Sache selbst eingebrockt, indem Sie die Rätsel um die Marconesen entschlüsselten! Dafür müssen Sie jetzt in den sauren Apfel beißen, denn beim Oberkommando ist man der Meinung, dass Sie aufgrund Ihrer bewiesenen Qualitäten der geeignete Mann sind, nun auch eventuell erforderliche Untersuchungen am lebenden Objekt durchzuführen.“

Es war gut, dass es in der Zelle auch eine Sitzgelegenheit gab, denn meine Knie waren merklich schwach geworden. Zwar war der Marco nur 16 Lichtjahre vom Castello entfernt; im Zeitalter des Hyperantriebs nur ein besserer Katzensprung; doch wer konnte wissen, wie lange die Expedition an sich dauern würde? Aus der mit dieser harmlos klingenden Bezeichnung bedachten Aktion konnte sich alles Mögliche entwickeln, denn dass die Leute vom Marco sofort klein beigeben würden, war kaum anzunehmen; hatten sie doch bisher recht wenig Respekt gegenüber den Menschen im allgemeinen und der Raumflotte im Besonderen gezeigt.

Es wurde zwar nicht offen darüber gesprochen, doch jeder, der nicht gerade taub und blind zugleich war, konnte sich ausrechnen, dass sich aus dem bevorstehenden Unternehmen im Handumdrehen eine handfeste, interstellare Auseinandersetzung ergeben konnte. Solche Befürchtungen durfte man allenfalls im engsten Familienkreis äußern, wenn man nicht in Konflikt mit dem allmächtigen Sicherheitsdienst geraten wollte. Gewiss, die Erde war weit, doch das konnte nicht darüber hinwegtäuschen, dass auch überall auf den sogenannten Kolonialplaneten Leute existierten, die ihre Augen und Ohren mehr als nötig offenhielten. Auch hier auf dem Castello gab es sie und jeder wusste, dass sie gegen jede Äußerung, die irgendwie nach Kritik an bestimmten Zuständen oder Maßnahmen klang, ausgesprochen allergisch waren. Sie standen außerhalb der Jurisdiktion der planetarischen Behörden und damit praktisch über diesen, obwohl jeder von Menschen bewohnte Himmelskörper nach außen hin im Bund der ‚Vereinigten Planeten‘ als selbständig galt. Doch auch hier bestand zwischen Theorie und Praxis ein himmelweiter Unterschied; schon allein die Tatsache, dass sämtliche Geschwader der Raumflotte allein von der Erde aus befehligt wurden, sprach dieser angeblichen Autonomie Hohn.

Erst vor kurzem hatte ich mich mit Dr. Gross unter vier Augen über einschlägige Probleme unterhalten. Auch er hatte in mancher Hinsicht eigene Ansichten über die ‚sanfte Diktatur‘ der Erde, meinte aber, dass sie im Grunde doch angebracht sei, zumal wir alle direkt oder indirekt von dieser stammten. Gerade das Beispiel der Humanoiden vom Marco zeige deutlich, dass ein einzelner noch dazu schwach besiedelter Planet sonst eine leichte Beute fremder, kriegerisch veranlagter Intelligenzen werden müsste, da er nie imstande sein würde, aus eigener Kraft eine genügend starke Kriegsflotte zu unterhalten.

Kriegerisch veranlagt waren die Marconesen aber bestimmt, das hatten sie in der kurzen Zeit seit der ersten Begegnung mit ihnen ausreichend bewiesen. Immer wieder hörten wir offizielle Verlautbarungen der Raumflotte über Übergriffe ihrer Raumschiffe gegen unbewaffnete Schiffe der Menschen. Letzthin waren sogar zwei Schiffe mit Auswanderern zum Deneb-System einfach von ihnen gekapert worden. Zwar war es uns ein Rätsel, was diese Wesen mit den gefangenen Menschen vorhaben mochten, die in der giftgeschwängerten Atmosphäre des Marco doch nicht leben konnten, doch die Tatsache bestand. Offiziell wurde die Befürchtung geäußert, dass diese Menschen ihnen als Studienobjekte dienen müssten, an denen sie die Wirkung ihrer Waffen oder sonstiger Kampfmittel erproben konnten. Das aber konnten nur Vorbereitungen für einen Kampf gegen die gesamte Menschheit sein, die den zehn Milliarden Marconesen zahlenmäßig noch weit unterlegen war!

All diese Vorstellungen schossen innerhalb weniger Sekunden durch meinen Kopf und im Endeffekt sah ich ein, dass ich mich dem Ruf des Flottenkommandos unmöglich entziehen konnte. Der Castello, den ich in fünfzehn langen Jahren als Heimat anzusehen und lieben gelernt hatte, war in Gefahr — mussten da nicht kleinliche Bedenken schweigen?

Wenn nur meine junge Frau nicht gewesen wäre!

Ich seufzte tief und Major Marsh wusste diesen Seufzer richtig zu deuten. Tröstend bemerkte er: „Ich kann Ihnen gut nachfühlen, dass Sie nicht gern fortgehen mögen, ich war ja schließlich auch einmal jung verheiratet und Mrs. Violet ist wirklich eine reizende Frau. Andererseits glaube ich, dass die Expedition wohl nur einige Wochen dauern wird. Das Oberkommando meint, dass die Marconesen es nicht auf eine bewaffnete Auseinandersetzung werden ankommen lassen; man hat entsprechend vorgesorgt.“

„Dann ist die Expeditionsflotte also ziemlich groß?“, erkundigte ich mich. Marsh lachte dröhnend, wie es seinem Naturell entsprach. „Sie werden staunen, Doktor, das kann ich Ihnen versichern. Großadmiral Ferguson ist nicht der Mann, der sich mit Kleinigkeiten abgibt oder ein vermeidbares Risiko eingeht. Ordnen Sie also Ihre beruflichen und privaten Angelegenheiten, morgen Mittag um zwölf Uhr müssen Sie sich in der Kommandantur von Port Castello einfinden. Der Start der Flotte ist auf vierzehn Uhr Planetenzeit angesetzt. Viel Glück und gesunde Heimkehr!“

Ich nickte stumm zurück und die Bildfläche erlosch. Sekundenlang blieb ich noch entschlusslos sitzen, doch dann gab ich mir einen Ruck und verließ die Zelle, um Professor Velasquez aufzusuchen. Hier half kein Grübeln — Castello, meine und meiner Frau Heimatwelt, war in Gefahr! Und ich durfte meinen Teil dazu beitragen, sie zu beschützen — mit einmal war ich froh und stolz über diese meine Aufgabe.

Direktor Velasquez erwartete mich bereits, denn er hatte das Schreiben des Raumflottenkommandos inzwischen erhalten und gelesen. Er war etwas aus dem Gleichgewicht, denn er bot mir eine seiner hässlichen Zigarren an, die wohl nur ein Halbindianer rauchen konnte, von uns anderen vertrug sie jedenfalls keiner. Natürlich lehnte ich höflich ab, denn ich wollte meine Teilnahme an der Expedition nicht in Frage stellen, und Velasquez lächelte verlegen.

„Ach ja, ich vergaß, dass Sie nur leichte Kost mögen. Bitte, hier sind auch Zigaretten, bedienen Sie sich nur. Was sagen Sie denn nun zu Ihrer Berufung zur Raumflotte?“

„Das kam ausgesprochen überraschend“, bekannte ich. Der Direktor nickte. „Nicht nur für Sie, auch für mich“, gab er zu.

„Doch bedenken Sie nur, welch große Ehre für unser Institut in dieser Berufung liegt! Die Flotte verfügt über einen Stab von wirklich guten Fachkräften, doch keinem von diesen ist das gelungen, was Sie geschafft haben, Doktor Harris; und dass trotz der Tatsache, dass mehrere Teams gleichzeitig mit derselben Aufgabe beschäftigt waren.“

Er redete sich in Ekstase: „Von heute ab sind Sie ein gemachter Mann, denn Ihnen allein verdankt es die Menschheit, wenn wir nun diesen anmaßenden Wesen vom Marco als die überlegenen entgegentreten können! Zwar hofft jeder, dass es nicht zu einer bewaffneten Auseinandersetzung kommen möge, aber diese liegt eben doch im Bereich der Möglichkeiten; deshalb war es für uns so eminent wichtig, zu wissen, welche Waffen wir eventuell gegen sie einsetzen können. Ich bin sicher, dass Ihr Name sehr bald zusammen mit den Größten unserer Wissenschaft genannt werden wird.“

Das war gewiss stark übertrieben, schmeichelte mir aber doch, denn ich gehöre nicht zu den seltenen Exemplaren der Spezies Mensch, die überhaupt keinen Wert auf äußere Anerkennung legen. Zudem hatte ich nun bestimmt Aussicht, in eine besser dotierte Stellung aufzurücken, und das konnte mir nur recht sein. Als einer unter vielen hatte man wohl sein Fortkommen, aber längst nicht den Luxus, den sich beispielsweise ein Mann vom Range eines Direktor Velasquez erlauben konnte. Nicht, dass ich unbedingt darauf versessen gewesen wäre, aber angenehm war der Gedanke schon, konnte ich doch dann meiner Violet etwas mehr bieten. Und schließlich hatte ich ja auch wirklich etwas geleistet! Es war durchaus nicht gleichgültig, ob unsere Expeditionsflotte mit oder ohne genaue Kenntnis des Metabolismus der Fremden in eine mögliche Auseinandersetzung ging. Es war sogar sehr wichtig. Die Zeit, zu der die Kernwaffen das Nonplusultra der Kriegführung darstellten, war längst vorbei; wir besaßen lautlose, aber ebenso wirksame Waffen.

Velasquez redete immer noch weiter, allerdings längst nicht mehr so euphorisch wie zuvor. „Natürlich sehe ich es trotzdem nur mit einem lachenden und einem weinenden Auge, wenn Sie jetzt von uns fortgehen; dass Sie noch einmal an unser Institut zurückkehren werden, ist unwahrscheinlich. Ich werde mich wohl bemühen, Sie nach Absolvieren Ihrer Aufgabe wieder zu mir zurückzuholen, doch die Aussichten auf einen Erfolg schätze ich nicht hoch ein, nachdem man einmal an höherer Stelle auf Ihre Fähigkeiten aufmerksam geworden ist.“

Ich wollte abwehren, doch der Direktor ließ mich erst gar nicht zum Worte kommen. „Trotzdem bin ich stolz und glücklich, denn von Ihrem Ruhm wird auch ein Abglanz auf unser Institut zurückfallen; unter Ihrer Leitung sind ja auch noch die guten Ergebnisse im Kampf gegen die Rinderseuche erzielt worden! Bisher hat man den Castello als verhältnismäßig unbedeutende Kolonialwelt immer über die Schulter hinweg angesehen, doch das wird sich nun wohl auch ändern.“ Er erhob sich und reichte mir die Hand. „Meinen erneuten Glückwunsch, Doktor Harris! Leben Sie wohl und vergessen Sie uns nicht ganz, wenn Sie sich bald in Ihrem Ruhme sonnen.“

Diese Flut von Superlativen war mir nun doch peinlich, denn ich gehöre zwar nicht zu den Leuten, die ihr Licht unter den sprichwörtlichen Scheffel zu stellen pflegen, hasse aber Übertreibungen. Nun, diese waren wohl vor allem dem exotischen Temperament des Professors zuzuschreiben; wahrscheinlich hätte er es gar nicht verstanden und als bloße Heuchelei vermerkt, wenn ich jetzt eine übertriebene Bescheidenheit an den Tag gelegt hätte. So rettete ich mich in Gemeinplätze, sagte etwas von dankbarer Rückerinnerung an das Institut und natürlich auch an ihn, und was man in derartigen Situationen ebenso zu sagen pflegt. Er nahm es mit geschmeicheltem Lächeln zur Kenntnis, ein letztes Händeschütteln, dann war dieser erste Abschied vorüber.

Von ihm fort lenkte ich meine Schritte zu meiner bisherigen Abteilung, um mich auch von meinen Mitarbeitern zu verabschieden. Sie wussten noch von nichts, freuten sich aber allgemein über den ehrenvollen Ruf, der an mich ergangen war.

Nur Herbert Gross hielt sich hierbei zurück, ich merkte ihm an, dass er etwas auf dem Herzen hatte. So benutzte ich den Vorwand, mich abschließend von den Fortschritten bezüglich des Rindervirus überzeugen zu wollen, um ein Alleinsein mit ihm herbeizuführen.

„Hast du noch etwas Besonderes, das du mir sagen möchtest, Herbert?“, fragte ich gerade heraus, als wir allein im Labor waren. „Mir ist so, als würdest du die allgemeine Begeisterung nicht vorbehaltlos teilen; oder täusche ich mich?“

Herbert Gross schüttelte den Kopf, sein Gesicht war von einem ungewöhnlichen Ernst überschattet. „Keineswegs, Frank, du hast da vollkommen recht. Ich bin nun bestimmt der letzte, der dir diesen Triumph missgönnen oder deine Leistung schmälern möchte, doch irgendwie kann ich bei dieser Sache nicht froh werden. Verstehe mich nun bitte nicht falsch: Ich möchte hier keineswegs den Bewohnern des Marco das Wort reden, aber manchmal frage ich mich eben doch, ob wir Menschen ihnen gegenüber die richtige Haltung einnehmen. Gewiss, sie scheinen nicht besonders tolerant oder gar sanftmütig zu sein, aber sind wir Menschen es denn auch? Müssen wir wirklich gleich so drastisch gegen sie vorgehen, ohne Vermittlungsversuche?“

„Wieso sollten wir zu drastisch sein?“, gab ich befremdet zurück. „Es steht einwandfrei fest, dass sie uns Menschen gegenüber nicht nur intolerant, sondern sogar ausgesprochen feindlich gegenübertreten, sollten wir uns dagegen nicht wehren? Ein Krieg gegen den Marco dürfte ohnehin nur der letzte Ausweg sein, wenn alle anderen Mittel versagen. Im Grunde hat unsere Expedition doch nur den einen Zweck, ihnen die Stärke der Vereinigten Planeten nachhaltig vor Augen zu führen. Sie sollen durch diese Abschreckung vor weiteren Übergriffen gegen unsere Raumschiffe oder gar kriegerische Handlungen abgehalten werden. Das zu tun, ist doch unser gutes Recht, meine ich.“ „Deine Meinung in allen Ehren, Frank, doch ich fürchte sehr, dass die maßgeblichen Männer im Flottenoberkommando da ganz anders denken! Die ganze Art, in der unsere Propaganda in letzter Zeit bemüht ist, die Marconesen um jeden Preis als Bösewichter hinzustellen, erinnert geradezu penetrant an Methoden, deren sich einst vor langer Zeit verschiedene Diktatoren auf der Erde bedienten! Wenn man vom eigenen Friedenswillen spricht und zugleich versucht, die eigenen Maßnahmen zu verbrämen und zu verharmlosen, passt das genau in dieses Schema, Ich persönlich meine, dass die Wesen vom Marco schon jetzt wissen müssten, dass sie als Bewohner einer einzigen Welt auf die Dauer nicht gegen die bestimmt übermächtigen Flotten von 23 Planeten ankommen können. Falls sie es bis vor kurzem noch nicht gewusst haben sollten, dann müssten sie es bestimmt jetzt wissen, nachdem sie — wie es heißt — menschliche Raumschiffe gekapert haben. Sie können keinen unserer Planeten, auch nicht den Castello, angreifen, ohne mit dem Gegenschlag aller menschlichen Streitkräfte rechnen zu müssen. Sie hätten also allen Grund, sich zumindest von jetzt ab jeder irgendwie feindseligen Handlung uns gegenüber zu enthalten, denn schließlich sind sie mindestens ebenso intelligent, wie wir. Wie vereinbart sich nun aber diese geradezu zwangsläufige Erkenntnis mit der neuesten Meldung unseres Nachrichtendienstes, nach der sie nun ohne vorherige Warnung ein weiteres Auswandererschiff der Deneb-Route durch Atomwaffen vernichtet haben sollen?“

Er reichte mir einen Streifen, von einem der auch im Institut in jeder Abteilung vorhandenen Nachrichtenschreiber stammend, der diese Nachricht brachte und zugleich kommentierte, indem er den Einsatz unserer Expeditionsflotte bis zur letzten Konsequenz empfahl. Auch dann, wenn man die üblichen Propaganda-Diskanttöne abzog, blieb das Bild recht bedrohlich. Um eine Falschmeldung konnte es sich kaum handeln, solche hatte es bisher im interstellaren Nachrichtendienst noch nicht gegeben; zumindest nicht, wenn es sich um Ereignisse von größter Tragweite handelte, und das brachte ich auch Herbert Gross gegenüber zum Ausdruck.

„Außerdem“, fügte ich hinzu, „entsinne ich mich recht gut darauf, dass du vor kurzem noch um einiges anders geredet hast, als wir diese Probleme besprachen! Woraus nun deine überraschende Sinnesänderung auch resultieren mag, ich vermag einfach nicht, nun auch ohne jeden Grund um hundertachtzig Grad umzuschwenken. Ich werde nach wie vor meine Pflicht im Dienste der Menschheit tun, ohne mich müßigen Überlegungen hinzugeben. Dir aber rate ich, deine seltsamen Ansichten nicht auch noch anderweitig zu publizieren, wenn du keine Ungelegenheiten mit dem Sicherheitsdienst bekommen willst.“

Herbert Gross schüttelte den Kopf. „Ich denke nicht daran, eine derartige Dummheit zu begehen; auch zu dir hätte ich nicht über meine Bedenken gesprochen, wenn ich nicht genau wüsste, dass auf dich als Freund Verlass ist.“ Er sah mir ernst in die Augen, „Vielleicht kommt aber bald der Tag, an dem du erkennen musst, dass die Menschen hier den ‚falschen Weg‘ gegangen sind! Ich hoffe es nicht, aber ich befürchte es.“

In diesem Augenblick betrat Brand das Labor, um aufzuräumen, da der Dienstschluss bevorstand. So verabschiedete ich mich kurz und förmlich von Herbert, der gleichfalls noch zu tun hatte.

Viel später erst sollte ich wieder an diese Unterredung zurückdenken.

Der Antigravlift trug mich nach oben und setzte mich auf dem Dache ab. Ich begab mich zu meinem Gleiter, startete ihn und freute mich, einmal früher daran zu sein als die anderen, deren Fahrzeuge sonst nach Dienstschluss zu hunderten die Atmosphäre bevölkerten. Gewiss, im Allgemeinen war auf die automatischen Steuerungsorgane Verlass, aber zuweilen gab es trotz aller Sicherheitsvorkehrungen doch Kollisionen im Luftverkehr. Unsere Sonne war ein noch junges Gestirn und neigte in unregelmäßigen Abständen zu starken Energieausbrüchen, die sich in unliebsamen Störungen der Funkwellen und damit auch der Radareinrichtungen bemerkbar machten.

Meine Freude währte nur sehr kurz, denn im nächsten Moment musste ich daran denken, wie wohl Violet die Nachricht über die bevorstehende Trennung aufnehmen würde. Wohl war unsere Ehe seinerzeit nach rein genetischen Gesichtspunkten zustande gekommen — die Abteilung Genetik des NBZ besorgte stets die Zusammenführung der nach ihren Maßstäben füreinander geeigneten Partner, doch in unserem Fall hatte sie einen guten Griff getan, wir mochten uns vom ersten Augenblick an. Nicht immer war es so einfach. Zuweilen gab es bei den sogenannten ‚idealen‘ Ehepartnern auch Fälle von ausgesprochener Antipathie und erst eine hypnotische Tiefenbehandlung konnte Abhilfe schaffen, wenn keine anderen geeigneten ‚Objekte‘ da waren. Der Castello war noch schwach besiedelt und so kamen eben solche Fälle ganz zwangsläufig vor.

Der Flug verlief störungsfrei und ich setzte auf meinem kleinen Landeplatz auf, als sich die Sonne gerade anschickte, hinter den bizarren Formen der Gebirge im Hinterland zu versinken. Unser Tag war entsprechend dem irdischen Rhythmus in 24 Stunden eingeteilt, doch waren diese um drei Minuten zu kurz, denn der Castello brauchte für eine Umdrehung 72 Minuten weniger als unser Stammplanet. Trotzdem war das noch ausgesprochen günstig und erforderte von den Einwanderern keine große Umstellung. Es gab aber innerhalb der Union auch Planeten, deren Tag 36 Stunden dauerte, wogegen andere innerhalb von 16 Stunden rotierten, und das brachte natürlich einschneidende Veränderungen im menschlichen Lebensrhythmus mit sich. Überall aber teilte man den Tag in 24 Stunden, die dann entsprechend länger oder kürzer ausfielen. Nur draußen im Raum, auf den Schiffen zwischen den Sternen, wurde allgemein die Erdzeit gebraucht, da es sonst zu einem allgemeinen Chaos der Zeitbegriffe gekommen wäre.

Ich stellte den Motor ab, kletterte aus dem Gleiter und sprang hinunter auf den weichen, schwarzen Boden. Castello war eine ungemein fruchtbare Welt, alle irdischen Gewächse gediehen hier zu ungeahnter Größe. Leider aber auch die einheimische Pflanzenwelt, und so lag der Mensch in ständigem Kampf mit ihr, denn Nährpflanzen nach unseren Begriffen wies sie kaum auf. Auch ich musste mit Missmut feststellen, dass sich in den letzten Tagen unerwünschte Samen in meinem Ziergarten eingefunden hatten, denn schon zeigten sich hier und da Sprösslinge, deren blaugrüne Farbe unschwer ihren Ursprung erraten ließen. Gleich morgen nach Feierabend musste ich ...

Siedend heiß fiel mir ein, dass es morgen für mich keinen Feierabend mehr geben würde! Mittags musste ich schon fertig zum Abflug sein und der Morgen würde gerade ausreichen, um alle notwendigen Maßnahmen und Vorbereitungen zu treffen. Und Violet ...

Sie hatte das Geräusch des Gleiters gehört und kam mir bereits auf halbem Wege entgegen. Ihr Gesicht war tränenüberströmt, also wusste sie es schon! „Oh Frank“, schluchzte sie und barg ihren Kopf an meiner Schulter, „du musst also morgen fort — du musst mich verlassen?“

Mechanisch streichelte ich ihr Haar, das in den letzten Strahlen der Sonne kupferfarben glühte. Allmählich wurde sie wieder ruhiger, hob ihr Gesicht zu mir und sah mich aus tränenfeuchten Augen an. Nie zuvor hatte ich meine Violet weinend gesehen; nie hatte ich gewusst, wie sehr sie an mir hing, als nun, da ihre verschleierten Augen es mir verrieten! Es würde unsere erste Trennung sein.

„Beruhige dich, Liebes“, murmelte ich tröstend. „Ich gehe ja schließlich nicht für immer fort. Von wem hast du erfahren, dass ich an der Expedition teilnehmen muss?“

Sie schluckte noch einmal, dann hatte sie sich wieder gefasst. „Major Marsh hat mich vorhin angerufen und es mir mitgeteilt. Er meinte, es sei besser, ich wüsste es schon, ehe du nach Hause kommst. Auch Mrs. Marsh hat mit mir gesprochen und mir angeboten, zu ihnen zu ziehen, bis du wieder zurückkommst. Für Haus und Garten soll inzwischen ihr Roboter sorgen; sie wollen ihn hier auf unserem Grundstück lassen, bis du wieder da bist.“

Das war eine großzügige Freundschaftsbezeugung, denn ein Dienstrobot galt auf Castello als der Inbegriff des Wohlstandes. Ich hatte nie daran denken können, mir einen solchen zuzulegen, dafür reichte mein Gehalt einfach nicht aus. Höhere Beamte und Offiziere wie Velasquez oder Marsh bekamen ihn von der Administration gestellt. Begüterte konnten ihn käuflich erwerben. Vielleicht würde auch ich nach meiner Rückkehr…

Gewaltsam verbannte ich diesen verlockenden Gedanken, denn es gab jetzt wesentlich drängendere Probleme für mich. Vieles war zu erledigen, wenn Violet zur Familie Marsh ziehen würde. Ich würde noch eine Menge Formulare ausfüllen müssen, ehe ich mein Eigentum nur unter Obhut eines Roboters zurücklassen konnte, für solche Fälle gab es eine Anzahl strenger Vorschriften.

„Komm, gehen wir ins Haus, Liebes“, sagte ich, „es wird schon kühl und ich möchte nicht, dass du dich heute noch erkältest. Ich würde auf der Reise keine ruhige Minute haben, wenn ich dich krank zurücklassen müsste.“

Unvermittelt blieb Violet stehen, dadurch auch meine Schritte hemmend, weil ich sie umfasst hielt. „Frank, ich wollte es dir erst nach dem Abendessen sagen, wenn wir in Ruhe sprechen können, doch jetzt hat sich ja alles geändert. Wir werden ein Kind haben, Frank!“

Ich stand da, wie vom Donner gerührt. „Ein Kind?“, flüsterte ich. „Wie kommt das jetzt nur so plötzlich, gerade im ungeeignetsten Moment?“

„Oh, ich habe es schon seit einer Woche vermutet, wollte es dir aber nicht früher sagen, um dich nicht von deiner Arbeit abzulenken. Genau weiß ich es erst seit heute früh, ich habe unseren Arzt aufgesucht, um mich untersuchen zu lassen. Dr. Fender meint, es würde in zehn Monaten soweit sein.“

Sie meinte natürlich Castello Monate, nach Erdzeit also noch etwa sieben Monate. Nun, bis dahin würde ich wohl längst wieder zurück sein, wenn keine unvorhergesehenen Komplikationen eintraten. Doch warum sollte es solche geben? Wir waren unbedingt stark genug, um mit den Wesen vom Marco innerhalb weniger Tage fertig zu werden; warum sollte ich mir da unnütze Sorgen bereiten, zumal Violet bei Mrs. Marsh in bester Obhut sein würde? Ich schob alle Bedenken von mir und setzte mich wieder in Bewegung.

„Komm, Liebes, sonst erkältest du dich wirklich noch, und das käme jetzt doppelt ungelegen. Morgen werde ich alles ordnen, damit deiner Übersiedlung zu Major Marsh nichts im Wege steht. Heute aber wollen wir uns noch einen schönen Abend bereiten — den schönsten, seit wir uns kennen.“


Eine Kaskade perlender elektronischer Töne riss mich aus meinem Schlummer und der sprechende Wecker verkündete: „Es ist sieben Uhr, bitte aufstehen!“

Am liebsten hätte ich das abscheuliche Instrument einfach ignoriert, doch ich wusste, dass das wenig Zweck hatte. Der Wecker würde sich unablässig immer wieder melden, obendrein mit stetig wachsender Lautstärke. Die einzige Möglichkeit, ihn zum Verstummen zu bringen, war die, aufzustehen und ihn abzuschalten. Aufstehen musste ich auf jeden Fall, denn die Apparatur war so angebracht, dass sie vom Bett aus nicht zu erreichen war ...

Zwei Minuten lang hielt ich es noch aus, dann aber begannen die immer lauter wiederholten Weckertöne, sich zu aufdringlichen Kakophonien auszuwachsen und das war zu viel für mein musikalisches Gehör. Seufzend stieg ich von meinem Lager und stellte den unliebsamen Mahner ab, um dann das Badezimmer aufzusuchen. Ich hatte diese Nacht nicht in unserem gemeinsamen Schlafzimmer verbracht, um Violet etwas mehr Ruhe zu gönnen, sondern in einem Raum im ersten Stock, der sonst als Gästezimmer fungierte. Zwar verfügte ich nur über ein sogenanntes Einfamilienhaus, aber schon dieses besaß acht Räume, vier oben und vier unten. Das war gegenüber den Verhältnissen auf der totalübervölkerten Erde ein fast unvorstellbarer Luxus, doch wir waren daran gewöhnt. Castello war eine Welt, auf der es nicht nur genügend Baustoffe, sondern auch praktisch unbegrenzte Siedlungsräume gab. Bisher war noch kaum ein Zwanzigstel der Planetenoberfläche kolonisiert, es bestand also keinerlei Grund für Einschränkungen. Es war auch tatsächlich besser, gleich von Anfang an großzügig zu planen; so konnte der natürliche Bevölkerungszuwachs auf lange Sicht in den vorhandenen Baulichkeiten aufgefangen werden, während alle Neubauten den nachströmenden Einwanderern von der Erde zugutekamen.

Rasch schluckte ich zwei Tabletten eines Antineuralgicums, denn mein Kopf war an diesem Morgen alles andere als klar. Der Castello-Wein, den wir uns am Abend zur Erleichterung der Gemüter und zur Feier des Abschieds geleistet hatten, war ausgezeichnet geeignet, um trübe Stimmungen zu vertreiben; dafür brachte er aber am nächsten Morgen unweigerlich die unangenehmen Folgeerscheinungen hervor, die man allgemein unter dem Begriff Kater kennt. Da sich Violet mit Rücksicht auf ihren Zustand fast völliger Abstinenz befleißigte, hatte ich die Flasche zu dreiviertel selbst geleert und das war für den feurigen Wein, der unter unserer heißen Sonne gedieh, etwas viel.

Eine ausgiebige Wechseldusche unterstützte die Wirkung der Tabletten und nach Ablauf von zwanzig Minuten war ich wieder vollkommen frisch. Rasch zog ich mich an, immer bemüht, möglichst leise zu sein, um Violet nicht vorzeitig zu wecken. Erfolglos, wie sich herausstellte, denn als ich nach unten kam, war auch sie schon im Bad.

Ich überließ es dann ihr, das Frühstück zu bereiten und ging daran, inzwischen meinen Schreibtisch aufzuräumen. Dort lagen noch zahlreiche Arbeiten für das Institut, die ich früher zu Hause begonnen hatte, dann aber beiseitelegen musste, als man mir ‚Projekt Marco‘ übertrug. Ich sortierte alles säuberlich in die entsprechenden Mappen und legte diese zurecht; unser Faktotum Brand würde sie im Laufe des Vormittags abholen kommen.

Nach dem Frühstück standen mir die unvermeidlichen Wege zu den verschiedenen Behörden bevor, bei denen mich Violet begleiten musste. Wohl wurden wir überall recht zuvorkommend behandelt, denn hier kannte uns jeder als Mitglieder der ‚besseren Gesellschaft‘, doch war es trotzdem schon zehn Uhr dreißig, als wir schließlich bei der Dienststelle der Haus und Grundstücksverwaltung angekommen waren.

Gerade, als wir deren Büro betraten, intonierte der unvermeidliche Rundfunklautsprecher den Raumgarde-Marsch, ein sicheres Zeichen dafür, dass eine besondere Meldung zu erwarten war. Sie kam auch prompt nach zwei Minuten und der Sprecher verkündete:

„Wie uns das Gesundheitsministerium soeben mitteilt, hat unser Nationales Biologisches Zentralinstitut wesentliche Fortschritte bei der Bekämpfung der Seuche erzielt, die unsere Rinderbestände bedroht. Ein Forschungsteam des Instituts unter Leitung von Doktor Frank Harris hat nach zahlreichen Versuchen endlich ... “

Natürlich richteten sich die Blicke aller Anwesenden sofort auf mich, während der Sprecher mit seiner Darstellung fortfuhr. Ich bemühte mich, möglichst gelassen zu erscheinen, obwohl ich naturgemäß einen gewissen Stolz nicht ganz unterdrücken konnte. Es befremdete mich allerdings etwas, dass man wegen dieser Sache eigens eine Sondermeldung brachte — und richtig, der Schock für mich kam noch. Eine kurze Ansage, ein paar Marschtakte, und dann kam die Stimme des Ansagers wieder:

„Wie das Nationale Biologische Zentralinstitut weiter bekanntgibt, hat der eben erwähnte Dr.

Harris auch das Problem des besonderen Metabolismus der Bewohner des Planeten Marco gelöst. Dieser geniale Gelehrte hat in rastloser und aufopferungsvoller Arbeit eine wissenschaftliche Großtat vollbracht, die in der Geschichte unseres Planeten unerreicht dasteht! Bisher gab es für die menschliche Wissenschaft keine Erklärung dafür, wie eine Körperzelle beschaffen sein muss, um innerhalb der giftigen Atmosphäre des Planeten Marco ... “

Hatte ich kurz vorher noch Stolz empfinden können, so war mir das, was nun folgte, einfach peinlich. Nicht nur, weil man mich jetzt anstarrte, als sei ich einer der seltsamen Vögel vom südlichen Kontinent, sondern hauptsächlich deshalb, weil man im Radio wieder einmal schamlos übertrieb. Schließlich wusste ich selbst am besten, dass ich kein Genie war! Jeder andere gute Astrobiologe hätte dieses Rätsel auch lösen können, wenn er erst einmal auf die richtigen Gedankengänge gekommen war. Dass nun zufällig ich im Wettlauf mit anderen, mit dem gleichen Problem betrauten Wissenschaftlern als erster zum Ziel gekommen war, war lediglich eine Fleißfrage, denn ich hatte eben entsprechend viele zusätzliche Stunden darauf verwendet. Fleiß aber macht noch lange kein Genie, und so verspürte ich direkt ein körperliches Unbehagen, als ich den schwülstigen Ton dieser Sondermeldung vernahm. Unser Propagandaministerium — nur von dort konnte die Bekanntmachung kommen — schoss den Vogel propagandawirksamer Darstellung ab, die schließlich in der Feststellung gipfelte:

„... hat Dr. Harris der gesamten Menschheit des Bundes der Vereinigten Planeten einen einfach unschätzbaren Dienst erwiesen. Er wird vom Planetaren Rat mit dem Titel ‚Verdienter Wissenschaftler der Galaxis‘ ausgezeichnet und erhält die entsprechende Medaille I. Klasse. Weiterhin wird er, wie uns das Gesundheitsministerium mitteilt, in die Stellung eines außerordentlichen Professors erhoben und ab sofort in die Gehaltsklasse I des gehobenen wissenschaftlichen Dienstes eingereiht.“

Nur die Blicke der bewundernd und freudestrahlend zu mir aufblickenden Violet ließen mich diese Situation einigermaßen gefasst überstehen. Doch das Radio war längst noch nicht am Ende. Nun folgten erst noch die passenden Worte, mit denen man die Unverschämtheiten der Marconesen zu geißeln pflegte und zum Schluss dann die Feststellung:

„… wird die Raumflotte der Vereinigten Planeten nicht nur zur bloßen Machtdemonstration, sondern zur Stellung eines kategorischen Ultimatums den Planeten der unverschämten Friedensstörer in unserer Milchstraße anfliegen. Infolge der Großtat des Professors Harris‘ sind wir nun gerüstet, sie für ihr anmaßendes und unmenschliches Verhalten entsprechend bestrafen zu können, und wir werden dies auch tun, wenn sie unseren gerechten Forderungen nicht entsprechen wollen. Es lebe die Freiheit, es lebe die Föderation der Vereinigten Planeten!“

Die Hymne des Planeten Castello erklang, denn eine solche hatten wir auch schon, obwohl unsere Gesamtbevölkerung erst knapp eine Million zählte. Schweigend erhoben sich alle, wie es Pflicht war, und anschließend musste ich Glückwünsche und Händedrücke aller Anwesenden entgegennehmen. Bei ihnen war ich nun bereits ein Held und alle überboten sich darin, Violet und mir etwas Schmeichelhaftes zu sagen — ich selbst kam überhaupt nicht zum Wort.

Nun, etwas Positives brachte das alles doch mit sich, denn wir wurden nun in wahrer Rekordgeschwindigkeit abgefertigt. Innerhalb von fünf Minuten waren die von mir benötigten Schriftstücke fertig, unter normalen Umständen hätte es bestimmt eine halbe Stunde gedauert. Doch die Art von penetranter Katzbuckelei, in der alles geschah, widerte mich an und ich war froh, als wir das Amt verlassen konnten und unser Gleiter uns zum Wohnhaus der Familie Marsh trug. Die einzige Genugtuung, die ich empfand, bestand in dem Gefühl, dass dies alles Violet half, den Abschied weniger schwer zu empfinden; darum enthielt ich mich auch der Äußerungen, die ich sonst bestimmt gemacht hätte, um die Angelegenheit ins rechte Licht zu rücken. Violet war stolz und glücklich, und darum verzieh ich auch den übereifrigen Leuten vom Propagandaministerium.

Major Marsh hatte Nachtdienst gemacht, war aber bereits wieder auf, weil er uns erwartete. Seine Gattin nahm sich sofort Violets an und damit war ich diese für einige Zeit los, denn die Frauen hatten nun ja ihr eigenes Thema. Der Major nahm mich mit in sein Wohnzimmer und setzte mir einen guten Schluck von der Erde vor. Obwohl es noch Vormittag war, sagte ich nicht nein dazu, denn derartige Genüsse waren auf dem Castello selten und nur besonderen Gelegenheiten Vorbehalten. Unser Wein war wohl gut, ließ sich jedoch nicht zu Cognac verarbeiten, da die Reben unter dem Einfluss unserer Sonne bereits eine Mutation erfahren hatten.

Marsh hatte die Lobgesänge auf meine Person durch das Fernsehen erfahren, das eigens die Stunde der Hausfrau mitten in der Zubereitung eines delikaten Gerichtes unterbrach, um die entsprechende Verlautbarung zu bringen. Er beglückwünschte mich, zeigte aber zugleich, dass sein Urteilsvermögen weit weniger getrübt war, als das unserer meisten Mitmenschen. Nun, er kam eben aufgrund seiner Sonderstellung oft mit höheren Persönlichkeiten zusammen, kannte deren Auffassungen und wusste deshalb Wirklichkeit und bloße Propaganda gut zu unterscheiden.

„Ihre Leistungen in allen Ehren, Doktor — Verzeihung, jetzt muss ich ja Professor sagen —, sie kann uns sehr von Nutzen sein. Natürlich konnten die zuständigen Leute wieder nicht ohne die üblichen Übertreibungen auskommen, doch das dürfen Sie nicht weiter tragisch nehmen. Tatsächlich und ganz objektiv gesehen, bringt Ihr Erfolg unserer Waffentechnik einen entscheidenden Vorteil. Wenn unsere Flotte bisher nichts gegen die Marconesen unternommen hat, dann hauptsächlich deshalb, weil man nicht sicher sein konnte, ob unsere Waffen auch etwas gegen sie auszurichten vermochten. Im Vertrauen will ich Ihnen sagen, dass wir bereits mehrfach Patrouillen in das Gebiet ihrer Sonne entsandt haben mit der vollen Absicht, Zwischenfälle zu provozieren. Auf diesem Weg wollte man feststellen, ob sie für unsere Zell-Desintegratoren anfällig sind, die sich gegenüber allen Sauerstoffatmern als ultimative Waffe erwiesen haben. Ein Erfolg ist allerdings stets ausgeblieben, denn nie ließ sich eines ihrer Raumschiffe blicken. Scheinbar besitzen sie ein besonderes Mittel, um Kriegsschiffe von anderen Fahrzeugen zu unterscheiden, obwohl sich die Typen im Wesentlichen gleichen. Ein phantasiebegabter Techniker war sogar der Ansicht, sie könnten Geräte besitzen, die es ihnen ermöglichen, in unsere Schiffe zu sehen.“

„Das klingt nun wirklich reichlich phantastisch“, bemerkte ich. „Gewiss, ich entsinne mich auf uralte utopische Romane, in denen von einem sogenannten Spionagestrahl die Rede war, der so etwas ermöglichen sollte, doch hat sich längst herausgestellt, dass sich das nie realisieren lassen wird, trotz aller Fortschritte, welche die Menschen in den letzten Jahrhunderten gemacht haben. Sollte es nicht etwa so sein, dass die Marconesen den Funkverkehr unserer Dienststellen und Schiffe überwachen und ihm alles entnehmen, was für sie wichtig ist?“

„Das wäre natürlich auch eine Möglichkeit“, räumte Major Marsh ein, „obwohl das auch schon ein kleines Kunststück wäre. Alle Funksprüche, die zwischen Schiffen oder Kommandostellen ausgetauscht werden, sind nicht nur sorgfältig maschinell verschlüsselt, sondern gehen auch noch über Hyperwellen, dürften also praktisch überhaupt nicht abhörbar sein. Das alles können wir aber jetzt außer Acht lassen, es ist praktisch bedeutungslos geworden. In wenigen Stunden startet unsere Expeditionsflotte, und diesmal geht es aufs Ganze. Unsere Techniker sind seit gestern Abend damit beschäftigt, die Wirkungsfrequenz der Zell-Desintegratoren nach den Ergebnissen Ihrer Arbeit einzustellen und nun sind wir auch in der Lage, unser Ultimatum wirkungsvoll zu untermauern. Zwar wissen wir nichts Genaues über ihre Waffen — es wird von atomaren Sprengkörpern gesprochen, doch es fehlen die Beweise, denn keines der Schiffe, das mit ihnen zusammengeriet, ist bisher noch zurückgekehrt. Da aber der Wirkungsbereich unserer Desintegratoren über fünf Lichtminuten hinwegreicht und diese auch auf Hyperwellenbasis arbeiten, ist kaum anzunehmen, dass sie uns mit Aussicht auf Erfolg gegenübertreten können. Die Ausstrahlung hat sie erwischt,

ehe sie überhaupt erkennen können, dass sie ausgesandt wurde.“

„Rechnen Sie damit, dass sie Widerstand leisten werden“, forschte ich. Marsh schüttelte nachdenklich den Kopf.

„Das halte ich für sehr unwahrscheinlich. Das Ultimatum unseres Oberkommandos wird auf allen bekannten Wellenlängen im Spreizverfahren ausgestrahlt werden, sobald die Flotte die Grenzen ihres Systems erreicht hat, sie müssen es also hören. Dass sie diese Sendungen auch verstehen, ist nicht zu bezweifeln, denn sie haben schon genug Menschen eingefangen, um unsere Sprache zu analysieren. Man wird ihnen klar vor Augen führen, dass es ihr eigener Selbstmord ist, wenn sie nicht auf unsere Bedingungen eingehen.“

„Und worin bestehen diese?“, fragte ich wieder. „Sind Sie auch darüber informiert?“

Der Major nickte. „Das Ultimatum ist in der vergangenen Nacht in meinem Beisein ausgearbeitet worden. Es läuft darüber hinaus, dass sich die Marconesen verpflichten müssen, zukünftig jede irgendwie feindselige Handlung gegenüber den Menschen und unseren Schiffen zu unterlassen. Weiterhin wird ihnen auferlegt, sämtliche gekaperten Raumer und deren Besatzungen unverzüglich freizugeben und eine angemessene Wiedergutmachung für alle durch sie verursachten Schäden an menschlichem Gut oder Leben zu leisten.“

„Das zu verlangen, ist unser gutes Recht“, bemerkte ich beifällig. „Eigentlich kann man sagen, dass das Ultimatum sogar noch recht maßvoll ist, wenn man bedenkt, wie sie uns bis jetzt entgegengetreten sind, obwohl wir ihnen nichts getan haben. Selbst dann, wenn sie schon den bloßen Vorbeiflug unserer Schiffe an ihrem System als Verletzung ihres Lebensraumes oder gar als Bedrohung ansehen, haben sie längst noch nicht das Recht, diese Schiffe ohne jede Warnung zu kapern oder gar zu vernichten.“

Marsh lächelte schwach. „Gewiss, bis zu diesem Punkt sind unsere Forderungen noch recht sanft, doch damit ist der Wortlaut des Ultimatums noch längst nicht erschöpft. Im zweiten Absatz wird verlangt, dass die Marconesen innerhalb des irdischen Monats alle ihre Raumschiffe vollkommen abrüsten und eine Kommission unseres Oberkommandos zur Kontrolle der Abrüstung zulassen. Sind alle Voraussetzungen erfüllt und alle Schuldigen an uns ausgeliefert, können sie nach einer gewissen Bewährungszeit sogar mit einer Aufnahme in die Föderation der Vereinigten Planeten rechnen — auf Grund ihrer großen Menschenähnlichkeit, wie es heißt.“

„Das hört sich alles schon wesentlich anders an“, meinte ich nachdenklich. „Wenn man es sich bis zur letzten Konsequenz überlegt, bedeutet ein Eingehen auf diese Forderungen nicht mehr und nicht weniger als eine restlose Preisgabe der marconesischen Selbständigkeit! Es wird ihnen wohl aber nichts weiter übrigblieben, als das Ultimatum en bloc zu akzeptieren. Da ihre Intelligenz der unseren etwa gleichen dürfte, wird ihnen auch klar sein, dass eine Ablehnung desselben unweigerlich Krieg bedeutet — einen Krieg, in dem sie keinerlei Erfolgsaussichten haben, weil sie allein gegen die Flotten von dreiundzwanzig Planeten der Föderation stehen würden.“

„Genauso ist es“, nickte Major Marsh. „Selbstverständlich fehlt in dem Ultimatum auch nicht der Hinweis darauf, dass wir jetzt nach Abstimmung unserer Zell-Desintegratoren auf ihren Metabolismus eine ultimative Waffe in Händen haben und das Oberkommando nicht zögern wird, diese rücksichtslos einzusetzen, falls die Leute vom Marco weiterhin auf ihrer feindseligen Haltung gegenüber uns Menschen beharren.“

„Im Grunde ist diese Haltung doch eigentlich absurd“, überlegte ich laut. „Sie wäre noch zu verstehen, wenn diese Wesen völlig anders geartet wären, als wir es sind. Das ist aber nicht der Fall, umso unverständlicher bleibt mir daher ihre Einstellung, ihre seltsame Mentalität. Dabei müssen selbst große Unterschiede in Körperform oder Mentalität nicht unbedingt zu Differenzen zwischen zwei Lebensformen führen, wenn beide Rassen über die nötige Intelligenz verfügen. Nehmen wir einmal das Beispiel der Geschöpfe aus dem Arkturus-System; selbst mit ihnen wurde eine rasche Verständigung erreicht, obwohl sie doch für uns Menschen — und vielleicht auch umgekehrt, wir für sie — den Prototyp aller nur erdenklichen Monstrosität darstellen.“

Der Major bedachte mich mit einem seltsam undefinierbaren Blick und wollte gerade zu einer Antwort ansetzen, als von der offenen Verandatür her die Stimme von Mrs. Marsh vernehmbar wurde. „George, ich meine, dass du Herrn Harris jetzt nicht mehr länger aufhalten darfst. Es ist schon viertel nach elf und um zwölf Uhr muss er schon am Raumhafen sein.“

Es gab einen, etwas überstürzten Abschied, denn Mrs. Marsh hatte recht, und ich musste mich beeilen, wenn ich mein Debüt bei der Raumflotte nicht gleich mit Verspätung beginnen wollte. Die Gattin des Majors versprach mir, besonders gut für Violet zu sorgen, nachdem sich bei uns Nachwuchs angemeldet hatte und gab der Hoffnung Ausdruck, dass ich bis zum freudigen Ereignis wieder zurück sein würde. Marsh selbst untermalte diese Hoffnung durch einen überaus optimistischen Kommentar zur Lage, der Violet vollends beruhigte. Sie war in bester Laune, als wir unseren Gleiter bestiegen, der uns zurück zu unserem Heim brachte.

Dort erwartete uns bereits der alte Brand, der es sich so lange unter dem Sonnensegel auf der Veranda bequem gemacht hatte. Ich übergab ihm den Koffer mit Papieren und Tonstreifen für das Institut und trug ihm letzte Grüße für die Mitarbeiter dort auf, wartete jedoch den Abflug seines Gleiters nicht mehr ab, denn Violet rief bereits nach mir. Das Mittagessen, rasch aus Konserven bereitet, war fertig und wir nahmen es hastig zu uns; das heißt, ich aß das meiste, während meine Frau verständlicherweise recht wenig Appetit zeigte.

Schon war es auch viertel vor zwölf, und so kam es gar nicht mehr zu einem richtigen Abschied zwischen uns. Ich raffte mein persönliches Gepäck zusammen, eine letzte Umarmung und schon kletterte ich in mein Fahrzeug. Lange noch konnte ich Violets immer kleiner werdende winkende Gestalt neben dem Haus erkennen, bis mich dann entgegenkommende Gleiter zur Orientierung nach vorne zwangen. Ich stellte die Automatik auf den Raumhafen ein und warf einen letzten Blick zurück, aber zu spät. Violet war bereits nicht mehr zu sehen und so konzentrierte ich mich wieder nach vorn, wo am Horizont bereits die hohen Konturen der Raumhafengebäude auftauchten.

Fünf Minuten später setzte der Gleiter auf dem kleinen Nebenplatz auf, der für die atmosphärgebundenen Fahrzeuge bestimmt war. Ich hatte mich über Funk angemeldet und so erwartete mich dort schon eine Ordonnanz, die mich durch das unbekannte Gelände führte und zuvorkommend einen Teil meines Gepäcks trug. Ganz ehrlich gesagt, mir war etwas bänglich zumute. Bisher war ich nur der kleine unbedeutende Dr. Harris gewesen, einer unter vielen; nun aber hatte ich plötzlich den Ruf eines Superwissenschaftlers, hatte man mich in eine Rolle hineinmanövriert, die mir weder zukam noch lag. Würde ich auch nur halbwegs den Erwartungen gewachsen sein, die man im Flottenkreisen in meine Person setzen würde?

Man ließ mir jedoch für solche Überlegungen nicht viel Zeit, denn vor der Kommandantur erwartete mich bereits eine umfangreiche Menschenansammlung, an ihrer Spitze Oberst Cramer, der Raumhafen-Kommandant. Musik klang auf, eine Abteilung der Hafenwache präsentierte ihre Waffen, und dann heftete Cramer mir die funkelnde Verdienstmedaille an, die mir der Planetare Rat verliehen hatte. Ich sagte einige ungereimte Dankesworte, die mir fast noch im Halse stecken blieben, als ich das Aufnahmeteam der Fernsehstation entdeckte. Die gesamte Bevölkerung des Castello konnte mich nun also sehen: Professor Harris, der große Wissenschaftler — der Mann, der die tödliche Bedrohung der Menschheit durch eine fremde Rasse entscheidend beseitigen half!

So sagte wenigstens der Sprecher der Television zu seinen Zuschauern ... ich selbst karm mir recht klein vor.

Darum war ich auch froh, als die Zeremonie sich nicht noch länger hinzog und Oberst Cramer mich nach einigen Schlussworten in das Kommandanturgebäude entführte. Unterwegs sagte er mir, dass eigentlich auch noch ein Regierungsvertreter avisiert war, um eine feierliche Rede zu halten, der sich aber verspätet hatte. Auf ihn zu warten, erlaubte die Zeit nicht mehr; der Start der Expedition musste pünktlich auf die Minute erfolgen, wenn nicht alle Kursberechnungen hinfällig werden sollten, wie Cramer mir erklärte.

Alles Weitere ging dann recht unpathetisch vor sich.

Im Magazin erhielt ich zuerst eine Offiziersuniform, die jedoch anstelle von Tressen mit dem Äskulapstab, dem Symbol der Ärzteschaft, versehen wurde. Dann wurde mir ein Raumanzug angepasst und sorgfältig ausprobiert, mit negativem Ergebnis. Erst der dritte entsprach allen Anforderungen und saß vollkommen richtig; man belehrte mich, dass Raumanzug nicht gleich Raumanzug wäre! Ein paar Zentimeter Länge oder Weite zu viel oder zu wenig könnten im Ernstfall tödliche Folgen für den Träger mit sich bringen.

Um 13 Uhr war auch das überstanden und Cramer brachte mich persönlich mit einem Luftkissenwagen hinüber zum Flaggschiff der Expeditionsflotte, das einsam hinter einer sorgfältigen Absperrung stand. Die Flotte selbst war nicht auf dem Castello gelandet, sondern wartete im Raum auf uns, den Planeten in einer Parkbahn umkreisend. Ein letzter Händedruck des Hafenkommandanten, dann schoss der Aufzug hoch und brachte mich zu einer Luke im Mittelteil des Schiffes.

Im Schiff selbst widmete man mir nicht übermäßig viel Aufmerksamkeit. Der wachhabende Offizier des Mitteldecks nahm mich in Empfang, sorgte für den Weitertransport meines Gepäcks und fuhr dann mit mir hinauf zur Schiffszentrale. Dort lieferte er mich bei Oberst Burtin, dem Kommandanten des Räumers ab, der mich dem gleichfalls anwesenden Flottenbefehlshaber Großadmiral Ferguson vorstellte. Ferguson entsprach in Aussehen und Auftreten ganz den landläufigen Vorstellungen von einem Generalstabsoffizier; er sprach nicht mehr als nötig und sein strenges Gesicht unter der bereits ergrauten Haarbürste blieb stets unbewegt. Mir widmete er nur einige konventionelle Worte, um mich dann wieder der Obhut des Schiffskommandanten zu überlassen. Offenbar waren seine Gedanken schon ganz auf die bevorstehende Aufgabe gerichtet — nun, mir war es nur recht, wenn ich nicht erneut den Mittelpunkt zu bilden brauchte!

Burtin war weit umgänglicher. Er mochte etwa acht bis zehn Jahre älter sein als ich, auf jeden Fall schon über vierzig, gab aber eine verhältnismäßig jugendliche Erscheinung ab, wozu sein stets optimistischer Gesichtsausdruck viel beitrug. Er führte mich selbst zu meiner Kabine, die wieder unten im Mitteldeck lag. Dort gab es vier strahlenförmig angeordnete Korridore, die das Deck in ebenso viele Trakte aufteilten. Zwei davon beherbergten Offiziersunterkünfte, während der dritten der Unterbringung von Sanitäts- und wissenschaftlichem Personal diente, der vierte hingegen Magazine und die Schiffslaboratorien sowie eine Sanitätsstation enthielt.

Der Oberst zeigte mir, wo man meinen Raumanzug untergebracht hatte, damit ich ihn im Ernstfall schnellstens erreichen konnte, gab noch einige notwendige Erklärungen und verabschiedete sich dann unter Hinweis auf den bevorstehenden Start.

Mein Gepäck befand sich schon in der Kabine und ich begab mich gleich ans Auspacken. Damit war ich noch beschäftigt, als ein Dröhnen und Vibrieren durch das Schiff lief und mir verriet, dass wir soeben starteten. Von einem Andruck war natürlich nichts zu spüren, da die Neutralisatoren im Wechselspiel mit der künstlichen Schwerkraftanlage automatisch dafür sorgten, dass die Verhältnisse an Bord unverändert blieben.

Ich kannte das alles schon von früheren Raumreisen her und doch beschlich mich nun ein sonderbares Gefühl. Es war eben ein Unterschied, ob man als friedlicher Passagier das All durchquerte oder aber als Mitglied einer Kriegsschiffbesatzung, zumal, wenn man so wie ich noch nie heldische Ambitionen verspürt hatte. Dazu kam noch der Gedanke an Violet, die ich wohl bei den Marshs in den besten Händen wusste, die sich aber dafür um mich sorgen würde. So begrüßte ich es als willkommene Abwechslung, als ein Klopfen an der Kabinentür einen Besucher ankündigte. Ich unterbrach meine Beschäftigung und ließ das Schott aufgleiten, das jeder Raum an Bord anstelle einer richtigen Tür besaß.

Der Ankömmling war von mittlerer, aber kräftiger Statur. Sein stark gelichteter Haarwuchs und die zahlreichen Fältchen in seinem Gesicht ließen leicht erkennen, dass er schon etwa sechzig Jahre zählen musste. Er trug eine Uniform, die der meinen glich, musste demnach also auch zum Ärztestab des Schiffes gehören. Seine Züge kamen mir irgendwie bekannt vor, doch wusste ich im Augenblick nicht, woher, denn ich hatte im letzten Jahrzehnt viele Menschen kennengelernt. Irgendwie aber brachte ich ihn unwillkürlich mit meiner Studienzeit auf der Erde in Verbindung.

„Ich sehe schon, dass Sie mich nicht mehr erkennen, Herr Harris“, lächelte er. „Nun, es ist immerhin schon wieder rund zehn Jahre her, seit wir uns zuletzt begegnet sind, also will ich Ihrem Gedächtnis etwas nachhelfen: Denken Sie doch einmal an das Fleming-Institut in London auf der Erde!“

„Natürlich — Professor Kosietzky!“, rief ich erfreut aus. „Dass ich Sie aber auch nicht gleich erkannt habe, wo Sie doch rund zwei Jahre lang mein Vorgesetzter und Lehrer waren.“

„Das ist nicht so sehr verwunderlich“, bemerkte Kosietzky, während wir uns die Hände schüttelten. „Sie haben inzwischen vieles gesehen und ich habe mich“ — er strich sich über die Glatze — „ja auch nicht gerade zu meinem Vorteil verändert. Dafür habe ich aber ein vorzügliches Personengedächtnis und konnte mich sofort auf Sie besinnen, als gestern die Nachricht über Ihr Meisterstück publiziert wurde.“

Ich muss wohl in diesem Augenblick ein etwas säuerliches Gesicht gemacht haben, denn Kosietzky lächelte erneut. „Ja, ich kann mir gut vorstellen, dass Ihnen der Rummel, den man um Ihre Person gemacht hat, nicht behagt, denn ein Streber sind Sie niemals gewesen. Das ist auch richtig so — ein Wissenschaftler soll Forschung nie um des äußeren Ansehens oder materieller Vorteile wegen betreiben, sondern immer nur um ihrer selbst willen.“

Der Professor war Leiter der Astrobiologischen Forschungsabteilung am Fleming-Institut gewesen, als ich nach Abschluss meiner Studienzeit auf der Erde dort meine erste Anstellung bekam. Noch jetzt konnte man seinem Akzent seine polnische Abstammung anmerken. Zwar gab es seit der großen Revolution auf der Erde vor rund 300 Jahren nur noch eine offizielle Umgangssprache, ein modifiziertes Englisch, doch hatten sich daneben nach wie vor die Idiome der verschiedenen Erdvölker gehalten. Das war natürlich, wenn auch die Nationalstaaten alter Prägung längst der Vergangenheit angehörten und nur noch Distrikte der verschiedenen Erdteile darstellten.

Selbst jetzt, im Jahre 2304 irdischer Zeitrechnung, machten sich überall, auch auf den entferntesten Kolonialplaneten, noch immer die völkischen Sentimentalitäten bemerkbar, praktisch allerdings ohne jede Bedeutung. Schließlich hatte die Menschheit gelernt, die Rasseschranken völlig zu überwinden, daher waren Begriffe wie ‚Engländer‘, ‚Russe‘ oder ‚Deutscher‘ völlig sekundär. Nur der Mensch und seine Leistungen für die Gemeinschaft zählten, mehr nicht.

Ich selbst galt immer noch als Engländer, wenn auch schon siebzehn Jahre vergangen waren, seit ich mit meinen Eltern von London aus auf den Castello gekommen war. Damals war ich achtzehn, hatte die ersten Semester Medizin hinter mir und studierte dann auf der ersten Universität meines neuen Heimatplaneten weiter. Doch schon nach einem Jahr starben meine Eltern bei einem Gleiterzusammenstoß infolge solarer Störungen: bald darauf kehrte ich zur Erde zurück, da ich von der Kolonialverwaltung des Castello ein Stipendium für London erhielt, wo ich mich dann auf Astrobiologie spezialisierte. Nach der Promotion bekam ich die Stelle am Fleming-Institut, doch ich hielt es nicht lange auf der Erde aus. Zu groß war der Unterschied zwischen dem hektischen Getriebe auf dem übervölkerten Planeten und dem vergleichsweise paradiesischen Leben auf dem Castello und so kehrte ich dorthin zurück, ehe meine Bürgerrechte erloschen. Nun war ich schon zehn Jahre — das Jahr des Castello stimmte nicht ganz mit dem irdischen überein — beim NBZ angestellt, von kurzen Unterbrechungen durch Besuche in meiner alten Heimat abgesehen.

Zurück zur Unterhaltung mit Professor Kosietzky!

„Genauso sehe ich es auch“, erwiderte ich auf seine letzte Bemerkung. „Mich reizt die Arbeit an sich, sie ist das Primäre und man freut sich über jeden Erfolg, mit dem man der Natur eines ihrer vielen Geheimnisse entreißen kann. Natürlich lernt man auch die materiellen Vorteile schätzen, besonders, wenn man verheiratet ist. Außerdem wäre es unnatürlich, wenn man sich bietende Aufstiegschancen nicht nutzen würde. Es wird aber bei mir nie so weit kommen, dass ich die Arbeit nur als Mittel zu derartigen Zwecken ansehen würde.“

Ich lud Kosietzky ein, Platz zu nehmen und räumte rasch meine letzten Sachen in den Kleiderschrank, ehe ich mich zu ihm setzte. Leider konnte ich ihm nicht mehr als eine Zigarette anbieten, doch er nahm sie erfreut an, denn der Tabak vom Castello war als sehr gut bekannt und eines unserer wichtigsten Ausfuhrgüter. Die intensive Glut unserer jungen Sonne verlieh ihm eine ganz besondere Würzigkeit.

„Wie kommt es eigentlich, dass Sie jetzt im Dienste der Raumflotte stehen?“, erkundigte ich mich dann. „Sie hatten doch zweifellos am Fleming-Institut eine Lebensstellung.“

Professor Kosietzky lächelte elegisch und seufzte leise.

„Man kann bei Ihnen und mir gut von einer Duplizität der Ereignisse sprechen. Auch mir übertrug man vor drei Jahren, als man die seltsamen Wesen vom Arkturus entdeckt hatte, die Erforschung ihrer besonderen biologischen Eigenschaften. Wie Sie wohl wissen, sind diese Intelligenzen unter besonders extremen Bedingungen entstanden, denn sie leben auf zwei Planeten, die nicht nur eine Gravitation von rund ‚4 g‘ besitzen, sondern auch eine Atmosphäre, in der neben Methan, Ammoniak und Schwefeldioxyd so ziemlich alle Gase vertreten sind, die man nur als giftig bezeichnen kann. Es ist wirklich erstaunlich, dass unter diesen Bedingungen dort überhaupt Leben entstanden ist; wir kennen heute, außer Jupiter und Saturn im irdischen System, weitere acht Planeten in verschiedenen Raumsektoren, die keine Spur von Leben tragen. Damals brachte man uns ein Exemplar dieser Gattung, das allerdings den Transport zur Erde nicht überstanden hatte und unterwegs verstorben war. Immerhin waren wir dadurch in der glücklichen Lage, im Gegensatz zu Ihnen nicht auf bloße Theorie angewiesen zu sein und unsere Abteilungen Astrobiologie, Biochemie, Bioklimatologie und Physiologie wurden fast ganz für diese Aufgaben eingesetzt, unter meiner Oberleitung. Auch damals arbeiteten noch zwei weitere Institute auf anderen Planeten am gleichen Problem, doch wir wurden zuerst damit fertig. So kam es, als man die damalige Expedition vorbereitete.“

Kosietzky hatte das Wort ‚Expedition‘ mit sonderbar abfälliger Betonung ausgesprochen und unwillkürlich kam mir wieder der seltsame Blick ins Gedächtnis, mit dem ich Major Marsh bedacht hatte, als ich mit ihm über die Arkturaner sprach.

Ich beschloss, der Sache auf den Grund zu gehen und fragte vorsichtig: „Sagen Sie bitte, wie ist damals eigentlich überhaupt die Verständigung mit diesen Geschöpfen zustande gekommen? Es ist doch anzunehmen, dass ihre Art zu denken infolge der völlig andersartigen Umweltverhältnisse erheblich mit der unseren differierte. Schon die Mentalität der Marconesen weicht von unserer völlig ab, obwohl sie doch als ausgesprochene Humanoiden anzusehen sind.“

Kosietzky warf mir einen erschrocken beschwörenden Blick zu, gleichzeitig einen Finger auf die Lippen legend. Die Linke hielt er muschelförmig ans Ohr, und da hatte ich verstanden! Das Thema ‚Arkturaner‘ war gefährlich — oder zumindest verfänglich — und Kosietzky rechnete damit, dass man unser Gespräch belauschen konnte. Natürlich, der Sicherheitsdienst hatte seine Ohren überall und war wahrscheinlich innerhalb der Raumflotte noch aktiver als unter den Zivilisten, die wenigstens in ihrem Privatleben noch vor ihm sicher waren!

„Ach, das ging damals verhältnismäßig einfach“, erklärte mein alter Lehrer scheinbar leichthin. „Wissen Sie nicht, dass die Wesen vom Arktunsus Telepathen sind?“ Ich musste das verneinen,

denn über diese Monster hatte ich bisher nur wenig erfahren. Dann wechselte Kosietzky rasch das Thema und erkundigte sich nach meinen jetzigen persönlichen Verhältnissen.

Wir unterhielten uns noch etwa eine Viertelstunde und beim Abschied lud er mich für den folgenden Tag zu einer Besichtigung der Schiffslabors ein, die ihm zum Teil unterstanden. Ich sagte freudig zu, denn ich war ja bis zum Erreichen unseres Zieles praktisch ohne Aufgabe. Notfalls hätte ich auch als praktischer Arzt fungieren können, doch damit war kaum zu rechnen. Wir verabredeten uns also für den nächsten Morgen, soweit man an Bord eines reisenden Sternenschiffes, wo Tag und Nacht nur durch die Uhren bestimmt wurden, überhaupt von einem solchen sprechen konnte.

Wenig später rief man über die Bordlautsprecher zum Abendessen. Hier im Raum rechnete man stets mit Erdzeit, die nach dem Null-Meridian von Greenwich festgelegt wurde; auf dem Castello musste gerade erst die vierte Nachmittagsstunde erreicht sein — was mochte Violet wohl gerade jetzt tun?

Mir blieb nicht viel Zeit, an sie zu denken, denn in der Offiziersmesse wurde ich durch Burtin

nun offiziell allen Anwesenden vorgestellt. Er setzte mich zwischen die Ärzte und Wissenschaftler, die einen besonderen Kreis bildeten und nach der Mahlzeit unzählige Fragen an mich stellten. Ich war froh, als schließlich der obligatorische Lautsprecher den Beginn der Schlafperiode verkündete und unsere Runde sich auflöste.

Später schaltete ich in meiner Kabine noch den von der Schiffszentrale gesteuerten Panoramabildschirm ein und suchte darauf unsere Heimatsonne, die noch gut zu unterscheiden war, jedoch zusehends schwächer wurde, je mehr sich das Schiff der Lichtmauer näherte. In Gedanken war ich bei Violet und als ich mich schließlich zur Ruhe legte, träumte ich von ihr.



4

Am nächsten Morgen hatten wir die Lichtgeschwindigkeit bereits überschritten und flogen nun mit Hyperantrieb, wie mir ein Blick auf den Panoramaschirm zeigte. Nur in Flugrichtung waren noch Sterne sichtbar, der übrige Himmel blieb dunkel.

Beim Frühstück begegnete ich wieder Professor Kosietzky, der mich anschließend mit sich nahm. Er eröffnete mir, dass ihn der Adamiral inzwischen offiziell angewiesen hatte, mich unter seine Obhut zu nehmen und mich mit seinen Labors vertraut zu machen, da wir nach Ankunft im System der Marconesen ohnehin Zusammenarbeiten sollten. Unsere Aufgabe würde es sein, die praktische Bestätigung für die Ergebnisse zu bekommen, die ich vorerst ja nur rein theoretisch erarbeitet hatte.

„Warum tragen Sie eigentlich Ihre schöne Verdienstmedaille nicht, Kollege Harris?“, fragte Kosietzky unterwegs leise. „Sie sollten auf diesen ‚Schmuck‘ nicht verzichten, denn in der Flotte ist jeder bemüht, seine Auszeichnungen möglichst oft sehen zu lassen. Einigen Herren scheint ihr Fehlen bereits aufgefallen zu sein, wenn ich deren Blicke richtig gedeutet halbe.“

Wir machten also einen kleinen Umweg, um die Medaille zu holen, denn mir als Neuling in diesem Kreis lag es fern, irgendwie unangenehm auffallen zu wollen. Besonders im Hinblick auf den allzeit misstrauischen Sicherheitsdienst war das nicht ratsam.

Gerade, als wir den Aufzug verließen, kam ein junger Unterarzt aus der Richtung, in der unsere Kabinen lagen. Daran war an sich nichts Auffälliges, denn er wohnte ja auch dort; trotzdem hatte ich bei seinem Anblick das Gefühl, als sei er zusammengezuckt, ganz, wie es für gewöhnlich ertappte Sünder tun. War das tatsächlich der Fall, so hatte er sich aber gut in der Gewalt, denn im nächsten Moment grüßte er uns respektvoll, scheinbar ganz unbefangen.

Ich hätte dem weiter keine Bedeutung zugemessen, doch als ich den Wandschrank in meiner Kabine öffnete, um ihm die Auszeichnung zu entnehmen, stutzte ich sofort, hatte ich mich doch bemüht, all meine Kleidungsstücke und sonstigen Utensilien schön ordentlich einzuräumen. Jetzt aber war diese Ordnung irgendwie gestört, lag dieses oder jenes Stück nicht ganz so, wie es hätte liegen müssen. Das ließ natürlich für mich nur eine Schlussfolgerung zu: In der Zeit, zu der ich am Frühstückstisch saß, musste jemand meine Kabine durchsucht haben!

Zum Glück dachte ich sofort an die wahrscheinlich vorhandene Abhörvorrichtung und unterdrückte eben noch rechtzeitig eine unmutige Bemerkung, die mir unwillkürlich herausrutschen wollte. Wer auch immer hier gewesen war, er war bestimmt nicht aus eigenem Antrieb gekommen. Ein Versehen konnte hier nicht in Frage kommen, denn an der Kabinentür prangte deutlich sichtbar der Name des jeweiligen Bewohners. Ich hatte das Namensschild, das zu meiner Ausrüstung gehörte, noch am Abend eigenhändig in den dafür vorgesehenen Falz geschoben. Es blieb also nur die eine Schlussfolgerung: Hier war jemand vom Sicherheitsdienst am Werk gewesen, dessen Aufgabe es war, mir nachzuspionieren!

Ganz von selbst stellte sich in meinem Kopf die Gedankenverbindung zu dem Unterarzt auf dem Korridor und seinem in diesem Zusammenhang nun sehr verständlichen Erschrecken her. Nur er konnte es gewesen sein — doch diese Gewissheit nützte mir wenig. Was hätte ich in dieser Angelegenheit unternehmen können? Praktisch nichts, denn ich besaß keine Beweise dafür, dass überhaupt jemand in meiner Kabine gewesen war. Doch selbst, wenn ich den Beweis oder gar einen Zeugen hierfür gehabt hätte ... es handelte sich um einen Agenten des Sicherheitsdienstes und dieser würde bestimmt Gründe oder Motive finden oder konstruieren, um seinen Mann zu rechtfertigen.

Darum tat ich nun das Klügste, das ich überhaupt tun konnte: Ich gab mich so ruhig, als hätte ich nichts bemerkt, nahm die Medaille aus dem prunkvollen Etui und steckte sie an; dann gingen wir wieder. Genau genommen, bestand für mich auch gar kein Grund zur Beunruhigung, denn ich hatte schließlich ein vollkommen reines Gewissen. Weder in meinem Schrank noch sonst wo in der Kabine gab es etwas, das den Sicherheitsdienst irgendwie hätte interessieren können. Trotzdem blieb natürlich ein Stachel des Unbehagens in mir zurück. Selbst mir gegenüber war man misstrauisch, obwohl ich doch in den Augen aller als der Mann galt, der die Voraussetzungen zur Aktion gegen die Marconesen überhaupt erst ermöglicht hatte.

Kosietzky lenkte mich ab, indem er erklärte, dass unsere Reise in drei Tagen beendet sein würde, wie er vom Großadmiral erfahren hatte. Noch zwei Tage Flug mit dem Hyperantrieb, dann waren wir soweit, dass das Schiff wieder langsamer als das Licht werden musste. Dann noch ein Tag, der der Geschwindigkeitsverminderung mit den normalen Aggregaten diente und wir würden die Grenze des Systems der Marconesen erreicht haben.

Inzwischen kamen wir im Labortrakt an und die nächste Viertelstunde verging bei der Besichtigung der verschiedenen Räume. Es war wirklich bemerkenswert, wie rationell die Konstrukteure hier gearbeitet hatten. Trotz der zahlreichen Geräte und Versuchsapparaturen, die hier installiert waren, hatte man nie das Gefühl der Enge, obwohl die Räume verhältnismäßig klein waren. Überall waren Kollegen verschiedener Fachrichtungen eifrig bei der Arbeit, denn in einem so großen Schiff, das noch dazu das Flaggschiff war, gab es immer etwas zu tun.

Ganz zum Schluss führte mich Kosietzky in sein eigenes Reich. Auch hier das gleiche Bild. Der Professor gab mir einige Stichworte zu den hier laufenden Arbeiten, die allerdings nicht von Bedeutung waren. Endlich kamen wir in sein persönliches Arbeitszimmer oder besser gesagt Büro. Kosietzky gab seinen Mitarbeitern noch Anweisung, uns nur auf höheren Befehl hin zu stören, dann schloss sich die Tür hinter uns.

„Gott sei Dank!“, kommentierte mein alter Lehrer, wies auf einen der einfachen Schiffssessel und nahm selbst Platz. „Hier sind wir endlich an einem Ort, wo man einmal ungestört und ungezwungen reden kann und sich wie ein freier Mensch fühlt. Anderswo muss man immer mit unberufenen Ohren rechnen, wenn nicht mit menschlichen, dann mit mikromechanischen.“

„Ist es hier denn wirklich so schlimm?“, fragte ich, während ich ihm eine Zigarette reichte. „Es will mir nicht recht in den Kopf, weshalb es hier eine derart scharfe Überwachung geben sollte. Schließlich und endlich sind wir doch alle Menschen und ziehen am gleichen Strang. Gewiss, dieser oder jener mag hier oder da seine persönlichen Ansichten haben. In meinen Augen ist das aber längst keine ausreichende Begründung dafür, dass jeder einzelne bespitzelt wird.“

„Nun, unser Sicherheitsdienst hat darin seine eigenen und, das muss ich ehrlich sagen, auch nicht ganz unbegründeten Ansichten. Sie sind mit dem Milieu und den Verhältnissen innerhalb der Flotte nicht vertraut, deshalb will ich hier einmal die wichtigsten Gesichtspunkte anführen. Da ist einmal die Tatsache, dass wir uns an Bord eines Admiral Flaggschiffes befinden, überdies während eines durchaus kriegsmäßigen Einsatzes. Ein zweiter Fakt ist, dass es hier wie überall in der Flotte Menschen als Besatzung gibt, die von allen möglichen Planeten der Föderation stammen. Der Castello, von dem Sie kommen, ist eine ziemlich entlegene Welt und erst seit kaum einer Generation besiedelt, auf ihm gibt es noch kaum diffizile Probleme. Anders verhält es sich dagegen mit den Planeten, die bereits in den Anfängen der menschlichen Expansion kolonialisiert wurden. Diese sind es, die den Anstoß dazu gaben, dass sich der Sicherheitsdienst zu immer größeren Ausmaßen bei erheblich erweiterten Machtbefugnissen entwickelte.“

„Sie meinen, es gäbe auf einzelnen Planeten separatistische Bestrebungen?“, forschte ich. Kosietzky hob die Schultern.

„So krass kann man es vielleicht nicht ausdrücken, Frank.“ Unwillkürlich gebrauchte er wieder die vertrauliche Anrede früherer Jahre. „Sehen Sie, es gibt Systeme, die bereits vor rund 300 Jahren besiedelt wurden, wie Alpha Centauri, Prokyon, Sirius und 61 Cygni, und deren Verbindung mit der Erde lange Zeit hindurch recht lose war. Jedes Schiff zu diesen Welten brauchte viele Jahre Reisezeit und die irdische Raumflotte war anfänglich noch recht klein. Später wurde sie größer, doch auch die inzwischen neu kolonialisierten Welten lagen immer weiter entfernt, was die Zustände eher noch verschlechterte. Die betreffenden Planeten entwickelten, fast ganz auf sich selbst gestellt, eine gewisse Eigenständigkeit; die Erde blieb aber stets das Ideal, vielleicht gerade deshalb, weil sie so schwer zu erreichen war. Die Siedler erschufen nie eine eigene Kultur, sondern bemühten sich stets, ihre Umwelt nach irdischen Gesichtspunkten zu formen, soweit sie nicht selbst genötigt waren, sich besonderen planetarischen Gegebenheiten anzupassen. Eben, weil die Erde so weit weg war, wurde sie zu einem fast kultischen Begriff. Das blieb auch bei den späteren Generationen so, die auf den fremden Welten heranwuchsen und ihren Stammplaneten nur noch aus Erzählungen oder von Filmen her kannten. Dieses Bild änderte sich grundlegend, nachdem der Hyperantrieb gefunden wurde. Er ermöglichte es, Dutzende von Lichtjahren innerhalb weniger Tage oder Wochen zu überbrücken und die natürliche Folge war eine gewaltige Ausweitung des interstellaren Verkehrs in beiden Richtungen. Zwar blieb der Prozentsatz derer, die nun von verschiedenen Planeten aus die Erde besuchten, verhältnismäßig gering, doch dafür handelte es sich fast ausschließlich um Vertreter der intelligenten Schichten, die dementsprechend auch das Vermögen zur Bildung einer eigenen Meinung besaßen. Sie merkten sehr bald, dass die Verhältnisse auf Terra nicht oder nicht mehr ihren Erwartungen entsprachen. Das war aber nicht das Ausschlaggebende, denn es war weitgehend den großen Fortschritten in Technik und Wissenschaft zuzuschreiben. Ein weit größeres Negativum war die bedauerliche Tatsache, dass man diese Vertreter ferner Welten als nicht gleichberechtigt, als Hinterwäldler gewissermaßen, ansah. Das war natürlich ungerecht, denn man kann es keinem Menschen ankreiden, dass er auf einem fernen Planeten geboren und aufgewachsen ist, der lange Zeit über ganz auf sich gestellt war und darum an den Fortschritten der Erde nicht teilhaben konnte. Die irdischen Behörden sahen das auch ein und bemühten sich nach besten Kräften, jede Diskriminierung zu unterbinden, doch es gelang ihnen leider nur sehr unvollkommen. So kam es, dass sich im Laufe der Zeit besonders auf den schon früh kolonisierten Welten eine gewisse Aversion gegenüber den hochnäsigen Erdenmenschen ausbildete, die nicht gewillt waren, die Angehörigen ihrer fernen Vorposten im All als gleichberechtigt anzusehen und zu behandeln. Das geschah freilich mehr unter der Oberfläche, denn die Regierungen der betreffenden Planeten blieben durchaus loyal. Sie mussten das schon aus praktischen Gründen, denn obwohl sie zum Teil schon seit Jahrhunderten besiedelt sind, ist doch keine dieser Welten als autark anzusehen; sie können nur dann blühen und gedeihen, wenn sie an den Fortschritten der Erde teilhaben, denen sie selbst nichts Gleichwertiges entgegensetzen können. Unter diesen Gesichtspunkten entstand auch schließlich die Union der Vereinigten Planeten, und dass sich die Erde in derselben eine Vormachtstellung sicherte, kann man kaum als Unrecht ansehen, wenn auch manche oppositionellen Geister das nicht einsehen können oder wollen. Einen schweren Fehler beging die irdische Administration aber, als sie den Bewohnern von vier Planeten in verschiedenen Sternbildern die Mitgliedschaft in der Union verweigerte. Bei diesen handelte es sich um Welten, deren Bewohner von Alpha Tauri II stammen, die einzige überhaupt bewohnbare Welt dieses Systems, zugleich aber ein ausgesprochener Sumpf und Wasserplanet. Dorthin wurde um 2100 eine Siedlerflotte entsandt, die in einen kosmischen Magnetsturm geriet und an ihren Schiffen Beschädigungen erlitt, die es ihr unmöglich machten, in benachbarten Systemen nach besser geeigneten Planeten zu suchen oder zur Erde zurückzukehren. Sie mussten sich auf diesem Planeten ansiedeln, der fast kein festes Land besitzt. Sie besaßen keine Hilfsmittel für einen solchen Fall und lernten schließlich, das Wasser als ihr hauptsächliches Lebenselement zu betrachten. Schon nach zwei Generationen erfolgte eine Anpassung an die Umwelt — auf der Erde fälschlich mit dem bösen Wort MUTATION bedacht —, indem den Leuten dort Schwimmhäute zwischen den Fingern und Zehen wuchsen. Für sie persönlich war das ein Geschenk des Himmels, da sie nun einmal den Großteil ihres Lebens im Wasser verbringen müssen — aber bringen Sie einmal einem normalen Erdenmenschen bei, ein Wesen als gleichberechtigt anzusehen, das mit froschähnlichen Attributen behaftet ist!

Auf einem anderen Planeten haben die Mensehen ihr normales Sehvermögen verloren und ein besonderes Organ für infrarote Wellen entwickelt, da die Intensität ihrer Sonne zu stark für die normalen Augen war. Sie können auch im Dunkeln sehen, sind uns also überlegen — ein triftiger Grund, sie von uns fernzuhalten!

Ganz krass aber verlief die Entwicklung in zwei weiteren Systemen, deren Lage streng geheim gehalten wird. Dort kam es, gleichfalls durch unkontrollierbare solare Einstrahlung, zu ungeregelten Mutationen, wie wir sie seit dem 20. Jahrhundert von strahlungsgeschädigten Personen her kennen, die durch Atombomben oder Unfälle radioaktiv verseucht wurden. Diese Planeten wurden vollständig von jeder Verbindung mit anderen Welten abgeschnitten, was man vom biologischen Standpunkt her allerdings nur gutheißen kann. Zweifellos werden die Menschen dort infolge der sprunghaften Mutationen ohnehin über kurz oder lang aussterben. Diese beiden Extremfälle kann man also akzeptieren, doch bei den beiden ersteren Welten haben die irdischen Behörden einen bösen Missgriff getan. Dort leben nach wie vor Menschen mit gleicher Intelligenz und gleichen ethischen Begriffen, wenn sie sich auch in Kleinigkeiten von uns unterscheiden mögen!“

Kosietzky schwieg und griff nach einer Zigarette. Ich aber saß da wie betäubt und musste das alles erst einmal verarbeiten, denn ich hatte nie zuvor etwas darüber gehört.

„Sie sehen mich vollkommen überrascht“, sagte ich schließlich, als Kosietzky keine Anstalten machte weiterzureden. „Ich habe immer geglaubt, die zwanzig Kolonialplaneten außerhalb des irdischen Systems wären die einzigen von Menschen besiedelten Welten.“

Mein älterer Kollege nickte. „Verständlich, denn die Administration auf der Erde gibt sich natürlich alle Mühe, eine derartige Aufklärung zu verhindern. Außerdem ist der Castello sowieso recht entlegen und wird nicht von Leuten besucht, die etwas ausplaudern könnten. Ob sich eine Verschleierung der Tatsachen aber auf die Dauer wird durchführen lassen, betrachte ich als fraglich. Unter den 23 Planeten der Föderation gibt es elf, die erst im letzten Jahrhundert besiedelt wurden, und auf manchen kann es noch zu Mutationen kommen, die man heute noch nicht vorhersehen kann, denn die Natur arbeitet langsam.

Es ist sogar möglich, dass man genötigt sein wird, dieser oder jener Welt die Mitgliedschaft in der Union wieder zu entziehen, wenn dort die Mutationen auftreten sollten. Das ginge dann natürlich nicht ohne offizielle Stellungnahmen, doch vorerst wird das Problem der Einfachheit halber totgeschwiegen. Trotzdem ist die Kunde von den vorhin erwähnten vier Planeten irgendwie doch durchgesickert und nun befürchtet man hier und da — vielleicht nicht ganz zu Unrecht —, dass dieses Schicksal auch den eigenen Planeten ereilen könnte. So besteht auf beiden Seiten ein latentes Misstrauen und daher kommt es auch, dass der Sicherheitsdienst gegenüber den Angehörigen, der im letzten Jahrhundert besiedelten Welten besonders aufmerksam ist.“

„Ich verstehe“, gab ich zurück. „Jetzt wundere ich mich auch nicht mehr sonderlich darüber, dass man in meiner Kabine Gespräche abhört und meine Sachen durchsucht, während ich beim Frühstück bin!“

„So etwas habe ich mir vorhin schon gedacht“, lächelte Professor Kosietzky elegisch. „Ich habe sehr wohl Ihren Gesichtsausdruck bemerkt, als Sie die Medaille aus dem Schrank holten, mich aber natürlich gehütet, etwas Diesbezügliches zu äußern; gut, dass auch Sie kein Wort darüber verloren haben. Sie waren schon gestern so unvorsichtig, mich wegen der Arkturaner zu befragen, und das hat natürlich den Argwohn der Männer des Sicherheitsdienstes geweckt.“

„Ich kann mir sogar auch denken, wen man zur Kontrolle hierhergeschickt hat“, lächelte ich zurück. „Denken Sie nur einmal an den Unterarzt, den wir vorhin vor dem Lift trafen! Er stutzte bei meinem Anblick und ich könnte wetten, dass er es war, der in meiner Kabine herumgesucht hat.“

„Sie haben wahrscheinlich richtig geraten“, nickte Kosietzky. „Wenn man einmal solange bei der Raumflotte ist wie ich, bekommt man schließlich einen Blick dafür, wer sich mehr als nötig für andere Leute interessiert. Gewiss, Unterarzt Svensson ist ein tüchtiger Mediziner und versieht seinen Dienst in der Krankenstation wie jeder andere; er taucht aber zuweilen auch an Orten auf, wo er gar nicht hingehört und das hat mir schon vor längerer Zeit die Augen über seine wahre Aufgabe geöffnet.“ Unvermittelt wechselte er das Thema: „Wie konnten Sie aber auch nur so unvorsichtig sein, mich so direkt wegen der Wesen von Arkturus zu fragen? Wissen Sie wirklich nicht, was damals vor sich gegangen ist, oder wollten Sie es nochmals aus erster Hand erzählt bekommen?“

„Ich weiß wirklich nicht mehr, als ich gesagt habe“, versicherte ich ratlos. „Haben Sie nicht vorhin selbst bemerkt, dass der Castello eine entlegene Welt ist, auf der man nur wenig Neues erfahren kann? Ich habe darüber nie etwas anderes als die amtliche Version gehört, wie sie über die Rundfunk- und Telebild-Stationen gegangen ist.“

„Und diese Darstellungen sprachen durchweg nur von einer friedlichen Verständigung mit den Arkturanern, das kann ich mir denken“, lachte Kosietzky bitter. „Nun, das muss ja schon so sein, denn schon aus Rücksicht auf die unterirdischen Strömungen auf den Kolonialplaneten kann es sich die irdische Administration nicht erlauben, die Wahrheit zu sagen. Ich selbst bin ja nun schon seit Jahren bei der Flotte, hatte also keine Gelegenheit, die Praktiken der Regierungspropaganda zu verfolgen, doch der Unterschied gegenüber früher wird unbedeutend sein. Auch auf dem Castello sind die Publikationsorgane nur verlängerte Arme des Sicherheitsdienstes und bringen genau nur das, was diesem genehm ist, das ist sonnenklar.

Was Sie persönlich angeht, so besitzen Sie anscheinend noch immer das gleiche arglose Gemüt wie früher auf der Erde. Anderenfalls hätten Sie schon allein aus der Tatsache, dass ich zwischen der ‚Expedition‘ gegen die Arkturaner und der jetzigen gegen die Marconesen keinen Unterschied machte, die Wahrheit erraten müssen. Doch trösten Sie sich mit mir — mir sind auch erst die Augen aufgegangen, als man die Ergebnisse meiner Forschungen über den Metabolismus der Arkturaner an deren Unterwerfung gebrauchte, genauso, wie man es jetzt mit den Ihren gegen die Marconesen zu handhaben gedenkt.“

„Dann hat man also auch gegen die Monster vom Arktur Gewalt angewendet und uns das bewusst verschwiegen?“, fragte ich entsetzt.

„Sie haben es vollkommen richtig formuliert, Frank! Die Wesen vom Arkturus sind gräulich anzusehen und ähneln entfernt riesigen Schildkröten, mit Dutzenden von Tentakeln besetzt; in Bezug auf Intelligenz stehen sie uns aber kaum nach. Sie kannten sogar schon eine interplanetare Raumfahrt, angesichts der extremen Schwereverhältnisse auf ihren Planeten eine imponierende Leistung. Sie sind Telepathen, für sie die zweckmäßigste Art der Verständigung, denn die auf ihren Welten ständig tobenden Orkane machen eine solche über Hörorgane illusorisch. Ich selbst habe ihre telepathischen Kontaktversuche uns Menschen gegenüber verfolgen können — es wäre leicht gewesen, mit ihnen im Guten auszukommen, denn sie kannten keine Kriege! Dazu wäre es aber notwendig gewesen, sie als gleichberechtigt anzusehen und das erschien den Menschen als unzumutbar. Die Verantwortlichen lehnten jeden derartigen Gedanken ab und ließen stattdessen die Desintegratoren sprechen! Rund ein Drittel der sogenannten Monster wurde damals grundlos ausgelöscht — Sie können sich kaum vorstellen, wie elend ich mich noch heute fühle, wenn ich daran denke, dass meine Forschungen das ermöglicht haben.“

Kosietzky hatte bei den letzten Worten seinen Kopf in die Hände vergraben, sein Atem ging schwer. Nun, auch ich fühlte mich kaum besser. Auch meine Forschungsresultate ermöglichten es, eine ganze Rasse zu vernichten, wenn sie nicht so wollte, wie man es ihr diktieren würde! Jetzt ging mir erst ein Licht auf, weshalb Kosietzky am Vorabend von einer Duplizität der Ereignisse gesprochen hatte.

Immerhin tröstete mich das Bewusstsein, dass die Marconesen ganz im Gegensatz zu den Arkturanern alles andere als friedlich waren, daran richtete ich mich moralisch wieder auf. Mochte man die Monster — vielleicht aus einer mehr instinktiven Abneigung heraus — ungerecht behandelt haben, so war das zu verurteilen. Gegenüber den aggressiven Intelligenzen des Marco aber waren bestimmt keine Skrupel angebracht!

Das sagte ich auch dem Professor, der nicht umhinkonnte, mir zuzustimmen. „Natürlich haben Sie damit recht, Frank. Wenn mich an der Sache trotzdem etwas stört, dann ist das ihre große Ähnlichkeit mit uns Menschen, nicht nur rein physisch, sondern auch im Charakter. Oder sind wir vielleicht besser? Denken Sie doch nur daran, dass es auf der Erde bis ins 20. Jahrhundert hinein blutige Kriege gegeben hat, die oft nur unter fadenscheinigsten Vorwänden angezettelt wurden, um andere Völker zu unterwerfen! Und haben wir uns vielleicht inzwischen entscheidend gebessert? Zwischen unserem Vorgehen gegen die Arkturaner und dem der Marconesen gegen uns kann man mühelos eine Parallele ziehen! Hoffen wir, dass wenigstens diesmal die beiderseitige Diskrepanz zwischen Vernunft und übermäßigem Selbstbewusstsein überwunden wird und die Vernunft die Oberhand gewinnt.“ Er seufzte. „Bei den Männern unserer Flottenführung kann ich mir das allerdings nicht gut vorstellen. Hoffentlich kommen wenigstens die Marconesen zur Einsicht, wenn sie die Stärke unserer Expeditionsflotte erkennen.“

„Ich muss sagen, dass ich immer noch keine Ahnung habe, wie stark unser Geleit eigentlich ist“, bekannte ich wahrheitsgemäß. „Bisher hat mir niemand etwas darüber gesagt und auf dem Außenbildschirm kann man wohl eine Menge Schiffe sehen, doch sie zu zählen, ist natürlich ein Ding der Unmöglichkeit.“

„Nun, dabei dürfte wohl selbst ein Fachmann Schwierigkeiten haben. Unsere Armada besteht nämlich aus nicht weniger als 240 Schiffen der A-Klasse, die man eigens aus verschiedenen Systemen zusammengeholt hat. Dabei würde schon der zehnte Teil genügen, um die gesamte Oberfläche des Marco mit den Desintegratoren zu bestreichen und innerhalb weniger Stunden alle zehn Milliarden Bewohner auszulöschen.“

Es klopfte, einer der Assistenten erschien und rief Kosietzky ab. Ich verabschiedete mich kurz von ihm und verließ dann sehr nachdenklich den Labortrakt. In meiner Kabine angekommen, warf ich mich auf mein Bett und grübelte noch lange über das inzwischen Gehörte nach. Mein alter Lehrmeister hatte recht; ich hatte bisher kritiklos alles aufgenommen, was mir von ‚oben‘ her vorgesetzt wurde und erst kurz vor meinem Abflug noch Herbert Gross eine Abfuhr gegeben, als er Bedenken äußerte. Nun hatte ich aus authentischer Quelle viel Neues erfahren, und das meiste klang meinen Ohren äußerst bedenklich.

Dass die Erde, von der ja schließlich alle Menschen abstammten, sich die Vorherrschaft in der Föderation gesichert hatte, war noch zu akzeptieren. Schwerer zu begreifen war schon, warum man die Wesen vom Arkturus angegriffen und unterdrückt hatte; eine Gefahr für die Menschheit hätten sie nie werden können, denn auf unseren Sauerstoffweiten vermochten sie nicht zu existieren. Hierfür ließ sich aber wenigstens noch eine notdürftige Begründung finden: Die natürliche

menschliche Aversion gegenüber allem fremdartigen, die es nicht zuließ, ein nach überlieferten Begriffen monströses Wesen als gleichberechtigten Partner anzusehen.

Gewiss, diese Aversion konnte nie ausreichen, um die Geschehnisse moralisch zu begründen, ließ sie aber wenigstens verständlich erscheinen. Ganz anders verhielt es sich dagegen im Falle der Welten, denen man eine Mitgliedschaft in der menschlichen Gemeinschaft einfach verwehrt hatte. Auf ihnen wohnten MENSCHEN, die auch dann noch Menschen blieben, wenn ihnen eine feindliche Umwelt gewisse Mutationen aufgezwungen hatte! Auch ihre Stammheimat war die Erde, sie sprachen und dachten wie wir, und die Erde hatte ihre Väter einst ausgeschickt, diese Planeten zu erobern. Was hatten da schon kleine körperliche Veränderungen zu bedeuten? Diese Menschen konnten nichts für diese, sie waren lediglich das Produkt einer veränderten Umwelt; ihr hatten sie sich notgedrungen angepasst, weil ihre ursprünglichen Gaben nicht den Anforderungen entsprachen, die diese Umwelt an sie stellte. Durfte man sie für etwas deklassieren, für das sie wirklich nichts konnten?

Wieder einmal beging der Mensch den uralten Fehler der Diskriminierung von Mitmenschen. Einst hatte es auf der Erde religiöse und weltanschauliche Differenzen gegeben, Rassenhass und Judenverfolgungen. Die Menschheit hatte sie in den letzten Jahrhunderten überwunden, hatte gelernt, sich als Einheit zu fühlen und in diesem Geist die Sterne erobert. War es da nicht grenzenlos widersinnig, wenn die führenden Männer der Menschheit jetzt erneut künstliche Schranken errichteten und Menschen, die etwas vom gewohnten Schema abwichen, einfach das Recht absprachen, sich weiterhin als Menschen zu fühlen? Man hätte auch andere, bessere Wege finden können, die ihnen diese Diffamierung ersparten. Eine Vermischung der Mutanten mit der Normalrasse hätte sich leicht verhindern lassen. (Dabei sagte ich mir vom fachlichen Standpunkt aus, dass sie vielleicht sogar wünschenswert gewesen wäre, da sie gewisse Verbesserungen des menschlichen Grundtyps mit sich gebracht hätte.)

Anders verhielt es sich mit den wilden Mutationen. Gerade mir als Astrobiologen war es klar, dass hier unbedingt ein Unterschied gemacht werden, ein Trennstrich gezogen werden musste. Derartige Mutationen, dass wussten wir aus jahrhundertelangen Erfahrungen, veränderten neben

der Körperform grundsätzlich auch die Denkweise der betroffenen Individuen, und auch das uneinheitlich. Hier war es vollkommen angebracht, wenn die betreffenden Welten abgesondert wurden. Ihre Bewohner würden dann im Laufe der Zeit von selbst aussterben, da sich die Zahl der lebenstüchtigen Exemplare von Generation zu Generation immer mehr verringerte.

Dann überdachte ich das Problem der Marconesen. Es erschien mir seltsam, dass man auf der einen Seite ängstlich bemüht war, die menschliche Rasse von allem Fremden zu distanzieren, ihnen aber anbieten wollte, sie unter Umständen in die Föderation aufzunehmen, obwohl sie doch gar nicht zu unserer Rasse gehörten. Wahrscheinlich war dieses Angebot aber wohl nur als Köder gedacht (ob man es später aufrechterhalten würde, stand auf einem anderen Blatt) und man rechnete gar nicht damit, dass diese hochmütigen und aggressiven Wesen darauf eingehen würden. Nun, in diesem Falle würden sie die Quittung für ihre Dreistigkeiten erhalten, und das fand ich wieder ganz in Ordnung. Dieses Problem musste bereinigt werden, wenn nicht auf gütlichem Wege, dann eben mit drastischen Methoden. Hatte ich mir vorher noch Gewissenbisse gemacht, weil ich vielleicht schuld an ihrem Untergang sein würde, so schwanden diese jetzt dahin. Die Marconesen waren die unmittelbaren stellaren Nachbarn des Castello und bildeten eine permanente Bedrohung für unseren aufstrebenden Planeten!

Einmal beim Castello angelangt, verweilten meine Gedanken dort und gingen natürlich zu Violet. Darüber schlief ich schließlich ein und erwachte erst wieder, als zum Mittagessen gerufen wurde.



5

Die beiden nächsten Tage vergingen ohne besondere Ereignisse.

Ich hielt mich zeitweise im Labortrakt bei Professor Kosietzky auf und machte mich dort nützlich, soweit ich konnte und durfte. Die übrige Zeit vertrieb ich mir durch Plaudereien oder Diskussionen mit Kollegen der verschiedenen Wissensgebiete oder sah mir Buchfilme an. Gern hätte ich auch die anderen Decks des Schiffes kennengelernt, doch auf eigene Faust konnte ich das nicht, und die Offiziere hatten jetzt keine Zeit für mich. So kam ich mir im Grunde recht überflüssig vor.

Das änderte sich am dritten Tage, als der Hyperantrieb außer Funktion trat und die Verzögerungsperiode begann. Von diesem Augenblick an herrschte im gesamten Schiff Alarmzustand; wir befanden uns nur noch zwölf Lichtstunden vom Marco-System entfernt und es konnte jederzeit mit einem Auftauchen ihrer Raumschiffe gerechnet werden. Jeder, der nicht direkt mit dem technischen oder militärischen Dienstbetrieb zu tun hatte, musste sich in seiner Kabine aufhalten, um stets in Nähe seines Raumanzuges zu sein, der im Ernstfall sofort angelegt werden musste. Das galt auch für mich, und ich vertrieb mir den Vormittag am Panoramabildschirm, machte erneut den vergeblichen Versuch, unsere Begleitschiffe zu zählen und konzentrierte mich dann auf die Betrachtung des Marco-Systems. Seine Sonne strahlte wie ein helles Leuchtfeuer durch die Schwärze des Raumes und neben ihr konnte man auch schon als winzige Pünktchen die drei größten Planeten des Systems erkennen. Meine Heimatsonne aufzusuchen wollte mir dagegen nicht mehr gelingen. In ihrem Hintergrund erstreckte sich das gleißende Band der Milchstraße und darin einen gelben Zwerg zu entdecken, war einfach aussichtlos.

Bald nach dem Mittagessen, das in Eile eingenommen werden musste, kam dann ein Anruf für mich: „Professor Harris, hier spricht der Kommandant. Kommen Sie bitte schnellstens in die Kommandozentrale, Raumanzug ist mitzubringen. — Ende.“

Es wurde langsam ernst! Ich beeilte mich, die Hülle aus Plastikstoff, mit elastischen Metallfäden durchwirkt, anzulegen. Wie es Vorschrift war, überprüfte ich rasch Sauerstoff und Klimaanlage, öffnete den Helm wieder und machte mich auf den Weg.

In der Schutzzentrale waren alle Posten doppelt besetzt, der Funktisch sogar dreifach. Letzteres hing wohl damit zusammen, dass unser Ultimatum auf drei verschiedenen Frequenzbereichen ausgestrahlt wurde. Natürlich war auch Großadmiral Ferguson anwesend, er unterhielt sich leise mit dem Kommandanten.

Vorerst blieb ich einige Meter hinter ihnen stehen und wartete das Ende der Unterhaltung ab. Gleich nach mir kam auch Kosietzky in den Raum, stellte sich neben mir auf und warf mir einen fragenden Blick zu, den ich aber nur mit einem Achselzucken beantworten konnte, denn schließlich wusste ich selbst nicht, warum man uns gerufen hatte. Auch er trug wie ich die Raumkombination, den Helm unter den Arm geklemmt.

Schließlich wandte sich der Admiral um und kam auf uns zu. Er reichte uns die Hand und lud uns dann ein, auf zwei Klappsesseln Platz zu nehmen, die Burtin mit einem Knopfdruck aus dem Unterteil des Schaltpultes hervorzauberte. Ferguson nahm rechts von uns auf dem Sitz des zweiten Piloten Platz und er öffnete dann das Gespräch.

„Meine Herren, die Ereignisse kommen ins Rollen, seit Beginn der Bremsperiode strahlen unsere Sender das Ihnen wohl bereits bekannte Ultimatum an die Marconesen aus, auf Kurz, Ultrakurz und Hyperwelle. Das Spreizverfahren sorgt dafür, dass alle drei Bereiche voll erfasst werden und nach derselben Methode können wir auch eventuelle Anrufe auffangen. Eine Antwort ist bisher jedoch nicht erfolgt. Dafür konnten unsere Funker einige schwach einfallende Sendungen im ultrakurzen Bereich auffangen, die offenbar über Richtstrahler abgesetzt wurden, bisher aber noch nicht dechiffriert werden konnten. Unsere sofort durchgeführten Standortpeilungen haben ergeben, dass sie von Raumschiffen der Marconesen stammen müssen, die sich im Bereich zwischen dem Marco und den Planeten IV und V befinden.“

Er wies auf die große Bildfläche über dem Schalttisch und betätigte sodann Vergrößerung und Feineinstellung des Gerätes. Die Sonne im Mittelpunkt verschwand und gleich neben ihr erschien ein dunkler Körper, von einer schimmernden Aureole umgeben. „Das ist der Marco“, erklärte Ferguson, „er steht für uns fast genau vor der Sonne. Hier und da“ — er wies auf zwei größere, teilweise erhellte Körper — „stehen die Planeten IV und V, fast in Opposition, und die winzigen hellen Pünktchen in ihrer Umgebung sind die marconesischen Schiffe.“

Bei längerer Betrachtung konnte man erkennen, dass sich diese Pünktchen langsam von der Stelle bewegten, sämtlich in Richtung auf den Marco hin. Das sah gewiss nicht nach einem Angriff auf uns aus, eher nach einem Rückzug, und ich konnte nicht verstehen, weshalb die Stirn des Flottenkommandeurs von schweren Falten durchfurcht war. Er klärte uns jedoch bald darüber auf.

„Man kümmert sich überhaupt nicht im Geringsten um unsere Flotte und das ist es, was ich nicht begreifen kann, meine Herren! Sollten die Markonesen die Schiffe selbst noch nicht bemerkt haben, müssen sie aber unbedingt unsere Anrufe empfangen haben, da sie ja auch mit Ultrakurzwellen arbeiten. Ihr natürliches Bestreben müsste es nun sein, uns möglichst rasch eine starke Flotte entgegenzuschicken, um die kommende Auseinandersetzung — mit der ich wenigstens rechne — möglichst weit außerhalb ihres Systems stattfinden zu lassen. Sie tun aber nichts dergleichen und die wenigen feststellbaren Schiffe haben alle Kurs zum Mutterplaneten. Wir suchen vergebens nach einer Erklärung — wissen Sie eine, meine Herren?“

Ferguson musste schon wirklich ratlos sein, wenn er uns konsultierte, wo doch seine Stabsoffiziere vollzählig im Hintergrund versammelt waren. Ich schwieg, denn ich hatte von den Erfordernissen einer interstellaren Auseinandersetzung nicht die kleinste Ahnung. Dafür antwortete mein Kollege.

„Für ein solches Verhalten könnte es mehrere Auslegungen geben, Sir. Einmal die, dass ihre

Flotte auf eine wirksame Abwehr nicht vorbereitet ist und es daher vorzieht, sich nicht zum Kampf zu stellen. Es könnte aber auch ein Täuschungsmanöver sein: Man lässt uns bis zum letzten Moment im ungewissen, um dann, wenn wir nahe genug heran sind und kaum noch Fahrt haben, uns plötzlich die gesamte Streitmacht entgegenzuwerfen. Vielleicht halten sie aber auch ihren Planeten für stark genug gesichert, um uns auch vom Boden aus erfolgreich abwehren zu können.“

Ferguson schüttelte den Kopf. „Die erste Möglichkeit möchte ich von vornherein ausschließen, Die Marconesen sind klug genug, um zu wissen, dass ihre fortgesetzten Provokationen eines Tages unweigerlich eine Reaktion unsererseits nach sich ziehen musste, und sie hatten Zeit genug, sich auf diese Auseinandersetzung vorzubereiten. Die beiden anderen Eventualitäten scheiden aber ebenfalls aus, denn wir haben sie in unserem Ultimatum genau über die Wirkungsweise unserer Waffen unterrichtet. Gegen die Zell-Desintregatoren gibt es einfach keinen Schutz, weder in einem Raumschiff, noch auf dem Boden eines Planeten. Sie arbeiten mit hyperkurzen Schwingungen, und gegen diese kann auch kein energetisches Schutzfeld etwas helfen. Derartige Schutzschirme, das wissen wir aus der Praxis, können nur mit Hilfe normaler Energieprojektoren errichtet werden und sind daher gegenüber höheren Energieformen absolut wirkungslos.“

„Dann weiß ich auch nicht mehr weiter, Sir“, bekannte Professor Kosietzky leise. Der Großadmiral nickte düster. „Schade, Professor, ich hatte gedacht, dass Ihnen als Außenstehendem vielleicht etwas einfallen würde, was wir Experten übersehen mussten, da wir nach einem festen Schema vorgehen. Die bewussten Möglichkeiten haben wir längst auch erörtert, andere scheint es wirklich nicht zu geben. Oder können Sie etwas Neues sagen, Professor Harris?“

Ich hob entsagend beide Hände. „Es tut mir leid, Sir, aber gerade in militärischen Dingen bin ich unerfahrener als der jüngste Raumkadett. Ich könnte mir höchstens noch vorstellen, dass die Marconesen überhaupt nicht an Widerstand denken — vielleicht wollen sie kapitulieren, haben uns das nur noch nicht mitgeteilt.“

„Damit haben Sie vollkommen recht, Professor Harris!“, erklärte da eine fremde Stimme hinter uns.

Der Fremde stand einfach mitten in der Zentrale und lächelte uns unpersönlich an. Die Situation war unglaublich, ja, sogar gespenstisch, denn niemand hatte den Kommandoraum mehr betreten, seit das Schott hinter Kosietzky zu geschnurrt war!

Wir waren aufgesprungen und herumgefahren, denn wir hatten intuitiv erkannt, dass der Sprecher nicht zur Besatzung des Schiffes gehörte. Nie wieder habe ich so viele verblüffte Gesichter auf einmal gesehen, als sie nun dem Fremden entgegenstarrten. In einer Reflexbewegung fuhr die Rechte des Kommandanten zur Pistolentasche an der Hüfte, doch sie kam leer wieder zurück. Wir befanden uns zwar an Bord eines Kriegsschiffes, doch im Raume waren Handfeuerwaffen recht nutzlose Dinger, die den Träger höchstens behinderten, wenn er rasch den Raumanzug anlegen musste, darum trug sie niemand. Nur die Wachen in den einzelnen Decks waren mit Elektrogewehren ausgerüstet.

Der unheimliche Eindringling — im Grunde wirkte er eigentlich gar nicht unheimlich — war gleichfalls unbewaffnet. Er war nur mittelgroß, aber von kräftiger Statur. Seine Bekleidung bestand aus einem unserer Uniform ähnlichen zweiteiligen braunen Anzug, an den Füßen trug er eine Art von Sandalen. Sein Alter war schwer zu schätzen, doch die schütteren und bereits leicht angegrauten Haare ließen darauf schließen, dass er nicht mehr ausgesprochen jung war. Das Gesicht hingegen trug den Ausdruck zeitloser Frische, war energisch im Ausdruck und braungebrannt.

Das bemerkenswerteste an ihm aber waren seine Augen!

Sie waren groß, dunkel und anscheinend unergründlich. Wenn man hineinblickte, kam man sich irgendwie klein und unbedeutend vor, ohne sagen zu können, worauf das zurückzuführen war. Sie strahlten ganz einfach ein ganz besonderes Fluidum aus, das Fluidum, welches man nur bei Genies oder bei Menschen mit ganz besonderer geistiger Stabilität finden kann. Irgendwie standen sie mit ihrem ernsten, wissenden Ausdruck im Gegensatz zu dem gelassenen, ja heiteren Lächeln, das nun um den Mund des Fremden spielte.

So standen wir uns in gegenseitigem abschätzendem Betrachten wohl eine halbe Minute gegenüber, ohne dass jemand von uns Menschen Worte fand. Der Fremde war es, der schließlich das Schweigen brach.

„Ich kann sehr gut verstehen, meine Herren, dass meine plötzliche Anwesenheit Ihnen in die Glieder gefahren ist. Deswegen und um keine Missverständnisse aufkommen zu lassen, möchte ich gleich zu Anfang erklären, dass ich Ihr Schiff nicht mit feindseligen Absichten betreten habe. Bitte, Großadmiral Ferguson, nehmen Sie Ihre Hand doch wieder vom Kontrolltisch!“

Wie ein ertappter Sünder zog der Admiral seine Rechte wieder zurück, die er langsam nach hinten bewegt hatte, wohl, um den Alarmknopf zu drücken, der die Wachmannschaften herbeigerufen hätte. Dass Ferguson so prompt gehorchte, war wohl nur seiner immer noch anhaltenden Verblüffung zuzuschreiben; oder war es der Ausdruck in den zwingenden Augen des Fremden, der ihn dazu brachte, diesem in eine Bitte gekleideten Befehl zu gehorchen? Ich vermochte das nicht zu definieren, war auch gar nicht in der Verfassung hierzu. In meinem Kopf führten die Gedanken einen wahren Derwischtanz auf, in dem Bemühen, diese Situation irgendwie einzuordnen. Das gelang mir natürlich nicht. Ich war stets ein nüchterner Mensch, darum stand ich dieser mehr als außergewöhnlichen Begebenheit reichlich fassungslos gegenüber. Nun, den anderen erging es kaum besser, wie ich mit einem raschen Rundblick feststellen konnte.

Schon sprach auch der Fremde wieder: „Ich will Sie aller nutzlosen Überlegungen entheben und mich zunächst einmal vorstellen, wie das ja unter Menschen Brauch ist. Mein Name ist Gord Malone und ich bin das Regierungsoberhaupt auf dem Planeten Fredo, der bei Ihnen den Namen Marco erhalten hat. Auf meiner Heimatwelt trage ich den Titel ‚Lord‘; Sie können mich aber auch mit ‚Präsident‘ anreden, wenn Ihnen die andere Bezeichnung zu hochtrabend sein sollte.“

Ich fiel, bildlich gesehen, aus allen Wolken. Der Fremde unterschied sich in meinen Augen so gar nicht von einem normalen Menschen, unter anderen Umständen wäre ich nie auf die Idee gekommen, ihn für etwas anderes zu halten. Nun war es nicht nur ein Marconese, sondern sogar deren Präsident! Aber wie, bei allen Sonnen und Planeten, kam dieser Mann in die Zentrale des Flaggschiffes der Flotte seiner Feinde?

Professor Kosietzky aber zeigte, dass er nicht nur der älteste, sondern auch der klügste in unserem Kreis war. Seine Züge erhellten sich und zeigten das triumphierende Lächeln des erfolgreichen Entdeckers, als er nun das eine Wort ausrief: „Teleportation!“

Mir fiel es von den Augen, wie einst die sprichwörtlichen Schuppen von denen der Christusjünger — natürlich, das war hier die einzig mögliche Erklärung. Zugleich aber kroch es mir eiskalt über den Rücken. Wenn dem so war, dann waren uns ja diese Humanoiden weit überlegen; himmelweit überlegen sogar!

Der ‚Lord‘ verneigte sich leicht. „Ich gratuliere, Professor Kosietzky. Sie haben es bemerkenswert schnell erfasst. Dass ich nicht mit feindlichen Absichten komme, habe ich vorhin bereits betont. Ihr recht eindeutiges Ultimatum haben wir bereits vor einigen Stunden aufgefangen und nach eingehender Beratung desselben mit den übrigen Mitgliedern unserer Regierung habe ich den Entschluss gefasst, selbst zu Ihnen zu kommen, um Verhandlungen mit Ihnen zu führen. Ich bin also gewissermaßen ein Parlamentär des Fredo oder Marco und bitte Sie, mich als solchen zu behandeln, Großadmiral Ferguson.“

Mein Blick wanderte zu dem dicht neben mir stehenden Admiral. Dessen Adamsapfel bewegte sich unter krampfhaften Schluckbewegungen noch einige Male auf und ab, ehe er verstört hervorbrachte: „Selbstverständlich, Präsident Malone. Es liegt mir trotz der reichlich ungewöhnlichen Umstände dieser Begegnung fern, Ihnen irgendwelche Schwierigkeiten machen zu wollen, wenn Sie in der angegebenen Eigenschaft kommen. Da ich von der Zentraladministration der Föderation bevollmächtigt bin, etwaige Verhandlungen zu führen, steht einer Fühlungnahme zwischen uns nichts im Wege.“

Der Marconese bedankte sich mit wohlgesetzten Worten und bat, unverzüglich mit den Besprechungen beginnen zu dürfen, um sie nach Möglichkeit noch vor dem Einflug der Flotte in das Marco-System beenden zu können. Ferguson stimmte zu.

In den nächsten Minuten entwickelte sich in der Zentrale eine fieberhafte Geschäftigkeit. Die Ausstrahlung des Ultimatums wurde eingestellt und der Admiral gab einen Sammelspruch an alle übrigen Schiffe durch, dass eine Fühlungnahme mit den Marconesen zustande gekommen sei und Verhandlungen eingeleitet wären. Im Falle des Auftauchens fremder Raumer sei sofort Meldung zu erstatten, aber auf jede feindselige Handlung zu verzichten, solange sie nicht ausdrücklich vom Flaggschiff aus befohlen wurde.

Das Kommando über unser Schiff wurde Major Weller, Burtins Stellvertreter, übergeben, der dienstfrei hatte und erst über die Rundsprechanlage herbeigerufen werden musste. In der Zentrale angelangt, wurde er knapp von dem Vorgefallenen unterrichtet, dann begaben sich der Admiral, Burtin und der ‚Lord‘ des Marco in unserer Begleitung in einen benachbarten Raum, der normalerweise dem Abhalten von Lagebesprechungen diente. Dass Kosietzky und ich an den Verhandlungen teilnehmen durften, verdankten wir einer Intervention des Fremden, der über unsere Personen ausgezeichnet unterrichtet war und unsere Gegenwart ausdrücklich verlangte. Ferguson hatte beabsichtigt, den an Bord befindlichen Verbindungsoffizier des Sicherheitsdienstes gleichfalls hinzuzuziehen, verzichtete dann aber darauf, da sich der Marconese dem nachdrücklich widersetzte.

Es war überhaupt erstaunlich, wie sehr die Selbstsicherheit des Großadmirals unter dem außergewöhnlichen Ereignis gelitten hatte. Sowohl er wie auch Kommandant Burtin litten offenbar unter einem tiefgreifenden psychologischen Schock. Sie hatten angenommen, den Marconesen als die weit überlegene Partei entgegentreten zu können; dass nun bereits diese erste Begegnung aufzeigte, dass dem nicht so war, dass die Fremden offenbar über überlegene paraphysische Gaben verfügten, raubte ihnen weitgehend das Selbstvertrauen. Natürlich versuchten sie, diese Tatsache nach bestem Können zu überspielen, doch das gelang ihnen nur sehr unvollkommen.

Ferguson verlangte einleitend, dass die gesamten Verhandlungen in Bild und Ton aufgezeichnet werden müssten und Präsident Malone stimmte ohne Zögern zu. Burtin setzte das vorhandene Aufzeichnungsgerät in Betrieb, dann nahmen wir alle an einem runden Tisch Platz. Die denkwürdige Konferenz konnte beginnen und der Admiral eröffnete sie mit der Frage nach einer Stellungnahme der marconesischen Regierung zu dem Ultimatum der Föderation der Vereinigten Planeten.

Malone antwortete ohne Zögern. „Im Namen der Regierung des Fredo, der bei Ihnen Marco genannt wird, erkläre ich ausdrücklich, dass wir dieses Ultimatum unter allen Umständen und mit allem Nachdruck als ungerechtfertigt zurückweisen! Ihm liegt die Beschuldigung zugrunde, dass in mehreren Fällen durch Schiffe unseres Volkes schwere Übergriffe gegenüber Schiffen der Flotte der Vereinigten Planeten erfolgt seien. Dem gegenüber erkläre ich mit aller Entschiedenheit, dass derartige Übergriffe nie stattgefunden haben! Sie hätten auch gar nicht stattfinden können, denn unser Planet verfügt über kein einziges Raumschiff, das zum Einsatz für kriegerische Zwecke geeignet wäre.“

Großadmiral Fergusons Züge verrieten deutlich, was er von dieser Antwort hielt, noch deutlicher, als es seine nun folgenden Worte vermochte: „Sie werden verstehen, dass ich die Aufrichtigkeit Ihrer Angaben bezweifele, Präsident. Der Zentraladministration der Föderation liegen sechs durch einwandfreie Beobachtungen und übereinstimmende Zeugenaussagen untermauerte Meldungen über solche Übergriffe vor. Diese Aggressionshandlungen reichen von der schweren Beschädigung unbewaffneter Auswandererschiffe über Kaperung bis zur Vernichtung von zwei Einheiten durch Atomwaffen. Eins ist in meinen Augen einfach lächerlich, all diese schwerwiegenden Vorkommnisse einfach leugnen zu wollen!“

Auch das Gesicht des Marconesen verhärtete sich. „Ich denke nicht daran, auch nur eines meiner Worte zurückzunehmen, denn ich habe die Wahrheit gesagt, Herr Großadmiral. Die einzigen Raumschiffe, über welche der Fredo verfügt, sind harmlose Transporter, die nur dazu dienen, für uns lebenswichtige Grundstoffe von unseren Monden und Nachbarplaneten zu importieren. Insgesamt sind es 45 Schiffe, die allein den eben genannten Zwecken dienen. Kriegsschiffe benötigt man gemeinhin nur, wenn man irgendwelche Feinde besitzt — wir aber sind allein in unserem System. Wir könnten sogar ganz und gar auf Raumschiffe verzichten, denn wir verfügen über die Gabe der Teleportation und können durch sie unbegrenzte Entfernungen überwinden, wie ich es Ihnen ja demonstriert habe. Allein die Notwendigkeit, Uran und andere Erze, die auf dem Fredo nur selten vorkommen, heranzuholen, war der Grund für den Bau dieser Transporter, deren Aktionsradius nicht über den Bereich unseres Systems hinausgeht. Wohl wissen wir schon seit einiger Zeit, dass der Castello durch Menschen kolonialisiert wird, doch wir haben — im Gegensatz zu Ihren Behauptungen — bisher alles getan, unsere Existenz zu verheimlichen, um unsere Unabhängigkeit nicht zu gefährden. Leider mussten wir inzwischen erkennen, dass uns das nicht gelungen ist; niemand bedauert das mehr als wir!“

Ferguson erhob sich demonstrativ. „Präsident Malone, ich sehe mich gezwungen, diese nutzlose Unterredung abzubrechen! Ihre Praktik, stattgefundene und durch Organe der Föderation bewiesene Ereignisse kurzerhand abzustreiten, macht jede weitere Fortsetzung der Verhandlungen einfach sinnlos. Ich werde die Aufnahme unseres Gesprächs umgehend über Hyperfunk zur Erde senden; die Antwort wird zurück sein, ehe wir noch Ihr System erreicht haben und ihren Wortlaut kann ich jetzt schon vorwegnehmen: Fortsetzung der in unserem Ultimatum angekündigten Operationen bis zur letzten Konsequenz!“

Im stillen musste ich dem Admiral vollkommen recht geben. Gewiss, vom Standpunkt eines neutralen Beobachters aus hätten die Worte des marconesischen Präsidenten durchaus plausibel geklungen, doch die Tatsachen sprachen eindeutig dagegen. Welches Interesse konnte die Zentraladministration wohl daran haben, diese Humanoiden ungerechtfertigt so schwerer Vergehen zu bezichtigen? Uns standen durch den Hyperantrieb unzählige Welten überall in der Milchstraße zur Besiedlung offen, wir waren nicht darauf angewiesen, einen einzelnen lächerlichen Planeten auf dem Umweg über die Hintertreppe in unseren Besitz zu bringen! Zwar war der Präsident des Marco — auch wenn er durchaus nicht meinen Vorstellungen von einem Staatsoberhaupt entsprach — eine beeindruckende Persönlichkeit, doch alles wies eindeutig darauf hin, dass er wissentlich die Unwahrheit sprach. Warum versuchte er es nur auf diese plumpe Art und Weise — mit solchen Behauptungen konnte man keinen Großadmiral unserer Raumflotte beeindrucken!

Der Mann vom Marco nickte resignierend. Nun lächelte er wieder, doch diesmal war es ein Lächeln, das höchste Verachtung auszudrücken schien. Dem entsprach auch der Tonfall seiner Stimme, als er nun erwiderte: „Wie ich sehe, hat sich die Menschheit in den letzten dreihundert Erdenjahren in moralischer Hinsicht nicht wesentlich geändert, trotz der sogenannten Großen Revolution. Ich konnte es mir denken und so habe ich bei allem guten Willen von vornherein keine allzu großen Hoffnungen in diese Unterredung gesetzt. Unser Volk will nichts als Ruhe und war bereit, Ihnen die Friedenshand zu reichen, Herr Großadmiral! Sie aber haben meinen Beteuerungen keinen Glauben geschenkt und diese Hand ausgeschlagen, ehe ich mit meinen Ausführungen überhaupt auf den Kernpunkt der Dinge kommen konnte. Sie wollen eine bedingungslose Unterwerfung — wir werden sie um jeden Preis zu verhindern trachten! Für alle nun folgenden Ereignisse tragen Sie allein die Verantwortung. Auf Wiedersehen, Ferguson — auf Wiedersehen, meine Herren!“

„Einen Augenblick noch, Präsident Malone“, rief da Professor Kosietzky beschwörend. „Bitte beantworten Sie mir noch die eine Frage, ob Ihre …“

Er brach mitten im Satz ab, denn die letzten Worte sprach er bereits in die bloße Luft. Die Figur des Mannes vom Marco hatte für einen Moment ein seltsames, fast transparentes Aussehen angenommen, dann war sie spurlos verschwunden. Mir und wahrscheinlich auch den übrigen Anwesenden lief sekundenlang eine Gänsehaut über alle Glieder. Gewiss, wir kannten bereits die Telepathie, wenn es auch nur verschwindend wenige Menschen mit dieser Veranlagung gab, doch Gaben wie Teleportation oder Telekinese wurden zwar theoretisch für möglich angesehen, waren aber noch nie beobachtet worden. Darum waren selbst bekannte Wissenschaftler immer noch geneigt, sie als bloße Erfindung utopischer Schriftsteller abzutun. Nun hatten wir den Beweis für die Existenz einer dieser Gaben erhalten, und es war wirklich ein unheimliches Gefühl, wenn man unvorbereitet ein Wesen aus dem Nichts auftauchen und wieder dorthin verschwinden sah!

Ferguson als alter Soldat war der erste, der sich wieder fing. „Bitte, Professor Kosietzky, was wollten Sie den Marconesen zuletzt noch fragen? War es wichtig, eine Tatsache vielleicht, die uns entgangen war?“ Mein Kollege erhob sich langsam und winkte mit unbewegter Miene ab. „Es war nichts Besonderes, Sir. Ich wollte ihm nur eine rein wissenschaftliche Frage stellen, die mit den Verhandlungen an sich gar nichts zu tun hatte.“

Der Admiral gab sich mit dieser Antwort zufrieden. Er schien sich wieder weit wohler zu fühlen, seit dieser Lord vom Marco verschwunden war und übernahm wieder die Initiative. „Es ist gut; Sie und Professor Harris können sich wieder in Ihre Kabine begeben, wir werden Sie voraussichtlich vorläufig nicht benötigen. Als Ihr Oberbefehlshaber befehle ich Ihnen aber, über alle Vorkommnisse im Zusammenhang mit der Anwesenheit des Fremden striktes Stillschweigen gegenüber Außenstehenden zu bewahren, damit die Moral unserer Leute nicht durch Aufbauschung der Vorkommnisse grundlos untergraben wird. Sie werden verstehen, dass die einfachen Männer gegenüber einem Phänomen wie Teleportation zurückschrecken müssen, und das möchte ich unter allen Umständen vermeiden. Wir sehen uns später wieder.“

Im Hinausgehen vernahm ich noch, wie Ferguson den Kommandanten anwies, die Bild und Tonkonserve aus dem Gerät zu nehmen, um den Inhalt unverzüglich zur Erde senden zu können. Wir aber schritten schweigend und nachdenklich hinüber zum Lift, der uns wieder auf unser Stockwerk brachte.



6

„Was meinen Sie, wird nun geschehen?“ fragte ich, während die Kabine langsam abwärts glitt. Kosietzky hob seine Schultern.

„Sie haben ja selbst gehört, was der Admiral vorhat: Fortsetzung der Operation bis zur letzten Konsequenz! Der Präsident des Marco hat sein Ultimatun kategorisch zurückgewiesen, folglich gibt es für ihn gar keine andere Möglichkeit. Daran wird auch der Funkspruch zur Erde nichts ändern; ich glaube sogar, dass er eher noch den Grund für ein besonders rigoroses Vorgehen abgeben wird. Die Tatsache, dass die Wesen vom Marco über — zumindest! — die Gabe der Teleportation verfügen, wird den verantwortlichen Männern dort einen mindestens ebenso großen Schock versetzen wie uns und sie veranlassen, diese Leute nun erst recht hart anzufassen. Wir (haben nun einmal dank Ihrer Findigkeit die ultimative Waffe gegen sie in der Hand…“

Kosietzky unterbrach sich, denn eben hielt der Aufzug auf unserem Deck an und wir konnten durch die Scheiben seiner Tür das Herannahmen eines Wachpostens beobachten, der hier seinen Kontrollgang machte. Um keinen Verdacht zu erregen — gerade diese Posten waren höchstwahrscheinlich in erster Linie Angehörige des Sicherheitsdienstes — verließen wir schweigend das Abteil und strebten unseren Kabinen zu.

„Was halten Sie davon, wenn wir uns in zehn Minuten im Waschraum treffen?“, flüsterte Kosietzky mir zu, als wir vor seiner Unterkunft haltmachten. „Ich glaube, diese Sache ist es wert, weiter erörtert zu werden und der Waschraum ist einer der wenigen Orte, wo es mit Sicherheit keine Abhöranlagen gibt. Zudem dürfte sich um diese Zeit dort wohl kaum jemand aufhalten.“

Ich nickte ihm nur kurz zu, denn im Hintergrund erschien soeben wieder der Posten und begann, den Raumanzug abzulegen. Nachdem ich ihn in der Aufhängevorrichtung untergebracht hatte, suchte ich für wenige Minuten die Kabine auf und warf einen kurzen Blick auf den Panoramaschirm. Das Bild hatte sich in der Zwischenzeit nicht merklich verändert, weil unsere Geschwindigkeit schon stark abgesunken war, so steckte ich mir Zigaretten ein und machte mich wieder auf den Weg. Kosietzky war noch nicht zu sehen, also begab ich mich in eine der Kabinen, denn ich hatte wirklich das Bedürfnis, mich zu erfrischen. Mein alter Lehrer hatte recht behalten, denn es befand sich wirklich niemand in den Anlagen.

Wenig später war er auch zur Stelle, seine Züge waren nach wie vor undurchsichtig, aber düster. Ich reichte ihm eine Zigarette und fragte dann: „Über das Vorgehen unserer Schiffe kann es ja nun kaum einen Zweifel geben. Was aber, denken Sie, könnten die Marconesen unternehmen, um unseren Operationen zu begegnen? Die Art, wie ihr Präsident es aussprach, dass nun Ferguson für ‚alle nun folgenden Ereignisse‘ die Verantwortung trage, klang eigentlich kaum überheblich, nur selbstbewusst. Malone sprach wie ein Mann, der weiß, dass ihm nichts geschehen kann.“

Kosietzky lächelte ungewiss. „Um das zu ergründen, müsste ich schon selbst parapsychische Fähigkeiten besitzen, Frank! Sie haben recht, Malones Äußerungen klangen durchaus nicht so, als ob er die Invasion oder gar eine Vernichtung seines Volkes fürchten müsste. Andererseits weiß er aber durch Fergusons Ultimatum sehr genau, dass wir mit den Zell-Desintegratoren eine vernichtende Waffe in Händen haben, gegen die es einfach keine Abwehr gibt. Wenn er nun trotzdem bei seiner festen Haltung beharrte und, vorsichtig ausgedrückt, ausgesprochen optimistisch war, so weiß ich das nicht zu erklären.“

„Im Anfang klang es aber doch anders“, bemerkte ich nachdenklich. „Als der Marconese in der Zentrale materialisierte, sprach ich doch gerade davon, dass seine Leute möglicherweise die Absicht hätten zu kapitulieren, und mit seinen ersten Worten gab er mir recht! Wie sollen wir nun diese beiden grundverschiedenen Tatsachen zu einem gültigen Bild zusammenfügen?“

„Dieser Meinungsumschwung ist tatsächlich bemerkenswert“, gab Kosietzky sinnend zurück.

„Wenn man es rein objektiv betrachtet, könnte man fast zu der Ansicht kommen, dass die Bewohner des Marco unsere Waffen nicht fürchten, zugleich aber auch aus irgendwelchen nur für sie ersichtlichen Gründen eine Auseinandersetzung vermeiden möchten. Vielleicht haben Sie nicht weiter darauf geachtet, aber ich stutzte bei der Bemerkung, die Menschheit habe sich in den letzten drei Jahrhunderten nicht sonderlich geändert. Die Marconesen scheinen demnach uns und unsere Geschichte recht gut zu kennen.“

„Diese Kenntnisse können von den Menschen stammen, die man letzthin bei der Kaperung der Auswandererschiffe gefangen hat. Was ich aber wiederum nicht begreife, ist die Angabe des Fremden, dass sein Volk nur über eine so schwache Flotte verfügen soll, dazu auch noch unbewaffnet. Gewiss, er hat eine logisch klingende Begründung dafür gegeben: Eine Spezies, die auf rein geistiger Basis sogar ihr System verlassen und zu beliebigen Orten reisen kann — wir haben es ja erlebt! — Kann auf Raumschiffe zum Personentransport sehr wohl verzichten. Wie aber wollen diese Humanoiden sonst unsere Invasion verhindern? Eine Abwehr von 240 Schiffen kann nur durch eine entweder ebenso starke oder aber besser bewaffnete Verteidigungsflotte erfolgen, die uns fernab vom Marco entgegentritt. Wenn der Planet erst einmal im Wirkungsbereich unserer Desintegratoren liegt, kommt jeder Abwehr versuch unbedingt zu spät.“

Kosietzky zuckte wieder einmal mit den Schultern. „Lieber Frank, was wissen wir denn eigentlich von dieser Rasse? Praktisch doch gar nichts, auf jeden Fall aber viel zu wenig, um erfolgreiche Überlegungen über ihre Möglichkeiten und ihre Denkungsart anstellen zu können! Soviel ich weiß, stammt der Hauptteil der spärlichen Informationen über sie aus dem gelegentlichen Empfang von Fernsehsendungen durch vorstoßende Patrouillenschiffe, deren Aufzeichnungen man natürlich genau analysiert hat. Leider hat man aber immer nur das Bild auffangen können, nie aber den Ton, es fehlt also jede Kenntnis ihrer Sprache und damit der wichtigste Faktor. Exakt ist nur die Kenntnis der physikalischen Beschaffenheit ihres Planeten, denn hier hat unsere Wissenschaft in der Spektralanalyse ein zuverlässiges Mittel in der Hand.“

„Ungefähre Erdgröße, weniger Wasser, dafür eine Atmosphäre voller Kohlenoxyd, ich weiß“, nickte ich. „Übrigens — eben fällt mir auf, dass Präsident Malone unsere sauerstoffhaltige Luft im Schiff ohne Schwierigkeiten atmen konnte, obwohl doch sein Metabolismus ganz auf die Aufnahme hochprozentiger Kohlenoxydgase eingestellt sein muss. Schon wieder ein neues Rätsel, für das ich beim besten Willen keine Erklärung finden kann!“

Mein Kollege lächelte tröstend.

„Lieber Frank, ich sehe schon, dass wir beide kein Talent zum Rätsellösen haben, soweit es nicht unser Fach betrifft, schon gar nicht dann, wenn es sich um Wesen mit metaphysischen Fähigkeiten dreht, die selbst kompetenten Fachleuten noch nicht erklärlich sind. Es dürfte also wenig Zweck haben, wenn wir uns jetzt weiter die Köpfe zerbrechen, wo uns vielleicht schon morgen die Lösung mühelos zufallen kann. Bemerkenswerte Geschöpfe sind die Marconesen aber auf jeden Fall, was ihre Menschenähnlichkeit betrifft. Ich hätte nie geglaubt, dass eine zweite Rasse sich so vollkommen parallel zu der unseren entwickelt könnte. Noch dazu unter ganz anderen atmosphärischen Bedingungen. Als ihr Präsident vor uns stand, hätte ich ohne Kenntnis der wahren Sachlage nie daran gedacht, hier den Vertreter einer uns fremden Intelligenz…“

Wieder einmal musste Kosietzky abbrechen und beschäftigte sich nun intensiv mit dem nächsten Wasserhahn, denn vom Eingang her drang das Geräusch des aufgleitenden Schotts an unsere Ohren. Auch ich nahm eine völlig überflüssige zweite Gesichtswäsche vor, doch das war gut so, denn wenige Sekunden später glitt der Vorhang zur Seite und herein kam mein besonderer ‚Freund‘, der Unterarzt Svensson aus den Reihen des Sicherheitsdienstes!

Ich warf ihm einen nicht übertrieben freundlichen Blick zu, den er aber gar nicht zu bemerken schien, denn er grüßte nur kurz und trat dann zum nächsten Waschbecken. Kosietzky wechselte einige belanglose Worte mit ihm und gleich darauf verließen wir zusammen die Anlage, während Svensson zurückblieb.

„Nehmen Sie sich jetzt besonders in Acht!“, flüsterte Kosietzky mir auf dem Korridor zu. „Zweifellos hat Ferguson inzwischen den Verbindungsoffizier des Sicherheitsdienstes unterrichtet und dieser wird uns nun ganz besonders im Auge behalten, da wir Mitwisser der Vorkommnisse um den Marconesen sind. Die anderen, die noch dabei waren, wird man unter Hinweis auf ihren Diensteid zum Schweigen verpflichtet haben. Sie werden auch kein Wort verlauten lassen, denn in der Zentrale eines Admiralschiffes sitzen durchweg nur Männer, die hundertprozentig loyal sind, und die Stabsoffiziere sind es sowieso. Wissenschaftler wie wir sind aber stets als Individualisten mit unberechenbarem Charakter verschrien, also ist es besser, wenn Sie zukünftig all ihre Gedanken für sich behalten und niemand etwas über die Marconesen erzählen, und wenn er noch so vertrauenswürdig aussieht!“

Ich nickte stumm und wir trennten uns vor Kosietzkys Kabine. Er hätte sich bezüglich meines Schweigens auch gar keine Gedanken zu machen brauchen, denn außer ihm traute ich niemand in diesem Schiff.

Dafür machte ich mir später, auf meinem Bett liegend, noch lange Gedanken über die Ereignisse und besonders über ‚Lord‘ Malone, allerdings ohne jedes greifbare Resultat. Darüber schlief ich dann schließlich auch ein. Ich war immer noch an den Lebensrhythmus des Castellos gewöhnt, und die drei Stunden Differenz gegenüber der Erdzeit machten sich eben doch bemerkbar...



7

Beim Abendessen saßen fast alle Wissenschaftler an der Tafel, die momentan beschäftigten Astronomen ausgenommen, dagegen nur einen kleinen Teil der Offiziere; die Stimmung war allgemein nervös, fast schon hektisch zu nennen. Schuld daran war eine kurz zuvor über die Rundsprechanlage durchgegebene Erklärung des Großadmirals. Ferguson hatte kurz und bündig bekanntgegeben, die Regierung des Marco habe in einem vor einigen Stunden aufgefangenen Funkspruch das Ultimatum der Föderation zurückgewiesen. Er habe die Nachricht sofort zur Erde weitergeleitet, und von dort sei der unverzügliche Angriff auf den Planeten befohlen worden.

Kosietzky und ich wussten es besser, darum beteiligten wir uns kaum an den nun überall aufflackernden Debatten und beschränkten uns weitgehend aufs Zuhören. Die meisten Wissenschaftler waren sich darin einig, dass ein rigoroses Vorgehen gegen die humanoiden Unruhestifter nunmehr die einzige Möglichkeit sei, wenn die Föderation nicht ihr Gesicht verlieren wolle. Trotzdem klang bei all diesen Worten ein gewisses Unbehagen durch; man hatte im Stillen durchweg damit gerechnet, dass sich die Marconesen dem Ultimatum beugen und angesichts unserer offenbaren Überlegenheit auf jeden Widerstand verzichten würden. Nun standen jedoch Kampfhandlungen in Aussicht, man musste sich mit dem Gedanken an Lebensgefahr vertraut machen! Das war selbst für die Militärs ein recht ungewohnter Zustand, denn die bisherige Tätigkeit unserer Kriegsflotte hatte sich im Wesentlichen auf Routineflüge und die Überwachung der wenigen Planeten beschränkt, auf denen man bisher halbintelligente Wesen vorgefunden hatte. Nun sollte sie erstmals — der Einsatz gegen die waffenlosen Arkturaner zählte ja kaum — ihre Existenzberechtigung im Kriegsfall unter Beweis stellen...

Nun, die meisten trösteten sich schließlich bei dem Gedanken an unsere unfehlbaren Desintegratoren und den Schutz der Schiffe durch Abwehrfelder, die sich gegenüber Meteoren bewährt hatten und auch imstande sein sollten, Raketengeschosse abzuhalten. Wir hatten da unsere eigenen Gedanken, denn gegen Angriffe durch Teleporter konnten die Schutzfelder bestimmt nichts ausrichten; ein entmaterialisierter Mensch war im Augenblick seiner räumlichen Versetzung zweifellos Bestandteil einer höheren Dimension, ähnlich den Hyperfunkwellen, die auch ungehindert alle Abschirmungen überwanden!

Die Diskussionen fanden bald ein Ende, denn eine neue Durchsage gab bekannt, dass die Flotte soeben die Bahn des äußersten Planeten überschritten habe und volle Gefechtsbereitschaft herzustellen sei. Für uns hieß das, wieder die Kabinen aufzusuchen, um in Nähe der Raumanzüge zu sein. Zwei langweilige Stunden folgten, denn auch der Panoramabildschirm zeigte nichts Neues. Die beiden äußeren Planeten des Systems waren nicht zu beobachten, da sie jenseits der Sonne standen und die marconesischen Schiffe hatten offenbar inzwischen ihre Heimathäfen erreicht, denn auch sie waren nicht mehr zu sehen. So begrüßte ich es, als die Lautsprecher plötzlich eine Reihe von Wissenschaftlern zur Zentrale riefen, darunter auch Kosietzky und mich.

„So allmählich bekommt man Übung im Anlegen von Raumanzügen, nicht wahr?“, lächelte Kosietzky, als wir zusammen den Aufzug betraten.

Großadmiral Ferguson dagegen lächelte nicht. Er befand sich in der seitlich an den Kommandoraum angrenzenden astronomischen Station, wo eine beträchtliche Verwirrung zu herrschen schien. Worum es dort ging, blieb uns aber unklar, bis Ferguson wieder in die Zentrale kam. Sein Gesicht zeigte den Ausdruck weitgehender Ratlosigkeit, als er uns schließlich ansprach.

„Meine Herren“, — er bezog damit die anderen Kollegen mit ein — „auf dem Marco gehen seltsame Dinge vor! Unsere Astronomen verzweifeln fast bei dem Versuch, eine brauchbare Spektralanalyse der Atmosphäre des Planeten zu bekommen. Bei den ersten routinemäßigen Untersuchungen zeigten die Spektrographen noch das normale Bild, doch seit etwa dreißig Minuten sind die Instrumente von einem Extrem ins andere gefallen. Sie haben der Reihe nach alle nur möglichen Banden gezeigt — wenn es nach ihnen geht, besitzt der Marco abwechselnd eine Kohlenoxyd-, Sauerstoff-, Methan-, Chlor- und Schwefelgas-Atmosphäre! Die Fraunhoferschen Linien wechseln von einer Minute zur anderen ihr Bild; an den Instrumenten kann es nicht liegen, sie sind vollkommen in Ordnung. Es kann also nur sein, dass die Marconesen irgendwelche Manipulationen vornehmen, um uns in Verwirrung zu stürzen.“

Dr. Balzer, der Chemophysiker, zeigte ein ungläubiges Lächeln. „Die Atmosphäre des Marco ist im letzten Jahr derart oft spektroskopisch analysiert worden, dass es bezüglich ihrer Beschaffenheit überhaupt keinen Zweifel geben kann: Sie besteht zum überwiegenden Teil aus Kohlenoxydgasen. Das erschien uns zuerst auch unglaublich, denn normalerweise könnte in diesen Gasen kein Leben existieren, da sie den bekannten Treibhauseffekt hervorrufen; mit anderen Worten, auf der Oberfläche des Planeten müsste eine sehr hohe Temperatur herrschen, zu hoch, als dass dort Humanoiden leben könnten. Bald konnte man jedoch feststellen, dass der Marco keine Ionosphäre besitzt, die überschüssige Wärme also ungehindert in den Weltraum entweichen kann, wodurch die Bodentemperaturen auf ein erträgliches Maß kommen. Es dürfte dort nicht wärmer sein, als auf den meisten von Menschen besiedelten Welten auch.“

„Das habe ich auch gar nicht bezweifelt“, gab Ferguson lakonisch zurück, „ich habe nur die Angaben des Astronomenteams wiederholt, nach denen die Emissionslinien des Spektrums andauernd zu wechseln scheinen. Ich wollte Sie bitten, allein daraus Ihre Schlussfolgerungen zu ziehen.“

Der Astrophysiker Professor Humez meldete sich zum Wort. „Sir, ich habe an zwei Aufklärungsflügen in diesem Sektor selbst teilgenommen und kann die Worte Dr. Balzers nur unterstreichen. Der Marco besitzt genau die Lufthülle, die früher festgestellt worden ist; wenn die Instrumente - jetzt andere Ergebnisse bringen, so kann dies nur daran liegen, dass seine Bewohner sie irgendwie beeinflussen. Wie sie das allerdings fertigbringen...“ Humez hob ratlos seine Schultern.

„Wie Sie das fertigbringen, ist im Grunde völlig sekundär“, warf Oberst Burtin ruhig ein. „Sie haben vorhin richtig bemerkt, Sir, dass die Leute vom Marco durch diese Manipulationen Verwirrung unter uns stiften wollen. Dass man eine Planetenatmosphäre manipulieren kann, ist natürlich ausgeschlossen, wahrscheinlich hat man irgendwelche Sender konstruiert, die variable Schwingungen aussenden. Man will uns dazu bringen, an der tatsächlichen Beschaffenheit der Atmosphäre zu zweifeln, um so eventuell den Einsatz der Zell-Desintegratoren zu verhindern. Das Manöver ist im Grunde viel zu plump, um nicht durchschaut werden zu können.“

Der Admiral atmete auf. „Danke, Oberst, Ihre Worte nehmen eine große Last von meinem Herzen. Sie bestätigen damit meine eigene Auffassung und wir werden nun erst recht nicht zögern, den Feind anzugreifen und zu vernichten, wenn er es sich nicht im letzten Moment noch anders überlegen sollte.“

Im Stillen konnte ich den Leuten vom Marco meine Anerkennung nicht versagen. Sie taten wirklich alles, um uns von einem Angriff auf ihre Welt abzuhalten, allerdings nicht sehr geschickt. Scheinbar unterschätzten sie uns Menschen immer noch, wie sie es bisher auch getan hatten. Fast hätte ich Mitleid mit ihnen empfunden, denn sie waren praktisch jetzt schon verloren, woran auch ihre übersinnlichen Fähigkeiten nichts ändern konnten; eine Teleportation zu anderen Planeten des Systems wäre nutzlos gewesen, weil keiner von ihnen über eine brauchbare Atmosphäre verfügte.

Im Übrigen sagte ich mir, dass sie wirklich kein Mitleid verdienten, denn sie hatten gegenüber den von ihnen angegriffenen Menschen auch keines gezeigt. Ich führte mir dies erneut vor Augen und verbannte alle weicheren Regungen. Schließlich war ich ja zur Flotte berufen worden, um der Menschheit zu dienen, ihr und meinem Heimatplaneten Castello, wo meine Frau auf mich wartete, die mir bald schon ein Kind schenken würde! Es ging um ihre und damit auch um meine Zukunft, und der Admiral würde schon dafür sorgen, dass es eine Zukunft ohne ständige Bedrohung sein würde.



8

Die Bahn des vierten Planeten, Marc IV also, war überflogen worden, als wir gerade mit dem heute um neunzig Minuten vorverlegten Abendessen fertig waren. Die Lautsprecher gaben dies bekannt, zugleich auch die Anordnung, dass alle dienstfreien Männer, ganz gleich, ob zum militärischen oder wissenschaftlichen Personal gehörig, sich von jetzt ab in ständiger Bereitschaft halten mussten. Das hieß mit anderen Worten, dass die folgende Nacht uns keinen Schlaf bringen würde, denn nun war Marc III, genannt Marco, nur noch etwa 40 Millionen Kilometer entfernt. Im System der Erde wären wir bereits weit innerhalb der Marsbahn gewesen, also im unmittelbaren militärischen Verteidigungsring. Noch immer aber zeigte sich kein Raumfahrzeug der Marco-Bewohner, war nichts von irgendwelchen Abwehraktionen zu bemerken. So verkündete es der anschließende Lagebericht, der nun jede Stunde durchgegeben wurde.

Nach dieser Mahlzeit gab es keine Diskussionen. Wie auf eine geheime Verabredung hin sprach jeder nur das nötigste, selbst die sonst betont forsch auftretenden jungen Offiziere der Freiwache verhielten sich auffallend ruhig. Die Ungewissheit über das Kommende lag wie ein unsichtbarer Schatten über allen. Dass sich der Gegner so vollständig passiv verhielt, war mehr als ungewöhnlich und übte einen gewissen psychologischen Druck auf die Männer aus, weit stärker, als es unter gegenteiligen Umständen der Fall gewesen wäre. Einer Gefahr, die man kennt, kann man entgegentreten — hier aber gab es praktisch nur Unbekannte für uns. Wir alle wussten — oder glaubten doch zu wissen —, dass die Fremden der Übermacht unserer Flotte nicht gewachsen sein würden; trotzdem aber rechnete jeder insgeheim mit irgendwelchen überraschenden Gegenaktionen. Daran mochte nicht zuletzt die konsequente Propagandaoffensive unserer Informationsorgane in den letzten Monaten Schuld tragen, welche die Marconesen zu den unberechenbarsten aller bekannten Intelligenzen erklärt hatte.

Doch die Stunden rannen dahin, ohne dass etwas geschah.

Schließlich war unsere Flotte bereits bis auf zehn Millionen Kilometer an den Marco herangekommen, wir mussten ihn also in weniger als drei Stunden erreicht haben. Zum letzten Male kam über die Rundsprechanlage die Order an die bereits früher aufgerufenen Wissenschaftler, die Zentrale aufzusuchen, damit auch für Kosietzky und mich. Wir fanden dort einen Großadmiral vor, der sich in eiserner Selbstbeherrschung übte, seinen hin und wieder zuckenden Gesichtsmuskeln aber doch nicht restlos gebieten konnte. Kein Zweifel, auch Ferguson litt unter dem Druck der Ungewissheit, der in seinem Falle noch durch das Wissen um die übersinnlichen Gaben der Marconesen verstärkt wurde. Überdies lag auf ihm noch die volle Verantwortung für 240 Schiffe und mehr als 3000 Menschen der Expedition!

Die spektroskopischen Instrumente der Astronomen hatten sich wieder beruhigt und zeigten nun konstant die bereits früher gemessenen Werte der Kohlenoxydatmosphäre des Marco. Noch war die durch diese verschleierte Oberfläche des Planeten nicht zu erkennen, doch dafür hatte man bereits die beiden luftlosen Trabanten desselben unter Beobachtung genommen. Dort waren einige Druckkuppeln festgestellt worden und in ihrer Umgebung die typischen Anlagen für den Tagebau von Bodenschätzen, jedoch keine Spur von Leben. Offenbar waren die Kuppeln und die unter ihnen liegenden Gebäude sämtlich verlassen, denn die Energiemessgeräte konnten nicht die geringste Spur der im gegenteiligen Fall unweigerlich vorhandenen Streufelder irgendwelcher Kraftaggregate

feststellen. Längst waren die Funktechniker auch bemüht, irgendwelche Funk- oder Fernbildsendungen aufzufangen, doch gleichfalls ohne jeden Erfolg. Wenn wir nicht genau gewusst hätten, dass ein dichtbesiedelter Planet vor uns lag, hätten wir annehmen müssen, eine Welt ohne intelligentes Leben vor uns zu haben.

Das änderte sich abrupt, als wir bis auf fünf Millionen Kilometer herangekommen waren.

Auf einmal entstand in allen Lautsprechern der Funkanlagen das charakteristische Rauschen eines anlaufenden starken Senders, die Bildschirme jedoch blieben dunkel. Dann ertönte klar und deutlich die uns bereits bekannte Stimme des marconesischen Präsidenten:

„Ich rufe den Großadmiral Ferguson im Flaggschiff der Invasionsflotte der menschlichen Föderation! Zum zweiten und letzten Male warne ich Sie unter Hinweis auf unser erstes Gespräch vor einer Fortsetzung der Operation gegen unsere Welt! Ich fordere Sie nachdrücklich auf, unser System sofort zu verlassen und nichts gegen uns zu unternehmen, um uns nicht zu entsprechenden Abwehrmaßnahmen zu zwingen. Handeln Sie, ehe es zu spät ist und setzen Sie nicht unnütz das Leben tausender Ihrer Soldaten aufs Spiel!“

Mit einigen raschen Schritten begab sich Ferguson zum nächsten Funkgerät und nahm dessen Mikrophon zur Hand. „Hier spricht Großadmiral Ferguson. Eben, weil ich an das Leben meiner Mitmenschen denke — nicht nur hier im Schiff, sondern überall in den Weiten der Galaxis —, werde ich den Angriff auf den Marco unter allen Umständen durchführen! Sie wissen ebenso gut wie ich, dass es für unsere und Ihre Rasse kein Nebeneinanderleben geben kann, darum ist jede Diskussion über diesen Punkt zwecklos. Ihr Hinweis auf sogenannte ‚Abwehrmaßnahmen‘ kann mich nicht beeindrucken, denn wir sind es, die über die ultimative Waffe verfügen! Sollten Sie sich nicht noch umgehend zu einer bedingungslosen Kapitulation entschließen, werden Sie es sein, der sein Handeln zu bereuen hat — wenn Ihnen noch Zeit dazu bleibt! Das ist mein letztes Wort.“

Leise kam die Antwort: „Ich konnte mir denken, dass Sie nicht anders reagieren würden, kann mir aber wenigstens nicht den Vorwurf machen, Sie nicht auf die Konsequenzen Ihres Vorhabens hingewiesen zu haben. Ich kenne Ihre Beweggründe und die der verantwortlichen Männer innerhalb der Föderation besser, als Sie wahrscheinlich glauben und weiß genau, weshalb Sie unser Volk aus zu löschen trachten. Sie aber wissen ebenso gut, dass wir hier auf dem Fredo nichts weiter als den Frieden in unserer selbstgewählten Isolation wollen, obwohl wir ohne weiteres die Herrschaft über die gesamte Menschheit übernehmen könnten. Das ist es, was Sie und Ihre Hintermänner insgeheim befürchten, darum wollen Sie uns vernichten! Nun gut, tun Sie, was Sie für richtig halten — ich kann nicht mehr, als Sie nachdrücklich zu warnen.“

„Vielen Dank, Präsident“, entgegnete Ferguson ironisch. „Wahrscheinlich glauben Sie, dass mich Ihre Spielereien bezüglich der Atmosphäre Ihres Planeten irgendwie beeindruckt haben, doch das ist leider nicht der Fall. Ich denke nicht daran, mit Ihnen noch zu diskutieren — ich werde handeln!“



9

Auf eine befehlende Handbewegung hin hatten unsere Funker ihre Geräte abgeschaltet, ehe Malone noch irgendetwas entgegnen konnte. Mit atemloser Erwartung hatten wir alle dieses entscheidende Gespräch verfolgt, bei dem uns so manches rätselhaft geblieben war. Mir wenigstens schien es so, als hätten hier zwei Männer gesprochen, die über Tatsachen wussten, von denen wir nichts ahnten, worauf so manche Redewendung hinwies. Doch natürlich konnte niemand von uns verlangen, vom Oberkommando in letzte politische oder strategische Geheimnisse eingeweiht zu werden; wir hatten zu gehorchen und unsere Pflicht zu tun, weiter nichts.

Genau diese Meinung vertrat auch Ferguson in einer wenig später an alle Schiffe der Expeditionsflotte übermittelten Ansprache. Er wiederholte im Großen und Ganzen die bereits bekannten Argumente, die den kompromisslosen Einsatz gegen die Marconesen rechtfertigen sollten und gab zum Schluss die detaillierten Einsatzbefehle für die einzelnen Schiffe aus.

Auf den großen Bildschirmen der Zentrale konnten wir verfolgen, wie sich allmählich die Flotte auseinanderzog, um den Marco von allen Seiten her einzuschließen. Etwa die Hälfte der Schiffe ging wieder auf hohe Fahrt, um jenseits des Planeten zu gelangen, während wir mit den übrigen weiterhin langsamer wurden. Immer größer wurde das Bild des Marco auf den Sichtschirmen, schattenhaft tauchten die Umrisse großer Kontenente innerhalb ozeanischer Wasserflächen auf. Eisbedeckte Polargebiete gab es nicht, denn der Planet stand fast senkrecht zur Ekliptik, wurde also von seiner Sonne überall gleichmäßig erwärmt.

Die Sonne selbst entsprach in Größe und Leuchtkraft etwa der meines Heimatsystems, gehörte also zur Spektralklasse F. Auch sie galt noch als ein sogenanntes Junges Gestirn und es war bemerkenswert, dass sich hier bereits eine intelligente Rasse entwickelt hatte, wogegen die Entwicklung auf dem Castello noch nicht über die Bildung einer gemäßigt urwaldhaften Flora hinausgekommen war, während das tierische Leben sich auf einige Arten von Fischen und Insekten beschränkte.

Stille lag nun über der Kommandozentrale, nur unterbrochen von gelegentlichen Befehlen des Kommandanten für Kurzkorrekturen und die periodisch einlaufenden Standortmeldungen der weiter vorgestoßenen Einheiten. In eintönigem Gleichmaß vergingen so die Minuten, rundeten sich zu Stunden, bis der Ring um den Marco geschlossen war. Ich strengte meine Augen an, um auf den Bildschirmen Einzelheiten auf seiner Oberfläche erkennen zu können, doch große Wolkenfelder und das allmähliche Eintauchen des von uns angeflogenen Sektors in die Nachtzone verhinderten dies zu meinem Leidwesen. Dabei war ich aufs höchste daran interessiert, einen Überblick über die zivilisatorischen und architektonischen Verhältnisse bei diesen uns so ähnlichen Geschöpfen zu bekommen; gewiss, ich würde ihn bekommen, wenn wir später dort landen würden — doch ob es dann noch Marconesen geben würde...?

Ein letztes Mal ging eine Welle von Geschäftigkeit durch die Zentrale, wurden die Standorte der einzelnen Schiffe fixiert und koordiniert, bis alle Korrekturen aufs genaueste ausgeführt waren. Dann hingen alle 240 Schiffe genau über den vorbestimmten Punkten, nur noch 100 000 Kilometer vom Marco entfernt. Steinern wirkte das Gesicht des Admirals, als er nun die letzten Befehle gab: „Zell-Desintegratoren einschalten und auf maximale Leistung abstimmen. Einsatz in zwanzig Sekunden; ich zähle ... zwanzig ... zehn ... fünf, vier, drei, zwei, eins — Feuer!“

Keiner von uns, Kosietzky ausgenommen, hatte noch den praktischen Einsatz dieser unheimlichen Waffe erlebt. Unwillkürlich strengte sich jeder an, um auf den Bildflächen etwas zu erkennen, doch natürlich vergebens. Es war etwa dasselbe, als versuchte man, sich die Farben jenseits des für unser Auge sichtbaren Spektrums vorzustellen. Die Projektoren sandten eine vollkommen unsichtbare und lautlose Strahlung aus, eine elektromagnetische Frequenz, deren Wellenlänge ungefähr im Bereich der kosmischen Primärstrahlung lag, die aber gebündelt und auf eine bestimmte Fläche ausgerichtet werden konnte. Sie mussten aber zuvor genauestens auf die Zellstruktur der anzugreifenden Lebewesen abgestimmt sein; die Moleküle einer Körperzelle, die einem sauerstoffatmenden Organismus angehört, unterscheiden sich in ihrem Aufbau naturgemäß wesentlich von denen eines Wesens, das in einer Methan- oder Kohlenoxydatmosphäre lebt. Ihren Aufbau zu zerstören und dadurch den Tod des betreffenden Lebewesens herbeizuführen, bedingte eine genaue Kenntnis über den Aufbau selbst, deshalb waren auch meine diesbezüglichen Forschungen so wichtig gewesen. Entsprach die ausgesandte Strahlung nicht genau den Schwingungen innerhalb der einzelnen Molekülketten, blieb sie vollkommen wirkungslos.

Waren die Desintegratoren aber richtig eingestellt, erzielten sie eine unheimliche, grauenvolle Wirkung. Die Moleküle innerhalb der einzelnen Körperzellen verloren ihren Zusammenhalt, die

Details

Seiten
900
Jahr
2021
ISBN (eBook)
9783738949292
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2021 (März)
Schlagworte
manche planeten science fiction abenteuer paket Alfred Bekker Sammelband Nomazon

Autoren

  • Alfred Bekker (Autor)

    33 Titel veröffentlicht

  • Harvey Patton (Autor)

  • Wilfried A. Hary (Autor)

  • Marten Munsonius (Autor)

  • Antje Ippensen (Autor)

  • Bernd Teuber (Autor)

  • Freder van Holk (Autor)

  • Hubert Hug (Autor)

  • Allan J. Stark (Autor)

Zurück

Titel: Manche Planeten sind verboten: Science Fiction Abenteuer Paket