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Der Eiserne

2021 126 Seiten

Zusammenfassung


Eine Frau und ein Dutzend harter Männer beabsichtigen den Wagentreck und eine große Rinderherde in den Norden zu bringen.
Alle wissen um die Gefahr, die um sie herum lauert: Indianer planen einen Aufstand gegen die Weißen. Guy Marion mit angeheuerten Banditen hat es auf die Wagen abgesehen und will sie an sich bringen.
Und dann stößt ein Mann zu ihnen, der sich als Marshal ausgibt. Doch Jim Stone ist misstrauisch …

Leseprobe

Table of Contents

Der Eiserne

Copyright

1

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7

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Der Eiserne

Western von Glenn Stirling

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 126 Taschenbuchseiten.

 

Eine Frau und ein Dutzend harter Männer beabsichtigen den Wagentreck und eine große Rinderherde in den Norden zu bringen.

Alle wissen um die Gefahr, die um sie herum lauert: Indianer planen einen Aufstand gegen die Weißen. Guy Marion mit angeheuerten Banditen hat es auf die Wagen abgesehen und will sie an sich bringen.

Und dann stößt ein Mann zu ihnen, der sich als Marshal ausgibt. Doch Jim Stone ist misstrauisch …

 

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

Alfred Bekker

© Roman by Author

© COVER FIRUZ ASKIN

© dieser Ausgabe 2021 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

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1

„Ich rechne jede Stunde mit einem Überfall durch Guy Marion“, sagte Jim und sah Marja Flood mahnend an. „Wir haben Cheyenne hinter uns, und jetzt wird Marion alles versuchen, uns aufzuhalten oder zu vernichten. Stanton ist noch bei ihm. Dieser merkwürdige Bursche von einem Richter scheint mir noch geschäftstüchtiger zu sein als Marion.“

Marja Flood war an das Hinterrad ihres Wagens getreten und blickte an Jim vorbei auf das Lager, das sie für diese Nacht errichtet hatten. Jetzt war es noch nicht dunkel. Die Wagen standen im Karree, die Herde der Stones lagerte weiter drüben am North Fork Platte River. Drei Cowboys aus Jim Stones Mannschaft ritten mit eintönigem Singsang um das Vieh, um es ruhig zu halten. Mitten zwischen den Wagen hatten die Fahrer ein Feuer entfacht, dessen Rauch bis zu Marja herüberwehte. Am Küchenwagen unterhielten sich Marjas erster Fahrer Stanky und der neue Mannschaftskoch der Stones, der seit Cheyenne mit dabei war. Ihr bisheriger Trailkoch hatte dort beim Doc wegen einer ganz üblen Blutvergiftung zurückbleiben müssen.

Dieser neue Trailkoch schien eine besondere Nummer zu sein. Er war ein hitzköpfiger Bursche, der unentwegt Streit suchte, aber sein Metier offenbar sehr gut beherrschte. Seit Cheyenne gab es erstklassiges Essen.

„Da kommen Andy und Johnny zurück — mit einem dritten Mann“, sagte Jim Stone und hielt schirmend die Hand über die Augen, um besser gegen die tief stehende Sonne sehen zu können.

„Du hattest sie schon am Vormittag vorausgeschickt, Jim. Sie sind lange weg gewesen. Ob das einer von Marions Leuten ist, den die da ...“

„Nein. Es ist ein Marshal. Ich sehe den Stern.“ Jim hatte sein Fernglas genommen und sagte weiter: „Er hält den rechten Arm so merkwürdig steif nach unten — vielleicht ist er verletzt. Wir werden sehen, was er will.“

Kurz darauf ritten Andy und Johnny auf den Lagerplatz. Der Marshal folgte ihnen dichtauf.

Jim ging ihnen, gefolgt von Marja, entgegen. Andy sprang aus dem Sattel und rief: „Es wimmelt hier von Oglalla Indianern. Überall Abdrücke von unbeschlagenen Hufen. Und der dort, das ist Bat Morgan. Er ist Marshal aus Cheyenne und hat einen Gefangenen von den Bad Lands herunter mitgenommen. Unterwegs ist er von Oglallas beschossen worden. Wir haben ihn gefunden. Sie waren beide mit Handschellen aneinandergefesselt. Der Gefangene war tot.“

Jim tippte an die Hutkrempe, grüßte knapp und nannte seinen Namen.

„Wir sind mit zwölf Wagen und dieser Herde auf dem Weg nach Montana. Sind Sie verletzt?“ Jim wies auf das Blut an Morgans rechtem Handgelenk, wo immer noch die Handschelle hing.

„Nein, es ist das Blut des ... des Gefangenen. Wir mussten ihm die Hand abtrennen, weil ich irgendwo bei der Schießerei mit den Dakotas den Schlüssel für die Handschellen verloren hatte. Vielleicht können wir hier die Dinger abkneifen.“

Jim nickte nur und betrachtete den Mann. Morgan war schlank, hatte blondes Haar und ein tiefgebräuntes Gesicht. An seinen Händen verrieten verhornte Lassonarben, dass er lange als Cowboy geritten war. Etwas allerdings machte Jim stutzig, und er wunderte sich, dass Andy noch nicht daraufgekommen zu sein schien: Bat Morgan trug den Revolver rechts, hatte auch die Handschelle rechts. Eigenartig für einen Marshal, der sich den Gefangenen doch logischerweise an die linke Hand nahm, um die Rechte für den Revolver freizuhaben.

„Wollen Sie zurück nach Cheyenne?“, fragte Jim.

Bat Morgan sah ihn aus hellblauen Augen an.

„Nein, vorläufig noch nicht. Ich muss sehen, dass ich nun wenigstens den zweiten Mann fange, der zu der Bande gehört hat.“

So ehrlich dieser Bat Morgan aussehen mochte, Jim glaubte ihm nicht ein einziges Wort.

„Was haben die denn angestellt?“, erkundigte er sich.

„Überfall auf die Butterfield Mail. Waren zu zweit. Aber sie haben sechstausend Bucks mitgenommen. Der, den ich geschnappt hatte, der war blank. Also muss ich jetzt sehen, den anderen zu fassen. Er steckt noch irgendwo oben im Bad Land. Ich finde ihn schon.“

„Ziemlich leichtsinnig, allein hinaufzuziehen. Es wimmelt von Oglalla Dakotas, sagte mir mein Bruder“, erklärte Jim.

Bat Morgan sah Marja an, lächelte und winkte lässig ab.

„Kein Problem.“

Marja musterte ihn auf die durchdringende Art, wie sie es immer tat, wenn sie einem Mann gegenüberstand, der noch das Wort Mann verdiente. Ihr Blick hatte etwas Entkleidendes, aber Bat Morgan fand es offenbar nicht unangenehm. Er sah ebenso zurück, und welche Gedanken dabei sein Hirn durchzogen, meinte Jim schon erraten zu haben. Marja war nicht nur hübsch, man sah ihr auch an, dass sie zu einer ganzen Portion Leidenschaft fähig war. Etwas, das in diesem frauenarmen Land einen vollblütigen Mann in helles Feuer versetzen konnte. Bat Morgan sah nicht wie ein Eunuch aus.

Irgendwie ahnte Jim in diesen Minuten, dass dieser Bat Morgan für ihn selbst doch so etwas wie ein Problem werden sollte. Schon sein Blick auf Marja kündigte allerlei an. Aber es schien noch mehr dahinterzustecken. Jims Verdacht, dass dieser Bat Morgan nicht der Marshal, sondern der Gefangene gewesen war, verdichtete sich, als Andy berichtete:

„Der Gefangene hatte einen glatten Herzschuss. Schweres Kaliber. Ein Hawken oder vielleicht sogar Sharps. Ausschuss hinten wie eine Kanonenkugel. Und der Marshal hat verdammt Schwein gehabt. Ich habe die Hufspuren von etwa zwanzig Pferden gesehen. Weiter entfernt bin ich dann auf drei tote Oglallas gestoßen, die sich noch bis dahin geschleppt hatten. Der Marshal hat sie mit dem Revolver angeschossen, doch hätte er besser das Gewehr genommen. Es steckte noch im Sattelschuh seines toten Pferdes. Den Gaul des Gefangenen haben wir heil gefunden. Er sitzt jetzt drauf — der Marshal.“ Er fügte die letzten Worte nach einem kurzen Zögern zu, und daran merkte Jim, dass sein Bruder auch schon Lunte gerochen hatte.

Jim wollte etwas sagen, doch Marja kam ihm zuvor.

„Nun sattelt ab und esst! Der neue Koch, den wir haben, macht prächtiges Essen. Finde ich jedenfalls.“ Sie sah wieder Morgan an, taxierte ihn auf ihre unnachahmliche Weise, und Jim begann sich zu ärgern. Als sie ihn einmal ansah, lächelte sie, trat dicht neben ihn und flüsterte: „Aber Darling, du machst ein Gesicht ... Ich glaube, du überlegst wieder zu viel.“ Sie kniff ihm in die Wange, lachte und huschte davon, als er ihren Arm festhalten wollte.

Bat Morgan saß ab und fragte: „Wo habt ihr eine Zange, Mr. Stone?“

Jim winkte Stanky, der schon die ganze Zeit zugehört hatte, und sagte zu dem alten Fahrer: „Stanky, such mal im Wagenkasten, ob du nichts findest, ihm die Ketten zu lösen!“

Stanky wollte Jim etwas sagen, das die anderen nicht hören sollten. Er gab Jim Zeichen, doch der achtete bewusst nicht darauf, sondern ging zum neuen Chuckwagen hinüber, an dessen Dutchofen der neue Koch hantierte.

Der Koch war so groß wie Andy, also ein Hüne. Er hatte eine Glatze, die so sonnenverbrannt war, dass sich die Haut wie altes Pergament schälte. Doch die Hände des schwergewichtigen Kochs waren fein wie die eines Chirurgen. Dabei platzte das Hemd fast über den Muskeln dieses Mannes.

„Puck“, sagte Jim so leise, dass nur der Koch ihn hören konnte, „wie lange bist du in Cheyenne gewesen, bevor wir dich mitgenommen haben?“

„Ein Vierteljahr“, erwiderte er mit abgrundtiefer Bassstimme.

„Du hast diesen Marshal dort gesehen. Ist er dir auch in Cheyenne begegnet? Kennst du ihn?“

Puck schüttelte den Kopf.

„Nein, aber das ist nicht weiter von Bedeutung, Häuptling, weil sie in Cheyenne an die zehn Deputy Marshals haben, die unentwegt unterwegs sind, um irgendwelche krummen Kanonensöhne einzufangen.“

„Hmm, ich werde ihn mal fragen, wann er zum letzten Mal in der Stadt gewesen ist. Vielleicht müsstest du ihn doch gesehen haben.“

„Wenn er in dem Vierteljahr in der Stadt war, habe ich ihn gesehen. Doch den dort nicht.“

„Wie viele Portionen Essen hast du noch?“

„Ich mache jetzt die Sauerteigbiskuits zurecht, da gebe ich kein Essen aus, Häuptling. Entweder gutes Brot oder ein Koch, der zu allen Tages- und Nachtzeiten auf irgendwelche Hurensöhne wartet, um ihnen Portionen auszugeben. In zwei Stunden, wenn das Brot im Ofen ist. Vorher nicht.“

Jim sah den Hünen an, und der machte ein Gesicht, als sei seine Auskunft etwas Unumstößliches.

„Puck, ich bin hier Boss. Wenn ich dir sage, du gibst jetzt an Andy, Johnny und diesen Bat Morgan Essen aus, was tust du da?“

„Ich spucke dir vor die Stiefel, Häuptling, weil ich jetzt mit dem Sauerteig zu tun habe und nicht mit diesen Söhnen einer rostigen Kanone. Nun weißt du es!“

Indessen hatten sich die Fahrer, einige Cowboys aus Jims Mannschaft und auch Andy mit Johnny und Bat Morgan um den Chuckwagen versammelt. Sie bildeten einen Kreis. Marja tauchte eben auf und stellte sich wie von ungefähr neben Bat Morgan, der indessen seine Handschellen losgeworden war.

„Soll ich diesen Zwerg auf unsere Kragenweite umarbeiten?“, fragte Andy.

Jim schüttelte den Kopf.

„Nein, er wird jetzt drei Portionen abfüllen und an euch ausgeben. Er hat drei Sekunden Zeit, damit anzufangen.“

Puck grinste.

„Ich habe für andere Burschen als euch gekocht. Vor dem Krieg und dann, als sie die Bahn angefangen haben. Solche abgebrochenen Riesen, wie ihr es seid, waren nicht dabei. Also schert euch zum Teufel und lasst euch in zwei Stunden wieder sehen, wenn meine Brote fertig sind!“ Er wandte Jim den Rücken zu und zog den Bottich mit dem Mehl heran, griff zu der irdenen Schüssel, in der sich sein kostbar gehüteter Sauerteig befand, und wollte ihn gerade ins Mehl kippen, als Jim hinter ihn getreten war, ihn an der Schulter packte und herumriss.

Diesen Bullen umzudrehen, dazu gehörte eine Menge Kraft. Als Jim es tat, sah es aus, als wirbele er eine Feder herum.

Puck reagierte blitzartig. Er riss die Schüssel mit dem Sauerteig hoch, stieß sie nach Jims Kopf, doch der tauchte weg, und der schleimige, schlierige Gärteig klatschte über ihn hinweg direkt gegen Stankys Brust. Stanky kreischte vor Wut, und ringsum brach alles in brüllendes Gelächter aus.

Jim aber sah das alles nicht. Er wuchtete seine Rechte mit der Gewalt eines Rammbockes in die Hüfte des Hünen. Der Koch taumelte zur Seite, doch da hatte er sich schon wieder gefasst. Bevor Jim heran war, um einen neuen Schlag zu landen, hatte der Koch das lange Teigmesser in der Hand, holte aus und wollte zustechen. Doch Jim sprang ihm mit beiden Beinen in den Unterleib, stieß sich ab, stürzte, rollte herum und war wieder hoch, als der Koch gegen den glühend heißen Dutchofen krachte, aufbrüllte wie ein verwundeter Stier und dann nach vorn stürzte. Das Messer hatte er verloren, aber nun war er auch ohne Waffe wie ein angeschossener Elefant. Er geiferte vor Mordgier und kam mit angewinkelten Armen auf Jim zu. Der tänzelte zur Seite, als der Koch dicht vor ihm war. Trotzdem bekam Puck ihn mit einer Hand zu fassen. Doch da traf ihn ein Tritt gegen das Schienbein, und er schrie erneut wie ein Seelöwe. Trotzdem ließ er diesmal nicht locker und riss Jim herum, und Jim geriet zwischen die muskelstrotzenden Arme des Hünen. Sekundenlang wurde sein Brustkorb wie in einem Schraubstock gepresst, doch da riss er das Knie hoch und traf Puck mit voller Wucht an der empfindlichsten Stelle eines Mannes.

Puck heulte auf. Sein Griff wurde locker, und Jim erwischte jetzt den kleinen Finger des Muskelmannes, bog ihn herum, konnte den Arm von sich lösen und sprang nach vorn, ohne Pucks Finger loszulassen.

Entsetzt schrie Puck auf, als sein Finger brach. Dann stand er wie betäubt, und Jim wirbelte erneut herum, schlug mitten in das ungedeckte Gesicht des Kochs, zweimal, dreimal, und endlich zeigte dieser zweibeinige Bulle Wirkung. Mit einem Leberhaken riss Jim ihn endlich von den Beinen. Zusammengekrümmt vor Schmerzen setzte sich Puck neben seinen Dutchofen.

„Genug?“, fauchte Jim atemlos.

Der Koch deutete nur ein Nicken an. Zum Reden war er nicht fähig.

„Gibst du jetzt die Portionen aus?“, fragte Jim, noch immer mit einem Gefühl in der Brust, als sei ihm eine halbe Büffelherde darübergestiegen. „Los, steh auf und fang damit an!“, sagte Jim und drehte sich um. Immer noch stand Marja neben Bat Morgan, und wie es schien, stand sie sehr gern dort.

Hätte Puck nicht schon am Boden gelegen, wäre Jim am liebsten noch einmal auf ihn los, nur um seinen Zorn abzukühlen. Jim war aber noch nicht so weit, um sich zu sagen, dass es ihm Grunde diese Wut war, die ihn dazu brachte, auf Pucks Widerworte so heftig zu reagieren. Sicher, den Koch musste er stutzen. Wenn er das nicht gleich vor der Mannschaft tat, war jeder Respekt dahin. Sie wollten es so haben, und nun hatten sie es alle gesehen und fanden es ganz in der Ordnung. Jim war der Boss, und Puck hatte ihm widersprochen. Jetzt befand sich alles wieder in Reih und Glied.

Johnny grinste Jim an.

„Beinahe hätte er dich in seiner Stahlpresse zu Mus gemacht, was?“, sagte er.

„Der Stahl hat nichts getaugt“, meinte Andy. „Ist ganz krumm.“ Er deutete auf Puck, der aufgestanden war und gekrümmt an dem Rad des Küchenwagens lehnte, immer noch von Schmerzen gequält. Jim hätte ihm gern noch ein paar Erholungsminuten gegönnt, doch nun musste er hart sein. „Puck, was ist mit den drei Portionen?“, fuhr er den Koch an.

Puck sah mit verzerrtem Gesicht auf.

„Ja, ja“, krächzte er, „kommen sofort ...“ Dann machte er sich daran, die Blechteller herauszusuchen. Dabei schienen starke Schmerzwellen seinen Körper zu peinigen, doch er zwang sich, wenig davon zu zeigen.

Bat Morgan lächelte und sagte: „Das nächste Mal wird er wissen, wie er es machen muss.“

Jim sah das zynische Lächeln Morgans und erwiderte kühl: „Es wird für ihn kein nächstes Mal geben. Und für andere Vögel habe ich andere Methoden, darauf können Sie Gift nehmen, Morgan.“ Sprach’s und wandte sich um. „Andy, wie sieht es sonst vorn aus?“

„Bis auf die herumstreifenden Oglallas nichts. Von Marion keine Spur.“

„Das Essen!“, krächzte der Koch. „Holt es euch, ihr Hundesöhne!“

Johnny grinste zufrieden und warf seinem älteren Bruder einen anerkennenden Blick zu.

Andy ging zum Chuckwagen und brummte: „Lange genug hast du ja gebraucht, du verfluchter Pfannenschwenker.“

 

 

2

Wie eine Insel ragte Fort Laramie am Ufer des Laramie Rivers aus der Ebene, die bis zum North Fork Platte reichte, in den der Laramie River floss. Drei Meilen von hier.

Um die Palisaden herum hatten sich kleine Häusergruppen gebildet, doch sie wirkten aus der Entfernung wie schutzsuchende Schafe neben einem Brahmastier. Unzählige Wagenspuren, die sich wie Spinnweben um das Fort und seine nähere Umgebung verflochten, bewiesen, wie wichtig diese Befestigung in der Wildnis war. Im Umkreis von drei Meilen war so gut wie jeder Baum abgeholzt. Schussfeld für die fünfzölligen Kanonen des Forts.

Lieutenant Colonel J. B. Lamine befehligte hier einmal sechshundert Soldaten, davon waren nicht mehr als zweihundert im Fort. Dreihundert führten einen aussichtslosen Krieg gegen rebellierende Dakotas, und da sie in kleinen Patrouillen überall im Land verstreut herumritten, um weiße Siedler zu schützen, hatten sie von vornherein ihre Schlagkraft vergeben.

Die Sioux aber begannen sich zu einigen. Oglallas, Hunkapapas, nach vielen internen Streitigkeiten nun auch noch die Cheyennes als Partner, wurden immer mächtiger. Jetzt hatten sie auch Wege gefunden, sich mit modernen Waffen zu versorgen. Immer mehr Sioux besaßen statt uralter Vorderlader oder eben nur Pfeil und Bogen nun auch Repetiergewehre.

Als Jim Stone weit vor der Herde und den Wagen mit seinem Bruder Andy zum Fort kam, herrschte dort große Aufregung. Bald erfuhren die Stones den Grund. Ein Munitions- und Waffenkonvoi war von Weißen überfallen worden. Zwei Wagen hatten die Banditen entführt, und fast gleichzeitig waren Cheyennes und Oglallas gekommen und hatten die Männer des Konvois so beschäftigt, dass nicht einer auf die Idee gekommen war, die beiden entführten Wagen zu verfolgen. Die übrigen Wagen kamen schließlich zum Fort. Zehn Männer des Konvois lagen auf der Strecke, hastig begraben wie so mancher Blaurock in diesem Lande. Die Cheyennes und Oglallas hatten sich die beiden Wagen etwas kosten lassen. Mehr als sechzig Krieger waren bei dem Überfall gestorben, aber nicht einer der Weißen, die zuvor den Holdup auf die Munitionsfahrzeuge gestartet hatten.

Im Fort lief alles durcheinander wie in einem Bienenhaus. Jim und Andy versorgten im Public Corral ihre Pferde und hörten die Geschichte innerhalb einer halben Stunde noch fünfmal, ehe es ihnen gelang, bis zum Settlement Officer durchzudringen.

Der knochige Mittvierziger saß hochroten Kopfes in seinem kleinen Haus, das wie ein Nest am Hauptgebäude klebte. Wie es Jim schien, hatte der Mann im Augenblick kaum ein Ohr für seine beiden Besucher. Immer wieder tauchten junge Soldaten auf, die ihm schriftliche Befehle des Kommandanten überbrachten.

Endlich sah er einmal auf, begrüßte Jim und Andy knapp.

„Ich bin hier in diesem Paradies der Blaubäuche der einzige Zivilist, wenn Sie von den fünf Scouts einmal absehen. Warden ist mein Name. Nehmen Sie Platz!“

Jim erklärte ihm, dass er mit seiner Herde und den zwölf Wagen Marja Floods auf dem Weg nach Norden sei.

Warden nickte. „Ich weiß es schon.“ Er tippte auf einen der Befehle, die er vor sich liegen hatte. „Da steht es. Und Sie werden sich hoffentlich nicht wundern, dass die Armee Ihre Wagen durchsucht, weil sie sich vielleicht einbildet, da könnten die gesuchten Waffen stecken. Der Colonel ist wie verrückt nach den Weißen, die ihm diesen Zwischenfall bereitet haben. So etwas ist hier noch nie passiert. Hier oben hielten bislang die Zivilisten fest mit der Armee zusammen. Gegen die Rothäute, versteht sich. Doch ... dass Weiße offenbar mit den Rothäuten gemeinsame Sache machen, war noch nicht da. Es hat Colonel Lamine die Sprache verschlagen.“

„Das ist nicht unser Problem, Mr. Warden. Wir wollen nach Norden, und ich muss wissen, wie es damit aussieht.“

Warden strich sich über sein graues Bürstenhaar und erwiderte: „Saumiserabel. Es ist ein Befehl unterwegs, der alle die Patrouillen zurückruft, die hier im Land verstreut operieren. Lieutenant Colonel Lamine will das Fort wieder schlagkräftig machen und nur noch geballt etwas unternehmen. Ich weiß, dass er vorhat, mit vierhundert Mann die Wege nach Norden frei zu machen und zusammen mit Colonel Carrington ein paar Befestigungen zu errichten. Ich würde sagen, Mr. Stone, dass Sie mit Ihren Wagen und der Herde hier überwintern. Sehen Sie zum Fenster hinaus! Es hängt schon Schnee in der Luft. Hier haben Sie noch Schutz, nicht nur vor den Dakotas, sondern auch Schutz für das Vieh. Natürlich ist die Fütterung einer solch großen Herde ein Problem. Doch wenn Sie bis in die Wälder ...“

„Sinnlos. Ich muss das Vieh am Laufen halten. Ich muss weiter. Ein paar Tage Schnee sind nichts gegen einen ganzen Winter an dieser Stelle. Ich würde die Hälfte der Rinder einbüßen, und diejenigen, die dann noch herumlaufen, sind so dürr, dass wir bestenfalls unsere Hüte dranhängen können, aber keinen Schritt weiter treiben dürfen. Nein, Mr. Warden, wir müssen weiter.“

Andy war aufgestanden.

„Ich sehe mal nach draußen“, sagte er und ging rasch hinaus. Jim konnte sich denken, dass Andy vorhin am Fenster etwas entdeckt haben musste, was seine Aufmerksamkeit erregte.

„Waren in den letzten Tagen andere Weiße hier, ein gewisser Guy Marion und ein Richter Stanton?“, fragte Jim. „Ein Wagenzug wie unserer.“

„Die Namen habe ich nie gehört. Nein, Wagen sind außer dem Transport keine gekommen, aber da ...“ Warden unterbrach sich und blickte zur Tür. Ein mittelgroßer, gertenschlanker Mann in der Uniform eines Oberstleutnants trat ein. Sein Haar war grau, die linke Gesichtshälfte wurde von einer tiefen Säbelnarbe gezeichnet; Erinnerung an Lamines Einsatz im Bürgerkrieg.

„Das ist Mr. Stone, der mit den Rindern und den Wagen kommt und damit nach Norden will“, erklärte Warden. „Mr. Stone, das ist Lieutenant Colonel Lamine.“

Lamine grüßte lässig. „Hallo, Mr. Stone! Haben Ihre Wagen auch Waffen geladen?“

„Nein. Und es sind nicht meine, sondern Miss Floods Wagen, Colonel.“

Lamine setzte sich auf einen der grobgezimmerten Stühle.

„Mr. Stone, ich muss die Wagen trotzdem untersuchen lassen. — Und was Ihren Weg nach Norden angeht, sollten Sie damit bis zum Frühjahr ...“

„Mr. Warden sagte das bereits. Ich kann nicht so lange mit den Rindern warten. Tut mir leid, aber wir müssen es wagen.“

Lamine nickte. „Ich begreife das, weil ich selbst aus einem Haus stamme, das von der Viehzucht lebt. Aber trotzdem ist es undurchführbar. Ich habe präzise Nachrichten. Cheyennes und Oglallas haben sich ausgesöhnt. Da ist so eine Sache in den Black Hills passiert, ein Irrtum, aber die Sioux nehmen es uns übel, dass die Armee eines ihrer Dörfer zerschossen hat. Nun, das ist nicht wieder auszubügeln. Jedenfalls steht der Winter vor der Tür, und die Büffelherden sind weit nach Süden gezogen, dabei gibt es gar nicht mehr solche Unmengen davon. Die Indianer können nicht, wie sie es früher taten, dem Fleisch nachziehen. Wir nageln sie ja praktisch hier fest, und deshalb werden ihnen Ihre Rinder sehr willkommen sein.“

„Vielleicht wird es salziges Fleisch für sie werden.“

Lamine nickte.

„Ich zweifle nicht daran, dass Sie und Ihre Leute es denen hart genug servieren. Aber ich verstehe auch etwas von den Dakotas, Mr. Stone. Sie kommen keine fünfzig Meilen weit. Das ist ungefähr die sicherste Prognose, die ich Ihnen geben kann.“

Warden mischte sich ein.

„Colonel, Sie wollten doch, wenn die Patrouillen zurück sind, eine gewaltsame Erkundung nach Norden machen, damit im Frühjahr, wenn Colonel Carrington mit seiner Truppe eintrifft, alles ...“

Lamine unterbrach ihn mit einer abrupten Handbewegung.

„Gut, Jool, gut, aber nur, wenn der Schnee auf sich warten lässt. Er wird aber nicht warten. Ich wette mit euch, dass es keine acht Tage mehr dauert, und alles ist hier weiß wie ein Leichentuch.“

„Dann muss ich erst recht weiterziehen. So rasch wie möglich.“

Lamine musterte Jim Stone, und der Colonel war ein Menschenkenner. Er kannte diese Sorte, die dem Teufel in den Rachen spuckt, die durch dreizehn Höllen reitet — und wenn sie den Teufel am Ende selbst als Reittier benutzen muss. Es schien ihm sinnlos, diesem Jim Stone etwas auszureden, obgleich es hundert zu eins stand, dass er spätestens nach fünfzig Meilen mitsamt seinen Leuten und der Herde ein Opfer der Sioux werden würde.

„Hören Sie, Mr. Stone, ich mache Ihnen einen praktikablen Vorschlag“, sagte Lamine fast väterlich. „Sie warten hier eine Woche. Bis dahin sind zweihundert meiner Patrouillenreiter zurück. Sie lassen mir hundertfünfzig Rinder hier, die ich zum Armeeeinheitspreis bezahle. Dann stelle ich Ihnen einen hervorragenden Scout und gebe Ihrer Herde mit achtzig Soldaten Geleit auf einer Strecke von hier bis zum Big Horn River.“

„Danke, ein guter Vorschlag, bis auf die acht Tage des Wartens, Sir. Es könnten entscheidende Tage sein.“

„Ich kann Ihnen erst das Geld geben, wenn die entsprechende Anzahl Soldaten wieder im Fort ist. Die Truppe, die ich hier habe, brauche ich dringend für die Holzkommandos, die von hier aus geschützt werden. — Also?“

Jim fand diesen Vorschlag gar nicht schlecht. Nur die Tatsache, noch acht Tage hier warten zu müssen, behagte ihm wenig. Trotzdem gab es im Augenblick keine bessere Lösung. Schon auf dem Weg hierher war es Jim und Andy klargeworden, dass in dieser Gegend die Indianer noch das Sagen hatten und es ihnen leichtfiel, mit einer gigantischen Übermacht Jims Mannschaft und auch die von Marja völlig zu zerschlagen. Die Rinderherde musste für die Dakotas wie Speck sein, der sie alle heranlockte.

„Gut, Colonel, ich für meinen Teil, also für meine Leute und die Herde, bin einverstanden. Marja Flood wird bald hier sein, und wir können sie fragen, ob sie einwilligt. Aber praktisch hat sie kaum eine andere Wahl.“

„Danke, Mr. Stone, das klingt alles sehr vernünftig.“ Lamine nickte Jim zu.

„Wir sehen uns später noch. Bis dann ...“ Er wollte gehen, aber da ging die Tür von außen auf, und Andy kam mit schwerem Schritt herein.

Lamine blieb überrascht stehen. Jim wollte ihn mit Andy bekannt machen, doch Andy platzte heraus: „Ich habe mit den Jungs vom Transportkonvoi gesprochen. Sie haben einige der Burschen erkannt, die jene zwei Wagen abgeholt haben. Jim, die Beschreibung, passt auf die Männer von Guy Marion. Und Guy selbst war auch dabei. Da gibt es keinen Irrtum. Guy ist einmalig, und die Beschreibung, die der Sergeant mir davon gegeben hat, ist hundertprozentig. Es ist Guy mit seinem Haufen gewesen. Du weißt doch, dass sie in Cheyenne zwei Kerle aufgegabelt haben, diese Zwillinge, die sich ,Walking Guns’ nennen. Genau die beiden waren vorneweg. Guy Marion, Stanton und die Walking Guns.“

„Was sagen Sie da?“, fragte Lamine scharf. „Sie kennen diese räudige Bande, die auf unsere Wagen ...“

„Ja, Sir, es scheint, als würden wir die kennen. Und ob wir sie kennen!“

Lamine war sprachlos. Er sah Jim an, dann Warden und zuletzt wieder Andy. Zu Andy musste er aufsehen, denn der Hüne überragte den Offizier fast um Haupteslänge. Plötzlich aber platzte er heraus: „Mr. Stone, wenn es wahr ist, dass Sie diese Hurensöhne kennen, dann gibt es nur eines: Sie müssen mir helfen! Ja, Sie müssen es möglich machen, dass wir verhindern, solche Schwefelbande an die Dakotas Waffen liefern zu lassen. Auf den zwei Wagen befanden sich fast dreihundert Gewehre. Nicht irgendwelche Gewehre, sondern eine verbesserte Konstruktion der New Haven Company, die ein gewisser Mr. Winchester, der Direktor dieser Waffenfabrik, gemeinsam mit Remington und Springfield hergestellt hat, extra für die Armee. Mr. Stone, das ist eine Henry Büchse, die von sagenhafter Qualität ist. Man kann damit wie bisher fünfzehn 44er Patronen, aber bei einigen Modellen auch dreißig Schuss mit Kaliber 30 abschießen. Das Repetiersystem ist verbessert, die Munition ist völlig verändert und von unerhörter Brisanz. Davon haben die Rothäute dreihundert Gewehre und eine ganze Kiste Munition von nahezu zwölftausend Schuss. Eine einzige Attacke der Rothäute mit diesen Waffen auf eine unserer Patrouillen, die noch immer die alten Springfield haben, ist bereits ein Massaker, schlimmer als alles, was davon dagewesen ist.“

„Ich bin sicher, dass die Munition und die Gewehre längst in den Händen der Indianer sind“, sagte Jim. „Der Ablauf des Überfalls garantiert das.“

Lamine wischte sich den Schweiß von der Stirn, obgleich es in diesem Raum gar nicht so warm war. Doch für ihn schien die Luft zu kochen.

„Ich möchte wissen“, seufzte er, „zu welcher Kategorie Mensch man solche Burschen zählen muss, die Waffen an die Indianer verkaufen. Und weiter möchte ich wissen, was sie sich davon versprechen.“

„Vielleicht werden wir Ihnen bald eine Antwort darauf geben können, Sir“, sagte Andy. „Wie ich Marion kenne — falls er es gewesen ist —, wird er die Sioux anheizen, für ihn zu arbeiten.“

Lamine schüttelte den Kopf.

„Sollte er das glauben, wird er sich wundern. Die Dakotas lassen sich nur für ihre eigenen Interessen anheizen, für sonst nichts.“

Ein Melder trat ein, nahm Haltung an und schnarrte: „Sir, eine große Rinderherde lagert zwei Meilen vom Fort. Eine Kolonne von zwölf Wagen nähert sich dem Fort.“

„Sagen Sie Lieutenant Carridge, er soll sofort mit drei Mann entgegenreiten. Der Wagenzug steht unter Quarantäne, bis die Wagen durchsucht sind.“

Der Melder ging noch nicht. „Sir, ich habe noch eine wichtige Nachricht!“

„Heraus damit, was ist es?“

Der Melder zögerte, doch Lamine sagte: „Nun los, Sie können reden!“

„Sir, der Waffenoffizier des Transportes lässt Ihnen sagen, dass alle Gewehre der geraubten Wagen ohne Verschlüsse sind. Die Verschlüsse waren in einer gesonderten Kiste. Somit wären die geraubten Gewehre alle unbrauchbar.“

Lamine schnappte vor Überraschung nach Luft. Dann aber fasste er sich, schlug Jim, der neben ihm stand, auf die Schulter und rief: „Das ist die Rettung! Verdammt, und jetzt jagen wir diese verfluchten Hundesöhne, die sich diese Schweinerei mit dem Überfall ausgedacht haben!“

 

 

3

„Schöne Bescherung!“, rief Guy Marion und sah Abe Stanton wütend an. „Während wir unsere Pelze hingehalten haben, damit aus der Sache etwas wird, erwischt ihr die falschen Wagen. Abe, du bist ein Rindvieh!“

Guy Marion nahm eines der Gewehre aus der Kiste und schleuderte es zornig auf den weichen Waldboden. Der untersetzte Mann schien einem Schlaganfall nahe zu sein. Sein runder Kopf war krebsrot vor Wut.

Abe Stanton, der einstige Richter von North Platte, stand auch hier mitten im Wald wie auf dem Gerichtstag würdig und bolzengerade da. In seinem kantigen Gesicht zuckte kein Muskel. Etwas wie Verachtung lag in seinem Blick, als er Guy Marion und dessen Gebaren beobachtete.

Als Abe Stanton noch immer schwieg, sah Guy Marion in die Runde. Da standen die Männer seines Wagenzuges, standen auch die zwölf Cheyenne-Indianer, die er mit viel Raffinesse angeworben hatte. Halb verkommen waren sie, und das Feuerwasser, das ihnen Marion regelmäßig einflößte, täuschte Kampfgeist und Kriegslust vor, die eigentlich schon lange nicht mehr vorhanden waren. Immerhin, diese zwölf Cheyennes hatten es fertiggebracht, für ein Versprechen von zwanzig Gewehren ihre kriegerischen Stammesbrüder zu Bundesgenossen des Wagenzugunternehmers werden zu lassen. Die waffengierigen Kriegsstämme riskierten so gut wie alles, um an neue Gewehre oder Munition zu kommen. Nun, Munition hatten sie. Doch nicht ein Gewehr, das erbeutet worden war, konnte benutzt werden. Überall fehlten die unerlässlichen Verschlüsse. Dreihundert neue Wundergewehre ohne Verschlüsse.

„Was jetzt? Die Cheyennes wollen zwanzig Gewehre. Mit der Munition allein sind sie nicht zufrieden. Woher soll ich jetzt zwanzig Gewehre nehmen, Abe?“, brauste Guy Marion auf.

Stanton blieb unerschüttert.

„Wir werden die Verschlüsse für mindestens hundert Gewehre auftreiben müssen, Guy.“

„Es sind keine gewöhnlichen Gewehre. Das sind neue Dinger, die es nirgendwo gibt. Also passen auch die alten Henryverschlüsse nicht. Was willst du da machen? Etwa im Fort holen?“

Stanton nickte und lächelte.

„Ja, wir holen sie uns im Fort. Der Transport ist indessen dort.“ Er wandte sich halb herum und winkte zwei Männern, die abseits der anderen standen. Beide ähnelten sich wie ein Ei dem anderen. Beide waren dunkelhaarig, hatten eine oliv farbige Haut und konnten ihre indianische Mutter nicht verleugnen. Ihr Vater war ein französischer Trapper gewesen. Deshalb hießen sie auch Duval. Doch dieser Name schien ihnen selbst schon fast entschwunden zu sein. Sie nannten sich die wandelnden Kanonen, und das waren sie auch. Ihr Äußeres ähnelte in vielen dem der Cheyennes, die stoisch dreinblickend im Halbkreis warteten. Auch wie sie trugen die Walking Guns Wildlederkleidung, Mokassins und an der Hüfte jeder einen messerscharfen Tomahawk. Wie sie sprachen sie indianischen Dialekt der Cheyennes und der Oglallas fließend. Doch ihre Revolver und die Gurte dazu erinnerten daran, als was sie sich fühlten und vorkamen. Tage, Wochen, Monate hatten sie trainiert. Ein Dutzend Menschen war „in Notwehr“ ihren Schüssen zum Opfer gefallen. Für harte Dollars hatten die Walking Guns Aufträge ausgeführt und ihre Quittung in Blei hinterlassen. Seit Cheyenne ritten sie für Abe Stanton, der sie schon von North Platte her kannte. Eine Zeit waren sie bei ihm „Deputies“ gewesen. Es musste eine schöne Zeit für sie gewesen sein, denn sie mochten beide den verbrecherischen Richter sehr.

„Ihr beiden“, sagte Stanton, „werdet das erledigen. Einverstanden?“

Die Walking Guns starrten nur. Keine ihrer Mienen verriet, wie sie darüber dachten. Left und Right nannten sie sich, Links und Rechts. Und so trugen sie auch ihre Waffen. Left war Linkshänder, sein Zwillingsbruder Rechtshänder. Mochte ihr Vater sie Tom, Garry oder Mike genannt haben. Die Welt kannte sie als Left und Right Walking Guns. Namen, die genügten, einem durchaus mutigen Mann eine Gänsehaut über den Rücken zu jagen.

„Wieviel?“, fragte Left, der immer die geschäftliche Seite der Aufträge zu regeln hatte.

Aber Stanton überlegte.

„Für jeden Verschluss, den ihr bringt, zehn Bucks, das ist ein Tausender, wenn ihr sie alle bringt, die ich brauche.“ Left nickte nur. „Denkt aber daran, dass wir nicht sehr viel Zeit haben!“, malmte Stanton.

Wieder nickte Left, während sein Bruder überhaupt keine Regung zeigte.

„Möchte wissen, wie die das anstellen wollen?“, maulte Guy Marion. „Als wenn es so einfach wäre, an die Verschlüsse zu kommen. Ihr hättet besser aufpassen müssen, als du und deine Leute die Wagen zurückgebracht habt, Abe! Der ganze Zauber war für die Katz. Jetzt spucken die Cheyennes, die uns geholfen haben, Gift und Galle, und wenn wir ihnen nicht bald die Gewehre mit den Verschlüssen geben können, machen die uns selbst am Ende fertig.“

„Es war deine Idee, den Teufel mit dem Beelzebub austreiben zu wollen“, erklärte Stanton zynisch. „Aber, mein lieber Guy, ich will dir hier vor allen sagen, was ich will: Wenn wir schon mit Rothäuten zusammenarbeiten, was mir nicht sehr sympathisch ist, dann sollen sie die Soldaten angreifen. In deinem Plan willst du sie auf die Rinder und die Wagen von den Stones und Marja Flood loslassen. Ist Unsinn, Guy! Die Rinder und die Wagen brauchen wir selbst. Ich bin der Ansicht, den Cheyennes noch viel mehr Gewehre zu geben, wenn wir erst die Verschlüsse haben. Und damit sollen sie das Fort und die Truppe angreifen und die so lange beschäftigen, bis wir in aller Ruhe mit den Stones fertig geworden sind. Das ist für uns jetzt kein Problem mehr. Denk nach! Wir haben seit Cheyenne wieder eine prima Ausrüstung, dazu noch meine Männer, die mir aus North Platte gefolgt sind. Das macht also eine Kampftruppe von nunmehr einundzwanzig Mann. Die Stones haben — wenn du sie selbst mitzählst und jeden Fahrer — gerade zwanzig. Mit unseren Fahrern sind wir schon über dreißig. Da habe ich uns beide nicht einmal mitgezählt. Es ist dabei nicht berücksichtigt, die zwölf Cheyennes mitzuschleppen, die du angeheuert hast. Schick sie mit ihren Brüdern gegen die Soldaten. Oder lass sie nach Hause gehen, wo du sie aufgegabelt hast.“

„Nun, die brauchen wir noch. Solange wir hier im Indianerland sind, gibt es keinen besseren Schutz für uns.“ Guy Marion, wandte sich den Männern zu. „Seid ihr einverstanden, dass wir Abes Vorschlag annehmen?“

Die Männer — ausgenommen die zwölf Cheyennes — nickten. Den zwölf Indianern, die nicht verstanden hatten, wurde Abes Vorschlag verschwiegen. Und selbst die Walking Guns waren trotz ihrer indianischen Mutter den Weißen mehr verbunden als ihren mütterlichen Ahnen. Sie sagten nichts, sondern machten ihre Pferde fertig, um den Auftrag auszuführen, den ihnen Stanton gegeben hatte. Alle anderen Männer gingen wieder zum Lagerfeuer zurück. Einige von ihnen, die Wache schieben mussten, begaben sich auf ihre Posten.

Guy Marion und Abe Stanton waren allein. Stanton blickte nach Nordwesten, wo sich der Wald lichtete und flaches Prärieland begann. Dort irgendwo musste Fort Laramie liegen. Gut zwanzig Meilen von hier entfernt. Aber sie hatten nicht vor, zu nahe am Fort vorbeizuziehen. Die Gründe dafür lagen auf der Hand.

„Ich werde zwei von meinen Leuten hinter den Walking Guns reiten lassen, damit wir wissen, was es geben wird“, sagte Guy Marion.

„Nicht schlecht. Schick sie nachher los! Sie sollen sich auch um das Fort kümmern und uns melden, wenn die Stones etwa weiterziehen.“

„So dachte ich es mir. Doch noch eine Frage: Wie stehst du zu Marja Flood?“

„Ich verstehe deine Frage nicht.“

Guy Marion grinste.

„Gleich werde ich es dir erklären.“ Er ging zwei seiner Leute Bescheid zu sagen, dass sie den Walking Guns in einigem Abstand folgen sollten, um zu sehen, ob die beiden Erfolg hatten oder was sonst sich am Fort tun würde. Dann kehrte er zu Abe Stanton zurück.

„Weißt du“, sagte er nachdenklich, „wenn die Walking Guns wirklich Glück haben sollten, was ich mir fast nicht denken kann, ist ja alles klar. Wir überfallen die Stones, jagen die Cheyennes auf die Armee, und somit ist alles klar. Kein Mensch wird uns folgen. Wir haben die Wagen, die Herde — und Marja Flood. Schaffen es die Walking Guns nicht, müssen wir ja trotzdem versuchen, den Stones die Herde und die Wagen abzunehmen. Es wird Schwierigkeiten mit der Armee geben, aber vielleicht packen wir es dennoch. Nun, auch dann hätten wir ja Marja Flood. Denn beim nächsten Mal, da mache ich keine Zicken. Ich bin erst mit den Stones fertig, wenn sie tot vor mir liegen. Also, wie stehst du zu Marja Flood?“

Stanton lächelte eisig.

„Du fragst wie ein Tramp. Miss Flood ist für mich eine wirkliche Frau. Eine Lady. Mag man von ihr denken, was man will. Ich respektiere ihre Cleverness, und hübsch ist sie auch. Und was ich sonst von ihr denke, geht dich nichts an, Guy.“

Details

Seiten
126
Jahr
2021
ISBN (eBook)
9783738949254
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2021 (Januar)
Schlagworte
eiserne

Autor

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Titel: Der Eiserne