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Carringo und die Menschenjagd

©2021 110 Seiten

Zusammenfassung


Dreihunderttausend Dollar, das ist der Anreiz, aus dem ein Zug in die Luft gesprengt wird. Ein Raubmörder und ein verdeckt ermittelnder Soldat, der Carringo aufspüren soll, kommen mit dem Leben davon und treffen auf Carringo und Chaco. Die beiden Freunde wollen eigentlich nur rasch aus der Gegend verschwinden, aber plötzlich werden sie verdächtigt, den Überfall ausgeführt zu haben.

Leseprobe

Table of Contents

Carringo und die Menschenjagd

Copyright

Die Hauptpersonen des Romans:

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Carringo und die Menschenjagd

Western von Heinz Squarra

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 110 Taschenbuchseiten.

 

Dreihunderttausend Dollar, das ist der Anreiz, aus dem ein Zug in die Luft gesprengt wird. Ein Raubmörder und ein verdeckt ermittelnder Soldat, der Carringo aufspüren soll, kommen mit dem Leben davon und treffen auf Carringo und Chaco. Die beiden Freunde wollen eigentlich nur rasch aus der Gegend verschwinden, aber plötzlich werden sie verdächtigt, den Überfall ausgeführt zu haben.

 

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

Alfred Bekker

© Roman by Author

© COVER FIRUZ ASKIN

© dieser Ausgabe 2021 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

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Die Hauptpersonen des Romans:

Carringo – Die Armee hat zur großen Jagd auf ihn geblasen.

Chaco – Will seinen Pinto, der ihm gestohlen wird, unbedingt wiederhaben.

Lee Bradfort – Er soll Carringo endlich zur Strecke bringen.

Bill Madox – Der verbitterte Ex-Sergeant will den ganz großen Coup landen.

Lew Kendall – Dem Killer gelingt es, im Chaos des entgleisten Zuges zu entfliehen.

Sadie Fleetwood – Mit seiner Meute von Killern hilft er Madox, den Zug zu überfallen.

 

 

1

Die Sonne hatte sich schon so tief nach Westen geneigt, dass es aussah, als würde sie auf der Mesa im Norden New Mexicos liegen. Die schmutzigen Schneereste gaben in der rasch zunehmenden Kühle kein Wasser mehr ab, und so versiegten die dünnen Bäche des Schmelzwassers, die überall über die Hochfläche liefen.

Ein alter Wagen näherte sich knarrend auf der Piste neben den Railwayschienen und fuhr der angenagten Hütte des Streckenwärters entgegen. Weit und breit gab es kein weiteres Haus, nichts als ein paar erfrorene Cottonwoods und dürres Buschwerk bis zu den Bergen.

Auf dem Bock des Wagens saß der ehemalige Sergeant Bill Madox, ein heruntergekommener, stoppelbärtiger Mann von achtundfünfzig Jahren, gedrungen, schmutzig und breitschultrig. Bill Madox steckte in schäbigen Kleidern, die zerrissen und durchlöchert waren. Von seinem Schlapphut fehlte ein Stück Krempe, und den Rest hatte der Schweiß der letzten Jahre verfärbt.

Madox blickte immer wieder sichernd in die Runde. Als der klapprige Wagen das Haus des Streckenwärters fast erreicht hatte, nahm Madox seine abgesägte Schrotflinte vom Bodenbrett und legte sie neben sich auf den Bock. Er fluchte leise, weil es ihm nicht viel Spaß machte, was er vorhatte, aber er wusste, dass er es ohne zu zögern ausführen würde.

Wieder warf er einen Blick in der Runde herum. Die Sonne versank schon hinter der Mesa. Ihre letzten Strahlen warfen endlos lange, verzerrte Schatten über das Hochland und ließen die Schienen glitzern. Die schroffen Hänge der San Antonio Mountains sahen im Schatten schwarz und drohend aus.

Das durchgebogene Pferd blieb vor der sturmzerzausten Hütte des Streckenwärters von selbst stehen.

Bill Madox warf einen Blick auf den Rauch, der über dem schief hängenden Ofenrohr, das aus dem Dach ragte, zerflatterte. Da öffnete sich die Tür mit leisem Kreischen, und Ian Warner trat heraus. Der Streckenwärter war noch älter als Madox, hatte ein zerknittertes, lederhäutiges Gesicht, kleine misstrauische Augen, die aber nun zu leuchten begannen.

„Hallo, Bill! Ist verdammt nett, dass du dich mal wieder bei mir sehen lässt!“

Madox grinste zu dem Mann hinunter. „Meinst du?“, fragte er hintergründig und legte die rechte Hand auf die abgesägte Schrotflinte.

„Ich freue mich immer, wenn du mal herauskommst. Das weißt du doch, Bill!“

„Ja, ja.“ Madox nickte und schaute wieder in der Runde herum.

Soweit der Blick reichte, gab es außer ihm und dem alten Streckenwärter keinen weiteren Menschen.

„Wie geht es denn in Tres Piedras?“

Madox zuckte mit den Schultern. „Immer das gleiche, das weißt du doch.“

„Schade für dich, dass dich die Armee entlassen hat, was?“

Madox kletterte schnaufend von seinem alten Karren, die Schrotflinte mit den abgesägten Läufen in der rechten Hand.

„Aber das ist ja nicht mehr zu ändern“, fuhr Ian Warner fort. „Vielleicht hättest du damals doch nicht gegen Carringo aussagen sollen, Bill! Das läuft dir nach, weil es nicht die Wahrheit war. Weil sie dich gekauft hatten, die hohen Herren. Und dann, als sie dich nicht mehr brauchten, jagte man dich zum Teufel. Mit einer lächerlichen Pension von neun Dollar im Monat. Ein Hohn ist das, Bill!“

„Ja-ja. Aber ich bin heute nicht gekommen, um wieder mit dir über die alten Geschichten zu reden.“

Der alte Streckenwärter war schon zur offenen Tür zurückgegangen, blieb aber stehen und schaute über die Schulter.

Madox spannte die Hämmer der mörderischen Schrotflinte.

Irritiert blickte Ian Warner darauf. „Wenn du nicht mit mir reden willst, weshalb bist du dann gekommen?“

„Ich will die verdammte Armut endlich abschütteln, Ian.“

„Wie denn?“

„Mit einem Haufen Geld.“

„Mit einem Haufen Geld?“ Ian Warner trat ein paar Schritte zurück. „Und woher willst du es nehmen?“

„Die Eisenbahn bringt es hier vorbei, Ian. Ich habe es zufällig erfahren.“

„Du willst …“ Warner brach ab und schüttelte den Kopf. „Du bist verrückt!“

„Ganz und gar nicht.“ Madox hob die abgesägten Läufe der Parker an, bis der alte Streckenwärter in die dollargroßen Mündungslöcher blicken konnte.

Ian Warner wurde bleich. Seine Lippen zuckten. „Bill, mach keinen Blödsinn!“ stieß er krächzend hervor. „Wir sind doch Freunde!“

„Ja, wir sind gute Freunde, Ian. Deshalb will ich es auch kurz machen. Und es tut mir verdammt leid, das sollst du wissen.“

Dann drückte Bill Madox ab. Aus beiden Läufen der Parker fuhren Feuer, gehacktes Blei und Rauch. Ian Warner stieß einen röchelnden Schrei aus und taumelte rückwärts, während Madox in Pulverrauch gehüllt, wie in einer Wolke schwebend, stand.

Der Streckenwärter prallte neben der Tür an die Wand der Hütte. Die Schrotladungen hatten ihm das Gesicht, das Hemd und die Brust zerfetzt. Er suchte nach Halt an der Wand, aber seine Hände rutschten ab. Und plötzlich brach er zusammen.

„Tut mir wirklich leid“, murmelte Madox, klappte die Läufe der Parker auf, zog die rauchenden Hülsen heraus und warf sie weg. Er schob zwei frische Patronen in die mörderische Schrotflinte und klappte die Läufe nach oben.

Madox ging über einen knirschenden schmutzigen Schneerest auf den Mann an der Wand zu und beugte sich über ihn. Und der alte Streckenwärter hauchte sein Leben mit einem letzten Röcheln aus. Madox nahm den schäbigen Hut mit der ein Stück abgerissenen Krempe vom Kopf und murmelte: „Sei seiner Seele gnädig, er war ein guter Mann.“

Er stülpte den Hut auf und ging in die Hütte. Hinter ihm fiel die Tür zu. Madox stellte sich an den Kanonenofen, legte das Gewehr auf einen aus Brettern zusammengenagelten Stuhl und hielt die Hände in die Nähe des glühenden Rohres.

Ein paar Minuten stand der ehemalige Sergeant der US Armee so am Ofen und wärmte sich, dann ging er durch die Hütte und in den Nebenraum, in dem der Telegraph installiert war. Madox schaute sich alles an, dann ging er zurück, setzte sich auf den Stuhl neben dem heißen Ofen, zog die Pfeife aus der Tasche und stopfte sie mit Tabak, den er lose in der Jackentasche mit sich schleppte. Er lehnte sich zurück, steckte die Pfeife in den Mund und brannte den Tabak an. Paffend blickte er auf das kleine Fenster, durch das er seinen Wagen und das alte Pferd davor sehen konnte.

Die letzten Sonnenstrahlen waren verglüht, und die Dunkelheit brach schnell herein.

Madox rauchte und wartete, die mörderische Waffe mit den abgesägten Läufen auf den Oberschenkeln und die Pfeife im Mundwinkel.

In der Hütte versanken die Gegenstände mehr und mehr in der Schwärze der niedersinkenden Nacht, so, als würden sie sich in der Dunkelheit auflösen.

Nach einer halben Stunde waren Geräusche zu hören.

Das Pferd vor dem Wagen draußen schnaubte.

Bill Madox stand auf, trat an das kleine Fenster und sah schemenhaft ein paar Reiter, die sich neben den Schienen unter der Telegraphenleitung von Süden näherten.

Er ging zur Tür, stieß sie auf und trat hinaus. Der Tote mit dem zerfetzten Gesicht störte ihn plötzlich, und er vermied es, ihn anzuschauen.

Der Hufschlag verklang.

„Madox?“, fragte eine barsche Stimme.

„Kommt nur her, ich warte schon lange auf euch!“, rief der alte Madox zurück.

 

 

2

Die fünf Reiter zügelten ihre Pferde neben dem Wagen in den letzten Schneeresten, die das Tauen nun bis zum Morgengrauen eingestellt hatten. Es war kalt geworden. Der alte Madox fröstelte nach der Wärme, die der Ofen ausgestrahlt hatte.

„Alles in Ordnung?“, fragte Sadie Fleetwood, ein großer, schlanker Mann mit schwarzem Haar, buschigen Brauen und einem Schnurrbart. Der Kerl war vierzig Jahre alt und sah so finster wie die schwärzeste Nacht aus.

„Ja, es ist alles in Ordnung, Sadie. Er liegt hier, neben mir. Ihr könnt ruhig absteigen.“

Sadie Fleetwood winkte den anderen. Sie stiegen alle fünf aus den Sätteln und traten vor die Pferde, so dass Bill Madox sie besser sehen konnte und sie selbst den Toten an der Wand erkannten.

Harry Bolten, ein fünfundzwanzigjähriger Schlägertyp, mittelgroß und einfältig aussehend, kam als erster näher und beugte sich über die Leiche. „He, Sadie, den hat die Ladung ganz schön zerfetzt.“

„Zwei“, sagte Madox gleichgültig.

Harry richtete sich auf und blickte ihn aus seinen struppigen Augen fragend an. „Was?“

„Zwei. Es waren zwei Ladungen, Harry. Sicher ist sicher. Kommt in die Hütte, der Ofen brennt. Das kann man bei dieser Kälte vertragen!“

„Ja, es ist verdammt kalt hier oben auf der Mesa“, erwiderte der Anführer der Kerle, der die Hände aneinander rieb.

Der alte Madox wandte sich ab und ging in die wurmstichige Hütte zurück. Er setzte sich an den Ofen, klopfte an ihm die Pfeife aus und stopfte sie wieder.

Einer nach dem anderen kamen sie herein, nachdem sie ihre Pferde an den Wagen gebunden hatten.

Gage Flinton musste sich wegen seiner sechseinhalb Fuß Größe etwas bücken, um nicht an den Türbalken zu stoßen. Ihm folgten Buck Carter, ein ehemaliger Cowboy und meisterhafter Schütze, und Poul Frank, ein untersetzter, wuchtiger Kerl mit einem rosigen Gesicht, Glatze und heimtückisch glimmenden Augen. Sie trugen alle Revolver in tief geschnallten Holstern. Nur Poul Frank hatte zusätzlich ein Messer in einer Lederscheide am Gürtel griffbereit hängen.

„Setzt euch, ihr seht sonst so groß aus“, knurrte Madox.

Sie schauten sich um.

„Wohin denn?“, schimpfte Poul Frank. „Ich sehe nur einen Stuhl, und auf dem sitzt du!“

„Dann setzt euch auf den Boden“, schimpfte Madox.

Bis auf den Anführer gehorchten sie, setzten sich in der Nähe des Ofens und streckten der Wärme die Hände mit gespreizten Fingern entgegen.

„Wo ist der Telegraph?“, fragte Sadie Fleetwood.

„Im Nebenraum.“

„Hast du ihn schon …“

„Nein, du Idiot!“, schimpfte Madox. „Ich sage euch, macht mir nur keinen Fehler! Es hängt alles davon ab, dass keiner einen Fehler macht! Der Telegraph wird erst zerstört, wenn der Zug vorbei ist. – Habt ihr das kapiert?“

„Reg dich wieder ab!“, knurrte Poul Frank. „Und bilde dir nicht ein, dass du uns kommandieren kannst. Sadie, sag ihm, dass wir nicht seine Werkzeuge, sondern seine Partner sind.“

Fleetwood grinste nur.

Madox brannte den Tabak an und paffte heftig. „Ihr dürft keinen Fehler machen, sonst sind wir gefressen, bevor wir uns an den Dollars erfreuen können.“

„Hoffentlich kommen die Dollars auch wirklich“, sagte der Schlägertyp zweifelnd.

„Sie kommen, das ist sicher.“

„Und woher hast du die Information?“, fragte Fleetwood.

„Zufällig aufgeschnappt. Aber zuverlässig ist sie trotzdem. Kein Mensch wird mich damit in Verbindung bringen. Und euch auch nicht. Darauf kommt es an.“

„Und wie es ausgeführt wird“, schränkte Fleetwood ein. „Darauf kommt es auch an. Wir hoffen, du weißt noch, wie man eine Sprengung legt.“

„Ich war Sprengmeister bei den Konföderierten, du Narr! Mir macht keiner was vor.“

„Dann ist ja alles in Ordnung.“

Madox paffte und hüllte sich in Rauch. „Und hunderttausend Piepen für mich. Dabei bleibt es!“

„Ja, ist doch in Ordnung“, erwiderte Fleetwood. „Keiner von uns denkt daran, dich in die Pfanne hauen zu wollen. Wir machen es ganz fair, immer vorausgesetzt, dass du uns nicht verschaukeln willst.“

„Ich will hunderttausend Piepen und weiter nichts“, knurrte der alte Madox. „Damit ich endlich aus dem alten Waggon ausziehen und wie ein Mensch leben kann. Dass ich nicht mehr den Saloon zu kehren brauche und die Spucknäpfe ausschütten muss. Das will ich ändern. Ich gehe in eine andere Stadt und lebe ganz unauffällig. Kein Mensch wird merken, dass ich auf einem Berg Geld sitze.“

Poul Frank stand auf. „Und es ist sicher, dass es ganz normale Dollar sind?“

„Was soll denn das nun wieder?“, schnaufte Madox.

„Er meint, dass es nicht eine neue Sorte ist, Bill“, mischte der Anführer der Kerle sich ein. Er warf Poul Frank einen wütenden Blick zu. „Du kannst langsam mal aufhören, dich dauernd aufspielen zu müssen!“

Madox lachte plötzlich kichernd. „Der will deinen Platz einnehmen, Sadie! Na, das juckt mich nicht. Ihr könnt euch später auch gegenseitig den Garaus machen. Wenn nur die dichthalten, die es überleben und mit dem Zaster die Kurve kratzen. – Also was wollt ihr nun sagen? Dass es keine neuen Dollars sind?“

„Münzen, die es noch nicht gibt“, erklärte Fleetwood. „Könnte doch sein?“

„Quatsch!“ Madox klopfte die Pfeife am Ofen aus und blickte auf die Asche und die Glut, die auf den Boden rieselten. „Es sind ganz normale Zwanzig-Dollar-Münzen, die von der Prägeanstalt zur Bank von Colorado transportiert werden.“

„Und die wir uns holen“, setzte der junge Harry Bolten nickend hinzu.

„Genau!“ Madox steckte die Pfeife in die Jackentasche. „Also, ihr lasst den Zug vorbei, zerstört den Telegraphen und folgt den Schienen dann, so schnell ihr könnt. Alles andere wisst ihr ja. – Ich muss nun sehen, dass ich wegkomme. Und macht eure Pferde von meinem Wagen los.“

„Stellt die Gäule hinter die Hütte!“, befahl Fleetwood. „Und schafft den Toten auch nach hinten, damit ihn der Lokführer nicht noch sieht.“

Drei der Kerle gingen hinaus. Nur Poul Frank, der die Bande wirklich gern selbst anführen würde, hielt das für unter seiner Würde. Fleetwood warf ihm einen schiefen Blick zu, sagte aber nichts.

Bill Madox hatte in der Ecke einen Verschlag aus rohen Brettern geöffnet und zog den Hebel für das Umstellen der Weiche heraus.

„Dreihunderttausend Dollar werden in ein paar Stunden uns gehören“, murmelte Frank. „Das kann ich noch gar nicht glauben, Sadie!“

Fleetwood grinste nur dünn.

Draußen führten die drei anderen die Pferde am Fenster vorbei und hinter die Hütte.

„Also dann.“ Madox nahm den Hebel auf die Schulter, hob seine abgesägte Schrotflinte auf und verließ die Hütte.

„Viel Glück, Bill!“, rief der Bandenführer ihm nach, kam bis zur noch offenstehenden Tür hinter dem ehemaligen Sergeanten her und schaute ihm zu, wie der zum Wagen ging und die Schrotflinte auf den Bock legte.

Bill Madox ging um den Wagen herum und zur Weiche. Er stellte sie um, um den Zug, auf den sie warteten, auf das Nebengleis zu lenken. Dann kam er zurück, warf den Hebel auf den Boden und kletterte auf den Bock seines Wagens.

„Hast du auch Lunten und Schwefelhölzer genug?“, rief Fleetwood.

„Ich bin doch nicht schwachsinnig.“ Madox nahm die Peitsche und knallte damit.

Das Pferd zog an. Knarrend und rasselnd setzte sich der Wagen in Bewegung und folgte dem Gleiskörper der Nebenstrecke, die sanft nach Westen abbog, den Bergen entgegen, die in der Nacht versunken waren.

Fleetwood schaute dem Wagen nach, bis er ihn nicht mehr sehen konnte. Danach kehrte er in die Hütte zurück.

Draußen trugen seine Kumpane den Toten hinter die Hütte. Der Schnee knirschte wieder laut.

„Die Nacht wird kalt“, sagte Poul Frank. „Dieser verdammte Winter könnte endlich zu Ende gehen.“

„Denke an die dreihunderttausend Dollar, dann wird dir warm“, gab der andere zurück.

Poul grinste ihn an. „Eine phantastische Summe, Sadie. Hoffentlich hat sich der Alte auch wirklich nicht verhört.“

„Verkalkt ist er noch nicht, falls du das meinst“, sagte Fleetwood. „Ich glaube, der hat richtig gehört.“

„Hoffentlich. Aber bist du nicht auch der Meinung, dass er zu viel von der Beute für sich beansprucht? Wieso soll er hunderttausend Bucks bekommen?“

„Er hat es verlangt, und wir haben es akzeptiert“, entgegnete Fleetwood schroff. „Und dabei bleibt es. Keine krummen Touren, Poul! Das gefährdet das ganze Geschäft nur!“

„Schon gut, beruhige dich. Ich wollte ja nur mal sagen, dass er den Löwenanteil kassiert. Der alte Kerl, der doch mit soviel Geld gar nichts mehr anfangen kann.“

„Hast du nicht zugehört? Ich will dein Geschwätz nicht hören, zur Hölle!“

Die anderen kamen herein und wärmten sich am Ofen. Poul Frank ging in den Nebenraum und sah sich den Telegraphen an. Durch das Fenster sah er den aufgegangenen Mond über den schwarzen Felsenhängen der Berge und das silberne Licht auf den Schienen und der Mesa, in dem alles kalt und bläulich wirkte.

Poul Frank hörte irgendwelche Geräusche und legte die Hand auf den Knauf des Messers.

„Da kommt jemand!“, rief Harry im anderen Raum.

Gage Flinton stieß die Tür auf, wollte hinaus und knallte mit dem Schädel gegen den Türbalken. Er fluchte jämmerlich und presste sich die Hand auf die Stirn.

Poul verließ den Raum und ging mit den anderen hinaus vor die Hütte. Sie hörten Hufschlag und Räderrasseln und sahen den Wagen des alten Madox wieder auftauchen.

„Was ist denn nun los?“, fragte Poul Frank. „Der alte Halunke wird es sich doch nicht anders überlegt haben?“

Der Wagen fuhr auf den freien Platz zwischen der Schiene, dem Brunnen, der Hütte und einem windschiefen Schuppen. Madox zügelte das durchgebogene Pferd.

„Was ist denn los?“, rief Fleetwood.

Madox sprang vom Bock und raffte seine abgesägte Schrotflinte herunter. „Zwei Reiter kommen!“

„Reiter?“ Fleetwood zog den Kopf ein und schaute dorthin, woher der alte Ex-Sergeant eben zurückgekommen war. Aber dort sah er noch keine Reiter.

„Ja. Als der Mond aufging, sah ich sie ganz deutlich. Sie müssen in ein paar Minuten hier sein.“

„Verdammt und zugenäht!“, schimpfte Harry Bolten. „Was machen wir denn nun?“

„Umlegen“, erwiderte Poul Frank.

„Erst müssen wir wissen, wer es ist!“, wandte Madox ein. Er rieb durch seinen knisternden Stoppelbart. „Vielleicht haben sie irgendwas mit dem Zug zu tun. Oder mit Ian Warner.“

„Dummes Zeug, wer hat denn mit dem was zu tun!“, sagte Fleetwood.

„Umbringen können wir sie immer noch, Sadie!“, beharrte der alte Madox. „Ihr zieht ihnen erst mal eins über die Rübe, damit ich sie mir ansehen kann und vielleicht auch ein paar Fragen stellen. Umbringen kann man sie immer noch.“

„Na, schön, weil du es willst“, gab Fleetwood nach.

„Ich bringe den Wagen hinter die Hütte, damit die Kerle nicht gleich darüber stolpern.“

„Mach das.“

Madox ging wieder zu seinem Wagen, nahm das Tier am Kopfgeschirr und führte es mit dem Wagen um die Hütte herum und hinter den Schuppen. Als er zurückkam, waren die Männer alle in der Hütte. Er ging hinein und schloss die Tür.

„So ein verdammter Mist“, murmelte Gage Flinton, der sich noch hin und wieder über die schmerzende Stirn rieb. „Und ich dachte, hier käme nur alle Jubeljahre mal jemand vorbei.“

„Zufall“, entgegnete Madox. „Sicher reiner Zufall. Aber genau wissen müssen wir es schon.“

„Soll das heißen, du würdest alles abblasen, wenn dir was nicht mehr gefällt?“, stieß Poul Frank hervor. „Nicht mit uns, Madox, damit du das gleich weißt!“

„Beruhige dich doch, zum Teufel! Und wartet, sie müssen ja gleich hier aufkreuzen!“

 

 

3

Carringo und Chaco zügelten die Pferde, als sie das Streckenwärterhäuschen und den Schuppen dahinter jenseits der schimmernden Schienen sehen konnten. Hinter dem kleinen Fenster brannte eine Lampe. Aber ein Tuch hing hinter der Scheibe, so dass nichts weiter als die Helligkeit zu erkennen war.

„Was ist?“, fragte das Halbblut und schaute Carringo von der Seite an. „Dort bekommen wir Wasser und können vielleicht über Nacht bleiben. Wäre doch nicht verkehrt bei der Kälte.“

Carringo blickte noch immer aus zusammengekniffenen Augen auf das verwahrloste Anwesen.

„Was hast du denn?“

„Soll der Mann da drin den Hufschlag unserer Pferde wirklich noch nicht gehört haben?“

„Kann doch sein.“ Chaco schaute nun ebenfalls wieder auf die Hütte und wurde selbst misstrauisch. Aber alles strahlte tiefen Frieden aus.

Eine Minute verstrich, und dann noch eine.

„Wasser brauchen wir“, sagte Chaco schließlich. „Und da es für uns besser ist, den größeren Siedlungen aus dem Wege zu gehen, bietet sich der Brunnen da drüben geradezu an.“

Carringo nickte und schnalzte mit der Zunge. Wildcat, sein Rappe, setzte sich in Bewegung. Das Gestein klirrte unter den Hufen.

Chaco holte ihn ein. Das Halbblut saß geduckt und wachsam im Sattel, das faltige Gesicht mit dem langen schwarzen Haar dem kleinen Anwesen zugewandt. Sie ritten über die Schiene und unter der Freileitung hinweg.

Da öffnete sich die Tür, und ein Mann schob sich heraus. Die Tür wurde sofort wieder geschlossen. Nur undeutlich sahen die Freunde den Mann, auf den sie zuritten.

Carringo saß das Misstrauen im Nacken, obwohl er überhaupt nichts Verdächtiges sehen konnte. Als sie nahe genug an die Hütte herangekommen waren, sah er sogar, dass der Mann vor der Tür keine Waffe in der Hand hatte.

Sie zügelten die Pferde.

„Hallo, Mister!“, rief das Halbblut dem Mann an der Hütte zu. „Wir kommen zufällig hier vorbei.“

„Zufällig?“

„Ja. Wir wollen nur etwas Wasser. Und vielleicht …“

„Was?“, fragte der Mann, als Chaco sich unterbrach.

„Es ist noch sehr kalt hier oben auf der Mesa. Man sollte nicht im Freien übernachten, wenn man nicht unbedingt muss.“

„Ach so.“ Der Mann kam etwas näher. Er hatte wirklich keine Waffe in der Hand.

„Wir würden natürlich dafür bezahlen“, sagte Chaco sofort.

„So, würden Sie?“ Der große Sadie Fleetwood schaute von dem dunkelgesichtigen Halbblut auf Carringo, den großen, blonden Mann, der sich den flachen Hut bis in die Stirn gedrückt hätte.

„Ja, das würden wir“, sagte Carringo schleppend. „Aber wir wollen natürlich nur bleiben, wenn es Ihnen nichts ausmacht.“

„Was wollt ihr denn zahlen?“

„Wenn Sie einverstanden sind, für jeden von uns einen Dollar“, schlug Chaco vor. „Und je einen Dollar für die Pferde.“

„Vier Dollar in einer Nacht?“ Der Mann zuckte die Schultern. „Das könnte ich gebrauchen. Steigen Sie doch ab.“

„Na, was sagst du nun?“, fragte Chaco leise, als sie sich aus den Sätteln schwangen.

Irgend etwas gefiel Carringo immer noch nicht, aber was es war, vermochte er nicht zu sagen. Sie sahen von den beiden Ecken der Hütte je zwei Gestalten kommen, jede mit einem Gewehr in der Hand.

Sie standen wie an den Boden genagelt und hatten keine Chance, außer der, mit einem Knall in den Himmel zu fahren, wenn sie sich bewegten. „So, nun schnallen wir mal ganz vorsichtig die Revolver ab!“, befahl Fleetwood.

„Aber wir wollten wirklich nur Wasser und etwas Wärme“, sagte Chaco irritiert.

Carringo hatte schon begriffen, dass jedes Wort sinnlos war. Er öffnete die Schnalle seines Patronengurtes und ließ ihn fallen.

„Na los, Bewegung!“, zischte Fleetwood.

Da schnallte auch das Halbblut den Patronengurt unter dem Poncho ab und ließ ihn fallen.

Die vier Kerle näherten sich von beiden Seiten. Carringo musterte sie alle, kannte aber keinen der Männer.

„Was soll denn das nur bedeuten?“, fragte Chaco.

Zwei der Männer stießen ihnen die Gewehrmündungen gegen die Hüften. Zwei andere gingen um sie herum und schoben die scheuenden Pferde zurück.

Fleetwood grinste teuflisch.

Hinter Carringo und Chaco schwangen die beiden Kerle die Gewehre hoch und schlugen mit den Läufen gnadenlos zu. Carringo und Chaco stolperten vorwärts und brachen vor Fleetwoods Füßen zusammen.

Die Banditen rollten sie herum. Fleetwood blickte über die Schulter und sagte: „Sie sind bewusstlos, Bill. Aber wenn du ein paar Minuten wartest, kannst du ihnen sicher deine Fragen stellen.“

Die Tür knarrte. Der alte Madox kam mit bleichem Gesicht aus der Hütte und blickte auf die beiden Bewusstlosen. Schweiß brach ihm aus und schimmerte wie pures Silber auf seinem zerhackten Gesicht.

„Was hast du denn?“, fragte Fleetwood. „Stimmt irgendwas mit dir nicht, Bill?“

Madox hob den Kopf. „Was?“, fragte er hohl und abwesend.

„Bist du krank?“

Madox wischte sich den Schweiß von der Stirn und schaute wieder auf Carringo. Seine Vergangenheit hatte ihn eingeholt. Das war der Mann, den die Offiziere hatten verheizen wollen und gegen den er in dessen zweiten Prozess ausgesagt hatte, obwohl er vorher dessen Freund gewesen war und wusste, wie sehr Carringo sich damals für die Sicherheit der Frauen und Kinder des Trecks eingesetzt hatte, der später von Indianern überfallen worden war. Er hatte gegen ihn ausgesagt, aber sie hatten es ihm schlecht gelohnt. Vielleicht hatte sein Anblick sie andauernd daran erinnert, wie schlecht sie waren, und vielleicht hatten sie ihn deshalb entlassen.

Er wusste, dass es dies war, was seinen schon krankhaften Hass auf die Armee erzeugt hatte; auf die Armee und auf den Staat, dem diese Armee diente. Und er glaubte, dass der geplante Überfall, der noch in dieser Nacht steigen sollte, eine Art Rache von ihm an diesem Staat und seiner Armee war, die ausgleichende Gerechtigkeit.

„Oder hast du keine Fragen an sie?“, erkundigte sich Fleetwood.

Madox schrak aus seinen Gedanken. „Was?“

„Was ist denn nur mit dir los, Mann? Du bist wirklich krank. Oder willst du aussteigen?“

„Aussteigen?“

„Ja, aussteigen!“

Madox schaute in die Runde und sah das kalte, mörderische Blitzen in den Augen der Banditen. „Nein, nein! Es läuft alles wie geplant, Sadie!“

„Und die beiden?“

„Die werden gefesselt und hier zurückgelassen.“

„Was?“ Fleetwood starrte den alten Madox an, als würde er an dessen Verstand zweifeln. „Willst du sie nichts fragen?“

„Nein.“

„Dann legen wir sie um. Tote Mitwisser sind besser als lebende.“

„Sie werden nicht getötet!“, stieß Madox scharf hervor. „Habt ihr das verstanden?“

„Bestimmst du das?“, fragte Poul Frank schleppend.

„Wenn ihr ihnen ein Haar krümmt, steige ich aus. Ohne mich fliegt der Zug nie in die Luft. Eher würdet ihr euch selbst mit dem Dynamit sprengen.“

„Und wie stellst du dir das vor?“, fragte Fleetwood. „Die haben uns doch gesehen und erkennen uns später wieder.“

„Ach, Unsinn. Die können später nicht mehr sagen, wie ihr ausseht. Es ist Nacht, und die beiden hatten keine Zeit, sich jeden genau anzusehen. Sie werden nicht getötet! Bindet sie, werft sie in die Hütte, und dann geht nicht mehr hinein. Dann sehen sie euch auch nicht wieder.“

Fleetwood schaute unsicher auf Madox und dann auf seine Kumpane.

„Ich denke, dafür ist er uns mindestens eine Erklärung schuldig“, sagte Poul Frank.

„Das kann man schon verlangen!“, stimmte Gage Flinton zu.

Madox ging rückwärts. „Ich gebe aber keine Erklärungen ab. Sie werden gefesselt und bleiben in der Hütte zurück. Und weiter nichts! – Ist das klar, Sadie?“

Fleetwood fluchte abscheulich. „Also gut. Aber nur, weil die Sache ohne dich nicht steigen kann. – Los, bindet sie und werft sie in die Hütte.“

Die Gewehre der Kerle senkten sich. Zwei holten Stricke aus der Hütte und fesselten die Bewusstlosen. Madox schaute zu, wie sie die Männer aufhoben und in die Hütte trugen. Dann ging er hinter die Hütte, kletterte auf seinen Wagen und kam vor das Anwesen gefahren.

Die Banditen standen vollzählig wieder vor der Hütte.

„Es bleibt alles wie geplant“, sagte Madox unsicher krächzend.

„Und der Telegraph? – Wird der nun auch nicht zerstört?“

„Doch! Ihr könnt durch das Fenster hinein, damit sie euch nicht sehen. Ich muss jetzt fort!“ Er knallte mit der Peitsche, und der Wagen rumpelte an der Schiene entlang.

„Dass mir so ein alter Trottel mal sagen wird, was ich zu tun habe, hätte ich nie gedacht.“ Poul Frank spuckte in die Schneereste. „Du vielleicht, Gage?“

„Nein, bestimmt nicht“, stimmte der fast baumlange Kerl mit treu-doofem Grinsen zu.

„Alles mögliche mag Madox sein, ein Trottel jedenfalls bestimmt nicht, Poul“, murmelte Fleetwood. „Und das solltest du dir hinter die Ohren schreiben.“

„Madox kennt den einen“, sagte Harry Bolten. „Das habe ich ihm genau angesehen.“

„Kann uns egal sein“, entgegnete Fleetwood.

„Madox war auch früher mal anders, als er jetzt ist“, fuhr Harry fort. „Der war mal das, was man ehrlich nennt, da wette ich mit euch um meinen ganzen Anteil.“

„Kann uns auch egal sein“, schimpfte Fleetwood. „Wenn er jetzt nur keine kalten Füße kriegt.“

 

 

4

Weit hallte der schrille Pfiff der Lokomotive über das nächtliche Land. Feuerschein und ein Funkenregen standen über der Lok, einer fünfzehn Tonnen schweren Baldwin, die die kurze Wagenschlange nach Pueblo in Colorado bringen wollte.

In einem Abteil saßen sich der junge Lieutenant Lee Bradfort, der Zivil trug, und der US Marshal Lindon Bayle gegenüber. Der Marshal hatte einen Mann in Handschellen bei sich, den Raubmörder Lew Kendall, den er zum Gericht nach Pueblo bringen wollte.

Lew Kendall war ein eiskalter Kerl, fünfunddreißig Jahre alt, über sechs Fuß groß, stiernackig und mit Muskeln bepackt. Er hatte strähniges braunes Haar, das ihm bis auf die Schultern fiel, und kleine wasserhelle Augen im grobschlächtigen Gesicht.

Der Marshal war ein schwergewichtiger Mann, dem der massige Kopf direkt auf den Schultern saß. Er trug schwarze Lederkleidung und einen Stern an der Jacke, den er andauernd mit dem Ärmel abputzte.

„Hüten Sie sich vor dem, der geht über Leichen“, sagte der US Marshal gerade und deutete mit dem Daumen auf den Gefangenen neben sich. „Und der schießt schneller, als andere denken können.“

Lee Bradfort lächelte, weil er das für Übertreibung hielt. Er war jetzt zweiundzwanzig Jahre alt und frisch aus West Point importiert worden. Lee hatte von den rohen Sitten an der Indianergrenze gehört, auch davon, dass ein Mann einen anderen einfach niederschießen durfte, wenn der andere einen Revolver trug und wenn es nur von vorn geschah. Aber er mochte es nicht richtig glauben, hielt es für Übertreibung und Aufschneiderei von solchen Leuten, die im Osten über den Westen gesprochen hatten.

Lee Bradfort war knapp sechs Fuß groß, schlank und breitschultrig. Er hatte ein energisch geschnittenes Gesicht, helle, offen blickende Augen und blondes Haar. Bradfort trug einen sandfarbenen Anzug und einen hohen Cowboyhut, und unter der Jacke ein weißes Hemd mit einer dünnen schwarzen Schleife.

„Und Sie kommen jetzt von Fort Bliss?“, fragte der US Marshal.

„Ja.“ Lee Bradfort schaute aus dem Fenster, obwohl er draußen in der Nacht nichts erkannte. Er wollte nicht über seinen Auftrag sprechen, seinen ersten Auftrag als Lieutenant, den er in Fort Bliss bei El Paso bekommen hatte. Es war ein Geheimauftrag, der ihn einerseits ehrte, ihm andererseits als widersinnig erschien. Denn sie waren eigentlich hier, um die weißen Siedler vor den Übergriffen der Indianer zu schützen. Er hingegen sollte Carringo finden. Extra dafür war er abgestellt worden. Es ehrte ihn, weil die hohen Offiziere die Jagd auf ihren Intimfeind verstärkt fortsetzten und ihn mit dieser Aufgabe betraut hatten. Und er war überzeugt, dass er einer gerechten Sache diente, so gerecht, wie sein ganzes Denken war, geprägt von Fairness und weit entfernt von schmutzigen Tricks und Arroganz jeder Art.

Der US Marshal räusperte sich.

Lee schaute ihn an, blickte aber sofort wieder aus dem Fenster. Er war gespannt, wie lange er brauchen würde, bis er Carringo stellen konnte. Dass es ihm früher oder später gelang, davon war er felsenfest überzeugt. Sie hatten in West Point gelernt, von dem überzeugt zu sein, was sie anfassten, denn sie waren die Armee der Vereinigten Staaten, der alles gelang und die nie einen Fehler machte. So kam ihm auch der Gedanke gar nicht erst, dass damals bei Halcon-Canyon-Massaker etwas anderes gewesen sein könnte, als es von den Offizieren ausgesagt worden war. Carringos Schuld war für ihn eine feststehende Tatsache.

Details

Seiten
110
Jahr
2021
ISBN (eBook)
9783738949223
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2021 (Januar)
Schlagworte
carringo menschenjagd

Autor

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Titel: Carringo und die Menschenjagd