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Die Bridewells

2021 146 Seiten

Leseprobe

Table of Contents

Die Bridewells

Copyright

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Die Bridewells

Western von Glenn Stirling

Der Umfang dieses Buchs entspricht 146 Taschenbuchseiten.

 

Der Rancher Thomas Bridewell beordert nach acht Jahren seinen Sohn Ken wieder nach Hause. Er soll einen Damm sprengen, den der fortschrittlich denkende Florence errichtet, um texanisches Rinderland zu fruchtbarem Acker zu machen.

Ken befürwortet dieses Vorhaben, aber er versteht auch seinen Vater, der die Traditionen und die wilde Natur der freien Weide verteidigt. Und so gerät er inmitten der Fronten, zwischen denen der Hass brodelt und die Gewalt immer mehr zunimmt, bis ein mörderischer Kampf entbrennt.

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

Alfred Bekker

© Roman by Author

© COVER FIRUZ ASKIN

© dieser Ausgabe 2021 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

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1

„Da ist er“, murmelt Ken und muss seine Unruhe verbergen. „Er hat sich kaum verändert ...“

„Er ist immer noch der alte verdammte Tiger“, sagt Rill Race und blickt zur Veranda hinüber.

Sie sitzen ab und übergeben Felipe die Pferde.

Der Tisch ist bereits gedeckt. Hinten am Kopfende sitzt er, Thomas Jackson Bridewell. Ein sechzigjähriger Mann, ein Hüne von Gestalt mit schlohweißem Haar, einem ledernen Gesicht, das von einem Vollbart umrahmt wird und in dem helle Augen leuchten.

Als Ken den Vater erblickt, fragt er sich, ob die acht Jahre spurlos an diesem Alten vorübergegangen sind. So wie jetzt hat der Alte in seiner Erinnerung immer ausgesehen. Wie ein Fels, unverrückbar, unüberwindlich. Und so hart wie ein Stein.

Neben ihm sitzen die beiden Brüder Kens. Der bullige, grobschlächtige Steve. Er ist zwei Jahre jünger als Ken, doch das Leben in der Prärie hat ihm ein Antlitz aufgeprägt, das ihn älter erscheinen lässt. Ihm gegenüber sitzt Joe. Sein Gesicht zeigt noch mehr Sommersprossen als das von Dill Race.

Bevor Ken etwas sagen kann, kommt Nora aus dem Haus. Sie setzt hastig die Schüssel ab, wischt sich die Hände an der Schürze ab und kommt auf Ken zu. Ein pausbäckiges junges Mädchen von knapp zweiundzwanzig Jahren, frisch wie ein reifer Apfel, strahlend wie ein Bergkristall. „Kenny!“, ruft sie und wirft sich Ken an den Hals. Sie küsst ihn, jauchzt vor Wiedersehensfreude. Plötzlich grollt eine Bassstimme: „Aus der Sicht, Nora!“

Nora lässt von Ken ab.

„Hallo, Dad“, murmelt Ken.

Der Alte schweigt. Sein Blick ist starr auf Ken gerichtet, forschend, beherrschend. Vater und Sohn sehen sich in die Augen. Und obwohl sie kein Wort sprechen, ist das eine Unterhaltung. Der Alte begreift, dass Ken ihm nicht so gehorchen wird wie die anderen, wie Steve oder Joe. Er sieht es an dem Trotz in Kens Augen. Aber er erkennt auch, dass Ken dennoch ein Bridewell ist und bleiben wird. Er weiß, dass sein Blut nicht abtrünnig werden kann, komme, was wolle. Und deshalb lächelt er. Das harte Antlitz entspannt sich.

Ken spürt den Zwang, der vom Blick des Vaters ausgeht. Er fühlt, wie groß die Macht dieses Mannes noch immer ist, wie sie auf ihn wirkt.

„Platz, eh, Steve, rück zur Seite! Setz dich an meine Seite, Sohn Ken!“, kommt es polternd aus dem Mund des Alten.

Steve knurrt wie ein Wolf, aber er rückt und macht dem Mann Platz, der einmal diese Ranch erben sollte und großspurig verzichtete, um Ingenieur zu werden. Es gibt keine Begrüßung durch Handschlag, obgleich acht Jahre vergangen sind. Ken ist da, er ist gekommen, gut. Es wird kein Aufhebens gemacht. Ein Bridewell kommt, wenn ihn der Vater ruft. Sohn Ken sitzt dort, wo er viele Jahre gesessen hat, rechts von seinem Vater.

Jetzt erst wendet sich der Alte an Bill Race. Es ist so, als habe er ihn überhaupt jetzt erst bemerkt.

„Und du? Ah, du kommst dir deinen Lumpenlohn abholen, wie?“

„Nicht so wild, alter Mann. Wenn ich das ins falsche Ohr bekomme, zahlst du noch hundert drauf“, knurrt Bill.

Der Alte bleibt ruhig. Wider Erwarten wirft er Bill nicht das erste beste Stück an den Schädel. „Steve, gib diesem Mann sein Geld! Und wenn ich ihn dann noch fünf Minuten lang auf dem Hof sehe, jage ich ihn mit der Bullpeitsche von meinem Land. Erkläre es ihm, Steve!“

Bill Race wird blass. Er schnappt nach Luft. So etwas ist ihm noch nie widerfahren.

Nora will etwas sagen, doch Joe knurrt: „Halt den Schnabel, Baby! Kümmere dich nicht darum!“

Da begreift Ken. Aber er ist nicht gewillt, hier mitzumachen.

„Dad, dieser Mann ist einen halben Tag geritten. Ich habe ein Pferd von ihm. Es ist nicht üblich, einen Mann wegzuschicken, wenn er aus Tascosa kommt. Bill ist nicht dein Feind.“

Der Alte scheint gar nicht zugehört zu haben. Jetzt wendet er sich Steve zu und grollt: „Los, das Geld, damit ich diese Visage nicht länger sehen muss!“

Bill dreht sich um. Er geht von der Veranda. Ken will aufspringen, aber da packt ihn der Alte am Arm.

„Setz dich! Der ist keinen Cent wert. Ein Florence Kriecher, einer von denen, die diesem Bastard die Hand lecken. Bleib sitzen, Sohn! Kümmere dich nicht darum! Dein Bruder Steve wird das erledigen.“

Bill dreht sich halb um und sagt: „Ken, ich will nicht, dass du dich noch mal mit ihm streitest. Lass gut sein, ich reite.“

„Verdammt, Dad, er reitet nicht!“, protestiert Ken.

Der Alte hört gar nicht hin. sondern schlürft laut und deutlich seine Suppe.

Steve kommt mit dem Geld. Bill nimmt es und geht grußlos weg. Ken will aufstehen, doch da steht Steve neben ihm.

„Bleib!“, befiehlt er.

Joe steht ebenfalls auf und stellt sich drohend hin.

„Bleib!“, sagt auch er.

Ken kennt das. Er hat es schon früher erlebt. Doch diesmal mischt sich der Alte nicht ein. Während er seine Suppe schlürft, blickt er belustigt auf seine Söhne. Ken steht auf. Er und Steve blicken sich an. Ken muss etwas hinabsehen, denn Steve ist kleiner als er. Kleiner, aber breit wie ein Schrank. Ein Bulle, und so nennen ihn alle.

„Setz dich!“, knurrt Steve.

„Aus dem Weg!“, faucht Ken.

„Lass es bleiben, Ken!“, ruft Joe von hinten.

Ken ist ein Bridewell, und er weiß um deren Gesetze. Hier gibt es nur einen Weg, sich Respekt zu verschaffen. Blitzschnell schlägt er zu. Die Faust trifft Steve mitten ins Gesicht, stößt ihn bis zur Verandabrüstung zurück. Doch dort richtet sich der Getroffene wieder auf.

Nora schreit gellend auf und sieht sich um. Steve kommt trotz seiner Körpermassen wie ein Panther auf Ken zu. Gleichzeitig läuft Joe um den Tisch herum.

Der Alte hat aufgehört zu essen und lehnt sich in genussvoller Erwartung der kommenden Dinge weit im Stuhl zurück. Ein Lächeln stiehlt sich um seine schmalen Mundwinkel.

Steve will zuschlagen, doch Ken ist geschmeidiger. Er weicht aus. Steve stürzt auf den Tisch, reißt die Schüsseln und Teller herunter, wirbelt herum und prallt mit Joe zusammen, der sich gerade auf Ken stürzen will. Ken nutzt seine Chance und knallt Steve das Geschirrtablett auf den Schädel. Als Steve taumelt, trifft Kens Schlag den verblüfften Joe.

Bevor beide wieder richtig in Fahrt kommen, schlägt Ken nach. Aber er hat Steve unterschätzt. Der scheint aus Stahl zu sein. Er schüttelt sich wie ein Bär, torkelt noch etwas und springt dann blitzschnell vor. Sein Schlag hat die Wucht eines Hammers. Und dieser Schlag trifft Ken ans Kinn.

Ken stürzt über einen Stuhl, reißt den Tisch im Fallen um und bleibt bewusstlos am Boden liegen.

Nora will sich schützend auf ihn werfen, doch Joe reißt sie zur Seite. Steve geht zum Fensterbrett, steckt den Zeigefinger in den lauen Tee, nimmt die Kanne und gießt den Inhalt über Kens Kopf aus.

Es wirkt. Sekunden später kommt Ken wieder zu sich. Ächzend arbeitet er sich hoch, wischt sich über die Augen und bleibt eine Weile torkelnd stehen. Dann blickt er zum Hof. Bill steht noch immer am Brunnen. Er schüttelt verständnislos den Kopf.

„Bill“, ruft Ken gurgelnd, „bleib! Ich regle das noch.“

Dann dreht er sich um. Vor ihm steht Steve, im breiten Gesicht ein Lächeln, siegessicher, triumphierend.

„Na, Mr. Ingenieur?“, höhnt er. „Hast du genug?“

Es sind groteske Gedanken, die Ken durch den Kopf gehen. Er muss daran denken, dass Steve eigentlich nie sehr intelligent gewesen ist. Dafür hatte er schon als kleiner Junge mehr Kraft als alle anderen seines Alters. Steve kann nicht sehr klug sein, sonst müsste er doch bemerken, was Ken vorhat. Oder ist er so sicher?

Der Alte hockt grinsend im Sessel. Ein köstliches Schauspiel für ihn. Seine Söhne prügeln sich. Ausgewachsene Menschen schlagen sich wie Buben, und er, ihr Vater, knurrt beifällig.

Steve rechnet mit einem Angriff. Er ist wohl auf der Hut. Doch in seiner Vorstellung gibt es für einen Angriff Kens nur dessen Fäuste. So übersieht er, wie Ken plötzlich sein Knie hochzieht, es nach vom stößt. Steve spürt den jähen Schmerz im Unterleib und krümmt sich. Da trifft ihn Kens Faust ans Kinn. Steve schlägt gegen die Brüstung und sackt langsam zu Boden.

Plötzlich brüllt der Bass des Alten: „Weg, Joe, Schluss jetzt!“

Ken dreht sich um. Hinter ihm steht Joe, einen Stuhl in den erhobenen Fäusten.

„Schluss, es ist genug!“, dröhnt die sonore Stimme des Alten wieder.

Joe lässt den Stuhl sinken. Steve steht wieder auf, wischt sich über sein ramponiertes Kinn und wirft Ken einen wilden Blick zu. An der Tür lehnt Nora und schluchzt. Ken spuckt aus.

„So, Alter, und jetzt hole ich Bill! Er wird hier übernachten.“

„Ja, zum Teufel, und wickle ihn in Windeln, deinen Säugling! Gib ihm die Flasche, du verdammter Dickkopf!“, tobt der Alte und schmettert die Faust auf die Holzbrüstung der Veranda. „Hol ihn, deinen Liebling!“

Doch Bill will nicht. Er sitzt zu Pferde, winkt Ken bekümmert zu und reitet weg. Das schallende Gelächter des Alten verfolgt ihn bis hinters Ranchtor.

Als Ken zur Veranda zurückkehrt, brüllt der Alte: „Los, Nora, den Selbstgebrannten, spute dich, Mädchen!“

„Ein verflucht komischer Empfang“, knurrt Ken.

„Der stand dir zu, Herumtreiber“, erwidert Steve wild.

„Ruhe, ihr Lümmel!“, donnert der Alte. „Kein Wort mehr. Sag den Weibern in der Küche, dass sie die Scherben wegräumen sollen und den Tisch neu decken. Es wird gegessen!“

Eine Viertelstunde später sitzen sie einträchtig beisammen, die sich vorhin noch prügelten. Die Bridewells sind wieder vollzählig. Und dass Ken noch so hart ist wie einst, haben sie erlebt.

 

 

2

„He, Ken! Träumst du?“, fragt Joe. Der Spott blickt aus seinen Augen. „Oder,hast du Steves Schlag noch nicht verwunden?“

Ken kneift die Lippen zusammen. Er misst seinen Bruder nur mit einem drohenden Blick. Dann wendet er sich zu seinem Vater:

„Warum hast du mich geholt?“, fragt Ken den Alten.

Der Rancher stopft sich seine Pfeife, zündet sie an und antwortet durch die blauen Rauchwolken hindurch: „Ah, dieser Bastard, dieser Florence. Sicher hast du von ihm gehört. Er ist eine Ratte, ein Wurm. Aber man kann ihn nicht leicht zertreten. Erst dachte ich, es ginge leicht. Nichts damit. Er rutscht einem unter der Fußsohle weg. So ein Kretin. Ja, und nun brauche ich dich. Der verdammte Mistkäfer baut einen Damm. Er staut das Wasser. Und diese Trunkenbolde in Austin haben das sogar genehmigt. Siedler, kleine Maulwürfe, die unsere gute Prärie aufwühlen und verunreinigen, die hat er sich geholt. Mais, Weizen will er hier anbauen. Zäune ziehen, damit unser Vieh darin hängenbleibt und sich die Knochen zerfetzt. So hat er es sich gedacht, dieser Jämmerling.“ Er macht eine Pause, pafft dicke Rauchwolken über den Tisch und fährt dann leiser, eindringlicher fort: „Er ist schlau, dieser Rattenfürst. Ein paar gefährliche Schießer passen auf ihn auf. Sie tun, was er sagt. Ohne sie wäre er nichts. Aber dieser Hundesohn hat Geld, dass er stinkt. Er zahlt gut. Das lässt manchen Burschen hier im Land vergessen, dass es einen Stolz gibt. Und für den Judaslohn verraten sie die freie Weide. Dämme bauen sie, Zäune!“ Er wuchtet wieder die Faust auf den Tisch. „Und ich werde es Ihnen versalzen. Solange der Name Bridewell in diesem Lande etwas gilt, solange Bridewell existiert, wird dieser Bastard sein Ziel nicht erreichen.“

„Wie willst du's verhindern?“, fragt Ken interessiert.

Der Alte dreht sich brüsk herum, als sei er ob dieser Frage beleidigt.

„Gib du ihm die Antwort, Steve! Er scheint vergessen zu haben, was ein Bridewell zu tun hat.“

Wäre Ken kein Bridewell, müsste er meinen, sich in einem Narrenhaus zu befinden. Er aber kennt das aus frühester Jugend. Es ist für ihn ein Stück seiner Heimat wie das knarrende Windrad über der Pumpe. Seit er denken kann, brüllt und tobt dieser Alte. Aber er kann auch anders sein. Wie ein Löwe kämpft er um seine Familie, wie damals, als Ken noch ein Junge war und von den Comanchen verschleppt wurde. Ganz allein ist der Alte der Spur der Indianer gefolgt. Ganz allein hat er nachts ihr Lager überfallen und Ken befreit. Oder ein paar Jahre danach. Da gab es eine Schießerei zwischen Ken und einem anderen jungen Burschen. Um ein Mädchen war es gegangen. Und Ken befand sich im Unrecht, als er auf den anderen schoss. Zum Glück verletzte er ihn nur. Damals verkrachte sich der Alte mit der gesamten Nachbarschaft, mit dem Sheriff und seinen besten Freunden. Aber er hielt zu Ken und verteidigte ihn wie ein Tiger. Ken erinnert sich auch, dass der Alte bei Noras Geburt händeringend vor Sorge im Hof herumgelaufen ist. Und dass er hundertzwanzig Meilen von hier in den tückischen Steinschluchten der Canyons einen Strauß gelber Sandsteinveilchen pflückte. Diese Blumen wachsen an den verstecktesten Stellen, und man muss gefährliche Kletterpartien zurücklegen, um zu ihnen auf die Steilhänge zu gelangen. Noch niemand in dieser Gegend brachte mehr als drei oder vier dieser Blüten mit. Der Alte aber schenkte seiner Frau nach Noras Geburt einen ganzen Strauß. Als er ihn ihr gab, waren seine Knie blutig, an den Unterarmen und Händen hing die Haut herab, und sein Gesicht war von Steinsplittern zerschnitten. Doch er strahlte stolz, und seine Frau war glücklich.

An diese Dinge muss Ken denken, als er ins zerfurchte, lederne Gesicht seines Vaters blickt. Er kann verstehen, wie stolz dieser alte Mann ist, wie sehr er an diesem Land hängt, an dieser Ranch, die er aufbaute. Die Jahre damals, Jahre des Kampfes mit Indianern, mit Viehdieben, die haben diesen alten Mann hart gemacht. Er hatte niemanden, der ihm half, dem er voll vertrauen konnte. Vielleicht ist er deshalb ein Tyrann geworden.

„Wie willst du verhindern“, fragt Ken, „dass Florence etwas tut, das alle im Lande früher oder später gutheißen werden? Seine Landbewässerung ist keine Idiotie. Warum gehst du gegen ihn, statt ihn zu unterstützen und dabei zu profitieren?“

Der Alte starrt seinen Sohn verständnislos an. Dann wendet er sich an Steve.

„Sag es ihm!“

„Wir werden diesen Hundesohn zum Teufel treiben. Dich haben wir geholt, weil du uns sagen sollst, wie man diesen mistigen Damm in die Luft jagen kann, ohne dass einer merkt, wer es war. Deine Weisheiten wollen wir nicht hören.“

Ken schüttelt den Kopf.

„Dummes Zeug, Steve. Ihr wollt euch gegen das Gesetz stellen; denn Florence hat es auf seiner Seite.“

Der Alte dreht sich um.

„Gesetz? Ich pfeife auf das Gesetz, das eine freie Weide zum Paradies der Maulwürfe macht und in Drahtzaunkäfige verwandelt. Ich kam in dieses Land, als es hier noch niemanden gab außer den Kiowas und Comanchen. Und ich habe hier meine Weide eingeteilt, habe Vieh gezüchtet. Verdammt prächtiges Vieh war es immer. Und heute wollen so hergelaufene Lumpen wie dieser Zwerg meine freie Weide, meine Heimat in Käfige aufteilen, sie mit Maulwürfen besiedeln und den Fluss, der Tausende von Jahren hier fließt, abbremsen und aufhalten? Nein, Sohn Ken, nein! Und wenn du nur einen Tropfen vom Blut deiner Eltern im Leib hast, dann wirst du wissen, dass niemand ein Recht zu diesem Tun hat, kein Gouverneur, kein verdammter Sheriff, kein Bastard wie Florence. Niemand, sage ich! So, und nun frage ich dich: Wirst du mit uns kämpfen oder ...“

„Kämpfen? Warum denn kämpfen? Ihr schwimmt ja gegen den Strom!“, ruft Ken erregt. „Bei euch wird alles mit den Fäusten geregelt. Aber die Zeit hat sich gewandelt, sehr gewandelt. Ich weiß es von meiner Bauzeit in Colorado. Dort und in Oklahoma werden auch Bewässerungskanäle gezogen, um Ackerland aus der Prärie zu machen. Auch dort haben ein paar Dickköpfe versucht, den Fortschritt aufzuhalten. Keiner von ihnen hatte eine Chance. Sie sind die Dummen bei allem, denn die Schlauen haben mitgemacht. Und sie haben eben jetzt fruchtbares Land mit Äckern.“

„Ich höre wohl schlecht, wie? Mein Sohn predigt für die Maulwürfe? Mein eigen Fleisch und Blut, ein Sohn dieses Landes, erklärt mir, wer hier im Recht ist? Zum Teufel, Ken, ich will solchen Unsinn nicht mehr von dir hören. Du hast wohl schon mit diesem Zwerg Florence gesprochen, was? Er hat dir wohl einen Verräterlohn geboten und ...“

„Stop!“, brüllt Ken. „Du und deine Söhne, ihr seid Narren. Es ist ein Affentheater, was ihr vorhabt. Den Damm sprengen, vielleicht auch die Siedler in den Fluss werfen, was?“

Der Alte bleibt ganz ruhig. Ja, er wirkt auf einmal sanft, als er erwidert: „Sieh dich um, Sohn Ken! Da, im Abendsonnenschein liegt die Prärie, einmalig schön, so wild, so unendlich in ihrer Weite. Wie ein Meer das Gras. Rot leuchtet es. Du kannst reiten, viele Stunden kannst du reiten. Weites herrliches Land. Deine Heimat, Ken. Kannst du dir vorstellen, wie es aussieht, wenn die Siedler herkommen und sich der Plan von Anthony Florence erfüllt?“

Kein Toben, kein wüstes Fluchen und Brüllen hätten Ken überzeugen können. Doch die Worte, aus dem Munde des Alten ungewöhnlich anzuhören, diese wenigen ruhig gesprochenen Worte überzeugen ihn, machen ihm die Ansicht seines Vaters verständlich. Und obgleich er weiß, wie aussichtslos ihr Tun ist, obwohl er sich ausrechnen kann, dass es böse enden wird, trotz allem weiß er auch, dass er auf Seiten der Bridewells kämpfen muss.

.„Gut, Alter, ich mache mit.“

Der Alte nickt nur, Steve reicht die Hand über den Tisch zu Ken hin und knurrt: „Schlag ein, Bruder, wir wollen’s vergessen!“

Ken schlägt in die hornige Pranke Steves und dann auch in die von Joe ein. Jetzt sind sie wieder die Bridewells, die vier stolzen und harten Bridewells; zusammen mit ihrer zehnköpfigen Mannschaft sind sie imstande, eine Stadt auf den Kopf zu stellen.

 

 

3

Er hat sich am nächsten Morgen einen lebhaften Braunen gesattelt, einen ausgeruhten Junghengst mit allerlei dummen Streichen im Kopf.

Ken reitet nach Osten. Er lässt Camp Nellie rechts liegen und sieht nur kurz zu der riesigen Staubwolke hinüber, die über der Hauptherde weht, der Hauptherde der Circle B-Ranch.

Jetzt kommt die Senke, und hier verläuft auch die Grenze zwischen der Circle B und der Horn-Ranch. Der alte Skinner und Tom Bridewell haben diese Grenze festgelegt. Auch Florence muss sie respektieren.

Muss er das? Ken stellt sich diese Frage. Das Land gehört dem, der seine Herden darauf stehen hat. Was tut Florence, wenn die Bridewells ihr Vieh auf die Ostweiden zu Camp Eileen treiben?

Plötzlich erkennt Ken zwei Reiter. Sie kommen von Norden her die Senke entlang. Erst als sie schon sehr nahe sind, kann Ken ihre Gesichter deutlicher sehen. Einer der beiden Reiter kommt ihm bekannt vor. Doch er braucht noch eine Welle, bis er darauf kommt, dass es Mac Skinner ist, Mac, der Sohn des früheren Besitzers der Horn-Ranch.

Mac ist nicht mehr jung. Er hat seine vierzig Jahre auf dem Rücken. Und die Niederlagen eines harten Lebens haben ihn altern lassen. Ken ist erschrocken, als er feststellt, dass es wirklich Mac ist. Einst Erbe einer großen Ranch, der größten im County, heute Vormann bei Tom Bridewell.

„Hoho, was sehen meine müden Augen? Der kleine Keni“, brüllt Mac, und über sein faltiges, wettergebräuntes Gesicht geht ein Leuchten.

Sie lachen, drücken sich die Hände und reden von Dingen, die ihnen gerade so einfallen. Mac stellt den anderen Reiter vor, einen jungen Cowboy der Circle B.

„Wir reiten die Grenze ab, Ken“, erklärt Mac. Sein Blick verfinstert sich, die schmalen Lippen pressen sich aufeinander.

„Ist das nötig, Mac?“, fragt Ken.

Mac antwortet nicht sofort. Er schiebt den Stetson ins Genick. Bei dieser Gelegenheit sieht Ken, dass Mac graue Haare hat, ein Anblick, der ihn schaudern lässt. Mac, früher der König aller Rodeos, mit grauem Haar? Der Liebling aller Frauen im County, heute ein alternder Mann? Dabei ist er doch erst knapp über die Vierzig.

„Es ist nötig“, entgegnet Mac bitter. „Dieser Florence ist ein schlauer Kopf, aber er ist auch ein Lumpenhund. Ich weiß nicht, was du inzwischen herausgefunden hast, Ken. Aber wie dem auch sei: Florence arbeitet mit tausend Tricks. Und er will uns alle wegschwemmen.“

„Er hat doch große Ideen, wie?“

Mac schüttelt den Kopf.

„Wenn du den Damm meinst, ja, dann ist es so, aber ansonsten meint der Kerl das ganz anders. Er will die gesamte Weide, er will alles, was du weit und breit sehen kannst, und noch mehr.“

„Sagt er das?“

„Nein, aber er tut es. Sein Damm ist der Anfang. Die Coltgarde, die bei ihm im Dienst steht, ist der zweite Schritt. Der dritte ist das Aufputschen der Siedler und der Leute von Tascosa. Die Siedler kommen frisch aus Europa. Viele von ihnen sprechen Englisch wie ich Chinesisch. Sie glauben jedes Wort, das Florence als ihr Gönner ihnen sagt. Frag mal einen von denen! Die haben deinen Alten noch nie gesehen. Frag sie nur! Du wirst was hören, meine ich.“

„Er wiegelt sie auf?“ Mac nickt. „Und was würdest du an der Stelle meines Alten tun?“

„Ich würde keinen Tag warten. Hinweg fegen würde ich diesen Zwerg mitsamt seiner Garde. Hör mal, Ken, dein Alter sprach neulich mit mir. Er hat dich holen lassen. Du solltest den Damm sprengen. Wann fängst du es an?“

„Das ist ein Verbrechen, Mac.“

„Klar, vor dem Gesetz. Aber was weiß das Gesetz? Wenn es zu spät ist, rettet uns kein Gesetz, Ken. Wenn der Damm steht, sind wir dem Zwerg auf Gedeih und Verderb ausgeliefert, im Sommer jedenfalls. Er wird uns Wasser zuteilen, wie es ihm passt.“

„Ich bin auf dem Weg zur Horn-Ranch. Will mir diesen Mann mal aus der Nähe ansehen.“

Mac nickt.

„Tu es, Ken! Es ist die beste Medizin. Wenn du wiederkommst, verstehst du alles. So long, Ken!“

Achtzehn Meilen vor der Horn-Ranch liegt Camp East. Es befindet sich am Ostrand des besten Weidelandes der Horn-Ranch. Hier findet alljährlich das Roundup statt.

Schon von weitem kann Ken das Camp an seinem Wahrzeichen, den drei Windradtürmen, erkennen. Der alte Skinner errichtete diese Anlage und schuf damit eine der größten Viehtränken im Land. Ken sieht Vieh, Tausende von Rindern. Es ist eine gewaltige Herde, die in der nahen Umgebung des Camp East weidet. Noch steht genug Gras hier. Doch Ken ist zu sehr mit diesem Land und mit der Viehzucht verwurzelt, um zu übersehen, was hier nicht ganz stimmt. Es ist zu viel Vieh an einer Stelle. Es ist überhaupt viel zu viel Vieh für diese Ranch. Gewiss, der alte Skinner hielt mitunter siebzehntausend Rinder. Doch das war schon das Äußerste und nur nach einem regenreichen Winter möglich.

Bei Camp East weiden im Augenblick aber mehr als zwanzigtausend Tiere. Sie sind in drei Herden aufgeteilt. Ken vermutet, dass die Herden erst vor wenigen Stunden hier angetrieben wurden und sich bald vermischen werden.

Zwanzigtausend und mehr Rinder bei Camp East. Eine Zahl, die ein Alarmzeichen sein muss. Was hat Anthony Florence vor? Warum treibt er das Vieh hier zusammen? Und weshalb hat er sich eine derartig große Herde zugelegt? Niemals kann sein Weideland für diese Rinder ausreichen, zumal er noch beste Gebiete am Strom an die Farmer abgeben will. Was hat Florence nur vor?, überlegt Ken fieberhaft.

Zwei Dutzend Männer hüten diese Herden. Er sieht die Reiter in weiter Ferne um die Herde kreisen, sieht Männer vor den beiden Camphütten. Und er entdeckt auch die klobigen Chuckwagen, die hinter den Hütten stehen. Es sind drei dieser Geräte und Küchenfahrzeuge. Sonst rollen sie nur im Roundup auf die Weide. Warum hat Florence sie schon jetzt zum Camp fahren lassen? Warum vermischt er die Zuchtherde mit dem Schlachtvieh? Warum tut er das alles?

Ken findet die Antworten nicht, aber er vermutet einen großen Streich gegen die Circle B-Ranch. Er weiß nicht, wie dieser Streich vollzogen werden soll, doch er glaubt daran, dass höchste Gefahr besteht.

Unschlüssig überlegt er, ob er umdrehen oder sein Vorhaben ausführen soll. Man hat ihn schon gesehen. Drei Reiter trennen sich von der Herde und reiten auf ihn zu. Als sie näher kommen, erkennt er ihre Gesichter, doch sie sind ihm fremd. Junge Cowboys — keiner der drei ist viel älter als zwanzig Jahre — reiten da auf ihn zu. Es fällt ihm auf, dass sie stark bewaffnet sind. Ihre Patronengurte sind gespickt voll; die Gewehrmunition haben sie in einem Gurt über dem Sattelhorn hängen.

„Hallo!“, rufen die drei und tippen an ihre Hutkrempen.

„Wenn ich nicht irre, 'bist du Ken Bridewell, stimmt das?“, fragt der mittlere Reiter, ein untersetzter Bursche mit pausbäckigem Gesicht. Ken nickt nur. „Hast du dich in der Landschaft verirrt? Das ist nicht die Weide der Circle B.“

„Nein, aber ich brauche wohl nicht erst einen Pass vom Gouverneur, wenn ich zu eurem Boss will, was?“, spottet Ken.

„Ein Bridewell will zu unserm Boss?“, staunt jetzt der Sprecher der Cowboys. Die drei sehen sich verblüfft an, blicken wieder auf Ken, und der Pausbäckige meint; „Sag mal, ist das dein Ernst?“

„Es ist mir so ernst damit, wie hier zwanzigtausend Rinder stehen, gehütet von Männern, die das große Treiben vorhaben. Wohin wollt ihr treiben?“

Die drei lachen.

„Wir treiben, da hast du verdammt recht. Und deinem Alten werden die Augen übergehen, wie fein wir treiben.“

„Was soll das heißen?“, knurrt Ken.

„Es heißt, dass wir bei Einbruch der Dunkelheit die Weiden um Camp Darsie mit unserem Vieh belegen.“

Ken meint, sich verhört zu haben.

„Die Weiden um Camp Darsie? Das sind unsere Weiden, zum Teufel.“

„Irrtum! Ken Bridewell, wir streiten uns nicht mit dir. Wir wollen keinen Kampf wie dein Alter. Lass es dir von unserm Boss erzählen, wenn du sowieso zu ihm willst. Er hat ein Recht auf die Weiden am Camp Darsie.“

.„Moment mal“, ruft Ken, als die drei ihre Pferde wenden wollen. „Wieso habt ihr ein Recht auf diese Weiden?“

„Frag den Boss! Und bleib nicht zu lange hier! Entweder reite zurück auf euer Land oder mach, dass du zu unserer Ranch kommst. Du hast Glück, Ken Bridewell, dass du es bist und nicht dein Bruder Steve, der hier eingebrochen ist. Zu dir sollen wir freundlich sein, hat unser Boss befohlen. Verdammt, Ken Bridewell, wir waren so freundlich wie noch nie im Leben. Ich wette, du wirst das zugeben.“ Sie winken ihm zu und reiten zur Herde zurück.

Ken hat das Gefühl, als sei ein Eimer kaltes Wasser über ihn ausgegossen worden. Er fühlt sich hilflos, obgleich er vor Wut kocht. Die ganze Angelegenheit beginnt immer rätselhafter zu werden.

Dem ersten Impuls folgend, möchte er umkehren, um seinem Vater und den Brüdern zu sagen, was Florences Mannschaft vorhat. Doch dann überlegt er es sich anders. Er will Klarheit haben. Er will genau wissen, dass Florence ein Gauner ist, wie Mac Skinner schon andeutete und sein Vater behauptete.

Kurz entschlossen treibt er sein Pferd an und reitet nach Südwesten auf die Horn-Ranch zu.

Die Horn-Ranch liegt in einer Mulde, einem schmalen, windgeschützten Talkessel. Deshalb gibt es hier Bäume, und sie halten sich schon seit Jahrzehnten, einige vielleicht schon seit einem Jahrhundert.

Noch mehr als die im spanischen Stil erbauten Gebäude erinnern die vielen mexikanischen Peons und Vaqueros daran, dass hier einst Mexikaner lebten. Es ist ein Mestize, der Kens Pferd in Verwahrung nimmt, und es ist ein sehniger Vaquero mit scharf geschnittenem Kreolengesicht, der Ken ins Haus führt.

Ken ist erstaunt, als er das Leben und Treiben im Patio sieht. Er erinnert sich an die Zeit der Skinners. Da ging es so zu wie auf der Circle B-Ranch. Jetzt aber scheinen die Zeiten der mexikanischen Herrschaft wiedergekommen zu sein. Bronzehäutige Mägde huschen durch den Laubengang; schlanke, elegant gekleidete Vaqueros lehnen im Schatten der Gebäude, als hätten sie nichts weiter zu tun. Es gibt auch noch andere Männer hier, Nordamerikaner sind es. Sie sitzen auf der anderen Seite in Korbsesseln und in Schaukelstühlen. So harmlos sich das ansieht, so gefährlich wirken diese Gestalten. Alle sind schwer bewaffnet. Keiner macht den Eindruck, als trage er seinen Colt aus Spielerei. Es sind Gunmen, und ihr Bruder ist der Tod.

Sie blinzeln zu Ken hinüber, scheinen ihn auch zu erkennen, aber sie halten sich zurück.

Ken muss daran denken, was ihm der junge Cowboy sagte. Man soll ihn freundlich behandeln, und diesen Befehl scheinen auch jene Revolverschwinger dort drüben zu kennen.

Ein baumlanger Mexikaner kommt auf Ken zu und sagt mit kehliger Stimme: „Der Patron lässt bitten.“

Ken folgt dem Diener ins Haus, wird durch einen langen, kühlen Gang geführt, und schließlich öffnet sich vor ihm die Tür zu einem komfortabel eingerichteten Salon. Er tritt ein und sieht Anthony Florence, jenen kleinen Mann mit den energischen Gesichtszügen und der zierlichen Gestalt. Florence lächelt. Und als ihn Ken begrüßt, nickte er und sagt: „Ich wusste, dass Sie kommen würden. Bitte, nehmen Sie Platz.“

Ken setzt sich und betrachtet sein Gegenüber. An diesem Florence ist etwas dran, so klein und unbedeutend er auch wirkt, überlegt Ken. Die Stirn ist hoch, die Brauen sind buschig, und die Augen sind dunkler als das Haar. Es ist ein intelligentes Gesicht, aber es zeigt auch eine Härte, die selbst beim Lächeln nicht schwindet.

Ein Diener bringt Zigarren und Whisky, dann sind sie allein.

„Ich habe allerhand von Ihnen gehört“, beginnt Florence. Er spricht mit etwas rauer, nicht sehr tiefer Stimme, und wie er spricht, lässt Ken ahnen, dass er nicht im Westen aufgezogen wurde. Sein Englisch ist so klar wie das eines Oxford-Engländers. „Ja, und wie es so ist, erfährt man hier natürlich alles“, fährt Florence fort. „Sie sind das sogenannte schwarze Schaf der Bridewells und ...“

„Sie irren, Mr. Florence. Ich bin ein Bridewell, nichts mehr und nichts weniger. Kalkulieren Sie mit dieser Tatsache“, unterbricht ihn Ken.

Einen Augenblick lang verfinstert sich das Gesicht Florences, dann aber wird er wieder freundlich.

„Es spricht nicht für Sie, wenn Sie das so betonen. Ich hoffe nämlich, mit Ihnen über Dinge verhandeln zu können, für die Ihr Vater weder Verständnis noch Gefühl hat. Verstehen Sie, Mr. Bridewell, man muss es im Gefühl haben, ob jene Sache gut oder schlecht ist.“

„Ich bin nicht zum Verhandeln hier. Ich möchte von Ihnen wissen, was die zwanzigtausend Rinder auf dem Gebiet der Camp Darsie-Weide wollen. Ich möchte erfahren, mit welchem Recht Sie heute Abend diese Herde auf unser Land treiben.“

Florence scheint überrascht zu sein, doch das währt nur wenige Sekunden, dann lächelt er.

„Einer meiner Männer hat also gequatscht?“, fragt er.

„Eine Herde von zwanzigtausend Tieren, und die alle vor Camp East, ist ein deutliches Zeichen. Cowboys, die für einen langen Ritt ausgerüstet sind, bedeuten das zweite Zeichen. Der Rest ist mit zwei Worten gesagt“, erwidert Ken. „Nun Ihre Erklärung, Mr. Florence!“

„Ich habe das Land im Umkreis von 18 Meilen um Camp Darsie vom Staat gepachtet. Sie wissen ja, dass es Regierungsland ist. Bisher konnte es der beweiden, dessen Vieh darauf stand. Freie Weide. Ich zahle dem Staat Geld für die Benutzung, was bisher niemand tat. Jetzt haben Sie und Ihr Vater das Pech, das unser Staat sehr geldgierig ist. Er vergab das Land an mich.“

„Das müssen Sie beweisen, Mr. Florence!“

Florence nickt. Freundlich wie zuvor sagt er: „Ich kann es. Da, hier ist der Beweis!“

Er reicht Ken ein Schreiben des Vermessungsamtes beim Gouverneur von Texas. Darin wird bescheinigt, dass Florence das Gebiet um Camp Darsie — es folgt eine genaue Bezeichnung und Grundangabe — zu Recht gepachtet hat und fortan zu allen Zwecken benutzen darf.

„Was wollen Sie damit erreichen?“, fragt Ken scharf. „Sie haben eine Runde gewonnen, Mr. Florence, herzlichen Glückwunsch. Aber was nützt es Ihnen?“

Florence schüttelt den Kopf.

„Nicht so heftig, Mr. Bridewell. Hören Sie mir genau zu! Ich kann nicht verwirklichen, was ich mit meinen Bewässerungs- und Besiedlungsplänen vorhabe, wenn Ihr Vater streikt. Ich muss aber mein Ziel erreichen. Einmal sind die Rinderpreise im letzten Jahr schon um zwanzig Prozent gefallen, und sie werden um weitere zwanzig Prozent in diesem Jahr fallen. Die Bahn hat noch immer nicht vor, die Südabzweigung von Dodge City aus über Tascosa zu legen. Der ganze Bau wird noch dauern. Wir müssen also noch treiben. Dabei sind uns die Rancher im Osten voraus. Die haben eine Bahn. Treiben und am Ende vierzig Prozent niedrigere Viehpreise, das ist kein Geschäft mehr. Es wird auch nie mehr das große Geschäft werden, weil in diesem Land viel zu viel Vieh gezüchtet wird. Auch in New Mexico werden jetzt Herden gesammelt und bis an die Bahnen getrieben. Und in Arizona nimmt der Viehbestand von Jahr zu Jahr um Tausende von Rindern zu. Das wissen Sie doch auch, nicht wahr? Und Ihr Vater, der schließlich kein Narr sein kann, muss es ebenso wissen. Er will aber weiter Vieh züchten, das er praktisch verschleudert. Er züchtet Vieh auf einem Boden, der zum besten des Staates gehört, wenn, ja wenn er bewässert wäre. Dann nämlich brächten uns Baumwolle, Weizen, Mais und dergleichen ein Zehnfaches von dem Gewinn eines Roundups.“ Er macht eine Pause und wartet auf Kens Antwort, doch der schweigt und überlegt. Was Florence ihm da erklärt, klingt überzeugend. Es fehlen nur noch Beweise dafür. „Mr. Bridewell“, fährt Florence schließlich fort, „ich habe das alles Ihrem Vater zu erklären versucht. Wissen Sie, ich verstehe nicht ganz, warum er so hartnäckig ist.“

„Was sagte mein Vater?“

„Er meinte, wir Menschen hätten nicht das Recht, Wasser dahin fließen zu lassen, wo früher kein Wasser geflossen sei. Den Bau des Staudammes bezeichnete er als ein Verbrechen wider die Natur. Meine Absicht, Siedler, Farmer also, hier anzusiedeln, nannte er eine Tat, für die er mich persönlich noch aufhängen würde, allein der Drahtzäune wegen, die von den Siedlern angelegt würden.“

„Mr. Florence, waren Sie schon immer Rancher?“

„Ich bitte Sie, ich bin Kaufmann!“, erwidert Florence, als sei es eine Zumutung, ihn als Rancher zu bezeichnen.

Ken nickt gedankenvoll.

„So, so, Kaufmann sind Sie. Haben Sie deshalb zu viel Vieh?“

„Ah, Sie denken, ich sei ein Greenhorn? Irrtum. Ich habe insgesamt dreiundzwanzigtausend Rinder. Auf meinen Weiden, den Weiden der Horn-Ranch, können im Höchstfalle siebzehntausend Tiere gehalten werden. Ah, ich habe tüchtige Fachleute, die ich gut bezahle und die solche Berechnungen für mich anfertigen. Sind also sechstausend Rinder überzählig. Und die weiden auf dem Gebiet der Circle B. Denn ich muss ...“

„Verdammt, wollen Sie sagen, Sie könnten die gesamte Weide von uns pachten?“, empört sich Ken.

„Ruhig, junger Freund! Ich kann es eben leider nicht. Wenn ich es könnte, brauchte ich diese Mittel gar nicht anzuwenden. Hören Sie mir bitte zu! Ihr Vater hat Eigentum. Es liegt längs des Canadian River. Zu beiden Seiten östlich von Tascosa. Und die Stelle, wo ich den zweiten Staudamm errichten muss, gehört ihm. Mein vorderer Damm ist ein Nichts, ein sinnloses Werk, wenn ich den Hauptdamm nicht dort errichten kann, wo er hingehört, auf dem Gebiet am Arroyo, am Ufer Ihres Canadian Camp. Und dieses Land wird mir Ihr Vater erst verkaufen, wenn ich ihn auf die Knie gezwungen habe. Freiwillig tut er es nicht. Schade, Mr. Bridewell, aber er ist eben dickköpfig. Ich muss ihn also mit dem Trick der Pachtung auf die Knie bekommen.“

„Da beißen Sie auf Granit.“

„Vielleicht“, meint Florence. „Vergessen Sie bitte nicht, dass sein Eigentum zu klein für seine großen Herden ist!“

„Sie unterschätzen meinen Vater. Er schießt sich seine Weide frei.“'

„Das ist es, was ich befürchtet habe“, erwidert Florence ernst. „Aber auch dafür habe ich gesorgt. Hierin ist er im Unrecht. Dann aber bin ich in der Lage, es auch darin mit ihm aufzunehmen. Mit Geld erobert man die Welt!“

Ken möchte eine scharfe Antwort geben, aber er beherrscht sich. In diesem Punkt unterscheidet er sich von seinem Vater und seinen Brüdern. Und so erfährt er auch die Pläne Florences. Der Mann erzählt, und er erwähnt auch, wieso er überhaupt in dieses Land gekommen ist.

Als der alte Skinner mehr Schulden hatte als Vieh auf der Weide, drohte die Bank, die ihm Kredit gewährt hatte, mit ihrem Schuldner bankrott zu gehen. Florence war die Stütze dieser Bank. Statt dem sicheren Verlust zuzusehen, übernahm der Getreidekaufmann aus Kansas die verschuldete Ranch Skinners. Vieh bedeutet ihm nichts. Die Romantik der freien Weide ist für ihn ein Märchen, bei dem er nichts verdienen kann. Der Anblick eines herrlichen Pferdes lässt ihn völlig gleichgültig. Ihn interessieren nur die Zahlen, die Bilanzen, der Gewinn einer Sache. Viehzüchten ist seiner Meinung nach in der jetzigen Zeit ein Verlustgeschäft, also sucht er andere Wege.

Ein Mann wie Florence handelt überlegt, vorsichtig. Er ließ Bodenproben vom Land am Canadian River untersuchen. Das Resultat: bestes Land, wenn der Oberflächensand durch eine Bewässerung und tiefes Pflügen beseitigt wird. Dann müssen Hecken angepflanzt werden, die das erneute Versanden des Landes verhindern. Der größte Feind des Ackers wird der Wind sein, der alles austrocknet und verweht. Der ewige Wind der Prärie.

Florence hat auch damit gerechnet. Und da sein Plan Unsummen von Geld verschlingen wird, muss er jede Phase seiner vorgefassten Absicht genau ausführen, sonst wird es ein Misserfolg. Florence spielt mit hohem Einsatz. Ein Misserfolg darf nicht herauskommen. Und deshalb muss er Bridewells Land am Fluss haben. Ohne dieses Land ist alles, was er vorhat, sinnlos. Bridewell senior will nicht mitmachen. Für diesen Alten ist ein Rind ein Lebewesen und keine Zahl in einer Berechnung, für Tom Bridewell ist ein Sonnenuntergang in der Prärie eine beinahe religiöse Angelegenheit. Für diesen Alten zählt der, dem es gelingt, einen tollen Broncohengst einzubrechen. Für Florence ist ein derartiger Reiter ein Narr, der sein Leben sinnlos riskiert.

Der eine liebt die Natur wie sie ist. Der andere möchte sie in eine zu berechnende, übersichtliche Form pressen. Bei dem einen wird in fünfzig Jahren noch alles beim Alten sein. Bei dem anderen sollen schon bald schnurgerade Felder mit schnurgeraden Wegen und Bewässerungsgräben dort sein, wo heute ungleichmäßig hohes, in Büscheln wachsendes Bunchgras wuchert, oft halb vertrocknet, oft härter als Kornstroh.

Es ist ein großes Ziel, das sich Florence gesetzt hat. Es ist schon deshalb groß, weil dort, wo bisher eine Familie und zwanzig Cowboys bei harter Arbeit ein erträgliches Auskommen hatten, in Zukunft dreißig oder vierzig Familien bei ebenso harter Arbeit reich werden können.

Ken begreift, wie bestechend der Plan der Kaufmannes Florence ist. Und er weiß nun, warum Florence von Seiten des Staates und der Leute im Lande so viel Unterstützung erhält. Der Gedanke, dass aus freier Weide ein riesiger Acker werden soll, bedrückt Ken. Doch gleichzeitig sagt er sich, dass Florence wirklich im Recht ist.

„Mr. Florence“, erklärte er, „ich werde versuchen, meinen Vater umzustimmen. Bitte, halten Sie Ihre Herde noch zurück. Es wird nicht der richtige Weg sein. Auf diese Weise erreichen Sie nichts.“

„Gut, zwei Tage warte ich!“

Als Ken geht und Florence zum Abschied versichert, dass es ihm vielleicht gelingen wird, den Vater zu überzeugen, ahnt er nicht, wie sinnlos sein Versprechen ist. Denn Tom Bridewell hat schon gehandelt.

Es ist kurz vor Mittag, als Tom Bridewell mit seiner gesamten Mannschaft bei Camp Nellie eine Rast hält. Eben sind noch Mac Skinner und jener Cowboy dazugekommen, nachdem sie vor wenigen Minuten mit Ken gesprochen haben.

Mac erstattet dem Alten Bericht von seinem Gespräch mit Ken. Der Alte ist zufrieden.

„Gut, er soll ruhig mit dem Bastard reden. Hast du ihm gesagt, was wir vorhaben, Mac?“

„Nein, er weiß nichts, glaube ich. Von mir hat er keinen Ton erfahren, Boss.“

Der Alte nickt.

„Gut so. Dann wollen wir anfangen. Wie weit sind sie drüben im Camp East, Mac?“

Der Vormann kniet sich in den Sand und zeigt auf einen Grasbüschel.

„Wenn das Camp East ist, dann stehen hier und dort die Herden. Jetzt werden sie sich inzwischen zu einem Klumpen verschmolzen haben. Es sind rund zwanzig Reiter dabei. Alle sind gut bewaffnet, wie ich durch mein Fernglas sehen konnte. Aber von der Garde sind keine Leute dabei. Die Boys bei der Herde gehören zu Florences Cowboy Crew. Ich habe Nick Martin erkannt. Er ist eine ehrliche Haut, Boss. Sicher sind seine Boys auch in Ordnung. Von den Coltschwingern und den Mexikanern habe ich keinen gesehen.“

Der Alte dreht sich im Sattel um und blickt auf die Männer hinter sich.

„Ihr habt es gehört. Passt auf, dass keiner von denen was abbekommt!“ Er wendet sich wieder Mac zu und fragt: „Und du bist sicher, dass sie noch heute Abend treiben?“

„Todsicher, Boss. Im Camp East ist nie und nimmer Weide genug für zwanzigtausend Tiere. Sie müssen noch heute treiben. Wenigstens kann nicht die ganze Herde dort bleiben.“

Sie setzen sich zurecht, sehen noch einmal nach ihren Waffen und reiten los. Der Alte führt auf einem riesigen Falbhengst. Hinter ihm Steve und Joe, ihnen folgt Mac mit der Mannschaft. Eine wilde, raue Crew führt Tom Bridewell an. Eine Crew, die den Teufel aus dem Feuer holen wird, wenn es der Alte befiehlt. Jeder dieser Männer hat unzählige Male bewiesen, dass er ein Kerl ist, ein ganzer Kerl. In diesem Land, ja, im ganzen Panhandle wird es einem Cowboy zur höchsten Ehre angerechnet, einmal für Tom Bridewell geritten zu sein. Nur die besten Reiter und Rinderleute fanden und finden bei dem Alten einen Job. Noch mehr als alles Können aber schweißt die Kameradschaft diese Crew zusammen. Alle zehn lieben die Prärie, die freie Weide, lieben das Land so wie es ist. Und alle sind bereit, für die Erhaltung dieses Zustandes zu kämpfen. Es ist genau die Mannschaft, die Tom Bridewell braucht.

Eine Stunde später taucht die Senke auf, die Grenze zwischen den beiden Ranchs. Der Alte gibt das Zeichen zum Halten. Die Männer sammeln sich um ihn.

„Wenn sie von Camp East treiben“, erklärt der Alte, „muss die Herde auf unser Camp Darsie zu in südöstlicher Richtung laufen. Florence hat dabei etwas übersehen. Um das von ihm dem Staat angepachtete Gebiet zu erreichen, muss er entweder über unser Land, oder er treibt die Herde im Bogen nach Süden und an der 'Grenze, dann genau östlich. Wir warten hier, weil niemand genau weiß, was sie tun werden. Treiben sie im Bogen, bleiben wir hinter ihnen und jagen die Herde dann weiter nach Osten. Kommen sie geradewegs auf uns zu, gibt es überhaupt keine Überlegungen. Dann sind wir im Recht und sprengen das Vieh auseinander.“ Mit hintergründigem Grinsen fügt er hinzu: „Es wäre mir ganz lieb, wenn sie im Bogen treiben.“

Als es dämmert, sehen sie die Herde herankommen. Durch ihre Ferngläser erkennen der Alte, Steve und Mac Skinner, dass die Cowboys das Vieh eine Meile von der Grenze entfernt nach Süden treiben.

„Er ist also schlau, dieser Bastard Florence“, murmelt der Alte. „Gut, wir versalzen es ihm!“ Durch die Senke geschützt, warten die Männer mit ihren Pferden. Nur der Alte und Steve stehen oben. Und sie beobachten die riesige Herde durch ihre Gläser. Nach einer Weile kommen Vater und Sohn zu den anderen hinunter.

„Sie sind jetzt weit genug. Aufsitzen! Wir reiten jetzt langsam hinter ihnen her. Und denkt daran: Keinen Schuss, der nicht sein muss!“

Sie sitzen auf, reiten die Senke entlang und sind bald eingehüllt von der riesigen Staubwolke, die der Abendwind von der Herde her auf sie zutreibt. Bald hat sich der Staub wieder verzogen, denn die Herde ist jetzt halb links vor ihnen. Der Südwind treibt den Staub an ihnen vorbei.

„Sie sind jetzt auf unserem Land. Achtet auf mein Zeichen, Männer!“, befiehlt der Alte mit heiserer Stimme.

Die Männer nicken. Mit entschlossenen Gesichtern reiten sie durch die anbrechende Nacht. Sie folgen Tom Bridewell. Sie wissen, dass er einen bösen Streich vorhat, aber sie geben ihm recht. Sie sind stolz auf ihren Boss. Es ist eine Sache nach ihrem Geschmack, die jetzt beginnt. Sie ahnen nicht, wie hart es noch werden wird.

Zusammenfassung

Der Rancher Thomas Bridewell beordert nach acht Jahren seinen Sohn Ken wieder nach Hause. Er soll einen Damm sprengen, den der fortschrittlich denkende Florence errichtet, um texanisches Rinderland zu fruchtbarem Acker zu machen.
Ken befürwortet dieses Vorhaben, aber er versteht auch seinen Vater, der die Traditionen und die wilde Natur der freien Weide verteidigt. Und so gerät er inmitten der Fronten, zwischen denen der Hass brodelt und die Gewalt immer mehr zunimmt, bis ein mörderischer Kampf entbrennt.

Details

Seiten
146
Jahr
2021
ISBN (eBook)
9783738948998
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2021 (Januar)
Schlagworte
bridewells

Autor

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Titel: Die Bridewells