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Carringo und die Hölle auf Erden

2021 111 Seiten

Leseprobe

Table of Contents

Carringo und die Hölle auf Erden

Copyright

Die Hauptpersonen des Romans:

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Carringo und die Hölle auf Erden

Western von Heinz Squarra

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 111 Taschenbuchseiten.

 

Chaco muss feststellen, dass er ein Gefangener auf der Paradise Ranch ist. Doch dieses „Paradies“ ist die reinste Hölle, aus der es kein Entrinnen gibt.

Auch Carringo hat nicht besonders viel Glück, denn er findet sich im Keller eingesperrt wieder, nachdem er der Station der Wells Fargo einen Besuch abstattet, die von Buz Williamson und seiner Familie geleitet wird.

Auf der Suche nach den Vermissten stößt er auf Danago und erfährt so vom Verschwinden der Papagos. Gemeinsam reiten sie, um die Vermissten zu finden …

 

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

Alfred Bekker

© Roman by Author

© COVER FIRUZ ASKIN

© dieser Ausgabe 2021 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

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Die Hauptpersonen des Romans:

Carringo - stößt bei der Suche nach den Vermissten auf Danago und erfährt vom Verschwinden

der Papagos.

Chaco - Als Gefangener der Paradise Ranch lernt er die Hölle auf Erden kennen.

Buz Williamson - Er und seine Sippschaft erleben eine böse Überraschung, als sie auf der

Paradise Ranch Hilfe suchen.

Poncho Blessing - Ein eiskalter Bursche, der nicht zulassen kann, dass jemand von der Paradise

Ranch und den Vorgängen dort etwas erfährt.

 

 

 

1

Wer auf die Paradise Ranch kam, dem drohte ein Schicksal, das schlimmer war als der Tod.

Über den Kämmen der Lalaja Mountains schob das Morgengrauen die Dunkelheit der Nacht nach Westen. Undeutlich ließen sich die bewaldeten Hänge bald darauf erkennen. Sanft schwangen sich die Hangwälder in ein großes Tal inmitten einer grauen Felsregion hinunter. Der langsam einschlafende Nachtwind ließ die Felder hinter drei Yards hohen Drahtzäunen leise rauschen und bog den Mais wiegend hin und her.

Schwer bewaffnete, wild aussehende Gesellen, vor denen kläffende Hunde herliefen, ritten hinter den Zäunen in kurzen Abständen vorbei, manchmal zwei Mann nebeneinander.

„Paradise Ranch“ stand auf einem kleinen, unscheinbaren Schild am Zaun. Das Geflecht reichte unten bis in den Boden und wurde oben durch mehrere Reihen Stacheldraht so gesichert, dass an ein Überklettern kaum zu denken war.

Hinter den Feldern wies eine lange, rötlich schimmernde Geröllhalde auf einen Steinbruch hin. Feldbahnschienen führten vom Fuß der Wand zu einer Verladerampe, an der einige abgestellte Frachtwagen im Morgengrauen sichtbar wurden. Das neue Tageslicht zog auch das große, klobige Ranchhaus, tief drinnen im abgeschirmten Gelände, versteckt hinter hohen Büschen und Bäumen, aus dem Dunkel. Kleinere, flache Baracken umstanden das hohe Adobelehmgemäuer. Sie bestanden aus einfachen, ungehobelten Brettern und wiesen nur knapp unter den Dächern winzige Sehschlitze auf, kaum geeignet, um einen Blick von außen nach innen oder umgekehrt zu werfen. Lediglich etwas Licht und Luft konnte so in die Hütten eindringen.

Bei den Stallungen dahinter, den Wagen im Hof, am Brunnen und vor dem Innenhof standen weitere bis an die Zähne bewaffnete Wächter.

Die Lalaja Mountains galten in Arizona als eine verlassene Gegend, die viele Jahre lang von kriegerischen Indianerbanden heimgesucht worden war. Niemand in den Städten war je versessen darauf gewesen, hier herumzustreifen oder gar siedeln zu wollen. Sicher lag es daran, dass die Paradise Ranch nur solche Leute kannten, die mit ihr zu tun hatten, im guten oder im bösen Sinne.

Chaco, der Marshal von Prescott, gehörte zu jenen, die die Ranch in den Bergen im bösen Sinne kennenlernen mussten.

Ein scharfer Pfiff und das Bellen eines Hundes zerrissen seinen Schlaf. Er fuhr vom dünnen Stroh auf dem festgestampften Boden, das als Nachtlager diente, in die Höhe. Durch die offene Tür und die winzigen Luftschlitze in den Wänden drang das Morgengrauen herein.

„Aufstehen, ihr Faulpelze!“, brüllte der Wächter. „Seht ihr nicht, dass es bald Mittag ist?“

Chaco richtete sich auf und trat an die Wand zurück. Rund um ihn erhoben sich zerschlagene, taumelnde, noch todmüde Gestalten, denen der Schlaf kaum neue Kraft verliehen hatte.

„He, liegst du auf den Ohren!“ Mit der Peitsche schlug der Wächter auf einen Mann ein, der offenbar vor Entkräftung nicht erwachte. Der Getroffene wurde außerdem vom Hund angefallen und gebissen. Jäh hellwach schrie der Mann und versuchte, sich der Bestie zu erwehren.

Entsetzt sprangen andere zurück, um nicht auch von der Peitsche getroffen oder von dem Köter angefallen zu werden.

„Zurück, Lincoln!“, befahl der Wächter. „Der ist doch nur Haut und Knochen und schmeckt dir nicht.“

Knurrend und unwillig gehorchte der Hund, die Nackenhaare gesträubt und die Reißzähne entblößt. Die Gier ließ Speichel über seine Lippen laufen und ins stinkende Stroh tropfen.

„Alles raus jetzt!“ Der Posten knallte wieder mit der Peitsche.

„Beeil dich, sonst beziehst du Schläge!“, flüsterte Chacos Nachbar, der schon loshastete.

Inmitten eines Pulks wurde der Marshal aus Prescott aus der Baracke geschoben und stand gleich darauf in dichter Reihe mit Indianern, Chinesen, Mexikanern, Schwarze und stoppelbärtigen Weißen. Samt und sonders handelte es sich um ausgehungerte Gestalten mit tief in den Höhlen liegenden Augen und hohlen Wangen. Sie steckten in zerfetzten Lumpen, primitiv geflickt und vielfach von Stricken gehalten. Wer noch einen Hut besaß, und war der noch so lädiert, durfte sich glücklich preisen, hatte er doch einen Schutz gegen die gnadenlose Mittagshitze auf den Feldern oder im Steinbruch.

Aus den anderen Hütten wurden weitere Gefangene getrieben. Man hatte sie getrennt, in den beiden rechten Hütten die Männer, in denen links davon Frauen, Halbwüchsige und Kinder.

Obwohl Chaco sich nun bereits den zweiten Tag in der Gewalt jener mörderischen Bande befand, die diese Ranch, die eher eine Farm war, betrieb, fiel es ihm immer noch schwer, zu glauben, dass er nicht in einem tiefen Traum lag. Dass es so etwas inmitten der übrigen Welt geben sollte, ohne dass sie es in Prescott oder anderswo bemerkten. Denn alles deutete daraufhin, dass dieses Anwesen bereits seit Jahren existierte.

Die hohen Busch- und Baumgürtel ließen hier und da ein winziges Stück der Zaunanlage erkennen. Sie befand sich in dem großen Tal außerdem so weit von den Gefangenen entfernt, dass ein außerhalb stehender Mensch kaum etwas von dem sehen konnte, was hier geschah. Auch ein Ruf würde soweit nicht dringen.

Brutal trieben die Wachen mit ihren Peitschen, vom Kläffen der Hunde unterstützt, die Reihen weiter auseinander und zählten lautstark die kleinen Kolonnen durch.

Chaco fielen unter den ausgemergelten Indianern die Papagos auf, die sie in Prescott gesehen hatten. Genau erinnerte er sich an jene sechs Wagen mit den dürftigen, stinkenden Strohschütten darauf, wie sie hier in den Baracken lagen. Ein gewisser Major Kent und eine Abteilung Kavallerie hatten den Zug der Unglücklichen begleitet. Und das hier schien jene Hälfte der Papagos zu sein, die er im Bahnwaggon an der Verladestation nach Oklahoma vermisst hatte. Spurlos verschwunden, tauchten sie hier plötzlich wieder auf.

„He, nach links!“ Der Wächter stand plötzlich vor ihm, und der bellende Hund fuhr Chaco entgegen. Ein Stoß ließ ihn zur Seite taumeln. Ein anderer Gefangener griff nach Chacos Arm und flüsterte: „Keinen Widerstand leisten. Sie töten jeden, der so etwas wie eigenen Willen zeigt. Und du hast gegen sie keine Chance.“

„So, erste Abteilung, vorwärts!“

Die Aufseher peitschten den verlorenen Indianerhaufen aus dem Innenhof.

„Du nach rechts!“, schrie ein Posten, zerrte einen besonders dürren Indianer aus der Reihe und versetzte ihm einen Tritt. Der Papago vermochte sich nicht auf den Beinen zu halten und brach zusammen. Der Wachhund fuhr ihn knurrend an, was dem Mann genügend Kraft verlieh, sich noch einmal zu erheben. Er taumelte einer Schranke hinter der Teilung des Weges entgegen, die geöffnet wurde. Auch dahinter entdeckte Chaco Posten sowie das Dach und die Wandseite einer geschwärzten Hütte.

Der zweite Zug bestand aus Frauen und Kindern, die man gleichermaßen gnadenlos wie die Indianer aus dem Hof prügelte. Ausgebrannt schleppten sich drei Gestalten nach, die immer mehr zurückblieben.

Von den schwer bewaffneten Bewachern wurden alle drei Frauen, eine von ihnen schien schwanger zu sein, ebenfalls in den zweiten Weg und unter der geöffneten Schranke hindurchgetrieben.

Chaco schaute seinen Nachbarn an.

„Die sehen wir nie wieder“, flüsterte der hohlwangige Mann. „Und irgendwann geht jeder von uns diesen Weg.“

„Wohin?“

„Zu der geschwärzten Hütte!“

Die Frauen begannen zu schreien und wollten flüchten, was ganz im Gegensatz zu dem ausgesonderten Indianer stand, der in stoischer Ruhe den Weg ins Verderben ging, sicher wissend, was ihm bevorstand. Doch auch die drei Frauen hatten keine Chance. Die Bewacher schleiften sie hinter das Gestrüpp.

„Marsch!“, drang es barsch an Chacos Ohren. Einen Sekundenbruchteil streifte die Peitsche seinen Arm. Schmerzen durchzuckten ihn. Er kämpfte das Verlangen nieder, herumzuwirbeln und den Wächter zusammenzuschlagen, setzte sich aber wie die anderen in Bewegung und trottete mit seinem Zug in den anderen, offenen Weg, hinter dem die Felder jenseits der grünen Gürtel begannen.

Sein Vordermann ging unsicher und hustete erstickt, wobei seine Gestalt gebeutelt wurde, als müsse er durch einen sturmgepeitschten Canyon.

„Du bist am Ende, Freundchen!“ Der raugesichtige Posten zog den Mann aus der Reihe und versetzte ihm einen Stoß. Der Alte strauchelte, brach auf dem Weg zusammen und wurde von einem weiteren Hustenanfall geschüttelt.

Fünf Wächter stürzten sich auf den Unglücklichen, rissen ihn hoch und bugsierten ihn unter der Schranke hindurch.

Chaco verlor den Kranken aus den Augen. Es waren zu viele Aufpasser, als dass sich gegen sie etwas ausrichten ließe.

Die Kolonnen teilten sich hinter den Büschen in kleinere Gruppen auf und wurden zu den langen Feldern getrieben. Mit gespreizten Beinen, eine kurze Reitpeitsche am Riemen am Handgelenk, einen Hund neben sich und an jeder Hüfte einen Revolver, so stand ein bulliger Mann vor Chaco.

Er musste stehenbleiben.

„Neu?“

„Ja.“

Der Kerl grinste mit nach unten gebogenen Mundwinkeln.

„Da ist es besser, ohne Werkzeuge zu arbeiten. Weil mancher noch glaubt, er könne sie als Waffe benutzen. Tatsächlich kann er das nie mehr bereuen. Aber wir bringen die kräftigen Burschen nicht gern um. Es ist, als werfe man Geld weg.“ Chaco gab keine Antwort und vermied es, den hartgesottenen Burschen anzuschauen. „Hast du kapiert? Wir wollen, dass jeder möglichst lange etwas Nützliches tut. Wenn er auf uns losgeht, müssen wir ihn auslöschen. Keiner hat etwas davon, am wenigsten der Dummkopf selbst.“ Der Hund knurrte und fletschte die Zähne. „Der riecht, dass an dir noch gutes Fleisch ist.“ Das Grinsen des Wächters wurde noch höhnischer. „Also, zwischen den Kartoffelpflanzen wächst eine Menge Unkraut. Unkraut ist in keiner Gemeinschaft gut. Nicht in der der Menschen, nicht in der der Tiere, auch nicht bei den Pflanzen. Und streng dich an! Ich sehe jeden, der faulenzt. Und ich greife gnadenlos durch.“

„Das glaube ich gern.“

Der Kerl wurde ernst und packte die Peitsche. Als hätte er einen Befehl gegeben, sprang sein Hund auf und leckte sich wie im Vorgeschmack über die großen Zähne. Es handelte sich um eine bösartig aussehende Dogge, die dem Mann fast bis an den Patronengurt reichte. In den unterlaufenen Augen schien Feuer zu brennen.

„Du hast nur zu antworten, wenn du gefragt wirst. Und dann nur mit ja oder nein. Kapiert?“

Chaco schaute an dem Mann vorbei. Die Männer und Frauen krochen bereits wie Wühlmäuse über die Felder und rupften das sprießende Unkraut aus dem trockenen Boden. Hinter Chaco verklangen Schritte.

„Ist was mit ihm?“, fragte ein weiterer Bewacher.

„Ein Neuer, dem ich gerade erkläre, wie das bei uns läuft.“

Der zweite Mann, der ebenfalls einen Hund bei sich führte, trat um Chaco herum. Irgendwie ähnelte er seinem Kumpan mit den harten Zügen, dem Stoppelbart und dem Gesichtsausdruck, der schon dem der Doggen erschreckend glich.

„Der soll Marshal in Prescott gewesen sein“, sagte der zweite Mann ironisch.

„Der?“

„Wenn ich es sage. Stimmt das?“

„Ja“, erwiderte Chaco, um sich vor Misshandlungen möglichst zu schützen.

„Das ist ja verrückt, Pete. Der ist ein Indianer. Mindestens ein halber.“

„Trotzdem.“

„Als Marshal hast du den ganzen Tag in der Sonne gesessen und den lieben Gott einen frommen Mann sein lassen, was Halbblut? Jetzt findest du endlich mal Gelegenheit, deine Kraft sinnvoll einzusetzen. Zum Nutzen der Menschheit.“

Der beißende Spott tropfte wie Wasser von Chaco ab und brachte ihn nicht dazu, die Hand zur Faust zu schließen.

„Also, du weißt Bescheid!“

Beide Wächter traten zur Seite. Chaco ging zwischen ihnen und den knurrenden Hunden hindurch. Die abgerichteten Bestien schnappten nach seinen Beinen und zerbissen die Hose. Von den Wächtern wurden Peitschenhiebe nachgereicht.

„Nicht so müde!“, brüllte der eine. „Du schläfst ja am frühen Morgen schon wieder ein!“

Er musste laufen, um sich vor den Gewalttätigkeiten in Sicherheit zu bringen.

„Herunter!“, flüsterte der ausgemergelte Mann, als Chaco vorbeihasten wollte.

Er ließ sich auf die Knie fallen und rupfte wie der Gefangene neben ihm das wuchernde Unkraut aus dem Boden.

„Das hält man eine Zeitlang durch, dann ist es vorbei, und du musst unter der Schranke hindurch“, murmelte der andere. „Aber je besser du von Anfang an gehorchst, desto länger wird deine Gnadenfrist sein, Amigo.“

Chaco hielt inne und schaute den anderen ungläubig an.

„Du hast dich schon selbst aufgegeben. Weißt du das eigentlich?“

Die Wächter hatten sich abgewandt und trieben andere Gefangene mit ihren Peitschen an.

Chacos Nachbar lächelte müde.

„Sterben muss jeder Mensch, mein Sohn. Hier drin geht es nur schneller als draußen. Aber damit findet sich jeder früher oder später ab. Du auch. Warte nur die Zeit ab!“

Chaco zupfte weiter Unkraut aus dem Boden und kroch auf Knien durch die grünen Reihen. Noch verwelkte das Kartoffelkraut nicht. Die Zeit der Ernte lag noch in der Ferne. Wochenlang würde neues Gras zwischen den Reihen wachsen und immer die gleiche Arbeit verlangen.

„Wie lange bist du schon hier?“

„Seit vor dem Winter. Ich bin einer der alten Hasen. Zäh wie Rindsleder, mein Junge. Ich überlebe auch den nächsten Winter noch. Es ist dann etwas ruhiger, weil sie kaum Arbeit für uns haben, und man findet Zeit, sich ein wenig zu erholen.“

Die Wächter kehrten zurück und knallten mit den Peitschen.

„Was ist denn heute los, Opa, sind dir die Gelenke eingerostet?“

Der eben noch zuversichtliche Mann wurde geschlagen und stürzte winselnd wie ein kleiner Hund zwischen das Kraut.

„Und jetzt haut er auch noch alles kaputt, der alte Tollpatsch!“, schimpfte der zweite Bewacher scheinbar aufgebracht.

Und schon eilten weitere waffenstarrende Männer mit ihren Hunden herbei, weil sie glaubten, jemand habe gewagt, sich den Anordnungen zu widersetzen.

Chaco kroch auf Händen und Knien weiter. Er musste den Mann seinem Schicksal überlassen, weil es ihm nichts half, wenn er sich einmischte und selbst zusammengeschlagen werden würde. Vielleicht würde man sie auch beide augenblicklich aussondern und zu jener rauchgeschwärzten Hütte schleifen, aus der es keine Rückkehr mehr geben sollte.

Bald ließen die Wächter von dem Unglücklichen ab und gestatteten sogar, dass er noch ein paar Minuten stöhnend auf dem Gesicht liegenblieb. Dann jedoch näherten sie sich wieder.

„Kannst du noch arbeiten, oder ist es vorbei damit?“, fragte einer höhnisch.

Seufzend raffte sich der Misshandelte auf und kroch unkrautrupfend durch das Kartoffelfeld.

„Na siehst du, das war wie eine Schmierung für deine alten Gelenke!“, rief einer der Halunken.

Die Horde brach in polterndes Gelächter aus. Das Interesse an dem Mann verlor sich. Der kroch so schnell rupfend dahin, dass er Chaco einholte.

Chaco blickte verstohlen zurück. Überall zogen die Wachen herum. Es mussten Dutzende schwer bewaffneter Kerle in dem großen Gelände sein.

„Schaffst du es?“, fragte Chaco besorgt.

„Das kann man auch lange überleben“, erwiderte der Alte. Sein Hemd hing in Fetzen auf dem Rücken, das aber sicher schon seit langer Zeit. Neu waren nur die blutigen Striemen zwischen verkrusteten und blaue Zeichen der Drangsal.

Chaco kroch weiter.

„Einmal in der Woche ist jeder dran“, fuhr der Alte fort. „Das ist wie ein feststehendes Ritual. Sie lassen keinen aus, auch den Fleißigsten nicht. Bevor die Woche um ist, bist du auch an der Reihe.“

Chaco fragte sich, was geschehen würde, wenn sie auf ihn einzudreschen begannen, nur weil er einfach an der Reihe damit war. Er konnte sich noch nicht vorstellen, dass er sich misshandeln ließ, bis er mit dem Gesicht im Dreck lag und die teuflischen Schurken zufrieden die Peitschen einrollten.

„Und wenn du sie bei dem Spaß störst, töten sie dich“, sagte der alte Mann, der offenbar Gedanken lesen konnte.

Chaco musste sich beeilen, um mit dem Leidensgenossen Schritt zu halten.

„Siehst du die armen Teufel im Steinbruch, Amigo?“

Chaco schaute über das Feld. Sie befanden sich inzwischen so nahe an der Steilwand und dem Geröllfeld, dass sie das Klirren und Schlagen der Hämmer vernahmen.

„Es sind fast nur Indianer“, fuhr der alte Mann fort. „Aber nicht ausschließlich. Wenn du dort landest, hältst du kein halbes Jahr durch. Die Knochenarbeit und der Gesteinsstaub werfen den stärksten Mann innerhalb kurzer Zeit um.“

„Kann sein.“

„Es ist so. Wir können noch von Glück reden, nur die Felder in Ordnung halten zu müssen. Aber auch das kann sich natürlich schon morgen ändern.“

Am Ende des Feldes kehrten sie um und krochen in der nächsten Furche zurück. Und mit ihnen krochen eine nicht zählbare Anzahl anderer Gefangener durch Kartoffeln und Mais, Hafer und Roggen und hielten die Felder in Ordnung. Alles für den Preis, noch ein bisschen am Leben bleiben zu dürfen.

„Woher stammst du?“, fragte Chaco, als er sich und den alten Mann noch unbeobachtet wähnte.

„Ich wurde mal irgendwo am Schienenstrang in Ohio geboren. Von einer armen Frau in einem Farmhaus, bei der gelegentlich Eisenbahntramps gegen geringes Geld übernachteten. Später wurde ich selbst so ein Tramp.“

„Hast du Verwandte?“

Der Alte lächelte schief.

„Falls ich welche haben sollte, wissen die von mir so wenig wie ich von ihnen.“

Rupfend krochen sie weiter.

„Die Ranchbesitzer suchen nach Leuten, um die sich kein Mensch kümmert, die niemand vermisst, wenn sie spurlos verschwinden. Verstehst du, was ich meine?“

„Natürlich.“

„So ist es ganz einfach, billige Arbeitskräfte zu kriegen, ohne aufzufallen. Niemand wird nach einem anderen forschen, von dem er nichts weiß. Deshalb brauchen die Kerle auch kaum zu befürchten, dass sich jemand für ihr Anwesen interessiert.“

„Das ist aber nicht bei allen so.“

„Bei den meisten bestimmt. Sieh dir die Chinesen an! Das sind Schwellenleger, die irgendwo verschwanden und nicht zu ihrem Bautrupp zurückkehrten. Die Vorarbeiter nehmen an, die hätten die Schufterei satt gehabt und sich nach Mexiko abgesetzt. Niemand wird nach denen suchen. Oder die Schwarzen. Sie liefen vor Jahren von ihren Plantagen weg oder von den Arbeitsstellen in den Manufakturen im Osten. Das war nicht das, was sie lockte. Sie gingen in die Wildnis und gaben sich selbst Mühe, keine Spuren für andere zu hinterlassen. Oder die Indianer. Die meisten Weißen halten ohnehin nur tote Rothäute für gute Rothäute. Wer wird sich da die Mühe geben wollen, nach lebenden zu suchen?“

Chaco nickte, kroch durch den Sand und rupfte das Unkraut aus.

Über dem Ostkamm stieg die Sonnenscheibe hoch und warf goldenes Licht in das weite Bergtal. Die letzten Nebelfetzen über der großen Farm verschwanden wie weggewischt. Mörderische Hitze schickte ihre ersten Vorboten nieder und ließ die Erbarmungslosigkeit ahnen, die alsbald die Menschen peinigen würde.

Die Wächter näherten sich. Überall knallten die Peitschen und feuerte das Gebrüll die geschundenen Menschen an. Keiner der Gefangenen hatte bisher etwas zu essen oder auch nur einen Schluck Wasser erhalten. Chaco spürte das Brennen in der Kehle, als er daran dachte. Auch die Zunge schwoll ihm an, die Kiefer schmerzten, und der Staub trocknete den Mund aus. Schweiß brach ihm aus. Sein Verstand wollte sich sträuben, das, was er sah, als Wahrheit hinzunehmen. Dabei wusste er genau, dass er nicht träumte, dass er nicht irgendwo in einem Bett aufwachen und die Welt noch in Ordnung finden würde.

 

 

2

Ich lag in völliger Dunkelheit auf kühlem Erdboden und sah über mir Licht in schmalen Streifen. Es fiel durch die Dielenbretter in den Keller. Ein Zeichen, dass es inzwischen wieder heller Tag sein musste.

Die Williamsons, auf deren Station ich mich befand, schienen das Weite gesucht zu haben. Einen anderen Schluss ließ die Stille oben im Haus nicht zu. Ich drehte mich auf den Bauch, kniete und griff haltsuchend um mich. Meine Finger ertasteten die Stiege, die ich hinuntergestürzt war. In dem Bestreben, das Haus gründlich zu durchsuchen und dem Stationer zu beweisen, dass er und seine feine Sippe Halunken wären, hatte ich es versäumt, dieser Bande gründlich zu misstrauen. Sie hatten es entsprechend genutzt und mich in den Keller befördert.

An der Stiege zog ich mich mit noch schmerzenden Gelenken hoch, kletterte hinauf und stemmte mich mit eingezogenem Kopf mit der Schulter gegen die Luke. Aber alle Kraft nutzte nichts. Keinen Zoll gab die Klappe nach. Ich tastete den Falz ab, auf dem das Hindernis lag. Nirgendwo befand sich eine größere Fuge.

Dann atmete ich tief durch und versuchte es noch einmal mit dem gleichen Misserfolg. Sie mussten etwas darauf gestellt oder gerollt haben, was meine Kraft überstieg.

„Diese verdammten Halunken.“ Ich stieg wieder hinunter und setzte mich auf die unterste Sprosse der Stiege.

Die Luft im Keller war stickig und erschwerte das Atmen erheblich. Hunger und Durst quälten mich außerdem. Bis hier wieder einmal eine Kutsche anhalten würde, konnten Tage vergehen.

Der Gedanke, solange ein Gefangener zu sein und dann vielleicht zu allem Überfluss noch nicht einmal bemerkt zu werden, ließ mich aufstehen. Mit vorgestreckten Händen tastete ich mich durch die Finsternis und fand Regale mit irgendwelchem Kram darin, der sich zum Öffnen der Luke kaum verwenden ließ.

Dann stand ich wieder unter der Luke, zog den zum Glück noch in dem Holster steckenden Revolver und feuerte nach oben. Pochend fuhr die Kugel in ein Brett, vermochte es jedoch noch nicht einmal zu spalten. Ich jagte noch drei Schüsse ins Holz dahinter, wo ich die Klappscharniere vermutete. Aber da die Klappe in einem Falz lag, würde auch das Zerschießen der Blechbänder keine Rettung bedeuten, denn dann lag die beschwerte Falltür noch genauso wie eben.

Pulverdampf hüllte mich ein. Ich verfluchte die reichlich unüberlegte, sinnlose Aktion, die nichts weiter bewirkt hatte, als die Ratten aufzuscheuchen. Allerdings hörte ich irgendwo oben auch aufgeschreckte Pferde wiehern und mit ihren Hufen gegen Holzwände donnern.

Den Colt in das Holster zurückschiebend, durchstöberte ich den Keller noch einmal, suchte ihn bis in die entferntesten Ecken durch und fand ein yardlanges Winkeleisen. Mit dem kehrte ich zur Stiege zurück, kletterte hinauf und tastete den Falz wieder ab.

In einer Ecke fand sich doch ein geringfügiger Spalt, in den sich das Eisen ein winziges Stück zwängen ließ. Ich hebelte es nach unten und sah einen neuen Spalt an der fingerbreit nach oben gedrückten Klappe. Mit aller Gewalt presste ich das Eisen weiter hinein, so dass es oben auf dem Fußboden auflag. Ich schöpfte Atem und drückte wieder nach unten.

Der Spalt wurde breiter. Sonnenlicht ließ sich auf dem Boden und unten an der Wand des Kellers erkennen. Die Klappe knarrte heftig, die Scharniere, zum Glück nur ins Holz genagelt, brachen aus. Ein schwerer Gegenstand stürzte rumpelnd von der Falltür und schlug dumpf gegen eine Wand.

Auf einmal ließ sich die Klappe leicht mit der linken Hand nach oben drücken und zur Seite schieben.

Die Sonnenstrahlen trafen mich auf der Stiege. Ich atmete die Luft tief ein und ließ das Winkeleisen in den Keller fallen. Vorsichtshalber zog ich den Colt wieder, stieg nach oben und ging durch den Bau in den Hof.

Der alte Ranchwagen stand nicht mehr am Schuppen. Und im Haus deutete alles daraufhin, dass die Stationsbewohner hastig zusammengerafft hatten, was sie gerade greifen konnten. Sie schienen mit dem Wagen geflohen zu sein. Aber da höchstens zwei auf dem Bock Platz fanden, ging ich davon aus, dass sie auch zwei Reitpferde hatten mitgehen lassen, also insgesamt vermutlich mindestens vier Tiere.

Genau das fand ich bestätigt, als ich in den Stall trat. Von den zwanzig Pferden, die hier gestanden hatten, waren nur noch sechzehn da. Zwei Sättel, die vorher über den Trennwänden gehangen hatten, waren verschwunden.

Ich kehrte ins Haus zurück, fand unter dem Tresen eine Flasche Sodawasser und trank sie in wenigen langen Zügen aus. Altbackenes Maisbrot lag wie für mich hingelegt in der Küche auf dem Tisch. Die Fliegen darauf stoben bei meiner Annäherung davon. So ungefähr schienen die Williamsons geflohen zu sein, nachdem sie mich im Keller eingesperrt hatten. Heillose Angst musste sie dazu veranlasst haben. Das wiederum ließ nur den Schluss zu, dass sie mit dem spurlosen Verschwinden des Kutschers aus Willow oder dem des Reisenden Huston doch zu tun haben mussten. Vielleicht wussten sie sogar von beiden, warum sie von der Bildfläche verschwunden waren.

Kauend setzte ich die Suche durch das ganze Haus fort und entdeckte im Obergeschoss eine Kammertür mit drei schweren Eisenriegeln, die von innen durchgeschraubt auf dem Holz saßen. Ich schob sie zurück und die Tür auf. Das Fenster war von außen mit Brettern vernagelt, so dass nur Licht aus dem Flur eindringen konnte. Eine einfache Holzpritsche stand in der Kammer. An langen Nägeln hingen ein paar Seile an der gegenüberliegenden Wand. Weitere Einrichtungsgegenstände gab es nicht.

„Sieht wie ein Gefängnis aus.“ Ich schüttelte den Kopf, dachte aber im Moment nicht weiter darüber nach. Es erschien mir wichtig, nach Willow zu reiten und den Agenturleiter dort zu verständigen. So verließ ich das Obergeschoss, kehrte in den Stall zurück, versorgte die Pferde, um sie unbesorgt zurücklassen zu können, und führte Fox vor das Haupthaus.

Ich dachte an Dancer, jenen seltsamen Musikanten, der dauernd etwas von einer anderen Welt gefaselt hatte. Damit konnte ich noch immer nichts anfangen. Vielleicht war es nur dummes Gerede gewesen, Wichtigtuerei des Komikers.

Im Haus suchte ich noch einmal alle Räume durch und hielt vor allem nach alten Blutspuren Ausschau. Es ist sehr schwer, vergossenes Blut vom Holz wieder zu entfernen, da es rasch tief eindringt und nach dem Scheuern und Auskratzen unweigerlich hellere Stellen zurückbleiben.

Aber es gab keinen Hinweis darauf, dass hier jemand umgebracht worden war und dabei Blut verloren hatte. Ich versuchte, einem anderen Gedanken nachgehend, ein Grab bei der Station, den Schuppen, am Corral oder hinter den kargen Feldern der Williamsons zu finden. Die Sonnenglut hatte den Boden ausgedörrt und rissig werden lassen. War während der letzten Wochen irgendwo gegraben worden, musste ich das so zwangsläufig finden, wie mir eine Veränderung in der Station aufgefallen wäre. Abermals blieb das Ergebnis negativ. Sie hatten nirgendwo gegraben.

Ich holte eine Mistgabel und schaufelte den Komposthaufen um, hoffend und fürchtend zugleich, darunter eine, wenn nicht gar zwei Leichen zu entdecken.

Auch nichts. Ich warf die Mistgabel in den Haufen, wischte mir den Schweiß vom Gesicht, schloss sämtliche Türen, hängte die Sicherungsbalken in die rostigen Eisenkrampen davor und stieg in den Sattel.

Noch einen Blick nach allen Seiten werfend, überlegte ich, ob anderweitig von mir etwas übersehen worden war. Aber ich schüttelte den Kopf.

„Also dann!“ Ich trieb Fox an, ritt zur Straße und galoppierte in Richtung Willow.

 

 

3

Die Sonne stand senkrecht über den Lalaja Mountains. Hinter Dunst und Staub sah sie wie eine fahle Scheibe aus, von der sengende Glut in das große Bergtal geschleudert wurde.

Nass klebten den Gefangenen die zerfetzten Kleidungsstücke an den Körpern. Müde krochen sie über den Boden, der die Gluthitze speicherte und zurückwarf. Die Knie und die Hände schienen sich über glühende Herdplatten zu bewegen. Nur wer längst Leder auf der Haut hatte, merkte davon nicht mehr sehr viel.

Chaco brannte der Schweiß in den Augen. Immer häufiger musste er gegen den Wunsch, sich aufzubäumen, ankämpfen.

Der alte Mann befand sich irgendwo weit von ihm entfernt. Von ihm konnten keine gutgemeinten Ratschläge mehr erfolgen. Chaco blieb auf die eigene Klugheit angewiesen und musste sich zwingen, die Fron zu ertragen. Dabei war ihm längst klar geworden, dass auch seine eiserne Konstitution bei der Knochenarbeit zwangsläufig früher oder später zermürbt werden und er eines Tages den Weg hinüber zu der rußgeschwärzten Hütte antreten würde - so wie alle in diesem Bergtal zwischen den Stacheldrahtzäunen.

Er hatte ihn einmal genauer gesehen, und zwar vom Ende des Feldes aus. Die Höhe, der Wall darunter, der verriet, dass man die unteren Maschen eingegraben haben musste, und die oben nach innen gebogenen Halteeisen mit den Stacheldrahtreihen daran verrieten ihm auf den ersten Blick, dass man mit heiler Haut nicht auf die andere Seite klettern konnte. Dazu kamen die Kontrollposten mit ihren Hunden, die auf dem sandigen Innenstreifen patrouillierten und denen kaum einer entging, der den Todesstreifen und den Zaun überwinden wollte.

Ein zweirädriger Karren, den ein Maultier zog, tauchte vor dem Buschwerk diesseits der Ranchgebäude auf. Zwei Kübel standen auf dem Karren. Eine Frau führte das Maultier. Sie trug einen durchlöcherten Strohsombrero und einen zerlumpten Leinenkittel. Offenbar eine Mexikanerin, die den Schergen des schurkischen Ranchers irgendwo in die Hände gefallen war.

„Es gibt Essen und Wasser.“

In Chacos Nähe richtete sich ein Chinese auf und wankte dem Wagen entgegen. Sofort sprengte ein Bewacher heran. Bevor der Chinese seinen Irrtum korrigieren konnte, traf ihn die Peitsche. Mit einem Schrei stürzte der Mann zu Boden. Der Hund warf sich mit heiserem Knurren auf ihn und fetzte das Hemd von seinem Rücken.

„Zurück, Banjo!“, befahl der Reiter.

Widerwillig gehorchte der Köter. Der Reiter stieg ab, packte den Chinesen, zerrte ihn hoch und versetzte ihm einen Fußtritt.

„Wer hat denn gesagt, dass schon Pause wäre, Idiot? Kein Essen, kapiert? Du kriegst heute nichts zwischen die Zähne, gelber Hund, verfluchter!“

Der losgelassene Chinese taumelte in seine Reihe zurück, fiel auf die Knie und nahm die Arbeit wieder auf.

Chacos Gelenke und Muskeln hatten sich gespannt. Er blickte zu dem Peiniger, das gesattelte Pferd mit dem Gewehr im Scabbard und zu dem wachsamen Hund.

„Was ist mit dir, Indianer? Auch keine Lust?“ Chaco rupfte weiter Unkraut aus dem Kartoffelfeld und kroch über den heißen Boden. „Das gefällt mir vielleicht, wenn jeder glaubt, selbst das Kommando zur Pause geben zu dürfen. Schreib dir das hinter die Löffel, China, sonst wanderst du über den Jordan!“

Der Chinese zitterte am ganzen Körper wie Espenlaub im Herbststurm, aber er gab keinen Ton von sich.

Der Bewacher kehrte zu dem Pferd zurück, stieg auf und galoppierte so knapp an Chaco vorbei, dass ein Pferdehuf dessen Arm traf und ihn zur Seite warf.

„Teufel!“, stieß der Chinese unterdrückt hervor. Seine Faust schlug ins Kartoffelkraut.

Der Karren mit dem Maultier davor erreichte den Anfang des Feldes. Die Mexikanerin hielt das alte Tier mit dem durchgebogenen Rücken an und wartete mit gesenktem Kopf. Alle hielten die Köpfe gesenkt. Es schien Vorschrift zu sein, die Wächter möglichst nicht anzublicken.

Da ertönte ein Pfiff.

„Zwanzig Minuten Pause!“, brüllte ein Reiter. „Die habt ihr faulen Schweine zwar nicht verdient, aber wir wollen heute mal gnädig mit euch sein.“

Rund um Chaco richteten sich die Misshandelten auf und schleppten sich dem Karren entgegen. Er folgte ihrem Beispiel.

Die Mexikanerin trat zurück. Neben den beiden Kübeln standen Weißblechgeschirre auf der Ladefläche. Es mochten zwanzig Stück sein.

Chaco gehörte zu den ersten, die den Karren erreichten, weil er ihm am nächsten war. So empfing er auch ein Geschirr, in das die Frau mit der Kelle Wassersuppe schöpfte.

„Beeil dich, du musst es gleich abgeben“, sagte sie flüsternd.

„Was?“, fragte er naiv.

„Den Napf.“

„Hast du einen Löffel?“

„Nein. Du musst es trinken. Alle müssen es trinken. Aber es ist ja fast nur Wasser.“

Chaco trat zurück. Die Indianerin neben ihm, die wortlos, als wäre sie taub, den Morgen über in seiner Nähe gearbeitet hatte, trank das Geschirr aus, stellte es auf den Wagen, trat hinter die Ankömmlinge zurück und setzte sich auf den Boden.

Chaco tat das Gleiche und konnte sich unbehelligt von den Aufsehern zurückziehen. Er setzte sich und blickte sich mit halbgesenktem Kopf um. Je mehr er sich darüber klar wurde, wie ausweglos die Situation hier war, desto mehr versuchte er, alles in sich aufzunehmen, den Ablauf zu studieren und vielleicht doch eine Lücke zu entdecken, die zur anderen Zaunseite führen könnte.

Immer mehr entnervte, ausgebrannte Gestalten sanken neben ihm zu Boden. Manche ließen sich einfach umfallen.

Vom Steinbruch schleppten sich Gestalten heran, die kaum noch menschliche Züge aufwiesen und unfähig waren, sich zusammenzureißen oder zu verbergen, wie ausgebrannt sie waren.

In der Reihe am Wagen schwankte noch mancher. Einem fiel das Essgeschirr aus der Hand, weil es zu schwer für seine Hände war. Prompt schlugen ihn die Wachen zusammen.

„Habt ihr das gesehen? So achtet dieser rote Teufel, was der liebe Gott auf unseren Feldern wachsen lässt!“

Alles, was sie von sich gaben, war der nackte Hohn, sollte aber als tiefer Ernst aufgenommen werden.

Unter den Nachzüglern brach einer zusammen. Sein Versuch, sich wieder zu erheben, scheiterte. Er blieb hinter den anderen in den Staubschwaden zurück. Dort lag er, bis die Hunde kläffend losjagten und ihn umkreisten. Zwei wollten zugleich über ihn herfallen und stießen mit den Schnauzen und Zähnen zusammen. Wütend attackierten sie sich gegenseitig.

Die Wächter mussten mit Peitschenhieben dazwischengehen, um die Bestien auseinanderzubringen. Dann wurde der Indianer auf die Füße gezerrt und zum Karren getrieben. Dort brach er wieder zusammen.

Ein verschmutzter, bärtiger Mann lehnte sich gegen Chaco, weil er allein nicht mehr sitzen konnte, sich jedoch fürchtete, den Körper im Sand auszustrecken. Nie konnte einer sicher sein, dass sie es während der Pause duldeten.

„Wer bist du?“, fragte der Bärtige flüsternd.

„Ist das wichtig?“ Chaco spürte keine Lust, sich Gefahren auszusetzen und mit anderen zu tuscheln, da ihn das sowieso nicht weiterbringen würde. Vielleicht kam bald eine andere Zeit, in der man etwas Handfestes besprechen konnte, einen Fluchtplan vielleicht. Aber das ließ sich nur nachts in der Baracke durchführen, nicht hier, direkt unter den Augen misstrauischer Aufpasser.

„Ich bin Cutty. Schon von mir gehört?“

Chaco schüttelte den Kopf.

„Jahrelang zog ich in Arizona von Stadt zu Stadt. Hab mich durchgebettelt. Dann auf einmal ergriffen mich Poncho Blessings Halunken und schleppten mich fort. Auf der Overlandstraße einfach so abkassiert. Die haben Nerven, was?“ Chaco schaute den abgerissenen Mann nur an. „Aber die wussten wohl, dass es glatt gehen würde“, schwatzte der andere munter weiter. „Wer vermisst schon einen Landstreicher, nur weil er plötzlich nicht mehr zum Betteln aufkreuzt. Und wie oft war ich schon in derselben Stadt? Alle Jubeljahre mal. Die denken sicher, ich wäre abgekratzt.“ Noch immer gab Chaco keine Antwort darauf. „Alle hier sind mehr oder weniger unbekannte Wesen. Oder Tagediebe. Verschwunden für die Welt. Einfach weg von der Bildfläche.“

Die Mexikanerin verteilte am Karren das letzte Essen.

„Was passiert mit der Ernte, die hier Jahr für Jahr eingebracht wird?“, fragte Chaco leise.

Der Landstreicher kicherte.

„Die wird verkauft. Was denn sonst! Wir kriegen doch nur den Abfall.“

„An wen?“

„Regierungsstellen.“ Chaco starrte den Mann jetzt doch interessiert an. „Ja, kannst du ruhig glauben, mein Junge. Da stecken eine Menge Leute mit drin. Feine Herrschaften, die irgendwo sitzen und mit abkassieren.“

Zusammenfassung

Chaco muss feststellen, dass er ein Gefangener auf der Paradise Ranch ist. Doch dieses „Paradies“ ist die reinste Hölle, aus der es kein Entrinnen gibt.
Auch Carringo hat nicht besonders viel Glück, denn er findet sich im Keller eingesperrt wieder, nachdem er der Station der Wells Fargo einen Besuch abstattet, die von Buz Williamson und seiner Familie geleitet wird.
Auf der Suche nach den Vermissten stößt er auf Danago und erfährt so vom Verschwinden der Papagos. Gemeinsam reiten sie, um die Vermissten zu finden …

Details

Seiten
111
Jahr
2021
ISBN (eBook)
9783738948981
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2021 (Januar)
Schlagworte
carringo hölle erden

Autor

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Titel: Carringo und die Hölle auf Erden