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Zeitfalle Varesol

©2020 140 Seiten

Zusammenfassung

Die Entführung einer jungen Frau ruft die Detektive der INTERSTELLAR DETECTIVE AGENCY auf den Plan. Gefordert werden als Lösegeld geheime Pläne aus der Firma des Vaters der jungen Frau. Aus dem simplen Entführungsfall entwickelt sich rasch ein Alptraum, der mit einem Einsatz in der Vergangenheit seinen Höhepunkt findet – wie es scheint, ohne Rückkehrmöglichkeit.

Leseprobe

Table of Contents

Zeitfalle Varesol

Copyright

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Epilog

Zeitfalle Varesol

Roman von Harvey Patton

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 140 Taschenbuchseiten.

 

Die Entführung einer jungen Frau ruft die Detektive der INTERSTELLAR DETECTIVE AGENCY auf den Plan. Gefordert werden als Lösegeld geheime Pläne aus der Firma des Vaters der jungen Frau. Aus dem simplen Entführungsfall entwickelt sich rasch ein Alptraum, der mit einem Einsatz in der Vergangenheit seinen Höhepunkt findet – wie es scheint, ohne Rückkehrmöglichkeit.

 

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

Alfred Bekker

© Roman by Author / Cover: nach Motiven von Pixabay mit Steve Mayer, 2020

© dieser Ausgabe 2020 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

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1

Es war ein lauer Sommerabend, viel zu schön, um ihn durch frühes Schlafengehen zu vergeuden. Das fand jedenfalls Silvy Monfort, als sie das Videogerät abgeschaltet hatte und aus dem Fenster sah. Der Himmel war klar, die beiden Monde würden erst gegen Mitternacht aufgehen; trotzdem wurde es nicht dunkel, im Zenit stand jetzt der nahe Leuchtnebel und sorgte für ein schwach silbriges Licht.

Ich gehe noch baden!, entschied sich Silvy spontan.

Das Personal hatte an diesem Abend frei, sie war allein im Haus, und ihr Vater kam bestimmt erst spät in der Nacht zurück. Er war schon früh am Morgen zu einer Konferenz geflogen – bestimmt würde er sich freuen, sie nachher noch zu sehen und mit ihr zu plaudern. Sie hatten selten genug Gelegenheit dazu, für sein Privatleben ließen ihm die Geschäfte viel zu wenig Zeit.

Silvy schlüpfte aus ihrem Kleid, legte nur einen Badeslip an und zog einen leichten Umhang darüber. Noch ein Paar Sandalen, dann war sie bereit, löschte das Licht und ging hinaus auf die Terrasse an der Hinterfront. Von ihr aus führte ein schmaler Plattenweg durch den Blumengarten und das angrenzende Gebüsch abwärts, direkt bis zu dem kleinen See mit dem privaten Badestrand.

Sie ging langsam los, summte leise ein Lied vor sich hin – und ahnte nicht, dass fremde Augen gierig ihren Weg verfolgten!

Tief atmete sie den süßen Duft der vielen Blüten ringsum ein, auch die Büsche hinter dem Garten waren voll davon. Ein Gefühl von beschwingter Leichtigkeit überkam sie, sie streifte schon jetzt den Umhang ab und freute sich auf das kühle Bad. Niemand konnte sie beobachten, die Nachbarvillen lagen zu weit weg, und außerdem war die Intimsphäre auch so gut wie heilig.

Das dachte sie jedenfalls …

Doch dann wurde sie unsanft aus ihrer Hochstimmung gerissen, denn plötzlich wuchs die Silhouette eines anderen Menschen wenige Meter vor ihr auf.

Er musste im Gebüsch verborgen gewesen sein, war herausgesprungen und verstellte ihr den Weg. Silvy erschrak und blieb stehen, aber nur für einen Moment. Sie war in Judo ausgebildet und konnte sich gut auch ohne Hilfsmittel verteidigen, selbst gegen einen kräftigen Mann, wie er nun vor ihr stand.

Kühl forderte sie deshalb: „Verschwinden Sie von hier, so schnell es geht, Sie befinden sich auf Privatbesitz! Ich weiß zwar nicht, was Sie hier wollen, aber Sie werden bestimmt nichts erreichen – zumindest nicht bei mir.“

Der Fremde vor ihr lachte leise auf

„Bist du dir auch ganz sicher, Mädchen? Nein, hier geht es nicht um das, was du vielleicht denkst, so schön bist du nun wieder nicht. Hier sind ganz andere Dinge im Spiel, ich rate dir, dich nicht unnütz zu sträuben, wenn du gut davonkommen willst!“

Seine Stimme klang kalt und gefühllos, und nun verlor Silvy doch einen Teil ihrer Selbstsicherheit. Trotzdem dachte sie keineswegs daran, deshalb einfach aufzugeben und seinem Verlangen zu folgen. Im Gegenteil, sie ließ ihren Umhang vollends fallen, in solcher Situation war Angriff stets die beste Verteidigungswaffe, und nach dieser Maxime handelte sie nun auch.

Sie stieß sich ab und schnellte vorwärts. Ihre Arme schossen vor und griffen nach dem Oberkörper des Mannes, gleichzeitig setzte sie mit dem rechten Bein zu einem Fußhebel an. Darauf war er ganz offensichtlich nicht vorbereitet, im nächsten Moment lag er am Boden, und nun lachte Silvy triumphierend auf.

„Für Sie bin ich wohl immer noch schön genug, wie es scheint! Jetzt rate ich Ihnen, schleunigst die Kurve zu kratzen, mir kommt es auf eine Fortsetzung wirklich nicht an.“

Der Fremde knurrte etwas, erhob sich langsam wieder und wich zögernd zurück. Was immer er auch gewollt hatte, es war gründlich danebengegangen, und in Bezug auf schlagkräftige junge Mädchen schien seine Erfahrung nicht groß zu sein. Nun trat er offenbar den Rückzug an, Silvy behielt ihn weiter im Auge und bückte sich, um ihren Umhang wieder aufzuheben.

Es blieb jedoch bei dem Versuch.

Ein Rascheln in den Büschen warnte sie, aber es war bereits zu spät! Zwei weitere Gestalten schoben sich aus dem Laubwerk hervor, packten sie an den Armen und hielten sie erbarmungslos fest. Sie stöhnte unter den schmerzhaften Griffen auf, versuchte trotzdem aber noch, sich zu wehren. Doch ihre Fußtritte gingen ins Leere, sie verlor dabei nur eine Sandale, und dann kam der erste Mann wieder auf sie zu.

„Das hast du nun davon!“, grinste er. „Hättest du gleich auf mich gehört, wäre dir einiges erspart geblieben, aber jetzt müssen wir eben zu anderen Mitteln greifen.“

Plötzlich hielt er einen blinkenden Gegenstand in der Hand, und Silvy begriff. Sie sträubte sich mit aller Kraft, versuchte sich zu Boden zu werfen, aber alles war umsonst. Die kräftigen Hände der Angreifer erwiesen sich als weit überlegen, und dann kam der schimmernde Gegenstand unerbittlich auf sie zu.

Es war eine kleine Hochdruckspritze, und diese wurde nun gegen ihren linken Oberarm gepresst. Ein leises Zischen, dann schoss eine Flüssigkeit durch die Haut in ihren Blutkreislauf, und ihr wild hämmerndes Herz pumpte nun schnell durch den ganzen Körper. Sie konnte es deutlich spüren, es war wie ein Feuer, das durch ihre Adern raste, doch nur für wenige Sekunden.

Dann ebbte dieses Gefühl rasch ab, doch dafür machte sich nun die Wirkung des Medikaments bemerkbar.

Vor Silvy Monforts Augen begann es zu flimmern, alles schien sich um sie zu drehen, aber wieder nur für einen Moment. Danach wurde es wieder besser, doch nun fühlte sie sich wie in einem Meer aus Watte, vollkommen kraft- und willenlos. Ihr Widerstand war bereits erloschen, sie konnte keinen klaren Gedanken mehr fassen und nahm nur noch wie durch einen Schleier hindurch wahr, was weiter geschah.

„So eine verdammte Kratzbürste!“, sagte der Mann vor ihr und schob die Spritze wieder in die Tasche. „Keine Spur von Angst, ich lag schon auf dem Rücken, ehe ich mich überhaupt wehren konnte. Ich hätte nicht übel Lust …“

„Deine Gelüste kenne ich“, sagte scharf eine zweite Stimme, „aber die wirst du dir schön verkneifen. Zum einen, weil wir den Auftrag haben, die Kleine in jeder Hinsicht wohlbehalten ans Ziel zu bringen; zum anderen, weil jetzt alles sehr schnell gehen muss. Los, runter an den See, und dann nichts wie weg von hier.“

Er hob den Umhang auf, legte ihn um die Schultern des Mädchens und schob es dann wie einen toten Gegenstand vor sich her.

 

 

2

„Es geschehen noch Zeichen und Wunder“, sagte Patsy Reich und lachte leise auf. „Wir haben es tatsächlich geschafft, wieder mal gemeinsam auszugehen und das Nachtleben zu genießen, zum ersten Mal seit mindestens einem halben Jahr. Dafür war es aber auch ganz wunderbar, so gut amüsiert habe ich mich wohl noch nie.“

„Dafür hast du jetzt auch einen süßen kleinen Schwips“, stellte Mark Wilding fest und öffnete die Tür seines Bungalows. „Tritt ein, mein Schatz, mein Haus ist auch dein Haus, alle seine Räume stehen dir uneingeschränkt zur Verfügung.“

„Das Schlafzimmer eingeschlossen“, kicherte die junge Frau und lehnte sich gegen seine Brust. Mark küsste ihren lockend geöffneten Mund, grinste dann kurz und schob sie weiter.

„Das natürlich auch, aber im Moment denke ich mehr an die Küche. Von flüssiger Nahrung allein kann kein Mensch leben, mein Magen verlangt sehr deutlich nach handfesteren Genüssen. Ich habe noch eine Doppelportion zarten Rinder-Schmorbraten in der Kühltruhe, Direktimport von der Erde, mit allem Zubehör. Der wandert jetzt in den Mikrowellenherd und wird verspeist, und dazu gibt es einen alten Beaujolais, wie es sich stilgerecht gehört.“

„Einverstanden – aber die Nachspeise bin ich, klar?“

„Sonnenklar, meine Perle; süßer als du kann kein Pudding sein!“

Der Braten hielt, was er versprach, und Patsy ebenfalls. Dann schlief Mark Wilding tief und fest, bis er durch ein anhaltendes Schrillen aus dem Schlummer gerissen wurde. Die Jalousie ließ kein Licht durch, er schaltete die Lampe über seinem Kopf ein und sah verwundert, dass es bereits neun Uhr vormittags war. Die junge Frau schlief noch weiter, und er hätte es ihr gern gleichgetan, aber der Summer des Videos im Wohnraum wollte es anders.

„Das kann eigentlich nur der Chef sein – der hat mir gerade noch gefehlt“, brummte er missmutig, schwang sich aus dem Bett und warf sich den Morgenrock über.

Mark war Detektiv in Diensten der INTERSTELLAR DETECTIVE AGENCY, und als solcher eine Spitzenkraft. Im Augenblick hatte er Urlaub auf Widerruf, solange also, wie es keinen Auftrag für ihn gab.

Doch diese Zeit war nun vorüber, das wusste er sofort, als dann das Abbild seines Vorgesetzten im Videokubus erschien. Dessen breites Gesicht unter der Spiegelglatze war noch um eine Spur röter als sonst, er nickte nur kurz und bemerkte bissig: „Wie nett, dass Sie aufzustehen geruht haben, obwohl der Summer erst zwanzig Mal gegangen ist. Wieder mal gesumpft, nicht wahr, während ich hier pausenlos Schwerarbeit leisten muss! Mann, Sie sollten nur mal einen Tag an meiner Stelle sein …“

„Genug der Liebenswürdigkeiten, Chef“, unterbrach ihn Mark und strich sich das verstrubbelte Haar zurecht, „fertigen Sie am besten ein Tonband davon an, es sind ohnehin immer dieselben. Kommen Sie lieber zur Sache, sonst lege ich mich gleich wieder lang.“

Herbert Stockman schnaufte empört und verdrehte theatralisch die Augen, dann winkte er aber nur ab. „Dieses Verlangen wird Ihnen gleich vergehen“, prophezeite er düster, „wenn Sie erst hören, was Ihnen heute noch blüht. Ist Ihnen der Name Bert Monfort ein Begriff?“

Wilding zog die Brauen hoch und überlegte kurz.

„Ich glaube schon, Boss; er ist Chef der gleichnamigen Werke in einem Vorort von Rockwell, nicht wahr? Elektronik aller Art, vor allem für Raumschiffe, Entwicklung neuer Computer und so … ist ihm ein Mikromodul abhanden gekommen, das ich nun suchen soll?“

Stockman grinste kurz und absolut humorlos. „Es handelt sich zwar um eines seiner Erzeugnisse, aber nicht auf dem technischen, sondern auf rein persönlichem Sektor. Seine Tochter Silvia, 24 Jahre – sie ist heute Nacht spurlos verschwunden, und alles weist auf eine Entführung hin!“

„Immer dieser Arger mit den höheren Töchtern“, kommentierte der Detektiv, „ihre Väter sind wirklich arm dran. Doch damit Scherz beiseite – was sagt die Polizei dazu?“

„Bisher noch gar nichts, denn sie wurde noch nicht konsultiert. Hier nun die dürren Fakten: Monfort Senior flog gestern zu einer Konferenz nach Langdon und kam erst weit nach Mitternacht zurück. Ihm fiel nichts auf, er legte sich schlafen und vermutete seine Tochter ebenfalls in ihrem Bett. Dass sie nicht mehr da war, fiel ihm erst vor einer Stunde auf, als sie nicht zum Frühstück kam, daraufhin durchsuchte er zusammen mit dem Personal das ganze Haus. Weiter kam er nicht, denn das Video meldete sich, natürlich ohne Bild. Ein männlicher Anrufer teilte ihm mit, dass das Mädchen sich in seiner Gewalt befinde, und warnte wie üblich vor Hinzuziehung der Polizei. Er sagte nur, dass er sich später wieder melden würde und legte dann auf, ohne Bedingungen zu nennen.“

„Die werden dann später um so happiger sein“, vermutete Mark, „wenn der Vater erst mal lange genug auf dem Rost der Ungewissheit geschmort hat, gibt er viel leichter nach. Und was sagt die Mutter zu dieser unerfreulichen Angelegenheit?“

„Die ist nicht mehr mit im Bild“, erklärte Stockman, „Monforts Ehe wurde schon vor neun Jahren aufgelöst, die Tochter blieb bei ihm. Polizei schied jedenfalls aus, aber ein Mann wie er weiß sich trotzdem zu helfen, und so rief er stattdessen uns an. Ich habe ihm natürlich zugesagt, meinen besten Mann auf den Fall anzusetzen, er kommt für die Unkosten in unbegrenzter Höhe auf.“

„Wie schön für die notleidende IDA“, spöttelte der Detektiv, „nachdem uns letzthin der fette Fisch Peer Jonasson von der Angel gegangen ist. Da war es der Enkel als Troublemaker, der aber noch rechtzeitig seine späten Rachepläne aufgab und dem Opa reuig in die milliardenschweren Arme fiel. Okay, ich übernehme die Sache, trinke nur noch eine Tasse Kaffee und mache mich dann gleich auf den Weg. Vergessen Sie nicht, auch Berry zu benachrichtigen, Patsy wird wissen, wo er aufzutreiben ist.“

„Die ist heute noch gar nicht da“, beklagte sich der Manager, aber Mark unterbrach schnell die Verbindung. Eben noch rechtzeitig, denn die Vermisste betrat gerade den Raum, mit nichts als ihren weiblichen Reizen bekleidet. „Wer war das?“, fragte sie gähnend.

Wilding fasste sie um die Hüften und grinste. „Unser hoher Chef, dem seine Sekretärin fehlt – wo mag dieses pflichtvergessene Weib nur geblieben sein? Lass dir eine gute Ausrede einfallen, während du uns schnell einen Kaffee machst. Wir haben einen neuen Fall, und allem Anschein nach dürfte er es wieder mal in sich haben.“

 

 

3

Als Mark eine halbe Stunde später im Bürotrakt der INTERSTELLAR DETECTIVE AGENCY eintraf, herrschte dort die übliche quirlige Betriebsamkeit. Er feixte kurz, als er an dem leeren Schreibtisch mit dem Namensschild „Pat Reich“ vorbeiging, betrat das Chefbüro und sagte: „Da bin ich, großer Boss. Fein, dass du auch schon hier bist, Partner, da können wir ja gleich zur Sache kommen.“

„Hallo, Mark“, gab Berry Salomon zurück. Er war um einige Jahre jünger als Wilding und nur mittelgroß, mit auffallend hellem Haar und rötlichen Augen. Ein Albino also, geboren auf einem Planeten, dessen Sonnenstrahlung die Kinder der dortigen Siedler mutieren ließ, weshalb er bald wieder geräumt worden war. Berry konnte nach Belieben eine andere Gestalt annehmen und nicht nur Menschen täuschend echt kopieren, sondern sogar Tiere. Eine Eigenschaft, von der nur wenige wussten, die aber für seinen Partner und die IDA äußerst wertvoll war.

Herbert Stockman wischte einige imaginäre Schweißtropfen von seiner hohen Stirn und wies auf einen Sessel.

„Nichts Neues im Fall Silvia Monfort, ich habe eben nochmals mit ihrem Vater gesprochen. Er wirkt relativ gefasst, und ich habe ihn angewiesen, nichts zu unternehmen, ehe ihr nicht bei ihm gewesen seid. Macht euch also am besten sofort auf den Weg zu ihm, seht euch überall gründlich um …“

„Moment, Chef“, fiel Mark ihm ins Wort, „so einfach wird das wohl kaum gehen! Kidnapper und Erpresser sichern sich stets in jeder Hinsicht ab, ich vermute stark, dass Monforts Haus irgendwie von ihnen beobachtet wird. Wir können also nicht dort einmarschieren wie zwei Elefanten – man würde uns wahrscheinlich für Polizisten halten und entsprechend sauer reagieren. Wir brauchen dafür einen Trick, den man nicht so leicht durchschauen kann.“

„Stimmt“, räumte der Manager missmutig ein, „aber welchen wohl? In diesem Viertel der Upper-Ten von Rockwell ist es ausgesprochen ruhig, es gibt kaum Verkehr außer den Luxuswagen dieser Leute. Daneben natürlich auch noch die üblichen Lieferanten – wie wäre es mit dieser Tarnung?“

„Zu spät“, lehnte der Detektiv ab, „die kommen immer schon ganz früh am Morgen. Ich schlage vor, dass Sie Ihren Computer bemühen und ihn ein Bild der fraglichen Umgebung wiedergeben lassen, Boss. Vielleicht hilft uns das irgendwie weiter.“

Im Archiv der IDA gab es auch diese Daten, Stockman tippte auf einige Sensoren am Schreibtischpult und rief sie ab. Dann sahen die drei Männer aufmerksam auf den Monitor, und natürlich fiel ihnen auch der See ins Auge. Am jenseitigen Ufer befanden sich die Gebäude eines Motorbootverleihs, und Mark Wilding nickte.

„Das musste sich schon machen lassen, denke ich. Wir mieten uns dort ein Boot, ziehen einige Kreise auf dem See und nähern uns dem Haus von hinten. Dabei stellen wir uns etwas ungeschickt an, laufen in dem seichten Wasser auf Grund und kommen nicht mehr weg. Dann waten wir an Land, bekommen dabei zwar nasse Füße, aber wir sind da.“

Berry grinste humorlos und winkte ab.

„Nicht schlecht gedacht, aber doch viel zu durchsichtig, Mark. Alles, was irgendwie von der Norm abweicht, wird einem Aufpasser automatisch verdächtig erscheinen, damit kommen wir nie durch. Wir könnten allenfalls … nein, eben kommt mir eine bessere Idee! Ja, so musste es zu machen sein.“

Zwanzig Minuten später ging ein pompöser dunkler Flugwagen am Rande des Prominentenviertels nieder und rollte dann langsam die Straße entlang. Am Steuer saß Mark Wilding in der Kleidung eines Privatpiloten, hinter ihm in der Kabine eine scheinbar uralte, aber vornehm angezogene Frau. Der Wagen trug das Kennzeichen einer anderen Stadt, und die Matrone war die Mutter Bert Monforts, bis hin zur letzten Falte in ihrem runzligen Gesicht.

„Passen Sie doch besser auf, Harvey!“, keifte sie, als Mark ihr vor dem betreffenden Haus aus dem Wagen half. „Mir ist schon fast schlecht geworden, als Sie vorhin so verrückt geflogen sind, und jetzt zerdrücken Sie noch fast meinen Arm. Machen Sie so weiter, sind Sie am längsten in meinem Dienst gewesen.“

„Sehr wohl, Madame Monfort“, sagte der „Pilot“ mit der Miene eines Mannes, der ähnliche Ergüsse täglich zu hören bekam, und führte die alte Dame behutsam zum Hauseingang. Dieser öffnete sich vor den beiden, der Industrielle erschien darin und bemerkte mit sorgenvollem Gesicht: „Danke, dass du so schnell gekommen bist, Mama. Du bist die einzige, an die ich mich wenden konnte, ohne dass …“

Mehr war draußen nicht zu hören, denn die Tür ging wieder zu, aber dem Spion der Entführer genügte es. „Der Alte spurt bestens, Boss“, sagte er gedämpft in ein Handsprechgerät, „er hat seine Mutter angerufen, und sie ist eben angekommen, weit und breit keine Spur von Polizei. Es kann also weitergehen wie geplant, ich setze mich hier ab und komme zu euch.“

Er ließ Fernglas und Richtmikrofon verschwinden, kletterte vom Dach des Müll-Recycling-Bunkers am Rande einer Grünanlage schräg gegenüber und machte sich dann wie ein Spaziergänger davon. Zur gleichen Zeit sagte drinnen im Haus Bert Monfort bleich und mit erstickter Stimme: „Mich hätte eben fast der Schlag getroffen, ich glaubte wirklich, meine Mutter vor mir zu haben. Dabei ist sie schon vor zwei Jahren gestorben – wie haben Sie das nur gemacht, allein mit einem alten Bild von ihr?“

Berry Salomon hatte inzwischen wieder sein normales Aussehen angenommen, nickte mitfühlend und erklärte: „Ich bin ein Mutant, Mr. Monfort, so etwas wie ein Real-Illusionist. Nehmen Sie die Sache nicht weiter tragisch, es war nur eine Sinnestäuschung, ein Mittel zum Zweck. Nur so konnten wir unauffällig hier hereinkommen, aber nun werden wir auch alles tun, um herauszufinden, wie und wohin ihre Tochter verschwunden ist.“

Er entledigte sich der Frauenkleidung, schlüpfte in eine unter ihr verborgene Kombination und wandte sich an seinen Partner.

„Ich schlage vor, dass wir zuerst den Speicher des Hausvideos abfragen, Mark. Vielleicht hat man die junge Dame durch einen Anruf aus dem Haus gelockt, und das wäre wenigstens eine erste Spur.“

Eine Minute später stand jedoch fest, dass am Abend zuvor kein Anruf gekommen war, und nun durchsuchten die Detektive systematisch das ganze Haus. Sie konnten das ungestört tun, denn Monfort hatte sein Personal ohne Angabe von Gründen für diesen Tag beurlaubt, aber viel kam dabei nicht heraus. Väter kümmerten sich nur selten um die Garderobe ihrer Töchter, und so wusste auch Monfort nicht, was Silvia getragen hatte, als sie entführt worden war

„Irgendwelche Spuren muss es aber geben“, knurrte Mark, als sie wieder im Erdgeschoss standen, „kein Mensch löst sich einfach in eine Wolke auf und fliegt davon! Stöbern wir also jetzt einmal das Gelände hinter dem Haus ab, die Entführer könnten am ehesten von der Seeseite her gekommen sein.“

Berry musste natürlich im Haus bleiben, sein Partner ging allein hinaus in den Garten. Dort schlenderte der „Pilot“ gelangweilt hin und her, musterte zum Schein die Blumenbeete und entfernte sich allmählich immer weiter vom Haus. Wie absichtslos betrat er dann den Plattenweg, blieb noch einmal stehen und zündete sich eine Zigarette an. Dabei sah er sich unauffällig nach allen Seiten um, konnte nichts verdächtiges entdecken und ging weiter.

Zwischen den Büschen fand er die Sandale, die Silvy beim Kampf verloren hatte, und damit war für ihn alles klar. Er sah auch die Spuren in den Büschen und den Kielabdruck eines kleinen Motorbootes im Ufersand, ließ alles so, wie es war, und kehrte langsam wieder ins Haus zurück.

 

 

4

„Pflegte Ihre Tochter öfter noch spät abends im See zu baden?“, erkundigte sich Wilding; Bert Monfort zuckte mit den Schultern.

„Nicht regelmäßig, aber zuweilen schon, wenn es besonders warm war, so wie gestern. Ich habe nie etwas dabei gefunden und bin auch selbst mitgegangen, wenn ich zuhause war. Verdammt, wie hätte ich auch ahnen können, dass einmal so etwas geschieht?“

„Machen Sie sich keine Vorwürfe, das konnte wirklich niemand ahnen, Bert. Es ist aber ziemlich sicher, dass die Entführung lange geplant war, man muss das Haus schon einige Zeit beobachtet und die Gewohnheiten Ihrer Tochter studiert haben. Gestern passte nun alles zusammen, Sie waren verreist und die Nacht war warm … Es waren insgesamt drei Personen den Fußspuren nach, sie sind mit einem Boot gekommen und auch wieder verschwunden. Vermutlich geschah es noch vor Mitternacht, solange die Monde noch nicht aufgegangen waren, so dass eine Entdeckung kaum zu befürchten war.“

„Die Entführer müssen aber jedenfalls ein Boot mit Elektromotor benutzt haben“, schaltete sich Berry Salomon ein, „ein normales Motorboot wäre viel zu laut gewesen. Oder herrscht auf dem See auch nach Einbruch der Dunkelheit noch viel Verkehr?“

„Im Gegenteil“, erklärte der Industrielle. „Er ist zu klein, und deshalb besitzt auch keiner der Anlieger ein eigenes Fahrzeug. Wer eines braucht, geht zu dem Verleiher auf der anderen Seite …“

Er unterbrach sich, denn nebenan klang der Summer des Videos auf. Hastig sprang er auf und eilte zu dem Gerät, Mark und Berry folgten ihm, zogen sich jedoch aus dem Bild-Aufnahmebereich zurück. Wie zu erwarten war, blieb der Holokubus dunkel, nur eine offenbar verstellte Männerstimme kam aus der Feldmembran.

„Schön, dass Sie so klug sind, unsere Anweisungen zu befolgen“, sagte sie mit spöttischem Unterton. „Wir können Ihr Video zwar nicht abhören, aber dafür halten wir Ihr Haus um so genauer im Auge. Vor einer Stunde ist Ihre Mutter bei Ihnen eingetroffen – die alte Frau wird Ihnen bestimmt eine große Hilfe sein!“

„Sparen Sie sich Ihren Sarkasmus für den Hausgebrauch auf, Mann“, knurrte Monfort bitter. „Kommen Sie stattdessen lieber zur Sache und sagen Sie, was Sie von mir wollen, Sie schmutziger Erpresser.“

Der andere lachte leise auf.

„Weshalb gleich so harte Worte, Monfort? Wir haben ja schließlich nichts gegen Sie persönlich, wir beabsichtigen nur ein kleines Geschäft auf Gegenseitigkeit. Wir haben Ihre Tochter und Sie etwas, an dem uns ebenso viel liegt wie Ihnen an ihr. Gehen Sie auf den Handel ein, bekommen Sie das Mädchen in wenigen Tagen wohlbehalten zurück, und alles ist wieder in Ordnung.“

Der Fabrikant hob resigniert die Schultern.

„Ich sehe die Dinge zwar etwas anders, doch Sie sitzen nun mal am längeren Hebel. Was immer Sie aber auch wollen, ich denke nicht daran, so ohne Weiteres darauf einzugehen. Zuvor verlange ich den Beweis, dass Silvia auch wirklich in Ihrer Hand und am Leben ist.“

Dies war mit Wilding abgesprochen, denn der Detektiv hatte für früher oder später mit einem solchen Anruf gerechnet. Der andere ging auch sofort darauf ein und gab lakonisch zurück: „Den sollen Sie haben, wir sind schließlich keine Unmenschen. Einen Moment, Sie werden sofort bedient.“

Der Holokubus begann zu flimmern, und dann erschien in ihm das Abbild der Entführten. Silvia Monfort trug auch jetzt nur ihren bunten Umhang, ihr blondes Haar war ungeordnet, das Gesicht wirkte übermüdet, die blauen Augen klein und trübe.

„Hallo, Papa“, sagte sie leise und monoton. „Es tut mir leid, dass ich dir Kummer mache, aber ich kann wirklich nichts dafür. Mach dir keine Sorgen um mich, ich bin gesund und werde hier gut behandelt. Man hat mir auch versprochen, mich bald wieder nach Hause zu lassen, wenn du die Wünsche dieser Leute erfüllst. Grüß bitte auch die Grandma von mir.“

Monfort wollte etwas entgegnen, aber schon wurde der Kubus wieder dunkel, und die verstellte Stimme meldete sich erneut.

„Das sollte als Beweis genügen, und hier nun im Gegenzug unsere Forderung: Sie brechen die laufenden Verhandlungen umgehend ab und erklären den Interessenten, das Projekt wäre ein Fehlschlag geworden. Ihnen wird dazu schon etwas passendes einfallen, ein Mann wie Sie ist um plausible Ausreden nie verlegen. Tun Sie es bald – denken Sie an Ihre Tochter! Danach melden wir uns wieder.“

„Eine Frage noch“, begann der Industrielle, doch er sprach ins Leere, die Verbindung war weg. Er blieb noch eine Weile reglos sitzen und überlegte, es arbeitete heftig in seinen Zügen. Als er sich dann umwandte, sah er die fragenden Blicke der Detektive, aber er schüttelte nur den Kopf.

„Sie erwarten jetzt wohl eine Erklärung von mir, doch die kann ich Ihnen beim besten Willen nicht geben. Sicher, Sie stehen auf meiner Seite, aber alles darf ich auch Ihnen nicht sagen. Diese Sache nicht nur wichtig und geheim, hier stehen auch große Summen auf dem Spiel.“

„Geheim war sie einmal, wie man sieht!“, sagte Wilding nüchtern.

„Für uns ist das aber auch sekundär, kommen wir jetzt wieder auf Ihre Tochter zurück. Wir haben sie zwar gesehen, doch zweifellos war das nur eine Aufzeichnung auf Videoband, mehr nicht. Außerdem weist ihr ganzes Verhalten darauf hin, dass man sie unter Drogen gesetzt hat; sie hat willenlos nur das nachgeplappert, was man ihr vorgesagt hat. Hätte sie wohl sonst eine Großmutter gegrüßt, von der sie in klarem Zustand weiß, dass sie schon lange tot ist?“

Bert Monfort nickte langsam, seine Schultern sanken herab.

„Sie haben wahrscheinlich recht“, gab er zu, „und natürlich will ich, dass das bald ein Ende findet. Drängen Sie mich aber bitte nicht, ich brauche einige Zeit, um mir alles nochmal eingehend zu überlegen. Vielleicht können Sie inzwischen noch etwas tun, das Licht in die Entführung an sich bringt.“

Mark Wilding verstand und winkte seinem Partner. „Okay, wir werden es versuchen und lassen Sie so lange allein. Die Entführer werden es wohl kaum verdächtig finden, wenn eine gewisse alte Dame in die City fliegt, vielleicht, um einzukaufen. Sollte sich bei Ihnen noch etwas tun, unterrichten Sie unser Büro, Stockman gibt uns dann umgehend Bescheid.“

 

 

5

„Der gute Mann steckt gewaltig in der Zwickmühle“, folgerte Berry unterwegs. „Zum einen hat man ihm das Mädchen geklaut, zum anderen droht ihm ein ganz großes Geschäft zu platzen, wenn er auf die Bedingungen der Entführer eingeht. Etwas in der Größenordnung von hundert Millionen aufwärts, schätze ich, sonst fiele ihm die Wahl wohl nicht so schwer.“

„Gut möglich“, stimmte Mark ihm zu, „seine Firma ist führend auf ihrem Gebiet und absolut solvent. Dass er trotzdem noch andere mit ins Spiel bringen wollte, weist darauf hin, dass sein Projekt weit aus dem üblichen Rahmen fällt. Vielleicht haben seine Techniker das Perpetuum mobile erfunden oder das Geheimnis der ewigen Jugend entdeckt, aber das kratzt mich wenig. Ich habe den Auftrag, mit dir zusammen den Entführern der gar nicht unhübschen Tochter auf die Spur zu kommen, und nur daran halte ich mich.“

„Eben fällt mir noch etwas anderes ein, Partner: Die Entführer scheinen doch nicht den richtigen Durchblick zu haben“, meinte der Metabo. „Wie wäre es sonst zu erklären, dass sie nicht mal wissen, dass Bert Monforts Mutter gar nicht mehr lebt?“

Wilding pfiff überrascht durch die Zähne.

„Das ist tatsächlich merkwürdig …hmmm, es wäre wohl am ehesten damit zu erklären, dass sie von einem anderen Planeten kommen! Hier auf Orbin weiß jeder Insider sehr genau, was sich in der Beziehung in den besseren Kreisen tut. Hoffen wir, dass sie noch möglichst lange in ihrem Irrglauben bleiben – sobald sie deine Tarnung als alte Lady durchschauen, wird es schwierig für uns!“

Er fädelte den Flugwagen in den den höchsten Flugkorridor ein, der nur wenig frequentiert wurde, und sah aufmerksam nach hinten.

Es gab keine Verfolger, er polarisierte trotzdem die Scheiben der Kabine; in diesem Schutz nahm Berry wieder seine normale Gestalt an und kleidete sich entsprechend um. Dann griff er nach einer Dose mit Nahrungskonzentrat, trank sie leer und erklärte danach: „Mehr als einen Gestaltwandel darfst du mir heute aber nicht mehr zumuten, Mark. Du weißt ja, dass mich das jedes Mal ziemlich mitnimmt, und ich bin im Augenblick nicht in bester Form. Hätte ich geahnt, dass es so schnell wieder einen Einsatz für uns gibt …“

„Dann hättest du die letzte Nacht allein verbracht, ich weiß“, grinste sein Partner. Dann scherte er rasant nach rechts aus, ließ das Fahrzeug nach unten schießen und schnitt die beiden Korridore der nächsten Ebenen in einer verwegenen Kurve. Vermutlich fluchten jetzt andere Fahrer erbittert über den Snob in dem noblen Gefährt, aber das störte ihn wenig. Er hatte es eilig, etwaige Strafmandate zahlte die IDA anstandslos, solange es keine Unfälle gab.

Mark landete den Wagen auf dem Gelände einer scheinbar neutralen Wartungsfirma und ließ ihn in einen Hangar rollen. Dort standen immer einige unauffällige Flitzer für seine Agentur bereit, die Detektive stiegen in einen davon um und waren gleich darauf auf dem Rückweg zu dem See, an dem Monforts Haus lag.

Ihr Ziel war das andere Ufer, wo sich der zuvor von ihm erwähnte Bootsverleih befand. Die Wasserfläche war jedoch trotz des schönen Wetters leer, den Grund dafür gab ein Schild am Eingang des Bürogebäudes an. „Vorübergehend geschlossen“ stand darauf, aber Wilding legte trotzdem seinen Daumen auf den Rufkontakt, bis die Tür geöffnet wurde. Ein älterer Mann im Trainingsanzug erschien, er nickte ihm freundlich zu und sagte: „Guten Tag, Mr. Worm, wir sind Detektive …“

„Wird auch höchste Zeit, dass sich jemand von euch Brüdern hier sehen lässt“, fiel ihm der Mann mürrisch ins Wort. „Ich habe die zuständige Sektion schon vor zwei Stunden angerufen, um sie von dem Einbruch zu verständigen, aber natürlich bin ich bei einem der sturen Computer aufgelaufen. Der hat mir zwar die Seele aus dem Leib gefragt und dann versichert, der Fall würde sofort bearbeitet, doch seitdem sitze ich hier und drehe Däumchen! Drei Interessenten musste ich schon wegschicken, weil am Tatort nichts verändert werden darf, und das ist ein Verlust von sechshundert Solar für mich … aber mit den kleinen Leuten kann man das ja machen. Wäre ich einer der großen Bosse, hätte sich die Polizei nur so überschlagen …“

„Wir sind nicht von der Polizei, sondern von der INTERSTELLAR DETECTIVE AGENCY“, unterbrach Mark seinen Redeschwall. „Uns hat die Versicherung geschickt, die inzwischen auch unterrichtet wurde, und sie wird natürlich alles tun …“

„Alles, um sich vor dem Bezahlen zu drücken, ich weiß“, fiel Worm nun ihm ins Wort. „Das kenne ich doch längst, man hat mich bisher immer mit fünfzig Prozent des wirklichen Schadens abgespeist. Wenn ich aber mit den Prämien mal paar Tage zu spät dran war, kam prompt eine Drohung mit dem Gericht von der Mahnabteilung!“

Seine Augen funkelten gereizt, er schickte sich an, den beiden die Tür vor der Nase zuzuschlagen. Wilding reagierte aber schnell, griff in die Tasche und holte ein Bündel Geldscheine hervor.

„Sechshundert Solar Ausfall sagten Sie – bitte, hier sind sie! Bares Geld ohne jede Quittung, unsere Agentur rechnet den Betrag einfach ihren Unkosten hinzu. Können wir jetzt schnell den Tatort sehen, ehe die Polizei kommt, Mr. Worm? Sie macht dann jede Menge Wirbel und hält uns nur unnötig auf.“

Er zählte die Summe ab, der Bootsverleiher riss ihm die Scheine förmlich aus der Hand und grinste breit. „Sie haben mich überredet – kommen Sie mit!“

Er führte die Detektive zur Bootsremise und wies auf ihre Tür. „Das da war einmal ein teures elektronisches Schloss, gekoppelt mit einer Alarmanlage, aber die Einbrecher haben einfach alles mit einem Laser zusammengeschmolzen. Dann sind sie eingedrungen, haben mein bestes E-Boot genommen und sind auf dem See herumkutschiert. Sicher, sie haben es wieder zurückgebracht, aber …“

Er klagte wortreich weiter, doch Wilding hörte ihm kaum noch zu. Seine Aufmerksamkeit galt allein dem bewussten Fahrzeug, und als er in einem Winkel seiner Kabine Silvia Monforts zweite Sandale sah, war für ihn alles klar. Berry hatte indessen einen Notizblock aus der Tasche geholt und tat so, als würde er alles aufschreiben.

„Danke, Mr. Worm, das genügt“, sagte Mark, als dieser endlich mit seinem Sermon am Ende war. „Wir müssen jetzt weiter, später werden noch einmal Kollegen kommen und den Rest aufnehmen, die Schadensregulierung geht dann ganz schnell. Ach ja …sagen Sie der Polizei bitte nicht, dass wir schon dagewesen sind! Die Cops mögen uns von der privaten Konkurrenz nicht besonders.“

„Und von ihnen bekomme ich auch keine sechshundert Mäuse – geht in Ordnung, Mr. Wilding! Falls Sie auch mal Lust haben, eine Tour auf dem See zu machen, dann kommen Sie nur, ich berechne Ihnen nur den halben Preis. Eine Hand wäscht die andere, und …“

Der Mann setzte zu einer neuen Suada an, aber Mark unterbrach ihn und verabschiedete sich rasch. Berry war bereits zum Wagen vorgegangen und wendete ihn, den beiden brannte die Zeit unter den Nägeln. Noch wusste die Polizei nichts von der Entführung, aber das Team war den meisten Beamten von früheren Fällen her bekannt. Sie hätten sich gewundert und unbequeme Fragen gestellt, und eben das konnten die Detektive absolut nicht brauchen.

Sie starteten eilig und waren kaum dreihundert Meter weit, als ihnen auch schon ein Polizeigleiter entgegenkam.

„Glück gehabt!“, kommentierte Berry und polarisierte rasch die Scheiben. „Worm wird bestimmt dichthalten, schon aus Angst, eventuell das Geld wieder hergeben zu müssen. Nur Miss Daniels wird maulen, weil du wieder mal Spesen gemacht hast, ohne einen Beleg dafür zu haben.“

„Halb so wild, das bekommt Monfort später alles mit auf die Rechnung gesetzt“, brummte sein Partner. „Stockman wird auch der Versicherung einen Wink geben, damit sie den Mann nicht so lange wie üblich hängen lässt. Er hat schließlich einiges für uns getan, jetzt wissen wir genau, wie die Entführung gelaufen ist.“

 

 

6

Der Manager seufzte elegisch.

„Sicher, Sie haben gut gearbeitet, nur bringt uns das leider nicht einen Schritt weiter, Mark. Natürlich habe ich inzwischen alle freien Leute losgeschickt, damit sie sich umhören, aber in Bezug auf Silvia Monfort herrscht auf allen Kanälen nur das große Schweigen. Niemand in den gewissen Kreisen kann etwas dazu sagen, selbst der Hinweis auf eine gute Belohnung hat nichts gebracht. Wissen Sie, wie es jetzt weitergehen soll?“

„Wenn ich Präkogniter wäre, säße ich jetzt nicht hier, Chef!“, sagte Wilding lakonisch. „Auch zaubern können wir beide nicht, lediglich Fakten ermitteln und Schlussfolgerungen aus ihnen ziehen, und mehr als die zweite Sandale haben wir eben nicht. Was Sie da aber eben über die allgemeine Funkstille sagten, gibt mir doch zu denken. Es passt damit zusammen, dass die Entführer offenbar in Sachen der Familie Monfort ebenfalls nicht richtig im Bilde sind.“

„Inwiefern?“, forschte Stockman und holte die obligate Flasche und Gläser hervor. Sie tranken einen Schluck, diesmal von einem guten alten Armagnac, und dann gab der Detektiv seine schon früher angestellten Überlegungen preis.

„Von einem anderen Planeten?“, murmelte der Manager, fuhr sich über die Glatze und trank sein Glas leer. „Hm, damit könnten Sie sogar recht haben, Monfort ist nicht nur einer der Bosse hier auf Orbin. Unsere Recherchen haben ergeben, dass er gute Verbindungen in alle Richtungen der Milchstraße hat, und damit automatisch auch eine ganze Anzahl von Konkurrenten. Und dazu kommt dann noch sein neues Projekt – was war das noch, Mark?“

„Eben darüber schweigt er sich hartnäckig aus“, murrte Wilding. „Er hat uns abgewimmelt, weil er noch darüber nachdenken will – hoffentlich beeilt er sich damit, schließlich steht das Schicksal seiner Tochter dabei auf dem Spiel!“

„Vielleicht sollten wir ihn einmal daran erinnern“, sagte Berry, und Stockman nickte. Er tippte auf einen Sensor der Info-Konsole auf seinem Schreibtisch, wartete eine Weile und schüttelte dann missbilligend den Kopf. „Patsy ist immer noch nicht da, sie wird doch hoffentlich nicht ernsthaft krank sein … Ohne sie komme ich einfach nicht mehr richtig zurecht.“

„Wie viel ein Mensch wirklich wert ist, merkt man meist erst, wenn er einem fehlt“, bekräftigte Mark Wilding, ohne eine Miene zu verziehen. „Ich werde nach ihr sehen, Chef, sobald ich Zeit …“

Ein Summer schnitt seine scheinheiligen Worte ab, ein Monitor erhellte sich, und das Abbild eines Mädchens aus dem Infozentrum erschien darauf. „Ein Anruf für Sie, Mr. Stockman, aber anonym. Soll ich Sie trotzdem verbinden?“

„Sehr schnell sogar!“, sagte der Manager scharf, und er hatte richtig getippt. Sekunden später zeigte sich im großen Holokubus das Gesicht von Bert Monfort, ein nervöses Zucken lief über seine Züge, und er stieß hastig hervor: „Ich habe mich entschieden – ich werde die Bedingungen der Entführer erfüllen, um meine Tochter zu retten! Deshalb werde ich jetzt sofort das Gremium verständigen, mit dem ich über das geheime Projekt verhandelt habe. Allerdings habe ich Grund zu der Annahme, dass jemand von diesen Leuten mit den Verbrechern in Verbindung steht, vielleicht sogar die Erpressung selbst inszeniert hat, Mr. Stockman! Daher gebe ich der IDA nun den Auftrag, sie von jetzt an so gut wie möglich zu überwachen, um herauszufinden, ob es so ist. Hier nenne ich Ihnen nun die Namen …“

Berry Salomon schaltete schnell, holte seinen Block hervor und notierte die Angaben. Der Manager kam nicht gegen den Redestrom an, er musste warten, bis der Industrielle damit fertig war. Dann zuckte er mit den Schultern, und nun standen echte Schweißtropfen auf seiner hohen Stirn.

Details

Seiten
140
Jahr
2020
ISBN (eBook)
9783738948219
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2020 (Dezember)
Schlagworte
zeitfalle varesol

Autor

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Titel: Zeitfalle Varesol