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Das Zeitalter des Kometen #26: Lennox und das Schlangen-Ei

2020 129 Seiten

Leseprobe

Table of Contents

Lennox und das Schlangen-Ei

Copyright

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Epilog

Lennox und das Schlangen-Ei

Das Zeitalter des Kometen #26

von Jo Zybell

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 129 Taschenbuchseiten.

 

Eine kosmische Katastrophe hat die Erde heimgesucht. Die Welt ist nicht mehr so, wie sie einmal war. Die Überlebenden müssen um ihre Existenz kämpfen, bizarre Geschöpfe sind durch die Launen der Evolution entstanden oder von den Sternen gekommen, und das dunkle Zeitalter hat begonnen.

In dieser finsteren Zukunft bricht Timothy Lennox zu einer Odyssee auf …

Fanlur, der auf dem Weg zur Bunkersiedlung Marienthal ist, um die Bewohner zu einem Bündnis zu bewegen und sie mit dem lebensnotwendigen Serum zu versorgen, wird mit einer ungewöhnlichen Situation konfrontiert. In Marienthal herrscht im Bunker eine angespannte Situation, und die ergibt sich aus der ungewöhnlichen Geschichte. Aber nicht nur er benimmt sich seit einem Zusammentreffen mit einigen Amazonen seltsam.

Dieser Roman setzt die Ereignisse aus dem Band Lennox und der Kampf um die Domstadt fort.

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

Alfred Bekker

© Roman by Author

© COVER LUDGER OTTEN

© dieser Ausgabe 2020 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

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1

Mitte Mai, 2520

Sie drehte sich um, ging lächelnd an ihm vorbei und verließ die Höhle. Ließ ihn einfach allein mit all den verwirrenden Eindrücken, die er nicht begriff, und den beiden … ja, was? Wesen?

Fanlur schloss die Augen und sog die Luft durch die Nase ein. Dieser Duft! Ihr Duft! Bei Wudan und allen Kometen des Kosmos – wie er sie begehrte! Alles andere begann dagegen bereits zu verblassen. Plötzlich hörte er sie schreien. »Fanlur!« Ein Schrei in Todesnot. Er riss die Augen auf. »Hilf mir!« Er fuhr herum, rannte los.

Raus aus der Höhle, den Hang hinunter. Fanlur stolperte über eine Baumwurzel, schlug auf bemoostes Gestein, rutschte auf seinem Ledermantel dreißig Meter weit fast ungebremst den Steilhang hinunter. Und dort, noch einmal fünfzig Schritte entfernt, sah er sie auf dem Felsvorsprung über dem von Abenddunst verschleierten Flusstal. Sie und einen Mann; einen kahlköpfigen, knochigen Mann.

Er hob ein Kurzschwert, schlug zu.

Sie schrie noch immer – keine verständlichen Worte mehr; sie brüllte ihre Wut und ihre Panik hinaus. Gleichzeitig duckte sie sich unter dem Hieb des Kahlkopfs weg und wich den einzigen auf dem Felsvorsprung noch möglichen Schritt zurück, während sie ihr Langschwert aus der Rückenscheide riss.

Fanlur zerrte sein LP-Gewehr von der Schulter, griff ins Gestrüpp, um sich hochzuziehen.

Ihr schwarzes Langhaar peitschte um ihre Schultern, als sie zuschlug. Der Kahlköpfige packte den Griff seines Schwertes mit beiden Fäusten, stemmte sich dem Angriff entgegen.

Funken sprühten, als Stahl auf Stahl schlug. Der Mann wankte, fing sich aber, stand wieder fest, wie zum Sprung geduckt.

Sie jedoch torkelte. Ihr zur Seite geschlagenes Schwert brachte sie aus dem Gleichgewicht, stürzte sie in den Abgrund!

Fanlur brüllte, als hätte eine Klinge ihn durchbohrt. Er stürmte los, zielte im Laufen auf den Mann, zögerte einen Augenblick zu lange – der Kahlkopf sprang in die Tiefe.

Niemand war jetzt mehr auf dem Felsvorsprung. Hinter Fanlurs Brustbein trommelte sein Herz, seine Lungen brannten. Und dann – hörte er die Frau wieder schreien! Sie lebte!

Bei Wudan, sie lebt noch!

Er keuchte, er rannte, brüllte ihren Namen, und als er vor der Felskante in die Knie ging, schleuderte das Echo ihm diesen Namen von der anderen Seite des Flusstals entgegen.

Fanlur starrte hinunter. Der Kahlkopf stand drei Speerlängen unter ihm auf einem fast vier Schritt langen Felssims, das aus der Wand heraus über das Flusstal ragte. Wie heiß musste die Mordlust brennen, die einen Mann zu einem solchen Sprung verleiten konnte?

Schon wieder hatte er ein Schwert zum Schlag erhoben; doch nicht sein kurzes diesmal, sondern ihr so viel längeres Schwert. Fanlur sah sofort, dass sie keine Chance hatte: Sie hing kaum zwei Schritte vom Sims und ihrem Mörder entfernt in der Wand und klammerte sich an einer verkrüppelten jungen Birke fest, die an dieser Stelle aus dem Felsen wuchs.

Vergeblich versuchte sie mit den Beinen das Sims zu erreichen.

Der Kahlkopf hielt sich mit der Linken in der Wand fest, schlug mit der Rechten zu. Die Klinge traf das rettende Gehölz über ihr. Ein Ast brach, und ruckartig scheuerte sie ein paar Handbreiten tiefer über den Fels. Neunzig, hundert oder mehr Speerlängen unter ihr, am Fuß der Steilwand, rauschte der Fluss. Der Mörder holte erneut aus.

»Hilf mir, Fanlur! Schieß endlich!«

Der Albino zielte auf den Mann. Der hielt inne in seinem letzten, tödlichen Schlag, legte den Kopf in den Nacken, sah herauf. Ihre Blicke trafen sich. Fanlurs Herz schnürte sich zusammen. Nicht er!

»Schieß!«, brüllte sie. »Töte ihn endlich!«

Fanlur riss sich von den Augen des Mannes los, starrte in ihre vor Wut und Schrecken feuchten Augen. »Töte ihn! Töte ihn doch!«

Und wieder die Augen des Mannes. Fanlur stützte den Gewehrkolben gegen die Schulter, sah die Augen des anderen über dem Ziellaser-Konus. Er legte den Finger auf den Auslöser … und zögerte …

 

 

2

Drei Wochen zuvor

Coellen, Ende April 2520

Irgendjemand warf ein Holzscheit in den Kamin.

Aschenflocken erhoben sich aus der Glut, schwebten auf die roten Steinplatten vor der Kaminöffnung. Eine Phalanx gelber Flämmchen züngelte an der Unterseite des Holzes. Neben dem Kamin öffnete der Lupa das linke Auge halb und ohne den Schädel von den Vorderläufen zu heben. Er blinzelte in die Glut.

Längst war es dunkel geworden. Durch die offenen Fenster wehte eine kühle Abendbrise in den kleinen Speisesaal. Der alte Kanzler zog sich seinen Mantel um die Schultern. Seine Schwiegertochter Gittis, die immer noch schrieb, hielt kurz inne, um den wollenen Umhang von ihren Schultern über den Kopf zu ziehen. Auch Fanlur fröstelte ein wenig.

Draußen auf der Gasse drängten sich Männer und Frauen vor den drei offenen Fenstern. Sie versuchten einen Blick auf den Jungen zu erhaschen, an dessen Lippen auch die Männer und Frauen innerhalb des Saales hingen. Manche saßen kerzengerade auf den Kanten ihrer Lehnstühle und lauschten mit offenen Mündern. Andere hatten Arme und Kopf auf die Tafel gelegt und kauten an ihren Unterlippen. Wieder andere –Honnes und Juppis zum Beispiel – stützten ihre kantigen Schädel auf die Fäuste und beobachteten den bleichen Jungen aus schmalen Augen, als würden sie jedes seiner Worte abwägen. Und Gittis schrieb und schrieb und schrieb.

Schon seit Sonnenuntergang war das eigentliche Festmahl beendet und die Tafel abgeräumt, aber der Junge in dem metallic-goldenen Anzug erzählte immer noch: die Geschichte seiner Heimat, vom Leben in der Bunkerstadt mit dem eigenartigen Namen »Marienthal«, von den Untaten seines Vaters. Und immer wenn er ihn erwähnte, jenen Hanns-Claudio von Leyden, verfinsterte sich sein Blick und seine roten Augen fixierten die eigenen, goldverhüllten Hände.

Fanlur fragte sich, was geschehen musste, bis ein Mann seinen Vater so sehr hasste wie Conrad von Leyden den seinen.

Der junge von Leyden war hochgewachsen und dürr, das schmale Gesicht unter dem haarlosen Schädel extrem bleich und voller Pickel dazu. Siebzehn Jahre war er alt. Zwar trug er einen Schutzanzug unter seinem Umhang aus schwerem blauen Tuch – jenen extravaganten Overall aus Goldimitat – hatte sich aber den Helm in den Nacken geklappt. Fanlur sah das nicht gern. Vom Essen – Fisch und Wakudabraten – hatte Conrad von Leyden zwar keinen Bissen angerührt, aber schon ungefiltert dieselbe Luft zu atmen wie der Kanzler und der Bürgerrat, stellte ein Risiko für den jungen Burschen dar. Auch wenn Fanlur ihm das Serum verabreicht hatte, das er im Auftrag der Allianz zum Marienthaler Bunker – der Heimatkolonie Conrad von Leydens – bringen sollte.

Das war sein Versprechen gewesen, damit Conrad die Bombardierung des Kölner Doms verhinderte, und Fanlur stand zu seinem Wort. Er würde aber einen Großteil des Beutelinhalts später den Bunkerleuten überlassen, zusammen mit der Formel, um das Immun-Serum zu reproduzieren.

Falls sich die Bewohner des Präparates als würdig erwiesen, konnte es sie unabhängig von ihrem Bunker, von Schutzanzügen und Helmen machen; und zu schlagkräftigen Verbündeten im Kampf gegen die Yandamaaren. Vor allem das: starke Mitstreiter im unausweichlichen Krieg.

Fanlur hatte Conrad gewarnt, dass sein Körper einige Tage brauchen würde, um auf das Serum zu reagieren; trotzdem ging der Junge das Wagnis ein, jetzt schon mit geöffnetem Helm hier zu sitzen und zu erzählen. Fanlur wusste inzwischen, dass die Marienthaler Technos das Risiko ganz bewusst eingingen, um so die Widerstandsfähigkeit zurückzuerlangen, die sie in den Jahrhunderten der Isolation eingebüßt hatten. Eine Art russisches Roulette, seiner Meinung nach.

Fanlurs Blick fiel auf die Frau neben Conrad von Leyden.

Eine liebliche Erscheinung in bunten Tüchern, mit kurzem rotblonden Haar und einem hübschen Gesicht.

Sie hieß Hille, stammte aus Dysdoor und war mindestens zehn Jahre älter als der Bursche an ihrer Seite. Fanlur fragte sich, wie von Leyden es anstellte, mit ihr geschlechtlich zu verkehren, ohne sich den Tod zu holen. Dass so was möglich war, wusste er von seinem eigenen Vater – wenn Sir Leonard Gabriel nicht einst eine Barbarin geliebt hätte, säße Fanlur jetzt nicht hier.

»Warum habt Ihr Marienthal verlassen, Conrad von Leyden«, wollte Jannes Attenau wissen. »Warum seid Ihr geflohen, und warum bereitet Ihr Euch auf einen Kampf gegen Euren Vater vor?«

»Er wollte mich töten, Kanzler Attenau.«

»Ein Vater, der seinen Sohn töten will?« Honnes, den sie hier den »Britanier« nannten, gab sich keine Mühe, seine Zweifel zu verbergen. »Weißt du das oder glaubst du es nur, Junge?«

»Ich weiß es!« Conrad von Leyden machte eine grimmige Miene und sah sich unter seinen Zuhörern um. »Ja, er wollte mich töten, mich, seinen eigenen Sohn!« Mit pathetischer Geste schlug er mit der geballten Faust gegen seine Brust.

Fanlur glaubte ihm, hatte aber dennoch den Verdacht, dass der Bursche etwas verschwieg. Sollte ein Vater seinen Sohn töten wollen, nur weil dieser politisch auf der Seite des Gegners stand? Nein, da musste noch etwas anderes vorgefallen sein. Und ein kurzer Blickwechsel mit seinem Freund Honnes bestätigte ihm: Der alte Veteran sah das ähnlich.

»Er ist ein Tyrann, ein Mörder!« Von Leyden schlug mit der Faust auf die Eichentafel. »Die Revolution in Marienthal, all das Blut, das sie gefordert hat, geht auf sein Konto! Man muss ihn mit allen Mitteln bekämpfen!«

Fanlur rieb sich nachdenklich das Kinn. Beunruhigend, was der Bursche da verlauten ließ. Hoffentlich übertrieb er. Wenn er nämlich Recht hatte, waren die Marienthaler weder Kandidaten für eine Koalition gegen die Yandamaaren, noch für das Serum. Fanlur würde sie sich sehr genau anschauen müssen, diese deutschen Technos.

Er beobachtete die Frau an Conrads Seite. Angeblich war sie einst die Lieblingsfrau eines Dysdoorers namens Krautz gewesen. Merkwürdig, dass so eine gestandene und attraktive Frau diesen zehn Jahre jüngeren Lümmel liebte. Und dass sie ihn liebte, war nicht zu übersehen: Ihre strahlenden Augen verschlangen ihn fast, während er erzählte. Stolz und Bewunderung lagen auf ihrer Miene.

Nun, vielleicht ist sie von seiner Klugheit und seinen technischen Fähigkeiten beeindruckt, dachte Fanlur. Immerhin konnte der Bursche Bomben bauen und fünfhundert Jahre alte Flugzeugwracks zum Fliegen bringen.

Die plötzliche Stille im Raum riss Fanlur aus seinen Grübeleien. Niemand sprach mehr. Conrad von Leyden stierte auf seine in Gold gepackten Hände, sodass seine Nackenhaut sich straffte und man einen Teil der Tätowierung erkennen konnte, die zwischen den Schulterblättern auf der Haut des Jungen prangte. Von Leyden ließ seine Fingerknöchel knacken.

Der Lupa hob den Schädel und gähnte. Unter den Leuten vor den Fenstern erhob sich Getuschel.

Gittis schob die vielen Wachstafeln zusammen, in die sie von Leydens Erzählung geritzt hatte. Der Kanzler räusperte sich. »Wir danken Euch für Euren Bericht, Conrad von Leyden. Jeder von uns wird über Eure Worte nachdenken …« Jannes Attenau blickte in die Runde, um sich zu vergewissern, dass alle Mitglieder des Bürgerrats seine Anweisung verstanden hatten. »Danach werden wir beraten.«

»Ihr müsst mir helfen!«, begehrte Conrad von Leyden auf. »Gemeinsam können wir HCL besiegen!«

Die Marienthaler neigten entweder zu langen Namen oder hatten ein Faible für Abkürzungen – HCL war der Spitzname von Hanns-Claudio von Leyden. »Gemeinsam können wir die alte Ordnung in Marienthal wieder herstellen! Wenn dort die rechtmäßige Regierung wieder eingesetzt ist und ich Nashornkönig von Marienthal bin, werde ich euch beibringen, wie man Bomben, Fahrzeuge und Maschinen baut und wie man Eisenvögel zum Fliegen bringt! Gemeinsam werden wir die Welt vor den Yandamaaren retten …«

Fanlur horchte auf. Worum, bei Orguudoo, ging es dem jungen Burschen wirklich? »Lass gut sein, Conrad.« Mit einer Handbewegung brachte er das Pickelgesicht zum Schweigen. »Eins nach dem anderen. Der Bürgerrat pflegt sich Zeit zu lassen mit seinen Entscheidungen.«

Eine Mischung aus Trotz und Enttäuschung verdunkelte von Leydens Miene.

»Ich allerdings habe nicht viel Zeit«, fuhr Fanlur unbeeindruckt fort. »Fern im Osten braut sich ein Verhängnis zusammen, das niemanden von uns verschonen wird. Hier in Coellen oder dort in Marienthal genauso wenig wie in Washington oder London oder sonstwo.«

Fanlur hatte natürlich alle tonangebenden Männer und Frauen über die Gefahr informiert, die der Menschheit vom Kratersee drohte: den Bürgerrat, Conrad von Leyden und auch den nach seiner Bruchlandung gelähmten Hauptmann von Dysdoor und seinen Bruder Gleemenz.

»Gegen die Yandamaaren müssen alle Stämme, Horden, Kolonien und Völker zusammenhalten. Die Communities von London und Salisbury haben mich ausgesandt, um die Bunkerkolonie von Marienthal für das Kriegsbündnis zu gewinnen. Du wirst mich zu deinem Vater führen. Das Serum wird ihn vielleicht zum Einlenken bewegen …«

»Und wenn nicht?« Skepsis und Hoffnung rangen in den Gesichtszügen des Jungen miteinander.

»Dann werden wir weitersehen. In zwei Tagen jedenfalls brechen wir auf.«

Conrad von Leyden nickte langsam. Keine Spur von Trotz mehr. Seine rötlichen Augen schienen jetzt größer als sonst.

Wie Knabenaugen hingen sie an Fanlur, und zwei Atemzüge lang spürte der Albino das grenzenlose Vertrauen, das ihm von Conrad entgegenschlug.

Der Rest war Stühlerücken, Händeschütteln und Abschiedskonversation. Fanlur schickte sich an, eines der Fenster zu schließen. Honnes stand plötzlich neben ihm und drückte seinen Oberarm. »Ich gehe mit dir, mein Freund«, raunte er ihm ins Ohr. Ohne Erklärung, ohne die Antwort des Jüngeren abzuwarten, drehte er sich um und verließ den Speisesaal.

Nach und nach löste die Abendversammlung sich auf.

Draußen sah Fanlur den treuen Kampfgefährten in einer dunklen Gasse verschwinden.

»Ich habe alles notiert.« Gittis und ihr Mann Harris, Attenaus Sohn, traten zu ihm. Im Arm hielt Gittis die sorgfältig zusammengelegten und in Stoff geschlagenen Wachstäfelchen.

Die Schwiegertochter des Kanzlers genoss den Ruf, die klügste Frau in Coellen zu sein. Ihr Großvater hatte seiner Enkelin Lesen und Schreiben beigebracht, kaum dass sie sprechen konnte, und ihr eine beachtliche Bibliothek vererbt, die er und seine Vorfahren im Laufe von Generationen aus den Ruinen geborgen hatten.

»Ich habe seinen Bericht in Stichworten aufgeschrieben, aber ich werde es in aller Ausführlichkeit nacherzählen.« Mit fester Stimme sagte sie das, ihre Augen lächelten selbstsicher und in ihrer Miene lag ein Ausdruck der Entschlossenheit. Sie schien das fertige Werk bereits vor sich zu sehen. »Mein Gedächtnis funktioniert wie das Mundwerk dieses pickeligen Knaben. Ich habe mir alles gemerkt, was für eine unglaubliche Geschichte!«

Ein schauriger Gedanke schoss Fanlur durch den Kopf: Was, wenn die Yandamaaren die Erde an sich rissen? Wenn niemand übrig bliebe, um Aufzeichnungen wie diese hier weiterzugeben? »Schreib Wort für Wort auf«, sagte er zu Gittis. »Schreib sorgfältig wie eine Chronistin und schreib alles auf Leder, damit es die Zeiten überdauert.«

»Das werde ich tun, Fanlur. Und dann werde ich die Geschichte zu den Schriftrollen der Stadtchronik legen.« Gittis‘ graue Augen blitzten. »Und wie soll ich sie überschreiben?«

»Nenne sie: Historie der Bunkerkolonie Marienthal von den Tagen Alexander-Jonathans bis zum Zeitalter der Yandamaaren.«

Und hoffentlich wird sich einer finden, der sie einst weiter schreibt, fügte er in Gedanken hinzu.

Gittis runzelte die Stirn, neigte den Kopf auf die Schulter und musterte ihn erstaunt. Sie verlor aber kein weiteres Wort.

Das Paar verabschiedete sich und verließ den Saal.

Die Hände noch immer an den Fensterflügeln blickte Fanlur in den Nachthimmel. Kalt blinkte die schmale Sichel des Mondes über dem Dom. Und wie so oft in den letzten Wochen überfiel ihn die Erinnerung: Zwischen Grandlord Paacival und Druud Alizan steht er vor den dampfenden Innereien einer Riesenkröte, und der Druud weissagt ihm seine Zukunft aus dem Kwötschi-Gedärm: Lassen Ganzmond veagehen. Noch voa denext wiast dude woom deines Lebens begegne …

Fanlur atmete tief durch. »Sei kein Narr«, murmelte er.

Zwei Wochen vor seinem Aufbruch zum Festland hatte der Druud ihm das geweissagt, vor den Ohren amüsierter Lords.

Einen Mondzyklus hatte Fanlur seitdem bereits über den Himmel ziehen sehen. Wie lange noch bis zum nächsten?

Sieben Tage, acht Tage? Bis dahin würde er kaum auf die britischen Inseln zurückgekehrt sein. Also sollte es hier geschehen?

Unsinn! Es lohnt nicht, einen Gedanken daran zu verschwenden!

Fanlurs Lippen waren auf einmal ein schmaler Strich. Er schloss das Fenster.

 

 

3

Aus den fragmentarischen Aufzeichnungen Franz-Gustav von Leydens

Hier ist die Hölle los. Ich muss das aufzeichnen; in meinem Kopf beginnen sich die Gedanken zu verwirren. Ich muss dokumentieren, was geschehen ist in den letzten vier Wochen.

Vielleicht begreife ich dann, vielleicht …

Beim Heiligen Rhinozeros, diese Kopfschmerzen!

Hier ist die Hölle los, oder nein, eigentlich auch nicht, ich weiß nicht genau. In meinem Kopf ist die Hölle los. Der Alte ist tot, sie haben mich mit offenen Armen wieder aufgenommen, der Junge ist zurück, er hat … ich begreif es nicht …

Langsam, langsam, immer schön der Reihe nach. Manchmal vergesse ich schon, was eigentlich geschehen ist, manchmal halte ich alles für einen Fiebertraum. Manchmal vergesse ich, wo ich bin und was ich bin …

Und dann diese verdammten Schmerzen, ich habe mir eine Blutprobe abgenommen, stopf mich mit Acetylsalicylsäure voll … aber eines nach dem anderen!

Zunächst mein Name; vielleicht findet ja mal einer diesen Memo-Stick. Fürchte aber, dann wird es zu spät sein für mich.

Egal! Also mein Name: Franz-Gustav von Leyden, Mediziner und leitender Psychologe, Bunkerbürger von Marienthal. Da bin ich jetzt auch: in Marienthal. Was geschehen ist: Ich bin krank, oder nein, nicht richtig krank, ich weiß es nicht genau.

Jedenfalls ist der Alte tot und nichts mehr so, wie es früher war!

Also, folgendes: Ich habe Fieber – alle haben sie Fieber; inzwischen, glaub ich, sogar der Fremde. Nur die Weiber nicht, jedenfalls die neuen nicht. Aber das ist jetzt unwichtig.

Ich habe eine Blutkultur angelegt – mein Blut auf mit Nährplasma getränkte Watte geträufelt und in den Autoklav gesteckt. Wenn da ein Erreger ist, wird er wachsen, schneller als in meinem Körper, wird wachsen und wachsen …

Wo war ich? Ach ja. Es begann mit den Weibern, mit diesen Amazonen, da bin ich mir ziemlich sicher. Ich habe sie in der Gegend von Koblenz am Rheinufer entdeckt. Etwa ein Dutzend mit Schwertern und Spießen bewaffnete Frauen auf Riesenheuschrecken, begleitet von etwa einem Dutzend ähnlich bewaffneter Kahlköpfe. Bis hinauf zu den Überresten der A 61 hab ich sie verfolgt.

Es sind verdammt schöne Weiber, und wir hier in Marienthal sind nicht gerade gesegnet mit schönen Frauen.

Oben an einer Brückenruine der A 61 stand ein Panzerfahrzeug, irgendein Kettenvehikel irgendeiner Expedition, vermutlich aus irgendeinem russischen Bunker.

Und was machen diese Amazonen? Sie greifen den verdammten Panzer an!

Und jetzt kommt‘s: Sie besiegen den verdammten Panzer!

Trotz Laserwaffen, trotz Bordgeschützen, trotz dicker Panzerwände! Unglaublich! Nur sieben von ihnen überlebten … oder eigentlich acht. Von der Besatzung blieb kein einziger übrig.

Eine der Frauen, eben die achte, fand ich im Wald; verletzt und vor allem völlig durchgedreht. Weinte, zitterte, stand unter Schock. Ein blutjunges Ding. Der Kampf hat sie fertig gemacht.

Ich dachte: Solche Weiber brauchen wir in Marienthal. Ich dachte: So einen Panzer sollten wir uns nicht entgehen lassen.

Und ich dachte: Wenn ich mit solchen Geschenken vor dem Hauptschott auftauche, wird der Alte mit sich reden lassen.

Also bringe ich die Verletzte zu den anderen Mädels zurück.

Und was geschieht? Nehmen mich auf wie einen alten Freund.

Und nicht nur das: Ihre Anführerin – sie heißt Maris – teilt sogar ihr Lager mit mir! Das tun die Frauen von Marienthal nicht so ohne Weiteres, müssen Sie wissen. Sie aber tat es gleich drei Mal! Drei Mal – davon zehre ich den Rest meines Lebens …

Möglicherweise ist das nicht mehr lange. Ein Infekt wäre das Letzte, was ich brauchen könnte! Dabei hab ich doch das Anzug-Kondom benutzt und eine Atemmaske. Und mich danach gründlich gereinigt. Ich dachte wirklich, mein Körper wäre inzwischen widerstandsfähig genug, um das Wagnis einzugehen. Aber das hat wohl nur mein Schwanz behauptet.

Ich Narr!

Wenn ich mich bloß an alles erinnern könnte! Diese verdammten Kopfschmerzen!

Schon wieder schweife ich ab; ich wollte ja erzählen. Also: Ich starte den Panzer, und wir fahren Richtung Marienthal. Ich hab sie heiß gemacht auf den Bunker, obwohl sie kein vernünftiges Deutsch sprechen konnten. Maris hat es dann aber rasch gelernt; ein richtiges Naturtalent. Wir fahren also los. Die Kleine aus dem Wald jammert die ganze Zeit, kaut sich die Nägel ab, nässt sich ein und so weiter – ein klassischer Nervenzusammenbruch.

Wir sind vielleicht zwei Tage unterwegs, da geht das mit den Schmerzen und dem Fieber und den Aussetzern los. Ich konnte kaum noch den Panzer lenken. Maris hat natürlich gemerkt, was mit mir los war, und eine Rast vorgeschlagen. Ich hab mich hingelegt, und Maris meinte, sie und ihre Kriegerinnen müssten draußen etwas erledigen. Was, wollte sie mir nicht verraten.

Sie verlassen also den Panzer, alle bis auf die Kleine, und anstatt liegen zu bleiben, gehe ich ins Cockpit und schalte die Außenkameras ein.

Ich hab bis heute nicht richtig begriffen, was da vor sich ging …

 

 

4

Coellen, Ende April 2520

Fanlur verließ Honnes‘ Haus gleich nach Sonnenaufgang.

Die Gassen waren noch feucht von Morgentau. Wulf, sein Lupa, lief ihm voraus. Schwarz und zerklüftet ragte der Dom in den wolkenlosen Himmel. In seinem Schatten waren vier Fischer damit beschäftigt, den ersten Marktstand auf dem Pflastersteinplatz zu errichten. Fanlur erwiderte den Gruß der Männer. Sie sahen müde aus, hatten eine arbeitsreiche Nacht hinter sich.

Wulf blieb an einem der vollen Körbe stehen und beschnupperte einen Aal, der sich aus den glitschigen Leibern wand. Im Vorübergehen pfiff Fanlur, und der Lupa folgte ihm mit gestreckter Rute.

Fanlur umging einen Krater, den eine der Sprengladungen von Leydens in das Pflaster gerissen hatte. Ein Stück weiter hatte man zwei aufgeschlitzte Wakudas an Schlachtgerüsten aufgehängt. Fast ein Dutzend Männer und Frauen bearbeiteten die Tiere mit Messern, Äxten und Sägen. Aus den Blutlachen unter den Kadavern und aus den Wannen mit den Gedärmen stieg Dampf.

»Her zu mir, Wulf!« Der Lupa hatte längst Nase und Zunge ins warme Blut gesteckt. Erst als Fanlur im Laufschritt die östliche Wehrmauer erreichte, setzte der mutierte weiße Wolf seinem Herrn in großen Sprüngen hinterher.

Die Wächter schlossen ihnen eines der kleinen Osttore auf.

Ruhig und behäbig floss der Strom dahin; die Uferwiese zwischen ihm und der Mauer sah wie ein von unzähligen Edelsteinen übersäter Teppich aus – Tautropfen glitzerten in der Morgensonne.

Vor der Anlegestelle – nicht im Wasser, sondern auf dem Gras – lag die Twilight Of The Gods. Angeschlagen von den wahnwitzigen Ereignissen der vergangenen zwei Wochen; so angeschlagen wie auch viele Menschen in Coellen und in Dysdoor.

Der Lupa sprang ins seichte Uferwasser und begann zu saufen. Fanlur umschritt langsam sein Luftkissenboot. Conrads Angriff hatte an Backbord ein Loch in den Passagierraum gesprengt. Ein Zimmermann und ein Schreiner der Coelleni hatten die Wand mit Tannenholz geflickt. Die Bruchlinie war noch rußgeschwärzt. Fanlur betrachtete sie und schüttelte den Kopf.

Das Pickelgesicht hatte sich in Dysdoor eingenistet und mit dem Glorienschein eines Gottes umgeben. Hauptmann Haynz und seine Mannen waren darauf hereingefallen, versorgten und verehrten ihn; nun ja, es war keine Kunst, die Leute aus Dysdoor zum Narren zu halten. Außerdem hatte von Leyden seinen Helm undurchsichtig gemacht und seine Stimme mit einem Sprachsynthesizer auf »eindrucksvoll« getrimmt.

Und was tat er? Stellte Schwarzpulver her, machte zwei Jets aus Haynz‘ Sammlung flott, testete alte Sprengbomben und flog Übungsangriffe auf Coellen und das Luftkissenboot! Und das alles, um einen Krieg gegen seinen Vater vorzubereiten.

Schwamm drüber. Jetzt war der Blick nach vorne angesagt.

Auch die Schürze der Twilight Of The Gods hatte einen Riss abbekommen, so lang immerhin, dass das Hubgebläse das Luftkissen nicht mehr vollständig hatte aufbauen können. Aber auch dieser Riss war inzwischen geflickt. Die Reparatur ging auf Conrad von Leydens Konto – er besaß einen Schweißbrenner, konnte Gummi verflüssigen und hatte kaum einen halben Tag gebraucht, um wasserfesten Leim herzustellen. Ein kleines Genie, der Bursche.

Fragte sich nur, ob der Flicken halten würde. Fanlur ging in die Hocke und betastete die Nahtstelle auf der zusammengefalteten Schürze. Ob ein zweiter Flicken nicht angebracht wäre? Zumindest musste von Leyden Material und Werkzeug aus Dysdoor holen. Am besten heute noch.

Das Knarren des kleinen Tores ließ Fanlur aufhorchen. Er drehte sich um, stand auf. Ein mittelgroßer knochiger Mann schlüpfte aus der Maueröffnung und stapfte durchs Gras dem Ufer und dem Boot entgegen – Honnes. Er hatte noch geschlafen, als Fanlur sein Haus verließ.

Wie meist trug Honnes einen Anzug aus dunkelbraunen Lederschuppen. Den braunen Wollmantel hatte er sich über den kahlen Schädel gezogen. Die geschmeidige Art, wie er sich bewegte, und die straffe, leicht angespannte Haltung seines Körpers vermittelten den Eindruck eines Vierzigjährigen. Erst wer ihm ins zerfurchte und zernarbte Gesicht sah, ahnte die siebzig Winter, die dieser Mann bereits gesehen hatte.

»Wie wäre es mit einem kräftigen Frühstück?«, fragte er mit seiner wie immer etwas heiseren Stimme.

Die Männer begrüßten sich.

»Unbedingt«, sagte Fanlur. »Lass uns ein paar Fische fangen.«

Später hockten sie hinter der Kommandozentrale auf dem Dach der Twilight Of The Gods und beobachten, wie die Haut von vier Fischen auf dem Grill Blasen warf. Drei Aale und einen ziemlich großen Barsch hatten sie aus dem Großen Fluss geholt. Der Lupa war über den Strom geschwommen und jagte irgendwo im Wald am anderen Ufer sein Frühstück.

»Wir werden mit dem Boot reisen«, sagte Fanlur. »Ich denke, es hält. Vorsichtshalber nehmen wir Material und Werkzeug mit. Ich werde Conrad noch vor der Mittagszeit nach Dysdoor schicken.«

»Du schickst einen ehemaligen Gott auf Botengang?«

Honnes verzog sein ledriges Gesicht zu einem Grinsen. Das tat er selten. »Er frisst dir aus der Hand, der Knabe.«

»Ihm fehlt ein Vater«, antwortete Fanlur. »Ein Vater, zu dem er aufblicken kann.«

»Und was hältst du sonst von ihm?« Honnes riss zwei Stücke vom Rand eines großen Brotfladens ab und legte sie auf zwei Holzteller.

»Er ist unsicher, furchtbar geil und genial.«

»Du vertraust ihm also.« Mit seinem Dolch schaufelte Honnes einen Aal vom Grill auf den Teller.

»Ich vertraue meinem Verstand und meiner Intuition.«

Fanlur nahm Honnes den Teller ab. »Danke. Und danach vertraue ich dir, meinem Vater, Juppis und Wulf. Sonst wüsste ich nicht, wem ich noch vertrauen würde. Dave Mulroney vielleicht.«

Marrelas Name sprang ihm auf die Zunge. Er schluckte ihn herunter, sonst hätte der Freund nach Lennox gefragt. Doch auch so zog etwas wie Staunen durch Honnes‘ Blick, als wartete er genau auf diesen Namen.

Vertraute er dem Mann aus der Vergangenheit? Fanlur hatte sich die Frage noch nie gestellt.

»Was Conrad von Leyden betrifft, sehe ich es so …« Weg mit den nutzlosen Gedanken! »Wer kein Risiko eingeht, kann kein Spiel gewinnen.«

»Spiel?« Honnes zog sich eine lange Gräte aus dem Mund und warf sie hinter sich. »Ich glaube nicht, dass wir morgen zu einem Spiel aufbrechen werden, mein Freund. Nach meinem Gefühl wird der Junge uns auf geradem Weg in die größte Taratzenscheiße führen.«

Deswegen also will er dich begleiten, dachte Fanlur. Weil er sich Sorgen um dich macht. Und er sagte: »Du bist und bleibst ein Pessimist, Honnes.«

 

 

5

Nachfolgend wiedergegeben sind einige Tage aus dem Leben deren von Leyden. Ihr Schicksal fand Jahrhunderte später Erwähnung in der von Conrad von Leyden – natürlich nur fragmentarisch wiedergegebenen – »Historie der Bunkerkolonie Marienthal von den Tagen ›Alexander-Jonathans‹ bis zum Zeitalter der Yandamaaren«.

Mexiko, Herbst 2006

Wie die meisten Namen der Menschheit vor »Alexander-Jonathan« hätte der Komet vermutlich auch den Namen »von Leyden« ausgelöscht. Ein Buch rettete einige Mitglieder derer von Leyden und mit ihnen den Namen des alten, ursprünglich aus den Niederlanden stammenden Adelsgeschlechts vor dem großen und umfassenden Vergessen nach der Katastrophe.

Ein gewisser Martinez hatte es verfasst, und Margot von Leyden kaufte es im Sommer 2006 im Heritage Book Store in der Melrose Avenue in Los Angeles. »Sieh dir das an, Heinrich-Casper!«, rief sie entzückt. »Ein Buch über die Maya!«

»Ach!« Sein Handy am Ohr, aber scheinbar interessiert beugte sich Margot von Leydens Erstgeborener über die Schulter seiner Mutter. Auf dem Schutzeinschlag waren der Herrscher von Yax-Chilián und seine Gattin abgebildet. Die Frau des Herrschers kniend und sich eine Dornenschnur durch die Zunge ziehend. »Ach!«, wiederholte Heinrich-Casper von Leyden. Er hielt die Gestalten für japanische Comicfiguren und die Dornenschnur für den Schlauch einer Wasserpfeife. Einer seiner Broker in Tokio unterrichtete ihn gerade über die zu erwartende Kursentwicklung seiner Merill-Lynch-Aktien.

Hinter Margot von Leyden lagen zwei höchst inspirierende Wochen, in denen es unter anderem auch um die Kosmologie der Maya gegangen war. Darum begeisterte sie die Entdeckung des Buches, und darum kaufte sie es. Im Cabby, auf dem Weg zum Flughafen, las sie die Klappentexte und beglückwünschte sich zu ihrem Kauf. »Stell dir vor, Heinrich-Casper, der Autor ist ein Nachkomme einer uralten Maya-Dynastie! Er gehört zum Volk der Tzotziles!«

»Was du nicht sagst!« Heinrich-Casper von Leyden lauschte der Stimme seines Vermögensverwalters in Kuala Lumpur.

Seit er denken konnte, begleitete er seine Mutter auf ihren zahlreichen Reisen in aller Herren Länder. Zu Esoteriktagungen, Astrologieseminaren, Meditationswochen und so weiter. In diesem Sommer hatte er sie zu einem Einführungsritus mit drei Schamanen begleitet; kalifornische Hopi-Indianer. Die Entwicklung seines Vermögens im Allgemeinen und Turbulenz an der Frankfurter Börse im Besonderen verfolgte Heinrich-Casper von Leyden die ganzen zwei Wochen über mittels eines seiner Handys; immer in Sichtweite seiner Mutter. Unterm Strich brachte ihm der Crash in Frankfurt dreißig Millionen ein; dreißig Millionen Dollar.

Heinrich-Casper von Leyden war ein hochgewachsener Mann Mitte vierzig mit schmalen Schultern und schmaler Brust. Sein volles Haar war schwarz wie das eines Zwanzigjährigen, und was Margot besonders erfreute: Mit seinem schwarzen, buschigen Schnauzer sah er – jedenfalls im Gesicht – ein wenig aus wie ein Schauspieler, den sie in ihren jungen Jahren verehrt hatte.

Eine Art Siegelring schmückte seine rechte Hand, ein großer Saphir, hellblau, in den ein schwarzer Stein in Form eines Nashorns eingelassen war.

Von Leyden trug ausschließlich Dreiteiler mit bunten Krawatten. Meistens waren es weiße oder zumindest doch helle Anzüge, die seine Mutter ihm kaufte. Seine geschiedene Frau und sein Bruder nannten ihn HCL. Margot und ihr Erstgeborener fanden das ein wenig boshaft.

Während von Leyden im Flugzeug nach Frankfurt die Wirtschafts- und Finanzteile von sieben Zeitungen studierte, las seine Mutter Margot das Buch jenes Martinez von der ersten bis zur letzten Seite. Als sie es mitten über dem Atlantik zuklappte, sagte sie: »Sei so lieb und buche Mexiko Stadt und Mérida, sobald wir uns zu Hause wieder akklimatisiert haben, Heinrich-Casper. Wir machen eine Bildungsreise durch die ehemaligen Siedlungsgebiete der Maya.«

Heinrich-Casper von Leyden schaltete für einen Augenblick sein Diktiergerät aus. »Kein Problem.«

»Wir sollten noch im September reisen.«

»Je früher, desto besser.« Heinrich-Casper sah seine Mutter von der Seite an. Da sie nichts weiter verlauten ließ, schaltete er sein Diktiergerät wieder an und fuhr fort, ein paar Emails zu diktieren, die seine Sekretäre noch am selben Abend nach Tokio, Frankfurt und New York City schicken würden.

So kam es, dass Mutter und Sohn von Leyden in jenem Herbst 2006 auf den Spuren der Maya acht Wochen lang durch die mexikanische Halbinsel Yukatan reisten; zu Schiff, mit dem Flugzeug, im Leihwagen. Von Chichén Itzá im nördlichen Hochland bis Copán im südlichen Hochland, von den Ufern des Usumacinta bis Izapa.

Die zweite Begebenheit, die zur Rettung des Namens von Leyden und gewisser Träger desselben führen sollte, ereignete sich gleich am dritten Tag ihrer Reise auf den obersten Stufen der Pyramide von Chichén Itzá.

»Wir haben heute bereits das Observatorium der Maya besichtigt«, sagte der Führer, ein britischer Archäologiestudent von der Universität in Mérida, »und diese Pyramide hier, Ladies und Gentlemen, erzählt uns ein wenig davon, warum die Priester der Maya so erpicht darauf waren, den Lauf der Gestirne und Planeten sorgfältig zu beobachten: Sie legten allergrößten Wert darauf, Jahr, Monat und Tag ihrer Kalendersysteme exakt bestimmen zu können.«

Während Heinrich-Casper hinter ihr stand und die Mailbox seines Satellitentelefons abhörte, erfuhr Margot von Leyden, dass die Maya jedem Tag ihrer beiden Hauptkalendersysteme einen Gott zugeordnet hatten, aus einem Datum also Rückschlüsse auf die Ereignisse des angebrochenen Tages zogen.

»Einundneunzig Stufen sind Sie mit mir hier hinaufgestiegen, Ladies und Gentlemen«, sagte der Touristenführer.

»Die Pyramide hat vier solcher Treppen. Zählen Sie alle Stufen zusammen, kommen Sie unschwer auf die Zahl Dreihundertvierundsechzig.« Er drehte sich um und deutete auf den Hochaltar auf der Pyramidenspitze. »Addieren Sie nun noch die Einzelstufe vor dem Altar dazu, haben Sie dreihundertfünfundsechzig Stufen, und das entspricht der Zahl der Tage im Sonnenkalender Haab. Nicht ohne Grund heißt diese Pyramide Kalenderpyramide.«

Margot von Leyden, im Hinblick auf die Maya dank Martinez belesener als die anderen Touristen, bombardierte den Archäologiestudenten mit Fragen zu den Kalendersystemen.

Der junge Touristenführer war kein Spezialist für die Maya-Kalender. Also produzierte er einen Wortschwall über den rituellen Tzolkin-Kalender und sein Verhältnis zu dem Haab-Kalender, der eher für die Bestimmung eines Datums taugte, und über die Konflikte jener Maya-Götter, die den einzelnen Tagen beider Systeme zugeordnet waren. Die meisten Touristen machten große Augen und nickten beeindruckt.

Details

Seiten
129
Jahr
2020
ISBN (eBook)
9783738947779
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2020 (Dezember)
Schlagworte
zeitalter kometen lennox schlangen-ei

Autor

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Titel: Das Zeitalter des Kometen #26: Lennox und das Schlangen-Ei