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Manhattans Nächte sind gefährlich: N.Y.D. – New York Detectives

2020 104 Seiten

Leseprobe

Table of Contents

Manhattans Nächte sind gefährlich: N.Y.D. – New York Detectives

Copyright

Die Hauptpersonen des Romans:

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Manhattans Nächte sind gefährlich: N.Y.D. – New York Detectives

Krimi von A. F. Morland

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 104 Taschenbuchseiten.

 

Privatdetektiv Bount Reiniger bekommt den Auftrag, den Mord an Dave Booger aufzuklären. Zuerst verfolgt er eine falsche Spur, aber dann kombiniert er, dass der Ermordete einen Fehler in den Büchern einiger Klienten gefunden hat, denn Dave Booger war Buchprüfer. Kann Bount Reiniger die Puzzleteile zusammensetzen?

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

Alfred Bekker

© Roman by Author

© COVER STEVE MAYER

© dieser Ausgabe 2020 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

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Die Hauptpersonen des Romans:

Dave Booger - Er suchte ein bisschen Vergnügen und fand den Tod.

Carl Killrain - Seine Aversion gegen Privatdetektive brachte Bount eine Menge blauer Flecken ein.

Mortimer Frayne - Als der miese Zuhälter sich an June March vergriff, klopfte Bount ihm ziemlich kräftig auf die Finger.

Martha Jagger und Matt Cameron – Ein erfolgreiches Lockvogelpärchen, dem es erst an den Kragen geht, als es sich Bount Reiniger als Opfer aussucht.

June March - ist Bounts Assistentin und hilft ihm bei seinen Fällen.

Bount Reiniger - ist Privatdetektiv.

 

 

1

Der Job des Ermordeten war gewesen, Fehler zu finden. Als Bount seinen eingeschlagenen Schädel sah, wusste er, dass Booger den entscheidenden Fehler zu viel gefunden hatte...

Dave Booger kicherte. Kopfschüttelnd sagte er: „Mann, o Mann, bin ich vielleicht besoffen. So voll war ich seit Jahren nicht mehr.“ Er schnalzte mit der Zunge. „Bombenwhisky, den die in der Bar verkauften, das muss man schon sagen.“

Das blonde Girl schloss sachte die Tür hinter sich. Sie war nun mit Booger allein in dem miesen Zimmer der billigen Absteige. Ihre Lippen bildeten eine grausame Linie. Ihre Augen bohrten sich förmlich in Booger hinein. Der Mann stand schwankend vor dem Bett und schnippte grinsend mit dem Finger.

„Okay, Baby. Die Show kann beginnen.“ Er nickte aufmunternd. „Komm, Süße. Mach schon. Lass sehen, was du Nettes anzubieten hast.“ Die sehnigen Hände der Blonden näherten sich dem ersten Blusenknopf. Ihre kräftigen Finger öffneten ihn. Boogers Zunge huschte erregt über die Lippen. Das Girl tastete nach dem zweiten Knopf. Booger rieb sich unruhig die Hände.

Einen Augenblick später war die Bluse offen.

Booger fiel das Kinn auf die Brust. Er starrte das Mädchen verdattert an. „Mensch, das gibt’s doch nicht!“, stieß er verwirrt hervor. „Das kann doch nicht sein! Sag, dass ich mir das bloß einbilde!“, stöhnte der Betrunkene.

Das Girl sah ihn an, eiskalt: „Du siehst richtig, Davie!“

Booger wandte sich wütend ab. „Raus!“, schrie er mit krächzender Stimme. „Scher dich zum Teufel! Ich will mit dir nichts zu tun haben!“ Das Mädchen öffnete gelassen die Handtasche, holte einen matt schimmernden Totschläger heraus und trat auf Booger zu. Der zuckte gereizt herum. Wütend schrie er sie an: „Bist du noch nicht weg?!“

„Gleich bin ich weg, Davie-Boy“, sagte das Mädchen frostig. „Ich habe nur noch eine Kleinigkeit zu erledigen.“

Die Hand mit dem Totschläger flog hoch.

Booger wollte entsetzt um Hilfe schreien, doch die Zeit reichte nicht mehr. Der Schrei blieb ihm im Hals stecken, als der Totschläger ihn auf den Schädel traf...

 

 

2

Es kam höchst selten vor, dass der Privatdetektiv Bount Reiniger mal nichts zu tun hatte. Es hätte unzählige Dinge gegeben, die sich der Mann für diese wenigen Verschnaufpausen aufsparte und die er dann doch niemals alle in den wenigen Stunden, die ihm gegönnt waren, unterbringen konnte.

Seit Wochen hatte er sich vorgenommen, Wilkie Lenning in der Blauen Eule in Greenwich Village zu besuchen, doch es war ihm immer ein neuer Fall dazwischengekommen.

Heute war es endlich soweit.

Flaute im Büro. Bount hatte sofort die Segel eingeholt und zu seiner hübschen Assistentin June March gesagt: „Wenn jemand Sehnsucht nach mir hat, ich bin in der Blauen Eule.“ Und da war er nun auch.

Es war früher Nachmittag und das Lokal hatte eigentlich noch geschlossen. Aber nicht für Bount, der dort bekannt war.

Mister Blaue Eule persönlich lud Bount Reiniger zu einem Johnnie Walker Black Label ein. Während der Wirt und Bount auf Hockern am Tresen saßen, stimmte Wilkie Lenning auf dem kleinen Podium seine Gitarre. Der zweiundzwanzigjährige Junge half hin und wieder gern in Bounts Detektei aus und er hatte sich in letzter Zeit als äußerst brauchbarer Mitarbeiter gemausert, auf den Bount gerne zurück griff. Vorausgesetzt, Wilkie war nicht gerade mit Plattenaufnahmen oder öffentlichen Auftritten ausgebucht.

Wilkie begann, die erste neue Nummer zu klimpern, die er seinem Publikum am Abend vorstellen wollte. Zuvor aber wollte er Bounts Meinung dazu hören.

Als das Lied zu Ende war, applaudierten Bount und der Wirt.

„Wie gefällt euch die Nummer?“, fragte Wilkie.

„Sie kann sich hören lassen“, sagte Bount.

„Das kann ich nur bestätigen“, nickte der Wirt. „Hat das auch Joao geschrieben?“ Joao war ein brasilianischer Gitarrist, der zur Zeit in New York lebte. Wilkie hatte ihn bei einer Jam Session kennengelernt.

Lenning nickte. „Der Knabe hat allerhand los, was?“

„Wolltet ihr mir heute nicht zusammen eine kleine Privatvorstellung geben?“, fragte Bount.

Wilkie hob die Schultern. „Er müsste eigentlich längst hier sein.“

Bount grinste. „Diese Südamerikaner. Denen rinnt die Zeit buchstäblich durch die Finger.“

Kaum hatte er das gesagt, da polterte Joao zur Tür herein. Er war ein schmächtiger Mann mit schwarzen Haaren und dunklen Glutaugen. Ein gewaltiger Schnauzbart verdeckte Ober- und Unterlippe. Er trug seine Gitarre wie einen Rucksack auf dem Rücken. Es kam ihm nicht in den Sinn, sich wegen seiner Verspätung zu entschuldigen. Für ihn war das vollkommen in Ordnung. Er war hier und damit hatte es sich. Er nickte Bount und dem Wirt zu, begrüßte Wilkie mit Handschlag, schwang seine Gitarre von der Schulter, angelte mit dem Fuß nach einem Stuhl und fing mit geschlossenen Augen zu spielen an. Wilkie fiel in die Nummer ein und Bount lehnte sich entspannt zurück, um den musikalischen Leckerbissen entspannt zu genießen.

Es gab wirklich weit schönere Dinge als die tägliche harte Arbeit in der New Yorker Unterwelt.

„Bount“, platzte plötzlich June Marchs Stimme mitten in den schönsten Genuss hinein.

Bount Reiniger, der seine Assistentin weit weg geglaubt hatte, wandte sich verwundert um.

Da stand sie. Der netteste Käfer, der jemals das Vorzimmer eines Detektiv geschmückt hatte. Gut angezogen. Elegant. Nicht zu üppig, aber dennoch überall da rund, wo Männeraugen zuerst hinsehen. Sie blitzte ihn mit ihren strahlenden Augen an. Ein kleines Lächeln kräuselte sich um ihre vollen Lippen. Ihre Miene bat wegen der Störung um Entschuldigung.

June war nicht allein gekommen.

Eine ernste Frau stand neben ihr und zupfte nervös an einem weißen zerknitterten Taschentuch.

„Bount“, sagte June March noch einmal. „Ich möchte dir Mrs. Brenda Booger vorstellen.“

 

 

3

Damit war es vorbei mit dem beschaulichen Vergnügen. Ein neuer Job überrollte Bount Reiniger mit der Wucht einer Lawine. Er stand sofort wieder mit beiden Beinen mitten in der Arbeit. Als er den Namen Booger hörte, fing seine Schaltzentrale im Oberstübchen zu arbeiten an. Er erinnerte sich an die Zeitungsberichte, die er gelesen hatte. Ein Mann namens Dave Booger war in einer billigen Absteige ermordet worden.

Booger war Buchprüfer gewesen und die Artikel holten hier noch etwas weiter aus: Der Limonadenfabrikant Rick Brannon beabsichtigte, sich von seinem Unternehmen zu trennen und etwas anderes auf die Beine zu stellen. Carl Kilrain galt u. a. als ernsthafter Kaufinteressent. Natürlich wollte er sich nicht die Katze im Sack aufhalsen, deshalb waren Brannon und er übereingekommen, die Bücher von Dave Booger prüfen zu lassen. Das hatte der Mann zwei Tage lang getan. Dann war ihm der Schädel eingeschlagen worden.

Bount sagte mit gedämpfter Stimme: „Wenn Ihr Mann Dave geheißen hat, Mrs. Booger, möchte ich Ihnen mein Beileid aussprechen.“

Wilkie bekam mit, dass plötzlich nicht mehr der rechte Augenblick für heitere Musik war. Er legte die Gitarre weg und auch Joao hörte zu spielen auf. Lenning gesellte sich zu Bount und June. Der Wirt kümmerte sich um den Brasilianer. Er legte ihm den Arm um die schmalen Schultern und ging mit ihm in sein Büro.

Brenda Booger seufzte schwer. „Ich hätte jetzt furchtbar gern was zu trinken.“

Wilkie verschwand hinter dem Tresen. Er war hier so gut wie zu Hause. „Was darf es sein?“, fragte er.

„Vielleicht einen Scotch“, sagte Brenda. Sie strich sich eine widerspenstige braune Haarsträhne aus der Stirn und klemmte sie hinter dem rechten Ohr fest.

Wilkie füllte ein Glas für sie und sah dann June an. „Und du?“, fragte er.

Reinigers Detektiv-Volontärin schüttelte den Kopf. „Für mich bitte nichts.“

Bount wies auf den Hocker neben sich, den der Wirt frei gemacht hatte. „Setzen Sie sich, Mrs. Booger.“

Brenda kam seiner Aufforderung nach. Wieder seufzte sie schwer. Sie litt anscheinend doppelt. Zum einen, weil man ihren Mann erschlagen hatte, und zum anderen, weil der Mord in einer billigen Absteige verübt worden war.

„Möchten Sie, dass ich den Mörder Ihres Mannes suche?“, fragte Bount.

Brenda nickte schwach. Sie schaute in ihr Glas. „Ja“, hauchte sie. Dann hob sie den Blick und sah Bount in die Augen. „Aber Dave war nicht mein Mann. Er war es nicht mehr. Wir waren geschieden. Unsere Ehe war ein Martyrium. Weiß der Kuckuck, wieso wir dachten, wir würden schon irgendwie zusammenpassen, obwohl wir so offensichtlich verschieden waren. Wir gingen unter völlig falschen Voraussetzungen in diese Ehe. Sie konnte einfach nicht gutgehen. Uns war beiden schon nach einem halben Jahr klar, dass wir Schiffbruch erleiden würden, aber wir versuchten, selbst dann noch zu retten, was einfach nicht zu retten war. Wir sagten uns, andere raufen und beißen sich auch zusammen. Warum sollte uns das nicht gelingen? Aber die anderen haben irgendwo letzten Endes doch einen gemeinsamen Nenner, auf den sie sich konzentrieren können, der die Basis für einen neuen Anfang ist. Das war bei Dave und mir nicht der Fall. Wir hatten beide keine Schuld daran, dass wir schließlich vor dem Scheidungsrichter landeten und wir waren aufeinander nicht böse, als der Alptraum zu Ende war. Im Gegenteil, wir waren froh, dass Schluss damit war. Endlich konnten wir wieder aufatmen. Der schwere beklemmende Druck wich von unserer Seele. Wir fanden wieder zu uns selbst zurück und wir hatten uns von da an auf eine ganz andere neue Art gern. Auf eine Art, die wir während unserer Ehe nicht für denkbar gehalten hätten. Wir ließen den Kontakt nicht abreißen. Wir trafen uns hin und wieder, sprachen über unsere Probleme und es gelang uns sogar, über die Fehler, die wir in unserer Ehe gemacht hatten, zu lachen.“

Brenda biss sich so fest auf die Unterlippe, dass es schmerzen musste.

Sie griff schnell nach ihrem Glas und leerte es auf einen Zug.

„Seit Dave tot ist, ist mir klar, dass ich den einzigen Menschen verloren habe, der mir jemals etwas bedeutet hat, so paradox das auch klingen mag, Mr. Reiniger.“

Sie putzte sich geräuschvoll die Nase.

Es herrschte für kurze Zeit betretenes Schweigen. Jedes Wort wäre im Augenblick fehl am Platz gewesen. Bount wusste, dass Brenda Booger nicht mit Worten, sondern nur mit Taten zu helfen war.

Brenda Booger hob wieder den Blick. Tränen glitzerten in ihren Augen. Sie war eine sehr hübsche Frau mit weichen, angenehm weiblichen Zügen und einer überaus ansprechenden Figur. Wie war es nur möglich gewesen, dass Dave Booger mit ihr nicht harmonierte?

„Es existiert eine Lebensversicherung“, sagte Brenda leise. „Dave hat sie zu meinen Gunsten abgeschlossen.“ Sie schüttelte den Kopf. „Als hätte er geahnt, dass ihm so etwas Furchtbares zustoßen würde. Ich soll fünfzigtausend Dollar kriegen. Können Sie verstehen, dass ich das Geld nicht haben will?“

„Sie müssen es trotzdem nehmen“, sagte Bount ernst. „Es ist Daves Wille.“ Brenda schob Wilkie ihr leeres Glas zu. „Kann ich noch einen Scotch haben?“

„Natürlich“, sagte der Junge. „Vielen Dank.“ Brenda trank und wandte sich dann wieder an Bount. „Man sagt, Sie wären der beste Privatdetektiv in dieser Stadt, Mr. Reiniger. Wenn die Versicherung die fünfzigtausend Dollar auf mein Bankkonto überweist, habe ich genug Geld zur Verfügung, um einen Mann wie Sie engagieren zu können.“

Bount winkte ab. „Wir sollten jetzt nicht von Geld sprechen, Mrs. Booger.“

„Doch, das sollten wir, Mr. Reiniger. Wie viel nehmen Sie im allgemeinen? Zweihundert Dollar pro Tag? Spesen extra?“

Bount nickte.

„Ich bin damit einverstanden“, sagte Brenda Booger. „Aber ich muss Sie um eine kleine Gefälligkeit bitten: Ich kann Sie nicht sofort bezahlen. Sie müssen warten, bis ich das Geld von der Versicherungsgesellschaft bekomme.“

„Ich kann warten“, sagte Bount ernst. „Sie brauchen keine Angst zu haben, dass ich Ihretwegen meine Rechnungen nicht mehr bezahlen kann.“ „Sie sind sehr entgegenkommend, Mr. Reiniger.“

„Haben Sie etwas anderes erwartet?“

„Man hat mir gesagt, dass Sie sehr hart sein können.“

„Hart, wenn es gegen das Verbrechen in dieser Stadt geht, Mrs. Booger“, sagte Bount. „Es wäre unvernünftig, wenn ich auch gegen meine Klienten hart sein würde.“

„Wann werden Sie den Fall in Angriff nehmen?“

Bount lächelte kurz. „Ich denke, das habe ich bereits getan, Mrs. Booger.“

 

 

4

17.00 Uhr.

Bount saß in seinem Allerheiligsten. June March klopfte an die Tür. „Ja?“, rief Bount. Er blickte von der Zeitung auf, die vor ihm auf dem klobigen Schreibtisch lag. Seine Mitarbeiterin steckte die Nase herein.

„Kaffee gefällig, Chef?“

„Das ist die beste Idee, die seit Jahren von dir kommt“, erwiderte Bount Reiniger schmunzelnd.

June brachte zwei Tassen. Der aromatische Kaffeegeruch erfüllte innerhalb weniger Augenblicke den gesamten Raum. June setzte sich auf den Besucherstuhl. Sie wies auf die offene Zeitung. Vier weitere Exemplare lagen zu Bounts rechter Hand. Es handelte sich um alte Ausgaben, die sich ausführlich mit dem Mord an Booger befassten. Es gab dazu auch etliche Bilder. Auf eines davon stellte Bount die Kaffeetasse.

„Weißt du schon, wie du den Fall anpacken wirst?“, erkundigte sich June und Bount entdeckte ein verstecktes Leuchten in ihren hübschen Augen, das ihm verriet, dass sie draußen an ihrem Schreibtisch ebenfalls über die Sache nachgedacht hatte. Ihr schien eine Idee gekommen zu sein, wie sie sich mal wieder selbst aktiv ins Spiel bringen konnte. Der Kaffee war also nur ein geschickter Vorwand, um sich mit Bount zusammensetzen zu können und es würde wohl nicht allzu lange dauern, bis das temperamentvolle Mädchen mit seiner Idee herausplatzte.

Bount nippte am Kaffee und sagte dann: „Die Reporter tippen auf ein Lockvogelverbrechen. In letzter Zeit haben Pärchen, die sich für besonders clever halten, begonnen, eine alte Masche zu häkeln: Ein hübsches Mädchen angelt sich einen Kavalier, der nach dicker Brieftasche aussieht, bringt ihn auf ein Zimmer, in dem bereits der Zuhälter wartet und dann wird der geprellte Romeo nicht nur das Geld los, das er mit dem Girl vereinbart hat, sondern gleich alles, was er bei sich trägt.“

June spann diesen Faden weiter. „Das klappt so lange, bis sich eines Tages ein Opfer auf die Hinterbeine stellt...“

Bount fuhr fort: „Das könnte Dave Booger gewesen sein. Er wollte sich von seinen Bucks nicht trennen, setzte sich zur Wehr. Vielleicht schaffte er es sogar, dem Zuhälter gefährlich zu werden. Da bekam der Bursche es mit der Angst zu tun und schlug mit dem Totschläger fester zu, als es ursprünglich seine Absicht gewesen war. Boogers Schädeldecke hielt das nicht aus und fertig war der verdammte Mord.“

Bount nippte wieder am Kaffee.

„Wer leitet die polizeilichen Ermittlungen?“, fragte June.

„Captain Rogers“, sagte Bount. „Ich wette, er spuckt mal wieder Gift und Galle, weil er nicht vom Fleck kommt.“

„Woher weißt du, dass er nicht vom Fleck kommt?“

Er hob die Schultern. „Ich nehme es an. Wenn Toby Rogers in der Sache auch nur um einen kleinen Schritt vorwärtsgekommen wäre, hätte er das bestimmt in alle Welt hinausposaunt und die Zeitungen hätten es gebracht. Aber in den heutigen Ausgaben war nicht einmal eine Kurzmeldung über den Mordfall Booger. Folglich tritt Toby auf der Stelle. Verbinde mich mit ihm, nachdem du das Kaffeegeschirr versorgt hast, okay?“

June nickte.

Und dann kam die Idee, die sie schon die ganze Zeit an den Mann bringen wollte. Sie holte tief Luft. Das sah verdammt hübsch aus, denn ihr üppiger Busen sprengte dabei beinahe die Knöpfe von der Bluse.

„Bount“, sagte sie. Ihre Stimme vibrierte leicht. Sie war jetzt erregt.

„Hm?“, machte Bount Reiniger beiläufig.

June klemmte ihre Hände zwischen die Knie und sagte schnell: „Wie wäre es, wenn ich in die Haut eines leichten Mädchens schlüpfen und mich in der Gegend, in der der Mord verübt wurde, ein bisschen für uns umhören würde?“

Bount schüttelte sofort den Kopf. June hatte damit gerechnet, deshalb war sie ja so aufgeregt. Bount wollte sie niemals an vorderster Front mitmachen lassen. Er hatte immer Angst um sie. Das war zwar ein netter Zug von ihm, aber June hätte es lieber gesehen, wenn er sie endlich als emanzipierte Partnerin neben sich geduldet hätte.

„Du weißt anscheinend nicht, was du dir da aufhalsen willst“, sagte Bount ernst.

June wusste, dass sie sich jetzt durchbeißen musste. Wenn sie sich gegen Bounts Vorurteile durchsetzen wollte, musste sie mit Klauen und Zähnen um den Erfolg kämpfen.

„Ich wette mit dir, um was du willst, dass ich diesem Job gewachsen bin“, sagte June aggressiv.

Bount lachte bitter. „Und solltest du die Wette verlieren, was ja immerhin auch möglich wäre, bin ich eine tüchtige Sekretärin los. Nein, nein, Mädchen. Du bist besser in diesem Büro aufgehoben. Lass die harte Arbeit dort draußen lieber mich tun.“

June ging nun voll aus sich heraus. Sie nahm sich sogar die Freiheit, zornig auf Bounts Schreibtisch zu schlagen. „Verflixt noch mal, hör endlich auf, in mir eine Zimmerpflanze zu sehen, Bount! Wann wirst du endlich einsehen, dass du das raue Leben dort draußen nicht immer von mir fernhalten kannst? Das ist unmöglich. Wozu absolviere ich mein Schießtraining? Wozu hole ich mir zweimal wöchentlich bei Judo und Karate blaue Flecken? Kannst du mir das sagen? Soll ich mit der Handkante die elektrische Schreibmaschine entzwei schlagen? Du hast mich, falls du das vergessen haben solltest, als Detektiv Volontärin eingestellt, nicht als Schreibkraft. Und ich bestehe darauf, endlich mal für jene Arbeiten herangezogen zu werden, für die ich vereinbarungsgemäß aufgenommen wurde.“

Bount grinste.

So hatte er June schon lange nicht mehr in Fahrt gesehen.

Sie war noch nicht fertig. „Ich habe in der Zeit, die ich für dich gearbeitet habe, viel dazugelernt. Es wäre mir lieb, wenn du mich nicht mehr länger wie ein geistiges Wickelkind behandeln würdest.“

Ihr schien sehr viel daran zu liegen, mal wieder beweisen zu können, dass sie mehr konnte, als fehlerlos Mahnbriefe zu tippen.

Bount lenkte ein. „Ich wollte dich nicht kränken, June. Ich habe es nur gut gemeint.“

„Das weiß ich. Aber ich kann nun mal deine ständige Bevormundung nicht ertragen, Bount. Entschuldige, wenn ich vorhin vielleicht etwas zu heftig war.“

„Da gibt es nichts zu entschuldigen. Es ist gut, wenn man sich seinen Ärger von der Seele redet. Ich finde, du hast deinen Standpunkt sehr überzeugend vertreten.“

Junes Augen leuchteten. „Heißt das, dass ich gewonnen habe?“, fragte sie begeistert.

„Ich hoffe, du hast nichts dagegen einzuwenden, wenn ich versuche, dich während deines Einsatzes im Auge zu behalten.“

„O Bount“, jubelte June strahlend. „Dafür würde ich dir am liebsten einen ganz ganz dicken Kuss geben.“ Reiniger nickte mit wohlwollender Miene. „Dieser Wunsch sei dir gewährt und anschließend darfst du mich mit Captain Rogers verbinden.“

 

 

5

„Hallo? Hallo! Verdammt noch mal, wer ist denn dran?“ Toby Rowlands donnerndes Organ kam so laut aus dem Hörer, dass Bount ihn grinsend ein Stück von seinem Ohr weghalten musste. „Leute, so macht doch nicht solchen Radau, ich kann ja kein Wort verstehen!“, sagte der Captain zu seinen Mitarbeitern. „Ron!“ Er sprach mit Lieutenant Myers, seinem Stellvertreter. „Ron, sieh zu, dass diese wilde Pavianhorde aus meinem Büro kommt.“ Stimmengemurmel. Dann knallte die Tür. Toby atmete auf und fragte etwas weniger laut, aber immer noch unüberhörbar: „Hallo, mit wem spreche ich?“

„Ich bin’s“, gab Bount schmunzelnd zurück. „Der einzige Freund, den du auf der Welt hast.“

„Bount!“, rief der Captain. Bount Reiniger musste den Hörer wieder zehn Zentimeter vom Ohr abheben. „Dich gibt es auch noch?“

Bount rümpfte die Nase. „Sag mal, kannst du nicht etwas leiser schreien? Deine Stimme perforiert mir ja das Trommelfell.“

Rogers lachte schnarrend. „Das ist ein Organ, was?“

„Allerdings. Damit könntest du volle Opernhäuser leer singen.“

„Hast du vor, mir noch ein paar solche nette Sachen zu sagen? Dann lege ich vorher lieber auf.“

„Das war’s schon“, gab Bount Reiniger grinsend zurück. „Was war denn das vorhin für ein Radau in deinem Office?“

„Sturm im Wasserglas“, erklärte der Captain. „Hat weiter nichts zu bedeuten. Die Jungens kommen sich nur mal wieder schlecht behandelt vor.“

„Von wem? Von dir?“

„Bin ich zu meinen Mitarbeitern nicht immer wie ein Vater?“ „Erspare mir die Antwort drauf“, erwiderte Bount schmunzelnd.

„Attorney Brown mimt mal wieder den großen Buhmann. Der größte Pillenschlucker vor dem Herrn hat eine Gallenkolik nach der anderen und meint, dass wir daran schuld sind.“

„Seid ihr’s?“, erkundigte sich Bount. „Wir können nicht mehr als arbeiten. Leider reicht das dem guten Mann nicht. Was soll ich machen? Aber warum belaste ich dich mit meinen Problemen. Sag mir lieber, wie es dir geht.“

„Ich kann nicht klagen.“

„Was macht June?“

„Einen guten Eindruck“, sagte Bount. „Und Wilkies größte Liebe ist immer noch die Gitarre.“

„Wird der Junge denn niemals erwachsen?“, lachte Toby.

Bount näherte sich dem eigentlichen Grund seines Anrufs. „Heute Nachmittag lernte ich Brenda Booger kennen, Toby.“

Toby Rogers knurrte: „Und ich war so blöd zu glauben, du wolltest nur mal hören, wie’s mir geht. Mrs. Booger hat dich engagiert, nicht wahr?“

„Ja, Toby.“

„Erwartest du, dass ich dir irgendwie unter die Arme greife? Dann tut es mir leid, dich enttäuschen zu müssen. Erstens darf ich das nicht..., aber das wäre noch nicht mal so schlimm, da ließe sich bestimmt ein Arrangement treffen... Es ist Punkt zwei, der mich zwingt, dich zu enttäuschen, Bount: Wir kriegen in der Sache keinen Wind in unsere Segel. Du verstehst, was ich damit ausdrücken will.“

„O ja, ich habe eine gute Schule besucht und hatte meistens die besten Zensuren.“

„Daran kann man mal wieder sehen, wie der Mensch im Laufe der Jahre abbaut“, sagte Toby ätzend. „Spaß beiseite. Wir haben getan, was wir in diesem verdammten Fall tun konnten. Eigentlich kein Wunder, wenn bei dem dürftigen Ergebnis, das unserem Fleiß beschieden war, die Galle des Attorneys verrückt spielt. Keine Spuren. Keine Zeugen. Niemand hat etwas gesehen oder gehört. Keiner kann sich an etwas erinnern, das uns weiterhelfen könnte. Der Pott ist mal wieder so verflucht leer, dass einem die Tränen kommen, wenn man in ihn hineinguckt. Ich kann dir nur wünschen, dass du mehr Glück haben wirst, als wir bis jetzt hatten.“

Bount lächelte. „Dasselbe wünsche ich mir auch.“

„Höre ich wieder von dir?“

„Du kannst dich auf nichts mehr verlassen als auf das“, sagte Bount und legte auf.

Nun lag es bei ihm, einmal mehr unter Beweis zu stellen, dass er den besseren Riecher als Toby und seine Crew hatte.

 

 

6

In der Nähe jener schäbigen Absteige, in der es passiert war, gab es eine miese Bar, die sich „Arche Noah“ nannte und sie beherbergte auch tatsächlich eine Menge recht seltener Tierarten. June March hatte die Bar vor zwei Minuten betreten. Bount spürte ein unangenehmes Prickeln im Nacken. Er massierte mit der rechten Hand sein Genick und wiegte besorgt den Kopf. „Wenn das bloß gutgeht“, murmelte er vor sich hin.

Er stand in einem finsteren Durchlass.

Seinen Mercedes 450 SEL hatte er um die Ecke geparkt. Er hatte June in seinem Wagen hierher mitgenommen.

Liebe Güte, das Mädchen hatte sich vielleicht abenteuerlich aufgedonnert. Bount hätte sie beinahe nicht wiedererkannt, als sie sich zu ihm in den SEL setzte. Ihre Lippen waren grell geschminkt und knallrot. Die Augenbrauen waren schwarz wie die einer Teufelin. An den Wangen war viel zu viel Rouge. Riesige Ohrclips lagen ebenfalls in der Waagschale des schlechten Geschmacks. Das Ganze wurde von gut einem Dutzend verschiedenen rasselnden Halsketten abgerundet. Dazu trug die absolut nicht elegante Dame einen Pulli, der mindestens um zwei Nummern zu klein und obendrein so tief ausgeschnitten war, dass man beinahe den Nabel sehen konnte. Um die schmale Taille trug June einen breiten Gummigürtel, der vorne von einer Messingschnalle zusammengehalten wurde. Obwohl es nicht mehr modern war, war der Rock des Girls extrem kurz, so dass es für Jugendliche verboten war, zuzusehen, wenn sie sich bückte. Schenkelhohe Lacklederstiefel ließen schließlich keinen Zweifel darüber aufkommen, um welches Gewerbe es sich handelte, in dem die Puppe tätig war.

Als June die Straße überquerte, tat sie das mit leicht aufreizend rotierenden Hüften.

In diesem Moment war sie jenes kleine Luder, das sie verblüffend echt zu spielen verstand.

Nachdem das Mädchen die „Arche Noah“ betreten hatte, löste sich Bount aus der Dunkelheit des Durchlasses.

Wenig später betrat er das Hotel, in dem Dave Booger seinen letzten Atemzug getan hatte.

Der Nachtportier hatte eine verblüffende Ähnlichkeit mit einem etwas zu groß geratenen Uhu. Er lümmelte auf einem schwarzen Pult und studierte Rennberichte. Bount zeigte auf die Zeitung und fragte: „Schon mal was gewonnen?“

Der Portier schüttelte den Kopf. „Ich wette nie.“

Bount grinste. „Clever. Verdammt clever. Auf die Art gewinnen Sie immer.“

Der Mann ließ sich nicht einlullen. In dieser Gegend, nahe dem Battery Park, passierten Tag für Tag und Nacht für Nacht so viele Dinge, dass man beizeiten lernen musste, stets auf der Hut zu sein. Sonst kam man unter die Räder.

Und vor allem, so schien der Portier im Augenblick zu denken, muss man sich vor Leuten in acht nehmen, die maßgeschneiderte Anzüge tragen.

„Sie wünschen, Sir?“, fragte der Mann hinter dem Pult vorsichtig.

Bount bleckte die Zähne. „Keine Sorge, ich habe nicht die Absicht, Ihnen eine elektronisch gesteuerte Melkmaschine anzudrehen. Ich hab nur ein paar Fragen an Sie.“

Der Mann wurde steif. „Polizei?“

Bount schüttelte den Kopf und zückte seine Detektivlizenz.

Der Portier streifte sie mit einem nervösen Blick und sagte: „O je.“

Bount lächelte nachsichtig. Klar, dass der Portier sich so verhielt. „Alles klar?“, fragte Bount daher.

Der Mann hinter dem Pult nickte. „Ich weiß von nichts.“

„Sie wissen ja noch nicht einmal, weshalb ich hier bin.“

„Was auch immer Sie hierher geführt haben mag, ich kann Ihnen bestimmt nicht helfen, Sir.“

„Haben Sie Captain Rogers dieselbe Platte vorgespielt?“

„Hätte ich den Captain belügen sollen?“

„Nein, nein. Natürlich nicht.“ Bount steckte die Lizenzkopie ein. „Es geht um Dave Booger.“

Der Portier zuckte zusammen,

schwieg aber.

„Er wurde in diesem Hotel nicht besonders gut behandelt“, fuhr Bount Reiniger fort. „Leider hatte er keine Gelegenheit mehr, sich darüber zu beschweren, deshalb reiche ich die Beschwerde nun für ihn ein.“

Der Portier rümpfte ungehalten die Nase. „Was soll das, Mr. Reiniger? Warum versuchen Sie Ihr Glück nicht woanders?“

„Ich dachte, Booger wäre in diesem Hause der Schädel eingeschlagen worden.“

Details

Seiten
104
Jahr
2020
ISBN (eBook)
9783738947762
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2020 (Dezember)
Schlagworte
manhattans nächte york detectives

Autor

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Titel: Manhattans Nächte sind gefährlich: N.Y.D. – New York Detectives