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Eine Tochter der Hexe

2020 109 Seiten

Leseprobe

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Eine Tochter der Hexe

Copyright

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Eine Tochter der Hexe

Grusel-Krimi von Wolf G. Rahn

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 109 Taschenbuchseiten.

 

Ins seiner Familie leben sieben Katzen, und Hartmut hat sie immer gern gehabt. Doch eines Tages steht plötzlich eine der Katzen vor ihm und verkündet mit menschlicher Stimme, dass in seinem Elternhaus Trauer einkehren und Blut fließen wird. Hartmut ist entsetzt und spricht mit seinen Eltern darüber. Sie schenken ihm jedoch keinen Glauben, doch wenig später wird sein Bruder überfahren und stirbt. Hartmut versteht nicht, was geschieht und wendet sich deshalb an Kali, von dem gesagt wird, er könne mit den Toten sprechen. Dann geschieht weiteres Unheil...

 

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

Alfred Bekker

© Roman by Author / Cover nach Motiven von Pixabay, Steve Mayer, 2020

© dieser Ausgabe 2020 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

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1

Die Flamme der Öllampe brannte schwach.

Auf dem breiten Kastenbett lag ein hagerer Mann mit geschlossenen Augen. Sein Mund war aufgerissen. Er rang nach Luft.

Neben dem Bett stand eine knochige Frau und betrachtete ungerührt den Kranken. Das ging der kleinen rundlichen Magd nicht in den Kopf. Sie drehte sich abrupt um und riss das Fenster auf.

Mit drei Schritten war die Frau bei ihr und schlug das Fenster wieder zu.

»Willst du ihn töten?«, schrie sie.

»Aber er erstickt«, flehte die Junge. »Soll ich nicht Doktor Gutfried holen?«

»Damit er ihn umbringt?«, fauchte die Frau. »Scher dich in die Küche! Mach die Kräuter zurecht!«

Die Magd entfernte sich und ließ die Tür hinter sich offen stehen. Die Frau sah ihr nach. Dann holte sie langsam aus dem viereckigen Halsausschnitt einen winzigen Lederbeutel, öffnete ihn und führte ihn zur Nase. Sie zog den Duft ein und war zufrieden. Den geschlossenen Beutel nahm sie in die linke Hand, die sie zur Faust schloss.

Sie sah durch die Tür, dass die Magd Kräuter auf den Tisch legte und zum Herd ging. Die Frau verließ die Kammer, weil die Magd mit einer Kelle heißes Wasser in eine Schüssel füllen wollte.

»Geh weg! Das mache ich selbst.«

Die Magd strauchelte. Als die Frau ihr die Kelle aus der Hand riss, schwappte das heiße Wasser über und verbrühte die Hand der Jungen.

Leise wimmernd verkroch sie sich neben der Tür. Tränen rollten über die rundlichen Wangen.

Die Frau stellte die Schüssel mit dem kochenden Wasser auf den Tisch und griff nach dem Bündel dürrer Kräuter. Sie tauchte es wiederholt in die Schüssel. Dreizehnmal zählte sie. Ein bitterer Duft verbreitete sich im Raum.

Dann öffnete die Frau verstohlen ihre linke Hand. Mit zwei Fingern der Rechten entnahm sie dem Lederbeutel eine Prise, die sie in das brodelnde Wasser streute. Die Brühe schäumte auf. Weiße Wölkchen stiegen bis unter die rußige Decke.

Leise murmelnd füllte die Frau einen Becher mit der dampfenden Brühe und kehrte ans Bett zurück.

Die Magd schlich lautlos zur Tür hinaus.

Der Mann versuchte, sich aufzurichten. Die Frau stützte ihn.

»Trink, mein Lieber!«, ermunterte sie ihn und setzte ihm den Becher an die Lippen.

Angewidert verzog der Kranke das Gesicht, als die ersten Tropfen über seine Zunge flossen. Energisch sorgte seine Frau dafür, dass er den Becher leerte.

Wenig später atmete der Patient ruhiger. Er schien zu schlafen.

Die Frau setzte sich auf einen Hocker neben das Bett.

Mit Gepolter wurde die Tür aufgestoßen.

Die Frau sprang auf und wurde puterrot im Gesicht.

»Ich hatte es verboten«, schrie sie aufgebracht und stellte sich schützend vor das Bett.

Doktor Gutfried, ein hochaufgeschossener Mann mittleren Alters, schob sie energisch beiseite und beugte sich über den Mann.

»Hat er das etwa getrunken?«, fragte er, als er an dem leeren Becher roch.

»Sie hat es selbst gebraut«, klagte die Magd.

»Ich brauche heißes Wasser und eine Menge Tücher«, befahl der Doktor. »Ob ich ihn noch retten kann, liegt bei Gott.«

Eine halbe Stunde nach dem Aderlass war der Mann tot...

 

 

2

»Hat sie noch immer nicht gestanden?«

Die Frauen am Marktbrunnen diskutierten leidenschaftlich das Ereignis, das ihr Dorf seit Wochen in Atem hielt. Helgard, die Witwe des an einer geheimnisvollen Krankheit gestorbenen Schulmeisters Radebold, war der Hexerei angeklagt und verweigerte störrisch ein Geständnis.

»Die peinliche Befragung wird ihr schon die Zunge lösen«, geiferte eine hysterische Alte.

Erschrockenes Raunen antwortete ihr. Man wusste zwar von der Folter, aber man sprach nicht über sie. Zu leicht konnte man selbst vor den Richtern stehen.

»Sie gehört auf den Scheiterhaufen.« Eine dicke Frau nahm das Urteil vorweg. »Sie hat ihren Mann umgebracht, um frei zu sein für die Hochzeit mit dem Teufel. Wenn die Richter sie verschonen, sind wir unseres Lebens nicht mehr sicher.«

»Das ist wahr«, fiel eine andere Frau ein. »Der Vetter meines Oheims hat von einer Hexe erzählt, die nur eine Tagesreise von hier entfernt ihr Unwesen treibt. Sie hat die Richter umgaukelt und damit ihre Verurteilung verhindert. Seit dieser Stunde wurden alle Bewohner des Dorfes, die nicht von ihrem Glauben ablassen wollten, von einer unheimlichen Krankheit dahingerafft.«

»Und die Hexe? Lebt sie noch immer?«

»Sie führt ein liederliches Leben. Satan hat sie mit teuflischer Schönheit ausgestattet, mit der sie die Mannsbilder verwirrt.

Wollt ihr, dass es hier genauso geht?«

Empörtes Murmeln antwortete ihr.

»Ins Feuer mit der Hexe!«

»Wir müssen unsere Kinder schützen.«

»Sie hat den bösen Blick.«

»Schlagt ihr den Kopf ab!«

»He, da kommt der schwarze Karren.«

Die Frauen hoben die Köpfe.

Ein armseliges Gefährt, von zwei schwarzen Gäulen gezogen, polterte über die holprige Lehmstraße.

Die Frauen stellten ihre Krüge ab und bekreuzigten sich. Spielende Kinder sprangen kreischend auseinander und suchten das Weite. Eins fiel in den Dreck und blieb heulend liegen.

Vier breitschultrige Gestalten entstiegen dem Gefährt. Sie hatten ihre Gesichter mit schwarzen Hauben verhüllt. Hinter schmalen Schlitzen blitzte das Weiße ihrer Augen.

»Die Folterknechte!«, raunten die Umstehenden.

Mit schweren Stiefeln näherten sie sich dem Kind, das auf der Erde lag.

Abwehrend hob es seine Hände. Aber die Männer gingen vorbei, ohne sich um das hilflose Wesen zu kümmern, zum eichenen Portal des Gerichtsgebäudes.

Sie klopften an.

»Hängt die Teufelssaat auf!«, forderte die Frau des Wunddoktors die Männer auf.

»Wir wollen ihren Kopf!«

»Brennt ihr Haus nieder! Legt das Brautbett in Asche, in dem sie mit dem Satan genächtigt hat.«

Die Vermummten reagierten auf das Schreien nicht. Auf ihr Pochen wurde das Tor geöffnet, und sie verschwanden hinter den drei Fuß dicken Mauern, durch die noch nie ein Schrei gedrungen war.

Klappernd setzte sich der unheimliche Karren wieder in Bewegung und verschwand in den engen Gassen.

Das Kind, das gefallen war, hatte sich längst wieder erhoben und war nach Hause gelaufen. Auch die übrigen Buben hatten die Lust am Spielen verloren. Nur die Frauen am Brunnen nahmen ihre Unterhaltung wieder auf.

»Wie lange wird sie durchhalten?«

»Noch vor dem Abend werden sie die Wahrheit aus ihr herauspressen.«

»Ob ihr Gesicht dem Teufel dann immer noch gefällt?«

»Sie werden Hochzeit auf dem Scheiterhaufen feiern. Der Gehörnte ist das Feuer ja gewöhnt.«

»Ich bleibe hier, bis sie gestanden hat.«

»Was soll sie gestehen?«

Eine sanfte Stimme hatte diese Frage gestellt.

Die Frauen sahen sich verwundert um. Unbemerkt hatte sich eine junge Geschlechtsgenossin genähert.

Sie war nicht älter als zwanzig und trug ein schlichtes Kleid aus dünnem Wollstoff. Sie hatte das Gesicht eines Engels.

»Sie haben eine Hexe gefangen.« Hemmungslos sprudelten die Frauen alles heraus, was sie über Helgard, die Frau des Lehrers, wussten oder vermuteten oder erfunden hatten.

»Sie muss büßen.«

Die Unbekannte wurde von der allgemeinen Erregung nicht gepackt.

»Wenn sie unschuldig ist, wird man sie freilassen müssen«, sagte sie leise.

»Unschuldig? Die Vermummten sind bereits bei ihr.«

»Hat die Folter schon begonnen?«, fragte die junge Frau entsetzt.

Die Älteren starrten sie mit großen Augen an.

Ein heller Ton ließ plötzlich alle herumfahren.

»Mein Krug!«, jammerte eine. »Mein schöner Krug!«

Am Rand des Brunnens lagen die Scherben eines glasierten Tonkrugs.

»Du hast ihn umgeworfen. Du musst ihn mir ersetzen.« Die Besitzerin ging wie eine Furie auf die Frau los, die den Scherben am nächsten stand.

»Was fällt dir ein? Ich habe ihn nicht berührt.«

»Ist er vielleicht von selbst zerbrochen?«

»Das wohl nicht. Aber wenn eine Hexe in der Nähe ist ...«

»Bei allen Heiligen!« Wieder bekreuzigten sich die Frauen und sahen schaudernd zum Gericht hinüber.

»Wo ist die Fremde?«

Während des Streites um den Krug hatte sich die junge Frau entfernt.

»Die hatte ja seltsame Ansichten. Mir kam sie nicht geheuer vor.«

»Was willst du damit sagen, Walburga?«

»Gar nichts. Aber wenn eine kommt, die niemand kennt, und behauptet, Helgard könnte keine Hexe sein ... und dann der Krug ...«

»Du meinst ...?«

»Nicht jeder, der wie ein Engel aussieht, muss auch einer sein.«

»Der Himmel stehe uns bei!«

»Aber warum gerade mein Krug?«

Diese Frage war unvorsichtig. Die Frauen stutzten und rückten von der Besitzerin des Scherbenhaufens ab.

»Vielleicht wollte sie ein Zeichen setzen, Gerina. Ist es nicht sonderbar, dass das Korn auf euren Feldern viel höher steht und das Gras auf euren Wiesen viel saftiger ist als auf unseren?«

Gerinas Augen weiteten sich entsetzt. Ein solcher Verdacht in aller Öffentlichkeit ausgesprochen, konnte ihren Tod bedeuten.

Zum Glück wurde die Aufmerksamkeit ihrer misstrauischen Umgebung durch ein neues Ereignis abgelenkt. Aus einem der oberen Fenster des Gerichtsgebäudes wurde ein schwarzes Tuch herausgehängt.

Ein Raunen ging durch die Versammlung.

»Sie hat gestanden! Die Hexe hat sich der Wahrheit gebeugt.«

»Endlich können wir wieder aufatmen.«

Die Frauen diskutierten den Fall, bis der Ausrufer des Dorfes die Bestätigung brachte.

»Vor Gottes heiligem Gericht konnte heute ein frevelhaftes Weib der Hexerei überführt werden. Das Urteil wird am morgigen Tag in aller Frühe vollstreckt.«

 

 

3

Das Schauspiel ließ sich keiner in der Gemeinde entgehen. Alle pilgerten noch vor dem Morgengrauen zum Hügel vor dem Dorf, auf dem Richtblock und Scheiterhaufen aufgebaut waren.

Natürlich waren auch die Frauen vom Marktbrunnen vollzählig erschienen. Schreiend zankten sie um die besten Plätze. Keine wollte auch nur die winzigste Kleinigkeit versäumen.

»Da kommt die Hexe!«

Ein klappriger Karren näherte sich dem Hügel. Außer dem Kutscher standen zwei Riesen darauf. Sie hatten Arme und Brust entblößt, aber die Gesichter unter roten Kapuzen versteckt.

Zwischen ihnen kauerte die Verurteilte. Sie trug ein langes, sackartiges Gewand. Auch ihr Haupt war verhüllt. Die Menge empfing sie mit Schmähungen und Verwünschungen.

»Beeile dich, Teufelsbraut!«, höhnte sie. »Dein Liebster erwartet dich zu einem heißen Stündchen.«

Lachen und Johlen begleitete den Spott.

»Warum verhüllst du deine Teufelsfratze. Glaubst du, uns könnte vor Entsetzen der Schlag treffen?«

Die Gedemütigte reagierte nicht. Unaufhörlich murmelte sie geheimnisvolle Worte vor sich hin und war so damit beschäftigt, dass sie gar nicht merkte, als der Karren hielt und sie von vier Fäusten gepackt und aus dem Gefährt gestoßen wurde.

Ein Priester nahm sie in Empfang und geleitete sie über die Stufen zum Richtblock hinauf.

Die Zuschauer hielten den Atem an, als der Geistliche dreimal die Frage an die Hexe richtete: »Bereuest du dein gräulich Tun?«

Die vermummte Frau hauchte dreimal: »Ja.«

»So widerfährt dir die Gnade eines schnellen Todes«, erklärte der Priester und übergab sie einem der beiden Scharfrichter, der sie erbarmungslos vor den Richtblock zerrte.

Erst jetzt wurde ihr die Haube abgenommen. Ein erregtes Raunen ging durch die Menge.

»Das ist nicht Helgard!«

Neben dem Riesen mit dem Beil stand nicht die ältliche Frau des Schulmeisters, sondern ein bildhübsches Mädchen mit großen traurigen Augen und langen schwarzen Haaren.

»Die Fremde vom Brunnen«, flüsterte Gerina.

»Was geht hier vor?«

In Sekundenschnelle verbreitete sich das Gerücht, dass die Fremde freiwillig gestanden habe, mittels magischer Kräfte den alten Radebold zum Tode befördert zu haben. Aufgrund dieses Geständnisses habe man sofort die Folterung der Helgard abgebrochen. Sie muss das Dorf innerhalb von vierundzwanzig Stunden verlassen.

»Dachte ich mir doch gleich, dass dieses Weib nicht geheuer ist«, zeterte Walburga. »Aber dass sie freiwillig gekommen ist, hat gewiss nichts Gutes zu bedeuten.«

»Schweig jetzt!«, fuhr eine andere sie an. »Es geht los.«

Der Henker hatte die Hexe gepackt und in die Knie gezwungen. Ihr Kopf lag auf dem rohen Balken.

Totenstille trat ein, als der Henker das Beil erhob. Ein Kind fing zu weinen an und wurde ungehalten von seiner Mutter zum Schweigen gebracht.

Ein entsetzter Schrei kam vom Hügel.

»Nein! Haltet ein!«

Irritiert unterbrach der Scharfrichter sein Tun.

Die Menge starrte in die Richtung, aus der der Ruf gekommen war.

Dort stand mit wehenden Haaren und brennenden Augen Helgard. Wie zur Abwehr hatte sie beide Arme weit von sich gestreckt. Ihr Mund bewegte sich unaufhörlich, doch sie brachte keinen Laut mehr hervor.

Erst als die Meute in einen hysterischen Schrei ausbrach, sank sie in sich zusammen und schluchzte laut, als hätte sie selbst den Schmerz gespürt, den das niedersausende Beil verursachte.

Die junge Hexe war tot. Kräftige Arme zerrten ihren leblosen Körper zum Scheiterhaufen, wo die grausige Zeremonie beendet werden sollte.

Gierig leckten die Flammen an ihrer Beute. Die Scheite knisterten und krachten.

Die Sonne, die gerade den jungen Tag begrüßen wollte, zog sich erschrocken hinter finstere Wolken zurück. Blitze huschten über die Felder.

»Jetzt holt der Klumpfüßige seine Braut.« Die Frauen bekreuzigten sich.

Mit den ersten Regentropfen kam Sturm auf. Die Menge beeilte sich, die Häuser aufzusuchen.

Das Gewitter entlud sich. Minutenlang riss die Kette der schwefelgelben Blitze nicht ab. Donner überrollte das Dorf. Doch das Zentrum des Unwetters lag über dem Hügel, auf dem die Hexe verbrannt wurde.

Helgard hatte keinen Schutz vor dem Gewitter gesucht. Im niederprasselnden Regen kauerte sie am Fuß des Scheiterhaufens und weinte. Unentwegt murmelte sie vor sich hin.

Als das Unwetter nachließ, kamen neugierige Krähen, um nachzusehen, ob es für sie etwas zu holen gab.

Helgard saß dort den ganzen Tag und erhob sich erst am späten Abend, als es bereits dunkel geworden war, um ihr ärmliches Haus aufzusuchen. Sie wollte das Nötigste zusammenpacken, um dem Richterspruch zu folgen und das Dorf für immer zu verlassen.

Schon von weitem erkannte sie, dass ihr Haus in Flammen stand. Offenbar hatte der Blitz eingeschlagen.

Sie lief, um zu retten, was noch zu retten war.

Dicht vor dem brennenden Haus verwehrten drohende Schatten ihr den Durchgang.

»Bist du endlich da?«, kreischte eine hohe Frauenstimme.

»Hat sie dich erbarmt, die Hexe?«

»Hättest ihr ja helfen können. Gehörst doch selbst zu der teuflischen Brut.«

Sie kannte die Frauen alle. In früheren Jahren hatte sie am Dorfbrunnen mit ihnen geplaudert. Ihre Kinder hatten von Radebold die Köpfe mit Wissen vollgestopft bekommen.

Manche trugen Fackeln. Nun wusste Helgard, dass kein Blitz ihr Haus zerstört hatte.

»Ihr tut mir leid«, sagte sie leise. »Ihr seid so böse, dass der Teufel seine helle Freude daran hat.«

Dann flog der erste Stein.

Er traf Helgards Brust und warf sie auf den Rücken.

»Schickt die Hexe in die Hölle!«

Sie bückten sich nach faustgroßen Steinen und schleuderten sie auf die am Boden Liegende, die schon längst tot war. Sie gerieten immer mehr in Ekstase und erwarteten ein Zeichen, dass der böse Geist den Körper der Geschundenen verlassen habe.

Als nichts dergleichen geschah, gingen sie enttäuscht nach Hause zu ihren Männern und Kindern und richteten das Abendessen.

 

4

Jahre vergingen, Jahrzehnte, Jahrhunderte. Längst war das finstere Kapitel der Hexenverbrennungen Geschichte geworden. Man war aufgeklärt, wusste die angeblichen Wunder der Natur logisch zu erklären und kannte Ursache und Wirkung von Hypnose und Telepathie.

Nur vereinzelt gab es noch Leute, die die Wunder der Magie für möglich hielten, die von Zeit zu Zeit an einer spiritistischen Sitzung teilnahmen.

Eduard Hinkel und seine Frau Franziska gehörten nicht dazu. Mit ihren drei Kindern und sieben Katzen führten sie ein normales Leben in Wildergarten, einem Zwölftausendseelenstädtchen, und ließen sich weder durch atemberaubende Weltnachrichten, noch durch lokalen Klatsch aus der Ruhe bringen.

Um so unerwarteter traf sie die Behauptung ihres Sohnes Hartmut, eine ihrer Katzen habe mit ihm gesprochen und großes Unglück angekündigt.

»Du hast getrunken«, vermutete Eduard Hinkel vorwurfsvoll. Er mied selbst den Alkohol und wünschte dasselbe auch von seinen Kindern.

»Du weißt, dass ich nicht trinke«, verteidigte sich Hartmut. »Ich kann es selbst nicht erklären. Gestern Abend, als ihr in der Kirche wart, kam ich in mein Zimmer. Da lag Bunny auf dem Sessel und funkelte mich mit bösen Augen an.«

»Bunny ist so sanft wie ein Stofftier«, widersprach der Vater.

»Ich weiß, aber diesmal war sie es nicht. Als ich sie vom Sessel vertreiben wollte, fauchte sie mich an und begann zu sprechen. Zuerst verstand ich sie nicht. Ihre Aussprache war undeutlich. Aber als ich mich daran gewöhnt hatte, war ich in der Lage, mich mit ihr zu unterhalten.«

»Sei nicht albern, Hartmut«, lachte Franziska Hinkel. Sie war stolz auf ihren Ältesten, der kurz vor dem Abitur stand.

»Ich begreife, dass ihr mir nicht glaubt. Aber ich werde das Gefühl nicht los, dass etwas Grauenhaftes auf uns zukommt.«

»Ich werde Doktor Wendland verständigen«, entschied die Frau des Hauses. Wahrscheinlich ist es nur der Stress durch die vielen Prüfungsarbeiten. Du brauchst Entspannung und Erholung.«

»Robert kann das erledigen«, erklärte ihr Mann. »Mit dem Fahrrad ist es nicht weit bis zur Telefonzelle.«

Robert Hinkel maulte zwar, weil er sich gerade im Garten mit Vera, der Nachbarstochter, unterhielt. Aber er gehorchte.

Hartmut zuckte gequält lächelnd die Achseln.

»Doktor Wendland wird mich kerngesund finden«, meinte er.

»Du darfst ihm nichts von dem Unsinn erzählen. Was würde er sonst für einen Eindruck von uns bekommen.«

»Es wäre vernünftiger, wenn ihr Bunny zum Tierarzt brächtet«, meinte Hartmut. »Vielleicht kann der etwas feststellen. Mir fehlt absolut nichts.«

»Hast du Schwierigkeiten mit dem Abitur?«, forschte Eduard Hinkel misstrauisch.

»Davor ist mir nicht bange. Bunny hat etwas anderes gemeint. Sie sprach davon, dass Blut in unser Haus käme.«

»Blut?«

»Das habe ich ganz deutlich verstanden.«

»Ich habe Bunny heute selbst gefüttert«, sagte die Mutter. »Mir ist nichts Außergewöhnliches aufgefallen. Sie war verfressen wie immer.«

Hartmut ging zur Tür, weil es geläutet hatte.

»Wer ist es denn?«, rief Eduard Hinkel, als der Junge nicht zurückkam.

Als er keine Antwort erhielt, ging er nachsehen.

Nach zwei Minuten kehrte er zurück. Sein Gesicht war ungewöhnlich bleich. Er legte behutsam seinen Arm um Franziskas Schultern.

Sie sah ihn erschrocken an.

»Ist etwas mit Robert?«

Er nickte.

»Sie haben ihn gleich zu Doktor Wendland gebracht. Ein Auto hat ihn angefahren. Der Fahrer hat einen Schock. Robert... ist tot!«

Franziska Hinkel sank mit einem Wehlaut zusammen, bevor ihr Mann sie auffangen konnte.

Lautlos öffnete sich die Tür einen Spalt. Mit stolz emporgerecktem Schwanz rieb sich Bunny, die weißgelb getigerte Katze, am Türrahmen.

 

 

5

»Sie bleiben bei Ihrer Aussage, dass Sie von einer, wie Sie sagen, seltsamen Erscheinung erschreckt wurden, so dass Sie die Herrschaft über Ihr Fahrzeug verloren und den Jungen überfuhren.«

Polizeimeister Wegener bemühte sich nicht, seinen Unglauben zu verbergen. Die Aussage des Mannes war weder geschickt noch geistreich. Allenfalls konnte man ihm noch die Auswirkungen des Schocks zubilligen.

»Es war eine ... na ja, eine Alte«, bestätigte Joseph Kaltenhauser tonlos. »Sie winkte mir zu, als wollte sie mir die Fahrtrichtung weisen. Sie hatte langes, verfilztes Haar, und sah überhaupt wie eine Hexe aus.«

»Bis jetzt hat sich eine solche Zeugin nicht gemeldet.«

»Natürlich nicht. Sie war ja auch kein wirklicher Mensch.«

»Was denn sonst?«

»Na ja ... eben kein Mensch, eher ein Wesen aus einer anderen Welt.«

Polizeimeister Wegener seufzte.

»Eine andere Welt werden Sie selbst bald kennenlernen. Den Richtern können Sie keine Märchen auftischen.«

»Ich wollte den Jungen nicht töten«, erklärte Kaltenhauser matt. »Ich habe selbst zwei Kinder ...«

ören Sie auf, sich selbst zu bemitleiden! Ein Zeuge hat ausgesagt, dass Sie auf freier Straße ohne ersichtlichen Grund Ihren Wagen direkt auf Robert Hinkel gesteuert haben. Das sieht nach vorsätzlicher Tötung aus!«

»Aber um Gottes willen, was hätte ich denn davon?«

»Wir haben schon Burschen erlebt, die sinnlose Morde begangen haben. Wenn sie Glück hatten, wurde ihnen eine Krankheit bescheinigt. Sind Sie in Behandlung?«

Kaltenhauser sah den Polizisten verständnislos an.

»Sie meinen bei einem Psychiater? Hören Sie, ich bin nicht verrückt! Und im übrigen verlange ich einen Rechtsanwalt. Vorher sage ich überhaupt nichts mehr!«

»Den werden Sie auch brauchen.«

 

 

6

Heidelinde Germar lauschte gebannt dem hochaufgeschossenen jungen Burschen.

»Und du glaubst das, was der Autofahrer erzählt?«, erkundigte sie sich und tauchte den Löffel in ihren Eisbecher.

»Ja«, bestätigte Hartmut Hinkel. »Er ist genauso ein Opfer wie Robert. Bunny hat das Unglück vorausgesehen.«

»Es ist schwer zu glauben.«

»Das nehme ich dir nicht übel. Aber es ist wahr. Bunny hat ganz deutlich zu mir gesprochen. Seit Robert tot ist, hat sie sich völlig verändert. Aus dem sanften Kätzchen ist ein bösartiges Tier geworden, das sich von keinem mehr streicheln lässt. Wir werden sie einschläfern lassen.«

»Hat sie danach nie wieder gesprochen?«

»Jedenfalls habe ich nichts mehr gehört. Meine Eltern halten alles für einen unglückseligen Zufall. Aber kann es ein Zufall sein, dass auch Kaltenhauser eine seltsame Erscheinung gesehen hat, für die er keine Erklärung hat?«

»Was willst du tun?«

Hartmut Hinkel zögerte.

»Ich habe an den schwarzen Kali gedacht.«

Der Löffel im Eisbecher klirrte.

»Bist du von allen guten Geistern verlassen?«, flüsterte Heidelinde.

»Es gibt Leute, die behaupten, dass der schwarze Kali manchmal mit den Toten spricht.«

»So ein Quatsch!«

»Das habe ich bis vor kurzem auch gedacht. Aber warum sollen die Toten stumm sein, wenn sogar die Tiere reden?«

»Du willst wirklich zu ihm gehen?«

»Ja, das werde ich. Du brauchst nicht mitzukommen. Ich will dich nicht in eine Sache hineinziehen, von der ich nicht weiß, wie sie endet.«

»Was fällt dir ein? Hast du vergessen, was du mir vor fünfzehn Jahren im Sandkasten geschworen hast? Dass du mich heiraten wolltest, wenn du die Eiswaffeln selbst bezahlen könntest!«

Hartmut lächelte.

»Wann willst du zu ihm hin?«, fragte sie.

»Was werden deine Eltern sagen, wenn sie erfahren, dass du bei einem Okkultisten warst?«

»Sie müssen es ja nicht erfahren.«

Der junge Mann bezahlte das Eis, und sie verließen mit unruhigen Herzen das Lokal.

Hartmut wusste, wo der schwarze Kali wohnte.

»Angeblich besitzt er diese Fähigkeit erst seit dem Tod seiner Frau. Er lebt ganz zurückgezogen und kümmert sich nicht um die Leute.«

»Wie heißt er eigentlich richtig?«

»Das weiß ich nicht. Er ist nur der schwarze Kali.«

Das unansehnliche Haus stand am äußersten Stadtrand, inmitten eines ungepflegten Gartens.

Schlurfende Schritte antworteten auf das Läuten. Die beiden Wartenden hörten innen Rumpeln und Fluchen, bevor die Tür geöffnet wurde.

Misstrauisch blinzelten sie zwei Augen an. Zunächst ruhten sie auf Heidelinde und wurden feindselig. Als sie zu dem Jungen weiterwanderten, begannen sie unruhig zu flackern.

»Ich brauche dringend Ihre Hilfe, Herr ...« Hartmut Hinkel dehnte das letzte Wort, aber der Mann mit dem schwarzen Vollbart kam ihm nicht zu Hilfe. »Ich muss mit meinem Bruder sprechen.«

Misstrauisch reckte der Alte seinen Hals.

»Wer ist die da?« Er zeigte mit dem Finger auf Heidelinde.

Hartmut sah seine Freundin verdutzt an.

»Sie gehört zu mir. Wir werden sie vielleicht brauchen, wenn Sie zu einer Seance bereit sind.«

Der schwarze Kali kniff die Augen zusammen.

Dann schüttelte er energisch den Kopf.

»Sie bringt keinen Glauben mit«, stieß er verachtungsvoll hervor. »Sie wird alles verderben. Sie muss gehen.«

Hartmut konnte seine Enttäuschung kaum verbergen. Er hatte angenommen, der Alte wäre stolz auf ihren Besuch. Statt dessen führte er sich wie eine vielbeschäftigte medizinische Kapazität auf.

»Genügt es, wenn ich Ihnen vertraue?«, fragte er kleinlaut.

Das Gesicht des Mannes verriet keine Regung.

»Schick sie weg!«, forderte er.

Hartmut sah Heidelinde zögernd an. Sie hatte schon verstanden. Dass der Alte sofort ihre Zweifel durchschaut hatte, stimmte sie nachdenklich.

»Ich werde im Hain auf dich warten«, erklärte sie.

Er nickte ihr dankbar zu. Dann folgte er dem schwarzen Kali ins Haus.

Es sah innen ebenso verwahrlost aus wie von außen. Überall standen leere Flaschen herum. Hartmut Hinkel kamen Bedenken. Hatte er es nur mit einem notorischen Säufer zu tun, der im Rausch seltsame Dinge redete?

Der Bärtige stieß eine Tür auf, hinter der unruhiges Kerzenlicht flackerte.

Der Raum besaß ein Fenster, dessen Vorhang aber schon zugezogen war. Die Luft war muffig und roch nach Schnaps und Petroleum. An den Wänden hingen exotische Gegenstände, wie man sie als Erinnerungsstücke bei Seeleuten kennt: Holzmasken wilder Stämme, Haifischzähne und Schlangenhäute, zwei bleiche Schädel, von denen einer offensichtlich einem Menschen mit extrem niedriger Stirn gehört haben musste. Außerdem gab es ausgestopfte Vögel, primitive Waffen und die Büchsen, Dosen und Kästen, die vermutlich geheimnisvolle Dinge enthielten.

Das Mobiliar war mehr als spärlich. Hartmut konnte , auf den ersten Blick, einen roh gezimmerten Tisch und sieben Hocker entdecken. Außerdem gab es noch ein offenes Regal, in dem zerlesene Bücher verstaubten.

»Setz dich!«, befahl der Alte und zog sich einen der Hocker heran.

Hartmut gehorchte und begann.

»Vor kaum einer Woche ist mein jüngerer Bruder Robert bei einem Verkehrsunfall ums Leben gekommen. Am Tag zuvor hat eine unserer Katzen mir dieses Unglück mit menschlicher Stimme prophezeit.«

Der Alte hob bei dieser Eröffnung nicht mal den Kopf. Hatte er überhaupt zugehört?

»Haben Sie jemals eine Katze sprechen hören?«, wollte der Junge wissen.

»Bist du gekommen, um mir Dinge zu erzählen, von denen ich mehr weiß als du? Du hättest deine Katze mitbringen sollen. Vielleicht hätte dein Bruder durch sie zu uns gesprochen. So wird es schwer werden. Was willst du von ihm wissen?«

»Ich will wissen, warum er sterben musste«, stieß Hartmut erregt hervor. »Ich will wissen, ob sein Tod einen Sinn hatte und wer ihn wirklich verursacht hat. Und ich will wissen, ob Bunny aus einer anderen Welt zu mir gesprochen hat.«

»Wer viele Fragen stellt, bekommt oft Antworten, die er nicht hören möchte«, orakelte der schwarze Kali. »Ich will versuchen, mit deinem Bruder Kontakt aufzunehmen. Du musst mir dabei helfen. Tue, was ich dir befehle, und schweig!«

Er erhob sich vom Hocker und schlurfte zum Regal, von dem er einen Beutel abnahm. Er packte zwei Kerzen aus. Sie waren schwarz und hatten an beiden Enden Dochte.

Er zündete sie an der Kerze auf dem Regal an, so dass alle vier Dochte brannten. Dann kehrte er an den Tisch zurück. In jeder Hand trug er waagerecht eine Kerze. Er streckte sie Hartmut hin, der wortlos verstand. Er fasste auch die Kerzen an. So wurde jede Kerze von zwei Händen umfasst, und die Flammen waren nur einen Zentimeter von den Händen entfernt.

Sie setzten sich gegenüber. Der schwarze Kali schloss die Augen und rührte sich nicht.

Hartmut starrte in die kleinen Flammen und stellte fest, dass er müde wurde. Seine Lider wurden schwer wie Blei. Er hatte Mühe, sie offen zu halten.

Die Minuten verstrichen. Endlich kam Leben in den Alten. Sein Kopf wurde hin- und hergeworfen. Die Augen öffneten sich halb und ließen nur das Weiße erkennen.

»Bist du es, Robert?«, flüsterte er. »Kannst du mich hören?«

In Hartmuts Ohren begann ein Rauschen. Von weit her vernahm er eine hauchdünne Stimme.

»Wir hören dich«, murmelte der schwarze Kali. »Wir bitten dich, zu uns zu kommen.«

Das Rauschen ihn Hartmuts Ohren verstärkte sich. Gleichzeitig spürte er einen Schmerz an den Händen. Die Flammen näherten sich seiner Haut. Hartmut biss die Zähne zusammen.

»Lass ihn in Ruhe!«, hörte er den Bärtigen schreien. »Er will zu uns. Gib ihn frei!«

Der alte Mann begann zu keuchen. Seine Brust hob und senkte sich. Die Augenlider zuckten.

»Robert!«, brüllte er.

Seine Finger lösten sich von den Kerzen. Er fiel schlaff nach hinten, wobei er vom Hocker stürzte.

Im selben Augenblick verstummte das Rauschen in Hartmuts Ohren. Er ließ die Kerzen auf den Tisch fallen, wo sie erloschen. Dann sprang er auf und kümmerte sich um den Alten, der sich am Boden wand.

Mühsam erhob sich der schwarze Kali und sah Hartmut verstört an.

»Ich habe es geahnt«, sagte er unzufrieden. »Es war eine andere Kraft da, die deinem Bruder den Weg zu uns verwehrt hat. Ich weiß nicht, was es ist. Es muss ganz in der Nähe sein. Es ist eine Frau, eine böse Frau.«

Er sah den Jungen drohend an.

Hartmut begriff, wen er meinte.

»Sie ist auf unserer Seite«, sagte er störrisch. »Vielleicht glaubt sie nicht an Ihre magischen Fähigkeiten, aber sie ist nicht gegen uns.«

»Es ist eine Frau«, beharrte der Alte. »Sie ist ganz nahe. Außerdem hat sie gewusst, dass du zu mir gekommen bist. Ich hatte schon Kontakt mit deinem Bruder, aber sie hat sich ihm in den Weg gestellt.«

»Können wir es nicht noch mal versuchen?«

»Denkst du, ich bin ein Pferd?«, fauchte der schwarze Kali. »Oder willst du mich umbringen? So etwas erfordert Kraft. Komm ein andermal wieder.

Aber bringe sie nicht wieder mit. Sag ihr auch nichts davon.«

Hartmut schüttelte unwillig den Kopf. Lächerlich, Heidelinde würde alles für ihn tun. Sie konnte unmöglich schuld sein, dass die Verbindung mit Robert nicht zustande gekommen war.

Konnte man den schwarzen Kali überhaupt ernst nehmen? Hatte er ihm nicht nur einen Hokuspokus vorgemacht? Vielleicht wollte er ihm nur das Geld aus der Tasche ziehen, damit er sich wieder ein paar Flaschen kaufen konnte.

Richtig! Er hatte ihn ja noch gar nicht bezahlt. Hastig griff er in die Tasche und fingerte einen Schein heraus, den er dem Bärtigen in die Hand schob.

»Ist das genug?«, fragte er vorsichtig.

Der schwarze Kali schien noch eine Nuance schwärzer zu werden. Er nahm das Geld nicht und knurrte:

»Was fällt dir ein?«

Erschrocken wanderte Hartmuts Hand erneut in die Tasche und tauschte den Schein gegen einen größeren aus.

Da packte der Alte ihn mit seiner behaarten Faust am Rockaufschlag und sah ihm drohend ins Gesicht.

»Behalte dein Geld! Du wirst es bald nötiger brauchen als ich.«

Sein Blick ließ den Jungen schaudern.

»Die Herren Rechtsanwälte sind nicht billig. Und du wirst den besten Anwalt brauchen, wenn du nicht hängen willst.«

Ein eisiger Schauer schüttelte Hartmuts Körper. Welch makabre Prophezeiung! Als wenn er ein Mörder wäre.

Doch bevor der Junge eine Frage stellen konnte, schob der alte Mann ihn durch die Tür ins Freie, wo ihn eine blendende Helligkeit empfing.

 

 

7

Den ganzen Tag über war es drückend heiß gewesen. Die Bewohner von Wildergarten hatten das schwere Gewitter am Abend freudig begrüßt. Schwere Wolkenbrüche waren niedergegangen und hatten die ersehnte Abkühlung gebracht.

Die Nacht war hereingebrochen. Die Erde dampfte. Von Zeit zu Zeit wetterleuchtete es hinter dem Wald. Die Menschen hatten sich in ihren Häusern verkrochen.

Nur eine Gestalt war noch unterwegs. Sie hatte sich in lange Tücher gehüllt und strebte dem Wald zu.

Die Gestalt kannte offenbar keine Furcht. Sie schritt beherzt durch den Wald, als wäre er eine gut beleuchtete Straße. Sie trug einen knorrigen Stock als Stütze, denn sie hinkte leicht.

Von Zeit zu Zeit blieb sie stehen und sog die Luft durch die Nase. Danach korrigierte sie ihre Richtung und ging weiter.

Endlich kam sie zu einer Stelle, zu der von rechts ein schmaler Pfad führte. Hier stand eine stattliche Ulme, deren Zweige vom Regen schwer waren.

Die Gestalt lehnte ihren Stock gegen den Baumstamm und bückte sich, um den aufgeweichten Boden zu prüfen.

Offensichtlich war sie mit dem Ergebnis zufrieden, denn sie ließ ein leises Lachen hören, das wie das Gurren einer Taube klang. Dann begann sie, die Erde mit den bloßen Händen beiseitezuscharren, wozu sie unaufhörlich murmelte.

Sie arbeitete fast fünf Minuten lang. Dann hatte sie gefunden, was sie suchte. Sie zerrte ein haariges Bündel aus dem Schmutz und klopfte es liebevoll sauber.

Es war eine weißgelb getigerte Katze, die leblos alle Viere von sich streckte.

Die seltsame Gestalt sah sich misstrauisch nach allen Seiten um. Dann verbarg sie den Kadaver unter ihren Tüchern und hastete den Weg, den sie gekommen war, zurück.

 

 

8

Heidelinde Germar machte sich Gedanken. Hartmut war in letzter Zeit völlig verwandelt. Als sie ihm die Katze brachte, hatte er sie sogar feindselig angesehen.

»Wo hast du sie her?«, keuchte er.

»Sie ist mir zugelaufen.«

»Das ist Bunny.«

»Natürlich ist das Bunny. Warum sonst, glaubst du, hätte ich sie dir zurückgebracht? Sie muss sich verlaufen haben. Sie hat mich sofort erkannt.«

Sie streckte ihm das leise schnurrende Tier entgegen, doch der junge Mann wich zurück.

»Bunny ist tot«, schrie er sie unvermittelt an. »Vater hat sie ertränkt, weil sie nach Roberts Tod bösartig wurde. Ich war dabei und habe sie begraben.«

»Du bist wohl nicht ganz bei Trost«, wehrte sich das Mädchen. »Seit du bei dem schwarzen Kali warst, kann man mit dir überhaupt nicht mehr vernünftig reden. Du hast doch selbst zugegeben, dass das Bunny ist. Und dass sie noch lebt, kann jeder sehen. Also was soll das Geschrei? Willst du sie, oder soll ich sie mit nach Hause nehmen?«

Hartmut Hinkel war aschgrau im Gesicht. Er war weit davon entfernt, das Ganze zu begreifen.

Erst hatte Bunny zu ihm gesprochen und Roberts Tod vorhergesagt. Und nun war sie wieder lebendig, nachdem er sie sorgfältig im Wald vergraben hatte!

Atemlos sah er Heidelinde an. Woher hatte sie das Tier?

Krampfhaft versuchte er, das Misstrauen niederzukämpfen, das in ihm aufstieg. Hatte der schwarze Kali nicht sofort Heidelinde abgelehnt? Wusste sie mehr, als sie zugab? Stand sie auf der anderen Seite?

Er musste mal mit ihren Eltern sprechen. Vielleicht hatten auch sie eine Veränderung an ihr festgestellt. Man musste ihr doch helfen können. Nicht auszudenken, wenn sie in das Reich der Dämonen abgeglitten wäre.

»Ich begleite dich nach Hause.« Entschlossen deutete er auf die Katze. »Lass sie laufen! Es kann nicht Bunny sein. Sie sieht ihr nur ähnlich.«

Heidelinde Germar setzte das Tier auf den Boden. Zu ihrer Überraschung suchte es augenblicklich das Weite.

»Ich hätte schwören können ...«, murmelte sie verstört.

Hartmut Hinkel führte ein längeres Gespräch mit den Eltern seiner Freundin. Es begann sachlich, wurde aber sehr schnell laut und erregt und endete schließlich damit, dass der Vater ihn mit zornrotem Gesicht hinauswarf und ihm jeden weiteren Kontakt mit seiner Tochter untersagte.

Wütend verließ er das Haus. Er hätte sich denken können, dass er mit seinem Verdacht auf Widerstand stoßen würde.

In Gedanken versunken, überhörte er zunächst, dass ihn jemand ansprach. Erst nach einiger Zeit wurde er aufmerksam.

»Du musst den Kampf allein aufnehmen«, flüsterte es neben ihm. »Oder willst du, dass sie auch dich noch umbringt?«

Erschrocken hob er den Kopf und wandte ihn zur Seite. Es war niemand zu sehen.

»Ihre Macht ist größer, als du denkst«, fuhr die Stimme, die ihm bekannt vorkam, fort. »Sie wird dich vernichten, wenn du dich nicht dagegen wehrst.«

Sein Blick wanderte zum Boden. Ein eisiger Schrecken durchfuhr ihn.

Unmittelbar neben seinen Füßen kauerte die weißgelbe Katze, die Heidelinde ihm gebracht hatte.

»Bunny!«, hauchte er. Alles begann sich um ihn zu drehen.

»Du glaubst mir nicht?«, schnurrte die Katze. »Habe ich dich jemals belogen? Ist nicht alles eingetroffen, was ich dir vorhergesagt habe? Nimm dich in Acht! Sie wird dich ins Unglück stürzen.«

Hartmut lehnte sich erschöpft an einen Baum, der in der Nähe stand.

»Wieso bist du nicht tot?«, fragte er mit bebender Stimme.

Das Tier miaute.

»Meine Herrin kann dir das Leben nehmen. Sie kann es dir auch wieder geben.«

»Deine Herrin?«

Es durfte nicht wahr sein. Heidelinde mit den höllischen Mächten im Bund? Was sollte er nur tun?

Der schwarze Kali musste ihm helfen. Diesmal musste die Verbindung mit Robert klappen. Dann würde er die ganze Wahrheit erfahren. Bunny sollte als Medium dienen, so hatte es der Hellseher selbst vorgeschlagen.

Er bückte sich vorsichtig. Die Katze ließ sich einfangen.

Während des ganzen Weges sprachen sie nicht miteinander. In Hartmuts Gehirn schossen die Gedanken Purzelbäume. Zuviel Unerklärliches war an diesem Tag auf ihn eingestürmt.

Als der schwarze Kali ihm öffnete, fühlte er so etwas wie Erleichterung.

»Ich habe dich schon erwartet«, begrüßte ihn der Mann.

Details

Seiten
109
Jahr
2020
ISBN (eBook)
9783738947748
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v972468
Schlagworte
eine tochter hexe

Autor

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Titel: Eine Tochter der Hexe