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Ein Roberto Tardelli Thriller #60: Kein Pardon für blonde Köder

2020 113 Seiten

Leseprobe

Table of Contents

Kein Pardon für blonde Köder

Copyright

Die Hauptpersonen des Romans:

1

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3

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5

6

7

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Kein Pardon für blonde Köder

Ein Roberto Tardelli Thriller #60

von Cedric Balmore

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 113 Taschenbuchseiten.

 

Jill Carmody ist eine junge, schöne und begehrenswerte Frau, die für die Mafia Untergebene bespitzelt. Jedoch ein Fehler wird für sie zum Verhängnis. Ihre Schwester Ellen will, dass der Mörder seine gerechte Strafe bekommt, aber ihr ist bewusst, wenn sie erzählt, was sie weiß, ist auch ihr Leben in Gefahr.

Mafiajäger Roberto Tardelli versucht den Mörder und dessen Auftraggeber zu finden, in dem er sich als Reporter ausgibt. Doch seine Gegner schrecken vor nichts zurück …

 

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

Alfred Bekker

© Roman by Author

© FIRUZ ASKIN

© dieser Ausgabe 2020 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

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Die Hauptpersonen des Romans:

Roy Masterson — Er meint, alle Tricks zu beherrschen, aber seine Gegner kennen ein paar mehr.

Jill Carmody — Sie will nicht mehr als Köder dienen und aussteigen. Als es soweit ist, diktiert

ein Killer die Bedingungen.

Ellen Carmody — Sie weiß, dass ihr Leben an einem seidenen Faden hängt, wenn sie erzählt,

was sie weiß.

Herbert Daniels — Er wechselt vom Geheimdienst zur Mafia, aber er hat damit nicht die besten

Karten gezogen.

Roberto Tardelli — Seine Gegner schrecken vor nichts zurück, und er hat alle Mühe die

Hauptschuldigen hinter Gitter zu bringen.

 

 

1

Sie überquerte hüftkreisend und mit provozierend vorgestreckter Oberweite die Straße. Der klickende Rhythmus ihrer hochhackigen Absätze lenkte Männerblicke auf sich. Trotzdem war etwas an ihr, das es schwermachte, sie als Flittchen einzustufen. Sie war platinblond und nicht älter als 25. Das Gesicht war attraktiv und das seidig glänzende, schulterlange Haar erweckte den Eindruck, als würde es täglich von einem Top-Figaro behandelt. Was sie anhatte, entsprach der neuesten Mode und war von bester Qualität. Sie bewegte sich wie auf einem Laufsteg, sie wirkte cool und sexy zugleich, aber ihre Haltung wäre sicherlich anders ausgefallen, wenn sie geahnt hätte, was sie erwartete.

Es war der Tod.

Der Mann, der ihn für sie bereithielt, blickte ungeduldig auf seine Uhr. Er hasste es, zu warten. Jill Carmody hatte sich bereits um fünf Minuten verspätet.

Die blonde Jill stoppte an der Kreuzung, als die Ampel auf Rot sprang, obwohl andere Passanten weitergingen, ohne das STOP zu beachten. In New York kümmern sich nicht sehr viele Fußgänger um Ampelsignale. Die Autofahrer haben gelernt, sich darauf einzustellen. nDie Blonde ging auch nicht weiter, als die Ampel ,GO‘ zeigte. Ihre Blicke kletterten an der grauen Fassade eines mehr als 20-stöckigen Gebäudes empor, ziemlich hoch, bis zur fünfzehnten Etage. Dort standen ein paar Fenster offen. Unter ihren Simsen hingen die klobigen Außenkästen von Klimaanlagen.

Jill fischte sich ein Päckchen Zigaretten aus ihrer Umhängetasche. Vor ihrem Gesicht sprang ein Flämmchen auf. Es gehörte zu einem Feuerzeug, das ein erwartungsvoll grinsender Enddreißiger an ihre Zigarette hielt.

Jill sagte lächelnd: „Danke.“

„Haben wir den gleichen Weg?“, fragte der Mann. Er hatte Sommersprossen, dünnes rötliches Haar und wasserblaue Augen. Jill lächelte immer noch. „Nein“, sagte sie.

Der Mann zuckte bedauernd mit den Schultern und setzte seinen Weg fort.

Jill überquerte langsam die Kreuzung. Bei Rot. Ein Autofahrer hupte sie an. Das Hupen klang nicht wütend, es schien eher um Aufmerksamkeit zu werben, es war wie ein kleiner Fanfarenstoß, der ihrer Schönheit huldigte.

Jill beachtete ihn nicht. Sie fragte sich, warum sie plötzlich zögerte, mit Daniels zusammenzutreffen. Schließlich war es das letzte Mal, ihr letzter Auftrag. Das hatten sie ihr versprochen und sie hatte keinen Grund, die Absprache zu bezweifeln. Sie hatte gute Arbeit geleistet, sie hatte sich nicht einen einzigen Flop erlaubt, jedenfalls keinen, von dem sie wussten.

Zugegeben, sie war dafür gut bezahlt worden, sehr gut sogar, aber einmal musste Schluss sein, das war auch im Sinne ihrer Auftraggeber, die es sich nicht leisten konnten, immer mit dem gleichen Köder zu arbeiten.

Jill gab sich einen Ruck. Es wurde Zeit, dass sie es hinter sich brachte. Sie schnippte die kaum angerauchte Zigarette in den Rinnstein, betrat das graue Eckhaus und fuhr mit dem Lift in die fünfzehnte Etage. Am Ende des langen, hell erleuchteten Korridors befand sich eine Tür, auf deren Milchglasscheibe der Name ERSKINE GAIL angebracht war.

Jill öffnete die Tür und trat ein.

Das Vorzimmer war leer bis auf einen Fernschreiber, der unter einer Plastikhülle dahintrauerte und nicht den Eindruck machte, als ob er in den letzten Wochen und Monaten benutzt worden sei.

Jill durchquerte den Raum und wunderte sich über das spiegelblanke Linoleum. Es sah aus, als könnte man darauf Schlittschuh laufen.

Sie öffnete eine gepolsterte Tür, trat über die Schwelle und sagte erstaunt: „Was ist los, wo ist Daniels?“

Der Mann, der sie erwartet hatte, saß auf dem Rand eines Schreibtisches und grinste. Der Schreibtisch war das einzige Möbelstück im Raum, aber an der Wand hing ein Umsteckkalender, der das Datum des heutigen Tages zeigte, den dritten Oktober.

„Er ist verhindert“, sagte der Mann.

Er war schätzungsweise 30 und ziemlich knochig. Ein hagerer, hochgewachsener Typ mit tiefliegenden Augen und einem Habitus, der Jill frösteln ließ. Sie hatte zwar gelernt, mit Gangstern umzugehen, aber sie traf immer wieder auf Typen, die ihr Angst einjagten. Dieser Mann gehörte dazu.

„Wer sind Sie?“

„Nennen Sie mich einfach Al“, schlug der Mann vor.

Jill blickte sich in dem verlassenen Büroraum um und war bemüht, die Situation im Griff zu behalten. Verdammt, sie war nicht willens, Nerven zu zeigen, aber komisch war es schon, dass sie nicht Daniels geschickt hatten. Er war ihr Kontaktmann, ihn kannte und ihm vertraute sie.

„Okay“, seufzte Jill und lehnte sich gegen die Wand. „Wer ist es diesmal?“

„Du“, sagte der Mann.

Jill gefiel es nicht, wie der Mann sie musterte. Es machte ihr ebenso Angst wie die Art, in der er sich mit ihr unterhielt.

Der Mann öffnete die obere Schublade des Schreibtischs, griff hinein und zog eine großkalibrige Waffe heraus. Sie war mit einem Schalldämpfer ausgerüstet.

„Schon mal was von COUNTER CRIME gehört?“, fragte der Mann und drehte an dem Schalldämpfer herum. Natürlich wusste er, welche Wirkung diese Geste auf die Blonde hatte. Es war zu spüren, wieviel Vergnügen es ihm bereitete, die Szene auszukosten.

Jill schluckte ihre Übelkeit hinab. Nein, sie hatte nichts zu befürchten, ihre Arbeit war stets gelobt worden, sie war loyal gewesen - mit einer Ausnahme. Hatten ihre Auftraggeber davon Wind bekommen?

Jill schluckte.

„Was soll der Blödsinn?“, murmelte sie, den Blick starr auf die Waffe gerichtet. Die Innenflächen ihrer Hände wurden feucht.

Nur nicht die Nerven verlieren! Sie wusste, wie sie mit Männern umzugehen hatte, die meisten fraßen ihr aus der Hand. Aber taten das auch Killer?

„COUNTER CRIME“, sagte der Mann langsam und hörte nicht auf, sich mit dem Schalldämpfer zu beschäftigen, „hat Wind von deiner Tätigkeit bekommen.“

„Wer, zum Teufel, ist COUNTER CRIME?“, fragte Jill. Ihr Herz hämmerte hoch oben im Hals und in ihren Ohren pochte das Blut. Trotzdem war sie stolz auf sich. Der Mann legte es darauf an, ihr Angst einzujagen, aber ihre Stimme war bis jetzt fest geblieben, frei von Terror.

„Der Verein ist Top Secret. Untersteht dem Justizministerium. COUNTER CRIME hat die Aufgabe, mit der Mafia aufzuräumen. Wie findest du das?“

„Du lieber Himmel, ist das alles?“, hörte Jill sich fragen. „Mit dieser Aufgabe strampelt sich auch das FBI ab. Mit welchem Erfolg, lässt sich leicht an jeder Kriminalstatistik ablesen.“

„Stimmt, Baby, aber hier geht es nicht um Statistiken, sondern um einen konkreten Fall. Der Fall bist du. Wenn COUNTER CRIME dich in die Mangel nimmt, wirst du singen. Die haben so ihre Methoden, weißt du.“

„Ich singe nicht“, sagte Jill. Sie war immer noch bemüht, ihre Stimme klar, fest und überzeugend klingen zu lassen, aber sie merkte, dass ihre Haltung brüchig wurde. Das Gespräch machte deutlich, worauf der Mann hinauswollte. Jill schluckte. Sie hatte einen Job erledigt, ohne viel über dessen Folgen nachzudenken. Sie war vor allem an ihren Erfolgen interessiert gewesen, und an dem Geld, das sie dabei verdient hatte. Nun zeigte sich plötzlich, dass das Risiko um vieles größer gewesen war, als sie sich hatte zugeben wollen.

„Kann schon sein, dass du die besten Absichten hast“, meinte der Mann. „Aber darauf können wir uns nicht verlassen. Du bist zum Sicherheitsrisiko geworden, Baby.“

„Ich will mit Daniels sprechen“, stieß Jill hervor. „Er kennt mich, er weiß, dass die Organisation auf mich zählen kann.“

„Ich glaube dir ja“, höhnte der Gangster und grinste breit. Die Zähne, die er dabei bloßlegte, waren tabakbraun. Zwei davon fehlten. Die gähnende, dunkle Lücke machte Jill fast ebenso viel Angst wie die Pistole.

„Ich will wissen, was das alles zu bedeuten hat!“, schnappte Jill.

Sie hatte den Wunsch, sich von der Wand abzustoßen und zu fliehen, aber sie spürte, dass in ihren Beinen keine Kraft war und dass sie ohnehin keine Chance hatte, schneller als eine Kugel zu sein. Alles in ihr wehrte sich gegen diese Erkenntnis. So konnte, so durfte ihr Leben nicht enden. Sie war doch erst 25. Sie hatte sich einen hübschen Batzen auf die hohe Kante legen können, und sie wusste auch schon, was sie beginnen würde, wenn sie zu ihrer Schwester nach Jersey City zog. Ellen besaß zwei Kosmetiksalons. Sie verdiente gut und wusste eine Menge über Geldanlagen und Kapitalvermehrungen. Ellen sollte und würde ihr helfen, das Ersparte optimal zu nutzen.

„Daniels lässt dir sagen, dass er mit dir zufrieden war“, sagte der Mann. „Ich glaube allen Ernstes, er hat dich geliebt. Wie findest du das?“

Jill war perplex. Lieber Himmel, Daniels war mindestens schon Fünfzig, ein kleiner, bebrillter Mann mit stumpfen, grauen Haar und ohne jede Ausstrahlung. Er war ihr nicht unsympathisch, aber er wäre niemals als ihr Liebhaber in Betracht gekommen, unter keinen Umständen. Und der sollte sie lieben oder geliebt haben?

„Er ist scharf auf dich“, meinte der Mann. „Ich bin es auch. Überrascht dich das?“

Jill befeuchtete sich die Lippen mit der Zungenspitze. Sie sah einen Hoffnungsschimmer. Ja, die Männer flogen auf sie, daraus hatte sie einen Beruf gemacht, einen sehr gefährlichen, aber einträglichen Job, und nun musste es ihr gelingen, ihre Anziehungskraft ein letztes Mal unter Beweis zu stellen, sonst lief sie Gefahr ...

Nein, sie wollte den Gedanken nicht zu Ende denken. Es ging einfach nicht. Sie wollte leben, leben, leben.

Jill schürzte die Lippen, stemmte einen Arm in die Hüfte, schob das Knie nach vorn und nahm die Pin up-Girl-Haltung ein, die so viele Männer erregte, aber der Mann auf dem Schreibtisch lachte nur und sagte: „Gib dir keine Mühe! Ich bin scharf auf dich, aber nicht so wie Daniels. Ich suche nicht deine Liebe, sondern deinen Tod. Das ist mein Auftrag. Ich werde ihn erfüllen, Baby.“

Jill ließ den Arm fallen. Sie zitterte. Ihre Kehle kratzte und ihr Mund war trocken.

„Nein“, sagte sie. „Nein ...“

Sie ging auf den Mann zu, ohne zu wissen, was sie sich davon versprach. Wollte sie sich vor ihm auf die Knie werfen, oder wollte sie ihm die Pistole aus der Hand nehmen? Sie wusste es nicht. Sie schritt einfach vorwärts, leicht schwankend und wie betrunken.

Der Mann hob die Waffe. Jill zwang sich dazu, nicht in die Mündung zu blicken. Sie sah nur die dunkle, hässliche Zahnlücke.

Plötzlich machte es ,Plopp‘. Und noch einmal ,Plopp‘. Jill zuckte zusammen.

Sie blieb stehen. Nein, sie hatte keine Schmerzen, überhaupt keine, nur so ein merkwürdiges Gefühl, das sie zu Boden zog und ihren Blick trübte.

Der Mann legte die Waffe aus der Hand. Jill brach zusammen. Sie spürte den glatten Linoleumboden unter sich und ekelte sich vor seiner Klebrigkeit, dann hörte sie auf, etwas zu fühlen. Jill Carmody war tot.

 

 

2

Roberto stoppte, als er den Schrei hörte.

Es war acht Uhr abends. Über Jersey City funkelte der Sternenhimmel, überzuckert von den Bonbonfarben, die tausende von Leuchtreklamen in die Nacht projizierten.

Der Schrei kam aus der Wohnung in der Mitte des Korridors. Roberto erreichte sie mit wenigen Schritten. Er legte ein Ohr gegen die Türfüllung. Ihm schien es so, als hörte er ein Wimmern, war sich aber nicht sicher, ob es von einem Bildschirm, aus dem Radio, oder aus dem Munde einer gequälten Frau kam.

Er klingelte.

In der Wohnung rührte sich nichts. Roberto wiederholte das Klingeln. In der Diele wurden Schritte laut. Die Tür öffnete sich. Der Mann, der sich auf der Schwelle zeigte, war ein Kleiderschranktyp, breitschultrig und muskulös. Seine Boxernase unterstrich noch den Eindruck von Kraft und Aggressivität. Roberto schätzte den Mann auf 28 Jahre.

„Ist Miss Carmody zu sprechen, bitte?“, fragte er.

„Nein“, raunzte der Mann.

„Sie ist nicht zu Hause?“

Der Mann grinste.

„Doch, sie ist zu Hause, aber sie empfängt niemand. Sie will mit mir allein sein, Partner. Wie finden Sie das?“

„Ich gratuliere Ihnen“, spottete Roberto. „Sie sind ein großer Liebhaber.“

Der Mann runzelte verdutzt die Stirn. Er wusste um seine Wirkung auf andere und war es nicht gewohnt, dass man ihn auf den Arm zu nehmen versuchte. Die wenigen, die das probiert hatten, waren Opfer seiner geschulten Fäuste geworden.

„Wie soll ich das verstehen?“, knurrte der Mann mit der platten Nase.

„Wie ich hörte, ist es Ihnen gelungen, Ihrer Freundin einen Schrei wilder Leidenschaft zu entlocken“, sagte Roberto und grinste.

Die grauen Augen des Mannes waren wie flache Kiesel, stumpf und scheinbar ausdruckslos, aber Roberto ließ sich davon nicht täuschen. Er wusste, was er angerührt hatte und war bereit, sich der Herausforderung zu stellen.

„Sehr witzig“, murmelte der Mann.

„Das ist meine Spezialität“, sagte Roberto. „Immer zu einem Scherz bereit.“

Es war soweit. Der Mann schlug zu. Roberto praktizierte einen Sidestep. Die Faust des Gegners schrammte mit harten Knöcheln heiß über seine Backe. Der zweite Schlag traf. Roberto konnte nicht mehr ausweichen. Er tänzelte auf Distanz. Der Mann mit der plattgeschlagenen Nase setzte nach. Er wollte es wissen. Roberto konterte. Das war schulmäßig, aber der Gegner zeigte keine Wirkung. Er steckte die Treffer weg wie Mückenstiche, kam selbst mit der Linken durch und brachte Roberto erneut in Bedrängnis.

Roberto war bemüht, die Deckung geschlossen zu halten. Er befand sich auf dem Rückzug, wartete auf seine Chance und nutzte sie, als das Kinn des Schlägers sich ihm wie eine Zielscheibe darbot. Diesmal war es der Mann mit der platten Nase, der wackelte. Seine grauen Augen spiegelten maßlose Verblüffung. Es geschah nicht sehr häufig, dass er solche Brocken kassieren musste.

Der Schläger wurde stocksauer, er mobilisierte alle Kräfte, um zu zeigen, wozu er fähig war. Roberto ließ ihn kommen und steckte mehr ein, als ihm lieb war, aber er verlor keine Sekunde die Kontrolle über das Geschehen und konterte immer dann, wenn es sich lohnte.

Sein Gegner war ihm fraglos an Kraft überlegen, er war wie ein Rammbock, aber diesen Umstand vermochte Roberto durch die bessere Technik und die klügere Taktik wettzumachen. Im Übrigen war er weder eine Mimose noch der Typ eines Florettfechters, er konnte, wenn es sein musste, mit einem Punch aufwarten, der Proficharakter hatte.

Roberto kam voll durch. Der Schläger fiel um. Er versuchte nochmals hochzukommen, aber auf halbem Weg verließen ihn die Kräfte, und er faltete sich schnaufend zusammen.

Roberto klopfte ihn nach Waffen ab. Der Typ hatte keine bei sich. In der Gesäßtasche steckte eine Plastikhülle mit Bargeld und Ausweispapieren. Sie lauteten auf den Namen Robert Barrows. Roberto warf einen kurzen Blick darauf und schob die Plastikhülle zurück in die Gesäßtasche des Mannes.

Roberto richtete sich auf, schob seine Krawatte zurecht und trat an die offene Wohnungstür. Das Schild über dem Klingelknopf trug den Namen ELLEN CARMODY. Roberto stemmte den Zeigefinger auf den Knopf. In der Diele dingdongte es. Roberto blickte über seine Schulter. Barrows rührte sich nicht, er lag mit angezogenen Knien und geschlossenen Augen auf dem Steinfußboden.

In der Diele öffnete sich eine Tür. Eine junge Frau tauchte auf, erkennbar zögernd und furchtsam. Sie knipste in der Diele das Licht an. Mit der Linken presste sie ein Taschentuch gegen ihren Mund.

„Wer ... wer sind Sie?“, fragte sie, ohne das Taschentuch von ihren Lippen zu lösen.

„Ken Bowler“, sagte Roberto. „Ich arbeite für United Press. Kann ich Sie sprechen, bitte?“

„Worum geht es?“

„Um Ihre Schwester, um Jill. Der Mord hat viel Staub aufgewirbelt. Sie wissen, warum. Die Leute wollen erfahren, wer Jill war. Ich bin einer von denen, die sich bemühen, ehrlich und gut zu recherchieren.“

„Gehen Sie!“, sagte Ellen. Sie ließ den Arm fallen. Roberto sah, dass sie eine aufgeplatzte Unterlippe hatte. Hinter Roberto entstand Bewegung. Barrows kam auf die Beine. Er atmete laut und mit offenem Mund. Leicht torkelnd und mit geballten Händen kam er auf Roberto zu, aber als er sprach, waren seine Worte nicht an Roberto, sondern an Ellen adressiert.

„Vergiss nicht, was ich dir gesagt habe“, meinte er. „Es wäre nicht gut, wenn du dich darüber hinwegsetzt ... überhaupt nicht gut.“

Er machte kehrt und ging zum Lift, ohne Roberto und Ellen eines weiteren Blickes zu würdigen. Ellen schlug die Tür zu. Roberto zerquetschte einen Fluch zwischen den Zähnen. Er hätte mit einer solchen Reaktion rechnen müssen und war wütend darüber, dass er sich nicht darauf eingestellt hatte.

Barrows betrat den Lift und fuhr, wie Roberto an den aufleuchtenden Zahlen der Lichtleiste erkennen konnte, ins Erdgeschoss. Roberto klingelte erneut, aber die Tür blieb geschlossen. Roberto machte kehrt und trabte auf den Lift zu. Es dauerte einige Zeit, ehe der Fahrstuhl aus dem Erdgeschoss hochkam. Roberto fuhr nach unten. Als er die Straße betrat, entdeckte er auf der anderen Fahrbahnseite eine Telefonzelle. Er ging hinein und wählte die Nummer von Ellen Carmody. Die junge Frau meldete sich sofort.

„Barrows ist verschwunden“, sagte Roberto, „aber das bedeutet keineswegs, dass Sie ihn schon los sind.“

„Wer sind Sie, von wem sprechen Sie?“

„Ich spreche von dem Mann, der Sie geschlagen hat“, sagte Roberto. „Ich bin Bowler. Sie wissen schon.“

„Belästigen Sie mich nicht, ich will meine Ruhe haben!“, schrie die junge Frau. Es klang hysterisch.

„Damit kommen Sie nicht durch, nicht bei Leuten vom Schlage eines Bob Barrows. Ich kenne diesen Typ. Geben Sie mir noch eine Chance! Ich sage Ihnen, wie Sie sich den Schläger vom Hals halten können.“

Es klickte in der Leitung. Ellen Carmody hatte aufgelegt. Roberto fuhr in die 61te Straße. Hier hatte ihm COUNTER CRIME eines jener sterilen, unpersönlich möblierten Apartments besorgt, die typisch waren für das Leben, das er führte... kalt, gefühllos, fremd.

Er setzte sich ins Wohnzimmer, stellte den Fernsehapparat ein, probierte ein paar Programme durch und entschied sich für einen alten Schwarz-Weiß-Western.

Er schaute gar nicht genau hin, legte die Beine hoch, verschränkte die Hände hinterm Nacken und fragte sich, wie lange er wohl noch imstande sein würde, dieses Leben weiterzuführen. Heute in dieser Stadt, morgen in einer anderen. Heute hieß er Bowler, morgen vielleicht Miller, Myers oder Straightford, eben so, wie es COUNTER CRIME für richtig hielt. Seine Papiere waren stets erstklassig, genau wie die Legende, die man ihm dazu lieferte.

Diesmal agierte er als ein Reporter, der aus Arkansas stammte und vor zwei Jahren nach New York gekommen war. Übrigens gab es tatsächlich diesen Ken Bowlers. Er schrieb eine Kolumne, die sich DARK CITY nannte und recht beliebt war. Ken Bowlers war ungefähr in Robertos Alter und befand sich, was nur seine engsten Freunde wussten, seit drei Wochen in einem texanischen Krankenhaus. Seine Genesungschancen waren mäßig. Ein Kollege führte die Kolumne fort, so dass die meisten Leser glaubten, Ken Bowler sei immer noch am Ball.

COUNTER CRIME überließ nichts dem Zufall, und dennoch konnte die Organisation Roberto nur selten helfen, wenn er in gefährliche Situationen geriet. Er war ein Einzelgänger. Er konnte sich jederzeit auf den technischen Apparat und die computergesteuerten Erkenntnisse verlassen, die COUNTER CRIME auf Anfrage für ihn bereit hielt, aber in der Praxis, im entscheidenden Moment, zählten nur seine Reflexe, seine psychische und geistige Reaktionsfähigkeit, und seine Begabung des Überlebens.

Er blickte auf die Uhr. Es war gleich neun. Er stand auf, ließ den Western vom Bildschirm verschwinden und wählte erneut Ellen Carmodys Nummer.

„Ich bin’s noch einmal“, sagte er, als sie sich meldete.

„Oh Gott“, seufzte Ellen, „geben Sie denn niemals auf?“ Sie hatte sich beruhigt. Die Hysterie war aus ihrer Stimme verschwunden.

„Ich muss Sie sprechen.“

„Das tun Sie doch!“

„Nicht so“, sagte er. „Unter vier Augen. Wenn Sie Bedenken haben, mich zu Hause zu empfangen, können wir uns an einem neutralen Ort treffen, meinetwegen in einem Lokal.“

„Es geht nicht.“

„Warum?“

„Es geht nicht“, wiederholte sie. Ihre Stimme, die eben noch ruhig geklungen hatte, wirkte gereizt. Roberto überlegte, was er ihr sagen sollte, aber noch ehe ihm etwas Passendes einfiel, meinte sie plötzlich wie resignierend: „Also gut, meinetwegen. Kommen Sie her!“

„Jetzt?“

„Jetzt.“

„Wir sehen uns in einer Stunde“, sagte er und legte auf. Er schielte auf das Schulterholster, das mitsamt Waffe über einer Stuhllehne hing und entschied sich dann dafür, auf das Mitnehmen der Waffe zu verzichten. Bei Überlegungen dieser Art ließ er selten seinen Verstand spielen, sondern immer nur die Intuition, sein ausgeprägtes Gespür für das, was der Situation angemessen schien und was seinem Auftrag am meisten diente.

Roberto ging in die Diele und öffnete die Tür. Vor ihr stand ein Mann, mit ausgestrecktem Arm, den er langsam senkte.

„Ich wollte gerade klingeln“, sagte er.

„Sie wünschen?“, fragte Roberto.

Der Mann ähnelte Barrows, er war groß und kräftig, aber er hatte keine Boxernase, sein rundes, glattrasiertes Gesicht wirkte auf Anhieb sogar vertrauenserweckend und gemütlich, aber schon beim zweiten Blick wurde deutlich, wie falsch es war, diesem Eindruck zu vertrauen.

Roberto jedenfalls merkte, dass mit dem Besucher etwas nicht stimmte ... und das lag keineswegs nur daran, dass es der erste Besucher überhaupt war, den er in der von COUNTER CRIME angemieteten Wohnung empfing.

„Mister Bowler?“, fragte der Mann.

„In voller Lebensgröße“, sagte Roberto.

Der Mann grinste. Seine Augen waren dunkel, fast schwarz. Er hatte eine leicht zurückfliehende Stirn, eine gerade Nase, und ein kantiges, hartes Kinn, das in dem runden Kopf wie ein Fremdkörper wirkte.

„Ich habe was für Sie“, sagte er. „Eine Information.“

In Robertos Gesicht zuckte kein Muskel. Für die Umwelt war er jetzt Ken Bowler, der Reporter, und Reporter lebten davon, dass sie mit Informationen gefüttert wurden.

„Wer hat Ihnen meine Adresse angegeben?“, fragte er.

„Ich habe sie von United Press erfahren“, erwiderte der Mann. „Mein Name ist übrigens Fletcher. Paul Fletcher.“

„Treten Sie ein!“, sagte Roberto.

United Press hatte die Adresse in der 61ten Straße von COUNTER CRIME erhalten, insofern ging das Ganze in Ordnung.

Sie setzten sich ins Wohnzimmer. Fletcher blickte sich prüfend darin um.

„So wohnt also ein bekannter Reporter“, sagte er. „Üppig ist das nicht, wie?“

„Ich bin viel unterwegs“, meinte Roberto. „Ich schlafe häufiger in Hotels als in dieser Klitsche.“

„Sie müssen ein aufregendes Leben führen.“

„Das Leben steckt voller großer und kleiner Dramen. Mein Problem ist es, an sie heranzukommen. Ich hoffe, Sie bringen mir etwas, das sich publizistisch verwerten lässt.“

„Wie ich höre, haben Sie vor, sich mit Ellen zu unterhalten. Mit Ellen Carmody“, sagte der Besucher.

„Sie sind gut informiert.“

Fletcher grinste.

„Ich bin mit Ellen befreundet, ich sorge mich um sie. Ich möchte vermeiden, dass sie das Schicksal ihrer Schwester erleidet.“

„Das möchte ich auch.“

Fletcher beugte sich nach vorn. Sein harter Blick traf Roberto mit drohender Intensität.

„Sie werden Ellen in Ruhe lassen“, sagte er.

Roberto lächelte.

„Ich habe nicht vor, ihr zu nahe zu treten“, entgegnete er.

„Sie werden nicht mit ihr sprechen, Bowler“, sagte Fletcher. „Nicht ein Wort.“

„Das geht leider nicht. Ich bin mit ihr verabredet.“

„Vergessen Sie das Ganze! Hören Sie auf, in Jills Vergangenheit herumzuschnüffeln!“

„Ich denke, Ihnen geht’s um Ellen?“

„Das trifft zu. Sie kann Jill nicht wieder lebendig machen, nicht wahr? Aber sie kann sich unermesslichen Schaden zufügen, wenn sie es riskieren sollte, Presse und Polizei mit Informationen zu füttern. Das möchte ich verhindern.“

„Warum sprechen Sie darüber nicht mit Ellen?“

„Jetzt rede ich mit Ihnen.“

Roberto erhob sich.

„Sie wissen, wo die Tür ist“, sagte er.

Fletcher stand auf.

„Nun gut“, sagte er, „Sie wollen es nicht anders. Sie werden den Fall Jill Carmody zu den Akten legen. Noch heute. Ist das klar?“

„Mir ist klar, was Sie wollen, aber gerade Ihre Impertinenz steigert meine Neugierde“, sagte Roberto.

„Sie spielen mit dem Feuer, Bowler.“

„Ich erledige nur den Job, für den ich bezahlt werde, das ist alles“, sagte Roberto.

„Das Verbrechen ist in dieser Stadt zu Hause, das wissen Sie so gut wie ich. Morde gehören zum Alltag, zum Standardprogramm. Warum wollen Sie sich gerade in den Fall Carmody hineinknien? Es gibt hundert andere!“

„Jill war ungewöhnlich schön. Der Tod eines schönen Mädchens verkauft sich gut.“

„Sie sind ein Schwein, Bowler.“

„Ich bin Reporter“, sagte Roberto.

„Das kommt für mich auf das Gleiche raus“, presste Fletcher durch seine Zähne und griff mit der Rechten in seine Hosentasche. Als er die Hand hervorzog, war sie von einem mit scharfen Metallhöckern besetzten Schlagring umspannt. Fletcher bewegte sich leicht geduckt und mit schmal gewordenen Augen auf Roberto zu. Der wich rückwärts gehend langsam zur Wand zurück und sagte: „Lassen Sie den Blödsinn, Fletcher.“

„Ich hatte gehofft, bei dir ein offenes Ohr für mein Anliegen zu finden“, sagte Fletcher so leise, dass er kaum zu verstehen war, „aber es sieht ganz so aus, als seiest du schwer von Begriff und reif für eine kleine Lektion.“

Er war nur noch zwei Schritte von Roberto entfernt. Das Glitzern in Fletchers Augen machte deutlich, dass er diese Auseinandersetzung von Anfang an gesucht hatte, und dass er zu denen gehörte, die Freude daran haben, die eigenen Muskeln spielen zu lassen.

Fletcher riss die Hand hoch. Der Reflex verband sich mit einem Sprung nach vorn. Er versucht Roberto mit dem Schlagring zu treffen.

Roberto reagierte blitzschnell. Sein Sidestep brachte ihn nur um Inches aus der Gefahrenzone. Fletcher versuchte sich noch im Sprung zu bremsen und dem Schlag eine andere Richtung zu geben, aber das führte nur dazu, dass er aus dem Gleichgewicht geriet und zu Stolpern drohte. Roberto nutzte seine Chance. Aus der Drehung heraus praktizierte er einen Karateschlag. Es war ein Akt der Notwehr.

Flechter ging zu Boden, nahezu bewusstlos. Roberto beugte sich über ihn, streifte den Schlagring von der Hand des Gegners, legte ihn beiseite und überzeugte sich davon, dass Fletcher keine weiteren Waffen bei sich trug. Dann holte Roberto die Brieftasche des Mannes aus dem Sakko. Sie enthielt einen Ausweis auf den Namen Paul Henderson. Er machte klar, dass Fletcher ein Falschname gewesen war. Roberto prägte sich die Daten ein und schob die Brieftasche mitsamt Ausweis zurück an ihren Platz.

Henderson brauchte eine volle Minute, um sich soweit zu erholen, dass er aus eigener Kraft auf die Beine kommen und sich in einen Sessel fallenlassen konnte. Er massierte sich den schmerzenden Hals.

„Du hast einen Fehler begangen, Bowler“, würgte er hervor. Seine Stimme hörte sich an, als habe er mit Sand gegurgelt.

„Wer hat dich geschickt?“, fragte Roberto.

„Gib mir was zu trinken!“

„Im Bad gibt’s Wasser“, sagte Roberto.

Henderson stemmte sich hoch und torkelte in die Diele. Roberto folgte ihm. Henderson betrat das Bad und hielt den Kopf unter den voll aufgedrehten kalten Wasserstrahl. Als Henderson den Hahn zudrehte und sich aufrichtete, traf er keine Anstalten, sich abzutrocknen. Das Wasser lief ihm über das Gesicht und den Hals in den Kragen.

„Okay, du hast mich geschafft“, sagte er schweratmend. „Aber das bedeutet nicht, dass du der Sieger bist. Ich gebe dir einen guten Rat, Bowler. Hände weg von Jill Carmody! Wenn du meinst, die Warnung in den Wind schlagen zu können, wird es für dich ein böses Erwachen geben.“

„Du kennst den Mörder“, sagte Roberto ruhig.

Henderson strich mit beiden Händen das nasse Haar zurück. Er gab keine Antwort, sondern ging an Roberto vorbei in die Diele, blieb an der Wohnungstür noch einmal stehen, blickte über seine Schulter und wiederholte drohend: „Hände weg von Jill Carmody!“ Dann verließ er das Apartment.

Roberto ging zurück ins Wohnzimmer, legte den Schlagring in eine Schublade des Sideboards, überlegte ein paar Sekunden, und rief dann den Colonel an.

Myer, der sich sofort meldete, war wie meistens sein Verbindungsmann. Roberto berichtete, was er erlebt hatte, nannte dem Colonel die Namen Barrows und Henderson und bat: „Rufen Sie mich morgen an und sagen Sie mir, was über die beiden bekannt ist!“

„Spätestens um neun werden Sie alles über die Männer wissen, was zu wissen sich lohnt ... ihre Kinderkrankheiten inbegriffen“, versprach Myer und legte auf.

Roberto fuhr zu Ellen. Unterwegs vergewisserte er sich durch wiederholte Blicke in den Rückspiegel, dass niemand seinem Wagen folgte. Dieses Fahrzeug, ein reichlich ramponiert aussehender 75er Mercury, hatte übrigens einmal dem richtigen Ken Bowler gehört und erleichterte es Roberto, seine Reporterrolle echt wirken zu lassen.

„Sie kommen spät“, sagte Ellen Carmody, als sie ihm die Tür öffnete.

Die junge Frau trug enganliegende, curryfarbige Chintzhosen und eine tief ausgeschnittene, weiße Bluse. Das Haar hatte sie hochgesteckt. Ihr Make up war kräftig. Die Unterlippe war immer noch stark geschwollen.

Ellen führte Roberto ins Wohnzimmer. Der Raum enthielt eine Menge Dinge, die gut und teuer waren, aber in dem totalen Stilmischmasch dominierte der Kitsch. Er kam in Glasblumen und bunten Sofakissen zum Ausdruck, in den Bildern, und in den vielen Nippesgegenständen, die aus dem Raum einen Flohmarkt zu machen drohten.

„Wie geht es Ihrem Mund?“, fragte Roberto, als sie sich gesetzt hatten.

„Er lädt nicht gerade zum Küssen ein, nicht wahr?“, meinte Ellen spöttisch und zündete sich eine Zigarette an. „Ich hoffe, die Schwellung wird bis morgen zurückgegangen sein. Wenn Sie also die Absicht haben sollten, sich weiterhin mit meinem Mund zu beschäftigen, würde ich Ihnen raten, sich vierundzwanzig Stunden zu gedulden.“

„Was wissen Sie über Jill?“

„Ich weiß, dass sie tot ist. Ermordet. Ich werde sie niemals vergessen“, erwiderte Ellen, in deren Augen plötzlich Tränen schimmerten.

Roberto musterte seine Schuhspitzen.

„Sie war jünger als Sie?“, fragte er.

„Drei Jahre. Sie kam später als ich nach New York. Vielleicht wissen Sie, dass wir Carmodys aus dem mittleren Westen stammen, aus Wheat Ridge, Colorado. Unser Vater war Prediger der kleinen Methodistengemeinde, ein sanfter und gerechter Mann. Mama kam leider nicht mit ihm klar. Das führte oft zu Spannungen, aber Jill und ich merkten davon nicht viel. Wir hatten das, was man eine behütete Kindheit nennt. Natürlich gab es für uns in Wheat Ridge nicht den Hauch einer Chance, uns zu entwickeln, deshalb brach ich nach New York auf, um hier mein Glück zu versuchen. Jill folgte mir bald. Wir wohnten ein paar Monate zusammen, drüben in Queens, aber dann trennten wir uns aus sehr naheliegenden Gründen.“

„Nämlich?“

„Ich war damals 22, und Jill war 19. Wenn ich einen Freund mit nach Hause brachte, war es ziemlich störend, auf die kleine Schwester Rücksicht nehmen zu müssen. Umgekehrt war Jill nicht scharf darauf, sich von mir jedes Mal anhören zu müssen, was ich von den Hippietypen hielt, die sie gelegentlich mit nach Hause brachte.“

„Okay, Sie trennten sich - aber Sie blieben doch miteinander in Kontakt?“

„Selbstverständlich. Es gab Wochen, wo wir uns fast täglich sahen, oder doch sprachen, aber es gab auch Monate, wo wir nur ein oder zweimal zusammenkamen. Ich arbeitete als Kosmetikerin in einem Beauty Parlor, während Jill als Fotomodell ihr Glück zu machen versuchte. Wir hatten sehr unterschiedliche Interessen, hörten aber niemals auf, füreinander da zu sein.“

„Das war bis zuletzt so?“

„Nicht ganz“, meinte Ellen nach kurzer Pause. „Als ich mich selbstständig gemacht hatte, war ich zu beschäftigt, um viel mit Jill verkehren zu können. Für mich stand der Existenzkampf im Vordergrund, der Wille zum Überleben. Die ersten Jahre waren verdammt hart, aber jetzt kann ich behaupten, über den Berg zu sein. Ich habe gute Angestellte und zufriedene Kunden, ich bin etabliert.“

„Was geschah mit Jill?“

„Die machte ihren Weg. Sie war ein volles Jahr lang Top-Modell, die Agenturen rissen sich um sie. Sie verdiente in dieser Zeit eine Menge Geld, aber sie gab es ebenso schnell wieder aus“, sagte Ellen. „In letzter Zeit war sie vernünftiger geworden. Sie hörte auf meinen Rat, wenn es darum ging, das Geld zu vermehren und sicher anzulegen. Überhaupt war sie ein anderer Mensch geworden - ruhiger, besonnener und gescheit.“

„Wann haben Sie das letzte Mal mit ihr gesprochen?“, wollte Roberto wissen.

„Das war zwei Tage vor ihrem Tod.“

„Worum ging es dabei?“

„Um nichts Besonderes. Wir telefonierten miteinander, wie in jeder Woche. Jill war gutgelaunt und sagte, dass sie Schluss machen würde - Schluss mit der Arbeit“, fügte Ellen rasch hinzu, als ihr klar wurde, wie missverständlich die Aussage war.

„Sie war bis zuletzt Fotomodell?“

Details

Seiten
113
Jahr
2020
ISBN (eBook)
9783738947731
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2020 (Dezember)
Schlagworte
roberto tardelli thriller kein pardon köder

Autor

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Titel: Ein Roberto Tardelli Thriller #60: Kein Pardon für blonde Köder