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Eine Tote schlägt Alarm: N.Y.D. – New York Detectives

2020 107 Seiten

Zusammenfassung


Lorraine Brecker spürt, dass er sie jetzt töten will. Doch sie ahnt nicht, warum. Er glaubt nicht an ihre Warnung, dass sie auch nach ihrem Tod dafür sorgt, dass er nicht ungeschoren davonkommen wird.
Noch fühlt sich Allan Richardson, ihr Mörder, sicher, dass sein Plan aufgeht. Als der Privatdetektiv Bount Reiniger bei Richardson auftaucht und ihm ein Tonband abspielt, bekommt seine Selbstsicherheit die ersten Risse, aber er verliert trotzdem sein Ziel nicht aus den Augen …

Leseprobe

Table of Contents

Eine Tote schlägt Alarm: N.Y.D. – New York Detectives

Copyright

Die Hauptpersonen des Romans:

1

2

3

4

5

6

7

8

9

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11

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Eine Tote schlägt Alarm: N.Y.D. – New York Detectives

Krimi von Cedric Balmore

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 107 Taschenbuchseiten.

 

Lorraine Brecker spürt, dass er sie jetzt töten will. Doch sie ahnt nicht, warum. Er glaubt nicht an ihre Warnung, dass sie auch nach ihrem Tod dafür sorgt, dass er nicht ungeschoren davonkommen wird.

Noch fühlt sich Allan Richardson, ihr Mörder, sicher, dass sein Plan aufgeht. Als der Privatdetektiv Bount Reiniger bei Richardson auftaucht und ihm ein Tonband abspielt, bekommt seine Selbstsicherheit die ersten Risse, aber er verliert trotzdem sein Ziel nicht aus den Augen …

 

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

Alfred Bekker

© Roman by Author

© COVER STEVE MAYER

© dieser Ausgabe 2020 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

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Die Hauptpersonen des Romans:

Lorraine - Sie wird umgebracht. damit sie den verbrecherischen Plänen ihres Mörders nicht

gefährlich werden kann.

Richardson - ihr Mörder, der nicht ahnt, dass eine Tote Alarm schlagen kann.

Silvia - die Tochter Lorraines, die sich der Mörder als nächstes Opfer ausersehen hat.

Norma Wells - Sie macht Bount Reiniger durch einen geheimnisvollen Anruf mobil, und damit

bringt sie den Stein ins Rollen.

June March - ist Bounts Assistentin und hilft ihm bei seinen Fällen.

Bount Reiniger - ist Privatdetektiv.

 

 

1

„Es ist soweit“, sagte Allan Richardson.

Die Worte ließen Lorraine Brecker zusammenzucken. Sie versuchte ruhig zu bleiben, aber sie hatte plötzlich Angst, schreckliche Angst.

Allan stellte seinen Cognacschwenker beiseite und erhob sich. Er war breitschultrig und schmalhüftig, fast sechs Fuß hoch. In seinem untadelig geschnittenen Anzug wirkte er attraktiv und anziehend, Typ Dressman, aber Lorraine wusste, was sich hinter der eindrucksvollen Fassade verbarg. Er war hier, um sie zu töten.

„Du wirst es bereuen“, sagte sie.

Er stand im Lichtkreis einer Stehlampe. Sein gebräuntes Gesicht mit den dunklen Augen zeigte Erstaunen. Es war von markanter Eigenwilligkeit und hatte das Zeug für einen Hollywoodhelden.

Lorraine musterte ihn aus feucht gewordenen Augen.

Er hat nie begriffen, wer du bist und was dich auszeichnet, fuhr es ihr durch den Kopf. Er weiß nichts von deiner Fähigkeit, Menschen zu erkennen und zu durchschauen. Intuition ist für ihn ein Fremdwort, mit dem er nichts beginnen kann.

„Was werde ich bereuen?“, fragte er.

„Du willst mich umbringen, nicht wahr?“

Er öffnete und schloss die Hände, alles in ihm drängte danach, sie mit festem Griff um Lorraines schönen Hals zu legen und ihn so lange unbarmherzig zuzudrücken, bis ihn nicht länger Luft, Blut und Leben durchströmten.

Er war verwirrt. Sicherlich war es ihm in den letzten Wochen immer schwerer gefallen, eine Liebe zu heucheln, die er niemals empfunden hatte, andererseits hatte es Lorraines noch immer sehr reizvoller Körper bis zuletzt verstanden, seine Sinne zu entflammen. Er starrte ihr ins Gesicht. Das weiche, sanfte Licht der braunen Lampenschirme ließ Lorraine jünger erscheinen, als sie war.

Du kannst nicht zurück, hämmerte er sich ein. Alles ist vorbereitet. Dies ist die Stunde X, von der du seit Monaten träumst.

Seine Mundwinkel zuckten. Er ging auf Lorraine zu, nur ein paar Schritte. Dann blieb er wieder stehen. Er begriff nicht, dass Lorraine entdeckt hatte, was er beabsichtigte, es grenzte für ihn an Zauberei.

Gewiss, er war in letzter Zeit weniger zärtlich gewesen, er hatte sie gelegentlich merken lassen, was ihn bewegte, aber daraus hatte sie doch unmöglich den Schluss ziehen können, dass er sie töten wollte.

„Ja, ich will dich umbringen“, sagte er leise. „Wie hast du es herausgefunden?“

„Deine Augen haben dich verraten.“

„Du spinnst“, entfuhr es ihn. Er wollte nicht wahrhaben, was sie sagte. Es durfte einfach nicht stimmen!

Mit seinen großen, dunkelbraunen, samtigen Augen, die so mühelos männlichen Charme versprühen konnten, hatte er es im Leben stets leicht gehabt, die Gunst der Frauen zu erobern. Allan Richardson war bis jetzt davon überzeugt gewesen, dass er seine Augen wie verlässliche und gehorsame Werkzeuge zu handhaben vermochte. Hatten sie auch die Eigenschaft, ihn zu verraten?

„Es war in dir“, sagte Lorraine und blickte ihn an. „Ich glaube, es hat vor drei Monaten in Miami Beach begonnen. Habe ich recht?“ Sie nahm einen Schluck aus ihrem Glas. Ihre Hand zitterte kaum merklich. Auch in ihrer Stimme war ein leichtes Beben. Lorraine gab sich Mühe, ihre Haltung zu bewahren, aber das gelang ihr nur unvollkommen.

„Ja, du hast recht“, murmelte er verblüfft.

Seine Verwirrung wuchs. Konnte Lorraine hellsehen? Und wenn ja - wieso hatte er niemals etwas davon bemerkt? Bis jetzt war er der Meinung gewesen, dass Lorraine nicht einmal ahnte, was er mit ihr vorhatte.

„Miami Beach, vor drei Monaten“, sagte er kaum hörbar. „Was ist dir da aufgefallen?“

„Die Blutspritzer an deinem Sakko. Du sagtest, du hättest dich verletzt, aber du hattest nirgendwo eine Wunde. Und am nächsten Tag fanden sie die Tote. Miriam Cullers.“

„Du hast den Mord mit mir in Verbindung gebracht?“, staunte er.

„Auf Anhieb. Ich wusste einfach, dass du es gewesen bist“, sagte Lorraine.

„Du hast dir nichts anmerken lassen.“

„Ich wollte dich nicht verlieren.“

Er verspürte plötzlich Durst, er hatte den Wunsch, sein Cognacglas mit einem Schluck zu leeren. Aber der Schwenker stand hinter ihm, und es lag nicht in seiner Absicht, auch nur einen Schritt zurückzugehen. Erst musste er Lorraine töten.

Er grinste eitel. Sie wollte ihn nicht verlieren! Das war typisch. Die Weiber waren verrückt nach ihm, das macht sie dumm und blind, sie fraßen ihm buchstäblich aus der Hand.

„Du hättest mich anzeigen können“, staunte er.

Lorraine schwieg. Es gab nichts mehr zu sagen. Alles war vorbei, ihr ganzes Leben war sinnlos geworden. Sie selbst hatte es zerstört.

„Du wirst es bereuen“, wiederholte sie.

„Ich bereue niemals etwas“, versicherte er, trat vor sie hin und legte seine kräftigen Hände um den Hals der Frau. Lorraine blickte ihn an. Ihre Augen schwammen in Tränen. Sie schwieg, sie wehrte sich nicht.

Plötzlich hasste er sie.

Warum machte sie es ihm so schwer? Warum unternahm sie keinen Versuch, sich zu verteidigen, warum biss und kratzte sie nicht?

Er drückte zu. Lorraines Augen traten aus den Höhlungen. Ein tiefes Stöhnen entrang sich dem weit geöffneten Mund.

Irgendwo klirrte eine Fensterscheibe.

Allan Richardson erstarrte, ihn durchzuckte ein eisiges Erschrecken.

Hatte Lorraine die Wahrheit gesagt, nahm ihre Drohung schon jetzt Gestalt an?

Er spürte, wie Lorraines Körper erschlaffte. Allan Richardson stieß die Frau zurück. Sie fiel, ohne sich zu rühren.

Allan Richardson hastete zur Tür. Er presste sein Ohr gegen die Füllung.

Stille.

Es war null Uhr fünfzig, er befand sich mit Lorraine allein in dem großen Haus. Die beiden Dienstboten wohnten außerhalb. Lorraine hatte sie weggeschickt - und Sylvia, Lorraines achtzehnjährige Tochter, war vor drei Tagen mit einer Freundin nach Paris geflogen.

Einbrecher? Es gab keine andere Erklärung. Allan Richardson zerquetschte einen Fluch zwischen den Zähnen. Er warf einen Blick über seine Schulter. Lorraine lag leichenblass auf der Couch, ihre Augen standen weit offen. War sie bereits tot?

Allan Richardson begann zu schwitzen. Er durfte sich dem Einbrecher nicht zeigen, er durfte ihn nicht einmal verjagen - das würde sein Alibi zerstören. Es würde ihn anfällig machen für alle möglichen Dinge, für eine Strafanzeige zum Beispiel, oder für eine Erpressung.

Allan Richardson hörte das Knarren eines Dielenbrettes. Er schluckte. Was bewog einen Einbrecher dazu, ein Haus zu betreten, in dessen Erdgeschossräumen Licht brannte? Plante der Unbekannte einen Überfall, oder glaubte er, dass die Bewohner weggegangen waren und das Licht nur als Einbrecherabschreckung angelassen hatten?

Es wäre für ihn kein Problem gewesen, über die Terrasse zu verschwinden und im Dunkel des Gartens unterzutauchen, aber erstens befanden sich auf dem Cognacschwenker seine Fingerabdrücke, die mussten beseitigt werden, und zweitens hing in der Dielengarderobe sein dünner Regenmantel. Im Futter befand sich ein eingenähtes Schild mit seinem Namen.

Allan Richardson löste sich von der Tür. Er huschte auf Zehenspitzen zu den beiden Lampen und knipste sie aus. Das deutliche Schalterklicken irritierte ihn.

Er kehrte an seinen Lauscherplatz zurück und schrak zusammen, als er in dem fahlen Mondlicht, das durch die geschlossenen Fenstervorhänge sickerte, entdeckte, wie sich die Türklinke bewegte.

Allan Richardson presste sich mit dem Rücken gegen die Wand. Die Tür öffnete sich im Zeitlupentempo. Sie bot ihm Deckung, aber sie machte es ihm gleichzeitig unmöglich, den Eindringling zu sehen.

Eine dunkle, hochgewachsene Gestalt schob sich in den Raum. Allan Richardson griff in seine Hosentasche, er zog das Schnappmesser hervor, das er fast immer bei sich führte. Er bewegte sich behutsam, er verursachte kein Geräusch, aber der Eindringling witterte trotzdem die jähe Gefahr. Sein Kopf flog herum, seine Hand zuckte ins Innere seines Sakkos.

Er kam nicht mehr dazu, seine Waffe aus dem Schulterholster zu reißen. Ein Knopfdruck genügte, um die Klinge von Allan Richardsons Messer einrasten zu lassen. Allan Richardson stieß zu. Ein jähes Übelkeitsgefühl schoss in seine Kniekehlen, als er spürte, wie sein Messer bis ans Heft in den fremden Körper eindrang. Der Mann brach in die Knie, dabei entzog sich der glatte Messergriff Richardsons Hand.

Stöhnend kippte der Niedergestochene mit dem Oberkörper nach vorn. Er schlug mit dem Schädel hart auf den teppichbespannten Boden.

 

 

2

Allan Richardson verkrampfte seine Rechte in der Magengegend. Er atmete mit offenem Mund und starrte zur Tür. Jenseits des ins Zimmer ragenden Türflügels staute sich die Dunkelheit der großen Halle. War der Eindringling mit einem Komplizen gekommen? Lauerte am Ende irgendwo in der Nähe der Villa ein Aufpasser und Helfer? Galt es, auch diesen Mann unschädlich zu machen?

Richardson stand am Rande eines hysterischen Ausbruchs, ihm wurde übel.

Er war hergekommen, um Lorraine zu töten.

Die Umstände hatten ihn dazu gezwungen, einen Doppelmord auszuführen.

Er schaltete das Licht an. Der Unbekannte hatte sich auf den Rücken gewälzt. Er war nicht älter als 30, ein dunkelhaariger Bursche im Jeansanzug. Der Revolver war seinen Fingern entglitten. Er lag neben ihm auf dem Boden.

Der Mann starrte mit brechenden Augen zur Zimmerdecke hoch, sein Körper reagierte mit ein paar letzten, hilflosen Zuckungen.

Allan Richardson stieß sich von der Wand ab. Er merkte, dass ihm die Wäsche am Leibe klebte. Es hatte keine Bedeutung. Er trat an die Couch heran und starrte Lorraine ins Gesicht. Er fand, dass es hart aussah, es war im Tod gealtert und wirkte beinahe drohend.

Ihm fielen Lorraines Worte ein. Er verdrängte sie, machte kehrt, betrat die Halle und fing an, sich im Haus umzusehen. Ehe er Klinken und Lichtschalter berührte, umwickelte er seine Finger mit dem Taschentuch. Er hatte nicht die Absicht, mehr Prints als notwendig zurückzulassen.

Er entdeckte, dass der mutmaßliche Einbrecher ein Fenster in der Küche eingedrückt und geöffnet hatte.

Allan Richardson kehrte ins Wohnzimmer zurück und beugte sich über den Mann. Er war tot. Richardson beruhigte sich langsam. Er griff nach seinem Cognacglas und leerte es. Er spürte die belebende Wirkung des Alkohols und holte tief Luft. Er brachte das Glas in die Küche und wusch es sorgfältig aus, dann stellte er es zurück in den Schrank.

Er ging zu seinem in der Diele hängenden Mantel, entnahm ihm ein paar Lederhandschuhe und zog sie über. Dann lud er sich den Toten auf den Rücken und trug ihn an der Küche vorbei zum Keller. Hier befand sich eine stählerne Verbindungstür zur Garage. Richardson öffnete sie mit einer Hand. In der Garage stand neben Lorraines Corvette sein Buick Elektra. Richardson lud den Toten in den Kofferraum des Wagens und bemerkte erst jetzt, dass der Weg, den er zurückgelegt hatte, von einer Blutspur gekennzeichnet worden war.

Richardsons Erschrecken verwandelte sich in jähe Heiterkeit. Er lachte laut. Das Lachen schwoll in der Betongarage zu einer höllisch anmutenden Lautstärke an. Richardson brach es abrupt ab.

„Morgen finden sie die Tote”, sagte er halblaut zu sich selbst. „Sie, die Blutspur und das zerbrochene Fenster in der Küche. Die Polizei wird daraus konstruieren, dass Lorraine den Einbrecher überraschte, und dass es dabei zu einer Auseinandersetzung kam, in deren Verlauf Lorraine von dem Mann getötet wurde. Er wurde dabei verletzt. Das jedenfalls wird die plausibelste Erklärung für die Blutspuren sein, die zur Garage führen. Klasse! Was ich für einen lästigen und gefährlichen Zwischenfall hielt, entpuppt sich jetzt als eine Ideallösung ...“

Er machte kehrt und schlüpfte in der Halle in seinen Mantel. Er betrat ein letztes Mal das Wohnzimmer und schaute sich prüfend darin um. Es war ein riesiger, sehr eindrucksvoll möblierter Raum, aber es gab eine Menge Plunder darin, der nicht Richardsons Geschmack entsprach.

„Das lasse ich ändern”, sagte er. „Das meiste davon fliegt heraus. Ich habe nicht vor, mit Sylvia in einem besseren Trödelladen zu leben!“

 

 

3

June March brachte den Kaffee. Sie stellte die Tasse vor ihrem Chef auf den Schreibtisch. Bount Reiniger lächelte seiner Sekretärin zu und sah ihr in die großen, ausdrucksvollen Augen. Er fand, dass sie bei weitem nicht das einzige an June waren, das Aufmerksamkeit verdiente.

Eingestellt hatte er June als Detektiv-Volontärin. Zu ihrem Leidwesen war er bemüht, sie hauptsächlich für administrative Aufgaben einzusetzen. June war hellblond, hochattraktiv und sehr aktionsfreudig. Sie hatte sich mit ihrer wachen Intelligenz schon in sehr gefährlichen Situationen durchzusetzen vermocht, aber Bount wehrte sich immer wieder dagegen, sie mit besonderen Aufträgen zu betrauen. Er musste sich eingestehen, dass er in letzter Zeit nicht ausschließlich von väterlichem Verantwortungsbewusstsein geleitet wurde. Bount starrte nachdenklich vor sich hin. June March gehörte zu der Sorte Mädchen, für die er eine Schwäche hatte. Er griff nach seinen Zigaretten und steckte sich eine Pall Mall an.

Das Telefon klingelte. Bount nahm den Hörer ab und meldete sich.

„Ich bin tot“, sagte eine Frau am anderen Leitungsende. „Ich bin in der vergangenen Nacht ermordet worden.“

 

 

4

Bount Reiniger runzelte die dichten Augenbrauen. Er war es gewohnt, am Telefon verulkt zu werden. Es gab immer wieder Leute, die im Branchenverzeichnis über die Nummer seiner Agentur stolperten und meinten, den Privatdetektiv Bount Reiniger einmal gründlich auf den Arm nehmen zu müssen.

„Wer spricht dort?“, fragte Bount.

„Mein Mörder heißt Allan Richardson, er wohnt in der Eight Avenue 137.“

Bount Reiniger begriff, dass die dunkle, seltsam gespannt klingende Frauenstimme von einem Tonband kam. Irgendjemand spielte es für ihn am Telefon ab.

„Wenn Sie nicht sofort meine Fragen beantworten, lege ich auf“, drohte Bount und griff mechanisch nach dem Knopf, der sein eigenes Bandgerät einschaltete und für einen Mitschnitt des Gesprächs sorgte.

„Ziehen Sie Allan für den Mord zur Rechenschaft!“, sagte die Frauenstimme. „Sie erhalten in den nächsten vierundzwanzig Stunden einen Umschlag mit zehntausend Dollar. Ich hoffe, dass sie zur Deckung der Ihnen entstehenden Unkosten ausreichen. Ich wende mich an Sie, weil man mir sagte, dass Sie der beste Mann der Branche seien. Ich baue darauf,, dass das zutrifft. Sie hören die Stimme einer Toten.“ Kurze Pause - dann: „Sühnen Sie mein Ende!“

Es klickte in der Leitung. Der Teilnehmer hatte aufgelegt.

„Idiotisch“, murmelte Bount und ließ den Hörer sinken.

June musterte sein Gesicht. Der Kaffeeduft stieg Bount in die Nase, aber er starrte ins Leere. June spürte, wie sehr Bount der Anruf beschäftigte. Bount fand ihn keineswegs so albern und abwegig, wie sein Kommentar es vermuten ließ.

Bount spulte das Band zurück, dann schaltete er auf Wiedergabe. Er hörte den Bandinhalt mit June ab. Er wiederholte das Manöver und fragte: „Was hältst du davon?“

„Es klingt verrückt“, gab June zu.

„Sie nennt den Namen des angeblichen Mörders, aber nicht ihren eigenen“, wunderte sich Bount. „Das ist doch alles Unsinn, der dumme Einfall eines weiblichen Spassvogels. Hast du zufällig eine Freundin, die eine Schwäche für solche Scherze hat?“

„Nein“, sagte June. „Die Frauenstimme kam von einem Tonband, nicht wahr?“

Bount nickte. Er massierte sich das Kinn.

„Es kann sein, dass das Band nicht voll zurückgelaufen war. Auf diese Weise können die ersten Sätze und der Name der Sprecherin unter den Tisch gefallen sein.“

„Was wirst du tun?“

„Erst mal abwarten, ob das Geld eintrifft. Wenn wir einen Umschlag mit Papierschnitzeln kriegen sollten, steht fest, dass das Ganze ein Ulk war.

„Trinke deinen Kaffee!“, mahnte ihn June. „Er wird sonst kalt.“

Bount griff grinsend nach der Tasse.

„Das unterscheidet dich von ihm“, sagte er.

June verließ sein Privatoffice und betrat das Vorzimmer. Bount durchblätterte das Telefonbuch und stellte fest, dass es tatsächlich in der Eight Avenue 137 einen Mann namens Allan Richardson gab. Bount musste zum Gericht, er wurde für eine Zeugenaussage benötigt. Als er am späten Nachmittag wieder ins Office zurückkehrte, war June damit beschäftigt, die Schreibmaschine abzudecken.

„Ich bin fertig“, sagte sie. „Oder hast du noch was für mich?“

„Was ist mit den angekündigten zehntausend Dollar?“, fragte er.

June lachte.

„Hast du im Ernst erwartet, dass dir jemand das Geld schickt?“

„Noch sind die vierundzwanzig Stunden nicht verstrichen“, stellte Bount fest, aber am darauffolgenden Tag musste er einräumen, dass seine und Junes Zweifel berechtigt gewesen waren. Es kamen ein paar Leute, die Geld für überfällige Rechnungen zu kassieren wünschten, aber niemand brachte ihm etwas. Bount hatte damit gerechnet.

Er hatte eigentlich Grund, sich darüber zu freuen, dass der Mord offenbar nicht stattgefunden hatte. Trotzdem war er nicht zufrieden. Es ging ihm weder um das Geld noch um den Auftrag. Er zweifelte lediglich an seiner Urteilskraft. Er hatte die dunkle, gespannt klingende Frauenstimme trotz aller Zweifel, die mit den ungewöhnlichen Umständen des Anrufs zusammenhingen, für real und glaubwürdig gehalten. Er spielte mit dem Gedanken, Allan Richardson anzurufen, ließ das aber sein.

Er studierte die Morgenzeitungen, dann die Mittagsausgaben, und schließlich die Abendblätter. Er stieß dabei auf die Nachricht, dass die Erbin des Brecker-Vermögens in ihrem Haus erwürgt worden war. Die achtzehnjährige Tochter, die sich in Europa befand, war sofort telegrafisch um ihren Heimflug gebeten worden.

In einem Wäldchen unweit von Milton, Long Island, war das Opfer einer Messerstecherei gefunden worden, der Tote war als Humphrey Kelston identifiziert worden - ein mehrfach vorbestrafter Einbrecher.

Es gab zwei weitere Mordfälle, von denen die Zeitungen zu berichten wussten, aber Bount kam aus vielerlei Gründen nicht davon los, dass es zwischen dem Tod von Humphrey Kelston und Lorraine Brecker einen Zusammenhang gab.

Bount rief seinen Freund Captain Toby Rogers an.

„Bist du für den Fall Brecker zuständig?“, fragte Bount.

„Bin ich. Nur sage mir bloß nicht, dass irgendjemand dich darum gebeten hat, die Sache in die Hand zu nehmen“, schnaufte Rogers.

„Was schreckt dich daran?“

„Die Erfahrung. Sobald du mitmischt, kann man zwar gewiss sein, dass am Ende der Erfolg stehen wird, aber bis es soweit ist, müssen wir uns im Allgemeinen mit einem Haufen schwerer Folgeverbrechen herumschlagen. Du gehörst zu denen, die das Talent haben, eine Menge Verwirrung zu stiften.“

„Danke für den herzerwärmenden Hinweis“, spottete Bount. „Was ist mit der Frau?“

„Das weißt du doch. Sie wurde ermordet. Erwürgt. Vermutlich mit den bloßen Händen. Irgendwann zwischen ein und zwei Uhr morgens, wie mir der Polizeiarzt versicherte. Erste Ermittlungen lassen den Verdacht zu, dass Lorraine Brecker von einem Einbrecher ermordet wurde, den sie auf frischer Tat ertappte.“

„Von Kelston?“, fragte Bount.

„Wie kommst du darauf?“

„Ich lese Zeitungen. Wurden im Hause der Frau Blutspuren gefunden?“

„Mehr als genug. Wir gehen davon aus, dass der Einbrecher das Blut verloren hat. Er kann sich beim Einschlagen des Fensters verletzt haben.“

„Dann müsste das Blut auch am Körper oder an der Kleidung der Frau zu finden sein.“

„Genau das ist der Fall.“

„Hm“, machte Bount. „Befriedigt dich das? Es erweckt den Anschein, als sei jemand bemüht, die Polizei auf eine falsche Fährte zu lenken.“

„Wenn das so ist, werden wir dahinterkommen, verlasse dich darauf. Jedenfalls lasse ich die Gruppe des im Hause Brecker verspritzten Blutes mit der von Kelston vergleichen“, meinte der Captain dann.

„Was war Lorraine Brecker für eine Frau?“

„Sie war vor allem reich. Ihr Mann ist eines natürlichen Todes gestorben - er war unheilbar krank. Sie hat alles geerbt. Mit 42 war sie jung und attraktiv genug, um nochmals zu heiraten, aber es heißt, dass sie aus Rücksicht auf ihre Tochter davon Abstand genommen habe. Natürlich hatte sie einen Freund, einen Liebhaber.“

„Wer ist es?“

„Ein Mann namens Allan Richardson. Nicht vorbestraft. Ein Golfprofi.“

„Ich erinnere mich, den Namen schon einmal gehört zu haben“, meinte Bount. „Wer ist der Nutznießer von Lorraine Breckers Tod?“

„Die Tochter. Sylvia, genannt Sylvy. Ich kenne sie nur von Fotos. Eine Schönheit. Ihr fällt das ganze Vermögen zu. Sie wird zum umschwärmtesten Mädchen des Landes aufsteigen.“

„Danke“, sagte Bount und legte auf.

Er schaute auf die Uhr. Es war kurz vor neun. Gegen halb zehn konnte er unter Verzicht auf die Benutzung seines 450 SEL das Haus Eight Avenue 137 erreichen. Das war keine Besuchszeit, aber angesichts der ungewöhnlichen Umstände würde Allan Richardson für ein paar Fragen gewiss Verständnis aufbringen.

Bount machte sich auf den Weg. Um einundzwanzig Uhr fünfundzwanzig klingelte er an Allan Richardsons Tür. Sie befand sich in der dritten Etage eines teuren Apartmenthauses.

Richardson kam zur Tür und öffnete. Er trug hellgraue Flanellhosen und ein Sporthemd mit Westover.

„Nein, nicht schon wieder, bitte“, sagte er. als Bount sich vorstellte und seine Lizenzkarte zückte. „Ich bin stundenlang von der Polizei durch die Mangel gedreht worden. Es war ziemlich erschöpfend. In wessen Auftrag kommen Sie eigentlich?“

„Im Auftrag der Toten“, sagte Bount. „Darf ich eintreten, bitte?“

In Richardsons dunkelbraunen Samtaugen verhärtete sich etwas. Er machte kehrt und ging schweigend ins Wohnzimmer. Bount folgte ihm. Sie setzten sich. In einem großen Glasschrank standen die Pokale und Trophäen, die Richardson in seiner Glanzzeit als Golfprofi gewonnen hatte. Die Einrichtung des Raumes entsprach der Prominenz, die sich mit seinem Namen verband. Sie war elegant und stilvoll, dabei betont maskulin. In der Luft hing der Geruch von Pfeifentabak.

„Ich komme mir vor, als lebte ich in einem Vakuum“, sagte Richardson. „Ich habe Lorraine geliebt. Ich kann noch immer nicht glauben, dass sie tot ist.“

„Was ist mit Ihrem Alibi?“, fragte Bount.

Richardson hob die Augenbrauen.

„Das ist eine ziemlich provozierende Frage. Natürlich ist mein Alibi okay. Sonst wäre ich vermutlich schon in Haft. Oder auch nicht. Lorraines Tod bringt mir keinen Gewinn. Im Gegenteil. Lorraines Ende macht mein Leben leer und sinnlos. Habe ich Sie richtig verstanden, als Sie behaupteten, im Auftrag der Toten zu handeln?“

„Ja“, sagte Bount und bückte sich nach dem flachen, kleinen Diplomatenkoffer, den er mitgebracht hatte. Er entnahm ihm ein Tonbandgerät und spielte die Kassette mit dem Telefongespräch ab. Richardson hörte zu und machte keinen Hehl aus seiner Fassungslosigkeit.

„Das ist fantastisch“, sagte er.

„Würden Sie sagen, dass es sich um Mrs. Breckers Stimme handelt?“

„Ganz ohne Zweifel. Es ist ein Meisterwerk der Manipulation! Irgendjemand - der Mörder, nehme ich an - hat das Band hergestellt, um die Polizei auf eine falsche Fährte zu lenken. Weiß die Polizei von der Existenz des Bandes?“

„Noch nicht.“

Allan Richardson griff nach einer Pfeife und schob sie zwischen die Lippen. Er kaute auf dem Stiel herum. Es schien ihm nichts auszumachen, dass die Pfeife kalt war.

„Der Mörder muss eine Unzahl von Gesprächen aufgenommen haben, die Lorraine mit anderen führte“, meinte er. „Trotzdem bleibt es erstaunlich, wie es ihm gelungen ist, diesen Zusammenschnitt herzustellen. Ich erkenne kaum Tonlagenschwankungen, das Ganze wirkt wie aus einem Guss.“

„Es ist aus einem Guss“, sagte Bount. „Ein Zusammenschnitt ist auszuschließen.“

„Ich verstehe die Welt nicht mehr. Was hat das Ganze zu bedeuten?“

„Das frage ich Sie.“

„Wir haben uns geliebt. Bis zur letzten Stunde.“ Er räusperte sich. Ihm dämmerte, dass er sich mehr als ungeschickt ausgedrückt hatte. „Bis zur letzten Stunde unseres Zusammenseins“, korrigierte er. „Das war vierundzwanzig Stunden vor ihrem Tod.“

„Darf ich erfahren, wo Sie sich aufhielten, als der Mord verübt wurde?“

„Selbstverständlich. Ich habe gepokert. Mit Ray Jenkins und Albert Hofman. Das sind zwei alte Freunde vom Golfplatz, wir kennen uns seit Jahren.“

„Wo fand die Pokerrunde statt?“

„In Rays Haus. Es liegt gut sieben Meilen vom Tatort entfernt.“

„Wer kann ein Interesse daran gehabt haben, die Frau zu töten?“

„Lorraine hatte keine Feinde. Sie war ein herzlicher, normaler und sehr natürlicher Mensch. Sie war bei allen, die sie kannten, sehr beliebt. Auch das Verhältnis zu ihrer Tochter war völlig ungetrübt und ausgesprochen harmonisch.“ Er legte die Pfeife beiseite und sah auf die Uhr. „Sylvy! Ich muss zum Flugplatz und sie abholen. Ich weiß nicht, was ich ihr sagen soll. Oder können Sie mir verraten, wie man ein junges, schönes Mädchen tröstet, das über Nacht die Mutter verloren hat?“

Bount schloss das Köfferchen. Er stand auf. Richardson erhob sich ebenfalls. Sie schritten zur Tür.

„Oh, einen Augenblick, bitte“, sagte Richardson. Er griff hinter das Sitzkissen eines Sessels und zog einen Revolver hervor. Er richtete die Waffe auf Bount und sagte: „Würden Sie mir bitte die Kassette überlassen?“

In Bounts Gesicht zuckte kein Muskel.

„Finden Sie nicht, dass Sie sehr töricht handeln?“, fragte er.

„Keineswegs. Ich habe keine Lust, das Opfer einer Intrige zu werden. Das Tonband ist eine Fälschung. Ich möchte es zerstören.“

„Tut mir leid. Sie bekommen es nicht.“

„Existiert davon eine Kopie?“

„Ich könnte jetzt bluffen und die Behauptung aufstellen, dass ein Duplikat existiert, aber tatsächlich besitze ich nur das Original“, sagte Bount.

„Her damit!“

„Sie bekommen es nicht“, wiederholte Bount.

Er demonstrierte kühle, selbstsichere Gelassenheit. Selbst wenn Richardson der Mörder von Lorraine Brecker war, würde er es schwerlich riskieren, Gewalt anzuwenden. Richardson musste klar sein, dass er sich damit selbst belasten würde. Mit seinen nächsten Worten versuchte er die Drohung von Gewaltanwendung zu rechtfertigen.

„Ich habe die Frau verloren, die ich liebte“, sagte er. „Ich will nicht auch noch meinen guten Ruf einbüßen. Das wäre ein Fressen für die Schlagzeilen! Berühmter Golfer unter Mordverdacht! Nein, das lasse ich nicht zu, mein Lieber. Geben Sie das Band her, oder ich werde ungemütlich! Ich meine es ernst“, schloss er drohend und hob die Waffe um ein paar Millimeter.

„Wenn Ihr Alibi so hieb- und stichfest ist, wie Sie behaupten, haben Sie nichts zu befürchten.“

„Was nützt mir das Alibi? Der Tonbandinhalt würde ein paar Skandalreporter dazu bringen, mich als mutmaßlichen Mörder zu diffamieren. Sie würden mir unterstellen, ich hätte den Täter gechartert und bezahlt. Schließlich sagt Lorraines Stimme nichts darüber aus, wie der Mord ausgeführt wurde, oder von wem, sie gibt mir lediglich die Schuld an dem Verbrechen.“

„Welche Erklärung haben Sie für das Tonband?“, fragte Bount und tat so, als ob die Waffe in der Hand seines Gegners nicht existierte.

„Keine“, sagte Allan Richardson scharf. „Jedenfalls nicht im Augenblick. Ich muss darüber nachdenken. Mir wird schon etwas einfallen.“

„Lorraine Brecker wusste, welches Schicksal sie erwartet“, sagte Bount halblaut. „Warum ist sie mit diesem Wissen nicht zur Polizei gegangen? Warum wendet sie sich stattdessen posthum an einen Privatdetektiv? Weshalb kam sie nicht zu mir, als noch die Chance bestand, das Unheil abzuwenden?“

„Das sind ein paar gute Fragen“, meinte Richardson. „Sie beweisen, dass das Band nicht echt sein kann. Es ist eine Fälschung! Lorraine war keine Närrin. Wenn sie vor mir Angst gehabt haben sollte - wozu nicht der geringste Anlass bestand - wäre sie doch zur Polizei gegangen, meinetwegen auch zu Ihnen!“ Er räusperte sich. „Haben Sie das Geld bekommen, die zehntausend Dollar, die auf dem Band erwähnt werden?“

„Nein.“

„Na, bitte! Das beweist doch schlagend, dass wir es mit einer infamen Intrige zu tun haben. Sie müssen schon gestatten, dass ich entschlossen bin, daraus die notwendigen Konsequenzen zu ziehen. Geben Sie das Band her! Ich möchte es vernichten.“

Details

Seiten
107
Jahr
2020
ISBN (eBook)
9783738947670
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2020 (Dezember)
Schlagworte
eine tote alarm york detectives

Autor

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Titel: Eine Tote schlägt Alarm: N.Y.D. – New York Detectives