Lade Inhalt...

Das Zeitalter des Kometen #25: Lennox und der Kampf um die Domstadt

2020 126 Seiten

Leseprobe

Table of Contents

Lennox und der Kampf um die Domstadt

Copyright

1

2

3

4

5

6

7

8

9

10

11

12

13

14

15

16

17

18

19

20

21

22

23

24

25

26

27

28

29

30

31

32

33

Lennox und der Kampf um die Domstadt

Das Zeitalter des Kometen #25

von Jo Zybell

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 126 Taschenbuchseiten.

 

Eine kosmische Katastrophe hat die Erde heimgesucht. Die Welt ist nicht mehr so, wie sie einmal war. Die Überlebenden müssen um ihre Existenz kämpfen, bizarre Geschöpfe sind durch die Launen der Evolution entstanden oder von den Sternen gekommen, und das dunkle Zeitalter hat begonnen.

In dieser finsteren Zukunft bricht Timothy Lennox zu einer Odyssee auf …

Zwischen den Coelleni und den Dysdoorern entbrennt ein Krieg, der von einem Unbekannten angeheizt wird. Dieser Fremde ist in der Lage, die alten Flugzeuge zu fliegen und Sprengstoffe herzustellen. Das könnte ein Hinweis auf eine unterirdische Kolonie von Überlebenden sein. Eine solche Kolonie soll Fanlur mit seinem Lupa Wulf suchen, vermutet wird eine solche in den alten Bunkeranlagen in der Nähe von Coellen. Fanlur macht sich auf den gefährlichen Weg.

 

 

Dieser Band wird mit dem Titel Lennox und das Schlangen-Ei fortgesetzt.

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

Alfred Bekker

© Roman by Author

© COVER LUDGER OTTEN

© dieser Ausgabe 2020 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

Folge auf Twitter

https://twitter.com/BekkerAlfred

 

Zum Blog des Verlags geht es hier

https://cassiopeia.press

Alles rund um Belletristik!

Sei informiert über Neuerscheinungen und Hintergründe!

 

 

1

Chraaz, am 7. Tag des 2. Mondes im 508. Winter nach Alxanatan

Das Ende kam in der Nacht zum dritten Tag, dem höchsten der Schindung. Zwölf ministricis trugen das Baumkreuz mit der mater. Regen klatschte auf ihre nackten Mädchenkörper, auf die Sterbende, auf alle. Die mater sang, aber es klang wie das Kreischen von Schlittenkufen.

Sechzig ministratos eskortierten den Zug. Die Burschen drohten mit Spießen in die Dunkelheit.

Maris schritt direkt vor dem Fußende des Baumkreuzes, denn im nächsten Winter würde es ihr gehören. Wie die Schwestern an ihrer Seite schulterte auch sie ihr Schwert und hielt ihren Pelz dicht unter dem Kinn zusammen. Wie eine Frau standen sie still, als der Boden bebte und Gebrüll sich erhob.

Maris lauschte in die Regennacht. Und die Schwestern lauschten auch – Naryma, Schinee, Maschee, Rimaya, alle. Nur die mater, die lauschte nicht, die krächzte, röchelte, versuchte zu singen und zu sterben. Der Regen vermischte sich mit ihrem Blut.

Ein paar Atemzüge lang hörte Maris die schweren Tropfen auf Blattwerk und Dachschindeln klatschen, hörte die mater krächzen, hörte das Gebrüll anschwellen. Sonst nichts.

Es war nicht das Gebrüll von Tieren. Auch nicht das der Reiter aus dem Osten, wenn die Gier sie mindestens einmal im Jahr aus dem Bergwald gegen Chraaz und Mariaschnee trieb.

Überhaupt hörte es sich nicht an wie Gebrüll einer Kreatur.

Und es schwoll immer weiter an.

»Alxanatan …«, flüsterte Schinee rechts von Maris. »Er kommt dennoch …« Sie hatte ihr Schwert von der Schulter gehoben und reckte es dem Nachthimmel entgegen, als könnte sie auf diese Weise das Gericht des Höchsten Sohnes aufhalten.

Von allen Seiten flüsterte es: »Wir haben nicht genug geopfert, wir haben nicht genug gekniet, wir haben nicht genug Ostreiter getötet …« Und so weiter: Nicht genug geschlagen, nicht genug gehungert, nicht genug, nicht genug.

»Still!«, zischte Maris. Augenblicklich verstummte das Geflüster. »Närrinnen! Alxanatan kommt kein zweites Mal, solange eine mater sich opfert!«

»Weiß man‘s?«, flüsterte Rimaya hinter ihr. Maris fuhr herum und schlug mit dem Handrücken zu. Die Jüngere duckte sich, drückte die Linke gegen die Wange, wagte aber nicht das Schwert gegen die neue mater zu erheben.

Das Gebrüll war jetzt sehr nah – so nah, als würden ihre Körper jeden Moment davon verschlungen werden. Jetzt mischten sich das Splittern von Holz und die Schreckensschreie von Menschen in den entsetzlichen Lärm.

Auf einmal: ein Lichtstrahl, und fast zeitgleich ein Feuerball.

Eine Sonnenvision? Die theosmater selbst? Oder doch ein neuer Alxanatan? Die ministratos klemmten die Spieße unter die Achseln und wichen zurück, bis Maris mit ihrem Schwert nach den Spießschäften schlagen konnte und die kahl geschorenen Burschen zusammenzuckten. »O Niawaana!«, rief einer von ihnen mit brüchiger Stimme, und sofort stimmten andere ein: »O Niawaana! Niawaana, Niawaana …«

»Still!«, schrie Maris. Schwächlinge allesamt, Schwächlinge und Dummköpfe! »Still beim Höchsten!«

Im erlöschenden Feuerball erkannte sie die Umrisse der Klostertürme. Ein Ruinenflügel von Mariaschnee stand in Flammen. Alle sahen es, bevor die Dunkelheit Kloster und Dorf wieder einhüllte. Auch die ministricis sahen es, und sie sanken in die Knie, ließen das Baumkreuz von ihren nackten Schultern gleiten, seufzten oder stießen spitze Schreie aus.

Das Baumkreuz rutschte schräg ins Laub, krachte ins Unterholz, schlug im schlammigen Waldboden auf. Die mater gab ihre Gesangsversuche auf. »Nix Niawaana!«, stöhnte sie laut. »Wir haben Recht gehabt! Es ist der Höchste Sohn, er kommt zurück! Adventus, adventus!«

Wieder ein Feuerball; Flammen schossen in den Nachthimmel. Einen Atemzug lang spiegelten sie sich in der roten Feuchtigkeit des geschundenen Körpers der mater, in den bloßgelegten Muskelsträngen und Sehnen.

Die Flammen loderten an der Stelle, wo das Tor zu Mariaschnee sein musste. Maris Herz stolperte, schien nicht Blut sondern Eiswasser in ihre Adern zu pumpen. Und dann sah sie es – ein Ungeheuer, ein Höllenbiest, lucifa leibhaftig: Schwarz, pelzig, gewaltig, hoch wie ein Haus, lang und breit wie die Heilige Gruft. Den Bruchteil eines Atemzuges nur sah sie es, dann erlosch das Gleißen, und sie hörte das Ungeheuer nur noch brüllen und näher kommen.

»Weg mit euch!«, schrie sie. »Rettet euch!«

Schatten spritzten auseinander, huschten an Maris vorbei, stolperten ins Unterholz. Maris kniete neben dem Querholz des Baumkreuzes in den Morast, so dicht neben dem Kopf der sterbenden mater, dass deren letzte Wärme über ihr Knie strich. Mit ausgestreckten Armen hielt sie das Schwert vor der Brust. »Es ist nicht der Sohn«, flüsterte sie. »Nicht Alxanatan und schon gar nicht Niawaana. Es ist …«

Sie verstummte, denn die Flammen aus den alten Gemäuern von Mariaschnee warfen das Spiegelbild der Hölle in den Nachthimmel. Seit Anbeginn der Zeit ragten jene Türme in den Gotteshimmel, seit Alxanatan trotzten sie und die Frauen hinter ihren Mauern der Dunkelheit und dem Bösen. Und jetzt …

»Es … es ist …« Die sterbende mater versuchte den Satz zu beenden. »Es ist … lucifa … nicht wahr …« Ihre letzten Worte, danach bäumte sich ihr wunder Körper dreimal auf – jedes Mal schwächer – und dreimal noch riss sie den lippenlosen Mund auf, um nach Luft zu schnappen. Mit dem letzten Atemzug gurgelte ein Strom mit Schaum vermischten Blutes aus ihrem Rachen. Danach erschlaffte sie und blieb für immer still.

Im Lichtschein des Feuers zeichneten sich die Umrisse des Monstrums ab. Welch metallenes, unmenschliches Gebrüll es ausstieß! Es walzte eine Hütte vor dem brennenden Tor nieder, pflügte durch das Feuer in den Klosterhof hinein.

Das war der Augenblick, in dem Maris zum ersten Mal ahnte, dass das Ende nahe war. Mehr als zwei Monde sollten noch vergehen, bis die dunkle Ahnung sich zur unausweichlichen Gewissheit verdichten würde.

 

 

2

Irgendwo südlich von London an der Themse, Ende März 2520

Das Biest zappelte, schlug um sich, warf sich hin und her.

Das Wasser färbte sich schlammig braun, dann rot, schäumte und spritzte. Die Männer brüllten, am lautesten der Druud, obwohl er doch in sicherer Entfernung im seichten Uferwasser stand. Der Lupa neben ihm stemmte seine Vorderläufe ins Wasser und Schlamm und bellte sich die Kehle heiser.

Die Jagdbeute war ein sehr junger Kwötschi, den die Lords im nahen Schilf mit Pfeilen gespickt hatten: Fanlur erkannte es am kleinen Kopf und an der hellgrünen Unterseite.

Ausgewachsene Kwötschis hatten meist einen weißen Bauch.

Selbst nachdem der Grandlord dem Riesenfrosch seinen Spieß in die Flanke gerammt und ihn daran auf den Rücken gedreht hatte, gab das Tier noch nicht auf. Einem Biglord namens Djeymes stieß es den Hinterlauf gegen die Brust, sodass der Arme samt seiner zum Schlag erhobenen Axt im aufgewühlten rotbraunen Wasser verschwand. Ein zweiter Biglord – er bearbeitete den Schädel des Biestes mit einem Kurzschwert – ließ plötzlich die Waffe fallen und griff sich mit beiden Händen an die Kehle: Die Zunge des Kwötschis hatte sich um seinen Hals gewickelt und würgte ihn. Es war Wichaad, der älteste Sohn des Grandlords.

Zwanzig Meter entfernt trieben vier Boote auf dem Fluss.

Sie bildeten einen Halbkreis um die Jäger. Insgesamt acht Bogenschützen standen darin, hatten Pfeile eingelegt und die Sehnen gespannt. Sie zielten auf die Wasseroberfläche, schossen aber nicht. Eine übliche Vorsichtsmaßnahme: Manchmal versuchten Kwötschis einem gefangenen Artgenossen zur Hilfe zu kommen.

Zwei weitere Lords sprangen mit erhobenen Schwertern in die Themse. Einer hieb die Kwötschizunge durch, und Bigload Wichaad taumelte rücklings ins Uferwasser. Die Kinder und Frauen in der Böschung klatschten in die Hände und stampften mit den Füßen auf, um die Jäger anzufeuern. Der Druud brüllte, Wulf bellte, Grandlord Paacival fluchte, und Biglord Djeymes tauchte wieder aus den Fluten auf. Er heulte vor Wut.

Fanlur langte nach einem Ast und schob die Glut unter dem Swaan zusammen; in größter Ruhe tat er das. Was sollte auch er sich in die Jagdszene einmischen? Die Lords waren zähe Burschen, zäher sogar als diese Bestien von Mammutkröten.

Der Albino stand auf, nahm das Tongefäß vom Stein am Rand der Glut und fasste den Spieß. Während er den schon braun gebratenen Schwanenvogel drehte, übergoss er ihn mit dem Sud aus Wasser, Steinsalz, Waldkräutern und Honig.

Zischend verdampfte Flüssigkeit in der Glut. Ein Stück Hals und der Kopf des Swaans lösten sich aus der Schlinge, mit der sie am Körper festgebunden waren, und baumelten in die Glut hinunter. Fanlur stellte den Krug ab. Mit dem Brateisen hielt er den Kopf fest, mit einem Schwert schnitt er ihn ab. Er fiel in die Glut.

Der Applaus am Ufer schwoll an, Druud Alizan und Paacival brüllten nicht mehr, sondern lachten jetzt. Fanlur sah, wie sie den Kwötschi aus dem Wasser zerrten. Dessen Rachen öffnete und schloss sich nach letzten vergeblichen Atemzügen schnappend, seine Vorderläufe zuckten noch ein wenig, doch er hatte schon aufgegeben. Na also. Im Schneidersitz ließ Fanlur sich wieder am Rande der Glut nieder.

Die Luft war mild und feucht. Fanlur trug einen langen Mantel aus dunkelbraunem Wakudaleder, dessen Kragen und Säume mit anthrazitfarbenem Taratzenfell besetzt waren; ein Geschenk seines Vaters. Ebenfalls neu und ein Geschenk von Sir Leonard waren die pelzbesetzten schwarzen Stiefel. Sein langes, fast weißes Haar hatte Fanlur sich mit einem schwarzen Tuch aus der Stirn gebunden.

Seit er wieder ein freier Mann und in Britana war, fühlte er sich manchmal auch innerlich wie neu; manchmal.

Fanlur gehörte zu den Männern, denen es schwer fiel, sich von vertrauten Waffen, Werkzeugen oder Kleidern zu trennen.

Doch die Monate am Kratersee, die Kämpfe auf dem Rückzug nach Westen und vor allem die mörderischen letzten Wochen in der Sklaverei hatten seine Ausrüstung und seine Kleidung verschlissen; und beinahe auch ihn selbst.

Er beugte sich nach vorn, streckte den Arm nach dem Spieß aus, wendete den Swaanenbraten um eine viertel Drehung. Der Bratenduft trieb ihm das Wasser auf den Gaumen. Am Themseufer standen Paacival und seine Leute um den erbeuteten Kwötschi herum und palaverten. Wahrscheinlich stritten sie, ob sie ihn schon hier oder erst im Lager schlachten und essen sollten. Im Lager gab es erheblich mehr hungrige Mäuler; ein Argument für die erste Variante.

Fanlur verzog das Gesicht. Krötenfleisch – widerlich!

Ja, länger als ein Jahr war es her, dass er London verlassen hatte, um Timothy Lennox‘ Hilferuf zu folgen und mit Dave Mulroney und den beiden Fischmenschen Lotraque und Lorem in den fernen Osten an den Kratersee zu reisen, an den Einschlagort des Kometen. Er rechnete nach: vierzehn Monate waren es genau; vierzehn harte Monate.

Die Lords schienen sich geeinigt zu haben. An Seilen schleiften sie den Kwötschi zu einer der knorrigen Weiden am Rande des Schilfs. Der Lupa sprang zwischen ihren Beinen herum, kläffte und schnappte nach den Schwimmfüßen des Riesenfrosches. Von den Verletzungen, die er sich als rettender Bote nach Salisbury zugezogen hatte, war nichts mehr zu bemerken.

Biglord Djeymes warf ein Seil über einen Ast, daran zogen sie das Tier hoch. Also doch: Schlachtung an Ort und Stelle.

Fanlur pfiff durch die Zähne. Wulf warf sich herum, stellte die Ohren auf, hörte auf zu kläffen und lauschte. Ein zweiter Pfiff, und in großen Sprüngen setzte der Lupa durch das Ufergras. Am Feuer neben seinem Herrn ließ er sich nieder.

»Nichts für dich, dieses ekelhafte Krötenfleisch.« Mit der Linken kraulte Fanlur seinen vierbeinigen Gefährten im Nacken, mit der Rechten deutete er auf den Braten. »Hab noch ein Weilchen Geduld, mein Freund, dann teile ich den Swaan mit dir.«

Der Lupa raunzte, als verstünde er, und es klang so tief und rau wie das Blöken eines jungen Wakudastieres. Fanlurs Blick fiel auf Wulfs Ohr. Ein Mediziner der Community Salisbury hatte die Tätowierung wieder entfernt, die Botschaft, die ihm und Mulroney das Leben gerettet und die Freiheit beschert hatte. »Mein kluger, mutiger Freund.« Er klopfte dem Lupa gegen die Flanken. Ohne ihn hätten Dave Mulroney und er noch immer auf der verdammten Meera-Insel festgesessen.

»Überlass das stinkende Fleisch diesen struppigen Barbaren.«

Er blickte hinüber zu der Weide, wo sich eine Menschentraube um das kopfüber aufgehängte Tier drängte.

Fanlur mochte die Lords, vor allem den Clan des Biglords Paacival. Seit die Communities und die Barbaren ein Bündnis geschlossen hatten und zusammen arbeiteten, bewegten sie sich wie selbstverständlich am Themseufer, in den Ruinen Londons, sogar in der Gegend der Houses of Parliament und auf den vielen Baustellen, die es dort seit einigen Wochen gab. Er schätzte ihren Mut, ihren derben Humor und ihre Kampfkraft.

Nur ihre Essgewohnheiten und ihre religiösen Sitten – sie pflegten Orguudoo Menschen zu opfern – stießen ihn ab.

Er hörte den greisen Druud schreien und sah die Leute zurückweichen. Eine Schwertklinge blitzte kurz über den Köpfen auf, dann folgte das hässliche Geräusch zerreißenden Fleisches, und gleich darauf klatschte etwas Schweres auf den Grasboden. Wulf sprang auf und bellte. Fanlur rümpfte die Nase und drückte seinen weißen Gefährten zurück auf den Boden.

Acht Wochen war es nun her, dass sie zurückgekehrt waren.

Lennox und Marrela hatte er kaum gesehen seitdem. Irgendwo auf dem Festland waren sie mit einer EWAT-Crew der Community London unterwegs, auf der Suche nach Verbündeten. Alles stand im Zeichen des bevorstehenden Krieges gegen die Yandamaaren.

Auch der Amerikaner, Mr. Darker, war nicht mehr in London. Vor einigen Tagen war er mit neuen Forschungsergebnissen rund um das Immunserum nach Prag aufgebrochen. Von dort sollte es weiter nach Moskau gehen.

Darker war die treibende Kraft hinter den Bemühungen, die auf lange Sicht sterilisierende Wirkung des Serums zu tilgen.

Vermutlich, weil es aus seinem Blut gewonnen wurde. Wer trug schon gern die Schuld daran, dass die Bunkerleute zwar wieder ungefilterte Luft atmen konnten, dafür aber mit der nächsten Generation aussterben würden?

Der Weltrat in Washington, der das Serum seit über dreißig Jahren nutzte, stand bereits dicht davor. Denen zu helfen war allerdings nicht Mr. Darkers Bestreben, hatte er doch über lange Jahre mit seiner Rebellengruppe, den »Running Men«, gegen die amerikanische Regierung gekämpft.

Und Dave? Der Astrophysiker aus der Vergangenheit hielt sich die meiste Zeit in der Community London auf – die Queen beanspruchte ihn, und das nicht nur als Berater für zahlreiche Bauprojekte.

Er selbst, Fanlur, streifte meistens zwischen Salisbury und London durch die Wälder oder am Ufer der Themse entlang.

Wohin gehörte er nun? Nach Salisbury? Schon möglich.

Nach London? Seit wann das? Oder in die Wildnis? Schon eher. Oder doch nach Coellen, wo er den größten Teil seiner vierundfünfzig Jahre verbracht hatte? »Du bist ruhelos«, hatte sein Vater gesagt, und Recht hatte er.

»Eine woom«, krächzte es plötzlich vom Schlachtplatz her.

»Eine woom, eine woom!« Fanlur fragte sich, was jetzt wieder los war. Woom bedeutete im Dialekt der Lords Frau – doch mindestens ein Dutzend Frauen hielt sich am Schlachtbaum auf. Paacival drehte sich um und winkte. »Hea zu uns, Fanlua, hea zu uns!«

Fanlur lächelte und stand auf. Weil sie aus irgendeinem Grund kein R aussprechen konnten, nannten sie ihn Fanlua.

Neben seinem Lupa schritt er zum Schlachtplatz.

Es gab nicht viel Grund zum Lächeln in letzter Zeit für den Albino. Wenn er über die ungeheuerlichen Dinge grübelte, die vom Kratersee aus auf die Menschheit zukamen, schnürte es ihm das Herz zusammen. Nun, wenigstens hatte er sich mit Timothy Lennox versöhnt, was Marrela anbelangte. Die hübsche Barbarin hatte sich für den Piloten aus der Vergangenheit entschieden, und Fanlur hatte es endlich akzeptiert.

Akzeptieren müssen. Auch wenn es ihm schwer gefallen war.

Die Lords öffneten eine Gasse, um ihn zu Alizan und ihrem Grandlord durchzulassen. Einige grinsten ihn an, Grandlord Paacival feixte gar, als hätte sein Druud ihm gerade einen schmutzigen Witz erzählt. Hatte er aber nicht. Vielmehr stand Druud Alizan leicht vornüber gebeugt und die Hände auf die Knie gestützt und beäugte das aus dem geöffneten Kwötschileib herausquellende Gedärm.

»Er sieht eine woom«, feixte der massige Paacival. »Eine woom für dich, Fanlua.«

Fanlur begriff: Aus dem Kwötschigedärm weissagte Alizan die Zukunft. Auch eines dieser unappetitlichen Rituale der Lords. »Ich? Eine Frau?« Der hochgewachsene Albino rang sich ein Grinsen ab. »Blödsinn!« Kurz dachte er an Marrela, und ein leiser Schmerz loderte in seiner Brust auf, aber dann stellte er sich wieder der Realität.

»Doch, Fanlua, doch!«, krächzte der Greis. »Lassen Ganzmond veagehen. Noch voa de next wiast du de woom deines Lebens begegne! Yea!«

 

 

3

Dysdoor, März 2520

Hundertzwanzig Schritte trennten die bunte Schar noch von der Zeltkuppel, und dennoch wagte schon jetzt keiner mehr zu reden. Nicht einmal Getuschel hörte Haynz hinter sich. Und das war gut so. Dem Zelt hatte man sich nicht anders als in größter Andacht und Ehrfurcht zu nähern. »Jawoll!«, raunzte er vor sich hin, womit er sich befremdete Blicke seines Adjutanten und der beiden Jungfrauenträger einhandelte. Der Hauptmann von Dysdoor ignorierte sie.

Haynz war klein und ziemlich dick; dazu kahlköpfig, wie alle Dysdoorer Männer im waffenfähigen Alter. Ihm unfreundlich gesonnene Lästermäuler – solche gab es vorwiegend im nahen Coellen – bezeichneten Haynz gern als wandelndes Fässchen.

Zur Feier des Tages hatten seine Frauen ihm die grünen Hosen und den grünen Umhang gewaschen. Jedes Stück Haut an ihm, das nicht grün verhüllt war, hatte er sich mit fettiger roter Farbe eingeschmiert. Auch seine achtundneunzig Krieger, die den Festzug an diesem Morgen begleiteten, trugen frisch gewaschenes Tuch – gelb. Auf seine Anweisung hin hatten sie die schwarze Farbe der Kriegszeit angelegt. Die etwa dreihundertsiebzig Frauen hinter ihm waren bis über die Nasen in rote, blaue und grüne Tücher gehüllt.

Die Kinder hatten die Dysdoorer an diesem Vormittag übrigens in ihren Pfahlhütten am Fluss eingesperrt. Ein Befehl des Hauptmanns, und die meisten stimmten ihm zu, denn Kinder mussten nicht alles sehen und hören, was es in letzter Zeit in den Ruinen Dysdoors zu sehen und zu hören gab.

Etwa achtzig Schritte vor der silbernen Kuppel blieb Haynz stehen und hob seine fleischige Rechte. Der Festzug hielt an.

Haynz drehte sich um. »Kniet nieder und betet IHN an«, flüsterte er, während er die Arme ausstreckte und beide Zeigefinger abspreizte, sodass sie hinunter auf den zerbröselnden und von frischem Huflattich und Löwenzahn übersäten Asphalt deuteten.

Diejenigen, die verstanden, sahen sich zunächst verlegen an.

In Dysdoor pflegte man eigentlich nicht niederzuknien, geschweige denn zu beten. Doch seit SEINER Ankunft hatte sich allerhand verändert.

»Hurtig!«, zischte Haynz. »Wird‘s denn bald? Knien und anbeten!« Die ersten Krieger und Weiber in seiner Nähe gehorchten, und bald ging ein Rauschen und Rascheln durch die Menge: Alle knieten nieder und begannen vor sich hin zu murmeln.

Alle außer dem Hauptmann, seinem Adjutanten, den Jungfrauenträgern und den Jungfrauen selbst natürlich; die konnten ja nicht knien, weil sie getragen werden mussten.

Haynz warf einen Blick auf die kniende und murmelnde Menge, grunzte zufrieden und wandte sich wieder dem Silberzelt zu. Mit einer Kopfbewegung bedeutete er den drei Männern, ihm zu folgen. »ER wartet.«

Der Hauptmann setzte sich in Bewegung und schaukelte durch Brennnesselfelder und Unkrautgestrüpp, vorbei an blühenden Ginsterbüschen und Gruppen kleiner Birken auf die Lichtung hinaus, wo SEIN Kuppelzelt stand.

Den Alten musste diese Stelle einst ein wichtiger Platz gewesen sein. Viele mit Geröll und Unkrautteppichen bedeckte Straßen führten von hier aus an den Großen Fluss, die von Efeu und wildem Wein eingesponnen Ruinenfassaden standen weit auseinander und waren hoch und breit, und auf dem Platz zwischen Ginsterbüschen, Birkengruppen und Nesseln standen viele moos- und windenbedeckte Eisenpfähle jeden Umfangs und jeder Höhe.

Haynz drehte sich nach seinen Begleitern um. »Schneller!«, winkte er. Die Jungfrauen – Töchter seines Bruders Gleemenz, siebzehn und neunzehn Jahre alt – waren blass, machten große Augen und ehrfürchtige Gesichter. Sie zogen das weiße Tuch um ihre Schultern zusammen. Ihr Haar war abgeschoren.

Fünfzehn Schritte von der Kuppel entfernt überquerte Haynz einen gerodeten, gejäteten und ausgebesserten Straßenstreifen. Er führte aus einem breiten Gebäude, über dessen glas- und türlosem Tor die einst roten Zeichen DB verblassten, und von dort aus über den Platz, und fast schnurgerade durch die Ruinen des Alten Dysdoor und bis zum Pfahldorfviertel hinaus am großen Fluss. Harte Arbeit war das gewesen; lange vor dem Neujahrsfest schon hatten sie damit begonnen.

Bald nach SEINER Ankunft hatte ER Haynz‘ Gastgeschenk in die Tiefen der DB-Ruine bringen lassen und dem Hauptmann auch gleich die Pläne offenbart, nach denen er den Straßenstreifen instand gesetzt wissen wollte.

Sie ließen den seltsam unbewachsenen und relativ glatten und geraden Straßenzug hinter sich. Wenige Schritte vor dem Kuppelzelt blieb Haynz stehen. Er winkte die beiden Jungfrauenträger an sich vorbei. Sein Adjutant zog es vor, eine Art Sicherheitsabstand einzuhalten. Er verharrte am Rande der gerodeten Straße.

Das gelb gewandete Duo schleppte die beiden Jungfrauen an Haynz vorbei. Die Träger schnauften geräuschvoll, und die Frauen stanken nach Knoblauch. Nun, obschon sie zierlich und entsprechend leicht waren, mussten die beiden Männer sie immerhin schon seit dem Aufbruch im Palasthof des Hauptmanns tragen; gut zwanzig Speerwürfe weit, das ging natürlich in die Knochen.

Sie setzten die Frauen auf einem feuchten Teppich ab, der vor der Silberkuppel ausgebreitet war. Das wünschte ER so.

Auch dass sie barfuß kamen, kurz zuvor kahl geschoren, in sehr heißem Wasser gebadet und mit Knoblauchöl eingerieben worden waren und nichts als gekochte und besonders heiß gebügelte Leinentücher an ihren Leibern trugen, entsprach ganz und gar SEINEN Anweisungen.

Die von ihrer Last befreiten Träger huschten wieder an Haynz vorbei und blieben hinter ihm stehen. Als der Hauptmann in die Knie ging, ließen auch sie und der Adjutant sich zum Gebet nieder.

Es summte seltsam aus dem Inneren des Zeltes. Eine ovale Öffnung bildete sich, dahinter glitzerte ein metallen schimmernder Vorhang in bläulichem Licht. Die Jungfrauen drängten sich aneinander, eine ergriff die Hand der anderen.

Der Vorhang bewegte sich, eine Hand und ein Arm erschienen, beide in goldglänzenden Stoff gehüllt. Die Hand winkte die Jungfrauen zu sich, der Vorhang wurde ein wenig zur Seite geschoben, und für einen Augenblick konnte Haynz SEINEN kräftigen, goldglänzenden Leib sehen.

Die Jungfrauen ließen ihre Leintücher auf den feuchten Teppich gleiten. Nackt huschten sie hinter den Vorhang.

»Bestens«, sagte SEINE Stimme. Dann drehte sich SEINE Hand so, dass die Handfläche nach unten zeigte. Eine knappe Bewegung der Finger gab Haynz zu verstehen, dass er sich zu entfernen habe.

Der Hauptmann wandte sich zu seinen drei Begleitern um.

Er ahmte die Bewegung mit den Fingern nach. Sie gefiel ihm, und sein Adjutant und die Jungfrauenträger verstanden sie auch sofort: Sie hasteten zurück zur knienden Menge. Haynz selbst schritt in die entgegengesetzte Richtung am Kuppelzelt vorbei und setzte sich achtzig Schritte weiter neben das Tor zur DB-Ruine. Danach geschah das Übliche. Zuerst hörte Haynz Stimmen aus dem Kuppelzelt, danach kicherten die Jungfrauen, schließlich quiekte und stöhnte erst die eine und nach ihr die andere. Etwa nach der Zeit, die man zum Häuten einer Wisaau braucht, schob sich die seltsam geformte Tür wieder auf, und die Jungfrauen tänzelten aus der Kuppel. Sie bückten sich nach ihren Tüchern, wickelten sich ein und hüpften kichernd zu ihren Leuten am Rande des großen Platzes.

Kurz darauf jedoch geschah etwas Unübliches, etwas, das heute zum ersten Mal geschehen würde. ER hatte Haynz darauf vorbereitet, und das war der Grund, warum Haynz saß, wo er saß und wartete.

Denn jetzt bildete sich in der dem Platz abgewandten Kuppelseite eine Luke. ER trat ins Freie und kam geradewegs auf den Hauptmann zu. Haynz erhob sich ächzend. Er sah nicht viel von SEINEM goldglänzenden Leib – ein schweres dunkelblaues Tuch bedeckte IHN bis zu den Knien; selbst SEINEN kugelrunden Kopf verhüllte es fast vollständig.

»Unser Anblick ist für sie nur schwer zu ertragen«, hatte ER gleich nach SEINER Ankunft gesagt.

ER ging an Haynz vorbei und schien ihn nicht einmal zu bemerken.

»Könnt Ihr den guten Haynz nicht mitnehmen? Bitte.« Der Hauptmann legte die Handflächen zusammen, wie die Coelleni es taten, wenn sie zu ihren Göttern beteten.

ER befand sich bereits drei Schritte im Inneren der DB-Ruine. Dennoch blieb ER stehen, allerdings ohne sich umzuwenden. »Das würde er möglicherweise nicht überleben«, sagte SEINE dunkle Stimme in jenem feierlichen Tonfall, der Haynz von Anfang an bis in die Haarspitzen hatte erschauern lassen.

»O, ich bin stark, HERR, ja, der Hauptmann bin ich!«

Haynz wagte sich einen Schritt weit in das Halbdunkel der Halle hinein. »Und ich möchte es doch so gerne lernen, HERR, ja, das möchte ich.«

»Na gut«, sagte ER. »Verschaffe er uns morgen zwei Frauen, die in der Liebe bewanderter sind als die kichernden Küken; eine morgens und eine abends. Und mit der Zweiten bringe man uns ein frisches Fass Coelsch. Dann werden wir über sein Ansinnen nachdenken.«

Das Herz des fetten Hauptmanns machte einen Sprung, und ER schritt in die alte Halle hinein.

So schnell seine kurzen Füße ihn trugen, rannte Haynz zu seinen Leuten zurück, zu seinem Volk von Dysdoor, wie er zu sagen pflegte. Sie knieten noch immer, starrten ihm aber neugierig entgegen statt zu beten. »In die Ruinen, los, los!«

Wieder irritierte Blicke; keiner außer dem Hauptmann wusste ja, was bevorstand. »Hört ihr nicht, was der gute Haynz sagt? Weg mit euch! In die Ruinen! Gleich geht‘s los! Hurtig!«

Schon erhob sich aus der DB-Ruine ein gewaltiges Röhren und Dröhnen. Viele Dysdoorer bekamen es derart mit der Angst, dass sie aufsprangen und statt in die nächstbeste Ruine Richtung Pfahldorf rannten. Ein paar auf der gerodeten und instandgesetzten Straße.

»Seid ihr denn besoffen?«, brüllte Haynz. »Runter von der Straße, sag ich! Rein in die Ruinen!«

Einige gehorchten, andere waren viel zu panisch. Der Lärm aus der Halle erreichte einen schier unerträglichen Pegel.

Haynz selbst und Arwyn, sein Adjutant, sprangen in eines der riesigen und nur noch teilweise verglasten Fenster. Dort wucherten Winden und Brennnesseln zwischen umgestürzten und bemoosten Nachbildungen menschlicher Körper. Haynz und Arwyn warfen sich auf die Bäuche und starrten hinüber zum Hallentor.

Seltsames grelles Licht erfüllte plötzlich das Innere der großen DB-Ruine, Rauch quoll heraus, und das Dröhnen und Röhren näherte sich rasch. Haynz und Arwyn pressten ihre Hände auf die Ohren.

Dann schoss ein eiserner Feuervogel aus der Halle, rauschte entlang der neuen Straße über den Platz und raste zwischen den alten Ruinen Richtung Fluss davon.

Haynz sprang aus dem großen Fenster, rannte zur gerodeten Straße, spähte dem Feuervogel hinterher. Es war der schönste aus seiner stattlichen Sammlung, ein Saab 40 Viggen. Und gleich würde er ihn zum ersten Mal fliegen sehen! Nur noch Umrisse hinter einer Feuerkugel konnte er erkennen, sein Gedröhne und überirdisches Gefauche erfüllte die Ruinen von Dysdoor.

Aus allen Löchern und Schlupfwinkeln kamen die Krieger und Weiber herbei geeilt. Sprachlos starrten sie die gerodete Straße hinunter. Das Dröhnen entfernte sich. »Boali!«, stöhnte ein Krieger namens Krautz. »Wohin geht ER?«

»ER geht nirgendwo hin, Taratzenkopf! Er fliegt wo hin!«

Das Dröhnen und Röhren näherte sich wieder, und auf einmal tauchte der Feuervogel über den Ruinendächern auf und brauste über den Platz. Alle warfen sich auf den Boden und schrien. Nur Haynz nicht – sehnsüchtig reckte er den Hals und sah den Feuervogel Richtung Mittag davonfliegen.

 

 

4

Chraaz, am 8. Tag des 2. Mondes des 508. Winters nach Alxanatan

Lange blieb es stumm, bis es im ersten Morgengrauen sein Brummen, Rasseln und Brüllen erneut erhob. Die Furcht schnürte Maris die Kehle zu. Doch das Ungeheuer entfernte sich rasch. Bald verlor sich sein Getöse Richtung Sonnenuntergang.

Doch noch nicht das Ende? Sollten sie noch einmal davon gekommen sein? Maris verbot sich die Hoffnung.

Der Regen nahm zu, wurde zur wahren Flut, als hätte sich der Höchste Sohn selbst des brennenden Klosters erbarmt und die Schleusen seines Himmels geöffnet. Das Feuer erlosch allmählich.

Maris kniete im Winkel zwischen Querholz und Kopfstamm. Der Regen drang längst durch ihren Mantel bis auf ihre Haut. Ihre Knie waren im morastigen Waldboden versunken. Ihr langes Haar klebte wie feuchtes Stroh an ihrem Kopf, in ihrem Pelz, auf ihren bleichen Wangen. Mit klammen Fingern hielt sie den Griff ihrer gegen das Querholz gestemmten Klinge umklammert. Hellwach spähte sie in den Regenschleier. Sie konnte das Ungetüm nirgends mehr sehen.

»Gerettet …« Endlich konnte sie es fassen. »Dank dir, Höchster – wir sind gerettet!«

Im Buschwerk schlichen ein paar Gestalten zwischen den Hütten herum. Drei besonders Mutige pirschten sich an das Kloster heran. Über dem Gemäuer dort schwebten Rauchschwaden. Der Regen drückte sie auf Zinnen und Dächer herab.

»Dank dir, Höchster!« Maris senkte den Blick. Regen klatschte auf Fetzen geronnenen Blutes in den Augenhöhlen und zwischen den Zähnen der mater. Sie war tot, lange schon.

Hinter sich hörte Maris Atemzüge und Zähneklappern. Sie drehte sich um. Die sehnige Gestalt einer sehr jungen Schwester hockte hinter ihr am Ende des Längsstammes, blond und nass wie Maris selbst. Sie stützte ihre Stirn gegen den Knauf ihres in den Morast gebohrten Schwertes.

Maris musste lächeln. »Hast du mit mir gewacht, kleine Naryma?« Scheu lächelte die andere zurück. Sie nickte hinter ihrem Schwertknauf. Maris sah, dass die andere am ganzen Körper zitterte. Ihre Zähne schlugen gegeneinander. Gerade sechzehn Winter zählte Naryma; zum letzten Geburtsfest erst hatten die Schwestern sie in den innersten Zirkel des Ordens aufgenommen.

»Lass uns gehen und sehen, was es war, das uns heimsuchte.« Maris stand auf. »Lass uns gehen und dem Höchsten danken!« Ihre Glieder waren steif. Das Schwert über die Schulter gehievt, stelzte sie durchs Unterholz.

Naryma huschte an ihre Seite. »Es ist vorbei«, flüsterte sie.

»Was immer es gewesen ist, der Höchste Sohn hat es vertrieben.« Mit der Faust schlug sich das Mädchen gegen Stirn, Schultern und Brust und stieß gleichzeitig ihre Klinge nach oben ins regenschwere Geäst der Buchen.

Auf dem Prozessionspfad stapften sie dem nahen Waldrand entgegen. Unterholz und Bäume lichteten sich, die Umrisse erster Hütten schälten sich aus Halbdunkel und Regenschleiern.

Aus Erdlöchern voller Wasser und Schlamm krochen kahlköpfige ministratos. Einzelne Schwestern und ministricis kletterten von Bäumen und befreiten einander aus Gebüschen.

Als Maris und Naryma aus dem Wald traten, folgten ihnen bereits an die dreißig durchnässte und schlammverschmierte Männer und Frauen.

Maris blieb stehen und drehte sich nach ihnen um. »Was habt ihr hier zu schaffen?«, herrschte sie den Obersten der Kahlköpfe an. »Los, zum Kreuz. Bringt die mater zur Heiligen Gruft!« Und mit Blick auf die älteste der nackten ministricis sagte sie: »Überwacht sie. Bereitet alles für die Bestattung vor. Danach kommt zum Haus des Sohnes, auf dass wir dem Höchsten gemeinsam danken.«

Die Nackten und die Glatzen liefen in den Wald zurück. Nur vier Schwestern blieben bei Maris und Naryma. »Auf dass wir dem Höchsten gemeinsam danken«, echote eine von ihnen.

»Ja, om, ja, amen!«

 

 

5

Vorbei an Hütten, Äckern und Pfützen groß wie Teiche setzten sie ihren Weg zum Kloster fort. Hinter Rauchschwaden und Regenschleiern verwandelten sich gewaltige Schatten in Türme und Gemäuer. Wieder schlossen sich ihnen Frauen und Kinder und Glatzen an. Aus allen Richtungen spuckten Regen und Dunkelheit sie aus. Sie tuschelten miteinander: »Was war das? Woher kam es? Wohin ging es? Wer hat es gesehen?«

»Ein Drache«, sagte eine alte Schwester. »Es war ein Drache, ich schwör‘s.«

»Konntest du ihn von Nahem sehen?«, fragte Maris.

Die Alte blieb stumm, doch eine ministrice schlug sich an Stirn und Brust und rief: »Nix Drachen! Es waren die wilden Reiter aus dem Osten! Sie haben sich einen Wagen aus Eisen gebaut!«

»Einen Wagen, der Feuer husten kann?«, höhnte die alte Schwester.

»Wie sollten diese Hohlköpfe einen Wagen zustande bringen?«, widersprach auch einer der Glatzen, und andere behaupteten, sie hätten lucifa auf einem Höllenwurm reiten sehen. »Ja, lucifa höchstselbst!«, bestätigte Rimaya, und einige Glatzen brummten zustimmend: »Om, om, om!«

So ging das hin und her, bis alle vor einem verwüsteten Anwesen stehen blieben. Viel konnten sie nicht erkennen, dazu war es noch zu dunkel, aber jeder sah den niedergewalzten Zaun, die aufgewühlte Erde und die zersplittert in die Dämmerung ragenden Balken und Bretter zweier Holzhaufen, die vor Kurzem noch Menschen Dach und Zuflucht geboten hatten.

Das Palaver verstummte für ein paar Atemzüge; bis eine Frauenstimme zu flüstern begann. »Wer richtet solche Zerstörung an?« Wieder war es Rimayas Stimme. »Wer außer lucifa, frage ich euch?«

Details

Seiten
126
Jahr
2020
ISBN (eBook)
9783738947366
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2020 (November)
Schlagworte
zeitalter kometen lennox kampf domstadt

Autor

Zurück

Titel: Das Zeitalter des Kometen #25: Lennox und der Kampf um die Domstadt