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Die lange Fährte

2020 119 Seiten

Leseprobe

Table of Contents

Die lange Fährte

Copyright

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Epilog

Die lange Fährte

Wildwestroman von Heinz Squarra

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 119 Taschenbuchseiten.

 

Ben Wayne bricht aus dem Gefängnis aus und plant schon den nächsten Coup. Dazu gehört auch, seinen Kumpel Hudson aus dem Zuchthaus zu befreien. Aber schon setzt sich der Texas-Ranger Jim Hollister auf seine Spur. Allerdings hat Wayne immer wieder verteufeltes Glück und kann dem Ranger entkommen. Der gibt jedoch nicht so einfach auf.

 

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

Alfred Bekker

© Roman by Author / Cover: Nach Motiven mit Steve Mayer, 2020

© dieser Ausgabe 2020 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

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1

Von Midland führte der Schienenstrang der Western-Pazifik bis herauf nach Westbrook. Von Austin, der texanischen Hauptstadt, kam er herunter bis Colorado-City. Zwischen Westbrook und Colorado City aber lag ein langgestreckter und sehr hoher, aber nur wenig breiter Höhenzug, der jedes weitere Vordringen verhinderte. Für die Eisenbahn bedeutete dies einen Umweg von nicht weniger als achtzig Meilen. Die Direktstrecke hingegen würde nur fünfzehn Meilen betragen, der Höhenzug war sogar nur vier Meilen stark. Kühne Ingenieure kamen auf den Gedanken, einen Tunnel durch den Berg zu sprengen. Und mit amerikanischer Geschwindigkeit gingen sie sofort an dieses Werk. Da sich aber im Rinderland Texas fast keine Arbeitskräfte zum Tunnelbau fanden, waren sie gezwungen, auf fünfzig Strafgefangene zurückzugreifen.

Ins Gestein fraßen sich die Bohrer, und in die Lungen der Staub. Schwitzend und fluchend kämpften sich die Gefangenen in die Granitwand hinein. Schon vier volle Monate dauerte diese aufreibende Arbeit.

Hinter den Gefangenen standen die Aufseher.

Ganz vorn an der Wand standen Ben Wayne und Larry Hudson nebeneinander. Ihre grauen Hemden waren zerrissen, ihre Gesichter glänzten vor Schweiß. Eine meterlange Kette verband sie miteinander. Wayne war ein großer, klotziger Bursche mit mattschwarzen Haaren. Hudson war etwas kleiner, aber ebenso breit. Sein Haar war brandrot.

Gerade zog Wayne seinen Bohrer zurück. Er blickte über die Schulter zu den Aufsehern hin, die zehn Meter hinter ihnen standen und jeden der Gefangenen mit Argusaugen bewachten. Doch alles konnten sie nicht sehen, denn die Lampen waren spärlich und der Staub gewaltig.

Wayne wandte sich Hudson zu und sagte: „Heute wagen wir es, Junge. Nach der Sprengung.“

Dann stemmte er seinen Bohrer gegen eine andere Stelle der Wand und arbeitete verbissen weiter.

Eine halbe Stunde später war es soweit. Die Gefangenen mussten zurück. Der Schießmeister kam vor und stopfte Dynamitpatronen in die Löcher. Er hing lange Zündschnüren daran und füllte die Bohrungen mit lockerem Sand zu, den er festklopfte.

Hundert Meter weiter hinten standen die Zuchthäusler. Sie hockten hinter Steinen und warteten.

Bald kam der Sprengmeister zurück.

„Volle Deckung!“, schrie er.

Auch die Aufseher duckten sich an der Wand zusammen. Eine ohrenbetäubende Explosion raste durch den Stollen. Rauch und Steine kamen von der Wand. Es krachte und prasselte im Berg.

Dann gingen die Gefangenen erneut vor. Wayne und Hudson machten die Schiene frei, auf der sie eine kleine Lore nach oben schoben. In der Lore hatten sie eine Hacke, die Wayne seit Tagen in einem Felsspalt versteckt gehalten hatte.

Der Qualm war jetzt noch so dicht, dass sie weder die weiter hinten arbeitenden Häftlinge sehen konnten noch die Aufseher.

Wayne schnappte blitzschnell die Hacke aus dem Wagen. Er stellte sein angeschmiedetes Bein so, dass die Kette straff über einen Stein gespannt war. Mit kräftigen Schlägen donnerte er die Hacke auf die Kette. Fünf wuchtige Schläge – und schon brach ein Glied auseinander.

Noch immer stand der Tunnel voller Rauch, gegen den die Lampen vergeblich ankämpften. Wayne sprang in die Lore.

Hudson bückte sich und lud Steine in den Wagen, die er gerade heben konnte. Sie verklemmten sich in der spitz zulaufenden Lore, sodass sie nicht auf Wayne lagen. Noch nie hatte Larry Hudson so schnell eine Lore beladen. Er schob sie los und rief: „Achtung! Weg frei!“

Auf dem leicht abfallenden Schachtboden donnerte die Lore dahin. Vorbei an den übrigen Gefangenen – vorbei an den Aufsehern.

Hudson blickte ihr eine Weile nach. Er wusste, was in wenigen Minuten unweigerlich geschehen musste. Yeah, er wusste es genau. Man würde ihn schnappen und abführen. Er würde in die Strafanstalt Huntsville zurückgebracht werden. Aber Wayne würde ihn herausholen – well, er hatte es fest versprochen. Eine hochgeworfene Münze hatte entschieden, wer die Flucht unternehmen sollte.

Unterdessen jagte die Lore vom aus dem Schacht. Wayne, der unter den großen Steinen lag, sah die Sonnenstrahlen in sein Versteck irren Er lag ruhig und lauschte. Hundertmal hatte er diese Flucht im Geiste durchexerziert. Jetzt quietschten die Räder um eine Kurve. Er wusste, dass er nirgends unbeobachtet war. Es kam alles darauf an, dass er sich an der richtigen Stelle befreite,

Wieder ging es um eine Kurve und da begann Wayne zu zählen. „Eins … zwei … drei … vier … fünf …“ Er stemmte die Hände hoch und feuerte mit unheimlicher Anstrengung den größten der Steine aus der Lore. Gleich darauf hatte er zwei andere heraus und konnte, sich aufrichten, In dieser Sekunde jagte der Erzwagen über eine Brücke. Dreißig Meter tiefer schäumte der Colorado River durch sein wenig breites Bett. Ein kühner Sprung – er segelte durch die Luft wie ein riesiger Vogel – und klatschte ins Wasser.

Über sich horte er einen Schrei und dann das Knattern von Schlissen. Rechts und links von ihm zischten die Geschosse ins Wasser, aber die Strömung riss ihn mit sich fort.

Er schrammte gegen Klippen und wurde über tosende Fälle gerissen. Der Fluss wurde breiter und sein Lauf ruhiger.

Der Verbrecher trieb fast eine volle Stunde so dahin. Da tauchte ein Gehölz auf, das der Fluss durchschnitt. An einer Biegung wurde Wayne an Land gespült, Er zog sich unter Büsche und blieb entkräftet liegen. Nach seiner Berechnung musste er sich mindestens zehn Meilen vom Tunnelbau entfernt haben. Er hoffte, dass die Verfolger vorher umkehren würden. Immerhin war eine Verfolgung sehr schwierig, Für Boote war der Lauf des Colorado River durch die Berge ungeeignet. Das Ufer konnte aber nicht an allen Stellen erreicht werden. Er glaubte, dass seine Verfolger ihn in den Bergen vermuteten und dort suchen würden, während er längst im Tal war.

Mit dieser Beruhigung schlief er ein.

 

 

2

Ben Wayne erwachte nach zwei Stunden, Er fühlte sich etwas kräftiger, aber in seinem Magen wühlte der Hunger, Er richtete sich auf und schlich durch den Wald. Die Kette an seinem rechten Bein schleifte er nach.

Bald kam er an einen Weg und hielt an. Ich brauche eine Waffe, dachte er, und ein Pferd – und ich brauche schnellstens andere Kleider. Er blickte nach rechts, dann nach links, doch er konnte nicht viel sehen, denn der Weg bog zu beiden Seiten ab und führte zwischen die Bäume.

Drei Stunden wartete er so. Es kam weder ein Reiter noch ein Wagen.

„Es scheint“, murmelte er, „als wäre ich hier in einer unbewohnten Gegend gestrandet.“

Die Nacht senkte sich über des Land. Es war eine dunkle, undurchsichtige Nacht, Wayne lehnte an einem Baum und wartete.

„Einmal muss doch ein Mensch kommen“, sagte er. „Irgendwer muss doch diesen Weg benutzen.“

Und tatsächlich hörte er wenig später Hufschlag, Ein Mann kam langsam den Weg heruntergetrabt und pfiff ein Liedchen vor sich hin, als wäre er hier am sichersten Platz dieser Welt.

Ben Wayne ließ den Mann ganz dicht an sich herankommen, dann schnellte er vor und sprang mit einem Tigersatz am Sattel hoch. Er packte den Reiter mit harter Hand und zog ihn aus dem Sattel.

Der überraschte schrie auf, doch da hämmerte schon eine eisenharte Faust an seine Schläfe, Schlaff sank der Körper ins Gras.

Wayne zog Mann und Pferd zwischen die Stämme.

Zehn Minuten später ritt der Ausbrecher davon. Er trug jetzt Texasstiefel, eine Levis-Hose, ein grellrotes Hemd, darunter ein gelbes Halstuch und darüber eine Wildlederweste. Auf dem Kopf hatte er einen ungekniffenen Stetson. Die Kette an seinem Bein hatte er unter der Hose hochgebunden,

Während er so dahin ritt, durchsuchte er die Satteltaschen. Er fand ein Paket mit Maisbrot, über das er sich heißhungrig hermachte. In den Hosentaschen hatte er schon vierzig Dollar gefunden. Bon Wayne war mit sich zufrieden. Er trabte geradewegs nach Süden.

 

 

3

Um diese Zeit hatte Colonel Houston, der Kommandant der Texas-Ranger in Austin, schon alle Hebel in Bewegung gesetzt. Am Nachmittag war die Meldung von Waynes Ausbruch gekommen. Jetzt suchten seine Kommandos schon die ganze Umgebung nach ihm ab.

Jim Hollister, der sich eben vom Urlaub zurückmeldete, glaubte in ein Gewitter geraten zu sein. Der Colonel wütete auf die Wachkommandos und konnte sich kaum beruhigen. Er hatte eine dicke Akte vor sich liegen und blätterte darin herum. Jetzt schaute er kurz auf, winkte Jim Hollister an seine Seite und fuhr dann mit dem Zeigefinger in den Hemdkragen, als wäre dieser zu eng geworden.

„Ben Wayne ist geflohen“, sagte er gepresst. „Wayne, verstehst du, Junge! Dieser Hochstapler, den wir zwei lange Jahre jagten, bis er uns endlich ins Netz lief. Ich kann die Jury heute noch nicht verstehen, die ihn dafür nicht am Halse hochzog. Er war ein Schuft! Noch eine schlimmere Sorte als die seine gibt es gar nicht.“

Jim nickte leicht.

„Man konnte ihm keinen Mord nachweisen“, sagte er dann sanft. „Normalerweise wäre er aus dem Zuchthaus nie wieder herausgekommen.“

„Normalerweise“, lachte Houston auf. „Er arbeitete in Colorado City beim Tunnelbau. Ich sage dir, es war der größte Blödsinn, ihn aus der Zelle zu holen. Jetzt sind fast dreißig Ranger auf den Beinen. Doch ich habe wenig Hoffnung, dass sie ihn ergreifen. Du wirst sofort nach Colorado City reiten und seine Spur aufnehmen. Diese Nacht fährt ein Materialzug hinauf. Auf diese Art kommst du schnell und mühelos hin.“

 

 

4

Jim erreichte gegen Mittag des folgenden Tages die Baracke des Wachkommandos Colorado City. Die Zuchthausaufseher waren noch ganz durcheinander, als der Ranger bei ihnen eintrat.

Doch Jim erkundigte sich nur nach den näheren Umständen, musste aber erfahren, dass Larry Hudson, der mit Wayne an eine Kette gefesselt war, bereits in Richtung Huntsville transportiert wurde. Da sich Jim von einer Vernehmung Hudsons nichts versprach, beschloss er, sich den Weg nach Huntsville zu sparen.

McLaine, der Lagerkommandant, sagte: „Wir haben die Berge in allen Richtungen abgesucht. Er war nicht zu finden. Jetzt sind noch Leute weiter unten im Tal. Vielleicht ist Wayne auch im Fluss umgekommen. Hier oben ist der Colorado tückisch.“

Der Ranger schüttelte den Kopf.

„Das glaube ich nicht. Ben Wayne ist wie eine Katze. Sie verstehen doch?“

„Ja, schon. Wenn er aber durch unsere Kette gekommen ist, dürfte er verschwunden sein.“

„Vielleicht … vielleicht auch nicht. Wayne ist immer dort gewesen, wo etwas zu holen war. Ich denke, er wird sich kaum geändert haben. Falls hier in der Nähe ein Brocken bereitliegt, wird er ihn schnappen wollen. Er hat die Kette also mit einer Hacke zerschlagen?“

„Yeah. Und Hudson hat ihm ohne Zweifel geholfen. Selbst konnte Wayne sich nicht unter den Steinen verstecken.“

„Ja. Das bringt natürlich gewisse Verpflichtungen mit sich.“

„Das ist mir klar, ganz klar“, sagte der Kommandant. „Und deshalb brachten wir Hudson nach Huntsville zurück. Dort kann ihn Wayne nicht herausholen. Nein, das schafft er nicht.“

Jim nickte, obwohl er von McLaines Meinung nicht überzeugt war. Im Gegenteil, er traute dem aalglatten und gerissenen Wayne noch eine ganze Menge mehr zu. Doch darüber sprach er nicht.

Er sagte nur: „Ben Wayne betätigte sich früher als eleganter Halunke. Er war ein Frauenheld und Hochstapler. Wenn er halbwegs einige tausend Dollar in die Hand bekommt, wird die Sache schwierig. Wir müssen ihn möglichst vorher schnappen. Das ist natürlich schwierig, weil wir keinen Anhaltspunkt haben, wo er den Fluss verlassen haben könnte. Doch ich hoffe, diese Stelle zu finden.“

Jim trat vor die Baracke, als gerade ein eiliger Reiter anhielt. Der Mann, es war ein Wachsoldat, sprang aus dem Sattel und rief keuchend: „Sir, zehn Meilen unterhalb haben wir einen ermordeten Cowboy gefunden. Der Mann war erstochen und total entkleidet. Neben ihm lagen die zerrissenen Kleider Ben Waynes.“

Jim starrte den Mann scharf an. Dann war er schnell bei seinem Rotfuchs, zog die Gurte an und sprang in den Sattel.

„Führen Sie mich zu der Stelle.“

Der Soldat blickte auf Jim, dann auf seinen Vorgesetzten.

McLaine nickte. „Das ist Texas-Ranger Hollister. Führen Sie ihn, Fuller.“

 

 

5

Am Spätnachmittag erreichten sie die Stelle im Wald. Ein Sheriff war mit fünf Mann und einem Arzt bei dem Toten. Der grauhaarige Doc untersuchte die Leiche gerade. Nach einer Weile stand er mit mürrischem Gesicht auf, sah sich im Kreise um und sagte mit faltiger Stirn: „Der Mann ist ungefähr fünfzehn bis zwanzig Stunden tot.“ Danach klappte er seine Tasche zu, ging mit hölzernen Schritten zu einem schmalbrüstigen Klepper und zog sich schwer und steif in den Sattel.

Jim zeigte dem Sheriff seinen Stern. „Kennen Sie den Mann?“, fragte er und zeigte auf den Toten.

„Yeah, es ist ein Boy von Ramsons Ranch.“

„Wissen Sie, wie er bekleidet war?“

„Nein. Doch er hat eine Vorliebe für rote Hemden und grellgelbe Halstücher gehabt. Anders habe ich ihn noch nie gesehen.“

„Das ist schon ganz schön“, lächelte Jim. „Aus welcher Richtung kommen Sie, Sheriff?“

Der Mann zeigte nach Norden.

„Wir sind von Laramie. Begegnet ist uns der Schurke nicht, falls Sie das meinen. Es gibt in dieser Richtung auch keine Wälder mehr, in denen er sich verstecken könnte.“

„Er wird sich also nach Süden gewandt haben, nicht wahr?“

Der Sheriff schnitt eine säuerliche Grimasse.

„Genau weiß ich das freilich nicht. Doch ich würde es annehmen.“

Jim nickte. Er dankte für die Auskunft, schickte dann den Soldaten nach Colorado City zurück und ritt los. Er folgte dem Sandweg in südlicher Richtung. Sein Gesicht war hart und kantig. Wenn ich ihn nicht bald stelle, dachte der Ranger, wird noch mancher unschuldige Mann sterben müssen. Yeah, sterben, denn Ben Wayne zeigt auf seiner wilden Flucht sein wahres Gesicht. Er ist zu einer reißenden Bestie geworden. Diesen Cowboy hat er nur ermordet, um sich einen Vorsprung zu sichern. Und es wunderte den Texas-Ranger, dass Wayne den Weidereiter nicht im Wald verscharrt oder zumindest versteckt hatte. Aber sicher lag ihm eben nur an einem großen Vorsprung. Und bestimmt hoffte er, im weiteren Verlauf seiner Flucht seine Spuren gänzlich zu verwischen. Immerhin war es ein Zufall, dass der Sheriff von Laramie diesen Boy kannte, und es war ein weiterer Zufall, dass eben dieser Junge immer rote Hemden und gelbe Halstücher trug. Und damit hatte Wayne offensichtlich nicht gerechnet.

Zwei Stunden ritt der Ranger über die flimmernde Prärie. Als die Sonne blutrot im Westen versank, hielt er auf einem Hügel und breitete seine Karte aus. Er sah, dass die nächste Stadt Silver hieß, von der er noch zwanzig Meilen entfernt war. Er konnte sie also erst am nächsten Tag erreichen.

Langsam faltete er die Karte zusammen und schob sie in die Satteltasche. Er wollte schon die Zügel des Rotfuchses lockerlassen, als ein Mann mit angeschlagenem Gewehr aus einem Sage-Busch trat.

„Bleib stehen, Fremder!“, rief der Mann scharf. Die Mündung hob sich wenig. „Streck die Finger hoch! Na los, mach schon!“

Jim ließ die Zügel los und hob die Hände zum Himmel. Er musterte den Mann vor sich und war beruhigt. So sah Ben Wayne jedenfalls nicht aus. Das beruhigte ihn. So sah überhaupt kein Strauchdieb aus. Doch das konnte auch ein schwerer Irrtum sein.

Der Mann war hochgewachsen und hatte ein regelmäßiges Gesicht mit kühn vorspringender Nase. Seine Augen waren rauchgrau.

„Benny!“, rief der Mann mit der Winchester über die Schulter, „Komm hervor. Ich habe hier einen Hombre vor der Flinte, der eben eine Karte studierte. Das könnte der Lump schon sein.“

Aus dem Gebüsch schälte sich ein zweiter Mann. Auch dieser war groß und kraftvoll. An der Weste des zweiten Mannes steckte ein silberner Stern, den ein Ring einschloss – das gefürchtete Abzeichen der Texas-Ranger.

Jim atmete hörbar aus. Er hatte es also mit zwei Rangern zu tun, die nach Ben Wayne suchten. Er ließ die Hände schon sinken, als der Mann mit dem Gewehr fauchte: „Lass sie oben – sonst fährst du ab!“

Der zweite Ranger verzog das Gesicht. Jetzt stahl sich ein überraschter Zug in sein Gesicht.

„Luc“, rief er kratzig, „nimm die Flinte weg. Junge, du hast den größten Bock deiner Laufbahn geschossen. Das ist Jim Hollister! Ah, Captain, nehmen Sie es ihm nicht übel. Er hat Sie noch nie gesehen.“

Der Ranger ließ seine Winchester mit einem unterdrückten Fluch sinken.

„Hölle! Entschuldigen Sie, Sir.“

Jim ließ die Hände sinken.

„Macht keinen Auflauf, Männer. Wir folgen der gleichen Spur. Ihr habt Wayne also noch nicht gesehen?“

„Nein.“

„Hm … wie lange wartet ihr hier schon?“

„Seit zehn Stunden ungefähr.“

„War diese Höhe schon vorher besetzt?“

„Nein.“

„Dann ist Wayne schon durch – falls er diesen Weg benutzt hat. Wie weit geht die Sperre noch nach Süden?“

Die beiden Ranger sahen sich einen Moment an, dann sagte der, welcher Jim erkannt hatte: „Soviel ich weiß, ist die Sperre hier zu Ende. Wie aber kommen Sie darauf, Sir, dass Wayne schon durch sein könnte?“

Jim erzählte den beiden Männern von dem Mord. Die Ranger wussten noch nichts davon. Wenig später ritt er weiter. Eines war nun klar. Dem Sperrriegel der Texas-Ranger war der Verbrecher entkommen. Wo aber hatte er sich hingewandt?

Jim beschloss, weiter nach Süden zu halten.

Der Texas-Ranger kannte Ben Wayne, denn er war bei der Jagd, die wenig mehr als ein Jahr zurücklag, mit dabei gewesen. Doch die Monate beim Tunnelbau mochten Wayne sehr verändert haben. Als er damals gestellt wurde, war er ein vornehmer Geck gewesen, der sein Gewicht auf zwei Zentner gebracht halte. Zweifellos hatte er abgenommen. Aber auch im Gesicht musste er sich verändert haben. Das alles war aber fast nichts im Verhältnis zu der Tatsache, dass Ben Wayne eine Art Verwandlungskünstler war.

Wie Jim aus den Akten ersehen hatte, die er während der Bahnfahrt nach Colorado City durchlas, war Wayne schon als Aktionär, Bankfachmann, Rancher und Minenbesitzer aufgetreten. Er war ein Hochstapler, der sein Gesicht und seine Haarfarbe so häufig wechselte wie seine Geschäfte, die nie ehrbar waren.

Und deshalb war Jim so erpicht, ihn möglichst schnell zur Strecke zu bringen, denn er sagte sich: Wenn Wayne erst genug Geld in der Tasche hat, nützt mir das rote Hemd nichts und sein Aussehen wenig. Dann fährt er unter Umständen weit fort und taucht unter.

So ritt der Ranger in die anbrechende Nacht hinein, ohne zu wissen, ob er überhaupt noch auf der Spur des Verbrechers war.

 

 

6

An diesem Abend erreichte Ben Wayne den Hof eines Siedlers, dessen Anwesen er den ganzen Nachmittag von einem Gehölz aus beobachtet hatte. Er hielt an der Tränke, stieg aus dem Sattel und sah sich suchend um.

„Gesehen habe ich hier nur den alten Mann, der jetzt aus dem Stall kommt“, murmelte er vor sich hin. „Wahrscheinlich ist dieser Kerl allein. Es wäre zu wünschen.“

Er ging langsam auf den Mann zu. Dieser Siedler hieß Nagol und war ein weltfremder Mensch. Ben Wayne irrte sich nicht, wenn er annahm, dass der Mann von ihm und seinen Ausbruch noch nichts wusste.

Nagol war zirka fünfzig Jahre alt. Er hatte ein runzliges Gesicht und Hände voller Lassonarben. Er blieb jetzt stellen, musterte den Fremden unter buschigen Brauen und sagte schwer: „Was kann ich für Sie tun, Stranger?“

„Oh, nicht viel, Mister. Wirklich, es ist nur eine Kleinigkeit.“

Wayne grinste hinterhältig, setzte aber in der nächsten Sekunde eine maskenhaft starre Maske auf. Doch der Siedler musste es gesehen haben, denn seine Augen zogen sich noch mehr zusammen.

„Was wollen Sie hier?“, fragte er jetzt scharf und unruhig.

Ben Wayne zog blitzschnell seinen Colt und richtete ihn auf den Mann.

„Nur ruhig, Buddy!“, schnaufte er. Er stemmte sein rechtes Bein auf die Nabe eines Wagenrades und zog die Hose hoch.

Nagol stierte auf die Kette. Kalter Schweiß erschien auf seiner Stirn.

„Du wirst jetzt Werkzeug holen und mir das Ding abschlagen. Weiter will ich nichts – wenn du schweigst!“

„Ich werde …“

Die Coltmündung hob sich zwei Zoll.

„Du wirst Werkzeug holen oder du stirbst. Ich werde dich auf Schritt und Tritt begleiten.“

Da drehte sich der Alte schwer um und lief zum Stall hinüber.

Ben Wayne folgte ihm wachsam und angespannt. Er schaute nach allen Seiten, doch es zeigte sich niemand mehr. Der Siedler schien wirklich allein hier zu wohnen.

Im Stall nahm Nagol einen scharfen Kreuzmeißel und einen Hammer. Wayne richtete den Colt noch immer auf ihn. Er stellte den Fuß auf einen Klotz, auf den der Amboss aufgesetzt war.

Nagol hatte keine Wahl. Doch wie es schien, traute er dem Verbrecher zu, dass dieser ihn nach getaner Arbeit trotzdem erledigen würde. Er suchte krampfhaft nach einem Ausweg, doch es fiel ihm nicht mehr als der lange Colt ein, den er an seiner Seite im Halfter trug.

Mit vier Schlägen hatte der Siedler die mit Leder ausgefütterte Eisenspange abgeschlagen. Sie brach auseinander und ließ sich leicht abziehen. Wayne tat dies mit der linken Hand, während er in der Rechten noch immer die Waffe hielt.

„Das hast du sauber gemacht“, sagte er. „Dafür sollte ich dich am Leben lassen. Doch du kannst mir gefährlich werden. Ich kann es mir nicht leisten, dass in zwei Stunden ein Aufgebot an meinen Fersen hängt. Es tut mir leid, Alter.“

Nagol warf sich mit einem Sprung zur Seite. Die Kugel fauchte wütend an ihm vorbei und knallte in die Stallwand. Er riss seine eigene Waffe aus dem Halfter, doch da schwenkte Wayne seinen Colt schon auf ihn ein und schoss erneut.

Das Projektil fraß sich in Nagols Brust und fegte ihn von den Füßen.

Ben Wayne grunzte böse. Er warf einen abschließenden Blick auf den sterbenden Mann, dann wandte er sich ab. Schnell ging er zu seinem Pferd hinüber, zog es von der Tränke weg und drehte es um.

Zwei Minuten lag der Siedler reglos. Wahnsinnige Schmerzen durchtobten ihn. Er wollte sich aufrichten, doch es ging nicht. Da presste er die Lippen fest aufeinander und schob sich kriechend zur Tür hin. Er erreichte sie, als Wayne gerade sein Pferd in die andere Richtung schob. In der Hand hielt Nagol noch den langläufigen Colt. Zitternd brachte er ihn jetzt hoch und zog durch.

Dann fiel er aufs Gesicht und war tot.

Die Kugel aber traf Ben Wayne in den Arm und wirbelte ihn halb herum. Ein rasender Schmerz durchzuckte ihn, der seinen Arm lähmte. Mit der Rechten streifte er den Ärmel hoch, während er kurz zu Nagol schaute, der sein Leben ausgehaucht hatte.

Was er sah, ließ ihn bleich werden. Das Geschoss hatte am Ellenbogen ein großes Stück Fleisch herausgerissen, und auch der Knochen war nicht verschont geblieben. Blut floss über den Unterarm, lief an den Fingern entlang und tropfte auf den sandigen Boden. Wie ein Gewicht hing der Arm nach unten. Schwindel griffen nach Wayne.

Schwankend ging er zurück und drehte den Siedler auf den Rücken. Er riss dem Toten das Hemd in Fetzen und schlang es um seinen Arm. Dann torkelte er zu seinem Pferd, zog sich bleich in den Sattel und trabte davon.

 

 

7

Ben Wayne war noch nicht über die Hügel und in der Dämmerung verschwunden, als ein Reiter von Osten kam und auf das Anwesen des Siedlers zuhielt.

Dieser Mann war der Postbote aus Silver, der für Nagol einen eiligen Brief hatte. Er sah den Mann, der den Arm seltsam steif nach unten hielt, über die Hügel reiten, beachtete ihn aber nicht weiter. Erst als er den Toten fand, richteten sich seine Augen starr auf die Hügel. Doch der Fremde war verschwunden.

Der Bote hatte es eilig, die Stadt Silver wieder zu erreichen. Da sie aber fünfzehn Meilen vom Hof des Siedlers entfernt war und sein Pferd schon auf dem Hinweg schnell gelaufen war, tauchten die Häuser erst kurz vor Mitternacht vor ihm auf.

Er hielt vor dem einzigen Saloon des kleinen Ortes, in dem um diese Zeit noch Hochbetrieb herrschte. Dort sprang er aus dem Sattel, schlang schnell die Zügel um den Holm und hastete die Stufen empor. Fast wäre er mit einem hochgewachsenen, blonden Mann zusammengestoßen, der im letzten Moment zurücktrat. Dieser Mann war Jim Hollister, der zu dieser Zeit Silver ebenfalls erreicht hatte. Jim hatte es nicht so eilig wie der Postbote. Er ging dem jungen Mann langsam nach und blieb an der Theke stehen. Er blickte zu dem aufgeregt in der Luft herumfuchtelnden Jungen hin, der sich Mühe gab, die Aufmerksamkeit auf sich zu lenken.

Die Bürger von Silver schienen das nach zwei Minuten auch endlich zu bemerken, denn sie blickten in seine Richtung und hielten in ihren Gesprächen inne. Auch das Orchestrion auf der Bühne verstummte.

„Männer“, rief der Junge krächzend, „wo ist Winter? He, wo steckt der Sheriff?“

„Hier!“, gab eine heisere Stimme zurück. Weiter vorn erhob sich ein mächtiger Mann, dessen Mund ein Seehundebart zierte. „Was ist los, Benny, dass du mitten in der Nacht solchen Krach schlägst?“

„Nagol … ich hatte einen Brief für Nagol.“

„Okay, dann reite hinaus und bring ihm den Wisch. Oder soll ich es vielleicht machen?“

„Ich bin schon zurück. Nagol ist ermordet worden.“

Schlagartig war es totenstill im Saloon.

Jim durchzuckte es wie ein elektrischer Schlag. Er fuhr herum, war mit einem Satz bei dem Jungen und wirbelte ihn an der Schulter herum.

„Was sprichst du da?“, rief er scharf. „Wer ist Nagol?“

Der Junge berichtete mit roten Wangen, was er von dem Siedler wusste und vergaß auch den Brief nicht, den er wie einen nutzlosen Gegenstand in der Hand schwenkte.

Jim gelangte zu der Überzeugung, dass irgendein Bandit den Siedler überfallen und vielleicht auch beraubt hatte, doch eine innere Stimme sagte ihm, dass dieser Bandit Ben Wayne hieß. Wie er darauf kam, wusste er selbst nicht.

Er drehte sich auf dem Absatz herum, nachdem er sich nach der Richtung erkundigt hatte, und lief hinaus. Er hatte den Rotfuchs noch auf der Straße stehen.

„Feller, es nützt nichts, wir müssen weiter“, sagte er matt zu dem Tier. Dann zog er die Gurte an und stieg auf.

 

 

8

Die Kette neben dem Amboss nahm Jim den letzten Zweifel. Er untersuchte den Toten, entdeckte, dass dieser eine Kugel verschossen hatte, und sah dann im Morgengrauen die schmale, kaum sichtbare Blutspur, die vom Stall bis zur Tränke führte.

Ben Wayne war also verletzt. Wie schwer mochte diese Verletzung sein?

Jim dachte vorerst nicht weiter darüber nach. Er ging ins Wohnhaus des Siedlers und sah sich hier um.

Es war ein niedriges Haus, das aus zwei Zimmern bestand. Der Ranger erkannte auf den ersten Blick, dass Nagol keine Familie hatte, sondern diese Heimstätte allein bewirtschaftet haben musste. Beide Räume strahlten die Atmosphäre des alleinstehenden Mannes aus. Doch ließ für den Texas-Ranger nichts darauf schließen, dass Ben Wayne in diesem Haus gewesen war. Jim war nun ziemlich sicher, dass der Verbrecher nur auf diesen Hof gekommen war, um sich die Kette abschlagen zu lassen, die ihn bis dahin noch immer als entflohener Sträfling gekennzeichnet hatte.

Und Nagol mochte er lediglich aus Sicherheitsgründen umgebracht haben. Ja, das war ihm schon zuzutrauen. Jim ging wieder hinaus und blieb auf dem Hof stehen. Er sah die wehende Staubwolke, die die Annäherung des Aufgebotes ankündigte.

Es ist eine lange, blutige Fährte, dachte er bitter. Wie viele unschuldige Opfer wird es noch geben, bis Wayne zur Strecke gebracht ist?

Dann ging er zum Stall hinüber und sah sich alles noch einmal genau an. Und nun stellte er auch fest, dass Nagol nicht an der Tür erschossen worden war, wie er anfänglich angenommen hatte, sondern weiter hinten im Stall. Die Schleifspur war deutlich zu sehen, die sein Körper hinterlassen hatte. Jim konnte sich ein ziemlich genaues Bild machen, was hier geschehen war.

Als er den Hof wieder betrat, hielt der Sheriff von Silver mit seinem Aufgebot vor der Tränke. Auch der Postbote befand sich unter den Männern.

Sheriff Winter zog die Augen zusammen, als er den Ranger sah.

„He, Sie da!“, rief er knurrig. „Habe ich Sie nicht in unserer Stadt gesehen?“

„Doch, Sheriff. Sie haben gute Augen. Die Rauchschwaden im Saloon waren ziemlich dick. Junger Freund, kommen Sie mal her.“

Der Ranger winkte den Postboten zu sich heran. Er blickte ihm scharf ins Gesicht und fragte: „Haben Sie den Mörder noch gesehen – oder gar den Kampf?“

„Den Kampf nicht. Doch ein Mann ritt da drüben über die Hügel.“ Der Junge zeigte nach Südwesten.

„War er verletzt? Ich meine, saß er verkrümmt im Sattel?“

Der Junge überlegte einen Moment, dann schüttelte er den Kopf.

„Verkrümmt nicht. Aber sein linker Arm hing nach unten. Es sah fast aus, als könnte er ihn nicht bewegen.“

„Aha. Danke, Freund.“

Der Sheriff trat heran, baute sich wuchtig vor dem Ranger auf und griente ein wenig.

„Stranger“, gurgelte er, „das klingt fast wie ein Verhör. Wer sind Sie überhaupt? Sie kamen zu einem ungünstigen Zeitpunkt nach Silver. Und jetzt sind Sie schon wieder hier. Ich wette …“

„Wetten Sie besser nicht, Sheriff“, unterbrach ihn Jim rau. „Es ist auch besser, wenn Sie keine Mutmaßungen über meine Person anstellen. Es käme nichts dabei heraus. Ich verfolge diese Sache von Amts wegen. Wenn Sie Ihr Protokoll schreiben, dann setzen Sie Ben Wayne als Mörder ein.“

Dem Sheriff hieb es die Luft in die Kehle zurück. Seine Augen wurden starr.

„Ben Wayne ? Den Ausbrecher?“

„Yeah, er ist es gewesen. Er hat sich hier von seiner Kette befreit, die noch immer an seinem Bein hing.“

„Und wer sind Sie?“

Jim griff nach seinem Gürtel, zog etwas aus der Geheimtasche und öffnete die Hand dann vor den Augen des Sheriffs.

Der fünfzackige Stern von Texas funkelte dem Gesetzeshüter in der Morgensonne entgegen. Er stieß einen erstaunten Pfiff aus.

„So ist das also.“

„Vergessen Sie es wieder. Jeder braucht nicht zu wissen, dass ich auf dieser Spur sitze. Es erschwert meine Aufgabe. Sie verstehen?“

„Yeah. Sie können sich auf mich verlassen, Sir.“

Jim nickte. Er ging zu seinem Pferd und ritt weiter. Im Zockeltrab folgte er der Richtung, die der Postbote angegeben hatte.

Der Rotfuchs sah abgetrieben aus und ließ den Kopf hängen. Was er geleistet hatte, war sehr viel. Jim wusste, dass er die Verfolgung bald unterbrechen musste. Wollte er das nicht, musste er das treue Tier zurücklassen und die Verfolgung auf einem Mietpferd fortsetzen. Doch das war gar nicht nach seinem Geschmack.

Nach einer Stunde schob er eine Pause ein. Er hatte noch ein wenig Hafer in einem Sack und auch seine Provianttasche war noch nicht ganz leer. Er hielt am Ufer eines Baches und sattelte den Rotfuchs ab.

Doch kaum eine Stunde später hockte er wieder im Sattel.

 

 

9

Während der Nacht hatte Ben Wayne seine Flucht unterbrechen müssen. Der hohe Blutverlust und die Schmerzen hatten ihn an den Rand einer Ohnmacht gebracht. Gerade besaß er noch die Kraft, das Pferd an einen Ast zu binden.

Doch Stunden später wurde es ihm besser. Ein unruhiger Schlaf hatte ihn ein wenig erfrischt. Er zog sich schwer in den Sattel und setzte seinen Weg fort.

Als die Sonne aufging, sah er vor sich eine Stadt aus dem Boden wachsen. Ein verwittertes Schild hing schief an einem Pfahl und darauf stand:

STERLING CITY.

Mit verkrampftem Gesicht ritt er zwischen die Häuser. Vor dem Mietstall stand ein schmutziger Bengel, der in der Nase bohrte. Wayne hielt an, warf dem Jungen einen Dollar zu und fragte: „Boy, wo wohnt in diesem Nest der Doc?“

Der Stallbursche zeigte die Straße weiter hinauf und sagte: „Im letzten Haus auf der rechten Seite, Mister. Sind Sie verletzt?“

„Ja, es scheint so.“ Wayne trieb sein Pferd weiter. Er hielt vor dem Haus des Arztes, glitt aus dem Sattel und trat durch die Tür ohne vorher anzuklopfen.

Doktor Lee Hopkins war ein alter, gebeugter Mann mit wasserhellen Haaren. Er saß am Frühstückstisch, als der Verbrecher bei ihm eintrat.

Ben Wayne trat dicht an den Arzt heran. Er sah eine ausgebreitete Zeitung auf dem Tisch liegen. Sie war ganz neuen Datums. Auf der Titelseite prangte dem Verbrecher sein Bild entgegen.

So weit ist es also schon, zuckte es durch seinen Kopf. Aber damit war ja zu rechnen. Seine starren Augen machten sich von dem Bild los und schweiften zu dem Doktor weiter. Er sah, dass auch dieser ihn erkannt hatte.

„Sie müssen mir den Arm flicken“, sagte Wayne scharf. Er hielt seinen verwundeten Ellenbogen vor, so dass der Arzt ihn sehen musste.

Lee Hopkins stand mit zitternden Knien auf. Er verschluckte den letzten Bissen Brot, drohte daran zu ersticken und ging dann leicht schwankend zu einem Wandschrank.

Wayne hatte die rechte Hand am Kolben seines Colts liegen. Misstrauisch folgten seine Augen jeder Bewegung des Doktors, der ihn jetzt untersuchte.

„Der Nervenstrang ist halb zerschlagen“, meinte Hopkins sachlich. „Auch den Knochen hat es erwischt. Ich fürchte, ich muss Ihnen eine Narkose geben.“

Wayne schnitt herrisch durch die Luft.

„Das wirst du schön sein lassen, Pflasteronkel! Mir eine Narkose geben und dann den Sheriff holen. Hoh, das könnte dir so schmecken. Nein, bring die Geschichte so in Ordnung. Gib mir ein Stück Holz, auf das ich beißen kann.“

Hopkins zuckte die Schultern.

Details

Seiten
119
Jahr
2020
ISBN (eBook)
9783738947342
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v962114
Schlagworte
fährte

Autor

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Titel: Die lange Fährte