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Mord ist kein Geschäft: N.Y.D. – New York Detectives

2020 103 Seiten

Leseprobe

Table of Contents

Mord ist kein Geschäft: N.Y.D. – New York Detectives

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Die Hauptpersonen des Romans:

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Mord ist kein Geschäft: N.Y.D. – New York Detectives

Krimi von A. F. Morland

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 103 Taschenbuchseiten.

 

Weil der erste Killer seinen Auftrag nicht erfüllt und durch einen dummen Zufall auch noch vom Dach eines Hauses stürzt, muss ein neuer Killer her. Jack Beatty wird von Bud Grandy angeheuert, der den Bankdirektor Clark McDowall umbringen soll. Sein Honorar: 30 000 Dollar!

Doch der Privatdetektiv Bount Reiniger, sowie die Polizeibeamten Toby Rogers und Ron Myers funken dem Killer dazwischen. Der hat jetzt nur noch eines im Sinn: Rache!

 

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

Alfred Bekker

© Roman by Author

© COVER STEVE MAYER

© dieser Ausgabe 2020 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

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Die Hauptpersonen des Romans:

Jack Beatty - kassiert ein stolzes Killer-Honorar, doch dafür muss er mächtig leiden.

Clark McDowall - bekommt auch nach dem Mordanschlag keine Ruhe.

Bud Grandy - braucht dringend Geld für den ganz großen Deal.

Jim Wooley - hat zwar Erfahrung als Krankenpfleger, doch gegen den Messerstich weiß auch er

kein Mittel.

Toby Rogers - steht auf der Abschussliste.

June March - ist Bounts Assistentin und hilft ihm bei seinen Fällen.

Bount Reiniger - ist Privatdetektiv.

 

 

1

Jennys Schmuck war ebenso unecht wie der Kellner. Er trat an den Tisch, an dem Jenny sich mit ihrem Boss, dem Bankdirektor Clark McDowall, angeregt unterhielt.

Der Kellner trug eine Schildpattbrille, hatte dichtes blondes Haar und einen Oberlippenbart. Auf dem Silbertablett in seiner Rechten lag eine Beretta unter der blütenweißen Serviette. Jetzt glitt seine Linke unter das Tuch, die Finger umschlossen die Waffe.

Jenny beugte sich etwas vor und präsentierte dabei ein sehenswertes Dekolleté.

Der Blonde ließ sich davon nicht beeindrucken. Er war gekommen, um zu töten.

Clark McDowall flüsterte seiner blonden Sekretärin etwas ins Ohr. Er lächelte dabei, und sie lachte leise und stieß ihn leicht an.

»Du kleiner Schelm«, sagte sie.

»Ja, so sind wir Männer nun einmal«, erwiderte er. »Wir denken immer nur an das Eine.«

»Soll ich dir etwas gestehen, Clark? Ich auch. Aber ich hätte es nicht zugegeben, wenn ich nicht schon beim dritten Glas Wein wäre.«

Beide beachteten den Kellner zunächst nicht. Als er sich vor ihrem Tisch aufbaute, das Tablett fallen ließ und die Beretta auf den Bankdirektor richtete, riss Jenny Svenson entsetzt die Augen auf.

Der Killer zögerte keine Sekunde. Eiskalt drückte er ab. Clark McDowall sollte nicht die geringste Chance haben, zu reagieren. Der Schuss krachte. Eine rote Feuerblume platzte vor der Waffenmündung auf und schleuderte dem Bankdirektor heißes Blei entgegen. McDowall hätte den Anschlag nicht überlebt, wenn einer der richtigen Kellner, Ed Martin, nicht so aufmerksam und geistesgegenwärtig gewesen wäre.

Zuerst war Martin aufgefallen, dass er den »Kollegen« nicht kannte. Augenblicke später hatte er erkannt, dass der Kerl den Tod servieren wollte.

Als das Tablett zu Boden klirrte, startete Ed Martin, der sich zwei Tische entfernt befand. Er stürzte sich auf den Killer, und als dieser den Finger am Abzug krümmte, prallte Martin gegen ihn. Dadurch verriss der Mörder die Beretta, und die Kugel, die Clark McDowall tödlich treffen sollte, bohrte sich hinter dem Bankdirektor in die tapezierte Wand.

Ed Martin war kein Held, aber in diesen Augenblicken wuchs er über sich hinaus. Seit sieben Jahren arbeitete er in diesem erstklassigen Restaurant. Noch nie war auf einen Gast ein Mordanschlag verübt worden. Das waren ja Sitten wie im alten Chicago. Martin war darüber dermaßen empört, dass ihm gar nicht richtig bewusst war, welches Risiko er einging.

Er hielt den falschen Kellner fest und versuchte, ihn zu Boden zu reißen. Jenny Svenson und Clark McDowall sprangen auf, beide kreideweiß.

Martin und der Killer stießen den Tisch um, an dem das Paar gesessen hatte. Aufregung im ganzen Lokal, doch niemand fand sich, der den Mut aufbrachte, Ed Martin beizustehen.

»Helft mir!«, schrie der Kellner. »Verdammt noch mal, kommt her und steht mir bei!«

Der Killer riss das Knie hoch und traf Martin empfindlich. Er stöhnte auf und krümmte sich mit schmerzverzerrtem Gesicht. Es war ihm unmöglich, den Kerl noch länger festzuhalten.

Der Mann verzichtete darauf, McDowall mit einer zweiten Kugel ins Jenseits zu befördern. Noch lähmte der Schock die Gäste, aber sobald sie ihn einigermaßen verdaut hatten, würden sie sich auf ihn stürzen. Er musste rechtzeitig das Weite suchen. McDowall umzulegen war ihm im Moment nicht mehr so wichtig. Das konnte er ein andermal tun.

Der erste Gast sprang auf.

»Der Mistkerl darf nicht entwischen!«

Der Killer stürmte den Waschräumen entgegen. Ed Martin kämpfte den Schmerz nieder und lief dem Fliehenden nach. Der Mörder erreichte eine weiße, chrombeschlagene Schwingtür. Er schob die Beretta in den Hosenbund, rammte die Tür mit der Schulter auf und riss sich die Schildpattbrille vom Gesicht. Er warf sie in einen Abfallkorb und die blonde Perücke und den Oberlippenbart hinterher. Dann riss er eins der Fenster auf und sprang hinaus.

Aber Ed Martin gab sich noch nicht geschlagen. Auch er sprang aus dem Fenster, hinein in eine düstere Straße. Er holte den Fliehenden ein, hieb ihm die Hand auf die Schulter und riss ihn herum. Der Killer nutzte den Schwung der Drehung und hämmerte dem lästigen Verfolger die Faust ans Kinn. Das verkraftete Ed Martin nicht. Ihm wurde schwarz vor Augen. Sein vorbildlicher Einsatz hatte sich letztlich nicht gelohnt.

 

 

2

Bount Reiniger stieg aus seinem silbergrauen Mercedes 450 SEL. Er stieß die Wagentür zu und zündete sich eine Pall Mall an. Plötzlich hatte er das Gefühl, dass jemand in der Nähe war. Er blickte sich in der Tiefgarage misstrauisch um und blies den Rauch langsam aus.

Ihm fiel auf, dass eine der grauen Betonsäulen einen zusätzlichen Schatten hatte. Er ging darauf zu, griff an der Säule vorbei und erwischte einen mageren Burschen. Er riss ihn hinter der Säule hervor.

»He, Mann, was soll das?«, protestierte der Magere.

Er hatte gekraustes Haar, seine Wangen waren fahl und tief eingesunken, in seinen Augen geisterte ein nervöser, hungriger Ausdruck.

»Was hast du hier zu suchen?«, fragte Bount.

Der Bursche schnupfte laut auf. Junkie, dachte Bount.

»Wartest du auf mich?«, fragte Bount Reiniger.

»Auf Sie? Wieso denn? Lassen Sie mich los, Mann!«

»Erzähl mir bloß nicht, dass ich dein Jackett verderbe! Das war es schon, als du es zum ersten Mal anzogst. Also heraus mit der Sprache! Was willst du hier? Du wartest auf jemanden, den du um ein paar Dollar erleichtern kannst. Am liebsten wäre dir eine Frau um die Siebzig, mit einer Handtasche voller Banknoten. Dafür könntest du dann eine Menge Stoff kaufen.«

Hinter Bount klickte im selben Augenblick ein Springmesser. Verdammt, durchzuckte es Bount Reiniger. Die sind zu zweit.

»Lass meinen Freund los, du Bastard!«, knurrte der andere böse. »Aber ein bisschen plötzlich, sonst muss ich dich mit meinem Nagelreiniger kitzeln!«

Bount ließ den Mageren los, aber nicht so, wie der andere sich das vorstellte. Bount drehte sich mit dem Fliegengewicht und stieß es seinem Komplizen entgegen.

Wenn der das Messer nicht blitzschnell hätte sinken lassen, hätte er den Kumpan aufgespießt.

Beide Kerle fluchten, und sie fluchten gleich noch einmal, als sie die 38er Automatic sahen, die Bount mit einer fließenden Bewegung aus dem Schulterholster gezogen hatte. Ihre Augen weiteten sich in panischem Entsetzen. Sie begriffen, dass sie an den falschen Mann geraten waren. Der ließ sich nicht einschüchtern, und den kratzte es auch nicht, dass sie zu zweit waren.

Verdammt, der nahm sie nicht einmal ernst!

»Verschwindet!«, sagte Bount Reiniger bissig. »Lasst euch hier nie wieder blicken, sonst sorge ich dafür, dass ihr für längere Zeit gesiebte Luft zu atmen kriegt.«

Die beiden Junkies nahmen die Beine in die Hand, rannten durch die Tiefgarage und keuchten die Auffahrt hoch. Ganz kurz waren noch ihre schnellen Schritte zu hören, dann herrschte Stille.

Bount schob die Pistole ins Leder, ließ die Zigarette auf den Boden fallen und trat sie aus. Laut Statistik war jeder vierte New Yorker bereits einmal überfallen worden.

Bei Bount hatten sie es schon öfter probiert. Das hing vor allem damit zusammen, dass er sich häufig in Gegenden wagte, um die andere lieber einen großen Bogen schlugen. Dass diese Kerle nun auch schon in der Tiefgarage jenes Hauses auftauchten, in dem er wohnte, ärgerte ihn. Die Junkies waren mancherorts zu einer echten Plage geworden. Sie brauchten ständig Geld für den nächsten Schuss. Arbeit hatten sie keine, also brachen sie in Geschäfte ein, überfielen Geldboten oder Spaziergänger.

Die Wurzel des Übels waren die Rauschgiftbosse, die die Stadt mit ihrem Dreckszeug überschwemmten. Die Polizei und Männer wie Bount Reiniger kämpften an vielen Fronten gegen diese Brut. Ab und zu gelang ihnen ein Schlag, der die Gangster schwer traf, aber sie erholten sich immer wieder und begannen von Neuem. Es war ein Kampf, der niemals enden würde.

Dennoch hatte Bount nicht die Absicht, zu resignieren, denn solange er weiterkämpfte, ging es diesen Parasiten in New York an den Kragen.

Er begab sich zum Lift und fuhr zum 14. Stock hinauf.

June March, sein blonder Augenstern, saß an ihrem gläsernen Schreibtisch und telefonierte mit Captain Toby P. Rogers, dem Leiter der Mordkommission Manhattan C/II.

Sie lachte.

»He, Toby, so kenne ich dich ja noch gar nicht. Du bist ja ein echter Charmeur.«

Bount streckte die Hand aus, und June überließ ihm den Hörer.

»Möchtest du mir auch etwas Liebes ins Ohr flüstern, Dicker?«

»Bount!«, dröhnte der Captain am anderen Ende irritiert. »June sagte, du wärst nicht da.«

»Sie hat dich belogen. Kennst du die Frauen immer noch nicht? Sie sind falsche Schlangen. Was hast du auf dem Herzen?«

»Ich konnte zwei Karten ergattern - für den Kampf von Sugar Jim Orbison.«

»Schön, dass du sofort an mich denkst.«

»Nicht sofort«, entgegnete Captain Rogers. »Ron hat mich wegen einer neuen Braut versetzt, und da dachte ich ...« Ron Myers war Tobys Stellvertreter. Der schlaksige Lieutenant wechselte die Mädchen wie andere ihre Strümpfe.

»Ach, dann bin ich mal wieder der Notnagel«, sagte Bount.

»So darfst du das nicht sehen, Freund ...«

»Du bringst die zweite Karte nicht an, wie? Keiner deiner Leute hat Lust, sich in seiner Freizeit auch noch mit dir abzugeben.«

»Jetzt werde bloß nicht beleidigend!«

»Außerdem ist der Kampf heute schon entschieden.«

»Quatsch.«

»Sugar Jim Orbison kriegt Prügel von Black Cat Wayne«, behauptete Bount Reiniger.

Toby lachte laut.

»Du spinnst wohl? Sugar befindet sich in der Form seines Lebens.«

»Wollen wir wetten, dass er die fünfzehn Runden nicht übersteht?«

»Okay, und was ist der Wetteinsatz?«, erkundigte sich der Captain.

»Die Eintrittskarten.«

»Mir lacht das Herz im Leibe. Ich hätte nicht gedacht, dass ich den Kampf gratis sehen würde. Die Wette gilt«, sagte der Captain und legte auf.

Bount drückte den Telefonhörer auf die Gabel. June musterte ihn mit ihren veilchenblauen Augen.

»Du siehst aus, als hättest du dich kürzlich geärgert«, sagte sie.

Er erzählte ihr von den beiden Junkies, denen er in der Garage begegnet war, und er schärfte ihr ein, vorsichtig zu sein, wenn sie zur Arbeit erschien oder nach Hause ging.

Sie legte die schmale Hand auf ihre Handtasche und sagte: »Ich bin bewaffnet. Wenn so ein Typ sich zeigt, verhalte ich mich wie du. Ich lassen ihn an der Mündung meiner Astra-Pistole schnuppern.«

»Kann ich einen deiner weltberühmten Kaffees kriegen?«, fragte Bount, auf dem Weg in sein Allerheiligstes.

»Ich fürchte, daraus wird nichts.«

»Wieso? Hast du das Kaffeekochen verlernt?«

»Das nicht, aber du hast keine Zeit, ihn zu trinken.«

»Wieso nicht?«

»Clark McDowall, der Direktor der Jefferson Bank, möchte dich sehen.«

»Um was geht es?«, wollte Bount Reiniger wissen.

»Jemand hat gestern versucht, ihn zu ermorden.«

 

 

3

An diesem Tag war Clark McDowall zu Hause geblieben. Das hatte es noch nie gegeben. Selbst mit Fieber und Schüttelfrost hatte er schon gearbeitet, doch diesmal wäre er dazu nicht fähig gewesen, deshalb blieb er seinem Büro fern.

Er wohnte im Herzen von Manhattan. Wenn er durch das Panoramafenster seines Penthouses blickte, sah er die riesige grüne Fläche des Central Park. Die Wohnung war mit jedem erdenklichen Luxus ausgestattet und hatte zudem den Vorteil, dass es bis zum Büro nur wenige Schritte waren.

McDowall war Ende Vierzig, ein Selfmademan, für den von Anfang an klar gewesen war, dass er in der Bank, in der er als Volontär angefangen hatte, Direktor werden würde.

Da er das Geschäft von der Pike auf gelernt hatte, konnte ihm keiner auf der Nase herumtanzen. Mit Intelligenz und Ehrgeiz hatte er alle überflügelt, die wie er aufsteigen wollten. Man war sich in der Bank einig, dass der beste Mann das Rennen gewonnen hatte.

Der attraktive Mann war stets elegant gekleidet und auf Parties einer der begehrtesten Junggesellen. Er hatte nichts gegen Frauen, aber es widerstrebte ihm, eine davon zu heiraten.

Natürlich wusste er, dass eine Ehe ihre Vorteile hatte. Aber sie hatte auch ihre Nachteile, und die wollte er nicht in Kauf nehmen. Deshalb blieb er ledig.

Als Bount Reiniger läutete, öffnete ihm McDowall mit einem Glas Whisky in der Hand. Es war später Vormittag. Um diese Zeit trank McDowall nur ganz selten harte Getränke, doch heute brauchte er diese Stärkung.

Er führte Bount Reiniger in den großzügig ausgestatteten Wohnraum und forderte ihn auf, sich zu setzen. Bount ließ sich in einen bequemen Sessel fallen und schlug die Beine übereinander.

»Was darf ich Ihnen anbieten, Mister Reiniger?«, fragte der Bankdirektor.

»Nichts, vielen Dank«, antwortete Bount.

»Gar nichts? Auch nichts Alkoholfreies?«

Bount lächelte.

»Ich bin wunschlos glücklich, Mister McDowall.«

Der Mann setzte sich ebenfalls und nahm einen Schluck vom Whisky. Seine Augenbrauen zogen sich wie dräuende Gewitterwolken zusammen.

»Ja, Mister Reiniger, man hat versucht, mich umzubringen.«

»Das hat mir meine Sekretärin erzählt«, entgegnete Bount. »In dem Lokal, in dem Sie mit Ihrer Sekretärin zu Abend gegessen haben. Der Killer war als Kellner verkleidet.«

McDowall strich sich mit der Hand über das gewellte Haar. Er brauchte noch einen Schluck, dann erzählte er in allen Einzelheiten, was sich ereignet hatte.

»Ich war noch nie so geschockt«, bemerkte er. »Starr vor Angst war ich, regelrecht gelähmt, mein Geist funktionierte nicht mehr. Ich sah, was geschah, konnte aber nicht reagieren. Wenn dieser Kellner nicht eingegriffen hätte, würde ich jetzt nicht mehr vor Ihnen sitzen.«

Bount fragte nach dem Namen des Helden. McDowall nannte ihn.

»Ich werde mich bei Mister Martin mit einem Scheck für seine selbstlose Hilfe erkenntlich zeigen«, sagte McDowall.

Bount bat ihn, den Killer zu beschreiben. Das tat der Bankdirektor zwar, aber er fügte hinzu, dass der Mann maskiert gewesen wäre.

»Er war weder Brillenträger noch blond, noch hatte er einen Oberlippenbart«, sagte McDowall. »Schwarzhaarig soll er in Wirklichkeit gewesen sein. Das sagte jedenfalls Mister Martin.«

»Ich nehme nicht an, dass Sie den Mann vorher schon mal gesehen haben.«

»Er war mir völlig fremd«, erwiderte McDowall.

»Warum trachtet man Ihnen nach dem Leben, Mister McDowall? Haben Sie Feinde?«

»Selbstverständlich habe ich darüber nachgedacht. Die ganze Nacht hatte ich dazu Zeit, schließlich konnte ich ohnedies kein Auge zutun. Ein Mann in meiner Position hat nicht nur Freunde, das ist klar. In der Geschäftswelt weht hin und wieder ein sehr rauer Wind. Man darf sich nie von Gefühlen leiten lassen. Was zählt, sind Zahlen, Daten und Fakten. Dadurch sind manchmal Härten nicht zu vermeiden. Drohungen wie >Das wird Ihnen noch einmal leidtun!< sind keine Seltenheit, aber die sind zumeist nicht so ernst zu nehmen. Man sagt im Zorn, wenn man verbittert oder enttäuscht ist, sehr leicht etwas, das man eigentlich gar nicht so ernst meint. Man verschafft sich einfach Luft, verstehen Sie?«

Bount holte die Pall Mall-Packung aus der Tasche.

»Darf ich rauchen?«

»Natürlich.« McDowall stand auf und holte einen Aschenbecher.

»Möchten Sie auch eine?«, fragte Bount.

»Ja, vielen Dank.«

Bount zündete die beiden Zigaretten an und lehnte sich abwartend zurück.

»Zur Zeit gibt es drei Personen, denen ich ein Dorn im Auge bin«, sagte McDowall. »Brett Spound - ihm gehört eine Import-Export-Firma. Bud Grandy - er ist der Besitzer des Nachtclubs >Golden Rooster<. Und Robert Szwarc - er handelt mit allem, was sich anbietet.«

Bount blies den Rauch durch die Nasenlöcher.

»Was haben Spound, Grandy und Szwarc gegen Sie?«

»Sie brauchen Geld.«

»Ihre Bank ist dazu da, Geld zu verleihen«, sagte Bount.

»Im Allgemeinen schon, aber mir wurde bekannt, dass mit diesem Geld ein unsauberes Geschäft finanziert werden soll, und ich habe etwas gegen Geschäfte, denen der Geruch des Unseriösen anhaftet.«

»Das ist eine sehr lobenswerte Einstellung.«

»Die nicht allen eigen ist«, sagte McDowall. »Ich ließ Spound, Grandy und Szwarc abblitzen. Von George St. John hätten sie das Geld erhalten.«

»Wer ist George St. John?«, erkundigte sich Bount.

»Der Vizedirektor der Jefferson Bank. Dem ist egal, was mit dem verliehenen Geld geschieht. Er sieht nur den Profit. St. John ist ein Mann ohne Moral.«

»Warum wenden sich Spound, Grandy und Szwarc nicht an eine andere Bank?«

»Sie befinden sich zur Zeit in einem finanziellen Engpass. Wenn das Geschäft, das sie planen, seriös wäre, würde ich ihnen aufgrund unserer langjährigen Zusammenarbeit den Kredit gewähren. Anderswo würde man von ihnen Sicherheiten verlangen, die sie nicht aufbringen könnten.«

»Um was geht es denn bei diesem Geschäft?«, wollte Bount wissen.

»Angeblich wollen sie in einen illegalen Waffenhandel einsteigen. Soll eine todsichere Sache sein.«

»Da Sie das Geld nicht herausrücken wollen, setzten Spound, Grandy und Szwarc einen Killer auf Sie an?«

»Spound und Grandy würde ich so etwas zutrauen, aber Szwarc nicht«, sagte McDowall. »Er ist nicht so hart wie seine beiden Geschäftsfreunde. Die gehen über Leichen. Aber Szwarc ...«

»Wäre es denkbar, dass George St. John ...«

»Sie meinen, dass er den Mörder gedungen hat, damit mein Platz für ihn frei wird?«

»Er würde immerhin von Ihrem Tod profitieren«, sagte Bount.

»St. John ist ein gewissenloser Schurke, aber so etwas ...« McDowall schüttelte den Kopf. »Nein, Mister Reiniger. So etwas traue ich ihm nicht zu.«

 

 

4

Auch Jenny Svenson war an diesem Tag nicht zur Arbeit gegangen. Sie öffnete ihre Appartementtür sehr zaghaft. Es ging auf Mittag zu, aber sie trug noch ihren Schlafrock.

Ihr blondes Haar war nur flüchtig in Ordnung gebracht worden. Bount nahm an, dass sie direkt aus dem Bett kam. Als sie hörte, dass ihn Clark McDowall engagiert hatte, ließ sie ihn zögernd ein.

Im Wohnzimmer herrschte Unordnung. Das Kleid, das Jenny gestern Abend getragen hatte, lag auf einem kleinen Sofa, hier ein Schuh, dort einer.

»Entschuldigen Sie, Mister Reiniger«, sagte das hübsche Mädchen. Sie griff nach dem Kleid und trug es nach nebenan. »Ich ging gestern sofort zu Bett und stand eben erst auf.«

»Konnten Sie schlafen?«

»Ich nahm zwei Schlaftabletten, bin noch ein bisschen benommen. Solange ich lebe, werde ich nicht vergessen, was gestern Nacht geschah. Ich bereite mir einen Kaffee. Trinken Sie eine Tasse mit?«

»Sehr gern«, antwortete Bount.

Der Kaffee war genießbar, aber bei weitem nicht so gut wie der von June March. Jenny Svenson kannte Spound, Grandy und Szwarc, aber sie konnte sich nicht vorstellen, dass diese Männer einen Mörder anheuerten. Auch George St. John traute sie so etwas nicht zu.

Sie verhehlte nicht, dass sie mit ihrem Chef ein Verhältnis hatte.

»Ich bin frei, ungebunden und niemandem Rechenschaft schuldig. Ich kann ausgehen, mit wem ich will«, sagte sie. »Clark ist sehr nett. Ich liebe ihn, und ich glaube, dass er mich auch liebt. Dennoch rechne ich nicht damit, dass er mir vorschlägt, ihn zu heiraten. Clark ist ein Mann, der seine Freiheit nicht aufgeben kann. Man darf ihm keine Fesseln anlegen. Ich bin mit dem zufrieden, was er mir gibt. Mehr brauche ich nicht. Ich bin glücklich. Und sollte die Beziehung eines Tages enden, bleibt mir die Erinnerung an eine schöne Zeit.«

Bount bat Jenny, den Täter zu beschreiben.

»Mein Verstand war ausgehakt«, sagte das Mädchen. »Der Mann hatte - wenn ich ihn mir ins Gedächtnis zurückrufe - kein Gesicht. Wie ein Schemen stand er vor mir, hielt die Pistole in der linken Hand und schoss.« Sie zuckte mit den Schultern. »Tut mir leid, aber ich fürchte, ich kann Ihnen nicht helfen, Mister Reiniger.«

Bount lächelte.

»Oh, das würde ich nicht sagen. Sie haben mir soeben verraten, dass der Mann Linkshänder ist.«

Mehr war von Jenny Svenson allerdings nicht zu erfahren. Nach mehreren Versuchen, doch noch irgendetwas Wissenswertes aus ihr herauszuholen, gab Bount auf und verabschiedete sich.

»Werden Sie Spound, Grandy und Szwarc festnehmen, Mister Reiniger?«, fragte Jenny, als Bount auf den Flur hinaustrat.

Er wandte sich um.

»Ich kann niemanden festnehmen, Miss Svenson. Ich bin kein Polizist. Doch selbst wenn ich einer wäre, hätte ich keine Beweise, die ausreichen würden, diesen Leuten etwas anzuhängen.«

»Sie müssten den Mörder finden und zum Reden bringen.«

Bount grinste. »Das habe ich vor.«

»Ich drücke Ihnen die Daumen, dass Sie’s schaffen«, sagte Jenny.

Was wäre wohl passiert, wenn ihm Jenny nicht die Daumen gedrückt hätte?

Als Bount aus dem Haus trat, in dem Jenny Svenson wohnte, setzte sich ein roter Chevrolet langsam in Bewegung. Die Frontscheibe spiegelte so stark, dass nicht zu erkennen war, wer dahinter saß. Bount achtete nicht auf den Wagen. Er begab sich zu seinem Mercedes, schob die Hand in die Hosentasche und wollte die Fahrzeugschlüssel herausholen, da erreichte der rote Chevy die gleiche Höhe mit ihm.

Bounts sechster Sinn meldete sich. Der Wagen fuhr so langsam, dass ihn das irritierte. Er wandte den Kopf und blickte in Richtung des Chevrolets.

Und im selben Moment sah er die Faust mit der Beretta!

 

 

5

Der Unbekannte drückte dreimal ab. Bount sprang hinter ein Auto und riss die Automatic heraus. Die abgefeuerten Projektile gingen haarscharf daneben. Bount blieb für Sekundenbruchteile in Deckung. Als er dann hochfedern und zurückschießen wollte, drückte der Killer das Gaspedal bis zum Anschlag durch. Der Motor heulte auf, und der rote Chevrolet vollführte einen wilden Sprung nach vorn. Mit ungeheurem Drive raste der Chevy die Straße entlang, driftete mit kreischenden Reifen um die Ecke und verschwand aus Bounts Blickfeld.

Bount rammte die Pistole ins Leder und hastete zum Mercedes. Einige Lidschläge später nahm er die Verfolgung auf. Verbissen knüppelte er den Mercedes hinter dem roten Wagen her.

Es hatte wohl wenig Sinn, sich das polizeiliche Kennzeichen zu merken, denn der Wagen war mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit gestohlen. Wer den eigenen Wagen für so ein Verbrechen benutzte, konnte gleich seine Visitenkarte am Tatort zurücklassen.

Der Killer fuhr rücksichtslos. Er hatte den Mercedes im Rückspiegel bemerkt, und nun versuchte er alles, um ihn abzuhängen. Er durchraste Brooklyn und fuhr weiter nach Queens.

Auf den dicht befahrenen Abschnitten fuhr Bount verhalten. Er drehte nur dann auf, wenn er sicher sein konnte, dass er andere Verkehrsteilnehmer nicht gefährdete. Er riskierte nie zu viel und behielt den Mercedes ständig unter Kontrolle. Der Exote aus Deutschland hatte die bessere Straßenlage. In den Kurven klebte der Silberne regelrecht auf dem Asphalt, während der Chevy immer wieder heftig schwänzelte. Ihn abzufangen, kostete den Killer jedes Mal wertvolle Zeit.

Ravenswoods Housing ...

Eine Einbahnstraße führte daran vorbei. Der Killer durchraste sie in entgegengesetzter Richtung. Zwei Fahrzeuge mussten sich auf den Gehsteig retten.

Bount folgte dem Chevy nicht. Er fuhr die nächste Straße hoch. Der Killer hätte sich einen weniger auffälligen Wagen besorgen sollen. Von weitem leuchtete Bount die rote Farbe entgegen. Sie schrie fast: Hier bin ich!

Bount Reiniger gab den Pferden erneut die Sporen. Das Kraftwerk unter der Motorhaube dröhnte. Meter um Meter verringerte Bount die Distanz. Kurz vor Hell Gate war ein unbeschrankter Bahnübergang. Ein Güterzug rollte von links an, endlos lang.

Der Killer holte das Letzte aus dem Chevrolet.

Er wollte noch vor dem Zug die Geleise überqueren. Bount glaubte nicht, dass das klappte. Er rechnete damit, dass der Güterzug den Chevy zermalmen würde.

Sein Fuß wechselte vom Gas zur Bremse, während der Killer die Chance, die nach Bounts Ansicht keine war, nutzen wollte. Das Signalhorn des Zugs brüllte.

Der Killer schien das Gaspedal durch die Bodenplatte zu drücken. Er riskierte Kopf und Kragen. Wer nicht wagt, der nicht gewinnt, schien er sich zu sagen.

Der Chevrolet erreichte den Bahnübergang. Noch nie waren die Stoßdämpfer so hart hergenommen worden. Die Reifen hämmerten in die Radkästen, das Fahrzeug hatte Bodenkontakt, und im selben Moment gab es Funken und ein Teil des Auspuffs flog davon.

Zwischen Zug und Chevy hätte man keine Hand schieben können, aber der Killer schaffte das Unmögliche. Der Einsatz lohnte sich für ihn. Er raste über die Geleise, und hinter ihm donnerte der Güterzug vorbei. Keine Möglichkeit für Bount Reiniger, dem roten Wagen zu folgen.

Bount stoppte den Mercedes und wartete voller Ungeduld auf den letzten Waggon, der verdammt noch mal nicht auftauchen wollte. Als die lange Schlange endlich abriss, schien sich der rote Wagen in Luft aufgelöst zu haben.

Bount hatte nichts anderes erwartet. Er kehrte dennoch nicht um, sondern suchte den Chevy. Er fand ihn auch neben einem schäbigen Lagerschuppen, leer, mit offener Tür.

Von dem Killer fehlte jede Spur.

 

 

6

Ed Martin wohnte im Apartment seiner Schwester Chrissie, die zu ihrem Freund aufs Land gezogen war. Die Wohnung in der Stadt gab sie nicht auf, weil sie nicht wusste, wie sich das Zusammenleben mit diesem Freund entwickeln würde. Das Appartement in New York gab ihr eine gewisse Sicherheit. Sollten Probleme entstehen, saß sie nicht auf der Straße.

Es war früher Nachmittag, und die Schatten der Häuser von Long Island City streckten sich dem East Channell und Welfare Island entgegen.

Martin bereitete sich darauf vor, zur Arbeit zu gehen, als Bount Reiniger bei ihm erschien. Stolz erzählte er, dass man ihn im Restaurant wie einen Helden gefeiert hätte. Und die Geschäftsführerin, die bisher immer unnahbar gewesen war, hatte durchblicken lassen, dass sie nichts dagegen hätte, mal mit Ed Martin auszugehen.

»Diese Tat hat mich ungemein aufgewertet«, sagte Ed Martin grinsend. »Dabei habe ich nicht groß nachgedacht, sondern einfach gehandelt. Zum Nachdenken war erstens keine Zeit - und zweitens, wenn ich meinen Verstand gebraucht hätte, wäre ich nicht so verwegen gewesen, den Kerl anzugreifen.«

»Viele Heldentaten werden aus solchen Situationen geboren«, sagte Bount.

Martin schüttelte den Kopf.

»Nicht zu fassen, wieviel Glück Mister McDowall hatte.«

»Ist er häufiger Gast in dem Restaurant, in dem Sie arbeiten?«

»Wir zählen ihn zu unseren Stammgästen. Ein äußerst seriöser, angenehmer Mann, geizt nie mit dem Trinkgeld. Leben und leben lassen, lautet seine Devise. Als ich den falschen Kollegen mit der Kanone in der Hand vor McDowall stehen sah, dachte ich, nichts könne ihn mehr retten.«

»Erscheint McDowall immer mit seiner Sekretärin bei Ihnen?«

»In letzter Zeit ja. Sie sitzen immer am selben Tisch, trinken immer den gleichen Wein ... Schade, dass dieser Satansbraten entwischt ist.«

Das bedauerte Bount ebenfalls.

»Er trug eine Perücke, eine Brille und einen falschen Oberlippenbart. Sie sind der einzige, der weiß, wie er wirklich aussieht.«

»Sein Haar war auf jeden Fall nicht blond, sondern schwarz, und er hatte am Kinn eine kleine, wulstige Narbe.«

Alarm!

Linkshänder - schwarzhaarig kleine wulstige Narbe am Kinn!

Bount kannte so einen Mann.

Sein Name war Don Dillman. Für Geld tat der alles. Dass er auch im Mordgeschäft tätig war, hatte Bount Reiniger noch nicht gehört. Er presste die Kiefer grimmig zusammen.

Diesmal hatte Dillman einen Brocken angepackt, der für ihn etwas zu groß war.

 

 

Details

Seiten
103
Jahr
2020
ISBN (eBook)
9783738947311
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2020 (November)
Schlagworte
mord geschäft york detectives

Autor

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