Lade Inhalt...

Weidekrieg am Canfield River

2020 128 Seiten

Zusammenfassung


Rancher Kenneth ist skrupellos und geht im wahrsten Sinne des Wortes über Leichen. Mac Hawthorn ist der letzte, der ihm Widerstand entgegensetzt, doch schließlich gibt auch er auf. Statt jedoch sein Land an Kenneth abzugeben, verkauft er es an einen Wildfremden. Lee Harrison ist bereit, den Kampf gegen Kenneth aufzunehmen.

Leseprobe

Table of Contents

Weidekrieg am Canfield River

Copyright

1.

2.

3.

4.

5.

6.

7.

8.

9.

10.

11.

12.

13.

14.

15.

16.

17.

Ausklang

Weidekrieg am Canfield River

Western von Heinz Squarra

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht128 Taschenbuchseiten.

 

Rancher Kenneth ist skrupellos und geht im wahrsten Sinne des Wortes über Leichen. Mac Hawthorn ist der letzte, der ihm Widerstand entgegensetzt, doch schließlich gibt auch er auf. Statt jedoch sein Land an Kenneth abzugeben, verkauft er es an einen Wildfremden. Lee Harrison ist bereit, den Kampf gegen Kenneth aufzunehmen.

 

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

Alfred Bekker

© Roman by Author / Cover: Nach Motiven mit Steve Mayer, 2020

© dieser Ausgabe 2020 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

Folge auf Twitter

https://twitter.com/BekkerAlfred

 

Zum Blog des Verlags geht es hier

https://cassiopeia.press

Alles rund um Belletristik!

Sei informiert über Neuerscheinungen und Hintergründe!

 

 

 

1.

Mac Hawthorn kommt langsam aus seinem Ranchhaus, geht bis zur Verandabrüstung und stemmt die Hände schwer auf das Fichtenholz. Er blickt nach Westen, von wo sich eine Staubwolke nähert.

Mac Hawthorn ist fünfzig Jahre alt, sein Rücken ist von harter Arbeit gebeugt, seine Hände voller Schwielen von der Lassoarbeit, sein Gesicht ist zerfurcht und seine Haare eisgrau. In seinem nach Westen gerichteten Blick liegt Sorge.

Aus der Staubwolke schälen sich zwei Reiter. Sie fallen an der Fenz in Schritt und zügeln die Pferde schließlich zwei Meter vor der Veranda, wo der Tränketrog für die Mustangs steht.

Langsam steigen sie ab, ziehen ihre Hüte und klopfen sie an den Lederchaps ab. Der eine Reiter ist blond, der andere braun. Beide sind sie mittelgroß, so wie Hawthorn selbst. Sie haben helle Gesichter, über denen jetzt ein tiefernster Zug liegt, und Reiterbeine. Es sind zwei Cowboys – Mac Hawthorns letzte Männer.

Sie lockern die Sattelgurte, führen die Pferde dicht an den Trog heran und kommen schleppend auf den Rancher zu.

Am Fuße der Treppe bleiben sie stehen und blicken ihren Boss an. „Was gibt’s?“, forscht der Rancher. Die beiden Männer wechseln einen Blick, dann sagt der blonde Junge: „Boss, wir haben die Westweide inspiziert. Well, es steht kein einziger Schwanz mehr darauf.“

Der Rancher lässt die Brüstung langsam los. Er kommt zur Treppe und zwei Stufen herunter. Dann bleibt er wieder stehen. Seine Beine zittern leicht, aber er presst die Lippen hart zusammen. Dann sagt er schleppend: „Sie haben also ihr Wort gehalten und auch meine letzte Herde geholt. – Ah, der Teufel müsste sie dafür rösten.“

Die beiden Weidereiter nicken schwach.

„So ist es“, sagt der Blonde flach. „Aber der Teufel wird Rock Kenneth in Ruhe lassen, denn dieser ist selbst ein Satan. Er hat deine Weiden restlos abserviert, Boss, und er hat viele gute Boys in den Tod geschickt. Rancher, du bist am Ende. Es tut mir verdammt leid, aber du bist wirklich restlos fertig. Und morgen wird der wilde Verein vielleicht kommen und auch dein Haus vernichten. Rock Kenneth duldet keinen anderen Mann neben sich. Du bist auf dieser Weide zu viel. Wenn ich dir einen Rat geben darf, dann verlasse dieses County. Sattle dir ein Pferd und komm mit uns. Jim und ich werden reiten, denn jetzt haben wir nur noch unser Leben – und wir wollen es nicht verlieren.“

Es bleibt eine ganze Zeit ruhig. Der Rancher nickt gedankenschwer. Dann sagt er: „Kommt ins Haus und holt euch euren Lohn. Well, ihr habt tapfer ausgehalten, ich danke euch dafür! Ich wünschte, wir wären für diesen Raubrancher stark genug gewesen.“

Und er wendet sich um und stampft schwer die Stufen hinauf und ins Haus.

Die Cowboys folgen ihm.

„Gib mir zwanzig Dollar, Rancher“, sagt der Blonde rau, „damit ich dieses Land verlassen kann. Mehr will ich nicht.“

„Ich auch, Boss.“

Mac Hawthorn blickt die Männer an. Dann schüttelt er ernst den Kopf.

„Nein, Boys, ihr habt eure Arbeit gemacht, und ihr sollt den Lohn dafür haben. Jeder fünfzig Dollar, und wenn es die letzten wären, die ich in der Kasse habe.“

Die Männer nehmen das Geld schweigend und stecken es in die Taschen ihrer verstaubten Hemden. Sie protestieren nicht, denn sie kennen ihren Boss. Mac Hawthorn lässt sich nichts schenken, nein, das ist nicht seine Art. Er ist ein harter, aber ein gerechter Rancher – er hat nur einen Fehler, er ist für seinen Widersacher Rock Kenneth zu alt. Er müsste mindestens zehn Jahre jünger sein. Yeah, zehn Jahre – dann hätte er vielleicht eine Chance gehabt und seine Herden behalten.

Die Cowboys nicken dem Alten zu, gehen dann zur Tür und stülpen ihre Hüte auf die wirren Haare. Wortlos verschwinden sie, stelzen die Stufen hinunter und halten auf ihre Pferde zu. Sie ziehen die Sattelgurte fest und steigen in die Sättel. Langsam reiten sie davon – und noch einmal blicken sie das Ranchhaus, das Bankhaus, die Scheunen und Ställe genau an, denn sie wissen, diese Ranch werden sie nie Wiedersehen.

Der Rancher steht hinter dem Fenster, hat die Hände auf dem Rücken verschränkt, und blickt den Männern nach.

Da reiten sie, seine letzten Cowboys. Sie blieben, bis auch das letzte Rind geraubt war. Nun ziehen sie fort, denn diese Ranch ist eine tote Ranch geworden.

Lange steht er so und starrt in die weite, flimmernde Prärie hinaus. Die Reiter sind bald verschwunden. Dann wendet er sich um und nimmt sein restliches Geld aus der Kasse.

Es sind genau zweihundert Dollar.

Yeah, zweihundert Dollar, riesige leerstehende Weiden und ein paar Gebäude, mehr ist ihm nicht geblieben. Der Cowboy hat es ganz richtig gesagt: Rock Kenneth duldet keinen anderen Mann neben sich.

Mac Hawthorn aber ist der einzige Rancher außer ihm. Jeder von ihnen hat ein schönes Stück von dieser Ecke von Arkansas. In der Mitte fließt der Canfield River. Er ist die Grenze.

Und Rock Kenneth will diese Grenze verlegen. Er will sie dort haben, wo Hawthorns Weiden im Osten aufhören. Er will alles haben. Alles, was südwestlich von Canfield liegt, bis hinunter an die Grenzen von Louisiana und Texas.

Zwei Stunden steht der Rancher so, dann sieht er erneut eine Staubwolke zum Himmel steigen. Seine Stirn umwölkt sich. Er geht in eine Ecke des behaglichen Wohnzimmers und nimmt eine alte Büchse vom Wandbrett. Er schiebt zwei Patronen in die Läufe und durchquert das Zimmer. Vorne schreitet er durch die Tür und bleibt auf der Veranda stehen.

Fest und aufrecht steht er da, denn dieser Boden gehört ihm. Er hat ihn erworben – den Indianern vor mehr als fünfundzwanzig Jahren abgerungen. Er denkt an seine Frau, die als junges Mädchen mit ihm in dieses raue Männerland kam. Sie liegt jetzt hinter dem Haus – schon lange liegt sie dort – und über ihr wölbt sich ein kleiner Grabhügel. Und daneben ist noch ein kleiner Hügel. Dort liegt Jeff, sein Sohn. Dieser Hügel ist noch frisch, kaum zwei Monate alt. Jeff wurde auf der Weide gefunden, erschossen. Zwanzig Jahre war Jeff alt. Neben ihm hatten sie seinen Colt gefunden, in dem sechs abgeschossene Patronen gesteckt hatten.

An all das denkt Mac Hawthorn, während er die drei Reiter beobachtet, die sich schnell nähern. Er weiß, wer diese Männer sind, noch ehe er sie erkennen kann. Und er weiß noch etwas – er hat dieses lange Ringen verloren –, er war für Rock Kenneth zu ehrlich. Nun, vielleicht hätte er wirklich eine Chance gehabt, wenn er sich die Mittel dieses Raubranchers auch zu eigen gemacht hätte. Seine Wege waren für Kenneth zu gerade.

Die Männer sprengen bis mitten auf den Hof und springen dort von ihren abgetriebenen Gäulen. Sie kommen langsam und boshaft grinsend heran.

Einer in der Mitte, die anderen rechts und links, die Hände an den Colts.

Mac Hawthorn steht immer noch ruhig, nur die Büchse hält er fester umspannt.

Der Mann in der Mitte ist Rock Kenneth. Er ist knapp fünfunddreißig Jahre alt, zirka 1.80 groß und schwer und kräftig. Er hat schmale Hüften und breite Schultern. Sein Gesicht ist kantig und energiegeladen, er wirkt wie ein Tiger, und so sind auch seine Bewegungen, geschmeidig und katzenhaft. Seine Augen sind schwarz, die Brauen dunkel und drohend, und die Haare unter seinem Hut mattschwarz.

Rechts von dem Rancher steht Gleen Steanly. Dieser Bursche ist ebenfalls groß und stark, aber er wirkt nicht wie ein Tiger, sondern wie ein Bär. Steanly hat buschige Brauen, darunter stechende Augen, ein breites Kinn und eine Säufernase. An seinem Gürtel hängen zwei Halfter, sehr tief geschnallt, und darin stecken schwere Colts. Die behaarten Hände des Bären hängen darüber wie Klauen.

Der Mann auf der linken Seite heißt Cliff Haller, und genau wie Steanly ist er ein Revolvermann, der für Kenneth schmutzige Arbeit für hohen Lohn verrichtet. Haller ist untersetzt und wuchtig, hat einen Stiernacken und grünliche Augen, auch seine Colts hängen sehr tief – er ist nicht minder gefährlich.

Rock Kenneth ist zwei Schritte auf den Rancher Hawthorn zugekommen, dann bleibt er stehen und grinst dreist.

„Wir haben den schäbigen Rest deiner Crew reiten sehen, Hawthorn. Wäre es nicht klüger gewesen, wenn du dich ihnen angeschlossen hättest?“

„Ich glaube kaum“, erwiderte Hawthorn eisig. „Hier ist meine Heimat – ich war lange vor dir in diesem Tal. Ich wüsste nicht, warum ich es verlassen sollte.“

„Yeah, du warst wirklich der erste von uns. Nun, das wäre doch ein Grund, dass du auch als erster wieder gehst. Stimmt es nicht?“

Die Revolvermänner wollen sich vor Lachen ausschütten, aber ein Blick ihres Geldgebers bringt sie zum Schweigen.

„Was willst du, Kenneth?“

Rock Kenneth blickt in das harte Gesicht des Ranchers. Es scheint ihn nicht zu beeindrucken. Er sagt: „Ich glaube, du wärest zur Vernunft gekommen. Die Rinderdiebe haben dir alles genommen.“ Er lachte unterdrückt. „Jetzt kannst du nur noch dein schäbiges Leben verlieren. Willst du das?“

„Nimm an, es wäre so.“

Da setzen sich die beiden Revolvermänner wieder in Bewegung. Sie kommen von beiden Seiten bis dicht an die Treppe heran und bleiben dann wieder stehen. Sie lachen nicht mehr, grinsen auch nicht. Nein, sie sehen grimmig entschlossen aus.

Auch Rock Kenneth setzt sich wieder in Bewegung. Er kommt aber nicht weit. Der harte Ruf des Ranchers stoppt ihn: „Bleib!“

Mac Hawthorn hat seine Büchse eingeschwenkt und lässt Kenneth in die beiden großen Mündungslöcher blicken. Er wird langsam ein wenig blass, denn er scheint zu merken, dass Mac Hawthorn keineswegs bluffen will.

Da lacht Haller kurz und rau auf, reißt seinen einen Colt aus dem Halfter und schwenkt ihn hoch. Seine linke Hand schlägt über den Hammer, und Hawthorns Büchse vollführt einen Luftsprung, liegt dann auf den Bohlen der Veranda und ist unbrauchbar geworden.

Der alte Rancher hält seine geprellten Finger und flucht in sich hinein.

Rock Kenneth braucht kein Kommando zu geben. Seine beiden Revolverschwinger werfen sich gleichzeitig vor, schnellen die Stufen hinauf und fallen wie heißhungrige Wölfe über den Alten her.

Mac Hawthorn bekommt einen Schlag über das Gesicht gezogen, der ihn bis zur Wand des Hauses fegt und dort festnagelt.

Der wuchtige Haller ist schon nach gesprungen. Er wirbelt seine Faust hoch und schlägt dem Mann brutal ins Gesicht. Mac Hawthorn kann seine Faust auf den Schädel des Revolvermannes krachen lassen, dass dieser ächzend zu Boden geht, dann ist der Bär heran und deckt ihn mit einer Serie wilder Schläge ein.

Hawthorn bricht langsam zusammen.

Steanly bearbeitet ihn mit Händen und Füßen. Er blickt sich einmal kurz um, aber Kenneth stoppt ihn nun nicht mehr, sondern er wirft ihm sogar eine kurze Peitsche zu, die er vom Sattel seines Pferdes gelöst hat.

Zehn Minuten lang klatschen die Schläge über den Hof, dann gibt der Alte kein Lebenszeichen mehr von sich.

„Genug!“

Gleen Steanly richtet sich auf und wischt den Schweiß von der Stirn. Er dreht sich langsam um und geht die Stufen hinunter.

„Wollen wir die Bude gleich anzünden, Boss?“, fragt er schleppend.

„Nein.“ Kenneth grinst nun wie ein Teufel. „Dann müssen wir sie später nur wieder aufbauen. Dieses Haus gibt ein schönes Vorwerk für unsere Weiden auf dieser Seite. Durchsucht jetzt das Haus. Irgendwo muss eine Eigentumsurkunde zu finden sein.“

Sie suchen eine ganze Stunde. Sie stellen alles auf den Kopf, aber sie finden nichts.

Inzwischen ist Mac Hawthorn wieder zu sich gekommen. Er richtet sich stöhnend auf, steht benommen und kann keinen klaren Gedanken fassen.

Er hat furchtbare Schmerzen am ganzen Körper.

Die Männer kommen aus dem Haus und sehen ihn mit gefährlich funkelnden Augen an.

„Wo ist der Wisch über dieses Land?“, fragt Kenneth leise. „Sag es, sonst geht die Kur weiter.“

Mac Hawthorn beißt die Zähne zusammen. Er gibt keine Antwort „Cliff, hole Wasser!“

Der kleine Revolverschwinger geht zur Tränke und bringt einen Eimer Wasser. Kenneth nimmt ihm diesen aus der Hand und schüttet ihn Hawthorn ins Gesicht.

„Geht‘s dir besser, verdammter Hohlkopf?“

Hawthorn gibt noch immer keine Antwort. Er müht sich, gerade zu stehen, aber es gelingt ihm nur schlecht. Die Killer lachen böse. „Gebt‘s ihm!“

Da gehen die beiden Raubwölfe erneut auf Mac Hawthorn zu.

Diesmal brauchen sie nur drei Minuten.

Mac Hawthorn liegt auf dem Bauch und sein Atem geht flach und unregelmäßig. Sein Hemd ist zerfetzt, und über seinen Rücken verteilen sich blaue Striemen und blutige Stellen. Am Hinterkopf hat er eine mächtige Beule.

Rock Kenneth geht noch einmal durch alle Räume und durchsucht alles gründlich. Er findet die Eigentumsurkunde nicht.

Als sie draußen stehen, sagt Steanly: „Boss, diesen Hundesohn könnten wir gleich totschlagen – und vielleicht rechnet er sogar damit –, aber sagen wird er nichts. Ah, er ist ein verstockter alter Narr.“

Rock Kenneth nickt schwer. „Es ist egal, wir bekommen dieses Land auch so. Wir nehmen die Weiden einfach in Besitz. Jedermann im County weiß, dass ich der mächtigste Mann bin, und keiner wird es wagen, gegen mich seine Stimme zu erheben. Wenn er dieses Land wirklich verkaufen will, dann wird sich kein Mensch finden, der ihm dafür auch nur einen roten Cent zahlt. Kommt, reiten wir!“

Und sie gehen die Stufen hinunter und zu ihren Mustangs. Langsam reiten sie nach Westen davon.

 

*

 

Mac Hawthorn erwacht, als es bereits Abend wird und die Schatten sich lang und dunkel über die Ranchgebäude senken.

Er steht schwankend auf, stützt sich schwer auf das Geländer und taumelt die Stufen hinunter. Er will sich zur Tränke schleppen, aber er bricht auf dem Hof nach drei Schritten zusammen und bleibt wieder reglos liegen.

Fast eine halbe Stunde vergeht, bis er wieder zu sich kommt. Wieder will er sich aufrichten, aber es gelingt ihn nicht. So kriecht er wie ein geschlagener Hund zur Tränke hin, zieht sich an dem ausgehöhlten Stamm hoch und lässt seinen Oberkörper in das laue Wasser fallen.

Er hat Mühe, sich vor dem Ertrinken zu bewahren. Aber er fühlt sich schon etwas besser. Er schleppt sich in einer wirren Linie zum Ranchhaus zurück und zieht sich die Stufen hoch. Überall Halt suchend, schwankt und taumelt er in das Durcheinander des Wohnzimmers, fällt auf ein Sofa und gibt kein Lebenszeichen mehr von sich.

Aber am frühen Morgen ist er wieder auf den Beinen. Noch immer unsicher und krumm geht er zum Stall, zieht einen Rotfuchs heraus und sattelt ihn unter Qualen. Dann bindet er das Pferd am Gatter fest, geht zurück und bringt noch zwei Pferde aus dem Stall.

Er halftert die Pferde mit langen Lassos aneinander, geht dann zum Haus und kommt nach einer halben Stunde mit ein paar Habseligkeiten zurück, die er auf die beiden Packpferde verteilt. Es ist ein kärgliches Bündel.

Danach geht er müde um das Haus herum und steht lange Zeit vor den flachen Grabhügeln. Er hat seinen Hut in der Hand, und seine Augen werden feucht.

„Ich gebe es auf“, murmelt er bitter. „Verachtet mich nicht – ich kann nicht mehr. Ich bin ein alter Mann geworden, yeah, sie haben es mir gezeigt. Ich werde euch jetzt verlassen.“

Er stülpt den Hut mit einer eigenartigen Bewegung auf sein Haar, beugt sich nieder und scharrt die Erde auf. Zehn Zoll unter der Oberfläche zieht er eine Blechdose aus der Erde, öffnet sie und zieht seine Landurkunde heraus, die sorgfältig in Ölpapier gewickelt ist. Er packt sie aus, nimmt eine Brieftasche aus seinem Rock und verstaut sie darin. Dann geht er zu den Pferden, zieht sich schwer am Sattelhorn hoch, nimmt die Leine des ersten Packpferdes und reitet davon.

Er reitet nach Norden, und er dreht sich nicht einmal um.

 

 

2.

Lewis Corner, der Richter von Canfield, steht vor seinem Haus und blickt die breite Hauptstraße mit gerunzelter Stirn hinauf. Er sieht den alten Hawthorn mit seinen Pferden kommen, und er weiß, was das bedeutet.

Langsam geht er die Stufen hinunter, stellt sich breitbeinig auf die Fahrbahn und wartet.

Canfield ist eine kleine Rinderstadt. Sie besteht aus der langen Hauptstraße, ein paar engen Nebengassen und zirka fünfzig Häusern, die diese Straßen zwischen sich gebildet haben. Zum größten Teil sind diese Häuser aus Holz, und sie ducken sich flach an den Boden. Es gibt zwei Stores, zwei Saloons und ein Hotel. Außerdem noch einen Mietstall, einen Schmied, einen Sattler und einen Schreiner. Neuerdings ist sogar ein Arzt in die Stadt gekommen, und auch eine Poststation wurde eröffnet. Gegenüber dem Richterhaus hat der Sheriff sein Office. Der Sheriff selbst aber ist nicht darin. Er liegt auf dem Kreuzhügel am nördlichen Stadtrand. Vor zwei Wochen wurde er erschossen, und zwar in einem Revolverduell mit dem Killer Cliff Haller. Seither wagt keiner der Bürger das einträgliche Amt des Sheriffs in Canfield zu übernehmen.

Canfield ist eine wilde und zügellose Stadt, und Richter Lewis Corner weiß, dass es so ist. Und nun, wo er den Reiter die Straße herunterkommen sieht, da glaubt er noch mehr zu wissen.

Auch der jahrelange Weidekrieg scheint nun beendet, und Rock Kenneth hat ihn für sich entschieden. Aber damit war zu rechnen, und der Sheriff war ein Narr, denn sicher hatte er selbst gewusst, dass Mac Hawthorn dieses verzweifelte Ringen niemals gewinnen konnte. Es war sein Fehler gewesen, trotzdem gegen Kenneth vorzugehen. So wenigstens sieht es der Richter, und mit seiner Meinung ist er immerhin sechzig Jahre ah geworden und lebt immer noch, während der Sheriff knapp vierzig Jahre zählte.

Inzwischen ist Mac Hawthorn herangekommen. Er zügelt den Rotfuchs und gleitet schwer aus dem Sattel.

Lewis Corner verzieht schmerzlich das Gesicht, denn der Alte sieht schlecht aus, sehr schlecht. Aber er sagt nichts.

Mac Hawthorn geht auf den Richter zu und bleibt einen Schritt vor ihm stehen.

„Was ist meine Ranch noch wert?“, fragt er rau. Er stützt sich an einen Pfeiler, an eine Begrüßung denkt er gar nicht.

Der Richter verzieht die Lippen.

„Nichts! Vor drei Monaten hat Kenneth noch dreitausend Dollar dafür geboten. Heute wird er dir nichts mehr geben. Und ein anderer Mann kauft diese Weide nicht. Es sei denn, du findest einen Selbstmordkandidaten. Ich werde sie nicht ausschreiben.“ Er zuckt die Schultern, als würde es ihm leid tun. „Versuch es noch mal, mit Kenneth zu verhandeln, er sitzt drüben in der Blue Sun, weiter kann ich nichts für dich tun.“

Mac Hawthorn lächelte bitter.

„Das ist nicht viel, Lewis“, sagte er kratzig. „Es ist sogar verdammt wenig, wenn ich ehrlich sein soll. Du hast dich sehr zu deinem Nachteil verändert. Nun, Kenneth würde mein Land nicht bekommen, und wenn er gleich Zwanzigtausend auf den Tisch legt, soviel ist sie ja wohl früher einmal wert gewesen – und vielleicht wird sie das auch wieder einmal sein.“

Damit wendet sich Hawthorn um, nimmt die Zügel auf und geht davon.

Als er an der Blue Sun vorbei will, steht dort Rock Kenneth in der Tür und sieht ihn grinsend an.

„Du hast es dir also doch überlegt. Well, Alter, das war klug von dir. Reite weit fort. Vorher kannst du mir deine Ranch verkaufen. Ich würde dir dafür fünfhundert Dollar geben. Wie ist es?“ Seine Stimme trieft vor Hohn.

Der alte Hawthorn steht starr auf der Straße, und die Sonne brennt auf ihn hernieder. Ehe er auf diese Dreistigkeit noch etwas erwidern kann, schiebt sich ein Reiter zwischen ihn und Kenneth, treibt ein Pferd an den Holm und steigt dort ab.

Hawthorn blickt zu dem Mann. Es ist ein Fremder. Der Mann lockert den Sattelgurt und geht dann hinten um sein Pferd herum. Freundlich nickt er dem alten Rancher zu.

Mac Hawthorn sieht, dass es ein großer und breitschultriger Mann ist, und jetzt, wo er seinen Stetson abnimmt und am Knie abstaubt, erkennt er auch blonde Haare.

Der Fremde stülpt seinen Stetson wieder auf und geht die Stufen hoch. Als er neben Kenneth ist, sieht Hawthorn, dass er die gleiche Größe hat wie der Raubrancher.

Der Mann mustert den elegant gekleideten Kenneth nur kurz, dann geht er vorbei und zur Schwingtür.

Kenneth dreht sich um.

„Guten Tag!“, ruft er scharf.

Der Fremde dreht sich um. Seine grauen Augen lächeln leicht. „Guten Tag, Mister“, sagt er sanft.

Dann ist er verschwunden.

Rock Kenneth wendet sich wieder an Hawthorn, aber dieser nimmt gerade die Zügel auf und will weitergehen.

„He, Alter, warte noch!“, ruft er ihm befehlend nach. „Wie ist es mit meinem Angebot? Fünfhundert, eine Menge Geld. Du könntest es sicher auf deinem beschwerlichen Weg gebrauchen. Und deine Weide nehme ich sowieso in Besitz.“

Hawthorn drehte sich wieder um.

„Ich weiß. Aber es ist unrechtmäßig und es wird immer dabei bleiben. Eines Tages kommt vielleicht ein Mann in dieses County, der dir dieses Unrecht bitter vergeltet. Wenn mir ein richtiger Tiger begegnet, Kenneth, dann werde ich ihm meine Ranch schenken. Well, das werde ich tun, und daran wirst du deinen Spaß haben. Ich werde einen guten Mann aussuchen.“

Rock Kenneths Gesicht wird hart wie Stein. Er scheint zu befürchten, dass Hawthorn seine Worte ernst meint. Er blickt zur Seite. Dort kommt Cliff Haller.

„Cliff“, ruft der Raubrancher, nimm diesem alten Trottel die Pferde weg. Wir müssen verhindern, dass er die Stadt verlässt. Hawthorn, es war gut, dass du mich gewarnt hast.“

Cliff Haller geht über die Straße, stößt seine Faust in das Gesicht des Alten und nimmt die Zügel.

Mac Hawthorn liegt im Staub Er braucht zwei Minuten, bis er auf den Beinen ist.

Inzwischen hat sich eine kleine Menschenmenge zusammengefunden. Die Mienen der Leute sind ernst und bitter, aber keiner sagt etwas. Sie stehen stumm und ergriffen.

Da kommt der blonde Fremde aus dem Saloon. Er geht an Kenneth vorbei und die Stufen hinunter. Vor Cliff Haller bleibt er stehen.

„Weißt du, wie weh es tut, wenn man brutal zusammengeschlagen wird, Broder?“, fragt er mit seiner sanften Stimme. „Bist du schon mal mit einem Hieb von den Füßen geschickt worden?“

Cliff Haller grinst.

„Nein, ich hatte die Ehre noch nicht, Hombre.“

Da holt der Fremde kurz aus und setzt dem Revolverschwinger eine knallharte Rechte aufs Kinn. Haller lässt die Zügel fahren und schlägt lang hin. Er liegt ausgestreckt auf der Straße und bewegt sich nicht. Die Leute stoßen sich heimlich an. Sie grinsen schadenfroh.

Mac Hawthorn ist inzwischen neben den Fremden getreten.

„Das war nett, Mann“, sagt er schwach, und sein Atem geht immer noch pfeifend. „Aber es lohnt sich nicht. Entschuldigen Sie sich besser bei Haller, wenn er erwacht, sonst bekommen Sie den größten Verdruss. Vielen Dank.“

Er greift nach den Zügeln, die ihm der Fremde hinhält, und massiert sein Kinn.

„Es lohnt sich immer“, sagt der Fremde leise, „man muss es nur richtig anpacken.“

Und dann dreht er sich auf dem Absatz um und geht zurück.

Rock Kenneth steht mit unbewegtem Gesicht auf dem Vorbau. Er hat die Hände in die Hüften gestemmt und versteht es so einzurichten, dass dieser seinen Arm streifen muss.

Der Fremde bleibt stehen. Er lächelt verbindlich und greift an seinen Hut.

„Oh, entschuldigen Sie, Mister“, grinst er, „ich wollte Sie wirklich nicht belästigen. Aber Sie stehen hier, als hätten Sie gleich für drei Mann den Platz gemietet.“

Ehe Kenneth diese Worte verdaut hat, ist er weitergegangen und im Saloon verschwunden.

Cliff Haller erhebt sich stöhnend. Er spuckt eine Woge Blut aus und einen Eckzahn.

Rock Kenneth bewegt nur den Kopf.

Haller nickt. Er geht hinter dem alten Hawthorn her.

Der Rancher aber hat zwei Häuser hin seine Pferde bereits angebunden und ist im Hotel verschwunden. Haller geht ihm nach. Er steht an der Tür und sieht den Rancher an der Portiersloge.

„Ich will ein Zimmer“, sagt der Alte gerade.

Da wendet sich Haller um und geht zurück.

„Er hat ein Zimmer im Hotel genommen“, sagt er zu seinem Boss. „Scheinbar wagt er sich nicht aus der Stadt. Er muss Angst haben, dass wir ihn draußen umlegen.“

„Vielleicht. Reite jetzt zur Ranch hinaus. Um Hawthorn kümmere ich mich selbst.“

„Okay.“

Der Revolvermann geht über die Straße und holt seinen Mustang aus dem Mietstall. Wenig später verlässt er die Stadt nach Westen.

Rock Kenneth wendet sich um und geht ins „Blue Sun“.

Der Fremde steht an der Theke, hat ein Glas vor sich und sieht ihm lächelnd entgegen. Rock Kenneths Beine setzen sich fast automatisch in Bewegung.

Knapp vor dem blonden Mann bleibt er stehen.

„Wer sind Sie?“

„Lee Harrison“, sagt der Fremde.

„Was wollen Sie hier?“

Lee hebt die Brauen, aber seine Stimme bleibt sanft wie immer. „Verstehe ich Sie richtig?“

„Was wollen Sie hier?“

„Am Ortseingang stand kein Schild, dass dies hier Privatgelände ist.“

„Diese Stadt gehört mir!“

„Oh – dann sind Sie sicher Mister Canfield, der diese Stadt gründete? Ich las einmal, dass die Gründung schon fünfzig Jahre zurückliegt, es stand in einer Chronik. Sie haben sich gut gehalten, Mister Canfield.“

Lee Harrison nimmt ruhig sein Glas und führt es an die Lippen.

Rock Kenneth aber knirscht mit den Zähnen. Er scheint einzusehen, dass er mit so simplen Methoden bei diesem Mann nicht weiterkommt. Er sagt: „Ich bin Rock Kenneth. Mir gehört alles Land hier herum. Alle Weiden!“

„Aha! Demnach halten Sie diese Stadt also auch für eine Weide. Nun, was gibt es denn hier abzugrasen? Falls es für einen leidlichen Pokerspieler geeignet ist, möchte ich gern eine winzige Ecke für einige Tage mieten. Wie hoch ist wohl ein kleines Plätzchen? Nur ein Stuhl?“

Rock Kenneth wirft sich auf dem Absatz herum und stiefelt hinaus. Der Keeper kichert in sich hinein.

„Das war gut, Mann, aber lassen Sie das besser. Kenneth kann verteufelt unangenehm werden.“ Und dann erzählt der Salooner dem Fremden, welche Rolle der Raubrancher in dieser Gegend spielt, und wie Hawthorn dabei gefahren ist.

Der Fremde hört unbewegt zu.

Nachdem der Keeper seinen Bericht beendet hat, legt Lee Harrison einen Dollar auf die Schankplatte und geht hinaus.

Am Abend sitzt dieser blonde Junge in einer Pokerrunde. Er hat wirklich einiges Talent, denn er ist laufend am Gewinnen.

Rock Kenneth steht hinter einem Stuhl und sieht zu. Als ein Platz frei wird, setzt er sich.

„Sie gestatten doch?“ Es klingt wie ein Befehl.

„Natürlich, es ist doch Ihre Stadt, Mister.“

In Rock Kenneths Gesicht arbeitet es heftig, aber er beherrscht sich. Er nimmt seine Karten auf, setzt – und verliert. Er ist ein ungeduldiger Mann, und er kann es nie sehen, wie ein anderer gewinnt. Und so wird er immer unaufmerksamer und verliert noch mehr. Er versucht es schließlich dadurch auszugleichen, dass er große Summen setzt, aber der Fremde bleibt eiskalt und freundlich zugleich und geht auf alles ein. Die Summen im Pott steigern sich immer mehr. Nach einer Stunde geht es schließlich um zehntausend Dollar. Alle Männer in der Runde sind aus dem Spiel gesteigert. Nur Rock Kenneth und Lee Harrison sehen sich über ihre Kartenränder hinweg noch an.

„Sie werden verlieren“, sagt der Raubrancher. Er denkt jetzt im Moment scheinbar nur noch an das Spiel.

„Schon möglich. Ich lege noch zweihundert zu.“

Der Fremde lächelt verbindlich. Er hat vier Könige in der Hand, und er sah, dass sich unter den abgelegten Karten zwei Asse befanden. Seine fünfte Karte legt er jetzt ab und kauft eine neue. Es ist noch ein Ass.

Er schiebt es ohne Gemütsbewegung zwischen seine Könige.

„Wissen Sie überhaupt, warum Sie verlieren werden, Stranger?“

„Nein – keine Ahnung.“

„Weil ich Sie jetzt aus dem Spiel steigern werde.“

„Aha.“

Rock Kenneth schiebt wieder tausend Dollar in den Pott.

Lee Harrison zieht nach. Er greift in seine Satteltasche, die er neben sich stehen hat und bringt einen Haufen Geldscheine auf den Tisch. Es ist so viel, dass Kenneths Blick starr wird. „Bieten Sie ruhig weiter, Mister.“

Kenneth ist so wild, dass er es tatsächlich tut, bis der Haufen vor Lee Harrison alle ist. Dann greift er erneut in seine Tasche und bringt noch zweihundert Dollar, die er in den Pott wirft. Sein Blick ist triumphierend. Lee greift wieder in die Satteltasche.

„Wie viel Geld haben Sie denn noch, zum Teufel?“

„Noch ne ganze Menge, Mister. Wollen wir jetzt aufdecken, oder setzen Sie noch?“

Rock Kenneth hält seine Karten unentschlossen in den Händen und blickt den Mann an.

„Ich werde einen Schuldschein über zehntausend Dollar ausstellen“, sagt er mit belegter Stimme. Seine Augen flackern leicht.

Lee schüttelt den Kopf.

„Tut mir leid, Mister. Ich habe gehört, dass Sie vor Dingen, die nur auf dem Papier stehen, verdammt wenig Respekt haben. Man spricht hier von einem Rancher, dem Sie Land streitig machen wollen, obwohl dieser darüber eine Urkunde hat. Sie werden verstehen, dass ich zu Schuldscheinen von Ihnen kein Vertrauen habe.“

Rock Kenneth springt hoch und funkelt den Mann an, der da Worte sagt, die kein Mensch in der Stadt gegen ihn in den Mund zu nehmen wagt.

„Mann, was bilden Sie sich eigentlich ein? Soll ich Sie zurechtstutzen?“

„Darüber können wir später reden, Mister. Ich muss schon sagen, Ihnen fehlt die Würde, wie ein Mann zu verlieren.“

Kenneth setzt sich wieder. Die ruhigen Worte des Mannes wirken wie eine kalte Dusche auf ihn.

„Schön, decken wir auf.“

Lee gewinnt, denn der Rancher hat nur geblufft. Er zieht den Haufen zu sich heran und glättet die Scheine sorgfältig. Ein Mann steht auf und geht zur Theke. Auch der andere Mitspieler erhebt sich.

Die Luft scheint mit Dynamit geladen zu sein.

Lee glättet noch immer Geldscheine und steckt sie in die Tasche.

„Wenn Sie um Ihre Ranch spielen wollen, würde ich mithalten“, sagt er lächelnd.

„Meine Ranch ist fünfzigtausend Dollar wert. Dazu kommen noch zwei Herden.“

„Fünfzigtausend Dollar“, sagte der Fremde. Es klingt, als spreche er von zehn Cent.

Da setzt sich plötzlich ein anderer Mann an den Tisch.

Es ist Mac Hawthorn.

„Ich habe eine Ranch zu verspielen“, sagt er.

Kenneth rückt seine Samtschleife zurecht und grinst.

„Gut“, sagt er, „spielen wir darum.“

„Mit Ihnen nur, wenn Sie Ihre Ranch ebenfalls setzen, Kenneth.“

Der Raubrancher verzieht die Lippen. Er steht plötzlich auf und sagt: „Okay, Harrison, wenn Sie mit Hawthorn um dessen Ranch pokern, dann haben Sie in mir einen Feind dazugewonnen.“

Er dreht sich um und geht davon.

Hinter ihm schließt sich der Kreis der Schaulustigen.

Hawthorn bringt seine Urkunde aus der Tasche und legt sie in die Mitte des Tisches.

„Was würden Sie dagegen setzen?“

„Gar nichts. Sie sind kein Spieler, Mann, und Sie würden verlieren. Sie irren, wenn Sie denken, dass ich ein Halsabschneider bin. Alles, was ich habe, ist gewonnen – im scharfen Spiel.“

„Schade.“

Lee Harrison lächelt noch immer. „Aber ich würde Ihnen das Papier zum Richtpreis abkaufen. Ich kam in diese Gegend, um etwas Ähnliches zu erwerben.“

Die Männer im Kreise stoßen sich an, und die Worte gehen von Mund zu Mund. Sie erreichen auch Rock Kenneth, der wütend an der Theke steht und einen Whisky nach dem anderen in seine Kehle schüttet. Der Raubrancher geht schnell wieder zu dem Tisch, bleibt aber in der hintersten Reihe stehen und sieht über die Köpfe der anderen hinweg.

„Diese Ranch hat einen Richtpreis von zwanzigtausend Dollar, Mister.

Aber da hängt …“

„Ich weiß, ich hörte schon davon, und Mister Kenneth brachte es auch eben zum Ausdruck. Wenn Sie wollen, zahle ich Ihnen den Preis.“

Der Alte schüttelte den Kopf.

„Nein. Entschuldigen Sie, es war eine Gemeinheit von mir.“

Er will sich erheben, aber Lee ergreift seinen Arm und zieht ihn wieder auf den Stuhl.

„Kommen Sie, wir spielen darum.“ Der Alte legt die Urkunde auf den Tisch.

Lee verteilt die Karten. Er sieht sein Blatt an, dann legt er zehntausend Dollar auf die Urkunde.

„Ich halte gegen die Hälfte der Urkunde.“

„Und?“

„Der Rest bleibt Ihr Eigentum.“

Mac Hawthorn lächelt schwach. Er hält dieses Angebot, kauft auch keine Karten, obwohl er ein schlechtes Blatt hat.

Er verliert.

Lee Harrison streicht sein Geld wieder ein und nimmt die Landurkunde vom Tisch. Er gibt dem Alten die Hand und sagt schlicht: „Wir sind jetzt Partner, Mister. Ich werde die Urkunde verwahren, falls Sie nichts dagegen einzuwenden haben.“

„Nein.“

Lee steckt das Blatt sorgfältig in seine Tasche und erhebt sich.

Die Männer treten auseinander.

Rock Kenneth weicht bis zur Wand zurück und bleibt dort mit sprühenden Augen stehen.

Lee geht mit Hawthorn zur Theke. Er bestellt zwei Whisky, aber der Alte winkt ab.

„Aus der Partnerschaft wird nichts. Ich bin des Kampfes müde, Harrison – und vielleicht haben Sie auch keine Chance.“

„Das muss sich erst herausstellen.“

„Aber Sie wissen, was hier gespielt wird. Well, die Ranch gehört Ihnen.“ Hawthorn dreht sich um und geht hinaus.

Hinter der Bartheke steht jetzt eine hübsche Frau. Es ist Myra Beel. Diese Frau ist groß und schlank, sie hat offene, rehbraune Augen und eine glatte Stirn. Auch ihr Haar ist braun. Sie blickt Lee an und lächelt herb.

Lee aber wendet sich ab und geht hinter Hawthorn her. Er holt ihn kurz vor dem Hotel ein.

„Hören Sie“, sagt er leise. „Wenn Sie wirklich nicht wollen, dann kaufe ich Ihnen für zehntausend Dollar die andere Hälfte ab. Sie behalten bis auf zehn Jahre das Rückkaufsrecht, damit gehen Sie kein Risiko ein. Der Preis bleibt immer für Ihre Hälfte bindend. Wenn Sie darauf nicht eingehen, zerreiße ich den Fetzen!“

Hawthorn blickt den jungen Mann lange und nachdenklich an.

„Well“, sagt er schließlich, „nehmen Sie es einem alten Mann nicht übel. Ich bin dermaßen geschlagen worden, dass mein Widerstand dahin ist. Geben Sie die zehntausend Bucks her.“

Lee nimmt das Geld aus der Satteltasche, die er in der Hand hält, und gibt es dem Mann.

„Ich habe heute in acht Wochen Geburtstag“, sagt er. „Sie würden mir eine Freude machen, wenn Sie mich dann besuchen. Reiten Sie inzwischen ein wenig draußen herum. Vielleicht gefällt es Ihnen dann schon besser – und vielleicht fühlen Sie dann auch wieder Widerstand in sich. Kommen Sie morgen Vormittag zum Richter, damit wir die Überschreibung vornehmen können.“

Er gibt dem Alten noch einmal die Hand, dann geht er langsam zurück.

Das „Blue Sun“ ist wie leergefegt. Die Männer sind alle nach Hause gelaufen, um das tolle Ereignis ihren Angehörigen mitzuteilen.

 

 

3.

Lee sieht nur Myra Beel hinter der Theke. Er geht hin, zieht sich einen Hocker heran und schwingt sich hoch.

Sie schenkt wortlos einen Whisky ein und schiebt ihn über den Schanktisch. Er trinkt und blickt sie über den Rand des Glases hinweg an.

Bald kommen wieder ein paar Männer herein. Sie setzen sich an die Tische und blicken scheu herüber. Sie erwarten scheinbar ein Schauspiel, aber dann kommt einer herein und ruft: „Kenneth ist aus der Stadt geritten.“

Es wird also kein Schauspiel geben.

„Das wird er Ihnen nicht vergessen, Lee Harrison. Sie sind ein Tiger, und das hat nicht nur Hawthorn erkannt, sondern auch Kenneth. Er hat ein wildes Rudel, noch ehe der Tag erwacht, wird er es auf Sie hetzen.“ Sie macht eine Pause, nimmt ein Glas auf, das sie sich vorher ein schenkte, und trinkt langsam Denn setzt sie es wieder ab und sieht ihn an.

„Ich will Ihnen nicht raten, weiter zu reiten, denn Sie würden es doch nicht tun. Nein, Sie sind von der Sorte, die einem Kampf nicht aus dem Wege geht. Aber es wäre gut, wenn Sie richtig auf sich aufpassen. Dieses Land dürstet nach einem Mann, wie Sie einer sind.“

Er lächelt sein verbindliches Lächeln und nickt schwach.

„Tragen Sie nicht so stark auf. Ich bin ein Mann wie tausend andere. Eine Kugel, die ins Herz trifft, würde mich töten, genau wie sie Kenneth auch töten würde.“ Damit sagt er ihr gleich zwei Dinge.

Details

Seiten
128
Jahr
2020
ISBN (eBook)
9783738947298
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2020 (November)
Schlagworte
weidekrieg canfield river

Autor

Zurück

Titel: Weidekrieg am Canfield River