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Ein Roberto Tardelli Thriller #59: Fünfzehn Runden um dein Leben

2020 100 Seiten

Zusammenfassung


Der Mafiagangster Lucio Vulcano will über seine Verbindungen aussagen. Dazu soll ihn Mafiajäger Roberto Tardelli als Abgesandter von COUNTER CRIME in Paris abholen. Durch einen unglücklichen Zufall bleibt Roberto zurück, und das Flugzeug mit Vulcano wird entführt. Tardelli will alles daran setzen, Vulcano zu befreien, doch das erweist sich fast unmöglich.

Leseprobe

Table of Contents

Fünfzehn Runden um dein Leben

Copyright

Die Hauptpersonen des Romans:

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Fünfzehn Runden um dein Leben

Ein Roberto Tardelli Thriller #59

von Cedric Balmore

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 100 Taschenbuchseiten.

 

Der Mafiagangster Lucio Vulcano will über seine Verbindungen aussagen. Dazu soll ihn Mafiajäger Roberto Tardelli als Abgesandter von COUNTER CRIME in Paris abholen. Durch einen unglücklichen Zufall bleibt Roberto zurück, und das Flugzeug mit Vulcano wird entführt. Tardelli will alles daran setzen, Vulcano zu befreien, doch das erweist sich fast unmöglich.

 

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

Alfred Bekker

© Roman by Author

© COVER FIRUZ ASKIN

© dieser Ausgabe 2020 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

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Die Hauptpersonen des Romans:

Benny Carter – Ein Freund, den Roberto Tardelli ganz überraschend wiedertrifft, und der ihm entscheidend aus der Patsche hilft.

Iman Adabi – Diktator eines afrikanischen Zwergstaates, der Roberto Tardelli ans Leben will.

Ntumo Ntube – Der Befehlshaber seiner Armee und ein recht zwielichtiger Zeitgenosse mit noch fragwürdigeren Praktiken, seine Probleme zu losen.

Lucio Vulcano – Der Mann, um den sich alles dreht, und der beinahe noch in allerletzter Sekunde ermordet wird.

Mario Montale – Der Mann, der an COUNTER CRIME zum Verräter wird.

Roberto Tardelli – Er kämpft verbissen gegen das organisierte Verbrechen in aller Welt und gibt nie auf.

 

 

1

Sein Gesicht verriet den Mann. Es hatte den brutalen, verschlagenen Ausdruck eines Mannes, der weder Intrigen noch Gewalt scheute. Er hatte die Arbeit im Geheimdienst gewählt, um seine Aggressionen ausleben zu können. In diesem Fall die Arbeit im Deuxieme Bureau, denn der Mann war Franzose. Auch sein Partner war Franzose. Der zweite Mann schien weniger aggressiv zu sein, aber der Eindruck konnte täuschen.

„Wie heißen Sie wirklich, und was wollen Sie in Frankreich?“, fragte der mit dem brutalen Gesicht und schlug mit Robertos Pass auf seine Kniescheibe.

Roberto wusste, dass es keinen Zweck hatte, den beiden zu erklären, dass er wirklich Roberto Tardelli hieß, wie es auch in dem Pass stand. Sie hätten ihm nicht geglaubt.

„Seit wann hat das Deuxieme Bureau eigentlich ein Büro direkt in Orly?“, fragte er stattdessen.

„Die Fragen stellen wir“, fuhr der Geheimdienstler auf, aber der andere machte eine beruhigende Geste und sah Roberto an.

„Wie kommen Sie darauf, dass wir vom Deuxieme Bureau sein könnten?“, wollte er wissen.

„Solche Typen wie Ihren Kollegen kenne ich zur Genüge“, gab Roberto zurück. „Die erkennt man doch schon von Weitem – wie bei uns die Bullen.“

Der mit dem hinterlistigen Gesicht pfefferte den Pass auf die Polyesterplatte des Tisches in dem kärglich eingerichteten Zimmer in einem Nebenflur des Flughafens Paris-Orly.

„Jetzt reicht‘s, Mr. Tardelli“, fuhr er auf. „Sie meinen wohl, weil Sie Amerikaner sind, können Sie hier in unser Land kommen und die Schnauze aufreißen. Aber Sie irren sich sogar ganz gewaltig!“

„Der langen Rede kurzer Sinn“, schaltete sich jetzt der Friedlichere wieder ein, „mein Kollege meinte damit, dass wir wissen, wer Sie sind, Mr. Tardelli, und warum Sie hier sind. Weil wir aber nicht mögen, dass Sie sich in unsere Angelegenheiten einmischen, werden wir dafür sorgen, dass Sie keine Möglichkeit dazu bekommen. Verstanden?“

„Nein“, sagte Roberto.

Der Brutale warf ihm einen bösen Blick zu.

„Okay, wie Sie in den Staaten sagen. Sie nehmen die nächste Maschine und fliegen wieder nach Washington.“

„Ich bin aus Los Angeles gekommen.“

Jetzt geriet auch der zweite Mann langsam in Wut. „Dann fliegen Sie eben wieder nach Los Angeles zurück!“, brüllte er Roberto an.

„Muss ich Ihnen das versprechen?“, fragte Roberto Tardelli.

„Non, non, Mr. Tardelli. Wir bleiben hier. Wir sorgen selber dafür, dass Sie die Maschine nehmen.“

Roberto fand, dass die beiden Typen überhaupt nichts von dem sprichwörtlichen Charme der Franzosen an sich hatten. Sie trugen nicht einmal die berühmten Baskenmützen. Sie trugen anthrazitgraue Anzüge, die unter den Schultern ausgebeult waren. Sie waren tadellos frisiert und rochen nach Rasierwasser und Knoblauch. Sie waren Roberto unsympathisch.

Roberto überlegte fieberhaft. Natürlich waren die beiden Typen Sicherheitsbeamte, das war mal klar. Vom Deuxieme Bureau. Und ebenso klar war, dass man seine Mission, zumindest andeutungsweise, verraten hatte. Irgendwo zwischen Washington und Paris gab es eine undichte Stelle. Hoffentlich nicht direkt in Vulcanos Umgebung! Denn dann konnte dieser Job hart werden. Aber das war er mittlerweile gewohnt. Seitdem er die Mafia bekämpfte, war jeder Job hart.

Er blickte auf die große, runde Uhr über der Tür. 12.13 Uhr mitteleuropäischer Zeit. Neben der Tür hing ein Spiegel. Er warf einen kurzen Blick hinein. Sein dunkelblauer Anzug sah absolut geschäftsmäßig aus, die schwarzen Haare waren nicht zu lang, und die dunklen Augen in dem gut geschnittenen Gesicht blickten harmlos. Mit einem Wort, er sah völlig unverdächtig aus. Er musste verraten worden sein.

Er war am Morgen in Los Angeles in die Linienmaschine der TWA gestiegen und wenige Stunden später in Orly gelandet. Der Himmel über Paris war verhangen, sehr ungewöhnlich für einen Tag im Mai. Und es war auch ungewöhnlich, dass direkt hinter der Passkontrolle diese beiden männlichen Prachtexemplare auf ihn gewartet hatten.

Dann hatten sie ihn in dieses Büro geführt und lustlos, aber routiniert verhört.

Die beiden Männer sahen aus dem kleinen Fenster nach draußen. Sie schienen sich zu langweilen. In dem Büro standen ein Schreibtisch, ein dunkelgrüner Metallschrank und vier Stühle.

„Ich habe Durst“, sagte Roberto.

„In einer Dreiviertelstunde geht Ihre Maschine zurück. Da können Sie sich dann etwas zu trinken be …“

Der Mann kam nicht dazu, den Satz zu beenden. Schon ganz zu Anfang war Roberto aufgefallen, dass die beiden sich nicht besonders anstrengten bei diesem Auftrag. Sie hatten es nicht einmal für nötig gehalten, den Schlüssel in der Tür umzudrehen.

Das wurde ihnen jetzt zum Verhängnis.

Krachend flog die Tür auf und knallte gegen das Waschbecken links davon. Zwei Männer in dunklen Nadelstreifenanzügen stürmten herein. Ihre Finger spannten sich um matt glänzende Luger-Pistolen. Sie hatten die Pistolen aggressiv vorgestreckt. Einer von ihnen sprang breitbeinig in die Hocke und richtete den Lauf seiner Waffe auf die beiden Männer vom Deuxieme Bureau.

„Besser nicht bewegen“, sagte er heiser. Er hatte nur noch wenig Haare auf dem Kopf, und seine Unterlippe wies einen schmalen Riss auf.

Der andere war mit einem Satz bei Roberto Tardelli. Auch seine Luger wich nicht einen Millimeter von den beiden Sicherheitsbeamten. Er sagte nichts. Er brauchte auch nichts zu sagen. Man sah ihm auch so an, was er wollte.

Roberto bemerkte, dass auf dem Gang draußen noch zwei Männer warteten, bereit einzugreifen, wenn die Beamten so dumm sein sollten, auch nur mit der Wimper zu zucken. Mit ihren weit aufgerissenen Augen wirkten sie wie einem Wachsfigurenkabinett entnommen, Abteilung Horror.

„Los, Tardelli, schnappen Sie sich Ihren Pass und dann los“, befahl der Mann, der in die Hocke gegangen war. „Jede Minute zählt.“

Roberto war mit einem Satz auf und grapschte sich seinen Pass vom Schreibtisch des Sicherheitsbeamten mit dem brutalen Gesicht.

„Adieu, Messieurs!“, konnte er sich nicht enthalten zu bemerken.

Hoffentlich sehen wir uns nicht mehr wieder, fügte er in Gedanken hinzu, dann war er aus der Tür. Er sah die beiden Männer auf dem Gang an. Und im gleichen Moment hörte er das Geräusch eines Schlages und den Schuss. Er sah, wie sich der Gesichtsausdruck der beiden Männer im Flur veränderte, als sie an ihm vorbeistürzten. Anscheinend hatte einer der beiden Geheimdienstler vom Deuxieme Bureau noch einen verhängnisvollen Fehler begangen.

Roberto wirbelte herum. Mit einem Blick erfasste er, was geschehen war. Der Beamte mit dem verschlagenen Gesicht hatte seine Waffe gezogen. Er hatte sie nur gezogen, mehr Zeit war ihm nicht geblieben. Jetzt saß er mit verstörtem Gesichtsausdruck auf dem Drehstuhl hinter dem Schreibtisch, und die Waffe lag vor ihm. Er blutete aus einer Wunde an der Schulter.

Roberto konnte sich denken, wer die Männer geschickt hatte, die ihn aus dem Büro holten. Und der Mann schickte keine Nieten. Der schickte Typen, die bereits das ganze Magazin leer gefeuert hatten, wenn der Gegner erst auf die Idee kam, die Waffe zu ziehen.

 

 

2

„Mein Name ist Jean-Loup. Wenn Sie etwas wissen wollen, bis wir bei Lucio sind, dann fragen Sie mich. Alors, gehen wir.“

Die vier Männer hatten die Waffen wieder in den Schulterhalftern verschwinden lassen, alles mit der tödlichen Ruhe von Vollprofis. Wären nicht diese typischen Gangstervisagen gewesen, man hätte sie für elegante Geschäftsleute halten können.

Der Gang war lang, und ganz am Ende ging jetzt eine Tür auf, und zwei Männer kamen zögernd heran.

„Wurde hier nicht eben geschossen?“, fragte der eine der beiden. „Es hat sich so angehört.“

„Wir haben nichts bemerkt“, sagte Jean-Loup rasch. „Vielleicht auf der anderen Seite der Halle.“

Der Mann gab sich aber damit nicht zufrieden, sondern drängte sich an den fünf Männern vorbei.

„Rasch jetzt“, kommandierte Jean-Loup. Die fünf Männer beschleunigten ihre Schritte und öffneten die Tür am Ende des Ganges. Hinter der Tür war die Abflughalle für internationale Flüge mit ihrem Menschengewimmel und Lautsprecherlärm. An einer Tafel leuchteten die Abflugzeiten der nächsten Maschinen auf. Die große Digitaluhr in der Mitte der Halle zeigte 12 Uhr 17. Alles blieb ruhig. Männer und Frauen mit Handgepäck durchquerten mit eiligen Schritten die Halle, erregte Mütter zerrten kleine Kinder hinter sich her.

Roberto und die vier Männer wandten sich nach links zum Ausgang. In diesem Moment – es war gerade 12 Uhr 18 geworden – schrillte eine Sirene. Ein grelles, an- und abschwellendes Heulen erfüllte die Halle.

„Merde“, entfuhr es Jean-Loup. „Die Flics sind alarmiert! Los, jetzt brennt‘s.“

Trotzdem beschleunigte er seine Schritte nur geringfügig. Wenn sie anfingen zu rennen, würden sich hinterher wesentlich mehr Menschen an sie erinnern. Sie alle – mit Ausnahme von Roberto – hatten Gesichter, die leicht zu beschreiben waren und wahrscheinlich auf gut ausgeleuchteten Fotos im Archiv des Erkennungsdienstes lagerten.

Zwei Uniformierte tauchten auf. Flughafenpolizei oder normale Gendarmerie, das konnte Roberto noch nicht genau unterscheiden. Von französischen Polizisten war er noch nie gehetzt worden. Außer im Moment. Es war eine Premiere.

Roberto und die anderen begannen zu rennen. Es waren nur noch einige Meter bis zu den automatischen Türen nach draußen.

Auch die Uniformierten begannen zu laufen. Sie zerrten ihre Dienstrevolver aus den Halftern, wagten aber nicht, einen Schuss abzugeben. Zu viele Leute befanden sich in der Halle. Leute, die verwirrt stehengeblieben waren, als sie die Sirene hörten.

„Haltet sie, haltet sie!“, rief einer der Uniformierten, aber niemand traf Anstalten, seiner Aufforderung Folge zu leisten. Schließlich konnte es sich um gefährliche Terroristen mit Bomben oder Säureflaschen handeln.

Jean-Loup stieß einen Mann beiseite, der eben mit zwei schweren Koffern in die Halle getaumelt kam. Mit einem empörten Aufschrei setzte sich der Mann auf seine vier Buchstaben und schleuderte Jean-Loup und Roberto wilde Flüche hinterher.

Bei seinem ersten Zusammenstoß mit der Mafia und der Polizei hatte Roberto ein ähnliches Erlebnis auf dem Los Angeles Airport gehabt. Dort waren Scheiben zu Bruch gegangen, und die Polizei war im Großeinsatz mit Maschinenpistolen vorgegangen. Das hier erschien Roberto wie ein harmloses Spiel unter Kindern. Mit den Franzosen assoziierte er immer noch fröhliche Gangster und Polizisten à la Kommissar Maigret. Er wusste, dass das ein Irrtum war. Auch die französischen Flics hatten MPs und wussten damit umzugehen.

Jean-Loups Eile war nicht unbegründet.

Als die automatischen Türen vor ihnen auseinander schwangen, bog auf den Vorplatz des Flughafengebäudes ein Mannschaftswagen mit vergitterten Fenstern ein.

„Merde“, fluchte Jean-Loup noch einmal. „Staatsempfang für Roberto Tardelli. Vite, vite.“

Er bog wieder nach links, und Roberto und die anderen folgten ihm. Sie jagten wie schwarze Schemen über den Bürgersteig und auf den Parkplatz. Vom Himmel lösten sich die ersten schweren Tropfen eines Frühlingsregens und hinterließen große schwarze Flecke auf dem Asphalt. Ein lauwarmer Wind fegte über die Autodächer und behinderte die Männer beim Laufen.

„Welcher ist es?“, fragte Roberto.

„Da, der blaue SM“, rief Jean-Loup. Eine große, dunkelblaue Citroen-Limousine wartete in der zweiten Reihe mit der Kühlerhaube in Fahrtrichtung.

Die Türen waren unverschlossen, und einer der Männer glitt hinter das Steuer. Jean-Loup und ein zweiter Mann nahmen Roberto Tardelli auf dem Rücksitz in die Mitte.

Der Gangster zeigte auf das kleine Köfferchen, das Roberto als Handgepäck in den Jumbojet mitgenommen hatte.

„Halten Sie sich das vors Gesicht, wenn wir in die Nähe der Flics kommen“, riet er Roberto.

Im nächsten Augenblick schoss der Wagen aus der Parklücke.

Der gut gefederte Wagen legte sich in die Kurve und schoss mit quietschenden Reifen zwischen den abgestellten Autos hindurch. Fast gleichzeitig bog am anderen Ende der Strecke ein zweiter Mannschaftswagen ein und hielt auf halber Höhe. Zwölf Flics mit Stahlhelmen und MPs stürzten heraus.

„Scheiße“, brüllte der Fahrer, „was soll ich jetzt machen?“

„Gas geben“, sagte Jean-Loup und griff unter sein Jackett. Zu Roberto gewandt, befahl er: „Koffer hoch! Wir können es uns nicht leisten, dass man Ihr Gesicht identifizieren kann.“

Am Rand des hochgerissenen Koffers vorbei sah Roberto die entsetzten Gesichter der Polizisten, als der große Wagen auf sie zuschoss. Einer der Flics brachte seine MP in Anschlag, aber Jean-Loup war schneller. Er hielt die Luger aus dem Fenster des Beifahrers und gab einen gezielten Schuss ab. Der Flic verschwand.

Dann war der Citroen durch und ordnete sich in den Verkehr Richtung Innenstadt ein. Es war kein Streifenwagen da, der sie verfolgte. Einige rasch abgefeuerte Schüsse der Flics gingen ins Leere.

„So machen wir das hier“, lachte Jean-Loup.

Roberto Tardelli erwiderte nichts. Auch er hatte in seinem Kampf gegen die Mafia schon einmal einen Polizisten erschießen müssen, aber es war Notwehr gewesen und der Mann – ein Leutnant der Mordkommission – hatte im Sold der Mafia gestanden. Aber Roberto hatte deshalb nicht vergessen, dass es zwei Seiten gab. Auf der einen standen er und die Männer von COUNTER CRIME, und diese vier Typen, die ihn in Orly herausgeschossen hatten, standen auf der anderen.

„Wie geht es Lucio Vulcano?“, fragte Roberto nach einer Weile.

„Als wir heute morgen losfuhren, lebte der alte Mann noch“, sagte Jean-Loup, „und mit etwas Glück tut er das auch jetzt noch.“

„Und wenn nicht?“

„Dann haben ihn die aus Italien erwischt.“

„Bezahlt er Sie nicht gut?“, wollte Roberto wissen. Er hatte von Vulcano gehört, dass er sich ein paar Männer aus der Pariser Unterwelt gekauft hatte, die ihn beschützen sollten, solange er in Paris war. Jean-Loup war einer von ihnen, vielleicht sogar der Anführer, und er schien nicht sehr zufrieden mit seiner Aufgabe zu sein.

„Er zahlt gut, die Kohlen stimmen. Bloß kann einem niemand soviel zahlen, dass man freiwillig aufs Schafott geht. Je länger der alte Mann in Paris bleibt, desto größer ist die Gefahr, dass seine Kumpels von der Mafia in Palermo ihm auf die Sprünge kommen. Da können wir dann nichts mehr machen. Die Mafia ist ein paar Nummern zu groß für einen wie mich.“

Seltsam war, dass Vulcano, einer der mächtigsten Männer in der italienischen Mafia, jetzt niemanden finden konnte, der ihn gegen die Schlagkraft der Organisation schützte, die er selber aufgebaut hatte. Außer den Männern von COUNTER CRIME, den lebenslangen Gegner.

Der dunkelblaue SM reihte sich unbehelligt in den breiten Verkehrsfluss auf den Champs-Elysées ein. Es regnete jetzt stärker. Der Arc de Triomphe erhob sich hinter einem Schleier aus gischtigen Böen, und von dem vollen, grünen Laub der Alleebäume troff das Wasser. Hinter den Bäumen funkelte das Licht von Drugstores und Cafés und teuren Boutiquen.

Irgendwo in dieser verregneten, lichterfüllten Stadt saß ein Mann, ein alter Mafioso, und hatte Angst. Er hatte Angst, weil er wusste, dass er bald sterben würde. Und er hatte Angst, weil er wusste, dass die Morde und Erpressungen, der Heroinhandel und die Mädchenringe ihm keine sehr guten Referenzen für die Ewigkeit ausstellten. Deswegen hatte er beschlossen, sein Gewissen zu erleichtern.

Er wollte auspacken: Namen, Orte, Daten und Zahlen. Und es gab auf der ganzen Welt nur eine Stelle, an der seine Informationen so effektiv wie möglich im Kampf gegen die Mafia eingesetzt werden konnten: In der Zentrale von COUNTER CRIME!

Es war Vulcano gelungen, Colonel Myer, den obersten Chef von COUNTER CRIME, über seine Absicht zu informieren. Und er hatte auch durchblicken lassen, dass er sich seines Lebens nicht mehr sicher fühlte.

Deswegen hatte Myer seinen besten Mann beauftragt, Vulcano aus Europa heil herauszuholen und nach Washington zu begleiten – Roberto Tardelli. Und hier war er nun, in der Stadt der Liebe, zusammen mit den Boten des Todes.

Vulcano hatte sich in einer versteckten Mansardenwohnung in der Gegend vom Gare St. Lazare unterbringen lassen. Er saß auf einem schäbigen Bett ohne Laken, als Roberto und die Männer von Jean-Loup den Raum betraten. Seine Augen waren groß und wässrig. Er sah wehrlos aus, wie ein Käfer, den man auf den Rücken gedreht hat. Zwei Männer waren bei ihm, die ihre Waffen wieder in den Schulterhalftern verschwinden ließen. Obwohl Jean-Loup sich eines komplizierten Klopfzeichens bedient hatte, waren sie in Deckung gegangen. Hinter einem Klopfzeichen konnte der Tod lauern.

Lucio Vulcano erhob sich und gab Roberto Tardelli die Hand. „Ich bin froh, dass Sie gekommen sind, Signore Tardelli.“

Roberto Tardelli erwiderte: „Und ich bin froh, wenn wir wieder weg sind, Signore Vulcano. Wann geht unsere Maschine?“

„Um fünf Uhr, Signore Tardelli. Diese tapferen Männer werden dafür sorgen, dass wir unversehrt den Flughafen erreichen.“ Die Ironie in seiner Stimme war nicht zu überhören.

„Sie werden verstehen, Signore Tardelli, dass ich erst sprechen kann, wenn wir in Washington gelandet sind.“

Roberto Tardelli nickte. Das war auch seine Ansicht, alles andere wäre selbstmörderisch gewesen. Es war jetzt halb zwei. Zweieinhalb Stunden mussten totgeschlagen werden, bis sie wieder zum Flughafen fahren konnten.

Lucio Vulcano ließ sich auf das Bett sinken. Er sah müde aus. Auch Roberto setzte sich auf das Bett. Die anderen Männer saßen auf Stühlen oder auf dem Fußboden. Jean-Loup stand am Fenster und sah hinaus. Er konnte nichts sehen als ein Stück des Himmels. Sie warteten.

Um zwei Uhr schickte Vulcano einen der Männer in ein kleines Lokal gegenüber, damit er Kaffee holte.

Sie tranken den Kaffee und warteten weiter. Roberto hatte ein ungutes Gefühl in der Magengrube, ein Gefühl, das ihm sagte, dass heute noch etwas passieren würde. Etwas, bei dem Blut fließen würde.

Um kurz vor vier machten sie sich auf den Weg. Der blaue SM stand in einer Parallelstraße. Roberto, Vulcano und Jean-Loup nahmen auf der Rückbank Platz. Die drei Männer, die nicht mehr in den Wagen passten, erhielten von Vulcano ein dickes Geldbündel, das sie durch drei teilen sollten. Auf dem Weg zum Flugplatz warf Roberto zufällig einen Blick nach hinten. Er hätte den roten Peugeot 404 nicht bemerkt, wenn ihm der Wagen nicht schon bei der Abfahrt aufgefallen wäre.

„Wir werden verfolgt“, stellte er fest.

Vulcano drehte sich nicht um. Er wurde nur noch ein wenig blasser. „Das glaube ich nicht.“

Als Roberto sich noch einmal umblickte, war der rote Peugeot tatsächlich verschwunden. Sollte er schon allmählich Gespenster sehen? Jetzt schon, kaum dass der Auftrag begonnen hatte?

Am Flughafen blieben sie einige Minuten bei abgestelltem Motor in dem Citroen, aber der andere Wagen tauchte nicht wieder auf. Sie stiegen aus und begaben sich in die Abflughalle, wo die anderen Passagiere bereits auf den Flug nach New York warteten. Roberto und Vulcano mussten in New York umsteigen nach Washington.

„Auf dem Kennedy Airport“, sagte Roberto.

Die Lautsprecher gaben in verschiedenen Sprachen Informationen zum Verlauf des Fluges. Dann gingen die automatischen Türen auf, und ein Mann und eine Frau betraten die Halle. Beide waren extravagant gekleidet, drei Fotografen sprangen um sie herum und schossen Blitzlichtaufnahmen. Sofort gab es einen kleinen Menschenauflauf. Der Mann war schmal und nicht sehr groß, er trug ein goldfarbenes Hemd und eine violette Samtjacke. Zwei Polizisten kamen heran und halfen ihm, durch die Menschen zur Abfertigung zu gehen.

„Das ist Paul Marcellino“, erklärte Jean-Loup, „einer unserer größten Schlagersänger. Er nimmt dieselbe Maschine wie Sie, Mr. Vulcano. Er gibt ein Gastspiel in Amerika. Die Frau ist seine Gattin.“

„Ein Schlagersänger“, murmelte Vulcano, „so, so. Um Himmels willen, jetzt ist mir etwas eingefallen. Ich muss sofort zurück in die Wohnung.“

„Was?“ Roberto schrak zusammen. „Warum? In fünf Minuten werden wir aufgerufen.“

„Ich muss trotzdem. Ich habe etwas Wichtiges vergessen. Ein Notizbuch, in dem ich Namen und Verbindungen notiert habe. Es darf auf keinen Fall in die Hände der anderen fallen, es ist eine unersetzliche Gedächtnisstütze für mich.“

„Dann fahre ich zurück“, sagte Roberto sofort. „Sie fliegen jetzt. Sie können keine Minute länger im Land bleiben. Jean-Loup, bitte sorgen Sie dafür, dass Mr. Vulcano pünktlich an Bord seiner Maschine ist. Ich komme mit einem Lufttaxi nach.“

Roberto drückte Vulcano die Hand und sagte: „Wir treffen uns dann in New York.“ Er ließ sich noch rasch erklären, wo er das Notizbuch finden würde und ging durch die Halle zum Ausgang.

Draußen sprang er in eines der Taxis, die in einer langen Reihe vor dem Flughafeneingang warteten. Er wusste, dass es ein schlechtes Zeichen war, wenn gleich zu Beginn einer Aktion etwas schiefging. Vulcano hatte sein Notizbuch vergessen, unter einer Matratze des schäbigen Bettes in der Wohnung am Gare St. Lazare. Es war fast unglaublich.

Das Taxi nahm dieselbe Strecke wie der blaue SM am Vormittag. Nur, dass die Fahrt wesentlich länger dauerte, weil der Fahrer weder mit Geld noch mit guten Worten dazu zu bewegen war, die zugelassene Höchstgeschwindigkeit zu überschreiten.

Als Roberto das Taxi in der Straße gegenüber von dem Lokal verließ, war das erste, was er sah, der rote Peugeot 404. Mit einem Schlag war ihm klar, was das zu bedeuten hatte. Die Männer waren ihnen gefolgt, bis sie sicher sein konnten, dass Vulcano und seine Männer wirklich zum Flugplatz gefahren waren, dann hatten sie kehrtgemacht und durchsuchten jetzt die kleine Wohnung. Wahrscheinlich hatten sie zusätzlich einen Mann am Flughafen postiert, der sie oder ihre Auftraggeber telefonisch auf dem Laufenden hielt. Nur, was konnte es ihnen nutzen? Wenn Vulcano erst im Flugzeug saß, hatten sie wenig Möglichkeiten, oder? Falsch – die Mafia fand immer noch eine Möglichkeit, jemand sterben zu lassen, in der Luft, auf dem Land oder im Wasser.

Roberto schlich leise die Stufen zu Vulcanos Versteck hinauf. Es war eine Holztreppe, die knarrte, aber er wusste, dass er sich keine besonders große Mühe geben musste. Der Lärm, der von oben herunterdrang, machte es unmöglich, ihn zu hören. Es klang, als habe eine Gruppe von Bauarbeitern begonnen, das oberste Stockwerk des alten Gebäudes abzureißen.

Wenn da oben ein Notizbuch gewesen war, dann hatte es inzwischen hundertprozentig schon den Besitzer gewechselt. Roberto tastete nach seiner Pistole. Nichts. Keine Pistole. Natürlich, im Flugzeug hatte er keine Waffe bei sich führen dürfen, und für die kurze Zeit in Paris hatte er sich keine geben lassen. Also musste er den Handkoffer mit den verstärkten Kanten als Waffe benutzen.

Im obersten Stockwerk blieb Roberto stehen und lauschte. Die Geräusche kamen aus dem Zimmer, in dem sich Vulcano versteckt gehalten hatte. Normalerweise hätte Roberto gewartet, bis die Burschen das Zimmer verließen und sie sich dann einzeln vorgenommen, aber dazu blieb jetzt keine Zeit mehr. Er musste zur gleichen Zeit wie Vulcano in Washington sein.

Roberto trat zurück und nahm Anlauf. Mit der Schulter rammte er die Tür auf und sprang in das kleine Mansardenzimmer. Mit einem Blick hatte er die beiden Typen eingeordnet, die erschreckt zusammenfuhren. Geistig zurückgebliebener Schläger der eine – stark und zweifellos mutig, aber dumm. Der andere wirkte wie ein Prototyp mexikanischer Messerwerfer, schnell, drahtig und skrupellos.

Roberto hechtete auf den schmalen, schnurrbärtigen Mann zu, der sich gerade gebückt hatte, um unter das zerrissene Bett zu starren. Es gab ein hohles, helles Geräusch, als die Seitenwand des Koffers die Stirn des aufspringenden Hitman traf. Er warf die Arme auseinander und segelte rückwärts auf das Bett. Aus einer Platzwunde über dem linken Auge lief Blut.

Roberto wirbelte auf dem Absatz herum und sah sich dem muskelbepackten Gorilla gegenüber, der offensichtlich noch nicht ganz begriff, was dieses Intermezzo zu bedeuten hatte. Erst langsam dämmerte ihm, dass Roberto seinen Komplicen niedergeschlagen hatte und jetzt das gleiche bei ihm versuchen wollte.

Der Gorilla ließ das Notizbuch fallen, in dem er geblättert hatte, ohne etwas zu verstehen.

Roberto ließ sich von alledem nicht beeindrucken. Er hechtete auf den Bullen zu, deutete einen Uppercut an und rammte dem Mann gleichzeitig die andere Faust in die Magengrube, nachdem er seinen Aktenkoffer fallen gelassen hatte. Blitzschnell setzte er noch eine harte Dublette nach – dann brach der Gorilla zusammen.

Roberto warf einen blitzschnellen Blick auf den Mexikaner. Aber der Messerheld rührte sich nicht, er war noch immer bewusstlos.

Roberto bückte sich und hob das Notizbuch auf. Ein Blick bestätigte ihm, dass es sich nur um die Gedächtnisstütze von Lucio Vulcano handeln konnte. Er steckte es ein, nahm seinen Koffer und verließ das Zimmer.

 

 

3

Zur gleichen Zeit wurde in Orly der letzte Aufruf zum Flug 903 nach New York, USA, durchgegeben. Jean-Loup und die anderen Männer hatten Lucio Vulcano bis zur Passkontrolle gebracht und von ihm noch ein dickes Bündel Geldscheine in die Hand gedrückt bekommen. Es sah aus, als wolle Vulcano so arm in Amerika ankommen wie siebzig Jahre zuvor seine Landsleute. Er und der Schlagersänger mit seiner Frau waren die letzten Passagiere, die an Bord gingen.

Kaum, dass die Abfertigung der Fluggäste beendet war und der Pilotwagen die schwere Maschine auf die Rollbahn lotste, löste sich ein schlanker Mann mit Sonnenbrille aus dem Pulk der Zurückgebliebenen und suchte eine Telefonzelle auf. Er wartete, bis Jean-Loup und seine Männer das Flughafengebäude verlassen hatten, dann wählte er. Er ließ sich vom Fernamt eine Nummer in Nizza geben. Er wartete, bis am anderen Ende abgehoben wurde, dann sagte er: „Vulcano ist planmäßig gestartet.“

„Allein?“, fragte die Stimme am anderen Ende.

Details

Seiten
100
Jahr
2020
ISBN (eBook)
9783738947281
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2020 (November)
Schlagworte
roberto tardelli thriller fünfzehn runden leben

Autor

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Titel: Ein Roberto Tardelli Thriller #59: Fünfzehn Runden um dein Leben