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Der Boss hieß Mephisto: N.Y.D. – New York Detectives

2020 109 Seiten

Zusammenfassung

Niemand weiß, wer Mephisto ist, doch er ist sehr aktiv. Killer, Räuber, Dealer und anderes zwielichtiges Gesindel beschäftigt er zuhauf, ohne dass jemand weiß, wer sich hinter dem Namen versteckt. Auch der Privatdetektiv Bount Reiniger und die Polizei versuchen ihn aufzuspüren, doch jedes Mal, wenn es einen Zeugen gibt, stirbt der, bevor er etwas sagen kann.

Leseprobe

Table of Contents

Der Boss hieß Mephisto: N.Y.D. – New York Detectives

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Die Hauptpersonen des Romans:

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Der Boss hieß Mephisto: N.Y.D. – New York Detectives

Krimi von A. F. Morland

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 109 Taschenbuchseiten.

 

Niemand weiß, wer Mephisto ist, doch er ist sehr aktiv. Killer, Räuber, Dealer und anderes zwielichtiges Gesindel beschäftigt er zuhauf, ohne dass jemand weiß, wer sich hinter dem Namen versteckt. Auch der Privatdetektiv Bount Reiniger und die Polizei versuchen ihn aufzuspüren, doch jedes Mal, wenn es einen Zeugen gibt, stirbt der, bevor er etwas sagen kann.

 

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

Alfred Bekker

© Roman by Author

© COVER STEVE MAYER

© dieser Ausgabe 2020 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

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Die Hauptpersonen des Romans:

Ross Birney – als er sich entschließt, endlich auszupacken, kostet ihn das fast sein Leben.

Li Wang – er wirkt wie ein grundsolider Geschäftsmann, ist aber alles andere als das.

Betty van Cleef – sie führt ein Doppelleben und lässt niemanden so leicht in ihre Karten sehen.

Davie Scott – er ahnt nicht, dass er Bount Reiniger den entscheidenden Tipp gibt.

June March – ist Bounts Assistentin und hilft ihm bei seinen Fällen.

Bount Reiniger – ist Privatdetektiv.

 

 

1

Die Astra-Pistole lag griffbereit unter Mullbinden. „Schwester“ June wartete auf den Killer!

Stille herrschte auf der Intensivstation des Creedmoor State Hospital. Nur die audiovisuellen Überwachungsgeräte machten sich mit großer Regelmäßigkeit bemerkbar und zeigten an, dass der Patient noch lebte.

Noch! Aber das konnte sich schnell anderen. Erstens deshalb, weil Ross Birneys Leben an einem seidenen Faden hing, und zweitens deshalb, weil sein Name nach wie vor auf einer privaten Abschussliste stand.

Als Ross Birney noch gesund und munter gewesen war, hatte er den Privatdetektiv Bount Reiniger angerufen.

„Ich hätte einen verdammt guten Tipp für Sie, Bount Reiniger. Was wäre Ihnen das wert?“, wollte er wissen.

„Ich kaufe die Katze nicht im Sack“, erwiderte Bount.

„Schon mal von Mephisto gehört?“

Gehört schon, dachte Bount Reiniger. Aber Genaueres weiß ich über diesen Teufel nicht.

Seine Neugier war sofort geweckt. Mephisto konnte man als ein Phantom bezeichnen.

Niemand wusste, wer das war. Die Polizei versuchte den geheimnisvollen Gangsterboss seit Langem zu erwischen, das Rätsel um seine Person zu lösen – es gelang nicht.

Mephisto war ein Schatten, den man nicht greifen konnte. Seine Verbrechen fielen in sämtliche Dezernatsbereiche der Polizei. Die Palette reichte von Erpressung über Menschenhandel bis hin zur Falschgeldproduktion, Rauschgifthandel, Waffenschmuggel, Mord auf Bestellung …

Bount Reiniger wäre kein guter Detektiv gewesen, wenn er sich für diesen geheimnisumwitterten Gangsterboss nicht interessiert hätte – und Bount war einer der Besten in seiner reich bestückten Branche.

„Hundert Dollar“, machte Bount Reiniger sein Angebot.

Der Anrufer lachte mitleidig. „Mein lieber Mister Reiniger, ich biete Ihnen die Gelegenheit, des größten Verbrechers von New York habhaft zu werden, und Sie wollen mich mit einem Trinkgeld abspeisen.“

„Wir leben in einer Zeit der Rezession. Ist Ihnen das noch nicht aufgefallen?“

„Für Mephisto ist nach wie vor Hochkonjunktur.“

„Die endet in dem Moment, wo man ihm das Handwerk legt.“

„Nun mal ehrlich, wissen Sie, wie viele das schon versucht, aber nicht geschafft haben?“

„Nein, wissen Sie es?“

„Legionen“, sagte der Mann am anderen Ende.

„Na schön, wie viel wollen Sie haben?“

„Eintausend wunderschöne Bucks, bar auf die Hand.“

„Sie hat wohl der wilde Affe gebissen.“

„Dafür sage ich Ihnen aber auch klipp und klar, wie Sie Mephisto aufs Kreuz legen können. Ich liefere Ihnen gewissermaßen eine fix und fertige Gebrauchsanweisung. Man wird Sie als Held feiern. Sie sollten nicht zögern, Mister Reiniger. Wenn ich die tausend Dollar nicht von Ihnen kriege, bezahlt mir diese Summe eben einer Ihrer cleveren Kollegen. Sollte es nicht Ihr Bestreben sein, Ihren Konkurrenten immer um eine Nasenlänge voraus zu bleiben? Diesmal wäre die Nase besonders lang. Außerdem bin ich sicher, dass Sie die tausend Eier nicht aus der eigenen Tasche zu bezahlen brauchen. Sie haben doch sehr gute Freunde bei der Polizei. Die Staatskasse wird Ihnen Ihre Auslage mit Vergnügen refundieren, denn Mephisto schädigt sie täglich um ein Vielfaches. Sind wir uns einig?“

„Ich bin bereit, mir Ihr detailliertes Angebot anzuhören“ erwiderte Bount Reiniger. „Sollte ich finden, dass Ihre Information keine tausend Dollar wert ist, platzt das Geschäft.“

„Einverstanden. Es wird nicht platzen. Sie werden begeistert sein, Mister Reiniger.“

„Und wie geht es nun weiter?“

„Ich heiße Ross Birney, und ich erwarte Sie in Queens Village vor der Station der Long Island Railroad.“

„Wie erkenne ich Sie?“

„Ich habe einen intelligenten Gesichtsausdruck.“

Den hatte Birney nicht mehr, als Bount Reiniger den Treffpunkt erreichte. Da waren seine Züge schlaff und bleich. Er lag auf dem staubigen Boden und war von Neugierigen umringt.

Jeder wollte etwas anderes gesehen haben. Was wirklich passiert war, schien aber keiner zu wissen.

Mephisto hatte eiskalt zugeschlagen!

Bount Reiniger hastete zu seinem silbermetallic-farbenen Mercedes 450 SEL zurück und verständigte per Autotelefon Polizei und Rettungswagen. Man schaffte den Schwerverletzten ins Creedmoor State Hospital, wo die Ärzte an ihm ein kleines Wunder vollbrachten.

Obwohl Ross Birney von mehreren Kugeln getroffen worden war, konnte das tüchtige Operationsteam verhindern, dass er starb. Aber er lag seither im Koma, und die Chancen, dass er wieder zu sich kam, standen 50:50.

Es war allgemein bekannt, dass Mephisto sich nicht mit Halbheiten zufriedengab. Er machte Nägel mit Köpfen. Wenn Ross Birney also sterben sollte, aber noch nicht tot war, würde man ihn im zweiten Anlauf ins Jenseits befördern, und das wollten eine Menge Leute verhindern.

So zum Beispiel June March, Bount Reinigers reizende blonde Assistentin, und natürlich auch Bount Reiniger. Und da waren dann noch Captain Toby Rogers, der gewichtige Leiter der Mordkommission Manhattan C/II, sein sommersprossiger Stellvertreter Lieutenant Ron Myers sowie einige für solche Einsätze ausgebildete Beamte, die mit ihren Waffen exzellent umzugehen verstanden. Sie schossen einer Stechmücke den Rüssel weg, wenn‘s verlangt wurde – und das im Flug!

Das Netz war engmaschig. Wenn jemand an Ross Birney herankommen wollte, musste er sich nach menschlichem Ermessen darin fangen.

June March befand sich auf vorgeschobenem Posten. Bount hatte sie als Krankenschwester eingeschleust. In Wirklichkeit aber sollte sie Birneys Schutzengel sein, die allerletzte Sicherung.

Wenn es Mephistos Killer wider Erwarten schafften, bis zu Birney vorzudringen, würde es an June liegen, sie daran zu hindern, den Patienten zu töten.

Die Stille des nächtlichen Krankenhauses war für June gespenstisch. Sie wusste, dass nichts so schnell ermüdet wie eine Aufmerksamkeit, die nachts über lange Zeit wachgehalten werden muss.

Manchmal vernahm sie Geräusche, die sie sich einbildete. Aus welcher Richtung würde die Gefahr kommen?

June war hier völlig auf sich allein gestellt. Sie hoffte, im Ernstfall nicht zu versagen. Ihr Blick richtete sich auf den halbtoten Mann.

Leichenblass war er, und vor seinem Gesicht wölbte sich eine durchsichtige Sauerstoffmaske aus Kunststoff. Ein flexibler Schlauch verband sie mit feiner großen blauen Metallflasche, die unter dem Bett auf einem Eisengestell mit Rädern lag. June hörte das leise Rauschen des Sauerstoffs schon nicht mehr.

Der Brustkorb des Patienten hob und senkte sich kaum merklich. Über ihm hingen Infusionsflaschen an einer Stange.

Das Warten war zermürbend. Doch nicht nur für June March. Bestimmt ächzten auch die Männer unter dieser starken nervlichen Belastung.

Wann würde der Killer es versuchen? Würde er überhaupt in dieser Nacht erscheinen? Oder erst morgen?

Dieser Mephisto wollte die Sache garantiert schnellstens erledigt wissen, denn wenn man die Liquidierung des Verräters auf die lange Bank schob, bestand die Gefahr, dass er kurz zu sich kam und sein Wissen doch noch preisgab.

June griff in die Tasche ihres Schwesternkittels und holte ein Miniatur-Sprechfunkgerät heraus. Sie rief Bount Reiniger.

„Irgendein Problem?“, fragte Bount Reiniger gespannt.

„Nein, Bount, hier ist alles okay“, gab June March zurück. „Wie sieht es bei euch aus?“

„Ich glaube, Toby schläft schon.“

June vernahm das unwillige Brummen des Captains. Auch ein Schimpfwort kam durch den Äther.

Dann sagte Bount: „Halt weiterhin die Augen offen, June. Ich bin sicher, dass es in dieser Nacht passieren wird. Es darf keine Panne geben. Großartig wäre es natürlich, wenn wir uns Mephistos Killer schnappen könnten, denn dann würden ihm Tobys Verhörspezialisten die Daumenschrauben ansetzen, damit er redet.“

„Gib mir Bescheid, wenn ihr ihn habt, damit ich aufatmen kann.“

„Du bist die erste, die es erfährt“, versprach Bount Reiniger. „Wie gefällt dir der Job als Krankenschwester?“

„Ich kann bereits Mullbinden von Heftpflaster unterscheiden.“

„Du machst Fortschritte. Ich denke, ich lasse anfallende Blessuren von nun an nur noch von dir behandeln.“

Sie beendeten den Funkverkehr, und June ließ das Walkie-Talkie wieder in der Kitteltasche verschwinden. Wieder einmal machte sie die Erfahrung, dass die Zeit nicht vergehen will, wenn man auf etwas wartet. Die Minuten verrannen wie zähflüssiger Sirup.

Ein Geräusch ließ June March heftig zusammenzucken, aber sie beruhigte sich gleich wieder. Der Patient hatte sich bewegt. Es war wohl ein unkontrollierter Reflex seiner Nerven gewesen.

Der Killer ließ weiter auf sich warten!

 

 

2

Aber er war da!

Er befand sich seit Stunden im Krankenhaus, war bereits hier gewesen, bevor die Polizei ihre Sicherheitssperren errichtete. Seither konnte das Hospital niemand unkontrolliert betreten oder verlassen. Vergebliche Mühe, denn Mephistos Mann lag in der Leichenkammer.

Tote waren seine Nachbarn, doch das störte ihn nicht. Er hatte selbst schon etliche Menschen ins Jenseits befördert. Der Anblick regte ihn nicht auf.

Die leblosen Körper lagen unter weißen Laken, und auch Mephistos Killer hatte sich zugedeckt. Zwei Dinge unterschieden ihn von denen, die ihm in diesem kühlen Raum unter der Erde Gesellschaft leisteten: Er war nicht nackt wie sie – und er lebte!

Als er die Zeit für gekommen erachtete, schlug er das Laken zur Seite und setzte sich auf. Seine Glieder waren steif geworden. Er machte Turnbewegungen, um die Kälte aus den Gelenken zu vertreiben, und er knetete seine Finger wie ein Pianist vor dem Konzert.

Auch er betrachtete sich als Künstler, der sich auf die Geschmeidigkeit seiner Finger verlassen können musste.

Lautlos näherte er sich der Tür. Er öffnete sie einen Spalt breit und blickte auf den hell erleuchteten Flur. Alles roch sauber und steril.

Irgendwo quietschten Gummisohlen auf dem Kunststoffboden, dann herrschte absolute Stille. Der Killer verließ die Totenkammer jedoch noch nicht.

Er hatte sich, als Ross Birney eingeliefert worden war, gründlich im Hospital umgesehen. Das war nicht schwierig gewesen, da niemand wusste, wer er war.

Als ihm zu Ohren kam, dass Ross Birney den Mordanschlag knapp überlebt hatte, stand sein Entschluss fest, die Scharte auszuwetzen. Da dies nicht sofort möglich war, legte er sich auf die Lauer, und nun war er im Begriff, sein Versteck zu verlassen.

Doch bevor er dies tat, holte er seine Walther-Pistole aus dem Schulterhalfter. Er überzeugte sich davon, dass das Magazin voll war, entnahm seiner Jacketttasche einen Schalldämpfer und schraubte ihn auf die Kanone. Die Schüsse, die Birney töteten, durften nicht gehört werden.

Behutsam drückte der Killer die Tür der Leichenkammer weiter auf, und dann setzte er seinen Fuß in den hellen Flur. Er glich jetzt einem Panther, der sich an sein Opfer heranpirscht.

 

 

3

Auch Toby Rogers stand ein Walkie-Talkie zur Verfügung. Er rief damit die einzelnen Posten. Bisher hatte jeder gemeldet, dass bei ihm alles okay wäre.

„Wie sieht‘s bei dir aus, Mort?“, fragte der Captain den Scharfschützen, der auf dem Dach eines Hauses hockte, das der Klinik gegenüberstand.

„Gähnende Langeweile, Captain“, gab Mort Cameron zurück.

„Halt trotzdem die Augen offen.“

„Hoffentlich erfriere ich hier oben nicht.“

„Mann, wir haben Mai.“

„Weiß der Teufel, wieso ich‘s nicht spüre. Mir kommt es vor, als steckten wir im grimmigsten Dezember.“

„Ich kann dich beruhigen, Schneesturm ist keiner zu erwarten.“

„Ein wahrer Lichtblick“, sagte Mort Cameron aufatmend. Von seiner Position aus konnte er in das Krankenzimmer sehen, in dem sich June March mit Ross Birney aufhielt. Wenn er durch das Infrarotzielfernrohr blickte, war June zum Greifen nahe, und wer ihn kannte, der wusste, dass es ihm sehr gefallen hätte, dieses hübsche Mädchen anzufassen. Er war in seiner Freizeit ein hervorragender, gewitzter und äußerst erfolgreicher Jäger. Von ihm konnte sogar noch Ron Myers, der auf diesem Gebiet auch nicht gerade schwach war, einiges lernen.

Toby Rogers klapperte auch die anderen Posten ab. Er hörte überall dasselbe: „Alles okay.“

Aber er traute diesem Frieden ebenso wenig wie sein Freund Bount Reiniger. Sie saßen im Mercedes. Bount hatte eine Runde Pall Mall ausgegeben, und der Qualm wäre nicht auszuhalten gewesen, wenn sie nicht alle vier Türen geöffnet hätten.

Toby saß neben Bount Reiniger. Ron Myers hatte den Fond des Fahrzeugs für sich allein.

„Ich hasse es, mir die Nacht auf diese Weise um die Ohren zu schlagen“, brummte der Captain missmutig.

„Denkst du, ich hätte nichts Besseres vor?“, meldete sich der sommersprossige Lieutenant. „Ich musste Ali versetzen.“

„Muhammad?“, fragte Bount Reiniger grinsend.

„Ali Sweet, die süßeste Zuckerpuppe, die du dir vorstellen kannst. Ich habe in dieses Unternehmen schon eine Menge Geld investiert. Wenn mir Ali nun den Laufpass gibt, war alles umsonst.“

„Wie der über die Beziehung zu einem hübschen Mädchen redet“, sagte Toby kopfschüttelnd. „Als wär‘s für ihn ein reines Geschäft, das sich rentieren muss. Von Liebe hast du anscheinend noch nie was gehört, du Kammerjäger. Meine Güte, werde ich froh sein, wenn du endlich unter die Haube kommst, damit du dich mehr auf deinen Beruf konzentrieren kannst.“

Ron lachte. „Ich werde mir wegen einem Glas Milch doch nicht gleich eine ganze Kuh zulegen.“

„Erlaubst du mal einen ganz indiskrete Frage? Wie viele Gläser Milch trinkst du denn so pro Woche?“

Der Lieutenant grinste breit. „Das verrate ich dir lieber nicht, sonst platzt du vor Neid.“

„Angeber.“

Bount Reiniger drückte seine Pall Mall in den Aschenbecher. „Allmählich könnte was passieren“, sagte er ungeduldig. „Dieses endlose Warten macht mich ganz mürbe.“

„Es liegt leider nicht bei uns, die Sache voranzutreiben“, entgegnete Captain Rogers. „Hoffentlich schafft es Mephistos Mann nicht, bis zu Ross Birney vorzudringen.“

„Du hast die Posten aufgestellt“, sagte Bount Reiniger. „Wenn er ein Loch im Netz findet, geht das auf deine Kappe.“

„Wie immer. Wenn ein Sündenbock gebraucht wird, muss Captain Rogers herhalten.“

„Und der wälzt dann alles auf seinen Stellvertreter ab“, maulte Ron Myers.

„Beklagst du dich etwa?“, fragte Toby und drehte sich zum Lieutenant um.

Ron hob beide Hände. „Niemals. Ich will schließlich nicht wieder auf Streife gehen.“

Toby wandte sich an Bount und lachte. „Damit habe ich ihn in der Hand, diesen Halunken. Sowie er aufmuckt, drohe ich ihm mit der Versetzung – und schon ist er still und arbeitswillig.“

Bount Reiniger warf einen Blick auf die Armaturenbrettuhr. Es war kurz vor Mitternacht!

 

 

4

Mephistos Killer holte den Aufzug in den Keller. Dieser Fahrstuhl wurde fast ausschließlich dazu benützt, die Toten zu transportieren.

Die Intensivstation befand sich im vierten Stock. Der Gangster fuhr eine Etage höher. Bevor er den Lift verließ, warf er einen prüfenden Blick durch das Glasfenster in der Tür.

Die Luft war rein. Der Mann konnte es wagen, den Lastenaufzug zu verlassen. Er gab der Tür einen Stoß, sie schwang auf, und er trat aus dem Fahrstuhl.

Rechter Hand befand sich eine Nottreppe. Der Mörder versuchte über diese den vierten Stock zu erreichen, bemerkte jedoch rechtzeitig den Posten und disponierte augenblicklich um.

Er verbarg sich in jenem Raum, in dem die Reinigungsgeräte aufbewahrt wurden, schraubte eine Abdeckplatte ab und stieg in den engen Schacht der Klimaanlage ein. Das Gefühl der Platzangst kannte er nicht, sonst hätte er schon nach den ersten Metern umkehren müssen.

Lautlos schob er sich durch den rechteckigen Aluminiumschlauch. Schwierig war nur der Abstieg zur nächsten Etage, aber er schaffte ihn, ohne ein Geräusch zu verursachen.

Nun kroch er von Lüftungsgitter zu Lüftungsgitter, sah in die Räume und suchte sein Opfer. Es passierte ihm selten, dass er nach einem Mordanschlag nachhaken musste.

Zumeist war er das erste Mal erfolgreich. Wenn er nicht so zuverlässig gearbeitet hätte, wäre er wohl kaum für Mephisto tätig gewesen.

Der Boss wählte seine Mitarbeiter sehr gewissenhaft aus, Versager hatten kein langes Leben, von ihnen trennte sich Mephisto zumeist schon nach ganz kurzer Zeit, denn Versager waren ein unkalkulierbares Risiko, und der Boss liebte keine Risiken.

Das fünfte Gitter …

Der Killer kroch nicht mehr weiter, er hatte Ross Birney gefunden. Eine Krankenschwester war bei ihm.

Der Mephisto-Mann lachte in sich hinein. Was für ein Aufwand hier getrieben wurde. Sogar eine eigene Krankenschwester hatte Birney. Alles für die Katz.

Behutsam holte der Mörder seine Walther-Pistole aus der Schulterhalfter. Das Gitter war groß genug für den klobigen Schalldämpfer.

Erst Ross Birney, dann die Schwester, dachte der Profikiller und drückte ab.

 

 

5

Als die Walther nieste, durchfuhr June March ein eisiger Schrecken. Aber er lähmte sie zum Glück nicht. Sie wusste, was zu tun war, und sie handelte auf der Stelle.

Eine Krankenschwester wie sie hatte es in diesem Haus noch nie gegeben. Auch sie konnte mit einer Spritze umgehen, aber mit einer Kugelspritze.

Als das Geschoss Ross Birney traf, stieß Junes schlanke Hand unter den Mullberg. Das blonde Mädchen schnappte sich die Astra. Die Walther nieste ein zweites Mal.

Und dann schoss June. Sie schnellte hoch und federte in Combat-Stellung, wie es ihr Bount Reiniger beigebracht hatte. Sie sah den Killer nicht, feuerte auf das Gitter der Klimaanlage und hoffte, ihn nicht tödlich zu verletzen.

Als die dritte Kugel den Lauf der Astra-Pistole verließ, drang ein dumpfes Röcheln aus dem Schacht. Dann vernahm June March das Poltern der fallenden Waffe.

Die Tür flog auf, und zwei Polizisten stürmten in den Raum. Sie hatten vor dem Zimmer Posten bezogen.

Mit gezogenen Waffen wollten sie „Schwester“ June zu Hilfe eilen, doch das war nicht mehr nötig.

Die Gefahr war gebannt. June March hatte sich wacker geschlagen.

Die Polizisten drängten sie zur Seite. Einer der beiden stieg auf den Stuhl, auf dem das blonde Mädchen gesessen hatte. Er nahm das Gitter ab – und blickte einem Toten in die Augen.

„Der bringt keinen mehr um“, bemerkte der Beamte trocken.

Als June das hörte, wurden ihre Knie ein wenig weich. Sie war nicht abgebrüht genug, dass sie das kaltgelassen hätte. Sie wollte nie so werden.

Ihre Hand zitterte, als sie die Astra einsteckte und das Walkie-Talkie aus der Kitteltasche holte. „Bount …“

„Ja, June? Ja? Soeben wurden uns Schüsse gemeldet.“

„Der Mephisto-Killer … Er war hier.“

„Und?“

„Es ist vorbei.“

„Was ist vorbei? Mädchen, lass dir nicht jedes Wort aus der Nase ziehen!“

„Ich bin ein bisschen durcheinander, Bount.“

„Das kann ich verstehen. Bist du verletzt?“

„Nein.“

„Hat der Killer auf Ross Birney geschossen?“

„Ja. Er kam durch den Schacht der Klimaanlage. Er verwendete einen Schalldämpfer.“

„Wie viele Schüsse hat er abgegeben?“

„Zwei.“

„Und Birney?“

June sah die beiden Polizisten fragend an. Sie hatten Ross Birney abgedeckt. Auf dem Körper des Patienten lagen mehrere kugelsichere Westen. Die Beamten fanden die Projektile, die Birney nichts anhaben konnten, und zeigten sie dem blonden Mädchen.

„June, was ist mit Birney?“, fragte Bount Reiniger drängend.

„An seinem Zustand hat sich nichts verändert. Deine Idee mit den Kugelwesten hat sich bezahlt gemacht.“

„O Mann, dafür muss Toby, der Schotte, aber einen ausgeben.“

„Leider lebt der Mephisto-Mann nicht mehr, Bount.“ June berichtete in Schlagworten, was sich ereignet hatte und wie schnell sie zu handeln gezwungen gewesen war.

„Da kann man leider nichts machen“, sagte Bount Reiniger. „Ich bin sehr stolz auf dich. Du hast prächtig reagiert. In wenigen Minuten bin ich bei dir.“

„Ich kann jetzt einen starken Mann gebrauchen, an den ich mich anlehnen kann.“

„Dafür bin ich genau der richtige.“

 

 

6

„Du kannst Mort Cameron vor dem Erfrierungstod retten, Toby“, sagte Bount Reiniger zu seinem Freund. „Hol ihn vom Dach herunter.“

Der Scharfschütze meldete sich selbst und berichtete, was er sah.

„Du kannst nach Hause gehen, Mort“, sagte Toby leutselig. „War nett, dass du dir für mich Zeit genommen hast.“

„Ich dachte, es wäre ein Befehl gewesen, Captain.“

„Mach, dass du heimkommst – und schreib nicht zu viele Überstunden auf! Dein Bericht geht durch meine Hände!“

Toby schickte alle Leute, die er nicht mehr brauchte, nach Hause.

„Dann will ich mal“, ächzte Ron Myers und quälte sich aus dem Mercedes.

„Du nicht, sagte der Captain. „Du bleibst noch.“

Der schlaksige Lieutenant sah seinen Vorgesetzten an und seufzte. „Hör mal, Toby, ich komme den Steuerzahler doch viel zu teuer. Ich bekleide immerhin den Rang eines Lieutenants.“

„Willst du ihn behalten?“

„Klar.“

„Dann mach so lange Dienst, wie ich es dir sage. Für Ali Sweet ist es jetzt ohnedies zu spät.“

Ron brummelte etwas in seinen imaginären Bart, blieb aber.

Bount, Toby und Ron begaben sich in das Krankenhaus. Als sie das Krankenzimmer betraten, in dem Ross Birney lag, befanden sich zwei Ärzte bei ihm.

Die kugelsicheren Westen lagen achtlos auf dem Boden. Sie hatten ihren Zweck erfüllt und wurden nicht mehr gebraucht. Der Captain ließ sie einsammeln und fortschaffen.

Die Ärzte bestätigten, dass der Zustand des Patienten unverändert war. „Können Sie ihn in ein anderes Zimmer verlegen?“, fragte Toby Rogers.

„Lässt sich machen.“

Toby wies zum Schacht der Klimaanlage. „Wir haben hier noch etwas zu erledigen.“

June kam mit schleppenden Schritten auf Bount zu. Er legte seinen Arm um sie und spürte, dass sie zitterte. Jetzt kam die Aufregung erst richtig durch.

„Ich bringe dich so bald wie möglich nach Hause“, versprach ihr Bount Reiniger.

„Das hat keine Eile“, erwiderte das blonde Mädchen.

„Ron, veranlasse, dass der Mephisto-Killer da herausgeholt wird“, verlangte der Captain.

Lieutenant Myers verließ das Krankenzimmer kurz. Mittlerweile erschienen zwei Krankenpfleger, die Ross Birney abtransportierten.

Wenig später wurde die Leiche des Mörders aus dem Schacht gezogen. Die Beamten legten ihn auf den Boden. „Hat er Papiere bei sich?“, wollte Toby Rogers wissen.

Ron Myers durchstöberte die Taschen. Er fand dreihundertzwanzig Dollar, das Streichholzbriefchen einer Transvestiten-Bar, ein Taschenmesser und ein Taschentuch, das in einer Ecke den Buchstaben G trug. Aber keinen Ausweis.

„Vielleicht verraten uns seine Prints, mit wem wir es zu tun haben“, bemerkte der Captain. „Schade, dass er nicht mehr reden kann.“ Er wandte sich an June. „Entschuldige, das sollte kein Vorwurf sein.“

„Und was machen wir mit Mister G?“, fragte Ron Myers.

„Er durchläuft die in solchen Fällen üblichen Stationen“, sagte Toby, und sein Stellvertreter veranlasste das Nötige. Der Captain nahm sich kurz Zeit für June. Er war nicht nur heute um ihr Wohl besorgt. „Bist du wieder auf dem Damm?“

„Danke, Toby“, antwortete das blonde Mädchen und nickte. „Es geht ständig aufwärts.“

Der Captain sah Bount an. „Dann brauchst du sie ja nicht mehr zu stützen.“

Bount Reiniger zeigte die Zähne. „Was ich mit meiner Assistentin mache, ist doch wohl meine Sache, oder?“

„Nicht in der Öffentlichkeit.“

„Bist du die Öffentlichkeit?“

„Ich bin ein Teil von ihr.“

„Ein dickes Teil.“

„Wie kannst du‘s nur bei dieser Giftspritze aushalten, June?“, fragte der Captain kopfschüttelnd. Er wollte darauf jedoch keine Antwort haben, sondern forderte Bount Reiniger auf, sich den toten Killer genau anzusehen. „Kommt dir sein Gesicht bekannt vor? Hast du den Kerl schon mal irgendwo gesehen?“

Bount löste sich von June und trat an den Toten heran. Er musterte die schlaffen Züge eingehend. „Der Mann ist mir unbekannt“, sagte er schließlich.

„Bist du sicher?“, fragte Captain Rogers.

„Absolut.“

„Du warst mir auch schon mal ‘ne größere Hilfe.“

Bount zuckte mit den Schultern und trat zurück. „Mephisto wird schnell zu Ohren kommen, dass sein Killer Schiffbruch erlitt“, bemerkte er. „Und dieser Mann ist nicht der einzige Kaltmacher, der für den geheimnisvollen Boss arbeitet.“

„Du meinst, Mephisto könnte einen weiteren Todesengel in Marsch setzen.“

„Das tut er mit Sicherheit. Deshalb würde ich an deiner Stelle veranlassen, dass Ross Birney unter strengster Geheimhaltung in ein anderes Krankenhaus gebracht wird. Natürlich solltest du ihn auch dort bewachen lassen.“

„Bist ein kluges Bürschchen“, sagte der Captain. „Aber zum Glück kommen mir die Ideen immer ein bisschen früher als dir.“

Bount grinste. „Schließlich bist du ja auch der Leiter der Mordkommission, während ich nur ein kleiner Privatdetektiv bin.“

„Wäre schön, wenn du öfter daran denken würdest“, meinte Toby und hob wichtig die Augenbrauen.

 

 

7

Die Luft war so dick, dass man sie in Würfel schneiden und zur Tür hinausschieben konnte. Über dem Eingang stand MOLLY‘S DRINKS, und jedermann, der hier verkehrte, wusste, dass Molly kein Mädchen, sondern ein Mann war.

Er/sie hatte viel blondes Haar, falsche Wimpern und einen voluminösen Busen. Molly trug Frauenkleider, und ihre Papiere lauteten auf den Namen Woody Gere.

Molly war ein Paradetransvestit, eine Lokalgröße, die davon träumte, so berühmt zu werden wie Devine. Ein bunt schillerndes Volk traf sich täglich bei Molly. Zumeist Transvestiten wie der Besitzer der Bar, der hier sein Zuhause hatte.

Aber es gab auch „normale“ Gäste. Molly war tolerant.

Zu den normalen Gästen gehörte in dieser Nacht Bount Reiniger. Die Prints des Mephisto-Killers hatten nichts ergeben. Der Mann war polizeilich nicht erfasst, und so blieb Bount Reiniger nichts anderes übrig, als hier mal nachzugraben.

Er hätte die Arbeit natürlich auch der Polizei überlassen können, aber nachdem er diesen Fall übernommen hatte, entschloss er sich, weiterzumachen.

Molly schob ihm den bestellten Johnnie Walker über den Tresen zu. Der Transvestit schwitzte unter seiner strohblonden Perücke. Der Schweiß glänzte auch auf seiner faltigen Stirn.

„Viel Betrieb hier“, bemerkte Bount.

„Jeden Abend“, antwortete Molly mit einer dröhnenden Bassstimme. „Waren Sie noch nie bei uns?“

„Nein.“

„Die Drinks sind gut, die Preise vernünftig. Bei Molly kriegen Sie noch was für Ihr Geld. Anderswo geraten Sie unter die Räuber.“

Molly wurde gerufen und begab sich zum Ende des Tresens. Der Hocker neben Bount wurde frei. Jemand anders besetzte ihn. Der Typ sah unmöglich aus.

Eine dicke Puderschicht vermochte die dunklen Bartstoppeln nicht zu verdecken. Das Kleid, das er trug, glich einem Wolkenstore. Er leistete sich einen tiefen Ausschnitt, obwohl seine Brust schwarz behaart war. Auf seinem Kopf saß ein breitkrempiger Hut, unter dem brünette Locken hervorquollen.

Er lächelte Bount mit glasigen Augen an und sagte mit schwerer Zunge: „Hallo, ich bin Irma la douce. Spendierst du mir einen Drink, Fremder? Ich habe meine Handtasche verlegt.“

Er sprach mit hoher Stimme, als hoffte er, dass Bount in ihm das sehen würde, was er gern gewesen wäre – eine Frau. Aber der Bursche konnte nicht einmal einen Blinden täuschen.

Details

Seiten
109
Jahr
2020
ISBN (eBook)
9783738946871
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2020 (November)
Schlagworte
boss mephisto york detectives

Autor

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Titel: Der Boss hieß Mephisto: N.Y.D. – New York Detectives