Lade Inhalt...

Der Baron #26: Jenny macht kurzen Prozess

©2020 137 Seiten

Zusammenfassung


Eines Tages stieß Jenny Jackson auf Gerringbough. In ihm hatte sie das Werkzeug, um ans große Geld zu kommen. Als ihr langgeplantes Unternehmen zu platzen droht, als die Gefahr bestand, dass die vielen Dollars, die ihr Erpressungs- und Spionageunternehmen brachte, nicht mehr rollen würden, schaltete sie sich selber ein …

Leseprobe

Table of Contents

Der Baron #26: Jenny macht kurzen Prozess

Copyright

Das sind die Leute, die Sie kennenlernen sollten:

1

2

3

4

5

6

7

8

9

10

11

12

13

14

15

16

17

18

19

20

21

22

23

24

25

26

27

28

29

30

31

Der Baron #26: Jenny macht kurzen Prozess

von Glenn Stirling

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 137 Taschenbuchseiten.

 

Eines Tages stieß Jenny Jackson auf Gerringbough. In ihm hatte sie das Werkzeug, um ans große Geld zu kommen. Als ihr langgeplantes Unternehmen zu platzen droht, als die Gefahr bestand, dass die vielen Dollars, die ihr Erpressungs- und Spionageunternehmen brachte, nicht mehr rollen würden, schaltete sie sich selber ein …

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

Alfred Bekker

© Roman by Author

© COVER FIRUZ ASKIN

© dieser Ausgabe 2020 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

Folge auf Twitter:

https://twitter.com/BekkerAlfred

 

Zum Blog des Verlags geht es hier:

https://cassiopeia.press

Alles rund um Belletristik!

Sei informiert über Neuerscheinungen und Hintergründe!

 

 

Das sind die Leute, die Sie kennenlernen sollten:

Alexander von Strehlitz, genannt der „Baron“, 38 Jahre, 1,88 m groß, dunkelhaarig, gut aussehend, schlank und muskulös, sehr sportlich, abgeschlossenes Zoologiestudium, Hobbysegler und Hochseeschiffer mit Kapitänspatent für große Fahrt, bekannter Schriftsteller von Reiseberichten und Expeditionserlebnissen, Leiter von verschiedenen Expeditionen in Afrika und Südamerika, in Übersee durch seine Goodwillreisen zugunsten unterentwickelter Gebiete in Südamerika bekannt geworden, Sieger vom Indianapolis-Rennen für schwere Tourenwagen 1969, ebenso bekannt in Monte Carlo und der Jet-Society als brillanter Pokerspieler und Gesellschafter. Frauen vergöttern ihn, Männer schätzen ihn als prächtigen Partner und umsichtigen Leiter oft abenteuerlicher Unternehmungen.

Robert Burton, der Sekretär des Barons, 35 Jahre alt, 1,70 m groß, spärliches dunkelblondes Haar, korpulent, Brillenträger, gelernter Bankkaufmann, ein Mathematiker aus Passion, spricht sieben Fremdsprachen und hat ein fabelhaftes Gedächtnis, viel Sinn für Statistiken und Daten. Robert arbeitet seit Jahren für den Baron und weiß über dessen Finanzen besser Bescheid als der Baron selbst. Hat die Eigenart, immer dann französisch mit dem Baron zu sprechen, wenn es um Geldfragen geht.

Michel Dupont, genannt „Le Beau“, 28 Jahre alt, 1,75 m groß, drahtiger durchtrainierter Mann mit dunklem Haar, kantigem, nicht sehr schönem Gesicht mit zerschlagener Nase. Seit vielen Jahren dem Baron ein treuer Freund und Begleiter auf vielen abenteuerlichen Reisen. Le Beau ist gebürtiger Franzose, sehr leidenschaftlich, liebt Frauen und gutes Essen und Trinken, ist leicht zu erregen, ein ausgezeichneter Karatekämpfer, Motorbootfahrer aus Leidenschaft und begeisterter Reiter. Außer Frauen und Pferden liebt er auch rasante Wagen. Er ist gelernter Motorenschlosser und Flugzeugmechaniker.

James Morris, der Chauffeur des Barons, 31 Jahre alt, 1,94 m groß, sehr stark und breit, wiegt über zwei Zentner, Stirnglatze, sonst struppiges, dunkelblondes Haar, breites Gesicht mit Stupsnase. James war früher Artist, nämlich Untermann einer menschlichen Pyramide. Nach einer Knöchelverletzung verlor er sein Engagement und geriet in schlechte Kreise. Der Baron holte ihn gegen Kaution aus einem Lissabonner Untersuchungsgefängnis und fand in James den treuesten Anhänger, den ein Mensch sich denken kann. Wo James hinschlägt, blüht keine Blume mehr, aber gleichzeitig hat der Hüne ein friedliches gutartiges Gemüt, tut für den Baron alles, aber dass der Baron einen so mäßigen Autofahrer wie ihn zum Chauffeur gemacht hat, begreift James selbst nicht.

Das also sind der BARON und seine Freunde ROBERT, LE BEAU und JAMES. Ein echter und draufgängerischer Mann und seine Freunde. Ihr Feld ist die Welt, heute sind sie reich, morgen haben sie keinen roten Heller, und immer sind sie bereit, dem Teufel auf den Schwanz zu treten, wenn es gilt, anderen zu helfen, die in Bedrängnis sind. Keiner von ihnen ist ein Tugendbold, aber wenn die Lage es erfordert, halten sie eiserne Disziplin. Sie sind vier knallharte Männer, und für manch einen sind sie die letzte Hoffnung. Sie lieben das Abenteuer, sie lieben das Leben. Ob im Orkan auf See, im dampfend heißen Urwald oder auf schillerndem Parkett des Casinos von Monte Carlo, sie sind überall zu Hause. Es gibt Zeiten, da trinken sie Sekt und essen Kaviar, und es gibt Situationen, da teilen sie sich den letzten Tropfen lauwarmen und brackigen Wassers und kauen auf harter Brotrinde. Und immer bleiben sie Kameraden und halten zusammen … der Baron und seine Crew.

 

 

1

An diesem sonnigen Junimorgen ahnte niemand in der Demonbreun Street in Nashville/Tennessee, dass eine Katastrophe bevorstand. Weder der Milchmann, der seine Flaschenkästen vom Wagen hob, um sie in Custer‘s Supermarkt zu tragen, noch ahnte es der Straßenkehrer, der mit seinem Karren über den Fußweg schlurfte.

Es war noch still auf der Demonbreun Street. In einer Viertelstunde würden sich Hunderte von Menschen zu den Bushaltestellen, zu ihren Autos, zu den S-Bahn-Schächten begeben. Aber noch war es still, und alles sollte anders ablaufen als sonst. Denn in wenigen Minuten würde es zu einer Katastrophe kommen, die niemand gewollt hatte.

Er stand auf dem kleinen Balkon neben der Feuerleiter, kratzte sich durchs ungekämmte Braunhaar und störte sich offensichtlich wenig daran, dass ihm die dicke Frau von gegenüber missbilligend den Rücken kehrte, denn Gerringbough stand im Schlafanzug auf seinem Balkon.

Der Morgen war schön, so herrlich schön. Man müsste einmal ausspannen, einfach an den Nagel hängen und …

Gerringbough sah unten einen roten Porsche in eine Parklücke rollen. Das wäre nichts Besonderes, doch Gerringbough wusste genau, wem dieser Wagen gehörte, und noch besser wusste er, was es hieß, wenn dieser Mann mit diesem Wagen plötzlich in so unmittelbarer Nähe anhielt.

„Verteufeltes Pech, jetzt hat er mich entdeckt!“, keuchte Gerringbough und ging rasch ins Zimmer zurück. Verdeckt durch die Gardine spähte er zur Straße hinunter. Zwei Stockwerke tiefer verließ ein großer dunkelhaariger Mann den Porsche.

Gerringbough atmete hastig, er wurde nervös. „Er ist es tatsächlich, dieser Baron, immer wieder er. Der Satan soll ihn holen, verfluchter Hund!“

Er stand wie ein Wolf, der keinen Ausweg vor seinen Verfolgern wusste. Und er war ein Wolf. Wochenlang hatten sie ihn gejagt, wochenlang hatte er keine ruhige Minute, doch immer war er schneller gewesen als sie. Aber jetzt?

Auch jetzt wollte er schneller sein. Und er blickte noch einmal die Straße nach rechts und nach links. Dort war alles ruhig. Kein zweiter ankommender Wagen, keine fremden Männer, nur der Mann im grauen Anzug da unten ging gerade auf das Haus zu, auf das Haus Nr. 44, in dem Gerringbough wohnte.

Gerringboughs Stirn wurde feucht. Glänzende Perlen rannen ihm über die Schläfen. Hastig griff er in die Pyjamatasche, holte eine lose Tablette heraus und schluckte sie. Dann zog er sich an. Schnell ging das, denn Gerringbough war geübt in der Flucht und im plötzlichen Aufbruch.

Auf der Treppe tappten Schritte. Eine klangvolle Männerstimme fragte etwas. Eine Frauenstimme antwortete. Das war eine Etage tiefer. Also noch Zeit. Genaugenommen noch eine einzige Minute Zeit.

Gerringbough warf sich den Mantel über, obgleich er ihn draußen nicht nötig hatte. Und dann zog er den Koffer vom Schrank. Ein schwerer, massiver Koffer war das. Behutsam hob ihn der Mann bis auf Brusthöhe. Seine Muskeln waren gespannt. In diesem Koffer konnten nicht nur Kleidungsstücke sein, eher Blei oder gar …

Schritte näherten sich der Tür. Gerringbough hielt den Atem an – da tappten die Schritte vorbei, gingen weiter zum Nebenappartement. Ein Summer brummte. Und da passierte es.

Gerringbough wollte den Koffer absetzen, aber er sah nicht, dass sich das Deckelschloss geöffnet hatte. In diesem Augenblick, als er den Koffer am Griff fasste, klappte der Deckel auf. Und dann erkannte der Mann noch, wie der schwere Kanister herausfiel, wie der Verschluss aufsprang. Keine Armlänge entfernt stand die kleine elektrische Kochplatte. Die Drähte glühten, denn Gerringbough wollte sich Kaffeewasser kochen. Er hatte vergessen, die Platte abzustellen. Jetzt wurde sie ihm zum Verhängnis.

Aus dem Kanister rann eine gelbliche Flüssigkeit auf den Boden. Ein scharfer Geruch stieg in Gerringboughs Nase. Das alles dauerte höchstens eine Sekunde, dann erfolgte die Explosion. Und die war fürchterlich.

 

 

2

Die Druckwelle der Explosion riss die Wohnungswände ein, blies sie einfach weg. Der Baron, der dicht vor der Tür des Nachbarappartements stand, wurde wie von einer Riesenfaust gepackt, hochgewirbelt und die Treppe hinuntergestoßen. Er spürte die heftigen Schläge und das Aufprallen, und von oben prasselte ihm Putz in Gesicht und Augen. Er hörte nach dem Knall das Krachen von Gebälk, von Deckenmörtel. Polternd schlugen ganze Brocken der Wände neben ihm auf die Treppe. Ein Ziegel traf seinen Oberschenkel. Aber in diesem Augenblick stürzte die Seitenwand der Treppe zusammen, eine Betonwölbung schlug glücklicherweise so auf die Stufen, dass sie den Baron wie eine schützende Butterglocke bedeckte. Er lag fast unverletzt unter der Wölbung, während über ihm der Betonbogen die herunterprasselnden Trümmer des oberen Geschosses abfing.

Und dann war es still, totenstill. Dicke Staubschwaden raubten dem Baron die Luft. Er musste husten, in seinen Augen brannte Gipsstaub, er rang nach Atem.

Unten schrie eine Frau gellend um Hilfe. Ein Kind weinte. Danach polterte ein einzelner Balken herab, Putz und Steinbrocken rieselten und kollerten ihm nach. Wieder Stille.

Der Baron versuchte den rechten Arm anzuwinkeln, aber er war eingeklemmt. Er spürte, wie ihm der kalte Schweiß ausbrach. Noch immer wallte und wogte der Staub. Der Dunst machte jedes Luftholen zur Qual. Und es war still. Auch das Schreien unten hatte aufgehört.

Mühsam schob sich Alexander zurück, versuchte, unter dem Betonbogen, der sich über ihn gelegt hatte, wegzukriechen. Doch Teile seiner Jacke waren eingeklemmt, er konnte die Arme nicht nach vorn bringen.

Ist es aus? Soll ich hier verenden, ersticken? Ich muss aus dieser Mausefalle heraus. Ich muss … ich muss!

Noch immer bekam er schlecht Luft, und die Bewegung, die Anstrengung, mit der er sich mühte, aus der Falle zu kommen, zwangen ihn, die staubhaltige Luft einzuatmen. Er musste husten. Er spürte, wie es ihm in Hals und Gaumen brannte. Die Augen tränten vom kalkigen Dunst.

Er meinte, es seien Stunden verronnen, als er die Rufe hörte, als die Sirenen aufheulten und immer näher kamen. Dabei waren es nur wenige Minuten gewesen. Aber damit war die Rettung nicht da. Erst eine Viertelstunde später, als sich der Staub schon gelegt hatte, fanden die Feuerwehrleute den unter der Betonglocke eingeklemmten Baron. Sie waren starr vor Verwunderung, als sie ihn lächeln sahen. Aber er war wirklich unverletzt, wie durch ein Wunder. Nur sein Bein hatte eine Schramme abbekommen.

Sie fanden auch Gerringbough. Er lebte noch. Vielleicht würde dieses Leben noch ein paar Sekunden, vielleicht qualvolle Minuten währen. Länger nicht. Und der Ambulanzarzt, der ihn untersuchte, musste es wissen.

Beschmutzt vom Dreck mit einer zerfetzten Jacke stand der Baron vor dem Schwerverletzten. Und Gerringbough erkannte ihn, während aus seinem Körper das Leben floss.

„Sie haben … es … geschafft. Hier bin … ich“, lispelte Gerringbough, und sein Gesicht verzog sich dabei vor Schmerzen. Es kostete ihn übermenschliche Anstrengung zu sprechen. Der Arzt verbot es ihm nicht. Es spielte keine Rolle mehr. Der Schwerverletzte war nicht mehr zu retten, von keinem Chirurgen dieser Erde.

„Warum haben Sie es getan?“, fragte der Baron, und es war ein merkwürdiges Gefühl in ihm, nach wochenlanger Jagd den Gegner gefasst zu haben. Es war ein Zynismus des Schicksals, dass der Wolf, der einen Bombenanschlag nach dem anderen gelegt hatte, durch dessen Brutalität mehr als ein Dutzend Menschen sterben musste, dass dieser Wolf an der eigenen Gemeinheit gescheitert war.

„Es war … mein Pech … Zufall“, stöhnte Gerringbough. Sein Gesicht begann sich zu entspannen. Er schloss die Augen, sprach aber weiter, und es klang nicht mehr so gepresst, als hätte er gar keine Schmerzen mehr.

„Sie haben mich, Baron. Ich glaube, ich habe alles … falsch gemacht.“ Plötzlich öffnete er wieder die Augen und sah den Baron scharf, ja, flammend an. „Baron, ich will eines wiedergutmachen. Baron, du musst helfen.“

„Rede, Gerringbough!“, sagte Alexander und gab dem Arzt das Zeichen, den Verletzten ja nicht zu unterbrechen.

„Baron“, keuchte Gerringbough, „es gibt noch eine … Bombe.“ Eine Schmerzwelle überkam ihn, und er schloss die Augen. Der Arzt kniete sich neben ihn und setzte eine Spritze an. Sekundenlang schwieg der Verletzte, dann löste sich die Anspannung wieder, und er fuhr fort: „Sie ist … auf Zeit gestellt … im Koffer von Mr. Husting … Michel Husting … Gestern Abend habe ich sie versteckt. Er weiß … nichts … fährt mit dem Zug, glaube ich … nach Orleans … Southern Arrow … sie explodiert genau zwanzig Uhr.“

„Ist das der Ingenieur Husting vom Pentagon?“, fragte Baron Strehlitz hastig.

Gerringbough nickte kaum merklich. „Er muss es geahnt … haben. Wollte erst fliegen … aber nun fährt er … mit dem Zug.“

Der Baron blickte kurz auf seine Armbanduhr, aber die stand. Der Arzt neben ihm erriet seine Gedanken und sagte: „Gleich halb acht.“

Zwölfeinhalb Stunden Zeit, dachte Alexander. Viel, wenn wir Glück hatten, wenig, wenn wir Husting nicht fanden.

„Wie stark ist die Bombe, Gerringbough?“, fragte Alexander.

Gerringboughs Lippen formten die Worte: „Sehr stark.“

Der tödlich Verletzte schwieg. Er hatte die Augen im Schmerz geschlossen und presste die Lippen zusammen. Sein Gesicht wurde fahl. Der Arzt ließ den Puls des Liegenden los und nickte Alexander zu. Also lebte Gerringbough noch. Aber wie lange? Würde er noch sprechen?

„Wo ist die Bombe? Und wer hat dir den Auftrag gegeben? Die schöne Jenny?“

Ohne die Augen zu öffnen, sagte Gerringbough leise, schwer verständlich: „Jenny Jackson, Baron, und ihr Bruder. Joe …“

„Und wo ist die Bombe?“

„In … ah … Hustings Koffer.“

Als sich Alexander umsah, erkannte er zwei alte Bekannte vom FBI neben dem Arzt. Captain Littleford und einer seiner Beamten. Littleford, ein Hüne von Mann, nickte Alexander freundlich zu. „Jetzt haben Sie ihn, Baron. Was abgekriegt?“

Alexander schüttelte den Kopf. Dann wandte er sich wieder Gerringbough zu, dessen Ende sehr nahe zu sein schien.

„Wer ist Jenny Jackson wirklich?“, fragte Alexander.

Gerringbough reagierte nicht mehr. Und zwei Sekunden später ließ der Arzt den Puls des Verletzten los, richtete sich auf und gab den beiden Ambulanzträgern ein Zeichen. Gerringbough sollte nie mehr Antwort geben.

 

 

3

Noch waren gut zwölf Stunden Zeit, die Bombe zu finden. Noch glaubte auch der Baron, dass die Gefahr einer Explosion gebannt werden konnte. Auch Captain Littleford glaubte es, der emsig seine Anweisungen gab. Es ging rasend schnell, wie immer bei Littleford, so schwerfällig dieser Mann auch aussehen mochte.

Alexander stand in Littlefords Büro im Hauptquartier des FBI von Nashville, Tennessee. Er erlebte mit, welche Anweisungen Littleford erteilte. Das war jetzt nur noch ein Polizeifall, würde mancher gedacht haben. Ja, es war ein Polizeifall, aber nur nach außen hin. Husting war jedoch nicht irgendein Ingenieur, sonst hätte sich ein Jack Gerringbough kaum die Mühe gemacht, eine Bombe in Hustings Koffer zu schmuggeln.

Der Baron kannte die Geschichte Gerringboughs, und er kannte die Geschichte von Ingenieur Husting. Gerringbough war im Auftrag der Geschwister Jackson hinter Leuten wie Husting her, erpresste sie oder nahm ihnen mit Gewalt geheime Pläne und Aufzeichnungen weg, die er seinem ausländischen Auftraggeber übermittelte. Bei Leuten, denen er ihre Erfindungen oder Geheimdokumente nicht entwenden konnte, griff Gerringbough zu dem schändlichsten aller Mittel, er ermordete seine Opfer. Und seine Art, das zu tun, war der Bombenanschlag.

Die Tatsache, dass Husting auf diese gemeine Weise ermordet werden sollte, bewies Alexander, wie aussichtslos Gerringboughs vorherige Versuche gewesen waren, an Hustings Erfindungen heranzukommen. Denn Michel Husting arbeitete für das US-Verteidigungsministerium.

Der Baron verfolgte die Spur Gerringboughs seit Wochen. Gerringbough war das Werkzeug der schönen Jenny Jackson. In ihrem Auftrag hatte er die Akten mit Geheimpapieren eines Freundes vom Baron an sich gebracht. Der Freund hatte den Diebstahl nicht nachweisen können und galt als Verräter von Staatsgeheimnissen. Der Baron verschaffte sich für die Sache einen Auftrag des Sicherheitsdienstes.

Gerringbough war tot, aber die schöne Jenny lebte. Sie und ihren Bruder Joe musste der Baron noch finden. Von Gerringbough war sein grausames Werkzeug noch intakt, noch ganze zwölf Stunden lang. Wie viele Menschen sollten das Opfer der Bombe sein, wenn sie unaufgefunden zur Explosion käme? Wo würde die Bombe krepieren? Vielleicht auf einem Bahnhof in der Hauptverkehrszeit abends gegen acht? Vielleicht in der Nähe einer Tankstelle an einer Hauptstraße? Tausende von Möglichkeiten, und keine war beruhigend. Stark war die Bombe, hatte Gerringbough besagt, und das nahm Alexander nicht als Übertreibung. Er hatte vorhin beim Verlassen des Hauses gesehen, was jene Bombe angerichtet hatte, die ihn selbst das Leben gekostet hätte. Die Fassade des Hauses war eingestürzt und hatte die halbe Fahrbahn zugeschüttet. Es waren Menschen verletzt worden, elf Personen, trotz der frühen Morgenstunde. Und ein Hauptwasserrohr hatte die Erschütterung der Explosion nicht überstanden, so dass für viele Stunden die ganze Straße gesperrt worden war.

Doch daran dachte Alexander jetzt nicht mehr. Er konnte nicht daran denken. Noch gab es eine zweite Bombe, noch konnte sich eine so starke Explosion wiederholen.

Littleford hatte indessen nicht nur ermittelt, wann der Southern Arrow nach New Orleans abgefahren war, er gab auch Befehl, den Zug auf der Strecke aufzuhalten und Michel Husting und dessen Koffer zu suchen.

Es ging alles sehr schnell; sehr schnell und doch nach den Begriffen des Barons unendlich zähflüssig und langsam.

„Der Zug ist jetzt in Decatur am Wheeler See in Alabama.“ Littleford legte den Hörer des Telefons zur Seite und sah Alexander ernst an. „Sie suchen noch nach Husting. Ich habe in dieser Stadt nur drei Leute vom FBI. Örtliche Polizei wird in wenigen Minuten zur Unterstützung eingesetzt. Jetzt heißt es warten, Baron, geduldig warten. Zigarette?“ Er hielt Alexander die Dose hin, doch der winkte ab.

„Wenn ich nur sicher sein könnte, dass er im Zug ist. Rufen Sie die Gesellschaft an, ob er eine Platzkarte gebucht hat, vielleicht auch ein Abteil oder dergleichen. Vielleicht hat er das Gepäck aufgegeben.“

Das Telefon summte. Littleford hob prompt ab, meldete sich. Dann hörte er lange zu. Sein kantiges Gesicht verhärtete sich. Alexander war es klar, welcher Art diese Nachricht war.

Als Littleford aufgelegt hatte, sagte er: „Sie haben über Lautsprecherwagen Husting ausgerufen, er hat sich nicht gemeldet. Im Packwagen ist kein Koffer von ihm. Ich habe das verdammte Gefühl, er ist nicht in diesem Zug, Baron.“

 

 

4

Der Baron hätte sich nun um all das nicht zu kümmern brauchen. Er hätte es wirklich den Polizeibehörden überlassen können … wenn er nicht ausgerechnet der Baron gewesen wäre. Und das dachte wohl auch Captain Littleford, als er Alexander von der Seite ansah.

Alexanders Anzug war noch schmutzig, die Jacke an Ärmel und Schulter aufgerissen, die Hose über dem Knie hoffnungslos für alle Zeiten zerfetzt. Und dennoch hatte Alexander in der Hast Zeit gefunden, sich zu waschen und zu kämmen. Nur der, der ihn nicht kannte, würde ihn für einen eitlen Laffen halten. Littleford wusste es besser. In diesem Mann steckte mehr, viel mehr. Hinter dem jugendlichen Gesicht und der hohen Stirn verbarg sich ein scharf denkendes Hirn, und nur die stahlblauen Augen verrieten, dass hier Intelligenz und Selbstdisziplin gepaart waren. Littleford kannte den Baron seit Jahren. Er wusste, wie hart Alexander mit sich selbst war, wie unerbittlich er eine Spur verfolgte, und wie bescheiden er später von seinen Erfolgen zu sprechen pflegte, so, als wäre das alles nichts gewesen. Als hätte jeder x-beliebige dasselbe erreichen können.

Der Baron war für das FBI ein guter Freund und Helfer aus vielen Fällen. Es schien, als hätte ihn das FBI fest als Mitarbeiter in diesem Falle eingeplant. Er sah aus wie ein Durchschnittsmensch, dachte Littleford, aber er war ein harter Brocken. Zäh wie Rohleder, sagten die Gegner des Barons. Was sie am meisten fürchteten, war sein Verstand. Dem Baron sagte man nach, er schone sein Gesicht, der schönen Frauen wegen. Vielleicht stimmte es, überlegte Littleford, Tatsache war, dass er ein Meister im, Jiu-Jitsu war, worüber er aber nicht sprach. Seine Gegner jedoch hatten es zu spüren bekommen.

„Tja, Baron, nun sitzen wir fest. Haben Sie eine Idee? Dass wir jetzt die Hotels abklappern müssen, ist mir klar. Ich habe es schon angewiesen. Aber wie weiter?“

Der Baron lächelte, und sein Jungengesicht wirkte spitzbübisch. „Das sieht nach Arbeit aus, wenn Sie so fragen, Captain. Eigentlich hatte ich mir vorgenommen, nach Gerringboughs Verhaftung zwei Tage nichts zu tun, als zu schwimmen und in der Sonne gegrillt zu werden.“

Littleford zuckte die Schultern. „Wir schaffen es auch so, aber ich glaube …“

Alexander nickte. „Ja, je nachdem, wo sie explodiert, könnte mir das leid tun, wie? Es gibt keine Überlegung, Captain. Besorgen Sie mir eine Polizeimaschine, die mich nach New Orleans bringt. Jetzt rufen Sie den Flughafen an und erkundigen sich nach einer Buchung von Husting. Ich glaube, das ist wichtiger, als die Hotels abzuklappern.“

Es dauerte drei Minuten, da wussten sie mehr. Michel Husting war vor einer halben Stunde mit der planmäßigen TWA-Maschine in Richtung New Orleans abgeflogen. Sein Flugschein galt bis dorthin, nicht weiter.

„Vielleicht ein Schiff, vielleicht nichts. Er müsste bald dort sein, wann genau, Captain?“, fragte Alexander.

„Landung zehn Uhr fünfundfünfzig. Das schaffen wir leicht!“

„Funkspruch an die Maschine, Littleford. Sie sollen nach dem Koffer suchen, wenn er ihn mit hat.“

Littleford nickte und griff zum Funksprechgerät für seine Kommandozentrale. Und wieder vergingen trotz modernster technischer Hilfsmittel kostbare zehn Minuten, ehe die Nummer der Maschine und die Funkfrequenz ermittelt werden konnten. Dann endlich konnte Littleford sagen: „Direkte Verbindung über mein Gerät mit der Besatzung der Maschine herstellen!“

„Wir gehen über Bodenstation Birmingham in Alabama, Sir!“, sagte der Funker.

Krachende Geräusche im kleinen Lautsprecher, pfeifende Laute, dann eine Stimme, weit, undeutlich: „Hier Delta Delta Baltimore – vier – fünf – sieben – Standort 3° – 6‘ – 4” Nord – 87° – 9‘ Westkurs Süd zu West …“

Der Baron nahm das Mikrophon des Sprechgerätes in die Hand. „Hier spricht Baron Strehlitz. An Bord Ihrer Maschine befindet sich ein Mr. Michel Husting. Ist das richtig?“

Ein paar Sekunden vergingen, es krachte und brummte im Lautsprecher, dann ertönte es heiser aus dem Äther: „Richtig, Baron. Was ist mit ihm?“

„Stellen Sie sofort fest, ob er Gepäck in Ihrer Maschine hat. Wenn ja, geben Sie mir Meldung, was alles. Vorsicht mit einem Koffer! Nicht anrühren!“

Zwei Minuten vergingen. Dann hörte Alexander wieder die Stimme des Bordfunkers. „Sir, er hat nur eine kleine Luftreisetasche. Kein Koffer dabei, Sir! Er sagt, er hat seinen Koffer mit der Bahn aufgegeben. Er will wissen, was damit los wäre!“

„Fragen Sie ihn, wann er den Koffer aufgegeben hat, wo und was sonst noch davon bekannt ist. In diesem Koffer befindet sich eine Zeitbombe. Beeilen Sie sich, Mister!“

Diesmal vergingen fast fünf Minuten. Dann endlich erhielt der Baron die näheren Angaben: „Er hat ihn heute morgen von einem Boy des Hotels zur Union Station bringen lassen. Dort ist er mit der Weisung Hafen New Orleans, USA – Venezuela-Linie aufgegeben worden.“

„Mr. Husting darf vor Eintreffen der zuständigen Beamten Ihre Maschine in New Orleans nicht verlassen. Das ist ein Befehl an Ihren Käpt‘n! Geben Sie das weiter, Ende!“

Littleford stützte den Kopf in die Hände. „Siebzehn Züge täglich nach dem Süden. In jedem kann der Koffer sein. Wir brauchen mehr als eine Stunde, um es genau zu wissen.“

„Fangen Sie damit an, Captain, ich habe langsam das Gefühl, wir werden doch nicht mit der Zeit auskommen. Übrigens interessant, dass er mit dem Schiff weiterfährt. Dachte es mir fast.“ Er ahnte nicht, wie recht er hatte, wenn er sagte, die Zeit würde kaum ausreichen. Dass es noch viel schlimmer kommen würde, als er zu befürchten wagte, stand im Buch des Schicksals.

Und Alexander sagte nachdenklich: „Hinter Gerringbough hat die schöne Jenny Jackson gesteckt, die wir schon so lange vergeblich gesucht haben. Die Sache gefällt mir nicht … Aber auch gar nicht!“

 

 

5

Am Morgen dieses Tages, etwa um die Zeit, da Gerringbough noch lebte und auf dem Balkon seines Mietzimmers die Morgensonnenstrahlen genoss, trug der Boy des Hilton-Hotels Nashville zwei Koffer zu seinem Kombiwagen. Zwei Koffer, von denen der eine einem Mr. Michel Husting und der andere einem Senatsangestellten aus New York gehörte. Jener Angestellte hieß dem Etikett nach Scott.

Hustings Koffer war braun, der von Scott aus Leichtmetall, also keineswegs leicht zu verwechseln. Und der Boy hätte ihn auch nie mit Hustings Koffer verwechselt.

Er hatte den Auftrag, Hustings Koffer zum Bahnhof zu bringen, um ihn dort aufzugeben. Es war ein „Katzensprung“ bis zur Union Station, dennoch fuhr der junge Mann mit dem Wagen. Scotts Koffer musste nur wenig weiter befördert werden, nämlich zur Greyhound Omnibus-Reiseleitung.

Der Boy fuhr zuerst zu Greyhound.

Vor dem flachen Gebäude der neunten Avenue standen die silbernen Busse in Reih und Glied. Einer davon war mit Girlanden und Transparenten geschmückt. „50 Jahre Webster & Lesser“ stand darauf. Gelangweilt betrachtete der Boy die Schar aufgekratzter Reisender, die lautstark ihre Freude über die Fahrt kundtaten, als würden sie eine Reise in unerschlossene Gebiete antreten.

Der Boy hielt seinen Wagen an, stieg aus, holte Scotts Leichtmetallkoffer und trug ihn ins Gepäckbüro der Greyhound-Gesellschaft. Währenddessen ließ er die Klapptür am Heck seines Wagens offenstehen.

Unweit von seinem Wagen lungerten drei junge Burschen herum, die nicht so aussahen, als würden sie jemals eine bezahlte Reise in einem der Busse antreten. Niemand kümmerte sich um sie, auch der Polizist nicht, der vorn auf der Straße, am Rande des Omnibusplatzes, auf seinem Motorrad saß und schläfrig die Straße entlang blickte. Erst recht gaben die von Reisefieber gepackten Jubiläumsgäste vor dem geschmückten Bus nicht Acht auf die drei jungen Kerle.

Einer der Burschen, ein schlaksiger Krauskopf, schlenderte auf den Kombiwagen des Hotels zu, blieb dahinter stehen, steckte sich eine Zigarette an und blickte sich scheinbar interessiert nach allen Seiten um. Dann langte er in den Wagen, schnappte sich den Koffer, machte ein paar Schritte, und als von seinen Kumpanen her ein kurzer Pfiff ertönte, ging er in Richtung der parkenden Busse weiter, wohl in der Absicht dazwischen unterzutauchen. Er war gerade neben dem geschmückten Gesellschaftsbus angelangt, als der Cop auf der Straße des langen Haltens müde geworden war und sein Motorrad startete. Vielleicht war es Zufall, vielleicht war dem Polizisten jener abgerissene junge Bursche mit dem rindsledernen Koffer wirklich verdächtig vorgekommen … wer weiß? Jedenfalls zog der Cop seine Maschine zum Platz hin, knatterte genau auf den jungen Burschen zu.

Der reagierte blitzschnell. Er stellte den Koffer an die Rückwand des Busses und wischte sich dann die Hände am Hosenboden ab, als hätte er eine gute Arbeit geleistet. Ohne den Cop zu beachten, ging er langsam, beinahe lässig, zu seinen Kumpanen zurück.

Der Cop fuhr an ihm vorbei, ohne ihn anzuhalten oder nur eine Frage zu stellen. Sein Verdacht schien sich nicht bewahrheitet zu haben.

Indessen verließ der Hotelboy das Office. Darauf hatten die beiden anderen Burschen die ganze Zeit gewartet. Sie gingen ihm nach, nahmen ihn in die Mitte und stiegen mit ihm ins Auto. Niemand wurde darauf aufmerksam. Der Polizist war indessen schon sonstwo.

Eine Weile saßen die beiden zusammen mit dem Boy im Kombiwagen. Es sah aus, als würden sie sich unterhalten. Kein Mensch auf dem Platz nahm die Pistole wahr, die einer der Burschen auf den Boy gerichtet hielt.

Nun wollte der Kofferdieb seine Beute zurückholen. Doch das schien im Augenblick unmöglich zu sein.

Der Busfahrer war mit dem Mann des Büros neben den Bus getreten, sah den Koffer, packte ihn und maulte: „Keiner kann hier pünktlich sein, alles wird in Raten geliefert. Wie oft muss ich denn noch auf die Kiste klettern? Ich habe dir gleich gesagt, Henry, dass ich mit solchen Vereinsmeiern nicht gerne fahre. Da ist mir der Liniendienst lieber. Glaub mir‘s doch, Henry. Die saufen nach der ersten Meile, dann kotzen sie einem den Bus voll, und schließlich grölen sie wie die abgestochenen Schweine, um anschließend zu schnarchen, dass man meint, sie wollten ganz Kanada abholzen. Nee, Henry, die Gesellschaftsfahrten sind mein Untergang. Verdammt, was hat der denn in seinem Koffer, schwer wie Blei, und das auf einer Dreitagesfahrt. Menschenskind, was diese Vögel doch so alles mit herumschleppen. Ich glaube, dass sie nicht einen Kühlschrank mitnehmen, ist nur ‘n dummer Zufall. Henry, sieh nach, ob diese Kerle alle beisammen sind. Ich will jetzt los. Wer weiß, was ich mit denen noch alles erlebe.“

Er wusste nicht, dass er prophetische Worte sprach.

Der Bus fuhr kurz darauf los. Der Koffer war für den Dieb verloren. Vielleicht sein großes Glück. Im Bus aber saßen vierzig frohe Menschen, die das fünfzigjährige Bestehen der Firma Webster & Lesser feierten und groß feiern wollten. Seit einem Jahr hatten sie sich auf diese Dreitagesfahrt gefreut. Vierzig junge und alte Menschen, Männer und Frauen, und dazu der Reiseleiter Henry Lodge und sein Fahrer Bill McCloud … und unter diesen zweiundvierzig Ahnungslosen im Unterflur Kofferraum eine Zeitbombe, die an diesem Abend gegen zwanzig Uhr explodieren würde. Vielleicht in den Serpentinenstraßen der Walden-Ridge-Berge, vielleicht auf dem Highway 41, wenn der Bus auf einer langen Geraden mit sechzig Meilen dahinrasen würde … vielleicht auf einer Rast, während niemand im Bus weilen könnte … vielleicht, vielleicht.

Der Bus war schon gut zwei, drei Meilen weit gefahren, als auf dem großen Busplatz die beiden Burschen dem Boy vom Hotel die Brieftasche aus der Jacke zogen, doch darin nichts weiter fanden als lächerliche Mädchenfotos und einen Parkschein. Vor Wut schlugen sie ihn knockout, verließen den Wagen und liefen davon. Als der Boy wieder zu sich kam, sah er nichts. Und als er die Polizei benachrichtigte, waren die drei schon längst über alle Berge. Auch Mr. Husting, dessen Koffer fehlte, konnte nicht mehr informiert werden. Sein Hotelzimmer war indessen leer. Mr. Husting saß um diese Zeit im Flughafen Restaurant und nahm einen Martini dry zu sich.

Der Bus und seine tödliche Fracht brummten um diese Zeit bereits dreißig Meilen östlich auf dem Highway 70 N den Cumberland-Bergen zu.

 

 

6

Ein Beamter von der Erkennungszentrale holte den Baron ab und führte ihn in den langen Karteisaal. Dort arbeiteten Männer und Frauen in weißen Kitteln, und dort saß auch ein junger Mann in Pagenuniform. An seiner Kappe stand „Hilton Hotel“. Vor dem jungen Boy stapelten sich Stöße von Fotokarten Zwei Beamte legten sie ihm nacheinander vor.

Der Baron ging zu ihnen. Der Leiter des Erkennungsdienstes sagte trocken: „Zwei von den Burschen hat er schon herausgefunden. Den dritten suchen wir noch.“

Der Baron kannte inzwischen die Geschichte, die sich heute morgen auf dem Greyhound-Busplatz ereignet hatte. Er wusste, dass der Boy überfallen worden war, und er wusste, dass Hustings Koffer verschwunden war. Doch weder er noch die Polizei hatten eine Ahnung davon, wo sich der Koffer befand. Sie glaubten, die drei Ganoven hätten ihn gestohlen. Und obgleich es heller Tag war, als der Raub geschah, hatte niemand die drei Gangster beobachtet.

Der Baron nickte dem Hotelboy zu und setzte sich neben ihn. Dann ließ er sich die Karteikarten der beiden Männer geben, die der Boy im „Album“ ausfindig gemacht hatte.

„Jugendkriminelle“, erklärte der Leiter des Erkennungsdienstes. Alexander nickte nur. Und er überlegte sich den ganzen Fall, versuchte, sich die Situation vorzustellen, als der Boy ins Büro der Buslinie gegangen war und draußen der Wagen mit dem zweiten Koffer unbeaufsichtigt gestanden hatte. Da war also ganz in der Nähe diese Reisegesellschaft gewesen, und da soll sogar ein Polizist mit Motorrad irgendwo gewartet haben.

„Habt ihr den Cop schon, der dort in der Nähe war?“, fragte Alexander.

Der grauhaarige Leiter der Erkennung nickte. „Er sagt, er hätte nichts bemerkt, was verdächtig gewirkt hätte. Aber er hat auch einen jungen Burschen gesehen. Kann sich aber nur schwach an ihn erinnern. Soll einen Koffer getragen haben. Mehr weiß der Cop nicht.“

„Aber wenn ich morgen falsch parke, das sieht er bestimmt“, knurrte Alexander enttäuscht. „Sehen wir uns also diese beiden Galgenvögel an. Marty Rould“, las er laut. „Zweimal schon im Knast gewesen, immer dasselbe Delikt: Schlägerei und Widerstand gegen die Staatsgewalt. Hmm … und nun der andere: Steve Rafiani. Auch nur neunzehn Jahre alt und doch schon eine Latte auf dem Kerbholz. Fünf Jugendstrafen, einmal eine dicke Gefängnispension … für Raub, Schlägerei, Überfall, Dokumentendiebstahl. Hoppla!“ Alexander kratzte sich am Hinterkopf. „Haben Sie gehört, Sir? Jetzt bekomme ich doch noch Geschmack an diesen Vögeln. Okay, das ist eine Sache für Littleford.“

Littleford hatte indessen die Jacke ausgezogen und die Ärmel hochgekrempelt. Eine schwarze Zigarre im Mundwinkel saß er am Telefon und hörte gerade einen Bericht an, als der Baron eintrat.

Alexander zeigte ihm die beiden Karteikarten mit den Fotos. Während Littleford noch den Hörer am Ohr hielt, sagte er: „Kenne ich. Treffpunkt Battlefield Bar. Tun Sie‘s selbst, uns kennen die dort. Halten Sie sich an Liz, das ist ‘ne kleine rundliche Rotblonde mit ‘ner Menge Pfeffer im Blut. Sie singt alles, was ich von ihr hören will. Ich bleibe indessen hier am Draht.“

Alexander war zufrieden. Trotz aller Zeitnot klappte der Laden. Ein Glück, dass er diesmal mit Littleford arbeiten konnte. Sie beide verstanden sich gut.

Unten stand Alexanders Auto, im Hof des Polizeihauptquartiers. Doch diesen Wagen würde er erst wieder benutzen können, wenn die Beulen an Haube und Dach beseitigt waren, die von herabstürzenden Fassadenbrocken bei der Explosion entstanden waren.

Littleford hatte auch jetzt gespurt. Eben holte einer der Polizeifahrer einen Zivilwagen aus der Garage. „Für Sie, Baron. Mit zivilem Kennzeichen. Er ist gestohlen gewesen, und wir finden den Besitzer nicht. Die Karre marschiert ausgezeichnet.“

Dieser dunkelrote, chromblitzende Thunderbird war genau der richtige Wagen für Alexanders Geschmack. Als hätte er nie einen anderen gefahren, ließ er sich ins weiße Lederpolster sinken, ließ an und summte aus dem Hof.

Bis zur „Battlefield Bar“ waren es sechs Minuten zu gehen und zehn zu fahren, weil hier – wie überall in der zivilisierten Welt – Ampeln das Fahren zur Strafe machten.

Es war eine Straße zwischen Hochhäusern, schmutzig, düster, voller Gerüche. Die Bar befand sich in einem Bürogebäude dicht neben einer drittklassigen Garage mit Tankstelle. Immerhin waren die Wagen, die hier parkten, fast ausnahmslos neue und nicht gerade billige Modelle.

Alexander fand eine Parklücke, stieg aus und betrat die Bar. Stühle standen auf den Tischen, das Podium der Jazzband wirkte trotz Kontrabass und Schlagzeug verwaist. Nur an der Theke war etwas Betrieb. Fünf Männer, jüngere und ein alter, saßen auf den Hockern. Zwei ältliche Mädchen bedienten. Im Tageslicht nützte ihnen auch die Schminke nichts mehr. Ein weiteres Mädchen saß am einzigen Tisch, wo Stühle daneben und nicht obenauf standen, und rechnete auf einer Zeitung.

Alexander musterte die Gäste. Aber die beiden Jungs, die er suchte, waren nicht darunter. Der ältere Mann machte einen gepflegten Eindruck, nach Alexanders Dafürhalten einen etwas zu gepflegten Eindruck. Die vier anderen Burschen waren trotz ihres einwandfreien Äußeren aus dem „Milieu“, das sah Alexander sofort. Bestimmt fanden sich auch ihre Karten im „Album“.

Sie sahen Alexander an, schätzten ihn ab, und als er knapp grüßte, knurrten sie etwas, dann überließen sie ihn sich selbst.

Keines der beiden Mädchen war rotblond, wie jene Liz es sein sollte, aber da hatte vielleicht ein Friseur in kurzer Zeit ein „Wunder“ erreicht.

Alexander setzte sich auf einen der Hocker. Die eine Bardame verschwand durch eine Hintertür, die andere, eine schwarzhaarige ehemals rassige Schönheit, beugte sich zu ihm und zwitscherte: „Na, Darling, was trinken wir denn so früh an einem schönen Morgen?“

„Rum mit Eis“, erwiderte Alexander und lächelte die verwitterte Schönheit aufmunternd an.

Sie schenkte ein, gab das Lächeln zurück und fragte mit einem Ton von Neugierde: „Seemann?“

„Astronaut“, erklärte Alexander trocken. Die Männer neben ihm sahen sich um. Der eine meinte kühl: „Maggie mag keine blöden Witze, Fremder.“

Die Schwarzhaarige schien es aber nicht krummgenommen zu haben. „Ich habe nichts dagegen, Mister. Irgendwo sind wir alle ein bisschen verrückt. Warum sollten Sie sich nicht einbilden, Sheppard zu sein?“

„Richtig. Aber man hat mir gesagt, Sie hätten Zimmer zu vermieten. Deshalb bin ich hier“, sagte Alexander, ohne sich um den bissigen Blick seines Nachbarn zu kümmern.

„Maggie vermietet keine Zimmer“, tönte es neben Alexander.

Aber Maggie war auch jetzt anderer Meinung als Alexanders Nebenmann.

„Vielleicht habe ich ein Zimmer frei. Wie lange?“

„Eine schöne Nacht.“ Alexander zwinkerte der Schwarzhaarigen zu, und sie lächelte geschmeichelt.

„Wo kommst du her, Kollege?“, fragte der Nebenmann. „Wer hat dir gesagt, dass hier Zimmer …“

Alexander blickte den jungen Burschen an. Ein bisschen blass, der Junge, dachte er. Sieht aus, als hätte er lange nicht die Sonne gesehen. So sehen Nachtmenschen aus oder Leute, die gerade ein paar Jahre Gefängnis hinter sich haben. Vielleicht war der Gute auch krank, vielleicht.

„Du fragst zu viel, Kleiner. Viel zu viel. Ich rede nicht gerne mit anderen über meine intimen Dinge, also?“ Alexander lächelte, aber dieses Lächeln war nicht freundlich gemeint, und das begriff der junge Bursche. Er spürte wohl auch, dass es nicht lohnte, den starken Max zu spielen, nicht bei diesem drahtigen Mann. Auch seine Kollegen hatten wenig Neigung zu einem Streit, noch nicht. Und so wandte sich der Junge knurrend wieder ab.

„Kommen Sie, ich zeige Ihnen das Zimmer“, sagte Maggie, und Alexander trank aus, nickte den fünf Männern zu, als wären sie alte Freunde, und ging hinter Maggie her durch die Hintertür eine schmale Stiege hinauf.

Auf der halben Treppe blieb sie vor ihm stehen. „Wer hat es Ihnen gesagt, das mit dem Zimmer? War es Mike?“ Sie fragte es eindringlich mit gedämpfter Stimme. Alexander merkte, dass ihr freundliches Gehabe von vorhin Warnung war. Diese Frau war klüger als die fünf Kerle an der Theke. Sie ahnte eine Menge, aber sie war nicht dumm genug, um mit primitiven und plumpen Fragen etwas erfahren zu wollen.

„Nein, ich will auch kein Zimmer. Ich will mit Liz sprechen, das ist alles. Und ich will, dass niemand erfährt, dass ich mit ihr rede. Wo ist sie?“

„Meine Güte, wissen Sie es nicht? Wenn Sie von Mike kommen, müssten Sie es wissen. Wer sind Sie überhaupt? Polizei?“

Details

Seiten
137
Jahr
2020
ISBN (eBook)
9783738946864
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2020 (November)
Schlagworte
baron jenny prozess

Autor

Zurück

Titel: Der Baron #26: Jenny macht kurzen Prozess