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Ein Jack Braden Thriller #27: Sprint ins Verderben

2020 116 Seiten

Zusammenfassung

Ausgerechnet Lester Galetti, der Syndikatsboss, wendet sich an den Privatdetektiv Jack Braden, damit der seine verschwundene Tochter in Genf aufspürt. Nur weil Jack sich Sorgen um die junge Frau macht, nimmt er den Auftrag an, doch schon bei seinem Eintreffen ist der Detektiv, der als Mittelsmann fungieren sollte, ermordet worden. Und weiterhin gibt es keine Spur von Pamela Galetti.

Leseprobe

Table of Contents

Sprint ins Verderben

Copyright

Die Hauptpersonen des Romans:

1

2

3

4

5

6

7

8

9

10

11

Sprint ins Verderben

Ein Jack Braden Thriller #27

von Cedric Balmore

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 116 Taschenbuchseiten.

 

Ausgerechnet Lester Galetti, der Syndikatsboss, wendet sich an den Privatdetektiv Jack Braden, damit der seine verschwundene Tochter in Genf aufspürt. Nur weil Jack sich Sorgen um die junge Frau macht, nimmt er den Auftrag an, doch schon bei seinem Eintreffen ist der Detektiv, der als Mittelsmann fungieren sollte, ermordet worden. Und weiterhin gibt es keine Spur von Pamela Galetti.

 

 

Copyright

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Alfred Bekker

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© COVER FIRUZ ASKIN

© dieser Ausgabe 2020 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

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Die Hauptpersonen des Romans:

Lester Galetti – Syndikatsboss; hat keine Skrupel, aber eine Tochter

Pamela Galetti – hinterlässt in Genf nur einen Blutfleck

Jean Croix – Privatdetektiv; beschützt andere besser als sich selbst

Pierre Armengol – hat guten Grund, schwarze Handschuhe zu tragen

Rita Celebres – beurteilt Liebe nach dem Marktwert

Bill Rover – hart im Nehmen, aber nicht hart genug für

Jack Braden und sein Team

 

 

1

Dawn Barris brachte die einhundertsiebzig Zentimeter ihrer sensationell proportionierten Figur vor Jack Bradens ultramodernem Schreibtisch zu einem plötzlichen Stopp. „Lester Galetti ist draußen“, meldete sie.

Jack Braden blickte seine Sekretärin an. Dawn sah aus, als sei sie geradewegs der Titelseite der „Vogue“ entsprungen. Sie war jung, blond und schön. Dabei hatte ihre Schönheit keineswegs den unterkühlten Charakter mancher Modefotos. Man spürte, dass Dawn Intellekt und Witz hatte. Vor allem Herz. Jack Braden versäumte es selten, die Schönheit des Mädchens auf sich wirken zu lassen. Aber als sie den Namen des Besuchers nannte, sank Dawns Aussehen für einen Moment zur völligen Bedeutungslosigkeit herab.

„Lester Galetti?“, echote er ungläubig.

„Höchstpersönlich“, sagte Dawn. „Sie sollten nicht versäumen, einen Blick auf ihn zu werfen. Sein Kopf ähnelt einem ausgebrannten Benzinkanister …“

„Lassen Sie das Galetti nicht hören“, riet Jack Braden. „Er ist eitel und gewiss kein Mann der humorvollen Toleranz. Im Gegenteil. Hat er einen seiner Killer dabei?“

„Galetti ist ohne Begleitung gekommen, und er ist sehr höflich.“

„Kunststück! Mit Ihrem Aussehen können Sie selbst einen Lester Galetti zähmen. Aber nur für wenige Minuten. Sie können ihn nicht ändern. Nichts und niemand kann das Blut abwaschen, das an seinen Händen klebt. Er ist ein Mörder.“

„Niemand hat ihm das bis jetzt beweisen können“, stellte Dawn fest.

„Dafür gibt es gute Gründe. Er hat die Zeugen der Anklage jeweils bedroht, erpresst oder gekauft. Ein paar davon hat er aus dem Weg räumen lassen. Das ist Lester Galetti, ungekrönter Boss aller Syndikatsgangster! Ich frage mich, was er hier will. In seinen Augen bin ich nicht viel besser als irgendein Polizist; er muss in mir einen jener Stänker sehen, die immerzu Ärger machen und mit denen man erst dann zufrieden sein kann, wenn sie durch die Obhut eines Begräbnisinstituts gegangen sind.“

„Sie müssen sich wohl oder übel seine Wünsche anhören“, erklärte Dawn.

„Wünsche? Galetti fordert nur“, sagte Jack Braden.

„Ich bitte ihn jetzt herein.“

„Sie meinen allen Ernstes, ich soll den Burschen empfangen? Einen Mörder? Vielen Dank!“

„Lester Galetti ist keiner von denen, die sich vor die Tür setzen lassen“, meinte Dawn geduldig. „Ebenso gut könnten Sie der Armee der Vereinigten Staaten den Krieg erklären wollen! Es gibt Kräfte, mit denen man sich arrangiert. Ich verlange nicht, dass Sie ihn wie einen Freund behandeln – aber Sie müssen sich anhören, was er zu sagen hat. Was immer man auch gegen ihn sagen mag – er ist ein freier Bürger der Staaten! Bis jetzt jedenfalls. Gleichzeitig ist er ein Machtfaktor, den man nicht ignorieren kann.“

„Ich pfeife auf seine Macht“, sagte Jack Braden. „Ich pfeife auf ihn und seinesgleichen! Das können Sie ihm in meinem Auftrag bestellen.“

„Das ist nicht Ihr Ernst!“, sagte Dawn.

Jack Braden lachte leise. „Sie haben recht, Dawn. Ich bin ein Esel. Weshalb sollte ich Sie dem Arger des eitlen, brutalen Lester Galetti aussetzen? Ich kann es mir nicht leisten, die tüchtigste und attraktivste Sekretärin der Stadt zu verlieren! Im Übrigen möchte ich mir nicht nachsagen lassen, die einmalige Gelegenheit versäumt zu haben, einem Lester Galetti den Marsch zu blasen.“

„Um Himmels willen, Mister Braden!“, sagte Dawn beschwörend. „Vergessen Sie keine Sekunde, wer Ihnen gegenübersitzt! Oder meinen Sie, ich hätte Lust, mich nach einem neuen Chef umsehen zu müssen?“

„Keine Angst, Sunny. Ich wette, Lester Galetti hat seit zehn Jahren kein Schießeisen mehr angefasst. Die schmutzige Arbeit lässt er andere besorgen. Wenn er allein gekommen ist, besteht keine Gefahr.“

„Wenn Sie ihn herausfordern sollten, kann er noch heute einen seiner Killer ins Haus schicken!“

„Sie machen mir Hoffnung!“, meinte Jack Braden grimmig. „Es wäre mir ein Vergnügen, den Burschen in eine Konversation der Fäuste zu verwickeln. Ich bin sicher, dass er diese Sprache gut verstehen würde.“

„Leider nicht nur diese“, seufzte Dawn. „Galettis Leute dürften auch im Austausch bleierner Grüße nicht unerfahren sein.“

„Ohne Zweifel“, meinte Jack Braden. Dann zog er den Knoten seiner Krawatte straff und sagte spöttisch: „Ich lasse bitten!“

Lester Galetti betrat das große Privatbüro genau eine Minute später. Er blieb einige Sekunden an der Schwelle stehen; ein bulliger, kräftiger Mann, an dem sofort drei Dinge auffielen: das durch Brandverletzungen entstellte Gesicht, die hervorragend gearbeitete Maßbekleidung und seine düstere Vitalität. Es war schwer zu sagen, worin das letztere zum Ausdruck kam – möglicherweise in dem harten, energischen Kinn oder in den hellen, sehr beweglichen Augen, vielleicht aber auch in seiner straffen Haltung, die Kraft und Entschlossenheit verriet.

Er musterte kurz die Einrichtung. Dann marschierte er auf Jack Bradens Schreibtisch los. In seinen Bewegungen war etwas Besitzergreifendes; er gehörte zu den Männern, die ihre Umgebung beherrschen wollen.

Jack Braden erhob sich. Er überragte Galetti ganz beträchtlich. Galetti blickte zu Braden in die Höhe, ein wenig grimmig, wie es seine Gewohnheit war. Galetti hatte mit dieser Maske schon beträchtliche Erfolge erzielt; er wusste, dass die meisten Menschen vor ihm zitterten, und er sah keinen Grund, diese Wirkung zu bedauern. Er war überzeugt davon, dass er eine Führernatur war.

Jack Braden lächelte dünn. Er wusste, dass Galetti ihn nicht mochte – das war allein durch den Umstand der unterschiedlichen Körpergrößen bedingt. Ein Mann von der Eitelkeit Lester Galettis musste alle Menschen hassen, die größer waren als er.

„Mister Braden?“, fragte Galetti. Er hatte eine helle, heisere Stimme, die einen barschen, unfreundlichen Eindruck hinterließ. Es war die Stimme eines Menschen, der das Befehlen gewohnt ist, und dem ein Zuviel an Worten zuwider ist.

Jack nickte. „Wollen Sie Platz nehmen?“

Die Männer setzten sich. Sie betrachteten sich wie Feinde. Dann lachte Galetti. Das Lachen kam ein wenig plötzlich und wirkte sehr frei.

„Gerechter Himmel“, sagte er. „Sie sehen in mir den Leibhaftigen, was?“

Der Ausbruch hatte etwas Erheiterndes; er nahm der Szene die fast komisch anmutende Spannung. Jack Braden grinste. Er notierte, dass Lester Galetti charmant und verbindlich sein konnte. Hatte er etwas anderes erwartet? Erfolgsmenschen sind nicht nur hart, oder nur liebenswürdig. Sie sind beides, und jedes zu seiner Zeit.

„Ich bemühe mich, Sie so zu sehen, wie Sie wirklich sind“, sagte Jack Braden.

„Und wie“, fragte Galetti, „bin ich?“

„Gefährlich“, erwiderte Jack Braden.

Galetti grinste. Seine linke Gesichtshälfte war von violetten Narben überzogen. Es hieß, dass sein Vater einen Wanderzirkus besessen habe. Als das Unternehmen abbrannte, sei der kleine Lester um ein Haar in den Flammen umgekommen. Sicher war, dass Galetti eine harte, freudlose Jugend erlebt hatte, und dass ein großer Teil seiner Erfolge auf seine Entschlossenheit zurückzuführen war, diese Zeit der Entbehrungen durch ein Leben in Luxus, Komfort und Reichtum zu kompensieren.

„Ich weiß, was die Leute über mich reden“, meinte Galetti geringschätzig. „Ich darf doch annehmen, dass Sie diesen Unsinn nicht zu ernst nehmen?“

„Ich habe keine Ahnung, was die Leute sagen“, erklärte Jack Braden. „Mir genügen ein paar Fakten, die mir zu Ohren gekommen sind. Zusammenfassend möchte ich feststellen, dass ich sogar Bedenken hätte, Sie mit einer Zange anzufassen!“

Galetti glotzte Jack Braden ins Gesicht. Dann lachte er und präsentierte dabei zwei Reihen sehr fester weißer Zähne. Er wurde rasch wieder ernst.

„Okay, mein Freund. Wir verstehen uns. Ich bin für offene Worte. Sie halten mich für eine Gefahr, stimmt‘s? Am liebsten würden Sie mich in Ketten legen lassen. Aber im modernen Strafvollzug gibt es keine Ketten, und im Leben eines Lester Galetti gibt es keine ernst zu nehmenden Gegner – bis auf einen“, fügte er hinzu.

„Nämlich?“, fragte Jack Braden. Es interessierte ihn zu hören, vor wem Lester Galetti Furcht und Respekt empfand.

„Ich kenne ihn nicht“, sagte Galetti.

„Bitte?“

„Ich habe keine Ahnung, wer er ist.“

„Wollen Sie mich auf den Arm nehmen?“

„Im Gegenteil. Ich bringe Ihnen einen konkreten Auftrag. Suchen Sie den Mann, von dem ich spreche.“

Jack Braden schüttelte den Kopf. „Tut mir leid, Mister Galetti. Ich bin in der glücklichen Lage, mir meine Klienten und Aufträge wählen zu können. Ich habe nicht die Absicht, für Sie zu arbeiten.“

Galetti starrte Jack Braden in die Augen. Zwei, drei Sekunden. Jack erwiderte den Blick völlig ungezwungen. Galetti schob die wulstige Unterlippe nach vorn.

„Sie scheinen es darauf anzulegen, mich zu beleidigen.“

„Ich bin lediglich bemüht, meinen Standpunkt klarzumachen“, sagte Jack.

„Ich kann nicht finden, dass dieser Standpunkt Anerkennung verdient“, meinte Galetti. „Im Gegenteil. Ich halte ihn für dumm und kurzsichtig. Ich bin ein sehr zahlungskräftiger Kunde. Wenn Sie bereit sind, meinen Auftrag zu akzeptieren, und wenn Sie das Können unter Beweis stellen, das man Ihnen nachrühmt, mache ich Sie zu einem reichen Mann.“

„Reichtum ist eine feine Sache“, erklärte Jack Braden. „Aber er würde mir keinen Spaß machen, wenn ich wüsste, wo seine Quellen liegen. Mit anderen Worten: Für mich ist Geld nicht gleich Geld. Ich muss die Überzeugung haben, dass meine Klienten es redlich verdient haben.“

Galetti verdrehte die Augen. „Ach, du lieber Himmel“, seufzte er. „Sind Sie noch zu retten? Jede verdammte Dollarnote, die durch Ihre schlanken, gepflegten Finger geht, hat eine Geschichte – eine Geschichte von Leid, Not, Blut und Tränen, eine Geschichte von Arbeit, Entbehrungen oder einfachem Betrug. Wenn Sie anfangen wollen, das Geldverdienen durch Ihre moralischen Bedenken zu filtern, rate ich Ihnen, auf eine einsame Insel zu ziehen und sich dort von Kokosnüssen und Wasser zu ernähren. Hier in New York, in der Realität des Lebens, ist für Einwände Ihrer Art kein Platz. Im Übrigen möchte ich wissen, was denn wohl wichtiger ist – mein Geld und meine Person oder das Leben eines jungen, unschuldigen Menschen.“

„Was soll das heißen?“, fragte Jack Braden und hob das Kinn.

„Es geht um Tod oder Leben, Mister Braden“, sagte Galetti, jedes Wort betonend. „Dafür sind Sie doch wohl zuständig – oder?“

„In erster Linie die Polizei“, erklärte Jack Braden.

Galetti lächelte dünn. „Sie werden verstehen, dass ich wenig Neigung verspüre, mich diesen Herren anzuvertrauen. Man schätzt mich nicht in diesen Kreisen. Man sieht in mir eine Hyäne, die es zu erlegen gilt.“

„Sie wissen, dass ich ähnlich denke“, unterbrach Jack Braden ruhig.

Galetti atmete laut durch die Nase. Dann sagte er scharf: „Es geht nicht um mich, Mister Braden. Es geht um ein junges Mädchen. Es schwebt in tödlicher Gefahr.“

„Wer ist dieses Mädchen?“

„Langsam. Sind Sie bereit, den Auftrag zu akzeptieren? Erst dann kann ich Ihnen Details nennen.“

„Sie mögen gewohnt sein, Bedingungen zu stellen. Hier müssen Sie sich wohl oder übel den Spielregeln unterwerfen, die in diesem Office gelten.“

„Okay, ich bin bereit dazu. Allerdings muss ich Sie ersuchen, absolute Diskretion zu wahren – auch dann, wenn wir uns nicht einigen sollten.“

„Diskretion ist die Grundlage meiner Arbeit. Sie können freilich nicht verlangen, dass ich mit dieser Diskretion gegen die Gesetze von Recht und Ethik verstoße. Deutlicher ausgedrückt: Ich wünsche nicht, zum Mitwisser eines Verbrechens gemacht zu werden, das von Ihnen oder einem Ihrer Leute begangen wurde und in den Kompetenzbereich der Polizei fällt.“

„In dieser Hinsicht kann ich Sie beruhigen“, meinte Galetti. „Es ist nichts dergleichen.“

„Okay, kommen wir zur Sache.“

„Man hat Pamela entführt.“

„Wer ist Pamela?“

„Meine Tochter.“

Jack Braden hob die Augenbrauen. „Sie sind verheiratet?“

„Nein. Aber das schließt nicht aus, dass ich eine Tochter habe, nicht wahr?“

„Ich wusste nicht, dass …“

Galetti unterbrach. „Es gibt nicht viele, denen bekannt ist, dass ich eine Tochter habe“, erklärte er barsch. „Ich hatte gute Gründe, diese Tatsache zu verschweigen. Ein Mann meines Einflusses hat Feinde. Todfeinde. Ich wollte Pamela nicht der Gefahr eines Kidnapping aussetzen, ich wollte meinen Gegnern nicht die Möglichkeit bieten, mich auf diese Weise zu erpressen.“

„Wie alt ist Pamela jetzt?“

„Einundzwanzig.“

„Lebt die Mutter noch?“

„Ja.“

„Wo?“

„In Chicago.“

„Wie kommt es, dass die Tochter Ihnen zugesprochen wurde?“

Galetti grinste. Sein Grinsen wirkte zum ersten Mal schmutzig.

„Ich nehme an, dass ich die besseren Beziehungen hatte – den geschickteren Anwalt und die größeren finanziellen Möglichkeiten. Ich war damals, um offen zu sein, nicht gerade fair zu der Mutter. Ich wollte das Kind haben. Um jeden Preis. Und ich bekam es. Ich weiß, wie Sie darüber urteilen. Aber ich kann Ihnen versichern, dass es für Pamela das Richtige war. Pamelas Mutter ist eine Trinkerin, eine völlig haltlose Person, die in einer Umgebung lebt, die mir persönlich Übelkeit verursacht. Soll ich Ihnen die Wahrheit sagen?“

„Etwas anderes interessiert mich nicht.“

„Pamelas Mutter verkauft sich an jeden, der sie noch haben will. Hätte ich dulden sollen, dass Pamela in dieser Atmosphäre groß wird? Nein, mein Lieber – ich habe damals das einzig Vertretbare getan, verlassen Sie sich darauf! Pamela hat alles bekommen, was sich ein Mädchen erträumen kann …“

„Ausgenommen Mutterliebe“, warf Jack Braden ein.

„Mutterliebe!“, schnarrte Galetti. „Diese alberne Phrase macht mich krank.“

„Wo hat Pamela zuletzt gelebt?“

„In der Schweiz“, erwiderte Galetti. „Dort ist sie zur Schule gegangen, und dort fühlte sie sich am wohlsten.“

„Sie wurde in der Schweiz entführt?“

„Ja, in Genf. Pamela besitzt in der Altstadt einen Antiquitätenladen, ein Geschäft, das mehr kostet, als es einbringt – aber Pamela hat nun mal ein Faible für alte, verstaubte Klamotten, und da ich es mir leisten kann, ihr dieses Steckenpferd zu gönnen, habe ich nichts dagegen, dass sie sich auf diese Weise zu beschäftigen versucht.“

„Wann ist sie verschwunden?“

„Vermutlich vor drei Tagen – am letzten Wochenende.“

„Wie haben Sie erfahren, dass Pamela entführt wurde?“

„Durch einen Ihrer Kollegen. Sein Name ist Croix. Jean Croix. Er ist ein bekannter Genfer Privatdetektiv.“

„Er arbeitet für Sie?“

„Ganz recht. Er hatte den Auftrag, mir regelmäßig Berichte über Pamela zu senden – über ihr Befinden, ihre Freunde, ihre Vergnügungen, kurzum, über das Leben, das sie führte.“

„Sie haben Ihre Tochter bespitzeln lassen?“, fragte Jack Braden ruhig.

Galetti verzog die Lippen. Sein linkes Auge erschien inmitten der violetten Narben heller und schärfer als das rechte.

„Aber Mister Braden!“, sagte er spöttisch-vorwurfsvoll. „Wie können Sie die Tätigkeit eines Privatdetektivs nur so abwertend klassifizieren? Croix ist ein tüchtiger Mann. Ich schätze seine Berichte sehr. Sie sagten mir mehr über Pamelas Leben als die Briefe, die ich von ihr empfing und die – wie ich festzustellen bedaure – immer ein wenig oberflächlich und lieblos klingen.“

„Wie erklärt es sich, dass Sie sich jetzt an mich wenden und nicht an Croix? Er ist in Genf zu Hause, er kennt Ihre Tochter und die Umgebung, in der sie lebte.“

„Tja, mein Lieber, wie soll ich Ihnen das klarmachen? Croix ist ein guter Spürhund, ein Beobachter mit Blick für das Wesentliche. Er liefert brauchbare Berichte, das muss ihm der Neid lassen. Aber ich bezweifle, dass er die Fähigkeit hat, mit einem Fall dieser Tragweite fertigzuwerden. Ich liebe Pamela. Um sie zu retten, muss ich die besten Leute einsetzen, deren ich habhaft werden kann. Ich habe lange herumgefragt, um zu hören, wer heute als tüchtigster Detektiv der Branche gilt – fast ausnahmslos wurde mir dabei Ihr Name genannt. Deshalb bin ich hier. Pamela ist meine Tochter. Ich fühle mich für sie verantwortlich. Als Vater und als Mensch. Das mag Ihnen – aus meinem Mund – ein wenig unglaubwürdig und sogar grotesk erscheinen, aber es ist die Wahrheit. Ich hoffe, Sie verstehen mich jetzt ein wenig besser. Selbst wenn Sie mich und meine Art des Geldverdienens verachten, sollte Sie das nicht davon abhalten, Pamela zu helfen.“

„Keine Einwände“, sagte Jack Braden. „Weiß Ihre Tochter, wie die Quellen Ihres Einkommens beschaffen sind?“

Galetti lächelte. „Im Laufe der Jahre bin ich Eigentümer einer Reihe durchaus seriös geführter Firmen geworden. Pamela glaubt, dass diese Unternehmen die Grundlage meines Reichtums bilden.“

„Sie hat nie von dem Ruf gehört, der Ihnen vorauseilt?“

Galetti zuckte die Schultern. „Eine Tochter ist stets geneigt, den Vater zu verteidigen und gegen üble Verleumdungen in Schutz zu nehmen“, meinte er. „Genf ist von New York weit entfernt. Wer weiß dort schon, wer Lester Galetti ist? Als ich Pamela ins Internat schickte, schlug ich zwei Fliegen mit einer Klappe. Ich ließ ihr die anerkannt beste Erziehung zuteil werden. Gleichzeitig vermied ich es, sie Gerüchten und Nachrichten auszusetzen, die sich in negativer Art auf meine Person bezogen. “

„Wie oft trafen Sie Ihre Tochter?“

„Dreimal im Jahr. Wir verbrachten die Ferien zusammen, meistens in Europa.“

„Pamela kam nie nach Amerika?“

„O doch – sie war erst vor drei Monaten hier. Insgesamt vier Wochen. Es war eine prächtige Zeit.“

„Ist sie jemals mit ihrer Mutter zusammengekommen? “

„Ja“, sagte Galetti. Es schien so, als sei er plötzlich auf der Hut vor einer Gefahr, die ihm missfiel.

„Wann?“

„Vor zwei Jahren.“

„Auf wessen Wunsch kam das Zusammentreffen zustande?“

„Pamela bestand darauf, endlich ihre Mutter kennenzulernen. Ich versuchte, sie davon abzubringen, aber sie wollte nichts davon hören.“ Er lächelte matt. „Dann wurde mir auf einmal klar, dass sich damit die Möglichkeit bot, ein unangenehmes Thema brillant zu lösen. Wenn Pamela sah, wer ihre Mutter ist und wie sie lebt, würde sie, so folgerte ich, nie wieder den Wunsch verspüren, mit dieser Frau zusammenzutreffen.“

„Erwiesen sich Ihre Überlegungen als richtig?“

„Ich glaube, die Frage bejahen zu können. Diese Frau war und ist für Pamela eine Fremde – dazu eine mit all jenen Eigenschaften, die Pamela hasst. Pamela ist sauber. Pamelas Mutter starrte vor Schmutz! Pamela ist offen. Pamelas Mutter ist scharfzüngig und verschlagen.“ Er grinste. „Es war ein heilsamer Besuch, das dürfen Sie mir glauben.“

„Hat Pamela versucht, mit ihrer Mutter in Briefwechsel zu treten?“

Galetti sah erstaunt aus. „Ich hoffe nicht!“

„Sie wissen es nicht genau?“

„Nein, wie sollte ich? Croix hat mir jedenfalls nichts davon berichtet.“

„Croix kann nicht alles wissen.“

„Bei Gott nicht!“, sagte Galetti grimmig. „Er hätte sonst die Entführung vereitelt. Aber warum stellen Sie immer wieder Fragen, die sich auf Pamelas Mutter beziehen? Glauben Sie, dass sie sich dahinter verbergen könnte? Ausgeschlossen! Diese Frau hat weder Mumm noch Phantasie; sie wäre außerstande, eine solche Sache in Szene zu setzen – ganz davon zu schweigen, dass ihr die Mittel fehlen, um ein solches Unternehmen zu finanzieren.“

„Ihre Tochter ist verschwunden“, sagte Jack Braden zusammenfassend. „Sie ist einundzwanzig Jahre alt. Welche Hinweise gibt es für die Behauptung, dass es sich bei dem Verschwinden tatsächlich um eine Entführung handelt? Wenn heutzutage ein junges Mädchen ein paar Tage der eigenen Wohnung fernbleibt, steckt im Allgemeinen die Liebe und ein junger Mann dahinter.“

„Diese Feststellung habe ich erwartet“, meinte Galetti nickend. „Es liegt auf der Hand, an etwas Derartiges zu denken. Pamela ist schließlich schön. Sehr schön sogar! Ich finde, dass sie eine gewisse Ähnlichkeit mit Ihrer Sekretärin aufweist. Nun, Croix hat jedenfalls Beweise dafür gefunden, dass wir eine Gewalttat in Betracht ziehen müssen.“

„Wie sehen diese Beweise aus?“

„Düster. Die Wohnung befand sich in großer Unordnung. Es war, wie Croix schreibt, keine Unordnung, wie sie ein Mann oder eine Frau verursachen, die etwas suchen. Es war die Unordnung, die durch ein Handgemenge, durch Angriff und Widerstand entstehen – umgestürzte Stühle und dergleichen. Und Blut …“

„Blut?“

„Eine ganze Menge davon“, sagte Galetti und zog die buschigen Augenbrauen zusammen. „Croix fand es auf dem dicken weißen Schafwollteppich. Er sagte, es gehört zur Gruppe A. Nachforschungen in einem Krankenhaus, wo Pamela einmal behandelt wurde, haben ergeben, dass Pamela die gleiche Blutgruppe hat. Es ist folglich anzunehmen, dass der Entführer meine Tochter in dem Handgemenge ernstlich verletzte.“

„Hm“, machte Jack Braden.

Galetti lehnte sich zurück. Er legte ein Bein über das andere. Der Hosenstoff spannte sich über den kurzen, muskulösen Oberschenkeln.

„Noch eines untermauert Croix‘ Theorie von einer Entführung“, sagte er. „Es wurde nichts gestohlen. Der Schmuck ist noch da, er lag unberührt in der Schatulle. Und in Pamelas Handtasche, die sich in der Diele befand, waren dreihundert Franken.“

„Der oder die Entführer haben sich bisher nicht gemeldet?“

„Nein.“

„Croix hat keine Anzeige erstattet?“

„Ich habe ihm strikt verboten, die Polizei ins Gespräch zu ziehen.“

„Gibt es irgendwelche Spuren, die erkennen lassen, wohin das Mädchen gebracht wurde?“

„Croix zufolge liegen keinerlei Anhaltspunkte für weitergehende Kombinationen vor.“

„Ein bisschen mager, das Ganze.“

„Mager? Ich kann Ihnen versichern, dass mir die Geschichte wie ein Bleiklumpen im Magen liegt. Croix versichert, dass es eine Entführung sei, aber …“

„Aber?“

Galetti starrte Jack Braden in die Augen. „Es kann ebenso gut etwas viel Schlimmeres sein. Mord zum Beispiel. Ich wage nicht, daran zu denken; andererseits bin ich kein Mann, der den Kopf in den Sand steckt. Nur wenn wir den Mut finden, uns mit den Tatsachen auseinanderzusetzen, haben wir eine Chance, das Verbrechen aufzuklären.“

„Warum hätte man Pamela ermorden sollen?“

„Ich weiß es nicht. Croix behauptet, dass sie keine Feinde hatte und dass sie beliebt gewesen sei. Aber was sagt das schon? Vielleicht wurde sie von einem Mann begehrt, den sie zurückwies. Möglicherweise handelt es sich bei der angenommenen Tat um einen Fall von Eifersucht oder verschmähter Liebe. Es gibt in diesem Zusammenhang tausend Überlegungen, denen man nachgehen kann und muss. Sie sind geschulter Kriminalist. Sie sind nicht, wie ich, von subjektiven Regungen beeinflusst. Sie wissen jetzt, worum es geht. Pamela ist verschwunden. Entführt, wie Croix sagt. Ich will entweder meine Tochter zurückhaben – oder ich möchte sicher sein, dass derjenige, der sie tötete, seine gerechte Strafe erhält.“

„Was verstehen Sie unter gerechter Strafe?“, fragte Jack Braden.

„Das überlassen Sie nur mir …“

„Sie können nicht erwarten, dass ich einen Täter aufspüre, um ihn Ihrer Selbstjustiz auszuliefern.“

„Meinetwegen können Sie ihn der Polizei übergeben und damit der eigenen Verantwortung entziehen. Aber erwarten Sie nicht, dass ich den Burschen ungeschoren davonkommen lassen werde! In diesem Punkt ist mit mir nicht zu handeln. Der Mann, der es gewagt hat, meine Tochter zu entführen, zu verletzen oder gar zu töten, wird seine Strafe erhalten – aus meinen Händen, das schwöre ich Ihnen!“ Er stieß die Luft aus. „Aber das braucht Sie nicht zu beunruhigen. Wie schon, gesagt – ich habe nichts dagegen, dass Sie ihn der Polizei ausliefern, es sei denn, dass sich ganz besondere, im Augenblick nicht übersehbare Umstände ergeben.“

Jack Braden spitzte die Lippen. Er dachte nach. Der Fall reizte ihn, aber der Auftraggeber stieß ihn ab. Galetti schien zu fühlen, was in dem Privatdetektiv vorging.

„Denken Sie an Pamela“, sagte er im beschwörenden Ton. „Wollen Sie sie für das verantwortlich machen, was Sie mir vorwerfen?“

„Natürlich nicht – aber ich kann nicht einsehen, weshalb ausgerechnet ich dafür geeignet sein soll, den Fall zu bearbeiten. Weshalb wollen Sie auf den Apparat von Interpol verzichten? Diese Leute haben Möglichkeiten, von denen ich nur träumen kann …“

„Zum Teufel mit Interpol. Ich wünsche eine individuelle Behandlung des Falles. Ich muss die Gewissheit haben, dass sich ein eminent tüchtiger Bursche mit allen Fasern seines Herzens und mit der Brillanz seines Hirns für die Sache einsetzt. Bei Interpol wäre der Fall Pamela einer von tausend.“ Er holte tief Luft und meinte dann: „Ich biete Ihnen neben den üblichen Honorar und Spesenzahlungen eine Sonderprämie von zehntausend Dollar und weitere zwanzigtausend, wenn es Ihnen gelingt, den Fall zu lösen.“

„Ich nehme an – aber unter Verzicht auf sogenannte Sonderprämien“, sagte Jack Braden. „Mir genügt es, wenn Sie die üblichen Zahlungen leisten. Ihnen ist klar, dass ich mit der Ermittlungsarbeit in der Schweiz beginnen muss?“

„Fliegen Sie meinetwegen zum Nordpol“, sagte Galetti grimmig. „Geld spielt keine Rolle. Mir ist es egal, wie und wo Sie anfangen. Von Bedeutung ist für mich nur eins – Pamelas Schicksal! Ich lege es in Ihre Hand.“

„Haben Sie ein Bild von ihr bei sich?“

Galetti nickte. Er entnahm seiner Brieftasche ein Foto in Postkartengröße und überreichte es Jack. Der hatte Mühe, sein Erstaunen zu verbergen. Er hatte sich von Galettis Tochter eine bestimmte Vorstellung gemacht; er hatte dabei Galettis gedrungene Gestalt und seine keineswegs feinen Züge zugrunde gelegt. Wenn das Bild nicht trog, hatte er sich gründlich geirrt.

Das Foto zeigte den Kopf eines ungewöhnlich schönen Mädchens mit großen Augen und dunkelblondem Haar. Die schmalen Nasenflügel, der Schwung der Augenbrauen, die Form des Mundes und die Haltung des Kopfes bildeten eine Einheit. Pamela Galetti war ohne Zweifel eine Schönheit. Allerdings war auf dem Bild nur der Kopf zu sehen, deshalb fühlte sich der Vater verpflichtet, Jack Braden mitzuteilen: „Sie ist etwas über mittelgroß und von gazellenhafter Schlankheit – zu schlank für meinen Geschmack. Aber sie ist gesund.“ Seine Stimme sank zu einem kaum hörbaren Murmeln herab: „Jedenfalls hoffe ich das …“ Dann hob er mit einem Ruck das Kinn. „Wie gefällt sie Ihnen?“

„Sie ist schön“, sagte Jack Braden und legte das Foto aus der Hand.

„Sie können das Bild bis zum Abschluss Ihrer Ermittlungsarbeiten behalten.“

„Okay. Ich brauche schnellstens die Berichte, die Croix an Sie gesandt hat.“

„Tut mir leid, die habe ich nicht mehr.“

„Sie haben sie nicht aufgehoben?“

„Nein. Schließlich stand nichts Weltbewegendes drin. Ein paar Beschreibungen, ein paar Namen …“

„Unter diesen Namen kann sich derjenige befinden, den wir suchen.“

„Ich weiß. Aber was hilft‘s? Ich habe die Berichte nach dem Studium vernichtet.“ Er grinste matt. „Es ist meine Angewohnheit, an mich adressierte Briefe nach dem Lesen zu verbrennen. Sie können sich den Grund gewiss denken. Briefe werden leicht zu einer Gefahr, wenn sie in die falschen Hände geraten. Ein Mann in meiner Stellung muss an alles denken.“

„Bleiben wir bei Pamela. Hat sie einen festen Freund?“

„Croix schreibt, dass sie häufig mit einem Mann namens Messenger verkehrte. David Messenger ist der Sohn eines Genfer Industriellen – ein in der Schweiz nicht unbekannter Tennisspieler, der schon wiederholt im Aufgebot der Nationalmannschaft gestanden hat.“

„Hat Croix nach der Entführung versucht, mit diesem Messenger Verbindung aufzunehmen?“

„Ja, er hat mit David telefoniert. David behauptete im Verlauf des Gespräches, Pamela eine Woche lang nicht gesehen zu haben.“

„Wie hat Croix seinen Anruf motiviert?“

„Das weiß ich nicht. Er ist Detektiv. Ihm wird schon etwas eingefallen sein.“

„Halten Sie es für möglich, dass das Verschwinden von Pamela ein Coup ist, der sich nicht gegen das Mädchen, sondern gegen Sie richtet?“

Galetti seufzte. „Ich habe darüber nachgedacht. Wie ich bereits sagte, habe ich viele Feinde. Wenn diese Feinde wissen, dass ich verwundbar bin, werden sie nicht zögern, meine schwache Stelle anzugreifen. Pamela ist eine solche schwache Stelle. Aber niemand wusste etwas von ihr! Außerdem lebte sie in Europa, deshalb fällt es mir schwer, in Verbindung mit Pamelas Entführung an eine gegen mich gerichtete Aktion zu glauben.“

„Sie behaupten, Pamela zu lieben. Wie ist es unter diesem Umstand möglich, dass Sie auf ein Zusammenleben mit Ihrer Tochter verzichten und ihr stattdessen erlauben, in Europa zu wohnen?“

„Das hat sich so ergeben“, meinte Galetti. „Sie dürfen nicht glauben, dass ich darüber glücklich bin. Andererseits hat die jetzige Lösung unbestreitbare Vorteile. Meine Geschäfte sind nicht immer – äh – publikationsreif, und Pamela, die einen hellen Kopf hat, würde hier in New York rasch merken, aus welchem Holz ihr Vater geschnitzt ist. Ein Mädchen, das schöne Dinge liebt und sensibel ist, müsste darunter leiden – und diesen Schock möchte ich ihr ersparen. Ich trage mich seit langem mit der Absicht, meine Geschäfte in andere Hände zu legen und zu Pamela in die Schweiz zu ziehen. Das kann ich mir leisten. Aber es ist nicht ganz leicht, einen würdigen und zugleich fähigen Nachfolger zu finden.“

„Sie haben also nicht den Mut, Pamela die Wahrheit über Ihr Leben zu sagen. Sie ziehen es vor, die Komödie des vermögenden, weltoffenen und überaus toleranten Vaters zu spielen. Fühlen Sie sich wohl dabei?“

„Lassen wir mich und meine Gefühle aus dem Spiel“, sagte Galetti mit leiser Schärfe. „Ich bin nicht zu Ihnen gekommen, um Fragen zu beantworten, die sich auf meine Intimsphäre beziehen. Sie sind schließlich nicht mein Psychiater! Sie sind Detektiv – ein sehr guter, wie man mir versicherte. Beweisen Sie, dass diese Versicherungen stimmen. Retten Sie Pamela!“

 

 

2

Jack Braden begann mit der Bearbeitung des Falles nicht in der Schweiz. Er startete den Job in Chicago mit einem Besuch bei Sally Donegan.

Sally Donegan war Pamelas Mutter.

Sie wohnte in der West Ontario Street, unweit des Chicago River, im neunten Stockwerk eines ziemlich heruntergekommen aussehenden Hauses.

Nach den Schilderungen, die Galetti von Pamelas Mutter gegeben hatte, erwartete Jack Braden eine Frau und eine Wohnung vorzufinden, die dem Verfall des Hauses in nichts nachstanden.

Es war morgens gegen elf Uhr, als er an Sally Donegans Tür klingelte. Er musste einige Sekunden warten, dann wurde die Tür geöffnet. Von einem Mann. Der Mann war etwa vierzig Jahre alt; er war nicht rasiert und nur mit Hose und Hemd bekleidet.

„Was wollen Sie?“, fragte er barsch.

„Mein Name ist Braden. Ich möchte zu Miss Donegan.“

„Ist nicht zu sprechen“, sagte der Mann und traf Anstalten, die Tür zu schließen.

Jack Braden stellte rasch den Fuß dazwischen.

„Sie haben wohl Sand im Getriebe?“, schnauzte der Mann. „Was soll das heißen?“

Jack Braden lächelte. „Ich möchte zu Miss Donegan“, wiederholte er freundlich.

Der Mann stülpte die Unterlippe nach außen. Er schien zu überlegen, wie er sich des unerwünschten Besuchers entledigen konnte. Ihm fiel nichts besseres ein, als seine Faust zur Hilfe zu nehmen. Er knallte Jack die Rechte gegen die Brust.

Jack Braden hob verwundert die Augenbrauen. Der Mann betrachtete seine Faust. Er war verwirrt. Offenbar suchte er nach einer Erklärung für den Umstand, dass diese Faust trotz der Wucht, mit der sie abgeschossen worden war, nicht die geringste Wirkung ausgelöst hatte.

„Nun?“, fragte Jack Braden. Er wich nicht einen Zentimeter zurück.

Der Mann holte tief Luft.

Er hatte ein grobschlächtiges brutales Gesicht mit nahe beieinanderstehenden kleinen Augen. Er war ungefähr so groß wie Jack Braden. Sein muskulöser Körper mit dem kurzen gedrungenen Hals verriet, dass er gewohnt war, der eigenen Kraft zu vertrauen. Er baute auch diesmal darauf und feuerte einen zweiten Schlag ab, entschlossen, seine Faust zur vollen Entfaltung kommen zu lassen.

Der Schwinger zielte auf Jack Bradens Kinn.

Jack Braden duckte sich ab.

Seine Beinarbeit war dabei durch den Umstand gehandicapt, dass er einen Fuß stehen lassen musste. Diesem Übel war es zuzuschreiben, dass er der Faust seines Gegners nur ungenügend entging; sie streifte hart und heiß seinen Kopf.

Jack Braden hielt es für angezeigt, einen Konterschlag zu servieren.

Es war ein kurzer, trockener Haken, knallhart und von jener Präzision, die seine Schläge für all jene indiskutabel machte, die das Pech hatten, mit ihnen bekannt gemacht zu werden.

Die Augen des Mannes traten nach vorn. Es schien, als hätten sie die Absicht, ihre volle Rundung zu präsentieren. Sein Kinn klappte nach unten; man hatte meinen können, die Kinnlade sei an einem gut funktionierenden Scharnier befestigt.

Gleichzeitig sackte er in den Knien ein wenig zusammen, aber wirklich nur ein wenig, dann hatte er sich wieder in der Gewalt. Es unterlag keinem Zweifel, dass seine Nehmerqualitäten ein Sonderlob verdienten.

Immerhin schien er gewarnt.

Er verzichtete darauf, zurückzuschlagen. Mit der rechten Hand massierte er das Kinn. Die Art, wie er den Besucher dabei ansah, ließ vermuten, dass seine Stimmung sich keineswegs gebessert hatte. Im Gegenteil. Er war stocksauer.

„Ich habe das Gefühl, Sie müssen sich mal die Ohren durchpusten lassen“, murmelte er. „Sally ist nicht zu sprechen. Soll ich‘s Ihnen aufschreiben?“

„Nicht nötig“, meinte Jack Braden.

„Nehmen Sie den Fuß zurück!“

„Ich denke nicht daran. Ich trage mich mit der Absicht, auch den zweiten Fuß in den Flur zu stellen. Sie werden mich nicht daran hindern, mein Freund. Ich bin nicht von New York nach hier gekommen, um mich in dieser Weise abfertigen zu lassen. Wie kommt es, dass Miss Donegan nicht zu sprechen ist? Ist sie krank, oder hat sie schlecht geschlafen?“

„Sie ist nicht zu Hause.“

„Tatsächlich? Davon möchte ich mich überzeugen.“

„Bei Ihnen klappern wohl ein paar Dachziegel? Ich kann doch keinen wildfremden Mann in Sallys Wohnung lassen!“

„Sind Sie mit ihr verheiratet?“

„Wer und was ich bin, darf Sie nicht interessieren!“

„Es interessiert mich aber“, sagte Jack Braden milde.

„Was wollen Sie von Sally?“

„Das sage ich ihr am besten selber.“

„Sie sind unverschämt!“

„Ihre Zurechtweisung bricht mir das Herz.“

„Noch ein Wort, und ich breche Ihnen das Genick!“

„Sie sehen so aus, als ob Sie meinten, was Sie sagen.“

„Dafür bin ich bekannt.“

„Treten Sie endlich zur Seite!“

Der Mann ließ die Schultern hängen. „Also gut“, murmelte er. „Auf Ihre Verantwortung!“

Er gab den Weg ins Innere der Wohnung frei.

Die Diele war klein, schmal und dunkel. Es roch noch Kohl. Die Tür zum Wohnzimmer stand halb offen. Der Mann schob sie mit der Fußspitze zurück.

Das Wohnzimmer war leidlich modern eingerichtet – mit billigen, aber hübschen Möbelstücken. Die Drucke an den Wänden waren von guter Qualität; die meisten zeigten bekannte Motive französischer Neoimpressionisten.

Auf der Couch lag eine Frau.

Sie war mit langen, sehr knapp sitzenden Hosen und einer weißen Bluse bekleidet.

Die knallroten Hosen modellierten die langen schlanken Beine in auffälliger und wenig damenhafter Weise. Die Frau hatte den Kopf in einige Kissen vergraben.

Sie rührte sich nicht.

Details

Seiten
116
Jahr
2020
ISBN (eBook)
9783738946857
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2020 (November)
Schlagworte
jack braden thriller sprint verderben

Autor

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Titel: Ein Jack Braden Thriller #27: Sprint ins Verderben