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Der Curare-Mörder: N.Y.D. – New York Detectives

2020 125 Seiten

Leseprobe

Table of Contents

Der Curare-Mörder: N.Y.D. – New York Detectives

Copyright

Die Hauptpersonen des Romans:

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Der Curare-Mörder: N.Y.D. – New York Detectives

Krimi von A. F. Morland

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 125 Taschenbuchseiten.

 

Während einer Séance wird einer der teilnehmenden Männer – Jack Sperber, der Seifenfabrikant - ermordet. In seinem Gesicht steckt das gefiederte Ende eines kleinen, wohl vergifteten Bolzens. Schaudernd sieht der Schauspieler Teddy Edwards seine Gäste an, denn einer von ihnen ist ein eiskalter Mörder. Aber wer von ihnen ist es?

Bount Reiniger, der Privatdetektiv, übernimmt diesen Fall.

 

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

Alfred Bekker

© Roman by Author

© COVER STEVE MAYER

© dieser Ausgabe 2020 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

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Die Hauptpersonen des Romans:

Teddy Edwards - Auf seiner Jacht fand die mörderische Geisterparty statt.

Perry Guinness - Er hatte eine echte Macke — und eine fatale Idee.

Edwige Sperber - Das zarte Mädchen war nur noch ein Häufchen Trauer nach dem Tod ihres

Vaters.

Bruce Falk - Ihm war jedes Mittel recht, um nach oben zu kommen.

Bruno Canter - Der reiche Nichtstuer besuchte eine spiritistische Sitzung zu viel.

Hardy Caan - Sein Buch über spiritistische Sitzungen war schon als Bestseller programmiert, ehe

es geschrieben war.

June March - ist Bounts Assistentin und hilft ihm bei seinen Fällen.

Bount Reiniger - ist Privatdetektiv.

 

 

1

Knisternde Spannung füllte den Raum. Sieben Personen saßen um einen runden Tisch. Ihre Hände lagen auf dem feinporigen Holz. Es war so beklemmend still, dass man eine Stecknadel auf den Boden fallen gehört hätte. Kein Licht brannte. Das spärliche Schein des Halbmondes reichte nicht aus, um den Raum zu erhellen. Niemand hatte wirklich Angst vor den Geistern, die hier beschworen werden sollten, doch jeder in der Runde verspürte ein unangenehmes Kribbeln im Nacken.

Eine Séance!

Manche lachen darüber, andere zucken gleichgültig mit den Schultern, wenn davon gesprochen wird. Viele aber glauben daran, dass man über ein Medium mit dem Geist eines Verstorbenen in Verbindung treten kann.

Tischrücken! Ein Blödsinn? Unerklärliche, geisterhafte Realität? Der Trick eines gerissenen Scharlatans?

Mit angespannten Nerven saßen die sieben Menschen um jenen runden Tisch und warteten darauf, dass ein Geist in ihre Mitte treten würde. Einige von ihnen schauderten. Andere nagten ungeduldig an ihrer Unterlippe, während ihre Handflächen feucht auf dem Tisch lagen, während ihre Finger gespreizt waren und mit jenen des Nachbarn Kontakt hatten.

Plötzlich begann das Medium schneller zu atmen. Der Mann begann zu keuchen, als wäre er soeben mehrere hundert Meter gelaufen.

„Der Kreis!“, stöhnte er schaurig. „Er wird gestört! Einer von euch stört diesen Kreis! Ein böses Omen für diese Séance! Ich sollte sie abbrechen!“

Aber das Medium hatte nicht mehr die Kraft, die spiritistische Sitzung aufzulösen. Ein Beben durchlief seinen Körper.

„Er ist da!“, presste das Medium aufgeregt hervor. „Der Geist ist gekommen! Er befindet sich in unserer Mitte. Es ist ein gefährlicher Geist! O Gott, wir hätten ihn nicht beschwören dürfen! Tod! Tod! Er bringt uns den Tod!“

Die Séance-Teilnehmer schauderten. Und im selben Moment stieß einer von ihnen einen grauenvollen Schrei aus ...

„Licht!“, brüllte jemand. „Licht! Verdammt, warum macht denn keiner Licht!“

Mehrere Personen sprangen gleichzeitig auf. Panik füllte den Raum. Keuchen. Gepolter von Schritten. Körper prallten gegeneinander. Hysterie griff um sich wie ein gefährliches Lauffeuer. Eine quälende Ewigkeit verging, bis endlich jemand den Lichtschalter fand.

Der Tisch stand nicht mehr da, wo er gestanden hatte. Er war ratternd an die Wand geschoben worden. Einige Stühle lagen auf dem Boden. Ein Schlachtfeld ...

Verstört starrten sich die Männer an. Jeder sah sich fünf bleichen Gesichtern gegenüber.

Fünf! Wieso nur fünf? Wo war das sechste Gesicht? Wer hatte so grauenvoll geschrien?

Jack Sperber war es gewesen. Sperber, der Seifenfabrikant. Mit seiner Seife wusch sich der Präsident der Vereinigten Staaten die Hände. Er lag unter dem Tisch.

Ohnmächtig? Tot?

Perry Guinness, das Medium, beugte sich über den Reglosen.

„Was ist mit ihm?“, fragte Teddy Edwards nervös. Ihn ging die Sache am meisten an. Schließlich war die Séance auf seiner Jacht abgehalten worden.

Die anderen drängten sich neugierig näher.

„So rede doch endlich, Perry!“, keuchte Edwards.

Guiness richtete sich mit seltsam glasigen Augen auf. Kein Nerv regte sich in seinem harten Gesicht. Er schaute Edwards an und blickte gleichzeitig durch ihn hindurch.

„Ist er ...?“, begann Edwards eine Frage, die ihm im Hals steckenblieb. Guiness nickte mit verkniffenem Mund. „Herzschlag?“, fragte Edwards mit flatternden Nerven.

Daraufhin schüttelte Perry Guinness, das Medium, langsam den Kopf. Mit brüchiger Stimme sagte er es so laut, dass jeder im Raum es hören konnte: „Jack Sperber wurde ermordet.“

Edwards riss die Augen bestürzt auf.

„Mensch, bist du wahnsinnig? Weißt du, was du da sagst? Wie sollte er denn ermordet worden sein? Warum denn? Womit denn?“

Guinness wies mit dem Kinn auf den Toten.

„Sieh ihn dir an, dann weißt du, womit er ermordet wurde!“

Gehetzt stieß Teddy Edwards das Medium auf die Seite. Mit den Ellenbogen rempelte er auch die anderen zurück. Vor Sperber fiel er auf die Knie. Er kroch atemlos unter den Tisch. Das Gesicht des Toten war schrecklich verzerrt. Es musste ein schmerzvoller Tod gewesen sein, der ihn ereilt hatte. Sperbers Hände waren verkrampft, seine Augen waren weit aufgerissen und starrten die Unterseite des runden Tischs an. Etwas war in Sperbers Gesicht, das da nicht hineinpasste: das grün gefiederte Ende eines kleinen Bolzens. Das ließ nur einen einzigen Schluss zu: Einer der Anwesenden musste Sperber diesen offensichtlich vergifteten Bolzen ins Gesicht geschossen haben.

Schaudernd wandte sich Teddy Edwards um. Einer seiner Gäste war ein eiskalter Mörder. Einer von diesen fünf Männern. Aber welcher war es?

 

 

2

Im Autokino lief der neueste Film von Teddy Edwards: DIE TODESFAHRT DER GIANT. Ein perfekt gemachter Katastrophenfilm, in den das wiedererwachte Hollywood alles hineingepackt hatte, was eine renommierte Traumfabrik zu bieten hat. Herz, Schmerz, die Verhaltensweisen verschiedener Charaktere in einer Krisensituation. Die Produktion war ein echter Spitzenreiter auf dem hochschäumenden Kamm der Katastrophenwelle.

June March hatte ihn unbedingt sehen wollen, und da sie es hasste, allein ins Kino zu gehen, hatte sie bei ihrem Chef so lange gebohrt, bis er seufzend resigniert, den neuen 450 SEL aus der Tiefgarage geholt und an der Kasse des Autokinos letztlich zwei Karten gelöst hatte.

Nach zweieinhalb Stunden Angst und Schrecken sank der Ozeanriese in die unendliche Tiefe des Atlantiks. Edwards und eine Handvoll Menschen wurden knapp vor der tödlichen Erschöpfung geborgen. Natürlich war auch das Mädchen dabei, in das Edwards laut Drehbuch unsterblich verliebt war. Ende gut - alles gut. Ein Film, den man weiterempfehlen konnte.

Als die Schlussfanfaren kräftig schmetterten und die Kinostrahler aufflammten, wandte sich June an Bount und sagte mit leuchtenden Augen: „Und so einen Vollblutschauspieler kennen Sie persönlich, Bount. Zu dieser Bekanntschaft kann man Ihnen nur gratulieren.“

Reiniger winkte schmunzelnd ab.

„Umgekehrt, meine Liebe. Man sollte ihm zu meiner Bekanntschaft gratulieren.“

„Wissen Sie, was ein Minderwertigkeitskomplex ist?“, fragte June amüsiert.

„Wenn es etwas Unanständiges ist, dann hab ich’s bestimmt.“

Bount startete den Motor seines silbergrauen Mercedes.

Nachdem sie das Gelände des Autokinos verlassen hatten, fragte Bount: „Nehmen wir noch irgendwo einen Drink?“

„Ich habe einen arbeitsreichen Tag hinter mir ...“

„Also - nein.“

„Nicht böse sein, Bount.“

„Weshalb denn? Ich kann zwei Gläser ums selbe Geld kriegen, wenn ich allein ausgehe. Ist das ein Grund, böse zu sein?“

June meinte, es wäre besser, auch Bount würde sich nach Hause begeben. Sie sagte, sie meine es gut mit ihm. Er hätte in den letzten Nächten beunruhigend wenig geschlafen, und einmal müsse auch sein widerstandsfähiger Körper Ruhe haben.

Manchmal war sie richtig fürsorglich, die kleine Detektiv-Volontärin aus Minneapolis, Minnesota. Ihre Ambitionen hatten Bount schon einige Male auf die Palme getrieben. Trotzdem war er froh, dass er June, den hübschen blonden Elke-Sommer-Typ, zu seiner Sekretärin gemacht hatte. Sie war ihm eine große Hilfe. Und wenn der Tag mal verflucht trist und grau war, dann genügte ein Blick in Junes hübsches Dekolleté, um an der Welt nicht vollends zu verzweifeln.

Sie besaß ein kleines Apartment in einem Apartmenthaus in der 123rd Street. Vor dem Haus setzte Bount sie ab.

„Vielen Dank dafür, dass Sie sich breitschlagen ließen und mit mir ins Kino fuhren, Chef“, sagte June, als sie bereits auf dem Gehsteig stand.

„Ich habe nichts zu bereuen. Der Film war gut. Die Gesellschaft, in der ich mich befand, war angenehm ...“

„Könnten Sie es nicht mal arrangieren, dass ich mit Teddy Edwards zusammenkomme? Ich würde ihn schrecklich gern kennenlernen.“

Bount lachte.

„Holla! Ihre Augen leuchten ja wie die eines verliebten Teenagers. Ich werde mich hüten, Sie an Teddy heranzuführen.“

„Ich würde mich nur mal gern mit ihm unterhalten.“

„Teddy ist ein gefürchteter Salonlöwe. Ich bin ehrlich froh, dass ich Sie habe, June. Ich möchte nicht, dass Sie mir kündigen und in seine Dienste treten.“

„Sie wissen, dass ich das niemals tun würde, Bount. Ich möchte Detektivin werden.“

Reiniger seufzte: „Na, mal sehen, was ich bei Teddy Edwards für Sie tun kann.“

„Schlafen Sie gut, Chef!“

„Sie auch. Und vor allem schnell. Denn die Nacht ist bald um. Wer weiß, was für Gräuel uns der kommende Morgen beschert.“

„Vielleicht ist ausnahmsweise mal nichts zu tun. Dann könnten Sie mir von Teddy Edwards erzählen.“

„Mädchen, wenn Sie jetzt nicht rasch machen, dass Sie nach Hause kommen, werde ich eifersüchtig wie Bruder Othello“, lachte Bount. June klopfte aufs Wagendach und ging mit schaukelnden Hüften auf das Haustor zu. Sie schloss die Tür auf, winkte noch einmal kurz und war dann verschwunden.

Bount schüttelte gespielt brummig den Kopf.

„So was! Teddy Edwards hat es ihr angetan! Der hat ja bloß Glück, dass ich nicht zum Film gegangen bin, sondern Privatdetektiv wurde, sonst würde er nämlich heute noch neben mir die Chargenrollen spielen.“ Reiniger knüppelte den Gang hinein, und fuhr nach Hause. Das war im Herzen Manhattans: 7th Avenue Nr. 1133, Ecke 54th Street West. Bis zum Broadway, der schräg parallel die 7th Avenue schneidet, war es nur einen Häuserblock weit, bis zum Central Park - nach Norden - waren es sieben Querstraßen.

Bount steuerte den Mercedes in die Tiefgarage hinunter und fuhr dann mit dem Lift zur 14. Etage hoch. Er betrat den Vorraum seines Büro-Apartments. Es war das Empfangszimmer, in dem June March tagsüber saß. Nach Betriebsschluss hörte sich der automatische Anrufbeantworter die Sorgen der Anrufer an.

Wenn das Büro auch nicht besetzt war - man konnte 7743321 anrufen und auf Band deponieren, wo einen der Schuh drückte. Bount hörte sich die Anrufe an, sobald er nach Hause kam. Auch diesmal ging er nicht sofort in seine Junggesellenbude weiter, sondern setzte sich an Junes Schreibtisch, schob sich den Hut ins Genick, steckte sich eine Chesterfield an, legte die Füße auf die Platte und gab dem Wiedergabeknopf eins auf den Kopf. Der Apparat begann summend abzuspulen, was während Bounts Abwesenheit hereingekommen war.

Ein Anruf von einem ehemaligen Klienten, der Bount noch so viel Geld schuldete, dass es für eine Klage beim Zivilgericht gereicht hätte ...

Ein Anruf von einer hysterischen Millionärin, deren um zwanzig Jahre jüngerer Mann schon wieder einmal - zum vierten Mal nun schon - durchgebrannt war, weil er die schrecklichen Marotten der alten Ziege einfach nicht ertragen konnte. Bount hatte den Ärmsten dreimal zurückgeholt und hatte jedes Mal Mitleid mit ihm gehabt. Die Frau wollte, dass Bount den Schönling ein viertes Mal gegen fettes Honorar an ihren ebenso fetten Busen zurückschaffen sollte. Und Bount wusste genau, wo er den Unglücklichen finden würde. Das Ganze war schon zur Farce geworden. Bount brauchte sich nur noch in den Wagen zu setzen, zur Schwester des Jungen zu fahren, dem Mann ins Gewissen zu reden, sich anzuhören, weswegen er diesmal abgehauen war, ihn zu überreden, mit ihm zu kommen - und ein Scheck über zehntausend Dollar war bereits wieder sein Eigen. Des einen Freud, des anderen Leid! Was tut der Mensch nicht alles für Geld. Bount entschuldigte sein Handeln vor sich selbst mit der Ausrede, der Junge hätte vor der Heirat wissen müssen, in was er sich damit hineinmanövrierte ...

Der nächste Anrufer war Wilkie Lenning, ein zweiundzwanzigjähriger Junge, hervorragender Gitarrespieler mit wechselnden Engagements in Greenwich Village, und Reinigers neuer Mitarbeiter.

„Hallo, Bount!“, tönte Wilkies Stimme aus dem Anrufbeantworter. „Ich wollte mich vor meiner Abreise nach Nashville noch rasch verabschieden. Schade, dass es nur auf diesem Wege möglich ist. Aber mein Bus will nicht warten. Mann, freu ich mich auf die Plattenaufnahmen! Ein Haufen Spitzenmusiker werden da sein. Wir werden ein Album auf die Beine stellen, das zigfach vergoldet wird. Ich melde mich wieder, sobald ich aus Nashville zurück bin. Halten Sie inzwischen die Ohren steif! Und grüßen Sie Ihre hübsche Sekretärin von mir!“

Bount nickte.

„Mach ich, Wilkie. Und viel Erfolg bei den Plattenaufnahmen.“

Reiniger dachte, es wäre kein weiterer Anruf mehr auf dem Band, da vernahm er eine Stimme, der er noch vor einer Stunde im Autokino gespannt gelauscht hatte.

Teddy Edwards!

Das war vielleicht eine gelungene Überraschung. Bount drehte etwas lauter. Der Filmstar war offensichtlich erregt. Seine Stimme vibrierte. Er fluchte, weil er mit Bount nicht persönlich reden konnte, sondern auf Band sprechen musste.

„Wer weiß, wann er nach Hause kommt ...“ brabbelte Edwards grimmig. „Bount! Hier spricht Teddy! Ich möchte, dass du so bald wie möglich zu mir kommst, Bount! Auf meine Jacht! Die ,Windrose‘ - du weißt schon. Es ... es ist etwas Furchtbares passiert. Ich brauche deine Hilfe. Die Jacht liegt im Great Kills Harbor, Staten Island. Ich werde da auf glühenden Nadeln sitzen und auf dich warten.“

Bount schaute auf seine Uhr. Es war kurz vor Mitternacht. Bei aller Freundschaft, jetzt wollte er nicht mehr nach Richmond hinüber kutschieren. Er nahm sich vor, den Schauspieler, der manchmal einen argen Hang zum Übertreiben hatte, gleich am nächsten Morgen aufzusuchen.

Edwards’ Anruf war der letzte. Bount stellte das Gerät ab und zerdrückte seine Chesterfield im Aschenbecher. Kurz darauf sank er müde auf die Schlafcouch, die tagsüber eine Polstersitzgruppe bildete. Schon nach wenigen Minuten war er weg.

Um neun weckte ihn der Duft starken Kaffees. Das Aroma schwebte aus der kleinen hellen Küche herein. June March klapperte mit dem Geschirr. Reiniger hüpfte unter die Dusche und schüttelte sich zähneklappernd unter dem eiskalten Wasserstrahl. Dann machte er Morgentoilette, und als er taufrisch seiner Sekretärin gegenübertrat, war der Frühstückstisch bereits gedeckt.

Als Bount seine Zähne in den Toast schlug, fiel ihm Junes verträumter Blick auf.

„Sind Sie krank? Fehlt Ihnen was?“, erkundigte er sich besorgt.

„Er hat angerufen“, hauchte June.

„Wer hat angerufen?“

„Er ...“

„Dieses Spiel könnten wir jetzt jahrelang spielen“, sagte Bount brummig.

„Teddy Edwards“, sagte June. „Ich habe mit ihm gesprochen.“

„Das habe ich gestern Nacht auch getan, nur - er hat mich nicht gehört“, sagte Bount grinsend. „Was wollte er denn schon wieder?“

„Er fragte mich, ob Sie seinen Anruf nicht abgehört hätten ...“

„Aber ja habe ich das. Aber, verdammt noch mal, es war fast Mitternacht. Hätte ich um die Zeit noch nach Richmond fahren sollen, nur weil Teddy mal wieder spinnt?“

„Er spinnt doch nicht, Bount.“

„Nun nimmt sie ihn auch noch in Schutz!“, rief Reiniger leidend aus. Er drehte die Augen zur Decke. „Hören Sie, June! Ich kenne Teddy Edwards nun schon eine ganze Weile. Ich kannte ihn schon, als ihm noch keine blonden Sekretärinnen den Hof gemacht haben. Damals war er noch Stuntman und riskierte für die Stars seinen Hals. Er war immer ein liebenswerter netter Junge. Aber eines konnte er all die Jahre nicht unterlassen: maßlos zu übertreiben, egal wobei.“

„Diesmal übertreibt er nicht, Chef“, sagte June eingeschnappt.

„Woher wollen Sie denn das wissen?“

„Ich habe mit ihm gesprochen.“

„Aha. Und nun sind Sie der Meinung, ihn besser zu kennen als ich.“

„Er hält hin und wieder Séancen auf seiner Jacht ab“, erzählte June.

„Ist mir bekannt“, knurrte Bount. Er nahm einen Schluck vom siedend heißen Kaffee und verbrannte sich damit die Lippen, die Zunge, die Mundhöhle und die halbe Speiseröhre.

Der Tag fing ja gut an!

„Gestern gab es auf Edwards Jacht wieder mal eine Séance“, sagte Reinigers Sekretärin.

„Und?“

„Dabei gab es einen Toten.“

„Hat einen vor lauter Angst der Schlag getroffen?“

„Es handelt sich eindeutig um Mord, Bount.“

Reiniger riss erschrocken die Augen auf.

„Sagen Sie das noch mal, June!“

Seine Sekretärin wiederholte genau, was sie erzählt hatte. Bount nickte wütend.

„Das sieht diesem Holzkopf wieder mal ähnlich. Ansonsten redet er stundenlang über die belanglosesten Dinge. Wenn aber mal ein Mord verübt wurde, dann erwähnt er das mit keiner Silbe.“

Bount federte hoch. Was June ihm alles hergerichtet hatte, blieb größtenteils unberührt. Entgegen seiner Gewohnheit, den Kaffee auszutrinken - zumindest den -, griff er kein zweites Mal nach der Schale.

„Kann ich mitkommen?“, fragte June, als Bount sich anschickte, zu gehen.

Reiniger schüttelte den Kopf.

„Sie werden Teddy ein andermal kennenlernen. Heute würde er keinen besonders guten Eindruck auf Sie machen. Er würde in Ihnen eine Illusion zerstören. Der Junge wird mächtig konfus sein. Ich präsentiere ihn Ihnen, wenn er wieder so strahlt, wie man ihn auf der Filmleinwand sehen kann.“

Ehe June Einspruch erheben konnte, bürdete Bount ihr eine Menge Arbeit auf. Unter anderem schickte er sie zu jener Millionärin, deren Mann davongelaufen war. Er machte sie auf den Trick aufmerksam, mit dem sie den Jungen wieder einfangen könne und trug ihr auf, nicht ohne den 10.000 Dollar Scheck zurückzukommen. Dann fuhr er zur Tiefgarage hinunter und setzte sich in seinen Mercedes.

Bount fuhr durch den Brooklyn Tunnel, erreichte in der weiteren Folge den Gowanus Expressway und später die Verrazano-Narrows-Bridge. Links lag die U.S. Government Reservation. Ein Straßengewirr. Schließlich kam der Hylan Boulevard und dann tauchte der kreisrunde Great Kills Harbor auf. Gegenüber lag das Grün von Crookes Point.

Edwards Jacht stach aus der langen Jachtreihe sogleich hervor. Sie war die größte, sauberste, attraktivste Jacht, die „Windrose“.

Bount lief über den Landesteg an Bord. Ein rothaariges Mädchen richtete sich neugierig auf. Bount winkte ihr zu. Das war Dahlia Jackson, die Freundin von Edwards. Sie trug einen Hauch von Tanga und briet in der Sonne. Eigentlich war sie bereits fertiggegrillt. Sie erhob sich und kam auf Bount zu. Was ihre Hüften bei jedem Schritt machten, hätte nicht einmal Lord Byron mit seinem ungeheuren Wortschatz beschreiben können.

Sie hatte schwere olivfarbene Brüste. Ihre Taille war aufregend schmal. Die Hüften waren ausladend geformt, schwellende Schenkel vervollkommneten das herrliche Ebenmaß. Wie viele Rothaarige hatte auch sie grüne Augen, in denen die Tiefe des Meeres zu erahnen war.

„Hallo, Bount“, sagte sie mit ihrer rauchigen Altstimme.

„Hallo, Dahlia. Was ist passiert?“

„Jack Sperber wurde ermordet. Kannten Sie ihn?“

„Nur dem Namen nach.“

„Mit seiner Seife wäscht sich der Präsident der Vereinigten Staaten die Hände.“

„Interessant! Wer hat ihn ermordet?“

„Dieses Rätsel sollen Sie klären.“

„Waren Sie bei dieser Séance dabei?“

Dahlia Jackson schüttelte ihr volles Haar.

„Ich war gestern Abend nicht so recht auf dem Posten, deshalb zog ich mich früh zurück, schluckte eine Schlaftablette und versuchte die Welt und meine Probleme zu vergessen. Als der Mord passiert war, gab’s natürlich mächtigen Radau an Bord. Ich brauchte irrsinnig lange, bis ich begriff, was los war. Ganz blöd war ich eine Zeitlang von der Droge. Ich war erst wieder richtig klar, als die Polizei an Bord kam.“

„Wo ist Teddy?“, fragte Bount.

„Er ist unten und rennt wahrscheinlich im Kreis. Das tut er nämlich schon seit dem Morgengrauen. Ich konnte es nicht mehr mit ansehen, deshalb legte ich mich hier oben in die Sonne.“

„Zu viel Sonnenbestrahlung macht Runzeln!“, sagte Bount mit erhobenem Zeigefinger.

Dahlia hob die nackten, wohlgerundeten Schultern, wodurch ihre Brüste zu wippen begannen.

„Dann lasse ich mich eben liften. Ist heutzutage doch kein Problem mehr. Ich finde, Mädchen, die nicht braun sind, wirken ungesund.“

Bount hätte ihr widersprechen und ihr einen dermatologisch angehauchten Vortrag halten können, aber Teddy Edwards lief im Kreis. Es war Zeit, dass er ihn stoppte, deshalb eilte er den Niedergang hinunter.

Als Bount die Tür zur Messe aufstieß, blieb Edwards stehen.

„Endlich!“, sagte er vorwurfsvoll. „Ich dachte schon, du hättest vergessen, dass wir Freunde sind, Bount.“

Reiniger reichte dem Schauspieler schmunzelnd die Hand.

„Wie könnte ich das. Erst gestern habe ich mir deinen neuesten Streifen angesehen, damit die Produktion nicht sagen kann, er würde nichts einspielen, er wäre eine Pleite. Ich habe sogar meine Sekretärin mitgenommen. Sie ist übrigens ein Fan von dir ...“

„Ich habe verdammten Kummer, Bount“, sagte der Schauspieler. Diesmal spielte er keine Rolle. Diesmal war alles echt.

Er war ein großer Mann, breitschultrig, mit massiver Brust und schlanken langen Beinen. Er hatte ein sonnenverbranntes Gesicht und haselnussbraune Augen mit einem traurigen Ausdruck, der bei den Mädchen von siebzehn bis siebzig unheimlich gut ankam.

Die Wände ringsherum waren mit Eichenholz getäfelt. Es gab ein samtbezogenes Sofa, einen runden Tisch, neun Stühle, eine Hausbar samt Tresen, Spannteppich auf dem Boden.

Hier drinnen, in diesem Raum, war in der vergangenen Nacht ein Mensch ums Leben gekommen. Jack Sperber, der Seifenfabrikant. Gestorben, weil irgendjemand es so gewollt hatte.

Bount setzte sich aufs Sofa. Teddy gab ihm einen Drink. Bount wollte, dass Edwards sich neben ihn setzte, doch dazu hatte der Schauspieler nicht die Nerven. Er lief wieder im Kreis. Rund um den großen Tisch, an dem die spiritistische Sitzung abgehalten worden war.

Reiniger ließ sich zuerst einmal alles über Jack Sperber erzählen. Wie hoch sein Vermögen war, wie seine Familienverhältnisse waren, wo sich seine Seifenfabrik befand, wie es im Kreise der Konkurrenz aussah. Dann bat er Edwards, den Ablauf des gestrigen Abends zu skizzieren.

Der Schauspieler wischte sich mit einer fahrigen Handbewegung den Schweiß von der Stirn. Seine Zunge huschte schnell über die trockenen Lippen.

„Ein Mord!“, stöhnte er. „Etwas Schlimmeres konnte mir gar nicht passieren!“

„Doch“, widersprach Bount.

„Was?“

„Wenn du das Opfer gewesen wärst, dann wär’s noch schlimmer gewesen.“

„Abgesehen davon - mir tut es selbstverständlich furchtbar leid, dass Sperber tot ist, Bount. Du kennst mich lange genug, um zu wissen, wie es in mir aussieht. Ich verdiene zwar heute mit meinen Filmen einen Haufen Geld, aber im Grunde meiner Seele habe ich mich überhaupt nicht verändert. Ich drehe immer noch jeden Cent um, bevor ich ihn ausgebe. Ich habe zur Religion immer noch dieselbe starke Beziehung wie früher. Nichts verdamme ich mehr als einen Mord. Aber ich habe im Laufe der Jahre gelernt, auch an mich zu denken, verstehst du? Ganz gleich, was passiert, ich muss mir immer sofort überlegen, welche Auswirkungen das auf mich und auf meinen Ruf als seriösen Schauspieler hat. Ich lebe von meinem Publikum. Die Leute mögen mich wegen meiner aufrichtigen, ehrlichen Art. Nicht nur deshalb, weil ich - wie man mir immer wieder bestätigt - ein recht guter Schauspieler bin. Recht gute Schauspieler gibt es mehr als dankbare Rollen. Der Konkurrenzkampf ist hart. Und letztlich entscheidet das Publikum, wem es seine Gunst schenkt. Aber das Publikum gibt diese Gunst niemandem auf Lebenszeit. Es kann sie jedem über Nacht wieder entziehen. Ich will nicht zu jenen Schauspielern gehören, die über Nacht in Ungnade fallen, Bount. Ich habe vor, meine Top-Position noch sehr lange zu behaupten, denn ich bin der Auffassung, dass ich begabt genug bin, um meinem Publikum noch vieles geben zu können ... Eine Séance an Bord meiner Jacht ist in den Augen mancher Leute allein schon etwas Anrüchiges. Wenn während dieser Séance aber dann auch noch ein Mord verübt wird ... Verstehst du, worauf ich hinauswill, Bount? Ich kann das nicht einfach auf sich beruhen lassen. Ich muss mich davon distanzieren. Ich muss der Öffentlichkeit klarmachen, dass ich etwas dagegen unternommen habe, dass ich den besten Privatdetektiv engagiert habe, den man für Geld kriegen kann, damit dieser den gottverfluchten Mord aufklärt ...“

„Ich lass dich selbstverständlich nicht im Stich, Teddy“, sagte Bount ernst.

„Danke, Bount. Vielen Dank! Über dein Honorar will ich nicht reden. Mir ist jede Rechnung recht.“

„Obwohl du noch heute jeden Cent umdrehst, bevor du ihn ausgibst?“

„Man muss am rechten Platz sparen. Bei Bount Reiniger zu sparen, wäre grundfalsch. Erstens bist du mein Freund und zweitens hängst du dich kraftvoller rein, wenn ich nicht feilsche.“

„Wer war das Medium bei eurer Séance?“, wollte Bount Reiniger wissen.

„Perry Guinness, der Drehbuchautor des Films, den du gestern gesehen hast. Er liebt es, spiritistische Sitzungen abzuhalten. Bisher hatte ich kaum was dagegen einzuwenden. Jeder gruselt sich mal gern ein bisschen.“

„Hat sich denn mal ein Geist in eurer Mitte blicken lassen?“, fragte Bount und unterdrückte ein Schmunzeln.

„Und ob!“, sagte Edwards überzeugt.

„Wie sah der Bursche aus?“

„Du hältst nichts von diesen Dingen, wie?“

„Absolut nichts.“

„Guiness hat es fertiggebracht, dass dieser Tisch zu wackeln begann“, sagte Edwards. Er wies auf das runde Möbel.

„Kann ich auch. Mit dem Knie“, sagte Bount.

„Er hat es in seiner Funktion als Medium getan. Nicht mit dem Knie. Sein Geist hat die Materie soweit beeinflusst, dass sie sich bewegte.“

Bount ließ sich auf keine Diskussion ein. Teddy war davon überzeug, dass so etwas möglich war. Bount war vom Gegenteil überzeugt. Zwei klare Fronten, von denen keiner einen Millimeter abweichen würde. Also lieber nicht daran rühren.

„Guinness, Sperber und du“, fasste Reiniger zusammen. „Wie viele Personen waren insgesamt in diesem Raum?“

„Sieben.“

„Eine magische Zahl“, sagte Bount zwinkernd.

„Mach dich darüber bitte nicht lustig!“, erwiderte Edwards ärgerlich.

„Okay! Okay! Wer waren die anderen Leute?“

„Gary Reed, der Produzent des Katastrophenfilms, den du gestern gesehen hast, Bruno Canter, ein Millionär und Privatier, Martin Getty, der Besitzer der bekannten Warenhauskette, und Hardy Caan, ein Journalist, der die Absicht hat, ein Buch über spiritistische Sitzungen zu schreiben ...“

Bount ließ den Schauspieler alle Namen auf ein Papier schreiben und bat ihn, die jeweilige Anschrift darunterzusetzen. Er nahm das Blatt an sich, faltete es zusammen und schob es in die Tasche.

„Nun zur Séance“, sagte Reiniger. „Ich nehme an, es war absolut finster hier drinnen.“

„Kein Licht“, bestätigte Edwards. „Nur der Schein des Halbmonds fiel durch diese Luke herein.“ Edwards zeigte auf die Luke.

„War sie offen?“

„Ja.“

„Hast du während der Sitzung mal einen Blick nach der Luke gemacht?“

„Nein.“

„Warum nicht?“

„Guinness bat uns, uns voll auf irgendetwas zu konzentrieren. Egal auf was, wir mussten nur völlig abschalten, an eines denken und an sonst nichts.“

„Woran dachtest du?“, fragte Bount.

„An meine Schnürsenkel.“

„Das genügt, um einen Geist zu beschwören?“

„Kannst du dir diese destruktiven Bemerkungen nicht sparen, Bount?“

„Entschuldige!“ Reiniger nippte an seinem Drink. „Keiner hat also nach der Luke gesehen.“

„Nein.“

„Ihr habt alle an diesem Tisch gesessen, die Hände daraufgelegt ... Guinness hatte von euch verlangt, ihr sollt euch auf irgendetwas konzentrieren ... Vermutlich war es absolut still im Raum.“

„Es war nichts zu hören“, sagte Edwards.

„Was geschah dann?“, wollte Bount Reiniger wissen.

„Guinness sagte plötzlich: ,Der Kreis! Er wird gestört! Einer von euch stört diesen Kreis. Ein böses Omen für diese Séance! Ich sollte sie abbrechen!“‘

Reiniger blickte den Schauspieler nachdenklich an. Edwards drehte weiter seine Runden um den Tisch.

„Glaubst du, dass Guinness den Mord vorausgeahnt hat?“, fragte Bount.

Edwards hob nervös die Schultern.

„Er muss irgendetwas gefühlt haben, denn plötzlich presste er aufgeregt hervor: ,Er ist da!‘ Er meinte den Geist. ,Der Geist ist gekommen! Er befindet sich in unserer Mitte! Er ist ein ... gefährlicher Geist! O Gott, wir hätten ihn nicht beschwören dürfen! Tod! Tod! Er bringt uns den Tod. Und dann passierte es ...“

Bount ließ sich den Platz zeigen, wo Jack Sperber gesessen hatte. Er erhob sich und setzte sich auf den Stuhl. Teddy Edwards schauderte dabei. Er war ein feinfühliger Mensch. In den nächsten zehn Jahren brachte ihn keine Macht dieser Welt dazu, dass er sich auf jenen Stuhl setzte.

Bount saß da und schaute direkt auf die Luke, die in der vergangenen Nacht offen gewesen war.

Bount kannte die Jacht. Er wusste, dass es nicht schwer war, an diese Luke von draußen heranzukommen.

„Sieben Personen“, sagte Bount. Er sprach nachdenklich.

„Einer der Anwesenden muss den Mord begangen haben“, ächzte Edwards nervös. „Wenn ich nur wüsste, wer Sperber den Giftbolzen ins Gesicht geschossen hat.“

„Ich finde es raus“, versprach Bount Reiniger. „Was sagst du zu folgender Überlegung: Es war keiner der Anwesenden, sondern jemand, der sich von außen an diese Luke herangeschlichen hatte. Mit einem Luftdruckgewehr wäre es kein Problem gewesen, Sperbers Gesicht zu treffen.“

Edwards schüttelte erregt den Kopf. Er scharrte auf dem Boden.

„Nein, Bount. Nein. Die Idee hatte auch schon der Captain. Ich aber bin der Auffassung, dass einer aus unserer Mitte den Mord begangen hat.“

„Hast du irgendeinen Verdacht? Einen ganz unbedeutenden vielleicht?“

„Keinen Verdacht, Bount. Oder, sagen wir so: Ich verdächtige jeden.“

„Kann einer ein Motiv gehabt haben?“

„Keine Ahnung.“

„Von welchem Captain hast du vorhin gesprochen?“

„Vom Leiter der Mordkommission - Captain Toby Rogers. Er bearbeitet den Mordfall.“

Reiniger rollte mit den Augen.

„Toby Rogers“, sagte er grinsend.

„Kennst du den bulligen Kerl etwa?“

„Er ist ein guter Freund von mir.“

 

 

3

Das Haus war im Kolonialstil erbaut. Darum herum lag ein park ähnliches Grundstück, das seinesgleichen in New York und Umgebung suchen konnte.

Jack Sperber hatte mit seiner Seife ein Vermögen gemacht. Das Haus und das Grundstück waren ein sichtbarer Beweis dafür. Vor dem ehrwürdigen Gebäude plätscherte ein Springbrunnen. Ein dicker Wasserstrahl bohrte sich in den postkartenblauen Himmel. Golden lag das Sonnenlicht auf dem Dach.

Drinnen im Haus stand Edwige Sperber vor dem großen Ankleidespiegel. Sie hatte traurige schwarze Augen, ein weich geschnittenes, zu einer ewigen Maske der Melancholie erstarrtes Gesicht. Ihre Bewegungen waren von einer düsteren, feierlichen Schönheit geprägt. Ihr straff gebürstetes, ebenholzschwarzes Haar fiel unter einer unauffälligen Hornklammer in lockeren Flechten auf ihren schlanken Nacken. Sie war zart, hatte kleine Brüste, war einundzwanzig Jahre alt und seit der vergangenen Nacht Waise.

In schwarzen Dessous stand sie vor dem Spiegel. Nun griff sie nach dem schwarzen Kleid, das sie heute Morgen in einer Trauerkleiderboutique erstanden hatte. Seufzend wandte sie sich um und verließ den Ankleideraum, nachdem sie den Reißverschluss nach oben gezogen hatte.

Unten klingelte es.

Das Mädchen begab sich zur Tür, um zu öffnen, nachdem das Ding Dong einmal angeschlagen hatte.

Der Mann, dem sie sich dann gegenübersah, sah gut aus. Er war 1.80 Meter groß, schlank, breitschultrig und wirkte ungemein durchtrainiert. Sein Gesicht war schmal, er hatte helle, durchdringende Augen, in denen Offenheit, Furchtlosigkeit und Entschlossenheit zu erkennen waren. Das dunkle Haar wies eine modische Länge auf, ohne ungepflegt zu wirken. Ein eleganter, moderner Top-Manager, das war Edwiges Eindruck von dem Fremden.

„Mein Name ist Reiniger“, sagte der Mann. „Bount Reiniger.“ Er holte seine Lizenzkopie aus der Brusttasche und sagte noch: „Ich bin Privatdetektiv.“ Edwige schaute ihn mit großen dunklen Augen ratlos an. „Haben Sie ein paar Minuten Zeit für mich?“, fragte Bount.

„Eigentlich wollte ich ein Bestattungsunternehmen aufsuchen, um die Beerdigung meines Vaters zu arrangieren. Er wurde gestern Nacht mit einem Giftpfeil ermordet - Curare ...“

„Auf Teddy Edwards’ Jacht“, sagte Bount und nickte. „Deswegen bin ich hier. Edwards ist ein Freund von mir. Er hat mich gebeten, den Mord an Ihrem Vater aufzuklären.“

Edwige ließ Reiniger eintreten. Sie führte ihn durch das Haus auf die Terrasse. Bequeme weiße Korbsessel standen da. Sie setzten sich.

„Darf ich Ihnen etwas anbieten?“, fragte das Mädchen zaghaft.

Bount schüttelte den Kopf. Er musterte das Girl interessiert. Einundzwanzig war sie, das hatte ihm Teddy erzählt. Einundzwanzig und schmal, beinahe zerbrechlich, nicht so robust wie andere Mädchen in ihrem Alter. Sie hatte Hände wie ein Kind. Und in diesen Händen lag nun ein Seifenkonzern, dessen Geschicke sie lenken sollte. Bount traute es ihr nicht zu. Er sprach sie darauf an. Edwige erklärte ihm ohne Umschweife, dass sie sich außerstande sehe, die Firma ihres Vaters zu übernehmen, deshalb werde sie verkaufen. Sie hätte die Sache bereits einem befreundeten Anwalt übergeben, der für sie ein günstiges Angebot suchen würde.

Tropfenweise brachte Reiniger die Namen aller Séanceteilnehmer ins Gespräch.

Edwige konnte bei keinem der Männer ein Motiv erkennen, das einen von ihnen zum Mörder an ihrem Vater gemacht hätte.

Auf Teddy Edwards Jacht war ein Ring der Lauterkeit um den runden Tisch herum gesessen. Und doch hatte es einen Toten gegeben.

Teddy beharrte auf seiner Meinung, es müsse einer aus ihrem Kreis getan haben. Wenn Bount aber auf Edwige hörte, dann kam keiner dieser Männer als Mörder in Frage.

Irgendjemand musste den tödlichen Schuss aber abgegeben haben. Man konnte die Angelegenheit drehen und wenden, wie man wollte. Letztlich blieb auch dann noch als unübersehbares Faktum ein Toter auf dem Tapet.

Bount fragte: „Wenn keiner dieser Männer für Sie als Mörder in Frage kommt, Miss Sperber, wer hat den Mord dann begangen? Ein Außenstehender? Okay. Ich bin gern bereit, auch diese Möglichkeit in Betracht zu ziehen. Verdächtigen Sie jemanden?“

Die dunklen Brauen des Mädchens zogen sich zusammen. Eine tiefe Falte kerbte sich über ihrer Nasenwurzel in die Stirn. Sie nickte entschlossen, während ihr Mund verkniffen wirkte.

Zusammenfassung


Während einer Séance wird einer der teilnehmenden Männer – Jack Sperber, der Seifenfabrikant - ermordet. In seinem Gesicht steckt das gefiederte Ende eines kleinen, wohl vergifteten Bolzens. Schaudernd sieht der Schauspieler Teddy Edwards seine Gäste an, denn einer von ihnen ist ein eiskalter Mörder. Aber wer von ihnen ist es?
Bount Reiniger, der Privatdetektiv, übernimmt diesen Fall.

Details

Seiten
125
Jahr
2020
ISBN (eBook)
9783738946840
ISBN (Buch)
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2020 (November)
Schlagworte
curare-mörder york detectives

Autor

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Titel: Der Curare-Mörder: N.Y.D. – New York Detectives