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Ein Jack Braden Thriller #28: Auch Gangster können weinen

2020 124 Seiten

Zusammenfassung

Eine Million ist der Buddha wert, den Colonel Morcester in Besitz hat, und der von Unbekannten nach Indien zurückgeholt werden soll. Um der Forderung Nachdruck zu verleihen, erhält der Ex-Soldat Morddrohungen und engagiert den Privatdetektiv Jack Braden. Dann wird der Buddha tatsächlich gestohlen und der Diener des Colonels getötet. Die Spuren weisen in die Irre, wie Braden rasch herausfindet. Er kommt einer unglaublichen Geschichte auf die Spur.

Leseprobe

Table of Contents

Auch Gangster können weinen

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Die Hauptpersonen des Romans:

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Auch Gangster können weinen

Ein Jack Braden Thriller #28

von Cedric Balmore

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 124 Taschenbuchseiten.

 

Eine Million ist der Buddha wert, den Colonel Morcester in Besitz hat, und der von Unbekannten nach Indien zurückgeholt werden soll. Um der Forderung Nachdruck zu verleihen, erhält der Ex-Soldat Morddrohungen und engagiert den Privatdetektiv Jack Braden. Dann wird der Buddha tatsächlich gestohlen und der Diener des Colonels getötet. Die Spuren weisen in die Irre, wie Braden rasch herausfindet. Er kommt einer unglaublichen Geschichte auf die Spur.

 

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

Alfred Bekker

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© dieser Ausgabe 2020 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

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Die Hauptpersonen des Romans:

Colonel a. D. Donald Morcester – Besitzer eines goldenen Buddhas

Mortimer Fuller – Morcesters Diener, treu bis in den Tod

Edith McPherson – Morcesters Geliebte, untreu aus Prinzip

Herbert Wood – Morcesters Schwiegersohn, ebenfalls nicht ganz verlässlich

Cliff Hutchkinson, Huck Plathon – Buchmacher – und anderes

Sam und Dick Hurley – Firma für Kosmetik – und anderes

Jack Braden und sein Team – diesmal als Schlangenbändiger – und anderes

 

 

1

Colonel a. D. Donald Morcester war Engländer und 65 Jahre alt. Der mittelgroße, dürre ehemalige Kolonialoffizier, in dessen ledern wirkendem Gesicht eine scharf hervorspringende Hakennase saß, hatte rund dreißig Jahre in Indien Dienst getan. Vor 12 Jahren nahm er seinen Abschied von der Armee, um für immer nach den USA überzusiedeln, wo seine Tochter Helen mit einem amerikanischen Architekten und Brückenbauingenieur verheiratet war.

Colonel Morcester nannte in New York, Richmond, Washington Street Nummer 10, einen geräumigen Bungalow sein eigen, wo er mit seinem Diener Mortimer Fuller, der Köchin Mary und dem Hausmädchen Mabel wohnte.

Es war an einem von Nebelschwaden überlagerten dunklen Novemberabend gegen 19 Uhr, als Colonel Morcester den Privatdetektiv Jack Braden in der Halle des Bungalows begrüßte und den Gast in sein Arbeitszimmer führte.

Mit einem raschen, alles umfassenden Blick nahm Jack Braden den Raum in Augenschein. Drei Prachtexemplare von Tigerfellen waren in verschiedenen Richtungen auf dem Boden ausgelegt. Die Wände waren mit altindischen Waffen drapiert, neben denen gestickte Seidenbilder, Gemälde von indischen Künstlern und diverse Jagdtrophäen ins Auge fielen.

Der dürre Kolonialoffizier a. D., der sich im Abendanzug befand, wies zum Kamin, vor dem ein klobiger Eichentisch und zwei mächtige, tiefe Ledersessel standen.

„Scheußliches Wetter“, sagte Colonel Morcester, nachdem Jack Braden und er Platz genommen hatten. Fröstelnd rieb er seine Hände aneinander und hielt sie dem Kaminfeuer entgegen. „Fast wie in London um diese Jahreszeit. Als alter Kolonialmann, der einige Jahrzehnte in heißen Zonen verbrachte, kann ich mich nur schwer wieder an diese nebligen, feuchtkalten Novemberabende gewöhnen. Wie trinken Sie den Whisky, Mr. Braden? Pur oder mit Soda?“

„Mit Soda, Colonel“, antwortete Jack Braden lächelnd. Er sah dem alten Kolonialoffizier zu, wie jener mit leicht zitternder Hand die Gläser füllte und seinem Besucher den Sodasyphon zuschob.

„Bei meinem heutigen Vormittagsbesuch in Ihrem Office“, begann Colonel Morcester, während er die Hände erneut dem Kaminfeuer entgegenstreckte, „wusste ich noch nicht, dass der indische Zehntausend-Tonnen-Frachter STAR OF INDIA seit vier Tagen drüben in Hoboken im Dock liegt. Und seit genau vier Tagen erhalte ich diese mysteriösen Drohanrufe von Unbekannten.“

„Interessant! Sie nehmen also an, dass die Anrufer, die Ihnen wiederholt Ihre Ermordung androhten, sofern Sie jene Buddha-Statue nicht unverzüglich herausgäben, unter der Besatzung der STAR OF INDIA zu suchen sind?“

„Zumindest, vorsichtig ausgedrückt, vermute ich es. Ich erzählte Ihnen heute Vormittag von der ebenso eifernden wie gefährlichen Sekte der Singhs, die mir damals, als ich diese Buddha-Statue von dem Radscha von Relhi erwarb, den Tod androhte, sollte ich versuchen, die Statue außer Landes zu bringen. Nun, ich brachte sie außer Landes, doch während der letzten dreizehn Jahre geschah nichts, was etwa mit der Morddrohung der Singhs hätte in Verbindung gebracht werden können.“

„Eine religiöse Sekte, diese Singhs?“

„Ja, und eine sehr fanatische sogar, die bedenkenlos über Leichen geht. Leicht möglich, dass sich Angehörige von ihr auf dem Frachter STAR OF INDIA befinden. Deshalb würde ich Ihnen empfehlen, Ihr erstes Augenmerk auf die Besatzung dieses indischen Schiffes zu richten.“

„Gut, Colonel, ich werde einen erprobten Mann zu diesem Zweck ansetzen.“

„Nun weiter, Mr. Braden. Ich bat Sie um Ihren Besuch auf Grund dieser Zeilen hier. Sie lagen plötzlich auf meinem Schreibtisch, und zwar entdeckte ich das Schreiben gegen siebzehn Uhr. Der Teufel mag wissen, wie es ins Haus gekommen ist. Die Fenster waren verschlossen und unbeschädigt, und Besucher haben bis achtzehn Uhr das Haus nicht betreten. Eine rätselhafte Angelegenheit! – Bitte.“

Jack Braden nahm das Schreiben – eine sogenannte Briefkarte – entgegen und las die maschinengeschriebene Mitteilung:

„Colonel Morcester, Ihre hartnäckige Ablehnung, mit einem unserer Mittelsmänner zum Zweck der Rückgabe der Buddha-Statue in Verbindung zu treten, zwingt uns zum Handeln.“

Unter dieser Mitteilung waren noch eine Anzahl handschriftlicher Zeichen zu sehen, die Jack nicht zu deuten wusste. Er fragte den Colonel danach.

„Diese Zeichen“, antwortete der alte Kolonialoffizier, „veranlassten mich, ab sofort dieses Ding hier mit mir herumzuschleppen!“ Er griff in seine linke Jackettinnentasche und brachte einen schweren Armeerevolver zur Ansicht hervor. „Und nun will ich Ihnen diese Zeichen übersetzen. Es handelt sich dabei um Sanskrit, eine Sprache des alten Schrifttums der Inder. Als Volkssprache ist sie schon im 6. Jahrhundert vor der Zeitrechnung ausgestorben. Als Gelehrtensprache jedoch wird sie noch heute angewandt. Derjenige, der diese Schriftzeichen auf die Briefkarte setzte, scheint also den sogenannten gebildeten Ständen anzugehören. Auf dem Frachter käme also nur ein Schiffsoffizier in Frage.“

„Dieser Hinweis ist wichtig“, stellte Jack fest. „Und wie lautet die Übersetzung der Schriftzeichen?“

„Nicht sonderlich ermutigend für mich“, meinte der Colonel düster. „Deshalb auch führe ich das Schießeisen bei mir. Der Sanskritkundige schreibt: Fremdling, dein Leben ist verwirkt. Bereite dich auf den Tod vor. Buddha verdamme deine Seele auf ewig.

„Eine wenig erfreuliche Ankündigung, Colonel!“

„In der Tat! Immerhin, ich bin ein alter Soldat, der sich seiner Haut zu wehren weiß, wenn ich auch über die Person des Feindes noch im Dunklen tappe. Und um dieses Dunkel zu erhellen, bat ich Sie ja um Ihre Mithilfe, für deren Zusicherung ich Ihnen nochmals danke.“

„Es ist mein Beruf und mein Job, von dem ich mich ernähre, Colonel“, sagte Jack lächelnd. „Und da Sie ein gutes Honorar zahlen und mich die Sache reizt, stieg ich in das Geschäft ein. Zwei Fragen! Wie hoch beziffern Sie den Wert der Statue, und in welcher Höhe ist sie versichert?“

„Der Gold und Edelsteinwert allein – ganz abgesehen vom ideellen Wert – beträgt rund eine Million Dollar. Wie Sie wissen, stand die Statue als Leihgabe, von Versicherungsdetektiven schwer bewacht, kürzlich vierzehn Tage lang als Ausstellungsobjekt im Völkerkundlichen Museum. Ich erhielt Angebote von Juwelieren, die das Objekt brennend gern erwerben wollten. Das Höchstangebot betrug eine Million Dollar. Aber ich verkaufe nicht. Meine Vermögenslage ist Gott sei Dank derart, dass ich das nicht nötig habe. Auf Grund dieses Höchstangebotes erhöhte ich aber die Versicherungssumme von siebenhunderttausend auf eine Million Dollar. Versicherungsträger ist United Financial Insurance.“ „Und wo bewahren Sie die Buddha-Figur auf?“

Der Colonel zeigte auf das Gemälde eines indischen Meisters an der Wand.

„Hinter diesem Bild befindet sich ein Stahltresor. In diesem Tresor hat die Figur ihren gesicherten Platz.“

„Nun – gesichert? Bei dem heutigen Stand der entsprechenden Technik, deren sich die Gangster so meisterhaft zu bedienen wissen? Wäre es vielleicht nicht besser, Sie würden dieses Millionenobjekt in das Stahlgewölbe einer Bank einlagern lassen?“

„Aber nein, Mr. Braden!“ Der alte Kolonialoffizier schüttelte lebhaft den Kopf. „Was nutzt mir dieses herrliche Kleinod, wenn ich mich nicht hin und wieder an seinem Anblick hier im eigenen Haus ergötzen kann? Wenn Sie einen Rembrandt besäßen, Mr. Braden, würden Sie vielleicht den in ein Stahlgewölbe einlagern lassen? Wohl kaum, denn Sie möchten sich doch an solch einem Kunstwerk erfreuen und es in Ihren vier Wänden vor Augen haben. Ich werde Ihnen den Buddha nachher einmal vorführen. Dieses prächtige Stück dürfte auch Sie begeistern. Die Presse schrieb, während das Stück im Museum ausgestellt war, geradezu hymnenartige Berichte darüber. Waren Sie schon einmal in Indien, Mr. Braden?“

„Ja, in Kalkutta, allerdings nur auf die Dauer von vierzehn Tagen. Der Auftrag eines Klienten führte mich dorthin.“

„Dann haben Sie bestimmt auch den Dschaina-Tempel besichtigt?“

„Gewiss!“

„Nun, was Sie dort an Pracht gesehen haben – als Einzelstück dürfte mein Buddha diese Pracht geradezu noch übertreffen.“

Der Colonel, der während seiner Rede in den geschliffenen Spiegel über dem Kamin geblickt hatte, kniff plötzlich den Mund zu schmalen Strichen zusammen. Langsam fuhr seine Rechte in die linke Innentasche seines Jacketts.

„Bleiben Sie unbeweglich sitzen!“, zischte er.

In der nächsten Sekunde hatte er den schweren Armeerevolver in der Hand. Ruckartig fuhr er herum, und blitzschnell hintereinander krachten drei Schüsse.

 

 

2

„Verdammt!“, presste der Colonel hervor. „Die gegen mich gerichtete Aktion läuft schon an.“

„Du mein Gott“, fragte Jack, mehr verblüfft als erschrocken, „weshalb legen Sie denn plötzlich hier einen Feuerzauber hin, Colonel?“

„Drehen Sie sich nur einmal um, mein Bester, und schauen Sie, was dort auf dem Tigerfell liegt.“

Jack Braden wandte sich und schauderte leicht zusammen. Mit zerschossenem Kopf krümmte sich in letzten Zuckungen ein etwa achtzig Zentimeter langer Schlangenleib auf dem Fell.

„Teufel noch mal!“, stammelte Jack, nun doch ziemlich konsterniert von diesem Anblick.

„Eine Kobra, auch Brillenschlange genannt“, dozierte der alte Kolonialoffizier kaltblütig. „Eine der giftigsten Arten aus der Gattung der Hutschlangen. Ihr Biss wirkt unbedingt tödlich. Ich sah im Spiegel das Biest herankriechen. Die aus dem Kamin strahlende Wärme lockte es an. Diese Kobras sind ungeheuer angriffslustig und schießen sofort auf alles zu, was sich in ihrem Sichtkreis bewegt. Einer von uns beiden wäre bestimmt ihrem Biss zum Opfer gefallen. Ein Glück, dass ich so ganz per Zufall in den Spiegel blickte.“

Jack Braden schüttelte sich.

„Du meine Güte, reichlich unheimliche Methode, mit denen man ahnungslosen Menschen das Lebenslicht ausblasen will.“

„Das kann man wohl sagen! Sie sehen also, was gespielt wird. Es steht Ihnen frei, den Auftrag noch zurückzugeben.“

„Denke nicht daran, Colonel! Ich habe zugesagt, Ihre … hm … Interessen in der Buddha-Angelegenheit wahrzunehmen, und dabei bleibt es. Basta. Wie aber kommt dieses Schlangenbiest hier ins Zimmer?“

Colonel Morcester hob die Schultern. „Wie? Tja, wie kam diese Nachricht in Englisch und Sanskrit auf meinen Schreibtisch? Auf demselben Weg muss auch die Kobra eingeschmuggelt worden sein. Aber wo ging dieser Weg? Das ist die Frage. Das Verhalten der Kobra kann ich mir erklären. Der Kamin hier im Zimmer wurde vor einer Stunde angeheizt. Bei einer bestimmten Temperatur erstarren diese Art Schlangen zu einer gewissen Unbeweglichkeit. Das Biest hat da unter dem Diwan gelegen. Als der Raum sich erwärmte, erwärmte sich auch der Körper der Schlange, und das Biest trat in Aktion. Ich sah es im Spiegel langsam unter dem Diwan hervorkriechen, und den Rest erlebten Sie ja.“

„Und Kobras kommen in Indien vor?“

„Ja, überall in den Kolonien. Dieses widerliche Gewürm lebt zumeist in feuchtheißen Dschungelgebieten. Im Laufe der Zeiten fielen ihren tödlichen Bissen Tausende und Abertausende von Eingeborenen zum Opfer. Ich möchte jetzt beinahe darauf schwören, dass dieses Exemplar da, das man auf mich angesetzt hatte, direkt aus Indien importiert wurde, und zwar mit dem Frachter STAR OF INDIA, der als zur Zeit einziges indisches Schiff hier im Dock liegt.“

„Selbstverständlich werden mein Team und ich zunächst einmal in dieser Richtung eruieren“, sagte Jack, wobei er den toten Schlangenleib angeekelt betrachtete. „Aber vielleicht könnte man dieses Biest zunächst einmal von hier wegbringen lassen? Was mich wundert ist, dass die Detonation der drei Revolverschüsse niemanden hier im Haus alarmiert haben.“

„Diese Zimmertür ist schalldicht abgesichert“, erklärte der Colonel, „und sie war es schon, als ich den Bungalow übernahm. Vordem ordinierte in diesem Zimmer ein Arzt. Schön, da will ich zunächst Fuller herbeibeordern, damit er den Kadaver draußen im Garten vergräbt.“

„Fuller? Ach so, Ihr Diener! Ich fürchte, der wird einen mächtigen Schreck bekommen, wenn er das tote Biest hier liegen sieht.“

„Fuller – und einen Schreck bekommen? Aber nein!“ Morcester schüttelte den Kopf. „Sie müssen nämlich wissen, dass Fuller ein alter Kolonialsoldat ist und rund zehn Jahre in Indien meine persönliche Ordonnanz war, bevor er mich als Diener nach den USA begleitete. Er schied mit dem Dienstgrad eines Corporals aus der Armee aus. Der gute Fuller hat drüben im Dschungel Dutzende von diesen Schlangenbiestern erledigt, und zudem ist er ein Mann, der sich über nichts wundert. Wenn er plötzlich einen toten Tiger hier vorfände, würde er kein Wort darüber verlieren. Er fragt nie und nimmt jede Situation als selbstverständlich hin.“

„Ein idealer Diener demnach!“

„Ja, und ich bin froh, dass ich ihn habe!“ Der Colonel begab sich zum Schreibtisch und rief über die Sprechanlage den Diener herbei.

Dann sagte er: „Und nun, Mr. Braden, beobachten Sie mal, wie Fuller reagiert.“

Fuller, hager und dürr wie sein Dienstherr, betrat das Zimmer. Sein tiefdunkel gebräuntes Gesicht, auf dessen rechter Wange eine etwa zehn Zentimeter lange und ein Zentimeter breite Narbe blutrot mit der dunklen Tönung sonderbar kontrastierte, richtete sich fragend auf den Colonel.

„Fuller“, sagte der Oberst, „bringen Sie bitte diesen Schlangenkadaver hinaus und vergraben Sie ihn im Garten. Ich erschoss das Biest vor wenigen Minuten.“

„Sehr wohl, Sir!“, antwortete Fuller, ohne mit der Wimper zu zucken. Er rollte das Tigerfell, auf dem die tote Schlange lag, gelassen zusammen und verschwand damit geruhsam aus dem Zimmer.

„Na?“, fragte Morcester.

„Donnerwetter, das nenne ich Beherrschung!“, sagte Jack anerkennend. „Fullers Gesicht verriet keine Regung. Übrigens, woher rührt denn diese schreckliche Narbe auf seiner rechten Wange?“

„Buschmesserhieb!“, sagte der Colonel lakonisch. „Holte sich ihn bei Rarrore in der Gangesniederung, wo er und sein Zug ins Handgemenge mit an Land operierenden Flusspiraten kamen. Vermutlich sollte der Hieb seinen Hals treffen. In diesem Falle wäre der gute Fuller für immer hin gewesen. Hat also noch Glück gehabt. Und nun, Mr. Braden, möchte ich Ihnen den Buddha vorführen.“

Während Jack sich erhob, hatte Morcester das Gemälde von der Wand genommen. Die Panzertür eines ein Meter hohen und etwa siebzig Zentimeter breiten Tresors war sichtbar geworden. Der Colonel stellte das Kombinationsschloss ein und zog Sekunden später die Panzertür auf. Dann hob er ein mit einem seidenen Staubsack überzogenes Gebilde aus dem Innern des Tresors und trug es zu dem Tisch am Kamin. Gleichsam, als ob er ein Zauberkunststück vollführe, entfernte er ruckartig den Staubsack von dem Gebilde.

Überwältigt stand Jack davor.

Er sah die etwa sechzig Zentimeter hohe Gestalt eines sitzenden Buddha vor sich, die über und über mit Edelsteinen verziert war und in allen Farben des Spektrums glitzerte und gleißte. In die Stirnmitte der Figur war ein walnussgroßer Brillant eingelassen, der das Licht des elektrischen Kronleuchters als intensives Feuer wiedergab. Das Haupt des Buddha war wie mit einer Haartracht mit einer Unmenge Perlen bedeckt, die silber-bläulich und matt-rosa schimmerten. Auf der Brust der Figur war, einer aufgehenden Sonne ähnlich, ein kreisrunder, goldgelber Smaragd zu sehen, der förmlich zu brennen schien. Die Kleidung dieses goldenen Gottes war von oben bis unten mit erbsengroßen, blutrot glühenden Rubinen eingesäumt. Der Sockel, auf dem die Figur thronte, war mit einem Mosaik aus Saphiren, Amethysten, Granat, Jaspis und Heliotrop-Steinen von geradezu unwahrscheinlicher Leuchtkraft bedeckt.

„Donnerwetter!“, brach es endlich aus dem staunenden Jack. „Bei Gott, Colonel, so etwas habe ich noch nie in meinem Leben zu sehen bekommen!“

„Das glaube ich gern!“ Der alte Kolonialoffizier nickte zustimmend. „Wissen Sie, dass allein das Goldgewicht des Buddha rund fünfundzwanzig Kilo beträgt? Und dass die Zahl der Perlen auf dem Haupt die Summe von dreihundert noch um einige übersteigt? Der Brillant in der Stirnmitte hat ein Juwelengewicht von annähernd zwanzig Karat. Als Diamant, also vor dem Schleifen, hat er bestimmt fünfundzwanzig Karat gehabt. Nun, jetzt dürfte Sie es auch nicht mehr erstaunen, dass man mir während der Ausstellung für das Objekt eine Million Dollar geboten hat.“

„Keineswegs!“ Eine ganze Weile noch ruhte Jacks bewundernder Blick auf dem Prunkstück. Dann sagte er: „Sie erzählten mir, Colonel, dass Sie diese Buddha-Figur vom Radscha von Relhi erwarben. Ich vermute, dass Sie eine enorme Summe dafür zahlen mussten.“

Colonel Morcester schüttelte den ergrauten Kopf.

„Ich habe kein Geld dafür bezahlt. Die Sache war die: Ich war die letzten zehn Jahre meiner Laufbahn Kommandeur einer Gurkha-Einheit, die in der Residenz des Radschas, der zehntausend Seelen zählenden Stadt Maranda, stationiert war. Der Radscha hatte Gefallen an mir gefunden. Oft waren meine Frau und ich Gast in seinem Palast, und er besuchte uns in unserem großen Haus in Maranda. Hier hing in unserem Salon ein lebensgroßes Gemälde, das die um 1760 in London berühmt gewordene spanische Tänzerin Juanita Ronzalez inmitten eines Orangenhaines zeigt. Es ist von keinem Geringeren als dem großen Thomas Gainsborough gemalt worden. Der Radscha verliebte sich in das Bildnis der wunderschönen Tänzerin. Eines Tages – es war noch zu Lebzeiten meiner Frau – führte mich der Radscha in seine Schatzkammer und zeigte mir diese Buddha-Figur. Er schlug vor, dass ich ihm den Gainsborough im Austausch mit dem Buddha überlassen solle. Und so geschah es auch.“

„Ich glaube, Colonel“, meinte Jack Braden schmunzelnd, „das bessere Geschäft haben in diesem Falle Sie gemacht.“

„Zweifellos, obwohl der Gainsborough heutzutage gut und gern auch seine halbe Million wert sein dürfte. Aber nachdem ich mich nun über fünfzehn Jahre lang des Besitzes der Buddha-Figur erfreuen konnte, zeigte der Tauschhandel jetzt plötzlich den Pferdefuß. Irgendwelche Menschen – ich vermute, wie gesagt, aus den Reihen der fanatischen Sekte der Singhs – bedrohen mich mit dem Tode, weil ich nicht gewillt bin, den Buddha wieder herauszugeben. Und dass diese Menschen es ernst mit ihrer Drohung meinen, haben Sie ja aus dem gottlob misslungenen Attentat mit der Kobra ersehen.“

„Ich fürchte, Colonel, Sie werden auch in nächster Zeit Augen und Ohren offenhalten und wachsam sein müssen“, sagte Jack Braden. „Meine Ermittlungen in Ihrer Sache werden sich zunächst auf die Besatzung des Frachters STAR OF INDIA erstrecken. Bei dem geringsten Verdacht auf diesen oder jenen Mann aus der Crew wird man sich den näher ansehen. Bevor ich mehr tun kann, brauche ich Anhaltspunkte, die erst gefunden werden müssen. Nach Lage der Dinge und auf Grund Ihrer Hinweise dürfte sich diese Anhaltspunkte aber in Kürze ergeben.“

„Und erst dann, Mr. Braden, werden wir die Polizei bemühen. Denn ich stehe auf dem Standpunkt, dass man dieser Institution mit konkreten Dingen aufwarten soll. Würde ich mich schon jetzt an die Polizei wenden, könnte man mich dort sehr leicht für einen überspannten Narren ansehen. Meine Geschichte mit Buddha-Figur, fanatischen indischen Sektierern und Morddrohungen klingt im Augenblick denn doch ein bisschen zu phantastisch.“

Der Colonel stellte die Buddha-Figur in den Tresor zurück und verschloss die Tür.

„Ich halte Ihre Darlegungen jedenfalls nicht für phantastisch, Colonel. Jetzt, da diese Mordandrohung in Sanskrit und jene widerliche Kobra ins Spiel gekommen sind, zeigen sich Momente, die man nicht ins Reich der Phantasie verweisen kann. Nun gut, ich werde meine Arbeit tun und Sie ständig auf dem Laufenden halten.“

Der Diener Fuller betrat das Zimmer. In seiner monotonen Art meldete er: „Sir, zwanzig Uhr und zehn Minuten. Um einundzwanzig Uhr beginnt das Theater.“

„Danke, Fuller, es ist gut!“

Der Colonel wandte sich wieder an Jack Braden und erklärte seufzend: „Der letzte Montag im Monat hier im Haus ist immer ein wenig strapaziös. Meine Köchin – eine Witwe, und deren Tochter, die mir als Hausmädchen dient – beide haben sich den letzten Monatsmontag als freien Tag ausbedungen. Sie fahren dann immer hinüber nach Trenton zu Verwandten und kehren erst Dienstag früh wieder zurück. Fuller und ich behelfen uns in puncto Verpflegung an diesen Montagen mit Sandwiches. Ich selber gehe an diesen köchinlosen Tagen Abends ins Theater, und im Anschluss daran nehme ich irgendwo ein spätes Dinner. – Sie fahren in die City zurück, Mr. Braden?“

„Ja, das will ich!“

„Oh, da könnten Sie mich ja gleich mitnehmen und vorm Broadway-Theater absetzen. Ich möchte mir das Musical My fair Lady ansehen. Für die Rückfahrt könnte ich ja ein Taxi nehmen und brauchte jetzt nicht erst meinen Wagen aus der Garage zu holen.“

„Selbstverständlich nehme ich Sie gern mit, Colonel“, sagte Jack lächelnd. „An My fair Lady werden Sie sehr viel Spaß haben. Ich sah das Musical vor acht Tagen.“

„Ja, ja, dieses moderne Stückchen hat viel Anklang gefunden, wie ich aus der Presse ersah. Mal was anderes als die übliche Theaterkost, die sonst geboten wird. Gut, Mr. Braden, gehen wir also!“

Fuller öffnete die Tür, und die beiden Herren betraten die Halle des Bungalows.

 

 

3

Es war nachts zwei Uhr. Das Telefon neben Jack Bradens Bett begann schrill zu läuten.

Schlaftrunken richtete sich der Privatdetektiv auf und knipste die Nachttischlampe an.

„Verdammt noch mal“, knurrte er und griff zum Hörer. „Jack Braden!“

„Colonel Morcester!“, hörte er die Stimme des pensionierten Kolonialoffiziers. Sie klang aufgeregt. „Können Sie sofort zu mir herauskommen, Mr. Braden?“

„Um diese späte Stunde, Colonel? Was gibt es denn?“

„Bitte, Sie müssen kommen, Mr. Braden! Ich kehrte vor zehn Minuten aus der City zurück. Ich fand meinen Diener Fuller im Arbeitszimmer tot am Boden liegen. Am Hinterkopf zeigt sich eine Einschussstelle. Er wurde ermordet. Der Wandtresor ist aufgeschweißt, die Buddha-Statue verschwunden, geraubt.“

Jack Braden war sofort hellwach.

„Rühren Sie nichts an, Colonel!“, rief er eindringlich. „Lassen Sie alles so, wie Sie es vorfanden. Ich benachrichtige sofort die Mordkommission und bin selber in einer guten halben Stunde bei Ihnen. Ende!“ Mit einem Satz war Jack aus dem Bett und rief das Hauptquartier der Citizen Police an. „Jack Braden hier. Bitte das Morddezernat römisch zwei.“

Das Morddezernat meldete sich. Detektiv Sergeant Creel war am Apparat.

„Hier spricht Jack Braden, Sergeant. Es ist dringend. Wer ist Offizier vom Dienst in Ihrem Dezernat?“

„Detektiv-Leutnant Temper, Mr. Braden. Der Leutnant befindet sich im Augenblick im Kasino des Hauses. Soll ich ihn heraufrufen lassen.“

„Damit verlieren wir nur Zeit, Sergeant. Hören Sie zu und notieren Sie. Adresse: Colonel a. D. Donald Morcester, Richmond, Washington Street zehn. Delikt Raubmord. Nach Rückkehr von einem Theaterbesuch fand der Colonel seinen Diener erschossen auf. Ein Wandtresor wurde mittels Schweißgerät gewaltsam geöffnet. Aus dem Tresor wurde eine mit Juwelen verzierte Buddha-Figur im Werte von einer Million geraubt. Überbringen Sie Leutnant Temper unverzüglich diese Nachricht, damit er und die Mordkommission sich schnellstens auf den Weg nach Richmond machen. Colonel Morcester ist ein Klient von mir, und ich fahre ebenfalls sofort zu ihm. Alles klar, Sergeant?“

„Okay, Mr. Braden! Leutnant Temper wird in einer Minute Bescheid wissen.“ „All right, Sergeant! Ende!“

Jack legte auf und wählte sofort wieder neu. Diesmal war es die Privatnummer des Chefreporters Louis Thrillbroker von der Zeitung MORNING NEWS.

Mit verschlafen klingender Stimme meldete sich der lang aufgeschossene Chefreporter.

„Wer, zum Teufel“, fragte er gähnend, „stört einen ehrlichen Christenmenschen in seinem wohlverdienten Schlaf?“

„Hören Sie zu, Louis, hier spricht Jack Braden. Machen Sie sich augenblicklich auf die Socken. Jene wertvolle Buddha-Figur, die vor einiger Zeit als Leihgabe im Völkerkundlichen Museum zu sehen war und über die auch Ihr Blatt eine lange Abhandlung schrieb, ist diese Nacht geraubt worden. Die Täter erschossen den Diener des abwesenden Besitzers und schweißten den Wandtresor auf, in dem sich diese Buddha Statue im Werte von einer Million befand. Adresse des Tatortes lautet: Colonel Morcester, Richmond, Washington Street zehn. Ich bin ebenfalls in einer halben Stunde dort. Leutnant Temper und seine Mordkommission sind benachrichtigt.“

„Danke, Jack!“ Alle Schläfrigkeit war aus Thrillbrokers Stimme gewichen. „Danke für den fetten Fisch. Ich hüpfe sofort in meinen Wagen und fahre los.“

„Moment! Dass ich Sie anrufe, geschieht auch ein wenig aus selbstsüchtigen Motiven, Louis. Können Sie die Nachricht über dieses Verbrechen noch in der nächsten Ausgabe bringen? Mir liegt aus bestimmten Gründen daran, dass die Raubmordsache schnellstens publiziert wird.“

„Ich denke doch. Leutnant Temper ist ein pressefreundlicher Offizier. Er wird mir keine Schwierigkeiten machen. Wäre Captain Woop, sein Chef, am Tatort … na ja, Jack, Sie kennen ja den alten Knacker. Ich rufe sofort unsere Nachtredaktion an und erwirke, dass die Setzerei drei Spalten auf der ersten Seite für meinen Bericht reserviert.“

„Das ist nett von Ihnen, Louis. Sie tun mir damit wirklich einen Gefallen. Also schnell! Wir sehen uns draußen in Richmond. Ende!“

 

 

4

In dem Bungalow des Colonel a. D. herrschte hektische Betriebsamkeit. Leutnant Temper, ein noch junger und sehr sympathischer Detektiv aus dem Polizeiquartier, Abteilung Morddezernat, war mit seinem Team erschienen und sofort an die Arbeit gegangen.

Polizeiarzt Dr. Turner stellte fest, dass die Ermordung des Dieners Fuller in der Zeit zwischen dreiundzwanzig und ein Uhr erfolgt sein müsse. Todesursache: Genickschuss.

Die Blitzlichter des Photographen flammten auf. Die Lage des Ermordeten wurde im Bild festgehalten, ebenso der Tatort im Ganzen sowie der aufgeschweißte Tresor und die zertrümmerte Scheibe des großen Fensters im Arbeitszimmer im Detail.

Die Detektiv-Sergeanten Creel und Bruns gingen überall herum und sammelten Fingerabdrücke auf dem Wandtresor, auf Türen und Klinken. Sie gossen mit einer Spezialmasse die im grellen Licht von Handscheinwerfern aufgespürten Fußabdrücke draußen in der Erde des Gartens aus, ließen Reifenspuren vor dem Haus photographieren und bargen sogar, als seien es Kostbarkeiten, Zigarettenstummel.

Auch Jack Braden, der fünfzehn Minuten vor dem Eintreffen der Mordkommission am Tatort angelangt war, war nicht müßig gewesen. Er hatte einiges entdeckt, was ihn sehr nachdenklich stimmte.

Im Augenblick wohnten er und der Chefreporter Louis Thrillbroker der Vernehmung von Colonel Morcester bei, die durch Leutnant Temper erfolgte, während das Protokoll von dem Detektiv-Sergeanten Tonkins auf der Schreibmaschine aufgenommen wurde.

Colonel Morcester schien der gewaltsam herbeigeführte Tod seines Dieners sehr erschüttert zu haben. Er musste sich wohl sehr anstrengen, um die Fassung zu behalten, und gab mit leiser Stimme die geforderten Auskünfte.

Louis Thrillbroker, ganz in seinem Element als Reporter, stenographierte munter mit, als handle es sich bei der Befragung des alten Kolonialoffiziers nicht etwa darum, Anhaltspunkte über ein Kapitalverbrechen zu erlangen, sondern um eine recht interessante Pressekonferenz.

„So, Sir“, sagte Leutnant Temper ehrerbietig zu dem Colonel, „mit der Beantwortung dieser letzten Frage können wir das Vorprotokoll für heute schließen. Ich danke Ihnen, Sir. Sergeant Tonkin, lassen Sie Colonel Morcester das Protokoll unterschreiben. Was gibt‘s Creel?“, wandte sich Temper darauf an den Detektiv-Sergeanten, der eben ins Zimmer gekommen war und vor dem Leutnant Aufstellung genommen hatte.

„Ich fand dies hier draußen im Garten vor dem zertrümmerten Fenster, Sir!“, meldete Creel. Er breitete vor dem Leutnant ein Taschentuch aus, auf dem eine Kupfermünze lag.

Trotz der Vorsichtsmaßnahme des Sergeanten, den Fund in das Taschentuch einzuschlagen, nahm Temper die Münze in die Hand und betrachtete sie. Dann hob er die Schultern und meinte: „Ein ausländisches Geldstück.“

„Ja, es ist ein ausländisches Geldstück!“, rief der Colonel erregt. „Und zwar ein indisches. Es handelt sich um ein Annas, der kleinsten Scheidemünze, die der indische Geldverkehr kennt.“

„Aha!“, sagte Temper darauf lebhaft. „Ihre Vermutung, Sir, dass es sich bei den Tätern um Inder handelt, scheint sich zu bestätigen.“

„So ist es, Leutnant!“, antwortete Morcester, immer noch sehr erregt. „Ich erwähnte ja im Laufe der Befragung diese Möglichkeit auf Grund der Tatsache, dass zur Zeit ein indischer Frachter drüben in Hoboken im Dock liegt. Ich bin kein Kriminalist, aber mir scheint es angebracht, die polizeilichen Ermittlungen bei der Besatzung dieses Frachters zu beginnen.“

Jack Braden blickte auf den fachgerecht aufgeschweißten Tresor und sah dann einigermaßen skeptisch den Colonel an, ohne jedoch ein Wort zu sagen.

„Selbstverständlich, Sir“, erwiderte Temper, „werden wir auch diese indische Crew nicht außer Acht lassen.“

Zwei uniformierte Cops, die eine Trage mit sich führten, betraten in Begleitung von Polizeiarzt Dr. Turner das Zimmer.

„Leutnant“, sagte Dr. Turner, „die Fotos sind gemacht. Können wir den Toten also abtransportieren und ins Institut für gerichtliche Medizin bringen?“

„Ja, natürlich, Doktor, veranlassen Sie das. Überdies kann das Team geschlossen abrücken. Die ersten Ermittlungen sind abgeschlossen. Sergeant Creel, ziehen Sie bitte die Posten ein.“

„Yeah, Sir!“ Creel ging hinaus, während die beiden Cops den Leichnam des ermordeten Dieners auf die Trage betteten und mit ihr ebenfalls das Zimmer verließen.

„Furchtbar“, sagte der Colonel tonlos. „Mein armer Fuller! Der Verlust des Buddha, der ja hoch versichert ist, wäre zu ertragen, aber dass der arme Fuller …“ Colonel Morcester verhüllte sein Gesicht mit beiden Händen.

Leutnant Temper sprach noch einige tröstende und ermunternde Worte, und wenig später hatte die Mordkommission das Arbeitszimmer des Colonel verlassen. Zurückgeblieben waren der Colonel, Jack Braden und Thrillbroker, der mit entwaffnender Selbstverständlichkeit das Telefon benutzte und der Redaktion der MORNING NEWS seinen Bericht über den Raubmord mit der Gelassenheit des abgebrühten Reporters durchgab. Eben sagte er: „Photos vom Geschehen bringe ich noch in dieser Nacht.“

Jack sah den Colonel an, der apathisch in seinem Sessel saß und vor sich hinstarrte. „Colonel“, sagte er eindringlich, „der Schmerz über den tragischen Verlust Ihres Dieners ehrt Sie, und ich würdige ihn durchaus. Aber ich glaube, wir sollten jetzt wenigstens kurz über das reden, was weiter zu tun ist. Zunächst müssen Sie, und das möglichst noch im Laufe des Vormittags, sich mit der Gesellschaft in Verbindung setzen, bei der die Buddha-Figur versichert ist. Zum zweiten: Wünschen Sie, nachdem nun die Polizei in die Angelegenheit eingeschaltet werden musste, dass ich meine eigenen Ermittlungen fortsetze?“

„Aber natürlich, Mr. Braden, selbstverständlich! Ich habe großes Vertrauen zu Ihnen. Tun Sie alles, was in Ihren Kräften steht! Finden Sie die Mörder meines armen Fuller!“

Als Jack Braden und Louis Thrillbroker gegen vier Uhr früh den Bungalow des Colonel verließen und zu ihren Autos gingen, fragte der Reporter: „Was halten Sie von der Sache, Jack? Sind auch Sie des Colonels Meinung, dass hier Inder am Werk waren?“

„Am Tatort kaum, Louis! Darüber habe ich meine eigenen Vermutungen. Möglich ist es natürlich, dass es indische Hintermänner bei diesem Verbrechen gibt. Aber die hätten dann nicht aktiv, sondern hinter der Szene mitgewirkt.“

„Erklären Sie sich näher, Jack!“

„No, zur Zeit noch kein Kommentar, Louis!“ Jack lachte leise.

„Verdammt noch mal, Sie haben doch wieder etwas in petto, was Sie mir vorenthalten, Jack! Das ist wirklich nicht nett von Ihnen.“

„Darin bin ich ganz Ihrer Meinung“, sagte Jack grinsend, während er in seinen Porsche kletterte. „Aber trocknen Sie getrost Ihre Reportertränen, Louis, denn am Ende werden doch wieder Sie der erste Zeitungsmensch sein, der von mir Einzelheiten über den Fall erfahren wird. Gute Nacht, Louis!“

„Vergessen Sie‘s bloß nicht! Gute Nacht, Jack! Und noch mal: Nicht vergessen!“

„Nein, es steht schon hier in diesem Notizbuch!“ Jack tippte sich vor die Stirn, und in der nächsten Sekunde schoss sein Porsche los und verschwand im Dunkel der Nacht.

„Himmel, dass der Bursche auch immer mehr weiß als unsereiner!“, brummte Thrillbroker und setzte sich in seinen Lincoln.

 

 

5

Cliff Hutchkinson zählte 50 Jahre. Er war ein mittelgroßer, immer nach der neuesten Mode gekleideter Mann, der elegante Wagen liebte und schöne Frauen. Vor einem Jahr hatte er eine Buchmacher-Lizenz erworben und betrieb dieses Geschäft mit einem Teilhaber namens Huck Plathon, einer ziemlich zwielichtigen Gestalt, die oft in Gangsterkreisen von Bronx verkehrte, wo er recht ansehnliche Wettaufträge herauszuholen verstand.

Auch der elegante Cliff Hutchkinson stellte eine reichlich undurchsichtige Persönlichkeit dar. Zweimal hatte er während der letzten fünf Jahre vor Gericht gestanden. Das eine Mal war er wegen des Vertriebs falscher Banknoten, und das andere Mal wegen Teilnahme an einer Schießerei zwischen zwei feindlichen Gangs, bei der drei Gangster ums Leben kamen, angeklagt. Doch in keinem der beiden Fälle konnte ihm mit Sicherheit etwas nachgewiesen werden, und das Gericht musste wegen Mangels an Beweisen jedes Mal auf Freispruch erkennen.

Im Polizeihauptquartier vermutete man, dass Hutchkinson genau wie Plathon ihr recht aufwendiges Leben nicht allein aus den Erträgen bestritten, die ihre Buchmacherfirma einbrachte. Unauffällig wurden die beiden Buchmacher monatelang beschattet, aber es kam nichts ans Tageslicht, was auf Ungesetzlichkeiten schließen ließ, so dass man diese Beschattung zunächst vorübergehend einstellte.

Details

Seiten
124
Jahr
2020
ISBN (eBook)
9783738946802
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2020 (November)
Schlagworte
jack braden thriller auch gangster

Autor

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Titel: Ein Jack Braden Thriller #28: Auch Gangster können weinen