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Sergeant Bull

©2020 129 Seiten

Zusammenfassung


Carringo lässt sich überreden, dem Kommandanten des entlegenen Grenzpostens Camp Stonehill eine Warnung zu überbringen. Die Clinton-Brüder treiben ihr Unwesen und sollen aufgehalten werden. Aber schon auf dem Weg zum Camp bekommt es Carringo mit Larry Clinton zu tun. Und im Camp hat der Tod durch Cholera reiche Ernte gehalten. Das scheint die Banditen nicht zu stören.

Leseprobe

Table of Contents

Sergeant Bull

Copyright

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Sergeant Bull

Western von John F. Beck

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 129 Taschenbuchseiten.

 

Carringo lässt sich überreden, dem Kommandanten des entlegenen Grenzpostens Camp Stonehill eine Warnung zu überbringen. Die Clinton-Brüder treiben ihr Unwesen und sollen aufgehalten werden. Aber schon auf dem Weg zum Camp bekommt es Carringo mit Larry Clinton zu tun. Und im Camp hat der Tod durch Cholera reiche Ernte gehalten. Das scheint die Banditen nicht zu stören.

 

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

Alfred Bekker

© Roman by Author

© COVER FIRUZ ASKIN

© dieser Ausgabe 2020 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

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1

Der Major rief mir nach, als ich losritt: „Reiten Sie, Carringo, reiten Sie wie zehn wilde Teufel! Alles hängt davon ab, dass Sie durchkommen und Sie keiner einholt!“ Er gab mir das beste Pferd, das im Fort aufzutreiben war. Und ich ritt wirklich wie der Teufel. Zwei Tage lang sah ich keinen Verfolger. Aber dann, am Nachmittag des zweiten Tages sah ich sie: winzig und weit, aber unverkennbar, diese Staubfahne auf meiner Spur!

Es war kein Irrtum. Ich entdeckte wirklich die Verfolger auf meiner Fährte. Zuerst sah ich nur diese Staubwolke. In der Weite des hitzeüberfluteten Landes schien sie sich nicht vom Fleck zu bewegen. Ich lenkte meinen Falben, tatsächlich das beste Pferd, das Major Wilburn im Fort für mich aufgetrieben hatte, einen steinigen Hügel hinauf. Abgrundtiefe Stille umgab mich. Von Horizont zu Horizont erstreckte sich ein Geflimmer von Sandflächen, Geröllfeldern und kakteenbewachsenen Bodenwellen. Im Süden stand die Silhouette der Comobabi Mountains vor dem glühenden Firmament. Nirgends ist mir das Schweigen der Natur je so erdrückend und gewaltig vorgekommen wie in der Wüste. Die Einsamkeit der Gila umschloss mich auch jetzt wie ein Panzer. Die Staubwolke war immer noch da, dünner, durchsichtiger als zuvor. Schließlich verschwand sie – wie Rauch von einem verlöschenden Lagerfeuer.

Ich stellte mich in den Bügeln auf. Major Wilburns Worte, die er mir zugerufen hatte, bevor ich aus dem Fort galoppiert war, klangen mir wieder in den Ohren.

Ich sah, dass die Kerle hinter mir ebenfalls angehalten hatten. Sie waren zu dritt: Dunkle Punkte auf der riesigen Ebene, über die meine Spur als strichdünne Linie verlief. Ein schwaches Glitzern verriet mir, dass sie mich mit einem Fernglas beobachteten. Eine Minute verstrich so. Dann wogte der Staub wieder auf. Sie jagten weiter. Trotz der Entfernung spürte ich die tödliche Drohung, die von ihnen ausging. Weiß der Kuckuck, wie lange sie schon das Fort belauert hatten. Vielleicht hatten sie auch einen Verbindungsmann dort, der sie alarmiert hatte. Jedenfalls schienen sie entschlossen, alles dranzusetzen, damit ich Camp Stonehill, den entlegenen Grenzposten in den Ausläufern der Mesquite Mountains, nicht erreichte. Das bestätigte die Wichtigkeit der Botschaft, die ich beförderte. Teufel, da hatte mir der Major ja einen famosen Job aufgehalst!

Ich zog die Hand vom Kolben der Winchester. Kein Kampf! Entscheidend war nur, dass ich die Wüstenabkürzung zwischen Fort Lowell und Camp Stonehill in der schnellstmöglichen Zeit schaffte. Weiter also! Die Hufe stampften wieder ihren monotonen Rhythmus. Ein Staubschleier hob sich hinter mir. Weithin sichtbar markierte er meinen einsamen Trail. Die Sonne schien nun noch heftiger zu glühen. Der Weg vor mir war wie die Route in ein flimmerndes Nichts. Bisher hatte ich mit Meilen und Stunden gerechnet und damit, dass ich meinen Wasser- und Pferdefuttervorrat richtig einteilte. Nun musste ich auch noch drei hartgesottene Typen einkalkulieren, die auf meinen Skalp aus waren.

„Sie sind genau der richtige Mann für diesen Ritt, Carringo“, hatte der Major gestern zu mir gesagt. Ich erinnerte mich an jede Einzelheit: Ich sah ihn, wie er nochmals das Glas füllte, das vor mir auf dem mit Armeekarten und Schreibzeug bedeckten Tisch stand. Er war ein schneidiger Offizier, schnurrbärtig, mit grauen Schläfen. Keiner von der verbiesterten Sorte, die ich nicht ausstehen konnte. Ich war schon mal als Scout für ihn geritten. Er wusste, dass ich die Gila kannte, so gut oder so schlecht, wie man über diese verflixte Wüste eben Bescheid wissen konnte.

„Der einzige Mann, Major!“, berichtigte ich ihn mit einem verkniffenen Grinsen. „Nennen wir die Dinge doch beim Namen, wenn‘s Ihnen recht ist.“

Er seufzte. „Na schön, Carringo, ich will Ihnen nichts vormachen. Seit wieder einige Apachenbanden aus der San Carlos Reservation abgehauen sind, ist auf dieser Seite des Santa Cruz River der Teufel los. Alle meine Scouts sind draußen. Die halbe Fortbesatzung reitet auf Patrouille. Es stimmt, ich kann keinen Mann entbehren, und wenn ich überhaupt noch einen Trumpf habe, dann sind Sie‘s.“

„Bisschen zu viel der Ehre, fürchte ich. Ihr Whisky schmeckt ja nicht schlecht, Major. Echter Kentucky Bourbon, wie? Aber ich bin zur Zeit auf keinen Job aus. Ich will mir in Tucson mit alten Freunden ein paar gemütliche Tage machen, sonst nichts. Hab nur mal auf ein Hallo! bei Ihnen hier reingeschaut. Dreißig Dollar, haben Sie gesagt? Für einen Ritt durch die halbe Gilawüste? Gut und schön, Major. Ein Haufen Geld, wenn man bedenkt, dass ein Cowboy im Monat nicht mehr verdient. Aber zur Zeit hab ich alles mögliche im Sinn, nur nicht, mich da draußen in der Sandhölle schmoren zu lassen.“

„Hören Sie sich wenigstens an, um was es geht, Carringo.“ Er ließ nicht locker. Richtig bohrend sah er mich an.

„Wenn‘s sein muss.“ Ich stärkte mich mit dem Drink, stülpte das Glas jedoch um, ehe er wieder eingießen konnte.

Seine blauen Augen funkelten. „Bestimmt haben Sie von dem Überfall auf den Waffentransport in der Nähe von Maricopa gehört. Das war vor drei Wochen. Es stand in allen Zeitungen.“

Ich nickte. „Es heißt, es hat acht Tote gegeben. Üble Sache. Die Clinton-Brüder sollen dahinterstecken.“

„Sie wurden von den Überlebenden erkannt. Wo immer zur Zeit in Arizona eine Postkutsche oder eine Bank ausgeraubt wird, haben diese Teufel ihre Hände mit im Spiel. Droben bei Maricopa haben sie zwei Armeefrachtwagen mit hundert Gewehren, Munition, Sprengstoff und allem möglichen Ausrüstungszeug geschnappt. Der brutalste, blutigste Überfall seit Langem. Die Beute ist ein Vermögen wert.“

„Vorausgesetzt, sie wird an den richtigen Mann gebracht.“

„Die Clintons hätten garantiert keinen Finger gerührt, wenn es den nicht gäbe. Ein mexikanischer Banditenhäuptling, der sich irgendwo in den Bergen am Rio Sonoita versteckt hält und davon träumt, eines Tages als Präsident in die Hauptstadt einzuziehen. Er nennt sich El Rojo. Ein paar seiner Leute haben den Überfall mitgemacht. Hinterher haben ein Dutzend Armeepatrouillen nach ihnen, den Clintons und den geraubten Wagen gesucht. Aber die waren wie vom Erdboden verschluckt. Die Spur verlor sich in der Gila. Daraufhin wurde die Grenze kontrolliert. Späher haben das Gebiet von Maricopa bis Yuma durchstreift. Nichts. Bis gestern. Ein Pima-Scout hat den Schlupfwinkel der Bande in den Batamote Mountains aufgestöbert. Stellen Sie sich vor, Carringo: Drei Wochen lang haben diese gerissenen Halunken mitten in der Gila gehaust und darauf gewartet, dass die Apachen wieder mal Stunk machen, bevor sie selber mit ihrer Beute wieder auf den Trail gingen! Denn das Versteck war leer, die Spuren allerdings noch ganz frisch. Der Pima ist ihnen einen Tag lang gefolgt. Ergebnis: Sie ziehen zur mexikanischen Grenze. Sie wollen ihre Ware an den Mann bringen. El Rojo wird sie ihnen mit Gold aufwiegen. Dann aber, Carringo, wird entlang der Grenze die Hölle los sein.“

„Und Sie wollen es verhindern, indem Sie den Banditen die Besatzung von Camp Stonehill auf den Hals hetzen.“

„Es gibt nur diese Chance.“ Wilburn goss sich jetzt selber einen Drink ein. Alles an ihm war gespannt. Am liebsten hätte er sich selber in den Sattel geschwungen.

Er hatte mir Camp Stonehill auf der Karte gezeigt. Ein weltvergessener Armeeposten am Südrand der Gila, zehn, fünfzehn Meilen von der mexikanischen Grenze entfernt. Es waren etwa zwei Dutzend Männer dort stationiert, die ich nicht beneidete. Alle acht Wochen wurden sie von Einheiten aus Fort Lowell, Fort Crittenden oder Fort Huachuca abgelöst. Denn in jenem entlegenen Grenz- und Wüstenwinkel war es ungefähr genau so prächtig auszuhalten wie auf dem Mond. Der Major trat nun wieder an die Karte. Das Sternenbanner hing darüber an der Wand der Kommandantur.

„Natürlich werden die Clintons mit ihrer Fracht den kürzesten und schnellsten Weg einschlagen. Das heißt, wenn sie aus den Batamote Mountains raus sind, werden sie irgendwo zwischen der Ajo Range und den Mesquite Mountains zur Grenze vorstoßen. Weiter westlich versperren ihnen die Growler Mountains den Weg. Im Osten müssten sie mit den aufständischen Apachen rechnen. Das bringt sie, ob sie‘s wollen oder nicht, in die Nähe von Stonehill. Wenn Sie heute noch, am besten gleich, losreiten, Carringo, gelingt es den Männern dort vielleicht noch, den Schurken rechtzeitig den Weg zu verlegen. Hier ist die entsprechende Anweisung an den dortigen Kommandeur. Das beste Pferd im Fort steht auch schon für Sie bereit.“ Er legte ein braunes Kuvert vor mich.

Ich stand auf. Wahrscheinlich erkannte er die Ablehnung auf meinem Gesicht und begriff, dass er einen Fehler gemacht hatte. Ich war nun mal kein Mann, der sich mir nichts, dir nichts vor vollendete Tatsachen stellen ließ. Bevor ich etwas sagen konnte, hob er rasch eine Hand.

„Warten Sie, Carringo! Ich weiß, dass ich Ihnen keine Entscheidung aufzwingen kann. Ich weiß aber auch, dass Sie dennoch den Job übernehmen werden. Nicht für mich, nicht für die Armee, schon gar nicht wegen der dreißig Bucks, die ich Ihnen dafür bezahlen kann.“

„Sondern?“

Er kam um den Tisch herum. Mit ernster Miene legte er mir eine Hand auf die Schulter. „Sie haben davon gesprochen, dass Sie in Tucson alte Freunde treffen wollen.“

„Stimmt.“ Ich hatte auf einmal ein verflucht mulmiges Gefühl im Bauch. Wilburn war kein Bluffer, und bestimmt würde er nicht versuchen, mich reinzulegen. Er räusperte sich.

„Zu diesen Freunden gehört wahrscheinlich auch Old Charly Benson, der damals ebenfalls als Scout mit dabei war, als wir die Bande von Weißfeder in die Reservation zurückgebracht haben.“

„Stimmt auch. Was ist mit Charly?“

„Er ist tot, Carringo. Er hatte wieder mal einen Job bei der Armee angenommen. Er war einer der Fahrer des Waffentransports. Der erste, den‘s erwischt hat, als die Clintons plötzlich losgeschlagen haben. Tut mir leid.“

Ich starrte ihn an. Meine Augen brannten. Charly Benson, dieser alte, unverwüstliche, stets zu einem Scherz aufgelegte Haudegen von den Clinton-Brüdern und ihrem Anhang ins Jenseits befördert! Old Charly, der seinen letzten Tabak und den jämmerlichen Rest in seiner Sattelflasche mit mir geteilt hatte, als wir hinter den Apachen von Weißfeder her gewesen waren! Verdammt, das traf mich, das drehte mir den Magen um! Deshalb war Wilburn so sicher gewesen. Er kannte mich. Er wusste, dass ich weder zum Banditenjäger noch zum Revolverschwinger taugte.

Aber ebenso wusste er, was Freundschaft für mich bedeutete. Ich nahm das Kuvert mit Wilburns Dienstsiegel und schob es in die Innentasche meiner Wildlederjacke. Es war noch früh. Bis Sonnenuntergang konnte ich auf einem guten Pferd noch eine Menge Meilen schaffen.

„In einer halben Stunde bin ich unterwegs, Major“, erklärte ich entschlossen. Im selben Augenblick ahnte ich auch schon, dass es mit dem Rennen nach Camp Stonehill nicht getan sein würde. Zur Gewissheit wurde dies, als ich zwanzig Stunden, nachdem ich meine Verfolger entdeckt hatte, mein Pferd verlor … Aber alles der Reihe nach.

 

 

2

Kurz vor Sonnenuntergang erreichte ich die Tinaja Vieja am Westzipfel der Comobabi Mountains, die letzte Wasserstelle auf meinem Trail. Nach zwölf Stunden im Sattel hatte ich ein Gefühl wie von Gummi in den Knien. Meine Kehle war so trocken und aufgeraut, als hätte ich den Sand der halben Gila geschluckt Der Falbe hatte sich großartig gehalten, aber nun war er mindestens ebenso erledigt wie ich. Hier draußen in der Wüste zählten die Meilen und Stunden doppelt für Mensch und Tier. Ich musste mich zwingen, etwas von meinem Hartbrot und Dörrfleisch hinunterzuwürgen. Ich hatte nur einen Wunsch: Mich in meine Decken rollen und schlafen, schlafen, schlafen.

Es war Neumond, und ich hätte nur riskiert, dass mein Pferd sich ein Bein brach, wenn ich vor Tagesanbruch weitergeritten wäre. Da ich trotzdem mit „Besuch“ rechnen musste, suchte ich mir einen Lagerplatz ein ziemliches Stück oberhalb des Tümpels zwischen verwitterten Felsen.

Doch die Nacht verstrich, ohne dass ich von meinen Verfolgern etwas sah oder hörte. Die Sache mit dem Falben passierte am nächsten Morgen. Ich war kaum eine Stunde unterwegs. In dem hier rauen Gelände hatte ich noch nicht mal ganze drei Meilen geschafft. Endlich traten die mit Felsen bedeckten Hänge auseinander. Die Wüste lag als sanftwelliges Meer mit Inseln turmhoher Kandelaber-Kakteen vor mir. Im Süden ragten die zerklüfteten Flanken der Mesquite Mountains darüber auf. Irgendwo dort, vom Dunst verschleiert, lag mein Ziel. Vierzig Meilen. Eine Strecke, die für einen Reiter kein Problem war. Für einen Mann zu Fuß, noch dazu mit drei Jägern auf der Spur, konnten diese vierzig Meilen den Tod bedeuten.

Als der Falbe stürzte, bekam ich grade noch die Füße aus den Bügeln. Es riss mich trotzdem um. Ich rollte mich ab, sprang auf und wartete darauf, dass auch mein Kamerad Vierbeiner wieder auf die Beine kommen würde. Aber da hätte ich warten können, bis ich schwarz geworden wäre. Sein Versuch hochzukommen endete mit einem kläglichen Wiehern. Gleich darauf sah ich die Bescherung: Sein rechter Vorderhuf lag ganz verdreht. Das Bein war oberhalb der Fessel gebrochen. Schuld war ein mit Staub zugewehter, verlassener Erdhörnchenbau, in den der Falbe eingebrochen war.

Verdammt, das war ein Missgeschick, das überall passieren durfte, nur nicht in der Wüste und auf einem Ritt um Leben und Tod! Und ich hatte extra in der Nacht nichts riskieren wollen! Zuerst stand ich da, als hätte ich eine Keule auf den Kopf gekriegt. Dann hätte ich fluchen und toben mögen. Aber die Schmerzen, die ich in den Augen des röchelnden Tieres las, hielten mich davon ab. Da gab‘s keine Wahl. Ich hielt schon den Colt in der Faust, um es von seinen Qualen zu erlösen. Im letzten Moment fielen mir die Clinton-Reiter ein.

Ihr Ziel würde ebenfalls die Wasserstelle sein, und wenn ich jetzt abdrückte, dann hörten sie den Schuss. Dann konnten sie sich ausrechnen, was geschehen war. Vor allem waren sie dann gewarnt. Denn im selben Moment, als ich begriff, dass es keine Rettung mehr für mein Pferd gab, wusste ich auch, dass mir nur eine Chance blieb: Ich musste zurück, die Kerle abfangen und mir einen Gaul bei ihnen holen! So verwegen sich das anhört: Ich wollte keine Heldentat vollbringen, sondern ganz einfach nur am Leben bleiben.

Ich zögerte. Es gab Dinge, die mir mehr als verhasst waren und die ich trotzdem tun musste. Das einzig wahre Gesetz der Wildnis hieß immer nur: Überleben! Ich schob den Colt weg, zog stattdessen mein Bowiemesser. „Es muss sein, Amigo“, murmelte ich mit halb erstickter Stimme, als ich zu dem schweratmenden Pferd trat.

Es ging schnell und lautlos. Aber als ich mir dann meine Satteltaschen auf die Schulter schwang und die Winchester aus dem Scabbard fischte, hatte ich immer noch ein Würgen in der Kehle. Ich spähte in die Richtung, aus der ich gekommen war. Keine Staubfahne über den felsigen Kämmen verriet, dass mein „Gefolge“ die Tinaja Vieja ebenfalls schon verlassen hatte.

Aber ich durfte keine Zeit verlieren. Einer gegen drei. Da half nur die Überraschung als entscheidender Trumpf. Entschlossen stiefelte ich auf meiner Spur zurück. Immer wieder blieb ich stehen, verschnaufte und horchte, damit ich ihnen nicht plötzlich direkt in die Arme stolperte. Als es dann soweit war, hatte ich gerade noch Zeit, hinter einem Felsblock zu verschwinden.

Hufschlag. Die Ledertaschen glitten von meinen Schultern. Ich duckte mich, presste den Winchesterkolben an die Hüfte. Ich war nicht neugierig und rührte mich nicht, bis sie vorbei waren. Zehn Schritte hinter ihnen trat ich aus der Deckung, ließ den Repetierbügel schnappen und begrüßte sie mit einem schneidenden: „Lasst ja eure Schießeisen stecken, Muchachos!“

Sie zuckten zusammen, und ich erwartete, dass sie es trotz allem versuchen würden. Sie wussten ja, dass sie es „nur“ mit einem einzelnen Mann zu tun hatten. Und nach allem, was mir Major Wilburn erzählt hatte, stand für sie eine Menge auf dem Spiel: Reichtum oder Tod. Denn mit den acht Opfern, die ihr Überfall gekostet hatte, blühte den meisten von ihnen der Strick, wenn sie geschnappt wurden. Mein Ritt nach Stonehill würde es entscheiden. Es war eine Sekunde, in der alles auf Messers Schneide stand. Aber sie verstrich, ohne dass es zur Explosion kam.

Vorsichtig zogen sie ihre Gäule herum. Ich stand breitbeinig vor ihnen. Ich hatte mit drei Gegnern gerechnet. Nun sah ich, dass es nur zwei waren. Der in der Mitte trug die blaue Uniform der Kavallerie. Ein hagerer Typ mit Sichelbart. Seine Augen waren vom Staub und der Hitze entzündet. Ein Strick umschlang seine Handgelenke. Er ließ ihm gerade genug Spielraum für die Zügel. Weiß der Kuckuck, wo die Schufte ihn geschnappt hatten.

Vielleicht hatten Wilburns Blauröcke mitgekriegt, dass ich die Umgebung von Fort Lowell in Gesellschaft verlassen hatte. Möglich, dass der Major dann doch einen Mann hatte entbehren können – als Rückendeckung für mich. Wilburn hatte es gut gemeint, der Sichelbärtige vielleicht auch. Vorerst machte er jedoch nur eine ziemlich unglückliche Figur wie er da mit hochgezogenen, verkrampften Schultern auf seinem Braunen hockte und mich anstarrte, als wäre ich vom Mond gefallen.

Den Kerl links von ihm kannte ich. Nicht persönlich. Aber sein Bild war mir schon einige Male unangenehm aufgefallen. Zum letzten Mal hatte ich es auf einem Steckbrief in Wilburns Office gesehen. Ich hatte nicht vergessen, dass „tot oder lebendig“ darunter gestanden war. Dabei wirkte der Typ wie ein halbes Kind. Ein mittelgroßer Junge mit rundlichem Gesicht und Augen, die einem weiszumachen versuchten, dass er kein Wässerchen trüben könnte. In Wirklichkeit hatte er mindestens zwei Morde auf dem Gewissen. In Arizona kannte seinen Namen jedes Kind: Larry Clinton, genannt Babyface Clinton. Der „kleine“ Bruder des berüchtigten Bandenführers Bob Clinton. Zweitwichtigstes Mitglied des Vereins, der den alten Charly Benson auf dem Gewissen hatte. Ich brauchte ihn nur einmal anzusehen, da kam mir schon die Galle hoch.

Der dritte war ein klotziger Bursche. Seine Nase hatte irgendwann mit einem Stuhlbein oder Pferdehuf Bekanntschaft gemacht. Er war schon eher das, was man sich unter einem Killer vorstellte. Dazu passte auch das Arsenal von Waffen, das er mit sich herumschleppte: Zwei Colts, ein Sattelkarabiner, ein Bowiemesser und zu allem Überfluss auch noch eine Schrotflinte mit abgesägten Doppelläufen. Er hielt sie quer vor sich. Außerdem hing ein Patronengurt über seinem Oberkörper. Gegen Mr. Schiefnase wirkte Babyface Clinton wie ein Lamm. Gut, dass ich es besser wusste.

„Rechte Hand hoch!“, befahl ich. „Mit der linken pflückt ihr eure Kanonen, aber schön vorsichtig! Und dann weg damit! Du kannst mit deiner Schrotflinte gleich anfangen, Mister!“

Der Kerl knirschte mit den Zähnen. Babyface Clinton jedoch lächelte unschuldig. „Übernimmst du dich auch nicht, Amigo?“

Seine Rechte ruhte auf dem Oberschenkel Nur eine Spanne entfernt von seinem tief geschnallten Sechsschüsser. Ich ließ ihn in die Mündung meiner Winchester 73 gucken. „Ihr habt lange genug euren Spaß gehabt, Jungs. Jetzt bin ich dran. Also wird‘s bald? Nachher reden wir weiter.“

„Ein Spielverderber, Jake“, nickte der junge Clinton dem Schiefnasigen zu. „Aber an mir soll‘s nicht liegen. Tun wir ihm den kleinen Gefallen.“

Klar, er wollte Zeit gewinnen. Auch noch, als seine Rechte verdammt lange brauchte, bis sie in die Höhe kam. Ich blieb angespannt bis in die Fingerspitzen. Ich spürte, dass die Sache nicht so glatt weitergehen würde, wie sie angelaufen war. Um ein Haar hätten sie mich dann doch erwischt Ich achtete ja nur auf Larry Clinton und den Kerl mit der Waffensammlung. Irgendwie fiel mir dabei aber schon auf, dass ihr Gefangener keinen Versuch machte, sein Pferd von ihnen wegzubringen. Vielleicht aus Angst dass er mir in die Schusslinie geraten könnte, dachte ich.

Dann bekam ich gerade noch das wilde Aufglühen in seinen Augen mit. Der Strick, der um seine Handgelenke gewickelt war, flog im selben Moment weg. Seine Rechte war schon unter der vorn offenen Uniformjacke verschwunden. Ich ließ mich auf die Knie fallen. Keinen Sekundenbruchteil zu früh. Es blitzte und krachte. Der Schuss ging wie ein Peitschenhieb über mich weg. Der Revolver in der knochigen Faust des Schurken senkte sich sofort und deutete auf mich. Gleichzeitig griff Larry Clinton zur Kanone, und Mr. Schiefnase riss seine Parker-Gun hoch.

In so einem Augenblick überlegt man nicht, sondern handelt. Ich jagte dem Sichelbärtigen eine Kugel in die Brust, bevor er nochmals abdrücken konnte. Die Schrotflinte donnerte. Clintons Kugel schleuderte Steinsplitter auf mich. Ich hatte mich zur Seite geschnellt. Mein Vorteil, dass ich zu Fuß war. Der nächste Blitz zuckte nun aus meiner Winchester. Staub und Pulverdampf brodelten vor mir. Die Männer und die Pferde verschwammen darin zu Schatten. Clintons Gaul bäumte sich so heftig auf, dass sein Reiter den Halt verlor. Schreiend stürzte er in die graugelben Schwaden. Ich rollte herum, drückte den Winchesterbügel durch und erwartete den nächsten Bleisegen aus Schiefnases Parker.

Aber ausgerechnet dieser bis an die Zähne bewaffnete Bursche hatte nicht mehr den Nerv, es durchzustehen. Tief auf sein Pferd geduckt, jagte er zwischen den Hügeln davon. Babyface war da aus einem verflucht anderen Holz. Er hatte beim Sturz sein Schießeisen verloren. Keuchend, noch halb benommen, kroch er auf allen vieren darauf zu. Ich erreichte den Revolver vor ihm und stellte einen Fuß drauf. „Lass es gut sein, Clinton!“

Er starrte zu mir hoch. Das braune Haar hing ihm in die Stirn, und sein rundliches Gesicht wirkte auf einmal gar nicht mehr so jungenhaft. Ich erkannte die harten Konturen darin. Hass brannte in seinen Augen. Dann fuhr er hoch. So jäh und wild, dass ich nicht mehr dazu kam, ihn mit dem Winchesterlauf zu stoppen. Im nächsten Moment hätte ich seine Faust im Gesicht. Eine Menge Kraft und Wildheit steckten dahinter. Ich taumelte zurück, und er stürzte sich auf mich. Aber ich wollte ein Pferd, keine Prügelei. Deshalb machte ich es kurz. Ich drehte mich weg, als er wieder zuschlug und klopfte ihm das Gewehr übers rechte Ohr. Gerade mit so viel Schwung, dass es ihn für eine Weile in den Staub zwang.

Ich schüttelte mich. Jetzt erst wurde mir bewusst, wie raffiniert es die Schurken angefangen hatten. Sie hatten ja das Fernglas gehabt, erinnerte ich mich. Und nachdem sie keinen von meinem Falben aufgewirbelten Staub mehr gesehen hatten, waren sie misstrauisch geworden. Ich ging zu dem Sichelbart. Mein Schuss hatte ihn mitten ins Herz getroffen. Ich hätte viel dafür gegeben, wenn es nicht soweit gekommen wäre. Wilburn hatte mich als Kurier, nicht als Kämpfer angeheuert. Zu dem Zeitpunkt ahnte ich noch nicht, dass ich in den nächsten Tagen noch eine Menge mehr Pulverrauch riechen würde. Ich richtete mich gerade bei dem Verräter aus Fort Lowell auf, als Clinton wieder zu sich kam.

„Er hat euch wohl auch den Tipp mit dem Waffentransport gegeben, was? Wie viel habt ihr ihm dafür versprochen?“

Clinton starrte mich nur an. Ich hob die Winchester. „Schaff ihn zwischen die Felsen dort und deck ihn mit Steinen zu. Beeil dich ein bisschen. Ich hab viel Zeit verloren und noch einen langen Weg vor mir.“

Er rappelte sich auf. Ich bemerkte seinen lauernden Blick auf die beiden Pferde. „Rechne dir nichts aus!“ warnte ich ihn. „Es würde nur damit enden, dass du dem Sichelbart in der Hölle Gesellschaft leistest.“

„Was glaubst du, wie es für dich ausgeht, wenn mein Bruder Wind von der Sache kriegt!“, stieß er hervor.

Ich hob die Schultern. „Gib dir keine Mühe. So leicht packt mich das große Zittern nicht. Fang lieber mit der Arbeit an.“

Er wies mit einer Kopfbewegung auf den Toten. „Tyler hat mir erzählt, dass Wilburn dir dreißig Dollar für den Ritt nach Camp Stonehill bezahlt. Dreißig lumpige Dollar dafür, dass du hier draußen deinen Skalp riskierst!“ Er kam auf mich zu, ignorierte einfach das Gewehr, das ich ihm entgegenhielt. „Mann, du weißt doch, um was es geht! Um ein Vermögen, wenn wir die Wagen mit den Waffen, der Munition und dem Sprengstoff über die Grenze zum Rio Sonoita schaffen! El Rojo zahlt mit Gold. Und wenn du nur einen Funken Grips unter deinem Haar hast, dann kannst du die zehnfache Summe kassieren, die der Major dir geboten hat. Du brauchst nur …“

Er war nicht auf den Kopf gefallen. Meine Miene, mein Blick waren ihm Antwort genug. Er zuckte die Achseln. „Na schön! Die Narren sterben ja bekanntlich nie aus. Aber sie werden nicht alt. Vor allem nicht in diesem Land. Reite nur! Schlag nur bei den Burschen in Camp Stonehill Alarm! Du wirst dich wundern, was dabei rauskommt. Sollen sie nur versuchen, Bob und seine Leute aufzuhalten. Schaffen werden sie‘s nicht, darauf geb‘ ich dir mein Wort!“

„Ich werde nicht allein reiten“, erwiderte ich kalt. „Wenn du Tyler beerdigt hast, kommst du mit.“

Seine Miene spannte sich. Er wurde tatsächlich ein bisschen fahl um die Nase. „Du weißt, dass die Blauröcke mir den Prozess machen und dafür sorgen werden, dass ich hänge.“

Ich dachte an Charly Benson und die anderen Toten, die er und seine Kumpane auf dem Gewissen hatten. „Du wirst nur hängen, Clinton, wenn du es verdienst.“

Seine Lider sanken halb herab, seine Fäuste verkrampften sich. Plötzlich lächelte er wieder, und dieses Lächeln verlieh seiner Drohung mehr Gewicht, als wenn er sie mir ins Gesicht geschrien hätte. „Ich wette, ich überlebe dich! Ich werd‘ als verteufelt reicher Hombre in Mexiko oder Kalifornien sitzen, wenn dich längst die Geier gefressen haben!“

 

 

3

Es dauerte gar nicht mal so lange, bis mir seine Worte keineswegs mehr so hochnäsig und aus der Luft gegriffen vorkamen. Am nächsten Vormittag, als ich die Mauern von Camp Stonehill an einem Hang über mir leuchten sah, war ich allerdings noch andrer Meinung. Da war ich überzeugt, dass ich meinen Job erledigt hatte und alles Weitere Sache der Blauröcke sein würde. Der Armeeposten lag auf einer an den Berg wie hingeklebten Terrasse. Ein gut zu verteidigender Platz mit Blick auf die Gilawüste. Aber ein Ort so weit weg von allem, was Leben hieß, dass ich hier nicht mal hätte begraben sein wollen. Ein schmaler Reitpfad schlängelte sich zwischen Felsblöcken und dicht wuchernden Mesquitesträuchern am Hang empor.

Vorerst sah ich von Camp Stonehill außer dem Schutzwall aus Felsbrocken und Lehmziegeln, der die Terrasse abriegelte, nur den Mast mit dem schlaffen Sternenbanner. Keine Bewegung, kein Laut. Und doch mussten sie uns dort oben seit mindestens – einer Stunde gesehen haben. Noch immer hing eine lange Staubfahne in der heißen, unbewegten Luft hinter uns. Babyface Clinton warf mir einen Blick zu, der hieß: Jetzt kannst du‘s dir noch überlegen!

Aber ich hatte meine Entscheidung bereits in Fort Lowell gefällt. An ihr gab‘s nichts zu rütteln. Seit wir aus den Hügeln an der Tinaja Vieja gekommen waren, hatte Clinton nichts mehr versucht. Auch in der Nacht nicht. Ich hatte ihm rohlederne Armbänder verpasst. Alles andere hatte die Wüste besorgt: Zehn oder zwölf Stunden im Sattel, von kochender Luft umwabert, die dir die Haut verbrennt, den Schädel mit Blei füllt und dich dazu treibt, dass du alle Stunde zur Wasserflasche greifst, weil du glaubst, du schaffst es sonst nicht – das lässt auch einem Kerl wie Larry Clinton die Lust auf irgendwelche Tricks vergehen.

Er war die ganze Zeit friedlich neben mir geritten. Kein einziges Mal hatte er sich nach seinem Freund Schiefnase umgeschaut. Der hielt es offenbar sowieso für wichtiger und vor allem auch gesünder, erst mal Bob Clinton und seine Truppe ins Bild zu setzen. Irgendwo da draußen in der glühenden Weite waren diese Kerle mit den mit Blut und Menschenleben bezahlten Armeefrachtwagen auf dem Weg zur Grenze. Ich deutete mit der Winchester auf den Pfad vor uns.

„Worauf wartest du? Ich dachte, du hast Sehnsucht nach ein bisschen Schatten und einem Winkel, wo du die Blasen an deinem Hintern ausheilen lassen kannst!“ Ich grinste dazu. Meine Lippen schmerzten. Die verbrannte Haut spannte sich über meinen Wangenknochen.

Ich brauchte nur ihn anzusehen, um eine Vorstellung davon zu bekommen, wie ich selber aussah: Unrasiert, hohläugig, mit aufgesprungenen Lippen und von Stetsonkrone bis Stiefelabsatz mit einer dicken Staubschicht bedeckt. Mir schien, als wäre ich nicht Tage, sondern Wochen unterwegs gewesen. Genauso fühlte ich mich auch.

Zum ersten Mal machte Babyface seinen Mund auf. Seine Stimme war ein Krächzen, aber ich verstand ihn recht gut. „Du bereust es, Carringo!“ Das war alles. Es klang wie ein Schwur.

Dann trieb er sein Pferd vor mir her. Ein paar Minuten später lernten wir Sergeant Joe Bull Donovan kennen, und damit fing dann eigentlich alles erst richtig an. Es war bezeichnend, dass Donovan bei dieser ersten Begegnung ein Gewehr in den Fäusten hielt, dessen Mündung auf mich zielte. Clinton und ich waren auf halber Höhe am Hang.

„Weit genug!“, erklang es wie das Grollen eines gereizten Löwen hinter uns. Noch unmissverständlicher war das Schnappen eines Gewehrschlosses. Ich erstarrte. Das Spiel von gestern, als ich auf Babyface und seine Kumpane gewartet hatte, schien sich zu wiederholen, nur dass ich diesmal der Überrumpelte war.

Steine klirrten. Rechts von mir bewegten sich Schatten zwischen Felsen und Mesquites, verschwanden aber gleich wieder. Ich hielt die Rechte vom Körper weg, als ich den Braunen wendete, auf dem Tyler, der Verräter, in den Tod geritten war. Auch Clinton zog sein Pferd herum.

Mitten auf dem Pfad stand ein Berg von Mann, der in die blaue, verwaschene, staubbedeckte Uniform wie hineingezwängt wirkte. Ein schwerer Armeerevolver hing an seinem Koppel. Die drei Winkel an jedem Ärmel wiesen ihn als Sergeant aus. Er trug eine verbeulte Feldmütze auf dem borstigen, rotblonden Haar. Sein Halstuch war ausgefranst. Die obersten Jackenknöpfe standen offen. Auf ein Paradefeld hätte er nicht gepasst. Ansonsten strotzte er vor grimmiger Entschlossenheit. Sein breitflächiges, derbes Gesicht wirkte wie aus einem Felsen gehauen. So, als hätte der Künstler vergessen, ihm dann noch den letzten, entscheidenden Schliff zu geben. Ein Gesicht wie ein Teil dieser verbrannten, rauen Landschaft.

„Hallo, Serg!“, grüßte ich friedlich. Wahrscheinlich hätte er auch nicht die Miene verzogen, wenn ich jetzt im Sattel einen Kopfstand vorgeführt hätte.

Die Mündung seiner Spencer deutete kurz auf Clinton. „Wer er ist, weiß ich. Und wenn du nicht willst, dass in einer Sekunde meine Knarre losgeht, dann spuck schnell aus, Freundchen, wer du bist und welcher Wind dich ausgerechnet mit Babyface Clinton hierher geweht hat!“

Das war nicht gerade der Empfang,. den ich mir nach einem Drei-Tage-Ritt durch die Gila vorgestellt hatte. Rechts von mir tauchten nun zwei weitere Kerle in nicht mehr ganz taufrischen Uniformen zwischen den Sträuchern auf. Ihre Namen erfuhr ich später. Neal Meritt, der mit den Corporalstreifen, war ein drahtiger, schwarzhaariger, kohleäugiger Typ. Mein erster Eindruck von ihm: scharf wie ein Rasiermesser. Sein schmales Gesicht besaß einen leichten Bronzeton. Er hatte entweder einen Schuss Indianer- oder Mexikanerblut in den Adern. Dave Kirby war jünger, kräftiger. Ein Brocken von Kerl. Aber neben einem Bullen wie Donovan fiel das nicht weiter auf. Sein knochiges Gesicht mit den funkelnden blauen Augen wirkte angriffslustig.

„Mein Name ist Carringo“, begann ich meinen Spruch. „Kurier aus Fort Lowell. Wenn du von deinem Boss keine Zigarre verpasst bekommen willst, Serg, dann bring mich schnell zu ihm.“

Das Funkeln in Kirbys Augen verstärkte sich. „Für meinen Geschmack reißt er sein Maul ein bisschen zu weit auf, Bull. Was meinst du?“

„Was ist los mit euch, Jungs?“, knurrte ich. „Ich geb‘ ja zu, dass ich nicht wie ein Gentleman aussehe. Gegen ein Bad und eine Rasur hab ich auch nichts einzuwenden. Das ist doch noch lange kein Grund, mir drei geladene Schießeisen vor den Bauch zu halten. Verdammt noch mal, ich bin kein verkleideter Apache, sondern …“

„… Kurier aus Fort Lowell!“ Der Sergeant spuckte es förmlich aus. „Und wie kommst du an Bob Clintons kleinen Bruder, he?“

„Das werd‘ ich deinem Kommandanten erzählen, Mister! Und verlasst euch drauf, Jungs, der wird euch dann so auf Trab bringen, dass ihr so schnell keine Langeweile mehr habt! Mann, Serg, vielleicht bringst du‘s endlich in deinen Schädel: Ich hab‘s eilig! Major Wilburns Brief brennt mir beinahe auf der Haut!“

„Zeig her!“ So was von Misstrauen. Er stand da wie ein Klotz, und die Mündung seiner verfluchten Spencer starrte mich wie ein schwarzes Todesauge an. Ich dachte, er wollte das Dienstsiegel sehen, dann sei die Sache erledigt. Deshalb zog ich das Kuvert hervor und wedelte damit.

„Schnapp dir den Wisch, Kirby!“, befahl Donovan. Der junge, stämmige Soldat bewegte sich sofort mit schussbereiter Waffe auf mich zu.

„Moment!“, rief ich wütend. „Das ist eine Anweisung an den Kommandierenden von Camp Stonehill, die ich persönlich zu überreichen hab! Serg, ich finde, du gehst ein bisschen zu weit!“

„Keine Zicken, Mann! Her damit!“, schnauzte Kirby. Dann war ich das braune Kuvert mit Wilburns schriftlichem Befehl schon los.

„He, Amigos, habt ihr vielleicht ‘ne kleine Meuterei veranstaltet?“, mischte sich Babyface mit einem Unschuldslächeln ein. Er bekam keine Antwort. Aber der Gedanke hatte mich ebenfalls siedend heiß durchzuckt. Weiß der Teufel, auf welche Ideen Männer kamen, die acht Wochen lang an so einem Fleck am Ende der Welt aushalten mussten. Tag für Tag immer nur die Wüste vor Augen und dieselben Gesichter um sich herum. Nichts als Staub, Hitze, Einsamkeit. Wenn da ein Offizier vielleicht anfing, verrückt zu spielen und die Mannschaft zu hunzen …

Ich fuhr zusammen, als Kirby, der rückwärts neben Donovan getreten war, jetzt einfach den Umschlag aufriss. Er holte Wilburns Schreiben heraus und begann laut zu lesen: „,An den Kommandierenden von Camp Stonehill. Betrifft Überfall der Clinton-Bande auf den Waffentransport im Abschnitt Maricopa. He, Bull, das ist ja wirklich ‘ne brandheiße Sache!“

Ich biss die Zähne zusammen, ballte die Fäuste. Meritt passte nun wie ein Schießhund auf mich auf. „Gib her!“, brummte der Sergeant und nahm Kirby das Blatt aus der Hand. Rasch überflog er die Zeilen. Sein Gesicht verfinsterte sich dabei immer mehr. Dann knäulte er das Papier nicht einfach zusammen und schleuderte es weg. Er faltete es sorgfältig und schob es wieder ins Kuvert.

„Ihr könnt eure Kanonen wegnehmen, Leute“, erklärte er zu meiner Überraschung. „Der Junge ist in Ordnung. Da steckt kein fauler Trick dahinter, um Babyface Clinton in unsere Burg zu lotsen. Schätze, Clinton hatte einiges dagegen, dass du uns hier besuchst, Carringo.“ Das sollte wohl eine Entschuldigung sein. Er grinste nun. Es sah aus, als müsste er es erst lernen.

Ich zeigte ihm die Zähne. „Hoffentlich fällt dir jetzt eine gute Erklärung für deinen Boss ein, Serg.“

„Nicht nötig. Ich bin der Boss. Die ganze einsatzfähige Truppe von Camp Stonehill steht vor dir.“

Ich wusste sofort, das war weder ein schlechter Witz noch sonst was in der Richtung. Wahrscheinlich hab ich ihn angestarrt, als wären ihm plötzlich Flügel oder Hörner gewachsen. Aber keiner von ihnen fand‘s komisch. Sergeant Joe Donovan, den seine Gefährten Bull nannten, spuckte heftig aus.

„Cholera!“, war seine ganze Erklärung. Mehr war auch nicht nötig. Trotz der Hitze fror ich plötzlich.

Details

Seiten
129
Jahr
2020
ISBN (eBook)
9783738946765
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2020 (November)
Schlagworte
sergeant bull
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Titel: Sergeant Bull