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Verfolgungsjagd im Blizzard

2020 121 Seiten

Zusammenfassung

Auf der Flucht vor einer ungerechtfertigten Mordanklage fliehen Vater und Sohn Anderson mit der Witwe des toten ersten Sohnes fort von der kleinen Stadt Teton. Sie werden vom Sheriff und einem Aufgebot unter der Führung des rachsüchtigen Ranchers Burke verfolgt. Ein ungeheurer Schneesturm verändert jedoch für alle das Leben unwiderruflich.

Leseprobe

Table of Contents

Verfolgungsjagd im Blizzard

Copyright

1

2

3

4

5

6

7

8

9

Verfolgungsjagd im Blizzard

Western von Glenn Stirling

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 121 Taschenbuchseiten.

 

Auf der Flucht vor einer ungerechtfertigten Mordanklage fliehen Vater und Sohn Anderson mit der Witwe des toten ersten Sohnes fort von der kleinen Stadt Teton. Sie werden vom Sheriff und einem Aufgebot unter der Führung des rachsüchtigen Ranchers Burke verfolgt. Ein ungeheurer Schneesturm verändert jedoch für alle das Leben unwiderruflich.

 

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

Alfred Bekker

© Roman by Author

© COVER FIRUZ ASKIN

© dieser Ausgabe 2020 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

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1

Als ich Emilys entsetzten Schrei hörte, wusste ich, dass ich zu spät gekommen war.

Die Tür zum alten Stall stand offen. Triefend vor Nässe trat ich ein und sah Emily, die neben Thor kniete, von dem ich allerdings nur die Beine entdeckte. Aber ich kannte seine Stiefel, die er noch aus seiner Kavalleriezeit trug. Und niemand sonst in dieser Gegend, um Teton herum, besaß solche Stiefel wie er. Als sie mich näherkommen hörte, drehte sich Emily um, blickte mich kreideweiß im Gesicht an, die Augen weit aufgerissen, ihr sonst so ebenmäßiges Gesicht entstellt zur Fratze des Entsetzens.

Ich blickte an ihr vorbei auf meinen Bruder und hätte ihn fast nicht erkannt. Sein Gesicht war grauenhaft entstellt, die Kleidung aufgerissen, die nackte Brust blutverschmiert.

Bebend stammelte Emily: „Warum – warum nur?“

Ich kannte den Grund nicht. „Ist er tot?“, fragte ich.

Sie sah mich so hilflos an, dass ich dachte: Sie weiß es gar nicht. Sie hat es noch nicht einmal nachgeprüft. Wahrscheinlich hält sie ihn für tot.

Ich kniete mich neben ihn, untersuchte ihn, hielt ihm dann sogar die blanke Fläche meines Messers vor den Mund in der Hoffnung, dass die Klinge beschlagen könnte. Aber sie beschlug nicht. Er war wirklich tot.

Thorgeir Anderson, dreiundzwanzig Jahre jung, und Emily war seine Frau. Man hatte ihn erschlagen, zertrampelt, verstümmelt, wie es der Mensch nicht einmal mit einem Tier tut, selbst wenn es tollwütig ist.

Der alte Jake Quinnon, der mich gerufen hatte, war in den Stall getreten und kam mit schlurfenden Schritten auf uns zu. „Diese Schweine“, sagte er, „die taugen alle nichts!“

In mir kam eine jähe Wut hoch. „Wer von dieser Bande ist es gewesen?“, fragte ich und sah den alten Quinnon an.

Er zuckte die Schultern. „Keine Ahnung!“ Er starrte wie gebannt auf meinen toten Bruder. „Ich habe ihn gern gehabt. Er war ein netter Junge. Immer freundlich, immer ein Lied auf den Lippen. Warum sie es wohl getan haben?“

„Ich muss mich um Emily kümmern“, sagte ich. „Weiß es der Sheriff schon?“

„Ja, ich habe es einem der Mädchen gesagt. Ich nehme an, er wird bald hier sein. Aber versprich dir nichts davon. Er gehört zu Burkes Leuten. Der steht genauso auf der Lohnliste vom alten Burke wie all diese Jungs, die das Vieh mit seinem Brandzeichen treiben.“

„Ich mach dem alten Burke keinen Vorwurf“, erwiderte ich und dachte an die Zeit, da ich als sein Vormann die texanische Herde heraufgetrieben hatte, bis hier hoch nach Nord Dakota. Da war ich sein Vormann gewesen, ein Mann seines Vertrauens. Und eigentlich empfand ich auch jetzt keinen Groll gegen ihn. Was konnte der alte Mann dafür, dass er einen Sohn besaß, der danebengeraten war? Einen Teufel, der noch ein paar junger Teufel um sich geschart hatte, die nichts weiter konnten, als die Menschen zu drangsalieren und nicht nur die Menschen, auch die Tiere. Schon die Art, wie sie mit ihren Pferden umgingen, versetzte mich jedes Mal in Zorn. Und das war auch der Grund, warum ich von dort weggegangen war. Der Alte hatte das sehr bedauert, damals, und ich hatte es nie fertiggebracht, ihm den Grund zu nennen. Den wahren Grund, dass mir die Gegenwart seines Sohnes, den ich tagtäglich um mich hatte, einfach zu unerträglich war. Eines Tages, das wusste ich, musste ich diesen Jungen zusammenschlagen. Und das wiederum wollte ich dem Alten nicht antun. Aber jetzt, jetzt half wohl gar nichts mehr. Jetzt würde ich es tun müssen.

„Vielleicht war es Linus selbst“, meinte der alte Quinnon. „Für deinen Vater wird es furchtbar.“

Ich nickte. Ja, dachte ich, Pa hat an ihm immer sehr gehangen. Sein Thorgeir war sein Ein und Alles. Manchmal bin ich schon ziemlich neidisch gewesen deswegen, eifersüchtig auf Thor. Später erst habe ich meinen Vater verstanden. Thor war lange krank gewesen als Kind. So etwas versetzt die Eltern in Sorge. Und dann war Thor seiner Mutter so ähnlich, an der wiederum hatte Pa gehangen, hing er eigentlich heute noch, obgleich sie schon acht Jahre tot war. Und er sah in Thor immer die Mutter, die vielen ähnlichen Charakterzüge, die beide gemeinsam hatten. Jetzt würden sie im Himmel zusammen sein. Thor und seine Mutter.

„So etwas in dieser Zeit zu tun, um Weihnachten herum, ist doch grausam“, meinte der alte Quinnon. „Nur die Burkes, denen nichts heilig ist, können …“

Ich schüttelte den Kopf. „Du kannst sie nicht alle miteinander verurteilen. Der alte Harry ist in Ordnung, das sage ich auch jetzt noch.“

„Nun gut“, gab Quinnon zu, „aber die anderen. Ich glaube, du musst gehen und deinen Vater holen. Ich kümmere mich hier um alles“, meinte Quinnon. „Und nimm sie mit, lass sie nicht hier.“ Er blickte auf Emily.

Ich nickte, beugte mich zu ihr herab, ergriff ihre Schultern. Sie zuckte schaudernd unter dieser Berührung zusammen.

„Ich bin es doch, Emily. Ich werde dir beistehen. Du bist nicht allein.“

Sie blickte mich aus tränenfeuchten Augen an, sagte schluchzend: „Warum haben sie es getan? Warum nur?“

„Ich werde sie das fragen“, sagte ich ruhig, und genauso meinte ich es. Ich würde hingehen und sie fragen. Es war mir ganz gleich, was dabei herauskam. Und es war mir auch völlig klar, dass es nicht spurlos an den Burschen und an mir vorbeigehen würde. Eine eiskalte Wut war über mich gekommen. Eine Wut, die nicht nach Folgen fragte, sondern nur eins kannte: brutale Abrechnung. So wie Thor hier lag, so fürchterlich zugerichtet, das konnte nicht einfach hingenommen werden. Nicht hier, wo jedes kleine Kind wusste, wie mächtig die Burkes waren, und dass ihr Einfluss die Behörden ebenso bestimmte wie sämtliche dieser kleinen Handwerker, die allesamt von Burkes S-Ranch abhängig waren.

Bevor ich ging, blickte ich noch einmal Emily an. Sie wandte mir den Rücken zu, und ihre Schultern bebten vom Schluchzen. Sie trug zufällig jenes blaue Kleid, das sie schon damals angehabt hatte, lange vor der Hochzeit mit Thor, zu einer Zeit, da ich eigentlich näher befreundet gewesen war mit ihr als Thor. Aber dann hatte sie doch Thor genommen. Vielleicht, weil ich damals, als Harry Burkes Vormann, über viel zu wenig Zeit verfügte und selten genug zu ihr gekommen bin. Sie aber, die Tochter des französischen Siedlers, wohnte sehr nah bei der Farm, die mein Vater mit Thors Hilfe errichtet hatte. So sahen sich Thor und Emily eben viel öfter, als ich dazu Gelegenheit gehabt hätte.

Aber damals, als sie das Kleid trug, dieses blaue Kleid, da waren wir uns doch recht nahe gekommen. Ich war es gewesen, und nicht Thor, der ihr den ersten Kuss ihres Lebens gegeben hatte. Ihr, dem siebzehnjährigen Mädchen. Damals noch voller Hemmungen, steif im Benehmen und eckig in den Bewegungen. Aber sie hatte mir gefallen, die Tochter unseres normannischen Nachbarn. Dieses blonde, langbezopfte Mädchen mit den großen, blauen Augen. Ich hatte sie immer im Geiste vor mir gesehen, wenn ich allein und einsam bei den Herden war. Ja, und dann war sie doch nicht meine, sondern meines Bruders Frau geworden. Auch da hätte ich eifersüchtig sein können und war es eigentlich doch nicht, von einem kurzen Augenblick des Zornes abgesehen, des Zornes oder der Enttäuschung. Ich könnte heute nicht mehr sagen, was mich da mehr beherrscht hatte.

Und jetzt lag Thor vor mir. Was empfand ich? Eigentlich nichts außer einem Hass auf jenen oder jene, die es getan hatten, und tiefe Trauer. Eigentlich mehr Trauer meines Vaters wegen, Emilys wegen, denn so sehr nahe hatten Thor und ich uns nie gestanden. Trotzdem, er war mein Bruder, und es war ein Schmerz, der weh tat.

„Komm mit“, sagte ich. „Komm, Emily!“

Sie schüttelte den Kopf, aber ich zog sie sanft, doch unwiderstehlich von ihm weg, nahm eine der Decken, die dort neben den Sätteln hingen, legte sie über Thor. Als ich es tat, da schrie sie auf, fiel wieder auf die Knie, aber ich zog sie zur Seite, half ihr auf die Beine und legte meinen Arm um sie.

Ich spürte, wie sie zitterte, und ich spürte zugleich die Wärme ihres Körpers an meiner Hand. Erst in diesem Augenblick fiel mir auf, dass ich triefend nass war und ihr Kleid durchnässen würde. Ich löste den Arm von ihr, murmelte eine Entschuldigung, aber sie reagierte überhaupt nicht darauf. Sie taumelte hinaus auf die Straße, wo der Regen die Fahrbahn in tiefen Morast verwandelt hatte. Es schüttete vom Himmel, und dabei war es kalt, gerade ein wenig über der Frostgrenze. Der Wind peitschte den Regen gegen die Hauswände dieses kleinen Ortes.

Es ist erstaunlich, sagte ich mir, dass die Leute nicht wie sonst vor Neugierde auf die Straße drängen, sondern in ihren Häusern bleiben. Am Regen kann es nicht liegen. Ich erinnerte mich an einen Vorfall, der vor einigen Wochen stattgefunden hatte, wo während eines furchtbaren Gewitters jemand vom Blitz erschlagen worden war. Trotz der Gefahr, den gleichen Tod zu sterben, waren Dutzende von Menschen aus den Häusern geströmt und zu jenem Platz hingelaufen, wo der Tote lag. Aber hier kam keiner.

Aber einer kam doch, Pete Blakely, der Sheriff von Harry Burkes Gnaden. Ein Mann, der genau wie Burke und ich aus Texas stammte, eine kleine Herde gehabt und sie mit Harry Burkes Rindern hier heraufgetrieben hatte. Schon unterwegs war er immer sehr aufsässig gewesen, aber Burke wusste genau, wie man mit Menschen umging. Der alte Burke hatte ihn zum Sheriff gemacht. Sein Vorschlag war einstimmig von der Bevölkerung angenommen worden. Und seit seiner Ankunft gab es Teton, und diese junge Stadt gehörte ganz und gar ihm. Es war Burkes Stadt.

Ich brachte Emily zu Jake Quinnons Frau, die offenbar von ihrem Mann schon wusste, was passiert war. Die alte Dame nahm sich Emilys an, führte sie ins Haus, während ich umkehrte und Blakely entgegenging, der in Richtung auf den alten Stall über den hölzernen Gehsteig balancierte wie ein Seiltänzer. Er war ein großer, schwerer Mann, unter dessen Gewicht sich die Bohlen bogen und jeden Augenblick durchzubrechen drohten. Als er mich sah, winkte er mir zu, und wie immer zeigte er sich äußerst freundlich.

Mir wäre manchmal lieber gewesen, man hätte sich mit ihm streiten können. Aber mit ihm konnte sich niemand streiten. Er gab immer nach und schoss seine Pfeile von hinten ab.

„Mein Beileid. Ich habe es eben vom alten Quinnon erfahren“, sagte er. Die Trauer kam ihm so ölig von den Lippen wie alles, was er sagte. Aber ich erwartete von ihm kein Mitgefühl. Er brauchte sich da keine Mühe zu geben.

„Ich werde der Sache natürlich nachgehen“, behauptete er.

Wäre mir nicht so elend zumute gewesen, ich hätte gelacht, aber ich konnte nicht lachen. Ich blickte in sein feistes Gesicht und dachte: Die Zeit, die du hier lebst, bist du ganz schön fett geworden. Deine Herde hast du verkauft, an Burke natürlich, und nun bist du sein Sheriff. Nur ein einziges Wort, das du gegen ihn sprichst oder gegen seine Sippe, würde dir diesen schönen, blinkenden Stern an deiner Brust wieder nehmen. Also wirst du nichts tun, was gegen deine Interessen ist, gegen deinen Wohlstand und gegen deine Ruhe, die du hier gefunden hast.

„Schon gut“, sagte ich und wollte weitergehen.

„Einen Moment, Erik. Ich würde an deiner Stelle nichts tun“, riet er mir. Diesmal machte er ein ernstes Gesicht. „Ich kläre die Sache auf, und wenn was dran ist, dann wird auch was geschehen.“

Jetzt konnte ich es mir nicht mehr verkneifen, kurz aufzulachen. Es war höhnisch genug, und er musste es begreifen.

„Ich meine es ernst“, wiederholte er. „Tue nichts, es ist meine Sache!“

„Gib mir keine Ratschläge. Ich weiß selbst, was ich tun muss, und das werde ich tun. Ich werde herausfinden, wer es war, denn du wirst es nie herausfinden.“

„Irre dich nicht, und leg dich nicht mit mir an! Es wäre sehr dumm. Wir können gute Freunde sein. Wir haben uns auch immer gut verstanden über den weiten Weg von Texas herauf.“

Welch ein Hohn, dachte ich. Er und ich haben uns nie verstanden. Er hatte bloß immer Angst, dass von seinen Rindern eines umkommen könnte. Er hat mir Querelen gemacht, wo er konnte. Gut verstanden, welch ein Witz!

Ich wandte mich um und ging einfach weiter. Es war mir zu dumm. Die Sache lief genauso, wie ich es erwartet hatte. Wie konnte ich nur hoffen, dass es um ein Quäntchen anders kommen würde?

Ich ging in den Saloon, nicht um meinen Kummer zu betäuben etwa mit Alkohol, sondern um mit Calvin zu sprechen. Und wie immer, stand er an der Theke, spülte seine Gläser, wischte auf der Kupferplatte herum und sah mir aus schmalen Augen entgegen. Daran erkannte ich, dass er Bescheid wusste. Natürlich wussten sie alle Bescheid; das konnte ja nicht geräuschlos über die Bühne gegangen sein.

„Einen Doppelten?“, fragte er.

Ich nickte. „Du weißt natürlich auch nichts!“ Das sagte ich mehr wie eine Feststellung denn als eine Frage.

„Natürlich nicht“, erwiderte er, während er einschenkte. „Ich bin ja kein Selbstmörder. Was ich weiß, weißt auch du. Und wer es von ihnen war, das kann ich dir auch nicht sagen. Warum willst du mit mir streiten? Ich habe nichts daran ändern können. Und ich hätte etwas daran geändert, wenn es mir möglich gewesen wäre.“

Ich hatte ihn verstanden. Sie waren also allesamt dagewesen, alle elf. Der junge Burke, und seine wilde Mannschaft, diese Teufelsbraten, die er um sich versammelt hatte. Im Grunde war es der Fehler des alten Burke, dem Jungen das Vorwerk zu geben, wo er selbständig schalten und walten konnte, wie er wollte. Wo es ihm möglich gewesen war, eine eigene Mannschaft aufzustellen, die nur er zu befehligen hatte.

Ich konnte Calvin gut leiden. Er war an sich ein aufrichtiger Mann, aber da er auch den Store besaß und Burke sein Hauptkunde war, musste er es mit den Burkes halten. Er konnte sich nicht gegen Burke stellen. Das hätte bedeutet, die eigene Existenz zu zerschlagen.

„Ich billige nicht, was sie tun“, sagte er. „Aber solange Harry bloß darüber lacht, wenn sie sich wieder einen bösen Scherz erlaubt haben, so lange wird es hier keine Gerechtigkeit geben. Ich habe immer gehofft, dass er einmal durchgreift. Aber er tut nichts dergleichen. – Willst du noch einen?“

Ich hatte ausgetrunken und schob ihm das leere Glas zu. „Danke! Zuviel ist ungesund. Nun gut, ich werde mit ihm reden.“

„Mit dem Alten?“, fragte er überrascht.

Ich nickte. „Ich habe keine Angst, mit ihm zu reden. Ich bin lange genug sein Vormann gewesen.“

„Ja, das war auf dem Treiben. Das waren noch andere Zeiten. Jetzt ist er groß und mächtig geworden. Jetzt hat er nicht bloß ein paar Wagen und seine Rinder. Jetzt gehört ihm doch fast alles hier. Und es wird noch was dazukommen. Diese ganzen kleinen Siedler, die kleinen Farmer und so weiter, können sich doch gar nicht halten. Er schluckt sie, einen nach dem anderen. Und weißt du, was ich manchmal denke?“ Er beugte sich vor und flüsterte: „Ich denke manchmal: das, was der Junge tut, das passt ihm schon richtig in den Kram. Sieh mal, dein Bruder, dein Vater und der Franzose, Emilys Vater, diese Leute sind ihm doch im Wege. Was der Junge da getan hat, das hat er schon dreimal bei anderen gemacht. Sie sind auch weggegangen. Es ist doch am Ende so, dass das Opfer nachher noch schuld sein soll. Der arme Junge Linus, der ist ja regelrecht herausgefordert worden. Der musste sich ja wehren. Nun hat er dem einen seine Farm angezündet und dem anderen das Vieh weggetrieben, und alles ist weiter nichts als die Antwort auf eine Herausforderung, an der natürlich die Siedler schuld sind. So sieht es doch aus! Und glaubst du, wir machen was dagegen? Gar nichts!“

Ich blickte ihn an. Er hatte ja recht. Aber warum muss ein Mensch immer nachgeben, wenn ein Stärkerer einen langen Schatten wirft, der schließlich das ganze Land einhüllt? Wieso muss man weichen, wenn ein Starker kommt? Wenn es also stimmt, was er sagt, dass der Alte den Jungen tun lässt, was er will, weil das Ganze in seinem Sinne ist, dann ist nicht der Junge, dann ist der Alte ein Verbrecher. Aber das konnte ich nicht glauben. Ich wollte es auch nicht glauben.

„Wenn du ein Narr bist“, sagte er, „dann reitest du zum Alten. Du kannst dich hundertmal gut mit ihm verstehen, du kannst der beste Vormann gewesen sein, den er je gehabt hat, das ist sogar so; aber eines will ich dir sagen, mein Junge, ich bin ein paar Tage älter als du, du kannst mir es glauben. Wenn es ums eigene Fleisch und Blut geht, um den eigenen Sohn, dann bist du für den alten Burke ein Dreck. Jeder ist ein Dreck! Es gibt nur einen Menschen, den er außer seiner Frau und seiner Tochter wirklich liebt, und das ist Linus. Für den Jungen tut er alles. Und das darfst du nicht unterschätzen.“

„Ich werde trotzdem mit ihm reden“, sagte ich.

„Überleg dir das! Es ist fast eine offene Kriegserklärung. Weißt du, bisher haben sie irgendwelche Häuser angezündet, Heustapel in Brand gesetzt oder auch mal ein paar Ochsen weggejagt. Aber diesmal haben sie einen Menschen umgebracht. Dein Bruder ist nicht ganz unschuldig daran. Er hat sie tatsächlich etwas herausgefordert. Und er musste sich doch denken können, dass ihm keiner hilft, nicht in dieser Stadt. Niemand hilft einem, der sich gegen die Burkes stellt. Dann haben sie ihn zwischen sich genommen, sie haben ihn verdroschen. Ich weiß nicht, wie es passiert ist, aber ich glaube nicht, dass es ein bewusster Mord war. Sie wollten ihm mal eine Lektion erteilen, wie sie es so gerne tun. Vielleicht hat einer so zugeschlagen, dass es dein Bruder nicht mehr verdauen konnte. Sie waren alle betrunken, und einer am meisten, das war der junge Burke.“

Ich spürte, wie der Hass, dieser wilde Zorn in mir wieder übermächtig wurde. Und ich dachte an

meinen Vater. Wenn der es erführe, der würde es auch nicht so schlucken, der Alte. Der konnte verdammt hitzig werden. Und vielleicht war er in dieser Beziehung noch weniger wählerisch in der Art seiner Abrechnung als ich.

Ich sollte recht behalten. Eine Stunde später war er in der Stadt.

 

 

2

Ich belud gerade mein Packpferd in Calvins Stall, als der Alte hereinkam. Als ich ihn anblickte und sein Gesicht sah, wurde mir klar, dass er alles wusste. Er war mindestens um zehn Jahre älter geworden. Fahl, die Augen gerötet, fast wie einer, der getrunken hat, so stand er an der Tür. Aber mein Vater trank ganz selten. Der hatte auch jetzt nicht getrunken. Ich schnallte noch schnell den Gurt fest und ging ihm entgegen. Ich wollte irgend etwas sagen, aber es kam mir schon in dem Augenblick unsinnig vor, als ich da vor ihm stand. Was sollte ich ihm sagen? Er wusste es ja.

„Weißt du, wer es war?“, fragte er. Seine Stimme klang eigenartig hohl und fremd, so als käme sie aus tiefster Tiefe.

Ich schüttelte den Kopf. „Keine Ahnung“, sagte ich. „Natürlich die Burkes.“

Er nickte. „Aber diesmal kommen sie mir nicht davon“, erklärte er und blickte auf die Pferde. „Willst du weg?“

Ich nickte. „Ich werde mit Burke sprechen“, sagte ich.

Er lachte böse auf. „Es ist so sinnlos, wie nur etwas sinnlos sein kann. Willst du von ihm hören, dass sein Junge nicht dabei war? Willst du die Leute sehen, die alle kommen und die Hand heben und schwören, dass Linus nicht dabei gewesen ist? Und wen von den anderen willst du dann verdächtigen?“

„Ich werde trotzdem mit ihm sprechen“, erwiderte ich. „Ich möchte sehen, was für ein Gesicht er macht. Immerhin sind wir Seite an Seite miteinander einige tausend Meilen bis hier herauf geritten. Das zählt auch, Vater.“

„Ja, das zählt“, bestätigte er. „Mit einem Haken haben sie es gemacht. Ich habe mit dem Doc gesprochen. Sie haben ihm mit einem Strohhaken den Schädel eingeschlagen. Daran ist er gestorben.“

„Sie waren betrunken.“

„Willst du sie entschuldigen?“, fragte er.

Ich schüttelte den Kopf. „Nein, aber es erklärt vielleicht dieses und jenes.“

„Hier gibt es nichts zu erklären“, widersprach er. „Auge um Auge, Zahn um Zahn, so steht es in der Bibel. Ich rechne mit den Burkes ab, ganz gleich, was du tust.“

„Ich rechne auch mit ihnen ab. Aber ich würde dir raten, einen kühlen Kopf zu behalten, Vater. Wir können sie nicht alle gegen uns haben.“

Er deutete über die Schulter zurück. „Ich spür‘ es in sämtlichen Knochen, dass es einen Schneesturm gibt. Einen Schneesturm, der die Spuren verwischt. Verstehst du?“

„Pst“, machte ich, „nicht so laut. Calvin ist draußen!“

„Calvin ist einer von uns“, erklärte er. „Er traut sich nur nichts, und das kann ich ja verstehen mitten in diesem Rattennest. Also, tun wir es gemeinsam oder nicht?“, wollte er wissen.

Ich sah ihn an. Er war immer noch der alte Hitzkopf. Da hatte sich nichts geändert. Er ging für eine gute Sache auf die Barrikaden. So wie damals, unten in San Antonio, als ein Mexikaner öffentlich ausgepeitscht worden war, ohne dass man genau wusste, ob es stimmte, was dieses Mädchen behauptet hatte. Er sollte sie vergewaltigt haben. In Wirklichkeit war sie nur in ihrer Eitelkeit von ihm verletzt worden. Und da war er auch wild geworden, mein Alter. Da war er hingegangen und hatte seinen eigenen Krieg gegen eine ganze Stadt angefangen. Es ist dann doch noch gut ausgegangen. Vielleicht deshalb, weil es einige gegeben hat, die ihn verstehen konnten. Aber hier, hier oben im Norden würde es nicht gut ausgehen. Die Burkes waren einfach zu mächtig. Und er würde keine Gleichgesinnten finden, nicht hier. Der Siedler waren zu wenige, als dass sie etwas ausgemacht hätten. Und ein Schneesturm, was sollte der uns helfen.

Aber da irrte ich mich, wie es sich später herausstellen sollte. Der Schneesturm, so furchtbar er werden würde, für uns, und das, was mein Vater seine Abrechnung nannte, war er ungemein wichtig. Dabei konnte ich mir im Augenblick überhaupt nicht vorstellen, dass es einen Schneesturm geben würde. Zwar hatte sich der Regen zu Schnee verwandelt, aber dieser Schnee kam in großen Flocken und rieselte allmählich auf die schlammige Straße, taute dort überwiegend weg und blieb nur an ganz wenigen Stellen überhaupt liegen. Der Wind, der vorhin noch heftig geweht hatte, war abgeflaut. Wo, fragte ich mich, soll jetzt ein Schneesturm herkommen?

„Das Wetter hält sich“, meinte ich.

Er schüttelte den Kopf. „O nein, Junge! Wenn du in meinem Alter bist, wirst du das verstehen. Rheumatismus, hat der Doc gesagt. Das kommt von dem vielen Nassen, der Feuchtigkeit, wo unser Haus steht. Da spürt man, wenn Wind kommt. Und ich spüre es ganz schön. – Wirst du warten, bis er begraben ist?“, fragte er dann. Und jetzt sah er mich von unten herauf an, dass mir grauste. Du armer, alter Mann, dachte ich, was musst du noch alles erleben? Du hast ihn so geliebt. Du hast dich auf einen Enkel gefreut. Vielleicht kriegst du diesen Enkel noch. Ich weiß es nicht; das müsste uns Emily sagen können. Aber deinen Jungen hast du verloren.

„Wirst du jetzt reiten?“, fragte er.

Ich nickte.

Er hob abwehrend die Hand. „Bleib noch, wir begraben ihn. Wer weiß, ob wir morgen noch den Boden loskriegen. Jetzt ist alles weich. Wir tun das selbst. Lass die Pferde noch hier und komm, dann bringen wir ihn unter die Erde. Und danach reiten wir zusammen los.“

„Besser nicht! Lass es mich allein erledigen. Es ist besser, Vater“, widersprach ich.

Er blickte mich scharf an, und ich entdeckte das Feuer in seinen Augen. Er lässt sich nicht davon abbringen, sagte ich mir. Aber ich ahnte noch gar nicht, wie schlimm es werden würde.

Ich blieb noch, um ihm zu helfen, Thor zu begraben. Es kamen nicht viele mit. Sie alle hatten Angst. Und während wir noch auf dem kleinen Friedhof waren, der in dieser zwei Jahre alten Stadt noch kein Dutzend Gräber zählte, da tauchte Linus Burke mit seinen zehn Männern in der Stadt auf. Sie kamen wie die wilde Jagd herein, mit Gejohle und Geschrei, feuerten ihre Revolver, wie sie es jedes Mal taten, nach Art mexikanischer Herdentreiber in die Luft ab und verschwanden dann allesamt in Calvins Saloon.

Ich blickte kurz zu meinem Vater hinüber, als er die Scholle auf den einfachen Sarg warf, in dem Thor lag, und mein Vater sah mich an und machte schmale Augen. Und da wusste ich, was in ihm vorging. O Himmel, dachte ich, lass diese Jungs wieder wegreiten! Es gibt ein Drama. Ich sah meinen Vater beschwörend an, aber der hatte sich wieder abgewandt und schaufelte wie besessen die Erde auf den Sarg, so hastig, als hätte er es eilig, irgendwo hinzukommen. Und er hatte es eilig. Seine größte Angst musste gewesen sein, dass der junge Burke mit seinen Männern wieder wegreiten konnte, ohne mit ihm zusammengetroffen zu sein.

Als wir fertig waren und noch einmal beteten, da tat er es auch so überstürzt, so eilig, dass ich kaum verstand, was er sagte. Er war schon vor uns fertig, wandte sich ab, ohne sich noch um Emily zu kümmern und um die drei, vier Männer, die mitgekommen waren. Calvin war einer davon. Ja, Calvin war mitgekommen. Aber auch er wusste ganz genau, was passieren würde. Er fasste meinen Vater am Ärmel, wollte ihn zurückhalten, aber der Alte schüttelte ihn ab und stapfte in seinen schweren Farmerstiefeln weiter bis hin zu seinem Pferd, schwang sich wie ein junger Bursche in den Sattel und ritt in die Stadt.

Es schneite jetzt noch mehr als vorhin, und wir alle, die wir hier am Grab standen, auch unsere Pferde, waren weiß. Ich sah meinen Vater davonreiten, und schon bald verschwand er in diesem Schleier des Schnees.

Calvin war neben mich getreten. „Wir müssen ihm nach“, sagte er.

„Tu das“, erwiderte ich. „Ich habe was anderes vor. Und bitte, nimm Emily mit!“

Jake Quinnon und seine Frau waren auch da. „Wir kümmern uns um sie“, rief mir Jake zu. Und der Alte legte Emily den Arm um die Schultern und zog die Schluchzende wie eine eigene Tochter an sich.

Sie sahen zu mir hin und ahnten wohl allesamt, was ich vorhatte. Ich brauchte es ihnen nicht zu erzählen. Aber ihre größte Sorge galt wohl meinem Vater. Dass er ein Hitzkopf war, schienen auch sie zu wissen.

Ich ritt los und ließ den Friedhof hinter mir, ritt hinaus in das Land, das jetzt schon weiß schien. Denn der Schnee taute nicht mehr weg, blieb jetzt liegen. Aber dort, wo die Pferde hintraten, hinterließen sie Spuren im Schlamm, die wie viele dunkle Punkte hinter mir zurückblieben. Aber bald würde der Schnee auch sie zugedeckt haben.

Bis hinaus zu den Burkes und der S-Ranch waren es sechs Meilen. Ich ritt ruhig, denn nach meiner Meinung war mit einem Schneesturm nicht zu rechnen. Mein Vater musste sich getäuscht haben. Es herrschte keinerlei Wind, im Gegenteil, die Flocken rieselten fast senkrecht vom Himmel.

Das Land war nur ein wenig wellig. Stellenweise wirkte es geradezu flach wie ein Tisch. Aber der Schnee fiel jetzt so dicht, dass man nicht sehr weit sehen konnte. Und so entging mir der kleine Reitertrupp, der mir entgegenkam, bis er schon so nah war, dass wir uns gegenseitig zurufen konnten. Dennoch erkannte ich sie und sie mich erst, als wir uns gegenüberstanden. Vermummt, die Pelzmützen bis tief in die Stirn und über die Ohren gezogen, hockten sie in den Sätteln. Der alte Burke und zwei seiner Männer, die seinerzeit mit mir Seite an Seite von Texas heraufgekommen waren. Gute alte Bekannte, gegen die ich keinerlei Groll empfand.

Sie sahen mich ernst an. Ich hatte den Eindruck von Anfang an, dass sie wussten, was in der Stadt geschehen war.

„Hallo!“, rief der alte Burke. „Das ist eine verdammte Sache, was da passiert ist. Und damit kommt er mir nicht durch. Mischt euch nicht ein. Das ist die Bitte, die ich habe. Ich kann euch sehr gut verstehen, wenn ihr wütend seid. Verdammt noch mal, wer wäre es nicht. Aber mischt euch nicht ein. Diesmal werde ich es sein, der ihn sich vornimmt.“

Ich sah ihn mir an. Ein Bär von einem Mann, groß und breit. Einer von denen, die eine breite Spur hinterlassen, wo immer sie auch gehen. Er war wirklich ein ganzer Kerl. Und das hatte er immer wieder bewiesen. Selbst jetzt, in seinem Alter von fast sechzig Jahren, war er ein ganzer Kerl. Und ich wusste zu gut, wie sehr er von seiner Mannschaft bewundert und vergöttert wurde. Von denen, die auf seiner Ranch ritten. Nicht von jenen, auf dem Vorwerk von Linus. Aber das waren ja auch keine Texaner, diese Burschen hatte sich Linus hier oben aufgegabelt.

„Ich glaube nicht, dass ich da abseits stehen werde“, erwiderte ich. „Er war mein Bruder. Und ich glaube auch nicht, dass mein Vater abseits stehen wird. Was da geschehen ist, war ein Mord. Das hatte nichts mit einer Schlägerei zu tun und nichts mit einem Dummejungenstreich, das war ein echtes Verbrechen. Gewiss, Blakely ist der letzte, der den Mut hat, das zu tun, was im Gesetz steht. Aber ich, Mr. Burke, ich werde es tun. Es wird mir nicht genügen, dass Sie ein paar scharfe Worte mit Ihrem Jungen sprechen. Ich verlange, dass er vor ein Gericht gestellt wird, und zwar vor ein Bundesgericht. Denn noch sind wir kein Bundesstaat, noch ist das hier ein Territorium. Und wenn es auch Regionalverwaltungen gibt, die Bundesrichter sind für uns maßgebend. Schon gar nicht gebe ich mich damit zufrieden, Mr. Burke, dass das hier so unter uns abgemacht wird.“

Noch während ich mit ihm sprach, bemerkte ich, wie er die Augenbrauen zusammenzog, wie seine Pupillen klein wurden, und wie er den Mund zusammenpresste. Ich kannte ihn ja lange genug. Immer wenn er das tat, wurde er zornig. Aber was scherte mich jetzt sein Zorn. Sein Junge oder einer von diesen Kerlen, die er um sich scharte, hatten meinen Bruder auf grausame und bestialische Weise umgebracht. Da konnte er ruhig zornig werden, so viel er wollte.

„Ich weiß nicht, ob das die richtige Methode ist. Selbstverständlich verdienen diese Burschen Strafe. Aber noch weiß ich gar nicht, wer es von ihnen getan hat. Vielleicht sind sie provoziert worden. Dieser Junge, Thor Anderson, konnte ja auch sehr merkwürdig sein. Er hatte eine zynische Art und vor allen Dingen eine große Klappe.“

Ich dachte mir: Wenn du jetzt noch ein paar Worte dazusagst, dann ist das auch eine Provokation, und dann hört der Spaß auf. Dann kannst du der große, alte Burke sein, den ich bisher immer bewundert habe, dann kriegst du ein schönes Stück Blei zwischen die Rippen, ob dir das nun gefällt oder nicht.

Und ich sagte zu ihm: „Er war mein Bruder, und ich gestatte es niemandem, meinen toten Bruder zu beleidigen. Das gestatte ich auch keinem Burke, der möglicherweise einen Mörder zum Sohn hat.“

Ich sah, wie er kreideweiß wurde. Und die Männer an seiner Seite rutschten unruhig im Sattel hin und her, als ahnten sie, was bevorstand. Sie hatten mich gern, ich wusste das, ich hatte sie ja ebenfalls gern. Und nichts machte sie betrüblicher als ein Streit, in den sie womöglich eingreifen mussten. Sie würden sich für den alten Burke ins Messer stürzen. Aber sie würden genauso ungern etwas gegen mich unternehmen, der ich jahrelang ihr Vormann gewesen war.

Es war völlig überraschend, was jetzt geschah. Burke lächelte etwas verlegen und sagte dann: „Es tut mir leid. Ich glaube, ich bin etwas zu weit gegangen. Ich wollte Sie und Ihre Leute nicht kränken.“

Verblüfft sah ich ihn an, blickte dann auf seine Begleiter, die erleichtert grinsten, weil jetzt ein Problem von ihnen genommen war, mit dem sie sicherlich nicht fertig geworden wären.

Bevor ich etwas darauf erwidern konnte, sagte Burke: „Sie wollten sicher zu mir kommen.“ Und als ich nickte, fuhr er fort: „Ich schlag‘ Ihnen vor, wir reiten zusammen in die Stadt. Sie haben recht. Es fällt mir schwer, das als Vater zu sagen. Aber Ihr Verlangen ist tatsächlich berechtigt. Ich werde Blakely sagen, dass er eine ordentliche Untersuchung auszuführen hat. Ich werde ihm darüber hinaus vorschlagen, dass Sie ihn dabei unterstützen. Wir haben nichts zu vertuschen, und ich kann auch wirklich keine Schläger in meinen Reihen dulden, selbst wenn sie meiner Familie angehören, was allerdings noch nicht bewiesen ist.“

„Nein“, bestätigte ich ihm. „Das ist nicht bewiesen. Aber immerhin sind in der letzten Zeit einige Dinge passiert, die weit über das hinausgehen, was man sich gefallen lassen sollte. Ich denke bloß an die angebrannten Heustapel, an die angezündete Farm, an die weggetriebene Herde und viele weitere Dinge. Schlägereien, wo sich elf Mann auf einen einzigen gestürzt haben, nur hat es da bisher noch nie einen Toten gegeben, nur blaue Flecke und ein paar gebrochene Knochen.“

„Wir werden es aufklären.“ Er blickte zum Himmel, sah mich wieder an und fügte hinzu: „Wir müssen machen, dass wir in die Stadt kommen. Das gibt einen Schneesturm. Ich glaube, wir müssen über Nacht da bleiben. Wir haben also noch viel Gelegenheit, in Ruhe über alles zu reden. Und ich möchte hoffen, Anderson, dass es wirklich in Ruhe geschieht. Wo ist Ihr Vater?“

„Er ist in der Stadt“, erwiderte ich. „Und Ihr Sohn mit seinen Männern auch.“

Burkes Stirn kräuselte sich. „Ihr Vater in der Stadt und mein Sohn auch, dann haben wir keinen Grund, hier noch eine Sekunde länger herumzustehen.“

Er hatte bitter recht.

 

 

3

Auf dem Weg in die Stadt hatte ich mir vorzustellen versucht, wie das Zusammentreffen zwischen meinem Vater und dem jungen Burke ausgelaufen sein könnte. Ich hatte gehofft, dass es Quinnon und Calvin gelungen sein mochte, meinen alten Herrn etwas zurückzuhalten. Denn ihm, so dachte ich mir, könnte es genauso ergehen wie meinem Bruder.

Details

Seiten
121
Jahr
2020
ISBN (eBook)
9783738946734
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2020 (November)
Schlagworte
verfolgungsjagd blizzard

Autor

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Titel: Verfolgungsjagd im Blizzard