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Der Trapper und die Poker-Lady

2020 126 Seiten

Leseprobe

Table of Contents

Der Trapper und die Poker-Lady

Copyright

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5

6

7

8

9

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13

Der Trapper und die Poker-Lady

Western von Heinz Squarra

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 126 Taschenbuchseiten.

 

Nachdem die Postkutsche mit Rohgold an Bord aus der Stadt Choteau losgefahren ist, wird sie überfallen und ausgeraubt. Die Männer werden ermordet. Schnell verdächtigt man den alten Trapper, der einsam, aber zusammen mit der Poker-Lady in den Bergen wohnt. Der Marshal und Sicherheitskräfte der geschädigten Transportfirma reiten zu ihm, um nachzuschauen, ob sie bei ihm Gold von dem besagten Überfall finden. Zu ihrer Überraschung finden sie Gold, aber der Trapper beteuert seine Unschuld und gesteht schließlich, selber eine Goldmine gefunden zu haben.

 

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

Alfred Bekker

© Roman by Author

© COVER FIRUZ ASKIN

© dieser Ausgabe 2020 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

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1

Oben auf dem Kamm der Schlucht ritten Indianer. Sie verfolgten und jagten die Kutsche, die sich in rasender Fahrt durch den abschüssigen Canyon bewegte.

Der Fahrer stand auf dem Bock, knallte wie verrückt mit der Peitsche und schlug so auf die Pferde ein, dass ihnen der Schaum vorm Maul stand, der aber durch das irrsinnige Tempo in dicken Flocken durch die Luft wirbelte.

Der Begleiter lag auf dem Kutschendach innerhalb der Eiseneinfassung und feuerte unaufhörlich auf die Indianer.

Und das Begleitkommando der Kutsche, die fünf Revolvermänner der Goldmine, schoss ebenso wie der Teufel pausenlos auf die wilde Horde.

Ein Indianer wurde getroffen und warf die Arme in die Luft. Sein Schrei vermischte sich mit dem infernalischen Krachen, das von den Felswänden widerhallte.

Die Teton Dakotas trieben ihre Pferde dann den Kamm herunter und jagten weiter hinter der Kutsche her. Es waren ungefähr zwanzig Reiter, die über die Höhe stürmten und in den Canyon herunter sprengten. „Verdammt, die werden wir so nicht los!“, rief Melvin Green, der Anführer der Revolvermänner, ein großer dunkelhaariger Mann mit kalten Augen, der ganz in schwarzes Leder gekleidet war. „Anhalten!“

Die fünf Männer zügelten die Pferde und wendeten sie um.

Die Dakotas feuerten aus alten Gewehren, die ungenau schossen. Kugeln streiften die Felsen und wimmerten über die Reiter hinweg, stiegen als sirrende Querschläger in den Himmel, der sich blau über den Bergen spannte und trafen den Boden der Schlucht.

Die Revolvermänner feuerten aus ihren Winchestergewehren zurück, repetierten und schossen wieder. Es war ein ohrenbetäubendes Schnellfeuer, das die Indianer ansprang und Lücken in ihre Reihen riss. Ein Pferd flog durch die Luft und knallte gegen die Wand. Andere stürzten hinter die Tiere und rollten über den abfallenden Boden. Der Dakota an der Spitze, der vier lange Adlerfedern im Haar hatte, wurde ebenfalls getroffen und fiel auf den Hals seines scheuenden Tieres. Sein Schimmel stieg auf die Hinterhand und wirbelte mit den Hufen. Der Anführer der Indianer stürzte darauf rittlings von der verwaschenen Satteldecke und blieb tot auf dem Boden liegen.

Die restlichen Teton Dakotas hatten ihre Pferde gezügelt. Und während sie noch auf ihren toten Häuptling starrten, schossen die gnadenlosen Revolvermänner der Mine weiter in den Haufen hinein, der förmlich auseinander gefetzt wurde und keine Chance mehr hatte, an die Kutsche heranzukommen. Noch ein paar starben um den Häuptling herum, der Rest ergriff die Flucht, jagte in wilder Panik die Schlucht wieder hinauf und verschwand dann wieder hinter der Kuppe des Weges.

Die Revolvermänner ließen jetzt die Gewehre sinken und schauten sich gegenseitig an.

Fred Tamplin, mit zwanzig Jahren der jüngste, grinste zufrieden und zeigte seine kräftigen Zähne. „Denen haben wir’s gezeigt, was, Melvin?“

Auch die anderen grinsten. Melvin Green spuckte auf den Boden und lud die Winchester, den Blick auf den Staub und Pulverrauch gerichtet, in dem die Indianer verschwunden waren.

„Ob die wussten, was in der Kutsche liegt?“, fragte Crim Porter, ein großer Mann mit langen hellblonden Haaren, der einen hellbraunen Wildlederanzug mit Fransen trug und nun ebenfalls begann, sein Gewehr zu laden.

„Es ist immer Gold in der Kutsche, wenn wir dabei sind“, erwiderte Melvin Green. „Aber es ist selten so wenig wie diesmal. Ich glaube, die haben uns gesehen und es einfach mal versucht. Wer weiß, ob sie überhaupt etwas von dem Gold wissen. Die Mine ist weit von hier entfernt.“ Er schob das Gewehr in den Scabbard. „Sehen wir zu, dass wir die Kutsche einholen. Die haben es ja verdammt eilig!“

Die Revolvermänner trieben die herumgezogenen Pferde an und sprengten weiter hinunter in den Canyon, aus dem nun schon weit entfernt das Knallen der Peitsche schallte.

Erst nach einer Weile, dort, wo die Felsen schon flacher wurden und schwarzer Wald die Hänge bedeckte, sahen sie die Kutsche. Der Gunman auf dem Dach schien den Fahrer mit seinem Gewehr anzustoßen und hinter sich zu deuten. Bald darauf kam das Gefährt zum Stehen.

Der dicke Kutscher war ebenso in Schweiß gebadet wie seine vier Pferde und schaute gespannt auf die Revolvermänner, die wie vom Teufel gehetzt heran fegten und die Pferde hart zurück rissen. Sie lachten über die sichtbare Angst des Fahrers und hänselten den unsicher wirkenden Begleiter, der nun auf den Bock kletterte.

„Die sehen wir nie mehr wieder“, sagte Green. „Aber dass man Indianer unterwegs trifft, damit muss man immer rechnen.“

„Und deshalb bezahlt dich der Boss auch, Sean“, setzte der blonde Crim Porter hinzu.

Die anderen lachten selbstgefällig und hämisch. Der Kutscher trieb die Pferde an und sagte: „Sean muss sich erst daran gewöhnen. Er ist ja noch neu.“

„Dir geht doch auch der Hintern mit Grundeis“, entgegnete Les Zander, ein kleiner krummbeiniger und verschlagen dreinschauender Reiter, der mit fünfunddreißig der älteste der Revolvermänner war.

„Es wäre mir lieber, ihr bleibt bis Great Falls am Missouri dabei“, brummte der Begleitmann.

„Machen wir aber nicht.“ Melvin Green grinste zum Bock hinauf. „In Choteau ist für uns Sense, Hombre. Da nehmen wir ordentlich einen zur Brust und kehren dann morgen in aller Frühe um.“

„Und von dort aus geht es durch die Ebene, da habt ihr nichts mehr zu fürchten. Die Teton Dakotas verlassen die Berge nicht.“

„Als ob du wüsstest, was in den Köpfen der verdammten Sioux vor sich geht!“, schimpfte der Fahrer, der mit der Peitsche knallte. „Kein Mensch weiß das!“

„Sie sind meistens harmlos“, sagte Les Zander. „Selbst in den Bergen hat man sie kaum zu fürchten. Wer weiß, was ihnen heute in den Köpfen herumspukte. Aber aus den Bergen reiten sie nicht, seit es Weiße am Teton River gibt.“

„Und wenn du trotzdem noch Angst hast, musst du wieder abheuern, Sean, mein Junge!“ Melvin Green lachte leise und grinste zum Bock hinauf.

Der junge Gunman starrte ihn wütend an und fluchte, blickte aber dann stur über die Pferde hinweg, entschlossen, zu schweigen.

„Die Kutsche ist südöstlich von Choteau niemals angegriffen worden“, redete Les Zander weiter.

Melvin Green ließ sein Pferd etwas zurückfallen und schaute in das Gefährt hinein. Es war leer, hatte an diesem Tage nur den kleinen Ledersack mit dem Rohgold aus der Mine zu befördern und keinen einzigen Fahrgast aus der nördlichsten Region Montanas.

Die kahlen Wände traten zurück, flachten sich rasch weiter ab und die bewaldeten Hänge schoben sich bis herunter zur Sohle, deren steiniger Untergrund von Sand abgelöst wurde. Das Sonnenlicht erreichte das Gefährt. Schatten wurden auf den Boden gezeichnet und sprangen über Steine und Bäume hinweg. Bald traten auch die Hänge zurück und vor der Kutsche und den Reitern öffnete sich das Hügelland, wohinter sich die Prärie erstreckte, soweit der Blick nach Süden und Westen reichte. Der Teton River kam aus einem schmalen Canyon, in dem er schäumend und rauschend über Hindernisse sprang, schlängelte sich hinaus und verschwand zwischen den Hügeln, ein endloses Silberband, dem die Piste nach Choteau folgte.

„Ich werde das Gefühl nicht los, dass dies noch nicht alles war“, sagte der junge Begleitmann der Kutsche.

„Du hast Angst, Sean.“ Les Zander lachte polternd.

Die anderen stimmten ein.

„Der hohe Lohn hat dich wohl zu sehr gelockt“, sagte Milt Turny, der eine lange Messernarbe auf der linken Wange hat, die dunkel zu glühen begann.

Sean Welles starrte ihn wütend an. „Kein Mensch hat mir gesagt, dass mit der Wells-Fargo-Kutsche regelmäßig Gold aus eurer verdammten Mine befördert wird!“

„Na, so ein Pech!“ Melvin Green schüttelte den Kopf. „Das hätten sie dir aber wirklich sagen müssen, Sonny!“

Marshal Burt Mercer war ein großer dunkelblonder Mann mit grauen Augen. Er trug einen braunen Cordanzug und hatte einen sandfarbenen Hut auf dem Kopf und einen silbernen Stern an der Jacke, der im Licht der Nachmittagssonne leuchtete. Burt war achtundzwanzig Jahre alt und seit ein paar Monaten der Marshal von Choteau. Er lehnte an einer Vorbaustütze vor dem Office, das aus einer jämmerlichen Holzhütte bestand, die aus Kistenbrettern zusammengenagelt war. Burt blickte auf die beiden alten Männer aus den Bergen, die vor dem Mietstall standen und offensichtlich um ein Bärenfell feilschten. Er hatte sie beide hier kennengelernt. Der eine war der Fallensteller Quincy Hingle, der oben am Teton-See in einer Hütte hauste und der andere Perce Stuart, ein undurchsichtiger Kerl, dessen Hütte Burt Mercer nicht gefunden hatte, obwohl ihm Hingle den Weg beschrieb, als er einmal da oben gewesen war.

Quincy Hingle wandte sich um und zeigte Burt das Fell des Braunbären. „Was sagen Sie dazu, Marshal, ist es zwanzig Dollar wert oder nicht?“

„Es hat Löcher so groß wie Kinderfäuste!“, schimpfte Perce Stuart. „Wer dafür mehr als fünf Dollar gibt, ist verrückt. — Stimmt doch, Marshal, oder?“

Burt Mercer lächelte die beiden alten Bergteufel an. Stuart war mit sechzig der ältere, sah aber wie über siebzig aus mit seinem Silberbart, den tiefen Runen im Gesicht und dem zerfressenen Schlapphut auf den schütteren Haaren. Er war schmutzig und stank gegen den Wind und seine Kleidung war zerrissen.

Quincy Hingle, obwohl auch bereits achtundfünfzig, wirkte wesentlich jünger. Aber auch er sah abgerissen aus in dem Prince-Albert-Mantel in dessen Nähten der Alkalistaub festsaß, mit dem verbeulten Zylinder auf dem Kopf und dem eisgrauen Stoppelbart, den eine Knollennase krönte.

„Es sind nur ein paar ganz winzige Löcher!“, verteidigte Quincy sein Fell.

„Vielleicht kannst du es Silas Brett im Store andrehen. Mir nicht!“ Stuart

wandte sich ab und ging in den Hof des Stallgebäudes hinein.

„Dann eben nicht“, brummte der Fallensteller. „Wollen Sie nicht ein schönes Fell kaufen, Marshal?“

Burt lächelte, dachte an das rothaarige Mädchen, das bei Quincy Hingle lebte und fragte: „Was macht die Poker-Lady?“

Ein Blitz schoss aus Quincy Hingles Augen. „Das will sie nicht mehr hören und Sie wissen es!“

„Man hat sie zehn Jahre lang so genannt und sie fand nie etwas dabei“, erwiderte Burt.

„Sie haben Sie also schon früher gekannt?“

„Ich hab sie hier und da getroffen; in Julesburg und auch in Medicine Bow, wo sie schließlich zum Teufel gejagt wurde, weil sie zu offensichtlich betrog. — Wissen Sie, was mich wundert?“

„Keine Ahnung.“

„Dass Janice es bei Ihnen in der Einsamkeit der Berge aushält, Quincy. In der Nähe der Indianer, die sie eigentlich sehr fürchten müsste!“

„Es gefällt ihr eben. Und aus den Städten hat man sie schließlich weggejagt. Irgendwo muss der Mensch leben. — Also Sie wollen bestimmt kein erstklassiges Bärenfell kaufen?“

„Nein, bestimmt nicht.“

„Ich muss aber das Fell verkaufen, muss dringend mal einen richtigen Whisky trinken und ein paar Lebensmittel mitbringen, wenn ich zum See reite. Janice verändert sich, wenn ich nichts mitbringe.“

„Haben Sie kein Geld?“

„Wäre ich so versessen darauf, das Fell zu veräußern, wenn ich Dollars hätte, zum Teufel?“ Der Fallensteller fluchte, warf sich das Braunbärenfell über die Schulter und ging auf den Store zu.

Burt ging über die Straße zurück. Im Saloon hörte er die kreischende Stimme eines der Barmädchen. Er stieg zum Fußweg hinauf, lehnte sich gegen den Pfosten und sah weit im Nordosten eine Staubwolke über die Hügel steigen und darunter die Postkutsche auftauchen, die sich näherte. Bald war auch das Knallen der Peitsche zu hören.

Menschen tauchten auf der Straße des kleinen Ortes vor der Schleife des Teton-River auf und jemand rief: „Die Postkutsche kommt!“

Burt sah nun auch die fünf Reiter, die das Gefährt begleiten, nun aber vor der Kutsche her galoppierten und die Stadt schneller erreichten. Mit lautem Geschrei sprengten die wilden Revolvermänner der Goldmine in den Ort. Entsetzte Menschen rannten aus dem Weg, um sich in Sicherheit zu bringen. Mit Gelächter donnerten die Reiter vorbei, einer feuerte aus seinem Revolver in die Luft. Dichter Staub trieb über die Dächer der Holzhäuser, die die einzige Straße von Choteau rechts und links flankierten. Die Reiter zügelten die Pferde vor dem Saloon und sprangen aus den Satteln.

Das Mädchen sang nicht mehr. Es stand mit zwei anderen Bartänzerinnen auf der Veranda vor dem Saloon und lachte den Reitern strahlend entgegen. Sie trugen schillernde Kleider, auf die Sterne aus Pappe genäht waren, was ziemlich albern ausschaute. Es waren bodenlange Kleider mit tiefen Ausschnitten, die Mädchen hatten Schals um und Hüte mit langen Federn auf den Köpfen. Ihr Lachen ging in ein Kreischen über, als die Reiter auf die Veranda sprangen und mit den Mädchen den Saloon stürmten.

Indessen hatte auch die Kutsche die Stadt erreicht. Dichter noch trieb der Staub über die Flachdächer. Vor der Station der Wells Fargo lehnte sich der dicke Fahrer zurück und zog die vielen Zügel in den Händen an und zusätzlich stemmte er sein Gewicht auf den langen Holzhebel der Bremse, die ein rechteckiges Brett für den Stiefel des Mannes hatte. Der Staub hüllte das Gefährt vor der Station ein. Eine Frau hustete, dachte aber offensichtlich nicht daran, den Kreis zu verlassen.

„Wir sind von Indianern angegriffen worden!“, rief der neue Gunman. „Und wir haben nichts als das verdammte Gold der Mine hinter den Bergen dabei! Rohgold für zehntausend Dollar, Leute. Aber stellt euch vor, die Revolvermänner wollen nicht weiter mit uns kommen!“

„Das haben die noch nie gemacht“, brummte der Kutscher, schlang die vielen Zügel um eine Stange am Bock und stieg ab. „He, Postagent, wir fahren erst in zwei Stunden weiter. Ich muss was essen und den Staub aus meiner Kehle spülen!“

An der Ecke der Poststation stand Perce Stuart, der abgerissene Halunke aus den Bergen unbemerkt und unbeachtet hinter der Menge und beobachtete die leere Postkutsche und er hörte den Postagenten sagen: „Es fährt von hier auch niemand mit, Kutscher. Ihr könnt froh sein, dass ihr das Gold der Mine transportieren dürft. Wie oft fährt kein Mensch auf dieser Strecke! Vielleicht wäre die Linie schon eingestellt, gäbe es die Mine nicht!“

Der abgerissene Perce Stuart nahm den Schlapphut vom Kopf und wischte über das Schweißband. „Zehntausend Dollar“, murmelte er. „Und nur der Fahrer und ein Greenhorn von einem Gunman dabei. — Verdammt, wenn das noch mal wiederkommt, will ich Hugo heißen!“

Vor der Kutsche wurden die abgehetzten Pferde ausgeschirrt. Der Fahrer und sein junger Begleiter verließen die Kutsche und steuerten den Saloon an.

Die Menge zerstreute sich rasch, nachdem mit der Postkutsche keine Fremden und keine interessanten Nachrichten die Stadt erreicht hatten. Ein kleiner Überfall durch Indianer interessierte kaum.

Perce Stuart rieb sich mit der Faust am Kinn entlang. „Gold für zehntausend muntere Bucks“, murmelte er. Kalt und heiß lief es ihm über den Rücken, als er bedachte, wie vielleicht an das Gold zu gelangen wäre. „Und in zwei Stunden will er weiter!“

Perce Stuart schaute zum Stand der tief im Westen über den Bergen stehenden Sonne. In zwei Stunden war die Sonne verschwunden, es würde dämmrig sein und nicht viel später dunkler. Zwei, drei Meilen jenseits der Stadt fuhr die Kutsche dann bereits durch die Nacht.

Er wischte sich über den Hals, kratzte sich im Nacken, wandte sich ab und ging hinten um die Station herum. Stuart erreichte den Mietstall, in dem sich niemand befand. Er sattelte seinen alten Klepper, führte ihn in den Gang und ließ ihn stehen. Dann schlich er zur Tür und spähte hinaus.

Niemand näherte sich.

Der Mann ging in die Ecke, in der das Werkzeug stand, suchte hinter der Futterkiste und fand einen kurzstieligen Spaten, den er hastig zu seinem Pferd brachte und am Sattel befestigte. Perce Stuart führte sein Pferd aus dem Mietstall und hinter die Gebäude. Er warf noch einen Blick in die Runde, sah aber nichts Verdächtiges. Da schwang er sich in den Sattel, ritt hinter den Häusern vorbei, an einer Hecke entlang und unbemerkt nach Osten.

„He, du, willst du nicht ein schönes Fell kaufen?“, sagte der Fallensteller und stieß den Revolvermann Melvin Green an der Theke im Saloon an.

Der große schwarze Mann wandte sich um, ließ Cecil, das eine Barmädchen los und funkelte den alten Fallensteller böse an.

„Ein schönes Fell!“ Quincy Hingle zeigte die durchlöcherte Haut des Braunbären.

„Hau ab!“

„Sehr preiswert, Mister!“, redete Hingle drängend weiter. „So billig kriegst du nie mehr so ein feines Fell!“

„Verdammt, hau ab!“

„Aber...“ Hingle kam nicht mehr weiter. Der schwarze Revolvermann donnerte ihm die Faust ins Gesicht. Quincy Hingle flog zurück, verlor sein Fell und knallte gegen einen Tisch. Die Mädchen kreischten. Der Fallensteller stürzte zu Boden.

„Idiot“, sagte der Revolvermann Green. „Geh woanders betteln und lass uns in Frieden.“

Der Fallensteller raffte sich brummend auf und nahm sein zusammengeknülltes Fell. „Das wagt ihr verdammten Halunken doch nur mit einem armen alten Mann!“

Green wandte sich nun ganz um. Auch seine Partner ließen von den Mädchen ab und fassten den alten abgerissenen Mann ins Auge.

„Mit einem armen alten Mann könnt ihr es ja auch machen!“, schimpfte der Fallensteller.

„Hau ab, Alter“, sagte Crim Porter, der Revolvermann mit den schulterlangen blonden Haaren. „Sonst kommst du hier nicht mehr lebend hinaus!“

„Halunken!“, schimpfte Hingle. „Mensch, halte doch die Klappe, Oldtimer!“, rief eines der Mädchen mit schrill kreischender Stimme. „Und verschwinde, du störst hier. Geh heim zur Poker-Lady, die wartet bestimmt schon auf dich!“

Die anderen Mädchen lachten. Die Revolvermänner waren angestachelt und grinsten und Tamplin vertrat dem alten Mann aus den Bergen schon den Weg zur Schwingtür, bevor Hingle davon etwas merkte.

„Mit einem alten Mann könnt ihres ja machen!“, grollte er noch, ging weiter zurück und prallte gegen Tamplin.

Der Kerl stieß ihn vorwärts, Hingle rannte gegen seinen Willen auf Green zu, sah dessen böses Grinsen und eine Faust, die wie aus dem Nichts kam und ihn ins Gesicht traf. Er schrie röchelnd, spürte, wie seine Knie nachgaben und meinte, Feuer würde vor seinem Gesicht zerplatzen.

Quincy Hingle stürzte unter dem wüsten Gelächter der Kerle auf den Boden.

„Hebt ihn auf!“, befahl Melvin Green.

Milt Turny und Les Zander zerrten den alten Fallensteller von den schmutzigen Dielen, aus denen Staub gestiegen war, der Quincy Hingle einhüllte. Noch benommen hing er in den Fäusten der brutal lachenden Kerle, blinzelte und sah Greens teuflische Visage dreimal nebeneinander.

In der nächsten Sekunde traf die Faust den alten Mann wieder und eine zweite Explosion ging durch seinen Kopf. Seine Knie hielten ihn nicht, aber die Fäuste der Kerle verhinderten, dass er wieder stürzte. Und Green schlug gnadenlos wieder zu, bis dem alten Mann Blut aus der Nase lief und sein Stöhnen zu einem Ächzen herabsank. Die beiden anderen ließen los und Hingle fiel auf die Dielen.

„Und nun mit mir“, sagte die Stimme des Marshals hinter den beiden.

Sie fuhren herum, sahen Tamplin gegen die Theke prallen und Burt Mercer vor sich. Sie wollten zuschlagen, aber dazu kam es nicht mehr.

Burt hatte die beiden Kerle an den Köpfen gepackt und schlug ihre Schädel mit solcher Wucht zusammen, dass sie augenblicklich das Bewusstsein verloren und rechts und links vom Fallensteller zusammenbrachen.

Tamplin wollte den Marshal von hinten angreifen und Crim Porter hatte die Hand auf den Revolverkolben gelegt.

„Nicht!“, rief Green, der Burt Mercer scharf angrinste und die großen Hände zu Fäusten ballte.

Porter ließ den Revolverkolben los und Tamplins Haltung entspannte sich. Der Fallensteller stöhnte. Die beiden Kerle auf den Dielen rührten sich nicht.

„Also dann wir zwei!“ Green lachte auf und sprang so plötzlich vorwärts, dass er Burt fast noch überrascht hätte. Im letzten Moment konnte der Marshal den Arm heben und die Faust abblocken. Dafür bekam er einen Tritt in den Leib, krümmte sich stöhnend zusammen und schwankte. Ein Knie traf ihn ins Gesicht, riss ihn wieder in die Höhe und ließ ihn heftiger taumeln.

„Ich mache dich fertig!“, rief Green, setzte nach und schlug zu. Lahm nahm Burt noch den Kopf und wurde gegen das Ohr getroffen. Er knallte neben der Tür gegen die Wand, riss sich mit aller Macht zusammen, wehrte den folgenden Angriff ab und schmetterte, völlig überraschend die Faust in Greens überheblich grinsendes Gesicht.

Melvin Green flog bis zu einem Tisch zurück, der über den Boden geschoben wurde.

Die Mädchen kreischten und flohen in den Hintergrund und der Postfahrer, der am nächsten Tisch eine Suppe aß, nahm seinen Teller und sagte etwas zu dem jungen Begleitmann. Beide zogen sich wie die Mädchen zurück.

Melvin Green aber griff nach der Lehne eines Stuhles, schwang ihn in die Höhe und schleuderte ihn Burt Mercer entgegen. Der Marshal duckte sich, der Stuhl knallte gegen die Wand, zerbarst und die einzelnen Holzteile fielen auf den Boden und trafen Burt gegen die Schultern.

Der Marshal sah Green kommen und entging dessen Faust durch eine rasche Drehung. Green schlug gegen die Bretterwand. Der Marshal schmetterte ihm die Faust aufs Ohr und da taumelte Green bis zum Tresen hinüber und brach zwischen den beiden anderen und den bleich gewordenen Mädchen zusammen.

Burt schaute in der Runde herum. „Ich hoffe, ihr könnt nun miteinander auskommen. Wenn nicht, werden ein paar aus der Stadt gejagt und dürfen sich hier so schnell nicht wieder blicken lassen. — Habt ihr verstanden?“

Die Revolvermänner gaben keine Antwort. Aber der Salooner knurrte: „Quincy, der alte Trottel aus den Bergen, der ist an allem Schuld! Kann er denn die Männer nicht in Frieden lassen? Die wollen hier in Ruhe ihren Whisky trinken und nicht ein altes Braunbärfell kaufen. — Na ja, ist doch wahr!“

Der Trapper hatte sich gesetzt und wischte sich das Blut von der Nase. Auch die beiden Revolvermänner waren zu sich gekommen und wälzten sich ächzend und stöhnend auf dem Boden herum. Tamplin gab Melvin Green aus einem Wasserglas Whisky zu trinken und das brachte auch den wieder zu sich.

Burt Mercer verließ den Saloon.

Die Männer standen auf. Quincy Hingle raffte sein durchlöchertes Fell vom Boden auf und zog sich zur Tür zurück.

„Verschwinde und lass dich so schnell nicht wieder sehen!“, schimpfte der Salooner. „Alter Bettler! Er wird den ganzen lieben Tag auf der faulen Haut liegen, dass er so arm ist! Es gibt nämlich genug Wild in den Bergen. Er könnte massig Fleisch und Felle haben!“

Quincy Hingle verließ den Saloon, lief zum Mietstall und sattelte sein Pferd; einen alten, durchgebogenen Klepper, dem bereits Zähne fehlten und dessen Alter undefinierbar war.

Burt Mercer stand vor seinem Office und schaute dem Reiter nach, der die Stadt in westlicher Richtung verließ.

Die Sonne war inzwischen hinter den Bergen versunken und die Dämmerung schob sich von Osten über das weite Hügelland, verdrängte das Blau am Himmel und wurde von der Schwärze der Nacht rasch verfolgt. Der Reiter verschwand in dem schwachen Licht der Dämmerung, das ihn zu verschlucken schien, kaum dass er sich einige hundert Yard von Choteau entfernt hatte.

 

 

2

Burt schaute dem Trapper noch eine Weile nach, sah ihn aber nicht mehr auftauchen.

Im Saloon lachten die Mädchen bereits wieder und die Revolvermänner verlangten brüllend nach Whisky. Der Vorfall schien damit erledigt zu sein.

„Clyde, wollt ihr nicht endlich weiterfahren?“, rief der Postagent über die Schwingtür des Saloons in Rauch und Gebrüll hinein.

Lampen waren angezündet worden, warfen heller werdende Lichtbahnen auf die Straße und machten die Rauchschwaden sichtbar, die den Saloon beherrschten.

„Es geht gleich weiter“, sagte der Kutscher irgendwo hinter der Schwingtür. „Immer langsam. — Sind denn noch Fahrgäste aufgetaucht?“

„Nein“, erwiderte der Postagent, der laut schreien musste, damit Clyde ihn verstehen konnte.

„Na also, was hast du es dann so eilig? Dem Gold ist es doch egal, wann es in Great Falls ankommt!“

„Der Fahrplan muss eingehalten werden! Beeilt euch also!“ Der Postagent wandte sich ab und ging zur Poststation zurück, vor der die Kutsche stand. Alsbald brachte der Mann vier Pferde aus dem Korral und schirrte sie vor das Gefährt, in dem vielleicht bis nach Great Falls nur das Gold reisen sollte.

Burt ging ins Office, setzte sich im Dunkeln hinter den Schreibtisch und legte die Beine auf die Platte. Die rohen Möbel in dem engen Raum versanken schon in der Finsternis. Burt Mercer lauschte auf die vielfältigen Geräusche der Stadt, so wie er jeden Tag auf sie lauschte. Es war nichts los in Choteau, diesem Nest vor den Bergen, in dem etwa hundert Menschen lebten. Seit den Rachefeldzügen der Armee nach dem Custer Massaker, wagten sich auch die versprengten Stämme der Dakotas nicht mehr aus den Bergen, um vielleicht eine Stadt anzugreifen. Höchstens, dass sie noch über eine Kutsche in dem Felsengebirge selbst herfielen oder über ein paar Reiter, die sich zu weit wagten. Aber selbst Männer wie der Fallensteller Hingle konnten offenbar in Frieden da oben in der Einsamkeit leben.

Burt stand auf und lief im Office hin und her. Es wurde ihm eng in Choteau und die Tatsache, zum ersten Mal in seinem Leben ein ganzes Haus völlig allein zu bewohnen, sagte ihm indessen nicht mehr, zumal, da es ein angenagtes, windschiefes Brettergebilde war, das sie ihm zur Verfügung gestellt hatten. Es war ihm langweilig in der Stadt und er sehnte sich allmählich nach den Städten an der Bahnlinie zurück, die er vor Monaten verlassen hatte. — Er lief hin und her und lauschte seinen Schritten nach und manchmal blieb er stehen und warf einen Blick hinaus auf die Straße.

Der Postagent tauchte vor der Schwingtür des Saloons wieder auf und rief: „Clyde, was ist denn nun?“

Burt öffnete das Fenster. Die Geräusche wurden lauter.

„Warte die Zeit ab!“, schimpfte der dicke Kutscher, der im Saloon nicht zu sehen war.

„Das ist ja schlimm mit dem!“, meldete sich der junge Begleitmann. „Macht der das immer so.?“

„Es ist längst Zeit!“, zeterte der Postagent. „Und die Pferde sind eingeschirrt!“

„Ja ja, wir trinken nur noch einen Whisky, dann geht die Fuhre los!“, meldete sich der Fahrer.

Burt Mercer schloss das Fenster und wanderte wieder durch das enge Office, in dem die Dielenbretter bei jedem Schritt beängstigend knarrten. Er überlegte, ob er hinüber in den Saloon gehen und einen Whisky trinken sollte. Aber wenn ihn die wilden Kerle aus der Goldmine sahen, würde es vielleicht neuen Ärger geben, denn die suchten nach Abwechslung und waren für jeden Streit dankbar.

Burt ging hinter den Schreibtisch, setzte sich in den zerfledderten Ohrensessel, legte die Füße auf den Tisch und lehnte sich zurück, den flachen Hut in die Stirn gerückt. Er schloss die Augen und faltete die Hände vor der Brust.

 

 

3

Der alte Perce Stuart hatte drei Meilen östlich der Stadt einen breiten tiefen Graben quer über die Piste neben dem Fluss angelegt. Er kroch aus dem Loch heraus, kratzte sich im Silberbart und kicherte teuflisch. Die Rinne war so breit, dass ein Rad ganz hineinstürzen und aus eigener Kraft nicht mehr freikommen würde.

Der alte Stuart warf den Spaten in den Fluss, der aufspritzte. Er riss Äste von dem Gestrüpp, das auf der anderen Seite der Piste wucherte und deckte damit das Loch nach und nach ab. Dann ging er zu seinem Pferd, das er weiter nördlich in den immer dichter werdenden Büschen abgestellt hatte, holte sein Gewehr und kehrte zurück.

Aus einiger Entfernung betrachtete der Mann sein Werk, kratzte sich wieder im silbernen Bartgestrüpp und rückte an seinem alten Schlapphut herum.

„Blödsinn, das erkennt keiner!“, redete er sich selbst seine Zweifel aus und schüttelte den Kopf.

Plötzlich duckte er sich. Durch das leise Rauschen des Flusses war deutlich das Knallen einer Peitsche zu hören. Auch andere Geräusche drangen durch das Rauschen des Wassers, wurden zu Hufschlag und Räder rasseln.

Perce Stuart ging zurück und repetierte seine Spencer, die er mit beiden Händen fest gepackt hatte. Seine Schulter und der Arm streiften an den Büschen entlang und ließen sie rascheln. Er war unsicher, fragte sich, ob die Sache nicht eine Nummer zu groß für ihn wäre und er merkte, wie es ihm immer heißer unter der Haut wurde, wie ihm Schweiß ausbrach und das Blut in den Schläfen zu hämmern begann. Er meinte auf einmal zu träumen, wähnte sich weit weg in einem Bett und doch wusste er, dass er auf dieser Piste neben dem Teton-River stand und die Postkutsche hörte. Fratzen schienen zu grinsen und grüne Augen leuchteten scheinbar aus dem Dunkel der Nacht, bis es ihm sogar war, als könnte er ein Kichern hören.

Laut knallte die Peitsche. Die Kutsche schien bereits nahe zu sein.

„Es muss sein!“, stieß Stuart hervor. „Einmal. Kein Mensch kann den Spuren durch die Berge folgen. Und in Oregon führe ich dann ein herrliches Leben!“

Der Schweiß rann ihm über die Stirn, durch die Brauen und in die Augen. Er ging immer noch an den Büschen entlang zurück und hatte sich bereits dreißig Yard von dem abgedeckten Loch in der Piste entfernt. Kaum konnte er es noch sehen.

Wieder knallte die Peitsche. Pferde wieherten. Schemenhaft tauchte das Gefährt in der Dunkelheit auf und die beiden Männer auf dem Bock waren wie schwarze Schemen zu sehen. Die vier Pferde rissen das Gefährt auf die Äste über dem Loch zu, das eine Pferd stürzte mit einem schrillen Wiehern hinein, das andere lief darüber hinweg, wurde von den sich spannenden Geschirren zurück gerissen und stürzte. Die anderen liefen auf, die Deichsel brach mit einem Krachen, der Kutscher schrie, die Kutsche rollte auf die Pferde und der Fahrer flog durch die Luft, landete neben den Tieren und rollte ein Stück zum Fluss hinunter.

Das eine der vorderen Pferde war abermals aufgesprungen jagte mit abgerissenen Sielen davon. Der junge Begleitmann war auf die Pferde gestürzt und befreite sich.

Stuart legte das Gewehr an und feuerte auf die Gestalt. Der Mündungsblitz blendete den alten Teufel und das Krachen übertönte das wie tödliches Geschrei klingende Wiehern der Pferde und das Brüllen des jungen Burschen, der gegen die Büsche taumelte und zusammenbrach.

Stuart repetierte das Gewehr und feuerte solange auf die Pferde, bis sie alle drei tot in dem Loch und halb unter der aufgefahrenen Kutsche lagen und der Pulverrauch über sie hinwegzog.

Perce Stuart näherte sich dem mit dem Gesicht nach unten liegenden Gunman und trat ihm gegen die Schulter.

Sean Welles gab kein Lebenszeichen mehr von sich.

Da ging der alte Halunke vor den toten drei Pferden vorbei und den Hang bis zu dem dicken Fahrer hinunter. Clyde Matsch lag auf dem Rücken, die Arme ausgebreitet, als hätte er fliegen wollen und den Kopf seltsam verrenkt. Stuart wusste gleich, dass sich der dicke Mann beim Sturz das Genick gebrochen hatte.

„Tut mir leid“, murmelte Stuart, der sich den Schweiß mit dem Handrücken von der Stirn wischte. Er begriff nicht, dass es so einfach gewesen und schon alles erledigt sein sollte. Aber er sah die hochgeschobene Kutsche auf der Piste, die toten Pferde und den Kutscher mit dem starren glasigen Blick.

Perce Stuart richtete sich auf, klemmte das Gewehr unter den Arm und trat an die Kutsche heran, deren Schlag er öffnete. Er zerrte hastig den Ledersack heraus, warf ihn neben die Kutsche und öffnete ihn mit fliegenden Fingern. Stuart griff in den Sack, brachte einen Goldklumpen zum Vorschein und betrachtete das stumpfe Funkeln, das etwas Rötliches an sich hatte. Er rieb das Nugget über seinen zerschlissenen Ärmel und betrachtete es wieder. Abermals schlug ihm das Herz schneller und brach der Schweiß aus seinen Poren.

„Ich bin reich!“, hauchte er. „Verdammt, ich bin reich!“

Er lachte wie irr, putzte das Nugget am Ärmel und betrachtete es immer wieder. Plötzlich jedoch wurde ihm bewusst, dass auf der Piste zufällig ein Reiter oder ein Wagen auftauchen konnte. Er stand auf und starrte lauschend in das Dunkel.

Irgendwo heulte ein Wolf in der Ferne. Sein Pferd schnaubte ängstlich hinter den Büschen.

Perce Stuart warf das Nugget in den Sack und band ihn zu. Er schaute sich um, wollte vermeiden, etwas zurückzulassen, was auf ihn hinweisen würde. Aber es lag nichts von ihm herum. Er ging um die Kutsche, trat dem jungen Begleitmann abermals gegen die Schulter und beugte sich über ihn. Nein, der gab kein Lebenszeichen mehr von sich.

Stuart warf sich den Sack über die linke Schulter, hatte das Spencergewehr in der rechten Hand und ging in die laut raschelnden Büsche hinein zu seinem ängstlichen Pferd, das ihn mit neuem Schnauben begrüßte.

„Ich bin ja schon da. — Wir sind reich, Feiler!“, Stuart lachte verrückt, schlug dem Tier gegen den Hals und band den Sack an seinen Sattel. Er machte die Zügel los, schwang sich auf das Pferd und ritt durch das Gestrüpp nach Süden, über die Piste hinweg und in den Fluss, der selbst in der Mitte nur zwei Fuß Tiefe hatte. Der Reiter entfernte sich in westlicher Richtung der Stadt entgegen. Bald verließ er den Teton-River auf der südlichen Seite und trabte durch das Dickicht und über einen Hügel hinweg, von dem aus er die Lichter der Stadt im Norden in der Ferne sah.

Perce Stuart strebte den Bergen im Westen entgegen. Weit dahinter lag Oregon und er war überzeugt, dass dort niemals von einer überfallenen Postkutsche in Montana die Rede sein würde.

Als er die nächste Hügelkuppe erreicht hatte und sein Pferd zügelte, sah er die Lichter der Stadt schon ein wenig östlich. Er war an Choteau vorüber. Wahrscheinlich würden sie erst am folgenden Tag von dem Überfall erfahren. Wenn sie Glück hatten, fanden sie auch seine Spuren, die in den Fluss führten und allenfalls zusätzlich die, welche wieder ans Ufer und hier über die Hügel führte. In den Bergen würde es dann damit mit Sicherheit vorbei sein.

Perce Stuart ritt im Westen von der Hügelkuppe und durch das weite Grasland den Felsen und Bergwäldern entgegen. Die Nacht verschluckte ihn in ihrer Schwärze.

 

 

4

Das entwichene Postpferd schnaubte hinter dem Gestrüpp. Äste raschelten.

Auf der Piste etwas vor der Kutsche bewegte sich der Begleitmann bei den toten Pferden. Ein Geier, der sich auf einem Kadaver niedergelassen hatte, schlug mit den Flügeln, krächzte fürchterlich und stieg in die Luft.

Sean Welles wälzte sich stöhnend auf die Schulter, öffnete die Augen und meinte hinter Funken und Feuer grinsende Gesichter zu erkennen, die ihn höhnisch angrinsten.

Das Pferd schnaubte, das Buschwerk teilte sich und der Kopf des Tieres wurde sichtbar. Das Pferd trabte aus den Büschen und stieß den Mann mit dem Maul an.

Welles rollte auf den Rücken. Schmerzen bohrten sich wie Nadelstiche durch seinen Körper und vor dem großen Kopf des Pferdes zogen scheinbar Nebelschwaden vorbei.

Das Tier schnaubte und stieß ihn wieder an. Klarheit kam langsam in seinen Kopf und er erinnerte sich an den jähen Überfall, an den Feuerstoß, der aus den Büschen gefahren war und den Schlag, der ihn traf, bevor sein Bewusstsein auslöschte.

Die Schmerzen wurden mit seiner zurückkehrenden Klarheit immer stärker. Blut schien ihm warm über die Brust zu rinnen. Vorsichtig streckte er die Hand aus und griff nach dem Kopfgeschirr des Pferdes, das wieder sein leises Schnauben ausstieß. Aber er kam so nicht auf die Beine. Die Schmerzen waren so heftig, dass sie in seinem Kopf etwas zur Explosion zu bringen schienen. Er ließ das Kopfgeschirr los, wälzte sich weiter herum und zog die Beine an den Körper. Ein paar Sekunden lag er so und sammelte Kraft, dann stützte er die Hände auf und kniete. Es ging besser als er gedacht hatte und nun konnte er wieder nach dem Kopfgeschirr des noch verharrenden Pferdes greifen, konnte neuerlich seine Kräfte sammeln und aufstehen. Das Tier schleppte noch das abgerissene Zuggeschirr mit sich herum, aber davon nahm der verletzte Gunman keine Notiz. Sean Welles richtete sich am Kopfgeschirr auf und lehnte sich gegen das Pferd. Er keuchte wegen der Anstrengung und der Schweiß lief ihm über das Gesicht. Jetzt konnte er das Loch in seinem Hemd sehen und den dunklen Fleck, an dem der Stoff auf der Haut klebte. Blut rann aus der Wunde. Er brauchte Hilfe, wenn er nicht verbluten wollte. An das Gold, das sie bis hierher transportiert hatten, dachte Sean Welles nicht. Es interessierte ihn nicht einmal. Nur überleben, weiter ging ihm nichts im Kopfe herum. Er presste die Zähne aufeinander, führte das Pferd neben die Kadaver, auf die er steigen konnte, um auf den Rücken des Tieres zu kommen. Tatsächlich gelang es ihm und er konnte nach den langen Zügeln greifen, die noch hinter dem Pferd auf dem Boden schliffen.

Sean Welles ritt an der Kutsche vorbei, deren Schlag offenstand und folgte der Piste nach Westen. Bald sank er auf den Hals des Pferdes, blieb aber bei Bewusstsein und konnte sich an der Mähne des Tieres festhalten.

 

 

Zusammenfassung


Nachdem die Postkutsche mit Rohgold an Bord aus der Stadt Choteau losgefahren ist, wird sie überfallen und ausgeraubt. Die Männer werden ermordet. Schnell verdächtigt man den alten Trapper, der einsam, aber zusammen mit der Poker-Lady in den Bergen wohnt. Der Marshal und Sicherheitskräfte der geschädigten Transportfirma reiten zu ihm, um nachzuschauen, ob sie bei ihm Gold von dem besagten Überfall finden. Zu ihrer Überraschung finden sie Gold, aber der Trapper beteuert seine Unschuld und gesteht schließlich, selber eine Goldmine gefunden zu haben.

Details

Seiten
126
Jahr
2020
ISBN (eBook)
9783738946635
ISBN (Buch)
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2020 (Oktober)
Schlagworte
trapper poker-lady

Autor

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Titel: Der Trapper und die Poker-Lady