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Ein Jack Braden Thriller #26: Der Mörder lässt bitten

2020 133 Seiten

Zusammenfassung

Jedes Jahr lädt Buster L. Mackintosh Freunde zu sich nach Mackintosh Hall auf Pitty Island ein, um auf Entenjagd zu gehen. Diesmal ist auch Pantheon Appletree eingeladen, doch aus ganz anderen Gründen.
Als Guy Hamilton, einer von Mackintoshs Gästen, Appletree frühmorgens zum Frühstück holen will, findet der ihn tot vor. Der anwesende Dr. Talbot ist überzeugt, dass er einem Herzinfarkt erlegen ist, doch Hamilton ist anderer Meinung …

Leseprobe

Table of Contents

Der Mörder lässt bitten

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Die Hauptpersonen des Romans:

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Der Mörder lässt bitten

Ein Jack Braden Thriller #26

von Cedric Balmore

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 133 Taschenbuchseiten.

 

Jedes Jahr lädt Buster L. Mackintosh Freunde zu sich nach Mackintosh Hall auf Pitty Island ein, um auf Entenjagd zu gehen. Diesmal ist auch Pantheon Appletree eingeladen, doch aus ganz anderen Gründen.

Als Guy Hamilton, einer von Mackintoshs Gästen, Appletree frühmorgens zum Frühstück holen will, findet der ihn tot vor. Der anwesende Dr. Talbot ist überzeugt, dass er einem Herzinfarkt erlegen ist, doch Hamilton ist anderer Meinung …

 

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

Alfred Bekker

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© COVER FIRUZ ASKIN

© dieser Ausgabe 2020 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

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Die Hauptpersonen des Romans:

Pantheon Appletree - als Leiche

Guy Hamilton - will nicht hören

Dr. Edwin P. Talbot - weiß von nichts

Bruce R. Diamond junior - bläst sich auf

Rudolph Graf Vegenczy - lebt. Frage: Wovon?

Robert Sayers - butlert

Stella Sayers - kocht

Charlotte Reemer und Althea Gibbins - machen Betten

Don McFairly - schweigt

Jack Braden und sein Team - mischen mit

 

 

1

Pantheon Appletree sah aus wie eine Mixtur aus einem Pavian und einer Kaulquappe. Darunter kann sich niemand etwas vorstellen, und wenn man Guy Hamilton fragte — der diesen Ausdruck geprägt hatte —, was er sich denn darunter vorstelle, dann antwortete er: „Einen Mann wie Pantheon Appletree.“

Mr. Appletrees Vater war Professor für Latein und Griechisch gewesen - daher der pompöse Vorname. Außer dem Vornamen war nichts pompös an Pantheon Appletree. Schon bei Lebzeiten nicht.

„Komm, komm, alter Knabe!“, sagte Guy Hamilton forsch. „Keine Müdigkeit vorschützen! Auf geht’s!“

Es war vier Uhr zwanzig morgens. Und Hamilton war widerlich munter.

Hätte Mr. Pantheon Appletree gefunden, wenn er noch dazu imstande gewesen wäre.

Hamilton trug langschäftige Stiefel, Breeches und eine pelzgefütterte Windjacke. Denn es würde kalt sein draußen im Watt. Er hatte die Lichtritze unter der Tür von Appletrees Zimmer gesehen, hatte kurz angeklopft und war eingetreten, ohne eine Aufforderung abzuwarten.

Nicht, dass Hamilton und Appletree besonders intim miteinander gewesen wären. Sie kannten sich erst seit einigen Tagen: seit beide auf Pitty Island zu Gast waren. Aber Takt war nie Hamiltons Stärke gewesen. Und Appletree war schon gar nicht der Typ, der einem Guy Hamilton Respekt einflößte.

„Los, alter Junge! Kommen Sie hoch! Das Frühstück ist parat — und die Enten warten nicht!“

Appletree saß — in einen verblichenen Morgenrock gehüllt — in dem Ledersessel vor dem Frisiertisch. Er hatte die Füße weit von sich gestreckt. Der linke Arm war zwischen dem Körper und der Sessellehne eingeklemmt, die rechte Hand lag in seinem Schoß, das Kinn hing auf der Brust.

Die Wandleuchte über dem Frisiertisch brannte, das Oberlicht und die anderen Lampen waren dunkel.

Hamilton sah Appletree gleich dreimal. Von hinten direkt, und auf dem Umweg über den dreiteiligen Frisierspiegel sowohl von vorn als auch von beiden Seiten. Er nahm an, dass Appletree im Sessel noch einmal eingenickt war — ein Gedanke, der insofern nahe lag, als das Bett zerwühlt war.

„Heh, Panny! Wachen Sie auf!“

Hamilton setzte ein imaginäres Horn an den Mund und imitierte gekonnt das Wecksignal der Königlich britischen Armee. Denn Guy Hamilton war Engländer.

Als Appletree nicht reagierte, ging Hamilton hin und rüttelte ihn an der. Schulter. Erst nur gelinde, dann aber herzhaft.

Appletrees Kaulquappenschädel pendelte haltlos auf die andere Seite.

So fest konnte niemand schlafen!

Hamilton hob Appletrees Kopf an, und schon als er die Marmorkälte der Haut spürte, hielt er den Atem an. Dann sah er die weit geöffneten Augen mit den verdrehten Pupillen ...

Hamilton machte kehrt. Er lief den Flur entlang bis zur Galerie über der Halle. Unten stand die Tür zum Frühstückszimmer offen.

„Doktor!“, rief Hamilton laut.

Ein Stuhl wurde gerückt. Dann erschien Edwin Talbots untersetzte Gestalt im Türrahmen. Dr. Edwin P. Talbot, Gynäkologe, Chefarzt und Eigentümer einer Privatklinik in Boston.

Wie Hamilton, so war auch Talbot „jagdfertig“ gekleidet.

Hamilton winkte Talbot wortlos zu. Der Arzt solle zu ihm heraufkommen.

„Was gibt’s?“, fragte Talbot wenige Sekunden später.

„Appletree! Ich fürchte, er ist tot!“

„Tot?“

Sie gingen nebeneinander über den Flur. Hamilton hatte die Tür zu Appletrees Zimmer offen gelassen. Auch der Arzt sah Appletree also gleich dreimal — sein Kopf lag jetzt im Nacken.

Talbot war ein stabiler Mittfünfziger, aber er hatte extrem kleine Hände - die Hände eines Mannes, der zum Frauenarzt prädestiniert war.

Er legte zunächst den Handrücken gegen Appletrees Wange, dann tastete er dessen Kiefernpartie ab. (Hier macht sich die Leichenstarre am ehesten bemerkbar.)

„Seit mindestens sechs Stunden!“, sagte er sachlich.

Er war Arzt; auch er hatte Appletree erst vor einigen Tagen kennengelernt. Man konnte nicht erwarten, dass er anders als sachlich reagierte.

„Das wäre also seit etwa halb elf Uhr!“, murmelte Hamilton.

Der Arzt bückte sich nach dem aufgeschraubten Füllfederhalter, der rechts neben dem Sessel auf dem Fußboden lag.

„Ich an Ihrer Stelle würde das Ding liegen lassen“, sagte Hamilton.

Der Arzt hob die Brauen und blickte — noch gebückt — Hamilton von unten herauf an.

„Wollen Sie etwa Detektiv spielen, Captain? Keine Veranlassung! Appletree ist — um es populär auszudrücken — einem Herzschlag erlegen.“

Aber er richtete sich wieder auf, ohne den Füller berührt zu haben.

„Wie wollen Sie das wissen, Doc? Sie haben ihn sich ja noch nicht einmal gründlich angesehen.“

„O doch, das habe ich. Nämlich so lange er noch lebte. Bläuliche Fingernägel, bläuliche Lippen, feuchte Hände. Wenn er etwas Blankes anrührte, blieb Schweiß zurück. Er klagte oft über ,eingeschlafene‘ Gliedmaßen. Viele andere Anzeichen für schwere Kreislaufstörungen. Und dann - sehen Sie sich die Medikamente auf dem Nachttisch an! Ihnen sagt das vielleicht nichts, aber mir eine Menge.“

„Nehmen Sie nur als wahrscheinlich an, dass es ein Herzschlag ist — oder sind Sie absolut sicher?“

„Was heißt ,absolut‘! Völlige Gewissheit könnte nur eine Obduktion ... Auch glänzende Diagnostiker erleben da gelegentlich böse Überraschungen. Aber ich weiß wirklich nicht ...“

„Was mich stört“, sagte Hamilton, „ist, dass der Briefblock jungfräulich weiß ist.“ Der Briefblock lag aufgeklappt auf dem Frisiertisch. „Sehen Sie, Appletrees rechter Daumen und Zeigefinger tragen Tintenspuren, als ob er einen Fussel von der Feder gezupft hätte. Dass da ein Fussel ist, merkt man gewöhnlich aber erst, nachdem man zu schreiben begonnen hat. Es müsste, mindestens ein Strich auf dem Block zu sehen sein.“

„Man kann sich die Finger auch mit Tinte beschmutzen, wenn man einen Füller nur aufschraubt.“

„Kann man. Aber kaum mit diesem Halter. Ein ,Diplomat‘ — Luxusausführung. Ich benutze zufällig den gleichen. Kostenpunkt 7 Pfund 9 Shilling. Garantie auf Lebenszeit des Käufers. Ich habe ihn seit acht Jahren, und er hat niemals gekleckst. Wenn man sich die Finger verschmiert, dann durch eigene Ungeschicklichkeit beim Füllen. Aber warum hätte Appletree ihn füllen sollen? Sie sehen ja durch das transparente Mittelstück: Er ist gerade gut halb voll. Ich behaupte: Appletree hat ein Fusselchen von der Federspitze gewischt. Und dass das Fusselchen überhaupt da war, konnte er bemerken, nachdem er wenigstens einen Strich zu Papier gebracht hatte. Da ist aber kein Strich!“

„Sie hätten Detektiv werden sollen!“, sagte Talbot unübersehbar ironisch.

„Ich war Detektiv, Doktor!“

„Nanu, ich meinte, Sie sind Offizier?“

„Ich bin Privatmann. Aber ich war beides. Zuletzt Captain der ,Queens own Husars‘. Ich wechselte dann in den Polizeidienst. Ein Jugendtraum, wenn Sie so wollen. Ich begann ,von der Pike an‘ — wie man so sagt. Nach fünf Jahren war ich Detektiv Chiefinspektor beim Police Headquarter of London — bei Scotland Yard, falls Ihnen das mehr sagt. Von achtzehn Mordfällen, die ich zu bearbeiten hatte, habe ich fünfzehn aufgeklärt, das liegt weit über dem Durchschnitt. Dann verschlimmerte sich mein Leiden — und seitdem bin ich Privatmann.“

„Ihr Leiden?“

„Sie sind doch Arzt, Doktor! Wie lautet Ihre Diagnose?“

„Ich bin Gynäkologe, und das seit fünfundzwanzig Jahren. Dennoch möchte ich meinen, dass Sie im Großen und Ganzen organisch gesund sind.“

„Ich bin taub wie eine Schlange. Nur wenn ich Ihren Mund sehe, verstehe ich, was Sie sagen. Und ich verstehe ausschließlich Leute, die ein zumindest leidlich orthodoxes Englisch sprechen. Notfalls bekomme ich noch Cockney mit — den Londoner Dialekt. Ansonsten aber ...“

„Das haben Sie hervorragend zu verbergen gewusst!“

„Übung, Sir! Ich wurde ja nicht über Nacht taub, mein Leiden entwickelte sich allmählich. Mit 36 schied ich aus — inzwischen bin ich 45. Das wundert Sie? Ich weiß, ich sehe sehr viel jünger aus.“

Es stimmte wirklich, Talbot hätte Hamilton allenfalls 35 gegeben.

„Überdies kaschiere ich mein Leiden dadurch, dass ich mich jungenhaft gebe. Ich bin eben eitel ...“

„Unsinn! Kein eitler Mensch gibt zu, dass er eitel ist.“

Talbot hatte sich halb abgewendet, ohne sich etwas dabei zu denken. Hamilton reagierte prompt, indem er zwei seitliche Schritte tat.

„Wie dem auch sei, Doktor! Die Tintenflecken auf Appletrees Fingern stören mich. Und dann noch etwas: Sie, ich und Appletree — wir kennen einander erst seit drei Tagen. Dessen, ungeachtet habe ich doch den sehr bestimmten Eindruck gewonnen, dass Pantheon Appletree eine ängstliche, geradezu hysterisch ängstliche Natur war. Und ein solcher Mann sollte sein Zimmer nachts nicht verschließen oder verriegeln? Die Tür war offen!“ Talbot sagte nichts. Hamilton setzte hinzu: „Ich an Ihrer Stelle würde den Totenschein nicht ohne weiteres unterschreiben.“

„Ich? Selbst wenn ich wollte, ich dürfte es gar nicht. Wir sind auf kanadischem Hoheitsgebiet. Und meine US-Arztlizenz gilt nur für das Hoheitsgebiet der USA. Sankt Bürokratius ist eine machtvolle Persönlichkeit. Wir müssen einen Amtsarzt kommen lassen. — Aber wir sollten es jetzt den anderen sagen. Die Jagd fällt aus!“

Talbot verließ das Zimmer. Hinter seinem Rücken griff Hamilton mit beiden Händen gleichzeitig in die Taschen von Appletrees Morgenrobe. Seine Rechte förderte einen zerknüllten Briefumschlag zu Tage. Hamilton glättete ihn. Er las die Abschrift:

Braden’s Detective Agency Mr. Jack Braden himself 241 East 74 Street Manhattan New York City United Staates

Unten links in der Ecke stand der Absender:

Pantheon Appletree c./o. Mackintosh Hall Pitt

Die beiden letzten Buchstaben waren verschmiert. Das Fusselchen!

Guy Hamilton knüllte den Umschlag wieder zusammen und steckte ihn ein. Kaum jemand beschriftet ein Kuvert, ehe er den Brief geschrieben hat, der in diesem Kuvert expediert werden soll.

Frage: Wo war der Brief?

 

 

2

Es gab nur zwei Häuser auf Pitty Island. Genauer gesagt: ein Haus und eine Hütte.

Das Haus war Mackintosh Hall. Es gehörte Buster L. Mackintosh, Präsident, Vizepräsident, Aufsichtsratsvorsitzender, Aufsichtsratsmitglied und was sonst noch alles in so und so vielen Unternehmen. Die Hütte gehörte ihm auch. Die ganze Insel war sein Eigentum. Er hatte sie der Provinzialregierung von Neu Schottland für ein Butterbrot und ein Ei abgekauft — reichlich eine halbe Quadratmeile Ödland, im Westen steil aus der See steigend, nach Osten hin flach abfallend.

Die Einbuchtung der „Brezel“ lag auf der flachen Ostseite und bildete einen kleinen Naturhafen. Dort stand die Hütte. In ihr wohnte, nein, hauste das ganze Jahr über Don McFairly — sozusagen als Wachhund.

Mackintosh Hall hingegen stand die meiste Zeit leer. Für gewöhnlich kam Buster L. Mackintosh jeweils nur ein paar Wochen im Frühsommer — zu allgemeiner Erholung — und dann noch für rund zwei Wochen im Frühherbst — zur Entenjagd.

Es gab kein Telefon auf Pitty Island. Man hätte ein Seekabel legen müssen, und die Kosten wären enorm gewesen. Buster L. Mackintosh legte auch keinen Wert auf Telefon. Er arbeitete das ganze Jahre über hart, und in den paar Urlaubswochen wollte er seine Ruhe haben.

Jeweils drei Tage vor dem Antritt des Frühsommerurlaubs schickte er McFairly ein Telegramm (der Posthalter brachte es mit einem Motorboot zur Insel): Eintreffe dann und dann.

Darauf setzte McFairly auf das Festland über, engagierte drei Frauen (immer dieselben) und ließ sie — misstrauisch — nicht aus den Augen, während sie das geräumige Haus von oben bis unten generalüberholten.

Das Hauspersonal brachte Mackintosh dann mit, einen Teil der Leute, die sein Hauswesen in Boston versorgten: nämlich Robert Sayers als Butler und Hausmeister, Stella Sayers (die Frau des Butlers) als Köchin, sowie Charlotte Reemer und Althea Gibbons, zwei ältliche Fräulein, als Hausmädchen. Sie kamen stets in zwei Wagen, die in Borrow, einem kleinen Ort an der Küste, zurückblieben. Das galt auch für die Wagen der Gäste — nie weniger als vier, nie mehr als sieben, sofern sie es nicht vorzogen, mit der Bahn anzureisen. Borrow lag allerdings etwa fünfzehn Meilen abseits der Bahnlinie nach Halifax, man war auf den Bus (zweimal täglich) oder auf Mietwagen angewiesen.

Im Frühherbst lagen die Dinge insofern etwas anders, als McFairly den Jagdbeginn bestimmte — oder vielmehr: die Enten. Sie kamen alljährlich zu Tausenden und Zehntausenden aus dem Norden — von den Küsten Labradors und der Hudsonbay — und seit Menschengedenken verbrachte jeder Schwarm eine Nacht im Watt östlich von Pitty Island, ehe sie weiter nach Süden zogen.

Uraltes Geheimnis des Vogelzuges!

Alljährlich kamen zunächst einige kleinere Völker. Dann warf McFairly den Outboarder an, setzte nach Borrow über und hängte sich dort an das Telefon.

„Die Enten sind da, Sir!“

„Okay, Don! Wir kommen!“

Auf der Rückfahrt nahm McFairly die Reinmachefrauen mit.

Buster L. Mackintosh aber — Nimrod aus Leidenschaft — hatte schon auf den Anruf gewartet. Die Einladungen waren längst heraus, auch alles andere längst geregelt. Nur das Datum war noch fraglich gewesen. Mackintosh ließ es sich niemals nehmen, selbst die Eingeladenen anzurufen: „Es ist soweit!“

Spätestens drei Tage danach waren dann alle auf Pitty Island.

Mackintoshs Sommergäste waren irgendwelche Leute, denen er gesellschaftlich verpflichtet war. Manche schätzte er, andere waren ihm gleichgültig, und wieder andere konnte er im Grunde nicht ausstehen. Seine Jagdgäste hingegen waren ausschließlich Männer und Frauen nach seinem Herzen, wobei die Frauen in der Minderzahl waren, denn die waidgerechte Entenjagd ist ein harter Sport.

Die Völker — anfangs nur nach Hunderten, später nach Tausenden zählend — fielen erst abends ins Watt ein. Kein Büchsenlicht mehr. Man sah sie nicht, man hörte sie nur. Und sie hoben in der Morgendämmerung wieder ab. Alle auf einmal, wie auf ein mysteriöses Kommando hin. Dann — und nur dann — konnte man sie erwischen: draußen auf See, jenseits des Watts, während der zwei oder drei Minuten, in denen sie über die Boote mit den Jägern hinwegstrichen, gegen den schon fahlen Osthimmel hin eben und eben sichtbar. Zwei oder drei Minuten lang täglich, während zwei oder drei Wochen im Jahr. Das heißt, die Jäger mussten morgens um vier aufstehen, mussten um die Insel herumpullen, durch Priele, die ihren Lauf ständig veränderten (nur McFairly kannte sich aus) in das offene Meer hinaus — mindestens anderthalb Meilen.

Und Enten sind ein scheues, ein misstrauisches, ein wachsames Wild. Nie schlafen alle auf einmal. Immer sind „Wächter abgeteilt“ — mit scharfen Ohren, noch schärferen Augen und guter Witterung. Ein lautes Wort, ein zu lauter Ruderschlag — und schrille Alarmschreie brachten die Völker zu früh auf die Flügel. Das Gleiche passierte, wenn ein Boot zu nahe an die Völker herankam. Enten sahen besser als Menschen. Oder wenn der Wind unversehens drehte und den Tieren die Witterung der Jäger und Hunde zutrug. (In jedem Boot war ein Hund, der die abgeschossenen Vögel apportiere - die, die in Flachwasser oder in den Schlick fielen. Die Hunde ruhig zu halten, war das geringste Problem, sie wussten instinktiv genau, worum es ging und worauf es ankam.)

Vieles konnte dazwischenkommen. Nebel, Seegang, ungünstige Tiden. So manches Jahr hatte man überhaupt nichts erbeutet. Aber das machte ja gerade den Sport aus: die Ungewissheit, die Spannung.

Buster L. Mackintoshs Vater war Fischer und Jäger in Borrow gewesen. Schon als halbwüchsiger Junge hatte der Sohn auf Enten gejagt. Das lag nun über fünfzig Jahre zurück. Mackintosh war ein großes Tier geworden. Vor rund anderthalb Jahrzehnten hatte er Pitty Island gekauft — und die Jagdrechte dazu. Niemand in Borrow war böse darüber. Mackintosh war an der Jagd, nicht an der Beute interessiert. Die Beute verschenkte er reihum an die allenfalls dreißig Haushalte von Borrow.

In diesem Herbst aber war Buster L. Mackintosh nicht auf die Insel gekommen — zum ersten Mal nicht. Er war schon reisefertig gewesen, als ihm sein Blinddarm — sein Wurmfortsatz — mal wieder Kummer gemacht hatte.

„Ab in’s Hospital!“, hatte der Hausarzt geraten. „Das Ding muss endlich raus!“

Aber Buster L. Mackintosh gehörte zu den Leuten, die eine geradezu pathologische Angst vor dem Skalpell haben.

Nun lag er zwar in der Klinik, laborierte mit Diät und Eispackungen, weigerte sich aber nach wie vor, sich „schneiden“ zu lassen.

Die Jagdgesellschaft musste vorerst ohne ihn auskommen. Das waren in diesem Herbst.

Der schon erwähnte Guy Hamilton, 45, Captain a. D., Chief-Detektiv-Inspektor a. D., seither ohne Beruf. Außer seiner Rente hatte er private Einkünfte aus Aktien und Obligationen, die ihm sein Vater hinterlassen hatte. Er globetrottete im Rahmen seiner finanziellen Möglichkeiten. Mackintosh hatte ihn vor ein paar Wochen in irgendeinem Club kennengelernt.

Der ebenfalls schon erwähnte Dr. Edwin P. Talbot, 54, ein alter Freund des Hausherrn, wie er ein begeisterter Nimrod, alljährlicher Jagdgast auf Pitty Island, seit die Insel Mackintosh gehörte.

Der nunmehr tote Pantheon Appletree, 59, der sich bei Lebzeiten „Privatgelehrter“ genannt hatte, Ornithologe — also Vogelkundler —, ein absolut unsportlicher Bücherwurm (er hatte selbst einige Bücher geschrieben und im Selbstverlag herausgegeben). Er verdankte die Einladung seiner Bekanntschaft — oder sogar Freundschaft — mit Mackintoshs Schwester Elma. Sie war zwölf Jahre jünger als der Bruder, wie er unverheiratet, und führte so etwas wie einen „literarischen Salon“. Bei ihr trafen sich Künstler und Gelehrte aller Schattierungen. Andere Verwandte hatte Buster L. Mackintosh nicht.

Weiterhin: Bruce R. Diamond, 41, Sohn seines Vaters, vielmehr lässt sich über ihn nicht sagen. Der Vater war Bruce R. Diamond senior, Präsident etlicher Großunternehmen, in denen Buster L. Mackintosh Vizepräsident war, und Vizepräsident etwa ebenso vieler Gesellschaften, deren Präsident Mackintosh war. Des Juniors Beruf war, das Geld seines Vaters unter die Leute zu bringen. Ein bisschen Tennis, ein bisschen Segeln, ein bisschen Golf. Und ein bisschen Jagd. Viele Bars, enormer Verschleiß an „ständigen Begleiterinnen“. Ein Playboy reinsten Wassers. Mackintosh mochte ihn trotzdem — nicht nur, weil er der Sohn seines Vaters war. Auch Diamond war Stammgast bei den Entenjagden auf Pitty Island. Dann Mary Rose Sheridan, 32, um es plump, aber deutlich zu sagen: Buster L. Mackintoshs Freundin.

Endlich Rudolph Graf Vegenczy, 46, nach eigenen Worten „letzter Spross“ eines alten ungarischen Adelsgeschlechtes, auch eine Errungenschaft von Mackintoshs Schwester. Er lebte, woraus er kein Hehl machte, von den Zuwendungen von Freunden und Bekannten. Bei Licht betrachtet war Vegenczy ein Schnorrer und Nassauer.

Ein weiterer Jagdgast war angemeldet worden, aber noch nicht eingetroffen. Ein gewisser John Hazel.

Floyd Falter, der Posthalter, hatte das Telegramm am Abend des 4. Oktober herübergebracht, adressiert an seinen Butler:

richtet zimmer her für mister john hazel eintreffend wahrscheinlich morgen stop ich selber wegen nicht mehr vermeidbarer operation endgültig verhindert stop hoffe in etwa zehn tagen dort sein zu können stop würde mich sehr freuen mit allen wenigstens noch zwei oder drei tage zusammenzusein auch wenn jagd schon vorbei stop hoffe dass alle trotzdem spass haben

Weidmannsheil, buster l. mackintosh

Auf diese Depesche hin hatte Dr. Talbot, der sich als ältester und als Mackintoshs intimster Freund sozusagen als stellvertretender Gastgeber fühlte, sich nach Borrow übersetzen lassen — um mit Mackintosh zu telefonieren. Und er war so taktvoll gewesen, Mary Rose zum Mitkommen aufzufordern (obwohl er offiziell nichts davon wusste, wie Buster und Mary Rose zueinander standen, nach außen hin galt sie als seine „Sekretärin“).

„Hello, Buster! Wir haben dein Telegramm bekommen. Wie geht’s denn, alter Junge?“

„Schlecht. Die Entzündung ist zwar abgeklungen, aber der Chefchirurg sagt, wenn ich mich nicht endlich auf den Operationstisch lege, kann es passieren, dass ich eines Tages draufgehe, bloß weil die Entzündung durchbricht, ehe ein Chirurg greifbar ist.“

„Da hat er recht.“

„Ehrlich, Ed, besteht irgendeine Gefahr?“

„Quatsch, ’ne Blinddarmoperation macht heutzutage jeder mittelmäßige Chirurg mit der linken Hand, wenn es sein muss“, untertrieb Talbot.

„Wie ist die Jagd?“

„Miserabel!“, log Talbot rücksichtsvoll. „Nebel, den man in Würfel schneiden und davonfahren könnte. Du versäumst nichts, alter Junge. — Was ist das für’n Mann, den du angekündigt hast, dieser John Sowieso?“

„John Hazel, ’n Freund von mir. Nein, du kennst ihn nicht. Ich hab ihn im vergangenen Winter in New York kennengelernt. Hat irgendetwas mit dem Theater zu tun. Arthur Jackson machte uns bekannt. Jackson von der ,Passaic Merchant Bank and Trust‘. Laut Arthur soll Hazel ein großer Jäger vor dem Herrn sein. Noch ziemlich jung. Mitte Dreißig. Höchstens. Aber er wird dir gefallen.“

„Mach’s gut, alter Junge! Ich gebe dir jetzt Mary Rose.“

Das war am 4. Oktober, gegen 18 Uhr gewesen. Am nächsten Tag, 4 Uhr 20 früh, hatte Guy Hamilton Pantheon Appletrees Leichnam gefunden. 4 Uhr 28 kehrten Dr. Talbot und Hamilton in das Frühstückszimmer zurück.

Vom Personal war nur die Köchin wach. Sie sprach nebenan, in der Küche, mit McFairly. Man konnte beide durch die offene Durchreiche sehen; die Verbindungstür zur Küche war dicht.

Bruce R. Diamond junior schlürfte hörbar Kaffee. Er war unausgeschlafen und missmutig.

Graf Vegenczy hatte das Frühstück beendet. Er nahm sich gerade eine Zigarette aus seinem schmalen, massiv goldenen Etui. Eingravierte Widmung (in Deutsch):

Unserem Rudy Vegenczy zum 25. Geburtstag

Der Motorsportclub Buda

Er tippte die Zigarette zweimal auf, ehe er das goldene Feuerzeug klicken ließ. (Joczy für Rudy — Wien, 12. November 1932) Unnachahmlich elegant. Nicht geziert. Eher lässig, aber unnachahmlich.

Mary Rose — in Wasserstiefeln, Breeches und Anorak — wirkte ausgeschlafen und quecksilbrig.

„Sind wir soweit?“, fragte sie, als Talbot und Hamilton durch die offen stehende Tür zur Halle kamen. Hamilton las es von ihren Lippen ab. Er überließ es dem Arzt, zu reden, ging an Dr. Talbot vorbei und baute sich seitlich vor ihm auf.

„Ich fürchte, die Jagd wird ausfallen müssen. Mr. Appletree ist etwas zugestoßen.“ Eine kleine Pause. Dann: „Er ist einem Herzschlag erlegen.“

Das wurde auch drüben in der Küche gehört. McFairly, gerade im Begriff, sich seine Pfeife zu stopfen, und Stella Sayers, die Köchin, traten an die Durchreiche. Stella bekreuzigte sich. Bruce R. Diamond jr. wurde schlagartig hellwach, Mary Rose hörte auf, quecksilbrig zu wirken, ihr herzförmiges Gesicht wurde bleich.

Graf Vegenczy erstarrte für allenfalls eine Sekunde, dann drückte er die kaum angerauchte Zigarette aus, drückte das Kreuz durch, stand straff und schmal da, obwohl selber niemals Soldat gewesen, jeder Zoll ein k.u.k. Gardeoffizier. Der frühere Berufsoffizier Ihrer britischen Majestät, Guy Hamilton, war nicht annähernd so dekorativ.

„Unter diesen Umständen“, sagte Vegenczy leise, aber deutlich — in seinem überkorrekten, aber stark akzentuierten Oxfordenglisch — „unter diesen Umständen verbietet es sich selbstverständlich, dass wir unserem Vergnügen nachgehen. — Verzeihen Sie, Doktor, es besteht kein Zweifel, dass der arme Appletree ...“

„Kein Zweifel, Graf. Er ist seit mindestens sechs Stunden tot. Und was die Todesursache angeht, so hege ich, offenbar im Gegensatz zu unserem Freund Hamilton, auch nicht die mindesten Zweifel.“

„Aaaah?“, dehnte Vegenczy und blickte Hamilton an.

Hamilton schüttelte den Kopf.

„Ich zweifele nicht an Ihrer Diagnose, Doktor. Ich finde nur, wir sollten uns absolute Gewissheit verschaffen.“

„Sie vermuten doch nicht etwa ... ein Verbrechen, Guy? Das wäre doch einfach absurd!“, schaltete sich Diamond ein.

„Ich habe nichts dergleichen behauptet.“ Talbot, der als einziger Bescheid wusste, konnte nicht umhin, die Geschicklichkeit zu bewundern, mit der Hamilton — scheinbar zufällig — den Standort wechselte, um den Mund des jeweiligen Sprechers sehen zu können.

„Ich habe nichts dergleichen behauptet. Immerhin ist es ungewöhnlich, und ich finde wirklich, wir sollten ...“

„Sie haben recht, lieber Hamilton“, meinte der Graf. „Ich erinnere mich da eines Vorfalles im Offizierskasino der Hoch- und Deutschmeister. Ich selbst war ja nicht Soldat — die alte ruhmreiche k.u.k. Armee gab es zu meiner Zeit nicht mehr, und das Nachkriegsbundesheer; ich rede von der Zeit zwischen den beiden Weltkriegen — nun ja! Ich selbst war, wie gesagt, nie Soldat, aber ich hatte doch — schon durch Papa, der, wie Sie vielleicht wissen, Honvéd General war — ich hatte also glänzende Beziehungen zum Offizierskorps — was sich zwischen den Weltkriegen so Offizierskorps nannte — nun ja. Wo war ich doch stehengeblieben? Ah ja: Also, das muss so Anno dreißig gewesen sein, ich erinnere mich da eines Vorfalles, der …!

„Wie wär’s, wenn Sie Ihren Sermon abbrächen, Graf“, sagte Diamond ätzend. „In diesem Haus liegt ein Toter. Glauben Sie wirklich, dass es der richtige Augenblick für langatmige Reminiszenzen ist?“

Vegenczy sog die Lippen ein und wurde blass um die Nase. Für Augenblicke sah es so aus, als wolle er scharf entgegnen. Aber dann deutete er nur eine abgezirkelte Verbeugung an.

„Pardon! Ich konnte nicht ahnen, dass Sie es so ansehen.“

„Sie sind ein Flegel, Bruce“, sagte Mary Rose aufgebracht. Der Graf imponierte ihr, wie ihr selten ein Mann imponiert hatte.

„Möglich!“ Bruce R. Diamond jr. griente kurz und gelassen. „Aber besser ein Flegel als ein arroganter Schwätzer, finden Sie nicht?“

Vegenczy wurde noch bleicher.

„Wir sind beide Gäste in diesem Haus, Sir! Im anderen Fall würde ich Ihnen gebührend ...“

„Sie glauben gar nicht, wie ich davor zittere.“

Diamonds Sarkasmus war unüberhörbar. Guy Hamilton legte sich in’s Mittel.

„Seien Sie nicht kindisch, Bruce! Ich wünsche Ihnen nicht, dass Ihnen das widerfährt, was dem Grafen widerfahren ist: Dass Sie nämlich mittellos aus Ihrer Heimat vertrieben werden.“

„Dann hätte ich immer noch meine Hände. Zum Zupacken! Und ich wäre mir für keine Arbeit zu schade.“

„Den Beweis sind Sie bisher aber schuldig geblieben“, fauchte Mary Rose immer noch empört.

„Stimmt, Herzblatt“, erwiderte Diamond ungerührt, „aber ...“

Wer weiß, bis zu welchen Weiterungen die Sache noch ausgewachsen wäre, wenn die Hunde nicht losgekläfft hätten. Die drei Hunde, die McFairly vor dem Haus angebunden hatte. (Drei Boote hätten auslaufen sollen.) Gleich darauf schlug die Hausglocke an.

„Nanu! Um diese Zeit?“ Damit drückte Diamond aus, was alle dachten. Außer Hamilton, versteht sich, der nur an den Gesichtern der anderen ablesen konnte, dass irgendwelche Geräusche sie aufgeschreckt hatten.

Diamond ging zwischen Talbot und Hamilton hindurch. Draußen war es noch dunkel, die Halle nur dürftig erleuchtet. Diamond schaltete die Ampel ein, die sich draußen über der Tür befand, ehe er öffnete.

Bruce R. Diamond jr. war alles andere als ein Zwerg, aber der Man draußen überragte ihn noch. Der Fremde blinzelte geblendet. Er trug einen Wettermantel, einen verkniffenen Filzhut. Unter dem Mantel lugten Langschäfter hervor. Über seine Schulter, Daumen am Riemen, hatte er eine doppelläufige Schrotflinte gehängt. Neben ihm stand eine ziemlich voluminöse Reisetasche. „Helloh!“, ließ er fallen.

„Hy!“, antwortete Diamond.

„Mein Name ist Hazel. John Hazel.“

Der baumlange Mann langte in die Tasche seines Wettermantels und brachte einen Brief zum Vorschein. Den drückte er Diamond in die Hand. Es war ein Schreiben, wie es auch andere Gäste erhalten hatten: die, mit denen Buster L. Mackintosh nicht unbedingt intim war: Pantheon Appletree, Guy Hamilton und Graf Vegenczy.

Hamilton war hinter Diamond aufgetaucht. Er nahm Diamond den Brief ab, sobald der einen kurzen Blick auf den Umschlag geworfen hatte. Diamond hatte nichts dagegen.

„’ne ungewöhnliche Zeit, Mr. Hazel.“

„Yeah, ick weeß!“, sagte der Lange. „Aba wat soll ick machen? Ick bin de janze Nacht durchjefahren.“ Der Lange sprach astreinen Brooklyn Slang, wie man den New York Dialekt nennt. Er konnte aber auch anders. „Ich wusste nicht genau, wie weit es nach Borrow ist. Det Nest is uff keena Karte vazeichnet. Mit’n mal war ick da — und es war erst kurz nach vier Uhr. Und am Hafen machten schon einige Krabbenfischer ihre Boote klar. Hätt’ ick warten sollen? Ha’ ick mir ebent ibasetz’n lass’n. Und da bin ick. Es ist ja noch Zeit für die Entenjagd. Sie liegen im Watt, ick konnte sie hören, über die Insel hinweg. Ick nehme an, Sie wollen sofort aufbrechen? Ick bin dabei! Wodruff warten wa noch?“

Hamilton hatte inzwischen den eigentlichen Brief aus dem Umschlag genommen. Handgeschöpftes Büttenpapier. Oben links in der Ecke in Jackdruck: Buster L. Mackintosh. Teuer, aber klein und dezent. Einwandfrei Mackintoshs Handschrift:

Lieber John,

ich erfahre soeben, dass die Enten da sind. Ich erinnere Sie an unsere Vereinbarung vom vergangenen Winter. Wenn Sie sich irgend freimachen können, bitte, brechen Sie doch gleich auf. Borrow, Provinz Neu Schottland, Kanada! Nehmen Sie die Fernverkehrsstraße St. Johns — Halifax und achten Sie, nachdem Sie den Meilenstein 53 passiert haben, auf die Ausfahrt nach Borrow! Es geht links herunter, etwa am nördlichsten Punkt der Straße. Wenn Sie in Borrow sind, brauchen Sie sich nur auf mich zu berufen. Jedermann hat ein Boot, und jeder wird Sie gern übersetzen. Ihren Wagen stellen Sie am besten bei Jim Berkley unter, dem Besitzer des Gasthofs. Ich selbst bin leider unpässlich (Blinddarm) und werde wohl erst nach Ihnen kommen können, daher kann dieser Brief Ihnen als Ausweis dienen. Wäre ich selbst dort, hätten wir das nicht nötig.

Kommen Sie unbedingt, wenn Sie irgend können!

Ihr B.L.M.

Diamond gab die Tür frei. Der Lange latschte herein. Er nahm den Hut ab und glättete sein dunkles Haar, indem er mit den Fingern hindurchfuhr.

Diamond warf Hamilton einen fragenden Blick zu — und Hamilton nickte unauffällig, um zu zeigen: der Brief war in Ordnung.

„Tut mir leid, John!“, sagte Diamond zu dem Langen, „aber die Jagd fällt aus.“ Er schaltete den großen Lüster ein, der inmitten der Halle hing. Diamond wusste nicht, dass es ein venezianischer Leuchter war, XV. Jahrhundert, ein kleines Vermögen repräsentierend. Dort, wo früher Kerzen gestanden hatten, waren jetzt elektrische Kerzen befestigt. Eine Barbarei, eine Kulturschande. Aber das konnte wohl nur Graf Vegenczy beurteilen.

Der merkwürdige Mr. Hazel — merkwürdig zumindest insofern, als dass er immer wieder in den finsteren Brooklyn Slang verfiel — warf einen schrägen Blick auf den Leuchter und hob — wenn auch kaum merklich — die Oberlippe. Wie man die Oberlippe angesichts einer Unappetitlichkeit hebt.

„Fällt aus?“, echote er.

„Ja. — Wir haben einen Toten im Haus.“

„Einen ...“ Der Baumlange, der eben noch ein bisschen mokant gegrient hatte, war zusammengefahren.

„Oh“, murmelte er. „Dann komme ich ja ungelegen. Unter diesen Umständen sollte ich wohl gleich wieder ...“ Er brach ab und bückte sich nach seiner Reisetasche.

Diamond kam ihm zuvor.

„Kommen Sie nur herein, John! Darf ich Sie mit den anderen Gästen bekannt machen: Mr. Hamilton, Dr. Talbot, Graf Vegenczy, Miss Sheridan. Ich selbst bin Bruce Diamond, der Sohn vom alten Diamond. Der Verstorbene war ein weiterer Gast: Pantheon Appletree. Er starb heute Nacht an einem Herzschlag. — Sie kannten ihn?“

„Nnnnein“, dehnte der Mann.

„Es wäre möglich gewesen, da Sie doch auch ein Freund Buster Mackintoshs sind.“

„Sein Name kommt mir irgendwie bekannt vor. Pantheon Appletree. Ein sehr ungewöhnlicher Name.“

„Er hat, soviel ich weiß, zwei oder drei Bücher geschrieben. Irgendwelche wissenschaftliche Schmöker. Vielleicht ...“

„Stimmt!“, murmelte der Baumlange. „Über Vogelkunde, wenn ich nicht irre ...“

Mr. John Hazel war offenbar ein gebildeter Mann, trotz seines Dialekts. Diamond sagte etwas in dieser Richtung.

„Als wie ick? Det kann mir niemand vorwerfen. Ick hatte als Junge Interesse an Vojeln. Damals sind mir ein oder zwei Bücher Appletrees in die Hände gefallen. Inzwischen hat sich der Tick gegeben.“

„Sie müssen hungrig sein! Kommen Sie! Das Frühstück steht noch auf dem Tisch!“

„Wenn ich mir erst mal die Hände waschen ...“

„Aber klar! — Gleich rechts um die Ecke!“

Mackintosh Hall war ein zweistöckiges Gebäude. Rechts und links waren zwei ebenerdige Seitenflügel angebaut. In dem linken befand sich die Küche, in dem rechten ein Waschraum.

Der Baumlange zog seinen Mantel aus und warf ihn lieblos über einen Stuhl, ehe er loschaiste.

Die anderen gingen in das Frühstückszimmer zurück — bis auf Hamilton.

Als Guy Hamilton in der Halle allein war, tastete er den Wettermantel des Baumlangen ab. Innen steckte eine Brieftasche. Hamilton zog sie heraus, klappte sie auf, inspizierte kurz ihren Inhalt und ließ sie in die Innentasche zurückgleiten. Dann folgte er den anderen.

Was Guy Hamilton gesehen hatte, war: Etwa 300 USDollar in kleinen und mittleren Scheinen. Tausend Kanada Dollar in Fünfzigern, noch mit der Bankbanderole. Ein US-Reisepass auf den Namen John David Hazel, Kaufmann aus New York. Führerschein und Internationale Kfz-Versicherungskarte auf den gleichen Namen. Einige alte Briefe und Rechnungen, alle an Mr. John Hazel gerichtet.

Als Hazel in die leere Halle zurückkam, nahm er die Brieftasche aus dem Mantel und steckte sie in das Sakko, nachdem er sie dicht unter seine Augen gehalten hatte, denn er war ein misstrauischer Mann. Weil er das war, hatte er gewisse Vorkehrungen getroffen. Und weil er sie getroffen hatte, wusste er nun, dass die Tasche inzwischen aufgeklappt worden war. Der farblose Seidenfaden, der um die Brieftasche gebunden gewesen war, kaum sichtbar und schon gar nicht fühlbar, war nicht mehr da. Der Baumlange grinste kurz. In der Brieftasche war nichts, was nicht jedermann sehen konnte.

Hazels Ankunft hatte neutralisierend gewirkt.

Dr. Talbot sagte, man müsse den Leichnam aufbahren, ehe die Leichenstarre zu weit fortgeschritten wäre.

„Am besten gleich! — Sie helfen mir sicher dabei, McFairly?“

Don McFairly, ein untersetzter, stämmiger Vierziger mit massivem Schultergebäude, großen und harten Händen und einem kantigen, wind- und wettergegerbten Gesicht unter dem dichten kastanienroten Haarschopf, war inzwischen aus der Küche in das Frühstückszimmer gekommen.

„Sicher“, sagte er ruhig.

Hamilton protestierte nicht. Er ging schweigend hinaus, durchquerte die Halle und stieg die Treppe empor. Er war schon verschwunden, als Dr. Talbot und McFairly gleich darauf ebenfalls nach oben stiegen. Diamond und Vegenczy schlossen sich an. Und auch Hazel.

Die Tür zu Appletrees Zimmer stand noch offen. Alle sahen den Toten von drei Seiten. Niemand sagte etwas. Zerdehnte Sekunden lang nicht.

„Am besten legen wir ihn zunächst mal auf die Couch“, murmelte der Arzt schließlich. „Kommen Sie, McFairly!“

Diamond und Vegenczy blieben an der Tür stehen. Hazel ging hinter Talbot und McFairly in das Zimmer und machten sich nützlich, indem er die Couchkissen abräumte.

„Man legt ihn doch am richtigsten ganz flach, Doktor. Oder?“

„Ja. Natürlich. In längstens zwei Stunden wird er völlig steif sein. Er muss dann so transportiert werden, wie wir ihn jetzt betten.“

McFairly hatte dem Toten nur kurz ins Gesicht geblickt. Jetzt bückte er sich nach dem Füllhalter.

„Lassen Sie das!“, sagte Hamilton laut von der Tür her. Guy Hamilton war auf seinem eigenen Zimmer gewesen, hatte dort seine Kamera geholt. „Einen Augenblick noch!“

Die Vakuumbirne blitzte. Hamilton schoss vier Aufnahmen, ehe jemand reagierte.

„Was soll denn das, zum Kuckuck!“

Talbot hatte sich vor Hamilton aufgebaut.

„Nur für alle Fälle, Doktor! Ich möchte nichts versäumen.“

„Sie sind ja närrisch! Sie haben sich in eine fixe Idee verrannt. Wir sind lauter ehrbare Leute. Keiner von uns kannte Appletree, außer Graf Vegenczy. Sonst hat ihn niemand auch nur gesehen, ehe er hierher kam. Schlagen Sie sich doch diese Gedanken aus dem Kopf!“

„Ich bin völlig Ihrer Ansicht, ich möchte nur nichts versäumen.“

Hamilton ging zur Tür zurück. McFairly hob den Füller auf und legte ihn auf den Frisiertisch. Dann trugen er und Talbot den Leichnam zur Couch. Talbot legte die Arme des Toten zurecht. Sichtlich machte das schon einige Mühe.

Auf dem Flur gab es Bewegung. Der Butler und die beiden Hausmädchen — inzwischen von der Köchin geweckt — erschienen. Auch die Köchin selbst. Nun war nur noch Mary Rose Sheridan unten.

Die Köchin und die Hausmädchen flüsterten miteinander. Der Butler blieb stumm, sein Gesicht steinern.

„Weiß jemand, ob irgendwelche Angehörige zu benachrichtigen sind?“, fragte der Arzt.

Niemand antwortete.

Der dunkle Anzug, den Appletree zum Dinner getragen hatte, hing über einer Stuhllehne — Hose und Sakko.

Hazel, der als Letzter noch in dem Zimmer war, ging hin und zog die Brieftasche heraus.

Er klappte sie auf — und stieß einen leisen Pfiff aus.

„Donnerwetter!“

Er kam mit der aufgeklappten Brieftasche zur Tür. Schon unterwegs zählte er: „Eins, zwei, drei ...“ Und so weiter. Bis fünfzehn. „Fünfzehntausend Kanadadollar in Tausendern. Und ein Reisekreditbrief der First National Bank über fünfzehntausend US-Dollar. „Ah, da ist der Pass. Pantheon Appletree, Boston, Doktor med. vet., also Tierarzt.“ Niemand hatte gewusst, dass Appletree Doktor gewesen war. „Er war — warten Sie mal — ja, 50 Jahre alt. Ledig. Wat hätt’n wa sonst noch? Mitgliedskarte eines Akademischen Clubs, Boston, ’ne Eisenbahnrückfahrkarte Boston-Halifax. ’n abgefahrener Busfahrschein. Halifax — Borrow. — Der Einladungsbrief Mackintoshs. Eine Speisewagenrechnung.

Aus. — ’n bisschen wenig, wenn Sie mich fragen.“

„Wenig — inwiefern?“, fragte Diamond.

„Ich zum Beispiel bewahre alles Mögliche in meiner Brieftasche auf: alte Briefe, Ansichtskarten, Kino- und Theaterbilletts, wat weeß ick noch allens. Un ick meene, det machen de meisten Männer so. Von Zeit zu Zeit miste ich aus: zufällig gestern, bevor ich über die Grenze fuhr. Aber für gewöhnlich schleppe ich ein ganzes Sammelsurium mit mir herum.“

„Auch Appletree ist kürzlich über die Grenze gefahren, auch er kann daher — aus dem gleichen Grund — ,ausgemistet‘ haben“ ,gab der Arzt zu bedenken.

Details

Seiten
133
Jahr
2020
ISBN (eBook)
9783738946628
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2020 (Oktober)
Schlagworte
jack braden thriller mörder

Autor

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Titel: Ein Jack Braden Thriller #26: Der Mörder lässt bitten