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Das Massaker von Nanak-Thau: Die Raumflotte von Axarabor - Band 176

2020 100 Seiten
Reihe: Axarabor, Band 176

Leseprobe

Das Massaker von Nanak-Thau: Die Raumflotte von Axarabor - Band 176


von Bernd Teuber


Der Umfang dieses Buchs entspricht 83 Taschenbuchseiten.


Zehntausend Jahre sind seit den ersten Schritten der Menschheit ins All vergangen. In vielen aufeinanderfolgenden Expansionswellen haben die Menschen den Kosmos besiedelt. Die Erde ist inzwischen nichts weiter als eine Legende. Die neue Hauptwelt der Menschheit ist Axarabor, das Zentrum eines ausgedehnten Sternenreichs und Sitz der Regierung des Gewählten Hochadmirals. Aber von vielen Siedlern und Raumfahrern vergangener Expansionswellen hat man nie wieder etwas gehört. Sie sind in der Unendlichkeit der Raumzeit verschollen. Manche errichteten eigene Zivilisationen, andere gerieten unter die Herrschaft von Aliens oder strandeten im Nichts. Die Raumflotte von Axarabor hat die Aufgabe, diese versprengten Zweige der menschlichen Zivilisation zu finden - und die Menschheit vor den tödlichen Bedrohungen zu schützen, auf die die Verschollenen gestoßen sind.

Ein Angehöriger der Raumflotte von Axarabor richtet in einem Einkaufszentrum ein Blutbad an. Was war der Auslöser für den Amoklauf? Bei seinen Nachforschungen stößt Sergeant Mahdor vom Sicherheitsdienst auf ein gefährliches Geheimnis.

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

Alfred Bekker

© Roman by Author / COVER 3000AD 123rf Steve Mayer

© Serienidee Alfred Bekker und Marten Munsonius

© dieser Ausgabe 2020 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

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1

Abrupt richtete sich Uzay Jazbasi im Bett auf. Irgendetwas stimmte nicht. Unsicher wanderten seine Blicke durch das Zimmer. Er hatte geglaubt, dass es vorbei war. Aber er hatte sich geirrt. Es war nicht vorbei. Irgendetwas brodelte in seinem Kopf, wilde Gedanken, die nicht zur Ruhe kommen wollten. Der Mann winselte leicht auf. Im Zimmer herrschte plötzlich ein kaltes, unnatürliches Licht, das gleichzeitig rot war und ins Blaue hinüberspielte … ein völlig fremdartiger Farbenschein.

Wenn er doch nur wüsste, was geschehen war! Er zwang sich zur Ruhe, versuchte sich zu erinnern. Jazbasi wischte sich den Schweiß von der Stirn. Er war gestern in einer Bar gewesen und hatte ein paar Gläser Whisky getrunken. Aber seltsamerweise konnte er sich nicht daran erinnern, das Lokal verlassen zu haben. Aber wie war er dann nach Hause gekommen? Er wusste es nicht. Aber irgendwie musste er es ja geschafft haben.

Das merkwürdige Licht im Zimmer irritierte ihn, trieb ihn in den Wahnsinn. Nein! Wie konnte er so etwas nur denken? Wie konnte er dieses Wort überhaupt denken? Er war nicht wahnsinnig. Und doch war da etwas in seinem Kopf – in seinen Gedanken – was er sich nicht erklären konnte. Nur was? Er überlegte angestrengt.

Du weißt es , sagte eine leise Stimme tief in seinem Bewusstsein. Erschrocken fuhr er zusammen und blickte sich um. Er war allein. Trotzdem war er davon überzeugt, die Stimme gehört zu haben. Nein , sagte er sich im gleichen Moment mit aufsteigendem Entsetzen. Diese Stimme ist nicht real. Ich bilde sie mir nur ein. Ich höre sie gar nicht wirklich. Es gibt gar keine Stimme in meinem Kopf.

Und doch war sie da.

Du musst dich auf den Weg machen , flüsterte sie leise und eindringlich. Es ist Zeit.

Jazbasi räusperte sich. „Zeit“, wiederholte er kaum hörbar. „Wieso Zeit? Und wieso hast du dich nicht schon viel früher gemeldet?“

Ich … schlief , gab die Stimme zurück. Ich schlief, wie auch du geschlafen hast. Ich konnte nicht zu dir vorstoßen. Du warst zu gut abgeschirmt. Und du hast mich vorher … aber das musst du selbst herausfinden. Du musst dich auf den Weg machen. Es ist Zeit.

Nein“, sagte Jazbasi mit zusammengekniffenen Lippen. „Nein. Verschwinde. Du sollst mich in Ruhe lassen!“

Aber genau das schlage ich dir ja vor , erwiderte die Stimme einschmeichelnd. Er vernahm sie jetzt so klar und deutlich wie die eines Menschen, der direkt vor ihm stand.

Wenn ich aufstehe … wirst du mich in Ruhe lassen?“

Natürlich!

Du lügst!“

Nein. Warum sollte ich lügen? Ich befinde mich weit, weit entfernt von dir. Spürt du nicht, wo ich bin? Wie sollte ich da zu dir kommen?

Plötzlich empfand er in seinem Kopf das Gefühl einer großen Leere, einer unendlichen Entfernung.

Du wirst mich wirklich in Ruhe lassen?“, flüsterte Jazbasi.

Natürlich , gab die Stimme zurück.

Sie hatte plötzlich ein Verlangen in ihm geweckt. Eine Faszination. Bis er es nicht mehr aushielt. Winselnd schlug er die Bettdecke zurück. Er war vollkommen angekleidet. Sogar seine Stiefel trug er noch. Stöhnend richtete er sich auf. Jetzt wusste er plötzlich, was er tun sollte. Ein kreischendes, ganz und gar unmenschliches Triumphgeheul füllte seinen Schädel aus. Jazbasi erhob sich, ging zu dem Metallschrank hinüber und öffnete die Tür. Er nahm den Strahler heraus, entfernte das Magazin und überprüfte, ob es geladen war. Dann schob er es wieder hinein. Erst jetzt wich der Ausdruck der Anspannung aus seinem Gesicht. Mit einem erleichterten Aufatmen legte er den Gürtel mit dem Holster um und schob die Waffe hinein.

Er wollte die Schranktür gerade wieder schließen, als er die acht T-Bomben sah, die auf dem mittleren Regalboden lagen. Er konnte sich nicht erklären, wie sie dorthin gekommen waren. Sie schienen ihn anzustarren. Und sie taten noch viel mehr. Sie sahen durch ihn hindurch. Sie sahen in sein tiefstes Inneres. Sie durchforsteten seinen Verstand. Sie suchten nach etwas, suchten in seinen Gehirnzellen, in seinen Erinnerungen.

Unsinn! Wie konnten leblose Gegenstände so etwas tun? Das war vollkommen unmöglich. Zitternd streckte er die Hände nach den Bomben aus. Die raue Oberfläche fühlte sich kalt, aber auch vertraut an. Er nahm sie und verstaute sie in den Beintaschen seiner Kombination. Mit steifen Schritten verließ Jazbasi die Wohnung. Er stieg die Treppen hinunter und trat auf die Straße. Menschenmassen quälten sich die Bürgersteige entlang. Schwebewagen rasten über die mehrspurige und dennoch hoffnungslos überlastete Straße.

Doch Jazbasi kümmerte sich weder um die Menschen noch um die Fahrzeuge. Wenn nur diese seltsamen Kopfschmerzen nicht wären, unter denen er seit dem Aufwachen litt. Nein, eigentlich waren es keine Kopfschmerzen, sondern eher ein Gefühl der Verwirrung, der Verunsicherung … das Gefühl, unentwegt von einer unsichtbaren Macht beherrscht zu werden. Geistesabwesend schaute er dem Treiben um sich herum zu. Dort flackerte eine dreidimensionale Leuchtreklame, ein paar Schritte weiter befand er sich der Imbiss, in dem er zu Mittag aß, wenn er es sich leisten konnte.

Jazbasi schüttelte den Kopf, als könne er damit jenes seltsame Gefühl verscheuchen. Das Gefühl, beobachtet zu werden, zeigte sich jedoch gänzlich unbeeindruckt und blieb weiterhin bestehen. Wahrscheinlich bin ich nur nervös , suchte er in seinen Gedanken nach einer Erklärung. Oder überanstrengt. Die Probleme der vergangenen Wochen und Tage …

Ach was! Er konnte sich nichts vormachen. Irgendetwas war mit ihm nicht in Ordnung. Aber was? Tief einatmend ging er ein paar Meter weiter und lehnte sich gegen die gläserne Front eines Gebrauchtwarengeschäfts, um sich ein wenig auszuruhen. Wie von selbst glitt seine rechte Hand in die Beintasche – und stieß auf Widerstand. Elektrisiert riss er die Hand wieder aus der Tasche, eine der Bomben, die dort geruht hatten, fest umklammert. Er glaubte, seinen Augen nicht trauen zu können.

Weshalb hatte er sie bloß mitgenommen? Er wollte sie doch in seinem Schrank aufbewahren. Wollte er das wirklich? Wie waren sie überhaupt dort hineingekommen? Verwirrt kratzte er sich an der Stirn. Verdammt noch mal, er war sich ganz sicher, dass diese T-Bomben nicht ihm gehörten. Er hatte sie weder gekauft noch sonst irgendwie besorgt. Aber woher stammten sie? Er musterte sie genauer, als habe er sie noch niemals zuvor gesehen. Spielte ihm seine überreizte Fantasie einen Streich?

Wie gebannt starrte er auf die Bombe in seiner Hand. Dann schob er sie langsam zurück in die Beintasche. Vor seinen Augen verschwamm die Umgebung. Ein Schleier aus kaltem, unnatürlichem Licht legte sich über die Straße. Dann löste er sich auf, als habe es ihn nie gegeben. Jazbasi sah eine unendliche Dunkelheit, eine Finsternis, die … lebte. Sie vibrierte vor Gier und Lust am Töten. Sie lockte ihn mit sanften, rhythmischen Bewegungen und trotz seines Entsetzens war er versucht, dieser Verlockung zu folgen. Was würde ihn tief in dieser unbeschreiblich fremdartigen Dunkelheit erwarten?

Mit aller Kraft kämpfte sein Verstand gegen den unheimlichen Sog an, der ihn ins Verderben ziehen wollte. Er zwang sich zu einer Anstrengung, die er noch nie zuvor im Leben zustande gebracht hatte, aber es gelang ihm nicht. Zitternd stand er da, das Gesicht schweißüberströmt, seine Knie schwach, als versuchte er zu verstehen, was gerade mit ihm geschah.

Nein , warnte ihn eine innere Stimme. Denk nicht darüber nach, sonst verlierst du den Verstand! Mit abgehackten Bewegungen setzte er sich wieder in Bewegung. In einiger Entfernung entdeckte er das große Einkaufszentrum, das vor einigen Wochen eröffnet hatte. Wie gebannt ging er darauf zu. Aus einem unerklärlichen Grund übte es eine seltsame Anziehung auf ihn aus. Die breite Eingangstür öffnete sich automatisch. Jazbasi trat ein. Überall standen Tische und Regale mit den unterschiedlichsten Waren. Menschen und Angehörige anderer Rassen schlenderten durch die breiten Gänge. Während er seine Blicke umherschweifen ließ, ertönte wieder die Stimme in seinem Kopf.

Es ist soweit! Du musst es tun!

Ohne zu zögern, folgte er dem Befehl.

Los, auf den Boden mit euch, oder ich lege euch alle um!“, schrie Jazbasi. Zwei Mal feuerte er seinen Strahler ab. Schreie gellten durch das Einkaufszentrum. Ein Energiestrahl durchdrang die Verkleidung unterhalb einer dreidimensionalen Leuchtreklame. Funken sprühten. Ein Teil der Beleuchtung fiel aus. Sofort gingen die Menschen in Deckung. Jazbasi feuerte über ihre Köpfe hinweg.

Der Mittvierziger trug eine Uniform der Streitkräfte von Axarabor. Seine Augen waren weit aufgerissen, die Pupillen stark erweitert. Das Gesicht glich einer verzerrten Maske. Keiner der Anwesenden zweifelte daran, dass sie es mit einem Verrückten zu tun hatten. Aus den Augenwinkeln heraus nahm Jazbasi eine Bewegung wahr. Mit der Waffe in der Hand wirbelte er herum. Mehrere Menschen zuckten zusammen.

Wer eine falsche Bewegung macht, der stirbt!“

Ein Mann in einem dunklen Anzug griff unter seine Jacke. Sein Kopf war rot. Verzweifelt rang er nach Luft. Jazbasi feuerte. Der Energiestrahl traf den Mann in die Stirn. Er drehte sich um seine eigene Achse und fiel zu Boden. Regungslos blieb er in verkrampfter Haltung liegen. Die Jacke rutschte zur Seite. Von einer Waffe war nichts zu sehen. Die anderen Geiseln blieben wie erstarrt stehen. Niemand rührte sich.

Los, runter !“, brüllte Jazbasi.

Nach und nach legten sich die Menschen auf den Boden. Jazbasi feuerte zwei Mal. Die grellen Energiestrahlen bohrten sich in den Kunststoffboden. Eine Frau stieß einen schrillen Schrei aus. Jazbasi drehte sich um und schoss in die Richtung eines Regals mit Multimediageräten, wo er eine Bewegung gesehen zu haben glaubte. Eines der Geräte wurde getroffen und explodierte.

Ihr kriegt mich nicht!“, schrie Jazbasi mit heiserer Stimme.

Er blickte hinauf zu den Balustraden der oberen Etagen. Jazbasi stand inmitten eines Atriums. Licht fiel durch eine Glaskonstruktion in der Decke. Dreißig Meter oder zehn Stockwerke lagen zwischen Jazbasis Standort und dem Oberlicht. Von den Balustraden aus konnte man von den höheren Stockwerken zum Ort des Geschehens hinunterblicken. An einigen Stellen sahen neugierige Passanten nach unten. Sie hatten zwar die Schüsse und Schreie gehört, aber niemandem war klar, was sich weiter unten abspielte. Jazbasi stieß einen wilden Schrei aus und gab zwei Schüsse hintereinander ab. Die Neugierigen an den Balustraden wichen zurück.

Jazbasi wandte sich einer der Geiseln zu, die auf dem Boden lagen. Neben dem Mann, den er erschossen hatte, breitete sich eine Blutlache aus. Eine der Frauen zitterte und presste die Lippen aufeinander. Jazbasi riss das Magazin aus dem Strahler, griff in die Seitentasche seiner Jacke und ersetzte es durch ein volles. An der Balustrade des nächsthöheren Stockwerks gingen Sicherheitsbeamte in Stellung. Jazbasi feuerte in ihre Richtung. Dann zog er eine Bombe unter der Jacke hervor. Er hatte sie in der Beintasche getragen.

Verschwindet da oben!“, rief er. „Oder ich jage hier alles in die Luft.“

Eine Lautsprecherstimme ertönte. „Seien Sie vernünftig! Wir möchten mit Ihnen reden!“

Jazbasi wirbelte herum und feuerte sofort in die Richtung, aus der er die Stimme zu hören glaubte. Ein Lautsprecher löste sich sofort in seine Bestandteile auf.

Was immer auch Ihre Forderungen sein mögen, wir können darüber reden!“, meldete sich die Stimme nun aus einer anderen Richtung. „Tun Sie jetzt nur nichts Unüberlegtes.“

Schweißperlen glänzten auf Jazbasis Stirn. Er wandte sich einer jungen Frau zu, die neben ihm am Boden lag, und stieß sie mit dem Stiefel an. „Aufstehen!“, befahl er.

Die Frau wimmerte, während sie sich langsam erhob. Das lange, braune Haar war durcheinander und das Make-up vollkommen verlaufen. Jazbasi drückte ihr die Mündung der Waffe an die Schläfe und deutete auf die andere Seite des Raums, wo eine Tür zum Treppenhaus führte.

Ich will, dass du vor mir hergehst!“, sagte er.

Bitte ...“

Tränen flossen der Frau über das Gesicht. Sie zitterte am ganzen Körper. Jazbasi fasste sie am Arm und stieß sie vorwärts.

Wo ist die Schlüsselkarte?“

Es ist nicht abgeschlossen.“

Jazbasi stieß die Frau vor sich her. Zwischendurch blickte er immer wieder nach oben. Der gesamte Bereich, in dem er sich befand, war von den Balustraden der oberen Etagen aus einsehbar. Jazbasi wirbelte herum und schoss über eine Vitrine hinweg, hinter der er eine Bewegung erkannt zu haben glaubte. Ein Mann schrie auf und stürzte getroffen zu Boden. Jazbasis Blick glitt zur Seite. Zwischen zwei Regalfronten war eine gerade Gasse, die sich bis zur anderen Seite des Verkaufsraums zog. Dort befand sich ein Notausgang. Die Tür stand offen. In geduckter Haltung lauerten dort drei Sicherheitsbeamte. Die Strahler hielten sie im Anschlag.

Waffe weg!“, brüllte einer von ihnen.

Sie zögerten. Keiner von ihnen wagte zu schießen. Die Gefahr für die Geisel war zu groß. Jazbasi handelte sofort. Er zog die Frau wie einen Schutzschild vor sich und feuerte gleichzeitig seine Waffe ab. Fünf Energiestrahlen in rascher Folge jagten durch den Gang. Einer der Sicherheitsbeamten sank getroffen zu Boden. Die anderen beiden gingen rechts und links in Deckung.

Verpisst euch, ihr Ärsche!“, brüllte Jazbasi.

Sein Gesicht wurde zur Grimasse. Die Augäpfel traten hervor, ebenso wie die Halsschlagader. Sie pulsierte deutlich sichtbar. Jazbasi brüllte, aber niemand verstand, was er schrie. Es klang wie das Lallen eines Betrunkenen, das keinen Sinn ergab. Die Frau stieß einen schrillen Schrei aus. Jazbasi schob sie vorwärts. Plötzlich glaubte er, hinter sich eine Bewegung zu erkennen. Er wirbelte herum und feuerte, ohne zu zielen. Zwei Energiestrahlen trafen in eine Vitrine. Das Glas zersplitterte.

Jazbasis Geisel nutzte die Chance. Mit einem leisen Zischen glitt die Tür zur Seite. Die Frau rannte ins Treppenhaus. Offenbar glaubte sie, dem Wahnsinnigen entkommen zu können. Im Treppenhaus standen mehrere Sicherheitsbeamte. Sie hielten ihre Waffen im Anschlag. Jazbasi handelte reflexartig. Er griff mit der linken Hand in seine Beintasche, holte eine Thermorit-Bombe hervor, entfernte die Sicherung und schleuderte sie in Richtung der Beamten. Gleichzeitig gab er mehrere Schüsse auf sie ab.

Den Sicherheitsleuten gelang es nicht rechtzeitig, Jazbasi auszuschalten. Die Frau stand ihnen im Weg. Die Bombe explodierte. Sowohl die Frau als auch die Sicherheitsbeamten wurden durch die Luft gewirbelt. Schreie ertönten, vermischten sich mit dem dumpfen Geräusch der Explosion. Auch Jazbasi wurde von der Druckwelle erfasst und zu Boden geschleudert. Mühsam kam er wieder auf die Füße. Er drehte sich um. Schweißperlen glänzten auf seiner Stirn.

Zu den Fahrstühlen , durchzuckte es ihn.

Eigentlich wollte er keinen Lift benutzen. Das Risiko war einfach zu groß. Wenn der Strom abgestellt wurde, saß er fest. Aber ihm blieb keine andere Wahl, als das Risiko einzugehen.

Ich bin umzingelt!

Seine Verfolger schienen überall zu sein. Ein Energiestrahl zersplitterte eine Glasscheibe. Jazbasi reagierte blitzschnell und sprang hinter eine Regalwand. Dort, wo er gerade gestanden hatte, befand sich nun ein schwarzes Loch im Fußboden, aus dem eine dünne Rauchfahne emporstieg. Jazbasi hob den Kopf. Der Schütze musste sich auf einer der Balustraden der oberen Stockwerke befinden.

Ihr werdet mich nicht kriegen , schwor er sich. Und wenn ich das ganze Gebäude in die Luft jagen muss!



2

Sergeant Tico Mahdor biss die Zähne zusammen. Eigentlich hätten er und seine Männer bereits vor einer Stunden Feierabend gehabt, doch dann erhielten sie einen dringenden Notruf, demzufolge ein offenbar Geistesgestörter in einem Einkaufszentrum Geiseln genommen hatte, und wild um sich schoss. Als Mahdor und seine Leute am Einsatzort eintrafen, strömten zahlreiche panikerfüllte Kunden ins Freie. Die Situation war chaotisch. Einige Zivilisten versuchten verzweifelt, Ordnung zu schaffen. Ein Team Sanitätsroboter stand bereit, aber noch konnten sie nicht in Aktion treten.

Ein paar Dutzend Meter entfernt, sah Mahdor ein Reporterteam des örtlichen Multimediasenders. Sie versuchten, sich dem Eingangsbereich des Gebäudes zu nähern. Sofort beorderte er zwei Sicherheitsbeamte dorthin, um die Reporter von ihrem Vorhaben abzuhalten. Ein fülliger Mitvierziger trat auf Mahdor zu. Er zitterte. Schweiß stand ihm auf der Stirn.

Endlich kommt jemand“, brachte er keuchend hervor. „Ich habe schon vor über fünfzehn Minuten den Notruf abgesetzt.“

Wer sind Sie?“, wollte Mahdor wissen.

Mein Name ist Len Halfdan. Ich bin der Geschäftsführer.“

Wo ist der Kerl?“

Das weiß ich nicht genau. Irgendwo da drin. Einige Sicherheitsbeamte, die zufälligerweise vor Ort waren, haben auf ihn geschossen.“

Was?“

Er stieg in einen Lift, nachdem er mit einer Bombe mehrere Sicherheitsbeamte und eine Frau in die Luft gesprengt hat.“

Dann ist er also noch im Lift?“, fragte Mahdor.

Halfdan zuckte mit den Schultern. „Ich weiß es nicht.“

Mahdor blickte wieder zum Eingang hinüber. Noch immer strömten Hunderte von Besuchern unkontrolliert nach draußen und versuchten, von Panik getrieben, diesen Ort so schnell wie möglich zu verlassen. Familien mit Kindern waren darunter, aber auch alte Menschen. Die Panik, die der Amokläufer ausgelöst hatte, musste sich rasend schnell verbreitet haben. Mahdor wusste, dass es sinnlos war, diese Menschenmassen aufhalten zu wollen. Das hätte zu einer Katastrophe geführt. Er konnte nur hoffen, dass der Täter nicht auf die Idee kam, sich unter die Menschen zu mischen, um dann unbemerkt nach draußen zu gelangen.

Mit zehn Leuten betrat er das Gebäude. Die anderen sollten die Ausgänge bewachen und nach verdächtigen Personen Ausschau halten. Der Strom der von Furcht ergriffenen Kunden kam den Sicherheitsbeamten entgegen und sorgte dafür, dass sie länger brauchten, als gewöhnlich. Bei den Fahrstühlen trafen sie auf jene Männer, die zuvor auf den Täter geschossen hatten. Sie waren mit der Situation offenbar vollkommen überfordert. Der Schrecken stand ihnen ins Gesicht geschrieben.

Welchen Lift hat der Killer benutzt?“, fragte Mahdor einen der Männer.

Nummer drei.“

Gut.“

Mahdor ging zum Aufzug mit der Nummer drei und sorgte per Tastendruck dafür, dass sich die Kabine in Bewegung setzte. Mit sechs Leuten wartete er geduldig ab, während sich die anderen auf den Weg in den neunten Stock machten. Dort sollte es einen schwerverletzten Mann mit einer Schusswunde geben. Sicherheitshalber nahmen die Männer den Weg über das Treppenhaus. Mahdor wusste, dass der Einsatz riskant war. Der Amokläufer besaß T-Bomben. Vielleicht hatte er noch weiteren Sprengstoff dabei. Sobald er sich in die Enge getrieben fühlte, war er unberechenbar. Die Kabine von Nummer drei erreichte das Erdgeschoss.

Mahdor wandte sich an den Geschäftsführer. „Können Sie bei den Aufzügen den Strom abschalten?“

Der Mann schüttelte den Kopf. „Das ist gegen die Vorschriften“, erwiderte er. „Schließlich könnten sich noch Personen in den Kabinen aufhalten.“

Tun Sie es trotzdem. Wir können nicht länger warten.“

Aber ich übernehme keine Verantwortung.“

Wenn der Kerl wirklich irgendwo in diesem Schacht herumklettert, dann sollten wir ihn schnellsten ausschalten“, sagte Leutnant Jaro Daigel. „Schließlich hat er Bomben dabei.“

Mahdor wandte sich wieder an den Geschäftsführer. „Wir übernehmen die Verantwortung. Also stellen Sie den Strom ab.“

Er betrat die Kabine. Leutnant Daigel folgte ihm. Mahdor deutete mit dem Lauf des Blasters hinauf zum Kabinendach. „Sehen Sie sich das an.“

Daigel nickte. Die Notklappe des Kabinendachs war aus ihrer Halterung gebrochen worden. Der Täter hatte sich nicht die Mühe gemacht, sie wieder in die Lücke hineinzupassen. Daigel verschränkte die Hände ineinander. Mahdor schob den Strahler in den Holster und schwang sich hinauf. Die Klappe war lose. Sie ließ sich ohne Schwierigkeiten öffnen. Mahdor kletterte auf die Kabine. Unter ihm ging es in die Tiefe. Es mussten mindestens zehn oder zwölf Meter sein. Dort unten befanden sich die Parkdecks für die Schwebewagen, zu denen man ebenfalls über die Aufzüge gelangen konnte.

Mahdor zog den Strahler aus dem Holster und blickte sich um. Es herrschte Halbdunkel. Nur eine Notbeleuchtung spendete etwas Licht im Schacht.

Sehen Sie etwas?“, fragte Daigel.

Mahdor brauchte einige Augenblicke, um sich an das Halbdunkel zu gewöhnen. Plötzlich ertönte ein knarrender Laut. Mahdor blickte in die Tiefe. Eine der Kabinen kam langsam höher. Von dem Amokläufer war jedoch nichts zu sehen. Von oben senkte sich ebenfalls eine Kabine herab. Er hörte eine Lautsprecherdurchsage. Alle, die sich noch im Gebäude aufhielten, worden aufgefordert, nicht die Fahrstühle zu benutzen. Dann stoppten beide Kabinen mit einem Ruck. Die Notbeleuchtung erlosch jedoch nicht. Offensichtlich hing sie an einer anderen Stromversorgung.

Hier spricht Sergeant Mahdor vom Sicherheitsdienst!“, rief er. Seine Worte hallten im Schacht wieder. „Wir wissen, dass Sie hier sind. Sie haben keine Chance zu entkommen. Aber was immer auch Ihr Anliegen sein mag, Sie werden einen fairen Prozess bekommen.“

Er lauschte. Was er gesagt hatte, war nur die übliche Phrase. Niemand wusste, was wirklich in dem Kopf des Amokläufers vorging. Manche wollten einfach nur Aufmerksamkeit. Es waren gescheiterte Existenzen, die sich einen großen Abgang verschaffen und dabei so viele Menschen, wie möglich mit in den Tod nehmen wollten. Je nachdem, wie groß der Schaden war, den sie angerichteten, starben diese Leute in der Gewissheit, dass der Gouverneur oder in besonders schweren Fällen sogar die Regierung des gewählten Hochadmirals von Axarabor von ihnen Notiz genommen hatte.

Es gab auch andere Fälle, in denen die Täter bewusstseinsverändernde Drogen genommen hatten. Mahdor hoffte inständig, dass der Mann nicht zu dieser Kategorie zählte. Solche Leute konnte man mit Worten nicht beeindrucken. Daigel kletterte zu seinem Vorgesetzten herauf. Im Schacht herrschte immer noch absolute Stille.

Hören Sie, man wird Ihnen helfen!“, rief Mahdor. „Ich bin davon überzeugt, dass Sie Hilfe brauchen. Ich werde mich persönlich darum kümmern. Das verspreche ich Ihnen. Es muss nicht so enden. Sie können dieses Gebäude immer noch lebend verlassen. Allerdings nur, wenn Sie sich ergeben.“

Eine Antwort blieb aus. Für den Sekundenbruchteil glaubte Mahdor, über sich ein metallisches Blitzen zu sehen.

Er ist dort oben!“, flüsterte er Daigel zu.

Wie kommen Sie darauf?“

Ich habe etwas gesehen.“

Warum dort oben? Das ergibt doch gar keinen Sinn.“

Vielleicht doch.“

Sie meinen, dass man ihn dort oben zuletzt suchen wird?“

Ich hoffe, das ist der einzige Grund“, erwiderte Mahdor.

Er hielt das Kommunikationsgerät, das an seinem linken Handgelenk befestigt war, ganz dicht an seinen Mund, gab den anderen Männern die ungefähre Position durch, an der er das Aufblitzen gesehen hatte, und wies sie an, sich sofort auf den Weg zu machen. Daigel wandte ihm den Kopf zu.

Wollen Sie den Kerl noch einmal aus der Reserve locken?“

Er hielt den Strahler mit beiden Händen und blickte nach oben. Das schwache Licht der Notbeleuchtung machte es nicht gerade einfacher, etwas zu erkennen. Natürlich bestand die Möglichkeit, einen tragbaren Scheinwerfer zu verwenden, doch damit hätten sie dem Amokläufer ein gut sichtbares Ziel geboten. Plötzlich ertönte ein schabendes Geräusch und hallte mehrfach wieder. Diesmal war Mahdor davon überzeugt, dass sich dort oben jemand verborgen hielt.

Hier ist noch einmal Mahdor vom Sicherheitsdienst!“, rief er zu ihm hinauf. „Draußen warten ein paar Leute von den Multimediakanälen. Aber das Gebäude ist vollkommen abgeriegelt. Von denen kommt keiner nahe genug heran, um mit Ihnen zu reden. Sie wollen doch, das man Sie beachtet, oder?“

Die Antwort des Mannes bestand aus Schweigen.

Wenn Sie aufgeben, sorge ich dafür, dass Sie durch den Haupteingang geführt werden, wenn Sie das wollen. Dann wird Ihr Gesicht und das, was Sie sagen, auf dem ganzen Planeten verbreitet. Sie werden der Star auf jedem Multimediakanal sein! Ist das ein Angebot?“

Wieder ertönte ein Geräusch. Es klang wie ein Schaben. Ein Magazin wurde in eine Waffe geschoben. Dann folgte ein Schrei. Ein dunkler Schatten fiel aus der Höhe des fünfzehnten oder sechzehnten Stocks. Es war der Körper eines Menschen. Genau das hatte Mahdor befürchtet. Deswegen war der Täter nach oben geflüchtet. Er gehörte offenbar zu den Leuten, denen es einzig und allein um die Inszenierung eines dramatischen Abgangs ging. Im nächsten Moment schlug der Körper tief unten auf.

Im Schacht wurde es hell. Eine gewaltige Explosion ertönte. Der Knall war ohrenbetäubend. Unter der Kabine bildete sich ein Feuerball. Offenbar war eine der Bomben losgegangen, die der Mann bei sich trug. Wahrscheinlich hatte er den Auslöser noch betätigt, während er in die Tiefe fiel. Der Lift wurde von der Druckwelle erfasst. Mahdor und Daigel sprangen nacheinander in die Kabine und pressten sich flach auf den Boden. Eine weitere Detonation erschütterte den gesamten Aufzugsschacht.

Der Kerl scheint eine Menge Feuerwerk bei sich gehabt zu haben“, kommentierte Daigel den zweiten Knall.

Sekunden später herrschte wieder Stille. Die beiden Männer verließen die Kabine. In diesem Moment ertönte die Stimme von Leutnant Holani aus dem Kommunikationsgerät an Mahdors Handgelenk.

Alles in Ordnung da oben? Was ist passiert?“

Mahdor atmete tief durch. „Der Kerl hat das getan, worauf er es wohl von Anfang an abgesehen hatte – einen spektakulären Abgang.“

Er hätte auf Ihr Angebot eingehen sollen“, murmelte Daigel düster. „Dann wäre er auch berühmt geworden.“

Mahdor schloss für einige Sekunden die Augen. Die aufgeregte Stimme von Daigel brachte ihn im Moment nicht weiter. Irgendetwas an dieser Geschichte war merkwürdig. Er konnte nur nicht genau sagen, was es war. Aber er hatte das starke Gefühl, das es hier um mehr ging, als um einen Mann, der in die Psychiatrie gehörte. Er versuchte sich noch einmal in allen Einzelheiten zu vergegenwärtigen, was gerade geschehen war. Irgendein winziges Detail passte nicht ins Bild. Nur ein winziges Stück in einem Puzzle. Doch so sehr er sich auch bemühte, es fiel ihm nicht ein.



3

Als Sergeant Tico Mahdor wieder ins Erdgeschoss kam, hatte er zum ersten Mal Gelegenheit, die Auswirkungen des Amoklaufs genauer zu betrachten. Zwischen den Regalen lag ein blutüberströmter Körper. Der Mann war tot. Für diese Erkenntnis brauchte man kein Experte sein. Nicht einmal der beste Arzt konnte jemandem wieder Leben einhauchen, dessen Kopf völlig zerstört worden war. Noch sieben weitere Menschen hatten den Amoklauf mit ihrem Leben bezahlt.

Auf den ersten Blick mochten sieben Leben nicht viel zählen, aber in gewisser Weise war es gerade die geringe Zahl, die es so schwer machte. Es war eine Zahl, die der menschliche Geist erfassen und fühlen konnte, nicht eine Größe, die unbegreiflich war. Auch wenn er die Menschen nicht kannte, so wusste Mahdor, dass sie einen sinnlosen Tod gestorben waren. Einige hatten mit Sicherheit Familie.

Der Schmutz, das Leid und der Schrecken drückten Mahdor nieder. Er war ein harter Mann und zäh dazu. Ein Mann, der in seinem Leben schon genügend Grausamkeiten erlebt hatte, und er war genauso wenig immun wie jeder andere gegen das, was ihn umgab. Aus schmalen Augen beobachtete er die Sanitätsroboter, wie sie die Verletzten und Toten abtransportierten. Tief in seinem Innern beneidete er diese Maschinenwesen für ihre Gefühlskälte. Ihnen machte das Grauen, das sie umgab, nichts aus. Sie erledigten einfach ihre Aufgabe, ohne die Spur jenes Entsetzens, das Mahdor gepackt hielt.

Dachten die Roboter überhaupt darüber nach? Kam es ihnen jemals in den Sinn, dass es sich bei den Toten einst um lebende, denkende Wesen gehandelt hatte? Man konnte es unmöglich sagen, aber Mahdor hatte seine Zweifel. Was die Toten auch gewesen sein mochten, für die Roboter waren sie keine Wesen, sondern ein Teil ihrer Aufgabe, die sie verrichten mussten. Mahdor biss die Zähne zusammen und kämpfte gegen die aufsteigende Übelkeit, während er an den wahren Urheber dachte, der dieses Blutbad begangen hatte. Dafür brauchte er jedes Gramm der eisernen Selbstbeherrschung, die er in den sechzehn Jahren, die er für den Sicherheitsdienst arbeitete, erworben hatte, aber irgendwie schaffte er es, diese eklige Flut des Abscheus einzudämmen.

Hinter seinen zusammengebissenen Zähnen tobte die Übelkeit, doch er weigerte sich, ihr nachzugeben. Er wandte den Blick von den Robotern, die immer noch die Verwundeten einsammelten. Es gab Pflichten, denen er nachgehen musste. Es war vor allem wichtig, herauszufinden, weshalb der Mann dieses Blutbad angerichtet hatte. Mahdor glaubte nicht, dass es eine spontane Aktion war. Es musste einen Auslöser geben, und den galt es zu finden.



Details

Seiten
100
Jahr
2020
ISBN (eBook)
9783738946468
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2020 (Oktober)
Schlagworte
massaker nanak-thau raumflotte axarabor band

Autor

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Titel: Das Massaker von Nanak-Thau: Die Raumflotte von Axarabor - Band 176