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Nur der Stolz war ihr geblieben: Bergroman

©2020 126 Seiten

Zusammenfassung


Früher hat der Brunner einen großen Hof und eine Mühle gehabt. Doch sein missratener Sohn hat alles durchgebracht. Nun lebt der Bauer auf dem Adlerhof oben im Gebirge. Eines Tages taucht eine junge Frau mit einem Buben im Dorf auf. Niemand kennt die Fremde und das Kind. Zusammen mit dem alten Brunner leben sie auf der Alm und meiden das Dorf und seine Bewohner. Nur der neue Lehrer geht regelmäßig zu ihnen hinauf. Er unterrichtet den Buben in seiner Freizeit, denn Andreas ist gelähmt und kann die Alm nicht verlassen.

Leseprobe

Table of Contents

Nur der Stolz war ihr geblieben

Copyright

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Nur der Stolz war ihr geblieben

Bergroman von G. S. Friebel

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 126 Taschenbuchseiten.

 

Früher hat der Brunner einen großen Hof und eine Mühle gehabt. Doch sein missratener Sohn hat alles durchgebracht. Nun lebt der Bauer auf dem Adlerhof oben im Gebirge. Eines Tages taucht eine junge Frau mit einem Buben im Dorf auf. Niemand kennt die Fremde und das Kind. Zusammen mit dem alten Brunner leben sie auf der Alm und meiden das Dorf und seine Bewohner. Nur der neue Lehrer geht regelmäßig zu ihnen hinauf. Er unterrichtet den Buben in seiner Freizeit, denn Andreas ist gelähmt und kann die Alm nicht verlassen.

 

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

Alfred Bekker

© Roman by Author

© COVER STEVE MAYER

© dieser Ausgabe 2020 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

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1

Schroffe Wände, jähe Abgründe! So zeigt sich das Kaisergebirge. Einst jagten die Landesfürsten und der Kaiser darin. Ein stolzes, schönes Gebirge. In all den Jahrhunderten hat es den Menschen in seiner unmittelbaren Nachbarschaft geformt. Auch sie sind stolz und herb, unnahbar. Viele Touristen kommen und verbringen ihre Ferien in dieser Gegend. Manches Tal und Dorf wird überrannt. Bauherren verschandeln die Täler und Abhänge. Nur ein Ort hat sich dagegen gewehrt, sich die Ursprünglichkeit noch erhalten.

Windling ist noch ein reines Bauerndorf. Aber vielleicht auch nur, weil es so schwer zu erreichen ist. Um eine breite bequeme Straße zu bauen, müsste man dem Kaisergebirge ein paar Zipfel absprengen. Und das kostet sehr viel Geld. Da nimmt man lieber andere Orte. So hat sich in all den Jahren fast nichts verändert. Die Bauern leben vom Ertrag der Weiden und der kargen Äcker und dem Vieh auf den Almen.

Einige von ihnen sind hervorragende Bergsteiger und gehen im Winter in andere Orte und verdingen sich.

Da steht die kleine schneeweiße Kirche. Sie ist der Mittelpunkt des Dorfes. Die Schule, das Gemeindehaus, den Krämerladen und noch ein paar kleinere Höfe gibt es. Das ist das eigentliche Dorf. Die anderen Höfe liegen verstreut in den Bergen, auf den Hängen.

Am weitesten liegt der Adlerhof. Man braucht wohl eine dreiviertel Stunde, will man zu ihm hinauf. Dort lebt der Alois Brunner, ein wortkarger und grober Mensch. Seine Frau ist ihm vor Jahren vor Gram gestorben. Mit ihm leben die alte Magd Stenzi und der Knecht Hansel. Ein Überbleibsel vom Kriege sozusagen. Sie wussten nicht wohin und sind bei dem Brunner geblieben. Was anderes haben sie ja auch nicht gelernt.

Die Dörfler haben Angst vor dem Hansel. Er ist nicht ganz richtig im Kopf, und dann hat er auch noch einen Buckel. Einige sagen, er wäre mit dem Teufel einen Bund eingegangen. Ja, so denken sie noch, die Dörfler, obschon das zwanzigste Jahrhundert sich eine ganze Weile abplagt, die Menschen von ihrem Aberglauben zu befreien.

Manchmal kommt der Hansel ins Dorf. Dann laufen die Kinder vor ihm davon. Er hebt seinen Stock und droht ihnen und rennt, so schnell er kann.

»Er gehört in eine Anstalt«, erklären die Dörfler und schließen die Tür zu. »Eines Tages wird er einen von uns totschlagen, und dann ist es zu spät. Der Pfarrer sollte sich darum kümmern. Das ist seine Christenpflicht.«

Natürlich hat der Pfarrer es versucht, wie er sich überhaupt gerne in alle Dinge einmischt. Er ist die Persönlichkeit im Dorf. Sie müssen vor ihm kuschen. Und die Dörfler tun es. Ist er doch der einzige Studierte in ihrer Runde. Außerdem gibt er so manchen Rat. Wenn sie mal mit den Behörden in der Kreisstadt Ärger haben, schreibt er ihnen die Briefe.

Ja, der alte bärbeißige Pfarrer führt ein hartes Regiment. Lange Jahre hatte er darauf gehofft, versetzt zu werden, in eine schöne große Stadt, aber der Bischof hat ihn wohl vergessen und das hat ihn dann so werden lassen.

Und jetzt ärgert er sich darüber, dass nicht einer vor ihm kuschen will. Dieser Jemand, der seinen Nacken vor ihm nicht beugen kann. Gegen diesen Einen wiegen die Dörfler nichts! Er kuscht nicht, nein, im Gegenteil, er lacht hart auf, wenn er den Pfarrer sieht, und er kommt auch nicht in die Kirche. Der Pfarrer kann noch so sehr gegen ihn wettern und ihm erklären, dass einst die Hölle auf ihn warten wird. Dem Alois Brunner ist das völlig egal. Auch wenn ihm der Pfarrer noch so zusetzt, er kommt nicht ins Gotteshaus. Ja, was noch viel schlimmer ist, die Dörfler munkeln sogar, der Pfarrer habe Angst vor dem Alois. Aber das sagen sie nur ganz leise, denn sie haben ja Angst vor dem Pfarrer und wollen es sich nicht mit ihm verderben.

Solange der Brunner also seine Hand über den Hansel hält, kann er nichts machen, der Pfarrer. Nur mit den Zähnen knirschen und wütend sein.

Einmal hat es eine Zeit gegeben, da hat der Alois Brunner drunten im Tal gelebt. In dem schönen weißen Herrenhaus. Die Mühle hat ihm auch gehört und viel Land und Almen und Wiesen. Er war der reichste Mann weit und breit.

Jetzt lebte ein Zugereister in dem feinen Haus und hatte die Äcker und Wiesen verpachtet. Aus der Mühle hatte er eine Brennerei gemacht, und er soll nicht schlecht verdienen, an seiner Gamsmilch, wie er das Gebräu getauft hatte.

Besonders die alten Dörfler können sich noch gut an die alte Zeit erinnern. Des Brunners Frau war zart und schön von Gestalt gewesen. Er hatte sie aus Salzburg geholt. Aber sie war gerne im Ort, liebte die Berge und die Einsamkeit. Und so bescheiden war sie gewesen. Dann war der Krieg ausgebrochen und Luise Brunner hatte viel Gutes unter den Menschen im Dorf getan. Sie hatte geholfen, wo sie nur konnte. Und von der Krankenpflege hatte sie auch etwas verstanden. Bis der Arzt aus der Kreisstadt angefahren kam, war es oft zu spät. Bei vielen Geburten hatte sie geholfen, und immer war es gutgegangen.

Ja, sie hatte dem Ort viel Segen gebracht. Und damals hatten sie alle mit der lieben Frau gelitten, als der Bub, ihr einziges Kind, der Viktor, vom Gendarm abgeführt wurde. Das hatte ihr dann das Herz gebrochen. Ein paar Wochen später starb sie dann.

Um die vielen Schulden des Sohnes bezahlen zu können, musste der Alois alles verkaufen. Geblieben war ihm nur der kleine Adlerhof. Es war mehr eine Almwohnung. Damals ist der Brunner hart und böse geworden. Und er hat sich in die Berge verkrochen.

Gute Taten sind schnell vergessen, und die Dörfler wollten nicht gern daran erinnert werden, dass sie einstmals von dem Brunner abhängig gewesen sind. Er hatte für viele Lohn und Brot gehabt. Seit der Fremde unter ihnen weilte, war das anders. Er hatte eine moderne Anlage und brauchte drei Leute, um alles zu bedienen.

Heute war mal wieder ein besonders schöner warmer Maitag. Der Winter war vergessen. Überall fand großer Hausputz statt. Die Krößlacherin konnte wirklich nicht klagen. Alle Augenblicke ging das Glöcklein in der Krämerstube. Von früh bis spät war die rechtschaffene Frau auf den Beinen. Nicht nur, dass sie den Laden führte, die vier Buben und den Haushalt hatte, auch das Land musste versorgt werden. Sie hatte es wirklich nicht leicht, seit der Mann vergangenen Januar so plötzlich gestorben war.

Für lange Gespräche war sie nicht zu haben. Jede Minute, wo niemand im Lädchen war, schaffte sie in der Wohnung. Und so war sie wirklich nicht erfreut, als das Glöckchen anschlug und die Prantlerin hereinspazierte.

Sie war ein altes kinderloses Klatschweib mit Haaren auf den Zähnen. Nichts war ihr heilig. In alles und jedes steckte sie ihre spitze Nase. Der arme Mann hatte nichts zu lachen. Und der Haushalt sah recht verschludert aus. Sie hatte ja keine Zeit, denn stets war sie irgendwo, stand am Zaun und klatschte und tratschte.

Neben dem Pfarrer war sie die gefürchtetste Person im Dorf.

»Grüß dich, Krößlacherin«, sagte sie und stellte ihren Henkelkorb auf den Tisch.

»Grüß dich, Prantlerin, was darf es denn sein?«

»Ich brauch Gummiband, aber gutes. Es soll nicht gleich in der ersten Wäsche kaputtgehen.«

»Wenn du gutes nimmst, hält es lang. Aber du willst nur immer ein paar Pfennige ausgeben.«

»So?«, sagte sie spitz. »Ich hab’ es auch nicht so dick.« Mit ihren langen Spinnenfingern befühlte sie das Päckchen.

»Darf es sonst noch etwas sein?«

In der Küche brodelten die Kartoffeln, und sie musste das Gemüse noch putzen. Gleich kamen die hungrigen Buben von der Schule.

»Jessas, hast du es eilig. Man darf doch wohl noch mal überlegen dürfen, oder?«

Die Krößlacherin hätte die Frau am liebsten zum Teufel geschickt. Aber dann würde sie gleich ins Dorf laufen und sie schlechtmachen, und die Leute hörten womöglich auf sie.

»Gib mir noch graue Stopfwolle. Und ein Päckchen Käse brauche ich auch noch.«

Ihre Augen wanderten durch den kleinen Laden. Sie suchte nach etwas, das sie bemeckern konnte. Aber alles war adrett und gefällig aufgebaut. Und der Boden war blitzsauber, wie es sich für einen guten Krämerladen gehörte.

In diesem Augenblick fuhr der Postbus vor das Haus. Die Krößlacherin war auch die Postmeisterin des Dorfes. Doch sie brauchte die Briefe nicht selbst auszutragen. Dazu hatte sie den lahmen Paul, der sich so ein paar Pfennige verdiente.

Aus dem Postbus stieg in dieser Sekunde der Alois Brunner. Die Prantlerin machte große Augen.

»Schau dir das an«, sagte sie zitternd vor Aufregung. »Der Brunner. Vor fünf Tagen hab’ ich ihn fortfahren sehen. Und jetzt ist er wieder da. Möcht’ wissen, wo der war?«

Die Krämerin sah sie verächtlich an, aber das bemerkte sie in ihrer Aufregung gar nicht.

»Geh doch raus und frag ihn«, rief sie laut.

Die Prantlerin kniff die Augen zu einem Spalt zusammen.

»Machst wohl Scherze, wie, Krößlacherin? Ich soll den Brunner fragen, hast gesagt? Der wird mir was erzählen. Aber das sag’ ich dir, der Teufel wird den Kerl eines Tages holen. Jawohl, da bin ich mir ganz sicher. Von der Adlerhütte weg gleich in die Hölle rein. Der kann sich ruhig da droben zwischen den kargen Felsen verkriechen. Der Teufel findet jeden!«

»Du musst es ja wissen, scheinst einen besonderen Draht zum Teufel zu haben, wie?«

Das alte Weib glotzte nicht schlecht. Dabei schnappte sie nach Luft. Aber ihr Gift konnte sie nicht mehr verspritzen. Schon sprach die Krämerin weiter.

»Wieso soll der Teufel ihn holen kommen? Der hat doch nichts getan.«

»Nichts?«, keifte das Klatschweib. »Na warum verkriecht er sich denn dort oben wo kein Mensch anständig leben kann? Der wird seinen Grund haben, sag ich dir. Niemand soll merken, was er da oben treibt. Und hast ihn schon mal in der Kirche gesehen? Ich net. Das ist Gotteslästerung, deswegen wird er schon in die Hölle fahren müssen.«

Der Alois Brunner schritt über den Kirchplatz. In der Sonne leuchteten seine Haare schneeweiß. Die Krößlacherin dachte, arg alt ist er in letzter Zeit geworden. Und wie gebeugt seine Schultern sind. Dann verlor sie ihn aus dem Blickwinkel.

Die Prantlerin lief zitternd zu dem kleinen Schaufenster, um noch mehr zu erhaschen.

»Er kommt«, keuchte sie. Ihre spitze Nase wackelte hin und her. »Himmel, Jesus, Maria, der Alois kommt hierher, Krämerin siehst es?«

Kaum hatte sie das zu Ende gesprochen, als auch schon das kleine Glöckchen zitterte und Alois Brunner in den Laden trat.

»Grüß Gott, Krößlacherin«, sagte er mit tiefer Stimme.

»Grüß Gott, Alois Brunner«, sagte sie freundlich und wischte sich die Hände an der Schürze ab.

Die Prantlerin machte sich fix dünn und wollte sich in den Hintergrund verkriechen. Vielleicht bemerkte er sie nicht, und sie konnte so belauschen, was er sagte. Aber Alois drehte sich um und musterte sie scharf. Die blauen Augen konnten hart wie Stahl aussehen. Man konnte sich richtig vor diesem Blick fürchten.

Das Klatschweib zog sich den Umhang noch enger um die magere Brust und nahm ihren Korb auf.

»Es macht acht Schilling«, sagte die Krämerin.

»Schreib es auf«, erklärte das Weib und verschwand wieselflink.

Vor dem Brunner hatte sie nämlich eine Heidenangst, noch mehr wie vor dem Pfarrer.

Als sie verschwunden war, wandte sich die Krämerin an den Brunner.

»Was soll’s denn heute sein, Brunner?«

»Wart einmal, die Stenzi hat mir alles aufgeschrieben. Hoffentlich bekomm’ ich alles mit. Sonst muss der Hansl es nächstens mitbringen.«

Die Krößlacherin nahm den Zettel entgegen. Einmal im Monat kaufte der Brunner all die Dinge bei ihr ein, die man in einem Haushalt nicht entbehren konnte.

Flink holte sie alle Sachen, wog und maß ab und stellte es zu den anderen. Als sie am Schluss der langen Liste angekommen war, las sie: Zuckerstangen, Schokolade und weißes Gebäck.

Verwundert blickte sie den Brunner an. Das war ihr neu. Seit wann wurde auf der Adleralm Zuckerzeug gemacht? Und bis zum Weihnachtsfest war es auch noch sehr lang hin.

»Schau, Alois, hat das wirklich seine Richtigkeit?«, war die erstaunte Frage.

Brunner warf einen schnellen Blick auf das Gekritzelte. Unter seinen buschigen Augenbrauen waren die Augen verdeckt. Die Krämerin konnte sie jetzt nicht sehen und somit auch nicht erahnen, was er sich dachte.

»Wenn die Stenzi das aufgeschrieben hat, wird es richtig sein. Pack mir von allem ordentlich was ein.«

»Ja, natürlich«, sagte die Krößlacherin und holte eine große Tüte.

Brunner nahm seinen umfangreichen Rucksack und begann mit dem Einpacken. Er kannte die Krämerin. Sie war eine gute Frau, und sie sprach nie viel, und tratschen tat sie auch nicht. Sie war auch die einzige, mit der er im Dorf hin und wieder ein Wort wechselte.

Die Prantlerin hätte ihr rechtes Auge dafür hergegeben, wenn sie gewusst hätte, was die Krämerin alles wusste und nicht ausplauderte. Sie hatte Mitleid mit dem alten Brunner und würde ihr Lebtag nicht vergessen, wie er ihr und dem Mann einmal geholfen hatte. Damals, in dem furchtbar strengen Winter. Die ganzen Monate hatte sie umsonst ihr Holz holen dürfen aus der Mühle, und sie brauchte es nicht mal mehr kleinzuschlagen.

»Ja, was ich noch sagen wollt’. Da ist einer vorhin mit dem Postbus gekommen. Er nennt sich Jochen Gruber und soll der neue Lehrer sein. Wird jetzt wohl auf dem Gemeindeamt sein.«

»So«, sagte die Krößlacherin. »Dann wird endlich wieder fleißig gelernt. Der jetzige Lehrer ist ja schon pensioniert und hat nur solange seinen Dienst weitergemacht, bis die Ablösung da ist.«

»Er hat mich nach einer Unterkunft gefragt, bis ihm was richtiges angeboten wird«, berichtete der Brunner weiter.

»Hat er Familie?«

»Nein, soweit mir bekannt ist, ich mein', was man halt so auf einer Fahrt redet, ist er Junggeselle. Ich hab’ ihm gesagt, zuweilen würdest du ein paar Stuben abgeben. War das unrecht von mir?«

»Aber nein, Alois. Ist schon recht. Die drei Vorderstuben über dem Laden sind in der Tat noch frei. Voriges Jahr hat dort das Fräulein mit dem kranken Kind gewohnt. Vermieten könnt’ ich sie schon. Das heißt, wenn ihm das zusagt und mein Haus nicht zu bescheiden für den Herrn Lehrer ist.«

»Ich habe ihm gesagt, er würde es gut bei dir haben.«

Die Frau lächelte.

Das Ladenglöckchen schlug an.

Die Tür ging auf, und ein hochgewachsener junger Mann betrat den Raum. Er hatte ein offenes Gesicht, dunkelbraune Augen und auch dieselben Haare. Seinen Lodenjanker trug er offen.

»Sind Sie die Krößlacherin?«

»Ja, die bin ich«, erklärte die Frau.

Jetzt erkannte der Fremde auch seinen Reisegefährten wieder. »Ich komme wegen der Zimmer. Man hat Sie mir empfohlen.«

»Ist schon recht, wenn Sie einen Augenblick warten wollen. Ich will nur schnell dem Alois Brunner die Ware einpacken, dann kann er sich auf den Weg machen.«

Bauer Brunner bezahlte die Rechnung und nahm Wanderstock und Hut.

Jochen Gruber öffnete ihm die Tür und streckte ihm die rechte Hand entgegen.

»Auf gute Nachbarschaft, Herr Brunner«. sagte er mit herzlicher Stimme.

Der Alois hielt noch seinen Hut in der Hand und blickte den jungen Mann spöttisch an.

»Nachbarschaft ist wirklich gut. Ich wohn’ nicht im Tal. Wirst lange brauchen, um mich aufzusuchen. Aber trotzdem, viel Glück und hör nit auf die Klatschweiber hier im Dorf.«

Verwirrt zog der Lehrer die Hand zurück und blickte die Krämerin an.

Brunner stapfte mit schweren Schritten aus dem Laden.

»Seltsam«, sagte der junge Mann, »im Bus war er sehr nett zu mir. Ich wollt’ mich doch nur bei ihm bedanken, ich mein doch, ich.. .«, er brach ab.

»Nehmen Sie ihm das nicht übel. Der Alois meint es nicht so. Er ist menschenscheu und hat viel Leid ertragen müssen. Da wird man bitter mit den Jahren. Ja, und dann die Dörfler, aber ich möcht nicht mehr sagen, werden es eines Tages alles erfahren, dafür wird man schon sorgen.«

Der Lehrer blickte die Frau aufmerksam an.

»Aber Sie mögen ihn wohl, oder irre ich mich?«

»Ich nehm’ ihn so, wie er ist und frag’ nit viel. Und das mag der Alois Brunner.«

»Wo wohnt er denn? Weil er mir doch so a komische Antwort gegeben hat, nur deswegen interessiert es mich.«

»Kommen’s mit hinauf. Ich zeig’ Ihnen die Stuben. Von dort aus können Sie den Adlerhof sehen.«

Es waren drei recht hübsche Stuben. Sie waren sauber und freundlich mit hübschen alten Bauernmöbeln ausgestattet. Da war die Schlafstube, ein kleines Wohnzimmer mit Kochnische und ein Studierzimmer. Auf dem Flur befand sich das winzige Bad. Sie waren sich sehr schnell einig. Der Lehrer hatte nicht damit gerechnet, eine so gute Unterkunft in dem Bergdorf zu finden. Bei sich dachte er, so lang ich Junggeselle bin, da reicht es allemal. Später kann man ja weitersehen. Aber vielleicht bin ich bis dahin auch schon wieder versetzt worden. Man kann nie wissen.

Die Frau würde auch die Stuben sauber halten. Also, besser konnte er es wirklich nicht treffen.

Die Krämerin stellte sich an das Stubenfenster.

»Dort droben, sehen Sie, an der Steilwand, der Zipfel? Das Rote da, das ist das Dach vom Adlerhof.«

Nachdenklich blickte der junge Mann zum Kaiser hinauf. Von dort musste man bestimmt eine wunderschöne Aussicht haben. Aber so einsam leben? Er fühlte einen kalten Schauer über den Rücken laufen. Ja, man musste schon ein großer Menschenfeind sein, um sich in solche Einsamkeit zurückzuziehen.

Im Sommer mochte es ja noch angehen! Da konnte man ins Dorf gelangen und war dann unter Menschen, aber wenn erst einmal die Schneestürme um den Kaiser brausten, dann sah es schon schlimmer aus. Bestimmt war man dann für viele Wochen von allem abgeschlossen.

Nachdem die Krößlacherin ihn allein gelassen hatte, holte er seine Koffer, die er im Laden hatte stehen lassen. Nun packte er seine Sachen aus und machte es sich heimisch in dem neuen Reich.

Das kleine Kirchglöcklein läutete zwölf Uhr. Es dauerte nicht lange, da klapperten drunten im Flur schwere Nagelschuhe über die Fliesen.

Wenig später lernte er seine ersten Schüler kennen. Sie machten einen aufgeweckten und frohen Eindruck. Die Frau war gern bereit, gegen Entgelt für ihn zu Mittag zu kochen. Frühstück und Abendbrot wollte er sich selbst zubereiten.

Wirklich, er hatte es sehr gut getroffen. Seine Freunde hatten ihn zum Abschied bedauert. Keiner wollte so recht in die einsamen Bergdörfer gehen. Am liebsten in eine Stadt, und wenn das nicht ging, wenigstens in einen Marktflecken, der viel Touristen hatte und nicht so langweilig war.

Jochen Gruber aber liebte die Berge. Von hier aus würde er viele Wanderungen machen. Er hoffte, den Steinbrech und Alpenrosen zu finden. Und wenn auch nicht, so würden ihn die Berge schon erfreuen. Vielleicht konnte er die Klasse mit auf seine Wanderung nehmen. Doch das musste sich alles erst noch ergeben. Er wollte nichts übereilen. Außerdem hatte er ja auch daran zu denken, dass in den Sommermonaten die Kinder fleißig daheim helfen mussten.

 

 

2

In der Morgensonne sahen die Spitzen des Kaiserberges wie pures Gold aus. Aber je höher sie stieg, um so blasser wurde dieses Trugbild.

In der Sommerzeit waren alle schon frühzeitig auf und schafften fleißig. Galt es doch, nachher ins Heu zu gehen. So sollte es eigentlich auch nicht verwunderlich sein, wenn sich auf dem Ochsenweg schon ein Gefährt befand. Dieses war ein langer Leiterwagen, gezogen von zwei prächtigen Hafflingern. Auf dem Kutschbock saßen Alois Brunner und sein Knecht Hansel.

Jetzt durchfuhren sie den Hohlweg und kamen so in Sicht des Dorfes. Hier war man aber mit sich selbst genug beschäftigt und hatte keine Zeit, am frühen Morgen aus dem Fenster zu schauen und so dem lieben Gott die Zeit zu stehlen. Nur die Prantlerin tat es, und so war sie wirklich in großer Aufregung. Zuerst rieb sie sich verblüfft die Augen und glaubte an einen Spuk. All die Jahre, seit der Brunner dort droben in der Einöd lebte, war das nicht vorgekommen.

Das Gefährt rumpelte an ihrem Haus vorbei und bog in die Hauptstraße Richtung Pichler. Dies war der nächst größere Ort. Dort befand sich die Bahnstation und die Bergwacht.

Das Klatschweib zitterte an allen Gliedern. Sie musste unbedingt ihre spitzen Redensarten an den Mann bringen, das hieß, an eine Frau im Dorf. Besser war noch an viele. Aber sie wusste ganz genau, dass sie um diese Zeit noch die Mannsbilder im Haus antraf, und so verhielt sie sich still. Aber dann erblickten ihre Späheraugen die Krößlacherin. Diese schrubbte schon in aller Herrgottsfrühe die Treppenstufe vor dem Lädchen.

Rasch warf sie ihr Schultertuch um und lief so schnell die alten Beine sie noch trugen. Die Krämerin hörte das Keuchen hinter sich und drehte sich um.

»Jessas«, murmelte sie. »Der Tag fängt ja gut an. Ich muss sehen, dass ich mit dem Wischeimer rechtzeitig ins Haus komme. Dann schlag ich ihr die Tür vor der Nase zu.«

So flink die Krößlacherin sonst auch war, aber gegen die Wieselflinkheit der Prantlerin war sie machtlos.

»So wart doch. Halt doch, ich muss dir was sagen. Rasch, so wart’ doch«, rief das alte Weib schon von der Straße her.

»Der Laden ist noch geschlossen. Kannst in zwei Stunden noch einmal nachfragen«, erwiderte die Krämerin unwillig und wollte ins Haus.

»Krößlacherin, hast du sie gesehen? Hast du es mitbekommen? Ich sage dir, dahinter steckt was. Später werd’ ich dich daran erinnern, dass ich es gleich gesagt hab’. Den Hansel hat er mitgenommen, auf dem Kutschbock droben hat er gesessen. Neben dem Brunner. Und fort sind sie.«

»Ich hab’ nichts gesehen. Muss den ganzen Tag schaffen und kann nicht alle Augenblicke meinen Kopf zum Fenster hinausstrecken. Sonst würd ich mit meiner Arbeit nimmer fertig. Außerdem, warum soll er nicht? Geht es uns etwas an? Oder ist es vielleicht verboten?«

Die Prantlerin stützte ihre Arme in die Hüften.

»Das wird ein Unglück geben, den Hansel mitzunehmen. Ist er denn narrisch? Und dann, wieso ist er heut schon wieder fort? Gestern zurück mit dem Postbus und jetzt schon wieder fort mit dem Leiterwagen.«

Herrje, dachte die Krämerin, ich muss sie abspeisen, ich muss was sagen, damit sie ihr Schandmaul hält.

»Vielleicht muss der Hansel zum Arzt«, sagte sie resolut, nahm dann ihren Eimer und schloss nun endgültig die Tür.

Doch das Klatschweib war noch nicht befriedigt. Im Gegenteil, sie warf ihr giftige Blicke hinterher.

»Trägst auch den Kopf ziemlich hoch«, murmelte sie. »Wart nur, eines Tages trifft dich auch mal ein Unglück.« Dann erspähten ihre Augen die Kräuterkäthe, und schon flatterten die Röcke um die dürren Beine.

Die Krößlacherin stand noch hinter der Gardine. »Dieses Weib«, murmelte auch sie. »Warum muss sie immerzu ihre Nase in anderer Leute Sachen stecken? Arg viel Unheil hat sie schon damit zustande gebracht.

Jetzt also hat sie den Brunner aufgespießt. Die wird auch erst Ruhe geben, wenn man sie eingesargt hat.«

Doch dann vergaß sie schon wieder den Vorfall. Die Buben mussten geweckt und auf den Schulweg gebracht werden. Oben hörte sie schon den Lehrer. In ihrem Haus nahm das Schaffen nie ein Ende. Manchmal fühlte sie sich doch arg müde und hatte auch schon mal daran gedacht, ein junges Mädchen in den Laden zu nehmen. Sie wüsste schon ein fleißiges Ding. Zum Beispiel die Liesel von der Setteralm. Neulich noch hatte sie ihr anvertraut, wie gern sie drunten im Dorf leben würde. Von der Almhütte des Vaters war es ja auch ein ziemlich langes Stück. Und wenn am Samstag oder Sonntag im Krugwirt die jungen Leute zum Tanz aufspielten, dann hörte sie wohl die Musik, getraute sich aber nicht nach unten, da sie in der Nacht unmöglich allein hingehen konnte.

Die Krämerin räumte neue Ware in den Laden, bereitete das Essen vor und steckte die Wäsche in die Maschine. Dann öffnete sie die Tür. Und sofort ging es wie in einem Taubenschlag zu.

Es war kurz vor Mittag. Sie hatte gerade den Franzi bedient und wollte eben die kleine Katrin fragen, was sie denn für die Mutter holen solle, da wurde ihre Ladentür so ungestüm aufgerissen, dass sie erschrocken den Kopf hob.

Es war mal wieder die Prantlerin.

»Sie kommen zurück. Gleich müssen sie hier sein. Vier Stunden genau waren sie fort.«

»Was ist denn jetzt schon wieder los?«

Die Prantlerin sah das Gefährt und schlug schnell die Tür zu. Dann lief sie zum kleinen Fensterchen und lugte hinaus. Unwillkürlich schaute die Krößlacherin auch hin.

Da kam doch wahrhaftig der Alois Brunner. Neben ihm auf dem Kutschbock aber saß nicht der Hansel, sondern eine Frau. Sie hatte große dunkle Augen. Diese blickten wehmütig auf das Gebirge. Um ihren schön geschnittenen Mund lag ein weher Zug. Aber sie wirkte weder traurig noch gebrochen, eher stolz. Sie hatten sie noch nie in Windling gesehen.

Zwischen dem Alois und der fremden jungen Frau saß ein Knabe von etwa zehn Jahren. Er hatte die gleichen dunklen Haare wie die Frau. Ja, auf den ersten Blick konnte man sehen, dass das Mutter und Kind waren. Der Junge hingegen war dünn und sehr blass und sah furchtbar erschöpft aus. Alois hatte einen Arm um die schmalen Schultern des Knaben gelegt um ihm so ein wenig Halt zu verschaffen.

Mehr konnte sie nicht sehen, denn schon rumpelte das Gefährt um die Biegung. Hinten auf dem Leiterwagen befanden sich Hausrat und mehrere Truhen. Dazwischen saß der Knecht Hansel. Seine hellen Augen blitzten auf. Ein spöttisches Lächeln lag um seine Lippen. So, als wolle er sagen: Ich weiß wohl, dass ihr euch jetzt die Köpfe über uns zerbrecht. Aber ich sag’ nichts.

Der Hansel mochte vielleicht dumm sein, ein wenig wirr im Kopf, aber doch nicht gemeingefährlich, wie die andern ihn gerne sahen. Eine harmlose Person. Wenn er mal ins Dorf kam und zu ihr in den Laden trat, konnte er sich rein narrisch über das Zuckerzeug freuen, das sie ihm dann immer schenkte.

Nun war das Gefährt im Hohlweg verschwunden. Die Prantlerin war sprachlos. Und das sollte wirklich was heißen.

»Hast du das gesehen?«, keuchte sie.

»Natürlich. Ich hab’ doch Augen im Kopf. Aber was soll das denn? Lass ihn doch. Es ist dem Brunner seine Sach, Prantlerin, vergiss das nicht.«

Sie hörte gar nicht hin.

»Jetzt ist mir auch klar, warum der Alois vor ein paar Tagen fortgefahren ist. Weißt auch, wer das ist?«

»Nein«, lachte die Kämerin. »Das weiß ich wirklich net. Wie sollte ich auch?«

»Ha«, antwortete sie und zog genüsslich die Lippen ein, »ich hab’ meine fünf Sinne und kann noch zwei und zwei zusammenzählen. Krößlacherin, das ist dem Brunner sein Kind. Wirst schon sehen, wie recht ich hab’.«

Die Frau musste nun aber doch herzlich lachen.

»Geh, bist wohl narrisch, Prantlerin, red das nit weiter. Kannst in Teufels Küche geraten. Der Brunner ist doch schon an die sechzig und der Bub so an die zehn. Na, da muss ich wirklich lachen.«

»Lach du nur. Du hast mich schon immer ausgelacht. Alte Hähne schützen nicht vor Torheit. Ich sag’ dir, der Bub ist sein Kind. Und jetzt, wo doch der Viktor nie mehr heimkommt, hat er sich den Bankert mit seiner Mutter zu sich geholt.«

»So«, sagte die Krößlacherin. »Eins versteh’ ich nicht so recht. Der Viktor ist schon an die zwölf Jahre nicht mehr gesehen worden, und dem Alois seine Frau ist vor zwölf Jahren gestorben. Wenn es wirklich seine Richtigkeit hätte, ich meine das mit dem Buben, warum hat er dann die Frau nicht geheiratet? Und wenn nicht das, warum hat er dann nicht schon viel früher das Kind zu sich geholt? Du weißt doch auch, dass der Alois seinen Sohn enterbt hat.«

Die Prantlerin machte große Augen. Logisches Denken war nicht ihre Stärke. Böse kniff sie die Lippen zusammen.

»Aber der Bub und seine Mutter sind oben. Daran gibt es nichts zu rütteln«, erwiderte sie giftig.

»Vielleicht sind es Sommergäste?«

»Hahahaha«, lachte das Klatschweib verächtlich auf. »Dös hat es ja noch nie gegeben. Nie, hast mich verstanden? In all den Jahren nicht hat er Stuben vermietet!«

»Nun gut, dann wird er sie sich für den Haushalt geholt haben.«

»Und die Stenzi, meinst, die lässt sich das gefallen? Nein, du kannst mich nicht überzeugen.«

»Prantlerin, was zermarterst du dir den Kopf über anderer Leute Probleme? Es wird eine arme Verwandte sein. Und die hat der Brunner aufgenommen, weil sie ihm leid tat. So, und jetzt hab’ ich keine Zeit mehr. Ich muss in die Küche. Willst noch was einkaufen, oder vielleicht endlich mal deine Schulden begleichen?«

»Nein, ich geh schon«, sagte sie hastig.

Endlich hatte sie das Klatschweib los.

Die Krößlacherin schüttelte noch lange den Kopf und lachte vor sich hin. Nein, diese Prantlerin, was der nicht alles einfiel. Wenn das dem Alois zu Ohren kam, würde sie Federn lassen müssen. Der hatte keine Angst vor dem Giftzahn. Eigentlich wird es mal gehörig Zeit, dass einer sie zurechtweist. Es wird ja immer schlimmer mit ihr.

 

 

3

Aber nicht nur die Prantlerin zerbrach sich in Windling den Kopf. Alle Einwohner des kleinen Dorfes versuchten das Geheimnis zu ergründen.

Nun lebte die Fremde schon über drei Wochen oben auf dem Adlerhof. Manchmal kam sie runter ins Dorf und kaufte ein. Ein schönes Geschöpf, ja, das war sie, groß und gerade gewachsen. Es machte wirklich Freude, sie anzublicken. Trotz ihres einfachen Dirndls sah sie schmuck und fesch aus. Alles an ihr blitzte und blinkte. Und dann erst mal das wundervolle Haar. Viele im Dorf blieben der Tradition schon längst nicht mehr treu und hatten sich Dauerwellen legen lassen. Die Fremde aber trug das Haar im Nacken zusammengebunden.

Sie war freundlich und grüßte jeden, den sie traf. Doch sie blieb nirgends stehen und versuchte auch nicht, näheren Kontakt mit den Dörflern aufzunehmen. Sie ging zur Krößlacherin, kaufte ein und verschwand dann wieder.

Stolz und gerade hielt sie den Kopf. Die Prantlerin und nicht nur sie, viele andere mehr, standen hinter den Gardinen und belauerten sie eingehend. Aber sie fanden keinen Tadel an der fremden jungen Frau.

Die Prantlerin bestürmte die Krämerin. Sie musste doch bestimmt mehr über die Fremde wissen. Aber diese wurde richtig wütend und sagte: »Ich frag’ keine Leute aus. Für mich ist das eine Kundin. Sie kommt, kauft ein und zahlt sofort. Sie lässt nicht anschreiben wie andere gewisse Leute. Ich wühle nicht in ihrem Privatleben herum. Wenn ich das täte, könnte ich gleich meinen Laden schließen.«

»Geh, sei doch nicht so fad. Kriegt sie Post? Das kannst du mir doch wohl sagen. Ich erzähl’s auch bestimmt nicht weiter, Krößlacherin.«

»Aber ich sag’ gar nichts. Kein Sterbenswörtlein, Prantlerin, und wenn du dich auf den Kopf stellst, ich sag nix.«

»Einen Ring trägt sie nicht«, überging das Klatschweib schnell die Antwort. »Ich hab’ doch gleich gesagt, das ist ein Bankert. Den Buben bringt sie nie mit nach unten. Schämt sich wohl und glaubt, wir würden ihn dort droben vergessen.«

»Hast du sie schon mal in der Kirche gesehen? Ich nit. Und dabei trägt sie den Kopf hoch und geht stolz an uns vorbei. In dem Schmutz müsst sie knien. Ja, ja früher, da hat man solche Leute vor der Kirche ausgepeitscht und dann zum Dorf hinausgejagt. Meine Mutter hat mir oft davon erzählt. Sie hat es noch erlebt.«

Dass sie nicht in die Kirche ging, stimmte leider. Und die Krößlacherin dachte schon, warum tut sie das nicht? Sie schafft sich doch noch mehr Feinde.

Wenn man nicht mit der Herde geht, dann wird man immer zerrissen. Besonders in so einem kleinen Dorf wie dem unseren.

Und dann der Bub.

»In die Schule soll er auch nit gehen, hab’ ich gehört. Ich frag’ mich, wie lange der Pfarrer das so hinnimmt.«, feixte das alte Weib. »Aber jetzt muss ich machen, gleich kommt mein Alter heim und will sein Essen haben.«

Für den Pfarrer war in der Tat diese Fremde ein Dorn im Auge. Zweimal hatte er sie gesehen. Er hatte am Sonntag auf der Kanzel gestanden, und sie war an der offenen Kirchtür vorbeigegangen, war nicht reingekommen. Alle in der Kirche hatten sie es gesehen und unwillkürlich waren ihre Köpfe zum Pfarrer geruckt. Was würde er tun?

Die Fehde zwischen ihm und dem Brunner bestand schon seit langem. Jetzt glaubte der Pfarrer, ihn endlich packen zu können. Er saß in seiner Studierstube und grübelte darüber nach. Ganz in Gedanken warf er einen Blick aus dem Fenster. Von seinem Platz aus konnte der den Marktflecken überschauen und so sehen, was sich dort abspielte.

Gerade in diesem Augenblick stand die Fremde am Marktbrunnen. Mit der hohlen Hand schöpfte sie Wasser und trank es in vollen Zügen. Schön war sie, das musste man ihr ohne Neid lassen. Und dann dieses wundervolle Haar.

Aber wenn er ihr nicht jetzt die Meinung sagte, würde bald das ganze Dorf keinen Respekt mehr vor ihm haben. Wütend stand er auf und ging nach draußen.

Die Frau bemerkte den Pfarrer hinter sich und drehte sich um. Vom Brunner wusste sie so einiges. Ihre dunklen Augen musterten ihn scharf.

Sie kannte keine Furcht!

»Grüß Gott«, sagte sie mit melodischer Stimme.

Sie nahm die Tasche vom Brunnenrand und wollte weitergehen.

»Halt!«, donnerte der Pfarrer sie an.

Wieder drehte sie sich herum.

»Ja«, fragte sie freundlich.

Der Pfarrer wusste, in diesem Augenblick wurden sie vom ganzen Dorf verstohlen beobachtet.

»Wie heißt du eigentlich?«, fragte er barsch.

»Veronika«, sagte sie mit ihrer hellen Stimme. »Jetzt weißt du es! Noch was?«

Der Pfarrer lief rot an.

»Ich verbiete dir, mich zu duzen. Ich bin hier der Pfarrer, verstanden.« .

»Das weiß ich«, erwiderte sie ruhig. »Bei uns daheim hat der Pfarrer uns nie geduzt, besonders Fremde nicht. Aber ich dachte, hier sei es so Brauch. Und solange der Herr Pfarrer mich duzt, werde ich es auch tun.«

Jetzt war sein Gesicht noch roter geworden.

»Sie unverschämtes Frauenzimmer. Wollen Sie Gott lästern?«

»Ich soll Gott lästern?«, gab sie erstaunt zurück. »Wie soll ich das nun verstehen?«

»Ich habe Sie noch nicht in meiner Kirche gesehen. Vorbeigekommen sind Sie aber.«

»Ich habe in der Schule gelernt: Gott ist überall. Nicht nur in der Kirche.«

Jetzt lag ein herber Zug um ihre Lippen. Trauer füllte ihre schönen Augen.

Aber der Pfarrer sah es nicht. Er spürte nur, dass er in der ersten Runde unterlegen war. So war ihm noch keiner gekommen.

»Sie heißen doch nicht nur Veronika? Wie weiter?«

»Nennen Sie mich ruhig Veronika, ich höre es gern. Oder sind Sie eine Amtsperson?«

Natürlich hatte er kein Recht dazu. Aber insgeheim schwor er sich, auf dem Gemeindeamt nachzufragen, um so etwas über diese Person zu erfahren. Dass er nicht gleich daran gedacht hatte.

»Ich habe gehört, Sie haben einen Buben mitgebracht!«

»Ja, und er heißt Andreas, das wollten Sie doch wissen, nicht wahr?«

»Der Bub geht nicht in unsere Schule. In diesem Land herrscht Schulzwang. Ich erwarte, dass er die nächste Woche in der Schule ist.«

»Das erwarten Sie also, Herr Pfarrer. Nun, da muss ich Sie leider enttäuschen. Der Andreas wird nicht in die Dorfschule gehen. Und Sie können mich nicht dazu zwingen, Sie nicht und kein anderer.«

»So wollen Sie ihn also fortgeben in eine andere Schule? In ein Internat in der Stadt?«

»Nein, der Andreas wird auf dem Adlerhof bleiben.«

Er maß sie mit einem langen bösen Blick. Ein Glück, dachte er, dass die Dörfler uns nur sehen und nicht hören können.

»Ich möchte jetzt heimgehen. Oder hat der Herr Pfarrer noch weitere Fragen an mich?«

Er drehte sich um und ging davon. Veronika sah ihm lange nach. Dann nahm sie ihre Tasche auf und ging auch davon. Niemand hielt sie auf. Bald war sie im Hohlweg verschwunden. Hier stieß sie auf den Herrn Lehrer. Dieser blieb verblüfft stehen und blickte ihr bewundernd nach.

 

 

4

Herrisch riss der Pfarrer die Tür zur Amtsstube auf. Er zitterte immer noch vor Wut. So eine Frechheit, ihn zu maßregeln. Der Josef Öttl war die einzige Amtsperson in Windling.

»Grüß Gott, Herr Pfarrer«, sagte er und erhob sich, wie es sich gehörte.

»Grüß dich, Josef. Ich schau’ nur kurz herein. Weißt du, kannst du mir vielleicht die Personalien der Fremden geben? Ich mein’ die, die jetzt beim Brunner wohnt. Sie muss sich doch bei dir melden, nit wahr? Es ist doch Pflicht.«

»Freilich, wenn sie für immer hier wohnen will, muss sie das. Aber wenn sie nur als Gast eine Weile hier in den Bergen bleiben will, dann natürlich nicht.«

»Ich weiß. Red nit so lange, sondern nenne mir ihren Vatersnamen und woher sie kommt.«

Josef Öttl hatte auch die Szene am Brunnen beobachtet. Aber er ließ sich nichts anmerken. Mit dem Pfarrer sich anlegen, besonders wenn man Kinder hatte, die in die Religionsstunde gingen, nein, da schwieg man lieber und kreuzbuckelte weiter.

»Ich tät’ dem Herrn Pfarrer ja gern den Gefallen, aber leider kann ich ihm nicht damit dienen.«

»Was soll das heißen?«

»Ich kenne sie nicht. Sie ist nicht bei mir gemeldet.«

Damit hatte er nicht gerechnet. Jetzt war er ein wenig sprachlos. Doch dann bemerkte er den verstohlenen Blick von Öttl und räusperte sich.

»Na ja, wird sie ja wohl noch nachholen.«

»Gewiss«, sagte Öttl und grinste.

Heute war Samstag. Er hatte ihr unmissverständlich zu verstehen gegeben, dass er etwas unternehmen würde, wenn sie das Kind nicht zur Schule schickte. Sie konnte später wirklich nicht sagen, er hätte sie nicht im Guten vor weiteren Schritten gewarnt.

Details

Seiten
126
Jahr
2020
ISBN (eBook)
9783738946284
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2020 (Oktober)
Schlagworte
stolz
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Titel: Nur der Stolz war ihr geblieben: Bergroman