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Am Ende aller Wege

2020 130 Seiten

Zusammenfassung

Western von Heinz Squarra

Der Umfang dieses Buchs entspricht 123 Taschenbuchseiten.

Tad Graham kann es nicht verhindern, dass man ihnen ihre Pferde raubt. Er und Chris Leach müssen nun zu Fuß weiter. Hungrig und durstig stoßen sie auf eine kleine ärmliche Farm, wo ihnen Deila Elvey ein karges Essen bereitet. Als ihr schwerkranker Mann mit Lebensmittel heimkehrt, ist sich Tad sicher, dass er der Pferdedieb ist. Doch die Umstände der armen Familie lassen ihn noch nicht handeln. Erst recht nicht, als der reiche Rancher Arnos Hardy auftaucht und von den Elveys fordert, ihr Land an ihn zu verkaufen.

Leseprobe

Am Ende aller Wege

Western von Heinz Squarra


Der Umfang dieses Buchs entspricht 123 Taschenbuchseiten.


Tad Graham kann es nicht verhindern, dass man ihnen ihre Pferde raubt. Er und Chris Leach müssen nun zu Fuß weiter. Hungrig und durstig stoßen sie auf eine kleine ärmliche Farm, wo ihnen Deila Elvey ein karges Essen bereitet. Als ihr schwerkranker Mann mit Lebensmittel heimkehrt, ist sich Tad sicher, dass er der Pferdedieb ist. Doch die Umstände der armen Familie lassen ihn noch nicht handeln. Erst recht nicht, als der reiche Rancher Arnos Hardy auftaucht und von den Elveys fordert, ihr Land an ihn zu verkaufen.



Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

Alfred Bekker

© Roman by Author /COVER FIRUZ ASKIN

© dieser Ausgabe 2020 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

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1

Tad Graham zieht die Mackinshaw-Jacke unter der Decke fester um den Körper und schiebt sich näher an das Feuer heran. Mit dem Stiefel stößt er ein Buchenscheit in die Flammen, dass es knackt und Funken in den nachtdunklen Himmel tanzen. Er hebt den Kopf ein wenig vom Sattel und blickt über die Flammen hinweg auf Chris Leach, der anscheinend fest schläft.

Tad Graham legt sich zurück. Er lauscht auf den Wind, der die Mesquitensträucher peitschend biegt und jaulend über ihr Lager wegspringt. Die Pferde schnauben leise. Tads Augen fallen zu. Die bleierne Müdigkeit in seinem Körper kämpft mit der Märzkälte einen verzweifelten Kampf. Er hört wieder ein Geräusch, aber er ist zu träge, um abermals den Kopf zu heben.

Die Pferde schnauben wieder. Da trägt der Wind ein helles Wiehern an seine Ohren. Er kämpft die Müdigkeit nieder, richtet den Oberkörper auf und greift nach der Winchester 73, die zwischen ihm und dem Feuer liegt. Undeutlich sieht er die Pferde. Es sind auf einmal drei. Im Sattel des dritten Pferdes sitzt ein Mann, der gerade ein leises, hohles Husten ausstößt.

Tad Graham ist mit einem Satz auf den Beinen. Die Müdigkeit ist wie weggewischt.

„Halt!“, ruft er schrill und springt über das Feuer hinweg. Er sieht den Mann deutlich, erkennt ein schmales, hohlwangiges und stoppelbärtiges Gesicht und reißt das Gewehr hoch.

Da wirft der Mann sein Pferd herum, ruft etwas und reißt die beiden anderen Pferde an Lassos hinter sich her. Tad Graham kann den Körper des Mannes kaum noch über den Pferden sehen. Er schießt, aber die Kugel liegt zu hoch.

Chris Leach fährt mit einem Schrei aus seiner Decke. Der Hufschlag entfernt sich.

Tad schießt noch einmal, obwohl er bei dem ungewissen Licht nicht zielen kann.

Da bricht der Reiter mit den Pferden durch die Büsche. Der Hufschlag entfernt sich rasch. Chris Leach begreift schlagartig. Er ist mit langen Sätzen bei den Büschen und springt durch sie hindurch. Äste peitschen sein Gesicht. Als er den Reiter und die ledigen Pferde sieht, zieht er den Colt und feuert, bis die Trommel leer ist. Aber die Entfernung ist schon zu groß. Er lässt die Waffe mit einem Fluch sinken und geht zurück. Als er ans Feuer tritt, kauert Tad Graham auf der anderen Seite, zieht ein brennendes Stück Holz aus den Flammen und brennt sich eine Zigarette an.

„Fort“, sagt Chris fad. Tad Graham nickt, ohne aufzublicken. „Unsere Pferde!“, schreit Chris und fährt sich mit der Hand durch die blonden Haare. „Hörst du nicht? Unsere Pferde!“

Tad Graham nickt wieder. Er spürt in sich eine dumpfe Leere. Er denkt daran, dass sie manchmal überlegt halten, ob sie die Pferde verkaufen sollten, um ein paar Nächte in einem warmen Hotelzimmer zubringen zu können. Sie hatten den Gedanken immer wieder weit von sich geschoben und den Winter doch überlebt. Und nun, wo der Frühling angebrochen ist und seine Stürme über das Land jagen, nun kommt ein Pferdedieb.

„Tad!“, schreit Chris.

Tad steht langsam auf und bläst den Rauch aus dem Mund. Der Wind erfasst den Dunst und reißt ihn auseinander. Und Tad ist so müde, dass er immer noch nichts sagt. Chris kauert sich am Feuer nieder und rauft sich die Haare.

„Himmel, was soll ein Mann ohne Pferd!“, knurrt er. „Was werden die Boys, die einen Winterjob hatten, sagen, wenn sie uns zu Fuß kommen sehen?“

Tad zieht wieder an der Zigarette und sagt: „Sie werden dann wissen, dass es ein verdammt harter Winter war, Chris. — Wir wollen den Spuren folgen. Vielleicht will er nach Amarillo, und wir finden ihn.“

„Es sind noch über zwanzig Meilen bis zur Stadt“, brummt Chris.

„Und wenn schon, wir werden es schaffen. — Gehen wir, ich friere.“ Tad hebt seinen Sattel auf, nachdem er seine Campdecke zusammengerollt und festgeschnallt hat. Er schultert ihn und nimmt die Winchester in die rechte Hand. Er sieht, dass auch Chris Leach seinen Sattel schultert und das Henrygewehr aufhebt. Da tritt er das Feuer aus.



2

Gegen Mittag beginnt es heftig zu regnen. Sie sind schon fast völlig durchnässt, als sie endlich im Schutze eines überhängenden Felsens stehen. Chris wischt sich das Wasser aus dem Gesicht und lässt seinen Sattel ächzend zu Boden fallen.

„Aus“, meint er. „Es wird den ganzen Tag und die halbe Nacht regnen. Morgen ist von der Spur nichts übrig.“

Tad Graham nicht. Er weiß, wie recht sein Partner hat. Sie haben die Pferde verloren. Nun ist es endgültig. Sie werden sich ohne Pferde einen Job suchen müssen.

Chris setzt sich an der Felswand nieder und streckt stöhnend die Füße aus. Als er nach seinen Stiefeln greift, sagt Tad: „Ich würde sie jetzt nicht ausziehen, Freund. Deine Füße sind geschwollen. Du bekommst sie nicht wieder an. Barfuß ist es dann noch schlimmer.“

„Woher willst du wissen, dass meine Füße geschwollen sind?“, schnaubt Chris Leach.

„Ich weiß es eben. Jedem Mann des Sattels geht das so, wenn er viele Stunden laufen muss und daran gewöhnt ist, in den Städten von einer Straßenseite zur anderen zu reiten. Es geht mir nicht besser. Warum bist du so verrückt auf mich?“

„Weil du es so ruhig hingenommen hast“, knurrt Chris aufsässig.

„Ich habe mich nur in das Unabänderliche gefügt, Chris.“

„Ja, das hast du bis jetzt immer gemacht. — Verdammt, konntest du ihn nicht aus dem Sattel schießen?“

„Ich hätte es getan, wenn es gegangen wäre, Chris. Das weißt du doch.“

Chris brummt noch etwas Unverständliches und lehnt den Kopf zurück. Er stiert gegen den herniedertrommelnden Regen, der den Boden aufweicht.

Tad setzt, sich neben ihn und rollt sich eine Zigarette. Das Regenwasser schwappt von seiner Hutkrempe. Er hält Chris den Beutel hin, der ihn nimmt. Als sie rauchen und in den Regen blicken, sagt Chris Leach: „Wer einem stellungslosen Cowboy sein Pferd raubt, der muss meilenweit gegen den Wind stinken. Vielleicht finden wir ihn deshalb in Amarillo.“

„Vielleicht“, erwidert Tad und rutscht an der Wand tiefer. „Du musst jetzt versuchen, zu schlafen. Morgen sehen wir weiter.“



3

Schmatzend versinken ihre Stiefel in der morastigen Erde. Die Anstrengung des Marsches spiegelt sich in den Gesichtern der Männer. Schon den ganzen Tag sind sie unterwegs.

Chris stolpert, weil er nicht mehr die Kraft hat, den Stiefel aus der Umklammerung des Bodens zu ziehen. Er schlägt lang hin, und der Dreck spritzt überall umher und trifft Tad gegen die nasse Weidekleidung. Fluchend kommt Chris wieder auf die Beine.

„Wenn mir der Strolch über den Weg läuft, kann er sein Testament machen“, schnaubt er. „Ich glaube, ich reiße ihm die Seele in kleinen Stückchen aus dem Leib.“

Tad Graham wartet, bis sich Chris notdürftig gereinigt hat, dann geht er weiter. Auch ihm fällt es schwer, auf diesem durchgeweichten Boden überhaupt vorwärtszukommen.

Stunden später, es ist schon Nachmittag, halten sie auf einer kleinen Erhöhung und blicken in ein Tal hinunter. Sie sehen ein kleines Haus, das sich flach an den Boden duckt. Daneben zwei Schuppen, einen Brunnen und einen Corral, in dem zwei magere Kühe stehen. Rechts und links der Hütten ist die Erde braun, als wären dort im letzten Jahr Felder gewesen.

Sie blicken sich an und gehen weiter. Als sie vor das flache Haus kommen, tritt eine Frau durch die Tür. Sie mag dreißig Jahre sein, ist von schmaler Gestalt und hat braunes Haar. Ihre Augen sind von dunklen Ringen umgeben, und die Haut ihres Gesichts ist bleich.'

„Wer ist da, Ma?“, fragt eine helle Stimme aus dem Haus.

„Sei ruhig, Johsi“, erwidert die Frau über die Schulter. Sie verändert ihre Stellung nicht. Sie hat die Hand in der Tasche des groben Kattunkleides und blickt die beiden Männer abwartend und misstrauisch an.

Tad tippt an seinen Hut.

„Tag, Madam“, sagt er und versucht zu lächeln. „Uns wurden nicht weit von hier die Pferde gestohlen. Wir haben noch zwei Dollar und möchten Sie bitten, uns dafür etwas zu essen zu geben.“

Die Frau nimmt die Hand langsam aus der Tasche. Sie geht rückwärts in die Hütte hinein und sagt: „Kommen Sie!“ Tad Graham lässt seinen durchnässten Sattel neben der Tür auf den Boden fallen und tritt ins Haus hinein.

An der Wand steht ein Junge von etwa zwölf Jahren, der ihn groß und etwas ängstlich anblickt. Tad lächelt ihm zu und blickt dann auf die Frau, die ein Stück Hartbrot aus einem Schrank genommen hat. Hinter ihm ist Chris eingetreten.

„Es tut uns leid, dass wir Sie belästigt haben“, sagt Tad. „Wie weit ist es noch bis Amarillo?“

„Zehn Meilen. Das können Sie heute nicht mehr schaffen. Aber wir haben im Haus auch nicht viel Platz. Mein Mann ist seit Tagen unterwegs. Er kommt vielleicht heute zurück. Wenn Sie im Schuppen ...“

Tad blickt Chris an und sagt dann zu der Frau: „Das würden wir gern annehmen, Madam. Vielen Dank.“

Sie setzen sich und essen das Brot, das die Frau abgeschnitten hat. Sie bringt noch einen Napf Fett und sagt: „Mein Mann bringt erst frische Vorräte mit.“

Tad blickt auf und bemerkt, dass sie rot geworden ist. Er weiß in diesem Moment, dass diese Siedlerfamilie hier im Tal ein hartes Leben führt.

„Ja, ich verstehe“, erwidert er. „Es war ein harter Winter.“

„Er war vor allen Dingen lang“, meint die Frau und setzt sich auf ein Sofa an der Wand. „Wir sind erst zwei Jahre hier. Wir zahlen noch an einem Kredit.“ Sie zieht den Jungen zu sich heran und legt die Hand auf seine Schulter.

Da ist Hufschlag zu hören. Die Frau hebt den Kopf.

„Dad!“, ruft der Junge.

Tad sieht, dass Johsis Augen plötzlich hell strahlen. Er rennt zur Tür und ruft: „Dad!“

Die Frau ist ebenfalls an die Tür getreten. Draußen ist ein bellendes Husten zu hören, und Tad Graham erinnert sich, es schon einmal gehört zu haben. Ein seltsames Gefühl überkommt ihn, denn er weiß schlagartig, wo er das Husten hörte. Es war in der Nacht, als ihnen die Pferde gestohlen wurden. Aber zugleich denkt er daran, dass viele Menschen so husten, wenn sie von einer Krankheit befallen sind.

„Was sind das für Sättel?“, hört er eine Stimme fragen.

„Zwei Weidereiter sind da“, sagt die Frau. „Ihnen wurden die Pferde gestohlen. Komm herein, Younger. — Johsi, bring das Pferd in den Stall!“

Der Junge geht ganz hinaus.

Tad blickt auf Chris, der immer noch ruhig an seinem Brot kaut. Er hat wohl noch fest geschlafen, als der Mann hustete. Tad neigt den Oberkörper etwas zur Seite und sieht durch das Fenster einen großen schmalen Mann mit grauen Haaren und einem eingefallenen, hohlwangigen Gesicht. Er hat eine siebenschüssige Spencer aus dem Sattelschuh gezogen und überlässt dem Jungen die Zügel des ausgelaugten, durchgebogenen Pferdes.

Chris steht auf und tritt in die Tür.

„Hallo“, sagt er. „Entschuldigen Sie, Mister. Wir waren so hungrig, dass wir das erste Haus ansteuerten, das an unserem Wege lag. Ein verdammter Tramp nahm uns nachts die Pferde weg.“

Tad bewegt sich nicht. Er blickt noch immer auf das angespannte, hohle Gesicht des Siedlers und auf dessen verblichene, abgerissene Kleidung. Dieser Mann hat den Winter über ein Dach über dem Kopf gehabt. Dafür hat er sicher oft nicht gewusst, wie er seine Familie vor Not und Hunger bewahren soll. Der Mann kommt jetzt langsam und zögernd näher, und Tad weiß, warum das so ist.

Dieser Mann ist es. Zwar war es sehr dunkel, aber er ist ganz sicher, den Pferdedieb vor sich zu haben. Groll steigt in ihm hoch, als plötzlich die Frau vor dem Fenster zu sehen ist, die nach dem Arm des Mannes greift.

„Nun, hast du Glück gehabt?“, fragt sie.

„Ja, etwas. Sieh dir den Sack an, den ich mitgebracht habe.“ Er zeigt zu dem Pferd, das der Junge wegführt. „Ich habe achtzig Dollar gewonnen“, setzt er hinzu. „Ich hatte Glück.“

„Ich hatte Angst, du würdest die fünf Dollar verlieren, Younger“, sagt die Frau. „Es war unser letztes Geld.“

„Du weißt doch, dass ich ein guter Spieler bin“, meint der Mann. Dann verschwindet er aus Tad Grahams Blickfeld.



4

Als der Mann in die Hütte tritt, steht Tad Graham langsam auf. Er mustert ihn, blickt dann die Frau an, die neben ihm steht.

„Younger Elvey“, sagt der Mann und streckt die Hand vor.

Tad mustert ihn immer noch. Er hat die Hände in den Hosentaschen und zieht sie auch nicht heraus. Da sinkt die Hand des Siedlers herab. Die Frau wird noch bleicher, so dass ihre Haut jetzt wie Wachs aussieht. Chris kommt wieder an den Tisch.

„Gibt es in der Nähe eine Ranch?“, fragt er.

„Ja, gibt es“, brummt der Siedler und dreht sich. „Arnos Hardy heißt der Mann. Fünf Meilen südlich steht sein Haus. Wenn Sie zu ihm kommen, dann sagen Sie nicht, dass Sie bei mir waren. Er hat etwas gegen mich, weil ich ein Strohkopf bin.“

Chris grinst in den Augenwinkeln, und es sieht aus, als würde er die Ansicht des Ranchers teilen.

„Hat er viele Rinder?“, fragt er.

„Sehr viele. Immer im Frühjahr schreiben sich viele Männer in sein Buch.“

Chris blickt Tad an.

„Vielleicht sollten wir uns den Fußmarsch nach Amarillo sparen“, meinte er gedehnt. „Die Ranch ist näher. Und ich glaube, den Pferdedieb bekommen wir doch nicht mehr. — Sagen Sie, Elvey, Sie waren doch in Amarillo? Hörten Sie nichts von einem Mann, der in die Stadt kam und zwei Pferde verkaufen wollte?“

„Nein“, sagt der Siedler schnell und schüttelt den Kopf. „Ich hörte nichts davon. Vielleicht hat der Dieb eine andere Richtung eingeschlagen.“

„Er kann sie höchstens später gewechselt haben“, sagt Chris. „Das ist schon möglich. — Wie ist es, Tad, wollen wir zu der Ranch?“

„Aber heute doch nicht mehr“, sagt die Frau schnell. „Das schaffen Sie nicht!“

„Ich glaube, ich werde doch nach Amarillo gehen“, meint Tad gedehnt. „Vielleicht haben Sie nur nichts von dem Pferdedieb bemerkt, Elvey. — Gut, wir schlafen bei Ihnen, wenn wir dürfen.“

„Ich mache niemals etwas rückgängig“, antwortet die Frau steif. Tad und Chris gehen hinaus, heben ihre Sättel und die Gewehre auf und gehen zum Schuppen hinüber. Die Frau blickt ihren Mann an. „Komisch“, sagt sie. „Der eine war auf einmal wie ausgewechselt, als er dich gesehen hatte. Kennst du ihn?“

Der Siedler schüttelt langsam den Kopf.

„Ich habe ihn niemals zuvor gesehen“, knurrt er. „Erst hier.“

Die Frau geht in einen zweiten Raum und holt ein paar Decken.

„Es ist nachts noch immer sehr kalt“, erklärt sie. „Ich werde den beiden die Decken bringen.“ Sie geht hinaus, ohne seine Antwort abzuwarten. Als sie zum Schuppen kommt, steht Tad neben der Tür und blickt ihr entgegen.

„War Ihr Mann früher Spieler?“, fragt er leise.

„Nein. Wieso kommen Sie darauf?“

„Nun, er ist doch in die Stadt geritten, um zu spielen.“

„Er hat das früher nie gemacht. Er tat es nur, um uns zu helfen.“

„Dann wundert es mich umso mehr, dass er achtzig Dollar gewinnen konnte“, entgegnet Tad und nimmt ihr die Decken aus der Hand.

Das Gesicht der Frau nimmt einen fragenden Ausdruck an. Ihr Mund ist schmal und verkniffen, und die Augen haben sich zu engen Spalten zusammengezogen.

„Wollen Sie damit etwas Bestimmtes sagen?“, forscht sie.

Tad zuckt die Schultern. „Eigentlich nicht“, murrt er. „Wie lange war Ihr Mann in der Stadt? Drei oder vier Tage?“

Die Frau kommt einen kleinen Schritt näher. Vom Haus her ist das trockene, bellende Husten des Mannes zu hören.

„Fünf Tage“, sagt sie.

„Sehr lange. Aber es ist schließlich jedes Menschen eigene Sache.“ Tad Graham dreht sich mit den Decken auf dem Arm um und sieht Chris Leachs Gesicht durch das fahle Dämmerlicht des Schuppens zu sich herüberschimmern. Hinter ihm entfernen sich die Schritte der Frau. Eine Tür schlägt zu. Wieder ist das bellende Husten des Mannes zu hören.

Und Chris Leachs Augen glühen immer noch wie brennende Kohlen durch das Dämmerlicht.

„Ist er es?“, fragt Chris gedehnt.

„Was soll er sein?“

„Der Pferdedieb. Du warst eher munter und hast ihn gesehen.“

„Ich habe ihn nicht gesehen“, entgegnet Tad aus einem Gefühl heraus, das er sich selbst nicht erklären kann.

Chris kommt langsam näher. Er kommt wie etwas, dem ein Mann nicht ausweichen kann.

„Es geht auch um mein Pferd!“, stößt er grollend hervor. „Los, heraus mit der Sprache!“

„Ich weiß nicht, was du meinst“, knurrt Tad, der plötzlich glaubt, das ängstliche, hagere Gesicht der Frau vor sich zu sehen. Er geht an Chris vorbei und wirft die Decken auf den Boden.

Die Stimme des Jungen schallt über den Hof.

Tad kniet sich auf den festgestampften Boden und breitet die Decken aus. Über die Schulter sagt er: „Leg dich hin, Partner! Es ist nicht gut, wenn du müde und zerschlagen ohne Pferd auf einer Ranch ankommst. Du weißt, die Boys, die schon da sind, benutzen das meist zu üblen Späßen.“

Chris nähert sich langsam und setzt sich dann auf die Decke. Noch immer blickt er Tad an.

„Ich weiß genau, dass er es war - und dass du ihn erkannt hast“, brummt er. „So wie er sieht kein Mann aus, der im Spiel achtzig Dollar gewinnen kann. Um die Zeit wie jetzt kann man nur mit Männern spielen, die etwas davon verstehen. Außerdem ist es ein Unding, dass ein Mann fünf Tage lang in einer Stadt sitzt und nichts weiter macht als spielt.“

„Rede mit ihm selbst darüber“, schnaubt Tad und legt sich nieder.

„Willst du wirklich noch nach Amarillo?“, fragt Chris leise.

„Ja. Es hat sich nichts geändert.“

„Ich dachte.“

„Wieso?“

„Weiß ich nicht, Partner. Aber ich nehme an, dass die Frau Eindruck auf dich gemacht hat. Sie führt mit dem kranken Mann hier ein karges Dasein. Und sie hat auch noch den Jungen, den sie mit durchschleppen muss. - Well, daran dachte ich.“

Tad dreht sich um, so dass er mit dem Gesicht zur Holzwand des Schuppens liegt. Er gibt keine Antwort. Er hört Chris, der sich hinter ihm in seine Decken rollt. Und dann sagt der Freund: „Wie es auch sein mag, ich komme dahinter. Verlass dich darauf! Und ich gehe zu der Ranch! Es würde mir leidtun, wenn sich unsere Wege trennen, Tad. Wir waren nun viele Jahre zusammen. Sommer wie Winter. Wir haben alles geteilt. Die Freude, das Leid, den Tabak, den Whisky und den letzten Dollar.“ Tad antwortet immer noch nicht. Er schließt die Augen und versucht zu schlafen.

„Warum sagst du nichts?“, fragt Chris. „Hast du Angst?“

Tad wälzt sich über den Rücken und blickt Chris durch das Dämmerlicht an.

„Ich weiß nicht, von was du redest“, brummt er. „Höre endlich davon auf.“ Er dreht sich zurück und schließt wieder die Augen. Er hört hinter sich das scharfe Atmen des Sattelgefährten, und er denkt daran, dass Chris schön immer ein sehr impulsiver Mensch war.

Was würde geschehen, wenn er ihm sagt, was er weiß? Aber was weiß er eigentlich selbst? Er sah schattenhaft ein hohles Gesicht und hörte ein bellendes Husten. Er hat den Dieb nicht genau erkannt. Und doch, es gibt keinen Zweifel, dass Younger Elvey der Mann ist.

„Pferdediebe wurden überall aufgehängt“, sagt Chris Leach nach einer Weile des Schweigens. „Es sind die schlimmsten Halunken, die man kennt. Wir waren in dieser Beziehung immer einer Meinung.“

Tad antwortet nicht mehr. Und da wird auch Chris ruhig.



5

Deila Elvey schiebt die Tür hinter sich zu und lehnt sich mit dem Rücken dagegen. Sie blickt ihren Mann an, der auf seinem einfachen Bett liegt und im Gesicht so weiß wie eine frisch gekalkte Wand aussieht.

„Was ist es?“, fragt sie.

Younger richtet den Oberkörper etwas auf und bricht wieder in sein trockenes, bellendes Husten aus. Dann fällt sein Körper schlaff auf die Matratze zurück.

„Was — was meinst du?“, fragt er hohl.

„Ich will wissen, was es ist, das zwischen dir und diesem Mann steht.“

„Ich kenne ihn nicht, Deila. Ich habe Brot, Fett, Tee, Kaffee und sogar einen Kamm mitgebracht. Hast du dir alles angesehen?“

„Nein.“

Der Mann hebt den Oberkörper wieder, aber er fällt kraftlos zurück. Sein erstickendes Husten hallt durch den Raum und erfüllt ihn bis in den letzten Winkel.

„Ich kenne ihn nicht“, sagt er, nach dem er mühsam Luft geholt hat. „Ich habe ihn niemals gesehen, Deila.“

„Ma!“ Der Ruf Johsis ist durch die Tür zu hören. „Sieh dir an, was Dad alles mitgebracht hat! — Soll ich gleich Tee kochen?“

Deila Elvey beißt sich in die Unterlippe, während sie noch immer auf den kranken, fast hilflosen Mann auf dem Bett blickt.

„Warst du beim Doc?“, fragt sie.

„Nnein, Deila. Ich wollte die Ausgabe vermeiden.“

„Vielleicht wäre es gut gewesen, du hättest das Honorar bezahlt und etwas weniger mitgebracht. Du weißt doch genau, dass Johsi und ich verloren sind, wenn du die schwere Feldarbeit nicht mehr machen kannst.“

„Ma!“, ruft der Junge wieder.

Deila blickt immer noch auf den Kranken, dreht sich dann um und tritt durch die Tür. Sie sieht Johsi, der am Tisch steht und den großen Sack ausgepackt hat. Alles liegt auf dem Tisch. Und Johsi steht mit strahlenden Augen daneben, als hätte er noch niemals so viele Sachen auf einem Haufen gesehen.

Sie geht zu ihm hin und streicht über sein dunkles Haar. Dankbarkeit erfüllt sie plötzlich, als sie in die strahlenden Äugen des Jungen blickt. Was auch gewesen sein mag — alles hat er für sie und ihren Sohn getan, der ihn kaum etwas angeht.

Tad Graham erwacht, als er die Geräusche über den Hof dringen hört. Er sieht das Tageslicht, das durch die Ritzen in den Schuppen kriecht. Ein Pferd schnaubt. Dann kratzt etwas durch den Sand, und dann ist wieder das trockene, bellende Husten eines Mannes zu hören.

Tad schlägt die Decken zurück und steht auf. Als er an der Schuppentür ist und zurückblickt, sieht er, dass Chris Leach den Kopf gehoben hat. Tad geht hinaus, ohne etwas zu sagen. Es ist noch kalt. Aber der Himmel ist strahlend blau. Heute wird es nicht regnen. Er sieht Younger Elvey, der eben einen Pflug aus dem zweiten Schuppen bugsiert, plötzlich innehält, wieder hustet und dann über dem Pflug zusammenbricht.

Tad steht wie am Boden festgenagelt. Er hört den gellenden Schrei der Frau, die aus dem Haus gestürzt kommt, über den sandigen Hof rennt und bei dem Mann niederkniet.

„Was ist mit Dad?“, ruft der Junge vom Fenster.

Tad dreht den Kopf. Er sieht das Gesicht des Jungen verschwinden. Dann kommt Johsi aus der Tür gestürzt. Er rennt hinter der Frau her und wirft sich neben ihr auf den Boden. Der Mann hustet wieder röchelnd.

„Geht weg!“, sagt er auf einmal.

Tad sieht die Frau aufstehen. Sie will dem Mann helfen, aber er wehrt mit einer müden Bewegung ab und steht allein auf. Tad geht langsam über den Hof, bis er dicht vor dem Mann steht und den Arm der Frau an seinem Arm spürt.

„Kann ich Ihnen etwas helfen, Elvey?“, fragt er belegt.

„Nein, zum Teufel! Ich muss die Frühjahrsfurche ziehen. Ich kann das allein!“ Er dreht sich schwerfällig und greift nach den breit ausgeschwungenen Holzarmen des Pfluges.

Die Frau schüttelt den Kopf.

„Du hättest doch zum Doc gehen sollen, Younger“, sagt sie leise, und in ihrer Stimme schwingt ein vorwurfsvoller Unterton mit. „Du kannst das jetzt nicht machen. Lass es, Younger!“

Tad sieht, wie sich der Unterkiefer des Mannes vorschiebt. Er weiß, dass Younger Elvey etwas erzwingen will, das sich nicht mehr erzwingen lässt. Tad denkt wieder an den Mann, der zwei Pferde stahl und dabei bellend hustete. Und alles ist ganz anders, als er sich das vorgestellt hatte.

„Johsi, hole das Pferd!“, sagt der Mann.

Der Junge entfernt sich. Als er mit dem ausgelaugten Pferd zurückkommt, hat Younger Elvey die Augen zugekniffen, als müsste er sich sammeln.

„Da ist das Pferd“, sagt der Junge.

Younger Elvey öffnet die Augen und nickt. Er lässt den Pflug los und geht um ihn herum, um das Pferd einzuspannen. Da strauchelt er wieder und fällt.

Die Frau stößt einen spitzen Schrei aus. Tad hebt den Mann auf und trägt ihn ins Haus hinein. Er legt ihn auf sein Bett und lauscht einen Moment auf das rasselnde Atmen des Mannes, der die Augen geschlossen hat. Es scheint, als habe er das Bewusstsein verloren. Tad dreht sich um. Die Frau steht vor ihm. Ihre Augen sind groß und starr und blicken ihn an.

„Wenn Sie mir das Pferd geben, werde ich den Doc aus der Stadt holen“, erklärt er.

Sie schüttelt langsam den Kopf.

„Wir haben kein Geld mehr. Es ist sehr nett von Ihnen. Ich weiß aber, dass der Doc aus Amarillo nicht umsonst hierherkommen wird. Ich verstehe nicht, dass Younger nicht bei ihm war, als er sich in der Stadt aufhielt.“

„Vielleicht hatte er in den fünf Tagen keine Zeit dazu“, erwidert Tad und geht an der Frau vorbei. Er tritt in den Hof und blickt Chris Leach an, der vor dem Schuppen seinen Sattel aufgehoben hat und auf die Schulter wirft.

„Ich gehe jetzt“, meint der Cowboy. „Du solltest schlau sein und mit mir kommen.“

Tad wirft einen Blick über die Schulter. An der Tür steht Johsi, dessen Blicke fragend und etwas ängstlich zwischen den beiden Männern hin und her irren. Tad blickt wieder auf Chris.

„Ich bleibe noch“, gibt er zurück. „Ich glaube, dass Younger Elvey nichts ernten kann, wenn es Herbst wird, wenn jetzt niemand den Boden umlegt.“

„Hast du es schon einmal gemacht?“

„Nein. Es wird nicht sehr schwer sein.“

Chris grinst verächtlich.

„Du bist ein Narr“, meint er, als er ganz dicht vor Tad steht, so dass es der Junge an der Tür nicht hören kann. „Eines Tages wirst du erkennen, dass du ein Narr bist.“

Tad presst die Lippen zusammen.

„Ich weiß genau, was du denkst“, redet Chris schnarrend weiter. „Und ich weiß auch, dass du ihn erkannt hast. Du hast Mitleid, weil er es aus Not getan hat und dabei nicht nur an sich dachte, sondern vor allem an diesen kleinen Jungen dort und an die Frau. Aber das ist keine Entschuldigung. Sie gilt bei mir nicht. Ich werde zurückkommen, Tad. Ein Rancher ist noch nirgends der Freund eines Siedlers gewesen. Du weißt ja, was ich meine.“

„War das nun alles?“, fragt Tad knapp.

„Ja, es war alles. — Im Moment! Schade, mein Freund. Viele deiner Eigenarten habe ich immer verstehen können, aber das hier werde ich nie begreifen.“ Chris dreht sich mit einem Ruck um und stelzt mit dem Sattel auf der Schulter und dem Henrygewehr in der Hand über den Hof nach Süden.



6

Als Tad Graham sich umwendet, steht die Frau neben dem Jungen und hat die Hände auf seinen Schultern liegen.

„Warum bleiben Sie noch?“, fragt sie.

„Wo ist das Feld?“, fragt er zurück. „Sobald es umgepflügt ist, werde ich gehen.“ Er dreht den Kopf zurück und sieht Chris, der am Corral entlangläuft.

In diesem Moment ist rasender Hufschlag zu hören. Tad lässt den Pflug los. Er sieht, dass Chris stehengeblieben ist. Reiter kommen über die Bodenwelle im Westen.

„Mein Gott, es ist Arnos Hardy!“, ruft die Frau erschrocken.

Tad tritt ein paar Schritte vom Pflug weg. Er sieht, dass Chris immer noch am Corral steht und den schweren Bocksattel auf der Schulter hat. Die Reiter sprengen an ihm vorbei, als würden sie ihn nicht sehen. Da geht Chris weiter. Er will also nichts damit zu tun haben.

Die Reiter halten vor dem Pflug an. In der Mitte hält ein großer Mann, der auf einem Schimmel sitzt. Sein Pferd trägt einen prächtigen Sattel, der mit großköpfigen Silbernägeln verziert ist. Auch in das Zaumzeug sind derartige Nägel geschlagen. Der Mann ist breitschultrig und etwa fünfzig Jahre alt. Er hat ein scharfgeschnittenes Gesicht mit kalten Augen und einer vorspringenden Nase. Als er den Hut etwas zurückstößt, leuchtet Tad Graham sein Silberhaar entgegen.

„Guten Morgen“, meint der Mann und grinst. Und die Weidereiter, die ihn umgeben, stimmen ein brummiges Lachen an.

„Guten Morgen“, sagt die Frau fad.

Tad blickt zu ihr hinüber. Er sieht, dass sie die Finger jetzt fest um die Schultern des Jungen gekrampft hat.

„Was wollen Sie?“, fragt sie.

„Immer noch das gleiche, Madam Elvey. Der Winter ist nun zu Ende. Und das Haus steht immer noch. Aber es wird noch sehr lange dauern, bis ihr etwas ernten und verkaufen könnt. — Heute bin ich noch bereit, mein altes Angebot zu halten. Fünfhundert Dollar für das Land! Morgen bin ich vielleicht nicht mehr dazu bereit.“

„Wir verkaufen nicht“, sagt die Frau.

„In zwei Monaten biete ich vielleicht nur noch einhundert Bucks“, redet der Rancher weiter.

„Wir werden in zwei Monaten so wenig verkaufen wie heute“, erwidert die Frau eisig und lässt die Schultern des Jungen los. Sie geht ein paar Schritte auf das große Pferd des Ranchers zu und bleibt wieder stehen.

„Wo ist er?“, fragt der Rancher.

„Wer?“

„Younger, Ihr Mann! Ich will mit ihm reden. Er soll sich nicht verstecken.“

„Er — er hat keine Zeit.“

Tad sieht Chris jetzt hinter der Bodenwelle verschwinden. Er hat auf einmal das Gefühl, als wäre in ihm etwas zerbrochen. Er steht hier unter Menschen, von denen ihn keiner etwas angeht. Und Chris ist nun fort.

„Hat es ihn nun doch umgeworfen?“, fragt der Rancher höhnisch. „Ich habe es ihm doch gesagt. Hören Sie mir gut zu, Deila: Für fünfhundert Bucks könnt ihr jede Menge Lebensmittel und drei gute Pferde kaufen. Vielleicht auch einen Wagen. Auf ihm fahrt ihr fort und vergebt dieses Land.“

„Wir bleiben!“, beharrt die Frau entschieden. „Sparen Sie sich alle weiteren Worte, Mr. Hardy!“

Der Rancher blickt sich im Kreis seiner Leute um und schüttelt den Kopf.

„He, Younger!“, ruft einer der Cowboys. „Zeige dich, zur Hölle!“

Tad dreht den Kopf. Da taucht der Siedler in der Tür des Hauses auf und schiebt die Frau zur Seite. Er kommt zwei Schritte in den Hof und bleibt schwankend stehen.

„Was wollt ihr?“, fragt er hohl und hustet, wobei sich sein ganzer Körper wie ein dürrer Ast im Winde schüttelt.

„Ich habe deiner Frau eben fünfhundert Bucks angeboten“, meint Arnos Hardy.

„Wir brauchen dein Geld nicht.“

Tad bemerkt, wie der Rancher überrascht und noch immer leicht grinsend die Brauen hebt.

„So, ihr braucht kein Geld?“, meint er. „Das ist ja ganz neu. Oder wollt ihr nur keins brauchen?“

Younger Elvey schwankt plötzlich und bricht dann im Hof zusammen. Die Frau schreit und will ihn hochziehen, aber er ist für sie zu schwer. Da geht Tad hinüber und will sich bücken.

„Wer ist denn das?“, fragt Arnos Hardy. „He, ich rede mit dir!“

Tad zieht den Siedler hoch, hält ihn noch fest und blickt den Rancher an.

„Ich bin Tad Graham“, sagt er.

„Und was willst du hier?“

„Ich habe bei Elvey geschlafen.“

„Ach! Willst du jetzt nicht sehen, dass du weiterkommst?“

Tad zieht den Mann zur Hauswand zurück und setzt ihn auf die morsche Bank unter dem Fenster.

„Du, ich rede mit dir!“, grollt der Rancher.

„Er scheint auf den Ohren zu stehen“, meint einer der Boys aus der Runde. Ein paar andere lachen.

„Gehen ... Sie fort“, haucht der Siedler abgerissen. „Diese Männer dulden keinen Widerspruch.“

Tad dreht sich um und blickt den Rancher an. Arnos Hardy grinst nun nicht mehr. Und Tad weiß, warum das so ist. Hardy befürchtet jetzt, dass sein Stand dem kranken, schwachen Siedler gegenüber schwerer werden könnte, wenn er, Tad, hierbleibt.

„Ich habe dich etwas gefragt“, grollt Hardy. „Willst du nicht antworten?“

Tad schüttelt den Kopf.

„Ihr Ton gefällt mir nicht“, entgegnet er trocken. „Ich habe niemals auf Ihrer Lohnliste gestanden. Ich frage mich, wieso Sie mir gegenüber einen solchen Ton anschlagen können.“

„Hoho!“, meint einer. „Der Boy hat ja Haare auf den Zähnen, Boss!“

„Ja, es scheint so“, erwidert der Rancher, ohne den Cowboy anzusehen. „Al, sage ihm, dass wir hier die Kommandos geben!“

Al ist ein mittelgroßer, stiernackiger Mann. Er treibt sein struppiges Pony einen Yard vorwärts und macht die Bullpeitsche mit einem Grinsen vom Sattelhorn los. Dann steigt er ab und lässt die bleibeschwerte Spitze der Peitsche über den Boden rucken.

Ein paar der Männer lachen.

„Lasst das, er ist ein Fremder!“, ruft die Frau. „Er hat damit, dass wir hier sind, nichts zu tun!“

Hardy und die anderen scheinen das nicht zu hören. Und Al lässt die Peitsche plötzlich durch die Luft pfeifen. Das bleibeschwerte Ende schlägt vor Tads Stiefelspitzen auf den Boden.

Als Al die Peitsche zurückziehen will, tritt Tad auf das Ende, und der dicke Schaft rutscht dem Cowboy durch die Finger und landet auf dem Boden. Al lässt einen Fluch hören. Er bückt sich und greift nach der Peitsche. Da ruckt Tads Stiefel nach hinten und reißt die Peitsche mit sich.

Al greift in den Sand. Er richtet sich langsam wieder auf. Er sieht grün im Gesicht aus und legt die Hand auf den Kolben des Revolvers. Aber da blickt er schon in Tad Grahams Mündung, die auf sein Gesicht gerichtet ist.

„Steig wieder auf!“, sagt Tad ruhig. „Versuche es nie wieder! Nach mir schlägt man nicht.“

Al schluckt etwas die Kehle hinunter und blickt seinen Boss hilflos an. Der knurrt etwas Unverständliches und reißt sein Pferd heftig herum.

„Es wird immer weniger werden, Elvey!“, schreit er über die Schulter. Dann sprengt er davon. Die anderen folgen ihm. Zuletzt steht nur noch Al im Hof. Tad schiebt seine Waffe in das Holster. Da bückt sich Al nach der Peitsche, hebt sie auf und rollt sie zusammen.

„Darüber reden wir noch!“, knurrt er, als er im Sattel sitzt.

„Vergiss es lieber“, meint Tad. „Wir kennen uns nicht. Du hast keinen Grund, nach mir zu schlagen. Und noch etwas: Ich warne einen Mann nur einmal, und dann nie wieder!“

Al treibt sein Pferd durch ein kratziges Zungenschnalzen vorwärts. Tad blickt hinter der in der Luft wehenden Staubwolke her.

„Gehen Sie fort!“, hört er die Frau drängend sagen. „Arnos Hardy kommt wieder. Er will dieses Land seit ungefähr einem Jahr haben. Er wird Sie hier noch weniger dulden als uns. Von uns weiß er, dass wir eines Tages aufgeben müssen. Aber Sie sind ein Kämpfer, Tad! Und deshalb wird er Sie vernichten.“

Tad dreht sich um und blickt von der Frau über den Jungen hinweg auf den Siedler, der die Augen geschlossen hat. Sein Kopf lehnt an der Wand.

„Sie werden gehen müssen, wenn der Sack leer ist, den Ihr Mann gestern mit brachte“, sagt er schwer.

„Was wissen Sie davon?“

„Nur, was ich hörte. — Ich werde das Feld umpflügen, wenn Sie mir jetzt sagen, wo es ist.“

Die Frau kommt heran und legt die Hand auf seinen Arm.

„Warum machen Sie das?“, fragt sie.

„Ich weiß nicht. Vielleicht, weil ich immer etwas gegen Ungerechtigkeiten hatte. Vielleicht auch nur, weil ich im Moment sowieso ohne Job bin.“



7

Chris Leach sitzt in einer Bodenfalte und sieht die Reiter zurückkommen. Sie reiten gut dreihundert Meter westlich an ihm vorbei, ohne ihn sehen zu können. Er blickt ihnen nach, während er die Beine ausstreckt und das Gesicht verzieht, weil ihm die Fußsohlen höllisch brennen.

Als die Reiter verschwunden sind, steht Chris schwer auf. Er kann einen kleinen Schrei nicht zurückhalten. Er presst die Lippen zusammen und muss seine ganze Energie aufbringen, um auf den Beinen zu bleiben. Langsam wird es besser. Er blickt sich nach dem Sattel und dem Henrygewehr, bricht durch die Büsche und geht hinter den Reitern her, die nicht mehr zu sehen sind. Nur der gelbe Staub wallt noch in der Luft.

Die Sonne ist höher gestiegen. Noch immer sind keine Wolken zu sehen. Es ist schon jetzt ein warmer Tag. Die Erde dampft. Und auch Chris Leachs Weidekleidung beginnt zu dampfen. Der Sattel drückt ihm schwer auf die Schulter. Am liebsten würde er ihn abwerfen, weitergehen und sich nicht mehr danach umblicken. Aber er weiß, dass es dann noch schwerer sein wird, denn zumindest seinen Sattel gibt ein guter Weidereiter niemals auf. Er weiß nicht, wie lange er gelaufen ist, als er auf einem Hügel steht und eine Ranch unter sich im Tal sieht. Eine Herde Longhorns zieht links über das Land. Peitschen knallen.

Chris lässt den Sattel von der Schulter fallen und blickt noch immer gebannt auf die Ranch hinunter. Und er denkt, dass das eine Ranch ist, wie er nie zuvor eine gesehen hat. Alles, was er bisher kannte, war aus Feldsteinen, Brettern und Baumstämmen zusammengefügt und mit Lehm oder Moos verschmiert. Aber das da unten ist anders — ganz anders. Das da ist ein weiß leuchtendes Haus aus gebrannten Steinen und Adobelehm. Rechts steht ein langes flaches Bunkhaus, ein Stall, große Scheunen und Dächer, die auf langen dünnen Stelzen stehen und unter denen Futter gelagert ist. Große Corrals mit Jungvieh. Ein gemauerter kreisrunder Brunnen, eine lange Pferdetränke und ein knarrendes Windrad hoch über den Dächern. Und hinter dem Haus ist ein Teil des großen Pferdecorrals zu sehen.

„Teufel!“, murmelt Chris Leach gepresst. Er denkt daran, dass überall davon gesprochen wurde, dass die Rancher hier im Panhandle zu Kings geworden seien. Er hatte es nie glauben wollen. Nun weiß er es.

Er hebt den Sattel wieder auf und geht den Hügel hinunter. Er spürt das Brennen der Füße kaum noch. Als er den Hof erreicht, sieht er ein junges Mädchen auf die breite Veranda vor dem Haupthaus treten. Sie kommt bis an die Brüstung und stemmt dort die Hände auf. Sie mag etwas über zwanzig Jahre sein, ist blond und schlank und hat grünlich schillernde Augen, die an eine Katze erinnern. Sie lächelt in den Augenwinkeln und schiebt den weichen schwarzen Hut noch weiter zurück, so dass er von ihrem Kopf fällt und an der Windschnur im Nacken hängt.

Details

Seiten
130
Jahr
2020
ISBN (ePUB)
9783738946277
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2020 (Oktober)
Schlagworte
ende wege

Autor

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Titel: Am Ende aller Wege