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Sheng #29: Sheng und der Drachenschatz

2020 134 Seiten

Zusammenfassung


Auf der Suche nach seinem Vater trifft Sheng Bill Easton, der ihm in der Stunde seines Todes von einem riesigen Schatz der chinesischen Regierung erzählt, den er an einer bestimmten Stelle im Meer versenkt hat. Auch von seiner Tochter Maureen erzählt er. Hinter diesem Schatz sind sowohl mexikanische Banditen als auch andere her. Sheng versucht nun unter Lebensgefahr, diesen Schatz zu finden und zu bergen.

Leseprobe

Table of Contents

Sheng und der Drachenschatz

Copyright

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Sheng und der Drachenschatz

Sheng 29

Western von John F. Beck

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 134 Taschenbuchseiten.

 

Auf der Suche nach seinem Vater trifft Sheng Bill Easton, der ihm in der Stunde seines Todes von einem riesigen Schatz der chinesischen Regierung erzählt, den er an einer bestimmten Stelle im Meer versenkt hat. Auch von seiner Tochter Maureen erzählt er. Hinter diesem Schatz sind sowohl mexikanische Banditen als auch andere her. Sheng versucht nun unter Lebensgefahr, diesen Schatz zu finden und zu bergen.

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

Alfred Bekker

© Roman by Author / Cover: nach einem Motiv von Meinard Dixon - Steve Mayer, 2020

© dieser Ausgabe 2020 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

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1

Als Sheng lautlos wie ein Tiger aus der Nacht die Cantina betrat, hob der Mann in der Ecke ruckartig den Kopf. Der Schein der Petroleumlampe fiel auf ein verwittertes, von einem struppigen Bart umrahmtes Gesicht. In seinen Augen brannte die Verzweiflung. Sheng schritt auf die Theke zu.

Alvarez, der hagere mexikanische Wirt, blickte kalt und abweisend auf den Fremden, dessen einziger Besitz das leichte Deckenbündel auf seinem Rücken war. Sheng legte eine Münze auf die Theke. Das kantige braune Gesicht des Cantinero blieb unbewegt. „Behalte dein Geld und verschwinde, Hombre. Es ist spät. Für heute ist hier Schluss.“

Sheng ließ das Geld liegen. Er lächelte. „Ich bin weit gewandert und die Tür stand offen. Ich will keinen Wein oder Brandy. Ich bezahle für eine Auskunft. Ich suche einen Mann, der vom kalifornischen Golf heraufgekommen ist. Sein Name ist Bill Easton.“

„Du hast ihn gefunden!“, rief eine heisere gepresste Stimme in Shengs Rücken. „Aber ich werde dir keine Chance lassen, du Bastard! Wenn du dich umdrehst, töte ich dich!“

Sheng spreizte vorsichtig die Hände vom Körper ab. War da nicht ein spöttisches wildes Aufblitzen in den Augen des Wirts? „Ich bin unbewaffnet“, sagte er ruhig und drehte sich um. Sein markantes Gesicht mit den dunklen leicht geschlitzten Augen war ausdruckslos.

Der Bärtige stand geduckt neben dem runden Tisch. Sein Mantel war vorn offen. Die Doppelmündungen einer abgesägten Schrotflinte, die darunter verborgen gewesen war, zielten auf Sheng. Schwere Atemzüge hoben und senkten seine Brust. Angst und Verzweiflung glänzte wieder fiebrig in seinen Augen, aber auch eine wilde fast selbstmörderische Entschlossenheit. Die Entschlossenheit eines Mannes, der glaubt, dass er nichts mehr zu verlieren hat. Sheng rührte sich nicht.

„Ich suche keinen Feind, sondern den ehemaligen Kapitän der ,China Princess‘, eines im Golf von Kalifornien gesunkenen Chinaseglers. Ich suche ihn, weil ich von ihm vielleicht den Namen meines Vaters erfahren kann, der vor vielen Jahren mit diesem Schiff China verlassen hat. Sind Sie Easton?“

„Ja, zum Teufel und wer bist du?“

„Ein Mann, der das Rätsel seiner Herkunft lösen will. Vielleicht können Sie mir dabei helfen. Mein Name ist Sheng.“

„Du lügst, Chinese!“, keuchte der Bärtige. „Du bist hier, um mir das Geheimnis des versunkenen Schatzes abzujagen. Der Schwarze Drache hat dich geschickt.“

Der Schwarze Drache!

Der Name des verbrecherischen Geheimbundes, der die Weltherrschaft anstrebte und dessen Menschenjäger die Überlebenden aus dem Kloster vom Weißen Lotus erbarmungslos um den halben Erdball hetzten, traf Sheng wie ein unerwarteter Keulenhieb.

Die Nacht, die wie ein samtdunkler Schleier über der nahen Mojave-Wüste und dieser einsamen halbverlassenen Mexikanersiedlung hing, war plötzlich vom Atem eines uralten Fluches durchdrungen. Ein Fluch, dem Sheng nicht entrinnen konnte. Der sein Schicksal seit jener anderen von Schwertgeklirr und Todesschreien durchtobten Nacht bestimmte, als das Kloster vom Weißen Lotus, das seine Heimat gewesen war, in einem Flammenmeer versunken war.

Sheng spürte das Lederfutteral an der Schnur um seinen Hals wie eine schwere Bürde. Es barg einen der sieben Teile der kostbarsten Schriftrolle des Tao Chi, die die Mörder des Schwarzen Drachen seit Jahren mit allen Mitteln zu erbeuten versuchten.

Und nun...

Ein Schatz auf dem Grund des kalifornischen Golfs? Ein Mann am Ende einer hoffnungslosen Flucht, der lieber kämpfen und sterben, als sich dieses Geheimnis von den Männern des Schwarzen Drachen entreißen lassen wollte?

„Ich habe die Wahrheit gesagt, Easton Ich bin nicht Ihr Feind. Ich werde Ihnen helfen, wenn Sie...“

„Sei still! Ich traue keinem Menschen mehr. Alle sind hinter diesem verfluchten Schatz her, ob sie nun zu den Drachenleuten, zu Santillos Bande oder weiß der Henker zu wem sonst gehören! Ich wünschte, ich hätte damals im Hafen von Tsingtao die Finger von dieser verdammten Geschichte gelassen! Leg das Bündel auf die Theke! Vorwärts, Alvarez, durchsuch’ ihn nach Waffen!“

„Nicht nötig, Käptn, wir passen schon auf ihn auf!“

Drei Männer standen wie aus dem Boden gewachsen in der plötzlich wieder offenen Tür. Der Wind raunte draußen im stacheligen Geäst der Joshuabäume. Das Schild an der rostigen Kette knarrte. Kein Laut sonst.

Es waren drei Mexikaner. Zwei mit Gewehren bewaffnet. Magere, zähe, zerlumpte Kerle mit breitrandigen Strohsombreros. Patronen schwere Gurte baumelten über ihren Oberkörpern.

An ihren Hüften hingen großkalibrige Colts.

Der dritte Mann war ein nur mit Hose, Schärpe und klobigen Stiefeln bekleideter Hüne. Er hatte wie die Seeräuber vergangener Jahrhunderte ein rotes Tuch um den Kopf geschlungen. Tätowierungen aller Art bedeckten seinen muskulösen braunen Oberkörper: Segelschiffe, Raubkatzen, Vögel, Blumen, Seeungeheuer, nackte Frauen, phantastische Ornamente, geheimnisvolle Zeichen aus fernen Ländern. Ein gefährliches Grinsen lag auf dem breitflächigen Gesicht mit den glänzenden schwarzen Augen und dem buschigen schwarzen Schnurrbart.

Ein Hauch von Wildheit und Gewalttätigkeit ging von ihm aus. Ein breites Seemannsmesser steckte in seiner scharlachroten Schärpe. Auf seiner Schulter, von einer braunen kräftigen Faust umklammert, ruhte eine schwere langschäftige Harpune, deren rasiermesserscharfe Stahlspitze mit Widerhaken versehen war. Ein gefährliches Monstrum, wie es auf den Booten der Walfänger benutzt wurde.

Easton zuckte halb herum. Seine Augen weiteten sich. „Gutierez!“, ächzte er.

Der tätowierte Hüne grinste auch dann noch, als die dollargroßen Doppelmündungen der Greener auf ihn zielten.

„Es hat verdammt lange gedauert, bis wir Sie gefunden haben, Käptn. Fast zu lange. Ist der schlitzäugige Kerl da auch hinter dem Lageplan der Schatzkiste her?“

„Ich weiß nicht. Er sagt, er sucht seinen Vater. Er meint, ich würde ihm dabei...“

„Wir werden uns später um ihn kümmern“, grinste Gutierez. „Es ist nicht mehr wichtig, ob er zu den Drachenkämpfern gehört. Ich hoffe, meine Freunde und ich haben den langen Weg nicht umsonst gemacht.“

Easton duckte sich noch mehr. Seine Fäuste umkrampften die Flinte so hart, dass die Knöchel weiß hervortraten. „Ich könnte dich jetzt erschießen, Gutierez. Nach allem, was war, hättest du es doppelt und dreifach verdient!“

„Nicht doch, Käptn! Denken Sie an Ihre Tochter. Sie wissen, dass Sie sie dann nie mehr Wiedersehen würden.“

„Ihr Teufel!“, knirschte Easton. „Wenn ihr Maureen auch nur ein Haar krümmt.“

„Ihr wird nichts geschehen, wenn wir den Plan und den Schatz haben. Ein glattes Geschäft. Also, her mit dem Papier!“

Easton schluckte. „Welche Garantie habe ich, dass Santillo meine Tochter wirklich frei lässt?“

Einen Moment war Gutierez Grinsen wie ausgelöscht. Ein Moment, in dem sein schnurrbärtiges Gesicht nichts als Hass und Gier zeigte. Dann warf er den Kopf zurück und lachte rau. „Sie haben mein Wort, Käptn, und das Wort meines Freundes Diego Santillo. Wenn Ihnen das nicht genügt, dann, verdammt noch mal, schießen Sie doch!“

Die braune Faust mit der Harpune bewegte sich blitzschnell. Das schwere Wurfgeschoss sauste quer durch die Cantina und bohrte sich eine halbe Armlänge neben Easton mit krachender Wucht in einen kantigen Stützpfeiler. Das Holz knackte und ächzte. Risse überzogen die niedrige verrußte Decke.

Grinsend breitete Gutierez die leeren Hände aus. Auf seiner Brust, genau über dem Herzen, waren wie zum Hohn für jeden Gegner mehrere Kreise als Zielscheibe eintätowiert. „Nun, Käptn?“ Ein Zucken in Bill Eastons Gesicht. Müde ließ er die Waffe sinken.

Der Mexikaner ging zu ihm, nahm ihm die Flinte aus den Händen, klappte die Läufe herab und ließ die Patronen auf den Fußboden fallen. Achtlos warf er die Greener in eine Ecke.

Dann zog er mit einem mühelosen Ruck die Harpune aus dem Pfosten.

Die Stahlspitze deutete wie zufällig auf Eastons Brust.

Der Kapitän holte ein zusammengefaltetes Papier aus der Innentasche seines zerschlissenen Mantels und legte es auf einen Tisch. Seine Hand zitterte. Mit hängenden Schultern trat er zurück.

Hastig faltete Gutierez das Blatt auseinander. Sein Gesicht glühte vor innerer Anspannung, als er sich darüber beugte. Ein Aufflackern in seinen schwarzen Augen. Wilder Triumph. Ein tiefes Durchatmen.

„Diablo! Das ist es! Da ist der Golf, da die Bahia de los Tiburones! Er hat die Stelle genau markiert!“

Er faltete das Blatt zusammen, schob es in seine breite Schärpe. Dann hob er den Kopf und starrte Easton durchdringend an. Das Schweigen in der Cantina war plötzlich bedrückend und endgültig. Ein höhnisches Lächeln verzerrte Gutierez Mund.

„Santillo wird sich freuen. Ich werde ihm Ihre Grüße bestellen, Käptn.“

„Ich komme mit“, erklärte Easton rau. „Ich werde Maureen nach San Francisco zurückbringen.“

Unverwandt starrte Gutierez ihn an. Ein Kopfschütteln. „O nein, Käptn! Der Preis war Maureens Leben, nicht Ihres.“ Easton machte eine Bewegung, als wollte er sich auf den großen Mexikaner stürzen. Er war zu müde, zu ausgebrannt dazu. Sein bärtiges Kinn sank herab. „Ich hätte es wissen müssen“, murmelte er. „Du bist ein Dreckskerl, Gutierez.“

Die beiden schweigsamen zerlumpten Mexikaner richteten ihre Karabiner auf ihn. Alvarez stand noch immer reglos, wie festgenagelt hinter der Theke.

„Schießt nicht auf ihn“, sagte Sheng ruhig. „Er hat euch gegeben, was ihr wolltet. Der größte Schatz der Welt lohnt kein Menschenleben.“

Gutierez Kopf flog herum, als würde er sich erst jetzt wieder an den still abwartenden Fremden erinnern. „He, du redest ja wie ein Prediger, Amigo! Und ich dachte, du seist ebenfalls hinter Eastons Plan her! Wer zum Teufel, bist du eigentlich? Ein lausiger Tramp?“ Er lachte, ohne auf eine Antwort zu warten. „Du wirst es uns schon sagen, wenn wir mit ihm fertig sind. Wetten? Bis dahin halte dich raus, Amigo. Nimm die Pfoten hoch! Los, los, oder willst du, dass Felipe dir ein Stück Blei zwischen die Rippen jagt?“

Gelassen hob Sheng die Hände. Die Ärmel seines Baumwollhemds glitten zurück und gaben die Zeichen von Tiger und Schlange frei, die er an den Unterseiten seiner Arme trug. Symbole seiner zweifachen Meisterschaft in der Kunst des Kung-Fu-Kampfes.

Ein Aufflackern in Eastons Augen verriet, dass der bärtige Chinafahrer die Bedeutung dieser Tätowierungen kannte und im selben Moment wusste, wie falsch er Sheng eingeschätzt hatte.

Zu spät?

Gutierez und seine Kumpane schienen entschlossen, keinen Zeugen am Leben zu lassen. Trotzdem unternahm Easton einen letzten verzweifelten Versuch, Zeit zu gewinnen.

„Wartet! Der Plan ist falsch. Ich habe nicht...“

„Leg ihn um, Alonso!“, zischte Gutierez.

Shengs Rechte fiel auf die Theke herab, umschloss den Hals einer leeren Flasche und schleuderte sie blitzschnell dem Kerl, dem Gutierez Befehl galt an den Kopf.

Das Brüllen des Schusses füllte die Cantina. Die Kugel klatschte weit neben Easton an die Lehmziegelwand. Gutierez Wutschrei fiel mit dem Knall des zweiten Karabiners zusammen.

Der Schuss hieb in die Theke, vor der Sheng eben noch gestanden war. Es war, als hätte der Bandit auf ein Phantom gefeuert. Sheng flog auf ihn zu. Der Mexikaner hatte gerade noch Zeit, eine neue Patrone in den Stahllauf zu hebeln. Eine brettharte Handkante schlug das Gewehr zur Seite. Eine Faust mit zwei gespreizten Fingern zuckte auf den Mann zu. Der Schlangenstoß, begleitet von dem täuschend nachgeahmten Zischen des gefährlichen Reptils. Der Bandolero brach wie eine Stoffpuppe über seinem Karabiner zusammen.

Der andere, den die Flasche getroffen hatte, kam mit wutverzerrter Miene zwischen umgeworfenen Stühlen hoch. Die Mündung seines Gewehrs tauchte als schwarzes Todesauge über einer Tischkante auf.

Sheng stieß sich mit beiden Füßen vom Boden ab. Sein schlanker gestreckter Körper glich einer los schnellenden Stahlfeder. Sheng sauste über zwei Tischreihen, riss den Verbrecher um und rollte sich mit der Geschmeidigkeit einer Katze von ihm weg. Im nächsten Moment war er wieder auf den Füßen. Ein Tritt beförderte das Gewehr des Mexikaners in eine entfernte Ecke.

„Achtung! Gutierez!“

Eastons gellender Warnschrei.

Im Herumwirbeln erwischte Sheng die Beine eines Hockers. Er schwang ihn hoch. Die Stahlspitze der Harpune durchschlug die Holzplatte und blieb erst drei Handbreit vor Shengs Kehle stecken. Die Wucht des Wurfs trieb Sheng mehrere Schritte zurück.

Mit einem wilden mexikanischen Kampfschrei riss Gutierez sein breit klingiges Seemannsmesser aus der Schärpe. Sheng schleuderte den Hocker mit der Harpune weg. Gutierez erwartete, dass der schlanke Halbchinese vor seinem wilden Angriff zurückweichen würde. Sheng glitt ihm entgegen, geduckt, mit angewinkelten flachen Händen, die sich kreisend bewegten. Gutierez riesiger tätowierter Körper drohte ihn niederzuwalzen. Die blitzende Klinge zuckte von unten her gegen Shengs Bauch.

Der Kung-Fu-Mann war schneller.

Schnell und wendig wie die Schlange im Sumpfdickicht, die kein Gegner zu fassen vermag. Eine halbe Drehung, eine gedankenschnelle Seitwärtsbewegung des Oberkörpers.

Der blanke Stahl verfehlte ihn.

Im selben Moment schien der massige Mexikaner, gegen eine unsichtbare Wand zu rennen. Shengs linke Faust lag an seiner Brust, so starr, so unnachgiebig wie der Kopf eines Granitpfeilers. Shengs flache Rechte durchschnitt die Luft. Eine unwiderstehliche Kraft schleuderte Gutierez zurück. Shengs hoch zuckender rechter Fuß prellte ihm das Messer aus der Faust. Mit fassungslos aufgerissenen Augen prallte der Hüne gegen die Wand neben der Tür.

Rasch hob Sheng ein Gewehr auf. Das Schnappen des Reptierbügels ließ Gutierez zum Sprung geduckte Kumpane erstarren. Shengs Gesicht war eine starre Maske. Sein Atem ging ruhig und gleichmäßig, als hätte er sich nicht bewegt.

„Verschwindet! Ihr habt, was ihr wollt. Lasst euch hier nie wieder sehen!“

Die Mexikaner zogen sich wie sprungbereite Wölfe zur Tür zurück. Ihre Hände hingen gekrümmt über den Kolben der schweren Colts. Gutierez bückte sich zögernd nach seiner Harpune. Er musste den Hocker zertrümmern, um die Stahlspitze mit den Widerhaken freizubekommen. Shengs Gewehr bewegte sich mit ihm. In einer Mischung aus Hass und Überraschung darüber, dass Sheng den Schatzplan nicht zurückverlangte, starrte der Hüne ihn an.

„Wir sehen uns wieder!“, versprach er drohend, ehe er in die Nacht hinaustrat. Die beiden Bandoleros folgten ihm. Die Tür schlug zu. Das Raunen des Windes, der von der mexikanischen

Grenze herauf strich und Staubwolken durch die Nacht wirbelte, war wie abgeschnitten. Da riss ein dumpfes Stöhnen Sheng herum.

Sein Herz verkrampfte sich. Easton klammerte sich wie in einer letzten ver zweifelten Umarmung an einen Stützpfeiler. Seine Beine waren halb durch geknickt, sein bärtiges, schmerzverzerrtes Gesicht gegen das Holz gepresst. In seinem Rücken steckte ein Messer.

Alvarez!

Der hagere Cantinero war bereits bei der Hintertür. Ein heftiger Luftzug ließ die Flamme hinter dem angerußten Lampenzylinder auf der Theke blaken. Shengs Gewehr schwang herum. Für einen Moment, in dem die Zeit stehenzubleiben schien, zielte die Mündung auf das verkniffene Gesicht des Mörders.

Sheng schoss nicht. Das älteste und oberste Gebot jedes Kung-Fu-Kämpfers war längst ein fester Bestandteil seines Denkens und Handelns. Die Stimme seines einstigen obersten Lehrmeisters Li Kwan drang aus der Vergangenheit zu ihm. „Töte nur, wenn es keine andere Möglichkeit gibt, ein Menschenleben, auch dein eigenes, zu retten. Aber erhebe auch gegen deinen ärgsten Feind niemals die Hand, nur weil du glaubst, dass du ein Recht hast, ihn zu richten...“

Die Bohlentür schloss sich hinter dem Verbrecher. Ein schwerer Balkenriegel klappte draußen zu. Sheng ließ das Gewehr fallen. Mit ein paar Sprüngen war er bei Easton, fing den Zusammensackenden auf. Er spürte Eastons Blut an seinen Händen.

Gutierez wildes Lachen schallte durch die Nacht. Dann begannen die schweren 45er Colts zu hämmern. Ein Bleihagel überschüttete die Hütte, sprengte einen verriegelten Laden auf. Herein pfeifende Geschosse zertrümmerten die Lampe auf der Theke. Fauchend entzündete sich das auslaufende Petroleum.

In Sekundenschnelle war das Innere der Cantina in blutrotes Licht getaucht.

 

 

2

„He, Chinese!“, schrie Gutierez. „Nun steckst du wie die Maus in der Falle, du verdammter Narr und weit und breit ist kein Mensch, der dir helfen wird! Komm raus, wenn du nicht bei lebendigem Leib verbrennen willst!“

Wieder schmetterten Kugeln gegen die Mauern. Die Tür erbebte. Im Regal hinter der flammenbedeckten Theke zerplatzte eine Flasche nach der anderen. Mit einem dumpfen Sausen erfasste das Feuer das ganze zundertrockene Holzgestell. Die wild züngelnden Flammen warfen Shengs Schatten grotesk auf den Lehmboden. Hitze, Rauch und die tödliche Gefahr, die draußen auf ihn lauerte, schienen wie an einem unsichtbaren Panzer abzuprallen.

Der große Mann kniete auf dem freien Platz zwischen den Tischen und Stühlen, einen Arm um den Schwerverletzten gelegt, der sich keuchend an ihn klammerte. Die Flammen überhauchten Eastons schweißnasses Gesicht mit rötlichem Glanz. Ihr Flackern spiegelte sich in seinen aufgerissenen Augen. Trauer und Schmerz erfüllten Sheng, wie immer, wenn rohe Gewalt ein Menschenleben auslöste und er nichts mehr tun konnte, um es zu verhindern. Es war nicht die Macht des Feuers und der Waffen, die er spürte. Es war der Glutatem des Todesdrachen, der diese Nacht durchwehte. Easton atmete schwer.

„Es tut mir leid“, murmelte er rissig. „Es war mein Kampf. Ich wollte nicht, dass du...“

„Noch lebe ich, Kapitän. Weder das Feuer, noch die Kugeln der Verbrecher werden mir etwas anhaben.“

Easton lächelte mühsam. „Ich habe in China davon gehört, dass die Mönche vom Weißen Lotus durch Feuer und Mauern zu gehen vermögen, dass jeder Einzelne von ihnen stärker sei als ein Dutzend schwerbewaffneter Krieger. Ich habe es immer für ein Märchen gehalten.“

„Ein Mann ist so stark wie sein Glaube an das Chi, die Kraft in seinem Innern, die auch die Furcht vor dem Tod besiegen kann.“

„Ich habe keine Angst vor dem Tod“, seufzte Easton. „Aber ich fürchte, dass diese Verbrecher von Anfang an nicht im Sinn hatten, Maureen am Leben zu lassen. Sie schrecken vor nichts zurück. Ihre Wut wird grenzenlos sein, wenn sie dahinterkommen, dass ich ihnen den falschen Plan gegeben habe.“

„Warum?“

„Ich wollte mein und Maureens Leben damit retten. Den richtigen Plan von der Stelle, wo der Schatz auf dem Grund der Bahia de los Tiburones liegt, gibt es nur in meinem Kopf. Ich wollte...“ Er hustete, krümmte sich vor Schmerzen. Blut sickerte aus seinem Mundwinkel. Verzweifelt blickte er Sheng an. Es war nicht die Verzweiflung darüber, dass es mit ihm zu Ende ging, sondern die brennende Besorgnis um seine Tochter.

„Ich habe nicht mehr viel Zeit, Sheng, ich spüre es. Glaubst du wirklich, dass du diesen Schurken entkommen kannst?“

„Ja. Ich werde es versuchen. So, wie ich versuchen werde, Ihrer Tochter zu helfen, Kapitän.“

Die jähe Hoffnung, die in den Augen des Sterbenden aufleuchtete, erschütterte ihn. Aber seine Miene verriet nichts davon.

„Hör zu!“, keuchte Easton. „Du musst alles wissen. Sag Maureen, dass ich nicht vorhatte, sie in Gefahr zu bringen. Ich wollte den Schatz nicht für mich, sondern...“

„Sie ist Ihre Tochter. Sie wird Sie nicht verurteilen, egal, was Sie getan haben.“

„Du bist ein seltsamer Mann, Sheng“, murmelte Easton. „Wenn ich es nicht mit eigenen Augen gesehen hätte, würde ich es nicht glauben, dass du eben noch wie ein Tiger gekämpft hast. Kennst du den Geheimbund des Schwarzen Drachen?“

Sheng schloss einen Moment die Augen und das Knistern der Flammen in der Cantina wurde zum Prasseln des Brandes, der in einer weit zurückliegenden grauenvollen Nacht das Kloster vom Weißen Lotus zerstört hatte. „Seine Mitglieder wollen die Welt beherrschen“, antwortete er leise. „Sie schrecken vor keinem Verbrechen zurück, um dieses Ziel zu verwirklichen.“

„Ich kam zu spät dahinter, was sie vorhatten“, keuchte Easton. „Ich ahnte nichts vom Inhalt der eisenbeschlagenen Kiste, die sie in Tsingtao an Bord brachten. Ich sah nur das viele Geld, das sie mir dafür bezahlten, damit ich diese Kiste und ihre drei Bewacher übers Meer nach Amerika brachte. Ich wurde erst auf hoher See misstrauisch, als die drei Drachenmänner die Kiste keine Stunde aus den Augen und niemand in ihre Nähe ließen. Von unserem chinesischen Bordkoch erfuhr ich dann die Geschichte von dem Schatz, der aus den Gräbern früherer chinesischer Kaiser geraubt worden war und der so unermesslich sein soll, dass die chinesische Regierung für die Wiederbeschaffung hunderttausend Dollar ausgesetzt hat. Ich erzählte meinem Ersten Steuermann Paco Gutierez davon. Kurz entschlossen trommelte Gutierez die wildesten und verwegensten Burschen aus der Crew zusammen. In einem Handstreich überrumpelten sie die Drachenleute und setzten sie gefangen. Ich war dabei, als sie die Kiste aufbrachen. Es war unvorstellbar. Sogar Gutierez und seinen rauen Gesellen verschlug es die Sprache. Eine Kiste voll von Edelsteinen, Perlen, Gold, Silber, Schmuckstücken, jeder winzige Teil davon schon ein Vermögen. Ein Schatz wie aus einem Märchen. Ungeheuerlich! Unfassbar! Wir waren wie erschlagen. Die Kerle vom Schwarzen Drachen verfluchten uns, drohten uns schreckliche Vergeltung ihres Geheimbundes, wenn wir den Schatz nicht wie vereinbart in San Francisco ablieferten. Weiß der Henker, was sie damit vorhatten. Vielleicht wollten sie ihre Riesenbeute auch nur vorerst in ein sicheres Versteck diesseits des Ozeans schaffen, bis sie vor den Nachforschungen der Schergen und Spitzel des Kaisers sicher war. Jedenfalls hörten wir nicht auf sie. Ein paar Tage lang liefen wir wie benebelt, wie besoffen herum, vernachlässigten die Arbeit, konnten von nichts anderes mehr als von dem verdammten Schatz sprechen. Wenn ich zurückdenke, kommt mir alles wie ein irrsinniger Traum vor...“

Easton schien zu vergessen, wo er war. Das Feuer, Gutierez wildes Gelächter, die peitschenden Schüsse, das alles existierte für ihn jetzt nicht mehr. Sheng sah die Bilder, die durch Eastons Gehirn zogen, als wäre er damals selber dabei gewesen: Ein stolzer Dreimaster, der unter vollen Segeln durch die endlose Weite des Stillen Ozeans rauschte. Männer die sich nachts schlaflos auf Kojen wälzten und tagsüber tuschelnd, raunend beisammen hockten, von einem Fieber erfasst, das ihre Herzen mit wachsender Gier erfüllte. Geduldig wartete Sheng darauf, dass Easton weitersprach.

„Ich brauchte drei Tage, bis ich mich dazu entschloss, nach China zurückzusegeln“, berichtete der Kapitän stockend. „Ich versuchte, Gutierez klarzumachen, dass die Hunderttausend-Dollar-Prämie der chinesischen Regierung genug für uns alle sein würde. Zum Schein ging mein Erster Steuermann darauf ein. In der kommenden Nacht wurde ich überwältigt und zu den gefangenen Drachenmännern gesperrt. Die gesamte Mannschaft stand hinter Gutierez. Von da an nahm die „China Princess“ Kurs auf die mexikanische Küste. Gutierez Ziel war der Golf von Kalifornien. Nachdem das Kap San Lucas hinter uns lag, segelte er ziemlich weit an der niederkalifornischen Küste hinauf. Hier war Mexiko. Hier hatte er Freunde in den Bergen, ehemalige Rebellen und Bandoleros, die ihm helfen sollten, den Schatz in Sicherheit zu bringen. Diego Santillo und seine Bande. Vielleicht wollte er mit ihrer Hilfe auch die Schiffsbesatzung erledigen. Ich weiß es nicht, aber ich traue diesem Schuft und Verräter alles zu. Doch das Schiff geriet in einen Sturm, der die Hölle aufbrechen ließ...“

Easton schauderte bei der Erinnerung. Sein Atem ging flacher, stoßweise. Unaufhaltsam verrann sein Leben.

„Die „China Princess“ lief auf ein Riff und sank in weniger als einer Viertelstunde. Niemand kümmerte sich um uns Gefangene. Ich weiß selber nicht, wie wir es schafften, uns zu befreien, die Kajütentür aufzubrechen. Die drei Drachenkrieger fuhren mit Schwertern und Dolchen zwischen die Besatzung, ich hinterher. Wir erwischten das Boot, in das mehrere Matrosen die Schatzkiste gehievt hatten. Die Chinesen ließen keinen von ihnen am Leben. Paco Gutierez konnte uns nur mehr seine Verwünschungen nachschicken. Der Sturm, der hohe Seegang machten eine Verfolgung unmöglich. Auf dem Schiff und in den anderen Booten ging alles drunter und drüber. Als wir in die Bucht der Haifische, in die Bahia de los Tiburones, einbogen und im nachlassenden Sturm festes Land sahen, war auch ich für die Drachenmänner überflüssig geworden. Aber ich hatte vorgesorgt und einen Revolver aus meiner Kajüte mitgenommen. Einen der Burschen musste ich erschießen, die beiden anderen sprangen aus dem Kahn. Als sich die See glättete, war ich allein mit einer Kiste voll von Edelsteinen, Perlen, Gold. Weit und breit keine Spur von anderen Überlebenden. Aber ich war sicher, dass ich es nicht als Einziger geschafft hatte, dass ich an Land mit dem Schatz nicht weit kommen würde. Ich wusste, wenn ich das Ufer betrat, würde ich jeden Menschen, dem ich begegnete, als Feind betrachten müssen.“

„Sie haben den Schatz versenkt“, sagte Sheng leise.

„Es war die einzige Chance, nicht von der erstbesten Banditenhorde, der ich vielleicht über den Weg laufen würde, ins Jenseits befördert zu werden“, murmelte Easton. „Ich musste die Schatzkiste loswerden und gleichzeitig für ihr Wiederauffinden sorgen. Der Meeresboden in der Bucht liegt nicht so tief wie draußen im offenen Golf. Ich weiß nicht, ob es richtig war, aber in meiner Verzweiflung zerrte und schob ich die Kiste über Bord. Ich hatte nur noch den Wunsch, mich nach San Francisco durchzuschlagen, wo Maureen auf mich wartete. Ich schaffte es nicht. Gutierez mexikanische Freunde und die Kerle vom Schwarzen Drachen waren hinter mir her. Sie hetzten mich wie ein Stück Wild kreuz und quer durch den Süden von Arizona und Kalifornien. Schließlich konnte ich nicht mehr. Ich wollte mich nur noch verkriechen. Doch einer von Santillos Spähern stöberte mich auf. Ich erfuhr, dass Santillos Leute Maureen aus San Francisco verschleppt hatten. Ich sollte hierher nach Santa Isabell kommen und auf Gutierez warten. Ich hatte keine andere Wahl...“

Seine Stimme erstarb. Eine Kugel hieb in den Stützbalken neben Sheng. Die Flammen sprangen auf Tische, Bänke und Stühle über. Zwei Pfeiler brannten. Die Decke knisterte und knackte gefährlich.

„Maureen!“, keuchte Easton. „Santillo hält sie bei den Ruinen der ehemaligen spanischen Missionsstation von San Pablo an der mexikanischen Grenze gefangen. Hilf ihr! Tu alles, damit sie unbehelligt nach San Francisco zurückkehren kann! Sag ihr dass sie von dem verfluchten Schatz nichts anrühren, sondern ihn dem rechtmäßigen Besitzer, dem chinesischen Kaiser, zurückgeben soll. Versprich es mir!“

„Ich verspreche es.“

Easton spürte, dass die einfachen Worte wie ein Schwur waren. Mit letzter Kraft griff er nach Shengs Arm. „Danke! Ich habe nicht vergessen, dass du gekommen bist, weil du deinen Vater suchst. Vielleicht war er vor langer Zeit wirklich mal auf meinem Schiff. Da war vor mehr als zwanzig Jahren ein großer hagerer Mann, den ich nicht vergessen werde, weil er China wie auf der Flucht verließ. Er sprach von einer vornehmen schönen Chinesin, die er liebte und die der Kaiser zum Tode verurteilen würde, wenn er etwas davon erfuhr. Ihr Name, glaube ich, war Tei Peh...“

Sheng spürte einen Stich, als er den Namen seiner Mutter aus dem Mund des Sterbenden vernahm. Er musste alle Kraft aufbieten, um ruhig zu bleiben. „Der Mann war mein Vater. Wie hieß er?“

„Ich ... weiß es nicht mehr!“ Eastons Stimme war nur mehr ein Hauch. Ein trüber Schleier überzog seine Augen. Sheng hielt ihn verzweifelt fest, als könnte er ihn so vor dem unsichtbaren Zugriff des Todes bewahren.

„Maureen!“, flüsterte der Sterbende. „Die alten Schiffstagebücher... sein Name steht darin...“ Und dann mit einem letzten Aufbäumen: „Der Schatz... Bahia de los Tiburones... vier Uhr nachmittags... warte auf die Sonne...“

Eastons Hand rutschte herab, sein Kopf fiel nach hinten. „Maureen“, seufzte er nochmals. Es war sein letzter Atemzug. Sein Blick brach.

Sheng hielt ihn im Arm. Die sengende Hitze drang durch seine Kleidung. Die Flammen leckten wie die feurigen Zungen gieriger Drachen nach ihm. Rauch zog durch das offene Fenster. Es war so unerträglich heiß, dass jeder Atemzug schmerzte. Sheng lauschte. Kein Lachen, kein Ruf, kein Schuss mehr. Sheng erhob sich. Er legte Easton auf einen von Flammen und Qualm umbrodelten Tisch. Die einsame Cantina würde Eastons Grab werden, der Wind seine Asche forttragen — vielleicht bis zum Meer, das ein Leben lang seine Heimat gewesen war.

Und er — Sheng?

Nach langer Zeit hatte er wieder eine Spur von seinem unbekannten Vater gefunden. Gleichzeitig wartete eine Aufgabe auf ihn. Ein Menschenleben war in höchster Gefahr. Dabei spielte es keine Rolle, dass es das Leben einer jungen Frau war, die ihm bei der Suche nach dem Mann helfen konnte, der damals Tei Peh, die erste Nebenfrau des Kaisers Tsing Dün geliebt hatte...

 

 

3

Sheng lief zur Tür. Sein Deckenbündel schaukelte am Riemen. Ein Windstoß fauchte herein und schürte den Brand zu einer gigantischen Fackel, die das Dach durchbrach und weithin die Nacht erhellte. Brennende Balken und Stangen stürzten herab. Funken brannten sich in Shengs Kleidung. Er presste sich neben der offenen Tür an die Lehmwand und spähte hinaus. Breitästige Joshuabäume standen wie verzauberte Wächter am Fuß eines steil aufschwingenden felsigen Hanges. Kein Leben in den benachbarten Hütten. Kein Laut außer dem Tosen des Brandes. Staubwirbel tanzten vorbei.

Sheng glitt über die Schwelle. Lautlos und geschmeidig wie der Tiger im Bambus-Dschungel, dessen Bild er auf der Unterseite seines rechten Armes trug. Ein paar Sekunden später stürzte das brennende Dach der Cantina mit donnerndem Getöse herab. Eine Rauchwolke hüllte den Platz ein. Als der Wind sie auseinanderriss und die Flammen heftig aus Tür und Fensteröffnungen loderten, war Sheng in der Dunkelheit zwischen den Joshuabäumen verschwunden. Geduckt verharrte er neben einem Felsblock, wartete, lauschte.

Noch immer nichts, was die Nähe von Gutierez und seinen Kumpanen verriet. Doch Sheng spürte die tödliche Gefahr mit dem Instinkt des jahrelang Gehetzten.

Zehn, fünfzehn Minuten absoluter Reglosigkeit, so als wäre er zu einem Teil des Felsblocks versteinert, dann kroch er vorsichtig weiter. Seine Fingerspitzen tasteten über den Boden, fanden leere Patronenhülsen, die Abdrücke von Stiefeln.

Und dann...

Ein schlaffer lebloser Körper. Eine Faust, die noch im Tod den langläufigen 45er Colt umklammerte.

Es war einer von Paco Gutierez Komplizen. Ein kurzer dünner Pfeil ragte aus seinem Rücken. Kein Pfeil, wie er vom Bogen eines Indianers abgeschossen werden konnte. Das nadelspitze Bolzengeschoss einer Armbrust. Ein ähnlicher Pfeil hatte damals Shengs väterlichen Freund und obersten Lehrer Li Kwan getötet.

Der Schwarze Drache!

Sheng bezwang das Aufwallen jäher Panik. Lautlos wie die Schlange schob er sich weiter. Er fand den zweiten mexikanischen Coltschützen zusammengesunken am Stamm eines Joshuabaumes. Ein Pfeil war ihm von der Seite in die Kehle gedrungen. Jeder Schuss trotz der Dunkelheit unter den Bäumen ein tödlicher Treffer. Der Mörder musste Augen wie ein Luchs haben.

Die Flammen innerhalb der brennenden Cantina sanken niedriger. Die Fensterluken glühten wie rote Augen in den rußgeschwärzten Lehmmauern. Vorsichtig richtete sich Sheng auf. Es widerstrebte ihm, die Toten liegen zu lassen. Doch vielleicht würden sich die paar Mexikaner, die noch in Santa Isabell lebten, um sie kümmern, wenn es Tag wurde. Er musste fort, bevor es zu einem Kampf mit den Abgesandten es Schwarzen Drachen kam. Er hatte nur eine Chance, Eastons Tochter aus der Gewalt der Schatzjäger zu befreien, wenn er vor Gutierez bei ihnen war.

Mitten in der Bewegung erstarrte Sheng. Er spürte die Nähe eines Menschen, bevor er ihn sehen und hören konnte.

Zu spät!

Ehe er herumwirbeln, die Hände zur Abwehr hochreißen konnte, lag der kalte Stahl einer scharfgeschliffenen Dolchklinge an seiner Kehle.

Sheng bewegte sich nicht. Der Atem des Mannes, der dicht hinter ihm stand, streifte seinen Nacken. Dann ein leises kaltes Lachen „Bedenke, dass ich dir wahrscheinlich das Leben gerettet habe. Zwing mich nicht dazu, es dir jetzt zu nehmen.“

„Wer bist du?“

„Tong Wan, ein Sohn des Schwarzen Drachen.“ Eine schlanke nervige Hand tastete Sheng nach Waffen ab, während sich der Druck des scharfen Stahls an seinem Hals verstärkte.

Shengs Gedanken rasten. Er rief sein Chi. Er wusste, dass er verloren war, wenn der Unbekannte jetzt das Lederfutteral an seinem Hals fand. Noch ahnte der Kerl offenbar nicht, dass er den Mann vor sich hatte, dessen Name ganz oben auf der Todesliste des weitverzweigten Geheimbunds stand. Ein Mann, der kein Messer, keinen Revolver brauchte, um einem Gegner im Kampf gewachsen zu sein. Ein zweifacher Meister des Kung Fu. Sheng spürte, wie der Druck der Klinge nachließ, rührte sich aber noch immer nicht. Das Bild der dunklen schlaffen Gestalten unter den Joshuabäumen stand vor seinen Augen.

„Was willst du von mir?“

„Du warst bei Easton, als er starb“, raunte die eisige Stimme. „Du hast trotz des Feuers bei ihm ausgehalten. Es gibt nur einen Grund dafür. Er hat dir alles erzählt, auch, wo der Schatz liegt, den er vor uns in Sicherheit zu bringen versuchte. Mein Auftrag lautet, diesen Schatz zurückzuholen — oder zu sterben.“

„Dann bist du jetzt schon ein toter Mann, Tong Wan.“

Die Klinge ritzte Shengs Haut. Aber er verzog keine Miene, wandte nicht den Kopf. Du wirst mich hinbringen“, zischt“ der Drachenmann. „Du wirst mir die Stelle zeigen, wo die Kiste auf dem Meeresgrund liegt. Ich weiß, dass Easton an der Bucht der Haifische an Land ging und dort den Schatz versenkte.“

„Du hast dir den falschen Mann ausgesucht“, bluffte Sheng. „Gutierez hat den Plan. Er wird vor dir dort sein.“

„Glaub nicht, dass du mich hereinlegen kannst, wie Easton diesen Dummkopf Gutierez hereingelegt hat! Meine Auftraggeber haben Easton gründlich beobachtet und jahrelang Nachforschungen über ihn angestellt, bevor sie sein Schiff dazu auserwählten, den großen Schatz des Schwarzen Drachen übers Meer zu bringen. Den Schatz, der uns eines Tages dazu verhelfen wird, die Herrschaft über die ganze Erde zu ergreifen. Wir brauchten nicht nur das beste Schiff, sondern auch den tüchtigsten Kapitän: Bill Easton. Er war bestimmt viel zu klug, um die Stelle, wo der Schatz liegt, auf einem Stück Papier einzuzeichnen, das jeder geschickte Taschendieb in seinen Besitz bringen könnte. Ich bin vielmehr davon überzeugt, dass der Plan, den er den Mexikanern gegeben hat, wertlos ist.“

„Dann wird der Schatz wohl für immer verschollen bleiben.“

„Nicht, wenn du leben willst, Freund, zischte Tong Wan dicht an Shengs Ohr. „Es hat keinen Sinn, wenn du leugnest, dass Easton dich eingeweiht hat. Du wirst mich zu meinen Freunden begleiten. Du wirst uns hinführen.“ Überzeugt davon, dass er so gut wie gewonnen hatte, trat er zurück und wartete darauf, dass Sheng sich umdrehte. Ein kaltblütiger gefährlicher Kämpfer. Ein Mörder, der sich mit dem Dolch in der Faust jedem anderen Mann überlegen fühlte. Sheng spürte die Entschlossenheit, seine ständige Bereitschaft, sofort und mitleidlos zu töten, wenn er es für nötig hielt. Sheng starrte reglos in die Dunkelheit.

„Ich werde niemals zulassen, dass dieser Schatz in die Hände einer Bande von Verbrechern und Fanatikern fällt“, erklärte er entschlossen. Er wusste, was er riskierte. Aber er wusste auch, dass er keine Zeit mehr verlieren durfte. Gutierez und Alvarez waren entkommen und bestimmt schon auf dem Weg zu den Ruinen von San Pablo, wo Eastons Tochter vergeblich auf ihre Freilassung warten würde.

Ein Moment, in dem Tong Wan den Atem anhielt. Dann wieder das leise kalte Lachen. „Du redest wie ein Verrückter! Wie einer, der noch nie etwas vom Geheimbund des Schwarzen Drachen gehört hat! Sonst wüsstest du, dass keine Macht der Welt uns daran hindern kann, das zurückzuholen, was einmal uns gehört hat.“

„Doch“, antwortete Sheng ruhig. „Ich werde es verhindern.“

„Wer, zum Teufel, bist du?“, fauchte Tong Wan.

Sheng drehte sich langsam der dunklen Gestalt zwischen den Bäumen zu. Reglos standen sie sich gegenüber. Zwei gleich große, sehnige, geschmeidige Gestalten. Männer mit so außerordentlich scharfen Sinnen, dass sie in der Dunkelheit wie Katzen sehen konnten.

Tong Wans scharf geschnittenes gelbliches Gesicht wurde von kalten stechenden Augen, einer schmalen, leicht gebogenen Nase und einem dünnen grausamen Mund beherrscht. Ein Piratengesicht. Aber in dem maßgeschneiderten Streifenanzug sah er wie ein chinesischer Geschäftsmann aus San Francisco aus. Vielleicht hatte er diese Rolle auch viele Jahre lang gespielt. Die zerlegbare chinesische Armbrust, die auf seinem Rücken hing, passte nicht dazu. Die lange schmale Klinge in seiner Rechten zielte auf Shengs Brust.

Sheng wartete auf den Angriff, den Sprung, den Stoß.

Nichts geschah.

Details

Seiten
134
Jahr
2020
ISBN (eBook)
9783738945973
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2020 (September)
Schlagworte
sheng drachenschatz

Autor

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Titel: Sheng #29: Sheng und der Drachenschatz