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Kittys Flucht in die Wüste

©2020 128 Seiten

Zusammenfassung


Kitty hat den Mord an Jim Morgan beobachtet und ist die Kronzeugin gegen den Mörder Stedloe. Dessen Bruder Jim kommt nach Dryhill, um die Zeugin umzustimmen oder den Bruder zu befreien. Carringo will das Geld des Toten holen, um es den Eltern zu überbringen, aber Kitty flieht, dicht gefolgt von Jim Stedloe. An der Seite des Sheriffs nimmt Carringo die Verfolgung auf.

Leseprobe

Table of Contents

Kittys Flucht in die Wüste

Copyright

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Kittys Flucht in die Wüste

Western von John F. Beck

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 128 Taschenbuchseiten.

 

Kitty hat den Mord an Jim Morgan beobachtet und ist die Kronzeugin gegen den Mörder Stedloe. Dessen Bruder Jim kommt nach Dryhill, um die Zeugin umzustimmen oder den Bruder zu befreien. Carringo will das Geld des Toten holen, um es den Eltern zu überbringen, aber Kitty flieht, dicht gefolgt von Jim Stedloe. An der Seite des Sheriffs nimmt Carringo die Verfolgung auf.

 

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

Alfred Bekker

© Roman by Author

© COVER FIRUZ ASKIN

© dieser Ausgabe 2020 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

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1

Die letzten zwanzig Schritte kroch ich auf dem Bauch. Der Peacemaker lag bleischwer in meiner Rechten. Meinen Braunen hatte ich bei einem hundert Yard entfernten Mesquitegestrüpp zurückgelassen. Die Sonne übergoss die Kakteen, Felsen und Sträucher ringsum wie mit weißem Feuer. Hier am Rand der Jornada del Muerto, der berüchtigten Wüste im Herzen von New Mexiko, war der Sand so heiß wie frische Ofenasche. Ich hörte die gepressten, stoßweisen Atemzüge jetzt deutlicher.

Der Mann lag hinter einen niedrigen Wall von Steinbrocken. Er schnaufte, als wäre er mit einer Lokomotive um die Wette gerannt. Entweder war er verletzt – oder das Ganze war ein lausiger Trick, der mir eine Unze heißes Blei einbringen konnte. Ich schob mich hinter einen Cholla-Kaktus, wischte mir den Schweiß von der Stirn und lauschte gespannt.

Ein leises metallisches Knacken drang mit den heftigen Atemzügen hinter den Steinen hervor. Ich presste die Lippen zusammen. Das Krachen der Schüsse, das mich vor ein paar Minuten über die Hügel in die Nähe von Nat Hookers Hütte getrieben hatte, lag mir wieder in den Ohren. Ich hatte Sheriff Calloways Pferd bei den Mesquites gefunden, wo nun auch mein Brauner stand. Seine Zügel hatten sich im Gestrüpp verfangen. Wahrscheinlich wäre das Tier sonst längst auf und davon. Eine Kugel hatte es an der rechten Hinterhand gestreift. Aber das Blut an seinem Sattel stammte nicht von ihm!

Mir blieb keine Wahl. Wenn ich herausfinden wollte, wer der Bursche hinter den Steinbrocken war – Calloway oder dieser verteufelte Schießer Stedloe, der hinter Kitty Randall her war –, dann musste ich wohl oder übel nachsehen. Weiter also!

Ich blieb flach am Boden, jeden Augenblick auf das Peitschen eines Gewehrs oder Revolvers gefasst. Ich kroch jetzt im Bogen nach rechts. Schließlich hatte ich keine Lust, dem Kerl hinter den Steinen direkt vors Schießeisen zu krabbeln. Ich hörte jetzt nichts mehr von ihm. Ein gutes oder schlechtes Zeichen? Ich packte meinen Colt fester. Gleich würde ich es wissen.

Ich spähte zu Hookers Hütte hinüber. Sie war halb in einen mit Kakteen und Felsen bedeckten Hang gebaut. Die Wände bestanden aus den im Südwesten üblichen Adobelehmziegeln, das Dach war mit Erdschollen gedeckt, die Tür stand offen. Die scheibenlosen Fenster klafften wie dunkle Höhlenlöcher. Nichts rührte sich dort. Kein Rauch stieg aus dem Blechschornstein. Der Corral neben dem angebauten, ebenfalls erdschollengedeckten Stall war leer. Zweifellos war Hooker fort. Ich konnte jetzt nur hoffen, dass Stedloe ebenso wie Calloway und ich zu spät gekommen waren, um das Mädchen aus Rainfords Saloon zu hindern, mit Hooker zu verschwinden.

Ich wartete ein paar Sekunden. Dann bog ich vorsichtig einen Mesquitezweig zur Seite. Die halb verdorrten Blätter raschelten nur ganz leise. Aber es genügte, dass der Mann, der fünf Schritte vor mir lag, halb herumzuckte und mit seiner Winchester genau auf meinen Kopf deutete. Das ging blitzschnell. Ich konnte mich nicht mehr zur Seite schleudern. Vielleicht hätte ich ihn ebenfalls noch erwischt. Doch das wäre ein verflixt schwacher Trost gewesen.

Dann erkannte Calloway mich und ließ erschöpft die Waffe sinken. Ich musste erst einige Male schlucken, damit ich den Druck in meiner Kehle los wurde. Dann kroch ich zu ihm. „Hi, Sheriff.“

Er ignorierte mein Grinsen. Wahrscheinlich war‘s eh nur eine mühsame Grimasse. „Kopf runter!“, begrüßte er mich. „Der Hundesohn liegt noch irgendwo auf der Lauer und wartet nur drauf, sein Blei in uns zu pumpen! Zur Hölle mit ihm!“

Er presste eine Hand auf den rechten Oberschenkel. Sein Hosenbein war voll Blut. Calloway hatte die Wunde notdürftig mit seinem Halstuch verbunden. Der Schmerz grub jetzt deutliche Linien in sein schnurrbärtiges Gesicht. Der Sheriff von Dryhill war ein breitschultriger, kräftiger Hombre so um die Fünfzig. Sein massiges Kinn und die funkelnden, hellen Augen verrieten auch

jetzt noch eine Menge Energie und wütende Entschlossenheit.

Mit dem „Hundesohn“ war natürlich nur Jim Stedloe gemeint, vor dem Kitty in panischer Furcht aus Dryhill geflohen. Trotz der Hitze spürte ich ein kurzes Frösteln. Nur zu deutlich erinnerte ich mich an die tödliche Drohung in den Eisaugen dieses Revolverschwingers. Sein Schuss auf den Sternträger bewies, dass er vor nichts mehr zurückschreckte. Er war nach Dryhill gekommen, um seinen Bruder vor dem Galgen zu retten. Das konnte er nur schaffen, wenn Kitty Randall starb. Aber dazu werde ich noch kommen. Jetzt machte ich mich neben Calloway so klein wie möglich. Nicht ganz einfach bei fast sechs Fuß Größe und Schultern, von denen etliche Ladies behaupten, dass sie so breit wie ein Kleiderschrank sind.

Ringsum war alles still. Kein Rascheln, kein Scharren, kein Kollern eines Steins. Aber ich hatte viele Jahre in der Wildnis gelebt. Sie hatte nicht nur meine Sinne, sondern auch meinen Instinkt geschärft. Ich „roch“ die Gefahr, wie die Indianer es nennen. Ich spürte, dass da jemand in der Nähe war, mit einer geladenen Waffe, unsichtbar und so geduldig wie ein Jäger, der genau weiß, dass ihm sein Wild nicht entkommen wird.

Stedloe! Die Galle stieg mir hoch, wenn ich dran dachte, wie großkotzig er in Rainfords Saloon hinter seiner Flasche Kentucky Bourbon gehockt hatte und …

„Dieses verflixte Girl!“, keuchte der Sternträger. „Wahrscheinlich bin ich nur ‘ne halbe Stunde zu spät gekommen. Die Spuren von Hookers Maultieren waren noch ganz frisch. Kitty hat es sicher nicht schwer gehabt, den alten Wüstenfuchs als Wegführer nach Carrizozo anzuheuern, wo sie angeblich Freunde hat. Für ein paar Dollars ist Hooker für jedes, aber auch jedes Geschäft zu haben. Als wenn Kitty das was nützen würde! Verdammt, in Dryhill wär‘ sie vor diesem Bastard, der da draußen herumschleicht, sicherer gewesen! Wenn wir nicht …“

Er brach ab. Er hatte das Geräusch ebenfalls gehört. Es kam von dort, wo ich vorhin hinter dem Cholla-Kaktus verschnauft hatte. Stedloe musste schon blind sein, wenn er spätestens jetzt nicht wusste, dass Calloway Gesellschaft bekommen hatte. Wahrscheinlich hatte er auch längst ‘rausgefunden, wo der Sheriff steckte. In Dryhill hätte er gewiss keine Hand gegen Calloway gehoben. Aber die Stadt lag einen halben Tagesritt entfernt im Norden. Um uns war nur Wildnis. Sonnenverbranntes, raues Land, in dem sich höchstens ein alter Kauz wie Nat Hooker zu Hause fühlen konnte. Hier waren wir sozusagen unter uns, und Stedloe fand es nicht mehr für nötig, sich hinter irgendeiner Rolle zu verschanzen.

„Wenn er nur nicht auf die Idee kommt, sich unsere Pferde zu schnappen!“, murmelte ich. „Dann sitzen wir fest, und der Himmel mag dem Girl aus Rainfords Whiskyburg gnädig sein, wenn sich dieser Killer auf seine Fährte setzt!“

Ich musste es drauf ankommen lassen und ihn ablenken. Ich schob den Coltlauf über die Steine, zielte auf den Cholla-Kaktus und drückte ab. Die Detonation dröhnte wie ein Kanonenschuss in das hitzegesättigte Schweigen. Sofort duckte ich mich. Aber kein Schuss antwortete. Typisch Stedloe. Der Kerl war kalt wie eine Hundeschnauze. Einer, der nichts von Bleiverschwendung hielt, sondern erst los ballerte, wenn er sich die Chance eines Treffers ausrechnete. Dazu brauchte er erst mal ein Ziel. Deshalb würde er versuchen, noch näher heranzukommen.

„Wir müssen in die Hütte, Sheriff!“, raunte ich. „Dort ist der einzige Platz, wo wir vor seinen Bleihummeln sicher sind.“

„Können vor lachen!“, ächzte Calloway. Er blickte auf seinen Oberschenkel. Das Tuch war blutdurchtränkt. Calloways Gesicht war grau und zerrissen. Ein Netz von Schweißperlen bedeckte es.

Ich schätzte die Entfernung. Zwanzig, zweiundzwanzig Yards … Stedloe würde genau wie ich zuvor einen Bogen schlagen. Dann hatten wir mehrere Felsblöcke und Mesquitebüsche zwischen ihm und uns. Rasch ersetzte ich die abgeschossene Patrone. „Beißen Sie die Zähne zusammen, Sheriff! Halten Sie sich an mir fest!“

Es war nicht leicht, ihn hochzubringen. Er schwankte wie betrunken. Meine Coltmündung wanderte. Ich passte auf wie ein Luchs, aber nichts rührte sich. War Stedloe etwa gar nicht mehr da?

„Los jetzt!“ Ich schleppte Calloway mit. Er stützte sich auf meine linke Schulter und benutzte gleichzeitig sein Gewehr als Krückstock. Halb verdorrte Zweige streiften uns. Der Sand knirschte. Wir machten eine Menge Lärm.

Doch erst als dieser Teufelsbraten Stedloe glaubte, dass wir uns sicher fühlten, legte er los. Er ließ uns aus dem Gewirr der Felsen und Sträucher heraus. Zehn Yards deckungslose Fläche zu Hookers Hütte. Ich drehte mich noch mal, sah ein metallisches Blinken neben einem Mesquitebusch und stieß Calloway sofort zu Boden. Sein heiserer Aufschrei versank im Peitschenknall von Stedloes Gewehr.

Ich schleuderte mich nach rechts. Die Kugel pfiff wenige Handbreit an meinem Kopf vorbei. Mein Aufprall trieb eine puderfeine Staubwolke hoch. Kaum hatte ich die Nase unten, da knallte es wieder. Blitzschnell hatte Stedloe die Stellung gewechselt. Der Mündungsblitz zuckte hinter einem Felsen hervor. Ich feuerte, rollte mich weiter und jagte nochmals einen Bleibrocken aus dem Rohr.

„Kriechen Sie, Mann!“, brüllte ich Calloway zu. Ich sprang auf, entdeckte einen huschenden Schatten, schoss und spürte einen verdammt unangenehmen Luftzug wie von einem Peitschenschlag an meiner rechten Wange. Ich hatte keine Zeit, mich nach Calloway umzuschauen. Keuchend presste ich mich hinter einen Quader.

Stedloes nächster Schuss meißelte eine Handvoll Steinsplitter los. Der Kerl hatte schon wieder seinen Standort gewechselt. Ich hatte ihn bisher kein einziges Mal richtig zu sehen gekriegt. Hastig stieß ich die leeren Patronenhülsen aus und pflückte Nachschub aus meinen Gurtschlaufen. Jetzt erst kam ich zu einem Blick über die Schulter. Gott sei Dank! Calloway hatte nicht schlapp gemacht. Er war bereits knapp vor der Tür, die Ellenbogen in den Sand gewühlt, die Winchester in den verkrampften Fäusten quer vorm Gesicht. Wie ein Rekrut im Übungsgelände.

Bevor Stedloe sich abermals mit seiner Knarre meldete, pfefferte ich mein Blei in die Richtung, aus der er zuletzt geschossen hatte. Als ich wieder auf den Platz hinter mir schaute, hatte Calloway es geschafft. Er war im Adobebau verschwunden. Es dauerte nur Sekunden, bis sein Gewehrlauf über der Schwelle erschien. „Jetzt Sie, Carringo! Ich geb‘ Ihnen Feuerschutz!“

Er meinte es gut, und er war bestimmt ein harter Bursche. Aber sein Schießeisen wackelte wie ein Kuhschwanz. Noch deutlicher verriet seine rissige Stimme, in welcher Verfassung er war. Ich biss die Zähne zusammen, wartete, lauerte. Jim Stedloe spielte wieder den Unsichtbaren. Nach einer Weile schob ich mich vorsichtig um den Sandsteinblock herum.

„He, Stedloe, wie wär‘s, wenn du‘s mal Auge in Auge mit mir probierst? Oder reicht dafür dein Mumm nicht aus?“, versuchte ich ihn aus der Reserve zu locken. Ich war kein schießwütiger Revolverheld. Den zweifelhaften Ruhm des schnelleren Schießers überließ ich gerne ihm, wenn es mir nur gelang, ihn hinzuhalten und zu einem Fehler zu verleiten. Jede Minute, die er hier verlor, verhalf der hübschen Blondine aus Rainfords Saloon, die mit Hooker in Richtung Carrizozo durch die Wüste floh, zu einem größeren Vorsprung. Nur darauf kam‘s mir an.

Aber das hatte auch Stedloe kapiert. Einige Minuten verstrichen, dann hörte ich ein Stampfen und Rascheln zwischen den Büschen. Ein graugelber Staubschleier hob sich. Sekundenlang tauchte eine hagere Reitergestalt neben einem Felskegel auf. Dann blieb nur das Hämmern der Hufe. Rasch entfernte es sich nach Südosten. Eine Staubfahne über einem langgestreckten, kakteenbestandenen Kamm war das letzte, was ich von Stedloe sah.

Hinter dem Kamm dehnte sich die glühende Weite der Jornada del Muerto. Irgendwo dort draußen war Kitty Randall auf der Flucht vor dem Mann, der alles dransetzen würde, sie zu töten, bevor sich ihre Spur im Nichts der Wüste verlor …

 

 

2

Ich hatte Kitty vor etwa zwanzig Stunden in Rainfords Saloon kennengelernt. Deutlich erinnerte ich mich an jede Einzelheit: Ich stand noch an der Theke und versuchte den schalen Geschmack im Mund, den ich mir mit meinem Besuch in Calloways Office geholt hatte, mit einem Hostetter Brandy loszuwerden. Ich war der einzige Gast. Draußen waren die Schatten schon lang geworden, aber es würde noch eine Weile dauern, bis sich nach und nach die üblichen Besucher bei Rainford einfanden. Der stiernackige Salooner bediente mich ziemlich unfreundlich. Auf meine Frage nach einem Zimmer für die bevorstehende Nacht hatte er mir widerwillig einen Schlüssel mit einem Nummernschild dran und ein zerfleddertes Gästebuch hingeschoben. Ich ignorierte seinen mürrischen Gesichtsausdruck und sein Schnauben, als ich mich einfach nur mit „Carringo“ eintrug.

Ich hatte lange nicht mehr in einem Bett geschlafen, und in Dryhill gab es weder ein Hotel noch sonst eine Unterkunft außer den Zimmern bei Rainford. Das Nest war nichts weiter als eine Ansammlung von einem Dutzend baufälliger Hütten mit den dazugehörigen Nebengebäuden und Hinterhöfen. Wenn nicht ausgerechnet der Rancher, mit dem ich vor ein paar Wochen noch mit einer Rinderherde nach El Paso unterwegs gewesen war, hier sein Grab auf dem Boothill gefunden hätte, wäre ich wahrscheinlich in einem Bogen daran vorbeigeritten.

Ich hatte nun also den Drink im Bauch, den Zimmerschlüssel in der Hand, aber noch immer diese verteufelte Bitterkeit in der Kehle, als ich die hastigen Tritte auf der Treppe zum Obergeschoss vernahm. Es war Kitty. Der Sheriff hatte ihren Namen bereits im Zusammenhang mit John Morgans Tod erwähnt. Sie war dabei gewesen. Die einzige Zeugin. Ihre Aussage würde den Falschspieler und Revolverschwinger, den Calloway hinter Schloss und Riegel gesetzt hatte, an den Galgen bringen.

Ich wusste sofort, dass sie es war, als ich sie da auf den Stufen sah, jung, hübsch, das volle, blonde Haar zu einer schlichten Frisur hochgesteckt. Sie trug ein enganliegendes, am Ausschnitt und den Ärmelrändern mit Rüschen besetztes Saloonkleid. Dazu hatte sie ein leichtes Cape umgehängt. Sie hielt einen kleinen Koffer unterm linken Arm und eine geblümte Stofftasche in der Rechten. Sie war ziemlich in Eile. Die Postkutsche, die vorhin an Rainfords Saloon vorbeigerollt war, musste der Grund dafür sein. Sie würde gleich wieder abfahren. Dryhill lag nur als Pferdewechselstation an der spärlich befahrenen Route von Socorro nach Carrizozo. Als das Girl mich sah, verharrte es wie versteinert auf halber Treppenhöhe.

Well, ich hab ja sonst nichts dagegen, wenn mir eine hübsche, junge Lady ihre Aufmerksamkeit schenkt. Nur – wie Kitty Randall mich anstarrte, musste ich mir wie ein Schreckgespenst vorkommen. Klar, ich sah ein wenig rau aus. Ich kam gerade aus der Gegend von Santa Fe herab und hatte nicht gerade einen Spazierritt hinter mir. Die Nachricht von John Morgans Ermordung hatte auf der Circle-M-Ranch, für die ich zur Zeit ritt, wie eine Bombe eingeschlagen. Wenn es für Johns alte Eltern noch was zu retten gab, dann war es wenig genug, nämlich nur das Geld, mit dem John nach dem Herdenverkauf auf dem Heimweg gewesen war.

Das Geschäft mit seinem mexikanischen Abnehmer hatte sich etwas verzögert. Deshalb war John ohne uns, das heißt seine Trailmannschaft, in El Paso zurückgeblieben. Ich hatte mich bei Calloway erkundigt. John hatte bei seiner Ankunft in Dryhill die zehntausend Dollar noch bei sich gehabt. Zehntausend Dollar, die über die Zukunft der Circle-M entschieden. Alles, was ich noch für Old Pa und Old Ma Morgan tun konnte, war, ihnen dieses verdammte Geld zu beschaffen, für das John hatte sterben müssen.

Der Trailstaub bedeckte noch meine Kleidung. Außerdem hatte ich bis jetzt keine Zeit gehabt, mich zu rasieren. Aber, verdammt, das konnte nicht der Grund sein, weshalb das Girl mich anstarrte, als wäre es dem Höllenboss persönlich begegnet. Alle Farbe war aus Kittys Gesicht gewichen. Ihre graugrünen Augen waren schreckgeweitet. Die vollen Lippen zuckten. Kein Ton kam über sie.

„Hallo, Miss Kitty!“ Mein Gruß und mein Lächeln bewirkten das Gegenteil von dem, was ich damit hatte erreichen wollen. Plötzlich ließ sie Postkutsche Postkutsche sein, warf sich herum und hetzte die Stufen hinauf, als hätte ich mich in ein zähnefletschendes Ungeheuer verwandelt. Ich stand einen Moment da wie ein begossener Pudel. Als droben eine Tür zuknallte, wandte ich mich kopfschüttelnd dem Salooner zu. „Schätze, ich brauch‘ noch einen Drink! Dass ich so auf Frauen wirke, ist mir neu.“

Rainford hatte die Flasche so energisch im Griff, als überlegte er noch, ob er sie mir auf den Kopf schmettern oder mein Glas füllen sollte. Er knurrte irgendwas und bequemte sich dann doch zum Nachgießen. Seine unwirsche Miene hielt mich davon ab, mehr in ihn zu dringen. Ich kippte den Brandy, zahlte und stieg mit Zimmerschlüssel, Satteltaschen und ziemlich gemischten Gefühlen die Treppe hinauf. Ich spürte Rainfords finsteren Blick bis in die Dämmerung des Korridors.

Aber dieser Einstand war nur eine Kostprobe. Die eigentliche „Begrüßung“ kam eine Stunde später, als ich in meinem Zimmer vor dem halbblinden Spiegel stand und dabei war, mir die drahtigen Stoppeln von Wangen und Kinn zu schaben. Der Sonnenuntergang flammte in dem zur Straße gewandten Fenster. Ich hatte mich gewaschen und ein wenig auf dem Bett ausgeruht. Die Stagecoach war längst fort, und in der Stadt war es noch so still, als hielten alle Siesta. Das Knarren der Tür gegenüber war nicht zu überhören, aber ich dachte mir nichts dabei.

Ich war ja noch nicht lange genug hier, um mir neue Freunde oder Feinde zugelegt zu haben. Glaubte ich. Bis im nächsten Moment meine Zimmertür aufflog und ich außer meinem noch zur Hälfte mit Rasierschaum bedeckten Gesicht die blonde Lady von zuvor im Spiegel sah. Sie hatte ihre Meinung offenbar geändert und fand mich nicht mehr zum Davonlaufen. Nur war das kein Grund zum Aufatmen für mich. Ich schnitt mir fast die Nase weg, als ich das Monstrum von Schießeisen in ihren hübschen Pfötchen sah.

Es war ein ausgewachsener 44er Army Colt, mit dem sie da auf meinen Rücken zielte. Sie brauchte beide Hände dafür, aber sie schien genau zu wissen, wie man mit so einem Ding auch einen Burschen mit Kleiderschrank-Schultern ruckzuck aufs Gesicht legt. Ihre Miene wirkte wie aus Kalkstein gemeißelt. Sie presste die Lippen zusammen. Ihre Augen funkelten. Eine Ader pochte heftig an ihrem schlanken Hals. Sie drückte mit der Ferse die Tür zu.

„Versuchen Sie nichts, Stedloe!“, warnte sie mit gepresster Stimme. Ich hörte ein Vibrieren heraus. „Sie würden es nicht schaffen! Ich schieße sofort!“

Vorsichtig legte ich das Rasiermesser weg, ehe ich mich ebenso vorsichtig umdrehte. Stedloe. So hieß der Kerl, den Sheriff Calloway in seinem Käfig hatte. Bis neulich war Kitty noch so was wie seine Freundin oder Partnerin gewesen. Mir dämmerte, dass sie mich für seinen Bruder hielt, von dem auch der Sheriff Verdruss erwartete. Falls er sich tatsächlich in Dryhill blicken ließ, wie sein Gefangener zuversichtlich behauptete.

„Hören Sie, Miss“, begann ich. „Erstens ist mein Name nicht Stedloe, sondern Carringo. Zweitens leg‘ ich mich nicht gern nur halb rasiert in einen frisch gezimmerten Sarg. Wie wär‘s also, wenn sie mit Ihrer Kanone zur Abwechslung mal auf die Lampe oder sonst wohin zielten, hm?“

Sie ließ sich nicht beeindrucken. Schon hatte sie meinen Coltgurt erspäht, der über dem Bettpfosten hing. Sie griff zu, schleuderte ihn in die hinterste Ecke und brachte dabei das Kunststück fertig, dass die verdammte Mündung ihres 44ers keinen Sekundenbruchteil aus der Richtung kam.

„Ich hab Sie aus dem Sheriff-Office kommen gesehen, Jim!“ Sie benutzte nun meinen vermeintlichen Vornamen. Das änderte jedoch nichts an der verzweifelten Entschlossenheit in ihrem Ton. „Sie sehen Bob zwar nicht ähnlich, aber es kommen zu selten Fremde hierher, dass Sie jemand anderer sein könnten als Bobs Bruder.“

„Auch John Morgan hat sich hierher verirrt“, gab ich zu bedenken. Vielleicht war es die Erinnerung an John, die meiner Stimme diesen harten Klang verriet.

Ein Flackern zeigte sich in ihren Augen. „Bob hat ihn ermordet!“, stieß sie hervor. „Das ist die Wahrheit, auch wenn er hundertmal das Gegenteil behauptet!“ Ihre Finger schlossen sich noch fester um die Waffe. Die Ader an ihrem hübschen Hals pulsierte heftiger. „Bleiben Sie stehen, Jim! Hören Sie auf, mir was vorzumachen! Seit Bob im Jail steckt, spricht er kaum noch von was anderem als davon, dass Sie kommen und ihn herausholen werden! Calloway hat zehn Männer der Stadt als Deputys vereidigt. Sie bewachen das Gefängnis Tag und Nacht. Aber Bob droht mit Ihnen wie mit einer Wunderwaffe.“

„Ich bin nicht Stedloe, aber ich fange an, neugierig auf ihn zu werden.“ Ich stand jetzt einen halben Yard vor der 44er-Mündung.

Kitty war so in Fahrt, dass sie meine Bemerkung überhörte. „Ich weiß, wie Bob mich jetzt hasst, aber ich werde meine Aussage nicht ändern. Auch Sie, Jim, bringen mich nicht dazu! Ich warne Sie! Wenn Sie versuchen …“

Während sie sprach, hatte ich mein Halstuch abgenommen. Ich wischte mir damit den Rasierschaum vom Gesicht. Unwillkürlich folgte ihr Blick der Bewegung. So bemerkte sie meine hochzuckende Rechte zu spät. Ein halb erstickter Aufschrei kam über ihre Lippen. Der Colt wirbelte durchs Zimmer, rutschte unters Bett. Sie prallte zurück. Bevor sie sich umdrehen und fliehen konnte, hatte ich ihren Arm gepackt. Möglich, dass mein Griff ein bisschen hart ausfiel. Ihr hübsches, junges Gesicht, dem das Milieu der Saloons und Spielhöllen noch keinen Stempel aufgedrückt hatte, zeigte wieder jenes Erschrecken wie vor einer Stunde, als sie die Saloontreppe herabgekommen war. Ich starrte sie an.

„Wenn ich nun wirklich dieser Jim wäre, vor dem Sie sich fürchten, dann hätten Sie mich nicht so nahe ‘rankommen lassen dürfen. Machen Sie diesen Fehler also nicht, wenn es tatsächlich soweit ist.“ Ich ließ sie los, ging an ihr vorbei und hob meinen Gurt mit dem Peacemaker auf.

Sie drehte sich mit. Ihr Blick verriet eine Mischung aus Unglauben, Fluchtbereitschaft und Misstrauen. „Wer … sind Sie?“

„Hab‘ ich das nicht schon gesagt? Mein Name ist Carringo. Ich war John Morgans Trailboss, als wir seine Herde nach El Paso gebracht haben. Vor vier Tagen traf die Nachricht von seinem Tod auf der Ranch ein. Da bin ich sofort losgeritten. Ich hab vor, die zehntausend Bucks, die John für die Rinder bekommen hat, seinen alten Eltern zu bringen. Bob Stedloe, den Calloway eingelocht hat, ist zwar bis jetzt nicht damit ‘rausgerückt, wo er die Beute versteckt hat, aber ohne dieses Geld sind die alten Morgans aufgeschmissen.“

Kitty schluckte, hob eine Hand an die Kehle, rote Flecken leuchteten jetzt auf ihren Wangen. Plötzlich begann sie zu schwanken. Zuerst glaubte ich, dass sie mir etwas vorspielte. Aber als ich sie dann festhielt und spürte, wie sie sich verkrampfte und an mich klammerte, war ich anderer Meinung.

„Großer Himmel! Und ich wollte … ich dachte …“ Sie schüttelte den Kopf, fing sich wieder und sah mich mit ihren graugrünen, wie Jade schimmernden Augen fest an. „Es tut mir leid, Carringo.“

So gefiel sie mir schon besser. Sehr viel besser sogar. Tief durchatmend legte sie mir die Hände auf die Schultern. Der Anflug eines Lächelns erschien auf ihrem Gesicht. Und ausgerechnet da begann jemand die Tür auf der anderen Korridorseite mit einer Faust zu bearbeiten. „Mach auf, Kitty! Himmel noch mal, ich bin‘s doch bloß – Rainford! Wenn du …“

Ich war schon bei der Tür und öffnete. Der stiernackige Whiskypanscher fuhr herum, als hätte ein Skorpion ihn in den Hosenboden gezwickt. Er starrte mich mit aufgerissenen Augen an, aschfahl, die Stirn schweißbedeckt. Er sah aus, als wäre ihm eben sein Todesurteil verkündet worden. Kitty schob sich neben mich und hakte sich wie bei einem alten Freund ein. „Was ist los, Rainford?“

Er war ein Brocken von Kerl, der es nicht nötig hatte, außer einem hübschen Saloongirl auch noch einen Rausschmeißer zu beschäftigen. Deshalb traute ich meinen Augen nicht recht, als ich sah, wie seine Hand zitterte, mit der er zur Treppe wies. „Stedloe ist da!“, krächzte er. „Er sitzt unten an einem Tisch und wartet auf dich, Kitty! Ich soll dir ausrichten, dass du von ihm zu ‘nem Drink eingeladen bist!“

 

 

3

Das Girl hatte sich kaum vom ersten Schock erholt, und nun das! Ihre Hand rutschte von meinem Arm. Ihrem Gesichtsausdruck nach zweifelte sie sekundenlang an Rainfords Verstand. Dann straffte sie sich, schob sich an ihm vorbei, schritt wie in Trance den Korridor entlang. Sie drückte die zur Faust geballte Rechte an den Halsansatz, als könnte sie so das Hämmern ihres Herzens beruhigen. Der Salooner blickte ihr mit eingezogenem Stierschädel nach.

Ich gab mir einen Ruck und folgte ihr. Jetzt wollte ich schon wissen, wer dieser Jim Stedloe war, vor dem sogar dieser Bulle Rainford kniff. Außerdem hatte ich so das Gefühl, dass Kitty Randall mich vielleicht als Rückendeckung brauchte.

Die Stufen knarrten unter meinen Stiefeln. Stedloe saß an einem Tisch in der Nähe der Theke, die Beine ausgestreckt, eine Flasche Kentucky Bourbon und zwei Gläser vor sich. Beide waren noch voll. Er hatte noch nicht mal an seinem genippt. Mein erster Eindruck war, dass da ein selten scharfer Hund Dryhill mit seinem Besuch „beehrte“. Ich war in meinem reichlich bewegten Leben schon mit allen möglichen Halsabschneidern und Revolverhelden zusammengerasselt. Ich erkannte einen Killer, wenn ich einen sah. Und dieser Hombre, der mit einem wie eingefrorenen Lächeln auf seinem Stuhl verharrte, während Kitty immer zögernder eine Stufe nach der anderen nahm, war mindestens so gefährlich wie ein ganzes Knäuel Klapperschlangen. Er war groß, hager, etwa in meinem Alter.

Sein scharfliniges Gesicht mit der leicht gebogenen Nase sah eigentlich recht gut aus. Nur der zynische Zug um seinen Mund störte. Er trug einfache Reiterkleidung. Aber kaum jemand wäre auf den Gedanken gekommen, ihn für einen Cowboy zu halten. Nicht nur, weil er sein Schießeisen in einem tief geschnallten, fettig glänzenden Holster trug. Alles an ihm, auch wenn er wie jetzt lächelte, strahlte Gefahr aus. Seine Hände waren lang und schmal, ohne Schwielen, ohne Lassonarben, wie geschaffen für den Umgang mit dem Sechsschüsser.

„Hallo, Kitty, da bist du ja!“, begrüßte er sie wie eine alte Bekannte. „Dein Drink wartet! Komm, setz dich zu mir!“

Sie stand nun am Fuß der Treppe, zögerte, kämpfte mit sich. Dann ging sie langsam durch den schmucklosen Raum auf ihn zu. Noch immer war es still in der Stadt. Die tiefstehende Sonne füllte die Saloonfenster mit flammendem Rot. Stedloes flachkroniger Hut hatte bisher seine Augen verdeckt. Ich erkannte sie, als er nur den Kopf ein wenig hob und mich anschaute. Helle, durchdringende Augen. Kalt und starr wie die eines Raubvogels. Es gab bestimmt Leute, die Mühe hatten, diesem Blick länger als eine Sekunde standzuhalten. Stedloe lachte leise.

„Wenn du den Typ dort als Beschützer mitgebracht hast, Kitty, ist er auch eingeladen. He, Mister, schnapp dir ein Glas. Der Whisky reicht auch für drei.“

Kitty hatte inzwischen den Tisch erreicht, rührte jedoch den Stuhl, den Stedloe ihr hinschob, nicht an. Ich trat an die Theke, lehnte mich gegen die Messingleiste und drehte mir schweigend einen Glimmstängel. Ich war auf keinen Verdruss mit dem Kerl aus, würde aber auch nicht kneifen, wenn er mein Verhalten als Herausforderung auslegte. Aber er hatte Wichtigeres vor. Er begnügte sich mit einem stechenden Blick, und mehr war auch nicht nötig. Jedes Greenhorn hätte die tödliche Drohung darin erkannt. Er blieb lässig sitzen, die Hände auf dem Tisch, damit nur ja klar war, wie haushoch überlegen er sich mit seinem verdammten Revolver fühlte. Aber er war kein Angeber. Sicher hatte es bis jetzt noch keiner geschafft, ihn mit dem Colt zu übertrumpfen. Ich hatte gewiss nicht den Ehrgeiz dazu.

„Geben Sie sich erst gar keine Mühe, Jim!“, stieß das Girl hervor. „Sie werden mich nicht davon abbringen, vor Gericht bei der Wahrheit zu bleiben!“

„Was ist denn los, Kindchen?“ Sein Lachen war blanker Hohn. „Du bist ja ganz durcheinander. Setz dich erst mal. Trinken wir auf unser Kennenlernen und darauf, dass wir …“

„Hören Sie auf!“ Es war wie ein Aufschrei. „Sie wissen genau, dass Sie keine Chance haben, Bob aus Calloways schwer bewachtem Jail zu holen, wenn ich nicht …“

„Wenn du dabeibleibst, dass es Mord war, Kitty, stimmt!“

Ich sah das Glitzern in seinen Augen und ahnte, dass es dem Mädchen den Rest gab. Rainford ließ sich nicht blicken. Dryhill blieb so ausgestorben wie eine Geisterstadt. Die Zigarette schmeckte mir nicht, als Stedloe mit metallischer Stimme weiterredete. „Ich kenne Bob. Er ist ein Kartenhai, und vielleicht hat er dann und wann auch mal seinem Glück ein bisschen nachgeholfen. Morgan ist auch nicht der erste, der sein Blei schlucken musste. Aber du solltest doch wissen, Kindchen, dass Bob niemals gezogen und geschossen hat, wenn es nicht ausdrücklich in Notwehr geschah!“

„Notwehr! Dieser Rancher aus der Gegend von Santa Fe hatte noch nicht mal die Hand an der Waffe, als Bob ihm die Kugel mitten ins Herz geschossen hat!“

Ich spürte einen Stich. Zum Teufel mit der Zigarette! Ich ließ sie fallen und trat die Glut mit dem Stiefelabsatz aus. Stedloe beachtete mich nicht. Er ließ Kitty nicht aus den Augen, und, verdammt noch mal, ich musste mich zusammenreißen, damit ich nicht losmarschierte und ihm dieses Teufelsgrinsen mit meinen Fäusten aus der Visage radierte. „Klar, Bob war schon immer höllisch fix mit der Kanone! Er hat sicher nicht darauf gewartet, bis dieser Morgan tatsächlich den Revolver in die Hand bekam!“

Kitty schüttelte den Kopf. Ihre Stimme klang erschöpft. „Morgan dachte gar nicht dran. Aber er hatte gemerkt, dass Bob mich als Köder eingespannt hatte und dabei war, ihn in Rainfords Hinterzimmer nach Strich und Faden auszunehmen. Ich sollte dafür sorgen, dass der Rancher von Bobs faulen Tricks nichts merkte. Doch Morgan hatte kaum fünfhundert Dollar verloren, da hatte er genug und wollte aufhören. Fünfhundert waren Bob aber nicht genug. Er wusste, dass Morgan zehntausend besaß. Er war wie im Fieber, so versessen auf diesen Haufen Geld, dass er durchdrehte, als Morgan die Pokerpartie abbrach. Wir waren allein, angeblich, damit wir ungestört blieben. Bevor ich begriff, was er wollte, hatte Bob schon den Colt …“

„Aber nein, Kitty! Ich bin sicher, du hast dich getäuscht!“ Jim Stedloe beugte sich vor, starrte sie an, und obwohl ich ein ziemliches Stück entfernt stand, bemerkte ich ihr Schaudern. „Wenn du nur scharf genug nachdenkst, Kindchen, besinnst du dich bestimmt, wie es wirklich gewesen ist. Es wird nicht mal zum Prozess kommen, wenn du Calloway sagst, dass Morgan sich seine fünfhundert Bucks mit dem Revolver zurückholen wollte. Ich kenn doch diese Viehzüchter. Ich kann mir gut vorstellen, wie dieser Morgan …“

„Er war zufällig mein Boss und mein Freund!“, unterbrach ich ihn. „Überleg dir also gut, was du jetzt sagst!“

Meine Einmischung traf ihn wie ein kalter Guss. Er drehte langsam den Kopf. Seine Rechte rutschte dabei von der Tischkante. „Schau an!“ Der verkniffene Zug um seinen Mund verstärkte sich. „Und was hast du sonst noch mit der Sache zu tun, Compadre?“

„Ich bin hier, um ‘rauszufinden, wo Morgans Geld geblieben ist, nachdem dein Bruder, wie du glaubst, ihn in Notwehr erschossen hat.“

Das saß. Das verschollene Geld war ein Argument, das die Geschworenen auch ohne Kittys Zeugenaussage beeindrucken würde.

Aber dieser kaltäugige Bursche hatte sich eisern in der Gewalt. Das Grinsen erschien wieder auf seinem Gesicht. Seine Rechte hatte inzwischen den Coltknauf erreicht. Mit einer lässigen Kopfbewegung wies er auf Kitty. „Vielleicht fragst du sie mal danach. Vielleicht wissen wir dann beide, weshalb sie Bob an den Galgen bringen will.“

Kitty zuckte zusammen, als er sich plötzlich wieder ihr zu wandte. „Ich hab mich schon gewundert. Bobs vorletzter Brief war noch voller Begeisterung über dich. Na ja, zehntausend Bucks sind wirklich ein schöner Batzen. Es würde mir leid tun, wenn du Bob tatsächlich deswegen über die Klinge springen lassen möchtest. Leid für dich, Kitty-Girl.“

Die Pendeltür quietschte. Tritte stapften herein. Es war Calloway. Der Stern an seiner Kordjacke funkelte. Er hielt eine Winchester unterm Arm, blieb breitbeinig vor den ausschwingenden Türflügeln stehen und erwartete anscheinend, dass Stedloe jetzt von seinem Stuhl hochkam und „Männchen“ machte. Da kannte er Jim Stedloe aber schlecht. Der Revolvermann hatte nur einen flüchtigen Blick für ihn, dann nickte er dem Mädchen auffordernd zu.

„Also? Fang ruhig damit an, dein Gewissen zu erleichtern, Kindchen! Mach dir wegen Bob keine Sorgen. Du gefällst mir, und ich pass schon auf, dass er sich zusammenreißt, wenn der Sternträger ihn heute noch freilässt. Er ist nun mal mein Bruder, und ich hab ihm versprochen, dass ich ihn nicht im Stich lasse. Vielleicht hast du dich auch wirklich nur geirrt. Weiß der Teufel, wer sich dann die Moneten unter den Nagel gerissen hat, nachdem Bob im ersten Schreck abgehauen ist.“

Vorhin hatte er noch zugegeben, dass John Morgan nicht das erste Opfer seines Bruders war. Jetzt stellte er es so hin, als hätte Bob vor lauter Schreck über Morgans Tod sich der Verhaftung durch Calloway zu entziehen versucht Der Sheriff hatte es noch hingenommen, dass Stedloe ihm die kalte Schulter zeigte. Aber nun reichte es ihm. Mit schweren Schritten steuerte er den Tisch des Hageren an. „Sind Sie jetzt fertig, Stedloe? Dann trinken Sie Ihren Whisky, klemmen Sie sich Ihren Gaul zwischen die Beine und verschwinden Sie, bevor mir der Kragen platzt!“

Kitty war ein paar Schritte zurückgewichen. Ihr Blick flog gehetzt zwischen den beiden ungleichen Männern hin und her. Stedloe rührte sich nicht. „Heißt das, Sie weisen mich aus der Stadt, Sheriff?“, fragte er leise.

Calloway spuckte auf den sägemehlbestreuten Boden. „Sie haben es erfasst!“

„Und Sie haben kein Recht dazu, Sheriff.“ Stedloe gab sich noch immer gelassen. Aber ich wusste genau, dass Calloways Leben jetzt ohne sein Abzeichen und die zehn Deputys, die abwechselnd das Gefängnis bewachten, keinen rostigen Penny mehr wert gewesen wäre.

Calloway wusste es ebenfalls. Er bewies jedoch, dass auch ein Sternträger in einem so weltvergessenen Kaff wie Dryhill das Herz auf dem rechten Fleck haben konnte. „Sagen Sie mir nicht, was Recht und Gesetz ist, Stedloe!“, schnauzte er. „Ich hab Sie mit Ihrem Bruder sprechen lassen, Sie wissen, weshalb er vor Gericht gestellt wird, das genügt! Dryhill ist kein Pflaster für Revolverschwinger! Basta!“

„Es liegt nichts gegen mich vor, Sheriff.“

„Es wird was gegen Sie vorliegen, wenn Sie sich meinen Anweisungen widersetzen!“

„Sie fühlten sich verdammt stark, Sheriff, was?“

„Stark genug, dafür zu sorgen, dass Ihr Bruder den Strick bekommt, den er verdient!“

„Noch ist es nicht soweit, Sheriff“, meinte Stedloe mit einem Blick auf das Mädchen. „Aber meinetwegen, ich verschwinde, wenn …“

Kitty rannte plötzlich zur Tür. Ich hatte nicht den Schimmer einer Chance, sie aufzuhalten. Schon war sie draußen. Calloway stürmte ebenfalls zum Ausgang. „Kitty!“, brüllte er. „Zum Teufel, warten Sie doch! Stedloe wird nicht …“

Er fluchte und blickte sich zornig nach dem Revolvermann um. Stedloe saß wie festgeleimt auf seinem Stuhl. Er grinste nur. Calloway presste die Lippen zusammen, dann verschwand auch er. Stedloe ergriff sein Glas und prostete mir spöttisch zu. „Hoffentlich verläuft sie sich nicht.“

Meine Absätze tackerten zu seinem Tisch. Ich starrte ihm in die Augen, und weder das Glitzern darin noch seine Hand am Colt hätten mich jetzt gehindert, ihn mit einem Schlag von seinem Platz zu fegen, wenn er nochmals den Mund aufgemacht hätte. Gleich darauf verließ ich ebenfalls Rainfords Saloon. Ich fand Calloway beim Mietstall. Dort erfuhr ich auch, dass Kitty Hals über Kopf aus der Stadt fortgeritten, war, ohne Gepäck und zusätzliche Ausrüstung. Ihr Ziel war Nat Hookers einsamer Rancho.

 

 

Details

Seiten
128
Jahr
2020
ISBN (eBook)
9783738945966
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2020 (September)
Schlagworte
kittys flucht wüste
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Titel: Kittys Flucht in die Wüste