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Sheng #32: Shengs Grab im Todesfluss

2020 113 Seiten

Leseprobe

Table of Contents

Shengs Grab im Todesfluss

Copyright

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Shengs Grab im Todesfluss

Sheng 32

Western von Uwe Erichsen

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 113 Taschenbuchseiten.

 

Der mächtige Rancher Durrance verurteilt Mike Jordan zum Tode, nachdem er bereits dessen Vater als Viehdieb getötet hat. Doch der Halbindianer Jordan wird von Sheng gerettet, gemeinsam machen sie sich daran, Mikes Schwester Suzy zu befreien, die von Durrance an einen Indianerhäuptling verkauft wurde. Für die beiden Männer wird es ein Weg in tödliche Gefahr.

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

Alfred Bekker

© Roman by Author / Cover: nach einem Motiv von Meinard Dixon - Steve Mayer, 2020

© dieser Ausgabe 2020 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

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1

Die Augen in dem glatten Gesicht leuchteten wie die eines Wolfs, als der Reiter vor dem Ranchhaus aus dem Sattel eines zottigen Ponys glitt. Er warf den Zügel über die Haltestange. Seine Hände umschlossen das raue, von den Zähnen unzähliger Pferde zerbissene Holz.

„Mr. Durrance!“, rief er laut.

Der Ruf prallte gegen die Wand des Ranchhauses. Die Adern am Hals des jungen Mannes traten dick hervor.

Ganz plötzlich wurde die Tür des Ranchhauses geöffnet. Der Boden der Veranda dröhnte unter den Schritten eines wuchtigen Mannes, der vor dem Geländer stehenblieb. Er hakte die Daumen in den breiten Gürtel. An der Hüfte hing eine Halfter aus dunklem Leder, in der ein 44er Remington steckte.

„Was willst du?“, fragte Durrance. Seine Stimme klang freundlich.

„Ich will wissen, wo meine Schwester ist!“, sagte der junge Mann heiser. Emory Durrance lächelte über sein breites Gesicht, wobei sich die Augen zusammenzogen. „Ich hab sie endlich dorthin schaffen lassen, wo sie hingehört“, antwortete der Rancher belustigt.

„Wohin?“ Die Stimme des jungen Mannes klang leise, und sie zitterte.

„Ins Reservat natürlich“, antwortete Durrance und lachte dröhnend.

„In welches Reservat?“, fragte der junge Mann benommen. Vor seinen Augen verschwamm das Haus, die Gestalt des Ranchers schien zu schwanken.

„Ins Crow-Reservat. Sie ist doch eine Crow. Wie du, Mike. Du solltest auch dorthin gehen. Es wäre besser für dich.“

„Besser für mich? Besser für Suzy?“, fragte Mike Jordan. „Wir sind doch keine Indianer!“

„Die Ansichten darüber gehen auseinander“, bemerkte der Rancher gelassen. „Ein weißer Name macht noch keinen weißen Mann … und aus einer Squaw noch keine weiße Frau.“

Mike Jordan presste die Kiefer aufeinander, bis die Muskeln schmerzten. „Und mein Vater? In der Stadt sagt man, er sei tot.“

„Ja, er ist tot.“

Der Rancher betrachtete den jungen Mann, der mit gesenktem Kopf an der Haltestange stand und die sehnigen Hände auf den Balken gepresst hielt, als müsste er sich stützen, um den Halt nicht zu verlieren. Sein langes schwarzes Haar berührte fast die Schultern. Die Füße steckten in Armeestiefeln, die Schultern bedeckte eine speckig glänzende Wildlederjacke. Da hob der mittelgroße Mann den Kopf, und der Rancher erschrak vor dem wölfischen Ausdruck in den grauen Augen.

„Wer hat ihn getötet?“, fragte der junge Mann.

„Hat man es dir nicht gesagt? In der Stadt.“

„Nein! Alle haben geschwiegen!“

„Ich habe ihn getötet“, sagte der Rancher ruhig, und er lächelte dabei.

 

 

2

Sheng unterbrach die anstrengende Arbeit, als er das leichte Beben des Bodens bemerkte. Er richtete sich auf. Die Grube, die er mit seinem Messer und seinen Händen in den harten, trockenen Boden gegraben hatte, war noch nicht sehr groß, und sie war keinesfalls tief genug, um die Leichen der vier Indianer aufzunehmen und sie davor zu schützen, von Coyoten oder Präriehunden wieder ausgegraben zu werden.

Der hagere Mann blinzelte nicht, als er den Blick nach Südwesten richtete. Die Geier waren höher in den stahlblauen Himmel hinaufgestiegen, wo sie geduldig kreisten.

Nach Westen hin stieg das Land rasch an, die zackigen Kämme der Black Hills wirkten schroff und abweisend. Einzelne Gipfel türmten sich mehr als siebentausend Fuß hoch in den Himmel über der Prärie.

Ruhig erwartete der große, drahtige Halbchinese die Ankunft der Reiter. In seinem scharf geschnittenen Gesicht regte sich kein Muskel, auch dann nicht, als die Köpfe der fremden Reiter über dem Hügelrücken erschienen, ruckweise auf und ab zu tanzen schienen über dem hohen Gras, bis die breiten Schultern sichtbar wurden, die glänzende nackte Haut, die Köpfe der scheckigen Indianerponys.

Als die Reiter den einzelnen Mann am Grund der Mulde erkannten, stießen sie schrille Schreie aus. Arme fuhren in die Höhe, Speere wurden gereckt. Dumpf pochten die unbeschlagenen Hufe der Pferde auf dem ausgedörrten Boden.

Es waren acht Krieger, die in einer breiten Kette den Hang hinabjagten, auf Sheng zu, der reglos neben dem halb ausgehobenen Grab und den geschundenen Körpern der ermordeten Indianer stand.

Die Reiter trugen vollen Kriegsschmuck – ihre Gesichter waren mit grellen erdigen Farben bemalt, farbige Bänder zierten die Oberarme, und an den Spitzen der Speere flatterten bunte Bänder.

Die toten Indianer trugen keine Kriegsbemalung, und außer einem Messer mit zerbrochener Klinge waren keine Waffen zu erblicken.

Die Indianer schwärmten aus und umringten den waffenlosen Mann. Sheng sah ihnen ruhig entgegen. Seine Hände hingen locker herab. Er trug einen breitkrempigen Hut, der sein Gesicht in tiefen, schwarzen Schatten tauchte, und doch war das Funkeln seiner Augen hinter den geschlitzten Lidern deutlich zu erkennen.

Schnaubend kamen die Pferde zum Stehen. Sie bildeten einen engen Kreis um Sheng. Der Halbchinese hob den Kopf, und seine Augen tasteten das verfremdete Gesicht eines jüngeren Mannes ab, das unter einer dick aufgetragenen Schicht roter und brauner Farbe verborgen lag.

Dieser Indianer hatte langes Haar, das er zu zwei festen Zöpfen geflochten hatte. In die Zöpfe hatte er eine Schnur aus Glasperlen gewunden. Um den kräftigen Hals trug er ein zwei Zoll breites Lederband, das mit verschiedenen symbolischen Zeichen verziert war. In der kräftigen Faust hielt er einen langen Speer, unter dessen Spitze ein seidig schimmernder Biberschwanz baumelte. Vor dem Indianer, auf dem Sattelgestell, lag ein Gewehr.

Dieser Indianer, das erkannte Sheng, war der Anführer der kleinen Gruppe.

Sheng schwieg. Die Indianer mochten erwarten, dass er jetzt zu einer Erklärung ansetzte. Doch er hielt es für richtiger, die Rothäute beginnen zu lassen.

Der Krieger, den er für den Anführer hielt, lenkte sein Pferd mit einem leichten Schenkeldruck in den Kreis hinein. Der Kopf des Ponys berührte fast Shengs Stirn. Der Indianer schnalzte leicht mit der Zunge.

„Ich habe viele tote Brüder sehen müssen in der letzten Zeit“, klagte er mit schwerfälliger Aussprache. Seine klaren Augen verschwanden kurz hinter dicken Lidern. „Nie haben wir ihre Mörder gesehen.“ Er verstummte.

„Ich habe sie nicht getötet“, sagte Sheng ruhig. „Ich bin ein Wanderer ohne Waffen und ohne Pferd.“

„Wir haben viele Lügen hören müssen in der letzten Zeit: Die weißen Männer dringen in das Paha Sapa wie Heuschrecken … in unser heiliges Land.“

„Paha Sapa?“, fragte Sheng. „Heißt so euer Land?“

Der Indianer deutete mit einer Hand hinter sich, dorthin, wo sich die Kämme und Berge der Black Hills erhoben. „Es ist unser Land für immer. Auch wenn die weißen Männer kommen, um das gelbe Metall aus dem Boden zu holen. Der Große Vater hat es uns versprochen … es ist unser Land, für immer!“

„Es tut mir leid für deine Brüder“, sagte Sheng. „Ich wollte sie begraben.“

„Du wolltest sie verstecken!“, donnerte der Indianer plötzlich. Sein Pony warf den Kopf in die Höhe. Die anderen Rothäute schüttelten die Speere, so dass die Bänder flatterten.

„Schau sie dir an!“, forderte Sheng den Krieger auf. „Sie sind seit vielen Stunden tot.“

„Dann hast du sie vor vielen Stunden getötet!“

„Warum hätte ich sie töten sollen? Und wäre ich im Kampf mit ihnen ohne Wunden davongekommen?“ Sheng breitete die Arme aus. „Außerdem besitze ich keine Waffe, nur das Messer.“ Er deutete auf die Deckenrolle, die neben dem Grab lag. „Du kannst nachsehen.“

Der Anführer musterte den Halbchinesen aus engen Augen. „Ich fühle, dass du anders bist als alle Männer, denen ich bisher begegnet bin. Dennoch traue ich dir nicht. Du hast sie doch getötet!“

„Dann müsste ich die ganze Zeit über bei ihnen geblieben sein, oder? Warum hätte ich das tun sollen?“

„Ja, die Spuren zeigen es.“ Die Augen in dem grell bemalten Gesicht wurden wachsam, misstrauisch, die Hand senkte den Speer, die Spitze berührte beinahe Shengs Brust. „Du hast die Gelegenheit zur Flucht nicht benutzt.“

Sheng bewegte sich nicht. „Die Geier haben ihr Werk bereits begonnen“, sagte er.

„Schweig!“, donnerte der Indianer.

„Hätten die Geier sich bei deinen Brüdern niedergelassen, während ich hier ihr Grab aushob?“, fragte Sheng unbeirrt.

„Schweig!“, wiederholte der Indianer zornig. „Auch ich habe die Geier gesehen, und wir sind gekommen, um unsere Brüder in die heiligen Berge zu geleiten, von wo aus sie die große Reise antreten werden.“ Der Indianer sah Sheng an. Sein Gesicht wirkte ledern unter der dick aufgetragenen Farbe, und in seine Augen schlich sich ein grausamer Ausdruck. „Ihr Blut schreit nach dem Blut der Mörder!“

„Es schreit nicht nach meinem Blut“, bemerkte Sheng.

„Die Mörder haben dich zurückgelassen, damit du die geschändeten Leichen verscharrst wie Abfall!“

„Nein!“

Der Indianer bewegte den Arm, und die Spitze des Speers bohrte sich durch den Stoff von Shengs Jacke. „Fürchtest du den Arm der Rache? Fürchtest du den Tod?“

„Ich fürchte den Tod nicht“, entgegnete Sheng ruhig, doch ohne Pathos.

„Das ist gut für dich, denn du wirst sterben. Hier, neben meinen ermordeten Brüdern. Wir werden dich in die Grube legen, die du ihnen zugedacht hast.“

Sheng schüttelte den Kopf. „Ich werde nicht sterben. Jedenfalls nicht hier, und nicht jetzt!“

Der Indianer verzog den Mund, das bemalte Gesicht zerfloss zu einer Grimasse des Zorns. Dann stieß er einen Laut aus, der an das Bellen des Präriehundes erinnerte.

Dieser Schrei vermochte den Kung-Fu-Mann nicht zu erschrecken. Er heftete seinen Blick auf die nackte, fettig glänzende Schulter des Indianers, die jetzt eine schnelle Drehung beschrieb. Die Schulter sollte dem Speer die Wucht verleihen, um Shengs Brust zu durchbohren.

Der Indianer stieß zu.

Doch die Speerspitze stieß ins Leere.

Die Indianer schrien ihren Zorn und ihr Erschrecken hinaus in das einsame, weite Land.

Denn der Kung-Fu-Mann stand nicht mehr vor dem Pony ihres Anführers.

 

 

3

„Sie haben meinen Vater getötet?“, fragte Mike Jordan tonlos. „Sie. Warum?“

Die Frage klang wie eine Anklage. Mike wollte keine Antwort darauf. Es gab für ihn einfach keinen Grund, einen Mann wie Daniel Jordan zu töten. Daniel Jordan war der beste Mensch gewesen, den Mike sich vorstellen konnte.

Er spürte, wie in seinem Inneren etwas zerriss, deutlich hörte er den schrillen Laut. Die plötzliche Leere in seinem Gehirn verwischte die Umgebung.

Hüte dich vor deinem Jähzorn, hatte Daniel Jordan gesagt, bevor Mike als Scout zur Seventh Cavalry nach Fort Abraham Lincoln ging.

Hüte dich vor deinem Jähzorn! Wieso kamen ihm die Worte seines Vaters ausgerechnet jetzt in den Sinn?

Mike flankte über die Haltestange und sprang die Stufen auf die Veranda hinauf. Er prallte gegen den Rancher, bevor der seinen Remington mit dem vernickelten Rahmen aus dem Halfter brachte.

Was Mike nicht sah, waren die beiden Männer, die unvermittelt neben dem Rancher auftauchten. Sie traten so lautlos und so prompt auf die Veranda hinaus, als hätten sie mit Mike Jordans Angriff gerechnet.

Der junge Mann spürte die kräftigen Fäuste, die ihn zurückrissen. Ein schmerzhafter Hieb in die Seite presste ihm die Luft aus den Lungen, jemand entwand ihm das Messer, das er in der Faust hielt.

Wo war es hergekommen?

Benommen starrte er auf seine Hand, die das Messer gehalten hatte.

Der Jähzorn!

Er hob den Blick. Und er bemerkte den zufriedenen Ausdruck in dem breiten Gesicht des Ranchers, der jetzt breitbeinig vor ihm stand.

Mike begann zu toben. Er ließ sich fallen. Die Fäuste hielten ihn eisern fest. Er riss die Beine hoch. Der Rancher wich zurück. Einer der Kerle, die Mike festhielten, wollte ihm den Kolben eines Revolvers in den Nacken schlagen.

„Nicht, Andy“, sagte der Rancher milde.

Mike keuchte. Die Männer zwangen ihn in die Knie, jemand setzte ihm einen Fuß in den Nacken. Mike starrte nach vorn.

In dem Fenster neben der Tür bemerkte er eine Bewegung. Jemand zog die Gardine zur Seite, und in dem Spalt erkannte Mike undeutlich ein Gesicht. Blutrote Schleier schienen über das Gesicht oder über die Scheibe zu fließen, doch Mike wusste, dass es das Blut seines Gehirns war, das jähzornige Blut seiner indianischen Mutter, das seinen Blick trübte.

Und doch erkannte er das Gesicht, und es erschien ihm so lieblich und klar wie eine Verheißung in der Wildnis.

Der Druck in seinem Gehirn ließ nach. Er spürte nicht mehr die Schmerzen in den Schultern, obwohl die Männer immer noch seine Arme zurückbogen, so weit, dass Mike glaubte, die Gelenke müssten zerspringen.

Er sah nur das blasse längliche Gesicht hinter der Scheibe, die großen rehbraunen Augen, die tief in dunklen Höhlen lagen. Glattes, honigfarbenes Haar umrahmte dieses zarte Gesicht mit den wohlgeformten Lippen und der kleinen, aufwärts gerichteten Nase. Sie ist so traurig, dachte Mike, so traurig.

Ganz plötzlich fiel die Gardine wieder vor den Spalt und entzog das Gesicht seinen Blicken. Doch Mike Jordan wusste, dass es noch da war, dass die braunen Augen durch das dünne Gewebe auf ihn gerichtet blieben, und er schämte sich der entehrenden Situation, in die ihn sein Jähzorn gebracht hatte.

„Was sollen wir mit ihm machen, Boss?“, fragte der Mann an Mikes rechter Seite, den der Rancher Andy genannt hatte. Andy war ein vierschrötiger Geselle mit gemeinen Augen. Kein Cowboy, den Mike jemals getroffen hatte, sah aus wie er.

„Bringt ihn in den Stall und bindet ihn dort an. Dann … ich muss erst mit den anderen sprechen. passt auf ihn auf.“

Die Männer rissen ihn in die Höhe, und Mike ließ es geschehen. Sein Blick suchte noch einmal nach dem blassen Gesicht mit den traurigen Augen, doch hinter der Gardine bewegte sich nichts. Er hätte sie gern noch einmal gesehen, ein einziges Mal, ein letztes Mal. Denn Mike Jordan wusste, dass der Rancher ihn töten würde.

Die beiden Männer schleppten Mike in den Pferdestall, wo sie ihn in eine leere Box warfen. Dort fielen sie über ihn her.

Nachdem sie ihn zusammengeschlagen hatten, fesselten sie ihn.

 

 

4

Sheng hatte die Ärmel seiner weiten Jacke hochgezogen. Seine Arme bewegten sich wie Schlangen, als er, der Schlange gleich, deren Zeichen er auf dem linken Unterarm trug, hinter dem Pferd des Anführers aus dem Gras zu steigen schien.

Die Krieger schrien überrascht auf.

Zwei Speere zischten durch die Luft.

Beide Spitzen sausten genau auf Shengs Brust zu.

Er sah sie kommen. Die Bänder flatterten und leuchteten im Sonnenlicht. Dann zuckten die Arme des Schlangenkämpfers, kaum sichtbar für das träge Auge, und die Speere veränderten ihre Bahn, wie von einer unsichtbaren Macht berührt, sie neigten sich, und dann bohrten sich die Spitzen in den harten Boden der Prärie. Zitternd staken sie dort, so harmlos wie Fahnenstangen beim Erntedankfest.

Die Indianer, die erwartet hatten, ihren Gegner tot zu Boden sinken zu sehen, schrien erneut auf. Wieder flogen Speere heran, dieses Mal waren es vier, und gleichzeitig zwang der Anführer sein Pferd herum.

Wieder beschrieben die Hände des Kung-Fu-Mannes geheimnisvoll anmutende Kreise und Dreiecke, ineinander verschlungene Figuren. Das federnde Holz der Schäfte prallte gegen seine Unterarme, Shengs Kopf fuhr nach rechts und nach links, und die Speere flogen an seinem Körper vorbei, als seien sie nicht dazu bestimmt gewesen, ihn zu durchbohren.

Das Pony der Anführer stieß einen schrillen Laut aus, dann stieg es auf die Hinterhand. Der Anführer der Krieger erhob sich in die Luft. Sheng sah sein verzehrtes Gesicht, die grellen Farben, die weit geöffneten Augen, als der Arm mit dem Speer herabstieß wie ein Raubvogel.

Die Sonne stand hinter dem Indianer, die Faust verdeckte teilweise den glühenden Ball, und als die Hand herabstieß, war es, als explodierte ein Feuer in Shengs Augen.

Doch Sheng brauchte die Waffe nicht zu sehen, die gegen seine Brust geführt wurde. Er wusste, dass sie kam, er kannte ihren Weg, genauer, als die Augen es ihm hätten anzeigen können.

Er spürte den scharfen Luftzug, mit dem die Lanze an seinem Ohr vorbeischwirrte.

Sheng fing den Speer aus der Luft, ehe sich die metallene Spitze in den Körper des Ponys bohren konnte, das hinter dem Kung-Fu-Kämpfer stampfte. Es war ein schneller, sicherer Griff. Der lange Schaft schwang herum.

Erneut verdunkelte sich die Sonne, als der Indianer aus dem Sattel seines Pferdes schnellte. Wie ein riesiger Vogel stürzte er auf den Mann hinab, den er für den Mörder seiner Brüder hielt.

Sheng packte den Speer mit beiden Händen, und hielt ihn waagerecht vor seinen Körper. Eine glatte, elastische Stange.

Mit der Brust prallte der Indianer gegen seinen eigenen Speer. Sheng riss das Holz in die Höhe. Es schlug unter das Kinn des Kriegers, warf seinen Kopf in den Nacken und ließ ihn rücklings ins Gras stürzen. Der schwere Aufprall erschütterte den Körper des Indianers.

Die Lanze fuhr herum, der Biberschwanz stand einen Augenblick steil in der Luft, ehe sich die Spitze der Waffe senkte und den kräftigen Hals des Kriegers berührte, der sich soeben wieder aufrichten wollte.

Der Indianer erstarrte, seine Augen wurden trübe und verloren allen Glanz. Aus seinem Mund brach ein überraschtes, qualvolles Röcheln, dessen Ursache nicht der körperliche Schmerz nach dem Sturz war.

Dieser hagere Fremde mit dem dunklen Gesicht und den geheimnisvollen Augen hatte ihn besiegt.

„Ich bin nicht dein Feind“, sagte Sheng laut.

Der Kampf hatte nur wenige Sekunden gedauert. Die anderen Rothäute auf ihren unruhigen Ponys hatten noch keine Möglichkeit gehabt, die neue Lage zu erfassen und zu überdenken. Sie sahen nur ihren Anführer am Boden liegen, die Spitze seines eigenes Speers an der Kehle.

Da hob Sheng diese tödliche Waffe an. Für einen kurzen Moment fing die metallene Spitze das Sonnenlicht ein, ehe sie sich heftig in den Boden bohrte. Sheng trat zurück. Er verschränkte die Arme vor der Brust und deutete eine Verneigung an, so, wie er sich nach jedem Kampf im Kloster vom Weißen Lotus vor seinem Gegner verneigt hatte.

Nimm deinem Gegner die Kraft, die er braucht, um dich zu besiegen, hatte Li Kwan, sein weiser Lehrer, gesagt. Sheng hörte die ruhige, geduldige Stimme des alten Mannes, der in einer schrecklichen Nacht voller Gewalt gestorben war. Nur eins darfst du ihm nicht nehmen – seine Würde!

Deshalb verneigt sich jeder Kung-Fu Kämpfer vor seinem Gegner.

Der Indianer am Boden verstand diese Geste. Der Instinkt, die naturhafte Persönlichkeit dieses Mannes erfasste intuitiv, dass dieser Fremde ihn nicht hatte verletzen wollen.

Er sprang auf und stieß ein heiseres Bellen aus, das einem der anderen Krieger in Shengs Rücken galt. Sheng hatte das scharfe Schnappen eines Gewehrschlosses gehört, doch er hatte sich nicht bewegt.

Der Anführer baute sich vor Sheng auf. Der Blick der Augen klärte sich wieder.

„Wohin willst du gehen?“, fragte der Indianer.

Sheng deutete nach Nordwesten. Er verfolgte eine Spur, von der er hoffte, dass sie ihn zu seinem Vater führte. Irgendwann. Er kannte seinen Vater nicht, der lange Zeit in China gelebt und dort eine Frau geliebt hatte, die eine Nebenfrau des Kaisers gewesen war. Den Kaiser hatte sie nicht geliebt. Nur den Amerikaner. Sie hatte ihn so geliebt, dass sie das Kind, das sie von ihm erhielt, nicht töten konnte. Sie hatte es auf die Stufen des Klosters vom Weißen Lotus legen lassen …

Sheng suchte die Wurzeln seiner Existenz. Er wollte sich selbst erkennen, indem er seinen Vater kennenlernte.

„In die Badlands?“, fragte der Krieger. „Es ist ein böses Land. Ein böses Land für einen Indianer, ein böses Land für einen Mann wie dich.“

„Ich kann mir meinen Weg nicht aussuchen“, gab Sheng zurück.

Der Indianer nahm Shengs Hände, und er drehte sie nach außen, bis die blutroten Tätowierungen an den Unterarmen sichtbar wurden. Links die Schlänge, rechts der Tiger.

„Was bedeuten diese Zeichen?“, fragte der Krieger.

„Ich kämpfe wie die Schlange und wie der Tiger“, antwortete Sheng.

„Wie heißt du?“, fragte der Indianer.

„Sheng. Und du?“

„Ich bin Wanigin Yanke – der Weiße Biber, und ich bin ein Häuptling der Crows!“

Weißer Biber hob seinen Kopf, seine Augen blitzten. Stolz fuhr er fort: „Ich gehöre zu den Völkern der Sioux, denen dieses Land gehört – für immer, wie es der Große Vater in Washington versprochen hat!“

Die Stimme des roten Kriegers klang jetzt trotzig wie die eines Kindes, das ahnt, wie sehr es sich täuscht, wenn es den Worten eines anderen Menschen vertrauen möchte. „Ich und meine Männer, wir leben hier, weil wir die Paha Sapa, den Mittelpunkt der Welt, bewachen. Die Paha Sapa sind der Ort, den die Götter erwählt haben, um darin zu wohnen, der Ort, an dem sich die Geister unserer Vorfahren einfinden.“ Der Weiße Biber richtete sein Gesicht in den Himmel.

Die Schatten wurden länger. Die Begleiter des Crow-Häuptlings rückten näher zueinander. Einer von ihnen band ein kleines Holzfass los, das hinter seinem ungepolsterten Sattel befestigt war. Er zog den Stöpsel aus dem Spundloch, und dann hob er das Fass hoch über seinen Kopf. Aus dem Spundloch gluckerte eine dunkelbraune Flüssigkeit.

Der Krieger trank, und die anderen sahen ihm ungeduldig zu. Der Mann, dem etwas von der übergelaufenen Flüssigkeit über das Gesicht und die Brust gelaufen war, lachte. Dann beugte er sich herab und gab das Fass seinem Häuptling.

Der nahm es mit kräftigen Fäusten und hielt es Sheng hin.

Scharf stieg der betäubende Geruch des Alkohols in Shengs Nase, und er schüttelte den Kopf. Die Augen des Häuptlings verengten sich ärgerlich.

„Ich trinke keinen Whisky“, sagte Sheng. „Keinen Alkohol. Niemals.“

„Warum nicht?“

Sheng suchte nach einfachen Worten, die einen komplizierten Sachverhalt deutlich machen sollten.

„Alkohol ist ein mächtiger Feind“, sagte er bedächtig. „Meine Brüder und ich haben geschworen, ihn niemals zu uns zu nehmen.“

Der Weiße Biber lachte plötzlich, dann goss er sich eine gehörige Portion Feuerwasser in den weit geöffneten Mund. Er schluckte, setzte das Fass ab, gab es weiter.

„Du redest wie die weißen Missionare“, sagte er.

„Sie haben recht“, entgegnete Sheng.

„Sie trinken selbst!“

„Ich weiß es.“

„Sie reden mit gespaltener Zunge!“ Der Weiße Biber ergriff seinen Speer und riss ihn aus dem Boden. „Und wer bist du?“, fragte er dann unvermittelt. „Du bist nicht wie wir, und du bist nicht wie sie.“

„Ich bin ein Halbblut“, antwortete Sheng. „Ich bin der Sohn eines weißen Vaters und einer chinesischen Mutter.“

„Chinese? Das sind diese kleinen Männer, die wie Ameisen zu arbeiten verstehen. Ich habe sie gesehen, wenn sie die Schienen für das Feuerross durch die Berge schleppten, wenn sie Steine herbeischafften und Wasser. Ich sah sie immer nur schleppen und arbeiten. Niemals habe ich sie tanzen gesehen.“

„Sie sind aus einem sehr fernen Land gekommen, und sie arbeiten hier, weil sie das Geld für ihre Familien brauchen, die in dem fernen Land zurückgeblieben sind.“

„Warum kommen die Familien nicht dorthin, wo die Männer sind?“

„Die Reise ist weit und beschwerlich, und dieses Land ist nicht ihre Heimat. Sie wollen zurückkehren.“

„Du auch?“

Shengs Blick richtete sich in die Ferne.

Wo lag seine Heimat?

Konnte er seinem Gefühl noch vertrauen, dessen Ursprung in jenem großen Land auf der anderen Seite des Ozeans lag? Oder lag seine Heimat hier, in dem Land seines Vaters, den er nicht kannte?

„Ich kann nicht zurückkehren“, sagte Sheng wahrheitsgemäß. Die Häscher vom Geheimbund des Schwarzen Drachen suchten ihn. Sogar hier in diesem Land. Sheng bückte sich, um seine Deckenrolle aufzuheben, in der er ein Siebtel der Schriftrolle mit den Lehren des Tao Chi verwahrte, jener Schrift, die er und die überlebenden Mönche aus dem Kloster vor dem Zugriff des Schwarzen Drachen bewahren mussten.

Das war der Grund, weshalb er ruhelos durch ein fremdes Land zog. Ein Mann ohne Heimat, ein Mann ohne Zukunft, mit einer Vergangenheit, die ihn verpflichtete, sein eigenes Leben zu verleugnen.

„Jetzt lass mich meiner Wege ziehen“, sagte Sheng.

„Wir werden uns wiedersehen“, sagte Weißer Biber feierlich. „Dann werden wir die Friedenspfeife miteinander rauchen, Sheng.“ Der rote Krieger deutete auf die leblosen Gestalten seiner ermordeten Brüder. „Wenn wir ihren Tod gerächt haben.“

„Ihr wisst nicht, wer es getan hat“, gab Sheng zu bedenken. „Wenn ihr euch an anderen Menschen rächt, wird ihr Blut wiederum nach eurem Blut schreien.“

„So war es immer, und so wird es immer sein“, antwortete der junge Häuptling gemessen, während die anderen Krieger unter dem Einfluss des genossenen Whiskys zu kichern anfingen. Dann fuhr er lächelnd fort: „Vielleicht weiß ich, wer es war. Es sind die weißen Diebe, die in unsere heiligen Berge eindringen und die Erde durchwühlen. Nach Gold …“

Der Häuptling verstummte. Seine Augen begannen begehrlich zu funkeln. Seine Würde bröckelte jetzt rasch. Er fürchtete, um seinen Anteil an dem Whiskyfass gebracht zu werden, deshalb wollte er Sheng so schnell wie möglich loswerden.

Er deutete nach Nordwesten. „Du darfst die Paha Sapa durchqueren, weil du keiner von ihnen bist. Dann erreichst du vielleicht noch vor Sonnenuntergang den Fluss.“

„Den Cheyenne River?“, fragte Sheng.

„Die Weißen nennen ihn so. Bei uns heißt er anders.“ Wieder verstummte Weißer Biber.

„Wie nennt ihr ihn?“

„Den Todesfluss“, antwortete der Indianer würdevoll.

 

 

5

Es war ein liebliches Bild, das sich dem Auge des Beschauers darbot.

Pappelgehölze und dichte Wermutbüsche säumten die Ufer des Flusses, der sich in einer weiten Schleife behäbig durch das flache Tal wand. Sein ruhig dahinfließendes Wasser spiegelte das blasse Blau des Himmels, während schon die Schatten des scheidenden Tages gegen das letzte Licht der Abendsonne andrangen.

Sheng ließ sich am Hang des Südufers nieder. Das Gras war hier weich, der Boden trocken, und am Fuß des Hügels gab es eine flache Rinne, in der er während der Nacht Schutz finden konnte vor den kühlen Winden, die aus den Black Hills herabstrichen, aus den Paha Sapa, wie die Indianer sie nannten.

Sheng nahm das friedliche Bild in sich auf, das ihn lebhaft an eine Flusslandschaft erinnerte, die er während seiner Wanderungen durch China mehrmals gesehen hatte, und plötzlich empfand er den beinahe schmerzhaften Wunsch, dieses Tal wiederzusehen.

Er konnte seinen Blick nicht von dem glitzernden Band des Flusses lösen, der jetzt rasch seine Farben veränderte. Das Blau des Himmels machte einem fahlen Grau Platz, und das Wasser nahm die hellgrüne und zartgelbe Färbung der Ufervegetation an. Ein Wapiti-Hirsch drängte sich durch die pastellfarbenen Wermutbüsche nicht weit vom Standort des reglosen Zuschauers entfernt. Der Wapiti hob witternd den Kopf. Das Tier konnte den stillen, andächtigen Beobachter nicht sehen, und es konnte ihn auch nicht wittern, und doch warf der Hirsch plötzlich den schönen Kopf mit dem stattlichen Geweih in die Höhe, und wie ein Schemen verschwand er wieder im dichten Unterholz. Sheng hörte noch das Knacken der Zweige, als ein anderes Geräusch an sein Ohr drang.

Gesang schallte über den Fluss. Es waren zarte Töne, wie er sie selten gehört hatte. Helle Frauenstimmen waren darunter, auch die von Kindern. Melodien wie die, die jetzt über den Fluss wehten, hatte Sheng hier und da durch die geöffnete Tür einer Kirche gehört, oder in einer Wagenburg, wenn Siedler auf ihrem Weg in den Westen eine längere Rast einlegten und einen Gottesdienst abhielten.

Es waren fromme Gesänge, wie Sheng verwundert feststellte, die in einem gedämpften Halleluja ausklangen.

Sheng blickte über den Fluss. Er vermisste den Rauch eines Lagerfeuers. Denn wer konnte schon dort drüben lagern, wenn nicht eine Gruppe Siedler? Oder war es ein Auswanderertreck? Am Rand des Indianerlandes und am Ufer eines Flusses, den die Sioux-Völker den Todesfluss nannten?

Hinter einem Pappelgehölz bemerkte er schließlich eine Bewegung. Er sah das braune und schwarze Fell der Pferde, und er erkannte die Umrisse zweier Fahrzeuge.

Angestrengt spähte er hinüber. Er erwartete, irgendwie die Konturen der hohen Planwagen zu erkennen, dieser großen Fahrzeuge, die auch Prärieschoner genannt wurden, weil sie wie Schiffe konstruiert waren, mit hochgezogenem Bug und Heck, damit man mit diesen Wagen mühelos auch hochgehende Flüsse durchqueren konnte.

Doch dort drüben standen keine Planwagen, wie sie von Siedlern auf ihren Trecks nach Westen verwendet wurden. Dort drüben standen zwei leichte Farmwagen.

In diesem Moment, als die Szene hinter dem Pappelgehölz-Konturen für den Beobachter annahm, schob sich ein Mann durch das lichte Gehölz, das den Raum zwischen den Pappeln einnahm. Der Mann trug einen Eimer, den er im Fluss mit Wasser füllte. Als er zurückging und erneut das Gestrüpp mit seinen Armen und seinem Körper teilte, nahm Sheng das ganze Bild in sich auf.

Die beiden Wagen standen einander gegenüber. Auf der Ladefläche des einen lagen und hockten mehrere Kinder verschiedenen Alters. Hinter ihnen saßen etwas erhöht, offenbar auf einem Brett, das über Kisten gelegt worden war, mehrere Frauen. Die Frauen trugen streng wirkende hochgeschlossene Kleider und schwarze Hauben, die mit breiten Bändern unter dem Kinn festgehalten wurden.

Sie saßen dort wie Zuschauer, die auf den Beginn einer Vorstellung warteten. Ihre Blicke waren auf die Ladefläche des anderen Wagens gerichtet. Der Wagen stand unter dem knorrigen Geäst einer Flussweide. Zwei Pferde verharrten reglos im Geschirr.

Sheng hatte die Gestalt eines jungen Mannes in einer verschossenen, speckigen Lederjacke erkannt, der aufrecht auf der Ladefläche des Wagens stand. Sheng hatte das verzerrte Gesicht gesehen und die Hände, die vor dem Bauch dieses Jungen zusammengebunden waren.

Und er hatte den Strick gesehen, der von dem kräftigen Ast der Weide herabhing und der in einer Schlinge endete. In der Schlinge steckte der Kopf des jungen Mannes.

Sheng stand auf. Geschmeidig glitt er zum Fluss hinunter, der jetzt dunkel wie ein tiefschwarzes Seidenband inmitten des verblassenden Grüns lag.

Denn noch etwas hatte Sheng gesehen, oder besser gesagt, er hatte noch jemanden gesehen. Einen Mann von wuchtiger Statur, der neben den beiden Zugpferden stand und eine Peitsche in der halb erhobenen Hand hielt.

In diesem Moment setzte der Gesang erneut ein.

 

 

6

Das Lied war dem jungen Mann vertraut, doch in diesem Augenblick hasste er es, weil es das letzte sein sollte, was er auf dieser Welt hören sollte – außer dem Peitschenhieb, der über die Rücken der Pferde klatschen würde. Dann würde er an dem Ast der alten Weide baumeln.

Warum?, hatte er den Rancher gefragt. Er hatte ihn angeschrien, und er hatte die Antwort gehört. Die Antwort eines hochmütigen, selbstgerechten Mannes.

Die Worte hallten in seinem Hirn nach.

„Du weißt es, Mike Jordan, du kennst das Gesetz! Du hast mich angegriffen, mich, Major Emory Durrance!“

Mike hatte gelacht. Er war nicht mehr bei der Armee, und auch Durrance hatte den blauen Rock längst abgelegt, auch wenn die Uniform immer noch in der Halle seines Hauses ausgestellt war wie im Schaufenster eines Schneiders.

Das Lachen hatte den ehemaligen Major zornig gemacht.

„Du bist der Sohn eines Viehdiebs!“, hatte er dann gesagt. „Menschen wie euch muss man ausrotten!“

Und die anderen hatten immer wieder genickt, während der Posse, die sie Gerichtsverhandlung nannten. Männer mit erbarmungslosen oder düsteren, gleichgültigen oder hassverzerrten Gesichtern.

Dann waren sie zum Todesfluss gefahren. Sie alle. Und sie hatten ihre Frauen und Kinder mitgenommen.

Und jetzt sangen sie das Lied. Mikes Vater hatte es ihm beigebracht. Daniel Jordan, der beste Mann, den Mike jemals kennengelernt hatte. Selbst bei der Seventh Cavalry hatte er niemanden getroffen, der wie er gewesen wäre. Nein.

Das Land verschwamm vor seinen Augen. Er hätte sich nicht als Scout anwerben lassen dürfen, aber sein Vater hatte ihm dazu geraten. Und Mike hatte es eigentlich noch nie bereut, bis heute nicht, als er zurückkehrte und das Schreckliche erfuhr, das geschehen war.

Sein Vater tot, ermordet von dem Rancher, Major Durrance.

Und seine Schwester bei den Crows … Geflohen? Oder verkauft?

Mike wandte den Kopf. Der Strick scheuerte an seinem Hals. Er war zu straff gespannt. Er würde qualvoll sterben. Es würde lange dauern. Vielleicht zehn Minuten. Er hatte Menschen hängen gesehen, bei denen es sogar fünfzehn Minuten gedauert hatte.

Er tastete die Reihe der Zuschauer auf dem anderen Wagen ab. Er suchte ein Gesicht. Ein blasses Gesicht mit großen rehbraunen Augen und spröden Lippen. Das Haar leuchtend wie gesponnenes Gold.

Sie war nicht dabei. Wer war sie? Die junge Frau, die er für Sekunden hinter dem Fenster gesehen hatte. Konnte es Julia Durrance gewesen sein, die Tochter des Ranchers?

Als er das County verlassen hatte, um dem Scout-Corps der Kavallerie beizutreten, war sie noch ein Kind gewesen, ein kleines mageres Mädchen von zwölf oder dreizehn, während er schon fast siebzehn gewesen war.

Sie musste jetzt neunzehn Jahre alt sein, vielleicht sogar schon zwanzig.

Die Schatten der Dämmerung krochen über die Gesichter, deren Münder sich öffneten und schlossen. Mike hörte den Gesang nicht mehr.

War er schon tot?

Sein Blick fiel auf den Rancher, der breit und massig neben den Pferden stand. Er hatte die Stirn gerunzelt. Die Münder der Frauen schlossen sich, ihre Gesichter nahmen einen aufmerksamen Ausdruck an. Die Kinder blickten ebenfalls gespannt, und sie verhielten sich ruhig, als ob sie fürchteten, von der Darbietung ausgeschlossen zu werden, wenn sie sich auch nur bewegten.

Emory Durrance ließ seinen Blick über die Gesichter der Frauen gleiten, dann drehte er den Kopf und suchte die Blicke der anderen Männer, die zusammen mit ihm das Gericht gebildet hatten.

„Ich glaube“, sagte Durrance plötzlich in die erwartungsvolle Stille hinein, „wir sollten die Frauen jetzt wieder nach Hause schicken.“

„Wie Sie meinen, Major“, sagte einer der Männer, die neben dem Wagen standen, auf dem der Delinquent auf seine Hinrichtung wartete.

Kein Widerspruch wurde laut. Eins der Kinder wollte protestieren und wurde sofort von seiner Mutter zurechtgewiesen.

Ein kleinerer Mann schwang sich auf den Kutschbock des Wagens mit den Frauen und Kindern. Sie hielten sich an den Händen, als der Wagen anruckte.

Die Männer holten ihre Pferde, die sie im Gehölz angebunden hatten.

„Lassen wir ihn während der Nacht hier baumeln“, sagte der Rancher. Er stieß ein kurzes Lachen aus. „Der Todesfluss senil seinen Namen behalten. Sie sollen es nicht wagen, ihn zu überschreiten.“ Der Major hob die Hand mit der Peitsche. „Andy! Bring mir mein Pferd!“

Der vierschrötige Mann brachte den prächtigen Goldschimmel mit dem Kavallerie-Sattel. Andy hielt das Pferd am Zügel fest. Das Tier stand ruhig.

„Du fährst den Wagen zurück“, sagte der Rancher.

„Ja, Boss“, sagte Andy. Er kletterte auf den Kutschbock, doch er ließ die Hände von den Zügeln.

Die anderen Männer, Rancher aus dem Meade County, ritten hinter dem Wagen her, auf dem ihre Frauen und Kinder saßen. Niemand blickte zurück, während die tiefer werdende Dämmerung sie aufsog.

Emory Durrance zog die Peitsche über die Rücken der beiden Pferde.

Der Wagen ruckte an. Andy klammerte sich am Kutschbock fest.

Mike Jordan taumelte. Dann, als der Wagen zu rollen begann, schlugen seine Füße gegen die hochgeklappte Rückwand des Farmwagens, im nächsten Moment baumelte er in der Luft. Ein letzter, röchelnder Atemzug erreichte seine Lungen.

Durrance stellte seinen Fuß in den Steigbügel. Er schwang sich in den Sattel.

Neben ihm pendelte Mike Jordan. Für einen Moment geriet das verzerrte, rot angelaufene Gesicht des jungen Mannes in sein Blickfeld, und der Rancher sah in die hervorquellenden Augen.

Er versetzte der stummen Gestalt einen heftigen Stoß, ehe er seinem Pferd die Absätze in die Flanken hieb.

 

 

7

Sheng wand sich durch den tiefen, saugenden Uferschlamm, bis der Boden unter den Pappeln fester wurde. Auf dem weichen Laub waren seine Schritte nicht zu hören.

Sheng hörte deutlich das laute Rollen der Räder und das unruhige Schnauben der Pferde, die den Tod in ihrer Nähe witterten und die, ohne dass man sie hätte anzutreiben brauchen, in einen raumgreifenden Galopp fielen.

Sheng ließ die Deckenrolle, die er hoch über seinen Kopf gehalten hatte, während er den Fluss durchschwamm, zu Boden gleiten. Sie und ihr Inhalt waren jetzt nicht wichtig.

Er rannte auf die Stelle zu, wo er die Wagen und die Menschen gesehen hatte. Es war nicht richtig, dass man Frauen und Kinder zusehen ließ, wenn ein Mensch starb, ganz gleich, was dieser Mensch verbrochen haben mochte.

Sheng lief schneller. Das Rollen der Räder entfernte sich.

War alles schon vorüber? Der Fluss hatte Sheng weit abgetrieben. Das Wasser, das so ruhig aussah, verfügte über gewaltige Kräfte.

Sheng glitt durch das Gestrüpp. Kein Zweig knackte unter seinen Füßen. Er hörte das Knarren, das die Stille zersägte, und als er aus dem Unterholz trat und den Blick nach oben richtete, sah er über sich die Gestalt eines Mannes hin und her schwingen.

Sheng zog das Messer unter seiner Jacke hervor, das für ihn keine Waffe, sondern nur einen Gebrauchsgegenstand darstellte.

Er wog es in der Hand, balancierte es aus. Er hatte das Zucken der Beine bemerkt, und er wusste, dass er schnell handeln musste, sehr schnell.

Shengs Arm beschrieb einen Halbkreis, dann schwirrte die Klinge durch die Luft.

Ihre scharfe Spitze bohrte sich in den Ast, nachdem sie durch das Seil gedrungen war und die Schneide die Hälfte der Fasern durchtrennt hatte, aus denen der Strick bestand.

Das Gewicht des hängenden Mannes ließ die übrigen Fasern reißen.

Sheng breitete die Arme aus, als der Mann herabstürzte. Geschickt fing er ihn auf. Er bettete ihn hastig auf den Boden und begann den Knoten zu lockern, der dem Todeskandidaten die Luft abschnürte.

Sheng betastete den Nacken. Der Halswirbel war nicht gebrochen. Vorsichtig legte er den Mann auf den Rücken und bog den Kopf zurück. Dann beugte er sich über den Bewusstlosen, der auf der Schwelle des Todes stand. Der Herzschlag ging schwach, von der Atmung war kaum etwas zu spüren.

Sheng setzte sich rittlings auf die Brust des Mannes, dann presste er seinen Mund auf dessen Lippen.

Rhythmisch begann er, Luft durch den geschundenen Hals in die zusammengefallenen Lungen zu pressen, immer wieder. Seine Hände berührten den Brustkorb, pumpten, suchten nach dem zaghaften Herzschlag.

Es wurde dunkel am Fluss des Todes.

 

 

8

Sheng hielt den jungen Mann während der ganzen Nacht fest in seinen Armen. Er hatte kein Feuer angezündet. Ein Feuer hätte die Indianer über den Fluss gelockt, die Jagd auf weiße Goldsucher machten. Oder das Feuer hätte die Leute angelockt, die diesen jungen Mann mit der bronzefarbenen Haut und dem blauschwarzen Haar an den Ast der Flussweide geknüpft hatten.

Sheng hatte den Mann in seine Decke gehüllt. Jetzt drangen heisere, unverständliche Laute aus dessen Mund, und Sheng wischte das helle Blut von den Lippen, das aus den Wunden innen am Hals stammte, wo der Druck des Stricks das empfindliche Fleisch zusammengepresst hatte.

„Wo bin ich?“, kam schließlich krächzend die erste verständliche Frage.

„Am Cheyenne River“, antwortete Sheng mit leiser, dunkler Stimme. Das Zittern des fremden Körpers ließ etwas nach.

„Bin ich … tot?“

„Nein.“

„Aber … was ist geschehen? Ich kann mich nicht erinnern. Ich weiß nur, dass sie mich zum Tode verurteilt haben!“

„Du lebst. Ich habe dich abgeschnitten.“ Sheng strich über die kalte Stirn. „Ich heiße Sheng. Wie heißt du?“

„Mike … Jordan.“ Mike befreite eine Hand von der Decke. Seine Finger tasteten über das Gesicht seines Retters. „Sheng? Was für ein Name! Bist du Indianer?“

„Nein. Ich bin halb Chinese, halb Weißer.“

„Und ich bin ein halber Indianer …“ Mike Jordan schwieg erschöpft. Die Luft strich pfeifend durch seinen rauen, aufgeschürften Hals. „Ich kann mich immer noch nicht erinnern … Ich stand auf dem Wagen. Mr. Durrance hielt die Peitsche …“

„Denk jetzt nicht daran. Wenn dein Verstand es will, wird die Erinnerung zurückkehren, aber sie wird nicht freundlich sein.“

„Aber ich muss mich erinnern, damit ich weiß, warum es geschah.“

Details

Seiten
113
Jahr
2020
ISBN (eBook)
9783738945959
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v938355
Schlagworte
sheng shengs grab todesfluss

Autor

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Titel: Sheng #32: Shengs Grab im Todesfluss