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Der eisige Fluch

©2020 128 Seiten

Zusammenfassung


Carringo will seinem alten Freund Bill Jarrod helfen, dessen entführte Tochter zurückzuholen. Die Verfolgung wird jedoch zu einer Tortur durch den Winter, denn Wölfe, Indianer und die Flüchtigen machen ein Vorankommen fast unmöglich. Als dann auch noch durch die einsetzende Schneeschmelze eine Eisbarriere den Weg unpassierbar macht, scheint das Todesurteil besiegelt.

Leseprobe

Table of Contents

Der eisige Fluch

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Der eisige Fluch

Western von John F. Beck

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 128 Taschenbuchseiten.

 

Carringo will seinem alten Freund Bill Jarrod helfen, dessen entführte Tochter zurückzuholen. Die Verfolgung wird jedoch zu einer Tortur durch den Winter, denn Wölfe, Indianer und die Flüchtigen machen ein Vorankommen fast unmöglich. Als dann auch noch durch die einsetzende Schneeschmelze eine Eisbarriere den Weg unpassierbar macht, scheint das Todesurteil besiegelt.

 

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

Alfred Bekker

© Roman by Author

© COVER FIRUZ ASKIN

© dieser Ausgabe 2020 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

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1

Die Wildnis ist nichts für Memmen. Sie ist hart, viel härter, als sich das ein Stadtmensch ausdenken kann. Für Bill Jarrod und mich wurde es die Hölle, als wir hinter den Burschen her gewesen sind, die Bills Tochter verschleppt hatten. Jedenfalls dachten wir, dass Nancy gegen ihren Willen mit den Denfields durch diese weiße Wüste des Winters ritt. Bald aber ging es nicht mehr nur um Nancy oder die Denfields, da steckten wir nämlich mitten im Inferno und hatten im Grunde nur eine Chance: wir mussten die Hütte am Musselshell River erreichen. Gelang uns das nicht, waren wir verloren.

Wir verließen Rockwells in einer frostklaren, von Sternengeflimmer erfüllten Nacht. Der Schnee glitzerte wie von Millionen Kristallsplittern übersät. Die Fährte, der wir folgten, war deutlich in ihm eingegraben. Eine Fährte, die uns schon bald mitten in die Hölle führen sollte. Wir, das waren mein einstiger Sattelpartner Bill Jarrod und ich, jeder in eine fellgefütterte Mackinaw-Jacke gemummt, deren Kragen wir hochgestellt hatten. Außerdem hatten wir zum Schutz gegen die eisige Kälte den Wollschal vors Kinn und den Hut tief in die Stirn gezogen. Unser Atem dampfte, und die Köpfe unserer Pferde waren wie von milchigem Rauch umhüllt. Bill hatte ein Packpferd dabei, auf dem wir Decken, Proviant, Pferdefutter, Stricke, ein Beil und für alle Fälle auch Schneeschuhe transportierten.

Der Schnee knirschte laut unter den Hufen. Sonst war nur Stille um uns. Ein Schweigen, das geradezu erdrückend wurde, als wir von einem verschneiten Hügelkamm aus die Dächer und Lichter der Stadt in der weißen Winternacht hinter uns versinken sahen.

Bill ritt immer ein paar Yards voraus. Er war von einer fiebrigen Verbissenheit erfüllt, die es unmöglich machte, ihn anzusprechen. Bill, das war nicht mehr der gutmütige, stets zu einem Scherz aufgelegte Texasboy von damals. Das war nun ein grimmiger, verzweifelter, wild entschlossener Jäger. Ein Mann, der nicht ruhen würde, bis wir das „Wild“, auf dessen Spur wir ritten, gestellt hatten.

Mehr als fünfzehn Jahre hatten wir uns nicht mehr gesehen. Dass wir uns ausgerechnet in Rockwells, diesem weltvergessenen Nest in Montana, über den Weg gelaufen waren, war reiner Zufall. Noch mehr aber war ich von der Tatsache überrascht worden, dass Bill hier den Stern trug. Sheriff Bill Jarrod … Nun ja, warum auch nicht?

Bill war inzwischen so um die fünfzig, und er war schon immer ein Bursche gewesen, der nicht nur mit Lasso und Brenneisen umzugehen verstand. Das hatte er auch damals bewiesen, als er mich unter Einsatz seines Lebens mitten aus einer Rinderstampede herausgeholt hatte. Mein Pferd war in jenen entscheidenden Minuten von einem Stierhorn durchbohrt worden, und ohne Bill wäre die Sache verflucht bitter für mich ausgegangen. Deshalb war es für uns beide selbstverständlich, dass ich ihn nicht allein auf der Spur dieser Kerle reiten ließ, die …

Aber alles der Reihe nach.

Begonnen hatte es, als ich um Mitternacht in meinem Zimmer über Wallace‘s Saloon von Schüssen geweckt wurde. Ich hatte mit Wallace noch ‘ne Partie Stud-Poker geschmissen und noch keine zehn Minuten geschlafen. Wallace, der Salooner, hatte mir auch die Story erzählt, wie mein alter Kumpel Bill zwei Tage zuvor den jungen Greg Denfield nach einer Schießerei im Saloon festgenommen und ins Jail gesteckt hatte. Vielleicht war es die Erinnerung daran, die mich wie der Blitz aus den Federn und ans Fenster trieb.

Die Scheiben waren mit Eisblumen bedeckt. So bekam ich nur verschwommen mit, was draußen los war. Aber das Ganze ging sowieso viel zu schnell, dass ich mehr als die schemenhaft vorbeifliegenden Reitergestalten gesehen hätte. Hämmernde Hufe fetzten die hartgefrorene Schneekruste auf. Dunkle Mäntel flatterten. Ein Revolver blitzte, und für den Bruchteil einer Sekunde, während gleichzeitig mit dem Knall eine heisere Stimme „Nancy!“ schrie, erkannte ich ein verkniffenes, schnurrbärtiges Gesicht. Vor allem jedoch bekam ich mit, dass der halb im Sattel gedrehte Reiter in Richtung Sheriff-Office feuerte. Dann war der Spuk schon vorbei.

Ich hatte im Aufspringen den überm Bettpfosten hängenden Coltgurt gepackt. Damit war nun nichts mehr anzufangen. Ich sauste in meine Kleidung, schlang mir den Waffengurt um die Hüften und zog die fellgefütterte Jacke an, als ich schon die Treppe hinabpolterte. Wallace zündete gerade eine Saloonlampe an. Ich verstand nicht, was er mir zurief. Ich dachte nur an den feuerspuckenden Revolver von zuvor und an den Schrei, den ich gehört hatte. Bills Stimme … Ich riss die Saloontür auf.

Die Luft war eisig. Hufgetrommel entfernte sich hinter den Häusern in Richtung zu den verschneiten Hügeln und Wäldern. Der Schnee auf den Dächern glänzte. Entlang der einzigen breiten Straße flogen Türen und Fenster auf. Rufe schwirrten durcheinander. Lichter gingen an. Mir fiel ein Stein vom Herzen, als ich die Gestalt entdeckte, die sich aus dem Schatten unter dem Vordach des Sheriff-Office löste. Bill … Er hielt einen schweren Sechsschüsser. Der Fünfzack an seiner hastig übergeworfenen Jacke blinkte. Bill war ein untersetzter, muskulöser Mann. Vereinzelte graue Strähnen durchzogen sein zerzaustes Haar. Scharfe Augen, tiefe Falten beiderseits seiner Mundwinkel und ein energisches Kinn beherrschten sein Gesicht. Es war das Gesicht eines Mannes, der zuzupacken und sich durchzusetzen verstand.

Ich lief zu ihm. Er war gerade dabei, seinen Colt nachzuladen. Überrascht sah ich, dass seine Hände zitterten. Sein mächtiger Brustkorb hob und senkte sich wie nach einem Hundert-Meter-Spurt. Er klappte die Trommel zurück, dann blickte er auf. „Denfield!“, war das erste, was er hervorstieß. So wild, so heftig, dass es wie ein Fluch klang.

Der Name beschwor in mir die Erinnerung an einen jungen, drahtigen, wildäugigen Mann herauf. Ich hatte ihn flüchtig in der Gefängniszelle gesehen, die an Bills Office angrenzte. Das war gestern gewesen, am Tage meiner Ankunft. Ich war von Miles City herübergekommen, auf der Suche nach einem weniger lauten, weniger von der Armee überlaufenen Ort, wo ich darauf warten konnte, dass es endlich taute und Frühling wurde. Klarer Fall, dass ich nun in Rockwells hängengeblieben war. Bill hatte sich riesig gefreut, ich natürlich auch, und wir hatten unser Wiedersehen ausgiebig gefeiert. Der junge Kerl im Jail hatte mich nicht weiter interessiert. Ein Gefängnis war schließlich auch in so einem abgelegenen Nest wie Rockwells nicht dazu da, um Kanarienvögel drin zu züchten. Erst vorhin im Saloon, als Wallace so nebenbei bemerkt hatte, der junge Denfield sei wohl nur Bills hübscher Tochter wegen in die Stadt gekommen, war ich hellhörig geworden. Gleichzeitig hatte ich gemerkt, dass der Name Denfield hier wie ein Schimpfwort ausgesprochen – ach was: ausgespuckt – wurde. Natürlich war mir jetzt sofort klar, dass der Vogel in Bills Käfig ausgeflogen war – und nicht von allein.

„Wie ist es passiert?“, wollte ich sofort wissen. Denn Bill war schon damals, bevor er geheiratet und ich ihn aus den Augen verloren hatte, kein Mann gewesen, den man einfach aufs Kreuz legen konnte. Sicher war das mit einer von den Gründen, dass die Bürger von Rockwells ihm den Stern angeheftet hatten. Ich konnte mir auch wirklich schlecht vorstellen, dass Bill sich mir nichts, dir nichts einen Gefangenen wegschnappen ließ.

Meine Frage traf ihn. Er hatte sich halb dem Office zugewandt. Nun ruckte sein Kopf herum. Das Brennen in seinen Augen bestürzte mich. Dann war es schon vorbei. Fahrig wischte er sich über die Stirn.

„Weiß der Henker, wie der alte Denfield da reingekommen ist!“, knurrte er. „Als ich aufgewacht und die Treppe heruntergekommen bin, war die Zelle schon offen. Zuerst hab ich gedacht, Greg hätte es irgendwie allein geschafft. Da war sein Alter plötzlich hinter mir und …

Er packte mich am Arm. „Verdammt, Carringo, ich erzähl‘s dir später! Jetzt dürfen wir keine Sekunde verlieren! Diese Hundesöhne haben Nancy dabei!“

Ich zuckte zusammen. Nancy! Jetzt verstand ich das Zittern seiner Hände von vorhin. Nancy, seine Tochter, war achtzehn, ein junges, hübsches Ding, blond, mit blauen Augen, die man nicht vergaß, wenn man sie mal gesehen hatte. Nach dem Tod ihrer Mutter war sie früh erwachsen geworden und versorgte seitdem Bills Haushalt. Ich hatte es von der ersten Stunde an mitgekriegt: Sie war sein Ein und Alles, auch wenn er, wenn sie in der Nähe war, sich poltriger gab, als er tatsächlich war. Nancy in der Gewalt zweier flüchtender Outlaws – da gab‘s auch für mich kein Zögern mehr.

„In fünf Minuten bin ich mit meinem Pferd hier, Bill!“

Er hielt noch meinen Arm fest. „Sag Harvey Maddock, er soll dir meinen Grauen mitgeben und ein Packpferd! Ich kümmere mich inzwischen um die nötige Ausrüstung, Munition und Proviant. Wahrscheinlich reiten die Halunken in die Wildcat Hills. Irgendwo da draußen haust Tom Denfield auf ‘ner halbverfallenen Ranch, wenn er nicht gerade krumme Geschäfte mit den Rothäuten macht. Die Pest an seinen Hals! Vor drei Monaten hab ich ihm und seinem nichtsnutzigen Sohn die Stadt verboten. Aber ich hätt‘ sie stattdessen längst ein für allemal aus der Gegend verjagen sollen!“

„Vielleicht lassen sie Nancy außerhalb der Stadt zurück“, versuchte ich ihn zu beschwichtigen. „Vielleicht haben sie sie nur mitgeschleppt, damit ihnen keine Kugeln nachfliegen.“

„Da kennst du die Denfields schlecht, Amigo! Diese Teufelsbrut hat es schon lange darauf abgesehen, mich fertigzumachen. Aber diesmal schnapp‘ ich sie mir! Die hetz‘ ich bis nach Alaska hinauf, wenn sie meinem Girl auch nur ein Haar krümmen!“ Wütend und verzweifelt spuckte Bill aus. Es war so kalt, dass sein Speichel als Eisklümpchen in den Schnee fiel.

War es diese Kälte, die die übrigen Stadtbewohner davon abhielt, sich an der Jagd zu beteiligen? Oder war es die Gefahr, die der Name Denfield verströmte? Jedenfalls fiel mir nun auf, dass die anderen sich offensichtlich wieder lieber in ihre warmen Stuben verdrückten, als Bill auch nur zu fragen, ob er einen von ihnen dabei haben wollte. Vielleicht hatten sie aber auch so viel Zutrauen, dass sie glaubten, Bill würde mit allem, auch mit der Entführung seiner Tochter, ohne sie fertig. Stutzig machte es mich schon. Ich musste wieder dran denken, was Wallace mir mit einem schrägen Blick angedeutet hatte. Doch jetzt blieb keine Zeit, darüber nachzugrübeln.

„Beeil dich, Carringo!“, rief Bill noch. Da war ich schon mit langen Schritten auf dem Weg zu Harvey Maddocks Mietstall.

 

 

2

Bei Tagesanbruch ließ die Kälte nach, und es begann leicht zu schneien. Die Luft war wie von weißen Punkten erfüllt, die sich nicht zu bewegen schienen. Die fichtenbestandenen, von schroffen Felsen durchbrochenen Hänge verschwammen wie hinter einem Schleier. Noch immer hatten wir die Fährte deutlich vor uns, und noch immer wurde Bill von jener fiebrigen Unruhe getrieben wie vor Stunden, als wir in das verschneite Labyrinth der Wildcat Hills eingedrungen waren. Alles, was ich bisher von ihm über die Denfields herausbekommen hatte, war, dass Tom Denfield in weitem Umkreis als Whisky- und Waffenschmuggler verschrien war. Seine Abnehmer sollten Sioux und Blackfeet-Banden sein, die sich in der rauen Bergwelt Montanas bis jetzt dem Zugriff der Armee hatten entziehen können. Wie Bill das vorbrachte, wurde mir klar, dass er selber die ganzen Jahre hindurch auf so einen Beweis gelauert hatte. Es war unübersehbare Tatsache: Mein alter Freund Bill und die Denfields waren seit Langem erbitterte Feinde. Und wenn Bills geknurrter Kommentar stimmte, dann wandelte auch Greg längst in den Fußstapfen seines schurkischen Vaters. Nun, die Verschleppung von Bills Tochter war wirklich ein so starkes Stück, dass ich nicht daran zweifelte. Ich ließ es mir zwar nicht anmerken, aber ich war kaum weniger besorgt als Bill.

Trotzdem blieb uns schließlich nichts anderes übrig, als der Pferde wegen eine Rast einzulegen. Wir verfütterten etwas von dem mitgenommenen Hafer an sie. Ich hätte außerdem gern ein Feuer angezündet und Kaffee gekocht. Doch Bill begann schon so ungeduldig von einem Fuß auf den anderen zu treten, dass ich drauf verzichtete. Mein Frühstück bestand deshalb nur aus einem Stück Schwarzbrot mit einer Scheibe kaltem Braten. Zum Glück hatte uns der Storekeeper auch eine Flasche Kentucky Bourbon eingepackt, so dass ich mich auch ohne Feuer und Kaffee ein bisschen aufwärmen konnte.

Die Flocken fielen so dünn, dass die Spur so bald nicht zugeschneit werden würde. Ich schleppte da ein ganz anderes Problem mit herum, und ich hätte es gern geklärt, bevor wir über Kurz oder Lang unweigerlich mit den Denfields zusammenrasselten. Als wir die leer geknabberten Futtersäcke wieder in den Satteltaschen verstauten, riskierte ich es.

„Wallace hat da was von ‘ner Schießerei erzählt, wegen der du den jungen Denfield eingelocht hast“, begann ich und blickte Bill dabei nicht an. „Wie war das nun eigentlich? Was hat es gegeben?“

Ich stand seitlich von ihm und bemerkte aus den Augenwinkeln, wie er sofort herumfuhr und sich versteifte. „Weshalb fragst du das?“ Sein Ton war scharf. Ein Ton, wie es ihn noch nie zwischen uns gegeben hatte. „Denkst du etwa, ich hab ihn nur eingesperrt, weil er Tom Denfields Sohn ist?“

Ich verschloss die Ledertaschen und wandte mich ihm nun ebenfalls zu. „Vergiss es, Bill. Ich hab nur so aus Neugier gefragt.“

Ein Schatten überflog sein breitflächiges Gesicht. Er schluckte. „Tut mir leid, Carringo. Ich muss zugeben, dass ich ziemlich durcheinander bin. Wenn ich mir vorstelle, dass diese Bastarde sich mit Nancy auf der Denfield-Ranch verbarrikadieren und darauf warten, dass wir anrücken …“ Er schüttelte den Kopf. „Was hat Wallace dir noch erzählt?“

„Nichts Genaues.“ Mir entging nicht, wie gespannt er mich musterte. „Er sagt, Greg Denfield hat Streit am Pokertisch gekriegt. Plötzlich sind Schüsse gefallen. Ein Frachtfahrer ist verletzt worden. Aber wer zuerst zur Waffe gegriffen hat, das hat er nicht mitbekommen.“

„Denfield war‘s, wer sonst?“, stieß Bill heftig hervor. Es kam wie aus der Pistole geschossen. Zu prompt für meinen Geschmack. Aber vielleicht irrte ich mich da. „Irgendwann musste es ja so kommen“, redete Bill heftig weiter. „Aber diesmal kann der Richter ihn nicht einfach laufenlassen. Deshalb hat der alte Denfield ihn ja auch herausgehauen, mit der Waffe in der Faust. Das wird nun beiden das Genick brechen!“

„Weißt du immer noch nicht, wie Denfield es geschafft hat, ins Jail zu gelangen?“

„Er wird‘s mir erzählen müssen!“, knurrte Bill, drehte sich seinem Grauen zu und schwang sich in den Sattel.

„Da ist noch was, Bill.“ Ich zögerte. Aber gleichzeitig wusste ich auch, dass sich so eine Gelegenheit, mit ihm zu sprechen, nicht mehr so schnell bieten würde. Stirnrunzelnd wandte er sich mir abermals zu. Ich lächelte, um meine Worte von vornherein zu entschärfen.

„Vielleicht hab ich Wallace nicht richtig verstanden, Bill. Aber er meint, Greg sei nur nach Rockwells gekommen, obwohl du ihm Stadtverbot erteilt hast, um Nancy wiederzusehen.“

Ich musste es loswerden. Ich musste sehen, wie er darauf reagierte. Sofort presste er die Lippen zusammen. Seine Mundwinkel verkniffen sich. Er starrte mich an, als wollte er gleich sein Pferd auf mich zu jagen und mich niederreiten. Dann lachte er hart.

„Irgendwann wird der Tag kommen, an dem ich Hank Wallace sein verdammtes Schandmaul stopfen muss! Jeder in Rockwells weiß, dass diese Vogelscheuche es nicht lassen kann, blöde Gerüchte in die Welt zu setzen. Und du weißt es jetzt auch!“

Mit harter Faust zog er sein Pferd herum und ritt an. Ich musste mich beeilen, dass ich in den Sattel kam und den Anschluss nicht verlor. Er blickte sich kein einziges Mal nach mir um.

Der Tag blieb so grau, wie er angefangen hatte. Bill hatte seine Winchester aus dem Scabbard gezogen und hielt sie quer vor sich. Ich folgte seinem Beispiel. Die Denfields konnten sich schließlich an zwei Fingern ausrechnen, dass sie mit ihrer jungen Gefangenen nicht allein in den Hügeln unterwegs waren. Die Vermutung, dass sie nicht erst in ihrem Schlupfwinkel einen Empfang für uns vorbereiteten, lag nahe. Doch Stunde um Stunde verging, und das Land um uns blieb wie ausgestorben. Nur dann und wann mischte sich der heisere Schrei einer Krähe aus dem Dämmergrau in das Knirschen der Hufe und das Knarren des Sattelleders.

Die Hufabdrücke vor uns füllten sich zwar langsam, doch stetig mit Schnee. Ein Grund mehr für Bill Jarrod, seinen grauen Wallach zu schnellerer Gangart anzutreiben. Der Schnee in den Senken reichte den Pferden bis knapp über die Fesseln. Es war Ende März, aber es hatte schon Winter in Montana gegeben, die bis in den Mai hinein gedauert hatten. Der entscheidende Wetterumschwung konnte schon morgen, aber auch erst in einigen Wochen eintreten. Dann würde sich diese weiße Pracht in Schlamm und Morast verwandeln, und in den Tälern der Wildcat Hills würde das Wasser an manchen Stellen mindestens hüfthoch stehen. Bis dahin würden wir jedoch längst wieder in Rockwells zurück sein, mit Bills Tochter, hoffte ich. Aber es war eine Hoffnung, die sich nicht erfüllte.

Es wurde Mittag, und es wurde Spätnachmittag. Ich fragte mich schon, ob die Denfields es etwa darauf anlegten, uns dauernd im Kreis herumzuführen, bis unsere Gäule zusammenbrachen. Da zügelte Bill sein Pferd so ruckartig zwischen doppelmannshohen, verschneiten Sträuchern, dass ich sofort wusste: Wir waren da!

Schnee stäubte von den Zweigen, als ich vorsichtig meinen Braunen neben ihn lenkte. Ich spähte in eine vom dünnen Flockenschleier verhangene Senke. Denfields Ranch! Es musste Jahre her sein, dass da unten Pferde und Rinder geweidet hatten. Die morschen, schneebedeckten Bretterbuden wirkten düster und verlassen. Verdammt, das war ein Ort, an dem ich nicht einmal begraben sein wollte! Diese armseligen, windschiefen, dem Verfall preisgegebenen Bretterkästen taugten kaum noch als Hühnerställe!

Das Dach eines Anbaus war unter der Schneelast eingestürzt. Irgendwann hatte ein Sturm eine ganze Bretterwand losgerissen. Schiefe Zaunpfosten, die weiße Kappen trugen, ragten verloren aus der Schneedecke. Bill blickte mich an, als wolle er sagen: „Vielleicht machst du dir jetzt ein Bild davon, was für Kerle das sein müssen, die sich in so einem Rattenloch einnisten!“ Es war ein Blick, in dem alle Verachtung der Welt lag. Ich schwieg, beugte mich im Sattel vor, versuchte Einzelheiten zu erkennen.

Abgrundtiefes Schweigen umfing uns. Die Hufabdrücke, nur mehr schwach sichtbar unter dem Neuschnee, liefen vor uns den Hang hinab. Bis zu den Bretterhütten gab es keinerlei Deckung. Am gegenüberliegenden Senkenrand ragten Fichten wie eine undurchdringliche Mauer auf. Kein Licht schimmerte hinter den halb zugeschneiten Fensterscheiben. Die Tür stand sperrangelweit offen.

Mein erster Gedanke war: Zu spät gekommen! Da war niemand mehr. Die Denfields hatten sich geholt, was sie brauchten, und waren mit ihrer Geisel weiter geflüchtet. Nur, um Himmels willen, wohin? Das Land bis weit über den Musselshell River im Norden war unbesiedeltes Gebiet. Asyl der letzten frei streifenden Indianertrupps, die sich in keine Reservation pressen lassen wollten. Das Land der Wölfe, Grizzlys und Berglöwen. Mein Herz pochte wild. Was waren das nur für Kerle, die ein Mädchen in diese froststarre, schweigende weiße Wildnis mitschleppten, nur damit sie ein Faustpfand gegen ihre Verfolger hatten? Verzweifelte? Skrupellose Verbrecher, die keinen Pardon verdienten?

Ich reagierte zu spät, als Bill plötzlich seinen Wallach zwischen den schwankenden Cottonwoods hervortrieb. Aber ich hätte ihn ja doch nicht halten können. Es war der Gedanke, dass die Halunken möglicherweise seine Tochter in einer der halbverfallenen Hütten zurückgelassen hatten, der ihn jede Vorsicht vergessen ließ. Rasch wischte ich den Schnee von meiner Winchester und ritt ihm nach. Während Bill auf die Wohnhütte zujagte, behielt ich die Nebengebäude im Auge.

Aber der Schuss kam nicht von da. Er krachte dort, wo wir die schützende Mauer der verschneiten Büsche verlassen hatten. Bill war mitten auf dem Hof, ich ungefähr zwanzig Yards schräg hinter ihm. Einen Tag und eine halbe Nacht hatte ich nur das Knirschen des Schnees und das Janken des Sattelleders gehört. Nun kam es mir vor, als würde eine Haubitze abgefeuert. Es war ein schwerkalibriges, weittragendes Gewehr, registrierte ich im Unterbewusstsein. Aber der Knall war noch nichts im Vergleich zu dem gewaltigen Krach, der in dem Moment folgte, als ich meinen Braunen herumwerfen und die Winchester hochstoßen wollte.

Das Innere des Ranchhauses war plötzlich wie von einem Blitz erhellt. Die Fenster zersprangen, die Tür flog aus den Angeln, Scherben und Holztrümmer sausten durch die Luft. Gleichzeitig wurde das Dach einige Zoll angehoben, ehe es mit Donnergetöse in sich zusammenstürzte. Es dauerte nur Sekunden, dann war die von Büschen und Fichten umschlossene Senke in blutrotes Geflacker getaucht.

Ich fand mich im Schnee wieder, die Winchester in den verkrampften Fäusten, nach Luft schnappend, ein Brausen in den Ohren. Ich hatte ganz instinktiv gehandelt und mich aus dem Sattel fallen lassen. Jetzt erst, als von der Wohnhütte nur mehr die verzogenen Außenwände standen und drinnen alles lichterloh brannte, kapierte ich es: Die Kugel hatte weder mir noch Bill gegolten. Die offene Tür war kein Zufall gewesen. Der Schuss hatte im Ranchhaus eine Sprengladung, womöglich ein mit Schießpulver gefülltes Fass, in die Luft geblasen.

Ich fegte hoch. Nur weg von der offenen Fläche, ehe das Gewehr dort oben wieder knallte. Der Schuppen rechts von mir war unbeschädigt. Dort konnte ich Schutz finden. Da sah ich Bill. Er hatte seinen Grauen herumgerissen. Die Flammen strahlten sein verzerrtes Gesicht von der Seite an. Sein Schal war herabgerutscht. Außerdem hatte er den Hut verloren. Sein Mund war zu einem Schrei geöffnet, der im Prasseln des Feuers und im Bersten niederbrechenden Gebälks versank. Funken und Qualm wirbelten über ihn weg. Wie besessen wollte er auf seiner Fährte zurück, dorthin, wo die Mündungsflamme zwischen den Sträuchern hervorgezuckt war.

„Deckung!“, schrie ich. „Sei nicht verrückt, Mann!“

Da blitzte und krachte es droben zwischen den Cottonwoods abermals. Bills Wallach wurde mitten im Sprung wie von einer Riesenaxt getroffen. Ich sah noch, wie das Tier vorn einknickte, wie Bill ausgehoben wurde und mit einem Fuß am Steigbügel hängen blieb. Dann schleuderte mir das nächste schmetternde Geschoss Schnee und Erdklumpen ins Gesicht. Ich warf mich herum und hetzte zur Schuppenecke. Kein Schuss folgte mir. Mein Atem dampfte, als ich gleich darauf in Deckung kauerte. Die Flocken schmolzen auf meinem glühenden Gesicht. Ich hob den Kolben der Winchester 73 an die Schulter, aber da war nirgends mehr ein Ziel.

Bills Pferd lag etwa zwanzig Schritte vor dem brennenden Haus, Bill daneben. Sein linker Fuß war unter dem schweren Körper des Tieres festgeklemmt. Das Packpferd, das am Sattel festgebunden war, spielte verrückt. Es bockte und schlug so wild mit den Hufen, dass Bill keine Wahl blieb, als das Seil mit seinem Bowiemesser zu kappen. Der Pinto raste sofort davon, als schleifte er explodierende Feuerwerkskörper am Schweif hinter sich her. Rings um Bill war der Schnee von seinen Hufen zerwühlt.

Verzweifelt versuchte Bill von seinem Grauen wegzukriechen, bekam aber den Fuß nicht frei. Beim Sturz hatte er das Gewehr verloren. Es lag außerhalb seiner Reichweite. So blieb ihm nur der Colt. Keuchend und genauso gespannt wie ich wartete er auf – ein Schwanken zwischen den schneebeladenen Sträuchern. Und genau wie mir war ihm klar, dass der nächste gezielte Schuss von dort oben ihn erwischen konnte. Wer von den Denfields da auch auf der Lauer lag, er hatte bewiesen, wie höllisch gut er mit seiner Knarre umzugehen verstand.

Ich hatte den rechten Handschuh ausgezogen. Mein Finger lag am Drücker. Jede Faser in mir war gespannt, darauf konzentriert, schneller zu sein als der Kerl, dem mein Freund Bill nun wehrlos ausgeliefert war.

„He, Jarrod!“ Beim Klang dieser wilden, heiseren Stimme duckte ich mich unwillkürlich. „Nun hast du doch erreicht, was du all die Jahre hindurch gewollt hast, du verdammter Sternträger!“, schrie der Mann. „Freu dich nur, du Bastard: Greg und ich werden das Land verlassen, für immer! Aber deine Tochter, Jarrod, wird uns begleiten! Und deshalb …“

Bill hatte herausgefunden, woher die Stimme kam. Der Colt bäumte sich krachend in seiner Faust. Er schoss, wie ich Bill noch nie schießen gesehen hatte. Er war wie rasend, blind vor Zorn. Sein Blei fetzte den Schnee von den Sträuchern auf dem Senkenrand. Für einen Moment entdeckte ich einen huschenden Schatten. Aber kein Mündungsblitz antwortete. Dann war alles wieder wie erstarrt. Nur die Flammen loderten. Das ehemalige Ranchhaus hatte sich in eine gigantische Fackel verwandelt, die die Szene schaurig beleuchtete.

Erschöpft ließ Bill den Colt sinken.

„Schnapp ihn dir, Carringo!“, rief er zu mir herüber.

Da meldete sich die fremde Stimme wieder, diesmal weiter von links, von dort, wo die Bäume begannen. „Halt dich da lieber heraus, Mister!“ Das war an meine Adresse gerichtet. „Ich habe deinen Freund Jarrod bisher nur Nancys wegen geschont. Bring mich bloß nicht dazu, dass ich‘s mir anders überlege! Das würde mir verdammt nicht schwerfallen!“

„Du Lump, du Dreckskerl!“, tobte Bill. Wieder versuchte er von dem toten Pferd wegzukommen. Er keuchte, schwitzte. Seine Hände krallten in den Schnee. „Denfield, du Schuft, wohin habt ihr Nancy gebracht? Wenn ihr sie nicht freilasst …“

„Mach dir doch nicht selber was vor, Jarrod! Du weißt genau, dass Greg sie nicht erst lange überreden musste, mitzukommen! Glaub ja nicht, ich bin begeistert davon! Ich hätt‘ auch lieber …“

„Du verlogener Hund!“ Bills Colt flog hoch. Aber es knackte nur, als er den Abzugshebel krümmte. „Verdammt, Carringo, worauf wartest du?“, brüllte er. „Schieß, Mann! Pack ihn endlich!“

Da war wieder der Schatten von vorhin. Die Mündung meiner Winchester bewegte sich mit ihm. Aber ich schoss nicht. Denfields Worte hallten noch in meinen Ohren, und gleichzeitig begriff ich, dass er inzwischen mindestens ein Dutzend Kugeln in die Senke hätte pfeffern können.

„Sei froh, dass du so billig davonkommst, Jarrod!“, drang seine Stimme wieder durch das Brausen des Feuers zu uns herab. „Du kannst dich bei deiner Tochter dafür bedanken, vorausgesetzt, dass du sie mal wiedersiehst! Aber dann, Jarrod, wird sie längst Gregs Frau sein! Daran anderen wir beide nichts mehr!“ Er lachte zornig. „Du verdammter, dickschädeliger Narr hast sie selber zu dieser Entscheidung getrieben! Du bist zu weit gegangen, als du Greg verhaftet hast! Und alles nur, weil du dich nicht damit abfinden konntest, dass dein Mädel und mein Sohn …“

„Lüge, alles Lüge! Hölle und Verdammnis, schieß endlich, Carringo, schieß!“ Ich schluckte. So hatte ich Bill noch nie erlebt. Seine fast irre Stimme ging mir durch und durch. Mehr noch als die Neuigkeiten, die ich da von Denfield gehört hatte. Meine Gedanken wirbelten. Alles, was ich bis jetzt genau begriff, war, dass Tom Denfield den Sheriff von Rockwells mindestens ebenso in die Hölle wünschte wie der ihn.

Dann wieherte droben unter den Fichten ein Pferd. Die Rückwand der brennenden Hütte stürzte im nächsten Moment ein, und der Schein des hoch auflodernden Feuers erreichte den Reiter, der sein Pferd am Waldrand zügelte. Es war eine hagere, von einem langen Kavalleriemantel umhüllte Gestalt. Tiefliegende Augen glänzten in einem knochigen, schnurrbärtigen Gesicht. Die Falten darin wirkten wie Messerschnitte. Es war dasselbe Gesicht, das ich durch das vereiste Fenster im Saloonobergeschoss vorige Nacht flüchtig gesehen hatte. Denfield trug eine Fellmütze, an der eine Krähenfeder steckte. Er wusste, dass wir ihn sahen. Bevor die Lohe niedersank und die Dämmerung ihn wieder wie ein Vorhang verhüllte, winkte er höhnisch mit seinem langläufigen Gewehr. „Schluck es oder erstick dran, Jarrod! Ich werd‘ Nancy von dir grüßen!“

Er lachte krächzend. Dann hörten wir ihn zwischen den Bäumen davonjagen, halb um die Senke herum, nordwärts, tiefer in die verschneite Wildnis hinein. Ich wartete noch ein paar Sekunden, dann sprang ich auf und lief zu Bill. Sein Gesicht war aschgrau, sein Mund vor Schmerz und Anstrengung verkniffen.

„Du hättest ihn treffen können, Carringo!“, keuchte er. „Verdammt, du hättest es geschafft!“

Ich hatte einen Druck in der Kehle. Ich wusste, wenn ich jetzt nur eine Silbe über Greg und Nancy verlor, konnte es das Ende unserer Freundschaft bedeuten. „Er hätte vor allem auch dich treffen können!“, erinnerte ich ihn deshalb nur.

Ich benutzte sein und mein Gewehr als Hebel, bis er den Fuß frei hatte. Als er aufstehen wollte, sank er mit einem Fluch in den Matsch zurück. Sein Gesicht war schmerzverzerrt. „Nicht jetzt!“, wehrte er ab, als ich sofort nach seinem Bein sehen wollte. „Das Packpferd ist wichtiger!“

Ich schaute mich um. Mein Brauner stand mit schleifenden Zügeln neben einem halb zugeschneiten Zaun. Der Pinto, der unsere Habseligkeiten trug, war jedoch abgehauen. Bill hatte recht. Ohne das Tier waren wir hier draußen aufgeschmissen. Aber es konnte mit seiner Last noch nicht weit sein, und man brauchte nur seiner Spur zu folgen, um es zurückzuholen.

 

 

3

Das war leichter gesagt als getan. Es dauerte nur zehn Minuten, bis ich feststellte, dass sich die Spur des Packpferdes mit der des flüchtenden Outlaws vereinigte. Denfield hatte es mitgenommen, und das hieß, dass Bill und ich damit zufrieden sein mussten, dass wir überhaupt noch lebten. Als ich zurückkehrte, loderten die Flammen nicht mehr gar so wild. Sie hatten den ganzen Schnee auf dem Hof weggetaut. Außerdem schneite es nicht mehr. Bill saß mit dem Rücken an der Bretterwand des Schuppens, den die Flammen nicht erreicht hatten. Es dunkelte schon, aber im Zucken des Feuers erkannte ich, wie verkrampft alles an ihm war. Er stellte keine Fragen, seine Fäuste waren geballt, er atmete schwer.

„Was ist mit deinem Bein?“, fragte ich, während ich abstieg und bei ihm niederkniete.

„Unterschenkelbruch!“, knirschte er. „Verdammte Bescherung!“

Wir starrten uns an. Die Falten in seinem Gesicht wirkten wie dunkle Risse. Ein paar Schweißtropfen glänzten trotz der wieder zunehmenden Kälte auf seiner Stirn. Hastig wischte er sie weg. Das war also das Ende unserer Jagd! Nach dem, was sich in der letzten halben Stunde hier abgespielt hatte, war es vielleicht ganz gut so. Ich stand auf.

„All right, Bill“, sagte ich so ruhig wie möglich. „Ich werd‘ dein Bein schienen, eine Schleppbahre bauen, und dann sehen wir weiter.“

Ein Nicken war sein ganzer Kommentar. Nur das Mahlen seiner Kinnladen verriet, wie eisern er sich zusammenriss. Aber was für ein knochenharter Bursche Bill Jarrod wirklich war, sollte sich erst noch herausstellen. Im Schuppen fand ich eine Axt und auch die nötigen Hölzer. Nun brauchte ich nur mehr das Lasso, das an meinem Sattel hing. Ich zerschnitt es in einzelne Riemen. Die meisten davon hob ich für die Schleppbahre auf, die als nächstes drankommen würde. Das Schmelzwasser auf dem Hof begann bereits zu gefrieren, und es war nicht damit getan, dass ich Bills Bein nur möglichst fachgerecht schiente. In der Nacht würde es sicher wieder hundekalt werden. Ich wickelte deshalb eine Sackleinwand, die ich ebenfalls im Schuppen aufstöberte, als Verband darum.

Bevor ich an die Arbeit ging, besah ich mir natürlich die „Bescherung“. Bills Bein war stark geschwollen, das war alles. Sicherlich war es ein glatter Bruch. Alles, wofür ich sorgen konnte, war, dass Bill sein verletztes Bein absolut ruhig hielt. Und dann ab nach Rockwells mit ihm, damit sich der Doc seiner annahm! Bill presste die Lippen zusammen, eine Ader schwoll an seiner Stirn, als ich ihn verarztete. Doch kein Laut kam aus seiner Kehle. Die Schleppbahre war danach auch bald fertig: zwei lange, kräftige, elastische Stangen, die ich mit einem Geflecht aus Riemen und Zweigen verband. Dann spannte ich eine Decke darüber.

„Ich werde dich festbinden müssen, Bill. Aber bis Rockwells schaffen wir es schon so.“

Nie werde ich vergessen, wie er in diesem Moment zu mir empor sah. Die herabgesunkenen Flammen warfen einen matten roten Schimmer auf sein Gesicht. „Zur Hölle mit Rockwells, solange diese Höllenhunde Nancy mit durch die Wildnis schleppen!“, stieß er hervor. Er beugte sich vor. Nein, es war nicht der Widerschein des Brandes, der in seinen Augen glühte. Es war jener Hass, der sich tief in ihm eingefressen hatte. Ein Hass, den ein Mann, der den Stern trug, sich eigentlich nicht leisten durfte. „Verdammt, Carringo, du glaubst Denfield doch nicht etwa, dass das Mädel freiwillig mit ihnen geritten ist?“

„Das musst du besser wissen als ich, Bill!“, erwiderte ich achselzuckend.

„Eben!“, zischte er. „Und deshalb, Carringo, denk ich nicht im Traum daran, umzukehren!“

Ich hatte mich abwenden wollen. Nun stand ich wie versteinert. „Wir haben keine Wahl, Bill! Mit nur mehr einem Pferd, ohne Proviant und ohne …“

Ich traute meinen Augen nicht: Er hielt tatsächlich von einem Moment zum anderen seinen Colt in der Faust. Die Mündung deutete auf meine Brust. „Verdammt will ich sein, wenn ich mich ohne Nancy je wieder in Rockwells blicken lasse! Wir holen sie zurück! Auch dann, wenn …“ Er brach ab. Ich ahnte jedoch, was ihm auf der Zunge gelegen war: „Auch dann, wenn Denfield recht gehabt hat!“

Plötzlich wurde ihm bewusst, dass er mit der Waffe auf mich zielte. Betroffen ließ er sie sinken. „Nein, zum Teufel, ich bin nicht verrückt, Carringo!“, keuchte er. „Aber verstehst du denn nicht, dass ich es nicht ertrage, Nancy Tag und Nacht bei diesen verfluchten Schurken zu wissen? Wir müssen sie heraushauen, Mann! Und es muss geschehen, bevor der Schnee schmilzt und dieses ganze verdammte Land in Schlamm und Wasser versinkt! Wir beide zusammen, Carringo, schaffen es! Ich bin zäh. Du brauchst mich nur auf diese verflixte Bahre zu binden und dann los! Nur keine Rücksicht! Und zum Teufel mit dem kaputten Bein! Du weißt, dass ich schon mit ganz anderen Sachen fertig geworden bin, Amigo! Denk nur an die Stampede, mit der damals am Brazos River die Hölle aufgebrochen ist!“

Er lachte rissig. Es war ein krampfhafter Versuch, mich mitzureißen. Doch mir war nicht nach Lachen zumute. Es war das erste Mal, dass Bill mich absichtlich an die Schuld erinnerte, in der ich bei ihm stand. Eine halbe Ewigkeit war seitdem vergangen. Damals war ich ein junger Bursche gewesen. Das Grauen, das ich verspürt hatte, als mein Gaul plötzlich inmitten der durchgehenden, brüllenden, alles niederstampfenden Rinder zusammengebrochen war, würde ich jedoch nie vergessen.

Ja, zum Kuckuck, ich hätte es ohne Bill damals nicht geschafft! Aber der Mann, der da mit geschientem Bein vor mir im Schnee an der Schuppenwand hockte – war das derselbe Bill Jarrod, der am Brazos River in Texas seine Haut für mich riskiert hatte? Eine seltsame Kälte stieg in mir hoch. Meine Miene verkantete sich. Bill wich meinem Blick aus.

„Denk, was du willst!“, murmelte er rau. „Von mir aus denk auch, dass dieser verdammte Revolverschwinger Nancy tatsächlich den Kopf verdreht hat! Und wenn es so ist – dann werd‘ ich es erst recht nicht dabei bewenden lassen! Und du wirst mir dabei helfen, Carringo! Du musst! Und wenn du auch vor mir ausspuckst und mich zum Teufel wünschst, weil ich dich hundertmal dran erinnern werde, dass du eine alte Rechnung mir gegenüber zu begleichen hast!“

Da hockte er, hilflos, völlig auf mich angewiesen, und doch so voller Wildheit, Hass und Wut, dass es mir fast den Magen umdrehte. Das Ganze war verrückt, ein Alptraum, und das sagte ich ihm nun auch. Der Kragen platzte mir jetzt doch. Meine Worte prallten jedoch wie gegen einen Felsklotz, so dass ich, ehe ich richtig in Fahrt kam, wieder schwieg. Nein, so kam ich nicht weiter. Ich zwang mich zur Ruhe.

Details

Seiten
128
Jahr
2020
ISBN (eBook)
9783738945874
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2020 (September)
Schlagworte
fluch
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Titel: Der eisige Fluch