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Sheng #27: Sheng packt den Schienenwolf

2020 124 Seiten

Leseprobe

Table of Contents

Sheng packt den Schienenwolf

Copyright

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Sheng packt den Schienenwolf

Sheng 27

Western von Uwe Erichsen

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 124 Taschenbuchseiten.

 

Ein Überfall auf die Eisenbahn bringt Sheng nach Brenton, wo ihn der Eisenbahn-Direktor in Dienst nimmt. Sheng soll die Bande ausfindig machen, die immer wieder die Züge auf brutale Weise überfällt. Doch der Mann im Hintergrund, der die Desperados kommandiert, ist Mitglied des Schwarzen Drachen und will Sheng mehr als ihn nur vernichten.

 

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

Alfred Bekker

© Roman by Author / Cover: nach einem Motiv von Meinard Dixon - Steve Mayer, 2020

© dieser Ausgabe 2020 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

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1

Die fünf Banditen schoben ihre Halstücher über Mund und Nase, als sie die Lokomotive bergauf stampfen hörten. In der Schneise zwischen den Douglasfichten erschien eine fette schwarze Qualmwolke.

Die Männer nickten sich zu. Worte waren überflüssig. Jeder kannte seine Aufgabe.

Einer von ihnen zog sein tänzelndes Pferd straff am Zügel und ritt dem Zug entgegen. Unterwegs zog er die Winchester aus dem Scabbard und lud durch. Er brachte eine Distanz von rund hundert Yards zwischen sich und die anderen. Im Schatten einer Fichte hielt er an. Das Pferd stand ruhig.

Die Entfernung zum Bahngleis, das sich wie ein Strang aus Silber durch die Schneise zog, betrug keine dreißig Yards.

Nah genug, um den tödlichen Schuss anzubringen …

Der maskierte Reiter hob das Gewehr an die Schulter und nahm Ziel auf die schwarze Lokomotive mit dem rot lackierten Rinderfänger. Undeutlich tauchte der Mann im Führerstand in die verlängerte Linie von Kimme und Korn. Der Lauf der Waffe zitterte nicht. Er zog mit tödlicher Präzision mit.

Als Reiter und Lokomotive auf gleicher Höhe waren, peitschte trocken der Schuss. Der Führer der Maschine griff sich an die Kehle und sackte zusammen. Blut ergoss sich über seinen verrußten Overall.

Der Reiter schnaufte zufrieden und steckte das Gewehr in den Scabbard zurück. Er ritt los. Die Lokomotive machte kaum Fahrt. Die Steigung war zu groß, und im Stampfen der Maschine war auch der Schuss untergegangen. Der Reiter trieb sein Pferd in einen schnellen Galopp und holte die führerlose Maschine schnell ein.

Mit einem gewagten Satz aus dem Sattel erreichte er das Führerhaus. Seine Hände krallten sich um die Haltestangen. Sein Körper schlug hart gegen den Stahl, doch der Mörder hielt sich fest wie eine Klette. Im nächsten Augenblick schwang er sich ganz hinauf auf die Plattform hinter der Feuerung.

Er trat in eine sich rasch verbreiternde Blutlache, doch er kümmerte sich nicht darum. Seine Aufmerksamkeit galt einzig und allein den Armaturen. Am linken Hebel stellte man die Dampfzufuhr ab. Ein roter Handgriff diente dazu, die Notbremse zu betätigen.

Die stählernen Räder kreischten funkensprühend über die Geleise. Ein Ruck ging durch den ganzen Zug. Der Mann musste sich festhalten, um nicht zu fallen. Dann stand die Maschine.

Genau an der richtigen Stelle.

Wild schießend sprengten die anderen Banditen auf den Zug zu.

Sie kamen von zwei Seiten. Im Waggon hinter dem Tender gellten Schreie auf. Doch das Feuer wurde nicht erwidert.

Noch nicht.

Der Maskierte, der die Maschine angehalten hatte, sprang auf den Kohletender und von dort auf das Dach des Waggons. Er wusste, welche Dachplatte man abheben konnte, und er tat es.

Unter ihm lag das Innere des Waggons. Nicht alle Plätze waren besetzt. Frauen und Kinder lagen am Boden. Einige Männer rappelten sich auf, griffen zu ihren Revolvern. Ein Blondhaariger, der wie ein Spieler gekleidet war, hatte seine Waffe gezogen und zielte auf einen der heranreitenden Männer.

Zum Schießen kam er nicht mehr, denn der Mann auf dem Dach war schneller. Der Blonde taumelte, knickte in den Knien ein und sackte zusammen. Da sprang der Bandit auch schon durch die Luke. Mitten zwischen die Fahrgäste. Eine Frau schrie spitz auf. An ihre Rockschöße klammerte sich ein etwa dreijähriges Kind. Das Kind weinte.

„Alle Hände nach oben!“, übertönte der Bandit mit lauter Stimme den Lärm und das Gekreische der Frauen. „Das ist ein Überfall!“

Zur Bestätigung seiner Worte gab er zwei Schüsse in die Decke ab. Das Geschrei brach abrupt ab. Inzwischen waren auch die vier anderen Banditen heran. Jeder hielt zwei schwere Revolver in der Hand. Aus dem zweiten, fensterlosen Waggon, tönte ein gurgelnder Schrei. Der Postclerk war erschossen worden.

Die Menschen im Abteil sahen den Banditen aus schreckgeweiteten Augen an. Keiner wagte angesichts des einen Toten am Fenster und der beiden Waffen in der Hand des Banditen Widerstand zu leisten.

„Verdammt!“, bellte der Maskierte und fixierte einen fettleibigen Fahrgast. „Nimm deine Hände gefälligst ganz hoch.“

„Ich kann nicht“, wimmerte der Fahrgast. „Mein rechter Arm ist steif.“

Der Bandit grinste wölfisch unter seiner giftgrünen Maske. Der Finger am Abzug zuckte, der Mann mit dem angstbebenden Doppelkinn und dem fettigen Schweiß auf der Stirn sah fassungslos auf seine linke Hand, in die eine Kugel geschlagen war.

„Damit ihr seht, wie ernst ich es meine“, kommentierte der Bandit nur. „Und jetzt alle raus aus dem Waggon. Oder soll ich euch Beine machen?“

Ein Geschiebe und Gedränge hob an. Alles drängte auf den hinteren Ausgang zu.

„Nur keine Panik, meine Damen und Herren“, sagte der Bandit spöttisch. „Von uns wird jeder verarztet. Wir verlangen lediglich, dass ihr euch ruhig verhaltet. Und jetzt hoppla! Es steigen immer nur vier Leute aus.“

Die eingeschüchterten Fahrgäste gehorchten, während sie die Banditen immer wieder mit ängstlichen Blicken streiften.

Nur einer beteiligte sich nicht am allgemeinen Ansturm auf den Ausgang, an dem den Leuten sämtliche Wertsachen abgenommen wurden. Er hielt die Arme noch oben gestreckt und war sitzen geblieben.

Er war groß, schlank in den Hüften und breit in den Schultern. Sein Gesicht zeigte keine Empfindung, keine Angst. Er saß da, als würde ihn das alles nichts angehen. Fast schien es, als würde er verhalten lächeln, doch das konnte auch an den leicht schräggestellten Augen liegen, aus denen er den Banditen teilnahmslos musterte.

Die Blicke der beiden Männer trafen sich. Der Kerl mit dem exotisch geschnittenen Gesicht senkte seine Augen. Er hob die Schultern und ließ sie wieder fallen, als wolle er sagen, dass er nur abwarten würde, da das Gedränge ohnehin schon groß genug sei.

Der Bandit betrachtete den Mann noch genauer. Der Kopf war schmal, und der Hut mit der schmalen Krempe nahm sich darauf aus wie ein Fremdkörper. Offensichtlich war der seltsame Reisende nicht bewaffnet. Er trug weder Revolvergurt noch ein Messer. Die Beine steckten in hochhackigen, blank geputzten Stiefeln. Hose, Hemd und Weste waren von einem unauffälligen dunklen Grauton. Und trotzdem ging eine geheimnisvolle Gefahr von diesem Mann aus, die sich dem Banditen beinahe körperlich spürbar mitteilte. Automatisch ruckte die Mündung einer seiner Waffen auf den Mann, der den Kopf gesenkt hielt.

Immer mehr Fahrgäste drängten sich ins Freie, während der schlanke junge Mann mit stoischer Ruhe sitzen blieb und immer noch die Hände nach oben gestreckt hatte.

„Brauchst du eine Extraeinladung, Mister?“, fragte der Bandit. „Oder soll ich einen Zettel um die Kugel binden, die ich dir gleich in den Balg jage?“

Der Angesprochene schaute auf.

„Sie meinen mich?“

Seine Stimme war dunkel, weich und samtig. Irgendwie passte sie zu ihm. Er sprach nicht hart und akzentuiert. Beinahe klang es, als würde er das Englische singen, in einer monotonen, kaum modulierten Melodie.

Bevor der Bandit sich zu einer unbeherrschten Handlung hinreißen ließ, war der Mann schon aufgestanden. Er überragte den Eisenbahnräuber um fast einen halben Kopf. Die scheinbare Ruhe des Fremden brachte das Blut des Banditen fast zum Kochen.

Bebend vor Zorn, weil der Fremde ihn offensichtlich nicht für voll nahm, brachte er seinen Revolver in Anschlag und drückte ab.

Er wollte den Fremden töten.

Doch da, wo der Mann mit den exotischen Gesichtszügen eben noch gestanden hatte, war er nicht mehr. Die todbringende Kugel fauchte ins Leere und klatschte in die Wand.

Der Fremde war hochgefedert, als würden die Gesetze der Schwerkraft für ihn nicht gelten. Er hatte sich in die Luft erhoben wie ein Adler, und plötzlich sah der Bandit zwei breite Absätze dicht vor seinen Augen.

Dann war nichts mehr. Der zweite Schuss aus seiner Waffe krachte gleichzeitig mit der Explosion in seinem Hinterkopf.

Draußen hatte man die Schüsse gehört. Wenn der Fremde mit der sanften Stimme jetzt nicht auf der Hut war, würden diese Mörder ihn in Stücke schießen. Und er konnte sich nicht einmal wehren. Zumindest nicht mit herkömmlichen Waffen!

„Hey, Tom“, kam von draußen eine unsichere, quäkende Stimme. „Ist was passiert?“

Der Fremde antwortete nicht. Er stand schon neben dem Ausgang. Eine Hand hielt er über die Tür. Sie war flach und gestreckt. Sie erinnerte an das Fallbeil einer Guillotine. Und ihre Funktion war fast dieselbe …

Einer der Banditen kletterte in den Waggon. Die Waffen hielt er weit vorgestreckt. Sie tauchten zuerst in das Innere. Der Mann mit dem exotischen Aussehen ließ seine Hand niedersausen. Einer der schweren Revolver brach am Lauf kurz vor der Trommel ab. Schon hatte der Fremde auch die andere Hand erfasst. Eine Drehung seines sehnigen Körpers. Der Bandit hob ab, wie von einem Orkan erfasst, und wirbelte durch die Luft.

Der Fremde hatte sich fallen lassen und hebelte den Banditen mit einem seiner Füße weiter, um ihn an einem weiteren Angriff zu hindern und einen möglichst großen Abstand zwischen sich und den erbarmungslosen Desperado zu bringen.

Ohne dass der Fremde es gewollt hatte, segelte der Bandit auf eines der zerborstenen Fenster zu und schlug wie ein Stein durch das klirrende Glas, kaum dass er registriert hatte, was überhaupt mit ihm geschehen war.

Zwei Schüsse.

Der Fremde sah, dass der Körper des Banditen von den Kugeln der eigenen Komplizen, die instinktiv auf alles feuerten, was sich bewegte, noch in der Luft getroffen wurde und mit verrenkten Gliedern schwer zu Boden krachte. Eine Staubwolke stob auf.

Doch zu diesem Zeitpunkt schwang der Fremde sich schon durch die Luke auf das Dach des Waggons. An den Schüssen hatte er gehört, wo die restlichen drei Komplizen standen. Was er jetzt tun musste, hatte er nicht gewollt. Aber ihm blieb keine andere Wahl. Das Leben von Frauen und Kindern stand auf dem Spiel. Wie eine verängstigte Herde von Schafen, die zum Schlächter geführt werden sollen, warteten sie unten.

Der Fremde stieß sich ab. Gestreckt und gerade wie ein Pfeil schoss er auf jenen Banditen zu, der noch auf seinem Pferd saß. An seinem Sattelhorn baumelte ein Sack, in dem die Wertsachen der Überfallopfer gesammelt worden waren.

Die vorgestreckten Knöchel der Linken trafen den Mann an der Kehle. Der Schädel wurde von der Wucht des Aufpralls nach hinten gerissen. Der Bandit hatte die Erde noch nicht erreicht, als der Fremde sich schon abrollte und wieder aufstand.

Die zwei Banditen, die übriggeblieben waren, fanden keine Zeit, sich von ihrem Schreck zu erholen. Der Fremde bewegte sich so schnell, dass die Augen kaum folgen konnten.

Ein Fuß schnellte hoch. Er traf einen der Banditen am Kinn. Die Umstehenden schrien auf, als der Körper des Banditen in ihrer Mitte niederkrachte. Noch keine zwei Sekunden waren vergangen, seit dieser Schatten vom Dach des Waggons heruntergeschossen war.

Der letzte kampffähige Bandit staunte eine Idee zu lange. Er sah nur mehr ein dunkelgraues Bündel knapp über der Erde auf sich zufliegen, der Kopf des Fremden raste zwischen seinen Beinen hindurch, ehe er einen Schuss anbringen konnte. Die Schultern brachten ihn zu Fall. Er fiel rückwärts. Spürte, wie er aufgefangen und in die Luft geschleudert wurde. Sekunden später krachte er zu Boden. Auch der letzte der Banditen verlor sein Bewusstsein.

Der Fremde stand völlig ruhig da. Niemand sah ihm die gewaltige Anstrengung an. Lächelnd blickte er zu den Reisenden hinüber.

Eine Frau erholte sich als erste von ihrer Überraschung. Trotzdem glänzte immer noch ein Funke des Nichtverstehens in ihren Augen. Ihre Blicke strichen zwischen den drei reglos daliegenden Banditen hin und her.

„Keine Sorge“, sagte der Mann mit den leicht geschlitzten Augen. „Ihnen droht keine Gefahr mehr. Würde jemand so freundlich sein und die Männer fesseln?“ Er machte eine weit ausholende Handbewegung.

Die Frau trat aus der Reihe der Staunenden heraus. Sie streckte dem exotisch aussehenden Mann impulsiv die Hand entgegen. Sie war eine schöne Frau mit mädchenhaften Zügen. Noch nicht alt. Achtundzwanzig vielleicht.

„Ich weiß zwar nicht, wie Sie das gemacht haben, Mister. Aber ich weiß, dass ich so etwas noch nie gesehen habe. Mein Name ist Eireen Randall. Ich möchte mich bei Ihnen bedanken, Mister …“

Der Mann lächelte immer noch, und er ergriff die dargebotene Hand.

„Nennen Sie mich Sheng, Madam.“

Einen langen Moment verweilten ihre Augen ineinander. Die Frau spürte die zwingende Kraft, die von den leicht geschlitzten Augen dieses Mannes ausging und konnte ihr nicht widerstehen. Sie senkte den Blick.

„Also, Mister … Sheng?“

„Nur Sheng, Madam.“

Der Händedruck des Mannes war warm und herzlich.

Endlich brach sich auch die Freude der übrigen Fahrgäste Bahn. Der hochgewachsene Mann mit den fast blauschwarzen Haaren musste eine Unmenge von Dankbarkeitsbezeugungen über sich ergehen lassen. Schließlich hob er die Hand, und wie auf ein geheimes Kommando schwiegen alle.

„Ladies and Gentlemen. Bitte bedrängen Sie mich nicht weiter. Wenn Sie das Gefühl haben, dankbar sein zu müssen, dann danken Sie Ihrem Gott. Und vergessen Sie dabei vor allem nicht, dass dieser Überfall drei unschuldige Menschen das Leben und einen Mann die gesunde Hand gekostet hat.“

Betretenes Schweigen breitete sich aus. Doch der Mann namens Sheng sprach schon weiter: „Ich möchte Sie bitten, Disziplin zu bewahren. Wenn sich niemand findet, unsere Weiterfahrt zu organisieren, dann übernehme ich das. Vorausgesetzt, alle sind einverstanden.“

Niemand widersprach. „Ich brauche ein paar Männer, die mir helfen, die Toten und Gefangenen in den hinteren Waggon zu bringen. Einige Frauen sollen sich um den Verletzten kümmern. Auch dieser Mann hier“, er deutete auf den immer noch Bewusstlosen, „braucht Hilfe. Er lebt noch und wird bald wieder zu sich kommen. Fesselt ihn und sorgt dafür, dass er ebenfalls in den hinteren Waggon gebracht wird. Anschließend werde ich versuchen, die Maschine wieder in Gang zu bringen.“

Der hochgewachsene Mann mit den leicht asiatischen Zügen wandte sich ab. Er wollte auf den Waggon mit den Toten zugehen, als sich ein Mann mittleren Alters aus der Menge löste und auf das Pferd zurannte, an dessen Sattelhorn immer noch der Sack mit der Beute der Banditen hing. Sheng sah es. Ein paar federnde Sätze, und er stand hinter dem Mann. Schweiß perlte am feisten Nacken.

Sheng packte die Handgelenke des Mannes, der wie ein Kaufmann aus dem Osten gekleidet war, und riss ihn zu sich herum.

„Was wollen Sie hier?“, fragte Sheng scharf.

„Nun hören Sie mal!“, begehrte der Kaufmann auf, und Trotz trat auf seine Züge. „Da drin ist meine Brieftasche. Mit über tausend Dollar. Ich muss sie wiederhaben.“

„Und Sie glauben, das wäre in diesem Augenblick wichtig?“

Jedes Wort der Frage hatte wie ein Peitschenhieb geklungen, und der Kaufmann zuckte unwillkürlich zusammen. Er schluckte und nickte verstört.

„Mein ganzes Geld … Lassen Sie mich los! Sie tun mir weh!“

Sheng ließ angeekelt die schlaffen Hände des Mannes fahren. Dann nahm er den Sack und wühlte darinnen herum. Die dritte Brieftasche, die er herauszog, war die des Kaufmannes.

„Und jetzt noch meine Uhr und meinen Ring“, fieberte der und begann das Geld nachzuzählen.

Sheng fand auch die anderen Gegenstände aus dem Eigentum des Mannes. „Alles komplett?“, fragte er anschließend.

„Vielen Dank. Ich habe alles. Wirklich. Ich bin Ihnen sehr verbunden.“ Schon beim letzten Wort hatte Sheng zugegriffen. Er hob den fetten Zwei-Zentner-Koloss hoch, als wäre er aus Papier. Die kurzen Stummelbeine zappelten in der Luft. Sheng trug den geldgierigen Mann aus dem Osten zu

einem der Banditenpferde und setzte ihn in den Sattel.

„Reiten Sie schnell, Mister“, sagte er kalt. „Ich möchte Sie hier nicht länger sehen. Um die sieben Meilen nach Norden liegt eine Ortschaft. Von dort aus sehen Sie selbst, wie Sie weiterkommen.“

„Aber Mister! Das können Sie doch nicht machen! Wissen Sie nicht, wen Sie vor sich haben? Ich bin Will Emmerson aus …“

„Sie sind ein feister Egoist“, schnitt Sheng ihm das Wort ab und schlug seinen schmalkrempigen Hut auf die Hinterbacken des Pferdes. Es stürmte los. Mit einem laut kreischenden Kaufmann im Sattel, der wie ein Gummiball auf und nieder hüpfte. Sheng verfolgte, wie Pferd und Reiter zwischen den Bäumen verschwanden.

„Noch jemand, der seine Wertsachen sofort wieder haben möchte?“, fragte er in die schweigende Menge hinein.

Niemand antwortete. Sheng ließ den braunen Jutesack achtlos zu Boden gleiten. Vier Männer folgten ihm, als er auf den Waggon zuging. Ein Kind weinte stockend.

Sheng und seine drei Helfer schafften die Leichen zum hinteren Wagen, aus dessen offener Tür der Oberkörper des Postclerks hing. Die Kugel war ihm vorne in die Brust gedrungen und hatte an der Schulter ein faustgroßes Loch gerissen. Sie legten alle Toten in einer Reihe auf die Bohlen des Wageninneren aus. Wie sich herausstellte, war nur einer der Banditen mit dem Leben davongekommen.

„Versteht jemand, ein Gebet zu sprechen?“, fragte Sheng.

Die Männer schüttelten verneinend den Kopf. Da nahm Sheng seinen Hut ab und schaute eine knappe Minute lang schweigend auf die Toten hinunter. Die Männer folgten zögernd seinem Beispiel.

Dann brachten zwei weitere männliche Fahrgäste den gefesselten Banditen heran. Er war wieder bei Bewusstsein.

„Warum hängen wir ihn nicht gleich auf?“, fragte der eine, der ihn auf der rechten Seite stützte. Der Bandit war verschnürt wie ein Paket.

„Weil wir nicht seine Richter sind“, sagte Sheng sanft. „Legt ihn neben seine Komplizen.“

Der Befehl duldete keinen Widerspruch. Der Mann mit dem schwarzen wuchernden Bart im Gesicht, der den Vorschlag gemacht hatte, spuckte nur aus und fügte sich.

„Wie Sie wollen, Mister.“

Sheng stieg in den Führerstand der Lokomotive. Frauen hatten den Platz notdürftig vom Blut gereinigt. Ein Blick auf den Druckmesser zeigte ihm, dass die Maschine gerade noch genug unter Dampf stand, um die Fahrt ohne Verzögerung fortsetzen zu können. Trotzdem warf er einige Schaufeln Kohlen nach, bis die Funken aus dem hohen Schornstein stoben. Sheng hatte beim Eisenbahnbau gearbeitet. Er kannte sich mit Lokomotiven aus. Flinke Augen überflogen die wenigen Armaturen. Die Lok war einfach zu bedienen. Er fasste an den Schnurzug und ließ den Kessel pfeifen. Die Leute draußen fuhren alle zu ihm herum.

„Steigt ein!“, rief er ihnen zu. „Wir fahren weiter.“

Die Fahrgäste gehorchten wie willige Hündchen. Nur die Frau, die vorher mit ihm gesprochen hatte, folgte den anderen nicht. Sie kam geradewegs auf das Führerhaus zu.

„Darf ich zu Ihnen hinauf?“

„Ich glaube nicht, dass das der richtige Platz für eine Lady ist, Madam.“

„Darf ich trotzdem?“

Sie lächelte den Mann entwaffnend an. Sie war hübsch. Ein wenig verhärmt vielleicht. Ein bitterer Zug lag um ihre Lippen. Sie musste in ihrem Leben schon einiges durchgestanden haben. Das bewog Sheng schließlich, zustimmend zu nicken.

„Ich kann Sie nicht daran hindern.“ Er reichte ihr die Hand, um ihr beim Einsteigen behilflich zu sein,

„Eigentlich können Sie das wirklich nicht“, meinte sie und holte Luft. „Die Bahnlinie gehört nämlich meinem Vater. Jeromy Randall. Er wird sehr erfreut sein, Sie kennenzulernen. Wenn ich ihm erzähle, was Sie heute vollbracht haben, wird er mir zuerst nicht glauben, und dann wird er Sie auf der Stelle weg engagieren wollen. Leider wurden in letzter Zeit schon mehrere Züge ausgeraubt.“

„Randall? Den Namen habe ich schon gehört. Würden Sie bitte einen Augenblick zur Seite gehen?“

Die Frau drückte sich gegen den Tender, ohne darauf zu achten, dass ihr schönes, gelbes Reisekleid verschmutzt wurde. Das machte sie in den Augen Shengs noch sympathischer. Sie legte keinen übertriebenen Wert auf Äußerlichkeiten, wenn die Situation danach war.

„Ich möchte noch etwas Kohle nachschütten“, erklärte Sheng und lächelte sein unergründliches Lächeln.

„Ach so. Bitte. Machen Sie nur. Kann ich Ihnen helfen?“

Sheng schüttelte den Kopf.

„Es reicht, wenn Sie mich nicht stören.“

Er warf noch einige Schaufeln Kohle in die Feuerung und schaute dann auf den Druckmesser.

„Einen Augenblick noch“, sagte er, nahm einen schweren Hammer aus einem Drahtgestell und sprang aus dem Führerstand. „Ich muss die Bremsbacken losschlagen. Der Kerl hat die Notbremse gezogen.“

Die junge Frau schaute mit unverhohlener Bewunderung zu, wie leicht und dennoch kraftvoll der Mann mit dem Hammer umging. Jeder Schlag saß. Von der anderen Seite kletterte er wieder in den Führerstand und legte den Hammer an seinen Platz zurück.

„Wir können jetzt“, sagte er und gab dem Dampf den Weg aus dem Kessel in die Kolben frei. Zischend und fauchend wie ein Ungeheuer aus der Vorzeit setzte sich die Lokomotive in Bewegung. Langsam nahm sie Fahrt auf. Die Räder hatten nicht einmal durchgedreht, obwohl er am Berg angefahren war. Ein kleines Kunststück für einen Mann, der nicht sein halbes Leben lang hinter den Armaturen gestanden hatte.

Eireen Randall machte aus ihrer Verwunderung deshalb auch kein Geheimnis.

„Sie führen die Lokomotive, als hätten Sie nie etwas anderes getan.“

„Das war reiner Zufall“, sagte Sheng und grinste. Er musste laut sprechen, um das Stampfen der Maschine zu übertönen.

„Trotzdem: Mein Vater würde Ihnen auch einen Posten als Lokomotivführer anbieten, wenn da nicht noch etwas anderes wäre.“

„Was denn?“

„Ich meine die Art, wie Sie gekämpft haben. Ich habe noch nie etwas Ähnliches gesehen. Man konnte kaum mit den Augen folgen. Was war das?“

Sheng starrte in die Augen der Frau, doch er sah nichts als ehrliches Interesse darinnen.

Trotzdem zögerte er, bis er das Geheimnis preisgab: „Wir nennen es Kung-Fu.“

 

 

2

Jeromy Randall entpuppte sich als ein freundlicher alter Herr mit weißem Patriarchenbart und grauen Schläfen, über denen sich eine spiegelnde Glatze wölbte. Er war klein und dennoch drahtig. Das Bäuchlein konnte den Eindruck nicht verwischen, dass dieser Mann, der Sheng nicht einmal bis zu den Schultern reichte, ein Bündel geballter Energie war. Er konnte auch jetzt keine einzige Minute ruhig sitzen.

Seine Tochter Eireen hatte den Fremden einfach mit nach Hause genommen, nachdem an der Bahnstation von Brenton alle notwendigen Formulare unterschrieben und die Protokolle beim Sheriff unterzeichnet waren. Der Rest des Tages war darüber vergangen.

„Ich bin erst vor wenigen Minuten nach Hause gekommen“, sagte Jeromy Randall gerade. „Meine Tochter hat mir nur kurz erzählt, dass Sie ein Wunder vollbracht haben. Sagen Sie nichts!“, schnitt der kleine drahtige Mann Shengs Worte ab, die er hatte sagen wollen. „Keine Einwendungen. Eireen hat mir auch gesagt, dass Sie überaus bescheiden sind, dass Sie es nicht ausstehen können, wenn man Sie lobt und über Ihre Vorzüge spricht. Aber Sie werden es einem alten Mann verzeihen, wenn er seine Meinung sagt. Als ich aus der Postkutsche stieg, habe ich mir erst einen Drink in Warners Hotel genehmigt. Ich erfuhr dort schon von Ihren Heldentaten. Keine Widerrede, bitte. Lassen Sie einen alten Mann sprechen, wie es ihm ums Herz ist.“

Sheng gab es auf, eine Erwiderung anbringen zu wollen. Er ließ den Mann weiterreden, und Jeromy Randall redete mit der unaufhaltsamen Gewalt eines Wasserfalls. Mit weniger Worten ausgedrückt: Shengs Kampf mit den Bahnräubern war das absolute Tagesgespräch in Brenton, wo auch Randalls „Western Railway Company“ ihren Sitz hatte.

„Und jetzt bin ich ehrlich erfreut, Sie persönlich kennenzulernen, Mister Sheng“, schloss er, sprang aus seinem hochlehnigen Sessel auf und streckte seinem Gast impulsiv die Hand entgegen. Jeromy Randall schüttelte Shengs Rechte wild.

„Sheng?“, stockte er plötzlich. „Das kann doch nicht Ihr richtiger Name sein.“

Er ließ Shengs Hand fahren.

„Es ist mein richtiger Name.“

„Aber das klingt ja chinesisch.“

„Ist es auch.“

„Sie sehen nicht aus wie ein Chinese.“

„Das ändert nichts an meinem Namen. Ich bin in China aufgewachsen. Aber Sie haben recht. Ich bin Halbchinese.“

Jeromy Randall freute sich, dass er wenigstens zum Teil richtig getippt hatte und bohrte nicht weiter, weil er mit dem Gespür eines erfolgreichen Geschäftsmannes fühlte, dass sein Gast nicht gerne über dieses Thema sprach.

„Bleiben wir also bei Sheng?“, schlug Jeromy Randall vor.

„Es wäre mir sehr recht, Mister Randall.“

„Also, Sheng. Reden wir nicht lange um den heißen Brei herum: Meine Tochter hat Ihnen angeboten, für mich zu arbeiten. Ich wiederhole dieses Angebot.“

„Das … das kommt ein wenig überraschend.“

„Sie sehen aus, als könnten Sie sich schnell entschließen. Ich will es Ihnen noch leichter machen. Ich biete Ihnen zweihundert Dollar.“

„Im Monat?“

„Aber nein. In der Woche. Sie werden damit zum Sicherheitschef der Western Railway Company, die zu vertreten ich die Ehre habe. Sie machen mit? Wie viel Leute brauchen Sie?“

Sheng schluckte. Für ihn waren 800 Dollar im Monat schon eine fast astronomische Summe.

„Sagten Sie Sicherheitschef?“

„Meine Tochter wird es Ihnen schon erzählt haben. Die Railway Company hat Sorgen. Das heute war nicht der erste Überfall auf die Linie. Es war der achte innerhalb eines halben Jahres. Hat Eireen Ihnen erzählt, dass ihr Mann beim ersten Überfall getötet wurde? Ja, sie ist die jüngste und hübscheste Witwe von ganz Brenton.“

„Vater!“, kam es anklagend aus Eireens Ecke. Es war das erste Mal, dass sie den Monolog von Jeromy Randall unterbrach. „Jetzt wirst du geschmacklos!“

„Entschuldige, Kind. Aber ich muss Mister Sheng doch erklären, warum ich geradezu versessen auf seine Mitarbeit bin. Ist doch wahr. Ich habe schon tausende von Dollars hinausgeworfen, aber diese Banditen konnten nie gefasst werden. Nicht einen einzigen konnte man gefangennehmen, geschweige denn beseitigen. Diese Aasgeier waren bisher nicht zu fangen. Wir wissen nur, dass die Bande rund dreißig Mann stark sein muss, und dass sie nie alle zusammen agieren. Immer führt nur ein kleiner Trupp die Überfälle durch. Meine Bahnlinie ist übrigens nicht das einzige Objekt, das immer wieder heimgesucht wird. Auch Bankdirektoren klagen. Die Bande arbeitet sehr universell.“

„Und man hat keine Ahnung, wo ihr Schlupfwinkel ist?“

Randall schüttelte bedauernd den Kopf.

„Leider nein. Bisher ist noch jede Posse ergebnislos zurückgekehrt. Die Berge sind zu zerklüftet und unwegsam. Dort kann sich eine ganze Armee verstecken, und man findet sie in hundert Jahren noch nicht.“

„Und von meiner Mitarbeit versprechen Sie sich Erfolg?“

„Sie sind in einem halben Jahr der erste, der diesen Banditen eine Schlappe beigebracht hat. Diese Burschen werden das auch bald wissen. Wahrscheinlich wird man sogar versuchen, Sie auszuschalten. Ich nehme an, dass es Spitzel in der Stadt gibt. Die haben mit Sicherheit auch erfahren, was Sie heute vollbracht haben.“

„Ich könnte schnell weiterziehen.“

Jeromy Randall musterte seinen Gast. „Sie sehen nicht aus, als ob Sie vor Schwierigkeiten davonlaufen würden. Sie nehmen also an?“

Sheng lächelte.

„Man kann Ihnen schwer widersprechen, Mister Randall. Außerdem brauche ich Geld, um ehrlich zu sein. Bei meinem letzten Job hatte ich einen Dollar pro Tag.“

„Wo war das?“

„Beim Eisenbahnbau unten in Arizona.“

„Dann haben Sie sich unter Wert verkauft. Es bleibt bei meinem Angebot. Zweihundert Dollar die Woche und alle Vollmachten, die Sie brauchen. Schlagen Sie ein.“

Jeromy Randall hielt Sheng seine Rechte hin.

Sie besiegelten den Vertrag per Handschlag.

„Sie können Leute einstellen, so viele Sie brauchen. Wie viele werden es etwa sein? Ich muss die Kosten kalkulieren.“

Er schaute Sheng fragend an.

„Ich brauche niemanden“, antwortete der Mann. „Ich werde allein arbeiten.“

Der Blick Randalls wurde verständnislos.

„Jetzt habe ich doch wohl nicht richtig gehört“, meinte er. „Ist das Ihr Ernst?“

Sheng nickte. „Eine Schlange ist nichts mehr wert, wenn man ihr das Haupt abschlägt. Sie sagten ja selbst, dass große Aufgebote bisher nichts ausrichten konnten. Warum sollte ich einen alten Fehler wiederholen? Glauben Sie mir. Es ist besser, wenn ich alleine arbeite.“

„Wie wollen Sie das schaffen? Ich meine, wie wollen Sie der Schlange den Kopf alleine abhacken?“

„Das weiß ich noch nicht. Ich weiß natürlich auch nicht, ob ich es überhaupt schaffe. Ich werde eine Nacht darüber nachdenken.“

„Sie sind natürlich Gast meines Hauses. Eireen wird Ihnen Ihr Zimmer zeigen.“

„Soll ich wirklich annehmen?“

„Nun haben Sie sich doch nicht so. Natürlich nehmen Sie an. Noch einen Drink zum Abschluss?“

„Nein, danke. Ich trinke nicht.“

„Aha. Den Tatsachen immer nüchtern ins Augen sehen, wie?“

„Ja.“

„Na gut. Eireen, dann führe unseren Gast.“

Eireen Randall erhob sich aus ihrem Sessel und ging zur Tür voraus. Sie zeigte Sheng ein Zimmer im ersten Stock.

„Das hier ist es. Ich hoffe, Sie fühlen sich wohl.“

Sheng musterte den freundlich eingerichteten Raum.

„Das glaube ich ganz bestimmt.“

„Und verzeihen Sie meinem Vater. Er spricht immer sehr viel, wenn er sich freut.“

Sheng lächelte. „Das trifft sich gut. Ich schweige lieber, wenn ich mich über etwas freue.“ Er hielt die Hand der Frau einen Augenblick länger, als es schicklich gewesen wäre. Sie wurde rot und wandte sich schnell ab. Leichtfüßig rannte sie die Treppe hinab.

Der Halbamerikaner öffnete sein Bündel und nahm den siebten Teil der Schriftrolle heraus. Er legte sie hinter die Wäsche in einem Fach des Kleiderschrankes. Das Bündel verschnürte er und legte es auf den Hocker. Es enthielt seine wenigen Habseligkeiten. Er brauchte nicht viel. Er war überaus genügsam.

Prüfend drückte er die weichen Daunen des Bettes und seufzte. Das war nichts für ihn. Weiche Daunen machen weich.

Sheng rollte über dem Bettvorleger seine alte Schlafmatte aus und legte sich darauf. Schon nach Minuten war er eingeschlafen. Er träumte den Plan, nach dem er vorgehen wollte, und am nächsten Morgen teilte er ihn Jeromy Randall mit.

Der Eisenbahnmagnat war in keiner Weise davon begeistert. Erst als Sheng drohte, sein Beschäftigungsverhältnis mit sofortiger Wirkung wieder zu kündigen, sagte der alte Randall schweren Herzens seine Unterstützung zu.

„Aber ich gebe Ihnen unter diesen Umständen nur zwei Tage, um den Plan zu realisieren. Dann werde ich die Verfolgung aufnehmen.“

„Tun Sie das.“

Die Stunden danach verliefen unter fieberhaften Vorbereitungen.

 

 

3

Wie ein Lauffeuer breitete sich in Brenton die Nachricht aus, dass die Railway Company einen größeren Geldtransport hinauf nach Elko übernommen hatte, wo die Miner der Silberminen ausbezahlt werden mussten. Und was die Bevölkerung noch mehr überraschte: Randall wollte angeblich nur einen einzigen Mann und eine einzelne Lokomotive auf die gefährliche Reise schicken und zwar sein neues „Wundertier“, einen halben Chink, der es den Gerüchten nach alleine mit einer ganzen Banditen-Schwadron aufnahm. Abergläubische Seelen behaupteten schon, er wäre kugelfest. Die Bullets könnten ihm nichts anhaben.

Als die Lokomotive am späten Nachmittag die Bahnstation von Brenton verließ, hatte sich eine ganze Menge von Schaulustigen eingefunden. Sie wurde Zeuge, dass die Kiste mit dem Geld lediglich hinten auf den Tender geworfen und mit einigen Kohlen zugedeckt wurde. Dass schon vorher eine andere Kiste versteckt worden war, ahnten sie nicht.

Jesse O'Malmar, ein fülliger Ire mit Bärenkräften, hatte sich freiwillig bereiterklärt, die Lokomotive zu fahren. Sein kurzgeschorenes Haar leuchtete kupferrot vom Führerstand herunter. Zischend verließ die Lokomotive den Bahnhof, und die Wetten, dass man die beiden Wahnsinnigen wiedersehen würde, standen schlecht für die Männer, die aus Brenton hinausdampften.

Der Ire erwies sich als vorzüglicher Reisebegleiter. Wie Sheng sprach auch er kaum ein Wort. Er ignorierte es einfach, dass er sich mit seiner freiwilligen Meldung zu diesem Unternehmen selbst mit an die Spitze der Todeskandidaten gesetzt hatte. Bisher hatte noch kein Lokführer einen Überfall der Gangster überlebt. Die Schienenwölfe waren bisher, immer auf die gleiche Weise vorgegangen. Und so, wie dieses Unternehmen aufgezogen war – ohne eine Spur von Geheimhaltung – stellte es geradezu eine Herausforderung an die Gangster dar.

Sheng dachte an das Gespräch, das er mit Sheriff Wilcox noch kurz vor der Abfahrt geführt hatte. Aus dem gefangenen Banditen war kein Wort herauszubekommen gewesen. Er hatte geschwiegen wie ein Grab. Nur einmal hatte er die Bemerkung fallen lassen, dass seine Kameraden ihn herausholen würden, bevor man ihm die Schlinge um den Hals legen konnte. Nicht einmal seinen Namen hatte man ihm entlocken können. Auch die Toten wurden nicht identifiziert. Es gab nicht einmal Steckbriefe von ihnen. Sheriff Wilcox nahm an, dass es sich bei ihnen wie auch beim Rest der Bande um Deserteure aus dem Bürgerkrieg handelte, die als junge Leute zur Army gestoßen waren und nichts als Töten gelernt hatten und deshalb auch jetzt noch brennend und mordend durch die Lande zogen. Nur bei einem der Toten glaubte er sich erinnern zu können, ihn schon einmal in der Stadt gesehen zu haben.

Und das wiederum bewies, dass die Spitzel der Desperados überall sitzen und vor allem unerkannt bleiben konnten. Damit lag nahe, dass die Bande etwas von diesem Geldtransport erfahren würde.

Es war der Köder, den Sheng den Banditen hatte hinwerfen wollen. Jetzt musste der Kung-Fu-Mann nur noch warten, bis die Desperados zuschnappten. Sheng zweifelte nicht daran, dass sie sich diesen Happen nicht würden entgehen lassen. Die Verlockung musste zu groß sein für sie.

Zwei einzelne Männer gegen eine ganze Bande.

Ein Kinderspiel in den Augen der bis an die Zähne bewaffneten Schienenwölfe.

Doch sie würden sich an ihnen die Zähne ausbeißen. Sheng lächelte, wenn er daran dachte, was sie vorhatten.

Solange sie noch durch das weite Tal von Brenton fuhren, konnte ihnen nichts passieren. Die Banditen würden erst irgendwo in den Bergen auf sie lauern.

„Hat sich irgend etwas geändert?“, fragte Jesse O'Malmar zwischen zwei Schaufeln Kohle.

Sheng verneinte.

„Es bleibt alles so, wie es vereinbart war. Sie kennen einen Platz, an dem Sie für eine Woche oder zwei untertauchen können?“

O'Malmar nickte.

„Ich habe eine Freundin in Srangtown. Die freut sich, wenn ich komme. Ich sollte schon längst einmal Urlaub machen. Bisher bin ich nicht dazu gekommen.“

„Randall weiß, wo er Sie erreichen kann?“

„Ich habe es ihm gesagt. Alles hat seine Ordnung. Aber in Ihrer Haut möchte ich, ehrlich gesagt, nicht stecken. Sie werden eine ganze Banditenarmee auf sich ziehen.“

„Das liegt in meiner Absicht.“

„Aber Sie werden nicht nur von den Banditen gejagt, sondern auch vor sämtlichen Sheriffs dieser Gegend.“

„Einen Nachteil hat jeder Plan.“

„Wie weit soll ich fahren?“

„Bis zum Einbruch der Dunkelheit verläuft die Strecke noch durch flaches Land. Sagen wir, bis zu den Bergen. Wenn die Lok das Desert Valley erreicht, steigen wir aus. Wie lange, glauben Sie, wird die Lokomotive ohne uns weiterlaufen?“

„Wenn der Dampfdruck voll da ist, vielleicht eine halbe Stunde.“

„Das müsste reichen. Ich bin überzeugt, dass sie es im Desert Valley versuchen.“

Jesse O'Malmar heizte weiter, bis ihm der Schweiß in Bächen von der Stirn lief.

„Eine Frage noch“, sagte er dann. „Warum haben wir zwei von diesen Kisten mitgenommen?“

„Die leere bleibt im Tender. Die Burschen sollen etwas zum Suchen haben. Umso überzeugender wirkt es dann, wenn sie nichts finden.“

Die letzte Ortschaft und das letzte Gehöft hatten sie schon vor einer halben Stunde hinter sich gelassen. Die Bahnstrecke führte jetzt mitten in die Wildnis.

„Ich denke, es ist bald soweit“, meinte Sheng. „Steht der Kessel genügend unter Druck?“

„Nur ein paar Schaufeln noch. Sagen wir, in fünf Minuten.“

„Okay.“

Sheng nahm die Kassette mit dem Geld vom Tender. Dann griff er in die Tasche seines Wamses und brachte einen Beutel aus Ziegenleder zum Vorschein. Er reichte ihn Jesse O'Malmar, der ihn staunend entgegennahm.

„Was soll das?“

„Da ist Blut drin. Bevor Sie abspringen, ziehen Sie noch Ihr Hemd aus und übergießen es mit dem Blut. Reißen Sie es vorher in Fetzen und legen sie es so im Führerstand aus, dass es vom Wind nicht davongeweht wird.“

„Gut. Mach ich.“

Sheng zog die zweite Kiste unter den Kohlen hervor. Mit einem Messer sprengte er das Schloss auf. Die Kiste enthielt eine Satteltasche. Er füllte das Geld aus der anderen Kassette in die Satteltaschen um und warf die Holzkiste dann ins Feuerloch. Sie würde rückstandslos verbrennen. Die andere Kiste war notwendig gewesen, um die Satteltasche unbemerkt in die Lokomotive bringen zu können, denn Sheng nahm an, dass bei der Abfahrt auch einige Banditen unter den Neugierigen gewesen waren. Wenn die Desperados dann den führerlosen Zug überfielen, würden sie nur eine gesprengte Kassette und das blutbesudelte Hemd des Iren finden.

Sie würden sich den einzig möglichen Reim darauf machen: Der Mann, der beim gestrigen Überfall den anderen Desperados so übel mitgespielt hatte, hatte das Vertrauen, das daraufhin in ihn gesetzt worden war, missbraucht, hatte den Lokführer getötet und schließlich mit einer Beute von rund 150 000 Dollar das Weite gesucht.

Die Desperados würden jetzt die Jagd auf den Chink anblasen und ihn quer durch Nevada hetzen, bis sie ihn gefangen hatten.

Doch Sheng wollte das.

Er wollte den Weg des Gejagten gehen, um aus der Defensive heraus umso wirkungsvoller kontern zu können. Er wollte der Jäger der Jagenden werden.

Sheng winkte Jesse O'Malmar noch einmal zu, packte dann die Satteltaschen und die Rolle mit seinen wenigen Habseligkeiten. An einer günstigen Stelle sprang er ab und rollte sich im Gras ab. Er schaute der Lokomotive nach, bis sie nur mehr ein kleiner Punkt in der Ferne war.

Dann wandte er sich nach Osten. Dort zogen sich Wälder die Hügelkuppen des Vorgebirges hinauf. Dort würde er auch ein Versteck für das Geld suchen. Nur 500 Dollar davon würde er einstecken. Er würde sie großzügig ausgeben, um damit die Aufmerksamkeit der Banditen auf sich zu lenken, und eine Spur zu hinterlassen.

 

 

4

Sheng hatte die Nacht im Wald verbracht. Er hatte eine breit ausladende Glenmoure-Eiche gefunden. Sie war die einzige weit und breit. Er würde sie wiederfinden. Deshalb hatte er auch die Satteltaschen mit dem Geld an einen der oberen Äste gebunden. Hier würde man es nie vermuten. Anschließend hatte er sich in eine Astgabel gelegt und dort schlafend die Nacht verbracht.

Die Strahlen der aufgehenden Sonne, die sich einen Weg durch das grüne Blätterdach bahnten, weckten ihn. Sheng sammelte einige der bitteren Früchte und aß sie. So gestärkt, machte er sich an den Abstieg.

Er brauchte keine Uhr. Er wusste auch so, dass es jetzt kurz nach vier sein musste.

Sheng war ein ausdauernder Läufer, der am Tage seine 50 Meilen zurücklegen konnte. Wesentlich mehr schaffte auch ein Pferd nicht. Er hatte jedoch den Vorteil, dass er auch in unwegsamem Gelände immer noch relativ schnell vorwärts kam.

Er lief wieder ins Tal hinab, das von der Sonne noch nicht erreicht wurde und grün-feucht in der Dämmerung lag. Sheng kannte diese Gegend nicht, er wusste nur, dass sie hier noch relativ dicht besiedelt war, und dass er bald auf eine menschliche Behausung stoßen würde. Er hielt sich immer am Rande der Hügel und folgte einem schmalen Bachlauf, neben dem eine unbewachte Rinderherde graste. Die Longhorns trugen ein „S“ im Brandzeichen. Etwas kleiner daneben ein „W“.

Sheng trabte weiter. Über die Hügelketten, die das Tal dunkelblau im Osten begrenzten, schob sich glutrot der Sonnenball. Ein heißer Tag war zu erwarten. Aus den saftigen Weiden stiegen weiße Nebel, die im Gegenlicht von einem rosa Schimmer überhaucht wurden. Sheng fühlte sich ein wenig an jene Orte erinnert, an denen er aufgewachsen war. Als Zögling bei Mönchen im Kloster des Weißen Lotus. Sie hatten ihn als Windelkind gefunden und großgezogen.

Bis das Kloster dann zerstört worden war. Es war lange her. Sheng schien es, als wären seither Ewigkeiten vergangen. Er kannte das Geheimnis seiner Geburt. Sein Vater war ein reicher Amerikaner gewesen, der einige Zeit am Hofe des Kaisers gelebt hatte. Dort war er Shengs Mutter begegnet, der ersten Nebenfrau des Kaisers. Als das Kloster gebrandschatzt wurde, gab es für ihn in China kein Halten mehr. Er war aufgebrochen in die Neue Welt. Ein rastlos Suchender. Er hatte keine Ahnung, ob sein Vater überhaupt noch lebte. Er kannte nicht einmal seinen Namen.

Sheng schüttelte die Gedanken ab. Der Westen war seine neue Heimat geworden. Ihr musste er sich widmen, auch wenn die Vergangenheit immer wieder nach ihm griff, denn die Widersacher von einst waren auch in den Staaten dieses weiten Landes vertreten.

Der Läufer trat auf eine Straße und nahm an, dass sie in eine Ortschaft führen würde. Doch der ausgetrampelte Weg endete nicht vor irgendeinem verschlafenen Nest, sondern vor Corrals und einem langgestreckten Ranchgebäude, an das sich L-förmig ein Bunkhouse mit flachem Dach anschloss. Vor dem Geviert des Hofes ein Gatter, auf dessen Querbrett der Name der Ranch eingebrannt war:

Snowdon-Ranch.

Sheng hörte auf zu laufen und ging in normalem Tempo weiter. Nicht einmal sein Atem flog. Er hatte sich bei seinem Lauf nicht verausgabt. Vielleicht würde er hier zu einem Frühstück kommen, bevor er sich wieder auf den Weg machte.

Aus dem Bunkhouse kamen einige Männer mit nackten Oberkörpern. Sie dehnten und streckten sich in der frischen Morgenluft. Ein Ziehbrunnen war ihr Ziel. Aus Bruchsteinquadern gemauert stand er in der Mitte des Hofgevierts. Ein Mann zog einen Eimer hoch und schüttete sich den silbern aufspritzenden Inhalt über den Kopf. Laut prustend setzte er ihn wieder ab. Er war der erste, der den einsamen Fußgänger mit den Sattelpacken über der Schulter bemerkte. Gestikulierend machte er die anderen auf den frühen Besucher aufmerksam. Schließlich trat Sheng einer wartenden Front von Männern entgegen. Keiner von ihnen sah besonders vertrauenerweckend aus. Es waren abenteuerliche Gestalten, die ihn hier neugierig ansahen.

Sheng war Blicke dieser Art gewöhnt. Auf den ersten Blick mochte er noch als Amerikaner gelten können, doch schon beim zweiten wurde man auf seine fernöstliche Herkunft aufmerksam.

Und bisher hatten sich noch immer Leute gefunden, die ihn deswegen für einen Menschen zweiter Klasse hielten. Gerade noch gut genug, um für derbe Späße tauglich zu sein. Und diese Männer schauten genauso aus, als hätten sie vor, ihr Mütchen an ihm zu kühlen, ihre überschüssige morgendliche Kraft an ihm loszuwerden.

„Mich laust der Affe“, wieherte der Kerl am Ziehbrunnen und zeigte dabei eine Reihe schadhafter gelber Zähne. „Ein Chink beim Morgenspaziergang. Warum hast du keinen Zopf, Chink? Oder gefällt dir Stinky besser?“

Wieder grölte er lauthals los und klatschte sich auf die Schenkel dabei. Die übrigen Männer fielen in das Gelächter ein. Sie hatten inzwischen bemerkt, dass der Halbchinese, der sich ihnen näherte, keine Waffen trug. Und ein Mann, der seine Revolver nicht zeigte, war für sie kein Mann. Er war ein Feigling, der jedem Streit aus dem Weg gehen wollte. Ein Feigling, dem man seine eigene Klasse zeigen musste.

Sheng war herangekommen.

„Ich will keinen Ärger“, sagte er ruhig. „Ich bitte Sie nur um ein Frühstück.“

Die Meute polterte los, als wäre ihm damit ein besonders guter Witz gelungen. „Der Bubi bittet um eine Schüssel Milch“, höhnte einer und fand seinen Spaß so prima, dass er sich vor Lachen krümmte. „Ein Schüsselchen Milch für den Bubi.“

Er hatte inzwischen einen weiteren Eimer Wasser heraufgezogen und kippte den Inhalt dem Fremden entgegen. „Hier hast du deine Milch. Schleck‘ sie dir gut ab. Was anderes gibt es heute nicht.“

Die Männer hatten einen Halbkreis gebildet und bogen sich vor Lachen. Sheng stand triefend vor ihnen. Auch sein Bündel war feucht geworden.

„Ich möchte den Rancher sprechen“, sagte er leise. Die rauen Männer hielten seinen Tonfall wohl für Demut und wussten nicht, wie sehr sie sich dabei täuschten.

„Der Rancher wird sich schön bedanken, Milchmann“, plärrte der Cowboy mit dem nikotingelben Gebiss. „Er hat bestimmt nur auf einen wie dich gewartet. Aber noch besser gefällst du ihm bestimmt, wenn du ihm etwas vortanzt.“

Schon hatte der Mann den Revolver gezogen und begann damit loszuballern. Er schoss Sheng knapp vor die Stiefel.

Sheng bewegte sich keinen Millimeter. Er starrte den Schießer nur an.

Details

Seiten
124
Jahr
2020
ISBN (eBook)
9783738945867
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v936646
Schlagworte
sheng schienenwolf

Autor

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Titel: Sheng #27: Sheng packt den Schienenwolf