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Hetzjagd in Dryhill

2020 128 Seiten

Leseprobe

Table of Contents

Hetzjagd in Dryhill

Copyright

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Hetzjagd in Dryhill

Western von John F. Beck

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 128 Taschenbuchseiten.

 

Als Carringo am Clearwater etwas trinken will, wird er von einem Mann überfallen, der sich auf der Flucht befindet und ihm das Pferd wegnimmt. Nach einem endlosen Fußmarsch erreicht Carringo endlich den nächsten Ort. Dort wird er des Mordes am Bruder des Großranchers angeklagt und soll ohne Gerichtsverhandlung hängen.

 

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

Alfred Bekker

© Roman by Author

© COVER FIRUZ ASKIN

© dieser Ausgabe 2020 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

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1

Das Schnauben meines Braunen warnte mich zu spät. Ich kniete noch am Wasser, die frisch gefüllte Canteenflasche in der Hand, als mich das metallische Schnappen eines Gewehrschlosses erstarren ließ. In der abgrundtiefen, von lähmender Hitze gesättigten Stille wirkte das Geräusch auf mich wie ein Kanonenschuss. Im selben Moment tauchte auf dem erhöhten gegenüberliegenden Creekufer eine Gestalt zwischen den Felsen auf. Von der Sonne geblendet sah ich den Mann zuerst nur als großen, drohenden Schatten. Der Himmel hinter ihm waberte wie eine Flammenwand. Eine zerrissene Stimme drohte: „Fass dein Eisen nicht an, Mister, sonst knallt‘s!“

Ich kannte diesen Ton. So klang die Stimme eines Gehetzten, eines Kerls, der sich in die Enge getrieben fühlte und zum Äußersten entschlossen war. Sie alarmierte mich mehr als der auf mich gerichtete, in der Sonne glänzende Gewehrlauf. Ich ließ die Wasserflasche fallen und erhob mich. Die Karabinermündung bewegte sich natürlich mit. Die Hitze im sandigen Bett des Clearwater Creek kam mir nun wie ein Bleipanzer vor.

Es war Hochsommer. In dieser Jahreszeit war der Creek nur mehr ein knöcheltiefes, höchstens zwei Yard breites Rinnsal im Labyrinth der wild zerklüfteten Comanche Breaks. Die Ausläufer des Llano Estacados mit seinen Geröllfeldern, Kakteen und Dornbuschstreifen prägten diese Ecke zwischen der Grenze von New Mexico und dem Pecos River. Es war ein unwirtliches, menschenleeres Land. Ich war hier auf alles gefasst gewesen, nur nicht darauf, plötzlich vor einem schussbereiten Gewehr zu stehen.

Meine Gedanken rasten. Alles, was mir einfiel, war: Zeit gewinnen! Ich kniff die Augen gegen das grelle Geflimmer zusammen und grinste schief. „Wenn das ein gewöhnlicher Holdup sein soll, Hombre, lohnt sich die Mühe nicht. Zwölf Dollar und fünfunddreißig Cent sind nicht gerade …“

„Ich pfeif auf dein Geld!“, unterbrach er mich wild. „Schnall dein Schießeisen ab! Versuch keinen Trick! Du würdest nicht mal mehr Zeit haben, ihn zu bedauern!“

Er war ein schlanker, drahtiger Bursche, etwa in meinem Alter, vielleicht auch zwei, drei Jahre jünger. Blondes Haar ringelte sich unter seinem staubbedeckten Stetson hervor. Eine dicke Staubschicht lag auch auf seiner einfachen Reitertracht. Sein linker Ärmel war aufgeschlitzt. Vielleicht war er an einem Dornstrauch hängen geblieben. Vielleicht hatte ihn da aber auch eine Kugel oder ein Messer erwischt. An seiner rechten Hüfte hing ein schwerer 45er Colt. Der Kolben war zerschrammt und verkratzt. Die Waffe schien häufiger zum Nägelklopfen und Kaffeebohnenzermahlen als zum Schießen benutzt worden zu sein.

Aber ich brauchte nur einen Blick in das verkniffene, staub- und schweißverschmierte Gesicht zu werfen, um anstandslos die Gurtschnalle zu öffnen. Ein fiebriges Brennen war in den Augen des Blonden. Seine Wangenmuskeln waren verkrampft. Ein Nerv zuckte unter seinem linken Auge. Nein, zum Teufel, das war keiner, für den es ein Alltagsjob war, einem Fremden mit dem Schießeisen „Guten Tag“ zu sagen. Gerade das machte ihn gefährlicher und unberechenbarer als jeden kaltschnäuzigen Revolverprofi. Seine Verkrampfung löste sich auch nicht, als mein Gurt mit dem Peacemaker auf den in der Sonne weiß leuchtenden Steinen lag.

„Sonst noch Wünsche?“, fragte ich kühl.

Er sprang geschmeidig von der etwa brusthohen Uferkante. Der Sand knirschte unter seinen Sohlen. Für den Bruchteil einer Sekunde geriet sein Gewehr aus der Richtung. Doch solange sich alles noch als Missverständnis klären konnte, riskierte ich lieber nichts. Er machte keine Anstalten, auf meine Seite herüberzukommen.

„Zuerst hab ich gedacht, du bist einer von McCarsons Leuten“, murmelte er gepresst. „Aber dein Pferd trägt ein Brandzeichen, das ich nicht kenne. Scheint, du bist fremd in dieser Gegend.“

„Das scheint nicht nur so. Mein Name ist Carringo. Ich komme von Fort Stockton rauf. Droben in Roswell bin ich mit einem Freund verabredet. Wenn du also irgendwas mit einem McCarson oder sonst wem abzumachen hast, Muchacho, dann lass mich da heraus.“

Er zögerte, presste dann die Lippen zusammen und schüttelte den Kopf. „Das geht nun nicht mehr. Ich brauch dein Pferd, Carringo.“

Ich zuckte zusammen. Meine Kehle wurde trocken, mein Herz hämmerte hart. Das fehlte mir gerade noch, dass ich zu Fuß in dieser gottverlassenen Wildnis klebenblieb!

„Wenn das dein Ernst ist, hättest du auch gleich schießen können, Mann!“, stieß ich heftig hervor. „Verdammt, was …“

„Rühr dich nicht!“, schnappte er. „Lass deinen Colt liegen! Glaub nur nicht, mir macht die Sache Spaß! Aber ich hab keine Wahl. Mein Gaul hat sich letzte Nacht ein Bein gebrochen. Hab ihn erschießen müssen. Und McCarsons Reiter sind noch immer wie die Teufel hinter mir her. Wenn sie mich erwischen, bin ich dran.“

„Was hast du ausgefressen?“

Er antwortete nicht. Stattdessen klemmte er das Gewehr zwischen Ellenbogen und Hüfte und zog mit der freien Linken ein paar zerknüllte Geldscheine aus der Tasche. Ohne den Blick von mir zu wenden, und ohne dass seine Waffe nochmals aus der Richtung kam, legte er das Geld nieder und einen Stein drauf. „Ich versuche nur am Leben zu bleiben, sonst nichts. Ich bezahl auch dafür.“

Ein paar Sekunden war ich ehrlich verblüfft. Immerhin hatte er den Finger am Drücker. Er brauchte sich nur zu nehmen, was er wollte. Trotzdem …

„Es sind hundertfünfzig Dollar“, sagte er heiser in meine Gedanken. „Alles, was ich bei mir hab. Dafür bekommst du überall ein gutes Pferd und einen Sattel.“

„Ich hab ein gutes Pferd und einen Sattel, verdammt noch mal!“

„Jetzt nicht mehr! Nimm die Zügel, bring den Braunen herüber!“

„Zur Hölle mit deinem Geld! Wer garantiert mir, dass es nicht aus einem Banküberfall stammt? Außerdem: Was soll ich hier draußen damit anfangen?“

„Wenn du von hier nach Osten marschierst, kommst du nach Dryhill“, erklärte er mir rau. „Kann sein, dass du einen halben Tag oder noch mehr dafür benötigst. Aber was ist das schon im Vergleich dazu, dass sie mich hängen, wenn ich ihnen in die Hände falle!“

Das leuchtete mir ein. Dennoch blieb der „Handel“ eine Zumutung für mich. Ich versuchte es deshalb anders herum. „Hör zu, Mister, ich hab zwar keine Ahnung, was hier gespielt wird, aber ich mach dir ‘nen Vorschlag! Wenn du …“

„Kein Palaver! Bring den Gaul her, sofort!“ Das gefährliche Glühen war wieder in seinem Blick. Seine Remington ruckte.

Mein Brauner hatte sich die ganze Zeit nicht vom Fleck gerührt. Ich ging zu ihm, nahm die Zügel und führte ihn durchs seichte Wasser auf den gegenüberliegenden Sandstreifen. Der Mann glitt ein Stück zur Seite und duckte sich.

„Gut! Du kannst die Satteltaschen herabnehmen, Carringo. Ich brauch‘ sie nicht. Aber mach schnell! Weiß der Satan, wie lang es nur mehr dauert, bis die Kerle hier aufkreuzen!“

Die Aussicht, mehr als einen halben Tag lang durch diese brutheißen Hügel stolpern zu müssen, wurde auch durch seine „Großzügigkeit“ nicht aufgewogen. Ein durchgeladenes Gewehr hat mich als Argument noch nie überzeugt. Ich hatte es darum nicht so eilig, wie er wollte, als ich die Ledertaschen mit meinen Habseligkeiten losschnallte. Nach einer Weile malmten seine Tritte hinter mir.

„Geh zur Seite!“, befahl er schroff. Seine Stimme vibrierte vor Anspannung und Ungeduld.

Ich hatte die Taschen nun gelöst und drehte mich halb. Er stand dicht vor mir, die Remington in der Rechten, die Linke bereits nach den Zügeln ausgestreckt. Vielleicht war er schon seit Tagesanbruch hier am Clearwater Creek auf der Lauer gelegen, immer darauf gefasst, sein Leben gegen eine Übermacht von Verfolgern verteidigen zu müssen. Das konnte einen Mann schon mitnehmen. Jetzt, nachdem er unerwartet durch mein Auftauchen eine Chance bekommen hatte, konnte er es kaum mehr erwarten, von hier zu verschwinden. Aber ich war nun mal nicht der Typ, der sich mir nichts, dir nichts mit einem vor die Nase gehaltenen Schießprügel sein Eigentum wegschnappen ließ. Vorhin hatte ich ihm erklären wollen, dass mein Brauner kräftig genug war, uns beide ein paar Meilen gemeinsam zu tragen. Aber er hatte ja nicht hören wollen. Well, ich erkannte auch eine Chance, wenn sie sich mir bot.

Er dachte, dass er‘s nun endgültig geschafft hatte, als ich einen Schritt zur Seite machte und so tat, als wollte ich die Ledertaschen auf meine Schulter schwingen. Stattdessen klatschten sie mit voller Wucht quer über sein Gesicht. Ich sprang sofort hinterher und stieß sein Gewehr zur Seite. Ein blindlings abgefeuerter Schuss hätte jetzt auch meinen Vierbeiner gefährdet. Der Schwung der Satteltaschen und mein Anprall schleuderten den Blonden nieder. Er schrie. Sein Karabiner rutschte weg.

Ich wollte mich auf ihn werfen, ihn niederdrücken und festnageln. Aber der Bursche rollte sich flink wie eine Raubkatze weg. Ich knallte der Länge nach hin, drehte mich und erwischte die Remington. Er war noch schneller. In dem Augenblick, als ich hoch wollte, sauste er wie ein Schatten auf mich zu. Nun war ich es, der auf den Rücken gepresst wurde. Das verzerrte Gesicht des Blondschopfs war über mir. Seine Faust schoss heran. Ich brachte gerade noch den Kopf zur Seite. Seine Knöchel schürften mir die rechte Wange auf.

Ich hatte die Remington nicht losgelassen. Mit beiden Fäusten hielt ich sie quer über der Brust, ruckte sie nun mit aller Kraft hoch und schleuderte so meinen Gegner zurück. Er brüllte abermals. Aber es war kein Schmerzensschrei, sondern ein Ruf wilder Wut und Verzweiflung. Ich sprang auf, und da war er ebenfalls schon wieder auf den Füßen. Er hatte den Hut verloren. Schweißverklebte Strähnen hingen ihm in die Stirn. Blind für jede Gefahr stürzte er sofort erneut auf mich los.

Ich hätte schießen oder ihn mit dem Gewehr niederschlagen können. Aber da hätte er zumindest den Colt in der Faust haben müssen. So sprang ich im letzten Moment zur Seite. Er fegte wie ein angeschossener Puma an mir vorbei, wirbelte keuchend herum, und jetzt erst fiel ihm der 45er ein, der in seinem Holster steckte. Sich ducken, in die Knie federn und die Waffe packen – das war eine Bewegung. Da hatte ich schon, mit dem Rücken zur Uferwand, den Karabiner auf ihn gerichtet.

„Tu‘s nicht!“, schrie ich. Eine Sekunde lang hatte ich den Eindruck, dass meine Worte ihn nicht erreichten, sein Colt gleich aus dem Leder fliegen würde und ich schießen musste.

Dann war das Flackern in seinen Augen plötzlich weg. Er zog die Hand von der Waffe, schluckte und richtete sich auf. „Warte, Carringo!“, krächzte er. „Ich erklär‘ dir alles! Du kannst immer noch mein Geld haben, wenn du …“

„Ich pfeif auf dein Geld! Schnall dein Schießeisen ab!“ Das waren genau seine Worte von zuvor.

Er stand da wie ein mit Eiswasser begossener Pudel. Aber nur zwei Sekunden lang. Dann sauste er herum. Zwei Sätze, und er war bei meinem Pferd, das erschreckt ein Stück zur Seite getänzelt war. Ein weiterer Sprung brachte ihn in den Sattel. Der Braune wieherte, als er heftig an den Zügeln riss und die Flanken mit den Stiefelabsätzen bearbeitete. Ich hatte genug Zeit, ihn fünfmal vom Pferd zu schießen, aber, verdammt, ich konnte es nicht. Panik hatte ihn gepackt.

Als ich vorwärts stürzte, war es schon zu spät. Die loshämmernden Hufe spritzten mir Sand ins Gesicht. Der Braune war „neu“. Ich hatte ihn drunten in Fort Stockton gekauft. Vielleicht hätte dieser verflixte Kerl sonst kein so leichtes Spiel gehabt. Ich wusste nicht, ob ich ihn, den Braunen oder mich selber verwünschen sollte, als er hinter einer dreißig Yard entfernten Creekbiegung verschwand. Ich hatte nochmals das Gewehr hochgerissen. Aber da war nur mehr eine Staubfahne, die seine Flucht markierte.

Ich hob meinen Coltgurt, meinen Stetson und auch das Geld auf, das er zurückgelassen hatte. Es waren tatsächlich hundertfünfzig Bucks. „Verrückter Kerl!“ Kopfschüttelnd steckte ich die Scheine ein. Vom Trommeln der Hufe war schon nichts mehr zu hören.

Ich hängte mir die Canteenflasche am Riemen um den Hals, schulterte die Satteltaschen und behielt das Gewehr in der Rechten. Dann machte ich mich mit gemischten Gefühlen auf den Weg in die Richtung, in der es eine Stadt namens Dryhill geben sollte. Was hätte ich sonst auch tun sollen? In die Zukunft blicken konnte ich ja nicht. Sonst hätte ich gewusst, dass ich mich vom ersten Schritt an auf dem direkten Weg in die Hölle befand.

 

 

2

Den ersten Vorgeschmack bekam ich noch am selben Tag. Ich war kaum zwei Stunden unterwegs, als ich den Rauch entdeckte. Eine dicke, schwarze Säule stand drei oder vier Meilen nördlich von mir über den sonnenverbrannten Kämmen. Es qualmte, als würde dort eine mit Petroleum überschüttete Hütte in Flammen stehen. Ich konnte mir jedoch nicht vorstellen, dass es hier in den Comanche Breaks überhaupt so etwas wie eine menschliche Behausung gab. Aber wo Rauch war, waren auch Menschen. Und wo es in diesem Land Menschen gab, waren in der Regel auch Pferde zu finden. Ein Pferd! Es gab im Moment nichts Wichtigeres für mich. Kurz entschlossen steuerte ich also dieses neue Ziel an.

Das Marschieren mit den hochhackigen Texasboots war in dem ohnehin schon schwierigen Gelände alles andere als ein Vergnügen. Dazu kam noch die Hitze. Ganz zu schweigen von dem Gewicht der Satteltaschen, der Wasserflasche und des Gewehrs. Die Kleidung klebte mir längst auf der Haut. Ich war schon nahe dran gewesen, mich im Schatten eines Gestrüpps zu verkriechen und meinen Weg erst nach Einbruch der Dunkelheit fortzusetzen. Nun aber biss ich die Zähne zusammen, würgte alle Verwünschungen hinunter und stapfte beharrlich durch staubgefüllte Senken, über steinige Hänge und durch verfilztes Gebüsch. Dann und wann huschte eine Eidechse davon, oder eine Schlange verschwand blitzschnell in einer Erdspalte. Sonst gab es kein Leben ringsum.

Ich hatte das Gefühl, nicht vom Fleck zu kommen. Die Luft flimmerte. Die Sonne stach wie mit Feuerspeeren. Schließlich blieb ich stehen und nahm einen Schluck aus der lederüberzogenen Flasche. Da sah ich die zweite Rauchsäule. Sie stand, viel weiter entfernt als die erste, wie ein Kreidestrich genau in der Richtung, in die ich anfangs unterwegs gewesen war. Gleich darauf entdeckte ich auch im Süden aufsteigenden Rauch. Wenn ich nicht genau gewusst hätte, dass die Army schon vor etlichen Jahren die letzten frei streifenden Comanchen aus dieser Ecke von Texas verjagt hätte, wär‘ ich wahrscheinlich überzeugt gewesen, dass ich mitten in einen Indianeraufstand geraten war.

Nun zeigte sich auch noch weit im Nordwesten ein vierter Rauchstrich über dem Horizont. Das blutigste Greenhorn hätte kapiert, dass das Signalzeichen waren. Kein Wunder, dass ich wieder an den Blonden dachte. Was immer in diesem eben noch wie ausgestorbenen Gebiet im Gange war, – es wurde mit verflucht großem Aufwand betrieben! Der Atem einer unsichtbaren Gefahr schien mich aus den glutheißen, stillen Senken anzuwehen.

Aber inzwischen war‘s nur mehr ein „Katzensprung“ von höchstens eineinhalb Meilen zu der Felsenhöhe, auf der die erste Rauchsäule allmählich zu verblassen begann. Ich wollte jetzt endlich wissen, um was es ging. Vor allem aber wollte ich immer noch ein Pferd. Mit hundertfünfzig Dollar in der Tasche dürfte das eigentlich kein Problem sein. Dafür konnte ich unter Umständen sogar zwei Gäule bekommen. Vorausgesetzt, dass das Geld tatsächlich nicht geklaut war. Auch das wollte ich herausfinden. Doch ich hätte besser dieser Ahnung von Gefahr nachgeben und einen weiten Bogen um jene Felskuppe schlagen sollen, die hoch über die Hügel ringsum aufragte.

Als ich schließlich an ihrem Fuß stand, schwelte es droben zwischen den Gesteinsblöcken nur mehr schwach. Auch die restlichen Rauchzeichen waren vom Himmel verschwunden. Das Land wirkte wieder so leer wie am Morgen, als ich mich für den einzigen Menschen in fünfzig Meilen Umkreis gehalten hatte. Aber da waren Spuren. Hufabdrücke, die den mit dürrem Gras und Felstrümmern bedeckten Hang vor mir hinaufliefen. Ich folgte ihnen. Aber es war niemand mehr da. Ich fand nur einen Aschenhaufen und verkohlte Zweige am Rand einer wie abgeschnittenen Felskanzel.

Die Asche war noch heiß. Die Zweigreste verrieten mir, dass das Reisig, das hier gebrannt hatte, mit Wasser getränkt gewesen war. Deshalb der dichte, schwarze Qualm. Die Felskanzel war die höchste Erhebung im Umkreis von mindestens fünf Meilen. Die Kämme ringsum verliefen wie ein unregelmäßiger Faltenwurf. Manche Senken waren mit Dorngestrüpp richtig zugewuchert. Da und dort türmten sich Felsmassive auf. Nach Osten zu wurden die Hügel flacher. Ganz fern am Horizont glaubte ich dort einen Schimmer Grün zu erspähen. Nirgends eine Spur von den Feueranzündern.

Aber sie waren noch da. Aus einem sicheren Versteck heraus hatten sie mich beobachtet und gewartet, bis ich auf dem Berg stand und es ihrer Meinung nach keine Fluchtmöglichkeit mehr für mich gab. Das wurde mir klar, als ich zwischen den Gipfelfelsen hervortrat und ich sie auf halber Höhe unter mir am Hang sah. Sie waren zu viert, und sie waren ausgeschwärmt, damit ich nicht mehr an ihnen vorbei konnte. Jeder trug ein Gewehr. Die Stahlläufe flogen sofort hoch. Ich konnte mich gerade noch hinwerfen.

Da knallte es schon. Blei klatschte gegen meine Deckung. Querschläger jaulten davon. Ich fluchte erschrocken, dachte jedoch nicht im Traum daran, zurückzuschießen. Ich kannte die Burschen ja nicht. Sie waren auch viel zu weit entfernt, als dass ich ihre Gesichter sehen konnte. Sie trugen die Kleidung von Männern, die die meiste Zeit im Sattel verbrachten. Ihre Pferde standen ganz unten im Schatten eines Cottonwooddickichts.

Ich wartete, bis die Detonationen verrollt waren, dann hob ich vorsichtig den Kopf. Zwei von den Kerlen rannten gerade geduckt über ein grasbewachsenes Hangstück. Die anderen pfefferten sofort wieder ihr Blei in meine Richtung. Ein paar Steinsplitter flogen über mich weg.

„Hört auf mit dem Blödsinn!“, schrie ich wütend. „Für wen, zum Teufel, haltet ihr mich denn?“

Es hatte überhaupt keinen Sinn. Ich hätte ebenso versuchen können, einen aus dem Winterschlaf gestörten Grizzly mit Worten zu besänftigen.

Sie feuerten ununterbrochen. Immer zwei von ihnen, während sich die beiden anderen dann jedes Mal eine Stellung weiter oben am Berg suchten. Das hieß, dass sie mir nur die Möglichkeit ließen, gezielt zurückzuballern. Doch das schmeckte mir nicht. Es war ja nicht schwer zu begreifen, dass sie‘s in Wirklichkeit auf einen ganz anderen abgesehen hatten. Ich spürte meine Wut wie einen Eisklumpen im Bauch. Da hatte mir mein „Hundertfünfzig-Dollar-Spender“ ja eine schöne Suppe eingebrockt! Der Teufel sollte mich holen, wenn ich bereit war, sie für ihn auszulöffeln!

„He! Nun lasst mich doch mal zwei Minuten zu Wort kommen, ihr verrückten Sattelquetscher!“, brüllte ich, als das Krachen für einen Moment aussetzte. Aber bevor ich weiter kam, blitzte und dröhnte es wieder, als versuchten sie den Angriff einer Indianerhorde zu stoppen und nicht einen einzelnen Mann ins Jenseits zu befördern.

Genau das war‘s: Sie waren nicht nur entschlossen, mich nicht zum Reden und Schießen kommen zu lassen! Sie wollten meinen Skalp! Sie schossen, als würden sie für jedes Pfund sinnlos verpulverten Bleis zusätzlich bezahlt. Wenn dieser ganze „Segen“ in Wahrheit dem Blonden galt, der nun auf meinem Pferd schon viele Meilen westlich von hier ritt, dann verstand ich jetzt, wieso er es so verflucht eilig gehabt hatte. Denn das waren Besessene. Sie waren hinter einem Mann her, von dem sie offenbar nur wussten, dass er sein Pferd verloren hatte. Das genügte ihnen, hier die Hölle loszulassen. Ich hatte herzlich wenig davon, wenn sie hinterher zähneknirschend ihren Irrtum bemerkten. Vielleicht waren sie auch von der Sorte, die so einen Irrtum kaltblütig mit einem Achselzucken abtat. Dem Bleihagel nach waren sie jedenfalls alles andere als zimperlich.

Die ganze Sache war verrückt. Unwillkürlich fiel mir ein, was der Blonde gesagt hatte: „Ich versuche nur am Leben zu bleiben, sonst nichts.“ Verdammt, dasselbe wollte ich jetzt auch! Nur wie? Ich bildete mir nicht ein, dass ich es schaffen konnte, diese vier Schießwütigen aus meiner miesen Deckung heraus einen nach dem anderen zu erledigen. Abgesehen davon, hasste ich jegliche Art von sinnlosem Blutvergießen. Ebenso wenig wollte ich für eine Sache ins Gras beißen, die mich nichts anging. Ich hob das Gewehr über die Felsbrocken und schickte ein paar ungezielte Bleigrüße den Hang hinab, um die Kerle etwas auf Distanz zu halten.

Dann kroch ich an der erloschenen Feuerstelle vorbei zum Rand der Felskanzel. Kein Wunder, dass die vier glaubten, sie hätten mich hier festgenagelt: Die Wand fiel etwa zwölf Fuß tief senkrecht ab. Das war an und für sich noch kein absolut unüberwindbares Hindernis. Doch der Felssockel stand auf einem schotterbedeckten Steilhang, auf dem nicht mal eine Bergziege festen Halt gefunden hätte. Es ging da noch mal so tief und steil hinab wie auf der anderen Seite, wo meine neuesten Bekannten sich wieder kräftig bemühten, ihre Karabiner heißzuschießen.

Ein mit Klippen durchsetztes, tief eingeschnittenes Tal schlängelte sich dort unten durch die Comanche Breaks. Vielleicht das im Laufe von Jahrmillionen ausgewaschene Bett eines Flusses, der schon lange nicht mehr existierte. Auch die übrigen Hänge waren mit kiesähnlichem Geröll bedeckt. Mein erster Eindruck war, dass ich Flügel brauchte, um da hinabzukommen. Aber ich hatte nicht mehr die Zeit für lange Überlegungen. Eins der Gewehre krachte nun schon auf Coltschussweite. Entweder feuerte ich nun endlich gezielt zurück oder …

Schnell schätzte ich nochmals Tiefe und Gefälle. Dann war ich bereit, es zu riskieren. Ich schob die Remington weg, die mir jetzt nur hinderlich gewesen wäre, und streifte auch den Riemen mit der Wasserflasche ab. Rasch räumte ich alle harten Gegenstände aus den Satteltaschen, bis sie nur mehr mit meiner Reservewäsche, einem Hemd und etlichen Verbandstüchern gepolstert waren. Schade, dass es hier oben kein Gras gab, das ich zusätzlich hätte hineinstopfen können. Die Zeit raste.

Ein schlechtes Zeichen, dass sie es jetzt nicht mehr für nötig fanden, sich gegenseitig Feuerschutz zu geben. Zu viert knallten sie drauflos. Eine Kugel wirbelte die Asche neben mir auf. Ein Querschläger prellte die Canteenflasche über den Felsrand. Ich wollte keine Sekunde mehr verlieren. Ich zog noch die Sicherungsschlaufe straffer, die meinen Colt hielt. Dann glitt ich mit den Ledertaschen auf der Schulter über die Kante.

Zwei Sekunden klammerte ich mich noch mit beiden Händen fest, atmete tief durch, schloss die Augen und ließ mich dann fallen. Im selben Moment, als meine Füße die Steine berührten, geriet auch schon alles in Bewegung. Ich stürzte, schaffte es aber, mich auf die Satteltaschen zu werfen, und dann ging‘s auch schon auf einer höllischen Rutschpartie bergab.

Es rauschte, klirrte, toste und polterte um mich herum. Die Halde unterhalb des Felssockels verwandelte sich im Nu in einen donnernden Gesteinsstrom. Ich kam mir wie ein hilfloses Insekt vor, das an der glatten Innenseite eines Trichters hinabrutscht. Ich konnte nichts weiter tun, als die Zähne zusammenbeißen, einen Arm schützend über den Kopf pressen und die Satteltaschen krampfhaft festhalten. Ich wurde wie von einer Flutwelle mitgeschwemmt.

In der nächsten halben Minute bestand die Welt für mich nur mehr aus prasselndem Kies und brodelndem Staub. Ein Dröhnen füllte meine Ohren. Wenn das immer schneller rutschende Zeug, auf dem ich lag, mich nun gegen eine gezackte Felswand oder in einen Abgrund geschleudert hätte, – ich hätte keinen Finger dagegen zu rühren vermocht. So aber hoffte ich verzweifelt, mit ein paar Prellungen und blauen Flecken davonzukommen.

Zum Glück waren die meisten Steine nur taubeneigroß und alle glatt geschliffen, so dass das Ganze gleichmäßig abrutschte und mir nichts an den Kopf flog. Aber der Staub wurde so dicht, dass ich kaum noch genug Luft bekam, und die immer stärkere Fliehkraft drohte mich hochzureißen, herumzuwirbeln. Dann aber, als rollendes Bündel auf rollendem Gestein, wäre es wirklich schlimm geworden. Ich dachte schon, der Hang würde kein Ende nehmen, als meine „Talfahrt“ jäh gebremst wurde. Noch fünfzig Yard weiter, und ich hätte wahrscheinlich meine Balance nicht mehr gehalten.

Jetzt lag ich luftschnappend auf einem Schotterhaufen am Fuß des Steilhangs. In meinem Kopf waren sämtliche Rädchen durcheinander. Trotzdem begriff ich, dass das weder der richtige Platz noch der rechte Zeitpunkt zum Verschnaufen waren. Noch immer kamen eine Menge Kies, Sand und loses Erdreich auf meiner Spur herab. Nur weg hier, bevor ich darunter begraben wurde!

Obwohl ich mich mehr tot als lebendig fühlte, rappelte ich mich auf. Das ganze Tal war staubverhüllt. Droben, wo ich die Felskanzel als Schatten mehr ahnte als sah, blitzte es. Fetzen wütenden Geschreis durchdrangen das Getöse. Etwas surrte wie eine Hornisse bösartig an mir vorbei. Da war ich schon herumgewirbelt. Fliehen! Deckung finden!

Ich rannte, stolperte, stürzte, fluchte. Dann war ich erneut auf den Füßen, taumelte zwischen zerklüftete Felsen, stieß mich an der rechten Schulter und sank keuchend auf die Knie. Das Geklirr und Gepolter hinter mir wurde allmählich schwächer. Mein Herz hämmerte zum Zerspringen, meine rechte Wange blutete. Mit zittriger Hand wischte ich mir den Schweiß von der Stirn. Meine Satteltaschen waren weg, aber im Moment interessierte mich nur, dass ich lebte. Es kam mir wie ein Wunder vor.

Aber dieses „Wunder“ würde mich nicht vor dem Blei meiner enttäuschten Jäger schützen, wenn die in der nächsten halben Stunde auf ihren Pferden einen Weg in dieses von Schotterhalden gesicherte Tal fanden. Weiter!, befahl ich mir deshalb. Du darfst dich erst auf deinen Lorbeeren ausruhen; wenn du ein sicheres Versteck gefunden hast! Hoffentlich ging die Sonne bald unter. Morgen dann … Ja, dann wurde es endlich Zeit, dass ich es zur Abwechslung mal mit vernünftigen Leuten zu tun bekam, die nicht erst schossen und dann nachschauten, wen sie erwischt hatten. Ein Mann musste ein Ziel haben, und meines hieß nach wie vor Dryhill.

 

 

3

Meine erste Begegnung mit den „vernünftigen Leuten“ von Dryhill war auch nicht gerade das, was ich erwartet hatte. Ich sah die Stadt von einer grasbewachsenen Bodenwelle aus. Es waren etwa zwei Dutzend aus Lehmziegeln und Brettern zusammengeschusterte Gebäude inmitten eines kargen, von Buschinseln durchsetzten Weidelands. Ein Nest wie hundert andere, durch die ich auf meinem rastlosen Trail, immer dem Horizont nach, schon gekommen war. Aber nach vierundzwanzig Stunden ohne Pferd und Wasser in der Wildnis der Comanche Breaks wäre mir die jämmerlichste Bretterhütte wahrscheinlich wie ein Palast erschienen.

Ich hatte die Nacht in den Hügeln verbracht. Wie ein angeschossenes Tier hatte ich mich in einer von Gestrüpp halb zugewucherten Felsspalte verkrochen. Immer die Hand in der Nähe meines 45ers. Immer darauf gefasst, plötzlich von Hufschlag aus dem Halbschlummer gerissen zu werden. Als schließlich der Morgen heraufgedämmert war und ich mich mit knurrendem Magen auf den Weg gemacht hatte, war mir alles wie ein unwirklicher Traum vorgekommen.

Nun war‘s Spätnachmittag, und obwohl ich regelmäßige Pausen eingelegt hatte, waren meine Knie so wacklig, dass ich mich am liebsten ins Gras gehauen hätte. Doch die von der Sonne vergoldeten Dächer da drüben wirkten auf mich wie ein Magnet. Diese letzte Stunde hielt ich auch noch durch! Der Abschied von den Comanche Breaks fiel mir außerdem ganz bestimmt nicht schwer. Ich warf einen letzten Blick auf die schroffen Kämme.

Durch die Dunstschleier im Westen schimmerte über ihnen etwas wie ein dunkelblaues Wolkengebilde. Ich wusste aber, dass es keine Wolken waren, sondern die Silhouetten der Guadalupe Mountains, die sich in der Ferne jenseits des Pecos River erhoben. Das Land dort galt noch immer als bevorzugtes Schlupfwinkelgebiet für Männer, die auf der Flucht vor dem Gesetz oder sonst wem waren. Sicher lag da auch das Ziel des Blonden, wie ich ihn immer noch bei mir nannte. Keine Frage, dass er es schaffen würde. Immerhin war mein Brauner das beste Pferd gewesen, dass ich in Fort Stockton hatte auftreiben können. Zum Teufel mit ihm!

Als ich den grasbewachsenen Hang hinabging, war ich überzeugt, ihn nie wiederzusehen. Nun ja, irren ist menschlich, wie es bekanntlich heißt. Noch weniger kam mir in den Sinn, dass ich bald selber drauf und dran sein würde, mein Heil in den als „Land der Gesetzlosen“ verschrienen Guadeloupes zu suchen. Nur – schaffen würde ich es nicht. Aber wie gesagt: Vorläufig hatte ich nur die Stadt im Sinn. Ein schattiges Dach überm Kopf, ein Bad, ein kühles Bier und dann noch ein saftiges Steak dazu! Wenn mich die Sonne nicht so verteufelt ausgedörrt hätte, wär‘ mir sicher schon beim bloßen Gedanken daran das Wasser im Mund zusammengelaufen.

Ich war noch ungefähr eine Meile von den Häusern entfernt, als ich die Wagen hörte. Ich war etwas nordwestlich von Dryhill aus den Comanche Breaks gekommen und hatte nun den Rand einer im Bogen von Norden her auf die Stadt zuschwingenden Straße erreicht. Eigentlich war‘s ja nur eine von Rädern und Hufen geplättete Piste. Als ich das Hufgetrappel und Peitschenknallen hörte, blieb ich stehen und drehte mich halb um. Es waren drei Fahrzeuge, klobige Kastenwagen, jeder von vier kräftigen Gäulen gezogen. Hintereinander rollten sie aus einer buschbesäumten Geländefalte.

Ich blinzelte verblüfft. Jeder Wagen war vollbeladen – mit einer nicht gerade alltäglichen „Fracht“. Über die Bordwände waren nämlich Bretter als Sitzbänke genagelt. Dicht gedrängt saßen lauter schwarz gekleidete Gestalten darauf: Männer in steifen Anzügen, die sie gewiss sonst nur sonntags trugen. Frauen in hochgeschlossenen Kleidern. Schwarze Schleier wehten an ihren ebenfalls schwarzen, runden Hüten. Auf jedem Fahrzeug saßen zehn bis zwölf Personen verschiedenen Alters. Nur Kinder waren nicht dabei. Nach der Anzahl der Häuser von Dryhill handelte es sich um fast die gesamte Einwohnerschaft des Kaffs.

Ich wollte „Jeremiah Appletree“ heißen, wenn das nicht eine Gesellschaft war, die geradewegs von einer Beerdigung kam. Dazu passten auch die verschlossenen, todernsten Gesichter und die starre Art, wie alle ihre Köpfe hoch hielten. Das erkannte ich, als sie schon so nahe waren, dass ich sie anrufen konnte. Ich hatte eine Hand erhoben und wartete darauf, dass der erste Wagen nun auf gleicher Höhe mit mir stoppen würde. Eine Meile war in einem Land, in dem jeder sich auf einem Pferd oder Fuhrwerk fortbewegte, schließlich länger als anderswo. Und ich sah nicht ein, weshalb ich diese Strecke auf meinen mittlerweile krumm gelatschten Absätzen zurücklegen sollte, wenn noch Platz auf einem der Fahrzeuge für mich war.

Aber dann erlahmte meine Bewegung, und jedes Wort blieb mir in der Kehle stecken, als ich den Ausdruck auf den mir zugewandten Gesichtern erkannte. Sicher, ich war unrasiert, verdreckt, verschwitzt, meine Kleidung zerschlissen. Aber, verdammt noch mal, jeder von denen hätte genauso ausgesehen, wenn er an meiner Stelle dieses Abenteuer in den Comanche Breaks erlebt hätte. Die aber machten Augen, als hätte sich ein feuerspeiender Drache an ihrem Weg aufgebaut und schon den Rachen geöffnet, um sie samt Pferden und Wagen zu verschlingen.

Der schwarz gekleidete Vogelscheuchentyp, der das vorderste Gespann lenkte, begann plötzlich wie wild die Peitsche zu schwingen. Unwillkürlich wich ich ein paar Schritte vor dem mit ratternden Rädern vorbeibrausenden Wagen zurück. Schon sausten auch die beiden anderen Fuhrwerke im selben Höllentempo hinterher. Die Männlein und Weiblein darauf klammerten sich krampfhaft an den Sitzbänken und Seitenlehnen fest. In dem von den Hufen und Rädern hochgeschleuderten Staub wirkten die wehenden Jackenschöße und Umhänge wie ein Geflatter riesiger Krähenflügel.

Dann war der ganze Spuk schon vorbei. Ein rundes Damenhütchen, an dem mit zwei Ziernadeln ein schwarzer Schleier befestigt war, segelte mir noch vor die Füße, das war alles. Ich hob es auf. Dabei wusste ich nicht, ob ich grinsen oder schimpfen sollte. Doch weder das eine, noch das andere brachte mich weiter. Da musste ich mich schon selbst bemühen.

Der von den Wagen hochgewirbelte Staub vernebelte noch die Häuser, als eins der Fahrzeuge zurückkam, diesmal nur mit der Vogelscheuchengestalt vorn auf dem Bock. Entweder hatten sich die Leutchen nun doch besonnen – oder die Besitzerin des Filzes, den ich in der Hand hielt, hatte Alarm geschlagen. Doch fünfzig Schritte vor mir bogen die knirschenden Räder nach links vom Trail ab, fegten in einer weiten Kurve um mich herum und kehrten erst fünfzig Schritte hinter mir wieder auf die Piste zurück. Der Mann trieb die Pferde an, als müsste er eine Tausend-Dollar-Wettfahrt gewinnen. Kurz darauf verschwand der Wagen zwischen den Hügelausläufern, wo vorhin die merkwürdige Trauergesellschaft aufgetaucht war. Wenn zwei und zwei noch immer vier waren, dann gab‘s für die Eile dieses komischen Heiligen nur einen Grund: mich.

Ich hatte plötzlich ein mulmiges Gefühl im Magen. Dryhill erschien mir auf einmal gar nicht mehr so verlockend wie vor noch zehn Minuten. Aber der Himmel mochte wissen, wo ich sonst ein Pferd und eine neue Ausrüstung kriegen konnte. Die Flammenröte des Sonnenuntergangs spiegelte sich schon in den Fensterscheiben, als ich die Stadt erreichte.

Sie war wie ausgestorben. Die Gehsteige und Vorbauten leer, alle Türen und Fenster geschlossen. Nur da und dort entdeckte ich eine Bewegung an einer Gardine oder den blassen Fleck eines Gesichts hinter einer staubblinden Fensterscheibe. Ich marschierte schnurstracks die Straße hinab auf den einzigen Saloon zu. „Mexican Palace“ stand in verwaschenen Lettern auf dem Schild überm Vordach. Ein hochtrabender Name. Aber immerhin war es das einzige doppelgeschossige Gebäude in der Stadt. Eine Außentreppe führte an einer Seitenwand zu einer Tür und balkonähnlichen Galerie empor. Mehr interessierte mich der wassergefüllte Trog vor der Veranda. Frisches, klares Brunnenwasser! Da konnte ich nicht widerstehen.

Ich hängte mein Mitbringsel, den schwarzen Damenhut mit Schleier, über das Ende des Zügelholms. Dann tauchte ich Kopf und Arme in das köstliche Nass. Als ich anschließend mein Spiegelbild auf der schimmernden Wasserfläche betrachtete, gab es zwar keine Staub- und Schweißkruste mehr auf meinem Gesicht, aber mit dem Stoppelbart, dem Riss auf der rechten Wange und den tiefliegenden Augen sah ich auch nicht viel vertrauenerweckender als zuvor aus.

So wirkte ich wohl auch auf die Schwarzfräcke, die drinnen an der Theke standen. Schon das Knarren der Schwingtür ließ sie herum zucken, als hätte ich bei meinem Eintreten einen Schuss abgefeuert. „Hallo!“ grüßte ich.

Mag sein, dass mein Lächeln ein bisschen zu angestrengt freundlich ausfiel. Aber das war eigentlich kein Grund, dass sie es auf einmal so verflixt eilig hatten, ihre Drinks zu bezahlen und an mir vorbei ins Freie zu gelangen. Nicht mal ihre Gläser tranken sie ganz aus. Ich setzte mich an einen Tisch in der Ecke, die Wand im Rücken, ein Fenster rechts von mir.

„Was darf‘s sein, Mister?“

Die Schwarzfräcke hatten mich abgelenkt. Ich fand jetzt erst Zeit, den Keeper, der diesen Laden schmiss, genauer zu betrachten. Das lohnte sich auch. Denn dieser „Keeper“ war eine rassige, junge Frau. Eine Mexikanerin mit rabenschwarzem, im Nacken verknotetem Haar, Glutaugen und einem Mund, der gewiss jeden Mann zum Träumen verlockte. Die leicht hervortretenden Wangenknochen und die zarte Bräune der Haut verliehen dem Gesicht einen exotischen Reiz.

Sie war hinter der Theke hervor an meinen Tisch gekommen. Sie trug einen knöchellangen, gebauschten Rock und eine Bluse, die so knapp saß, dass meine Kehle noch trockener wurde, als sie ohnehin schon war. Ein Silberreif funkelte an ihrem rechten Handgelenk. Das war ihr einziger Schmuck. So wie sie aussah, hatte sie auch wirklich keinen nötig. Ein Schimmer von Vorsicht oder Argwohn war auch in ihren Augen. Aber sie lächelte. Da wurde mir bewusst, dass ich sie wahrscheinlich anstarrte wie ein kurzsichtiger Uhu eine mit Schleifchen geschmückte Fledermaus.

Ich lächelte zurück. „Möglich, dass man mir schon auf hundert Yard ansieht, wie ausgehungert ich bin, Ma‘am. Trotzdem brauchen die Leute hier keine Angst haben, dass ich in ihre Häuser einbreche und ihre Speisekammern ausplündere. Vorausgesetzt, ich bekomme hier etwas für die Wölfe, die in meinem Magen knurren.“

Der Rest von Misstrauen schwand aus ihrem Blick. Sie lachte. Es klang dunkel, angenehm. „Ich werd‘s weitersagen, Mister. Es kommt auch nicht alle Tage vor, dass sich ein Fremder zu Fuß in unsere Stadt verirrt. Noch dazu …“

Sie stockte. Ihre Miene veränderte sich. Sie schaute sich rasch um, als rechnete sie damit, dass plötzlich jemand hinter ihr stand. Dann warf sie mit einer anmutigen Kopfbewegung eine glänzende Strähne zurück, die ihr in die Stirn geglitten war.

„Mein Vorschlag, Mister: Ein kühles Bier für den Anfang, danach ein Steak mit einer Doppelportion Bratkartoffeln und mexikanischen Bohnen.“

„Das ist Musik in meinen Ohren. Aber hatten Sie nicht noch etwas anderes sagen wollen?“

Details

Seiten
128
Jahr
2020
ISBN (eBook)
9783738945850
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v936645
Schlagworte
hetzjagd dryhill

Autor

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Titel: Hetzjagd in Dryhill